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Tausend Menschen ver-\nkaufen sich, daß die Kasse ausverkauft, ist. Alles ist\nkäuflich» nur nicht die Kunst.\nMan sieht ihr ihre Jahre nicht an. Der Kenner\nwackelt mit dem Denkorgan. Der Mensch denkt. Das\nMensch lenkt. Die Kunst sollte sächlich sein. Dann er-\nkennt man wenigstens, ob sie gegenständlich ist oder\nnicht. Nun — das Theater ist: Das.\nDas so nebenbei.\nDas: ist eine Sache. Das: ist eine Nebensache.\nSachlich gesprochen ist die Nebensache nicht notwendig.\nAber wir schmeicheln uns, Bedürfnisanstalten zu haben.\nDenn wir sind ein Kulturvolk. Wir wissen, was sich ge-\nhört. Es iebe das Kulturtheater.\nImmer feste druff. Die Liebe höret nimmer auf.\nAch Otto Ernst, was du mir alles lernst. Ernst ist das\nTheater, heiter ist die Welt.\nDie Bretter, die die Welt bedeuten. Das heißt eine\nWelt. Das heißt deine Welt. Das Publikum lacht sich\nins Fäustchen. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind\nnoch der Nagel zu deinem Sarge. Der Tragödie zweiter\nTeil.\nZwei gehören zum Geschäft. Der Künstler will nicht\nhören, also muß er fühlen. Er fühlt das Publikum. Aber\ndas Publikum fühlt ihn nicht.\nDas Theater und das Publikum. Was sich neckt,\ndas liebt sich. Eintrittskarten in die Kunst. Oder Vor-\nspiegelung falscher Tatsachen. Der Ulk ist der Welt-\nspiegel. Tritt ruhig ein, hier ist ein Freudenhaus. Den\nSchaden hat der Dritte. Der Künstler hält sich schadlos\nan der Kunst.\nHereinspaziert! Herausspaziert! Links für Damen.\nRechts für Herren. Was dem einen recht ist, ist dem\nandern zu billig. Der Herr, der über uns wohnet, er-\nnähret sie doch.\nHerausspaziert! P. P. Publikum. Du bist ein Uebel,\ndas abgetrieben werden mul>. Mit vorzüglicher Hoch-\nachtung. Entleere dich! Du hast keine Seele. Der Rest\nist Loch.\nHerausspaziert! Männer, Weiber, Kinder, Greise,\nden hungernden Säugling am nährenden Busen. Ich\nkenne deine Milch der frommen Denkungsart. Das\nTheater entlarvt sich.\nHeraus! Alle sollen sehen: Die Larve. Das Nichts.\nZertreten wir die Larven, und wenn sie sich mehren wie\nKarnickel. Dann fliegt das Nichts in die Luft. Vexier-\nbild: Wo ist die Jungfrau? Lang lang ist's her.\nHeraus!\nDas Theater geht solange zum Publikum, bis der\nMensch sich bricht. Alle Theater wollen zum Brechen\nvoll sein. Bruch. Einem dringenden Bedürfnis ab-\nzuhelfen. Du fühlst mit diesem Drang im Leibe. Hilfe\ntut not.\nEtwas Gewaltiges ist der Mensch. Raum ist in der\nkleinsten Hütte. Pärchen ohne Paarung sind prosaisch.\nDaher der Name Prosadichter. Das Volk der Denker\nund Dichter. An ihren Werken sollst du sie erkennen.\nDas Theater ist ein Geschäft. Es wird mit Ge-\nschöpfen gehandelt. Es wird mit Schöpfern gehandelt.\nMädchenhändlern läßt man ihre Ruhe nicht. Wir sind\nGemütsmenschen. Wir wissen Unterschiede zu machen.\nWer scheidet Schöpfung vom Geschäft? Kunst ist\nSchöpfung. Ist Theater Kunst? Für alle Gemüts-\nmenschenl Gemütsmensch ist das Mensch, bei dem es\nnur die Ruhe machen kann. Und wenn die Welt brennt,\nnur immer gemütlich. Wie wohl ist dem, der dann und\nwann sich etwas Schönes dichten kann. Undl wenn man's\nnicht kann, geht man ins Theater. Dort wird einem vor-\ngedichte-t, daß es nur so kracht. Natürlich wie die\nNatur. Lebendig wie das Leben. Das Leben ist ein\nTheater, ach ja. Krachen ist schön, aber bitte nicht\nschießen. Das stört die Verdauung.\nDie Hauptsache im Theater ist, daß man die edleren\nFunktionen nicht stört. Man behandle das Publikum wie\nein rohes Ei. Bitte nicht, Kolumbus!\nErkenne dich selbst. Und erst auf dem Theater. Das\nberuhigt. Sind wir doch allzumal Sünder. König und\nBettler. Schulter an Schulter. Von sonstigen Be-\nziehungen ganz zu schweigen. Man denke an das kleine\nSchlaganfällchen. O du mein Heimat-Land!\nDie Welt ist eine Hühnerleiter. Die weltbedeutenden\nBretter sind auf dem Holzwege. Alle Wege führen nach\nRom. Nur ein Weg führt zur Kunst: das Kunstwerk.\nDie Kunst ist nicht in Rom. Wer sich der Welt ergibt,\nist bald allein. Der Eine ist das All im Kunstwerk. Alle sind\nim Theater allein. Mit allen Mitteln fängt das Theater alle.\nJeder für sich, das Theater für uns alle. Wer vieles\nbringt, wird manchem etwas bringen. Der eine will\nUnterhaltung, der andere Belehrung. Der eine will die\nSchauspielerin sehen, die andere will gesehen werden.\nMan muß was fürs Volk tun. Das muß man gesehen\nhaben. Weil wir nicht schauen können. Weil wir so\narm sind. Darüber reden können, damit man sich kunst-\nverständig übergibt. Kritik ist das Gewissen des\nPublikums. Die Stimme des Gewissens schlägt. Das\nPublikum ist böse von Beginn. Die Dame der Gesellschaft\nkritisiert, wie man sich anzieht. Der Herr der Gesell-\nschaft kritisiert, wie man sich auszieht. Das nennen sie\nKunst. Man sieht sich ein fünfaktiges Trauerspiel an, um\neinen halben Frauenakt zu sehen. Private Entblößung\nin der Oeffentlichkeit, das ist Theater. Ziehe deine Mit-\nmenschen aus. Gern sieht man, daß die anderen sich\nschämen. Lieber sieht man, daß auch die anderen\nschamlos sind. Die Natur ist heilig. Die Bearbeitung\nder Natur ist eine Vergewaltigung. Wer eine Dichtung\nlebendig machen will, vergewaltigt sie. Die aufgeführte\nDichtung ist ein Verbrechen. Aus der ewigen unfaßbaren\nGestalt wird ein Fall gemacht. Das ohnehin hinfällige\nGretchen kommt nun wirklich zu Falle. Das labt das\nverehrte Publikum. Daher die Dichterverehrung. Sie\nist die erste nicht. Nichts Menschliches ist mir fremd.\nDie Kunst ist nichts Menschliches.\nMensch mach ein Ende!\nDer Theaterbesucher ist kein Mensch. Einmal er-\nkennen wir, daß wir nicht Besucher eines öffentlichen\nHauses sind, daß man uns dazu gemacht hat. Einmal\nwissen wir, daß wir Menschen sind. Wehe dem, der\netwas aus uns machen will. Zu sein ist unser Leben.\nUnser Geist ist. Im Geist sind wir Menschen nicht\nMensch. Geister zu sein, sehnen wir uns. Wo ist der\nGeist im Theater? Er erscheint nur dem Hamlet und\nspricht als ein alter Mann voll geistiger Getränke. Der\nDichter verscheidet und gibt seinen Geist von sich. Das\nPublikum hat keinen Geist.\nIm Sturm fährt der Geist herab. Das Gelächter\ntötet den Ungeist. Das Theater will durchhalten, weil es\nunterhalten will. Wir aber weil wir kämpfen.\nDer Geist besiegt die Masse. Der Geist ergreift die\nMasse. Das Publikum wird nie den Geist begreifen. Aber\neinmal weichen die endlichen Instinkte der unendlichen\nSehnsucht. So wahr die Macht der Unendlichkeit größer\nist als die Kraft der Endlichkeit. Das geistige Erlebnis\nist das Ende des endlichen Lebens. Das geistige Reich\nist angebrochen. Die Zeit der Armut ist vorbei. Wir\nleben nicht mehr. Wir erleben. Bruder um Bruder.\nSchwester um Schwester. Mensch um Tier. Tier um\nBlume. Volk ist Menschheit. Leben erlebt die Welt.\nWir sind die Welt. Was gehen uns die Bretter an, die\ndie Welt bedeuten. Die Bretter bedeuten nichts. Die\nWelt bedeutet nichts. Nichts deutet die Welt. Wir\nkünden die Welt. Die Welt kündet uns. Der Lebende\nschaut dem Werden zu. Der Erlebende schaut das Sein.\nDer Geist ist keine Oeffentlichkeit. Der Geist ist eine\nInnerlichkeit. Der Geist ist kein persönliches Ziel. Der\nGeist ist die Gegenwart des All. Allgegenwärtig ist er\nim geistmächtigen Menschen. Es gibt kein Publikum.\nWir sind keine Zuschauer. Wir sind Schauende. Das\nTheater ist eine öffentliche Versammlung. Die Schauen-\nden haben die innere Sammlung. Das Theater ist leer.\nWir sehen die Leere des Theaters. Das Theater hat\nkein Gesicht. Keine Gesichte sind im Theater gestaltet.\nDarauf kommt es an. Wir wollen die Unendlichkeit sehen.\nDas ist nicht belustigend. Das ist nicht belehrend. Das\nist die Macht der Kunst.\nDie neue Zeit ist da. Die Persönlichkeit ist eine\nlächerliche Wichtigkeit. Der Gernegroß Publikum beißt\num sich. Den Geist kann man nicht beißen. Die Mensch-\nheit hat ihr inneres Reich aufgerichtet. Kunst ist seine\nKunde. Das Publikum fällt. Ihm gibt es keine Auf-\nerstehung. Der Vorhang ist gefallen. Das Haus ist leer.\nWir sind voll Kunst. Wir künden. Wir -stürmen.\nLacht mit uns. Lacht die Leiche tot, die zappeln will.\nSo leb denn wohl, du altes Haus. Kündet mit uns.\nStürmt mit uns. Mit-Menschen sind wir. Alle Himmel\nrauschen über der alten Erde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-01_01#c003", "volume": "bmtnaal_1918-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.2.3", "titre_corps": "Die Gegenwart der deutschen Bühne", "titre_sommaire": "Die Gegenwart der deutschen Bühne", "signature_source": "H. 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Es ist daher leicht\nfür einen Theaterkritiker, einem Journalistenstück gerecht\nzu werden. Namentlich, da alle Kritiker nur festzu-\nstellen haben, ob die geliebte Kunst richtig und wahr ist.\nDas Publikum wird leicht glauben, daß ein Journalist\nüber Journalisten Bescheid weiß. Ein Journalist weiß\naber überhaupt Bescheid. Er kennt das Leben schlecht-\nhin. Wird es ihm doch in jeder Minute telegraphisch\nund telephonisch übermittelt. Und wo es das Leben nicht\nso eilig hat, trifft es immerhin mit Rohrpost ein. Dieses\nLeben, auf Draht gezogen, wird beschrieben. Alles ist\nin Ordnung. Spielt es sich auf der Bühne ab, ist es\nKunst. Diese intime Gemeinschaft mit dem Leben macht\nüberlegen. Das Leben erscheint zweimal, morgens und\nabends und wiederholt sich, morgens und abends. An\nmanchen Tagen ist es sogar illustriert, das Leben. Dieses\nLeben hat nun der Doktor Arthur Schnitzler eingefan-\ngen, mit Handschuhen: „Wir sahen nur Spuren seiner\nsamtenen Grazie und seine Florettkunst mühte sich, so\ndankbar der Stoff war, nicht durchweg mit Glück\".\nHerr Fritz Engel fühlt sich also nicht geschlagen, er\nbleibt wohlwollend: „Es bleiben Einzelheiten und Einzel-\nWirkungen übrig, darunter Ausgezeichnete. Sie heften\nsich mit satirischen Pfeilen an das Zeitungsmetier!\"\nDie satirischen Pfeile sind poetische Umschreibungen\nfür Büroklammern, mit denen die Einzelgestalten an das\nZeitung&metier geheftet sind. „Der Wetteifer und\nUebereifer der Journalistik wird gezeigt, die innere\nKälte der Temperamente, die Geneigtheit, Opfer des\nIntellekts zu bringen, um nicht aus einem behaglichen\nNest zu fallen.\" Die Opfer des Intellekts dieser Vögel\nsind die bekannten Kuckukseier: „Dies alles wird be-\nspöttelt und! bestichelt. Wir blicken in den Spiegel und\nsagen, wie sehr er auch mancherlei verzerrt: vieles ist\nwahr\". Damit nicht alles wahr ist, sieht der Herr\nKritiker lieber in einen Zerrspiegel.\nSo wahr dichtet der Doktor Schnitzler. Diese\nFurchtlosigkeit vor der Entente der Presse bringt ihm\nein besonderes Lob des preußischen Berliner Tageblatts\nein: „Achtung vor dem Dichter und vor dem Theater,\nwenn sie eine Schicht darstellen, von der die Leute der\nBühne immer fürchten, sie könne ihnen schaden und\nlaure nur darauf, es zu tun\". Für diesen Mut wird dem\nDichter von der Schicht das papierene Kreuz verliehn.\nAber der Herr Doktor Schnitzler meint es gar nicht so\nschlimm. Sein Mut ist flüssig: „Der Salt seiner Ironie,\nsoweit sie sich auf das Ganze des Stoffes bezieht,\nträufelt schwer und langsam. Er erreicht nicht einmal\neine geschlossene und gesteigerte Bühnenwirkung.\"\nDas ist auch zu viel vom Saft verlangt, daß er ge-\nschlossen wirken soll, wo er sich doch schon auf den\nganzen Stoff bezieht. Der Doktor Schnitzler hätte nach\ndem Geschmack des Herrn Engel dem Saft mehr Zucker\nzusetzen sollen: „Gustav Freytag, mit seiner alten lieben\nDramentechnik, hat schon gewußt, warum er von seiner\nAdelheid und seiner Ida den Zucker der Liebe auf das\ntrockene politische Brot der Männer streuen läßt\". Ja,\nder Herr Engel hat seine Butter auf dem Kopf. Er\nsollte uns zu Weihnachten das Journalistenstück be-\nscheren. Dann braucht der Herr Doktor Schnitzler\nwenigstens nicht mehr durch fremde Federn geschmückt\nzu werden.\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-01_01#c004", "volume": "bmtnaal_1918-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.2.4", "titre_corps": "Die Zukunft der deutschen Bühne", "titre_sommaire": "Die Zukunft der deutschen Bühne", "signature_source": "H. 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Herr Direktor Barnowsky bekommt es\nsogar mit der Angst zu tun und flüchtet sich erschreckt\nzu Goethen: „Der deutsche Geist kann nicht anders, als\ndem Goetheschen Ideal der Weltliteratur treu bleiben\".\nWorunter Herr Direktor Barnowsky Bernhard Shaw ver-\nsteht. Im Uebrigen ist er für deutsche Autoren, wepn\nHerr Fritz Engel ihm seine Hilfe nicht versagen will:\n„Die Pflege junger deutscher Autoren kenne ich als\nnationale Pflicht an, erfüllbar allerdings nur unter der\nVoraussetzung einer tätigeren Teilnahme des Publikums\nund einer wärmeren Förderung von Seiten der Kritik, die\nnach geschehener Tat nicht immer darauf Rücksicht\nnimmt, daß diese Autoren jung und deutsch sind\". Hier\nkann nur der Verein für Säuglingspflege und der Verein\nfür Kinderschutz restlos Besserung schaffen. Aus der\nKritik werden die Engelmacher abgeschafft und dafür\nausschließlich Herrn Fritz Engel die Sorge um den Nach-\nwuchs übertragen. So kann man dem Barnowskyschen\nIdeal treu bleiben. Spricht sich doch sogar ein Mann\nder Wissenschaft wie Herr Prof© Max Dessoir für\nkünstliche Ernährung aus: „Um deutschen Bühnenschrift-\nstellern den Zugang zur Bühne zu erleichtern, könnte eine\nVorprüfung der massenhaft aufschießenden Versuche\nnützlich sein, weil dann den überlasteten Beratern der\nBühnen-Vorstände (den. sogenannten Dramaturgen) be-\nreits eine Auswahl zuginge.\" Der Zugang wird also da-\ndurch erleichtert, daiß eine Auswahl zugeht. Diese Tä-\ntigkeit wurde bisher von dem Theaterpförtner ausgeübt.\nDer Ausschuß für den Aufschuß wird den Beratern nicht\ngewachsen sein. Berater sind immer überlastet. Sie\nschießen selbst auf. Das ist der Aufschluß für den Auf-\nschuß des Ausschusses. Allerdings, wenn die Professo-\nren mit den Theater-Direktoren Arm in Arm gehen, dann\nschließt ein Jahrhundert endgültig der Kunst die\nSchranken. Aber nur nicht die Angst verlieren. Kunst\nlebt in die Jahrtausende."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-01_01#c005", "volume": "bmtnaal_1918-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.2.5", "titre_corps": "Der Sohn der Jungfrau von Orleans", "titre_sommaire": "Der Sohn der Jungfrau von Orleans", "signature_source": "H. 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Das Deutsche Theater und die\ndeutsche Presse .glauben aneinander und sie sind ein-\nander wert. In Dresden wurde dem Expressionismus der\nSohn geboren, der auf den Namen Hasenclever hört.\nDie allerersten Dresdener Korrespondenten der Berliner\nTagespresse standen Pate. Kurt-Wolff-Verlag gab den\nNamen: Das erste expressionistische Drama. Max\nReinhardt, der große Förderer der Klassiker, brauchte\nnicht mehr zu suchen, der Sohn wurde an Expressionis-\nmus Statt angenommen und der Verein gegründet. Nicht\nohne daß der Bühnenvertrieb Paul Cassirer das Recht\nder Aufführung erwarb. Der Expressionismus ist gar\nnicht so schlimm und so schwer, wie man bisher in\nKunstkreisen glaubte. Es ist sicher nicht uninteressant,\nzu wissen, daß schon der bekannte große Dichter\nSchiller, gleichfalls ein Schützling von Max Reinhardt,\nExpressionist gewesen ist. Kein Geringerer als Hasen-\nclever hat den Beweis geführt. Ich habe die Mutter\nentdeckt. Sie ist zwar nur eine Jungfrau, aber dafür\nvon Orleans. Ich bin in der glücklichen Lage, aus beiden\nDramen Auszüge veröffentlichen zu können.\nSchiller Hasenclever\nDie Jungfrau Der Sohn\nDie Waffen ruhn, des Dort unten tief und herrlich\nKrieges Stürme schweigen ohne Gleichen\nAuf blut'ge Schlachten folgt Sind Wundernächte, die\nGesang und Tanz mich nie erreichen\nDurch alle Straßen tönt der Im dumpfen Raum, der\nmunt're Reigen meine Kindheit sah\nAltar und Kirche prangt In Ihr Bücherschränke und ihr\nFestesglanz Schülerhefte\nUnd Pforten bauen sich aus Erhebt Euch süße zaube-\ngrünen Zweigen rische Kräfte\nUnd um die Säule windet Und nun mein erster Weg\nsich der Kranz. nach Golgatha\nDas weite Reims faßt nicht Die Sonne sinkt. Riviera\ndie Zahl der Gäste meiner Träume\nDie wallend strömen zu Im Tenniskleide wo ich\ndem Völkerfeste. dunkel stand.\nSchiller Hasenclever\nDie Jungfrau Der Sohn\nDoch mich, die all dies Vergebens klopf ich an dem\nHerrliche vollendet bronzenen Tore,\nMich rührt es nicht, das Das mein Gefängnis von\nallgemeine Glück den Gärten trennt\nMir ist das Herz verwandelt Musikkapellen und den\nund gewendet Tanz im Ohre\nEs flieht von dieser Fest- Ein armer Körper der am\nlichkeit zurück. Staub noch brennt\nHasenclever Schiller\nDie Jungfrau Der Sohn\nSeht ihr den Regenbogen in Ich seh den Himmel über\nder Luft ihnen scheinen\nDer Himmel öffnet seine Den ich in meiner ersten\ngoldenen Tore Nacht gesehn\nIm Chor der Engel steht Und könnt ich heut an\nsie glänzend da ihrem Busen weinen\nSie hält den ewigen Sohn Sie würden meine Tränen\nan ihrer Brust nicht verstehn\nDie Arme streckt sie Und könnt ich heute noch\nlächelnd mir entgegen die Worte sagen\nWie wird mir, leichte Wol- Geburt und Dasein einst in\nken heben mich ihrem Schoß\nDer schwere Panzer wird Mich würde ihre Liebe\nzum Flügelkleide nicht mehr tragen\nHinauf, hinauf, die Erde Ich bin zu arm, die Erde\nflieht zurück ließ mich los.\nKurz ist der Schmerz und\newig ist die Freude.\nGermanistisch wäre noch für Max Reinhardt zu be-\nmerken, daß der Dichter Schiller mit dem ewigen Sohn\nnicht Hasenclever gemeint hat.\nDer Vater des Sohnes heißt Frank Wedekind, Die\nersten Worte des Sohnes zeigen die Familienähnlichkeit:\n„Ich bin zwanzig Jahre alt und könnte am Theater sein\noder in Johannisburg Viadukte bauen.\"\nWie mir Ausfrager mitteilen, ist als zweites expres-\nsionistisches Drama von Max Reinhardt die natürliche\nTochter von Goethe erworben worden. Auch dieser\nDichter hat sich bei mehreren Aufführungen des\nDeutschen Theaters erfolgreich betätigt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-01_01#c006", "volume": "bmtnaal_1918-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.2.6", "titre_corps": "Das Tagebuch der „S . . . .”", "titre_sommaire": "Das Tagebuch der „S . . . .”", "signature_source": "Fortsetzung folgt", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.1.2", "debut_caractere": 10487, "fin_caractere_exclue": 12010, "texte": "Das Tagebuch der „S . . . .”\n\nWir veröffentlichen Fragmente aus dem Tagebuch einer\nbekannten Schauspielerin, die sich vor einigen Jahren\nwegen unbefriedigten künstlerischen Ehrgeizes das Leben\nnahm. Mit Erlaubnis der Erben.\n21. Oktober 191 .\nGestern hatten wir nun endlich die „Judith\".^\nNoch in der Generalprobe, der der St\nIntendant v. P beiwohnte, hatte ich große\nSkrupel und schüttete Karlchen*) mein Herz aus. Ich\nkann für Hebbels Frauengestalten nun einmal kein letztes\nVerstehen finden. Und Karlchen gab mir ganz Recht;\n„Hebbel verstände nichts von Weibern. Seine Heldinnen\nseien Mannsleute in Unterröcken. Aber sie seien wirk-\nsam und stark. Ich solle mich gründlich loslassen —\ndann würde es schon gehen —\"\nUnd es ging. Ich habe mich einmal ordentlich hin-\neingelegt. Ich war wie im Rausch und das Publikum\nraste.\nB **) war fast neidisch, der große B !\nNach der Schlußszene drückte er mir recht zärtlich\ndie Hand.\nIch war ganz Herablassung: o, ich war auch Wer!\nDa riß er mich plötzlich an sich und küßte mich —\ndie Auszeichnung!\nIch lächelte sehr ironisch, aber mir wurde doch\nheiß ....\nNie bin ich zu geschlechtlichen Exzessen geneigter,\nals nach dem Spielen einer großen Rolle —\nNie schreien meine Nerven lauter nach einer letzten\nAuslösung\nIst Kunst — Nervenauslösung?\nDa starrt es wieder auf mich, das entsetzliche\nSphinxauge: bin ich eine Künstlerin? treibe ich — schaffe\nich Kunst?\n*) Ein befreundeter namhafter Kollege, den alle beim\nVornamen nannten.\n**) Ihr berühmter Partner, der den Holofernes\nspielte."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7816, "texte": "Gerade meine größten Triumphe machen mich miß-\ntrauisch gegen mich selbst\nKunst erlöst —! Wie oft habe ich es erlebt —\nempfunden!\nKunstwerke lösen aus —: Unsagbares, Tiefstes,\nHeiliges —\nAber was haben meine Auslösungen mit Kunst zu\n•Thun??\nWas bin ich — die ich zur Hetäre werde, während\nich glaube, daß meiner Seele die Schwingen wachsen im\nSchaffensrausche — deren Sinne brünstig erglühen, wenn\nsie sich müde gerungen haben, eines Dichters Geschöpf\nmit Blut und Leben zu erfüllen??\nBin ich eine Künstlerin—?\n22. Oktober 191 .\nEs war ein schrecklicher Abend -—\nWir wollten .unsern Erfolg feiern und gingen alle\n■zu Ii .... .\nEs begann so verheißungsvoll ~mit Weinlaub im\nHaar\" und endete — in grauem Elend\nB. hatte mich eingeladen und wir aßen mit Karlchen\nUnd F und der Z und einigen Anderen\n— alle vom Bau.\nWir waren sehr lustig und sprachen über meine und\nB.s großartige Leistung. Er spielte Weltschmerz und\nseufzte (bei den Kritiken!) über die Tragik verkannten\nKünstlertums. Das war Etwas für Karlchen — der bald\"\neinen Mordsrausch hatte und von der Leber weg redete:\nKunst! Mensch! Schauspielkunst! Er schnaufte\n\"verächtlich.\nUnsere Mimerei ist Sch ....!! Er brauchte ein\nentsetzlich ordinäres Wort •—\nIch saß wie gefesselt und lauerte, ja lauerte auf\nweitere Ausbrüche, die mir furchtbare, aber letzte Wahr-\nheiten zu sein schienen •—\nSchauspielkunst ist keine Kunst — schrie er. Was\ntun wir besten Falles? Wir reproduzieren den Dichter,\nwenn wir ihn nicht verhunzen —\nEr starrte B. groß dabei an. Der lächelte sehr von\noben herab, aber es war ihm peinlich!\nDoch Karlchen ließ nicht locker: Alter Junge, wir\nbrauchen uns doch nichts weißmachen — Du und ich!\nWir wissen doch beide, daß wir nur eine Art von\nästhetischen Humbug treiben! Er blinzelte B. spitz-\nbübisch an.\nUnd dann plötzlich mit Donnerstimme:\n„Huren sind wir — männliche Huren — lassen uns\nbezahlen für unsre Extasen — für unsre preisgegebene\nseelische Nacktheit, mit der wir dem verehrten Publico\nin aller Öffentlichkeit die Nerven kitzeln und aufpeit-\nschen!! Und das nennt sich Kunst!!!\nEr lachte, daß ihm die Tränen nur so aus den\nAugen stürzten —\nB. stand auf, zahlte und ging. Er hatte genug. Ich\nsollte mitkommen, aber ich hatte keine Lust.\nSo tötunglücklich ich mich selber dabei fühlte — ich\ngönnte B. die Lektion. Er tut lächerlich sicher.\nUnd entgegnen konnte er nicht ein Wort.\nNicht ein Wort gegen diese zerschmetternden Be-\nhauptungen!\nWie ich — wie ich! Zu meiner Schande muß ichs\ngestehn — wie ich!!\nBin ich denn eine Künstlerin?? Was weiß ich von\nKunst???\n25. Oktober 191 .\nIch hatte Karlchen gebeten, bei mir Kaffee zu trinken.\nEr kam — lieb und gut wie immer — ein rechter\nFreund, der einen bis ins Letzte versteht. Wir sprachen\nnochmals über seine neulichen Ausbrüche, die er absolut\nnicht bereut.\nEr ist ja sicher keine Kanone, aber ein gerader,\nganzer Mensch und von Kunst versteht er mehr als B.\nund ich. Ich gebe das ganz offen zu. Ich lerne von ihm.\nVieles, was er sagt, ist mir völlig neu. Aber es ist ein-\nfach und leuchtet ein. Leider ists auch trostlos.\nEs sei keine Kunst, meinte er, sich in einen Charakter\nhineinzudenken und sich angemessen einer angenomme-\nnen Lebenslage zu benehmen. Das machten alle Kinder\nviel besser als wir. Sie lebten restlos hingegeben in\nihrem Spiel. Das hätte eben mit Kunst nichts zu tun,\nauch nicht, wenn wir Erwachsenen die Wirklichkeit ein-\ngebildeter Umstände annähmen und uns entsprechend\ngehen ließen oder austobten. (Das galt meiner Judith!\nAber ich bin ihm nicht bös —)\nEs sei auch keine Kunst, Auswendiggelerntes sinn-\ngemäß betont wieder aufzusagen. Jeder Rechtsanwalt,\nPastor oder Wanderredner wäre dann Künstler.\nUnd Menschendarstellung wäre nicht Zweck und\nZiel, sondern die Voraussetzung für jede Art von Schau-\nspielkunst.\nDie Menschendarstellung nicht Zweck und Ziel?\nJa, aber was ist dann Zweck und Ziel der Schau-\nspielkunst?\nKarlchen sagte, wenn er das wüßte, wäre er selbst\nein großer Künstler geworden —\nEr lachte dabei.\nIch schrie ihn fast an: Aber wie hältst Du denn\ndas aus?!\nEr machte die Gebärde des Trinkens — und lachte\nwieder —\nIch hätte am liebsten geweint —\nBeim Abschied drückten wir uns derb beide Hände.\nEr war sehr ernsthaft.\nGlaube mir, Kind, wir Schauspieler treiben mit dem\nWorte „Kunst\" nur groben Unfug\nUnd dann ging er — und nahm meinen Glauben mit —\nMeinen Glauben an mich\nNein — ich bin keine Künstlerin —\nNovember 191 .\nIch habe mich mit Karlchen sehr angefreundet.\nB. scheint das mächtig zu ärgern. Seit ich ihn da-\nmals habe aufsitzen lassen, spielt er den kühlen August.\nMag er.\nKarl ist viel gediegener als er.\nSo ein großer Schauspieler B. sich auch zu sein\ndünkt und so ein vornehmer und gutmütiger Kerl er in\nWirklichkeit ist — ebenso viel unechte Mache ist an\nihm —\nWie an uns allen —\nUnsre Gefühlsaufwendungen sind ohne Maß und Ver-\nhältnis: himmelhochjauchzend für eine Nichtigkeit — zum\nTode betrübt für jede Wertlosigkeit —\nWie könnte die ewig gleiche Aeußerung als über-\ntrieben oder ungerechtfertigt erkannter Wallungen echt\nbleiben? Wir machen uns auf, wir spielen uns auf —\nam liebsten im Gefühlsmäßigen — nicht nur auf der\nBühne —\nDenn unsre Gefühle sitzen sehr locker. Immer sind\nsie bereit aufzuspringen und sich reizen zu lassen.\nDie allabendlichen Spielerregungen und Gefühls-\nergüsse verderben uns den Charakter, nehmen uns\njeden Charakter —\nFalls wir nämlich einen hatten.\n7. November 191 .\nKarlchen ist sehr unglücklich. Viel unglücklicher\nals ich.\nIch habe doch meine Triumphe — er hat aber auch\ndie nicht —\nTrotz tieferer Einsicht und ernsteren Wollens — es\nfehlt ihm eben das eigentlich Schauspielerische, die Beg—\nIch wollte Begabung schreiben —\nDa fiel es aber wie eine plötzliche Erleuchtung in\nmi;h hinein — Begabung? Nein — darum handelt sichs\nnicht —\nWill ich das rechte Wort.schreiben, kann es nur das\neine sein:\nSchamlosigkeit!\nDie Schamlosigkeit fehlt ihm.\nEr will sich nicht entblößen, er kann sich nicht ent-\nblößen, darum bleibt er ohne Wirkung.\nSchamlos muß man sein und — jung.\nDann ist man ein Bühnentalent und ist man auch\nnoch hübsch, berechtigt man allseitig zu den besten\nHoffnungen.\nEs ist Schmach und Schande um uns Schauspiele-\nrinnen —\nEntblößung wirkt — das wissen wir Frauen —\nAber Männer?\nAch, wie verstehe ich Karl — wie begreife ich seine\n„Talentlosigkeit'..\n8. November 191\nJa, ich habe Karriere gemacht — ich bin Etwas ge-\nworden — ich bin zu Etwas gekommen —\nAber kann ich mir als Mensch und Frau noch ohne\nScham ins Auge blicken?\nIch kann es nicht —\nUnd die Opfer an Würde und Selbstachtung, die ich\ngebracht habe — ich schaudere, wenn ich in mich hinein-\nschaue — sind sie Opfer, unvermeidliche Opfer auf dem\nAltare einer Kunst — der Schauspielkunst, wie ich\nglaubte?\nKünstlerischer Ehrgeiz? Ach, nein — Ein unersätt-\nlicher Lebenshunger trieb mich zur Bühne — Leben wollte\"\nich, leben —\nNicht e i n Leben — nicht ein Alltagsleben —\nNein — hundert Leben — seltene Leben — Aus-\nnahmeleben —!!\nDie wollte ich leben —\nWo war das möglich, wenn nicht auf der Bühne?\nUnd wo konnte eine größenwahnsinnig gewordene\nEitelkeit ihre Chancen erproben, wenn nicht auf der\nBühne?\nNicht einem Manne wollte ich den Kopf verdrehen,\nnicht einem gefallen — tausende wollte ich verrückt\nmachen nach mir und allen gefallen!\nAlle sollten vor mir knieen und mich anbeten —\nUnd wen ich wollte, den mußte ich haben können\n— blasse Jungen, rote Offiziere, Fürsten, Millionäre —!!!\nTraum meiner Träume — Rausch meiner Räusche —\nDu warst kein Künstlerehrgeiz — keine Sucht nach\nRuhm\nMeine Geschlechtlichkeit tanzt in ihrer Blöße vor\nden Augen der Welt —\nMein letztes Weibliches kostet sich aus und genießt\nsich in meinen „künstlerischen\" Triumphen —!!\nEs ist die Kunst des Weibes: femina trionphante, die\naus mir jauchzt —\nIsts auch Weibeskunst?? Gibt es so Etwas??\nWas weiß ich von Kunst\n\nFortsetzung folgt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-01-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-01_01#c007", "volume": "bmtnaal_1918-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.2.7", "titre_corps": "Weihnachtsmärchen", "titre_sommaire": "Weihnachtsmärchen", "signature_source": "Lothar Schreyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.1.3", "debut_caractere": 7818, "fin_caractere_exclue": 10749, "texte": "Weihnachtsmärchen\nLothar Schreyer\nWeihnachten ist ein Märchen. Kinder erleben\nMärchen. Künstler erleben Märchen. Das Märchen\nist dem Erwachsenen unwahr, unschön, unmoralisch.\nSo sind Kinder. So sind Künstler. Die Unwahrheit ist\ndie Schönheit der Kinder und Künstler. Die Unmoral ist\ndie Wahrheit der Kinder und Künstler. Wenn ihr nicht\nwerdet wie die Kinder!\nIhr seid kindisch geworden. Wenn ihr verlogen seid,\nglaubt ihr, die Ehrlichkeit der Lüge zu habeni Wenn\nihr euch bunt anzieht, trippelt und die Stimme verstellt,\nsagt ihr, daß ihr träumt. Ihr träumt von kurzen Röcken.\nEure Engel haben fleischerne Waden. Und der Onkel von\neurem lieben Gott schmunzelt in seinem angeklebten Bart.\nLasset die Kindlein zu mir kommea\nKunst fürs Kind. Für Kinder ist das beste gut genug.\nAlso schminkt die armen schmutzigen Vorstadtkinder fürs\nQeld. Laßt sie tanzen! Sie sind immer noch gut genug.\nEs ist eine Lust zu leben. Für 50 Pfennig pro Vor-\nstellung.\nDas Publikum klascht Beifall. Kinder fallen dabei.\nKleine Mädchen erwachen. Das gefällt. Reif sein ist\nalles. Alles Irdische ist vergänglich, nur der Kuh-\nschwanz, der bleibt länglich.\nStille Nacht, heilige Nacht.\nIn der Nacht, in der Nacht, wenn die Liebe erwacht.\nKeiner träumt. Höchstens dem Oechslein passiert\netwas Menschliches. Der Stern ist ein Loch im Horizont.\nDer Kapellmeister schwitzt den dritten Kragen durch.\nKinder! Kinder!\nDas nennt ihr Kunsterziehung. Das ist Kunst-\nabtreibung. Jedes Kind ist Künstler. Eure Bildung\nnimmt ihm das Bild. Das Gesicht des Kindes sieht die\ngeistige Wirklichkeit, die feind ist allem Verstände. Das\nKind steht in der Welt. Ihr verstellt das Kind zwischen\neuch, daß es die Welt verstehe. Ihr Verständigen, Ver-\nstellten fürchtet das Gesicht. Bar aller Offenbarungen\nverspielt ihr das Kind. Ihr spielt mit der Welt. Das\nKind ist das Spiel der Welt. Die Welt läßt nicht mit\nsich spielen. Ihr verspielt euer Leben dabei. Der ent-\nkindete Mensch hat kein Gesicht. Er sieht nicht die\nKunst. Gebt euch dem Spiel der Welt. Der Erwachsene\nhat keine Kunst. Lernt nicht! Verlernt! Geht zu den\nWilden. Sie sind bessere Menschen. Geht zu den\nKindern.\nWenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist, dann\nkommt zu uns der heilige Christ. Das Märchen kommt.\nDas Kind ist da. Nehmt das Geschenk. Schenkt nicht,\nwo ihr nicht schenken könnt. Ihr schenkt Flitter für\nSterne. Kinderaugen schenken Sterne. Der Künstler holt\ndie Sonne aus seinem Herzen. Ihr stellt einen Schein-\nwerfer hinter die Kulisse. Der Weihnachtsengel gießt\nein Pilsner hinters Trikot. Dann tritt er auf. Er tritt\naut die Herzen. Er tritt auf die Sterne. Er tritt auf die\nAugen. Die Geblendeten lachen. Das Gelächter der\nsterbenden Kinder labt die versammelten Mütter. Wer\nsammelt für arme Waisen. Künstler, du Kind, erbarme\ndich der Armen.\nWenn Weihnachten ist, wird Kindern das Märchen\ngenommen. Wenn Weihnachten ist, werden Kinder ge-\ntötet. 0 du fröhliche unheilbringende Weihnachtszeit,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 278, "texte": "Das ist die Botschaft: Das Kind sieht im Theater,\ndafc ihr Erwachsenen kindisch seid. Das Kind verlacht\ndie Uükunst. Aber die Vergifteten sterben.\nDie Kunst ist das Kind der Menschheit. Es führt\neuch durch die Nacht. Das Märchen weiht die Nacht.\nFolgt dem Stern. 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Eigentum des Ver-\nlegers für alle Länder. — Eingetragen in das Vereins-\narchiv\nW. Karezag\nMusikverlag, Bühnenverlag und Vertrieb\nLeipzig, Nürnberger Straße 36/38\nWien, VI., Linke Wienzeile 6.\nKarezag Publishing Co. New-York U. S. A.\nIn 'allen Ländern geschützt.\nCopyrigth 1916 by W. Karezag, Leipzig, Wien, New-\nYork. Sämtliche Rechte für alle Arten von mechanischen\nSprechapparaten besitzt die Anstalt für mechanisch-\nmusikalische Rechte (Ammre) in Berlin."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-01_01#c009", "volume": "bmtnaal_1918-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.2.9", "titre_corps": "Die Helden von der Presse beim Held vom Wald", "titre_sommaire": "Die Helden von der Presse beim Held vom Wald", "signature_source": "H. 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Dem Dichter aber muß gesagt\nwerden, daß er ein nicht fertiggeborenes Werk ans\nLicht gelassen hat.\" Das muß Herr Fritz Engel sagen,\nder überall Pate steht. Hierauf gebiert er seine Kritik\nfertig: „Was wir an ihm schätzen, daß er Menschen\nsuchen geht und nach menschlichen Leidenschaften\ntaucht, um sie zur Höhe zu holen und in Streit geraten\nzu lassen, geht diesmal fast ganz in einer weitbauschigen\nKulturhistorie unter.\" Hätte Hermann Essig auf der\nMenschensuche sich in das Parkett des Theaters be-\ngeben, so würde er die Berliner Presse in Streit geraten\nfinden, die ich deshalb wieder einmal von ihrer Höhe\netwas tauchen muß: „Einmal, so vor neunzig Jahren,\nhaben Wäldler in Baden mit der Regierung um-kirchliche\nFormeln und um den Fortbestand alten Faustrechts ge-\nrungen. Sie sehen am Schluß selbst ein, daß neue Zeit\nneue Sitten verlangt, imponieren uns also nicht einmal\ndamit, daß sie ein Ideal mit verstockter Kühnheit bis\nzuletzt vertreten.\" Man versteht nunmehr, wie sehr die\nDeutsche Tageszeitung dem Berliner Tageblatt imponie-\nren muß. Man versteht ferner, daß Herr Fritz Engel\ndurch und durch Demokrat ist, der für seine neue Zeit\nals Zeitgeist, Weltspiegel und Ulk neue Sitten verlangt.\nMan ist ferner menschlich gerührt, daß am Schluß die\nWäldler sich zur Einsicht des Herrn Fritz Engel be-\nquemen. Und dieser Theaterkritiker, der jedes Jahr einen\nKleistpreis vergeben läßt, bildet sich ein, über einen\nDichter nunmehr etwas gesagt zu habenA Er bildet sich\nweiter ein, nicht sehr ungebildet zu sein'; „Wir waren,\nindem wir von dieser Rebellerei im Badischen bisher\nnichts wußten, nicht sehr ungebildet und wünschen nicht,\nuns vom Theater geschichtlich bilden zu lassen.\" Ich\nhatte mir immer eingebildet, daß Herr Engel diese Lücke\nseiner Bildung schon im Jahr 1913 ausgefüllt hätte.\nDieser Held von MosseN kämpft angeblich für einen\nDichter, aber liest ihn nicht. Und wenn er ihn dann sogar\naufgeführt sieht, tut ihm die ganze Geschichte leid, die\ner sich eingebildet hat. Worauf Herr Engel noch be-\nmerkt: „Ein halber Mensch ist auf der Bühne so gut\nwie gar keiner.\" Die ganzen Menschen werden von der\nPresse fertig geboren. Und Herr Fritz Engel ist ein\nganzer Mensch. Er will Natur. Natur ist ihm der neue\nMensch der neuen Zeit. Ja, wenn der Doktor Schnitzler\nin das Journalistenleben greift, das ist modern. Bauern-\nstücke sind unmodern. Das hat der Herr Fritz Engel\nsehr oft in den Zeitschriften gelesen. Bauern haben keine\nfortschrittlichen Ideen. Selbst der Deutschen Tages-\nzeitung sind die Bauern von Hermann Essig zu konser-\nvativ.\nDiese reizvolle Art der Kunstbetrachtung, nämlich\nvom Gegenständlichen aus, wird logisch stets auch auf\ndie Schauspielkunst angewandt. Da gibt es zum Beispiel\neine Dame namens Agnes Straub, die ihren Reiz ver-\ngebens an Herrn Engel verschwendet: „Leidenschaft\nsteckt in ihr und sucht und findet starken Ausbruch.\"\nDas Finden des Ausbruchs bezieht sich schon auf die\nWeinkarte beim Abendessen. „Aber für Rollen, über\ndenen das Wort Liebe steht, fehlt ihr die Glaubhaftigkeit.\nIhre Zeit wird vielleicht erst kommen, wenn sie Gestalten\nwiedergibt, von denen Sinnenreiz nicht mehr auszugehen\nhat.\" Herr Fritz Engel beurteilt demnach auch den\nSinnenreiz für die Allgemeinheit. Schließlich ist Herr\nFritz Engel darin für sich selbst so maßgebend, wie in\nder Bewertung von Kunst. Hingegen hat er nicht ge-\nmerkt, daß in dieser Agnes Straub keine Leidenschaft\nsteckt. Daß der Trieb für sie eine Angelegenheit des Salons\nist. Hingegen verwechselt Herr Paul Biensfeldt einen\nDämon mit einem Kasperle. Was nicht zu verwundern\nist, da Herr Biensfeldt früher bei Max Reinhardt spielte.\nDie einzige schauspielerische Leistung des Abends bot\nMax Pohl, eine künstlerische Gestaltung in Tonfall\nund Rhythmus. Dem Spielleiter Doktor Bruck gebührt\ndie Anerkennung, die künstlerisch richtigen Zeitmaße des\nSpiels gefunden zu haben.\nEs ist wohl nicht nötig, an dieser Stelle zu sagen,\ndaß die gesamte Kritik das Schauspiel nicht erfaßt hat.\nWenn man auf der Suche nach ganzen und halben\nMenschen ist, wird man nie Kunstgestalten finden. Die\nHerren vergessen immer, daß Kunst Spiel und Gleichnis\nist. Daß die Handlung eines Dramas kein Kurzwaren-\ngeschäft ist, wo festgestellt wird, ob die Tageskasse und\nob die Bücher richtig sind. Handlung ist Wirkung und\nnie Ursache. Vor jeder Tat steht der Trieb. Der Trieb\nist nicht logisch im Sinn einer neuen und alten Zeit. Der\nTrieb ist Zwang und Kraft. Die Berliner Kritik gibt sich\nfreiwillig ernst und ist unfreiwillig komisch. Das ist\nihre Kraft. Der Künstler hat keinen freien Willen, er\nwird getrieben.\nWo nehmen nur Menschen den Mut her, wissen zu\nwollen, wohin andere Menschen getrieben werden. Aber\ndiese Art Menschen lebt nach Rollen. Für sie steht das\nWort Liebe darüber. Sofort wissen sie alle, was Liebe\nist. Was Kunst ist, wird diese Art Menschen nie wissen.\nWeil das Wort Kunst nie darüber steht. Weil nämlich\ndas Wort die Kunst ist.\nZur sachlichen Belehrung der Berliner Presse: Der\nHeld vom Wald geht zu Grunde, nicht aus Einsicht in\ndie Demokratie, sondern weil er nicht seinem Trieb folgt,\nsein Leben zu sterben. Er lebt weiter, Anderen zu Liebe\nund zu Willen. Das kann man leisten, wenn man sich\nKunstkritik leistet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-01_01#c010", "volume": "bmtnaal_1918-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.2.10", "titre_corps": "Die Kunst dem Volke", "titre_sommaire": "Die Kunst dem Volke", "signature_source": "H. 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Ver-\ndanken wir doch ersterem . . während der letztere .. .\"\nWorauf das Letzteste zuletzt kommt: „Sein stets wach-\nsender Ruhm brachte ihm auch erhebliche Erträge ein,\nfürs Stück bis zweitausend Mark nach un-\nserem Geld, so daß er sich in seinem Heimatsort\nStradford eigenen Grund und Boden erwerben konnte.\nJ. H.\"\nWenn Schekspier nun gar erst expressionistisch ge~\ndichtet hätte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-01_01#c011", "volume": "bmtnaal_1918-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.2.11", "titre_corps": "Anmerkungen", "titre_sommaire": "Anmerkungen", "signature_source": "Der grüne Jäger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.1.4", "debut_caractere": 8825, "fin_caractere_exclue": 10446, "texte": "Anmerkungen\nDer grüne Jäger\nExpressionistische Tänze\nEs ist immer peinlich, Fremdworte falsch zu ge-\nbrauchen oder zu verwechseln. Auch wenn es einer so\nreizenden Frau wie Grit Hegesa passiert. Sie tanzig in\nder Hochschule für Musik ihre Mißverständnisse einem\nsehr geneigten Publikum vor. Sie tanzte? Nein — sie\nhopste. HoifeteJLiteratur (von der Marlitt bis Nietzsche!)\nund nannte das \"expressionistisch! Sie soll sich einmal\n(vielleicht von irgend einem Fräulein in den Büros des\n„Sturm\") die Fremdworte: Expressionismus, Impressio-\nnismus, Literatur, Pantomime und Tanz (auch Tanz ist\nfür sie ein Fremdwort!) erklären lassen. Vielleicht wird\nihr dann klar, daß sie gar nicht was Expressionis-\nmus ist und daß ihre Darbietungen — will man sie schon\neinreihen — durchaus impressionistischer Art sind. Also»\nwenn es schon sein muß: „impressionistische Tänze\" —\nschöne Frau — und die schlanken Finger weg vom\nExpressionismus, damit man nicht auf sie klopfen muß.\nExpressionismus und Mode\nNoch gibt es keine „expressionistische\" Mode und\nhoffentlich bleiben wir Expressionisten von einer solchen\nverschont. Aber eine schlimmere Gefahr taucht auf:\nDer Expressionismus droht selbst Mode zu werden.\nSchon heben sich wetterkundige Nasen, Cassirer uncf\nReinhardt und wie sie alle heißen '— und prüfen die\nWindrichtungen. Schon fangen sie an, die Mäntel nach\ndem Sturm zu hängen. Alle guten Götter der Künste\nmögen uns vor diesen Freunden schützen. Es wäre\nschrecklich, wenn der Expressionismus durch die Kon-\niunkturausschlächter — Mode werden sollte: man denke\nein schlächter Geschmack und Mode. Da werden wir\nnicht mitmachen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-01-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-01_01#c012", "volume": "bmtnaal_1918-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.2.12", "titre_corps": "Mitteilungen", "titre_sommaire": "Mitteilungen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.1.4", "debut_caractere": 10448, "fin_caractere_exclue": 11261, "texte": "Mitteilungen\nDas Theater der Expressionisten hat\nseine Vorarbeiten begonnen. 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Anmeldungen durch die Kunstschule „Der\nSturm.\"\nDer Verein Sturm-Bühne / Vorsitzender\nDoktor John Schikowski / Geschäftsstelle Scharren-\nstraße 11, versendet kostenlos Aufruf und Satzungen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.1.1", "texte": "STURM-BÜHNE\nJAHRBUCH DES THEATERS DER EXPRESSIONISTEN\n\nInhalt: Lothar Schreyer: Die Theater-\nleiche / Herwarth Waiden: Die Gegenwart\nder deutschen Bühne / Die Zukunft der\ndeutschen Bühne / Der Sohn der Jungfrau\nvon Orleans / Das Tagebuch der S . . . .\nLothar Schreyer: Weihnachtsmärchen/Deutsche\nTheaterkultur / Herwarth Waiden: Die Helden\nvon der Presse beim Held vom Wald / Die\nKunst dem Volke / Anmerkungen / Mitteilungen\n\nDie Theaterleiche\nLothar Schreyer\nDie Zeit schreit. Wir sind die Stimme.\nDas ist das Ende.\nSchaustellung im öffentlichen Haus. Dem Familien-\nvater läuft das Wasser im Munde zusammen. Die\nFamilienmutter löffelt die Suppe aus. Die Familienkinder\nwerden paarweise erbrochen. Es ist eine Kunst zu leben.\nJedermann weiß, daß die Beinstellung die einzig\nwahre Stellung zum Leben ist. Meine Beine, deine Beine,\nheißt das beliebte Spiel. Es ist zum Davonlaufen. Weißt\ndu, wieviel Beinlein stehen? Nach der bekannten\nMelodie. Frage Schillern, Goethen.\nEinsam bin ich nicht alleine. Wenigstens einen Steh-\nplatz kannst du dir kaufen. Tausend Menschen ver-\nkaufen sich, daß die Kasse ausverkauft, ist. Alles ist\nkäuflich» nur nicht die Kunst.\nMan sieht ihr ihre Jahre nicht an. Der Kenner\nwackelt mit dem Denkorgan. Der Mensch denkt. Das\nMensch lenkt. Die Kunst sollte sächlich sein. Dann er-\nkennt man wenigstens, ob sie gegenständlich ist oder\nnicht. Nun — das Theater ist: Das.\nDas so nebenbei.\nDas: ist eine Sache. Das: ist eine Nebensache.\nSachlich gesprochen ist die Nebensache nicht notwendig.\nAber wir schmeicheln uns, Bedürfnisanstalten zu haben.\nDenn wir sind ein Kulturvolk. Wir wissen, was sich ge-\nhört. Es iebe das Kulturtheater.\nImmer feste druff. Die Liebe höret nimmer auf.\nAch Otto Ernst, was du mir alles lernst. Ernst ist das\nTheater, heiter ist die Welt.\nDie Bretter, die die Welt bedeuten. Das heißt eine\nWelt. Das heißt deine Welt. Das Publikum lacht sich\nins Fäustchen. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind\nnoch der Nagel zu deinem Sarge. Der Tragödie zweiter\nTeil.\nZwei gehören zum Geschäft. Der Künstler will nicht\nhören, also muß er fühlen. Er fühlt das Publikum. Aber\ndas Publikum fühlt ihn nicht.\nDas Theater und das Publikum. Was sich neckt,\ndas liebt sich. Eintrittskarten in die Kunst. Oder Vor-\nspiegelung falscher Tatsachen. Der Ulk ist der Welt-\nspiegel. Tritt ruhig ein, hier ist ein Freudenhaus. Den\nSchaden hat der Dritte. Der Künstler hält sich schadlos\nan der Kunst.\nHereinspaziert! Herausspaziert! Links für Damen.\nRechts für Herren. Was dem einen recht ist, ist dem\nandern zu billig. Der Herr, der über uns wohnet, er-\nnähret sie doch.\nHerausspaziert! P. P. Publikum. Du bist ein Uebel,\ndas abgetrieben werden mul>. Mit vorzüglicher Hoch-\nachtung. Entleere dich! Du hast keine Seele. Der Rest\nist Loch.\nHerausspaziert! Männer, Weiber, Kinder, Greise,\nden hungernden Säugling am nährenden Busen. Ich\nkenne deine Milch der frommen Denkungsart. Das\nTheater entlarvt sich.\nHeraus! Alle sollen sehen: Die Larve. Das Nichts.\nZertreten wir die Larven, und wenn sie sich mehren wie\nKarnickel. Dann fliegt das Nichts in die Luft. Vexier-\nbild: Wo ist die Jungfrau? Lang lang ist's her.\nHeraus!\nDas Theater geht solange zum Publikum, bis der\nMensch sich bricht. Alle Theater wollen zum Brechen\nvoll sein. Bruch. Einem dringenden Bedürfnis ab-\nzuhelfen. Du fühlst mit diesem Drang im Leibe. Hilfe\ntut not.\nEtwas Gewaltiges ist der Mensch. Raum ist in der\nkleinsten Hütte. Pärchen ohne Paarung sind prosaisch.\nDaher der Name Prosadichter. Das Volk der Denker\nund Dichter. An ihren Werken sollst du sie erkennen.\nDas Theater ist ein Geschäft. Es wird mit Ge-\nschöpfen gehandelt. Es wird mit Schöpfern gehandelt.\nMädchenhändlern läßt man ihre Ruhe nicht. Wir sind\nGemütsmenschen. Wir wissen Unterschiede zu machen.\nWer scheidet Schöpfung vom Geschäft? Kunst ist\nSchöpfung. Ist Theater Kunst? Für alle Gemüts-\nmenschenl Gemütsmensch ist das Mensch, bei dem es\nnur die Ruhe machen kann. Und wenn die Welt brennt,\nnur immer gemütlich. Wie wohl ist dem, der dann und\nwann sich etwas Schönes dichten kann. Undl wenn man's\nnicht kann, geht man ins Theater. Dort wird einem vor-\ngedichte-t, daß es nur so kracht. Natürlich wie die\nNatur. Lebendig wie das Leben. Das Leben ist ein\nTheater, ach ja. Krachen ist schön, aber bitte nicht\nschießen. Das stört die Verdauung.\nDie Hauptsache im Theater ist, daß man die edleren\nFunktionen nicht stört. Man behandle das Publikum wie\nein rohes Ei. Bitte nicht, Kolumbus!\nErkenne dich selbst. Und erst auf dem Theater. Das\nberuhigt. Sind wir doch allzumal Sünder. König und\nBettler. Schulter an Schulter. Von sonstigen Be-\nziehungen ganz zu schweigen. Man denke an das kleine\nSchlaganfällchen. O du mein Heimat-Land!\nDie Welt ist eine Hühnerleiter. Die weltbedeutenden\nBretter sind auf dem Holzwege. Alle Wege führen nach\nRom. Nur ein Weg führt zur Kunst: das Kunstwerk.\nDie Kunst ist nicht in Rom. Wer sich der Welt ergibt,\nist bald allein. Der Eine ist das All im Kunstwerk. Alle sind\nim Theater allein. Mit allen Mitteln fängt das Theater alle.\nJeder für sich, das Theater für uns alle. Wer vieles\nbringt, wird manchem etwas bringen. Der eine will\nUnterhaltung, der andere Belehrung. Der eine will die\nSchauspielerin sehen, die andere will gesehen werden.\nMan muß was fürs Volk tun. Das muß man gesehen\nhaben. Weil wir nicht schauen können. Weil wir so\narm sind. Darüber reden können, damit man sich kunst-\nverständig übergibt. Kritik ist das Gewissen des\nPublikums. Die Stimme des Gewissens schlägt. Das\nPublikum ist böse von Beginn. Die Dame der Gesellschaft\nkritisiert, wie man sich anzieht. Der Herr der Gesell-\nschaft kritisiert, wie man sich auszieht. Das nennen sie\nKunst. Man sieht sich ein fünfaktiges Trauerspiel an, um\neinen halben Frauenakt zu sehen. Private Entblößung\nin der Oeffentlichkeit, das ist Theater. Ziehe deine Mit-\nmenschen aus. Gern sieht man, daß die anderen sich\nschämen. Lieber sieht man, daß auch die anderen\nschamlos sind. Die Natur ist heilig. Die Bearbeitung\nder Natur ist eine Vergewaltigung. Wer eine Dichtung\nlebendig machen will, vergewaltigt sie. Die aufgeführte\nDichtung ist ein Verbrechen. Aus der ewigen unfaßbaren\nGestalt wird ein Fall gemacht. Das ohnehin hinfällige\nGretchen kommt nun wirklich zu Falle. Das labt das\nverehrte Publikum. Daher die Dichterverehrung. Sie\nist die erste nicht. Nichts Menschliches ist mir fremd.\nDie Kunst ist nichts Menschliches.\nMensch mach ein Ende!\nDer Theaterbesucher ist kein Mensch. Einmal er-\nkennen wir, daß wir nicht Besucher eines öffentlichen\nHauses sind, daß man uns dazu gemacht hat. Einmal\nwissen wir, daß wir Menschen sind. Wehe dem, der\netwas aus uns machen will. Zu sein ist unser Leben.\nUnser Geist ist. Im Geist sind wir Menschen nicht\nMensch. Geister zu sein, sehnen wir uns. Wo ist der\nGeist im Theater? Er erscheint nur dem Hamlet und\nspricht als ein alter Mann voll geistiger Getränke. Der\nDichter verscheidet und gibt seinen Geist von sich. Das\nPublikum hat keinen Geist.\nIm Sturm fährt der Geist herab. Das Gelächter\ntötet den Ungeist. Das Theater will durchhalten, weil es\nunterhalten will. Wir aber weil wir kämpfen.\nDer Geist besiegt die Masse. Der Geist ergreift die\nMasse. Das Publikum wird nie den Geist begreifen. Aber\neinmal weichen die endlichen Instinkte der unendlichen\nSehnsucht. So wahr die Macht der Unendlichkeit größer\nist als die Kraft der Endlichkeit. Das geistige Erlebnis\nist das Ende des endlichen Lebens. Das geistige Reich\nist angebrochen. Die Zeit der Armut ist vorbei. Wir\nleben nicht mehr. Wir erleben. Bruder um Bruder.\nSchwester um Schwester. Mensch um Tier. Tier um\nBlume. Volk ist Menschheit. Leben erlebt die Welt.\nWir sind die Welt. Was gehen uns die Bretter an, die\ndie Welt bedeuten. Die Bretter bedeuten nichts. Die\nWelt bedeutet nichts. Nichts deutet die Welt. Wir\nkünden die Welt. Die Welt kündet uns. Der Lebende\nschaut dem Werden zu. Der Erlebende schaut das Sein.\nDer Geist ist keine Oeffentlichkeit. Der Geist ist eine\nInnerlichkeit. Der Geist ist kein persönliches Ziel. Der\nGeist ist die Gegenwart des All. Allgegenwärtig ist er\nim geistmächtigen Menschen. Es gibt kein Publikum.\nWir sind keine Zuschauer. Wir sind Schauende. Das\nTheater ist eine öffentliche Versammlung. Die Schauen-\nden haben die innere Sammlung. Das Theater ist leer.\nWir sehen die Leere des Theaters. Das Theater hat\nkein Gesicht. Keine Gesichte sind im Theater gestaltet.\nDarauf kommt es an. Wir wollen die Unendlichkeit sehen.\nDas ist nicht belustigend. Das ist nicht belehrend. Das\nist die Macht der Kunst.\nDie neue Zeit ist da. Die Persönlichkeit ist eine\nlächerliche Wichtigkeit. Der Gernegroß Publikum beißt\num sich. Den Geist kann man nicht beißen. Die Mensch-\nheit hat ihr inneres Reich aufgerichtet. Kunst ist seine\nKunde. Das Publikum fällt. Ihm gibt es keine Auf-\nerstehung. Der Vorhang ist gefallen. Das Haus ist leer.\nWir sind voll Kunst. Wir künden. Wir -stürmen.\nLacht mit uns. Lacht die Leiche tot, die zappeln will.\nSo leb denn wohl, du altes Haus. Kündet mit uns.\nStürmt mit uns. Mit-Menschen sind wir. Alle Himmel\nrauschen über der alten Erde.\n\nDie Gegenwart der deutschen Bühne\n\nHerr Fritz Engel, der Theaterheld des Berliner Tage-\nblatts, streckt beinahe seine ulkigen geistigen Waffen\nvor Herrn Doktor Arthur Schnitzler. Herr Doktor\nSchnitzler kämpft bekanntlich Schulter an Schulter mit\nLudwig Fulda um die Bühne als moralische Anstalt.\nBeide Herren sind ferner bekanntlich so geistvoll, daß\nihnen die Wiener und die Berliner Presse die vorzügliche\nHochachtung nicht versagen kann, trotzdem sie beide\nan keiner Redaktion angestellt sind. Herr Doktor Arthur"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.1.2", "texte": "Schnitzler hat wieder einmal ins volle Menschenleben\ngegriffen, wo es am dünnsten ist. Er hat als Seelenarzt,\nwie das Berliner Tageblatt solche Beschäftigung nennt,\ndie Journalisten unter seine Lupe genommen. Die\nJournallisten sind die Herren, die beschreiben. Leben und\nKunst wird durch einen Strich getrennt, nur die Be-\nschreibung bleibt die gleiche. Nach allgemeiner fach-\nmännischer Ansicht haben Journalisten keine Ueber-\nzeugung. Hat man eine, so ist man bereits Kritiker.\nUnd da man für Kunst keine braucht, hat der Kritiker\neigentlich die anständigste Beschäftigung dieser Erde.\nDer Kritiker darf alle möglichen Leute für Dichter\nhalten, ohne daß der Verlag, die Abteilung für Anzeigen\noder eine Partei Einspruch erhebt. Es ist daher leicht\nfür einen Theaterkritiker, einem Journalistenstück gerecht\nzu werden. Namentlich, da alle Kritiker nur festzu-\nstellen haben, ob die geliebte Kunst richtig und wahr ist.\nDas Publikum wird leicht glauben, daß ein Journalist\nüber Journalisten Bescheid weiß. Ein Journalist weiß\naber überhaupt Bescheid. Er kennt das Leben schlecht-\nhin. Wird es ihm doch in jeder Minute telegraphisch\nund telephonisch übermittelt. Und wo es das Leben nicht\nso eilig hat, trifft es immerhin mit Rohrpost ein. Dieses\nLeben, auf Draht gezogen, wird beschrieben. Alles ist\nin Ordnung. Spielt es sich auf der Bühne ab, ist es\nKunst. Diese intime Gemeinschaft mit dem Leben macht\nüberlegen. Das Leben erscheint zweimal, morgens und\nabends und wiederholt sich, morgens und abends. An\nmanchen Tagen ist es sogar illustriert, das Leben. Dieses\nLeben hat nun der Doktor Arthur Schnitzler eingefan-\ngen, mit Handschuhen: „Wir sahen nur Spuren seiner\nsamtenen Grazie und seine Florettkunst mühte sich, so\ndankbar der Stoff war, nicht durchweg mit Glück\".\nHerr Fritz Engel fühlt sich also nicht geschlagen, er\nbleibt wohlwollend: „Es bleiben Einzelheiten und Einzel-\nWirkungen übrig, darunter Ausgezeichnete. Sie heften\nsich mit satirischen Pfeilen an das Zeitungsmetier!\"\nDie satirischen Pfeile sind poetische Umschreibungen\nfür Büroklammern, mit denen die Einzelgestalten an das\nZeitung&metier geheftet sind. „Der Wetteifer und\nUebereifer der Journalistik wird gezeigt, die innere\nKälte der Temperamente, die Geneigtheit, Opfer des\nIntellekts zu bringen, um nicht aus einem behaglichen\nNest zu fallen.\" Die Opfer des Intellekts dieser Vögel\nsind die bekannten Kuckukseier: „Dies alles wird be-\nspöttelt und! bestichelt. Wir blicken in den Spiegel und\nsagen, wie sehr er auch mancherlei verzerrt: vieles ist\nwahr\". Damit nicht alles wahr ist, sieht der Herr\nKritiker lieber in einen Zerrspiegel.\nSo wahr dichtet der Doktor Schnitzler. Diese\nFurchtlosigkeit vor der Entente der Presse bringt ihm\nein besonderes Lob des preußischen Berliner Tageblatts\nein: „Achtung vor dem Dichter und vor dem Theater,\nwenn sie eine Schicht darstellen, von der die Leute der\nBühne immer fürchten, sie könne ihnen schaden und\nlaure nur darauf, es zu tun\". Für diesen Mut wird dem\nDichter von der Schicht das papierene Kreuz verliehn.\nAber der Herr Doktor Schnitzler meint es gar nicht so\nschlimm. Sein Mut ist flüssig: „Der Salt seiner Ironie,\nsoweit sie sich auf das Ganze des Stoffes bezieht,\nträufelt schwer und langsam. Er erreicht nicht einmal\neine geschlossene und gesteigerte Bühnenwirkung.\"\nDas ist auch zu viel vom Saft verlangt, daß er ge-\nschlossen wirken soll, wo er sich doch schon auf den\nganzen Stoff bezieht. Der Doktor Schnitzler hätte nach\ndem Geschmack des Herrn Engel dem Saft mehr Zucker\nzusetzen sollen: „Gustav Freytag, mit seiner alten lieben\nDramentechnik, hat schon gewußt, warum er von seiner\nAdelheid und seiner Ida den Zucker der Liebe auf das\ntrockene politische Brot der Männer streuen läßt\". Ja,\nder Herr Engel hat seine Butter auf dem Kopf. Er\nsollte uns zu Weihnachten das Journalistenstück be-\nscheren. Dann braucht der Herr Doktor Schnitzler\nwenigstens nicht mehr durch fremde Federn geschmückt\nzu werden.\n\nH. W.\n\nDie Zukunft der deutschen Bühne\nH. W.\nDie Zukunft der deutschen Bühne wird durch die be-\nwährte Rundfrage bei den Herren Fulda, Dessoir,\nRathenau, Hiller und Genossen holde Wirklichkeit. Jeder\nnicht gespielte Dramatiker ist bekanntlich ein Genie, das\ndem deutschert Volk verloren ging. Dadurch, daß die\nHerren Reinhardt und Barnowsky nicht ihre famosen\nRegiekünste an Kunstwerken versuchen, geht das deutsche\nDrama zu Grunde, äußern die Rundgefragten. Sie alle\nsprechen sich heldenhaft gegen den Kitsch aus. Sie alle\nkennen verkannte Dichter. Von Max Reinhardt ver-\nkannte Dichter. Herr Direktor Barnowsky bekommt es\nsogar mit der Angst zu tun und flüchtet sich erschreckt\nzu Goethen: „Der deutsche Geist kann nicht anders, als\ndem Goetheschen Ideal der Weltliteratur treu bleiben\".\nWorunter Herr Direktor Barnowsky Bernhard Shaw ver-\nsteht. Im Uebrigen ist er für deutsche Autoren, wepn\nHerr Fritz Engel ihm seine Hilfe nicht versagen will:\n„Die Pflege junger deutscher Autoren kenne ich als\nnationale Pflicht an, erfüllbar allerdings nur unter der\nVoraussetzung einer tätigeren Teilnahme des Publikums\nund einer wärmeren Förderung von Seiten der Kritik, die\nnach geschehener Tat nicht immer darauf Rücksicht\nnimmt, daß diese Autoren jung und deutsch sind\". Hier\nkann nur der Verein für Säuglingspflege und der Verein\nfür Kinderschutz restlos Besserung schaffen. Aus der\nKritik werden die Engelmacher abgeschafft und dafür\nausschließlich Herrn Fritz Engel die Sorge um den Nach-\nwuchs übertragen. So kann man dem Barnowskyschen\nIdeal treu bleiben. Spricht sich doch sogar ein Mann\nder Wissenschaft wie Herr Prof© Max Dessoir für\nkünstliche Ernährung aus: „Um deutschen Bühnenschrift-\nstellern den Zugang zur Bühne zu erleichtern, könnte eine\nVorprüfung der massenhaft aufschießenden Versuche\nnützlich sein, weil dann den überlasteten Beratern der\nBühnen-Vorstände (den. sogenannten Dramaturgen) be-\nreits eine Auswahl zuginge.\" Der Zugang wird also da-\ndurch erleichtert, daiß eine Auswahl zugeht. Diese Tä-\ntigkeit wurde bisher von dem Theaterpförtner ausgeübt.\nDer Ausschuß für den Aufschuß wird den Beratern nicht\ngewachsen sein. Berater sind immer überlastet. Sie\nschießen selbst auf. Das ist der Aufschluß für den Auf-\nschuß des Ausschusses. Allerdings, wenn die Professo-\nren mit den Theater-Direktoren Arm in Arm gehen, dann\nschließt ein Jahrhundert endgültig der Kunst die\nSchranken. Aber nur nicht die Angst verlieren. Kunst\nlebt in die Jahrtausende.\n\nDer Sohn der Jungfrau von Orleans\nH. W.\nExpressionismus, die große Mode. Wo nun schon\nalles liebt, kann Max der Reinhardt nicht alleine hassen.\nDas junge Deutschland soll gefördert werden. Das\nPublikum will es. Ob es die Kasse will, weil die zu-\nständige Persönlichkeit, der Dramaturg, noch nicht\ngenau. Es wird daher ein Theaterverein gegründet,\nsechshundert Menschen dürfen fördern. Die Kasse des\nDeutschen Theaters. Expressionisten sind die Lämmer,\ndie den Kurt-Wolff-Verlag an seine Tatzen glauben\nmachen wollen. Die Kunstkenner des Deutschen Theaters\nhaben das in zahlreichen Zeitungsanzeigen und Verlags-\nprospekten gelesen. Das Deutsche Theater und die\ndeutsche Presse .glauben aneinander und sie sind ein-\nander wert. In Dresden wurde dem Expressionismus der\nSohn geboren, der auf den Namen Hasenclever hört.\nDie allerersten Dresdener Korrespondenten der Berliner\nTagespresse standen Pate. Kurt-Wolff-Verlag gab den\nNamen: Das erste expressionistische Drama. Max\nReinhardt, der große Förderer der Klassiker, brauchte\nnicht mehr zu suchen, der Sohn wurde an Expressionis-\nmus Statt angenommen und der Verein gegründet. Nicht\nohne daß der Bühnenvertrieb Paul Cassirer das Recht\nder Aufführung erwarb. Der Expressionismus ist gar\nnicht so schlimm und so schwer, wie man bisher in\nKunstkreisen glaubte. Es ist sicher nicht uninteressant,\nzu wissen, daß schon der bekannte große Dichter\nSchiller, gleichfalls ein Schützling von Max Reinhardt,\nExpressionist gewesen ist. Kein Geringerer als Hasen-\nclever hat den Beweis geführt. Ich habe die Mutter\nentdeckt. Sie ist zwar nur eine Jungfrau, aber dafür\nvon Orleans. Ich bin in der glücklichen Lage, aus beiden\nDramen Auszüge veröffentlichen zu können.\nSchiller Hasenclever\nDie Jungfrau Der Sohn\nDie Waffen ruhn, des Dort unten tief und herrlich\nKrieges Stürme schweigen ohne Gleichen\nAuf blut'ge Schlachten folgt Sind Wundernächte, die\nGesang und Tanz mich nie erreichen\nDurch alle Straßen tönt der Im dumpfen Raum, der\nmunt're Reigen meine Kindheit sah\nAltar und Kirche prangt In Ihr Bücherschränke und ihr\nFestesglanz Schülerhefte\nUnd Pforten bauen sich aus Erhebt Euch süße zaube-\ngrünen Zweigen rische Kräfte\nUnd um die Säule windet Und nun mein erster Weg\nsich der Kranz. nach Golgatha\nDas weite Reims faßt nicht Die Sonne sinkt. Riviera\ndie Zahl der Gäste meiner Träume\nDie wallend strömen zu Im Tenniskleide wo ich\ndem Völkerfeste. dunkel stand.\nSchiller Hasenclever\nDie Jungfrau Der Sohn\nDoch mich, die all dies Vergebens klopf ich an dem\nHerrliche vollendet bronzenen Tore,\nMich rührt es nicht, das Das mein Gefängnis von\nallgemeine Glück den Gärten trennt\nMir ist das Herz verwandelt Musikkapellen und den\nund gewendet Tanz im Ohre\nEs flieht von dieser Fest- Ein armer Körper der am\nlichkeit zurück. Staub noch brennt\nHasenclever Schiller\nDie Jungfrau Der Sohn\nSeht ihr den Regenbogen in Ich seh den Himmel über\nder Luft ihnen scheinen\nDer Himmel öffnet seine Den ich in meiner ersten\ngoldenen Tore Nacht gesehn\nIm Chor der Engel steht Und könnt ich heut an\nsie glänzend da ihrem Busen weinen\nSie hält den ewigen Sohn Sie würden meine Tränen\nan ihrer Brust nicht verstehn\nDie Arme streckt sie Und könnt ich heute noch\nlächelnd mir entgegen die Worte sagen\nWie wird mir, leichte Wol- Geburt und Dasein einst in\nken heben mich ihrem Schoß\nDer schwere Panzer wird Mich würde ihre Liebe\nzum Flügelkleide nicht mehr tragen\nHinauf, hinauf, die Erde Ich bin zu arm, die Erde\nflieht zurück ließ mich los.\nKurz ist der Schmerz und\newig ist die Freude.\nGermanistisch wäre noch für Max Reinhardt zu be-\nmerken, daß der Dichter Schiller mit dem ewigen Sohn\nnicht Hasenclever gemeint hat.\nDer Vater des Sohnes heißt Frank Wedekind, Die\nersten Worte des Sohnes zeigen die Familienähnlichkeit:\n„Ich bin zwanzig Jahre alt und könnte am Theater sein\noder in Johannisburg Viadukte bauen.\"\nWie mir Ausfrager mitteilen, ist als zweites expres-\nsionistisches Drama von Max Reinhardt die natürliche\nTochter von Goethe erworben worden. Auch dieser\nDichter hat sich bei mehreren Aufführungen des\nDeutschen Theaters erfolgreich betätigt.\n\nDas Tagebuch der „S . . . .”\n\nWir veröffentlichen Fragmente aus dem Tagebuch einer\nbekannten Schauspielerin, die sich vor einigen Jahren\nwegen unbefriedigten künstlerischen Ehrgeizes das Leben\nnahm. Mit Erlaubnis der Erben.\n21. Oktober 191 .\nGestern hatten wir nun endlich die „Judith\".^\nNoch in der Generalprobe, der der St\nIntendant v. P beiwohnte, hatte ich große\nSkrupel und schüttete Karlchen*) mein Herz aus. Ich\nkann für Hebbels Frauengestalten nun einmal kein letztes\nVerstehen finden. Und Karlchen gab mir ganz Recht;\n„Hebbel verstände nichts von Weibern. Seine Heldinnen\nseien Mannsleute in Unterröcken. Aber sie seien wirk-\nsam und stark. Ich solle mich gründlich loslassen —\ndann würde es schon gehen —\"\nUnd es ging. Ich habe mich einmal ordentlich hin-\neingelegt. Ich war wie im Rausch und das Publikum\nraste.\nB **) war fast neidisch, der große B !\nNach der Schlußszene drückte er mir recht zärtlich\ndie Hand.\nIch war ganz Herablassung: o, ich war auch Wer!\nDa riß er mich plötzlich an sich und küßte mich —\ndie Auszeichnung!\nIch lächelte sehr ironisch, aber mir wurde doch\nheiß ....\nNie bin ich zu geschlechtlichen Exzessen geneigter,\nals nach dem Spielen einer großen Rolle —\nNie schreien meine Nerven lauter nach einer letzten\nAuslösung\nIst Kunst — Nervenauslösung?\nDa starrt es wieder auf mich, das entsetzliche\nSphinxauge: bin ich eine Künstlerin? treibe ich — schaffe\nich Kunst?\n*) Ein befreundeter namhafter Kollege, den alle beim\nVornamen nannten.\n**) Ihr berühmter Partner, der den Holofernes\nspielte."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.1.3", "texte": "Gerade meine größten Triumphe machen mich miß-\ntrauisch gegen mich selbst\nKunst erlöst —! Wie oft habe ich es erlebt —\nempfunden!\nKunstwerke lösen aus —: Unsagbares, Tiefstes,\nHeiliges —\nAber was haben meine Auslösungen mit Kunst zu\n•Thun??\nWas bin ich — die ich zur Hetäre werde, während\nich glaube, daß meiner Seele die Schwingen wachsen im\nSchaffensrausche — deren Sinne brünstig erglühen, wenn\nsie sich müde gerungen haben, eines Dichters Geschöpf\nmit Blut und Leben zu erfüllen??\nBin ich eine Künstlerin—?\n22. Oktober 191 .\nEs war ein schrecklicher Abend -—\nWir wollten .unsern Erfolg feiern und gingen alle\n■zu Ii .... .\nEs begann so verheißungsvoll ~mit Weinlaub im\nHaar\" und endete — in grauem Elend\nB. hatte mich eingeladen und wir aßen mit Karlchen\nUnd F und der Z und einigen Anderen\n— alle vom Bau.\nWir waren sehr lustig und sprachen über meine und\nB.s großartige Leistung. Er spielte Weltschmerz und\nseufzte (bei den Kritiken!) über die Tragik verkannten\nKünstlertums. Das war Etwas für Karlchen — der bald\"\neinen Mordsrausch hatte und von der Leber weg redete:\nKunst! Mensch! Schauspielkunst! Er schnaufte\n\"verächtlich.\nUnsere Mimerei ist Sch ....!! Er brauchte ein\nentsetzlich ordinäres Wort •—\nIch saß wie gefesselt und lauerte, ja lauerte auf\nweitere Ausbrüche, die mir furchtbare, aber letzte Wahr-\nheiten zu sein schienen •—\nSchauspielkunst ist keine Kunst — schrie er. Was\ntun wir besten Falles? Wir reproduzieren den Dichter,\nwenn wir ihn nicht verhunzen —\nEr starrte B. groß dabei an. Der lächelte sehr von\noben herab, aber es war ihm peinlich!\nDoch Karlchen ließ nicht locker: Alter Junge, wir\nbrauchen uns doch nichts weißmachen — Du und ich!\nWir wissen doch beide, daß wir nur eine Art von\nästhetischen Humbug treiben! Er blinzelte B. spitz-\nbübisch an.\nUnd dann plötzlich mit Donnerstimme:\n„Huren sind wir — männliche Huren — lassen uns\nbezahlen für unsre Extasen — für unsre preisgegebene\nseelische Nacktheit, mit der wir dem verehrten Publico\nin aller Öffentlichkeit die Nerven kitzeln und aufpeit-\nschen!! Und das nennt sich Kunst!!!\nEr lachte, daß ihm die Tränen nur so aus den\nAugen stürzten —\nB. stand auf, zahlte und ging. Er hatte genug. Ich\nsollte mitkommen, aber ich hatte keine Lust.\nSo tötunglücklich ich mich selber dabei fühlte — ich\ngönnte B. die Lektion. Er tut lächerlich sicher.\nUnd entgegnen konnte er nicht ein Wort.\nNicht ein Wort gegen diese zerschmetternden Be-\nhauptungen!\nWie ich — wie ich! Zu meiner Schande muß ichs\ngestehn — wie ich!!\nBin ich denn eine Künstlerin?? Was weiß ich von\nKunst???\n25. Oktober 191 .\nIch hatte Karlchen gebeten, bei mir Kaffee zu trinken.\nEr kam — lieb und gut wie immer — ein rechter\nFreund, der einen bis ins Letzte versteht. Wir sprachen\nnochmals über seine neulichen Ausbrüche, die er absolut\nnicht bereut.\nEr ist ja sicher keine Kanone, aber ein gerader,\nganzer Mensch und von Kunst versteht er mehr als B.\nund ich. Ich gebe das ganz offen zu. Ich lerne von ihm.\nVieles, was er sagt, ist mir völlig neu. Aber es ist ein-\nfach und leuchtet ein. Leider ists auch trostlos.\nEs sei keine Kunst, meinte er, sich in einen Charakter\nhineinzudenken und sich angemessen einer angenomme-\nnen Lebenslage zu benehmen. Das machten alle Kinder\nviel besser als wir. Sie lebten restlos hingegeben in\nihrem Spiel. Das hätte eben mit Kunst nichts zu tun,\nauch nicht, wenn wir Erwachsenen die Wirklichkeit ein-\ngebildeter Umstände annähmen und uns entsprechend\ngehen ließen oder austobten. (Das galt meiner Judith!\nAber ich bin ihm nicht bös —)\nEs sei auch keine Kunst, Auswendiggelerntes sinn-\ngemäß betont wieder aufzusagen. Jeder Rechtsanwalt,\nPastor oder Wanderredner wäre dann Künstler.\nUnd Menschendarstellung wäre nicht Zweck und\nZiel, sondern die Voraussetzung für jede Art von Schau-\nspielkunst.\nDie Menschendarstellung nicht Zweck und Ziel?\nJa, aber was ist dann Zweck und Ziel der Schau-\nspielkunst?\nKarlchen sagte, wenn er das wüßte, wäre er selbst\nein großer Künstler geworden —\nEr lachte dabei.\nIch schrie ihn fast an: Aber wie hältst Du denn\ndas aus?!\nEr machte die Gebärde des Trinkens — und lachte\nwieder —\nIch hätte am liebsten geweint —\nBeim Abschied drückten wir uns derb beide Hände.\nEr war sehr ernsthaft.\nGlaube mir, Kind, wir Schauspieler treiben mit dem\nWorte „Kunst\" nur groben Unfug\nUnd dann ging er — und nahm meinen Glauben mit —\nMeinen Glauben an mich\nNein — ich bin keine Künstlerin —\nNovember 191 .\nIch habe mich mit Karlchen sehr angefreundet.\nB. scheint das mächtig zu ärgern. Seit ich ihn da-\nmals habe aufsitzen lassen, spielt er den kühlen August.\nMag er.\nKarl ist viel gediegener als er.\nSo ein großer Schauspieler B. sich auch zu sein\ndünkt und so ein vornehmer und gutmütiger Kerl er in\nWirklichkeit ist — ebenso viel unechte Mache ist an\nihm —\nWie an uns allen —\nUnsre Gefühlsaufwendungen sind ohne Maß und Ver-\nhältnis: himmelhochjauchzend für eine Nichtigkeit — zum\nTode betrübt für jede Wertlosigkeit —\nWie könnte die ewig gleiche Aeußerung als über-\ntrieben oder ungerechtfertigt erkannter Wallungen echt\nbleiben? Wir machen uns auf, wir spielen uns auf —\nam liebsten im Gefühlsmäßigen — nicht nur auf der\nBühne —\nDenn unsre Gefühle sitzen sehr locker. Immer sind\nsie bereit aufzuspringen und sich reizen zu lassen.\nDie allabendlichen Spielerregungen und Gefühls-\nergüsse verderben uns den Charakter, nehmen uns\njeden Charakter —\nFalls wir nämlich einen hatten.\n7. November 191 .\nKarlchen ist sehr unglücklich. Viel unglücklicher\nals ich.\nIch habe doch meine Triumphe — er hat aber auch\ndie nicht —\nTrotz tieferer Einsicht und ernsteren Wollens — es\nfehlt ihm eben das eigentlich Schauspielerische, die Beg—\nIch wollte Begabung schreiben —\nDa fiel es aber wie eine plötzliche Erleuchtung in\nmi;h hinein — Begabung? Nein — darum handelt sichs\nnicht —\nWill ich das rechte Wort.schreiben, kann es nur das\neine sein:\nSchamlosigkeit!\nDie Schamlosigkeit fehlt ihm.\nEr will sich nicht entblößen, er kann sich nicht ent-\nblößen, darum bleibt er ohne Wirkung.\nSchamlos muß man sein und — jung.\nDann ist man ein Bühnentalent und ist man auch\nnoch hübsch, berechtigt man allseitig zu den besten\nHoffnungen.\nEs ist Schmach und Schande um uns Schauspiele-\nrinnen —\nEntblößung wirkt — das wissen wir Frauen —\nAber Männer?\nAch, wie verstehe ich Karl — wie begreife ich seine\n„Talentlosigkeit'..\n8. November 191\nJa, ich habe Karriere gemacht — ich bin Etwas ge-\nworden — ich bin zu Etwas gekommen —\nAber kann ich mir als Mensch und Frau noch ohne\nScham ins Auge blicken?\nIch kann es nicht —\nUnd die Opfer an Würde und Selbstachtung, die ich\ngebracht habe — ich schaudere, wenn ich in mich hinein-\nschaue — sind sie Opfer, unvermeidliche Opfer auf dem\nAltare einer Kunst — der Schauspielkunst, wie ich\nglaubte?\nKünstlerischer Ehrgeiz? Ach, nein — Ein unersätt-\nlicher Lebenshunger trieb mich zur Bühne — Leben wollte\"\nich, leben —\nNicht e i n Leben — nicht ein Alltagsleben —\nNein — hundert Leben — seltene Leben — Aus-\nnahmeleben —!!\nDie wollte ich leben —\nWo war das möglich, wenn nicht auf der Bühne?\nUnd wo konnte eine größenwahnsinnig gewordene\nEitelkeit ihre Chancen erproben, wenn nicht auf der\nBühne?\nNicht einem Manne wollte ich den Kopf verdrehen,\nnicht einem gefallen — tausende wollte ich verrückt\nmachen nach mir und allen gefallen!\nAlle sollten vor mir knieen und mich anbeten —\nUnd wen ich wollte, den mußte ich haben können\n— blasse Jungen, rote Offiziere, Fürsten, Millionäre —!!!\nTraum meiner Träume — Rausch meiner Räusche —\nDu warst kein Künstlerehrgeiz — keine Sucht nach\nRuhm\nMeine Geschlechtlichkeit tanzt in ihrer Blöße vor\nden Augen der Welt —\nMein letztes Weibliches kostet sich aus und genießt\nsich in meinen „künstlerischen\" Triumphen —!!\nEs ist die Kunst des Weibes: femina trionphante, die\naus mir jauchzt —\nIsts auch Weibeskunst?? Gibt es so Etwas??\nWas weiß ich von Kunst\n\nFortsetzung folgt\n\nWeihnachtsmärchen\nLothar Schreyer\nWeihnachten ist ein Märchen. Kinder erleben\nMärchen. Künstler erleben Märchen. Das Märchen\nist dem Erwachsenen unwahr, unschön, unmoralisch.\nSo sind Kinder. So sind Künstler. Die Unwahrheit ist\ndie Schönheit der Kinder und Künstler. Die Unmoral ist\ndie Wahrheit der Kinder und Künstler. Wenn ihr nicht\nwerdet wie die Kinder!\nIhr seid kindisch geworden. Wenn ihr verlogen seid,\nglaubt ihr, die Ehrlichkeit der Lüge zu habeni Wenn\nihr euch bunt anzieht, trippelt und die Stimme verstellt,\nsagt ihr, daß ihr träumt. Ihr träumt von kurzen Röcken.\nEure Engel haben fleischerne Waden. Und der Onkel von\neurem lieben Gott schmunzelt in seinem angeklebten Bart.\nLasset die Kindlein zu mir kommea\nKunst fürs Kind. Für Kinder ist das beste gut genug.\nAlso schminkt die armen schmutzigen Vorstadtkinder fürs\nQeld. Laßt sie tanzen! Sie sind immer noch gut genug.\nEs ist eine Lust zu leben. Für 50 Pfennig pro Vor-\nstellung.\nDas Publikum klascht Beifall. Kinder fallen dabei.\nKleine Mädchen erwachen. Das gefällt. Reif sein ist\nalles. Alles Irdische ist vergänglich, nur der Kuh-\nschwanz, der bleibt länglich.\nStille Nacht, heilige Nacht.\nIn der Nacht, in der Nacht, wenn die Liebe erwacht.\nKeiner träumt. Höchstens dem Oechslein passiert\netwas Menschliches. Der Stern ist ein Loch im Horizont.\nDer Kapellmeister schwitzt den dritten Kragen durch.\nKinder! Kinder!\nDas nennt ihr Kunsterziehung. Das ist Kunst-\nabtreibung. Jedes Kind ist Künstler. Eure Bildung\nnimmt ihm das Bild. Das Gesicht des Kindes sieht die\ngeistige Wirklichkeit, die feind ist allem Verstände. Das\nKind steht in der Welt. Ihr verstellt das Kind zwischen\neuch, daß es die Welt verstehe. Ihr Verständigen, Ver-\nstellten fürchtet das Gesicht. Bar aller Offenbarungen\nverspielt ihr das Kind. Ihr spielt mit der Welt. Das\nKind ist das Spiel der Welt. Die Welt läßt nicht mit\nsich spielen. Ihr verspielt euer Leben dabei. Der ent-\nkindete Mensch hat kein Gesicht. Er sieht nicht die\nKunst. Gebt euch dem Spiel der Welt. Der Erwachsene\nhat keine Kunst. Lernt nicht! Verlernt! Geht zu den\nWilden. Sie sind bessere Menschen. Geht zu den\nKindern.\nWenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist, dann\nkommt zu uns der heilige Christ. Das Märchen kommt.\nDas Kind ist da. Nehmt das Geschenk. Schenkt nicht,\nwo ihr nicht schenken könnt. Ihr schenkt Flitter für\nSterne. Kinderaugen schenken Sterne. Der Künstler holt\ndie Sonne aus seinem Herzen. Ihr stellt einen Schein-\nwerfer hinter die Kulisse. Der Weihnachtsengel gießt\nein Pilsner hinters Trikot. Dann tritt er auf. Er tritt\naut die Herzen. Er tritt auf die Sterne. Er tritt auf die\nAugen. Die Geblendeten lachen. Das Gelächter der\nsterbenden Kinder labt die versammelten Mütter. Wer\nsammelt für arme Waisen. Künstler, du Kind, erbarme\ndich der Armen.\nWenn Weihnachten ist, wird Kindern das Märchen\ngenommen. Wenn Weihnachten ist, werden Kinder ge-\ntötet. 0 du fröhliche unheilbringende Weihnachtszeit,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191801-01.1.4", "texte": "Das ist die Botschaft: Das Kind sieht im Theater,\ndafc ihr Erwachsenen kindisch seid. Das Kind verlacht\ndie Uükunst. Aber die Vergifteten sterben.\nDie Kunst ist das Kind der Menschheit. Es führt\neuch durch die Nacht. Das Märchen weiht die Nacht.\nFolgt dem Stern. Seht den Stern!\n\nDeutsche Theaterkultur\nSag Schnucki zu mir\nDichtung von Julius Brammer und\nAlfred Grünwald\nAch, es macht mir wirklich Angst,\nWas du oft von mir verlangst.\nNur daß du mein Sehnen stillst.\nOh, ich weiß schon, was du willst!\nAber Schätzchen, keine Spur,\nWill ja doch das eine nur:\nGeh', sag' doch Schnucki zu mir,\nIch weiß, du kannst, wenn du willst, wenn du magst,\nAch, dann sagst du's so schön.\nGeh', sei doch zärtlich zu mir,\nGeh', fang' nur an,\nImmer 'ran, immer 'ran, immer 'ran,\ns' wird schon geh'n.\nNein, Schnucki sag ich nicht,\nNein, Schnucki mag ich nicht!\nGeh', Mausi, siehst, wie du bist,\nDu vergißt, daß es ist deine Pflicht,\nEin Bussi geb' ich dir,\nJa, aber Schnucki, Schnucki, Schnucki sag' ich nicht!\nZwanzig Hüte kauf' ich dir,\nSchmuck, Brillanten und Saphir,\nVilla, Auto meiner Seel',\nAußerdem zwei Kilo Mehl!\nWirklich, ach, wie freu' ich mich.\nAber eins verlange ich:\nGeh', sag' doch Schnucki zu mir,\nIch weiß, du kannst, wenn du willst, wenn du magst,\nAch, dann sagst du's so schön.\nGeh', sag' doch Schnucki zu mir,\nGeh', fang' nur an,\nImmer 'ran, immer 'ran, immer 'ran,\ns' wird schon geh'n.\nNein, Schnucki sag ich nicht,\nNein, Schnucki mag ich nicht!\nGeh', Mausi, siehst, wie du bist,\nDu vergißt, daß es ist deine Pflicht,\nGeh', sag' doch Schnucki zu mir.\nEin Bussi geb' ich dir,\nJa, aber Schnucki, Schnucki, Schnucki sag' ich nicht!\n1917 Metropoltheater zu Berlin / Musik von Leo Fall\nSämtliche Verlags-, Uebersetzungs-, Arrangements-\nund Aufführungsrechte vorbehalten. Eigentum des Ver-\nlegers für alle Länder. — Eingetragen in das Vereins-\narchiv\nW. Karezag\nMusikverlag, Bühnenverlag und Vertrieb\nLeipzig, Nürnberger Straße 36/38\nWien, VI., Linke Wienzeile 6.\nKarezag Publishing Co. New-York U. S. A.\nIn 'allen Ländern geschützt.\nCopyrigth 1916 by W. Karezag, Leipzig, Wien, New-\nYork. Sämtliche Rechte für alle Arten von mechanischen\nSprechapparaten besitzt die Anstalt für mechanisch-\nmusikalische Rechte (Ammre) in Berlin.\n\nDie Helden von der Presse beim Held\nvom Wald\nH. W.\nDas Berliner Tageblatt wird immer demokratischer.\nDie Herren Mitarbeiter sind modern. Herr Fritz Stahl\nbereitet sich heimlich auf den Expressionismus vor und\nHerrn Fritz Engel ist Hermann Essig nicht modern genug.\nDas Königliche Schauspielhaus zu Berlin spielt sein\nSchauspiel der Held vom Wald. Es ist als Buch\n1913 im Verlag von I. G. Cotta, dem berühmten Verleger\nvon Schiller, Fuldas Blumenthal und Sudermann er-\nschienen. „Dem Schauspielhaus wollen wir danken, daß\nes Versuche nicht scheut. Dem Dichter aber muß gesagt\nwerden, daß er ein nicht fertiggeborenes Werk ans\nLicht gelassen hat.\" Das muß Herr Fritz Engel sagen,\nder überall Pate steht. Hierauf gebiert er seine Kritik\nfertig: „Was wir an ihm schätzen, daß er Menschen\nsuchen geht und nach menschlichen Leidenschaften\ntaucht, um sie zur Höhe zu holen und in Streit geraten\nzu lassen, geht diesmal fast ganz in einer weitbauschigen\nKulturhistorie unter.\" Hätte Hermann Essig auf der\nMenschensuche sich in das Parkett des Theaters be-\ngeben, so würde er die Berliner Presse in Streit geraten\nfinden, die ich deshalb wieder einmal von ihrer Höhe\netwas tauchen muß: „Einmal, so vor neunzig Jahren,\nhaben Wäldler in Baden mit der Regierung um-kirchliche\nFormeln und um den Fortbestand alten Faustrechts ge-\nrungen. Sie sehen am Schluß selbst ein, daß neue Zeit\nneue Sitten verlangt, imponieren uns also nicht einmal\ndamit, daß sie ein Ideal mit verstockter Kühnheit bis\nzuletzt vertreten.\" Man versteht nunmehr, wie sehr die\nDeutsche Tageszeitung dem Berliner Tageblatt imponie-\nren muß. Man versteht ferner, daß Herr Fritz Engel\ndurch und durch Demokrat ist, der für seine neue Zeit\nals Zeitgeist, Weltspiegel und Ulk neue Sitten verlangt.\nMan ist ferner menschlich gerührt, daß am Schluß die\nWäldler sich zur Einsicht des Herrn Fritz Engel be-\nquemen. Und dieser Theaterkritiker, der jedes Jahr einen\nKleistpreis vergeben läßt, bildet sich ein, über einen\nDichter nunmehr etwas gesagt zu habenA Er bildet sich\nweiter ein, nicht sehr ungebildet zu sein'; „Wir waren,\nindem wir von dieser Rebellerei im Badischen bisher\nnichts wußten, nicht sehr ungebildet und wünschen nicht,\nuns vom Theater geschichtlich bilden zu lassen.\" Ich\nhatte mir immer eingebildet, daß Herr Engel diese Lücke\nseiner Bildung schon im Jahr 1913 ausgefüllt hätte.\nDieser Held von MosseN kämpft angeblich für einen\nDichter, aber liest ihn nicht. Und wenn er ihn dann sogar\naufgeführt sieht, tut ihm die ganze Geschichte leid, die\ner sich eingebildet hat. Worauf Herr Engel noch be-\nmerkt: „Ein halber Mensch ist auf der Bühne so gut\nwie gar keiner.\" Die ganzen Menschen werden von der\nPresse fertig geboren. Und Herr Fritz Engel ist ein\nganzer Mensch. Er will Natur. Natur ist ihm der neue\nMensch der neuen Zeit. Ja, wenn der Doktor Schnitzler\nin das Journalistenleben greift, das ist modern. Bauern-\nstücke sind unmodern. Das hat der Herr Fritz Engel\nsehr oft in den Zeitschriften gelesen. Bauern haben keine\nfortschrittlichen Ideen. Selbst der Deutschen Tages-\nzeitung sind die Bauern von Hermann Essig zu konser-\nvativ.\nDiese reizvolle Art der Kunstbetrachtung, nämlich\nvom Gegenständlichen aus, wird logisch stets auch auf\ndie Schauspielkunst angewandt. Da gibt es zum Beispiel\neine Dame namens Agnes Straub, die ihren Reiz ver-\ngebens an Herrn Engel verschwendet: „Leidenschaft\nsteckt in ihr und sucht und findet starken Ausbruch.\"\nDas Finden des Ausbruchs bezieht sich schon auf die\nWeinkarte beim Abendessen. „Aber für Rollen, über\ndenen das Wort Liebe steht, fehlt ihr die Glaubhaftigkeit.\nIhre Zeit wird vielleicht erst kommen, wenn sie Gestalten\nwiedergibt, von denen Sinnenreiz nicht mehr auszugehen\nhat.\" Herr Fritz Engel beurteilt demnach auch den\nSinnenreiz für die Allgemeinheit. Schließlich ist Herr\nFritz Engel darin für sich selbst so maßgebend, wie in\nder Bewertung von Kunst. Hingegen hat er nicht ge-\nmerkt, daß in dieser Agnes Straub keine Leidenschaft\nsteckt. Daß der Trieb für sie eine Angelegenheit des Salons\nist. Hingegen verwechselt Herr Paul Biensfeldt einen\nDämon mit einem Kasperle. Was nicht zu verwundern\nist, da Herr Biensfeldt früher bei Max Reinhardt spielte.\nDie einzige schauspielerische Leistung des Abends bot\nMax Pohl, eine künstlerische Gestaltung in Tonfall\nund Rhythmus. Dem Spielleiter Doktor Bruck gebührt\ndie Anerkennung, die künstlerisch richtigen Zeitmaße des\nSpiels gefunden zu haben.\nEs ist wohl nicht nötig, an dieser Stelle zu sagen,\ndaß die gesamte Kritik das Schauspiel nicht erfaßt hat.\nWenn man auf der Suche nach ganzen und halben\nMenschen ist, wird man nie Kunstgestalten finden. Die\nHerren vergessen immer, daß Kunst Spiel und Gleichnis\nist. Daß die Handlung eines Dramas kein Kurzwaren-\ngeschäft ist, wo festgestellt wird, ob die Tageskasse und\nob die Bücher richtig sind. Handlung ist Wirkung und\nnie Ursache. Vor jeder Tat steht der Trieb. Der Trieb\nist nicht logisch im Sinn einer neuen und alten Zeit. Der\nTrieb ist Zwang und Kraft. Die Berliner Kritik gibt sich\nfreiwillig ernst und ist unfreiwillig komisch. Das ist\nihre Kraft. Der Künstler hat keinen freien Willen, er\nwird getrieben.\nWo nehmen nur Menschen den Mut her, wissen zu\nwollen, wohin andere Menschen getrieben werden. Aber\ndiese Art Menschen lebt nach Rollen. Für sie steht das\nWort Liebe darüber. Sofort wissen sie alle, was Liebe\nist. Was Kunst ist, wird diese Art Menschen nie wissen.\nWeil das Wort Kunst nie darüber steht. Weil nämlich\ndas Wort die Kunst ist.\nZur sachlichen Belehrung der Berliner Presse: Der\nHeld vom Wald geht zu Grunde, nicht aus Einsicht in\ndie Demokratie, sondern weil er nicht seinem Trieb folgt,\nsein Leben zu sterben. Er lebt weiter, Anderen zu Liebe\nund zu Willen. Das kann man leisten, wenn man sich\nKunstkritik leistet.\n\nDie Kunst dem Volke\nH. W.\nDürrenberger Zeitung: „William Shakespeare (sprich\nSchekspier). In meisterhafter Schilderung der Charaktere\nzumal in der Darstellung menschlicher Leidenschaften\nbis heute unerreicht, ragt er durch dichterische Kraft\nwie sittliche Größe auf gleiche Weise hervor. Auch\nunsere deutschen Dichterfürsten, Schiller und Göthe (An-\nmerkung für die Dürrenberger Zeitung: sprich Goethe)\nhaben das mit neidloser Bewunderung anerkannt. Ver-\ndanken wir doch ersterem . . während der letztere .. .\"\nWorauf das Letzteste zuletzt kommt: „Sein stets wach-\nsender Ruhm brachte ihm auch erhebliche Erträge ein,\nfürs Stück bis zweitausend Mark nach un-\nserem Geld, so daß er sich in seinem Heimatsort\nStradford eigenen Grund und Boden erwerben konnte.\nJ. H.\"\nWenn Schekspier nun gar erst expressionistisch ge~\ndichtet hätte.\n\nAnmerkungen\nDer grüne Jäger\nExpressionistische Tänze\nEs ist immer peinlich, Fremdworte falsch zu ge-\nbrauchen oder zu verwechseln. Auch wenn es einer so\nreizenden Frau wie Grit Hegesa passiert. Sie tanzig in\nder Hochschule für Musik ihre Mißverständnisse einem\nsehr geneigten Publikum vor. Sie tanzte? Nein — sie\nhopste. HoifeteJLiteratur (von der Marlitt bis Nietzsche!)\nund nannte das \"expressionistisch! Sie soll sich einmal\n(vielleicht von irgend einem Fräulein in den Büros des\n„Sturm\") die Fremdworte: Expressionismus, Impressio-\nnismus, Literatur, Pantomime und Tanz (auch Tanz ist\nfür sie ein Fremdwort!) erklären lassen. Vielleicht wird\nihr dann klar, daß sie gar nicht was Expressionis-\nmus ist und daß ihre Darbietungen — will man sie schon\neinreihen — durchaus impressionistischer Art sind. Also»\nwenn es schon sein muß: „impressionistische Tänze\" —\nschöne Frau — und die schlanken Finger weg vom\nExpressionismus, damit man nicht auf sie klopfen muß.\nExpressionismus und Mode\nNoch gibt es keine „expressionistische\" Mode und\nhoffentlich bleiben wir Expressionisten von einer solchen\nverschont. Aber eine schlimmere Gefahr taucht auf:\nDer Expressionismus droht selbst Mode zu werden.\nSchon heben sich wetterkundige Nasen, Cassirer uncf\nReinhardt und wie sie alle heißen '— und prüfen die\nWindrichtungen. Schon fangen sie an, die Mäntel nach\ndem Sturm zu hängen. Alle guten Götter der Künste\nmögen uns vor diesen Freunden schützen. Es wäre\nschrecklich, wenn der Expressionismus durch die Kon-\niunkturausschlächter — Mode werden sollte: man denke\nein schlächter Geschmack und Mode. Da werden wir\nnicht mitmachen.\n\nMitteilungen\nDas Theater der Expressionisten hat\nseine Vorarbeiten begonnen. Ausbildung in der Kunst-\nschule „Der Sturm\", Berlin W9, Potsdamer Straße 134 a.\nAnmeldungen sind dorthin zu richten.\nLothar Schreyer hält in der Kunstschule „Der\nSturm\" einen öffentlichen Vortrag über das Bühnenkunst-\nwerk. Dienstag, den 8. Januar, 5—6 Uhr: Die Bühnenkunst;\nDienstag, den 22. Januar, .5—6 Uhr: Die Farbform des\nBühnenkunstwerks; Dienstag, den 5. Februar, 5—6 Uhr,\nDie Bewegung des Bühnenkunstwerks; Dienstag, den\n19. Februar, 5—6 Uhr: Der Ton des Bühnenkunstwerks;\nDienstag, den 5. März, 5—6 Uhr: Das Spiel des Bühnen-\nkunstwerks. Anmeldungen durch die Kunstschule „Der\nSturm.\"\nDer Verein Sturm-Bühne / Vorsitzender\nDoktor John Schikowski / Geschäftsstelle Scharren-\nstraße 11, versendet kostenlos Aufruf und Satzungen.\n\nHerausgeber Herwarth Waiden\nVerlag Der Sturm 1918 / Berlin W 9\nErste Folge / Januar 1918\nDruck von C. Horak / Berlin W57"}]}