{"numero_id": "bm-bmtnaal-1918-02-01", "volume": "bmtnaal_1918-02_01", "ocr_sha256": "5b6c71d5c26157e205c612a72ed2fbf48fd8d1225d76fed6ed5ec94c0d09170c", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnaal/issues/1918/02_01/bmtnaal_1918-02_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnaal/issues/1918/02_01/bmtnaal_1918-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnaal-1918-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-02_01#c001", "volume": "bmtnaal_1918-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.1", "debut_caractere": 55, "fin_caractere_exclue": 343, "texte": "Inhalt:\nHerwarth Waiden: Der Kornfeld\nauf der flachen Hand / Achtung! 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Neben den\nExpressionisten Franik Wedekind, Herbert Eulenberg und\ndem kühl-überlegenen Carl Sternheim regt sich seit ge-\nraumer Zeit ein neues junges Dichtergeschlecht, das, auf\nden Spuren Georg Büchners wandelnd, dem Expressionis-\nmus neue Wege bahnen und ihn auf der Biilme\nheimisch machen will.\" Expressionismus, die große\nMode. Sogar die Herren Büchner, Frank Wede-\nkind und Herbert Eulenberg erhalten von Frankfurt den\nhohen Orden des Erpressionismus verliehen und nehmen\nihn danlkend an. Und das neue junge Dichtergeschlecht,\ndas schon auf den Spuren wandelt, brauchte also eigent-\nlich nicht 'die Tätigkeit von Arbeitssoldaten auszuüben\nund neue Wege bahnen, da die Spuren bereits breit genug\nsind und bis auf Herrn Schiller zurückweisen. Endlich\nerfährt man auch aus Frankfurt, was dieser merkwürdige\nExpressionismus ist: „Er sieht seine vornehmste Aufgabe\ndarin, den Menschen als Kraftzentrum darzustellen, in\ndem allerhand seelische Kräfte unnennbarer Art wirken\nund seine Handlungen bestimmen. Die seelische All-\ngewalt steht ganz und gar im Mittelpunkt, ihr ordnet sich\nalles unter.\" Der Mensch ist der Kraftmittelpunikt und die\nseelische Allgewalt steht ganz und gar im Mittelzentrum.\nDie seelischen Kräfte wirken unnennbar und die Hand-\nhrngen werden durch die vornehmste Aufgabe bestimmt.\nSoweit wäre die Sache ganz klar, wenn nicht das\nexpressionistische Drama dieser unnennbaren Art etwas\naussprechen müßte: „Ein ausgesprochenes Drama dieser\nArt ist Paul Kornfelds fünfaktige Tragödie Die Ver-\nführung. Während das erste expressionistische Drama,\nder Sohn namens Hasenclever die Jungfrau von Orleans\nzur Mutter hatte, läßt sich Herr Kornfeld von Richard\nWagner verführen, nicht ohne dem Herrn Meyerbeer\nseine Hochachtung zu bezeugen. „Die Tragödie beginnt\nmit der scheinbaren Rettung und Erlösung Bitterlichs\ndurch eine ihn befreiende große Tat, einen Mord an dem\nPhilister an sich, der sich ihm in der Gestalt eines ge-\nwissen Joseph, dem Bräutigam eines ältlichen Mädchens,\nverkörpert und der ihm als der Typ alles Niedrigen und\nGemeinen., als der menschgewordene Teufel erscheint.\nNun ist zwar schon der Name bitterlich, aber daß der\nJoseph-Mensch gleich Teufel ist, scheint mir doch zu\nausdrucksvoll. Worauf die Mutterliebe einsetzt: „Selbst\ndie Bitten seiner alten Mutter vermögen ihn nicht zu\nrühren. ,Mutter, gehe fort, Du bist die schadhafte Stelle\nan meinem Strick' schreit er in höchster Ekstase.\" So\nein Strick ist dieser Bitterlich. Die Mutter findet ihn un-\nnatürlich: „ ,Dein Leben von meinem abschneiden? .Was\nverlangst Du, unnatürlicher Sohn?' erwidert diese und\nläßt ihn allein in seiner selbstgewollten Einsamkeit.\nAber sie wacht und sucht trotz aller nach Rettung, wie\nes nur eine Mutter vermag: ,Ich bin immer wie hinter der\nTür.'\" Das vermag eine Mutter zu sagen, „Und so\ngeht sie dann durch das ganze Drama, wie die personifi-\nzierte Mutterliebe.\" Jedenfalls eine modern gesonnene\nMutter, die durch das ganze expressionistische Drama\nmitgeht. Indessen wächst der Kornfeld weiter auf der\nHachen Hand: „Die Verführung in Gestalt der jungen\nRuth Vogelfrei löst ihn aus dem Kerker. Unter einem\nMord tun es die Expressionisten nicht, weshalb auch\nDostojewski zu diesem Dichtergeschlecht zu zählen ist.\nRuth Vogelfrei ist gleichfalls etwas bitterlich, aber auf\nden Expressionisten Bitterlich macht sie Eindruck: „Er\nist wieder in der Welt und zieht an ihrer Seite hinaus\nins Leben, das er nun im rosigsten Lichte sieht, obwohl\nes nach wie vor vom Philister und vom Alltagsglück- und\nVergnügen beherrscht wird.\" Dieses Stück Kunst ist\nkein Kunststück. Warum soll der Herr Bitterlich an der\nSeite der vogelfreien Dame die Welt nicht im rosigsten\nLichte sehen, wo ihm doch außerdem die personifizierte\nMutterliebe durch und durch geht. Es wäre nun alles\nganz schön gewesen, wenn dieser bitterliche Parsifal nicht\nauf Wilhelm reingefallen wäre. Wilhelm ist nämlich der\nBruder jener Ruth, die den Expressionisten rosig ver-\nführte. Da ihr das so rosig geglückt war, will der Bruder\ngleichfalls eine Verführung inszenieren, vielleicht nur in\nder Hoffnung, einmal expressionistischer Regisseur in\nFrankfurt zu werden: .„Das Glück des Unglücks und des\nJammers, nachdem er zuvor geschrien, scheint vom\nwahren Glück der Zufriedenheit in der Liebe ausgelöst\nzu sein, zumal auch der Bruder seiner Ruth, Wilhelm,\nein weiterer Typ des Philisters, in brutaler Verlogenheit\neine zweite Verführung inszeniert, indem er ihm vor-\ntäuscht, man würde ihn zu Hause durchaus verstehen in\nseinen Anschauungen, man würde seine Mordtat entschul-\ndigen und ihn und Ruth mit offenen Armen aufnehmen.\"\nDie Familie Vogelfrei scheint also nicht so expres-\nsionistisch gesonnen zu sein, sie hält sich an den Herrn\nMeyerbeer: ~Da aber kommt die letzte große tragische\nEnttäuschung. Wilhelm entpuppt sich als sein Todfeind,\nder ihn durch Gift ums Leben zu bringen versucht, vor-\nher aber selber, durch Bitterlich gezwungen, seine schon\nwirkende Tat büßen muß.\" Gift ist nicht nur tragisch,\nes ist ausgesprochen expressionistisch, gleichsam die\nseelische Allgewalt im Kraftzentrum. Auch der Frank-\nfurter Kritiker nimmt einen feinen Zug aus der Gift-\nflasche: „Ein feiner Zug ist dabei noch der, daß Ruth\nund die Mutter, jede in Gedanken an Rettung für den\nGeliebten, die ominöse Giftfl a s c h e durch Ver-\nwechslung an ihren verhängnisvoll und totbringenden Ort\nstellt.\"? Mir scheint doch eine Verwechsung mit dem\nExpressionismus vorzuliegen, trotz dem feinen Zug. Und\nnun wird die Enttäuschung immer tragischer: „So stürzt\ndann zum Schluß alles zusammen.\" Nicht nur die Gift-\nflasche: „Auch Ruth gibt sich in ihrem Jammer den Tod\nund Bitterlich endet als ein vom unabwendbaren Schick-\nsal Besiegter, selber freilich triumphierend über Philister-\ntum, Dummheit und Gemeinheit, ohne sie jedoch, wie er\nes wünschte, aus der Welt geschafft zu haben. ,Das\nChaos1 ist das einzig Ewige . . das ist der Weisheit\nletzter Schluß.\" Es bleibt zu bedauern, daß die beiden\nliebenden Damen mit der ominösen Giftflasche hantierten.\nSonst hätte Herr Bitterlich vielleicht noch manches ex-\npressionistische Drama in die Welt geschafft. Immerhin\nist das Chaos auch schon eine ganz hübsche Sache.\nHerr Kornfeld meint: „Es ist so schön, mißhandelt zu\nwerden.\" Aber muß es denn gerade der Expressionismus\nsein.\nSelbstverständlich hat der expressionistische Re-\ngisseur Max Reinhardt sich sofort verführen lassen.\nMoissi spielt bitterlich, die Ruth ist noch vogelfrei."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-02_01#c003", "volume": "bmtnaal_1918-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.2.3", "titre_corps": "Achtung! Neuheit", "titre_sommaire": "Achtung! Neuheit", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.1", "debut_caractere": 6880, "fin_caractere_exclue": 10647, "texte": "Achtung! Neuheit\nHerwarth Walden\n„Wir haben uns nun mit allen, die das Gute wollen,\nan eine Tafel gesetzt, um einen Kampf gegen den ge-\nmeinsamen Feind, der Publikum heißt, zu führen und der\nJugend zu ihrem Recht zu verhelfen.\" . Prost Mahlzeit\nkann man zu diesem Kampf sagen, zu dem sich das Junge\nDeutschland mit seinem Tischredner, Herrn Felix HolL-en-\nder, an die Tafel gesetzt hat. Aber es ist nicht so\nschlimm gemeint, das Publikum ist höflich eingeladen:\n„Und dabei werben wir und die Jugend um dies viel ge-\nschmähte Publikem. Ihm zu Ehren wird diese Gesell-\nschaft gegründet und sie wird jetzt gegründet, weil über\ndie ersten Ansätze und Versuche hinaus wir einer ge-\nschlossenen künstlerischen Geistesrichtung gegenüber-\nstehen, die in ihrer Totalität ein inneres Recht darauf\nhat, auf ihre Entwicklungsmöglichkeiten ebenso wie auf\nihre zeitliche Bedeutung hin vorurteilslos geprüft zu\nwerden.\" Nämlich von Herrn Felix Hollaender und Herrn\nMax Reinhardt, die nach Tisch bei einer guten Zigarre\nin den Geist paffen. Das Junge Deutschland besteht vor\nHollaender und Reinhardt aus Gerhart Hauptmann, Max\nBrod, Heinrich Mann und zahlreichen Schillerepigonen.\nAlle diese Dichter des Jungen Deutschland denken\nauch noch nebenbei. Etwa wie der Dichter Paul Korn-\nfeld: „Wenn der Mensch Mittelpunkt des Dramas ist,\nso bleibt es immer noch dem Künstler überlassen, ob er\ndiesen Mittelpunkt gestalten und festhalten will als Seele\ndes Menschen oder als ein Charakter eines Menschen.\nDie Dramatiker der vorigen Generation wählten das\nLetztere.\" Während also die letzteren Künstler ihren\nPunkt auf den Charakter setzten, lassen jetzt die\nerstesten Künstler ihren Punkt in den seelischen Bei-\nstrich hinfließen. Die Seele des Menschen ist die Totalität\nder geschlossenen künstlerischen Geistesrichtung, die das\nalte Deutsche Theater und das Junge Deutschland für\nKunst halten. Oder der Dichter Emil Gött denkt so: „Es\ngibt kein Ende: Jeder Augenblick ist ein Anfang von\nEwigkeit.\" Um die ganze Tiefe dieses Ausspruchs voll\nSeele zu empfinden, genügt kein Mittelpunkt. Das- muß\ndurch einen Doppelpunkt: versinnlicht werden. Oder der\nDichter Reinhard Sorge dichtet jungdeutsch:\n„In weiten Kreisen Deine Flüge grabend:\nDurch Finsternis, durch wirren Traum gigantisch,\nDurch Qualenstriche, Höhlenraum gigantisch\nRuhlos gen Morgen, ruhelos gen Abend . . .\nDrehen Dich höher Deine wilden Schreie\nAus Vaiterfluch und allen Mutterschmerzen,\nBald zündet ewige Zeugung Sternekerzen :\nUnd trotzig steigt Erlösung aus der Kleie .\nMan kann den Trotz der Erlösung seelisch nach-\nfühlen, wenn der Dichter sie aus der Kleie hervormahlt\nUnd alles das nur deswegen, damit ihn seine wilden\nSchreie höher durch Qualenstriche drehen, ohne daß ihm\nder Reim auf gigantisch geglückt ist. Durchaus ein Bild\nfür Hollaender. Oder der jungdeutsche Dichter Max\nBrod dichtet so:\n„König: Das kann nie geschehen. Bei Vasfhi hielten mich\nBerechnungen fest,\ndie falsch sein konnten. Dich aber füh 1 e ich Esther\nEsther: Auch das Gefühl trügt.\"\nDa Herr Max Brod noch zu beiden Generationen\ngehört, hält er sich an den letzteren Berechnungen der\nvorigen Generation fest, trotzdem er schon die ersteste\nfühlt. Worauf die neue Generation aber seelisch bemerkt,\nsozusagen neuschöpferisch, daß auch das Gefühl trügt\nWoraufhin sich Herr Max Brod am besten schon der\nkommenden Generationen wieder einmal verschreiben\nsoll. Denn das Schreiben ist nicht so einfach.\nWer sich für dieses Junge Deutschland weiter inter-\nessiert, lese die Monatsschrift für Theater und Literatur:\n„Das junge Deutschland\", herausgegeben vom Deutschen\nTheater. Erster Jahrgang. Das Schaf im Wolfspelz\nblökt aber selbst sofort: „Vierter Jahrgang der Blätter\ndes Deutschen Theaters.\" Schafe können eben ihr Alter\nnicht lange verschweigen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-02_01#c004", "volume": "bmtnaal_1918-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.2.4", "titre_corps": "Der neue Lessing", "titre_sommaire": "Der neue Lessing", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3363, "texte": "Der neue Lessing\nHerwarth Walden\nHamburg hat seine Dramaturgie durch Gotthold\nEphraim Lessing, Berlin seine dramaturgischen Be-\nmerkungen durch nunmehr Gottlob Arthur Eloesser.\nHerr Eloesser ist der Dramaturg des Lessing-Theaters,\nnicht ohne vorher Theaterkritiker der Vossischen Zeitung\ngewesen zu sein. Nicht ohne daß sie vorher im Verlage\nLessingscher Erben erschien. Die Verwandtschaft ist\nbedeutend, sogar erblich belastend. Wen dürfte es füglich\nwundern, daß sich Herr Arthur Eloesser dramaturgisch\nbemüht.\nA. Schönheit des Schmerzes\na. Die Träne: „Als Joseph Kainz im reiferen Alter\nden Orest spielte, stürzte ihm plötzlich die Träne, die\nihm sonst nicht mehr leicht kam, in blanken Bächen aus\ndem Auge. War er so traurig über das Schicksal des\nOrest? Ganz gewiß nicht. Aber er hatte sich so in den\nOrest verwandelt, daß er dem Orest zuhören konnte,\nund da weinte er vor Lust über die Schönheit der Verse\nin seiner Stimme.'' Orest, dieser alte Goethekenner,\nweinte vor Lust über die Träne, die in Schmerzens-\nbächen dem Dramaturgen Eloesser im reiferen Alter\naus dem andern Auge stürzte.\nB. Die Schönheit des Essens\na. Die Kunsttunke. „Poetische Dramen. Der\ndeutsche Dichter will seine dramatischen Gedichte gleich\nin Poesie anrichten, statt diesen Edelsaft aus einer\nschönen Fleischlichkeit herausschmoren zu lassen. Im\nAnfang war der Braten, am Ende war die Tunke.\" Und\ndiese Fleischlichkeit hat sich au Goethen vollgetunkt. Der\nBraten ist so gar, daß man dem Koch den Cirain\nmachen soll.\nb. Das Wirtschaftsbuch: „Oekonomie. Die großen\nDramatiker sind immer haushälterische nach Sesshaftig-\nkeit und vornehmer Bürgerlichkeit verlangende Naturen\ngewesen, Shakespeare, Moliere, Goethe, Schiller, Ibsen\nhaben Wirtschaftsbücher geführt.\" Heinrich von Kleist\nhat dem großen Dramaturgen diesen Gefallen nicht getan.\nNun hat es der Kleist davon.\nC. Die Schönheit der Geselligkeit\na. Dramaturgische Naivität: „Künstler und Kind.\nMan kann aus der Gesellschaft von Schauspielern so\nfrohe und unbelastende Stimmungen mitnehmen wie aus\nder von Kindern.\" Wir tanzen Ringelringelringelringel-\nreihn.\nD. Der Dramaturg über Kunst\nx für ein u: „Das Rätsel der Schauspielkunst. Als\nTalma eine große tragische Rolle spielte, wurde er von\nder Beobachtung überrascht, daß sein Vortrag, weil er\nplötzlich an ein schweres häusliches Leid denken mußte,\nganz unwillkürlich in einer Vibration zitterte, wie er sie\nnoch nie an sich erlebt hatte. Da auf das Publikum\neine ungeheure Wirkung ausging, so beschloß er, diesen\nneuen Tonfall künftig als Kunstmittel zu verwenden.\nAus dieser Beobachtung ein Buch gemacht — und das\nRätsel der Schauspielkunst ist enthüllt.\" Gelöst ist\nhiermit das Rätsel wie ein Theaterkritiker und Dramaturg\nsich selbst in schöner Fleischlichkeit enthüllen kann.\nWenn er plötzlich an Wirtschaftsbücher denkt oder an\nTunke, zittert er unwillkürlich und findet die Schau-\nspielkunst bong. Die Träne stürzt in Bächen und der\nSchauspieler ist entdeckt. Vibriert der Herr .Theater-\nkritiker nicht, schmort der Braten, daß jener nachher\nseine Freude hat, so ärgert ihn der Aufenthalt und er\nspeit Tinte.\nu für ein x: „Stildramen. Ein Drama stilisieren,\nheißt, daß mit Kunst weglassen, was man von Natur\nnicht kann.\" Ein Drama kritisieren, heißt, das von\nNatur weglassen, was man mit Kunst nicht kann.\nMit diesem Geiste wird das Lessing-Theater zu\nBerlin geleitet"}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-02_01#c005", "volume": "bmtnaal_1918-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.2.5", "titre_corps": "Gang Kurt Heynicke", "titre_sommaire": "Gang Kurt Heynicke", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.2", "debut_caractere": 3365, "fin_caractere_exclue": 6107, "texte": "Gang\nKurt Heynicke\nNacht\nStraße\nGaslaternen\nWeib: Ich bin so müde meiner Schmerzen Weg;\nder Domengurt um meine Lenden springt:\nGebäre!\nStimme: Gebet\nWei b : Ich bin das Blut der Welt\ndie Erde wird in Blut ertrinken\ndie Sonne stirbt\nder Schmerz steigt in die Hütten!\nStimme: Gehe!\nWeib: Aus meinen Lenden blüht des Leidens Frucht\ngesät mit Freuden wimmert Ernte Schmerzen in\ndie Zeit\nder Augenblick ist Ewigkeit\nErkenntnis fällt aus tiefstem Leide.\nStim m e : Gebäre!\nSchrei M u s i k der Erde\nDonner Fallen\nBerg\nSchnee\nGipfe 1 w e g\nGreis: Das Ende steigt\ndie Erde fällt von meiner Stirn\ngenug!\nStimme: Steige!\nGrei s : Von meinen Augen fällt die Erde\nich fühle Himmel überströmend meine Seele fassen\nich bin Erkenntnis groß geworden.\nStimme von unten: Nimm mit!\nGreis: Aus meinen Füßen zieh ich letzte Dornen,\nerblühend tastet Sonne mir ins Haar,\nunmenschlich faß ich\nEnde\nGott!\nSonne glüht Rosen in den Schnee]\nSo schreiten wir auf Leid dahin\naus tausend Schmerzen wachsen) Dornenkränze\nGeburt und Liebe, Tod sind Leiden\naus uferlosen Klagen schluchzt ein Berg empor:\nam Gipfel fällt Erkenntnis in die Brust:\nwir sind ein Hauch aus Gottes Mund\nein Atemzug ist unser Leben!\nErlöse\nSonne!\nMusik des Todes\nGlühen Steigen\nKapelle\nAbend\nSchmerzensreiche Mutter mit dem\nKnaben\nMusik der Kirche\nDie Stimme der Schmerzensreichen:\nEwig ihr Schmerzen der Welt\nEwig die Liebe der Schmerzen.\nO ewige Schmerzen der Liebe!\nDer Abend blüht Gold\nMüde Gasse\"\nMittag\nDer ewige Wanderer:\nDer ewigreiche Tag kniet vor des Mittags Tor\nAuf meinen Scheitel rastet der Bestimmung heiße\nSonne\newig\nwandre!\nIch bin der gleiche Tag des Leidens\nder urbetretne i\ngottgepeitschte\nMenschen-Weg.\nIch\nbin , -\nDonner Staub Erde\nDie ewige Glut\nDie Sünder\nDie Sünder: Glühe Nacht\nzergliihe Nacht die Nacht der Seelen\nSchmerze Tag\nzerschmerze Tag den Schmerz der Sünden\nSt i m nie der schwarzen Engel: Leidet!\nDie Sünder: Wir leiden die Erde.\nWir leiden die Lust.\nO unsre Brust an Ketten der Erde.\nMusik der Schmerzen\nFlammen Rauch\nDer ewige Garten\nDie Seligen\nMondnacht\nDie Seligen;\nWir schweben im Arme des ewigen Monds\nSterne erblühen\nFreude sind wir.\nSchmerzen fallen auf Erde und Raum.\nRaumlos sind wir\nsonnigster Sonnen sonnigster Traum.\nDie silbernen Engel: Freude!\nMusik der Freude\nDie tiefste Ewigkeit\nDer Kreis der Sterne\nDer ewige Stern\nMusik der Welt\nDie Sterne: Im Schoß der Zeit schläft Ewigkeit.\nWir sind im Arm der Ewigkeit\nUnendlichkeit ist alle Zeit.\nWir sind die Menschen alles Leidens\nherangeblüht\nVollendung\nEwigkeit\nim Kreise.\nDer ewige Stern: Wandelt!\nDie Sterne:\nTief in dem Schoß der Zeit schläft Ewigkeit\nUrtief im Schoß der Schmerzen schlummert Gott\nGott ist der Schmerzen Endlichkeit.\nDer ewige Stern:\nIch bin!\nBrausen Rauschen\nMusik der Welten\nEnde"}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-02-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-02_01#c006", "volume": "bmtnaal_1918-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.2.6", "titre_corps": "Das Tagebuch der „S ....\"", "titre_sommaire": "Das Tagebuch der „S ....\"", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.2", "debut_caractere": 6109, "fin_caractere_exclue": 7488, "texte": "Das Tagebuch der „S ....\"\nWir veröffentlichen Fragmente aus dem Tagebuch einer\nbekannten Schauspielerin, die sich vor einigen Jahren\nwegen unbefriedigten künstlerischen Ehrgeizes das Leben\nnahm. Mit Erlaubnis der Erben.\nErste Fortsetzung\n10. November 191 .\nKarlchens gutgemeinter und mitunter geradezu\nprachtvoller Cynismus vernichtet mich geradezu. Er\nspricht über Prostitution in „unserer\" Kunst und jedes\nWort zielt auf mich!\nEr bemerkt das gar nicht. Aber ich glühe vor\nScham und schüttle mich vor Ekel\nBin ich eine Dirne?\nDirnen sind Weiber, die ihre Gunst und ihre Reize\nfür Geld verkaufen.\nEhrlich gemein sind sie und offen schamlos.\nSie geben sich preis — ein treffendes Wort; sie\n„geben sich\" für einen „Preis\" —\nOder, wie Karlchen sich so geschmackvoll ausdrückt:\nsie machen die Beine breit für Geld —\nIch tue ja viel Schlimmeres. Ich zeige meine ver-\nstecktesten inneren Reize coram pubiico —\nUnter dem Vorwand der „Kunstekstase\" kitzle ich\nihre Sinne auf — Männern und Frauen, die den Eintritts-\npreis daran wagen. Nicht mit körperlicher, mit seelischer\nPreisgabe!\nEine schöne Konkurrenz! Eine schmutzige Preis-\nunterbietung!\nDabei belüge ich mich und betrüge meine\nKundschaft —\nWas sie erhalten, will ich ihnen gar nicht geben —\num keinen Preis —\nUnd was sie so billig einhandeln, das wollen sie ja\nim Grunde gar nicht haibern denn das können sie ja\nnimmer bezahlen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7192, "texte": "Und schenken läßt sich diese Gesellschaft doch\nnichts — auch wenn sie Freibillets haben.\nGegen das, was ich jeden Abend für mein Honorar —\nich fühlte mich bis heute amständig bezahlt — hergebe,\nmüßten, sie sich daran setzen, wie ich mich daran-\nsetze: mit Leib und Seele!\nDann wäre es wie ein großes innerliches Ineinander-\n■strömen, wie eine heilige Liebe! Wie ein „Sich-Finden\"\nin Liebe!\nAber gibt es so etwas zwischen Schauspieler und\nPublikum?\nEs gibt so etwas zwischen der großen Kunst und\nIhr e m Publikum!\nDas weiß ich. Und nun weiß ich auch, daß es auf\nder Bühne noch keine große Kunst gibt — oder nur in\nden seltensten Fällen.\nSonst wären wir eben Künstlerinnen und keine —\nHuren, wie Karlchen sagt — und wie es fast immer der\nFall ist\nEhrlich: wie es bei mir der Fall ist —\n18. November 191 .\nIch bin totunglücklich.\nAcht Tage habe ich mich von niemandem sprechen\nlassen — acht Tage habe ich mich eingeschlossen.\nIm. Theater habe ich abgesagt. Auch Karlchen hat\n■zweimal vergeblich angeklopft.\nIch war wirklich krank. Krank vor innerer Un-\nklarheit, krank vor Zweifelsucht, krank vor Scham.\nDie letzten Wochen haben ein Chaos in mir ge-\nschaffen — alle Ideale sind zusammengebrochen, mein\nSelbstbewußtsein, mein Glaube an mich — alles liegt auf\neinem Schutthaufen und bedeutet mir jetzt nichts, als\naltes Geriimpel, mit dem ich nichts mehr anzufangen weiß.\nIch muß klar sehen —\nWas bin ich? Zu was lebe ich? Was will ich?\nZiellos und zwecklos — ja wertlos kann und mag ich\nnicht existieren —\nDieser Zustand des ohnmächtigen Grübelns und ver-\nnichtender Selbstkritik ist unerträglich!\nIch muß zu neuen Einsichten und Aussichten gelangen\noder untergehen —\nUnd helfen kann mir da niemand. Auch Karlchen\nnicht. Ich muß es mit mir selbst ausmachen. Ich muß\nmeine Selbstachtung zurückgewinnen.\nIch mag und kann nicht a's Dirne leben — nicht in\n..Großformat\" und auch nicht in „künstlerischem\nRahmen.\"\nIch fühle mich erniedrigt, beschmutzt durch die Er-\nkenntnisse, die mich überfallen haben, wie Diebe über\nNacht, die unbarmherzig und schamlos mir alle Schleier\nvon der Seele rissen, daß ich jetzt in meiner Nacktheit\nzittre und bebe in der Kälte meiner auf mich gerichteten\nBlicke.\nWas ich für künstlerische Freiheit nahm, für künst-\nlerische Notwendigkeit hielt, für das Recht einer über\nder Alltagsmoral stehenden Persönlichkeit — erscheint\nmir heute als hemmungslose Liederlichkeit und simpler\nSinnerhunger, der log, um sich zu sättigen.\nMasken — Masken — Kulissen — Kulissen —\nTheater!\nSo gehöre ich also wol innerlichst zu all dem\nUnfug und all dem falschen Schein, den dies Wort zu-\nsammenfaßt und hinter einem Vorhang (mit wunderbarem\nsymbolischem Tiefsinn bemalt, wie dem unseren) verbirgt!\nWas hat dies Theater aber mit Kunst zu schaffen?\nWas hat das Theater überhaupt mit Kunst zu\n•schaffen?\nO Frage meiner Verzweiflung —!\n— — Da fällt mir das Theater der Griechen ein —\ntlas hatte keinen Vorhang! Merkwürdig. Hatte es nichts\nzu verbergen?\nIch werde antike Dramen lesen — •—\n29. November 191 .\nDas erste Mal — zu meiner Schande muß ichs ge-\nstehe *— habe ich mit Verständnis Sophokles gelesen.\nAntigone!\nUnd meine Seele stieg aus einem reinigenden Bade —\nUnd mein Herz schlägt wieder zuversichtlicher —\nIch atme — ich lebe wieder — fühle wieder strömende\nKräfte, die mich aufwühlen, hochreißen — Ich fühle\nwieder Kunst\nMeine nächste Rolle soll Antigone heißen!\nWenn ich es durchsetzen kann! Aber mit meiner\nBegeisterung werde ich es durchsetzen. Und die Vor-\nstellung muß — griechisch werden.\nOhne Vorhang — ohne Kulissen — ohne Hinter-\nria liiges und Verstecktes - —\nAlles Offenbarung— ~ ;\nUnd keusch und heilig will ich sie aus mir heraus-\nströmen lassen, die reine Seele Antigenes — ihren\nSchmerz, ihre Schwesternliebe, ihre Verzweiflung- — Und\nnichts Unkiinstlerisches soll mich berühren —\n21. November 191 .\nIch habe gleich an Karlchen telephoniert —\nEr kam und war begeistert wie ich —\nWir lasen zusammen — er die Männer — ich die\nFrauen — die Chöre lasen wir wechselnd —\nEine herrliche Sprache — auch noch in der Ueber-\nsetzung.\nIch fühle das Griechische hindurch — welch wunder-\nvolle Menschen müssen diese Hellenen gewesen sein.\nKarlchen schwärmt von ihnen. Er ist schrecklich\nbelesen und gescheit!\nUnd so haben wir uns richtig in einen Rausch hinein-\ngeredet.\nEr hatte ganz leuchtende Augen und umfing mich mit\nBlicken. Plötzlich sagte er, sich mitten im Sat2 unter-\nbrechend: „Wie schön Du bist!\"\nWeiß Gott — ich wurde pluderrot — so dumm.\nAber einen Kuß sollte er haben für das Kompliment —t.\nIch neigte mich zu ihm — er umarmte mich — einen\nAugenblick war mirs unbequem, fast unangenehm --\ndann aber fühlte ich den verlangenden Druck seiner\nArme und die Sehnsucht seiner heißen Lippen — eine\nBlutwelle siedete durch meinen Leib — ich schloß die\nAugen —\nEr stammelte sinnloses Zeug —\nDa warf ich mich an seine Brust —\n22. November 191 .\nIch habe ein sehr unangenehmes Gefühl in mir.\nWieder schlug mein seelischer Rausch wie so oft\nin sinnliche Begierde um, die mich um allen Verstand\nbrachte. Ich könnte mich ohrfeigen.\nAbgesehen davon, daß ich mich dafür hasse, ja ver-\nachte — war es eine fürchterliche Dummheit.\nGewiß, ich schätze und achte Karlchen, wie keinen\nunter meinen Bekannten und Kollegen. Er steht mir auch\ninnerlich näher, als irgend jemand. Aber, wenn ich offen\nsein soll, ich hatte bis zu diesem verhängnisvollen\nGestern doch noch nie die Sehnsucht oder auch nur den\nGedanken, ihm zu gehören.\nNun habe ich mich ihm gegeben — und liebe ihn\ndoch gar nicht.\nUnd Karlchen ist so ein schwerer Mensch. Tief und\nschwer.\nEr tut mir aufrichtig leid\nIch bin außer mir über mich. Was soll ich nur tun?\nTheater spielen?!\nNein — ich will mich nicht wieder selbst verlieren —\nUnd wenn ich sterbe vor Scham unter seinen ehr-\nlichen Augen — ich will aufrichtig zu ihm sein, wie er\nes zu mir ist.\nDer Arme — er war so glücklich — —!!\n23. November 191 .\nEs war wohl das Schrecklichste was ich bis heute\nerlebt habe.\nEr kam, siegesbewußt — zu siegesbevaißt Das\nreizte mich, und machte mir den Anfang leichter als ich\ndachte. Ich verweigerte ihm den verlangten Begrüßungs-\nkuß. Ich war kühl. Ich sprach von Dummheiten, die\ngute Freunde nicht machen sollten und so weiter. Ich\nsprach hastig und immerzu, bis mir zum Bewußtsein kam.\ndaß er gar nichts entgegnete.\nDa wagte ich ihn anzuschauen — Er war leichen-\nblaß, aber versuchte zu lächeln. Das griff mir lis ins\ntiefste Herz hinein. Es war mir plötzlich, als hätte ich\nihm einen Dolch in die Brust gestoßen — und er lächelte\n— ja — jetzt gelang es ihm — ich sah die übermensch-\nliche Anstrengung — sah: jetzt lächelte er wirklich —\nWie sinnlos vor Reue und einer unerklärlichen Angst\nstürzte ich auf ihn zu, um ihn zu liebkosen, zu küssen,\nalles wegzuwischen, was ich ihm eben angetan, aber er\nwehrte nur ganz sanft ab und sagte fast ruhig:. „Du hast\nrecht — verzeih' mir —\" Dann erhob er sich und ging\n— lautlos ging er\nIch war wie gelähmt, bis er aus dem Zimmer war.\nDann habe ich geschluchzt und geweint, als ob mich mein\nLiebster verraten und verlassenr hätte — und doch hatte\nich in tiefster Seele ein Gefühl der Befreiung und ein\nFrohsein, daß es vorüber war —\nWas bin ich für ein schreckliches Weib!\nArmer Karl."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-02-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-02_01#c007", "volume": "bmtnaal_1918-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.2.7", "titre_corps": "Theater ist keine Kunst", "titre_sommaire": "Theater ist keine Kunst", "signature_source": "Lothar Schreyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.3", "debut_caractere": 7213, "fin_caractere_exclue": 11738, "texte": "Theater ist keine Kunst\nLothar Schreyer\nGeschwindigkeit ist keine Hexerei. Wasser tuts\nfreilich nicht. Noch wird überall mit Wasser gekocht\nUeber den Bettelsuppen schwebt der Geist Laß uns\nbetteln gehn, wenn wir hungrig sind. Das Fettauge des\nDirektors schwimmt auf der Suppe. Die Suppe ist uns\nWurst. Es wird weiter gewurstelt.\nRin in den Wurstkessel. Bis die Schwarte knackt.\nEinmal muß die Glocke werden. Es hat schon geklingelt.\nMehr Licht. Ohne Notlampen geht es nicht. Ohne Not\nkeine Kunst. Uns kann keiner. Keiner kann was.\nRin in den Wurstkessel. Die Schönen in weitem\nKranze. Gesäß an Gesäß. Dich teure Halle grüß ich _\nwieder. Stehplätze fürs Volk. Komm in meine Laube,\nFrau Geheimrat hinten, Frau Geheimrat vorne. Gesegnete\nMahlzeit. Bin schon vergeben. Bin weder Fräulein. Sie\nhaben die andere Seite. Kunst muß abgegeben werden.\nMänne, einen Groschen. Spannung. Gespannt sind die\nBusen. Gespannt sind die Vorhemdchen. Es muß doch\nFrühling werden. Wenn der Vorhang aufgeht. Die\nMenschen kommen doch immer zu spät. Der Mensch\nkommt immer zu früh.\nMein Herr! Sie gehen zu weit. Die Kunst ist kein\nVerdauungsmittel. Meine Dame! Sie können die Kunst\nnicht verdauen. Nach dem Essen sollst du stehn oder\nhundert Schritte gehn. Im Theater gibt es keinen Fort-\nschritt. Auch der Vorhangzieherist ein Charakter. Es\ngibt noch Individualitätsbesetzungen. Ihr wollt die Kunst\nbesitzen, Ist denn kein Stuhl da. Besitze dich selbst.\nWohlauf Kameraden. Er hängt. Der Vorhang ist\nauf. Oeffnet euch. Gehängt sollt ihr werden. Das\nEwig-Weibliche zieht uns aus. Oifen sind die Gesichts-\nlöcher. Im Bühnenloch findet ihr euch. Luft! Clavigo.\nKunst und Natur ist eines nur. Eins tut Not. Laß\nwas Zwitter ist dahinten. Nich in die Tüte. Pappe\nbleibt Pappe. Daher der Name Kulisse. Festgemauert\nin der Erden. Erde sollst du werden. Wir hatten ge-\nbauet ein stattlich Haus. Die Schatten sind gleich auf-\ngemalt und die versammelte Perspektive. Ja wenn die\nPinsel nicht wären. Je länger je lieber. Den Topf nicht\nzu vergessen. Der Topf ist zum Malen so nötig wie\nzum Essen. Man will doch leben. Leben und leben\nlassen. Muß ich denn mein Leben laassen. Ruhig Blut.\nDer Scheinwerfer fährt ums Morgenrot. Du sollst nicht\nmalen deines Nächsten Knecht Vieh Weib. Die Lein-\nwand ist so geduldig wie ein toter Dichter. Tote Dichter\nsind mindestens in Leinwand gebunden. Der Regisseur\nhat seine Bande nicht mal an der Leine. Auf die vierte\nWand verzichtet er grundsätzlich. Im Verzicht zeigt\nsich der Meister. Meister reimt sich auf Kleister. Kopf\nauf Topf. Stiel plus Haare gleich Pinsel. Stilbühue\nist, wenn der Pinsel keine Haare mehr hat Weglassen\nist Kunst, sagt schon Liebermann. Lauter Liebesleute.\nSie deuten an. Nicht dran zu tippen. Kiecks mein\nFräulein. Nur Künstler können so frech sein. Kunst\nist zeitlos. Zeitlose Regie ist kunstlos. Das ist das\nLos der Kunst. Früher suchte man eine malerische\nLösung, jetzt eine plastische. Erlösung von allen\nLösungen bringt nur der Tod. Und bist du nicht willig,\nso brauch ich Gewalt. Erreichet das Hoftheater mit Mühe\nund Not In seinen Armen der Dichter war tot. An-\ndeutungsweise. Vorderbühne, Hinterbühne. Vorne\nplastisch, hinten plastisch. In der Mitte Stimmung. Echte\nBlattpflanzen. Pflanze dich fort auf der Bühne. Von\n8 bis 10 Uhr abends. So leben wir, so leben wir alle\nTage.\nNacht muß es sein. Ein Sturm ist die Erde. Und.1 sie\nbewegt sich doch. Mein System. Alle Reformbewegun-\ngen sind vom Uebel. Lieber lebendig als tot Erziehung\nzur Beweglichkeit schafft keine Bewegung. Macht muS\nes sein. Kreisende Sterne gebären das Leben. Die\ninnere Macht sternt die irdische Bewegung in die Welt,\nTanz des All. Alle tanzen nur. Beine, Schenkel, Hüften,\nBäuche, Busen. Das Oberkleid, die Unterhülle. Kälber\num das goldne Kalb. Alle Schöße regen sich. Gold-\nregen in den Schoß. Das goldne Mutterherz. Ha welche\nAttitüde! Und du röchelst noch. Marschieren. Mar-\nschieren. Das beliebte Standbein fällt immer noch an-\ngenehm auf. Rechts um kehrt. Hintenraus. Wo der\nKuppelhorizont ein Einsehen hat. Und der Scheinwerfer\ndas Schwänzchen der Ballettratte färbt. Dreh dich um\ndich selbst. Wo das Gesicht ist, bleibt vorn. Wie lächle\nich nu r mit dem Gesicht, ist die Frage. Kunst ist die\nlächerliche Antwort. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.\nDer Lenz lacht in den Saal. Anstandslehre und natür-\nliche Bewegung. Die sogenannte Kunst ist immer nock\nnicht anständig genug. Das natürliche Rückgrat trägt den\nnatürlichen Bauch. Bei der höheren Tochter auch.\nEs gibt eben doch höhere Zusammenhänge. Man muS"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2266, "texte": "nur den Reim finden. Das lehrt der höhere Anstand.\nKünstlerische Bewegungen sind unanständig. Diese\nKünstler, wie die sich bewegen. Es ist ein Wunder, daß\nso was erlaubt ist. Die Kunst ist das Wunder. Nur\ndas Wunder bewegt die Welt.\nSprich vorn. Der Ton, der in der Kehle sitzt, ist\nLohn, der reichlich lohnet. Kein Theater mit ohne\nAkustik. Muß man denn gleich deutlich werden. Viel-\ndeutig ist viel besser. Die Sprache ist da, die Gedanken\nzu verbergen, Wo keine Kunst ist, hilft man sich mit\nGedanken. Die Sprache unterscheidet den Menschen vom\nTier. Darum verstehen sich die Menschen nicht.\nBilde, Künstler, rede nicht. Rede, Künstler, keine\nBilder. Im Anfang war das Wort. Sprich nicht mit dem\nMund. Sprich lieber noch mit die Fiess. Vergib ihnen,\nsie wissen nicht, was sie reden. Und wenn ich Engels-\nzungen hätte. Ochsenzungen gehören zum Geschäft.\nWer Ohren hat zu hören, soll sie sich ruhig wachsen\nlassen. Das Publikum ist ganz, Ohr. Wer mit den Ohren\nhören will, soll fühlen. Damit euch Hören und Sehen\nvergeht. Daß ihr dais Gesicht hört und seht.\nDie Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze. Weil\ner den Kranz der Welt nicht flechten kann. Die Rolle\nliegt ihm nicht. Und wenn er sich noch so fest hinein-\nkniet. Knie bleibt Knie, behaart oder unbehaart. Man\nkann die Kunst nicht übers Knie brechen. Nur der\nSchwache kniet beim Beten. Nur der Schwache betet,\nwenn er kniet. Alle Schöpfer sind Herren. Wir stehen\nim Sturm. Wir sind der Sturm.\nDer Schöpfer der Welt spielt seine Schau. Schau-\nspieler du. Im Theater ist die Schau zerspielt. Menschen\nverspielen die Welt. Das Theater hat keinen Schau-\nspieler. Der Darsteller verstellt die Kunst. Die Ver-\nstellten verwandeln sich nicht. Nur der Verwandelte\nschafft. Nicht mehr Mensch schaut er die Welt. Kunde\ndes Sehers ist Kunst. Der Darsteller ist höchstens ge-\nschickt. Die Sendung ist der Künstler. Das Theater\nverteilt die Rollen. Unteilbar entrollt dem Künstler das\nWerk. Er ist besessen vom Rollen der Sterne. Die\nRollen werden besetzt mit den Sternen der Bühne. Die\nsind keine Welten. Halbwelt, wenns hochkommt. So\nkommen Menschen herab, wenn sie Menschen darstellen.\nDer Mensch hat ein Ende. Das ist die Unkunst. Die\nKunst hat kein Ende. Das ist der Anfang des Menschen.\nDie Kunst ist kein Theater."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-02-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-02_01#c008", "volume": "bmtnaal_1918-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.2.8", "titre_corps": "Der Lothar Schreyer", "titre_sommaire": "Der Lothar Schreyer", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.4", "debut_caractere": 2268, "fin_caractere_exclue": 4690, "texte": "Der jugendliche Liebhaber\nLothar Schreyer\nO lieb so lang du lieben magst. Mancher möchte\nmanche manchesmal. Je länger je lieber. Je lieber je\nlänger. Recht hat die Jugend. Das ist das Recht der\nJugend.\nDie Liebe ist kein Haben. Keiner hat die Geliebte.\nDie Liebe ist ein Sein. Wer nichts hat, ist reich. Reich\nmir die Hand mein Leben. Die Liethe ist das Erdenlicht.\nZu Licht sollst du werden, Erde.\nJugend hat keine Tugend. Jugend ist Tugend. Nur\ndie Jugend taugt was. Aber muß man denn Jüngling\nsein. Aber muß man denn Jungfrau sein. Kein Mensch\nmuß müssen. Können muß man. Können ist keine Kunsi.\nMax bleibe bei mir. Es bleibt alles beim Alten. Von\nZeit zu Zeit sieht auch ein Mädchen den Alten gem.\nWie die Jungen sungen, so zwitschern die Alten. Wald-\nweben im Kulissenwald. Der Tor im reinen Hemde\nmittendrin.\nLiebe ist keine Kunst. Kunst ist ein Spiel der Welt.\nLiebe ist ein Spiel der Welt. Nur Unzüchtige spielen\nmit der Liebe. Die Liebe züchtigt den Spieler. Der\nLiebesspieler ist ohne Jugend, ohne Liebe, entmannt. Er\nist der Jugendliche, der Liebhaber, seine Männlichkeit\nist die Rolle. Liebe braucht nicht mal Röllchen.\nNie sollst du mich befraigen. Erst wenn das Stich-\nwort fällt. Kein Liebhaber fällt. Die sieggewohnte\nFeder auf den Lippen steht er. Seines Mundes Lächeln,\nseiner Augen Gewalt. Tausend Mädchenherzen sehnen.\nSein Redefluß und ach sein Kuß. Tausend Frauen sehnen\nHerzen. Tausend Damen sitzen. Sitzengeblieben. Es\nist zum Männchenkriegen. Ist denn kein Mann da. Nun\nrückt er mit dem Schwan aius. Und hatte doch schon\neine Gans. Federvieh bleibt Federvieh. Es ist eine\nhaarige Sache. O diese Männer.\nJa meine Damen. Es gibt Ersatzstoffe. Bediene\ndich selbst. O diese Dackel. Es ist ein Hundeleben.\nWenn es keine verständnisvolle Seele gäbe. Man spüle\nsie sich gefälligst aus dem Leibe.\nJa meine Frauen, Der MärChenprinz kommt. Durch\ndie Mitte. Er hat ein Herz. O dieser Herzenstöter.\nDTe ewige Jugend. Wie einst im Mai. Es war viele\nAVale. Das Leben ein Traum. Die der Herr lieb hat,\ndenen gibt ers im Schlafe.\nJa meine Mädchen. Nur wer die Sehnsucht kennt.\nKennst du das Land. Die Zitronen sind sauer. Die\nLimonade ist matt wie deine Seele. Der Traum ein\nLeben. Er der Herrlichste für alle. Um Ihn für Ihn\nmit Ihm unter Ihm über Ihm durch.\nSo tötet der jugendliche Liebhaber die Liebe. Denn\ner spielt mit der Jugend.\nSo tötet der jugendliche Liebhaber die Jugend. Denn\ner spielt mit der Liebe."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-02-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-02_01#c009", "volume": "bmtnaal_1918-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.2.9", "titre_corps": "Aus einem neuen Drama Von Gerhart Hauptmann", "titre_sommaire": "Aus einem neuen Drama Von Gerhart Hauptmann", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.4", "debut_caractere": 4692, "fin_caractere_exclue": 5671, "texte": "Deutsche Theaterkultur\nAus einem neuen Drama\nVon Gerhart Hauptmann\nMonolog des Prospero\n(Im Tal des Opfertempels)\nFurchtbare Schöpfung, Ewigschaffendes,\ndas an das Ewige Vergehen sich\newig verschwendet! — Fürchterliche Schöpfung,\ndu ringend ewig unvollendete,\ndie in ein Sieb schöpft! — Fürchterliche\nSchöpft! n,g ,\ndie eine Kreatur wie mich erschafft,\nsie zu verworrnen Bildern eines Halbschlafs\nerweckt, und ihr den Blick in eine Welt\ndes unerwecklich tiefen Schlafes freigibt.\nOder ist dieser Erdf e 1 s etwa wach?\nEtwa weil ich Bewegung Leben nenne\nund sich das Meer, der Berg, der Lavastrom,\nder Blitz, die Flamme, das Gewölk bewegt?\nWir nenneirs Leben, was wir sehen: doch\nmit tiefrem Rechte nenn' i c h's Schlaf, j a Tod.\nFurchtbare Schöpfung, die uns mit Magie\nsäugt, daß wir Träume haben müssen, die\nsie um die fremden Glieder hüllt, wie Schleier,\num unser Sein unrettbar zu verwirren.\nCopyright noch zu vergeben. Anderswo darf Herr\nGerhart Hauptmann ungesperrt dichten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-02-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-02_01#c010", "volume": "bmtnaal_1918-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.2.10", "titre_corps": "Der Klassiker im Briefkasten", "titre_sommaire": "Der Klassiker im Briefkasten", "signature_source": "Der rote Jäger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.4", "debut_caractere": 5673, "fin_caractere_exclue": 10490, "texte": "Der Klassiker im Briefkasten\nDer rote Jäger\nDas Auge\nGeehrter Herr! Ich protestiere energisch gegen die\nVerunglimpfung des Theaters, insbesondere unserer\nKlassiker, die Sie in Ihrer sogenannten) „Sturmbühne\"\nbelieben. Man sollte das Auge des Gesetzes auf Ihr\nTreiben lenken, das die höchsten Güter der Nation be-\nsudelt. Hochachtungsvoll v. Y. Intendant.\nGeehrter Herr Intendant! Auf Sie haben wir ge-\nwartet. Wir ernennen Sie zum Mitglied des Vereins\nDas Jüngste Deutschlaad. Hier haben Sie die Satzungen\nund die Mitgliedskarte. Hochachtungsvoll.\nDer Kopfarbeiter\nGeehrter Herr! Ich bin nur ein einfacher Mann und\nhabe von Kindesbeinen an Stiefel besohlt, so daß ich\nnun einen gewissen Drang in mir fühle. Deshalb möchte\nich jetzt Kopfarbeiter werden. Ich werde zunächst\nDramas verfertigen. So was habe ich schon im Theater\ngesehen. Können Sie mir sagen, was so ein Drama ist?\nRückporto liegt bei.\nLieber Besohler! Drama ist griechisch und heißt\nHandlung. Wir haben so was nicht auf Lager. Aber\nman sagt uns, daß man dabei nicht mit Stiefeln handelt,\nsondern mit den heiligsten Gütern der Nation. Wenden\nSie sich vertrauensvoll an Herrn Intendant v. Y. Der\ngibt Ihnen etwas ab. Anbei die Pantoffeln meiner Frau\nzum Besohlen.\nLieber Junge\nLieber Herr Sturmbühne! Gestern mußten wir in\ndie Schülervorstellung. Es gab „Faust\" von Goethe, den\nwir alle vorher lesen mußten. Was soll nun son Zeugs.\nMeute gibt uns Professor Bäbchen die Aufgabe,, einen\nAufsatz über „Die Handlung in Goethes Faust\" zu\nschreiben. Können Sie mir das nicht machen, bitte? Aber\nkostenlos. Mein Taschengeld brauche ich fürn Kientopp.\nUnd -möglichst kurz. Ich habe nämlich nicht viel Zeit\nzum Abschreiben. Das Stück ist viel zu lang. Aber wie\nFräulein li., die das Gretchen spielte, so schrie\nund wälzte, haben wir uns amüsiert. Da war aber schon\nSchluß. Dein getreuer.\nLieber Junge! Hier hast Du das Richtige.\nFaust redet so lange, bis ein Geist kommt. Der\nkommt direkt aus Berlin, was man daran hören kann,\ndaß er „Wer ruft mir\" sagt. Da beschließt Faust, sich\nzu betrinken. Inzwischen ist es Ostern geworden. Da\nläßt er es noch mal bleiben, weil er lieber erst noch das\nGlockenläuten hören will. Er geht auch gleich spazieren,\nwährend das gemischte Volk tanzt und ein schwarzer\nPudel seine Kreise zieht. Der Pudel aber hat eine\nHahnenfeder und einen Pferdefuß und ist so ein richtiger\nTeufel. Das stört den alten Mann, als er die Bibel noch\nmal übersetzen will, was doch schon der Luther auf der\nWartburg getan hat. Er wirft ihm auch kein Tintenfaß\nan den Kopf, sondern sie machen einen blutigen Pakt.\nAls dann Faust mal herausgehen muß, kommt ein\ndummer Schüler, den der Teufel in der Seite kitzelt.\nDann sollen Faust und der Teufel, der Mephistopheles\nheißt, was ich nur das eine Mal schreibe, weil so viele\nphs vorkommen, in die Luft fliegen. Es wurde aber nicht\ngemacht. Dann wollen sie in Auerbachs Keller, wo ein\npaar Herren andauernd schreien, ein paar Nasen ab-\nschneiden. Auch daraus wurde nichts. Auch mit dem\nFaßreiten war es Essig. Sie trinken in der Hexenküche\nweiter, während die Hexe sich aus Versehen in die heiße\nSuppe setzt. Diesmal glückt es Faust, betrunken zu\nwerden. Er faselt von einem Frauenzimmer, wo -doch\nkein Frauenzimmer ist. Als er wieder kommt, ist er\njung geworden, was mit einem anderen Bart gemacht\nwurde. Endlich ist auch das Gretchen da, das alleine\nnach Hause gehen kann. Er rennt rasch voraus in ihr\nZimmer und sieht sich ihr Bett an. Nebenan aber wohnt\neine sogenannte Kupplerin. Die versteht es!! Aber der\nTeufel versteht es auch. Inzwischen tun Faust inu\nGretchen verliebt. Er getraut sich ihr keinen Kuß zv.\ngeben. Nachdem Faust und der Teufel sich deswegen\ntüchtig gezankt haben, sagt sie ein Gedicht auf. Nuir\nsprechen Faust und Gretchen eine Menge Zitate, bis er\nihr ein Fläschchen gibt. Ehe wir wissen, was daraus\nwird, betet sie noch einmal. In der Nacht kommt ein\nSoldat, der zu Gretchen will. Aber Faust ersticht ihn\nmit teuflischer Hilfe. Leider war es ihr Bruder. Im\nDom ist dann wieder ein Geist, der diesmal „Wehe\" ruft.\nUnd Gretchen will wieder ein Fläschchen haben. Dann\nfällt sie rasch in Ohnmacht, ehe sich der Vorhang senkt.\nNun wurde die Walpurgisnacht nicht gemacht, wras recht\nschade ist, da es darin viel Interessantes gibt. Dafür\nzanken sich Faust und der Teufel noch einmal mit dem\nberühmten Wort „Sie ist nicht die erste geworden.\". Man\nhat sie zur rechten Zeit ins Loch gesteckt. Doch selbst\ndorthin gelangt Faust, abermals mit teuflischer Hilfe. Da\njammert sie sich was zusammen, weil sie sich nicht ver-\nführen lassen will. Zuletzt wirft sie sich heulend ins\nraschelnde Stroh, was ein erhebendes Schauspiel bietet.\nZum Schluß erfahren wir noch, daß Faust eigentlich\nHeinrich heißt, womit der Tragödie erster Teil zu Ende\nist. —- Schreibe mir, wenn Du wieder mal was brauchst."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-02-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-02_01#c011", "volume": "bmtnaal_1918-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.2.11", "titre_corps": "Mitteilungen", "titre_sommaire": "Mitteilungen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.4", "debut_caractere": 10492, "fin_caractere_exclue": 11569, "texte": "Mitteilungen\nDas Theater, der Expressionisten hat\nseine Vorarbeiten begonnen. 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Neben den\nExpressionisten Franik Wedekind, Herbert Eulenberg und\ndem kühl-überlegenen Carl Sternheim regt sich seit ge-\nraumer Zeit ein neues junges Dichtergeschlecht, das, auf\nden Spuren Georg Büchners wandelnd, dem Expressionis-\nmus neue Wege bahnen und ihn auf der Biilme\nheimisch machen will.\" Expressionismus, die große\nMode. Sogar die Herren Büchner, Frank Wede-\nkind und Herbert Eulenberg erhalten von Frankfurt den\nhohen Orden des Erpressionismus verliehen und nehmen\nihn danlkend an. Und das neue junge Dichtergeschlecht,\ndas schon auf den Spuren wandelt, brauchte also eigent-\nlich nicht 'die Tätigkeit von Arbeitssoldaten auszuüben\nund neue Wege bahnen, da die Spuren bereits breit genug\nsind und bis auf Herrn Schiller zurückweisen. Endlich\nerfährt man auch aus Frankfurt, was dieser merkwürdige\nExpressionismus ist: „Er sieht seine vornehmste Aufgabe\ndarin, den Menschen als Kraftzentrum darzustellen, in\ndem allerhand seelische Kräfte unnennbarer Art wirken\nund seine Handlungen bestimmen. Die seelische All-\ngewalt steht ganz und gar im Mittelpunkt, ihr ordnet sich\nalles unter.\" Der Mensch ist der Kraftmittelpunikt und die\nseelische Allgewalt steht ganz und gar im Mittelzentrum.\nDie seelischen Kräfte wirken unnennbar und die Hand-\nhrngen werden durch die vornehmste Aufgabe bestimmt.\nSoweit wäre die Sache ganz klar, wenn nicht das\nexpressionistische Drama dieser unnennbaren Art etwas\naussprechen müßte: „Ein ausgesprochenes Drama dieser\nArt ist Paul Kornfelds fünfaktige Tragödie Die Ver-\nführung. Während das erste expressionistische Drama,\nder Sohn namens Hasenclever die Jungfrau von Orleans\nzur Mutter hatte, läßt sich Herr Kornfeld von Richard\nWagner verführen, nicht ohne dem Herrn Meyerbeer\nseine Hochachtung zu bezeugen. „Die Tragödie beginnt\nmit der scheinbaren Rettung und Erlösung Bitterlichs\ndurch eine ihn befreiende große Tat, einen Mord an dem\nPhilister an sich, der sich ihm in der Gestalt eines ge-\nwissen Joseph, dem Bräutigam eines ältlichen Mädchens,\nverkörpert und der ihm als der Typ alles Niedrigen und\nGemeinen., als der menschgewordene Teufel erscheint.\nNun ist zwar schon der Name bitterlich, aber daß der\nJoseph-Mensch gleich Teufel ist, scheint mir doch zu\nausdrucksvoll. Worauf die Mutterliebe einsetzt: „Selbst\ndie Bitten seiner alten Mutter vermögen ihn nicht zu\nrühren. ,Mutter, gehe fort, Du bist die schadhafte Stelle\nan meinem Strick' schreit er in höchster Ekstase.\" So\nein Strick ist dieser Bitterlich. Die Mutter findet ihn un-\nnatürlich: „ ,Dein Leben von meinem abschneiden? .Was\nverlangst Du, unnatürlicher Sohn?' erwidert diese und\nläßt ihn allein in seiner selbstgewollten Einsamkeit.\nAber sie wacht und sucht trotz aller nach Rettung, wie\nes nur eine Mutter vermag: ,Ich bin immer wie hinter der\nTür.'\" Das vermag eine Mutter zu sagen, „Und so\ngeht sie dann durch das ganze Drama, wie die personifi-\nzierte Mutterliebe.\" Jedenfalls eine modern gesonnene\nMutter, die durch das ganze expressionistische Drama\nmitgeht. Indessen wächst der Kornfeld weiter auf der\nHachen Hand: „Die Verführung in Gestalt der jungen\nRuth Vogelfrei löst ihn aus dem Kerker. Unter einem\nMord tun es die Expressionisten nicht, weshalb auch\nDostojewski zu diesem Dichtergeschlecht zu zählen ist.\nRuth Vogelfrei ist gleichfalls etwas bitterlich, aber auf\nden Expressionisten Bitterlich macht sie Eindruck: „Er\nist wieder in der Welt und zieht an ihrer Seite hinaus\nins Leben, das er nun im rosigsten Lichte sieht, obwohl\nes nach wie vor vom Philister und vom Alltagsglück- und\nVergnügen beherrscht wird.\" Dieses Stück Kunst ist\nkein Kunststück. Warum soll der Herr Bitterlich an der\nSeite der vogelfreien Dame die Welt nicht im rosigsten\nLichte sehen, wo ihm doch außerdem die personifizierte\nMutterliebe durch und durch geht. Es wäre nun alles\nganz schön gewesen, wenn dieser bitterliche Parsifal nicht\nauf Wilhelm reingefallen wäre. Wilhelm ist nämlich der\nBruder jener Ruth, die den Expressionisten rosig ver-\nführte. Da ihr das so rosig geglückt war, will der Bruder\ngleichfalls eine Verführung inszenieren, vielleicht nur in\nder Hoffnung, einmal expressionistischer Regisseur in\nFrankfurt zu werden: .„Das Glück des Unglücks und des\nJammers, nachdem er zuvor geschrien, scheint vom\nwahren Glück der Zufriedenheit in der Liebe ausgelöst\nzu sein, zumal auch der Bruder seiner Ruth, Wilhelm,\nein weiterer Typ des Philisters, in brutaler Verlogenheit\neine zweite Verführung inszeniert, indem er ihm vor-\ntäuscht, man würde ihn zu Hause durchaus verstehen in\nseinen Anschauungen, man würde seine Mordtat entschul-\ndigen und ihn und Ruth mit offenen Armen aufnehmen.\"\nDie Familie Vogelfrei scheint also nicht so expres-\nsionistisch gesonnen zu sein, sie hält sich an den Herrn\nMeyerbeer: ~Da aber kommt die letzte große tragische\nEnttäuschung. Wilhelm entpuppt sich als sein Todfeind,\nder ihn durch Gift ums Leben zu bringen versucht, vor-\nher aber selber, durch Bitterlich gezwungen, seine schon\nwirkende Tat büßen muß.\" Gift ist nicht nur tragisch,\nes ist ausgesprochen expressionistisch, gleichsam die\nseelische Allgewalt im Kraftzentrum. Auch der Frank-\nfurter Kritiker nimmt einen feinen Zug aus der Gift-\nflasche: „Ein feiner Zug ist dabei noch der, daß Ruth\nund die Mutter, jede in Gedanken an Rettung für den\nGeliebten, die ominöse Giftfl a s c h e durch Ver-\nwechslung an ihren verhängnisvoll und totbringenden Ort\nstellt.\"? Mir scheint doch eine Verwechsung mit dem\nExpressionismus vorzuliegen, trotz dem feinen Zug. Und\nnun wird die Enttäuschung immer tragischer: „So stürzt\ndann zum Schluß alles zusammen.\" Nicht nur die Gift-\nflasche: „Auch Ruth gibt sich in ihrem Jammer den Tod\nund Bitterlich endet als ein vom unabwendbaren Schick-\nsal Besiegter, selber freilich triumphierend über Philister-\ntum, Dummheit und Gemeinheit, ohne sie jedoch, wie er\nes wünschte, aus der Welt geschafft zu haben. ,Das\nChaos1 ist das einzig Ewige . . das ist der Weisheit\nletzter Schluß.\" Es bleibt zu bedauern, daß die beiden\nliebenden Damen mit der ominösen Giftflasche hantierten.\nSonst hätte Herr Bitterlich vielleicht noch manches ex-\npressionistische Drama in die Welt geschafft. Immerhin\nist das Chaos auch schon eine ganz hübsche Sache.\nHerr Kornfeld meint: „Es ist so schön, mißhandelt zu\nwerden.\" Aber muß es denn gerade der Expressionismus\nsein.\nSelbstverständlich hat der expressionistische Re-\ngisseur Max Reinhardt sich sofort verführen lassen.\nMoissi spielt bitterlich, die Ruth ist noch vogelfrei.\n\nAchtung! Neuheit\nHerwarth Walden\n„Wir haben uns nun mit allen, die das Gute wollen,\nan eine Tafel gesetzt, um einen Kampf gegen den ge-\nmeinsamen Feind, der Publikum heißt, zu führen und der\nJugend zu ihrem Recht zu verhelfen.\" . Prost Mahlzeit\nkann man zu diesem Kampf sagen, zu dem sich das Junge\nDeutschland mit seinem Tischredner, Herrn Felix HolL-en-\nder, an die Tafel gesetzt hat. Aber es ist nicht so\nschlimm gemeint, das Publikum ist höflich eingeladen:\n„Und dabei werben wir und die Jugend um dies viel ge-\nschmähte Publikem. Ihm zu Ehren wird diese Gesell-\nschaft gegründet und sie wird jetzt gegründet, weil über\ndie ersten Ansätze und Versuche hinaus wir einer ge-\nschlossenen künstlerischen Geistesrichtung gegenüber-\nstehen, die in ihrer Totalität ein inneres Recht darauf\nhat, auf ihre Entwicklungsmöglichkeiten ebenso wie auf\nihre zeitliche Bedeutung hin vorurteilslos geprüft zu\nwerden.\" Nämlich von Herrn Felix Hollaender und Herrn\nMax Reinhardt, die nach Tisch bei einer guten Zigarre\nin den Geist paffen. Das Junge Deutschland besteht vor\nHollaender und Reinhardt aus Gerhart Hauptmann, Max\nBrod, Heinrich Mann und zahlreichen Schillerepigonen.\nAlle diese Dichter des Jungen Deutschland denken\nauch noch nebenbei. Etwa wie der Dichter Paul Korn-\nfeld: „Wenn der Mensch Mittelpunkt des Dramas ist,\nso bleibt es immer noch dem Künstler überlassen, ob er\ndiesen Mittelpunkt gestalten und festhalten will als Seele\ndes Menschen oder als ein Charakter eines Menschen.\nDie Dramatiker der vorigen Generation wählten das\nLetztere.\" Während also die letzteren Künstler ihren\nPunkt auf den Charakter setzten, lassen jetzt die\nerstesten Künstler ihren Punkt in den seelischen Bei-\nstrich hinfließen. Die Seele des Menschen ist die Totalität\nder geschlossenen künstlerischen Geistesrichtung, die das\nalte Deutsche Theater und das Junge Deutschland für\nKunst halten. Oder der Dichter Emil Gött denkt so: „Es\ngibt kein Ende: Jeder Augenblick ist ein Anfang von\nEwigkeit.\" Um die ganze Tiefe dieses Ausspruchs voll\nSeele zu empfinden, genügt kein Mittelpunkt. Das- muß\ndurch einen Doppelpunkt: versinnlicht werden. Oder der\nDichter Reinhard Sorge dichtet jungdeutsch:\n„In weiten Kreisen Deine Flüge grabend:\nDurch Finsternis, durch wirren Traum gigantisch,\nDurch Qualenstriche, Höhlenraum gigantisch\nRuhlos gen Morgen, ruhelos gen Abend . . .\nDrehen Dich höher Deine wilden Schreie\nAus Vaiterfluch und allen Mutterschmerzen,\nBald zündet ewige Zeugung Sternekerzen :\nUnd trotzig steigt Erlösung aus der Kleie .\nMan kann den Trotz der Erlösung seelisch nach-\nfühlen, wenn der Dichter sie aus der Kleie hervormahlt\nUnd alles das nur deswegen, damit ihn seine wilden\nSchreie höher durch Qualenstriche drehen, ohne daß ihm\nder Reim auf gigantisch geglückt ist. Durchaus ein Bild\nfür Hollaender. Oder der jungdeutsche Dichter Max\nBrod dichtet so:\n„König: Das kann nie geschehen. Bei Vasfhi hielten mich\nBerechnungen fest,\ndie falsch sein konnten. Dich aber füh 1 e ich Esther\nEsther: Auch das Gefühl trügt.\"\nDa Herr Max Brod noch zu beiden Generationen\ngehört, hält er sich an den letzteren Berechnungen der\nvorigen Generation fest, trotzdem er schon die ersteste\nfühlt. Worauf die neue Generation aber seelisch bemerkt,\nsozusagen neuschöpferisch, daß auch das Gefühl trügt\nWoraufhin sich Herr Max Brod am besten schon der\nkommenden Generationen wieder einmal verschreiben\nsoll. Denn das Schreiben ist nicht so einfach.\nWer sich für dieses Junge Deutschland weiter inter-\nessiert, lese die Monatsschrift für Theater und Literatur:\n„Das junge Deutschland\", herausgegeben vom Deutschen\nTheater. Erster Jahrgang. Das Schaf im Wolfspelz\nblökt aber selbst sofort: „Vierter Jahrgang der Blätter\ndes Deutschen Theaters.\" Schafe können eben ihr Alter\nnicht lange verschweigen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.2", "texte": "Der neue Lessing\nHerwarth Walden\nHamburg hat seine Dramaturgie durch Gotthold\nEphraim Lessing, Berlin seine dramaturgischen Be-\nmerkungen durch nunmehr Gottlob Arthur Eloesser.\nHerr Eloesser ist der Dramaturg des Lessing-Theaters,\nnicht ohne vorher Theaterkritiker der Vossischen Zeitung\ngewesen zu sein. Nicht ohne daß sie vorher im Verlage\nLessingscher Erben erschien. Die Verwandtschaft ist\nbedeutend, sogar erblich belastend. Wen dürfte es füglich\nwundern, daß sich Herr Arthur Eloesser dramaturgisch\nbemüht.\nA. Schönheit des Schmerzes\na. Die Träne: „Als Joseph Kainz im reiferen Alter\nden Orest spielte, stürzte ihm plötzlich die Träne, die\nihm sonst nicht mehr leicht kam, in blanken Bächen aus\ndem Auge. War er so traurig über das Schicksal des\nOrest? Ganz gewiß nicht. Aber er hatte sich so in den\nOrest verwandelt, daß er dem Orest zuhören konnte,\nund da weinte er vor Lust über die Schönheit der Verse\nin seiner Stimme.'' Orest, dieser alte Goethekenner,\nweinte vor Lust über die Träne, die in Schmerzens-\nbächen dem Dramaturgen Eloesser im reiferen Alter\naus dem andern Auge stürzte.\nB. Die Schönheit des Essens\na. Die Kunsttunke. „Poetische Dramen. Der\ndeutsche Dichter will seine dramatischen Gedichte gleich\nin Poesie anrichten, statt diesen Edelsaft aus einer\nschönen Fleischlichkeit herausschmoren zu lassen. Im\nAnfang war der Braten, am Ende war die Tunke.\" Und\ndiese Fleischlichkeit hat sich au Goethen vollgetunkt. Der\nBraten ist so gar, daß man dem Koch den Cirain\nmachen soll.\nb. Das Wirtschaftsbuch: „Oekonomie. Die großen\nDramatiker sind immer haushälterische nach Sesshaftig-\nkeit und vornehmer Bürgerlichkeit verlangende Naturen\ngewesen, Shakespeare, Moliere, Goethe, Schiller, Ibsen\nhaben Wirtschaftsbücher geführt.\" Heinrich von Kleist\nhat dem großen Dramaturgen diesen Gefallen nicht getan.\nNun hat es der Kleist davon.\nC. Die Schönheit der Geselligkeit\na. Dramaturgische Naivität: „Künstler und Kind.\nMan kann aus der Gesellschaft von Schauspielern so\nfrohe und unbelastende Stimmungen mitnehmen wie aus\nder von Kindern.\" Wir tanzen Ringelringelringelringel-\nreihn.\nD. Der Dramaturg über Kunst\nx für ein u: „Das Rätsel der Schauspielkunst. Als\nTalma eine große tragische Rolle spielte, wurde er von\nder Beobachtung überrascht, daß sein Vortrag, weil er\nplötzlich an ein schweres häusliches Leid denken mußte,\nganz unwillkürlich in einer Vibration zitterte, wie er sie\nnoch nie an sich erlebt hatte. Da auf das Publikum\neine ungeheure Wirkung ausging, so beschloß er, diesen\nneuen Tonfall künftig als Kunstmittel zu verwenden.\nAus dieser Beobachtung ein Buch gemacht — und das\nRätsel der Schauspielkunst ist enthüllt.\" Gelöst ist\nhiermit das Rätsel wie ein Theaterkritiker und Dramaturg\nsich selbst in schöner Fleischlichkeit enthüllen kann.\nWenn er plötzlich an Wirtschaftsbücher denkt oder an\nTunke, zittert er unwillkürlich und findet die Schau-\nspielkunst bong. Die Träne stürzt in Bächen und der\nSchauspieler ist entdeckt. Vibriert der Herr .Theater-\nkritiker nicht, schmort der Braten, daß jener nachher\nseine Freude hat, so ärgert ihn der Aufenthalt und er\nspeit Tinte.\nu für ein x: „Stildramen. Ein Drama stilisieren,\nheißt, daß mit Kunst weglassen, was man von Natur\nnicht kann.\" Ein Drama kritisieren, heißt, das von\nNatur weglassen, was man mit Kunst nicht kann.\nMit diesem Geiste wird das Lessing-Theater zu\nBerlin geleitet\n\nGang\nKurt Heynicke\nNacht\nStraße\nGaslaternen\nWeib: Ich bin so müde meiner Schmerzen Weg;\nder Domengurt um meine Lenden springt:\nGebäre!\nStimme: Gebet\nWei b : Ich bin das Blut der Welt\ndie Erde wird in Blut ertrinken\ndie Sonne stirbt\nder Schmerz steigt in die Hütten!\nStimme: Gehe!\nWeib: Aus meinen Lenden blüht des Leidens Frucht\ngesät mit Freuden wimmert Ernte Schmerzen in\ndie Zeit\nder Augenblick ist Ewigkeit\nErkenntnis fällt aus tiefstem Leide.\nStim m e : Gebäre!\nSchrei M u s i k der Erde\nDonner Fallen\nBerg\nSchnee\nGipfe 1 w e g\nGreis: Das Ende steigt\ndie Erde fällt von meiner Stirn\ngenug!\nStimme: Steige!\nGrei s : Von meinen Augen fällt die Erde\nich fühle Himmel überströmend meine Seele fassen\nich bin Erkenntnis groß geworden.\nStimme von unten: Nimm mit!\nGreis: Aus meinen Füßen zieh ich letzte Dornen,\nerblühend tastet Sonne mir ins Haar,\nunmenschlich faß ich\nEnde\nGott!\nSonne glüht Rosen in den Schnee]\nSo schreiten wir auf Leid dahin\naus tausend Schmerzen wachsen) Dornenkränze\nGeburt und Liebe, Tod sind Leiden\naus uferlosen Klagen schluchzt ein Berg empor:\nam Gipfel fällt Erkenntnis in die Brust:\nwir sind ein Hauch aus Gottes Mund\nein Atemzug ist unser Leben!\nErlöse\nSonne!\nMusik des Todes\nGlühen Steigen\nKapelle\nAbend\nSchmerzensreiche Mutter mit dem\nKnaben\nMusik der Kirche\nDie Stimme der Schmerzensreichen:\nEwig ihr Schmerzen der Welt\nEwig die Liebe der Schmerzen.\nO ewige Schmerzen der Liebe!\nDer Abend blüht Gold\nMüde Gasse\"\nMittag\nDer ewige Wanderer:\nDer ewigreiche Tag kniet vor des Mittags Tor\nAuf meinen Scheitel rastet der Bestimmung heiße\nSonne\newig\nwandre!\nIch bin der gleiche Tag des Leidens\nder urbetretne i\ngottgepeitschte\nMenschen-Weg.\nIch\nbin , -\nDonner Staub Erde\nDie ewige Glut\nDie Sünder\nDie Sünder: Glühe Nacht\nzergliihe Nacht die Nacht der Seelen\nSchmerze Tag\nzerschmerze Tag den Schmerz der Sünden\nSt i m nie der schwarzen Engel: Leidet!\nDie Sünder: Wir leiden die Erde.\nWir leiden die Lust.\nO unsre Brust an Ketten der Erde.\nMusik der Schmerzen\nFlammen Rauch\nDer ewige Garten\nDie Seligen\nMondnacht\nDie Seligen;\nWir schweben im Arme des ewigen Monds\nSterne erblühen\nFreude sind wir.\nSchmerzen fallen auf Erde und Raum.\nRaumlos sind wir\nsonnigster Sonnen sonnigster Traum.\nDie silbernen Engel: Freude!\nMusik der Freude\nDie tiefste Ewigkeit\nDer Kreis der Sterne\nDer ewige Stern\nMusik der Welt\nDie Sterne: Im Schoß der Zeit schläft Ewigkeit.\nWir sind im Arm der Ewigkeit\nUnendlichkeit ist alle Zeit.\nWir sind die Menschen alles Leidens\nherangeblüht\nVollendung\nEwigkeit\nim Kreise.\nDer ewige Stern: Wandelt!\nDie Sterne:\nTief in dem Schoß der Zeit schläft Ewigkeit\nUrtief im Schoß der Schmerzen schlummert Gott\nGott ist der Schmerzen Endlichkeit.\nDer ewige Stern:\nIch bin!\nBrausen Rauschen\nMusik der Welten\nEnde\n\nDas Tagebuch der „S ....\"\nWir veröffentlichen Fragmente aus dem Tagebuch einer\nbekannten Schauspielerin, die sich vor einigen Jahren\nwegen unbefriedigten künstlerischen Ehrgeizes das Leben\nnahm. Mit Erlaubnis der Erben.\nErste Fortsetzung\n10. November 191 .\nKarlchens gutgemeinter und mitunter geradezu\nprachtvoller Cynismus vernichtet mich geradezu. Er\nspricht über Prostitution in „unserer\" Kunst und jedes\nWort zielt auf mich!\nEr bemerkt das gar nicht. Aber ich glühe vor\nScham und schüttle mich vor Ekel\nBin ich eine Dirne?\nDirnen sind Weiber, die ihre Gunst und ihre Reize\nfür Geld verkaufen.\nEhrlich gemein sind sie und offen schamlos.\nSie geben sich preis — ein treffendes Wort; sie\n„geben sich\" für einen „Preis\" —\nOder, wie Karlchen sich so geschmackvoll ausdrückt:\nsie machen die Beine breit für Geld —\nIch tue ja viel Schlimmeres. Ich zeige meine ver-\nstecktesten inneren Reize coram pubiico —\nUnter dem Vorwand der „Kunstekstase\" kitzle ich\nihre Sinne auf — Männern und Frauen, die den Eintritts-\npreis daran wagen. Nicht mit körperlicher, mit seelischer\nPreisgabe!\nEine schöne Konkurrenz! Eine schmutzige Preis-\nunterbietung!\nDabei belüge ich mich und betrüge meine\nKundschaft —\nWas sie erhalten, will ich ihnen gar nicht geben —\num keinen Preis —\nUnd was sie so billig einhandeln, das wollen sie ja\nim Grunde gar nicht haibern denn das können sie ja\nnimmer bezahlen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.3", "texte": "Und schenken läßt sich diese Gesellschaft doch\nnichts — auch wenn sie Freibillets haben.\nGegen das, was ich jeden Abend für mein Honorar —\nich fühlte mich bis heute amständig bezahlt — hergebe,\nmüßten, sie sich daran setzen, wie ich mich daran-\nsetze: mit Leib und Seele!\nDann wäre es wie ein großes innerliches Ineinander-\n■strömen, wie eine heilige Liebe! Wie ein „Sich-Finden\"\nin Liebe!\nAber gibt es so etwas zwischen Schauspieler und\nPublikum?\nEs gibt so etwas zwischen der großen Kunst und\nIhr e m Publikum!\nDas weiß ich. Und nun weiß ich auch, daß es auf\nder Bühne noch keine große Kunst gibt — oder nur in\nden seltensten Fällen.\nSonst wären wir eben Künstlerinnen und keine —\nHuren, wie Karlchen sagt — und wie es fast immer der\nFall ist\nEhrlich: wie es bei mir der Fall ist —\n18. November 191 .\nIch bin totunglücklich.\nAcht Tage habe ich mich von niemandem sprechen\nlassen — acht Tage habe ich mich eingeschlossen.\nIm. Theater habe ich abgesagt. Auch Karlchen hat\n■zweimal vergeblich angeklopft.\nIch war wirklich krank. Krank vor innerer Un-\nklarheit, krank vor Zweifelsucht, krank vor Scham.\nDie letzten Wochen haben ein Chaos in mir ge-\nschaffen — alle Ideale sind zusammengebrochen, mein\nSelbstbewußtsein, mein Glaube an mich — alles liegt auf\neinem Schutthaufen und bedeutet mir jetzt nichts, als\naltes Geriimpel, mit dem ich nichts mehr anzufangen weiß.\nIch muß klar sehen —\nWas bin ich? Zu was lebe ich? Was will ich?\nZiellos und zwecklos — ja wertlos kann und mag ich\nnicht existieren —\nDieser Zustand des ohnmächtigen Grübelns und ver-\nnichtender Selbstkritik ist unerträglich!\nIch muß zu neuen Einsichten und Aussichten gelangen\noder untergehen —\nUnd helfen kann mir da niemand. Auch Karlchen\nnicht. Ich muß es mit mir selbst ausmachen. Ich muß\nmeine Selbstachtung zurückgewinnen.\nIch mag und kann nicht a's Dirne leben — nicht in\n..Großformat\" und auch nicht in „künstlerischem\nRahmen.\"\nIch fühle mich erniedrigt, beschmutzt durch die Er-\nkenntnisse, die mich überfallen haben, wie Diebe über\nNacht, die unbarmherzig und schamlos mir alle Schleier\nvon der Seele rissen, daß ich jetzt in meiner Nacktheit\nzittre und bebe in der Kälte meiner auf mich gerichteten\nBlicke.\nWas ich für künstlerische Freiheit nahm, für künst-\nlerische Notwendigkeit hielt, für das Recht einer über\nder Alltagsmoral stehenden Persönlichkeit — erscheint\nmir heute als hemmungslose Liederlichkeit und simpler\nSinnerhunger, der log, um sich zu sättigen.\nMasken — Masken — Kulissen — Kulissen —\nTheater!\nSo gehöre ich also wol innerlichst zu all dem\nUnfug und all dem falschen Schein, den dies Wort zu-\nsammenfaßt und hinter einem Vorhang (mit wunderbarem\nsymbolischem Tiefsinn bemalt, wie dem unseren) verbirgt!\nWas hat dies Theater aber mit Kunst zu schaffen?\nWas hat das Theater überhaupt mit Kunst zu\n•schaffen?\nO Frage meiner Verzweiflung —!\n— — Da fällt mir das Theater der Griechen ein —\ntlas hatte keinen Vorhang! Merkwürdig. Hatte es nichts\nzu verbergen?\nIch werde antike Dramen lesen — •—\n29. November 191 .\nDas erste Mal — zu meiner Schande muß ichs ge-\nstehe *— habe ich mit Verständnis Sophokles gelesen.\nAntigone!\nUnd meine Seele stieg aus einem reinigenden Bade —\nUnd mein Herz schlägt wieder zuversichtlicher —\nIch atme — ich lebe wieder — fühle wieder strömende\nKräfte, die mich aufwühlen, hochreißen — Ich fühle\nwieder Kunst\nMeine nächste Rolle soll Antigone heißen!\nWenn ich es durchsetzen kann! Aber mit meiner\nBegeisterung werde ich es durchsetzen. Und die Vor-\nstellung muß — griechisch werden.\nOhne Vorhang — ohne Kulissen — ohne Hinter-\nria liiges und Verstecktes - —\nAlles Offenbarung— ~ ;\nUnd keusch und heilig will ich sie aus mir heraus-\nströmen lassen, die reine Seele Antigenes — ihren\nSchmerz, ihre Schwesternliebe, ihre Verzweiflung- — Und\nnichts Unkiinstlerisches soll mich berühren —\n21. November 191 .\nIch habe gleich an Karlchen telephoniert —\nEr kam und war begeistert wie ich —\nWir lasen zusammen — er die Männer — ich die\nFrauen — die Chöre lasen wir wechselnd —\nEine herrliche Sprache — auch noch in der Ueber-\nsetzung.\nIch fühle das Griechische hindurch — welch wunder-\nvolle Menschen müssen diese Hellenen gewesen sein.\nKarlchen schwärmt von ihnen. Er ist schrecklich\nbelesen und gescheit!\nUnd so haben wir uns richtig in einen Rausch hinein-\ngeredet.\nEr hatte ganz leuchtende Augen und umfing mich mit\nBlicken. Plötzlich sagte er, sich mitten im Sat2 unter-\nbrechend: „Wie schön Du bist!\"\nWeiß Gott — ich wurde pluderrot — so dumm.\nAber einen Kuß sollte er haben für das Kompliment —t.\nIch neigte mich zu ihm — er umarmte mich — einen\nAugenblick war mirs unbequem, fast unangenehm --\ndann aber fühlte ich den verlangenden Druck seiner\nArme und die Sehnsucht seiner heißen Lippen — eine\nBlutwelle siedete durch meinen Leib — ich schloß die\nAugen —\nEr stammelte sinnloses Zeug —\nDa warf ich mich an seine Brust —\n22. November 191 .\nIch habe ein sehr unangenehmes Gefühl in mir.\nWieder schlug mein seelischer Rausch wie so oft\nin sinnliche Begierde um, die mich um allen Verstand\nbrachte. Ich könnte mich ohrfeigen.\nAbgesehen davon, daß ich mich dafür hasse, ja ver-\nachte — war es eine fürchterliche Dummheit.\nGewiß, ich schätze und achte Karlchen, wie keinen\nunter meinen Bekannten und Kollegen. Er steht mir auch\ninnerlich näher, als irgend jemand. Aber, wenn ich offen\nsein soll, ich hatte bis zu diesem verhängnisvollen\nGestern doch noch nie die Sehnsucht oder auch nur den\nGedanken, ihm zu gehören.\nNun habe ich mich ihm gegeben — und liebe ihn\ndoch gar nicht.\nUnd Karlchen ist so ein schwerer Mensch. Tief und\nschwer.\nEr tut mir aufrichtig leid\nIch bin außer mir über mich. Was soll ich nur tun?\nTheater spielen?!\nNein — ich will mich nicht wieder selbst verlieren —\nUnd wenn ich sterbe vor Scham unter seinen ehr-\nlichen Augen — ich will aufrichtig zu ihm sein, wie er\nes zu mir ist.\nDer Arme — er war so glücklich — —!!\n23. November 191 .\nEs war wohl das Schrecklichste was ich bis heute\nerlebt habe.\nEr kam, siegesbewußt — zu siegesbevaißt Das\nreizte mich, und machte mir den Anfang leichter als ich\ndachte. Ich verweigerte ihm den verlangten Begrüßungs-\nkuß. Ich war kühl. Ich sprach von Dummheiten, die\ngute Freunde nicht machen sollten und so weiter. Ich\nsprach hastig und immerzu, bis mir zum Bewußtsein kam.\ndaß er gar nichts entgegnete.\nDa wagte ich ihn anzuschauen — Er war leichen-\nblaß, aber versuchte zu lächeln. Das griff mir lis ins\ntiefste Herz hinein. Es war mir plötzlich, als hätte ich\nihm einen Dolch in die Brust gestoßen — und er lächelte\n— ja — jetzt gelang es ihm — ich sah die übermensch-\nliche Anstrengung — sah: jetzt lächelte er wirklich —\nWie sinnlos vor Reue und einer unerklärlichen Angst\nstürzte ich auf ihn zu, um ihn zu liebkosen, zu küssen,\nalles wegzuwischen, was ich ihm eben angetan, aber er\nwehrte nur ganz sanft ab und sagte fast ruhig:. „Du hast\nrecht — verzeih' mir —\" Dann erhob er sich und ging\n— lautlos ging er\nIch war wie gelähmt, bis er aus dem Zimmer war.\nDann habe ich geschluchzt und geweint, als ob mich mein\nLiebster verraten und verlassenr hätte — und doch hatte\nich in tiefster Seele ein Gefühl der Befreiung und ein\nFrohsein, daß es vorüber war —\nWas bin ich für ein schreckliches Weib!\nArmer Karl.\n\nFortsetzung folgt\n\nTheater ist keine Kunst\nLothar Schreyer\nGeschwindigkeit ist keine Hexerei. Wasser tuts\nfreilich nicht. Noch wird überall mit Wasser gekocht\nUeber den Bettelsuppen schwebt der Geist Laß uns\nbetteln gehn, wenn wir hungrig sind. Das Fettauge des\nDirektors schwimmt auf der Suppe. Die Suppe ist uns\nWurst. Es wird weiter gewurstelt.\nRin in den Wurstkessel. Bis die Schwarte knackt.\nEinmal muß die Glocke werden. Es hat schon geklingelt.\nMehr Licht. Ohne Notlampen geht es nicht. Ohne Not\nkeine Kunst. Uns kann keiner. Keiner kann was.\nRin in den Wurstkessel. Die Schönen in weitem\nKranze. Gesäß an Gesäß. Dich teure Halle grüß ich _\nwieder. Stehplätze fürs Volk. Komm in meine Laube,\nFrau Geheimrat hinten, Frau Geheimrat vorne. Gesegnete\nMahlzeit. Bin schon vergeben. Bin weder Fräulein. Sie\nhaben die andere Seite. Kunst muß abgegeben werden.\nMänne, einen Groschen. Spannung. Gespannt sind die\nBusen. Gespannt sind die Vorhemdchen. Es muß doch\nFrühling werden. Wenn der Vorhang aufgeht. Die\nMenschen kommen doch immer zu spät. Der Mensch\nkommt immer zu früh.\nMein Herr! Sie gehen zu weit. Die Kunst ist kein\nVerdauungsmittel. Meine Dame! Sie können die Kunst\nnicht verdauen. Nach dem Essen sollst du stehn oder\nhundert Schritte gehn. Im Theater gibt es keinen Fort-\nschritt. Auch der Vorhangzieherist ein Charakter. Es\ngibt noch Individualitätsbesetzungen. Ihr wollt die Kunst\nbesitzen, Ist denn kein Stuhl da. Besitze dich selbst.\nWohlauf Kameraden. Er hängt. Der Vorhang ist\nauf. Oeffnet euch. Gehängt sollt ihr werden. Das\nEwig-Weibliche zieht uns aus. Oifen sind die Gesichts-\nlöcher. Im Bühnenloch findet ihr euch. Luft! Clavigo.\nKunst und Natur ist eines nur. Eins tut Not. Laß\nwas Zwitter ist dahinten. Nich in die Tüte. Pappe\nbleibt Pappe. Daher der Name Kulisse. Festgemauert\nin der Erden. Erde sollst du werden. Wir hatten ge-\nbauet ein stattlich Haus. Die Schatten sind gleich auf-\ngemalt und die versammelte Perspektive. Ja wenn die\nPinsel nicht wären. Je länger je lieber. Den Topf nicht\nzu vergessen. Der Topf ist zum Malen so nötig wie\nzum Essen. Man will doch leben. Leben und leben\nlassen. Muß ich denn mein Leben laassen. Ruhig Blut.\nDer Scheinwerfer fährt ums Morgenrot. Du sollst nicht\nmalen deines Nächsten Knecht Vieh Weib. Die Lein-\nwand ist so geduldig wie ein toter Dichter. Tote Dichter\nsind mindestens in Leinwand gebunden. Der Regisseur\nhat seine Bande nicht mal an der Leine. Auf die vierte\nWand verzichtet er grundsätzlich. Im Verzicht zeigt\nsich der Meister. Meister reimt sich auf Kleister. Kopf\nauf Topf. Stiel plus Haare gleich Pinsel. Stilbühue\nist, wenn der Pinsel keine Haare mehr hat Weglassen\nist Kunst, sagt schon Liebermann. Lauter Liebesleute.\nSie deuten an. Nicht dran zu tippen. Kiecks mein\nFräulein. Nur Künstler können so frech sein. Kunst\nist zeitlos. Zeitlose Regie ist kunstlos. Das ist das\nLos der Kunst. Früher suchte man eine malerische\nLösung, jetzt eine plastische. Erlösung von allen\nLösungen bringt nur der Tod. Und bist du nicht willig,\nso brauch ich Gewalt. Erreichet das Hoftheater mit Mühe\nund Not In seinen Armen der Dichter war tot. An-\ndeutungsweise. Vorderbühne, Hinterbühne. Vorne\nplastisch, hinten plastisch. In der Mitte Stimmung. Echte\nBlattpflanzen. Pflanze dich fort auf der Bühne. Von\n8 bis 10 Uhr abends. So leben wir, so leben wir alle\nTage.\nNacht muß es sein. Ein Sturm ist die Erde. Und.1 sie\nbewegt sich doch. Mein System. Alle Reformbewegun-\ngen sind vom Uebel. Lieber lebendig als tot Erziehung\nzur Beweglichkeit schafft keine Bewegung. Macht muS\nes sein. Kreisende Sterne gebären das Leben. Die\ninnere Macht sternt die irdische Bewegung in die Welt,\nTanz des All. Alle tanzen nur. Beine, Schenkel, Hüften,\nBäuche, Busen. Das Oberkleid, die Unterhülle. Kälber\num das goldne Kalb. Alle Schöße regen sich. Gold-\nregen in den Schoß. Das goldne Mutterherz. Ha welche\nAttitüde! Und du röchelst noch. Marschieren. Mar-\nschieren. Das beliebte Standbein fällt immer noch an-\ngenehm auf. Rechts um kehrt. Hintenraus. Wo der\nKuppelhorizont ein Einsehen hat. Und der Scheinwerfer\ndas Schwänzchen der Ballettratte färbt. Dreh dich um\ndich selbst. Wo das Gesicht ist, bleibt vorn. Wie lächle\nich nu r mit dem Gesicht, ist die Frage. Kunst ist die\nlächerliche Antwort. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.\nDer Lenz lacht in den Saal. Anstandslehre und natür-\nliche Bewegung. Die sogenannte Kunst ist immer nock\nnicht anständig genug. Das natürliche Rückgrat trägt den\nnatürlichen Bauch. Bei der höheren Tochter auch.\nEs gibt eben doch höhere Zusammenhänge. Man muS"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191802-01.1.4", "texte": "nur den Reim finden. Das lehrt der höhere Anstand.\nKünstlerische Bewegungen sind unanständig. Diese\nKünstler, wie die sich bewegen. Es ist ein Wunder, daß\nso was erlaubt ist. Die Kunst ist das Wunder. Nur\ndas Wunder bewegt die Welt.\nSprich vorn. Der Ton, der in der Kehle sitzt, ist\nLohn, der reichlich lohnet. Kein Theater mit ohne\nAkustik. Muß man denn gleich deutlich werden. Viel-\ndeutig ist viel besser. Die Sprache ist da, die Gedanken\nzu verbergen, Wo keine Kunst ist, hilft man sich mit\nGedanken. Die Sprache unterscheidet den Menschen vom\nTier. Darum verstehen sich die Menschen nicht.\nBilde, Künstler, rede nicht. Rede, Künstler, keine\nBilder. Im Anfang war das Wort. Sprich nicht mit dem\nMund. Sprich lieber noch mit die Fiess. Vergib ihnen,\nsie wissen nicht, was sie reden. Und wenn ich Engels-\nzungen hätte. Ochsenzungen gehören zum Geschäft.\nWer Ohren hat zu hören, soll sie sich ruhig wachsen\nlassen. Das Publikum ist ganz, Ohr. Wer mit den Ohren\nhören will, soll fühlen. Damit euch Hören und Sehen\nvergeht. Daß ihr dais Gesicht hört und seht.\nDie Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze. Weil\ner den Kranz der Welt nicht flechten kann. Die Rolle\nliegt ihm nicht. Und wenn er sich noch so fest hinein-\nkniet. Knie bleibt Knie, behaart oder unbehaart. Man\nkann die Kunst nicht übers Knie brechen. Nur der\nSchwache kniet beim Beten. Nur der Schwache betet,\nwenn er kniet. Alle Schöpfer sind Herren. Wir stehen\nim Sturm. Wir sind der Sturm.\nDer Schöpfer der Welt spielt seine Schau. Schau-\nspieler du. Im Theater ist die Schau zerspielt. Menschen\nverspielen die Welt. Das Theater hat keinen Schau-\nspieler. Der Darsteller verstellt die Kunst. Die Ver-\nstellten verwandeln sich nicht. Nur der Verwandelte\nschafft. Nicht mehr Mensch schaut er die Welt. Kunde\ndes Sehers ist Kunst. Der Darsteller ist höchstens ge-\nschickt. Die Sendung ist der Künstler. Das Theater\nverteilt die Rollen. Unteilbar entrollt dem Künstler das\nWerk. Er ist besessen vom Rollen der Sterne. Die\nRollen werden besetzt mit den Sternen der Bühne. Die\nsind keine Welten. Halbwelt, wenns hochkommt. So\nkommen Menschen herab, wenn sie Menschen darstellen.\nDer Mensch hat ein Ende. Das ist die Unkunst. Die\nKunst hat kein Ende. Das ist der Anfang des Menschen.\nDie Kunst ist kein Theater.\n\nDer jugendliche Liebhaber\nLothar Schreyer\nO lieb so lang du lieben magst. Mancher möchte\nmanche manchesmal. Je länger je lieber. Je lieber je\nlänger. Recht hat die Jugend. Das ist das Recht der\nJugend.\nDie Liebe ist kein Haben. Keiner hat die Geliebte.\nDie Liebe ist ein Sein. Wer nichts hat, ist reich. Reich\nmir die Hand mein Leben. Die Liethe ist das Erdenlicht.\nZu Licht sollst du werden, Erde.\nJugend hat keine Tugend. Jugend ist Tugend. Nur\ndie Jugend taugt was. Aber muß man denn Jüngling\nsein. Aber muß man denn Jungfrau sein. Kein Mensch\nmuß müssen. Können muß man. Können ist keine Kunsi.\nMax bleibe bei mir. Es bleibt alles beim Alten. Von\nZeit zu Zeit sieht auch ein Mädchen den Alten gem.\nWie die Jungen sungen, so zwitschern die Alten. Wald-\nweben im Kulissenwald. Der Tor im reinen Hemde\nmittendrin.\nLiebe ist keine Kunst. Kunst ist ein Spiel der Welt.\nLiebe ist ein Spiel der Welt. Nur Unzüchtige spielen\nmit der Liebe. Die Liebe züchtigt den Spieler. Der\nLiebesspieler ist ohne Jugend, ohne Liebe, entmannt. Er\nist der Jugendliche, der Liebhaber, seine Männlichkeit\nist die Rolle. Liebe braucht nicht mal Röllchen.\nNie sollst du mich befraigen. Erst wenn das Stich-\nwort fällt. Kein Liebhaber fällt. Die sieggewohnte\nFeder auf den Lippen steht er. Seines Mundes Lächeln,\nseiner Augen Gewalt. Tausend Mädchenherzen sehnen.\nSein Redefluß und ach sein Kuß. Tausend Frauen sehnen\nHerzen. Tausend Damen sitzen. Sitzengeblieben. Es\nist zum Männchenkriegen. Ist denn kein Mann da. Nun\nrückt er mit dem Schwan aius. Und hatte doch schon\neine Gans. Federvieh bleibt Federvieh. Es ist eine\nhaarige Sache. O diese Männer.\nJa meine Damen. Es gibt Ersatzstoffe. Bediene\ndich selbst. O diese Dackel. Es ist ein Hundeleben.\nWenn es keine verständnisvolle Seele gäbe. Man spüle\nsie sich gefälligst aus dem Leibe.\nJa meine Frauen, Der MärChenprinz kommt. Durch\ndie Mitte. Er hat ein Herz. O dieser Herzenstöter.\nDTe ewige Jugend. Wie einst im Mai. Es war viele\nAVale. Das Leben ein Traum. Die der Herr lieb hat,\ndenen gibt ers im Schlafe.\nJa meine Mädchen. Nur wer die Sehnsucht kennt.\nKennst du das Land. Die Zitronen sind sauer. Die\nLimonade ist matt wie deine Seele. Der Traum ein\nLeben. Er der Herrlichste für alle. Um Ihn für Ihn\nmit Ihm unter Ihm über Ihm durch.\nSo tötet der jugendliche Liebhaber die Liebe. Denn\ner spielt mit der Jugend.\nSo tötet der jugendliche Liebhaber die Jugend. Denn\ner spielt mit der Liebe.\n\nDeutsche Theaterkultur\nAus einem neuen Drama\nVon Gerhart Hauptmann\nMonolog des Prospero\n(Im Tal des Opfertempels)\nFurchtbare Schöpfung, Ewigschaffendes,\ndas an das Ewige Vergehen sich\newig verschwendet! — Fürchterliche Schöpfung,\ndu ringend ewig unvollendete,\ndie in ein Sieb schöpft! — Fürchterliche\nSchöpft! n,g ,\ndie eine Kreatur wie mich erschafft,\nsie zu verworrnen Bildern eines Halbschlafs\nerweckt, und ihr den Blick in eine Welt\ndes unerwecklich tiefen Schlafes freigibt.\nOder ist dieser Erdf e 1 s etwa wach?\nEtwa weil ich Bewegung Leben nenne\nund sich das Meer, der Berg, der Lavastrom,\nder Blitz, die Flamme, das Gewölk bewegt?\nWir nenneirs Leben, was wir sehen: doch\nmit tiefrem Rechte nenn' i c h's Schlaf, j a Tod.\nFurchtbare Schöpfung, die uns mit Magie\nsäugt, daß wir Träume haben müssen, die\nsie um die fremden Glieder hüllt, wie Schleier,\num unser Sein unrettbar zu verwirren.\nCopyright noch zu vergeben. Anderswo darf Herr\nGerhart Hauptmann ungesperrt dichten.\n\nDer Klassiker im Briefkasten\nDer rote Jäger\nDas Auge\nGeehrter Herr! Ich protestiere energisch gegen die\nVerunglimpfung des Theaters, insbesondere unserer\nKlassiker, die Sie in Ihrer sogenannten) „Sturmbühne\"\nbelieben. Man sollte das Auge des Gesetzes auf Ihr\nTreiben lenken, das die höchsten Güter der Nation be-\nsudelt. Hochachtungsvoll v. Y. Intendant.\nGeehrter Herr Intendant! Auf Sie haben wir ge-\nwartet. Wir ernennen Sie zum Mitglied des Vereins\nDas Jüngste Deutschlaad. Hier haben Sie die Satzungen\nund die Mitgliedskarte. Hochachtungsvoll.\nDer Kopfarbeiter\nGeehrter Herr! Ich bin nur ein einfacher Mann und\nhabe von Kindesbeinen an Stiefel besohlt, so daß ich\nnun einen gewissen Drang in mir fühle. Deshalb möchte\nich jetzt Kopfarbeiter werden. Ich werde zunächst\nDramas verfertigen. So was habe ich schon im Theater\ngesehen. Können Sie mir sagen, was so ein Drama ist?\nRückporto liegt bei.\nLieber Besohler! Drama ist griechisch und heißt\nHandlung. Wir haben so was nicht auf Lager. Aber\nman sagt uns, daß man dabei nicht mit Stiefeln handelt,\nsondern mit den heiligsten Gütern der Nation. Wenden\nSie sich vertrauensvoll an Herrn Intendant v. Y. Der\ngibt Ihnen etwas ab. Anbei die Pantoffeln meiner Frau\nzum Besohlen.\nLieber Junge\nLieber Herr Sturmbühne! Gestern mußten wir in\ndie Schülervorstellung. Es gab „Faust\" von Goethe, den\nwir alle vorher lesen mußten. Was soll nun son Zeugs.\nMeute gibt uns Professor Bäbchen die Aufgabe,, einen\nAufsatz über „Die Handlung in Goethes Faust\" zu\nschreiben. Können Sie mir das nicht machen, bitte? Aber\nkostenlos. Mein Taschengeld brauche ich fürn Kientopp.\nUnd -möglichst kurz. Ich habe nämlich nicht viel Zeit\nzum Abschreiben. Das Stück ist viel zu lang. Aber wie\nFräulein li., die das Gretchen spielte, so schrie\nund wälzte, haben wir uns amüsiert. Da war aber schon\nSchluß. Dein getreuer.\nLieber Junge! Hier hast Du das Richtige.\nFaust redet so lange, bis ein Geist kommt. Der\nkommt direkt aus Berlin, was man daran hören kann,\ndaß er „Wer ruft mir\" sagt. Da beschließt Faust, sich\nzu betrinken. Inzwischen ist es Ostern geworden. Da\nläßt er es noch mal bleiben, weil er lieber erst noch das\nGlockenläuten hören will. Er geht auch gleich spazieren,\nwährend das gemischte Volk tanzt und ein schwarzer\nPudel seine Kreise zieht. Der Pudel aber hat eine\nHahnenfeder und einen Pferdefuß und ist so ein richtiger\nTeufel. Das stört den alten Mann, als er die Bibel noch\nmal übersetzen will, was doch schon der Luther auf der\nWartburg getan hat. Er wirft ihm auch kein Tintenfaß\nan den Kopf, sondern sie machen einen blutigen Pakt.\nAls dann Faust mal herausgehen muß, kommt ein\ndummer Schüler, den der Teufel in der Seite kitzelt.\nDann sollen Faust und der Teufel, der Mephistopheles\nheißt, was ich nur das eine Mal schreibe, weil so viele\nphs vorkommen, in die Luft fliegen. Es wurde aber nicht\ngemacht. Dann wollen sie in Auerbachs Keller, wo ein\npaar Herren andauernd schreien, ein paar Nasen ab-\nschneiden. Auch daraus wurde nichts. Auch mit dem\nFaßreiten war es Essig. Sie trinken in der Hexenküche\nweiter, während die Hexe sich aus Versehen in die heiße\nSuppe setzt. Diesmal glückt es Faust, betrunken zu\nwerden. Er faselt von einem Frauenzimmer, wo -doch\nkein Frauenzimmer ist. Als er wieder kommt, ist er\njung geworden, was mit einem anderen Bart gemacht\nwurde. Endlich ist auch das Gretchen da, das alleine\nnach Hause gehen kann. Er rennt rasch voraus in ihr\nZimmer und sieht sich ihr Bett an. Nebenan aber wohnt\neine sogenannte Kupplerin. Die versteht es!! Aber der\nTeufel versteht es auch. Inzwischen tun Faust inu\nGretchen verliebt. Er getraut sich ihr keinen Kuß zv.\ngeben. Nachdem Faust und der Teufel sich deswegen\ntüchtig gezankt haben, sagt sie ein Gedicht auf. Nuir\nsprechen Faust und Gretchen eine Menge Zitate, bis er\nihr ein Fläschchen gibt. Ehe wir wissen, was daraus\nwird, betet sie noch einmal. In der Nacht kommt ein\nSoldat, der zu Gretchen will. Aber Faust ersticht ihn\nmit teuflischer Hilfe. Leider war es ihr Bruder. Im\nDom ist dann wieder ein Geist, der diesmal „Wehe\" ruft.\nUnd Gretchen will wieder ein Fläschchen haben. Dann\nfällt sie rasch in Ohnmacht, ehe sich der Vorhang senkt.\nNun wurde die Walpurgisnacht nicht gemacht, wras recht\nschade ist, da es darin viel Interessantes gibt. Dafür\nzanken sich Faust und der Teufel noch einmal mit dem\nberühmten Wort „Sie ist nicht die erste geworden.\". Man\nhat sie zur rechten Zeit ins Loch gesteckt. Doch selbst\ndorthin gelangt Faust, abermals mit teuflischer Hilfe. Da\njammert sie sich was zusammen, weil sie sich nicht ver-\nführen lassen will. Zuletzt wirft sie sich heulend ins\nraschelnde Stroh, was ein erhebendes Schauspiel bietet.\nZum Schluß erfahren wir noch, daß Faust eigentlich\nHeinrich heißt, womit der Tragödie erster Teil zu Ende\nist. —- Schreibe mir, wenn Du wieder mal was brauchst.\n\nMitteilungen\nDas Theater, der Expressionisten hat\nseine Vorarbeiten begonnen. Ausbildung in der Kunst-\nschule Der Sturm, Berlin W 9, Potsdamer st r. 134 a. An-\nmeldungen sind dorthin zu richten.\nDer Verein Stur mbii h n e 112 Vorsitzender\nDr. John Schikowski / Geschäftsstelle Charlottenburg\nScharrenstraße 11, versendet kostenlos Aufruf und\nSatzungen.\nStur m -Abende finden jeden Mittwoch abends\nUhr in der Kunstausstellung Der Sturm Berlin Pots-\ndamer Straße 134 a statt. Vortrag expressionistischer\nDichtungen durch Rudolf Bliim n e r. Die Eintritts-\nkarten sind im Vorverkauf in der Kunstausstellung Der\nSturm Berlin Potsdamer Straße 134 a (zehn bis sechs\nSonntags elf bis zwei) in der Buchhandlung Der Sturm\nPotsdamer Straße 138 a (nahe Potsdamer Platz, geöffnet\nan den Wochentagen von neun bis sieben, Sonnabends\nvon neun bis acht) und an der Abendkasse (Eröffnung\n7'A Uhr) erhältlich. Die Mitglieder des Vereins Stcirm-\nbühne zahlen halbe Preise.\nDas Jahrbuch des Theaters der Expressionisten\n„Sturmbühne\" kostet jährlich sechs Mark, die einzelne\nFolge sechzig Pfennige.\n\nHerausgeber Herwarth Waiden\nVerlag Der Sturm 1918 / Berlin W 9\n•Zweite Folge / Februar 1918\nDruck von C. Horak / Berlin W57"}]}