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Er nennt\ndas Seeschlacht. Herr Max Reinhardt hat stets einen\nallgemein angenehm auffallenden Sinn für Modernisierung\nund Neuaufarbeiten gezeigt. Alle sehr geehrten Klassiker\nhaben an diesen Sinn glauben müssen. Auch die Bieder-\nmeierzeit ist aufpoliert. Es ist kein Wunder, daß Herr\nMax Reinhardt sich nun der deutschen Gegenwart zu-\nwendet, nachdem ihm die russische Gegenwart die Mittel\ngegeben hat, sich klassisch zu fühlen. Das ist ein Leben\nim Deutschen Theater. Herr Felix Hollaender fühlt sich\njung und Herr Arthur Kahane leitet nun das Junge\nDeutschland mit der aphoristischen Erfahrenheit des\ngreisigen Alters. Bis in die fernste Gegenwart wird alles\nals expressionistisch erklärt. Herr Arthur Kahane nimmt\nseine Aufgabe so wichtig, daß er nicht das ganze Junge\nDeutschland allein leiten will. Die zweiten fünfzehn\nSeiten dieser Blätter des Deutschen Theaters, vierter\nJahrgang, beaufsichtigt ein Herr Schriftleiter, der schon\ndiese Blätter kannte als sie noch ganz natürlich natura-\nlistisch waren. Der Unterschied der beiden Blatthälften\nbesteht darin, daß in der ersten Hälfte des Herr Kahane\nGedichte von Reinhard Göring, in der zweiten Hälfte\neines Herrn Herald der Gesang einer Dichtung von\nReinhard Göring veröffentlicht wird. Auch kann es\nhinwiederum Herr Reinhard Göring nicht unterlassen,\nzwischen den beiden Hälften vier Zeichnungen hinzu-\nsetzen. Atemlos und ehrfurchtsblaß stieren die Direktion,\ndie Schriftleiter, die Theaterkritiker, die Kunstkritiken\nauf den gefährlichen Expressionismus. Bei Herrn Kahane\ndichtet Herr Reinhard Göring so:\n„Um unser Sinnen zu erhellen\nDas immer deutend auf uns ruht.\nNimm an: Wir beiden seien Wellen,\nDie Gott erhob aus einer Flut\nNun rollen beide und erregen\nDen Stoff zurück zu Gottes Knie,\nGeschwisterlich strebt sich entgegen\nIhr Wachsen und vereint sie nie.\nSelbst wenn wir annehmen wollen, daß sie beide\nWellen seien, ist es doch nicht schön und wenig ehr-\nfurchtsvoll, daß die beiden Wellen den Stoff bis zu\nGottes Knie zurückerregen. Wenn dieser Gott sich\nauf das Wasser setzen will, wird er schon wissen, warum\ner nicht barfuß panscht. Sein Stoff wird wohl undurch-\ndringlicher sein, als der, mit dem Herr Göring den\nExpressionismus annimmt. Das Gedicht ist recht schlecht\ngedichtet, denn es wäre falsch zu sagen, daß es recht\nund schlecht gedichtet wäre. Diese Zeilen sind nicht\nunverständlich, weswegen sie Herr Kahane für Expres-\nsionismus hält, weil er sie nicht versteht. Auch Heine\nund Goethe haben diesen Stoff schon getragen. Nur\nschrieben sie sachlich logischer. Herr Göring nimmt an,\ndaß die Wellen der künstlerischen Logik ihn umspülen.\nSie haben aber noch nicht einmal sein Knie erreicht.\nSie haben nicht einmal Bewegung, was man gebildet\nRhythmus nennt. Viele Wellen nennt män das Meer.\nUnd der jüngere Herr Herald, dem zwei Wellen zu\nnaturalistisch sind, veröffentlicht deshalb in seiner zweiten\nbesseren Hälfte den zweiten Gesang einer Dichtung\n„Das Meer\" von Reinhard Göring. Bei Herrn Herald\ndichtet Herr Reinhard Göring so:\n„Zwei Leiber sich umfangend und in Schweben,\n— — denn es wär falsch zu sagen, daß sie gingen,\nda sie den Boden nur berührten eben\nnun eben, es wäre falsch zu sagen, daß sie schweben,\nda sie den Boden noch berühren eben, worauf man in\nsolchem Fall vor dem Fall: wo bin ich? richtig zu sagen\npflegt:\nUnd hielt ihn lang in zagendem Erbarmen.\nEr wachte auf: — Wo bin ich? War sein Fragen.\nDa faßte fast ein Singen an mich Armen:\n— So fühlst Du jetzt nicht Herz an Herzen schlagen —\nDer Unterschied zu Gunsten des Expressionismus\nbesteht also darin, daß auf sein Fragen Gedankenstrich\nWo bin ich Fragezeichen Gedankenstrich nicht mehr\ngeantwortet wird: In meinen Armen, vielmehr: an mich\nArmen. Der arme Kerl, hoffentlich hat ihn das Singen\nnicht so hart angefaßt, daß er sein Herz mein Herz jetzt\nnoch schlagen fühlen annehmen konnte. Mein Liebchen\nwas willst Du noch mehr. Denn es wäre falsch zu sagen,\ndaß diese Dichtung Kunst ist. Worauf man sachlich\nlogisch vom Meer zur Seeschlacht kommt.\nEs ist klar, daß sich für die Seeschlacht S. Fischer\nüber Bord werfen mußte. Er saß und sah ruhevoll nach\ndem Angel, bis er auf den Köder reinfiel. Fische sind\nnicht so dumm. Seeschlacht ist modern, also erpressio-\nnistisch, dachte Herr Fischer, also lassen wir die Natur\nsein, da es nun einmal sein muß, rin in den Expressionis-\nmus. Die ganze Presse schwamm sofort in Entzücken.\nFischer bringt eben nur gute Bissen. Das Berliner Tage-\nblatt ertrank: „Es faßte uns gewaltig an Körper und\nHerz. Und das er zu sagen vermag, was er sagen will,\nist einer Sprachfähigkeit zu danken die sich\naller Instrumente zu bedienen weiß.\" Es wäre\nfalsch zu sagen, daß das Berliner Tageblatt zu sagen\nvermag, was es sagen will, da seine Sprachfähigkeit sich\nzwar aller Instrumente aber nicht des einen notwendigen\nInstruments zu bedienen weiß. Aber was ist das Berliner\nTageblatt. Die Vossische Zeitung von Staats- und ge-\nlehrten Sachen spricht nicht: „Die Vorstellung von der\nTragödie Seeschlacht mit atemloser Stille angehört\nging zu Ende. Es war Andacht in dieser Stille, die\nSchaubühne war — — einmal! wieder zum\nGotteshaus geworden.\" Und gar erst der Berliner Lokai-\nanzeiger findet die Seeschlacht „groß in der Bedeutung\ndes Vorgangs.\" Die Berliner Morgenpost bescheinigt:\n„Hier waltet unzähmbar eigener zeugerischer Drang.\"\nUnd die Tägliche Rundschau schreit: „Ave Poeta.\"\nEs erübrigt sich wohl zu sagen, daß auf diese kunst-\nfremden Leute die Vorstellung der Seeschlacht und nicht\ndie Vorstellung der Dichtung gewirkt hat. Diese Leute\nmüssen eben eine Seeschlacht erst von Herrn Max Rein-\nhardt inszeniert sehen, ehe sie sich davon eine Vor-\nstellung machen können. In der Dichtung finden ab-\ngesehen von der Tatsache einer Seeschlacht pazifistische\nUnterhaltungen auf der geistigen Höhe des Berliner\nTageblatts zwischen Matrosen statt. Im unterlegten\nShakespearestil. Ein Matrose will meutern, tut es aber\nnicht. Er äußert sich über den Krieg:\nIch weiß Wahnsinn und Verbrechen ist es,\nWas wir tun\nUnd nur aus diesem Grunde ist es so:\nWeil es Dinge gibt zwischen Mensch und Mensch,\ndie zu erfüllen\nHeiligere Pflicht dem Menschen ist,\nals jeder andere Kampf\nAuf diesen Leitartikel antwortet ein Matrose\nUnd woher weißt Du das? (\nHierauf antwortet der Leitartikler:\nIch weiß es.\nUnd nicht ich allein nur.\nDer Andere:\nAn Bord hier welche\nDer Leitartikler:\nIch kenne einen. !\nEr weiß nicht,\ndaß ich es weiß von ihm.\nDiese Probe genügt bereits zur Erkenntnis des Un-\nkünstlerischen. Es werden Worte gesagt, ohne daß aus\nWorten gestaltet wird. Es wird versucht zu überreden\nstatt zu überzeugen. Gedanken sind kunstfrei. Gedanken\nsind unwesentlich, weil sie unsinnlich sind. Und weil\nsie alle schon im Berliner Tageblatt gestanden haben.\nJedes Wissen ist erlernt. Ich will nicht wissen, was er\nweiß, daß er es nicht weiß. Alle diese Matrosen tauschen\nGedanken aus. Ihr NichtÜbereinkommen ist ein Ueber-\neinkommen im Sinn des Freihandels. Kein Gefühl offen-\nbart sich unmittelbar zwischen Mensch und Mensch, weil\nes Dinge gibt. Dinge, die man austauschen kann. Kunst ist\naber die unmittelbare Gestaltung des Gefühls. Das Mittel\nhierzu in der Dichtung ist das Wort und nicht der Be-\ngriff. Alles so einfach, daß man es nicht einmal Ex-\npressionismus zu nennen brauchte.\nDer Verfasser der Seeschlacht arbeitet mit den üb-\nlichen kunstfremden Mitteln. Er treibt Psychologie, ver-\nzögert die Handlung durch Erzählungen aus der Ver-\ngangenheit, macht Gesangeinlagen, nur der übliche Ma-\ntrosentanz ist ausgelassen, und stellt zum Schluß eine\nechte Seeschlacht dar. Jede Erzählung und jede Dar-\nstellung ist unkünstlerisch, weil sie statt des Gleichnisses\ndie Tatsachen gebend oder aber die Tatsache nicht als\nGleichnis gestalten können. Der Verfasser der See-\nschlacht verwendet beide Kunstmittel durcheinander, es\nkann deshalb keine Gestaltung entstehen, kein Stil, wie\ndie Aestheten sagen würden. Nur ist der Stil der\nAestheten keine Gestaltung, weil sie das Werk in For-\nmeln statt in Formen gießen. Abguß ist eben kein Guß.\nEs mag natürlich sein, daß sich Matrosen vor der er-\nwarteten Seeschlacht über ihr Wesen und über den Sinn\ndes Krieges unterhalten. Unterhaltung ist aber künst-\nlerisch haltlos, sie ist es auch in diesem Fall, weil\nKunst Gleichzeitigkeit voraussetzt. Es gibt für die Kunst\nkeine Vergangenheit und keine Zukunft. Kunst ist. Es\ngibt in der Kunst kein Vorspiel vor dem Spiel. Jedes\nVorspiel ist eine Erklärung des Spiels. Jede Erklärung\nist aber unkünstlerisch. Das Spiel muß gespielt werden.\nEs ist nur (ein äußerer und kein innerer Unterschied, wenn\ndas Vorspiel nicht vom Spiel äußerlich getrennt ist. Das\nwäre der ökonomische Fehler dieser Tragödie. Ganz\ngenau gesagt: Auf Seite 84 der Buchausgabe beginnt das\nSpiel, das 130 Seiten lang ist. In dieses letzte Drittel\nsind wieder eine Anzahl Betrachtungen eingeschoben, die\nauf der lyrischen Höhe der Gedichte dieses Verfassers\nstehen. Ihn interessieren eben nur Gedanken und nicht\nWorte. Er arbeitet also mit kunstfremdem Material.\nNicht die Sachlichkeit, die sogenannte natürliche Hand-\nlung ist an sich fehlerhaft, mit andern Worten die Gegen-\nständlichkeit. Fehlerhaft ist die sinnbildliche Ausdeutung\nder Gegenständlichkeit. Statt daß die Gegenständlichkeit\nals Bild gestaltet ist. Die Handlung wird künstlerisch\nwertlos, weil sie eben ausgelegt wird. Der Verfasser\nverteilt nach seinem Ermessen Anschauungen. Die An-\nschauung aber ist sichtbar und nicht denkbar. Je un-\ndenkbarer sie ist, desto sichtbarer wird sie. 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(klascht in die Hände)\nDie Tänzerin (wirbelt)\nIhre Glieder (springen kußauf)\nDer blasse Knabe (schleicht zur Sängerin)\nDie Sängerin (lächelt)\nHaarfein (weht)\nLockengold (zischt Ringelrot)\nDie Tänzerin (schreit auf und strauchelt)\nDer Vorhang (rauscht\" auf und erschlägt das Licht)\nDie Glieder der Tänzerin (stürzen dem Kavalier zu\nFüßen)\nDie Sängerin (trällert)\nDie Tänzerin (ängstet an ihm empor)\nDer Kavalier (hüllt den schwarzen Mantel um sie)\nDie Tänzerin: Sie ... . kann zaubern\nDer Kavalier (lacht) der Junge ist schon ganz behext\nDie Sängern (trällert)\nDer blasse Knabe (jäht nach ihrem Mund)\nDie Tänzerin: Hexen\nDer Kavalier (pfeift) Kommt ein Vogel geflogen\nDie Sängerin: Mein kleiner Zeisig ist tot\nDas Herz des Knaben (zwitschert)\nAtmen (flattert)\nAtmen (hascht)\nDer blasse Knabe (gefangen) Dein Mund ist der Käfig\nmeiner Küsse\nDie Sängerin (küßt ihn auf- den Mund)\nDer blasse Knabe (krallt die Hände in sein Herz)\nEine Feder (fällt rot in ihren Schoß)\nTrällern (jubelt hoch im Räume)\nDie Sängerin (jubelt)\nDas Herz des Knaben (flattert um ihren Mund)\nDer Jubel des Herzens, das Trällern des Herzens\n(paaren sich)\nDie Tänzerin (stößt das Fenster in Scherben)\nDas Herz des Knaben (fliegt fort)\nDer Mond (scheint rot)\nEine Sternschnuppe (flattert durchs Fenster)\nAlle Sterne (verkriechen ins Strahlengefieder)\nDer Mond (rollt herab und entflammt die Lampe)\nDie Tänzerin (küßt den Kavalier auf den Mund)\nChinesischer Gaukler\nPaul Klee, dem Schutzheiligen der Gaukler\nDer Götze\nEin Gaukler\nDas Lachen des Mädchens\nDie Betenden\nDie Schauenden\nDer goldene Götze\nGlieder schwellen Rosasonnen\nSonnenrosen stechen in Blumenbäuche\nBetende (breiten Andacht)\nSchauende (wimpeln Blicken)\nDer Gaukler (kriecht geduckt in den Raum)\nDer Gaukler (löst die Gelenke und betet)\nDie Augen des Götzen (spannen)\nDer Gaukler (kniet und betet)\nDie Augen des Götzen (stunden nachten tagen sonnen\nspringen Ziffern)\nDer Gaukler (rollt den Kopf an den Fuß des Götzen\nund betet)\nBlut (schielt)\nHerz (tickt)\nDie Augen des Götzen (rücken zielen laufen messer\nkantescharf pfeilen treffpunkt 12 den Gaukler)\nDer Gaukler (lacht und hängt in der Luft)\nDie Arme (seilen Sonnen)\nDie Augen (spitzen Sternköpfe)\nDer Kopf (dreht teetassenrund)\nBehagen (schlürft seelenruhig blödes Entsetzen)\nDie Betenden (schlanken palmhoch ihre Glieder)\nDie Schauenden (schlitzen schlinkschlank ihre Augen)\nLianenhaft (lacht)\nDas Mädchen (betritt den Raum)\nDer Gaukler (brennt schwarz)\nDie Augen des Mädchens (fächeln Kühle)\nDie Augen des Götzen (fächern weit auseinander)\nDer Gaukler (faltet seine Lenden)\nDer Körper (zerkriecht in schwarze Falten)\nDie Augen (schlagen Rad)\nRotränder (rädern Rosen)\nGoldränder (rasen Sonnen)\nBlaublut (tropft Silberschalen ständig)\nDas gelbe Hirn (zuckt Gold)\nEin Goldfasan (verkriecht sich im Gebüsch der Hände)\nEin einziger Sprung (setzt tausendmal sein Leben)\nDie Augen des Mädchens (falten)\nDie Augen des Götzen (stehen still)\nDie Augen des Gauklers (haken sich in ihren Blick)\nDer Gaukler (reckt die Arme preßt die Schultern spannt\nden Kopf in die Knie und springt)\nHauche (segeln tiefe Meere)\nTiefen (mahlen Bergeshöhn)\nGoldene Aengste (rieseln)\nHände (sind zwei Silberwiesel)\nArme (können fangen)\nKüsse (federn weich)\nSchweben (küßt)\nDer Kopf (stürzt)\nDie Beine (stoßen empor)\nDer goldene Bauch des Götzen (ist der Himmel)\nGoldenes Lachen (breitet sich)\nHaaresbreit (lacht klaftertief)\nDie Erde (bewegt sich doch)\nEin Abgrund (purpurt ganz unerwartet)\nEin Mädchenlachen (kam irgendwoher)\nPerlmutter (blendet)\nEin Schrei (stirbt niegehört)\nBlut (zerascht die blühe Erde)\nBlut (hißt tausend schwarze Fahnen)\nRot (strömt Gold)\nBlut (strömt Gold)\nKüsse (bluten schwarz)\nDie goldene Erde (blutet)\nFahnen (schwellen schwarze Sonnen)\nAugen (sonnen fahnen nachten)\nDer goldene Götze\nDie Betenden\nDie Schauenden\nDas Lachen des Mädchens ä\nZirkus Presto\nZwei schlanke Mädchen\nGleichschlank kreislang schlangengJeich\nZwei Schlangen (sind ein heißer Kreis)\nZwei Schenkel (kreißen Rosarot)\nEin Reifen\nDie Luft (zuckt)\nReifen\nGeäder (züngeln)\nReifen Reifen Reifen Reifen\nZwei schlanke Mädchen\nPferde im Galopp\nBlut (huft)\nDie Adern (sind der Kreis)\nDie Glieder (reifen rot)\nMit goldenen Aepfeln (spielt der Lichterbogen)\nMit goldenen Kugeln (spielt das reife Blut)\nKugeln (spielen) Tanzen\nDer Reifen (tanzt)\nKugeln (spielen) Fangen\nDer Reifen (öffnet seine Schenkcl)\nEin goldener Apfel (tanzt im Kreis der Schenkel)\nDem goldenen Reif (entspringt die Frucht der Glied-er)\nBlut (klascht)\nReifen (glüht)\nAugen (dursten) Blut\nGoldaugen (hangen)\nAugen (dürsten) rote Früchte\nBlauaugen (prangen)\nAugen (verdursten) Gib mir die Frucht Deiner reifen\nGlieder"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1145, "texte": "Goldreifen (erklingen)\nLachen (nickt)\nJauchzen (singen Ringelreihn)\nGoldreife (singt) Du Du Du Du\nReifen (reifen) Du Du Du Du\nKugeln (kugeln) Du Du Du Du\nKreise (reifen Kugeln)\nKugeln (fangen Kreise ein)\nLachen (fangen Dursten ein)\nSchenkel (fangen Augen ein)\nEingefangen (dürsten) Du\nMädchen (fangen Jauchzen)\nReifen (fangen Schenkel ein)\nZwei schlanke Mädchen (springen Reifenreif)\nMein Blut (jauchzt auf im Reif der Schenkel) Du\nSzenarium für das Salto mortale\n4 Rote Wände Rot und das Silber seit Silberweich\nSeide Küßt und kitzelt die Fußsohlen Schaukelt blaublau\nbüschelt Licht Licht in allen Farben Regenbogen und\nBogenlicht Lichtbogen Lichtkugeln Stahlkugeln stahllachen\nLachen im Bogen der tanzenden Lichter Lichten im\nLachen der schlankenden Glieder Schleifen verschleifen\nzerschleichem zerbunten Kunterbunt reifen die kugelnden\nFrüchte Blüten zersüßen Reifen zerreißen die gleißende\nHaut Bündeln in Trauben den reifenden Stahl Stahlreifen\nStahlschlingen Trommeln Himmel und. Erde Trommeln\nOben und unten zertrommeln zerspringen zerknallen\nKnallblau Knallgelb Absprung Hoch springt der stählerne\nReifen in einer Schlinge durch den Saal"}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-03-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-03_01#c006", "volume": "bmtnaal_1918-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.2.5", "titre_corps": "Das Tagebuch der S . . . .", "titre_sommaire": "Das Tagebuch der S . . . .", "signature_source": "Zweite Fortsetzung", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.1.3", "debut_caractere": 1147, "fin_caractere_exclue": 8579, "texte": "Das Tagebuch der S . . . .\nZweite Fortsetzung\nWir veröffentlichen Fragmente aus dem Tagebuch einer\nbekannten Schauspielerin, die sich vor einigen Jahren\nwegen unbefriedigten künstlerischen Ehrgeizes das Leben\nnahm. Mit Erlaubnis der Erben.\n26. November 191\nDie Antigone wird gegeben.\nKarlchen der Prachtkerl hats fertig gebracht.\nAber ich habe mich revanchiert: Der „Alte\" wollte\nnicht, aber er mußte —• mir zuliebe — Karlchen den Kreon\ngeben!\nEr drohte mir mit dem Finger: ich und Karlchen!\nDas war und bleibt, was es war: eine Dummheit.\nKarlchen war nicWt so froh, wie ich glaubte, daß ers\nsein würde, als man ihm die große Rolle anvertraute.\n(B. hat glücklicherweise Urlaub. Er wird schön rasen —.)\n„Ich weiß\", sagte Karlchen zu mir, „das ist Dein\nWerk und um Deinetwillen nehme ichs auf mich. Hoffent-\nlich wirst Dus nicht bereuen müssen !l\"\nMich ärgert diese Bescheidenheit direkt. So kann\nman nichts erreichen!\nIm übrigen geht mir Karlchen aus dem Wege.\nIch lebe jetzt ganz meiner Arbeit und bin froher\nals gewöhnlich. —\nDie Antigone bedeutet für mich eine Probe und eine\nEntscheidung.\nHoffentlich für Karlchen auch!\nIm Grunde bin ich ihm doch recht gut, wenn ich ihn\nauch nicht lieben kann — — —\n28. November 191\nIch arbeite —\nIch habe mir eine ganz streng künstlerische Me-\nthode zurechtgelegt. Ich versuche mich so sehr ich\nkann in die Seelenzustände Antigones hineinzuversetzen\nund wiederhole in diesiem Zustande, der manchmal direkt\neine Rauschstärke hat, die Verse so oft, bis die Worte,\ndie ich von mir höre, wie eine Melodie in meinem Ohre\nliegen. So formlos und dilettantisch (jetzt erst verstehe\nich ganz, was Karlchen mit dem Worte kennzeichnen\nwollte!) die Sätze und Verse mir auch erst klangen:\ndurch die Wiederholung gewinnen sie eine Form, die\nsich mir ganz fest einprägt — die fest haftet und selbst\nfest wird — die sich nach und nach durch Ausscheiden\nnebensächlicher Nüancen reinigt, immer einfacher und\nmeiner Meinung nach stilgerechter wird —\nIch komme damit über meine Anstrengung, Anti-\ngone sein zu wollen, schließlich hinweg — die Sprache\nbekommt eine selbständige Gestaltung, sie wird nach\nmeiner Meinung die Sprache Antigones.\nO — ich atme wieder Kunst — wie gut ich mich\nfühle!!\n4. Oktober 191\nUnser Regisseur, der Dr. H. . . ~ dieser Schafskopf,\nweiß mit den Chören nichts anzufangen.\nIch kann mir ihre Wirkung so gut vorstellen: sie\ngeben die begleitenden, die tragenden und erlösenden\nAkkorde zu Antigones schmerzvollen Melodieen und den\nzornigen Wallungen Kreons — sie sind der seelische\nund geistige Kontrapunkt. Aber so, wie sies bei uns\nmachen, wirds nichts!,\nSie deklamieren und sprechen wie die Kinder in\neiner Volkssichule, wenn es unisono versucht wird, und\nes klingt lächerlich — ich kann mir nicht helfen —\nsprechen sie aber mit verteiltem Text, zerhackt man\nden Chor und den Sinn. Was bleibt: zufällig zerstückte\nDeklamation — unverständlich und umständlich — von\nRäsoneuren, die höchst überflüssigerweise herum-\nstehen und sich — man weiß nicht warum — einmischen.\n(Ist der „Räsoneur\" vielleicht nur der mißverstandene\ngriechische Chor der „Modernen\"?)\n6. Oktober 191\nAuch Karlchen deklamiert. Ich bin sprachlos.\nEs klingt gemacht und leer — auch in seinen Aus-\nbrüchen — er kann sich nicht ausschütten. Tadellos\nspricht er die Verse. Doch darum handelt sichs doch\nnicht!\nIch muß mit ihm reden, mit ihm zusammen studieren!\nAber auch ich scheue jetzt das Alleinsein mit ihm — —\nUnd doch bin ich entschlossen,l: Kunst verlangt\nOpfer —\n7. Oktober 191\nKarlchen war beseeligt über meine Absicht, mit ihm\nzusammen zu studieren (um uns recht „zusammenzu-\nspielen\", habe ich ihm gesagt) — wir fangen morgen\ngleich an\n8. Oktober 191\nEs ist Mfasik — tiefste Musik und keiner kann sie\nherausholen!\nDie Chöre bringen mich zur Verzweiflung.\nWeil es „unisono\" nicht klingt und mit verteilten\nSätzen nicht stimmt — machen wir beides! Jeden Un-\nsinn zur Hälfte!\nEine geniale Lösung! Alle halten es dafür. — Alle\ngratulieren dem Doktor.\nIch beiße die Zähne aufeinander, um nicht Krach zu\nmachen. Sophokles wird sich im Grabe herumdrehen —\n10. Oktober 191\nMit Karlchen mache ich zu meiner innersten Genug-\ntuung große Fortschritte. Er ist au,ch nicht mehr so\nskeptisch über unsere „künstlerischen\" Bemühungen und\nwird von Tag zu Tag beseelter. Ich fühle mit Stolz,\nwie stark ich auf ihn wirke. Sein Kreon wird!\nAch, wäre das ein Triumpf für ihn und für mich —\n11. Oktober 191\nWir waren wieder in Ekstase.\nZwei Stunden hatten wir bei mir im Zimmer geprobt,\nwie geprobt!\nWir vermeiden es streng beim Studieren, einander\nnahe zu kommen — ich wollte es so und Karlchen ist\nstets taktvoll. Aber heute wars anders — ich war\nmürbe — er war ganz heiß. Er suchte Berührung mit\nmeinem Körper. Ich fühlte es. Seine Blicke bettelten.\nMein Blut schrie.\nIch kämpfte wie eine Verzweifelte — er bemerkte\nes — es raubte ihm jede Fassung — er überfiel mich —:\n„endlich!\" jauchzte es in mir aus meinem wahn-\nsinnigen Verlangen heraus — und doch — im letzten\nAugenblick riß ich mich los — ich weiß nicht, was mir\ndie Kraft gab, und stieß ihn zurück —\nEr taumelte, schaute mich an wie ein zu Tode ge-\ntroffenes Tier und stürzte aus dem Zimmer —\nIch sank atemlos zusammen —7 atemlos, aufgepeitscht\nund — enttäuscht. Enttäuscht, daß er mich so verlassen\nkonnte, daß er ging\nEr hätte Gewalt brauchen sollen — ich bin doch\nein Weib !\n12. Oktober 191\nKarlchen kam heute nicht zur Probe. Er sei krank.\nDer Arzt war bei ihm: er fiebert.\nUnd morgen ist Generalprobe!\nIch fiebre auch — was soll ich tun?\nZu ihm gehn??\nNein — aufs Aergste hin —!\nIch bleibe standhaft um seinet- und meinetwillen und\nbin froh, daß ichs auch gestern war —.\n13. Oktober 191\nDie Generalprobe verlief glänzend obgleich Karl-\nchen nur markierte — wegen seiner Unpäßlichkeit.\nIch fühls: er ist verletzt bis ins Tiefste. Es fällt\nihm schwer, mich auch nur anzusehen.\nDer Direktor war begeistert. Der dumme Dr. H.\nmachte mir Komplimente über Komplimente, obgleich ich\nstark irritiert war. Alle hoffen auf einen Bombenerfolg!\nUnberufen —!!!\n15. Oktober 191\n„Antigone Neueinstudierung des Dr. H.. .\" das\nTagesereignis der ganzen Stadt! —\nIch weiß nicht, wie ich den Abend überlebt habe —\nEs war ein Skandal — ein Theaterskandal\nschlimmster Art.\nWas ich während des Spiels an Aufregung aus-\ngestanden und an Angst erlitten habe, kann ich nicht\nwiedergeben,\nHätten wir noch einen Vorhang gehabt, der im\nschlimmsten Falle hätte fallen können: ich wäre ruhiger\ngewesen.\nAber so!\nDas Logeion (die Weisheit des Dr. H.!) der Schau-\nplatz des Spiels war auf offener Bühne aufgebaut — die\nOrchestra, der Raum für den Chor, weit übers Orchester\nhinein ins Parkett vorgeschoben — es war ein mächtiger\nund feierlicher Anblick, fast weihevoll —\nDas Publikum war gepackt und in andächtiger\nStimmung.\nUnd dann kam Kreon. Ich stand schlotternd hinter\nder Proszeniumswand —\nKarlchen war total betrunken —\nErst verblüffte er durch sein brutales Auftreten —\nes war etwas darin, was man an ihm nicht kannte —\nletzte Hemmungen waren gefallen — aber dann wankte\ner — lallte er —• das Publikum wurde aufmerksam —\nBald erkannte man Karlchens Zustand. Man wurde\nunruhig — lachte — die Stimmung wurde kritisch!\nNun wirkte auch der Chor nur noch wunderlich —\nIch konnte die Sache nicht retten, auch ich war\nwie gelähmt —\nKreons Zusammenbruch von unfreiwillig komischer\nWirkung löste ein Höllengelächter aus —\nMit Mühe und Not gings zu Ende — —\nIch möchte so schreckliches nie mehr erleben"}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-03-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-03_01#c007", "volume": "bmtnaal_1918-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.2.6", "titre_corps": "Der verkuppelte Horizont", "titre_sommaire": "Der verkuppelte Horizont", "signature_source": "Lothar Schreyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.1.3", "debut_caractere": 8600, "fin_caractere_exclue": 10559, "texte": "Der verkuppelte Horizont\nLothar Schreyer\nWenn du denkst, du hastn, da hupft er aus dem\nKastn. Meinen Flohzirkus Job ich mir. Die Dame ohne\nUnterleib hat einen Liebhaber gefunden. Schau schau.\nDu du liegst mir im Herzen. Du du liegst mir im Bett.\nWie fröhlich ist der Wandersmann, zieht er das reine\nHemd sich aus.\nUm die Sache kurz zu machen. 0 lieb, so lang\ndu lieben magst. I mag schon, es geht aber net. Es\ngeht nichts über die horizontale Lage. Das Kuppeln\nist des Theaters Lust. Man muß was für die Mitglieder\ntun. Als dienendes Qlied schließe ans Ganze dich an.\nNur immer aufs Ganze legen. Aber immer hübsch\nund unsolid. Der Herr wirds schon machen.\nSieh, das Gute liegt so nah. Liegen lassen. Das\nGute setzt sich durch. Auch noch so gute Hosen sitzt\nman durch. Kommt Zeit, kommt Rat. Spät kommt er,\ndoch er kommt.\nJa meine Herren und Damen. Das könnte euch so\npassen. Warum in die Ferne schweifen. Euer Horizont\nist ja eng genug. Hier bin ich Mensch. Hier darf ichs\nsein. Sein oder Nichtsein, das ist jetzt die Frage.\nJa meine Damen und Herren. Es gibt keinen Zufall.\nGeh in den Kuppelhorizont, Ophelia.\nBeim Himmel, dieser Horizont ist schön. Es ist\nein Leben wie im Himmel. Wie ein Gebild aus Himmels-\nhöhn. Das Wie ist die Hauptsache. Denn hart im' Räume\nstoßen sich die Sachen. Ei wie. Ei wei.\nVergleichen wir. Vergleichen wir uns. Alles Ir-\ndische ist nur ein Gleichnis. Du bist wie eine Blume.\nNein wie du wieder riechst. Natürlich nur symbolisch.\nDie Kunst ist das Symbol der Natur. Nur daß die\nKunst kein Symbol ist.\nAber auf die Verhältnisse kommt es an. Mancher\nkann eben nicht ohne Verhältnisse leben. Aber die\nKunst ist die Liebe. Die Liebe ist ohne Verhältnis.\nDa versagen alle Vergleiche. Liebe versagt nichts.\nLiebe sagt alles.\nAlles dreht sich. Bald lag er oben, bald lag ich\nunten, sprach sie und war immerhin befriedigt. Du bist\ndie Ruh, der Friede mild. Nur das Geräusch der Dreh-\nbühne wird störend empfunden. Wenn du dich nicht ge-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2436, "texte": "räuschlos drehen kannst, so laß es lieber bleiben. Es\ngibt ja noch andere runde Sachen auf der Bühne. Wenn\nihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen. Und fühlt,\nwie fest geschnürt sie sei.\nEin feste Burg ist unser Kuppelhorizont. Nun laßt\nuns gehn und treten in den Kuppelhorizont. Wir haben\nuns dem Himmel verkuppelt. Wo die Horizonte auf-\nhören, fängt man mit Kuppeln an. So wird man be-\ntrogen, wenn man einen beschränkten Horizont hat. Der\nnieberührte Himmel ist eine Kalkwand, steriler als ein\nKalkei. Der Anstrich macht es. Die neutrale Farbe\nist keine Farbe. Bei der rechten Beleuchtung wachsen\ndie Jungfrauen nur so aus den Kulissen. Wir winden\ndir den Jungfernkranz. Es ist ein ehrliches Gewerbe.\nBeim rechten Lichte besehn ist er ein unbeschriebenes\nBlatt. Dies Küppelhörizöntchen kein Engel ist so rein.\nMan kann alles mit ihm machen. Er errötet von unten\nbis oben. Dies sind die Tage der Rosen. Er wird grün\nund blau im Handumdrehen. Die schönen Tage von\nAranjuez sind nun vorüber. Törichte Jungfrauen haben\nbekanntlich kein Oel auf der Lampe, wenn man auch im\nDunkeln bekanntlich besser munkeln kann. Loch bleibt\nLoch, und jedes Loch ist schwarz. Aus Löchern werden\nSterne. So lang das Lämpchen glüht. Man verschone\nmich mit aufgeklärten Jungfrauen. Ich muß dann immer\nan den Kuppelhorizont denken. Schließlich bin ich keine\nglühende Birne.\nDies ist die Stelle, wo er sterblich ist. Dies Loch\nist so groß, daß man alles hereinstellen kann. Nun sind\nalle sieben Sachen überkuppelt. Die sieben Todsünden\nsind: das Sofa, das Telefon, Otto Ernst, Max Reinhardt,\ndas dreieckige Verhältnis, die Stimmung, die Tradition.\nDie Liesl kenn ich am Geläut. Die versunkene\nGlocke ist nicht mehr zu retten. Der ganze Kuppel-\nhorizont läutet. Schlagt ihn ein. Schlagt ihn ein.\nEine Käseglocke hat einen wohlriechenden Zweck. Aber\nFelix Holländerkäse schmeckt mir nicht. Er hat zu viel\nLöcher. Und die kleinen Mädchen kriechen übereinander.\nLassen wir uns nicht überkuppeln. Und wenn es auch\nüber den Horizont des Maschineriedirektors geht.\nRaum für alle hat der Kuppelhorizont. Alle\nKollegen lassen sich unter einen Hut bringen Hütchen\nist an allem Schuld. Es führt kein andrer Weg nach\nKüßnacht.\nDas Publikum weiß Bescheid. Es geht alles mit\nnatürlichen Dingen zu. Uns kann man nichts vormachen.\nWir machen alles nach.\nOhne alle Horizonte ist die Kunst.\nKunst kann niemand kuppeln.\nKunst kann man nicht machen. Vor Nachahmung\ngeschützt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-03-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-03_01#c008", "volume": "bmtnaal_1918-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.2.7", "titre_corps": "Der Klassiker im Briefkasten", "titre_sommaire": "Der Klassiker im Briefkasten", "signature_source": "Der rote Jäger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.1.4", "debut_caractere": 2438, "fin_caractere_exclue": 8849, "texte": "Der Klassiker im Briefkasten\nDer rote Jäger\nLebemann\nSehr geehrter Herr! Ich habe die Ehre, bei Herrn\nIntendant v. Y. als Regieassistent zu arbeiten. Der Herr\nIntendant hat kürzlich Goethes unsterbliches Meister-\nwerk „Faust\" inszeniert. Ich bin als Kind unserer Zeit\nein Freund alles Geistigen. Wie ich höre, treten Sie\nbewußt fiir das Geistige in Kunst und Leben ein. Einer\nder Köpfe unserer Zeit, der wohl auch Ihnen bekannte\nKarl Schettler, konstatiert, daß wir uns einer Wieder-\ngeburt der Gotik nähern und hat feinsinnige Worte\nüber den Geist der Gotik geprägt. Dies veranlaßte mich,\nHerrn Intendant v. Y. eine Inszenierung des Faust im\ngotischen Stil vorzuschlagen. Leider mußte aus tech-\nnischen Rücksichten davon abgesehen werden. Doch\ndies nur nebenbei. Ich darf mir schmeicheln, ein wohl-\ngelittener Verehrer des schöneren Geschlechts zu sein\nund habe mein Leben der Vergeistigung des Weibes ge-\nwidmet. Ich glaube, daß hierfür die Bühne der ent-\nscheidende Ort ist. Natürlich darf der holde Sinnenreiz\nder Frau dabei nicht zu kurz kommen. Da das Aeußere\nder Ausdruck unseres Inneren ist, beabsichtige ich, zu-\nnächst die Kleidung zu reformieren. Ich denke nicht\nnur an die Kleidung des Weibes, sondern auch an das\nManneskleid. Das Geistige im Sinnlichen durch die\nKleidung des Mannes zu betonen, ist vornehmste Pflicht.\nWenn das stärkere Geschlecht vorangeht, wird das\nschwächere, wenn auch schönere folgen. Dann haben\nwir eine Zeit der Gotik und führen das Geistige zum\nZiel. Ich bitte ergebenst um Ihre Ansicht und Ihre\nIdeen. Seien wir Lebenskünstler wie es Goethe war. Mit\nvorzüglicher Hochachtung.\nSehr geehrter Herr Baron! Wir empfehlen Ihnen,\ndas D6collete der Bühnendamen zu betrachten. Sie\nwerdten alle Aufschlüsse erhalten. Vielleicht wissen Sie,\ndaß in der Gotik auch die Herren decolletiert gingen. Wir\nempfehlen, Herrn Karl Scheffler für Ihre Bühne zu\nengagieren und decolletiert auftreten zu lassen. Machen\nSie Ihrem Intendanten mal diesen Vorschlag. Mit vor-\nzüglicher Hochachtung.\nDer junge Dichter\nSehr geehrter Herr! Verzeihen Sie, wenn ich Sie\nals Unbekannter mit einer Bitte belästige. Ich fühle den\nunwiderstehlichen Drang in mir, Dichter zu werden. Mir\nist schon manches kleine Gedicht gelungen» Aber erst\nseit ich Fräulein H. als Gretchen gesehen habe,\nist mir mein wahrer Beruf aufgegangen. Jetzt schreibe\nich ein großes Drama für sie. Es ist aus dem Leben\ngegriffen. Der erste Akt ist schon fertig. Würden Sie\nwohl die Geneigtheit haben, meine Arbeit zu lesen. Ich\nhätte so gern ein Urteil. Ihr dankbarer.\nLieber junger Freund! Bringen Sie Fräulein H.\nIhren Akt. Die wird Ihnen schon sagen, was los\nist. Und wenn Sie neben das Leben gegriffen haben,\nlassen Sie wieder von sich hören. Ergebenst.\nDie Frau\nIch weiß nicht, warum ich Ihnen schreibe. Vielleicht,\nweil Sie sich Der rote Jäger nennen und ich die Tiere\nliebe. Ich hasse das Theater. Ich weiß nicht, was Kunst\nist. Ich weiß überhaupt nichts. Vielleicht nur, daß ich\nleben muß. Ich möchte als Tier leben und kann es\nnicht. Ihre.\nGnädige Frau! Ich weiß, warum Sie schreiben. Ich\nliebe die Tiere, weil ich Jäger bin. Sie hassen das\nTheater nicht. Sie wissen, was Kunst ist. Sie wissen\nnicht, daß Sie leben müssen. Töten Sie die Tiere, die\nSie lieben. Wir können es. Ihr.\nDie Frau\nIch habe Ihnen einen Brief geschrieben. Vergeben\nSie es. Ich habe nun Ziehharmonika gespielt. Den\nganzen Abend lang Walzer. Ich bin ganz zufrieden mit\nder Welt. Ihre.\nGnädige Frau! Ich habe Ihnen schon geantwortet.\nGegebene Worte lassen sich nicht ungegeben machen.\nIhr.\nDie Tante\nLieber Neffe! Du hast mir einen großen Schmerz\nbereitet. Wenn es mit Dir so weiter geht, werde ich\nmich schämen müssen, daß Du meinen Namen trägst.\nDein verstorbener Onkel hat das nicht um Dich\nverdient. Wenn Du Dich einer solchen Afterkunst hin-\ngibst, werden sich alle Freunde von Dir abwenden Ich\nhätte gern meine einflußreichen Beziehungen für Dich\nin Bewegung gesetzt, habe es auch versucht, denn ich\nAermste wußte ja nicht, was Du treibst. Da gab mir Ge-\nheimrat W. die Sturmbühne zum Lesen. Deiner alten\nTante sind die Tränen gekommen. Das ist aus Dir\ngeworden. Daß Du Neues schaffen willst, ist ja Dein\ngutes Recht. Aber daß Dir so rein gar nichts mehr\nheilig ist, das ist ein schlimmes Zeichen. Ich werde Dich\nja immer lieb behalten, auch wenn Dich die anderen ver-\nlassen. Du weißt, wie ich Deine Arbeiten immer ver-\nfolgt habe, aber mit dem, was Du jetzt schreibst, weiß ich\nwirklich nichts anzufangen. Rauche nur wenigstens nicht\nso viel Zigaretten. Deine alte Tante.\nLiebe alte Tante! Du hast Dir einen großen Schmerz\nbereitet, wenn Du denkst, daß die Kunst etwas mit\nAfter zu tun hat. Mein verstorbener Onkel hat das nicht\num Dich verdient, daß Du so was in den Mund nimmst.\nDer Geheimrat W. weiß das nicht anders. Verfolge\nruhig meine Arbeiten. Mit sündigen Menschen hast Du\nja immer Mitleid gehabt. Ich rauche nur 20 Zigaretten\nam Tag. Schnupfe wenigstens nicht so viel. Dein alter.\nOhne Antwort\nSehr geehrte Herren! Es dürfte Ihnen bekannt sein,\ndaß wir alle jüngsten Bestrebungen in der Literatur\nnach Kräften unterstützen. Wir haben mit Interesse von\nIhrem neuen Unternehmen des expressionistischen\nTheaters Kenntnis genommen. Wir vertreiben neben\nden Werken der angesehensten Tagesschriftsteller eine\nReihe von Arbeiten junger ringender Talente, denen wir,\ndem Zug der Zeit folgend, den Weg zur Bühne ebnen\nwollen und fragen ergebenst an, ob Ihnen die Einsendung\nvon Manuskripten, die wir für Sie besonders geeignet\nhalten, angenehm ist. Hochachtungsvoll. Bühnenvertrieb.\nDer ältere Jünger\nGeehrter Herr! Sie werden meinen Namen öfters\nin der Jugend gelesen haben. Ich bin nicht mehr der\nJüngste, aber auch noch nicht zu alt, um nicht mehr\numsatteln zu können, Nachdem ich mich nunmehr\ntheoretisch mit Futurismus, Expressionismus u. a. be-\nschäftigt habe, möchte ich mich gern dieser Kunst-\nrichtung zuwenden. Können Sie mir einige Werke\nempfehlen, in denen ich mich noch näher orientieren\nkann. Ich interessiere mich besonders für Dramatisches.\nMit bestem Dank im Voraus.\nVerehrter Herr! Wir lehnen im Voraus jede Kunst-\nrichtung ab. Wir empfehlen Ihnen, Kohl zu bauen.\nDafür danken wir Ihnen bestens. Hochachtungsvoll.\nKleines Mädchen\nLieber roter Jäger! Ich möchte Dich fragen, was\nein roter Jäger ist. Ich habe gedacht, daß es nur grüne\nJäger gibt. Sage es mir also bitte. Deine.\nLiebes Kind! 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Ich fall' in Grübelei,\nJa, Ja: Die Zeit hat Kinder mancherlei.\nDoch ich bin müd' und soll wohl schlafen gehen.\n(Der Diener bringt eine Lampe, geht dann wieder)\nJetzt läßt der Lampe Glanz mich wieder sehen.\nu — U — U — V u — *\nGioconda, du* aus wundervollem Grund,\nHerleuchtend mit dem Glanz durchseelter Glieder,\nDem rätselhaften, süßen, herben Mund,\nDem Punkt der träumeschweren Augenlieder:\nGerad soviel verrietest du mir Leben,\nAls fragend ich vermocht dir einzuweben!\nMusik?\nUnd seltsam zu der Seele redende!\nHat mich des Menschen Unsinn auch verstört?\no—u—u — u— *\nMich dünkt, als hätt' ich solche Töne\nVon Menschengeigen nie gehört —\n(Er bleibt horchend gegen die rechte Seite gewandt)\nIn tiefen, scheinbar langersehnten Schauern\nDringt's allgewaltig auf mich ein;\nEs scheint unendliches Bedauern\nUnendlich Hoffen scheint's zu sein.\nEs kam ein Trösten aus der Ewigkeit:\nDie blitzversengte Saat soll dennoch reifen.\nIch brauche noch viel stille, tiefe Zeit,\nUm dieses große Wunder zu begreifen!\nAls strömte von den alten, stillen, Mauern\nMein Leben flutend und verklärt herein.\nIhr Lieben, Lieben, laßt mich nun allein!\nkehrt rüstig heim in eure Tageshelle.\n(Am Fenster rechts)\nHier unten steht er nicht. Wie sonderbar!\nWo denn? Ich will durchs andere Fenster schau'n. ——-\n(Wie er nach der Tür rechts geht, wird der Vorhang\nleise zurückgeschlagen und in der Tür steht der Tod.)\nWie packt mich sinnlos namenloses Grauen!\nWenn deiner Fiedel Klang so lieblich war,\nWas bringt es solchen Krampf Dich anzuschauen?\nUnd schnürt die Kehle so und sträubt das Haar?\nU — U — U — V —u — *\nDu kamst und trankst von meiner Fröhlichkeit,\nDu finstrer Gast! — Dein Auge wurde helle.\nDu kamst aus glänzender Verlassenheit,\nWo keine Freude lacht und keine Quelle.\nGeh' weg! Du bist der Tod. Was willst Du hier?\nIch fürchte mich. Geh' weg! Ich kann nicht schrei'n.\nDer Tod\n(Indem er kopfschüttelnd langsam abgeht):\nWie wundervoll sind diese Wesen,\npie was nicht deutbar, dennoch deuten,\nWas nie geschrieben wurde, lesen,\n.Verworrenes beherrschend binden\nUnd Wege noch im Ewig-Dunkeln finden\nu — U — U — V — u *\nUnd wundervoll sind diese Wesen\nDie was nicht denkbar dennoch denken\nVerworrenes beherrschend lösen\nDie können auseinander finden\nWas Hofmannsthal was Frida Schanz gewesen.\nMan müßt' sie dann mit Tor und Tod beschenken\n(Er bleibt horchend gegen die rechte Seite gewandt)\nVersmaße zwecks leichterer Auffassung"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.1.1", "texte": "Sturm-Bühne\nJAHRBUCH DES THEATERS DER EXPRESSIONISTEN\n\nDritte Folge\nInhalt: Herwarth Waiden: Die ver-\nlorene Seeschlacht / Lothar Schreyer: Der\nHeld / Walter Mehring: Vier Balladen aus dem\nVariete / Das Tagebuch der S ... I Lothar\nSchreyer: Der verkuppelte Horizont /Deutsche\nTheaterkultur / Der Klassiker im Briefkasten /\n\nDie verlorene Seeschlacht\n\nNach der stofflichen Modernisierung Schillers durch\nHerrn Walter Hasenclever die stoffliche Modernisierung\nShakespeare durch Herrn Reinhard Göring. Er nennt\ndas Seeschlacht. Herr Max Reinhardt hat stets einen\nallgemein angenehm auffallenden Sinn für Modernisierung\nund Neuaufarbeiten gezeigt. Alle sehr geehrten Klassiker\nhaben an diesen Sinn glauben müssen. Auch die Bieder-\nmeierzeit ist aufpoliert. Es ist kein Wunder, daß Herr\nMax Reinhardt sich nun der deutschen Gegenwart zu-\nwendet, nachdem ihm die russische Gegenwart die Mittel\ngegeben hat, sich klassisch zu fühlen. Das ist ein Leben\nim Deutschen Theater. Herr Felix Hollaender fühlt sich\njung und Herr Arthur Kahane leitet nun das Junge\nDeutschland mit der aphoristischen Erfahrenheit des\ngreisigen Alters. Bis in die fernste Gegenwart wird alles\nals expressionistisch erklärt. Herr Arthur Kahane nimmt\nseine Aufgabe so wichtig, daß er nicht das ganze Junge\nDeutschland allein leiten will. Die zweiten fünfzehn\nSeiten dieser Blätter des Deutschen Theaters, vierter\nJahrgang, beaufsichtigt ein Herr Schriftleiter, der schon\ndiese Blätter kannte als sie noch ganz natürlich natura-\nlistisch waren. Der Unterschied der beiden Blatthälften\nbesteht darin, daß in der ersten Hälfte des Herr Kahane\nGedichte von Reinhard Göring, in der zweiten Hälfte\neines Herrn Herald der Gesang einer Dichtung von\nReinhard Göring veröffentlicht wird. Auch kann es\nhinwiederum Herr Reinhard Göring nicht unterlassen,\nzwischen den beiden Hälften vier Zeichnungen hinzu-\nsetzen. Atemlos und ehrfurchtsblaß stieren die Direktion,\ndie Schriftleiter, die Theaterkritiker, die Kunstkritiken\nauf den gefährlichen Expressionismus. Bei Herrn Kahane\ndichtet Herr Reinhard Göring so:\n„Um unser Sinnen zu erhellen\nDas immer deutend auf uns ruht.\nNimm an: Wir beiden seien Wellen,\nDie Gott erhob aus einer Flut\nNun rollen beide und erregen\nDen Stoff zurück zu Gottes Knie,\nGeschwisterlich strebt sich entgegen\nIhr Wachsen und vereint sie nie.\nSelbst wenn wir annehmen wollen, daß sie beide\nWellen seien, ist es doch nicht schön und wenig ehr-\nfurchtsvoll, daß die beiden Wellen den Stoff bis zu\nGottes Knie zurückerregen. Wenn dieser Gott sich\nauf das Wasser setzen will, wird er schon wissen, warum\ner nicht barfuß panscht. Sein Stoff wird wohl undurch-\ndringlicher sein, als der, mit dem Herr Göring den\nExpressionismus annimmt. Das Gedicht ist recht schlecht\ngedichtet, denn es wäre falsch zu sagen, daß es recht\nund schlecht gedichtet wäre. Diese Zeilen sind nicht\nunverständlich, weswegen sie Herr Kahane für Expres-\nsionismus hält, weil er sie nicht versteht. Auch Heine\nund Goethe haben diesen Stoff schon getragen. Nur\nschrieben sie sachlich logischer. Herr Göring nimmt an,\ndaß die Wellen der künstlerischen Logik ihn umspülen.\nSie haben aber noch nicht einmal sein Knie erreicht.\nSie haben nicht einmal Bewegung, was man gebildet\nRhythmus nennt. Viele Wellen nennt män das Meer.\nUnd der jüngere Herr Herald, dem zwei Wellen zu\nnaturalistisch sind, veröffentlicht deshalb in seiner zweiten\nbesseren Hälfte den zweiten Gesang einer Dichtung\n„Das Meer\" von Reinhard Göring. Bei Herrn Herald\ndichtet Herr Reinhard Göring so:\n„Zwei Leiber sich umfangend und in Schweben,\n— — denn es wär falsch zu sagen, daß sie gingen,\nda sie den Boden nur berührten eben\nnun eben, es wäre falsch zu sagen, daß sie schweben,\nda sie den Boden noch berühren eben, worauf man in\nsolchem Fall vor dem Fall: wo bin ich? richtig zu sagen\npflegt:\nUnd hielt ihn lang in zagendem Erbarmen.\nEr wachte auf: — Wo bin ich? War sein Fragen.\nDa faßte fast ein Singen an mich Armen:\n— So fühlst Du jetzt nicht Herz an Herzen schlagen —\nDer Unterschied zu Gunsten des Expressionismus\nbesteht also darin, daß auf sein Fragen Gedankenstrich\nWo bin ich Fragezeichen Gedankenstrich nicht mehr\ngeantwortet wird: In meinen Armen, vielmehr: an mich\nArmen. Der arme Kerl, hoffentlich hat ihn das Singen\nnicht so hart angefaßt, daß er sein Herz mein Herz jetzt\nnoch schlagen fühlen annehmen konnte. Mein Liebchen\nwas willst Du noch mehr. Denn es wäre falsch zu sagen,\ndaß diese Dichtung Kunst ist. Worauf man sachlich\nlogisch vom Meer zur Seeschlacht kommt.\nEs ist klar, daß sich für die Seeschlacht S. Fischer\nüber Bord werfen mußte. Er saß und sah ruhevoll nach\ndem Angel, bis er auf den Köder reinfiel. Fische sind\nnicht so dumm. Seeschlacht ist modern, also erpressio-\nnistisch, dachte Herr Fischer, also lassen wir die Natur\nsein, da es nun einmal sein muß, rin in den Expressionis-\nmus. Die ganze Presse schwamm sofort in Entzücken.\nFischer bringt eben nur gute Bissen. Das Berliner Tage-\nblatt ertrank: „Es faßte uns gewaltig an Körper und\nHerz. Und das er zu sagen vermag, was er sagen will,\nist einer Sprachfähigkeit zu danken die sich\naller Instrumente zu bedienen weiß.\" Es wäre\nfalsch zu sagen, daß das Berliner Tageblatt zu sagen\nvermag, was es sagen will, da seine Sprachfähigkeit sich\nzwar aller Instrumente aber nicht des einen notwendigen\nInstruments zu bedienen weiß. Aber was ist das Berliner\nTageblatt. Die Vossische Zeitung von Staats- und ge-\nlehrten Sachen spricht nicht: „Die Vorstellung von der\nTragödie Seeschlacht mit atemloser Stille angehört\nging zu Ende. Es war Andacht in dieser Stille, die\nSchaubühne war — — einmal! wieder zum\nGotteshaus geworden.\" Und gar erst der Berliner Lokai-\nanzeiger findet die Seeschlacht „groß in der Bedeutung\ndes Vorgangs.\" Die Berliner Morgenpost bescheinigt:\n„Hier waltet unzähmbar eigener zeugerischer Drang.\"\nUnd die Tägliche Rundschau schreit: „Ave Poeta.\"\nEs erübrigt sich wohl zu sagen, daß auf diese kunst-\nfremden Leute die Vorstellung der Seeschlacht und nicht\ndie Vorstellung der Dichtung gewirkt hat. Diese Leute\nmüssen eben eine Seeschlacht erst von Herrn Max Rein-\nhardt inszeniert sehen, ehe sie sich davon eine Vor-\nstellung machen können. In der Dichtung finden ab-\ngesehen von der Tatsache einer Seeschlacht pazifistische\nUnterhaltungen auf der geistigen Höhe des Berliner\nTageblatts zwischen Matrosen statt. Im unterlegten\nShakespearestil. Ein Matrose will meutern, tut es aber\nnicht. Er äußert sich über den Krieg:\nIch weiß Wahnsinn und Verbrechen ist es,\nWas wir tun\nUnd nur aus diesem Grunde ist es so:\nWeil es Dinge gibt zwischen Mensch und Mensch,\ndie zu erfüllen\nHeiligere Pflicht dem Menschen ist,\nals jeder andere Kampf\nAuf diesen Leitartikel antwortet ein Matrose\nUnd woher weißt Du das? (\nHierauf antwortet der Leitartikler:\nIch weiß es.\nUnd nicht ich allein nur.\nDer Andere:\nAn Bord hier welche\nDer Leitartikler:\nIch kenne einen. !\nEr weiß nicht,\ndaß ich es weiß von ihm.\nDiese Probe genügt bereits zur Erkenntnis des Un-\nkünstlerischen. Es werden Worte gesagt, ohne daß aus\nWorten gestaltet wird. Es wird versucht zu überreden\nstatt zu überzeugen. Gedanken sind kunstfrei. Gedanken\nsind unwesentlich, weil sie unsinnlich sind. Und weil\nsie alle schon im Berliner Tageblatt gestanden haben.\nJedes Wissen ist erlernt. Ich will nicht wissen, was er\nweiß, daß er es nicht weiß. Alle diese Matrosen tauschen\nGedanken aus. Ihr NichtÜbereinkommen ist ein Ueber-\neinkommen im Sinn des Freihandels. Kein Gefühl offen-\nbart sich unmittelbar zwischen Mensch und Mensch, weil\nes Dinge gibt. Dinge, die man austauschen kann. Kunst ist\naber die unmittelbare Gestaltung des Gefühls. Das Mittel\nhierzu in der Dichtung ist das Wort und nicht der Be-\ngriff. Alles so einfach, daß man es nicht einmal Ex-\npressionismus zu nennen brauchte.\nDer Verfasser der Seeschlacht arbeitet mit den üb-\nlichen kunstfremden Mitteln. Er treibt Psychologie, ver-\nzögert die Handlung durch Erzählungen aus der Ver-\ngangenheit, macht Gesangeinlagen, nur der übliche Ma-\ntrosentanz ist ausgelassen, und stellt zum Schluß eine\nechte Seeschlacht dar. Jede Erzählung und jede Dar-\nstellung ist unkünstlerisch, weil sie statt des Gleichnisses\ndie Tatsachen gebend oder aber die Tatsache nicht als\nGleichnis gestalten können. Der Verfasser der See-\nschlacht verwendet beide Kunstmittel durcheinander, es\nkann deshalb keine Gestaltung entstehen, kein Stil, wie\ndie Aestheten sagen würden. Nur ist der Stil der\nAestheten keine Gestaltung, weil sie das Werk in For-\nmeln statt in Formen gießen. Abguß ist eben kein Guß.\nEs mag natürlich sein, daß sich Matrosen vor der er-\nwarteten Seeschlacht über ihr Wesen und über den Sinn\ndes Krieges unterhalten. Unterhaltung ist aber künst-\nlerisch haltlos, sie ist es auch in diesem Fall, weil\nKunst Gleichzeitigkeit voraussetzt. Es gibt für die Kunst\nkeine Vergangenheit und keine Zukunft. Kunst ist. Es\ngibt in der Kunst kein Vorspiel vor dem Spiel. Jedes\nVorspiel ist eine Erklärung des Spiels. Jede Erklärung\nist aber unkünstlerisch. Das Spiel muß gespielt werden.\nEs ist nur (ein äußerer und kein innerer Unterschied, wenn\ndas Vorspiel nicht vom Spiel äußerlich getrennt ist. Das\nwäre der ökonomische Fehler dieser Tragödie. Ganz\ngenau gesagt: Auf Seite 84 der Buchausgabe beginnt das\nSpiel, das 130 Seiten lang ist. In dieses letzte Drittel\nsind wieder eine Anzahl Betrachtungen eingeschoben, die\nauf der lyrischen Höhe der Gedichte dieses Verfassers\nstehen. Ihn interessieren eben nur Gedanken und nicht\nWorte. Er arbeitet also mit kunstfremdem Material.\nNicht die Sachlichkeit, die sogenannte natürliche Hand-\nlung ist an sich fehlerhaft, mit andern Worten die Gegen-\nständlichkeit. Fehlerhaft ist die sinnbildliche Ausdeutung\nder Gegenständlichkeit. Statt daß die Gegenständlichkeit\nals Bild gestaltet ist. Die Handlung wird künstlerisch\nwertlos, weil sie eben ausgelegt wird. Der Verfasser\nverteilt nach seinem Ermessen Anschauungen. Die An-\nschauung aber ist sichtbar und nicht denkbar. Je un-\ndenkbarer sie ist, desto sichtbarer wird sie. Das sind\nGesetze, die nicht etwa zum Zweck einer sogenannten"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.1.2", "texte": "neuen Richtung erfunden sind, das sind die ewigen Ge-\nsetze der Kunst. Das ist die ewige Gebundenheit des\nSchaffenden, gegenüber der Freiheit des Dilettanten, dem\nalles erlaubt ist, weil es allen gefällt. Der Künstler aber\nkann nicht gefällig sein und darf vor allem nicht selbst-\ngefällig sein. Die Individualität muß den Denkern über-\nlassen bleiben, die sich selbst genügen. Kunst lebt in\nder Ewigkeit.\n\nHerwarth Walden\n\nDer Held\nLothar Schreyer\n\nEin Königreich für ein Pferd. Es gehört eine Pferde-\nnatur dazu. Auf richtig gehendem Pferd reitet er über\ndie Bühne. Niemand kann gegen seine Natur. Auf\nhohem Pferde sitzt der Held, bis ihm was Menschliches\npassiert. Das ist das Los des Schönen auf der Erde.\nDadurch unterscheidet sich der Held vom Pferd:\nDas Pferd ist über den ganzen Körper behaart, der Held\nnur stellenweise. Nur das trojanische Pferd hat einen\nrasierten Bauch. Dafür liegen ihm auch die ollen\ngriechischen Helden im Magen. Abtreiben, meine Herren.\nVon diesen Herren befreit nur eine Pferdekur.\nEs gibt im Menschenleben Augenblicke. Das kommt\ndavon. Denn alle Schuld rächt sich auf Erden. Ihr\nlaßt den Armen schuldig werden. Dann überlaßt Ihr\nihn dem vierten und fünften Akt.\nMir san Helden. Die Wälder und die Felder und\ndie Muskelkraft. Geben Sie Gedankenfreiheit. Und\ndie so beliebte Liebe. Und Brutus ist ein ehrenwerter\nMann. Pfui Teufel.\nIhr wagt das Wort Held. Wes der Bauch voll ist,\ndes läuft er über. Das seid ihr: Bauch. Geblähte\nBürgerbäuche. Harnisch von Pappe. Die Hand auf dem\nBierherz.\nIhr wagt das Wort halber Held. Und ihr seid Nichts.\nEwige Feindschaft euch.\nVerdammt ist, wer den Helden spielt. Wir leben\nMenschenleben. Wir sterben Menschentod. Ich weiß,\ndaß mein Bruder ein Held ist. Denn er ist Mensch.\nDu sollst nicht mit deinem Bruder spielen. Du sollst\nnicht den Menschen spielen. Du sollst dein Leben\nsterben. Verdammt ist, wer das Leben spielt.\nAber unsere Altvorderen. Ich weiß schon. Setzt\neuch auf eure Junghinteren. Ein schlechtes Gewissen\nist ein gutes Ruhekissen.\nWir kämpfen das Leben. Wir leiden das Leben.\nDer Theaterheld spielt Kampf und Leid. Euch gilt mein\nKampf, auf daß ihr leidet. Das Spiel ist aus. Helden\nsterben nicht auf der Bühne. Der Menschenheld zer-\nspielt euer Spiel. Ihr habt verspielt.\nKämpft nur um Rollen. Nur der Rolle gilt euer\nKämpfchen. Wie es euch gefällt. Was ihr wollt. Die\nFrage an das Schicksal. Der einsame Weg. Der Mohr\nkann gehn. Nie sollst du mich befragen.\nEuer Leidchen ist der liebe Kollege. Unter uns\nMännern. Dem Mann kann geholfen werden. Rette\nsich, wer kann. Ich kenne meine Pappenheimer.\nWir kämpfen für die Kunst. Wir leiden für die\nKunst. Leider ist eure Kunst keine Kunst. Die Kunst\nist kein Kampf. Die Kunst ist kein Leid. Der Kampf\nist keine Kunst. Das Leid ist keine Kunst.\nWer das Leben spielt, verdammt die Kunst. Du\nsollst dein Sterben leben. Du sollst nicht mit der Kunst\nspielen. Du sollst den Menschen töten. Denn du bist\nMensch.\nKnapp sattle mir mein Dänenroß. Rückwärts, rück-\nwärts, Don Rodrigo. Mit Mann und Roß und Wagen hat\nsie die Kunst geschlagen.\n\n4\nBalladen aus dem Variete\nWalter Mehring\nKabaret\nRaum mit den zwei Tischen\nHalbdunkel\nGrüner Vorhang\nEine Lampe und der Mond\nDie Sängerin (am weißen Tische links)\nDie Tänzerin (am weißen Tische rechts)\nEin Zeisig (krallt Rosenrot Angst)\nDer grüne Vorhang (schlägt auf)\nEin Kavalier in Schwarz\nDer blasse Knabe\nDie Lampe (flammt auf und verlöscht den Mond)\nDie Tänzerin, die Sängerin (blicken sich an)\nDer Kavalier (sieht nach dent Beinen)\nDer blasse Knabe (sieht ins Rosarot des Vogels)\nDer Vogel (verlischt grau)\nDie Tänzerin: Spiele Du Prallen (Schenkel) fangen\nHände Willst Du mich tanzen sehn\nDer Kavalier (blickt in die Schenkel)\nDer blasse Knabe (sieht nach der Sängerin)\nDie Sängerin (bebt Scham)\nBlutstropfe (zirpt)\nDie Tänzerin: Einer muß immer sehn Augen stechen ins\nBlut Tanzdurst springt rieselrot Ich tanze\nDer Kavalier (klascht in die Hände)\nDie Tänzerin (wirbelt)\nIhre Glieder (springen kußauf)\nDer blasse Knabe (schleicht zur Sängerin)\nDie Sängerin (lächelt)\nHaarfein (weht)\nLockengold (zischt Ringelrot)\nDie Tänzerin (schreit auf und strauchelt)\nDer Vorhang (rauscht\" auf und erschlägt das Licht)\nDie Glieder der Tänzerin (stürzen dem Kavalier zu\nFüßen)\nDie Sängerin (trällert)\nDie Tänzerin (ängstet an ihm empor)\nDer Kavalier (hüllt den schwarzen Mantel um sie)\nDie Tänzerin: Sie ... . kann zaubern\nDer Kavalier (lacht) der Junge ist schon ganz behext\nDie Sängern (trällert)\nDer blasse Knabe (jäht nach ihrem Mund)\nDie Tänzerin: Hexen\nDer Kavalier (pfeift) Kommt ein Vogel geflogen\nDie Sängerin: Mein kleiner Zeisig ist tot\nDas Herz des Knaben (zwitschert)\nAtmen (flattert)\nAtmen (hascht)\nDer blasse Knabe (gefangen) Dein Mund ist der Käfig\nmeiner Küsse\nDie Sängerin (küßt ihn auf- den Mund)\nDer blasse Knabe (krallt die Hände in sein Herz)\nEine Feder (fällt rot in ihren Schoß)\nTrällern (jubelt hoch im Räume)\nDie Sängerin (jubelt)\nDas Herz des Knaben (flattert um ihren Mund)\nDer Jubel des Herzens, das Trällern des Herzens\n(paaren sich)\nDie Tänzerin (stößt das Fenster in Scherben)\nDas Herz des Knaben (fliegt fort)\nDer Mond (scheint rot)\nEine Sternschnuppe (flattert durchs Fenster)\nAlle Sterne (verkriechen ins Strahlengefieder)\nDer Mond (rollt herab und entflammt die Lampe)\nDie Tänzerin (küßt den Kavalier auf den Mund)\nChinesischer Gaukler\nPaul Klee, dem Schutzheiligen der Gaukler\nDer Götze\nEin Gaukler\nDas Lachen des Mädchens\nDie Betenden\nDie Schauenden\nDer goldene Götze\nGlieder schwellen Rosasonnen\nSonnenrosen stechen in Blumenbäuche\nBetende (breiten Andacht)\nSchauende (wimpeln Blicken)\nDer Gaukler (kriecht geduckt in den Raum)\nDer Gaukler (löst die Gelenke und betet)\nDie Augen des Götzen (spannen)\nDer Gaukler (kniet und betet)\nDie Augen des Götzen (stunden nachten tagen sonnen\nspringen Ziffern)\nDer Gaukler (rollt den Kopf an den Fuß des Götzen\nund betet)\nBlut (schielt)\nHerz (tickt)\nDie Augen des Götzen (rücken zielen laufen messer\nkantescharf pfeilen treffpunkt 12 den Gaukler)\nDer Gaukler (lacht und hängt in der Luft)\nDie Arme (seilen Sonnen)\nDie Augen (spitzen Sternköpfe)\nDer Kopf (dreht teetassenrund)\nBehagen (schlürft seelenruhig blödes Entsetzen)\nDie Betenden (schlanken palmhoch ihre Glieder)\nDie Schauenden (schlitzen schlinkschlank ihre Augen)\nLianenhaft (lacht)\nDas Mädchen (betritt den Raum)\nDer Gaukler (brennt schwarz)\nDie Augen des Mädchens (fächeln Kühle)\nDie Augen des Götzen (fächern weit auseinander)\nDer Gaukler (faltet seine Lenden)\nDer Körper (zerkriecht in schwarze Falten)\nDie Augen (schlagen Rad)\nRotränder (rädern Rosen)\nGoldränder (rasen Sonnen)\nBlaublut (tropft Silberschalen ständig)\nDas gelbe Hirn (zuckt Gold)\nEin Goldfasan (verkriecht sich im Gebüsch der Hände)\nEin einziger Sprung (setzt tausendmal sein Leben)\nDie Augen des Mädchens (falten)\nDie Augen des Götzen (stehen still)\nDie Augen des Gauklers (haken sich in ihren Blick)\nDer Gaukler (reckt die Arme preßt die Schultern spannt\nden Kopf in die Knie und springt)\nHauche (segeln tiefe Meere)\nTiefen (mahlen Bergeshöhn)\nGoldene Aengste (rieseln)\nHände (sind zwei Silberwiesel)\nArme (können fangen)\nKüsse (federn weich)\nSchweben (küßt)\nDer Kopf (stürzt)\nDie Beine (stoßen empor)\nDer goldene Bauch des Götzen (ist der Himmel)\nGoldenes Lachen (breitet sich)\nHaaresbreit (lacht klaftertief)\nDie Erde (bewegt sich doch)\nEin Abgrund (purpurt ganz unerwartet)\nEin Mädchenlachen (kam irgendwoher)\nPerlmutter (blendet)\nEin Schrei (stirbt niegehört)\nBlut (zerascht die blühe Erde)\nBlut (hißt tausend schwarze Fahnen)\nRot (strömt Gold)\nBlut (strömt Gold)\nKüsse (bluten schwarz)\nDie goldene Erde (blutet)\nFahnen (schwellen schwarze Sonnen)\nAugen (sonnen fahnen nachten)\nDer goldene Götze\nDie Betenden\nDie Schauenden\nDas Lachen des Mädchens ä\nZirkus Presto\nZwei schlanke Mädchen\nGleichschlank kreislang schlangengJeich\nZwei Schlangen (sind ein heißer Kreis)\nZwei Schenkel (kreißen Rosarot)\nEin Reifen\nDie Luft (zuckt)\nReifen\nGeäder (züngeln)\nReifen Reifen Reifen Reifen\nZwei schlanke Mädchen\nPferde im Galopp\nBlut (huft)\nDie Adern (sind der Kreis)\nDie Glieder (reifen rot)\nMit goldenen Aepfeln (spielt der Lichterbogen)\nMit goldenen Kugeln (spielt das reife Blut)\nKugeln (spielen) Tanzen\nDer Reifen (tanzt)\nKugeln (spielen) Fangen\nDer Reifen (öffnet seine Schenkcl)\nEin goldener Apfel (tanzt im Kreis der Schenkel)\nDem goldenen Reif (entspringt die Frucht der Glied-er)\nBlut (klascht)\nReifen (glüht)\nAugen (dursten) Blut\nGoldaugen (hangen)\nAugen (dürsten) rote Früchte\nBlauaugen (prangen)\nAugen (verdursten) Gib mir die Frucht Deiner reifen\nGlieder"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.1.3", "texte": "Goldreifen (erklingen)\nLachen (nickt)\nJauchzen (singen Ringelreihn)\nGoldreife (singt) Du Du Du Du\nReifen (reifen) Du Du Du Du\nKugeln (kugeln) Du Du Du Du\nKreise (reifen Kugeln)\nKugeln (fangen Kreise ein)\nLachen (fangen Dursten ein)\nSchenkel (fangen Augen ein)\nEingefangen (dürsten) Du\nMädchen (fangen Jauchzen)\nReifen (fangen Schenkel ein)\nZwei schlanke Mädchen (springen Reifenreif)\nMein Blut (jauchzt auf im Reif der Schenkel) Du\nSzenarium für das Salto mortale\n4 Rote Wände Rot und das Silber seit Silberweich\nSeide Küßt und kitzelt die Fußsohlen Schaukelt blaublau\nbüschelt Licht Licht in allen Farben Regenbogen und\nBogenlicht Lichtbogen Lichtkugeln Stahlkugeln stahllachen\nLachen im Bogen der tanzenden Lichter Lichten im\nLachen der schlankenden Glieder Schleifen verschleifen\nzerschleichem zerbunten Kunterbunt reifen die kugelnden\nFrüchte Blüten zersüßen Reifen zerreißen die gleißende\nHaut Bündeln in Trauben den reifenden Stahl Stahlreifen\nStahlschlingen Trommeln Himmel und. Erde Trommeln\nOben und unten zertrommeln zerspringen zerknallen\nKnallblau Knallgelb Absprung Hoch springt der stählerne\nReifen in einer Schlinge durch den Saal\n\nDas Tagebuch der S . . . .\nZweite Fortsetzung\nWir veröffentlichen Fragmente aus dem Tagebuch einer\nbekannten Schauspielerin, die sich vor einigen Jahren\nwegen unbefriedigten künstlerischen Ehrgeizes das Leben\nnahm. Mit Erlaubnis der Erben.\n26. November 191\nDie Antigone wird gegeben.\nKarlchen der Prachtkerl hats fertig gebracht.\nAber ich habe mich revanchiert: Der „Alte\" wollte\nnicht, aber er mußte —• mir zuliebe — Karlchen den Kreon\ngeben!\nEr drohte mir mit dem Finger: ich und Karlchen!\nDas war und bleibt, was es war: eine Dummheit.\nKarlchen war nicWt so froh, wie ich glaubte, daß ers\nsein würde, als man ihm die große Rolle anvertraute.\n(B. hat glücklicherweise Urlaub. Er wird schön rasen —.)\n„Ich weiß\", sagte Karlchen zu mir, „das ist Dein\nWerk und um Deinetwillen nehme ichs auf mich. Hoffent-\nlich wirst Dus nicht bereuen müssen !l\"\nMich ärgert diese Bescheidenheit direkt. So kann\nman nichts erreichen!\nIm übrigen geht mir Karlchen aus dem Wege.\nIch lebe jetzt ganz meiner Arbeit und bin froher\nals gewöhnlich. —\nDie Antigone bedeutet für mich eine Probe und eine\nEntscheidung.\nHoffentlich für Karlchen auch!\nIm Grunde bin ich ihm doch recht gut, wenn ich ihn\nauch nicht lieben kann — — —\n28. November 191\nIch arbeite —\nIch habe mir eine ganz streng künstlerische Me-\nthode zurechtgelegt. Ich versuche mich so sehr ich\nkann in die Seelenzustände Antigones hineinzuversetzen\nund wiederhole in diesiem Zustande, der manchmal direkt\neine Rauschstärke hat, die Verse so oft, bis die Worte,\ndie ich von mir höre, wie eine Melodie in meinem Ohre\nliegen. So formlos und dilettantisch (jetzt erst verstehe\nich ganz, was Karlchen mit dem Worte kennzeichnen\nwollte!) die Sätze und Verse mir auch erst klangen:\ndurch die Wiederholung gewinnen sie eine Form, die\nsich mir ganz fest einprägt — die fest haftet und selbst\nfest wird — die sich nach und nach durch Ausscheiden\nnebensächlicher Nüancen reinigt, immer einfacher und\nmeiner Meinung nach stilgerechter wird —\nIch komme damit über meine Anstrengung, Anti-\ngone sein zu wollen, schließlich hinweg — die Sprache\nbekommt eine selbständige Gestaltung, sie wird nach\nmeiner Meinung die Sprache Antigones.\nO — ich atme wieder Kunst — wie gut ich mich\nfühle!!\n4. Oktober 191\nUnser Regisseur, der Dr. H. . . ~ dieser Schafskopf,\nweiß mit den Chören nichts anzufangen.\nIch kann mir ihre Wirkung so gut vorstellen: sie\ngeben die begleitenden, die tragenden und erlösenden\nAkkorde zu Antigones schmerzvollen Melodieen und den\nzornigen Wallungen Kreons — sie sind der seelische\nund geistige Kontrapunkt. Aber so, wie sies bei uns\nmachen, wirds nichts!,\nSie deklamieren und sprechen wie die Kinder in\neiner Volkssichule, wenn es unisono versucht wird, und\nes klingt lächerlich — ich kann mir nicht helfen —\nsprechen sie aber mit verteiltem Text, zerhackt man\nden Chor und den Sinn. Was bleibt: zufällig zerstückte\nDeklamation — unverständlich und umständlich — von\nRäsoneuren, die höchst überflüssigerweise herum-\nstehen und sich — man weiß nicht warum — einmischen.\n(Ist der „Räsoneur\" vielleicht nur der mißverstandene\ngriechische Chor der „Modernen\"?)\n6. Oktober 191\nAuch Karlchen deklamiert. Ich bin sprachlos.\nEs klingt gemacht und leer — auch in seinen Aus-\nbrüchen — er kann sich nicht ausschütten. Tadellos\nspricht er die Verse. Doch darum handelt sichs doch\nnicht!\nIch muß mit ihm reden, mit ihm zusammen studieren!\nAber auch ich scheue jetzt das Alleinsein mit ihm — —\nUnd doch bin ich entschlossen,l: Kunst verlangt\nOpfer —\n7. Oktober 191\nKarlchen war beseeligt über meine Absicht, mit ihm\nzusammen zu studieren (um uns recht „zusammenzu-\nspielen\", habe ich ihm gesagt) — wir fangen morgen\ngleich an\n8. Oktober 191\nEs ist Mfasik — tiefste Musik und keiner kann sie\nherausholen!\nDie Chöre bringen mich zur Verzweiflung.\nWeil es „unisono\" nicht klingt und mit verteilten\nSätzen nicht stimmt — machen wir beides! Jeden Un-\nsinn zur Hälfte!\nEine geniale Lösung! Alle halten es dafür. — Alle\ngratulieren dem Doktor.\nIch beiße die Zähne aufeinander, um nicht Krach zu\nmachen. Sophokles wird sich im Grabe herumdrehen —\n10. Oktober 191\nMit Karlchen mache ich zu meiner innersten Genug-\ntuung große Fortschritte. Er ist au,ch nicht mehr so\nskeptisch über unsere „künstlerischen\" Bemühungen und\nwird von Tag zu Tag beseelter. Ich fühle mit Stolz,\nwie stark ich auf ihn wirke. Sein Kreon wird!\nAch, wäre das ein Triumpf für ihn und für mich —\n11. Oktober 191\nWir waren wieder in Ekstase.\nZwei Stunden hatten wir bei mir im Zimmer geprobt,\nwie geprobt!\nWir vermeiden es streng beim Studieren, einander\nnahe zu kommen — ich wollte es so und Karlchen ist\nstets taktvoll. Aber heute wars anders — ich war\nmürbe — er war ganz heiß. Er suchte Berührung mit\nmeinem Körper. Ich fühlte es. Seine Blicke bettelten.\nMein Blut schrie.\nIch kämpfte wie eine Verzweifelte — er bemerkte\nes — es raubte ihm jede Fassung — er überfiel mich —:\n„endlich!\" jauchzte es in mir aus meinem wahn-\nsinnigen Verlangen heraus — und doch — im letzten\nAugenblick riß ich mich los — ich weiß nicht, was mir\ndie Kraft gab, und stieß ihn zurück —\nEr taumelte, schaute mich an wie ein zu Tode ge-\ntroffenes Tier und stürzte aus dem Zimmer —\nIch sank atemlos zusammen —7 atemlos, aufgepeitscht\nund — enttäuscht. Enttäuscht, daß er mich so verlassen\nkonnte, daß er ging\nEr hätte Gewalt brauchen sollen — ich bin doch\nein Weib !\n12. Oktober 191\nKarlchen kam heute nicht zur Probe. Er sei krank.\nDer Arzt war bei ihm: er fiebert.\nUnd morgen ist Generalprobe!\nIch fiebre auch — was soll ich tun?\nZu ihm gehn??\nNein — aufs Aergste hin —!\nIch bleibe standhaft um seinet- und meinetwillen und\nbin froh, daß ichs auch gestern war —.\n13. Oktober 191\nDie Generalprobe verlief glänzend obgleich Karl-\nchen nur markierte — wegen seiner Unpäßlichkeit.\nIch fühls: er ist verletzt bis ins Tiefste. Es fällt\nihm schwer, mich auch nur anzusehen.\nDer Direktor war begeistert. Der dumme Dr. H.\nmachte mir Komplimente über Komplimente, obgleich ich\nstark irritiert war. Alle hoffen auf einen Bombenerfolg!\nUnberufen —!!!\n15. Oktober 191\n„Antigone Neueinstudierung des Dr. H.. .\" das\nTagesereignis der ganzen Stadt! —\nIch weiß nicht, wie ich den Abend überlebt habe —\nEs war ein Skandal — ein Theaterskandal\nschlimmster Art.\nWas ich während des Spiels an Aufregung aus-\ngestanden und an Angst erlitten habe, kann ich nicht\nwiedergeben,\nHätten wir noch einen Vorhang gehabt, der im\nschlimmsten Falle hätte fallen können: ich wäre ruhiger\ngewesen.\nAber so!\nDas Logeion (die Weisheit des Dr. H.!) der Schau-\nplatz des Spiels war auf offener Bühne aufgebaut — die\nOrchestra, der Raum für den Chor, weit übers Orchester\nhinein ins Parkett vorgeschoben — es war ein mächtiger\nund feierlicher Anblick, fast weihevoll —\nDas Publikum war gepackt und in andächtiger\nStimmung.\nUnd dann kam Kreon. Ich stand schlotternd hinter\nder Proszeniumswand —\nKarlchen war total betrunken —\nErst verblüffte er durch sein brutales Auftreten —\nes war etwas darin, was man an ihm nicht kannte —\nletzte Hemmungen waren gefallen — aber dann wankte\ner — lallte er —• das Publikum wurde aufmerksam —\nBald erkannte man Karlchens Zustand. Man wurde\nunruhig — lachte — die Stimmung wurde kritisch!\nNun wirkte auch der Chor nur noch wunderlich —\nIch konnte die Sache nicht retten, auch ich war\nwie gelähmt —\nKreons Zusammenbruch von unfreiwillig komischer\nWirkung löste ein Höllengelächter aus —\nMit Mühe und Not gings zu Ende — —\nIch möchte so schreckliches nie mehr erleben\n\nFortsetzung folgt\n\nDer verkuppelte Horizont\nLothar Schreyer\nWenn du denkst, du hastn, da hupft er aus dem\nKastn. Meinen Flohzirkus Job ich mir. Die Dame ohne\nUnterleib hat einen Liebhaber gefunden. Schau schau.\nDu du liegst mir im Herzen. Du du liegst mir im Bett.\nWie fröhlich ist der Wandersmann, zieht er das reine\nHemd sich aus.\nUm die Sache kurz zu machen. 0 lieb, so lang\ndu lieben magst. I mag schon, es geht aber net. Es\ngeht nichts über die horizontale Lage. Das Kuppeln\nist des Theaters Lust. Man muß was für die Mitglieder\ntun. Als dienendes Qlied schließe ans Ganze dich an.\nNur immer aufs Ganze legen. Aber immer hübsch\nund unsolid. Der Herr wirds schon machen.\nSieh, das Gute liegt so nah. Liegen lassen. Das\nGute setzt sich durch. Auch noch so gute Hosen sitzt\nman durch. Kommt Zeit, kommt Rat. Spät kommt er,\ndoch er kommt.\nJa meine Herren und Damen. Das könnte euch so\npassen. Warum in die Ferne schweifen. Euer Horizont\nist ja eng genug. Hier bin ich Mensch. Hier darf ichs\nsein. Sein oder Nichtsein, das ist jetzt die Frage.\nJa meine Damen und Herren. Es gibt keinen Zufall.\nGeh in den Kuppelhorizont, Ophelia.\nBeim Himmel, dieser Horizont ist schön. Es ist\nein Leben wie im Himmel. Wie ein Gebild aus Himmels-\nhöhn. Das Wie ist die Hauptsache. Denn hart im' Räume\nstoßen sich die Sachen. Ei wie. Ei wei.\nVergleichen wir. Vergleichen wir uns. Alles Ir-\ndische ist nur ein Gleichnis. Du bist wie eine Blume.\nNein wie du wieder riechst. Natürlich nur symbolisch.\nDie Kunst ist das Symbol der Natur. Nur daß die\nKunst kein Symbol ist.\nAber auf die Verhältnisse kommt es an. Mancher\nkann eben nicht ohne Verhältnisse leben. Aber die\nKunst ist die Liebe. Die Liebe ist ohne Verhältnis.\nDa versagen alle Vergleiche. Liebe versagt nichts.\nLiebe sagt alles.\nAlles dreht sich. Bald lag er oben, bald lag ich\nunten, sprach sie und war immerhin befriedigt. Du bist\ndie Ruh, der Friede mild. Nur das Geräusch der Dreh-\nbühne wird störend empfunden. Wenn du dich nicht ge-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191803-01.1.4", "texte": "räuschlos drehen kannst, so laß es lieber bleiben. Es\ngibt ja noch andere runde Sachen auf der Bühne. Wenn\nihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen. Und fühlt,\nwie fest geschnürt sie sei.\nEin feste Burg ist unser Kuppelhorizont. Nun laßt\nuns gehn und treten in den Kuppelhorizont. Wir haben\nuns dem Himmel verkuppelt. Wo die Horizonte auf-\nhören, fängt man mit Kuppeln an. So wird man be-\ntrogen, wenn man einen beschränkten Horizont hat. Der\nnieberührte Himmel ist eine Kalkwand, steriler als ein\nKalkei. Der Anstrich macht es. Die neutrale Farbe\nist keine Farbe. Bei der rechten Beleuchtung wachsen\ndie Jungfrauen nur so aus den Kulissen. Wir winden\ndir den Jungfernkranz. Es ist ein ehrliches Gewerbe.\nBeim rechten Lichte besehn ist er ein unbeschriebenes\nBlatt. Dies Küppelhörizöntchen kein Engel ist so rein.\nMan kann alles mit ihm machen. Er errötet von unten\nbis oben. Dies sind die Tage der Rosen. Er wird grün\nund blau im Handumdrehen. Die schönen Tage von\nAranjuez sind nun vorüber. Törichte Jungfrauen haben\nbekanntlich kein Oel auf der Lampe, wenn man auch im\nDunkeln bekanntlich besser munkeln kann. Loch bleibt\nLoch, und jedes Loch ist schwarz. Aus Löchern werden\nSterne. So lang das Lämpchen glüht. Man verschone\nmich mit aufgeklärten Jungfrauen. Ich muß dann immer\nan den Kuppelhorizont denken. Schließlich bin ich keine\nglühende Birne.\nDies ist die Stelle, wo er sterblich ist. Dies Loch\nist so groß, daß man alles hereinstellen kann. Nun sind\nalle sieben Sachen überkuppelt. Die sieben Todsünden\nsind: das Sofa, das Telefon, Otto Ernst, Max Reinhardt,\ndas dreieckige Verhältnis, die Stimmung, die Tradition.\nDie Liesl kenn ich am Geläut. Die versunkene\nGlocke ist nicht mehr zu retten. Der ganze Kuppel-\nhorizont läutet. Schlagt ihn ein. Schlagt ihn ein.\nEine Käseglocke hat einen wohlriechenden Zweck. Aber\nFelix Holländerkäse schmeckt mir nicht. Er hat zu viel\nLöcher. Und die kleinen Mädchen kriechen übereinander.\nLassen wir uns nicht überkuppeln. Und wenn es auch\nüber den Horizont des Maschineriedirektors geht.\nRaum für alle hat der Kuppelhorizont. Alle\nKollegen lassen sich unter einen Hut bringen Hütchen\nist an allem Schuld. Es führt kein andrer Weg nach\nKüßnacht.\nDas Publikum weiß Bescheid. Es geht alles mit\nnatürlichen Dingen zu. Uns kann man nichts vormachen.\nWir machen alles nach.\nOhne alle Horizonte ist die Kunst.\nKunst kann niemand kuppeln.\nKunst kann man nicht machen. Vor Nachahmung\ngeschützt.\n\nDer Klassiker im Briefkasten\nDer rote Jäger\nLebemann\nSehr geehrter Herr! Ich habe die Ehre, bei Herrn\nIntendant v. Y. als Regieassistent zu arbeiten. Der Herr\nIntendant hat kürzlich Goethes unsterbliches Meister-\nwerk „Faust\" inszeniert. Ich bin als Kind unserer Zeit\nein Freund alles Geistigen. Wie ich höre, treten Sie\nbewußt fiir das Geistige in Kunst und Leben ein. Einer\nder Köpfe unserer Zeit, der wohl auch Ihnen bekannte\nKarl Schettler, konstatiert, daß wir uns einer Wieder-\ngeburt der Gotik nähern und hat feinsinnige Worte\nüber den Geist der Gotik geprägt. Dies veranlaßte mich,\nHerrn Intendant v. Y. eine Inszenierung des Faust im\ngotischen Stil vorzuschlagen. Leider mußte aus tech-\nnischen Rücksichten davon abgesehen werden. Doch\ndies nur nebenbei. Ich darf mir schmeicheln, ein wohl-\ngelittener Verehrer des schöneren Geschlechts zu sein\nund habe mein Leben der Vergeistigung des Weibes ge-\nwidmet. Ich glaube, daß hierfür die Bühne der ent-\nscheidende Ort ist. Natürlich darf der holde Sinnenreiz\nder Frau dabei nicht zu kurz kommen. Da das Aeußere\nder Ausdruck unseres Inneren ist, beabsichtige ich, zu-\nnächst die Kleidung zu reformieren. Ich denke nicht\nnur an die Kleidung des Weibes, sondern auch an das\nManneskleid. Das Geistige im Sinnlichen durch die\nKleidung des Mannes zu betonen, ist vornehmste Pflicht.\nWenn das stärkere Geschlecht vorangeht, wird das\nschwächere, wenn auch schönere folgen. Dann haben\nwir eine Zeit der Gotik und führen das Geistige zum\nZiel. Ich bitte ergebenst um Ihre Ansicht und Ihre\nIdeen. Seien wir Lebenskünstler wie es Goethe war. Mit\nvorzüglicher Hochachtung.\nSehr geehrter Herr Baron! Wir empfehlen Ihnen,\ndas D6collete der Bühnendamen zu betrachten. Sie\nwerdten alle Aufschlüsse erhalten. Vielleicht wissen Sie,\ndaß in der Gotik auch die Herren decolletiert gingen. Wir\nempfehlen, Herrn Karl Scheffler für Ihre Bühne zu\nengagieren und decolletiert auftreten zu lassen. Machen\nSie Ihrem Intendanten mal diesen Vorschlag. Mit vor-\nzüglicher Hochachtung.\nDer junge Dichter\nSehr geehrter Herr! Verzeihen Sie, wenn ich Sie\nals Unbekannter mit einer Bitte belästige. Ich fühle den\nunwiderstehlichen Drang in mir, Dichter zu werden. Mir\nist schon manches kleine Gedicht gelungen» Aber erst\nseit ich Fräulein H. als Gretchen gesehen habe,\nist mir mein wahrer Beruf aufgegangen. Jetzt schreibe\nich ein großes Drama für sie. Es ist aus dem Leben\ngegriffen. Der erste Akt ist schon fertig. Würden Sie\nwohl die Geneigtheit haben, meine Arbeit zu lesen. Ich\nhätte so gern ein Urteil. Ihr dankbarer.\nLieber junger Freund! Bringen Sie Fräulein H.\nIhren Akt. Die wird Ihnen schon sagen, was los\nist. Und wenn Sie neben das Leben gegriffen haben,\nlassen Sie wieder von sich hören. Ergebenst.\nDie Frau\nIch weiß nicht, warum ich Ihnen schreibe. Vielleicht,\nweil Sie sich Der rote Jäger nennen und ich die Tiere\nliebe. Ich hasse das Theater. Ich weiß nicht, was Kunst\nist. Ich weiß überhaupt nichts. Vielleicht nur, daß ich\nleben muß. Ich möchte als Tier leben und kann es\nnicht. Ihre.\nGnädige Frau! Ich weiß, warum Sie schreiben. Ich\nliebe die Tiere, weil ich Jäger bin. Sie hassen das\nTheater nicht. Sie wissen, was Kunst ist. Sie wissen\nnicht, daß Sie leben müssen. Töten Sie die Tiere, die\nSie lieben. Wir können es. Ihr.\nDie Frau\nIch habe Ihnen einen Brief geschrieben. Vergeben\nSie es. Ich habe nun Ziehharmonika gespielt. Den\nganzen Abend lang Walzer. Ich bin ganz zufrieden mit\nder Welt. Ihre.\nGnädige Frau! Ich habe Ihnen schon geantwortet.\nGegebene Worte lassen sich nicht ungegeben machen.\nIhr.\nDie Tante\nLieber Neffe! Du hast mir einen großen Schmerz\nbereitet. Wenn es mit Dir so weiter geht, werde ich\nmich schämen müssen, daß Du meinen Namen trägst.\nDein verstorbener Onkel hat das nicht um Dich\nverdient. Wenn Du Dich einer solchen Afterkunst hin-\ngibst, werden sich alle Freunde von Dir abwenden Ich\nhätte gern meine einflußreichen Beziehungen für Dich\nin Bewegung gesetzt, habe es auch versucht, denn ich\nAermste wußte ja nicht, was Du treibst. Da gab mir Ge-\nheimrat W. die Sturmbühne zum Lesen. Deiner alten\nTante sind die Tränen gekommen. Das ist aus Dir\ngeworden. Daß Du Neues schaffen willst, ist ja Dein\ngutes Recht. Aber daß Dir so rein gar nichts mehr\nheilig ist, das ist ein schlimmes Zeichen. Ich werde Dich\nja immer lieb behalten, auch wenn Dich die anderen ver-\nlassen. Du weißt, wie ich Deine Arbeiten immer ver-\nfolgt habe, aber mit dem, was Du jetzt schreibst, weiß ich\nwirklich nichts anzufangen. Rauche nur wenigstens nicht\nso viel Zigaretten. Deine alte Tante.\nLiebe alte Tante! Du hast Dir einen großen Schmerz\nbereitet, wenn Du denkst, daß die Kunst etwas mit\nAfter zu tun hat. Mein verstorbener Onkel hat das nicht\num Dich verdient, daß Du so was in den Mund nimmst.\nDer Geheimrat W. weiß das nicht anders. Verfolge\nruhig meine Arbeiten. Mit sündigen Menschen hast Du\nja immer Mitleid gehabt. Ich rauche nur 20 Zigaretten\nam Tag. Schnupfe wenigstens nicht so viel. Dein alter.\nOhne Antwort\nSehr geehrte Herren! Es dürfte Ihnen bekannt sein,\ndaß wir alle jüngsten Bestrebungen in der Literatur\nnach Kräften unterstützen. Wir haben mit Interesse von\nIhrem neuen Unternehmen des expressionistischen\nTheaters Kenntnis genommen. Wir vertreiben neben\nden Werken der angesehensten Tagesschriftsteller eine\nReihe von Arbeiten junger ringender Talente, denen wir,\ndem Zug der Zeit folgend, den Weg zur Bühne ebnen\nwollen und fragen ergebenst an, ob Ihnen die Einsendung\nvon Manuskripten, die wir für Sie besonders geeignet\nhalten, angenehm ist. Hochachtungsvoll. Bühnenvertrieb.\nDer ältere Jünger\nGeehrter Herr! Sie werden meinen Namen öfters\nin der Jugend gelesen haben. Ich bin nicht mehr der\nJüngste, aber auch noch nicht zu alt, um nicht mehr\numsatteln zu können, Nachdem ich mich nunmehr\ntheoretisch mit Futurismus, Expressionismus u. a. be-\nschäftigt habe, möchte ich mich gern dieser Kunst-\nrichtung zuwenden. Können Sie mir einige Werke\nempfehlen, in denen ich mich noch näher orientieren\nkann. Ich interessiere mich besonders für Dramatisches.\nMit bestem Dank im Voraus.\nVerehrter Herr! Wir lehnen im Voraus jede Kunst-\nrichtung ab. Wir empfehlen Ihnen, Kohl zu bauen.\nDafür danken wir Ihnen bestens. Hochachtungsvoll.\nKleines Mädchen\nLieber roter Jäger! Ich möchte Dich fragen, was\nein roter Jäger ist. Ich habe gedacht, daß es nur grüne\nJäger gibt. Sage es mir also bitte. Deine.\nLiebes Kind! Ein roter Jäger ist ein Lustmörder.\nDein.\n\nDeutsche Theaterkultur\nU — U — U — U ~U — *\nEs dunkelt schon. Ich fall' in Grübelei,\nJa, Ja: Die Zeit hat Kinder mancherlei.\nDoch ich bin müd' und soll wohl schlafen gehen.\n(Der Diener bringt eine Lampe, geht dann wieder)\nJetzt läßt der Lampe Glanz mich wieder sehen.\nu — U — U — V u — *\nGioconda, du* aus wundervollem Grund,\nHerleuchtend mit dem Glanz durchseelter Glieder,\nDem rätselhaften, süßen, herben Mund,\nDem Punkt der träumeschweren Augenlieder:\nGerad soviel verrietest du mir Leben,\nAls fragend ich vermocht dir einzuweben!\nMusik?\nUnd seltsam zu der Seele redende!\nHat mich des Menschen Unsinn auch verstört?\no—u—u — u— *\nMich dünkt, als hätt' ich solche Töne\nVon Menschengeigen nie gehört —\n(Er bleibt horchend gegen die rechte Seite gewandt)\nIn tiefen, scheinbar langersehnten Schauern\nDringt's allgewaltig auf mich ein;\nEs scheint unendliches Bedauern\nUnendlich Hoffen scheint's zu sein.\nEs kam ein Trösten aus der Ewigkeit:\nDie blitzversengte Saat soll dennoch reifen.\nIch brauche noch viel stille, tiefe Zeit,\nUm dieses große Wunder zu begreifen!\nAls strömte von den alten, stillen, Mauern\nMein Leben flutend und verklärt herein.\nIhr Lieben, Lieben, laßt mich nun allein!\nkehrt rüstig heim in eure Tageshelle.\n(Am Fenster rechts)\nHier unten steht er nicht. Wie sonderbar!\nWo denn? Ich will durchs andere Fenster schau'n. ——-\n(Wie er nach der Tür rechts geht, wird der Vorhang\nleise zurückgeschlagen und in der Tür steht der Tod.)\nWie packt mich sinnlos namenloses Grauen!\nWenn deiner Fiedel Klang so lieblich war,\nWas bringt es solchen Krampf Dich anzuschauen?\nUnd schnürt die Kehle so und sträubt das Haar?\nU — U — U — V —u — *\nDu kamst und trankst von meiner Fröhlichkeit,\nDu finstrer Gast! — Dein Auge wurde helle.\nDu kamst aus glänzender Verlassenheit,\nWo keine Freude lacht und keine Quelle.\nGeh' weg! Du bist der Tod. Was willst Du hier?\nIch fürchte mich. Geh' weg! Ich kann nicht schrei'n.\nDer Tod\n(Indem er kopfschüttelnd langsam abgeht):\nWie wundervoll sind diese Wesen,\npie was nicht deutbar, dennoch deuten,\nWas nie geschrieben wurde, lesen,\n.Verworrenes beherrschend binden\nUnd Wege noch im Ewig-Dunkeln finden\nu — U — U — V — u *\nUnd wundervoll sind diese Wesen\nDie was nicht denkbar dennoch denken\nVerworrenes beherrschend lösen\nDie können auseinander finden\nWas Hofmannsthal was Frida Schanz gewesen.\nMan müßt' sie dann mit Tor und Tod beschenken\n(Er bleibt horchend gegen die rechte Seite gewandt)\nVersmaße zwecks leichterer Auffassung\n\nHerausgeber Herwarth Waiden\nVerlag Der Sturm 1918 / Berlin W 9\nDritte Folge / März 1918\nDruck von C. Horak / Berlin W57"}]}