{"numero_id": "bm-bmtnaal-1918-09-01", "volume": "bmtnaal_1918-09_01", "ocr_sha256": "7cf5915075001cd7e77c95e6a1af9140dad7d7bde79ebf78da4086ab339bae30", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnaal/issues/1918/09_01/bmtnaal_1918-09_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnaal/issues/1918/09_01/bmtnaal_1918-09_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnaal-1918-09-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-09_01#c001", "volume": "bmtnaal_1918-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "13", "page_fin": "13", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.2.1", "titre_corps": "Vierte und fünfte Folge", "titre_sommaire": "Vierte und fünfte Folge", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.1", "debut_caractere": 55, "fin_caractere_exclue": 364, "texte": "Vierte und fünfte Folge\nInhalt: Lothar Schreyer: Das Wesen\ndes Körperlichen / Herwarth Waiden: Vari6t6 /\n_ Kinner von Dresler: Passkampf / Das Tage-\nbuch der S ... 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Die Kunst-\nmittel sind sinnlich wahrnehmbar. Die Kunstmittel und\ndas aus ihnen gebildete Kunstwerk sind Wirklichkeiten\nder Außenwelt. Das Kunstwerk ist kein Schein. Das\nKunstwerk ist Sein. Das Kunstwerk ist wirklich. Dar-\num wirkt es. Darum ist es Werk. Es ist nicht gesetzt\nals Ersatz für eine Erscheinung der Außenwelt. Auch\nnicht als ein Ersatz für ein Erlebnis der Innenwelt.\nAber es kündet diese Innenwelt. Die Erscheinung der\nAußenwelt bedarf keine Kunde. Denn sie kündet sich\nselbst. Das Bild ist eine Wirklichkeit, ein Gebildetes,\nnicht ein Abgebildetes oder Nachgebildetes. Jedes\nKunstwerk ist ein Gebilde.\nDas Bühnenkunstwerk ist in Raum und Zeit ge-\nbildet. Seine Farbformelemente sind Körper. Die\ndreidimensionale Bildung ist keine Flächenbildung. Sie\nhat Flächen als Bestandteile der Körper. Die Nicht-\nkunst des Theaters sucht mit Flächen Körperwirkung\nund mit Körpern Flächenwirkung zu erreichen. Die\nBögenbiihne mit Hängebögen, Kulissen, Versatzstücken\nund Soffitten soll einen Raum und in ihm Körper vor-\ntäuschen. Das Mittel der Perspektive wird überall an-\ngewandt, auch wenn es im Sinne der Perspektive sinn-\nlos ist. Zwischen den perspektivisch bemalten Wänden\nwerden Körper bewegt, die nicht perspektivisch ver-\nwandelt werden können. Einige Theaterleute sehen\ndiese Sinnlosigkeit und ersetzen sie durch eine andere.\nSie geben der Theaterbühne einen sogenannten Kuppel-\nhorizont und stellen in ihn sogenannte plastische Körper.\nAber alles hübsch von vorn gesehen. Dahinter kann\nniemand kommen. Außer dem Schauspieler, der sich\ndem Publikum manchmal von hinten zeigt, wenn er so\neinen Charakter hat. Der Schauspieler kann sich noch\nso oft umdrehen, sein Körper wird im Kuppelhorizont\nnicht plastisch und seine Plastik nicht körperlich. Alles\nbleibt flach. Und die Tiefe ist eine Lüge.\nDas Bühnenkunstwerk hat Körpergestalten, die im\nRaum bewegt sind. Die Körpergestalt ist kein natür-\nlicher Körper, sondern ein Kunstkörper. Die Gesetze\ndes organischen Körpers sind für die Gestalt des Kunst-\nkörpers nicht wesentlich. Aber auch der Kunstkörper\nist ein Organismus. Sein organisches Prinzip ist nicht\ndas Leben der Person, sondern die Notwendigkeit des\nKunstwerkes. Ein kranker Naturkörper ist immer noch\nlebendige Natur, aber ein schlechter Kunstkörper ist\nkeine Kunst. Es gibt keine schlechten und guten Kunst-\nwerke. Es gibt nur Kunstwerke.\nDas Wesentliche der Kunstkörper ist die Körper-\nlichkeit. Körperlich ist eine Gestalt von drei Raum-\nausdehnungen. Körperlich wirkt eine Kunstgestalt: nicht,\nwenn wir nur wissen, daß sie drei Raumausdehnungen\nhat. Wir müssen diese Raumausdehnungen unmittel-\nbar sinnlich empfinden. Gestaltet ist die Körperlichkeit\nnur, wenn die drei Raumausdehnungen bewußt werden,\nund zwar muß die Körperlichkeit unmittelbar durch das\nEmpfinden zum Bewußtsein kommen. Jedes Werk, das\nmittelbar wirkt, ist nicht rein gestaltet, also kein Kunst-\nwerk. Kein Theaterwerk wirkt unmittelbar. Das ganze\nTheaterwerk ist nur Mittel. Und seine Mittel sind mäßig.\nDer Mittler eines Kunstwerkes ist kein Schöpfer, kein\nKünstler. Der Mittler wird nicht dadurch Künstler, daß\ner eine Dichtung vermittelt, Schauspieler ist Schau-\nspieler mit und ohne Dichtung. Die Dichtung geht ihn\nnichts an. Wenn er an die Dichtung herangeht, muß\ner es büßen. Der Geist jeder Dichtung ist Gift für die\nNatur jedes Liebhabers. Der plastisch gewordene Som-\nmernachtstraum ist eine Obszönität. Der Mittelpunkt\ndes Theaterwerkes ist der Souffleurkasten. Alles Gute\nkommt von unten. Da oben aber ist's fürchterlich.\nKörperloses wird zerspielt, um körperlich zu werden.\nEin kindliches Vergnügen. Kinder zerspielen ihre Spiel-\nsachen, weil sie wissen wollen. Erwachsene Theater-\nfachmänner entfachen ihre Männlichkeit, weil sie zu\nwissen behaupten. Wenn sie sich noch so sehr be-\nhaupten, Kunst wächst in keinem Fach des Kopfes. Das\nKunstwerk ist kein Spielzeug, sondern ein Spiel. Das\nSpiel der Körper ist ein körperloses Wachsen der Körper.\nDas Gesetz des Wachstums wird nicht im Kopf gezeugt.\nSelbst Zeus brachte mit diesem Organ nur eine alte\nJungfer zu Stande. „Solange diese Herren nicht durch\nden Kothurn sprechen, werden sie nichts erreichen.\",\nsagte schon der selige Lautenburg. Er hat nie was er-\nreicht. Ihr bleibt am Ende, was ihr seid. Kinder, die\nzerspielen. Die Bühne ist unschuldiger Kinderkram.\nUnd alle Unschuld rächt sich an der Kunst. Der Rache-\nengel ist das Publikum. Es sieht die Körper nur auf\nder Bühne, wenn sie nackt sind. Dann dringt der Kenner\nin die Tiefe. Denn er liebt die Oberflächlichkeit nicht.\nDer Körper des Kunstwerkes aber hat nur Oberfläche.\nWie es drinnen im Körper aussieht, ist für die Gestalt\nbelanglos. Wesentlich ist nur, was aus dem Körper her-\naussieht. Das ist das Gesetz seiner Bildung.\nGebildet ist der Körper durch Masse und Umriß.\nDie Masse ist der Stoff, aus dem der Körper hergestellt\nist. Nicht der Stoff schafft die Form, sondern die Form\nden Stoff. Die Gestalt ist also abhängig von der Masse,\naber die Gestalt schafft sich die Masse. Der Wert der\nMasse ist die Beschaffenheit seiner Körperlichkeit. Nicht\ndie Kostbarkeit macht die Masse für die Gestaltung oder\ndie Gestalt wertvoll, sondern seine besondere Eigen-\nschaft, seine Dichte, seine Härte, seine Größe. Seine\nHärte und seine Größe wirken nicht mehr in der Ge-\nstalt. Die Schwierigkeit der Verarbeitung ist für die\nGestalt unwesentlich. Die Masse des menschlichen\nKörpers ist für die Formgestalt nicht wertvoller als\nirgend eine andere Körpermasse. Aber seine Bear-\nbeitung ist schwerer als die der meisten anderen Stoffe.\nKeine andere Masse hat eine Persönlichkeit. Die Per-\nsönlichkeit kann wohl ein Kunstvermittler sein, sich\nalso an der Kunst vergehen. Nie kann die Persönlich-\nkeit ein Kunstmittel sein. Wohl kündet sich die Kunst\ndurch den Menschen, doch entpersönlicht sie ihn im\nKünden. Die Persönlichkeit selbst mit ihren individu-\nellen Eigenschaften ist kein Ausdrucksmittel der Kunst.\nIn der Persönlichkeit ist der einzelne Mensch ausge-\ndrückt, Die Kunst ist unmenschlich. Sie wirkt ohne\nRücksicht auf die Person des Künstlers das Kunstwerk.\nDie individuellen Eigenschaften der Persönlichkeit nun\ngar zum wesentlichen Ausdrucksmittel einer Kunst machen\nzu wollen, ist eine Unmöglichkeit. Von dieser Unmög-\nlichkeit lebt das Theater. Es ist das traurige arme\nLeben ohne Kunst. Das sind die Bretter, die die Welt\nbedeuten. Sie sind keine Welt. Aber jedes Kunstwerk\nist die Welt. Der Schöpfer schafft die Welt. Der\nKünstler ist Schöpfer. Er schafft sie aus dem Chaos\nder Stoffe. Aus der unendlichen Masse schöpft er den\nStoff. Der Schöpfer ermißt das Maß, mit dem er aus\ndem unmäßigen Chaos den Kosmos schafft. Die Auf-\nlösung aller Körper erlöst er zum Körper. Das Walten\ndes Schöpfers wirkt aus dem unendlichen Wallen der\nStoffe die Welt. Die Wirkung der Masse ist das Maß.\nDas Maß des Werkes wirkt das Maßlose der Massen Das\nEndliche kündet das Unendliche. Die Kunde ist das\nKunstwerk.\nDas Maß der Masse ist sinnlich wahrnehmbar im\nUmriß. Die Masse des Körpers ist umrissen von Flächen.\nDie Flächen schneiden sich in Kanten des Körpers. Der\nUmriß des Körpers ist seine Oberfläche. Die Ober-\nfläche ist Teil des Körpers. Die Oberfläche ist von der\ngleichen Kraft, von dem gleichen Gesetz gebildet wie\nder Körper. Durch die Oberfläche wird die Körperge-\nstalt sinnlich wahrnehmbar. Die Oberfläche gestaltet\nden Stoff der Masse. Das Kunstwerk ist Gestalt. Ober-\nflächenbildung ist Körperbildung. Die Masse ist nur\nTräger der Oberfläche. Die Oberfläche reizt unseren\nTastsinn und Gesichtssinn. Wir umtasten den Körper,\nwir fühlen seine Oberfläche, wir umreißen ihn mit un-\nseren Augen, mit unseren Tastnerven. Unser Empfinden,\nunser Fühlen wird hineingerissen in den Rhythmus der\nFlächen und Kanten der Oberfläche. Flächen und Kanten\ngliedern die Oberfläche des Körpers. Die Sinne unseres\nKörpers Leib werden aufgerissen von dem Rhythmus\nder Kunstgestalt. Wjir fühlen die Kunstgestalt als Glied\nunseres Körpers, das tief unter jede Oberfläche in unsere\ninnerste Lebenskraft eindringt und uns das Geheimnis\nder Gestalt erleben läßt. Das Erlebnis wandelt uns zur\nGestalt. 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Dresler\nSommer\nFelsen Berge starren in blauen Himmel\nGrüne Matten dehnen schmiegen längs uferloser Tiefe\nWeg steigt den Paß\nSonne spätet den Tag\nMädchen tanzt springt offenes Haar weht blanke Kniee\nhüpfen\nMädchen: Du —\nDie Antwort: Spiel —\nMädchen: Komm —\nDie Antwort: Sehnen —\nMädchen: Meine Arme recken Berge die den Himmel\nrauben\nMein Herz taumelt wilde Schläge rasende sprin-\ngende Steine\nMeine Augen suchen lockenden Grund\nMeine Ohren lauschen schürfendes Eis\nMeine Sinne fühlen wirbeln heiße Stürme\nMeine Lippen seufzen jubeln\nDie Antwort: Dich —<\nMädchen: Narr nur —\nDie Antwort: Nur —\nMädchen: Dich —\nDie Antwort: Dich\nSohn: Steigt zu ihr —\nMädchen: Zu mir —"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4564, "texte": "Die Antwort: Wir —\nSohn: Die Pfeile meiner Sehnsucht fliegen leuchtend auf\nMädchen: Glattönende Platten Schilde 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leis\nSohn: Wild Treiben\nMädchen: Spiel\nSohn: Blut tropft Purpurperlen\nMädchen: Eiserner Stein Stoß\nSohn: Ich trinke Dich —\nMädchen: Wir sind —\nSohn: Wir —\nSchweigen sinnt\nBerge kalten Wolken dräuen fern Schwüle\nSohn: Wachen\nMädchen: Wie\nSohn: Unverstandenes Muß\nMädchen: Angst\nSohn: Ich kann meine Faust nicht öffnen\nMädchen: Die schlägt mich zu Boden\nSohn: Reifen legen sich um meine Stirn\nMädchen: Sie fesseln mich an kaltes Eis\nSohn: Geschehen\nMädchen: Starrheit klammert meinen Fuß\nSohn rast gegen die Felsen Faust schlägt den Stein\nMädchen: Weh —\nSohn: Schrei dröhnt triefend Grat und Kamm\nTäter\nIch\nMädchen: Entsetzen dringt kantigen Kiesel ritzend ein\nSohn: Komm\nMädchen: Mühsal\nSohn: Wirf ab\nSchütteln\nMädchen: Ich falle\nSohn: Ich reiße entzwei\nIch beiße zu Brei\nIch greife Stücke\nIch zerwühle zerpflückte Netze\nMädchen: Töte mich\nSohn: Schaudern\nMädchen: Wirbeln wirbeln zerwirbeln\nSohn: Zertrennt\nZerbannt\nWolken ballen dicht verhüllen Nacht graut Donner\nMädchen: Ahnen\nSohn: Still\nMädchen: Ueberwinden\nSohn: Wolkenhand sperrt uns aus\nMädchen: Gitterfenster glasen\nSohn: Schmerz\nMädchen: Würgen\nTränen\nSohn: Dornen stechen Folterkammer\nMädchen: Wetterleuchten\nBlitze weit drohen Zages Beben\nSohn: Zittern zerknüllt die Erde\nWiehen wölben Festigkeit\nFlüsterndes Knistern kündet Wanken\nZerbrechen\nZerstäuben\nGiftdampf >\nMädchen: Nimm\nSohn: Gib\nMädchen: Lechzen\nSohn: Erschürfen\nMädchen: Ganz\nSohn: Das Letzte\nMädchen: Brüste trank\nSchenkel schlank\nLeib quillt\nSohn: Herr —\nMädchen: Da —\nSohn: Kraft über Dir\nIn dir\nMädchen: Um uns\nSohn: Zerbrich Gesetz\nMädchen: Gehetzt\nSohn: Irres Rasen zuletzt\nMädchen; Ring endlos\nSohn: Unlösbar Band\nMädchen: Laß grauen die Nacht\nSinken tief\nNacht gelb fahl\nWind\nMutter hastet Schrecken vom Tal\nMutter: Zitternde Knie schlagen quetschen zusammen\nKlaffende Finger raufen weiße Strähnen\nQual schlägt schaudernd Berg an Berg\nStein bröckelt rieselt Sand\nStimmen krächzen Dohlen\nStecken stoßen klirrend Angst\nWimmernd seufzen Spalten Löcher\nDas Ohr der Welt horcht lauscht\nNacht beklemmt\nJagend hetzt gescheuchtes Wild\nKeuschend kreisch ich Gefahr\nSohn\nMädchen\nKriechen schlängelt das Grauen\nUeberspült\nPesthauch gelbt Schleier\nHüllt\nWühlt\nGrinsen spinnt herauf\nPackt mein dürres Leben\nBeben\nAuf\nMädchen: Eine Hexe bricht den Traum\nMutter: Boden weit offen\nMädchen: Was ist\nSohn: Totenbleich\nMutter: Sohn\nSohn: Mutter\nMutter: Ihr beide — wir\nSohn: Raben schwarzer Flug\nMutter: Messer schneiden Kopf\nZucken\nMädchen: Zacken rädern\nSohn: Künde\nMädchen: Wäre ich taub\nMutter: Schneidet mir die Zunge\nSohn: Sprich\nMutter: Zu alter Bürde kommt weltenschwere Last\nSohn: Quäle nicht\nMutter: Trommel wirbelt dumpf drohend fern\nZucken\nMädchen fasse Deine Brust\nSohn kralle Deine Mutter\nMutter sinkt\nMädchen: Pochender Hammer Spitzdolche\nSohn: Mutter\nMutter stöhnt\nSohn: Helme blitzen\nSchilde wallen\nLanzen starren\nSchienen 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Schoß\nMädchen: Sie reißen mein Fleisch\nMutter: Geben\nMädchen: Lassen\nMutter: Schaffen\nMädchen: Liebe\nMutter: Verlassen\nMädchen: Verloren\nNacht sinnt\nMädchen: Allein\nMutter: Nacht breitet bleiern\nTriefend heult der Wind\nFrierend klappern meine Zähne\nMein Herz pocht ringend ringend ringend\nEr —\nMädchen: Du —\nMutter: Nichts\nMädchen: Stumm\nMutter: Nichts\nMädchen: Du —?!\nStummen •\nMutter: Sohn treibst Du böses Spiel\nMädchen: Leer\nMutter: Weitet\nEinöde tot kalt\nGraue Schleier hängen starr glatt\nDunkel bricht Dunkel\nMädchen: Wirre Träume bleiben Wiesen\nZu kauernden Bündel rollen wir zerzaust\nNebel wiegt feucht Mutter Tochter Erde eins\nMädchen: Innen kleiiger Durst\nAußen Gespenster klirren gelbes Glas\nMutter: Nebel gräbt die Gruft\nStickt die Kehle\nLeid lischt Laut\nSarg\nEingemauert — warten — warten — warten —\nBeten — beten — beten\nMädchen: Ich wühle mein Gesicht in meine Haare\nEin leiser Duft von Sommersonnenschein quillt\nFlüchtig verhaucht auch er\nMutter streckt Mädchen stützt Hütte birgt Türe knarrt\nRiegel\nSchnee sinkt leichentuch Tiefe Schweigen Einsamkeit\nFeind Mörder schielt späht stockt\nEin Feind: Schleichend reibe schürfe ich von meinem\nPosten\nSchnurre kratz schrill knacken Genick\nDer Andere: Raubtier schaukelt dreikantigen Dolch\nEin Feind: Fleisch\nNüstern riechen Brand\nSchlangen schlängeln Giftbiß\nDer Andere: Krummes Verrecken Winden Wälzen\nStöhnen sprudelt klebrigen Dunst\nRachen röcheln\nZähne fletschen\nZungen schmatzen\nPranken Brei breiten gequetscht\nEin Feind: Filzdecken rollen Teighitze\nErsticken Luftsaugen\nSchnüre drehen Köpfe schief >\nQuellen Kugelaugen\nGliederkampf stößt ausgerenkt\nSehnen zerren zerrissen flattern tote Fahnen\nDer Andere: Mond schattet wandelt toten Stein\nGeister knurren zischeln zirpen girren\nNebeln wallen dringen durch Ritzen\nGlitschen frösteln blanke Haut\nKlammen beben\nEin Feind: Herd lischt\nStühle Schränke Truhen riesen schlürfen rascheln\nstoßen Tassen\nSchwarzdunkel schreibt Zeile\nMalt Fläche flach\nBlick sucht lösende Löcher\nGleiten flirrt\nTiger glühen Ovalgrün\nBann leblos\nBleich Muskel straff\nDer Andere: Gold\nEin Feind: Mensch\nDer Andere: Gier\nEin Feind: Hunger\nDer Andere: Krieg schafft Tier\nAetzender Geruch stinkt\nWüste bleicht Bein\nGanzes zerstiebt entzwei\nEin Feind: Krieg biert Ich\nSchleicht Hütte an Fenster leuchtet erblindet\nEin Feind: Menschenhaus zerfall 112\nBlick stiehlt Fenster schlägt Weib\nEin Feind: Weib\nDer Andere: Jung\nEin Feind: Kleider herab\nDer Andere: Presse Schenke\nEin Feind: Zwei Brüste\nDer Andere: Teilen\nEin Feind: Körper\nDer, Andere: Beide\nEin Feind: Die Alte ...\nDer Andere: Zu alt t.\nEin Feind: Fall Abgrund spring Wdldhetz\nMutter: Sohn? —\nFeinde Mörder fallen an\nEin Feind: Vettel\nDer Andere: Dürr\nEin Feind: Renn rase tot\nDer Andere: Klapper raffelnd Kanten\nMutter: Erbarmen\nMutter schlägt die Mauer Rücken taumelt rafft\nSchreie gellen Felsenwände Mutter flieht im Dunkel fort\nWind heult Mörder lacht\nEin Feind: Hitze Flamme zünde Nest\nDer Andere: Ertrinkende Ratte renn* irr\nEin Feind: Liebchen\nMädchen: Hinweg\nEin Feind: Toll Tanz Wirbel dreh\nMörder greift Mädchen wehrt verzweifelt Zähne\nschlagen Kehle Finger krallt Gesicht krillt Augen\nentzwei Mörder biegt rückwärts los Schmerz\nkeucht stolpert bricht Rückgrat Grund\nDer Andere: Katze\nMädchen: Komm\nDer Andere sticht\nMädchen: Mord!\nDer Andere: Nicht teilen\nMädchen stirbt Felsblöcke sargen Hütte brennt\nSturm heulenden Sterne zittern kalt Frost Mond\nsilbern fließt Hornruf stimmt Sturm\nDer Andere: Fort\nNacht birgt Feind am Paß Jüngling führt Heer-\nhaufen Krieger klettern herauf Schwert brennt\nKrieger: Blitzscharfes Schwert wir folgen\nDu schneidest Bahn\nZweites Leben das Herz\nNeu wachsen blühen wir Feindesblut\nTrost\nHort\nJüngling: Herauf holt dieses Zeichen\nHeraus treibt es zum Schutz\nHof Weib Kind beten dies Kreuz\nSchwert flammt\nKrieger: Jüngling blondlockig 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tot\n\"Jüngling: Bekenne\nKrieger: Beweis\nJüngling: Du\nKrieger: Schwertkreuz\nJüngling: Rache\nKrieger: Sturm\nJüngling: Rückt an\nSchwert klimmt leuchtend Trommel wirbelt Welt\nHeer Wogen branden Berge Feinde starren Mauer\nPaßhimmel\nFeinde: Eisernes Sperren schleicht undurchdringlich\nFalle\nFange klappt\nWurf Schleuder\nKrieger: Wir brechen\nFeinde: Flitzpfeile flimmern Wimmern\nRollen verbissen\nKrieger: Hehres Geschenk\nFeinde: Rollende Steine mehlen Knochen tosen Zentner\nWände brechen stürzen graben\nKrieger: Grabsteine kündet die Tat\nKampf Anfang Laut hallt Welt Waffen wirbeln\ndröhnt Geschrei sprüht All\nJüngling: Wir ziehen Sternenbrücken hinauf\nWunderbläue zündet Altäre\nMondschimmer panzert unverwundbar Tarnkappe\nBlitze furchen\nDonner rollt Lawinen\nWirbeln rasen Kreise rädern schluchtend\nKörperfall\nKrieger: Ringend winden treiben wir Sonnenreifen\nLeiber türmen tönende Burg\nStahl\nZinnenfackel brennt sausend surrend Himmel\nFeinde: Mäuler bläken gurgelnd Geifer\nMuskel reiben Strang\n! Keuchende Flanken bersten Geschwüre\nDornige Nägel riffen Grind\nKrieger: Schmerzlose Wunden wappnen\nSchuppen zerstieben\nHellsehend dringt Blick Blöße\nTriff\nStoß\nKlettern turmhoch über Speerwald\nAexte singen Spähne\nFahnen rauschen Wolken\nSäulen tragen unendlich\nJüngling: Menchsensaft Wasserfall überschwemmt\nLärm Kampf wogt hin und her Feind weicht\nJüngling: Werft sie über die Schneide\nKämmt griffigen Grat\nPestleichen stinken Gruft\nFeinde: Zerbrochen zerstückt springen unsere Glieder\nGeblendete Augen glitschen Platten glatt\nDärme dörren frierend Hang\nGebrochene Knochen knirschen Sand\nFleischfetzen kleben fledern Skelett\nBlutköpfe treiben färben reißenden Bach\nKrieger: Wir brüllen Sturm über den ganzen Paß\nGebirge bersten entzwei Kampf verliert fern Tote\ndecken Erde rot Stöhnen Kampf kehrt zurück\nFeinde gestützt ungeheure Massen Kieger kämpfen\nWehr\nJüngling: Haltet\nKrieger: Meere brechen über uns\nTrümmer stolpern bergauf bergab Schläfen häm-\nmern zerspringen Feind stützt mordend Freund\nLeib verwächst Knäule Siedet kocht verbrüht Dunst\nSchweiß klebt pappt Haare Schmerzen Weh\nJüngling: Steht\nFeind Wutvollen\nJüngling: Wieder\nKrieger: Weichen\nFeinde: Nie\nJüngling: - Fliehen\nMäht mäht\nKrieger: Neue nahen\nJüngling: Mut\nFeinde: Wir vor\nWiir zurück\nFeinde: Wiir zurück\nWir vor\nJüngling: Wir\nFeinde: Massen treiben\nJüngling: Fest\nKrieger: Tief\nFeinde: Wir ertrinken\nJüngling: Wogenprall zerspritzt uns\nFeinde: Rennen Dämmen\nDämmen Rennen\nFeinde: Wanken\nTaumeln\nFeinde: Zerbrochen\nKrieger: Zerissen\nFeinde: Sterben\nTot\nKampf tobt aus Rings der Tod Jüngling blutet\nJüngling: Fließe ströme hin\nWohltat\nKampf Schluß\nJüngling kniet Mädchengrab\nSchwert stützt Feind Heerführer rückt an\nHeerführer: Der Letzte\nJüngling: Mein Weib\nBete\nHeerführer: Fluch\nJüngling: Achtung heisch ich\nHeerführer: Haß\nJüngling: Heilig rein\nHeerführer: Haß Haß\nKämpfen Jüngling trifft Heerführer trifft\nJüngling: Zuletzt\nBlut sickere taufe geweihtes Feld\nWecke warnend junges Leben \"•■■■:■\nHerab\nKlaffe\nStrahlen über uns\nJüngling bahrt sich auf Mädchen i\nJüngling: Rotes Leichentuch wärmt\nFlammenschwert zünde Scheiterhaufen\nGlut\nRauchsäule steigt verschmilzt zergeht\nWir zu Wind\nWolken\nMeer\nErde\nNacht\nLicht\nWir sind\nVerbrennen\nNachtfeuer lischt Hausfeuer sinkt Morgen taut\nStöhnen Mutter sucht Sohn Mädchen Laterne seelt\nElfenlicht über Stein Winkel Ecke Schlucht überall\nVerwundeter: Christus\nAnderer Verwundeter: Muttergottes\nStöhnen\nVerwundeter: Fluch\nAnderer Verwundeter: Schon sterben\nMutter: Trommel Schlag klage du\nEin anderer Verwundeter: Licht\nMutter: Sohn Kind\nDeine Mutter\nSterbender: Mutter\nMutter: Sehnen\nSterbender Feind: Heim\nMutter: Komm\nSterbender Feind: Behüte mich\nLaterne leuchtet Feind Mutter prallt zurück\nMutter: Du?\nSterbender Feind: Mutter\nMutter: Nie\nMein Sohn ich suche nach dir —\nWo\nSterbender Feind: Mutter\nMutter: Mordhand —<\nIhr blonden Locken\nSterbender Feind: Sie wurden rot sieh\nIch habe eine Mutter\nMutter: Nicht weiter\nVerwundeter: Weit — weit —\nMutter: Ich finde nicht\nNirgends Ihr\nVerwundeter: Beten beten beten\nMutter: Alt blind taub verwest\ngenug genug\nWahnsinniger: Erwache Jenseits Tier\nWie heißt die Welt\nAuf schlaft nicht zu lang\nIch umarme dich ich küsse dich\nMutter: Müde\nDeckt mich\nIch friere\nEs tagt\nVerwundeter: Vergessen zu nichts\nSterben Strecken Seufzer Schrecken Tag Berge\nglühen Morgensonne Weite grünet Matte Blumen\nDuft Musik webt Erwachen Hirtenbube flötet\nHirtenmädchen wirkt Kranz Hirtenbube endigt Lied\nSieht zu den Felsen\nHirtenbube: Eine Höhle"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 828, "texte": "Hirtenmädchen: Zwerglein haust darin\nMutter erzählte mir Märchen\nKleine Prinzessin mit goldenen Schuhen\nHirtenbube: Ein Drachen riesengroß bewacht frißt speit\nFeuer\nHirtenmädchen: Angst\nHirtenbube: Ich beschütze dich\nHirtenmädchen: Du bist stark\nHirtenbube: Ich töte den Drachen und die Prinzessin\nwird meine Frau\nHirtenmädchen: Und ich\nHirtenbube: Du\nDas sind ja Lügen\nHirtenbube läuft in die Höhle\nHirtenbube: Es blitzt hier\nHirtenmädchen: Ringlein\nHirtenbube: Edelstein\nHirtenmädchen: Kettlein\nHirtenbube: Krone\nHirtenbube gräbt das Schwert\nHirtenmädchen: Ein Schwert\nHirtenbube: Es funkelt\nHirtenmädchen: Es singt\nHirtenbube: Zauber\nHirtenmädchen: Schneidet es scharf\nHirtenbube: Die Flöte entzwei\nHirtenmädchen: Jetzt kannst du nimmer blasen\nHirtenbube: Das Schwert singt\nHirtenmädchen: Meine Flöte\nHirtenbube: Mein Schwert"}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-09-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-09_01#c004", "volume": "bmtnaal_1918-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "17", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.2.4", "titre_corps": "Variélé", "titre_sommaire": "Variélé", "signature_source": "Herwarth Waiden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.5", "debut_caractere": 830, "fin_caractere_exclue": 3240, "texte": "Variélé\nHerwarth Waiden\nDie Künstler des Varietes heißen Artisten. Die Dilet-\ntanten des 1 heaters „Künstler\". Der Artist gibt wenig-\nstens und zunächst einmal sein Leben für die Kunst.\nDer Künstler opfert die Kunst für das Leben. Der\nArtist erarbeitet sich das Unnachahmliche. Der Künst-\nler gefällt sich darin, nachzuahmen. Der Artist gibt sich\nauf. Der Künstler nimmt sich zusammen. Der Artist\nspielt mit seinem Körper. Der Künstler verkörpert sein\nSpiel. Der Artist findet sich uninteressant, sein Körper,\nauch sein Gesicht ist ihm nur Gestell für die Kunst.\nDer Künstler findet sich interessant, sein Gestell ist\nihm schon die Kunst. Der Artist lernt gehen. Der\nKünstler geht lernen. Der Artist gibt sich als Ausdruck\nauf. Der Künstler nimmt sich als Eindruck an. Der\nArtist stellt etwas vor. Der Künstler stellt sich vor.\nEs ist keine Kunst, auf dem Seil zu tanzen. Aber\nist es eine Kunst über die Bühne zu gehen? Es ist\nkeine Kunst eine Zigarette mit dem Mund aufzufangen.\nAber ist es eine Kunst, sich eine Zigarette in den Mund\nzu stecken. Allerdings: Der Künstler spricht. Der\nArtist schweigt. Schweigen ist keine Kunst. Aber ist\nSprechen eine.\nDie Darsteller werfen sich die Wlorte des Dichters\nzu. Die Schausteller werfen sich ihre Körper zu. Die\nWorte fallen zu Boden. Die Körper fangen sich auf.\nDas Spiel der Künstler ist kindisch. Sie reden alles\ndem Erwachsenen nach, dem großen Herrn Dichter. Sie\nerklären Erwachsenen den Erwachsenen.\nDas Spiel der Artisten ist kindlich. Sie spielen das\nSpiel. Das Spiel hat Regeln. Nur die Regel wirkt.\nDaher hat der Artist Wirkungen und der Künstler Ef-\nfekte. Nur die Nacht ist die Wirkung des Tages, und\nder Tag die Wirkung der Nacht. Der ewige Tag und\ndie ewige Nacht ist ein zeitlicher Effekt ohne zeitlose\nWirkung.\nDer Schauspieler richtet sich nach seiner Stimmung.\nEin Spieler läßt an Hörern seine Laune aus. Ist es wirk-\nlich das höchste Glück auf Erden, Spielball einer lau-\nnigen Persönlichkeit zu sein. Die Regel des Spielballs\nist es, aufgefangen zu werden. Warum soll man sich\nirgendwo hinschmeißen lassen. Warum soll man die\nAusnahme eines andern sein. Wer wirft, muß fangen\nkönnen. Am Jongleur bewundern wir die Regel.\nDas Spiel der vier Uessems ist Kunst. Künstler\nsind sie, die sogenannten Akrobaten, denn sie gestalten\nkörperlich das Körperlose, denn das Geistige ist sicht-\nbar, nicht ih r Geistiges. Das Geistige. Das Geistige\nder Kunst."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-09-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-09_01#c005", "volume": "bmtnaal_1918-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "18", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.2.5", "titre_corps": "Die Erstenbesten", "titre_sommaire": "Die Erstenbesten", "signature_source": "Lothar Schreyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.5", "debut_caractere": 3242, "fin_caractere_exclue": 11714, "texte": "Die Erstenbesten\nLothar Schreyer\nSelbst der erstebeste Theaterdirektor kann Lunte\nriechen. Er hat, wie man uns meldet, soeben das Riech-\norgan als für diesen überraschenden Zweck geeignet er-\nkannt. Bisher verwandte der Theaterdirektor dieses\nseltsame Glied ausschließlich als Kneiferstütze. Plötz-\nlich hat er das Pulver erfunden. Warum sich immer\nkneifen lassen. Warum immer kneifen. Man lasse\nseinen Pintscher den Schwanz zwischen die Beine knei-\nfen, und er wird die Kunst genau so gut sehen wie ein\nTheaterdirektor. Besonders wenn kleine Kinder mit\ndem Schießgewehr spielen. Sie machen das Pulver da-\ni>ei naß, sodaß man sich ungefährdet ihren Erzeugnissen\nzuwenden kann. Flüssig wie ein Gedicht. Das Berliner\n\"ageblatt und die Frankfurter Zeitung drucken es ab.\nNachdruck verboten. Da wendet sich der Gast mit Grau-\nsen. Und die Theater entleeren sich. Durchfall, daß es\nkracht. Das Pulver hat gewirkt, aber es war kein\nSchießpulver. Was nützt das begeisterte Rauschen im\nBlätterwald. Der Theaterdirektor will nicht auf den\nHund kommen. Er kneift sich selbst den Kneifer zwi-\nschen die Backen. Man soll sich nicht auf seine Nase\nverlassen. Das Publikum will eben keine Kunst.\nIhr überraschten Herren! Das schlechteste Publi-\nkum von dem, was ihr Publikum nennt, ist besser als\nder beste Theaterdirektor. Ihr wollt Geld verdienen.\nDas ist der erste Sinn aller schönen Reden. Wenn ein\nHoftheaterdirektor oder ein Stadttheaterdirektor das\nnicht kann, hat er seinen Beruf verfehlt. Der Gast\naber, der zu euch kommt, gibt euch vertrauensvoll sein\nGeld, jeder, weil er etwas anderes von euch erwartet.\nAber selbst unter dem schlechtesten Publikum ist einer,\nder das Erlebnis der Kunst sucht. Dieser Eine ist die\nStimme des Volkes. Dieser Eine hat recht gegen die\nvielen, gegen die Mehrheit. Was ihr tut, ist Unrecht.\nWäs ihr nicht tut, ist eure Pflicht. Ihr wißt nicht, was\neure Pflicht ist, weil ihr die Stimme der Einzelnen, die\ndas Rechte wissen, nicht hört. Weil ihr nicht hören\nwollt. Und was nützt euch der Wille. Aus dem Willen\nwird kein Kunstwerk geboren. Weil ihr nicht hören\nkönnt. Es gibt manche erfolgreiche Spekulanten unter\neuch. Es gibt wenig tüchtige Arbeiter unter euch.\nAber kein Künstler kann unter euch leben, weil er hören\nmuß.\nDa ihr nicht hören könnt, wollt ihr fühlen. Ihr fühlt,\ndaß die Kunst eure Gefahr ist. Aber ihr fühlt die Kunst\nnicht. Denn ihr seid euch selbst die Notwendigkeit.\nDie Notwendigkeit der Kunst ist euch fremd. Die Kunst\nwendet die Not der Künstler. Euch Nichtkünstlern ist\ndie Not der Nichtkunst fremd. Warum in aller Welt\nfühlt ihr euch genötigt, in Kunst machen zu wollen. Weil\neure Welt nicht das All ist. Weil ihr falsch fühlt, daß\nihr machen könnt, was ihr wollt. Weil der Geschäfts-\nmann genötigt ist, mit der Konjunktur zu arbeiten. Ihr\nhabt eine Konjunktur des Expressionismus gerochen und\nseid reingefallen. Das kommt davon, wenn man seine\nNase dorthin steckt, wo man nicht stehen kann. Der\nSturm der Kunst hat euch umgeblasen. Ihr könnt die\nKunst nicht fassen. Darum habt ihr nach einem Schlag-\nwort gegriffen. Ihr könnt ergreifend Reklame ma-\nchen. Aber Reklame macht keine Kunst, sondern nur\nWorte. Seid den armen Schriftstellern nicht böse, weil\nihr in Schrift gestellte Worte für Wortkunst haltet. Die\narmen Schriftsteller sind selbst böse dran. Sie sagen,\ndaß ihre Schriftstellerei Kunst ist. Sie sprechen euch\nvon ihrer guten Kunst und hoffen, daß sie reich werden,\nwenn sie heftig mit Worten um sich schlagen. Ihr laßt\neuch ein Loch in den Bauch reden und reibt die Hände\ndarüber, weil ihr einen Schlager hofft. Es ist aber ein\nSchlag ins Wasser. Denn die armen Leutchen haben\nwie ihr mit Wasser gekocht. Wasser aber tut's freilich\nnicht. Es ist leichter, Amerika noch einmal zu ent-\ndecken, als in der Schriftstellerei Kunst zu finden. Und\nwenn ihr das berühmte Schriftsteller-Ei mit einem Schlag\nauf die Spitze stellt, läuft es aus. Es ist zum Davon-\nlaufen. Nun habt ihr das Nachsehen.\nAber was ein tüchtiger Geschäftsmann ist, läßt sich\nnicht verblüffen. Geht es nicht rechtsrum, geht es viel-\nleicht linksrum. Dieses Gemauschelist die sog. Kunst\ndes Regisseurs. Die ersten besten Dichter haben ver-\nsagt. Nun müssen die modernen Regisseure heran.\nWarum wird auch Gage für diese überflüssigen Per-\nsonen bezahlt. Moderne Regisseure gibt es im Ueber-\nfluß. Laß uns trinken was die Wimper hält von dem\ngoldnen Ueberfluß der Welt. Die Presse hält die Mo-\ndernität im Fluß. Der Presse kann keiner an die Wim-\npern klimpern. Selbst das Publikum nicht, von dem das\nGold kommen soll. Das dumme Publikum, das durch-\naus etwas Kunst haben will. Allzuviel ist ungesund,\ndas weiß der Theaterdirektor. Aber in kleinen Dosen\nkann sie selbst dem Theater nicht schaden, denkt der\nHerr Direktor. Und gegen Dummheit kämpfen Götter\nselbst vergebens. Also denn in Gottesnamen, man lasse\ndem modernen Regisseur mal freie Hand. Irgendwo\nmuß der freie Handel doch wieder mal beginnen. Ge-\ndanken sind zollfrei. Freie Hand dem Tüchtigen, der die\nlängsten Finger hat. Aber wo stehlen. Noch hat kein\nRegisseur die Bühnenkunst gesehen. Aber auch noch\nkein Publikum hat sie gesehen. Man spiele also ruhig\nweiter Theater. Komödianten haben ein ehrliches Ge-\nwerbe. Ehrlich währt am längsten. An die Goldwäh-\nrung kann man die Leute immer glauben machen. Die\nHauptsache ist, daß man alles schwarz auf weiß besitzt.\nReden ist Gold. Man spreche wie gedruckt. Das hebt\nunsere gedrückten Zeiten. Nur tüchtig auf die Kunst\ndrücken, dann wird sie schon rauskommen. Man hebe\ndas Theater ins Geistige. Erhoben soll das Publikum\nwerden, wie in den erhabenen Zeiten der großen Kunst.\nDer Regisseur macht das am besten, indem er sich Spiel-\nleiter nennt. Auf der Leiter will er nach oben. Da wollt\ner wieder runter und da könnt er nicht. Das Spiel läßt\nsich nicht leiten. Das Spiel leitet den Spieler. Auch\nwenn er es natürlich symbolisch nimmt. Symbolische\nNatürlichkeit ist der Kitsch des Spielleiters. Und das\nbeste Publikum will nicht erhoben sein. Niedergedrückt\nwill es sein. Vernichtet will es sein von der Macht der\nKunst. Das Publikum will nicht sein. Oeffentlichkeit\nwill Innerlichkeit sein. Innerlichkeit ist die erste und\neinzige Oeffentlichkeit der Kunst.\nDie innerliche Schmach des Theaters ist eine öffent-\nliche Schmach geworden. Der öffentliche Wettlauf von\nNichtkünstlern nach der Kunst enthüllt die Ohnmacht\ndes Theaters. Nur ja nicht den Anschluß verlieren. Mit\nAusschluß der Kunst hat man bisher alles gemacht. Wer\nvieles bringt, wird allen etwas bringen. Wer gut ab-\nschließen will, darf die Kunst nicht vergessen. Wer\nsie zuerst findet, kann sie sich patentieren lassen. Und\nwenn die anderen das Patent auch nachmachen, man\nist doch der erste gewesen. Die ersten sind immer\ndie besten. Besonders wenn man es von sich behauptet.\nUnd das kostet nichts. Aber es bringt etwas ein. Jede\n„literarische\" Bühne hat heute ihren expressionistischen\nSpielleiter. Die ersten expressionistischen Inszenierun-\ngen werden jede Woche entdeckt, daß es eine Lust ist,\nzu leben. Glücklich der Kritiker, dem der Kollege die\nGelegenheit nicht vor der Nase wegschnappt. Es lebe\ndas Riechorgan! Nur der Theaterdirektor rümpft die\nNase. Die Schlagwörter haben ihm kräftige Nasenstüber\ngegeben, und er soll davon leben. Das hält auf die\nDauer der stärkste Mann nicht aus. Die Geister, die er\nrief, wird er nicht mehr los. Denn es ist kein Geist\ndarunter. Bald wird der Theaterdirektor seinen Geist\naufgeben. Denn er kennt die Welt nicht mehr. Die\nersten sind die letzten. Der Erstebeste pfuscht ihm ins\nGewerbe. Das kommt davon, wenn man einen Zwitter\nnicht von einer Jungfrau unterscheiden kann. Im Theater\nweiß keiner, was eine Jungfrau ist. Das ist die ganze\nGeschichte. Die Kunst ist unberührt. Kunst kann man\nnicht schänden. Schändlich ist, daß ihr Nichtkunst Kunst\nnennt. Schande ist, daß Verleger,, Theaterdirektoren\nund Kritiker die Kunst nicht sehen. Euere Schande ist\neuer Gewerbe.\nIhr überraschten und enttäuschten Herren! Es gibt\nkeine erste Kunst. Es gibt keine beste Kunst. Der\nTanz der letzten schlechtesten Südseeinsulaner ist Kunst.\nAber nicht euer Theater. Verschreibt euch nun keinen\nMiaorihäuptling. Führt keinen Duk-Duk-Tanz auf. Ihr\nkönnt keine Zauberer sein, sondern nur Komödianten.\nIhr könnt die Bühne verwandeln, aber nicht euch. Ihr\nkönnt uns Wunder vormachen, aber ihr erlebt kein\nWunder. Ihr könnt aus euren besten Ersten keine Letz-\nten machen. Denn ihr seid die letzten. Die letzten\nLeichenräuber des toten Theaters."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5860, "texte": "Das Tagebuch der S . . .\nWlir veröffentlichen Fragmente aus dem Tagebuch einer\nbekannten Schauspielerin, die sich vor einigen Jahren\nwegen unbefriedigten künstlerischen Ehrgeizes das Leben\nnahm. Mit Erlaubnis der Erben.\nDritte Fortsetzung.\n16. Dezember 191 .\nDas Unerwartetste ist eingetreten.\nIch fürchtete die Kritik um Karlchens willen und\nzitterte wie vor meinem eigenen Todesurteil.\nGestern abend noch hörte ich, daß Karlchens so-\nfortige Entlassung beschlossen wurde. Dr. H. und der\nDirektor gönnten mir kein Wort, nicht einmal einen\nBlick nach der Vorstellung. Warum, wußte ich nicht\nrecht — aber ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen\nKarlchen.\nKarlchens Schicksal schien mir entschieden — durch\nmeine Schuld war seine hiesige Stellung unmöglich ge-\nworden —.\nMit diesem Selbstvorwurf verbrachte ich die Nacht,\neine fürchterliche Nacht, in der ich weinte — wie ich\nnoch selten geweint habe.\nHeute morgen habe ich gelacht — gellend gelacht —.\nDie Wege der Kritik sind wunderlich —.\nKarlchen hat im Grunde genommen einen großen\nErfolg gehabt und ich habe das erste Mal öffentlich eine\ngründliche Niederlage erlitten —.\nMiein Herze, was willst du noch mehr?\nWäre ich nicht so grenzenlos enttäuscht, könnte ich\nfroh sein —.\nWenn das aber wahr ist, was die Herren über mich\nschreiben, dann bin ich in mir und mit mir fertig.\nIch habe nie ernster an einer Rolle gearbeitet —\nnie bewußter —. Ich war am Abend der Vorstellung\nvoll Angst — nervös — irritiert — gut — das weiß\nich selbst — aber das hat mit dem, was sie alle schrei-\nben oder bedauernd andeuten, nichts zu tun —.\nHabe ich einen Irrweg eingeschlagen —?\nEs ist nicht möglich —• nicht möglich —.\n„Frl. S. hat uns nach ihrer großartigen Kunst-\nleistung als Judith in ihrer neuen Rolle schwer ent-\ntäuscht. Sie hatte sich .einen manirierten Singsang zu-\nrecht gelegt, der wohl griechisch sein sollte, aber nur\nvoller Unnatur war —\" so schreibt der L in\nder mich sonst in den Himmel hebt —.\n„Herrn R s Kreon bedeutet nach allem, was\nwir bisher von ihm sahen, eine freudige Ueberraschung.\nTrotz einer sichtlichen Indisposition offenbarte er das\nerste Mal ein so starkes, rücksichtslos bis in alle seeli-\nschen Abgründe hineingreifendes Talent, daß man die\nDirektion nur verwundert fragen kann, warum ein\nsolcher Künstler bisher so falsch und unzureichend be-\nschäftigt wurde!\"\nIn dieser Tonart schreiben in rührender Ueberein-\nstimmung diesmal fast sämtliche Morgenblätter —.\nIch muß wirklich lachen .\nAm Abend\nIch war im Theaterbureau, wo ich die Z. traf und\ndes Rätsels Lösung wenigstens einigermaßen fand.\nMan hat gestern Abend noch von Seiten der Direk-\ntion den Herren Kritikern „Aufklärungen\" zukommen las-\nsen — Aufklärungen so indiskreter Art, soweit sie Karl-\nchens Zustand anbetrafen, daß ich öffentlich wie eine\nherzlose Kokette dastehe —.\nDiese Gemeinheit werde ich dem Direktor nicht\nschenken —.\n17. Dezember 191 .\nVon Karlchens Entlassung ist nicht mehr die Rede\n— man bedauert ihn allgemein — mit mißbilligenden\nSeitenblicken auf mich —.\nIch bin in Ungnade —.\nDer Direktor läßt mich nicht vor.\nIch habe ihm einen Brief geschrieben, den er nicht\nhinter den Spiegel stecken wird.\n18. Dezember 191 .\nKarlchen ist doch ein Prachtkerl.\nEr war bei mir. Er bat um Entschuldigung für alles,\nwas er mir gegen seinen Willen angetan — er hatte\nAngst, mir nicht zu gefallen — er hat sich Mut getrun-\nken — nach der Vorstellung bekam er heulendes Elend\nund teilnehmende Kollegen haben den Quatsch und\nSkandal verursacht. Er hält es für das Beste, daß wir\nuns häufig öffentlich zusammen zeigen. Er ist so zart-\nfühlend.\nEr hat recht. Ich will mich auch nicht mehr\närgern —.\n20. Dezember 191 .\nIch habe nie viel von der Kritik gehalten — so lange\nsie mich lobte.\nIch bin ehrlich. Aber jetzt, wo man mich so un-\ngerecht und verständnislos tadelt, bin ich außer mir!\nIch bemerke, daß die öffentliche Kritik von Kunst-\nleistungen zwar nichts nützen, aber doch viel schaden\nkann — ich bemerkte es an mir.\nIch bin ganz unsicher —•,\nIst das, was an mir nun getadelt wurde, nur in Rück-\nsicht auf die empfangenen Aufklärungen geschrieben\nworden, um „mir einen Dämpfer aufzusetzen\" (ge-\nschmackvoller Ausdruck meiner Kollegen, die mich\ntrösten, um mich meine Niederlage recht empfinden zu\nlassen) oder ist es wahr, was sie vorwerfen: habe ich\nnur „deklamiert\" — „manieriert gesungen\" — „unnatür-\nlich vorgetragen\" —??\nIch bin ganz zerstört —.\nOhne Stecken und Stab —.\nIch wage nicht an sie, ich wage nicht an mich selbst\n«u glauben —.\n25. Dezember 191 .\nIch bin in einem Zustand größter Wurstigkeit hinein-\ngeraten. Noch schlimmer: ich fühle, daß in mir ein\nschlimmer Zynismus zu wachsen beginnt.\nIch könnte furchtbar frivol werden, wenn ich völ-\nlig meinen Glauben an mich und meine künstlerische\nMission verlöre —.\nIch schaudere vor der Dirne in mir —.\n31. Dezember 191 . Sylvester.\nMein Dasein ist leer.\nMeine Kunst — ach meine Kunst —!?\n3. Januar 191 .\nIch brenne in unnennbaren Sehnsüchten und Begier-\nden —.\nIch verbrenne in meiner Ohnmacht —.\nVergeblich suche ich Zuflucht und Rettung bei mei-\nnen Dichtern —.\nAuch griechische Dramen mag ich nicht mehr\nlesen —.\nIch verkomme im Alltag — und spiele Theater .\n10. Januar 191 .\nDas alte Elend im neuen Jahr.\nAuch mit Karlchen habe ich definitiv gebrochen.\nArn Sylvesterabend. Ich kann seine bettelnden Augen\nnicht mehr ertragen —.\nEr trinkt mir auch zuviel —.\nUeberhaupt mag ich niemand mehr um mich dulden,\nder von Kunst spricht oder Theater spielt —.\nWenn ich könnte, würde ich mich aus mir selbst\nverbannen —.\nIch will auch mit mir nichts mehr zu tun haben —.\n15. Januar 191 .\nOb ich noch einmal auf eine große Liebe hineinfallen\nsoll?\nAch, ich weiß ja, wie alles endet! Habe ich ein\nRecht, einen Mann so auszunutzen?\nNur ein Schlafmittel gegen mein Ueberwachsein\nkönnte seine Leidenschaft mir bedeuten —.\nAber schreit nicht alles in mir nach Betäubung?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-09-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-09_01#c006", "volume": "bmtnaal_1918-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "18", "page_fin": "19", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.2.6", "titre_corps": "Das Zwiegespräch zu Dreien", "titre_sommaire": "Das Zwiegespräch zu Dreien", "signature_source": "William Wauer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.6", "debut_caractere": 5881, "fin_caractere_exclue": 8730, "texte": "Das Zwiegespräch zu Dreien\nWilliam Wauer\nI\nSie: Hilf mir, Freund —!\nEr: Können Freunde Frauen helfen —?\nSie: Wer hilft Frauen?\nEr: Liebe hilft Frauen!\nSie: Wer hilft mir zu Liebe —?\nEr: Er, der dich liebt —!\nSie: Er, der mich liebt? — Wie brauchte ich Hilfe?\nEr: Er, den du liebst —<.\nSie: — hilf Du mir — Freund!\nEr: Soll ich Dir helfen, hilf, daß ich helfe!\nSie: Hilf mir von mir!\nEr: Er hilft dir zu dir. Er Hilft dir zu sich. Er hilft\ndir von dir!\nSie: Er ist ein Gott! Kann man Gott lieben? Teufel\nzerren an mir!\nEr: Mach ihn zum Teufel!\nSie: Er thront in Himmeln — ich lechze nach Hölle —.\nEr: Er glaubt dich Engel!\nSie: Ich dürste nach Fall! Wehe dem Weibe, das Engel\nsein muß!\n>\nEr: Wehe dem Manne, den ihr Gott glaubt!\nSie: Hilf mir, mein Freund!\nEr: Ach, könnt ich ihm helfen!\nSie: Hilf, daß ich lieben kann!\nEr: Ach könnte er lieben!\nSie: Er liebt — allliebend — göttlich! Er liebt die ganze\nLiebe zwischen uns mir auf, daß mir zu lieben\nnichts mehr übrig bleibt.\nEr: Liebst Du ihn nicht?\nSie: Ich bin sein Alles! Sein Schaffen! Seine Kraft!\nEr: So stark bist du in ihm!\nSie: Und breche, Schwachheit, in mir selbst zusammen!\nEr: Ist er ein Gott, so ist ers auch in dir!\nSie: Ein Gott will heilige Stätte: unheilig bin ich —.\nEr: Weib bist du!\nSie: Lust und Gelüste —.\nEr: Tugendhaft bist du!\nSie: Ich träume Sünde\nEr: Treu bist du!\nSie: Und weiß von Untreu doch!\nEr: Bist schuldlos!\nSie: Bin schuldlos ich, kenne ich doch Schuld —.\nEr: So brauchst du Sünde nur und Schuld, um seine\nGöttlichkeit ganz auszukosten?\nSie: Jetzt langweilt mich ein Paradies!\nEr: Ein Paradies, das selber du geschaffen hast zu eines\nGottes Wohnung!\nSie: So wohnt er nicht in mir!\nEr: Du armer Engel, paradiesverstoßen!\nSie: Ich armes Weib, ins Paradies gesperrt!\nEr: Eva! Eva!\nSie: Daß ich nackt bin.\nEr: Du zwingst mich, in verhaßte Frucht zu beißen!\nSie: So hilf mir Freund! So hilf!!\nEr: Nie können Freunde Frauen helfen\nII\nDu: Acht auf dein Weib\nIch: Ich achte mein Weib. Acht ich aufs Weib, muß\nichs verachten!\nDu: Willst Dus verlieren?\nIch: Nie kann ich verlieren, was mein ist! Nie ist mein,\nwas ich verlieren kann!\nDu: Dich verlierst Du mit ihr, denn du verlorst dich\nin sie!\nIch: Mein Glück verlor sich in sie. Kehrt es als Leid\nmir zurück, find ich auch wieder mich selbst.\nDu: So halte dein Glück!\nIch: Glücklos sind Hände, die halten müssen!\nDu: Leidvoll sind Herzen, die stillhalten müssen!\nIch: Hoch halt ich mein Herz!\nDu: Sie hält dein Herz. Hält sie es hoch, fällt es tief.\nIch: Fällt mein Herz — zerbricht es in mir.\nDu: Weils aus der Höhe fällt — zerbrichts!\nDu: Weils aus der Höhe fällt — fällts hart!\nDu: Sei hart! Noch glückt dir das Spiel!\nIch: Nie spielte ich um — Glück!\nDu: So verspielst du dein Leben\nIch: Nie lebte ich um Glück!\nDu: So erfüllt sich dein Schicksal\nIch: Ich leb um Erfüllung: so erfülle ich sie — so er-\nfüllt sie mich"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3152, "texte": "Du: Der Becher stürzt, wenn du ihn nicht faßt!\nIch: So läuft er leer, was nimmer ich fasse!\nDu: Vor fremden Munde zerschlüg ich mein Glas!\nIch: Zerschlagen schlägt mich!\nDu: Bewahren, bewahrt dich!\nIch: Sie gab — ich nahm. Sie nimmt — ich gebe —.\nDu: Du bist ein Schwächling!\nIch: Stark bin ich aus Schwäche. Mächtig aus Ohn-\nmacht!\nDu: Du — läßt — sie verläßt sie\nIch: Ich verlasse mich auf sie.\nDu: Du verstößt sie!\nIch: Ich stoße, was fallen will!\nDu: Weiß sie, was sie will\nIch: Ich will, was ich weiß!\nDu: Ihr Wollen ist weich!\nIch: Mein Wille ist hart!\nDu: So geht sie mit Recht\nIch: Sie nimmt sich ihr Recht\nDu: So willst du verlieren\nIch: Ich will — was sie muß.\nIII\nIch: So führt dein Weg von mir.\nSie: Mein Weg zu mir\nIch: Frei bist du — du Geliebte!\nSie: Frei bin ich, Stolzer! Ich weiß du hältst mich\nnicht —!\nIch: Ich halte mehr dich als du wohl erfaßt!\nSie: Ich fasse mehr, als du von mir wohl hältst!\nIch: Ich halte nicht, was sich nicht halten läßt!\nSie: Nichts läßt sich halten, das man nicht erfaßt!\nIch: Weil ich dich fasse, kann ich dich nicht halten —.\nSie: So will auch ich mich fassen, mich nicht mehr zu\nhalten.\nIch: Du liebst mich nicht\nSie: Nicht Liebe such ich —.\nIch: Was suchst du —?\nSie: Ihn suche ich, der mich nicht liebt!\nIch: Was soll dir — der?\nSie: Ihn will ich lieben!\nIch: Ohne Gegenliebe?\nSie: Ich muß nicht liebeß, wo ich lieben kann —!\nIch: Wo man dich liebt?\nSie: Ich kann nicht lieben, wo mir Liebe Pflicht ist.\nIch: So fliehst du Liebe?\nSie: Ich hasse, was mich nicht bezwingt —!\nIch: Und wenn sie dich bezwingt — zum Unglück dich\nbezwingt?\nSie: War es mein Glück\nIch: So suchst du — Unglück!\nSie: Ich suche Sucht und Eifersucht\nIch: So suchst du — Not?\nSie: Ich suche Qualen, groß genug, daß meine Sinnenlust\nan ihnen stirbt —!\nIch: Verzweiflung suchst du?\nSie: Ich suche eine Schmach, die tief genug, mein Weib-\nsein in ihr zu ersäufen\nIch: Du suchst umsonst — die Rettung vor Dir selber!!\nSie: So stürz ich mich in mich und geh zugrunde!\nIch: Jetzt — jetzt — bin ich in dir zugrund gegangen!\nSie: — So soll ich bleiben\nIch: Was bleibt mir, wenn du bliebest?\nSie: So laß mich gehen —.\nIch: Gehst du nur zu dir selbst, so wünschte ich, du\nbliebest.\nSie: Auch — führt mein Weg an einem Ihm vorüber?\nIch: Führt er vorüber, lohnt sichs nicht zu gehen!\nSie: Leicht lohnt nur Gehen —.\nIch: So geh — und wenn Du willst, weile bei mir!\nSie: Gern weile ich bei dir, darf ich nur gehen —.\nIch: So führt dein Gehen dich von mir zu mir —!\nSie: So weilt mein Bleiben, Guter, stets von dir zu dir!\nIch: So will ich dulden, was du leiden mußt!\nSie: Nichts werd ich leiden, was du duldest!\nIch: Verletzlich ist der Mann: ein schlimmer Dulder!\nSie: Du Gott am Kreuz — erlöse mich von Schuld!\nIch: So suche Schuld, daß ich dich mehr erlöse!\nSie: Heilig bist du — und die Stätte, da du weilst\nIch: Ich bin ein schwacher Mensch und leide, wenn du\ndicht verlierst\nSie: Und du verlierst dich, weil du weißt: ich leide\nIch: Verlier ich mich um dich, wie litt ich noch?\nSie: Heimat verlor ich, wenn du dich verlierst\nIch: Heimkehr verlor' ich, wenn du — dich verlierst\nSie: So geh ich, Trauter, gehe — gehe\nIch: Die Heimat wartet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-09-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-09_01#c007", "volume": "bmtnaal_1918-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "19", "page_fin": "20", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.2.7", "titre_corps": "Expressionistische Dichtung", "titre_sommaire": "Expressionistische Dichtung", "signature_source": "Lothar Schreyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.7", "debut_caractere": 3154, "fin_caractere_exclue": 11566, "texte": "Expressionistische Dichtung\nLothar Schreyer\nDer Expressionismus ist die geistige Bewegung einer\nZeit, die das innere Erlebnis über das äußere Leben\nstellt.\nDer Expressionismus in der Kunst schafft die Ge-\nstalt, in der der Mensch sein inneres Erlebnis kündet.\nDie Gegenwart errichtet ein Reich des Geistes.\nExpressionisten sind die Künstler und Dichter der\nGegenwart.\nDie Kunst hat ihre Stellung zum Leben, im Leben\ngewandelt. Weil wir Menschen uns 'gewandelt haben.\nVon der äußeren Welt haben wir uns wieder zur inneren\nWelt gefunden. Der Machtwille, /der unser äußeres\nLeben beherrscht, hat sich unserem inneren Leben zu-\ngewandt. Die Grenzen, die das äußere Leben unserem\nMachtwillen setzt, fallen in unserem inneren Leben. Das\nGrenzenlose zu fassen, ist unser Machtsehnen. Wir\nkämpfen um mehr als ein Reich der Natur. Wir kämp-\nfen, das Reich des Geistes zu gewinnen, das grenzen-\nlos ist. Erst im Grenzenlosen werden wir der Macht\nbewußt. Der Eine versinkt im All, für dessen sein er\nwird.\nIn der Kunst künden wir das geistige Reich. Das\nGeistesleben ist nicht das Leben der Wissenschaften,\nsondern das Leben der Visionen. Neben das äußere\nLeben der natürlichen Erfahrung tritt ein Erleben intui-\ntiver Erkenntnis. Die europäische Kunst der letzten\nJahrhunderte gibt Abbilder der natürlichen Erfahrung.\nDie Kunst der Gegenwart gibt Bilder intuitiven Erleb-\nnisses. Es gilt nicht mehr, eine natürliche Erscheinung\nzur Vollkommenheit, zur Harmonie zu führen. Der\nKünstler von heute 'gibt im Kunstwerk nicht eine natür-\nliche Erscheinung, so wie er sie sieht, oder sucht sie\nnicht in eine so vollkommene Erscheinung zu wandeln,\nwie er sie sich wünscht. Er gestaltet das innere Ge-\nsicht, das sich ihm gibt, in dem er intuitiv die Welt er-\nkennt. Das innere Gesicht ist unabhängig vom äußeren\nSehen. Es ist Vision, Offenbarung. Das ist das Wesen\ndes Expressionismus.\nDie Kunst der Gegenwart ist Kunde einer offenbarten\nErkenntnis.\nDiese Kunde der Offenbarung, die Kunst, ist der Mit-\ntelpunkt des geistigen Lebens der Gegenwart. Die\nKunst schafft den geistigen Menschen. Jeder Mensch\nkann ein geistiger Mensch sein. Wer lebt, vermag auch\nzu erleben.\nDie Wirkung des Kunstwerkes ist Genuß und Er-\nlebnis. Jeder Mensch mit gesunden Sinnen kann das\nKunstwerk genießen. Es gehört kein Verstand dazu,\nkein Wissen, kein Können, keine Bildung. Die Gebil-\ndeten haben kein Bild. Der Mensch ist verbildet. Er\nstellt sich vor das Bild und verlangt, daß das Bild etwas\nvorstelle, aber nicht, daß es ein Gebilde sei. Jeder\nMensch, jeder unverbildete, kann die Worttöne der Dich-\ntung hören, die Worttongestalt genießen. Wir nehmen\ndie Kunstgestalt in uns auf, daß sie unser ist, daß wir\nsie sind. Was wir genossen haben, ist nicht mehr außer\nuns. Der Rhythmus des Werkes wirkt in uns. Er fließt\nmit unserem eigenen Rhythmus zusammen. Wir sind\naußer uns. Der erlebende Mensch, der Schöpfer ist der\nekstatische Mensch. Wir und der Kosmos sind eins.\nAll ist eins.\nJede Kultur, die eine Erkenntnis in Offenbarung fin-\ndet, kündet diese Erkenntnis mit Kunstmitteln. Jede\nZeit, die das Geistesleben herrschend über das Natur-\nleben stellt, die im Geist nicht den Diener der Natur,\nsondern in der Natur ein Mittel des Geistes sieht, hat\ndie Kunst. Es sind die Zeiten, denen das Licht der Auf-\nklärung ein Irrlicht ist, die Zeiten, deren Menschen im\nDunkel sehen können. Durch die Nacht des Lebens,\ndie keine Aufklärung klärt, sieht das Gesicht. Alle\nMenschen sind Seher. Alle sind umrauscht von der\nEkstase. Ekstatische Menschen, Schöpfer und Erlebende,\nsind die Naturvölker, sind die Bekenner Buddhas, sind\ndie Menschen des deutschen Mittelalters. Sie gehören\ndem Reich an, das heute wieder aufersteht. Die Zeit,\nderen Rhythmus den Geist zur Macht hebt, macht uns\nzu rhythmischen Menschen, denen die Harmonie der\nPersönlichkeit nichts ist, denen der Rhythmus der Ekstase\nErfüllung ist.\nWir haben keine Weltanschauung mehr. Wir schauen\ndie Welt nicht an. Wir schauen. In der Schau, im Ge-\nsicht sind wir und die Welt eins. Gelöst von der Natur\nsind wir erlöst. Erlöst vom Leben sind wir lebendigen\nGeister Geist.\nDas Gedicht der deutschen Gegenwart, das Wort-\nkunstwerk, strebt nicht danach, eine natürliche Erschei-\nnung zur Vollkommenheit zu wandeln. Wir wissen, daß\ndie Erscheinung nur vollkommen scheint. Es gibt keine\nVollkommenheit. Das Wiortkunstwerk gibt keine Voll-\nkommenheit. Es ist nicht harmonisch. Es ist wie jedes\nKunstwerk der Gegenwart rhythmisch.\nDie Gegenwart zertrümmert die Vergangenheit.\nUnsere Kunst hat eine andere Wahrheit als die Kunst\nder Vergangenheit. Unsere Kunst hat eine andere\nSchönheit als die Kunst der Vergangenheit. Unsere\nWahrheit ist nicht die Lebenswahrheit. Denn es gibt\nkeine Lebenswahrheit. Wir leben nicht wahr. Es gibt\nin Wahrheit kein Leben. Unsere Schönheit ist nicht\nein Wohlgefallen. Solche Schönheit kann wohl zu Fall\nkommen. Unser Leben ist eine solche gefallene Schön-\nheit. Aber unsere Schönheit und unsere Wahrheit ist\ndas Alleins des kosmischen Erlebnisses.\nWir verlernen die Dichtung der Vergangenheit, weil\nsie keine Gestalt der Gegenwart ist.\nDas Wiortkunstwerk, das Kunstwerk bildet uns ein\nin den Kosmos. Der Eingebildete ist der Gebildete der\nGegenwart. Die Bildung der Vergangenheit ist tot.\nRäumen wir die tote Bildung fort, daß Raum wird für\ndie lebendige Einbildung des Eins ins All, des Menschen\nin die Welt.\nDie humanistische Bildung ist der Feind des Geistes.\nDie humanistische Bildung und ihre harmonische Ge-\nstalt haben die deutsche Sprache in Fesseln geschlagen.\nDie Fesseln sind zersprengt. Die Kraft des Rhythmus,\nder ungeheueren Machtgestalt der Gegenwart, macht die\ngebundene Sprache ungebunden. Nur die ungebundene\nSprache wirkt den Geist Nur die freie Sprache wirkt\ndas Wortkunstwerk. Nur die Ungebundenheit des\nRhythmus kündet das geistige Erlebnis.\nDer Rhythmus ist das Gestaltungsprinzip der Gegen-\nwart. Denn er ist der Ausdruck der Macht. Die Har-\nmonie wiill Endlichkeit, Vollkommenheit. Die Macht\nwill kein Ende. Sie ist nie vollkommen. Unvollkommen,\nunendlich ist der Rhythmus. Er ist die Auflösung jedes\nMaßes. Das Kunstwerk der Gegenwart ist aharmonisch,\nist rhythmisch.\nDie Dichtung der humanistischen Vergangenheit hat\nkeinen Rhythmus. An Stelle des Rhythmus setzt sie das\nMetrum.\nDas Metrum ist eine Gestalt der Sprachtonbewegt-\nheit der griechischen, klassischen Weltanschauung. Die\ngriechische Weltanschauung hat die Gestalt der Har-\nmonie zu einem Sieg geführt, der die Kunstgestalt von\nJahrhunderten bestimmt hat. Der Grieche fühlt die Voll-\nkommenheit seiner Persönlichkeit, wenn er „Frieden mit\ndem Dämon in seine Brrust gefunden hat\". Im klas-\nsischen Griechenland hat Apollo den Dionys gebunden.\nDas Maß, das Metrum besiegt den dämonischen Rausch.\nDas Metrum zwingt die ungebundene Sprache der Italer\nin seine Fesseln und schafft das klassische Latein. Klas-\nsisch heißt mustergiltig. Uns ist die Klassik ein Muster\nohne Wert.\nDas Metrum, das Maß ist mäßig. Jede metrische\nDichtung, jede Dichtung, die sich ein Maß setzt, der\ndurch das Metrum ein Maß gesetzt ist, ist mäßig. Nicht\ndas Maßvolle ist das Künstlerische, sondern das Maß-\nlose. Ein Werk, das mit einem Maß ausgemessen wer-\nden kann, ein Werk, das nach einem Maß gearbeitet ist,\nist ein Handwerk und kein Geistwerk, kein Kunstwerk.\nDer verhängnisvolle Irrtum der Vergangenheit war der\nGlaube an das Alleinseligmachen des Könnens. Der\nVergangenheit ist Kunst ein Können. Und das Können\nist lernbar. Lernbar ist aber nur ein Fremdes. Das\nEigene können wir nicht lernen. Das Eigene ist in uns.\nEs wächst in uns. Wir wachsen in die Welt. Kunst ist\nKunde dieses Wachstums.\nDie Vergangenheit hat das deutsche Wortkunst-\nwerk gezwungen, in eine bestimmte feste Form hineinzu-\nwachsen. Solche Formen sind der Hexameter, der fünf-\nfüßige Jambus, Romanze, Ode,, Sonett. Die gegebene\nForm mit Inhalt zu füllen, war das Werk des Dichters.\nAlso: die Form wurde nicht vom Inhalt geschaffen, son-\ndern der Inhalt wurde für die Form geschaffen. Von der\ngroßen Anzahl der bestehenden Formen wurde eine ge-\nwählt, die für den Inhalt geeignet schien, und in dieses\nMaß suchte man das maßlose künstlerische Erlebnis zu\npressen. Dies ist nur dort möglich, wo das künstlerische\nErlebnis kein kosmisches Erlebnis ist. Das Gedicht der\nVergangenheit gibt nur, wie man so schön sagt, „Schöne\nGedanken in schöner Form\". Es vermittelt Gedanken\nund Formen, aber das Erlebnis fehlt. Die Vergangenheit"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7337, "texte": "hat wirklich gebundene und ungebundene Rede. Wer,\nwas er sagen wollte, in gebundener Rede, also metrisch\nsagen konnte, wurde Dichter genannt. Die gebundene\nRede hieß Poesie, die ungebundene Prosa. Es gibt keine\nPoesie und keine Prosa. Es gibt auch in der Sprache\nnur Kunst und Nichtkunst.\nDer Dichter der humanistischen Bildung gibt nicht\neine Fülle von Gesichten, sondern eine Fülle von Ver-\ngleichen. Vergleichen aber ist nicht dichten. Verglei-\nchen ist nicht bilden. Das Bild ist ein Gebilde. Der\nVergleich ist ein Ersatz für die Wirklichkeit. Das Bild\nist eine Wirklichkeit. Es ist eine geistige Wirklichkeit.\nDichten ist: diese geistige Wirklichkeit dicht machen.\nDichten ist konzentrieren, auf die komprimierteste, ein-\nfachste Form bringen. Jedes gedichtete Erlebnis hat eine\nandere Gestalt. Die feste metrische Gestalt schafft\nkeine Dichtung. Sie macht nicht dicht. Sie erweitert,\nsie vervielfacht. Sie gibt keine Tatsache, sondern sie\nschmückt eine Tatsache, sie macht die „unpoetische Tat-\nsache „poetisch\".\nDie Zusammengehörigkeit gleicher Metren wird\ndurch den Endreim betont. Der Endreim ist außeror-\ndentlich verbreitet in der Dichtung der Vergangenheit.\nEr ist eine Formspielerei. Er ist nur dort Spiel, also\nKunst, wo die Zusammengehörigkeit verschiedener\nWortgestalten in der gleichen Lautgestalt gestaltet ist\nDer Vers der humanistisch geschulten Dichtung ist\nein metrischer Abschnitt. Der Vers unserer Dichtung\nist eine rhythmische Einheit, ohne Metrum, aharmonisch.\nNur rhythmisch bewegt die expressionistische Dichtung\nden Sprachton.\nDer Rhythmus gestaltet die Sprachtonbewegtheit. Er\ngibt die Reihe der Entwicklungsstufen der Bewegungs-\nrichtung. Das Wortkunstwerk wirkt in der Zeit, ist ein\nNacheinander von Wortgestalten, die nur durch die Be-\nwegung, das Nebeneinander zu einer Einheit zusammen-\ngeschlossen werden können. Die Bewegung jedes Wort-\nkunsitwerkes, jeder künstlerischen Einheit ist in bestimm-\nter Richtung gestaltet. Soviel Gefühlsrichtungen im\nKunstwerk gekreuzt sind, so viel Bewegungsrichtungen\nlassen sich auch feststellen. Aus dem Verhältnis der\nBewegungsrichtungen resultiert das Gefühl, das vom\nWortkunstwerk ausgelöst wird. Jede einzelne Bewe-\ngung zerfällt in Entwicklungsstufen. Die Reihe der Ent-\nwicklungsstufen ist die rhythmische Reihe der Bewe-\ngungsrichtung. Jede Entwicklungsstufe ist eine rhyth-\nmische Einheit. Diese rhythmische Einheit ist der Vers.\nDie Worte im Vers sind aus den Grundwortarten\ngebildet, Jedes Wort im Wortkunstwerk ist ein selbst-\nständiger Wert. Alle Worte im Wortkunstwerk stehen\nuntereinander in Beziehung. Diese Beziehung kann in\nder einzelnen W'ortgestalt selbst gestaltet sein. Solche\nBeziehungsarten sind die Deklination und die Konju-\ngation, Es kann also jede Biegungsform jedes Wortes\neine Kunstgestalt sein. Die Biegung beschränkt die Be-\nziehungsmacht in bestimmter Richtung oder in bestimm-\nten Richtungen.\nEine Wortreihe, in der alle Worte derart zueinander\nin Beziehung stehen und also auch in Beziehungsformen\ngebracht sind, daß die ganze Wortreihe eine in sich ge-\nschlossene Einheit bildet, ist ein Satz. Der Satz ist ein\nFormbegriff. Es ist nicht notwendig, daß der Satz im\nWortkunstwerk eine gedankliche Einheit ist. Der Satz\nder Umgangssprache ist freilich eine gedankliche Ein-\nheit. Für das Wortkunstwerk ist es wesentlich, daß der\nGedanke der Wortreihe ein konstruktiver ist. Die Wort-\nreihe, der Satz hat nur dann einen über den konstruk-\ntiven Gedanken hinausgehenden Gedankeninhalt, wenn\nder Satz gleichwertig neben der einzelnen Wortgestalt\nsteht. Der Satz ist dann für das Wort gesetzt.\nJedes Wort, jeder Wortsatz hat einen Inhalt. Ein\nWort kündet nur dann seinen Inhalt, wenn Gestalt und\nInhalt adäquat sind. Der Begriff ist der Ausdruck für\ndas Erlebnis von etwas Ungreifbaren. Jeder Begriff ist\nunbestimmt, vieldeutig. Jeder Begriff ist ein komplexer\nWert. Für den komplexen Wert die Sprachtongestalt\nzu schaffen, ist Wortschöpfung. Jeder Dichter ist Wort-\nschöpfer. Jeder Dichter hat jedes Wort neu zu schaf-\nmen. Der Ausdruck für das ungreifbare Erlebnis des\nKosmos kann von niemandem übernommen werden. Die\nGestalt stellt sich mit Notwendigkeit ein, wenn der\nMensch eingestellt ist in die Einheit des Alls. Wo der\nDichter die Gestalt aus der Notwendigkeit schöpft,\nschafft er.\nDie Grundsätze, die unsere Gegenwart, unsere Kunst\ngestalten, sind Organisation und Rhythmus.\nDie Organisation ist die Machtform des Endlichen,\nder Rhythmus die Machtform des Unendlichen. Beide\nverbinden sich in der Sprachtongestalt der Dichtung,\nund zwar ist die Organisation dem Rhythmus unterge-\nordnet.\nDie Gestaltungsarten des Rhythmus sind Konzen-\ntration und Dezentration.\nDie Wortgestalt als Einzelwort konzentriert den Be-\ngriff in ein einzelnes Wort. Diese Wortkonzentration\nist eine Konzentration des Inhalts und der Gestalt. Mit\nmöglichst wenig Lautmitteln den Begriff zu gestalten, ist\ndas Ziel. Wortverkürzung ist die Folge.\nDie Wortverkürzung kann auf das Stammwort zurück\ngehen.\nBären für gebären\nschwenden für verschwenden\nwandeln für verwandeln.\nDie Endungen der Deklination und der Konjugation\nkönnen wegbleiben.\nDer Artikel fehlt überall, wo er nicht notwendig be-\ndingt ist.\nAus den Wortverkürzungen werden Wortverände-\nrungen.\nDie Wortveränderungen führen zur Bildung neuer\nWorte. Aus Verben werden Substantive, aus Substan-\ntiven Verben gebildet, z. B. aus Kind das Verb kinden.\nDie Wiortgestalt ist ein Wortsatz, wenn die Begriffs-\ngestalt nicht in einem Einzelwort zu geben ist. Der\nWortsatz ist wie das Einzelwort eine Einheit nach In-\nhalt und Gestalt.\nDie Konzentration wird im Wortsatz erreicht durch\nUmstellung der Worte oder durch Satzverkürzung.\nDie Hauptstellungen des einfachen Aussagesatzes\nmit verschiedener Konzentration sind folgende:\n1. Der Frühling ist gekommen.\n2. Ist der Frühling gekommen.\n3. Gekommen ist der Frühling.\n4. Der Frühling gekommen ist.\n5. Ist gekommen der Frühling.\n6. Gekommen der Frühling ist.\nDie Satzverkürzung ist eine Erweiterung der Wort-\nverkürzung.\nEinfache Satzverkürzungen sind das Auslassen der\nPräpositionen, der Kopula und die transitive Verwendung\nintransitiver Verben.\nIn den einfachen Satzverkürzungen wird das für\ndie Aussage Ueberflüssige weggelassen. Sie sind noch\nkeine eigentlichen Konzentrationen.\nWie sich aus der einfachen Verkürzung die Konzen-\ntration nach Inhalt und Gestalt entwickelt, zeigt fol-\ngendes Beispiel:\nDie Bäume und die Blumen blühen\nist eine einfache Aussage.\nDie Bäume, die Blumen blühen\nist eine einfache Verkürzung. Die Kopula bleibt weg.\nEbenso ist\nBäume und Blumen blühen\neine einfache Verkürzung. Die Artikel fallen weg. Aber\nBaum und Blume blüht\nist keine einfache Verkürzung mehr, sondern eine Kon-\nzentration. Der Begriff ist tiefer gefaßt. Aber die\nEinheit der Begriffe Baum und Blume und Blühen kann\nnoch konzentrierter gestaltet werden. So ist die Form\nmöglich\nBlühender Baum, blühende Blume.\nAber hier ist nur die Einheit des Blühens gebildet. Baum\nund Blume sind als Gegensätze gefaßt. Erst die Form\nBaum blüht Blume\nfügt die drei Begriffe zu einem Einheitsbegriff zusam-\nmen.\nDies ist ein Wortsatz.\nDieser Wortsatz kann noch \" bis in ein Einzelwort\nkonzentriert werden, wenn die Wortreihe keinen Satz,\nsondern ein Wort fordert. Dieses Wort heißt dann\nBlüte.\nDie komplexe Vorstellung des Wortes Blüte umfaßt\nBaum und Blume im Blühen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1918-09-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnaal_1918-09_01#c008", "volume": "bmtnaal_1918-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "20", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.2.8", "titre_corps": "Mitteilungen Die Sturmbühne / Das Theater der Expressionisten", "titre_sommaire": "Mitteilungen Die Sturmbühne / Das Theater der Expressionisten", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.8", "debut_caractere": 7495, "fin_caractere_exclue": 8064, "texte": "Mitteilungen\nDie Sturmbühne / Das Theater der Expressio-\nnisten\nDie Sturmbühne / Das Theater der Expressionisten ver-\nanstaltet die ersten Aufführungen Mitte Oktober aus-\nschließlich für die Mitglieder des Vereins Sturmbühne.\nAnmeldung zur Mitgliedschaft werden in der Geschäfts-\nstelle des Vereins Charlottenburg, Scharrenstr. 11 schrift-\nlich und im Sturm Potsdamerstr. 134 a mündlich und\nschriftlich entgegengenommen. Anmeldungen zur künst-\nlerischen Ausbildung für das Theater der Expressionisten\nsind an die Sturmschule, Berlin W 9. 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Der Verein Sturmbühne ist ein gewählter Kreis\nvon Freunden der Kunst der Gegenwart, die sich der\nNotwendigkeit einer Bühnenkunst bewußt sind.\nDer Verein dient der Bühnenkunst der Gegenwart.\n2. Der Verein Sturmbühne wird von einem Aus-\nschuß geleitet, der aus den Gründern des Vereins be-\nsteht und sich durch Zuwahl aus den Mitgliedern des Ver-\neins ergänzen darf. Dem Ausschuß sollen nicht weniger\nals drei und nicht mehr als neun Personen angehören.\n3. Über die Aufnahme in den Verein entscheidet\nder Ausschuß. Sie erfolgt durch Zustellung einer Mit-\ngliedskarte, die von mindestens drei Ausschußmitglie-\ndern unterzeichnet sein muß. Das Ausbleiben dieser\nKarte ist als Ablehnung anzusehen. Die Ablehnung be-\ndarf keiner Begründung.\n4. Die Anmeldung zum Beitritt und die Aufnahme in\nden Verein Sturmbühne kann jederzeit erfolgen.\n5. 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Die Mitgliedschaft erlischt durch Rückgabe der\nMitgliedskarte an den Ausschuß, durch Ablauf von drei\nJahren nach dem Jahre, in dem die Mitgliedskarte aus-\ngestellt ist und durch Aberkennung der Mitgliedschaft, die\nnur durch einstimmigen Beschluß des Ausschusses er-\nfolgen kann. Bei der Mitteilung an den Ausgeschlossenen\nbedarf es keiner Angabe von Gründen.\nDer Ausschuß\nDr. John Schikowski / Vorsitzender\nRudoif Bauer\nRudolf Blümner\nLothar Schreyer\nHerwarth Waiden"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.1", "texte": "STURM-BUHNE\nJAHRBUCH DES THEATERS DER EXPRESSIONISTEN\n\nVierte und fünfte Folge\nInhalt: Lothar Schreyer: Das Wesen\ndes Körperlichen / Herwarth Waiden: Vari6t6 /\n_ Kinner von Dresler: Passkampf / Das Tage-\nbuch der S ... I William Wauer: Das Zwie-\ngespräch zu Dreien / Lothar Schreyer: Die\nErstenbesten / Lothar Schreyer: Expressio-\nnistische Dichtung / Mitteilungen\n\nDas Wesen des Körperlichen\nLothar Schreyer\nDie Kunst kündet mit sinnlichen Mitteln. Die Kunst-\nmittel sind sinnlich wahrnehmbar. Die Kunstmittel und\ndas aus ihnen gebildete Kunstwerk sind Wirklichkeiten\nder Außenwelt. Das Kunstwerk ist kein Schein. Das\nKunstwerk ist Sein. Das Kunstwerk ist wirklich. Dar-\num wirkt es. Darum ist es Werk. Es ist nicht gesetzt\nals Ersatz für eine Erscheinung der Außenwelt. Auch\nnicht als ein Ersatz für ein Erlebnis der Innenwelt.\nAber es kündet diese Innenwelt. Die Erscheinung der\nAußenwelt bedarf keine Kunde. Denn sie kündet sich\nselbst. Das Bild ist eine Wirklichkeit, ein Gebildetes,\nnicht ein Abgebildetes oder Nachgebildetes. Jedes\nKunstwerk ist ein Gebilde.\nDas Bühnenkunstwerk ist in Raum und Zeit ge-\nbildet. Seine Farbformelemente sind Körper. Die\ndreidimensionale Bildung ist keine Flächenbildung. Sie\nhat Flächen als Bestandteile der Körper. Die Nicht-\nkunst des Theaters sucht mit Flächen Körperwirkung\nund mit Körpern Flächenwirkung zu erreichen. Die\nBögenbiihne mit Hängebögen, Kulissen, Versatzstücken\nund Soffitten soll einen Raum und in ihm Körper vor-\ntäuschen. Das Mittel der Perspektive wird überall an-\ngewandt, auch wenn es im Sinne der Perspektive sinn-\nlos ist. Zwischen den perspektivisch bemalten Wänden\nwerden Körper bewegt, die nicht perspektivisch ver-\nwandelt werden können. Einige Theaterleute sehen\ndiese Sinnlosigkeit und ersetzen sie durch eine andere.\nSie geben der Theaterbühne einen sogenannten Kuppel-\nhorizont und stellen in ihn sogenannte plastische Körper.\nAber alles hübsch von vorn gesehen. Dahinter kann\nniemand kommen. Außer dem Schauspieler, der sich\ndem Publikum manchmal von hinten zeigt, wenn er so\neinen Charakter hat. Der Schauspieler kann sich noch\nso oft umdrehen, sein Körper wird im Kuppelhorizont\nnicht plastisch und seine Plastik nicht körperlich. Alles\nbleibt flach. Und die Tiefe ist eine Lüge.\nDas Bühnenkunstwerk hat Körpergestalten, die im\nRaum bewegt sind. Die Körpergestalt ist kein natür-\nlicher Körper, sondern ein Kunstkörper. Die Gesetze\ndes organischen Körpers sind für die Gestalt des Kunst-\nkörpers nicht wesentlich. Aber auch der Kunstkörper\nist ein Organismus. Sein organisches Prinzip ist nicht\ndas Leben der Person, sondern die Notwendigkeit des\nKunstwerkes. Ein kranker Naturkörper ist immer noch\nlebendige Natur, aber ein schlechter Kunstkörper ist\nkeine Kunst. Es gibt keine schlechten und guten Kunst-\nwerke. Es gibt nur Kunstwerke.\nDas Wesentliche der Kunstkörper ist die Körper-\nlichkeit. Körperlich ist eine Gestalt von drei Raum-\nausdehnungen. Körperlich wirkt eine Kunstgestalt: nicht,\nwenn wir nur wissen, daß sie drei Raumausdehnungen\nhat. Wir müssen diese Raumausdehnungen unmittel-\nbar sinnlich empfinden. Gestaltet ist die Körperlichkeit\nnur, wenn die drei Raumausdehnungen bewußt werden,\nund zwar muß die Körperlichkeit unmittelbar durch das\nEmpfinden zum Bewußtsein kommen. Jedes Werk, das\nmittelbar wirkt, ist nicht rein gestaltet, also kein Kunst-\nwerk. Kein Theaterwerk wirkt unmittelbar. Das ganze\nTheaterwerk ist nur Mittel. Und seine Mittel sind mäßig.\nDer Mittler eines Kunstwerkes ist kein Schöpfer, kein\nKünstler. Der Mittler wird nicht dadurch Künstler, daß\ner eine Dichtung vermittelt, Schauspieler ist Schau-\nspieler mit und ohne Dichtung. Die Dichtung geht ihn\nnichts an. Wenn er an die Dichtung herangeht, muß\ner es büßen. Der Geist jeder Dichtung ist Gift für die\nNatur jedes Liebhabers. Der plastisch gewordene Som-\nmernachtstraum ist eine Obszönität. Der Mittelpunkt\ndes Theaterwerkes ist der Souffleurkasten. Alles Gute\nkommt von unten. Da oben aber ist's fürchterlich.\nKörperloses wird zerspielt, um körperlich zu werden.\nEin kindliches Vergnügen. Kinder zerspielen ihre Spiel-\nsachen, weil sie wissen wollen. Erwachsene Theater-\nfachmänner entfachen ihre Männlichkeit, weil sie zu\nwissen behaupten. Wenn sie sich noch so sehr be-\nhaupten, Kunst wächst in keinem Fach des Kopfes. Das\nKunstwerk ist kein Spielzeug, sondern ein Spiel. Das\nSpiel der Körper ist ein körperloses Wachsen der Körper.\nDas Gesetz des Wachstums wird nicht im Kopf gezeugt.\nSelbst Zeus brachte mit diesem Organ nur eine alte\nJungfer zu Stande. „Solange diese Herren nicht durch\nden Kothurn sprechen, werden sie nichts erreichen.\",\nsagte schon der selige Lautenburg. Er hat nie was er-\nreicht. Ihr bleibt am Ende, was ihr seid. Kinder, die\nzerspielen. Die Bühne ist unschuldiger Kinderkram.\nUnd alle Unschuld rächt sich an der Kunst. Der Rache-\nengel ist das Publikum. Es sieht die Körper nur auf\nder Bühne, wenn sie nackt sind. Dann dringt der Kenner\nin die Tiefe. Denn er liebt die Oberflächlichkeit nicht.\nDer Körper des Kunstwerkes aber hat nur Oberfläche.\nWie es drinnen im Körper aussieht, ist für die Gestalt\nbelanglos. Wesentlich ist nur, was aus dem Körper her-\naussieht. Das ist das Gesetz seiner Bildung.\nGebildet ist der Körper durch Masse und Umriß.\nDie Masse ist der Stoff, aus dem der Körper hergestellt\nist. Nicht der Stoff schafft die Form, sondern die Form\nden Stoff. Die Gestalt ist also abhängig von der Masse,\naber die Gestalt schafft sich die Masse. Der Wert der\nMasse ist die Beschaffenheit seiner Körperlichkeit. Nicht\ndie Kostbarkeit macht die Masse für die Gestaltung oder\ndie Gestalt wertvoll, sondern seine besondere Eigen-\nschaft, seine Dichte, seine Härte, seine Größe. Seine\nHärte und seine Größe wirken nicht mehr in der Ge-\nstalt. Die Schwierigkeit der Verarbeitung ist für die\nGestalt unwesentlich. Die Masse des menschlichen\nKörpers ist für die Formgestalt nicht wertvoller als\nirgend eine andere Körpermasse. Aber seine Bear-\nbeitung ist schwerer als die der meisten anderen Stoffe.\nKeine andere Masse hat eine Persönlichkeit. Die Per-\nsönlichkeit kann wohl ein Kunstvermittler sein, sich\nalso an der Kunst vergehen. Nie kann die Persönlich-\nkeit ein Kunstmittel sein. Wohl kündet sich die Kunst\ndurch den Menschen, doch entpersönlicht sie ihn im\nKünden. Die Persönlichkeit selbst mit ihren individu-\nellen Eigenschaften ist kein Ausdrucksmittel der Kunst.\nIn der Persönlichkeit ist der einzelne Mensch ausge-\ndrückt, Die Kunst ist unmenschlich. Sie wirkt ohne\nRücksicht auf die Person des Künstlers das Kunstwerk.\nDie individuellen Eigenschaften der Persönlichkeit nun\ngar zum wesentlichen Ausdrucksmittel einer Kunst machen\nzu wollen, ist eine Unmöglichkeit. Von dieser Unmög-\nlichkeit lebt das Theater. Es ist das traurige arme\nLeben ohne Kunst. Das sind die Bretter, die die Welt\nbedeuten. Sie sind keine Welt. Aber jedes Kunstwerk\nist die Welt. Der Schöpfer schafft die Welt. Der\nKünstler ist Schöpfer. Er schafft sie aus dem Chaos\nder Stoffe. Aus der unendlichen Masse schöpft er den\nStoff. Der Schöpfer ermißt das Maß, mit dem er aus\ndem unmäßigen Chaos den Kosmos schafft. Die Auf-\nlösung aller Körper erlöst er zum Körper. Das Walten\ndes Schöpfers wirkt aus dem unendlichen Wallen der\nStoffe die Welt. Die Wirkung der Masse ist das Maß.\nDas Maß des Werkes wirkt das Maßlose der Massen Das\nEndliche kündet das Unendliche. Die Kunde ist das\nKunstwerk.\nDas Maß der Masse ist sinnlich wahrnehmbar im\nUmriß. Die Masse des Körpers ist umrissen von Flächen.\nDie Flächen schneiden sich in Kanten des Körpers. Der\nUmriß des Körpers ist seine Oberfläche. Die Ober-\nfläche ist Teil des Körpers. Die Oberfläche ist von der\ngleichen Kraft, von dem gleichen Gesetz gebildet wie\nder Körper. Durch die Oberfläche wird die Körperge-\nstalt sinnlich wahrnehmbar. Die Oberfläche gestaltet\nden Stoff der Masse. Das Kunstwerk ist Gestalt. Ober-\nflächenbildung ist Körperbildung. Die Masse ist nur\nTräger der Oberfläche. Die Oberfläche reizt unseren\nTastsinn und Gesichtssinn. Wir umtasten den Körper,\nwir fühlen seine Oberfläche, wir umreißen ihn mit un-\nseren Augen, mit unseren Tastnerven. Unser Empfinden,\nunser Fühlen wird hineingerissen in den Rhythmus der\nFlächen und Kanten der Oberfläche. Flächen und Kanten\ngliedern die Oberfläche des Körpers. Die Sinne unseres\nKörpers Leib werden aufgerissen von dem Rhythmus\nder Kunstgestalt. Wjir fühlen die Kunstgestalt als Glied\nunseres Körpers, das tief unter jede Oberfläche in unsere\ninnerste Lebenskraft eindringt und uns das Geheimnis\nder Gestalt erleben läßt. Das Erlebnis wandelt uns zur\nGestalt. Das ist die Kraft des Kunstkörpers,\n\nPasskampf\nKinner von Dresler\nSommer\nFelsen Berge starren in blauen Himmel\nGrüne Matten dehnen schmiegen längs uferloser Tiefe\nWeg steigt den Paß\nSonne spätet den Tag\nMädchen tanzt springt offenes Haar weht blanke Kniee\nhüpfen\nMädchen: Du —\nDie Antwort: Spiel —\nMädchen: Komm —\nDie Antwort: Sehnen —\nMädchen: Meine Arme recken Berge die den Himmel\nrauben\nMein Herz taumelt wilde Schläge rasende sprin-\ngende Steine\nMeine Augen suchen lockenden Grund\nMeine Ohren lauschen schürfendes Eis\nMeine Sinne fühlen wirbeln heiße Stürme\nMeine Lippen seufzen jubeln\nDie Antwort: Dich —<\nMädchen: Narr nur —\nDie Antwort: Nur —\nMädchen: Dich —\nDie Antwort: Dich\nSohn: Steigt zu ihr —\nMädchen: Zu mir —"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.2", "texte": "Die Antwort: Wir —\nSohn: Die Pfeile meiner Sehnsucht fliegen leuchtend auf\nMädchen: Glattönende Platten Schilde decken meinen\nLeib\nSohn: Ich schreie klimmende Wünsche empor\nMädchen: Wecke\nSohn: Ihr blonden Locken rankt ein goldenes Seil\nMädchen: Stürme\nSohn: Ihr Bergseeaugen wiegt einen fliegenden Kahn\nMädchen: Raube\nSohn: Ihr schneeigen schlanken Glieder spannt kristal-\nlene Brücken >\nSohn greift\nMädchen neckt zur Paßhöhe\nMädchen: Fang\nSohn: Adlerrauschender Flug\nMädchen: Schützender Stein\nSohn: Felswand hemmt bannt\nMädchen: Berggeist türmt frank spitz Messer Horn\nschneidet\nSohn: Wolken kosen Deine Zinne\nMädchen: Sonnenstrahlen zerkochen zerfließen\nSohn: Liebe kettet Brust an Brust\nMädchen: schmiegt Jüngling zieht Mädchen Jüngling\nsinken Matte\nm\nMädchen: Traum Abend\nSohn: Morgen Gruß\nMädchen: Tage brennen\nSohn: Götter Nacht\nMädchen: Küsse mich küsse mich\nSohn: Wir schwindeln Tiefe\nMädchen: Wir beben verschmolzenes Schwingen\nSohn: Kochende Glut\nMädchen: Märchen lispeln\nSohn: Feuer lodern\nMädchen: Flüchtiger Hauch\nSohn: Verbrennen\nBerge Abendrot lodern leis\nSohn: Wild Treiben\nMädchen: Spiel\nSohn: Blut tropft Purpurperlen\nMädchen: Eiserner Stein Stoß\nSohn: Ich trinke Dich —\nMädchen: Wir sind —\nSohn: Wir —\nSchweigen sinnt\nBerge kalten Wolken dräuen fern Schwüle\nSohn: Wachen\nMädchen: Wie\nSohn: Unverstandenes Muß\nMädchen: Angst\nSohn: Ich kann meine Faust nicht öffnen\nMädchen: Die schlägt mich zu Boden\nSohn: Reifen legen sich um meine Stirn\nMädchen: Sie fesseln mich an kaltes Eis\nSohn: Geschehen\nMädchen: Starrheit klammert meinen Fuß\nSohn rast gegen die Felsen Faust schlägt den Stein\nMädchen: Weh —\nSohn: Schrei dröhnt triefend Grat und Kamm\nTäter\nIch\nMädchen: Entsetzen dringt kantigen Kiesel ritzend ein\nSohn: Komm\nMädchen: Mühsal\nSohn: Wirf ab\nSchütteln\nMädchen: Ich falle\nSohn: Ich reiße entzwei\nIch beiße zu Brei\nIch greife Stücke\nIch zerwühle zerpflückte Netze\nMädchen: Töte mich\nSohn: Schaudern\nMädchen: Wirbeln wirbeln zerwirbeln\nSohn: Zertrennt\nZerbannt\nWolken ballen dicht verhüllen Nacht graut Donner\nMädchen: Ahnen\nSohn: Still\nMädchen: Ueberwinden\nSohn: Wolkenhand sperrt uns aus\nMädchen: Gitterfenster glasen\nSohn: Schmerz\nMädchen: Würgen\nTränen\nSohn: Dornen stechen Folterkammer\nMädchen: Wetterleuchten\nBlitze weit drohen Zages Beben\nSohn: Zittern zerknüllt die Erde\nWiehen wölben Festigkeit\nFlüsterndes Knistern kündet Wanken\nZerbrechen\nZerstäuben\nGiftdampf >\nMädchen: Nimm\nSohn: Gib\nMädchen: Lechzen\nSohn: Erschürfen\nMädchen: Ganz\nSohn: Das Letzte\nMädchen: Brüste trank\nSchenkel schlank\nLeib quillt\nSohn: Herr —\nMädchen: Da —\nSohn: Kraft über Dir\nIn dir\nMädchen: Um uns\nSohn: Zerbrich Gesetz\nMädchen: Gehetzt\nSohn: Irres Rasen zuletzt\nMädchen; Ring endlos\nSohn: Unlösbar Band\nMädchen: Laß grauen die Nacht\nSinken tief\nNacht gelb fahl\nWind\nMutter hastet Schrecken vom Tal\nMutter: Zitternde Knie schlagen quetschen zusammen\nKlaffende Finger raufen weiße Strähnen\nQual schlägt schaudernd Berg an Berg\nStein bröckelt rieselt Sand\nStimmen krächzen Dohlen\nStecken stoßen klirrend Angst\nWimmernd seufzen Spalten Löcher\nDas Ohr der Welt horcht lauscht\nNacht beklemmt\nJagend hetzt gescheuchtes Wild\nKeuschend kreisch ich Gefahr\nSohn\nMädchen\nKriechen schlängelt das Grauen\nUeberspült\nPesthauch gelbt Schleier\nHüllt\nWühlt\nGrinsen spinnt herauf\nPackt mein dürres Leben\nBeben\nAuf\nMädchen: Eine Hexe bricht den Traum\nMutter: Boden weit offen\nMädchen: Was ist\nSohn: Totenbleich\nMutter: Sohn\nSohn: Mutter\nMutter: Ihr beide — wir\nSohn: Raben schwarzer Flug\nMutter: Messer schneiden Kopf\nZucken\nMädchen: Zacken rädern\nSohn: Künde\nMädchen: Wäre ich taub\nMutter: Schneidet mir die Zunge\nSohn: Sprich\nMutter: Zu alter Bürde kommt weltenschwere Last\nSohn: Quäle nicht\nMutter: Trommel wirbelt dumpf drohend fern\nZucken\nMädchen fasse Deine Brust\nSohn kralle Deine Mutter\nMutter sinkt\nMädchen: Pochender Hammer Spitzdolche\nSohn: Mutter\nMutter stöhnt\nSohn: Helme blitzen\nSchilde wallen\nLanzen starren\nSchienen Eisen\nStampfen treten\nLichter zucken\nPferde wiehern\nLieder Wellen\nFluch Befehl\nRasseln rasseln\nTakt um Takt\nWild mich packt\nLust —\nTrommel wirbelt\nMädchen: Zerpflückt\nSohn: Rauschen Rausch\nBrechen bersten\nBahn für Bahn\nMalmend wälzen sich heran\nSaugen rollen ungehemmt\nTrommel wirbelt\nMädchen: Feind\nMutter: Krieg\nSohn: Brüder\nHornklang\nSohn: Töne fülle brausend Lücken\nFeinde drohen wider uns\nSchar zu Schar\nSchmilz zusammen knirschend Band\nZerr preß krampf zu eins\nMädchen: Zerstückt\nMutter: Zertreten\nAuf aus Winkel Ecken\nStrecken\nWille\nTat\nMutter: Beschimpft\nMädchen: Beschmutzt\nSohn: Schwingendes Schwert heran\nSinge uralt Lied\nVater\nHeld"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.3", "texte": "Mutter: Hohn\nMädchen: Sieh den Sohn\nSohn stürmt Hütte reißt Schwert schwingt heraus\nMutter: Mein Kind\nSohn: Bin ich nicht mehr\nMutter: Andre laß ziehen\nSohn: Frau werde 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Geben\nMädchen: Lassen\nMutter: Schaffen\nMädchen: Liebe\nMutter: Verlassen\nMädchen: Verloren\nNacht sinnt\nMädchen: Allein\nMutter: Nacht breitet bleiern\nTriefend heult der Wind\nFrierend klappern meine Zähne\nMein Herz pocht ringend ringend ringend\nEr —\nMädchen: Du —\nMutter: Nichts\nMädchen: Stumm\nMutter: Nichts\nMädchen: Du —?!\nStummen •\nMutter: Sohn treibst Du böses Spiel\nMädchen: Leer\nMutter: Weitet\nEinöde tot kalt\nGraue Schleier hängen starr glatt\nDunkel bricht Dunkel\nMädchen: Wirre Träume bleiben Wiesen\nZu kauernden Bündel rollen wir zerzaust\nNebel wiegt feucht Mutter Tochter Erde eins\nMädchen: Innen kleiiger Durst\nAußen Gespenster klirren gelbes Glas\nMutter: Nebel gräbt die Gruft\nStickt die Kehle\nLeid lischt Laut\nSarg\nEingemauert — warten — warten — warten —\nBeten — beten — beten\nMädchen: Ich wühle mein Gesicht in meine Haare\nEin leiser Duft von Sommersonnenschein quillt\nFlüchtig verhaucht auch er\nMutter streckt Mädchen stützt Hütte birgt Türe knarrt\nRiegel\nSchnee sinkt leichentuch Tiefe Schweigen Einsamkeit\nFeind Mörder schielt späht stockt\nEin Feind: Schleichend reibe schürfe ich von meinem\nPosten\nSchnurre kratz schrill knacken Genick\nDer Andere: Raubtier schaukelt dreikantigen Dolch\nEin Feind: Fleisch\nNüstern riechen Brand\nSchlangen schlängeln Giftbiß\nDer Andere: Krummes Verrecken Winden Wälzen\nStöhnen sprudelt klebrigen Dunst\nRachen röcheln\nZähne fletschen\nZungen schmatzen\nPranken Brei breiten gequetscht\nEin Feind: Filzdecken rollen Teighitze\nErsticken Luftsaugen\nSchnüre drehen Köpfe schief >\nQuellen Kugelaugen\nGliederkampf stößt ausgerenkt\nSehnen zerren zerrissen flattern tote Fahnen\nDer Andere: Mond schattet wandelt toten Stein\nGeister knurren zischeln zirpen girren\nNebeln wallen dringen durch Ritzen\nGlitschen frösteln blanke Haut\nKlammen beben\nEin Feind: Herd lischt\nStühle Schränke Truhen riesen schlürfen rascheln\nstoßen Tassen\nSchwarzdunkel schreibt Zeile\nMalt Fläche flach\nBlick sucht lösende Löcher\nGleiten flirrt\nTiger glühen Ovalgrün\nBann leblos\nBleich Muskel straff\nDer Andere: Gold\nEin Feind: Mensch\nDer Andere: Gier\nEin Feind: Hunger\nDer Andere: Krieg schafft Tier\nAetzender Geruch stinkt\nWüste bleicht Bein\nGanzes zerstiebt entzwei\nEin Feind: Krieg biert Ich\nSchleicht Hütte an Fenster leuchtet erblindet\nEin Feind: Menschenhaus zerfall 112\nBlick stiehlt Fenster schlägt Weib\nEin Feind: Weib\nDer Andere: Jung\nEin Feind: Kleider herab\nDer Andere: Presse Schenke\nEin Feind: Zwei Brüste\nDer Andere: Teilen\nEin Feind: Körper\nDer, Andere: Beide\nEin Feind: Die Alte ...\nDer Andere: Zu alt t.\nEin Feind: Fall Abgrund spring Wdldhetz\nMutter: Sohn? —\nFeinde Mörder fallen an\nEin Feind: Vettel\nDer Andere: Dürr\nEin Feind: Renn rase tot\nDer Andere: Klapper raffelnd Kanten\nMutter: Erbarmen\nMutter schlägt die Mauer Rücken taumelt rafft\nSchreie gellen Felsenwände Mutter flieht im Dunkel fort\nWind heult Mörder lacht\nEin Feind: Hitze Flamme zünde Nest\nDer Andere: Ertrinkende Ratte renn* irr\nEin Feind: Liebchen\nMädchen: Hinweg\nEin Feind: Toll Tanz Wirbel dreh\nMörder greift Mädchen wehrt verzweifelt Zähne\nschlagen Kehle Finger krallt Gesicht krillt Augen\nentzwei Mörder biegt rückwärts los Schmerz\nkeucht stolpert bricht Rückgrat Grund\nDer Andere: Katze\nMädchen: Komm\nDer Andere sticht\nMädchen: Mord!\nDer Andere: Nicht teilen\nMädchen stirbt Felsblöcke sargen Hütte brennt\nSturm heulenden Sterne zittern kalt Frost Mond\nsilbern fließt Hornruf stimmt Sturm\nDer Andere: Fort\nNacht birgt Feind am Paß Jüngling führt Heer-\nhaufen Krieger klettern herauf Schwert brennt\nKrieger: Blitzscharfes Schwert wir folgen\nDu schneidest Bahn\nZweites Leben das Herz\nNeu wachsen blühen wir Feindesblut\nTrost\nHort\nJüngling: Herauf holt dieses Zeichen\nHeraus treibt es zum Schutz\nHof Weib Kind beten dies Kreuz\nSchwert flammt\nKrieger: Jüngling blondlockig führe\nHerrscher\nGib Würgeengel Kraft\nJüngling: Hohe Dome baut mein Arm\nOrgelton Glockenklang Gebet\nHymnen preisen Urväterkampf Urvätersieg\nKrieger: Blut kleidet Mantel rot\nRuinen kränzen das Haupt\nFesttrubel lacht Freude Musik Tanz\nJüngling: Tod zahlt Sein"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.4", "texte": "Krieger: Sterbend\nGrüßend singen ziehen wir in neue Welten\nRastlos streitend für Ehre und Recht\nJüngling: Feindestiicke Lüge bricht\nVergehen zeugt Strahlen Licht\nRuhm reiht Held zu Held\nFlirre flackere friß Feinde\nBlut zündet zischt\nGischt\nHeilige Flamme merze glühe Wunderleuchten hell\nüberhell\nBell kläff Schnellen\nWirf zerwirf morsches Alter\nAuf Feindesleibern ritze Kampf Kraft\nFaust trifft Faust\nAug blitzt Aug\nZahn fletscht Zahn\nLeben Leben\nTod Tod\nJüngling schwingt Schwert pfeifend Jüngling blickt\nMädchen tot\n\"Jüngling: Bekenne\nKrieger: Beweis\nJüngling: Du\nKrieger: Schwertkreuz\nJüngling: Rache\nKrieger: Sturm\nJüngling: Rückt an\nSchwert klimmt leuchtend Trommel wirbelt Welt\nHeer Wogen branden Berge Feinde starren Mauer\nPaßhimmel\nFeinde: Eisernes Sperren schleicht undurchdringlich\nFalle\nFange klappt\nWurf Schleuder\nKrieger: Wir brechen\nFeinde: Flitzpfeile flimmern Wimmern\nRollen verbissen\nKrieger: Hehres Geschenk\nFeinde: Rollende Steine mehlen Knochen tosen Zentner\nWände brechen stürzen graben\nKrieger: Grabsteine kündet die Tat\nKampf Anfang Laut hallt Welt Waffen wirbeln\ndröhnt Geschrei sprüht All\nJüngling: Wir ziehen Sternenbrücken hinauf\nWunderbläue zündet Altäre\nMondschimmer panzert unverwundbar Tarnkappe\nBlitze furchen\nDonner rollt Lawinen\nWirbeln rasen Kreise rädern schluchtend\nKörperfall\nKrieger: Ringend winden treiben wir Sonnenreifen\nLeiber türmen tönende Burg\nStahl\nZinnenfackel brennt sausend surrend Himmel\nFeinde: Mäuler bläken gurgelnd Geifer\nMuskel reiben Strang\n! Keuchende Flanken bersten Geschwüre\nDornige Nägel riffen Grind\nKrieger: Schmerzlose Wunden wappnen\nSchuppen zerstieben\nHellsehend dringt Blick Blöße\nTriff\nStoß\nKlettern turmhoch über Speerwald\nAexte singen Spähne\nFahnen rauschen Wolken\nSäulen tragen unendlich\nJüngling: Menchsensaft Wasserfall überschwemmt\nLärm Kampf wogt hin und her Feind weicht\nJüngling: Werft sie über die Schneide\nKämmt griffigen Grat\nPestleichen stinken Gruft\nFeinde: Zerbrochen zerstückt springen unsere Glieder\nGeblendete Augen glitschen Platten glatt\nDärme dörren frierend Hang\nGebrochene Knochen knirschen Sand\nFleischfetzen kleben fledern Skelett\nBlutköpfe treiben färben reißenden Bach\nKrieger: Wir brüllen Sturm über den ganzen Paß\nGebirge bersten entzwei Kampf verliert fern Tote\ndecken Erde rot Stöhnen Kampf kehrt zurück\nFeinde gestützt ungeheure Massen Kieger kämpfen\nWehr\nJüngling: Haltet\nKrieger: Meere brechen über uns\nTrümmer stolpern bergauf bergab Schläfen häm-\nmern zerspringen Feind stützt mordend Freund\nLeib verwächst Knäule Siedet kocht verbrüht Dunst\nSchweiß klebt pappt Haare Schmerzen Weh\nJüngling: Steht\nFeind Wutvollen\nJüngling: Wieder\nKrieger: Weichen\nFeinde: Nie\nJüngling: - Fliehen\nMäht mäht\nKrieger: Neue nahen\nJüngling: Mut\nFeinde: Wir vor\nWiir zurück\nFeinde: Wiir zurück\nWir vor\nJüngling: Wir\nFeinde: Massen treiben\nJüngling: Fest\nKrieger: Tief\nFeinde: Wir ertrinken\nJüngling: Wogenprall zerspritzt uns\nFeinde: Rennen Dämmen\nDämmen Rennen\nFeinde: Wanken\nTaumeln\nFeinde: Zerbrochen\nKrieger: Zerissen\nFeinde: Sterben\nTot\nKampf tobt aus Rings der Tod Jüngling blutet\nJüngling: Fließe ströme hin\nWohltat\nKampf Schluß\nJüngling kniet Mädchengrab\nSchwert stützt Feind Heerführer rückt an\nHeerführer: Der Letzte\nJüngling: Mein Weib\nBete\nHeerführer: Fluch\nJüngling: Achtung heisch ich\nHeerführer: Haß\nJüngling: Heilig rein\nHeerführer: Haß Haß\nKämpfen Jüngling trifft Heerführer trifft\nJüngling: Zuletzt\nBlut sickere taufe geweihtes Feld\nWecke warnend junges Leben \"•■■■:■\nHerab\nKlaffe\nStrahlen über uns\nJüngling bahrt sich auf Mädchen i\nJüngling: Rotes Leichentuch wärmt\nFlammenschwert zünde Scheiterhaufen\nGlut\nRauchsäule steigt verschmilzt zergeht\nWir zu Wind\nWolken\nMeer\nErde\nNacht\nLicht\nWir sind\nVerbrennen\nNachtfeuer lischt Hausfeuer sinkt Morgen taut\nStöhnen Mutter sucht Sohn Mädchen Laterne seelt\nElfenlicht über Stein Winkel Ecke Schlucht überall\nVerwundeter: Christus\nAnderer Verwundeter: Muttergottes\nStöhnen\nVerwundeter: Fluch\nAnderer Verwundeter: Schon sterben\nMutter: Trommel Schlag klage du\nEin anderer Verwundeter: Licht\nMutter: Sohn Kind\nDeine Mutter\nSterbender: Mutter\nMutter: Sehnen\nSterbender Feind: Heim\nMutter: Komm\nSterbender Feind: Behüte mich\nLaterne leuchtet Feind Mutter prallt zurück\nMutter: Du?\nSterbender Feind: Mutter\nMutter: Nie\nMein Sohn ich suche nach dir —\nWo\nSterbender Feind: Mutter\nMutter: Mordhand —<\nIhr blonden Locken\nSterbender Feind: Sie wurden rot sieh\nIch habe eine Mutter\nMutter: Nicht weiter\nVerwundeter: Weit — weit —\nMutter: Ich finde nicht\nNirgends Ihr\nVerwundeter: Beten beten beten\nMutter: Alt blind taub verwest\ngenug genug\nWahnsinniger: Erwache Jenseits Tier\nWie heißt die Welt\nAuf schlaft nicht zu lang\nIch umarme dich ich küsse dich\nMutter: Müde\nDeckt mich\nIch friere\nEs tagt\nVerwundeter: Vergessen zu nichts\nSterben Strecken Seufzer Schrecken Tag Berge\nglühen Morgensonne Weite grünet Matte Blumen\nDuft Musik webt Erwachen Hirtenbube flötet\nHirtenmädchen wirkt Kranz Hirtenbube endigt Lied\nSieht zu den Felsen\nHirtenbube: Eine Höhle"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.5", "texte": "Hirtenmädchen: Zwerglein haust darin\nMutter erzählte mir Märchen\nKleine Prinzessin mit goldenen Schuhen\nHirtenbube: Ein Drachen riesengroß bewacht frißt speit\nFeuer\nHirtenmädchen: Angst\nHirtenbube: Ich beschütze dich\nHirtenmädchen: Du bist stark\nHirtenbube: Ich töte den Drachen und die Prinzessin\nwird meine Frau\nHirtenmädchen: Und ich\nHirtenbube: Du\nDas sind ja Lügen\nHirtenbube läuft in die Höhle\nHirtenbube: Es blitzt hier\nHirtenmädchen: Ringlein\nHirtenbube: Edelstein\nHirtenmädchen: Kettlein\nHirtenbube: Krone\nHirtenbube gräbt das Schwert\nHirtenmädchen: Ein Schwert\nHirtenbube: Es funkelt\nHirtenmädchen: Es singt\nHirtenbube: Zauber\nHirtenmädchen: Schneidet es scharf\nHirtenbube: Die Flöte entzwei\nHirtenmädchen: Jetzt kannst du nimmer blasen\nHirtenbube: Das Schwert singt\nHirtenmädchen: Meine Flöte\nHirtenbube: Mein Schwert\n\nVariélé\nHerwarth Waiden\nDie Künstler des Varietes heißen Artisten. Die Dilet-\ntanten des 1 heaters „Künstler\". Der Artist gibt wenig-\nstens und zunächst einmal sein Leben für die Kunst.\nDer Künstler opfert die Kunst für das Leben. Der\nArtist erarbeitet sich das Unnachahmliche. Der Künst-\nler gefällt sich darin, nachzuahmen. Der Artist gibt sich\nauf. Der Künstler nimmt sich zusammen. Der Artist\nspielt mit seinem Körper. Der Künstler verkörpert sein\nSpiel. Der Artist findet sich uninteressant, sein Körper,\nauch sein Gesicht ist ihm nur Gestell für die Kunst.\nDer Künstler findet sich interessant, sein Gestell ist\nihm schon die Kunst. Der Artist lernt gehen. Der\nKünstler geht lernen. Der Artist gibt sich als Ausdruck\nauf. Der Künstler nimmt sich als Eindruck an. Der\nArtist stellt etwas vor. Der Künstler stellt sich vor.\nEs ist keine Kunst, auf dem Seil zu tanzen. Aber\nist es eine Kunst über die Bühne zu gehen? Es ist\nkeine Kunst eine Zigarette mit dem Mund aufzufangen.\nAber ist es eine Kunst, sich eine Zigarette in den Mund\nzu stecken. Allerdings: Der Künstler spricht. Der\nArtist schweigt. Schweigen ist keine Kunst. Aber ist\nSprechen eine.\nDie Darsteller werfen sich die Wlorte des Dichters\nzu. Die Schausteller werfen sich ihre Körper zu. Die\nWorte fallen zu Boden. Die Körper fangen sich auf.\nDas Spiel der Künstler ist kindisch. Sie reden alles\ndem Erwachsenen nach, dem großen Herrn Dichter. Sie\nerklären Erwachsenen den Erwachsenen.\nDas Spiel der Artisten ist kindlich. Sie spielen das\nSpiel. Das Spiel hat Regeln. Nur die Regel wirkt.\nDaher hat der Artist Wirkungen und der Künstler Ef-\nfekte. Nur die Nacht ist die Wirkung des Tages, und\nder Tag die Wirkung der Nacht. Der ewige Tag und\ndie ewige Nacht ist ein zeitlicher Effekt ohne zeitlose\nWirkung.\nDer Schauspieler richtet sich nach seiner Stimmung.\nEin Spieler läßt an Hörern seine Laune aus. Ist es wirk-\nlich das höchste Glück auf Erden, Spielball einer lau-\nnigen Persönlichkeit zu sein. Die Regel des Spielballs\nist es, aufgefangen zu werden. Warum soll man sich\nirgendwo hinschmeißen lassen. Warum soll man die\nAusnahme eines andern sein. Wer wirft, muß fangen\nkönnen. Am Jongleur bewundern wir die Regel.\nDas Spiel der vier Uessems ist Kunst. Künstler\nsind sie, die sogenannten Akrobaten, denn sie gestalten\nkörperlich das Körperlose, denn das Geistige ist sicht-\nbar, nicht ih r Geistiges. Das Geistige. Das Geistige\nder Kunst.\n\nDie Erstenbesten\nLothar Schreyer\nSelbst der erstebeste Theaterdirektor kann Lunte\nriechen. Er hat, wie man uns meldet, soeben das Riech-\norgan als für diesen überraschenden Zweck geeignet er-\nkannt. Bisher verwandte der Theaterdirektor dieses\nseltsame Glied ausschließlich als Kneiferstütze. Plötz-\nlich hat er das Pulver erfunden. Warum sich immer\nkneifen lassen. Warum immer kneifen. Man lasse\nseinen Pintscher den Schwanz zwischen die Beine knei-\nfen, und er wird die Kunst genau so gut sehen wie ein\nTheaterdirektor. Besonders wenn kleine Kinder mit\ndem Schießgewehr spielen. Sie machen das Pulver da-\ni>ei naß, sodaß man sich ungefährdet ihren Erzeugnissen\nzuwenden kann. Flüssig wie ein Gedicht. Das Berliner\n\"ageblatt und die Frankfurter Zeitung drucken es ab.\nNachdruck verboten. Da wendet sich der Gast mit Grau-\nsen. Und die Theater entleeren sich. Durchfall, daß es\nkracht. Das Pulver hat gewirkt, aber es war kein\nSchießpulver. Was nützt das begeisterte Rauschen im\nBlätterwald. Der Theaterdirektor will nicht auf den\nHund kommen. Er kneift sich selbst den Kneifer zwi-\nschen die Backen. Man soll sich nicht auf seine Nase\nverlassen. Das Publikum will eben keine Kunst.\nIhr überraschten Herren! Das schlechteste Publi-\nkum von dem, was ihr Publikum nennt, ist besser als\nder beste Theaterdirektor. Ihr wollt Geld verdienen.\nDas ist der erste Sinn aller schönen Reden. Wenn ein\nHoftheaterdirektor oder ein Stadttheaterdirektor das\nnicht kann, hat er seinen Beruf verfehlt. Der Gast\naber, der zu euch kommt, gibt euch vertrauensvoll sein\nGeld, jeder, weil er etwas anderes von euch erwartet.\nAber selbst unter dem schlechtesten Publikum ist einer,\nder das Erlebnis der Kunst sucht. Dieser Eine ist die\nStimme des Volkes. Dieser Eine hat recht gegen die\nvielen, gegen die Mehrheit. Was ihr tut, ist Unrecht.\nWäs ihr nicht tut, ist eure Pflicht. Ihr wißt nicht, was\neure Pflicht ist, weil ihr die Stimme der Einzelnen, die\ndas Rechte wissen, nicht hört. Weil ihr nicht hören\nwollt. Und was nützt euch der Wille. Aus dem Willen\nwird kein Kunstwerk geboren. Weil ihr nicht hören\nkönnt. Es gibt manche erfolgreiche Spekulanten unter\neuch. Es gibt wenig tüchtige Arbeiter unter euch.\nAber kein Künstler kann unter euch leben, weil er hören\nmuß.\nDa ihr nicht hören könnt, wollt ihr fühlen. Ihr fühlt,\ndaß die Kunst eure Gefahr ist. Aber ihr fühlt die Kunst\nnicht. Denn ihr seid euch selbst die Notwendigkeit.\nDie Notwendigkeit der Kunst ist euch fremd. Die Kunst\nwendet die Not der Künstler. Euch Nichtkünstlern ist\ndie Not der Nichtkunst fremd. Warum in aller Welt\nfühlt ihr euch genötigt, in Kunst machen zu wollen. Weil\neure Welt nicht das All ist. Weil ihr falsch fühlt, daß\nihr machen könnt, was ihr wollt. Weil der Geschäfts-\nmann genötigt ist, mit der Konjunktur zu arbeiten. Ihr\nhabt eine Konjunktur des Expressionismus gerochen und\nseid reingefallen. Das kommt davon, wenn man seine\nNase dorthin steckt, wo man nicht stehen kann. Der\nSturm der Kunst hat euch umgeblasen. Ihr könnt die\nKunst nicht fassen. Darum habt ihr nach einem Schlag-\nwort gegriffen. Ihr könnt ergreifend Reklame ma-\nchen. Aber Reklame macht keine Kunst, sondern nur\nWorte. Seid den armen Schriftstellern nicht böse, weil\nihr in Schrift gestellte Worte für Wortkunst haltet. Die\narmen Schriftsteller sind selbst böse dran. Sie sagen,\ndaß ihre Schriftstellerei Kunst ist. Sie sprechen euch\nvon ihrer guten Kunst und hoffen, daß sie reich werden,\nwenn sie heftig mit Worten um sich schlagen. Ihr laßt\neuch ein Loch in den Bauch reden und reibt die Hände\ndarüber, weil ihr einen Schlager hofft. Es ist aber ein\nSchlag ins Wasser. Denn die armen Leutchen haben\nwie ihr mit Wasser gekocht. Wasser aber tut's freilich\nnicht. Es ist leichter, Amerika noch einmal zu ent-\ndecken, als in der Schriftstellerei Kunst zu finden. Und\nwenn ihr das berühmte Schriftsteller-Ei mit einem Schlag\nauf die Spitze stellt, läuft es aus. Es ist zum Davon-\nlaufen. Nun habt ihr das Nachsehen.\nAber was ein tüchtiger Geschäftsmann ist, läßt sich\nnicht verblüffen. Geht es nicht rechtsrum, geht es viel-\nleicht linksrum. Dieses Gemauschelist die sog. Kunst\ndes Regisseurs. Die ersten besten Dichter haben ver-\nsagt. Nun müssen die modernen Regisseure heran.\nWarum wird auch Gage für diese überflüssigen Per-\nsonen bezahlt. Moderne Regisseure gibt es im Ueber-\nfluß. Laß uns trinken was die Wimper hält von dem\ngoldnen Ueberfluß der Welt. Die Presse hält die Mo-\ndernität im Fluß. Der Presse kann keiner an die Wim-\npern klimpern. Selbst das Publikum nicht, von dem das\nGold kommen soll. Das dumme Publikum, das durch-\naus etwas Kunst haben will. Allzuviel ist ungesund,\ndas weiß der Theaterdirektor. Aber in kleinen Dosen\nkann sie selbst dem Theater nicht schaden, denkt der\nHerr Direktor. Und gegen Dummheit kämpfen Götter\nselbst vergebens. Also denn in Gottesnamen, man lasse\ndem modernen Regisseur mal freie Hand. Irgendwo\nmuß der freie Handel doch wieder mal beginnen. Ge-\ndanken sind zollfrei. Freie Hand dem Tüchtigen, der die\nlängsten Finger hat. Aber wo stehlen. Noch hat kein\nRegisseur die Bühnenkunst gesehen. Aber auch noch\nkein Publikum hat sie gesehen. Man spiele also ruhig\nweiter Theater. Komödianten haben ein ehrliches Ge-\nwerbe. Ehrlich währt am längsten. An die Goldwäh-\nrung kann man die Leute immer glauben machen. Die\nHauptsache ist, daß man alles schwarz auf weiß besitzt.\nReden ist Gold. Man spreche wie gedruckt. Das hebt\nunsere gedrückten Zeiten. Nur tüchtig auf die Kunst\ndrücken, dann wird sie schon rauskommen. Man hebe\ndas Theater ins Geistige. Erhoben soll das Publikum\nwerden, wie in den erhabenen Zeiten der großen Kunst.\nDer Regisseur macht das am besten, indem er sich Spiel-\nleiter nennt. Auf der Leiter will er nach oben. Da wollt\ner wieder runter und da könnt er nicht. Das Spiel läßt\nsich nicht leiten. Das Spiel leitet den Spieler. Auch\nwenn er es natürlich symbolisch nimmt. Symbolische\nNatürlichkeit ist der Kitsch des Spielleiters. Und das\nbeste Publikum will nicht erhoben sein. Niedergedrückt\nwill es sein. Vernichtet will es sein von der Macht der\nKunst. Das Publikum will nicht sein. Oeffentlichkeit\nwill Innerlichkeit sein. Innerlichkeit ist die erste und\neinzige Oeffentlichkeit der Kunst.\nDie innerliche Schmach des Theaters ist eine öffent-\nliche Schmach geworden. Der öffentliche Wettlauf von\nNichtkünstlern nach der Kunst enthüllt die Ohnmacht\ndes Theaters. Nur ja nicht den Anschluß verlieren. Mit\nAusschluß der Kunst hat man bisher alles gemacht. Wer\nvieles bringt, wird allen etwas bringen. Wer gut ab-\nschließen will, darf die Kunst nicht vergessen. Wer\nsie zuerst findet, kann sie sich patentieren lassen. Und\nwenn die anderen das Patent auch nachmachen, man\nist doch der erste gewesen. Die ersten sind immer\ndie besten. Besonders wenn man es von sich behauptet.\nUnd das kostet nichts. Aber es bringt etwas ein. Jede\n„literarische\" Bühne hat heute ihren expressionistischen\nSpielleiter. Die ersten expressionistischen Inszenierun-\ngen werden jede Woche entdeckt, daß es eine Lust ist,\nzu leben. Glücklich der Kritiker, dem der Kollege die\nGelegenheit nicht vor der Nase wegschnappt. Es lebe\ndas Riechorgan! Nur der Theaterdirektor rümpft die\nNase. Die Schlagwörter haben ihm kräftige Nasenstüber\ngegeben, und er soll davon leben. Das hält auf die\nDauer der stärkste Mann nicht aus. Die Geister, die er\nrief, wird er nicht mehr los. Denn es ist kein Geist\ndarunter. Bald wird der Theaterdirektor seinen Geist\naufgeben. Denn er kennt die Welt nicht mehr. Die\nersten sind die letzten. Der Erstebeste pfuscht ihm ins\nGewerbe. Das kommt davon, wenn man einen Zwitter\nnicht von einer Jungfrau unterscheiden kann. Im Theater\nweiß keiner, was eine Jungfrau ist. Das ist die ganze\nGeschichte. Die Kunst ist unberührt. Kunst kann man\nnicht schänden. Schändlich ist, daß ihr Nichtkunst Kunst\nnennt. Schande ist, daß Verleger,, Theaterdirektoren\nund Kritiker die Kunst nicht sehen. Euere Schande ist\neuer Gewerbe.\nIhr überraschten und enttäuschten Herren! Es gibt\nkeine erste Kunst. Es gibt keine beste Kunst. Der\nTanz der letzten schlechtesten Südseeinsulaner ist Kunst.\nAber nicht euer Theater. Verschreibt euch nun keinen\nMiaorihäuptling. Führt keinen Duk-Duk-Tanz auf. Ihr\nkönnt keine Zauberer sein, sondern nur Komödianten.\nIhr könnt die Bühne verwandeln, aber nicht euch. Ihr\nkönnt uns Wunder vormachen, aber ihr erlebt kein\nWunder. Ihr könnt aus euren besten Ersten keine Letz-\nten machen. Denn ihr seid die letzten. Die letzten\nLeichenräuber des toten Theaters."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.6", "texte": "Das Tagebuch der S . . .\nWlir veröffentlichen Fragmente aus dem Tagebuch einer\nbekannten Schauspielerin, die sich vor einigen Jahren\nwegen unbefriedigten künstlerischen Ehrgeizes das Leben\nnahm. Mit Erlaubnis der Erben.\nDritte Fortsetzung.\n16. Dezember 191 .\nDas Unerwartetste ist eingetreten.\nIch fürchtete die Kritik um Karlchens willen und\nzitterte wie vor meinem eigenen Todesurteil.\nGestern abend noch hörte ich, daß Karlchens so-\nfortige Entlassung beschlossen wurde. Dr. H. und der\nDirektor gönnten mir kein Wort, nicht einmal einen\nBlick nach der Vorstellung. Warum, wußte ich nicht\nrecht — aber ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen\nKarlchen.\nKarlchens Schicksal schien mir entschieden — durch\nmeine Schuld war seine hiesige Stellung unmöglich ge-\nworden —.\nMit diesem Selbstvorwurf verbrachte ich die Nacht,\neine fürchterliche Nacht, in der ich weinte — wie ich\nnoch selten geweint habe.\nHeute morgen habe ich gelacht — gellend gelacht —.\nDie Wege der Kritik sind wunderlich —.\nKarlchen hat im Grunde genommen einen großen\nErfolg gehabt und ich habe das erste Mal öffentlich eine\ngründliche Niederlage erlitten —.\nMiein Herze, was willst du noch mehr?\nWäre ich nicht so grenzenlos enttäuscht, könnte ich\nfroh sein —.\nWenn das aber wahr ist, was die Herren über mich\nschreiben, dann bin ich in mir und mit mir fertig.\nIch habe nie ernster an einer Rolle gearbeitet —\nnie bewußter —. Ich war am Abend der Vorstellung\nvoll Angst — nervös — irritiert — gut — das weiß\nich selbst — aber das hat mit dem, was sie alle schrei-\nben oder bedauernd andeuten, nichts zu tun —.\nHabe ich einen Irrweg eingeschlagen —?\nEs ist nicht möglich —• nicht möglich —.\n„Frl. S. hat uns nach ihrer großartigen Kunst-\nleistung als Judith in ihrer neuen Rolle schwer ent-\ntäuscht. Sie hatte sich .einen manirierten Singsang zu-\nrecht gelegt, der wohl griechisch sein sollte, aber nur\nvoller Unnatur war —\" so schreibt der L in\nder mich sonst in den Himmel hebt —.\n„Herrn R s Kreon bedeutet nach allem, was\nwir bisher von ihm sahen, eine freudige Ueberraschung.\nTrotz einer sichtlichen Indisposition offenbarte er das\nerste Mal ein so starkes, rücksichtslos bis in alle seeli-\nschen Abgründe hineingreifendes Talent, daß man die\nDirektion nur verwundert fragen kann, warum ein\nsolcher Künstler bisher so falsch und unzureichend be-\nschäftigt wurde!\"\nIn dieser Tonart schreiben in rührender Ueberein-\nstimmung diesmal fast sämtliche Morgenblätter —.\nIch muß wirklich lachen .\nAm Abend\nIch war im Theaterbureau, wo ich die Z. traf und\ndes Rätsels Lösung wenigstens einigermaßen fand.\nMan hat gestern Abend noch von Seiten der Direk-\ntion den Herren Kritikern „Aufklärungen\" zukommen las-\nsen — Aufklärungen so indiskreter Art, soweit sie Karl-\nchens Zustand anbetrafen, daß ich öffentlich wie eine\nherzlose Kokette dastehe —.\nDiese Gemeinheit werde ich dem Direktor nicht\nschenken —.\n17. Dezember 191 .\nVon Karlchens Entlassung ist nicht mehr die Rede\n— man bedauert ihn allgemein — mit mißbilligenden\nSeitenblicken auf mich —.\nIch bin in Ungnade —.\nDer Direktor läßt mich nicht vor.\nIch habe ihm einen Brief geschrieben, den er nicht\nhinter den Spiegel stecken wird.\n18. Dezember 191 .\nKarlchen ist doch ein Prachtkerl.\nEr war bei mir. Er bat um Entschuldigung für alles,\nwas er mir gegen seinen Willen angetan — er hatte\nAngst, mir nicht zu gefallen — er hat sich Mut getrun-\nken — nach der Vorstellung bekam er heulendes Elend\nund teilnehmende Kollegen haben den Quatsch und\nSkandal verursacht. Er hält es für das Beste, daß wir\nuns häufig öffentlich zusammen zeigen. Er ist so zart-\nfühlend.\nEr hat recht. Ich will mich auch nicht mehr\närgern —.\n20. Dezember 191 .\nIch habe nie viel von der Kritik gehalten — so lange\nsie mich lobte.\nIch bin ehrlich. Aber jetzt, wo man mich so un-\ngerecht und verständnislos tadelt, bin ich außer mir!\nIch bemerke, daß die öffentliche Kritik von Kunst-\nleistungen zwar nichts nützen, aber doch viel schaden\nkann — ich bemerkte es an mir.\nIch bin ganz unsicher —•,\nIst das, was an mir nun getadelt wurde, nur in Rück-\nsicht auf die empfangenen Aufklärungen geschrieben\nworden, um „mir einen Dämpfer aufzusetzen\" (ge-\nschmackvoller Ausdruck meiner Kollegen, die mich\ntrösten, um mich meine Niederlage recht empfinden zu\nlassen) oder ist es wahr, was sie vorwerfen: habe ich\nnur „deklamiert\" — „manieriert gesungen\" — „unnatür-\nlich vorgetragen\" —??\nIch bin ganz zerstört —.\nOhne Stecken und Stab —.\nIch wage nicht an sie, ich wage nicht an mich selbst\n«u glauben —.\n25. Dezember 191 .\nIch bin in einem Zustand größter Wurstigkeit hinein-\ngeraten. Noch schlimmer: ich fühle, daß in mir ein\nschlimmer Zynismus zu wachsen beginnt.\nIch könnte furchtbar frivol werden, wenn ich völ-\nlig meinen Glauben an mich und meine künstlerische\nMission verlöre —.\nIch schaudere vor der Dirne in mir —.\n31. Dezember 191 . Sylvester.\nMein Dasein ist leer.\nMeine Kunst — ach meine Kunst —!?\n3. Januar 191 .\nIch brenne in unnennbaren Sehnsüchten und Begier-\nden —.\nIch verbrenne in meiner Ohnmacht —.\nVergeblich suche ich Zuflucht und Rettung bei mei-\nnen Dichtern —.\nAuch griechische Dramen mag ich nicht mehr\nlesen —.\nIch verkomme im Alltag — und spiele Theater .\n10. Januar 191 .\nDas alte Elend im neuen Jahr.\nAuch mit Karlchen habe ich definitiv gebrochen.\nArn Sylvesterabend. Ich kann seine bettelnden Augen\nnicht mehr ertragen —.\nEr trinkt mir auch zuviel —.\nUeberhaupt mag ich niemand mehr um mich dulden,\nder von Kunst spricht oder Theater spielt —.\nWenn ich könnte, würde ich mich aus mir selbst\nverbannen —.\nIch will auch mit mir nichts mehr zu tun haben —.\n15. Januar 191 .\nOb ich noch einmal auf eine große Liebe hineinfallen\nsoll?\nAch, ich weiß ja, wie alles endet! Habe ich ein\nRecht, einen Mann so auszunutzen?\nNur ein Schlafmittel gegen mein Ueberwachsein\nkönnte seine Leidenschaft mir bedeuten —.\nAber schreit nicht alles in mir nach Betäubung?\n\nFortsetzung folgt\n\nDas Zwiegespräch zu Dreien\nWilliam Wauer\nI\nSie: Hilf mir, Freund —!\nEr: Können Freunde Frauen helfen —?\nSie: Wer hilft Frauen?\nEr: Liebe hilft Frauen!\nSie: Wer hilft mir zu Liebe —?\nEr: Er, der dich liebt —!\nSie: Er, der mich liebt? — Wie brauchte ich Hilfe?\nEr: Er, den du liebst —<.\nSie: — hilf Du mir — Freund!\nEr: Soll ich Dir helfen, hilf, daß ich helfe!\nSie: Hilf mir von mir!\nEr: Er hilft dir zu dir. Er Hilft dir zu sich. Er hilft\ndir von dir!\nSie: Er ist ein Gott! Kann man Gott lieben? Teufel\nzerren an mir!\nEr: Mach ihn zum Teufel!\nSie: Er thront in Himmeln — ich lechze nach Hölle —.\nEr: Er glaubt dich Engel!\nSie: Ich dürste nach Fall! Wehe dem Weibe, das Engel\nsein muß!\n>\nEr: Wehe dem Manne, den ihr Gott glaubt!\nSie: Hilf mir, mein Freund!\nEr: Ach, könnt ich ihm helfen!\nSie: Hilf, daß ich lieben kann!\nEr: Ach könnte er lieben!\nSie: Er liebt — allliebend — göttlich! Er liebt die ganze\nLiebe zwischen uns mir auf, daß mir zu lieben\nnichts mehr übrig bleibt.\nEr: Liebst Du ihn nicht?\nSie: Ich bin sein Alles! Sein Schaffen! Seine Kraft!\nEr: So stark bist du in ihm!\nSie: Und breche, Schwachheit, in mir selbst zusammen!\nEr: Ist er ein Gott, so ist ers auch in dir!\nSie: Ein Gott will heilige Stätte: unheilig bin ich —.\nEr: Weib bist du!\nSie: Lust und Gelüste —.\nEr: Tugendhaft bist du!\nSie: Ich träume Sünde\nEr: Treu bist du!\nSie: Und weiß von Untreu doch!\nEr: Bist schuldlos!\nSie: Bin schuldlos ich, kenne ich doch Schuld —.\nEr: So brauchst du Sünde nur und Schuld, um seine\nGöttlichkeit ganz auszukosten?\nSie: Jetzt langweilt mich ein Paradies!\nEr: Ein Paradies, das selber du geschaffen hast zu eines\nGottes Wohnung!\nSie: So wohnt er nicht in mir!\nEr: Du armer Engel, paradiesverstoßen!\nSie: Ich armes Weib, ins Paradies gesperrt!\nEr: Eva! Eva!\nSie: Daß ich nackt bin.\nEr: Du zwingst mich, in verhaßte Frucht zu beißen!\nSie: So hilf mir Freund! So hilf!!\nEr: Nie können Freunde Frauen helfen\nII\nDu: Acht auf dein Weib\nIch: Ich achte mein Weib. Acht ich aufs Weib, muß\nichs verachten!\nDu: Willst Dus verlieren?\nIch: Nie kann ich verlieren, was mein ist! Nie ist mein,\nwas ich verlieren kann!\nDu: Dich verlierst Du mit ihr, denn du verlorst dich\nin sie!\nIch: Mein Glück verlor sich in sie. Kehrt es als Leid\nmir zurück, find ich auch wieder mich selbst.\nDu: So halte dein Glück!\nIch: Glücklos sind Hände, die halten müssen!\nDu: Leidvoll sind Herzen, die stillhalten müssen!\nIch: Hoch halt ich mein Herz!\nDu: Sie hält dein Herz. Hält sie es hoch, fällt es tief.\nIch: Fällt mein Herz — zerbricht es in mir.\nDu: Weils aus der Höhe fällt — zerbrichts!\nDu: Weils aus der Höhe fällt — fällts hart!\nDu: Sei hart! Noch glückt dir das Spiel!\nIch: Nie spielte ich um — Glück!\nDu: So verspielst du dein Leben\nIch: Nie lebte ich um Glück!\nDu: So erfüllt sich dein Schicksal\nIch: Ich leb um Erfüllung: so erfülle ich sie — so er-\nfüllt sie mich"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.7", "texte": "Du: Der Becher stürzt, wenn du ihn nicht faßt!\nIch: So läuft er leer, was nimmer ich fasse!\nDu: Vor fremden Munde zerschlüg ich mein Glas!\nIch: Zerschlagen schlägt mich!\nDu: Bewahren, bewahrt dich!\nIch: Sie gab — ich nahm. Sie nimmt — ich gebe —.\nDu: Du bist ein Schwächling!\nIch: Stark bin ich aus Schwäche. Mächtig aus Ohn-\nmacht!\nDu: Du — läßt — sie verläßt sie\nIch: Ich verlasse mich auf sie.\nDu: Du verstößt sie!\nIch: Ich stoße, was fallen will!\nDu: Weiß sie, was sie will\nIch: Ich will, was ich weiß!\nDu: Ihr Wollen ist weich!\nIch: Mein Wille ist hart!\nDu: So geht sie mit Recht\nIch: Sie nimmt sich ihr Recht\nDu: So willst du verlieren\nIch: Ich will — was sie muß.\nIII\nIch: So führt dein Weg von mir.\nSie: Mein Weg zu mir\nIch: Frei bist du — du Geliebte!\nSie: Frei bin ich, Stolzer! Ich weiß du hältst mich\nnicht —!\nIch: Ich halte mehr dich als du wohl erfaßt!\nSie: Ich fasse mehr, als du von mir wohl hältst!\nIch: Ich halte nicht, was sich nicht halten läßt!\nSie: Nichts läßt sich halten, das man nicht erfaßt!\nIch: Weil ich dich fasse, kann ich dich nicht halten —.\nSie: So will auch ich mich fassen, mich nicht mehr zu\nhalten.\nIch: Du liebst mich nicht\nSie: Nicht Liebe such ich —.\nIch: Was suchst du —?\nSie: Ihn suche ich, der mich nicht liebt!\nIch: Was soll dir — der?\nSie: Ihn will ich lieben!\nIch: Ohne Gegenliebe?\nSie: Ich muß nicht liebeß, wo ich lieben kann —!\nIch: Wo man dich liebt?\nSie: Ich kann nicht lieben, wo mir Liebe Pflicht ist.\nIch: So fliehst du Liebe?\nSie: Ich hasse, was mich nicht bezwingt —!\nIch: Und wenn sie dich bezwingt — zum Unglück dich\nbezwingt?\nSie: War es mein Glück\nIch: So suchst du — Unglück!\nSie: Ich suche Sucht und Eifersucht\nIch: So suchst du — Not?\nSie: Ich suche Qualen, groß genug, daß meine Sinnenlust\nan ihnen stirbt —!\nIch: Verzweiflung suchst du?\nSie: Ich suche eine Schmach, die tief genug, mein Weib-\nsein in ihr zu ersäufen\nIch: Du suchst umsonst — die Rettung vor Dir selber!!\nSie: So stürz ich mich in mich und geh zugrunde!\nIch: Jetzt — jetzt — bin ich in dir zugrund gegangen!\nSie: — So soll ich bleiben\nIch: Was bleibt mir, wenn du bliebest?\nSie: So laß mich gehen —.\nIch: Gehst du nur zu dir selbst, so wünschte ich, du\nbliebest.\nSie: Auch — führt mein Weg an einem Ihm vorüber?\nIch: Führt er vorüber, lohnt sichs nicht zu gehen!\nSie: Leicht lohnt nur Gehen —.\nIch: So geh — und wenn Du willst, weile bei mir!\nSie: Gern weile ich bei dir, darf ich nur gehen —.\nIch: So führt dein Gehen dich von mir zu mir —!\nSie: So weilt mein Bleiben, Guter, stets von dir zu dir!\nIch: So will ich dulden, was du leiden mußt!\nSie: Nichts werd ich leiden, was du duldest!\nIch: Verletzlich ist der Mann: ein schlimmer Dulder!\nSie: Du Gott am Kreuz — erlöse mich von Schuld!\nIch: So suche Schuld, daß ich dich mehr erlöse!\nSie: Heilig bist du — und die Stätte, da du weilst\nIch: Ich bin ein schwacher Mensch und leide, wenn du\ndicht verlierst\nSie: Und du verlierst dich, weil du weißt: ich leide\nIch: Verlier ich mich um dich, wie litt ich noch?\nSie: Heimat verlor ich, wenn du dich verlierst\nIch: Heimkehr verlor' ich, wenn du — dich verlierst\nSie: So geh ich, Trauter, gehe — gehe\nIch: Die Heimat wartet.\n\nExpressionistische Dichtung\nLothar Schreyer\nDer Expressionismus ist die geistige Bewegung einer\nZeit, die das innere Erlebnis über das äußere Leben\nstellt.\nDer Expressionismus in der Kunst schafft die Ge-\nstalt, in der der Mensch sein inneres Erlebnis kündet.\nDie Gegenwart errichtet ein Reich des Geistes.\nExpressionisten sind die Künstler und Dichter der\nGegenwart.\nDie Kunst hat ihre Stellung zum Leben, im Leben\ngewandelt. Weil wir Menschen uns 'gewandelt haben.\nVon der äußeren Welt haben wir uns wieder zur inneren\nWelt gefunden. Der Machtwille, /der unser äußeres\nLeben beherrscht, hat sich unserem inneren Leben zu-\ngewandt. Die Grenzen, die das äußere Leben unserem\nMachtwillen setzt, fallen in unserem inneren Leben. Das\nGrenzenlose zu fassen, ist unser Machtsehnen. Wir\nkämpfen um mehr als ein Reich der Natur. Wir kämp-\nfen, das Reich des Geistes zu gewinnen, das grenzen-\nlos ist. Erst im Grenzenlosen werden wir der Macht\nbewußt. Der Eine versinkt im All, für dessen sein er\nwird.\nIn der Kunst künden wir das geistige Reich. Das\nGeistesleben ist nicht das Leben der Wissenschaften,\nsondern das Leben der Visionen. Neben das äußere\nLeben der natürlichen Erfahrung tritt ein Erleben intui-\ntiver Erkenntnis. Die europäische Kunst der letzten\nJahrhunderte gibt Abbilder der natürlichen Erfahrung.\nDie Kunst der Gegenwart gibt Bilder intuitiven Erleb-\nnisses. Es gilt nicht mehr, eine natürliche Erscheinung\nzur Vollkommenheit, zur Harmonie zu führen. Der\nKünstler von heute 'gibt im Kunstwerk nicht eine natür-\nliche Erscheinung, so wie er sie sieht, oder sucht sie\nnicht in eine so vollkommene Erscheinung zu wandeln,\nwie er sie sich wünscht. Er gestaltet das innere Ge-\nsicht, das sich ihm gibt, in dem er intuitiv die Welt er-\nkennt. Das innere Gesicht ist unabhängig vom äußeren\nSehen. Es ist Vision, Offenbarung. Das ist das Wesen\ndes Expressionismus.\nDie Kunst der Gegenwart ist Kunde einer offenbarten\nErkenntnis.\nDiese Kunde der Offenbarung, die Kunst, ist der Mit-\ntelpunkt des geistigen Lebens der Gegenwart. Die\nKunst schafft den geistigen Menschen. Jeder Mensch\nkann ein geistiger Mensch sein. Wer lebt, vermag auch\nzu erleben.\nDie Wirkung des Kunstwerkes ist Genuß und Er-\nlebnis. Jeder Mensch mit gesunden Sinnen kann das\nKunstwerk genießen. Es gehört kein Verstand dazu,\nkein Wissen, kein Können, keine Bildung. Die Gebil-\ndeten haben kein Bild. Der Mensch ist verbildet. Er\nstellt sich vor das Bild und verlangt, daß das Bild etwas\nvorstelle, aber nicht, daß es ein Gebilde sei. Jeder\nMensch, jeder unverbildete, kann die Worttöne der Dich-\ntung hören, die Worttongestalt genießen. Wir nehmen\ndie Kunstgestalt in uns auf, daß sie unser ist, daß wir\nsie sind. Was wir genossen haben, ist nicht mehr außer\nuns. Der Rhythmus des Werkes wirkt in uns. Er fließt\nmit unserem eigenen Rhythmus zusammen. Wir sind\naußer uns. Der erlebende Mensch, der Schöpfer ist der\nekstatische Mensch. Wir und der Kosmos sind eins.\nAll ist eins.\nJede Kultur, die eine Erkenntnis in Offenbarung fin-\ndet, kündet diese Erkenntnis mit Kunstmitteln. Jede\nZeit, die das Geistesleben herrschend über das Natur-\nleben stellt, die im Geist nicht den Diener der Natur,\nsondern in der Natur ein Mittel des Geistes sieht, hat\ndie Kunst. Es sind die Zeiten, denen das Licht der Auf-\nklärung ein Irrlicht ist, die Zeiten, deren Menschen im\nDunkel sehen können. Durch die Nacht des Lebens,\ndie keine Aufklärung klärt, sieht das Gesicht. Alle\nMenschen sind Seher. Alle sind umrauscht von der\nEkstase. Ekstatische Menschen, Schöpfer und Erlebende,\nsind die Naturvölker, sind die Bekenner Buddhas, sind\ndie Menschen des deutschen Mittelalters. Sie gehören\ndem Reich an, das heute wieder aufersteht. Die Zeit,\nderen Rhythmus den Geist zur Macht hebt, macht uns\nzu rhythmischen Menschen, denen die Harmonie der\nPersönlichkeit nichts ist, denen der Rhythmus der Ekstase\nErfüllung ist.\nWir haben keine Weltanschauung mehr. Wir schauen\ndie Welt nicht an. Wir schauen. In der Schau, im Ge-\nsicht sind wir und die Welt eins. Gelöst von der Natur\nsind wir erlöst. Erlöst vom Leben sind wir lebendigen\nGeister Geist.\nDas Gedicht der deutschen Gegenwart, das Wort-\nkunstwerk, strebt nicht danach, eine natürliche Erschei-\nnung zur Vollkommenheit zu wandeln. Wir wissen, daß\ndie Erscheinung nur vollkommen scheint. Es gibt keine\nVollkommenheit. Das Wiortkunstwerk gibt keine Voll-\nkommenheit. Es ist nicht harmonisch. Es ist wie jedes\nKunstwerk der Gegenwart rhythmisch.\nDie Gegenwart zertrümmert die Vergangenheit.\nUnsere Kunst hat eine andere Wahrheit als die Kunst\nder Vergangenheit. Unsere Kunst hat eine andere\nSchönheit als die Kunst der Vergangenheit. Unsere\nWahrheit ist nicht die Lebenswahrheit. Denn es gibt\nkeine Lebenswahrheit. Wir leben nicht wahr. Es gibt\nin Wahrheit kein Leben. Unsere Schönheit ist nicht\nein Wohlgefallen. Solche Schönheit kann wohl zu Fall\nkommen. Unser Leben ist eine solche gefallene Schön-\nheit. Aber unsere Schönheit und unsere Wahrheit ist\ndas Alleins des kosmischen Erlebnisses.\nWir verlernen die Dichtung der Vergangenheit, weil\nsie keine Gestalt der Gegenwart ist.\nDas Wiortkunstwerk, das Kunstwerk bildet uns ein\nin den Kosmos. Der Eingebildete ist der Gebildete der\nGegenwart. Die Bildung der Vergangenheit ist tot.\nRäumen wir die tote Bildung fort, daß Raum wird für\ndie lebendige Einbildung des Eins ins All, des Menschen\nin die Welt.\nDie humanistische Bildung ist der Feind des Geistes.\nDie humanistische Bildung und ihre harmonische Ge-\nstalt haben die deutsche Sprache in Fesseln geschlagen.\nDie Fesseln sind zersprengt. Die Kraft des Rhythmus,\nder ungeheueren Machtgestalt der Gegenwart, macht die\ngebundene Sprache ungebunden. Nur die ungebundene\nSprache wirkt den Geist Nur die freie Sprache wirkt\ndas Wortkunstwerk. Nur die Ungebundenheit des\nRhythmus kündet das geistige Erlebnis.\nDer Rhythmus ist das Gestaltungsprinzip der Gegen-\nwart. Denn er ist der Ausdruck der Macht. Die Har-\nmonie wiill Endlichkeit, Vollkommenheit. Die Macht\nwill kein Ende. Sie ist nie vollkommen. Unvollkommen,\nunendlich ist der Rhythmus. Er ist die Auflösung jedes\nMaßes. Das Kunstwerk der Gegenwart ist aharmonisch,\nist rhythmisch.\nDie Dichtung der humanistischen Vergangenheit hat\nkeinen Rhythmus. An Stelle des Rhythmus setzt sie das\nMetrum.\nDas Metrum ist eine Gestalt der Sprachtonbewegt-\nheit der griechischen, klassischen Weltanschauung. Die\ngriechische Weltanschauung hat die Gestalt der Har-\nmonie zu einem Sieg geführt, der die Kunstgestalt von\nJahrhunderten bestimmt hat. Der Grieche fühlt die Voll-\nkommenheit seiner Persönlichkeit, wenn er „Frieden mit\ndem Dämon in seine Brrust gefunden hat\". Im klas-\nsischen Griechenland hat Apollo den Dionys gebunden.\nDas Maß, das Metrum besiegt den dämonischen Rausch.\nDas Metrum zwingt die ungebundene Sprache der Italer\nin seine Fesseln und schafft das klassische Latein. Klas-\nsisch heißt mustergiltig. Uns ist die Klassik ein Muster\nohne Wert.\nDas Metrum, das Maß ist mäßig. Jede metrische\nDichtung, jede Dichtung, die sich ein Maß setzt, der\ndurch das Metrum ein Maß gesetzt ist, ist mäßig. Nicht\ndas Maßvolle ist das Künstlerische, sondern das Maß-\nlose. Ein Werk, das mit einem Maß ausgemessen wer-\nden kann, ein Werk, das nach einem Maß gearbeitet ist,\nist ein Handwerk und kein Geistwerk, kein Kunstwerk.\nDer verhängnisvolle Irrtum der Vergangenheit war der\nGlaube an das Alleinseligmachen des Könnens. Der\nVergangenheit ist Kunst ein Können. Und das Können\nist lernbar. Lernbar ist aber nur ein Fremdes. Das\nEigene können wir nicht lernen. Das Eigene ist in uns.\nEs wächst in uns. Wir wachsen in die Welt. Kunst ist\nKunde dieses Wachstums.\nDie Vergangenheit hat das deutsche Wortkunst-\nwerk gezwungen, in eine bestimmte feste Form hineinzu-\nwachsen. Solche Formen sind der Hexameter, der fünf-\nfüßige Jambus, Romanze, Ode,, Sonett. Die gegebene\nForm mit Inhalt zu füllen, war das Werk des Dichters.\nAlso: die Form wurde nicht vom Inhalt geschaffen, son-\ndern der Inhalt wurde für die Form geschaffen. Von der\ngroßen Anzahl der bestehenden Formen wurde eine ge-\nwählt, die für den Inhalt geeignet schien, und in dieses\nMaß suchte man das maßlose künstlerische Erlebnis zu\npressen. Dies ist nur dort möglich, wo das künstlerische\nErlebnis kein kosmisches Erlebnis ist. Das Gedicht der\nVergangenheit gibt nur, wie man so schön sagt, „Schöne\nGedanken in schöner Form\". Es vermittelt Gedanken\nund Formen, aber das Erlebnis fehlt. Die Vergangenheit"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191809-01.1.8", "texte": "hat wirklich gebundene und ungebundene Rede. Wer,\nwas er sagen wollte, in gebundener Rede, also metrisch\nsagen konnte, wurde Dichter genannt. Die gebundene\nRede hieß Poesie, die ungebundene Prosa. Es gibt keine\nPoesie und keine Prosa. Es gibt auch in der Sprache\nnur Kunst und Nichtkunst.\nDer Dichter der humanistischen Bildung gibt nicht\neine Fülle von Gesichten, sondern eine Fülle von Ver-\ngleichen. Vergleichen aber ist nicht dichten. Verglei-\nchen ist nicht bilden. Das Bild ist ein Gebilde. Der\nVergleich ist ein Ersatz für die Wirklichkeit. Das Bild\nist eine Wirklichkeit. Es ist eine geistige Wirklichkeit.\nDichten ist: diese geistige Wirklichkeit dicht machen.\nDichten ist konzentrieren, auf die komprimierteste, ein-\nfachste Form bringen. Jedes gedichtete Erlebnis hat eine\nandere Gestalt. Die feste metrische Gestalt schafft\nkeine Dichtung. Sie macht nicht dicht. Sie erweitert,\nsie vervielfacht. Sie gibt keine Tatsache, sondern sie\nschmückt eine Tatsache, sie macht die „unpoetische Tat-\nsache „poetisch\".\nDie Zusammengehörigkeit gleicher Metren wird\ndurch den Endreim betont. Der Endreim ist außeror-\ndentlich verbreitet in der Dichtung der Vergangenheit.\nEr ist eine Formspielerei. Er ist nur dort Spiel, also\nKunst, wo die Zusammengehörigkeit verschiedener\nWortgestalten in der gleichen Lautgestalt gestaltet ist\nDer Vers der humanistisch geschulten Dichtung ist\nein metrischer Abschnitt. Der Vers unserer Dichtung\nist eine rhythmische Einheit, ohne Metrum, aharmonisch.\nNur rhythmisch bewegt die expressionistische Dichtung\nden Sprachton.\nDer Rhythmus gestaltet die Sprachtonbewegtheit. Er\ngibt die Reihe der Entwicklungsstufen der Bewegungs-\nrichtung. Das Wortkunstwerk wirkt in der Zeit, ist ein\nNacheinander von Wortgestalten, die nur durch die Be-\nwegung, das Nebeneinander zu einer Einheit zusammen-\ngeschlossen werden können. Die Bewegung jedes Wort-\nkunsitwerkes, jeder künstlerischen Einheit ist in bestimm-\nter Richtung gestaltet. Soviel Gefühlsrichtungen im\nKunstwerk gekreuzt sind, so viel Bewegungsrichtungen\nlassen sich auch feststellen. Aus dem Verhältnis der\nBewegungsrichtungen resultiert das Gefühl, das vom\nWortkunstwerk ausgelöst wird. Jede einzelne Bewe-\ngung zerfällt in Entwicklungsstufen. Die Reihe der Ent-\nwicklungsstufen ist die rhythmische Reihe der Bewe-\ngungsrichtung. Jede Entwicklungsstufe ist eine rhyth-\nmische Einheit. Diese rhythmische Einheit ist der Vers.\nDie Worte im Vers sind aus den Grundwortarten\ngebildet, Jedes Wort im Wortkunstwerk ist ein selbst-\nständiger Wert. Alle Worte im Wortkunstwerk stehen\nuntereinander in Beziehung. Diese Beziehung kann in\nder einzelnen W'ortgestalt selbst gestaltet sein. Solche\nBeziehungsarten sind die Deklination und die Konju-\ngation, Es kann also jede Biegungsform jedes Wortes\neine Kunstgestalt sein. Die Biegung beschränkt die Be-\nziehungsmacht in bestimmter Richtung oder in bestimm-\nten Richtungen.\nEine Wortreihe, in der alle Worte derart zueinander\nin Beziehung stehen und also auch in Beziehungsformen\ngebracht sind, daß die ganze Wortreihe eine in sich ge-\nschlossene Einheit bildet, ist ein Satz. Der Satz ist ein\nFormbegriff. Es ist nicht notwendig, daß der Satz im\nWortkunstwerk eine gedankliche Einheit ist. Der Satz\nder Umgangssprache ist freilich eine gedankliche Ein-\nheit. Für das Wortkunstwerk ist es wesentlich, daß der\nGedanke der Wortreihe ein konstruktiver ist. Die Wort-\nreihe, der Satz hat nur dann einen über den konstruk-\ntiven Gedanken hinausgehenden Gedankeninhalt, wenn\nder Satz gleichwertig neben der einzelnen Wortgestalt\nsteht. Der Satz ist dann für das Wort gesetzt.\nJedes Wort, jeder Wortsatz hat einen Inhalt. Ein\nWort kündet nur dann seinen Inhalt, wenn Gestalt und\nInhalt adäquat sind. Der Begriff ist der Ausdruck für\ndas Erlebnis von etwas Ungreifbaren. Jeder Begriff ist\nunbestimmt, vieldeutig. Jeder Begriff ist ein komplexer\nWert. Für den komplexen Wert die Sprachtongestalt\nzu schaffen, ist Wortschöpfung. Jeder Dichter ist Wort-\nschöpfer. Jeder Dichter hat jedes Wort neu zu schaf-\nmen. Der Ausdruck für das ungreifbare Erlebnis des\nKosmos kann von niemandem übernommen werden. Die\nGestalt stellt sich mit Notwendigkeit ein, wenn der\nMensch eingestellt ist in die Einheit des Alls. Wo der\nDichter die Gestalt aus der Notwendigkeit schöpft,\nschafft er.\nDie Grundsätze, die unsere Gegenwart, unsere Kunst\ngestalten, sind Organisation und Rhythmus.\nDie Organisation ist die Machtform des Endlichen,\nder Rhythmus die Machtform des Unendlichen. Beide\nverbinden sich in der Sprachtongestalt der Dichtung,\nund zwar ist die Organisation dem Rhythmus unterge-\nordnet.\nDie Gestaltungsarten des Rhythmus sind Konzen-\ntration und Dezentration.\nDie Wortgestalt als Einzelwort konzentriert den Be-\ngriff in ein einzelnes Wort. Diese Wortkonzentration\nist eine Konzentration des Inhalts und der Gestalt. Mit\nmöglichst wenig Lautmitteln den Begriff zu gestalten, ist\ndas Ziel. Wortverkürzung ist die Folge.\nDie Wortverkürzung kann auf das Stammwort zurück\ngehen.\nBären für gebären\nschwenden für verschwenden\nwandeln für verwandeln.\nDie Endungen der Deklination und der Konjugation\nkönnen wegbleiben.\nDer Artikel fehlt überall, wo er nicht notwendig be-\ndingt ist.\nAus den Wortverkürzungen werden Wortverände-\nrungen.\nDie Wortveränderungen führen zur Bildung neuer\nWorte. Aus Verben werden Substantive, aus Substan-\ntiven Verben gebildet, z. B. aus Kind das Verb kinden.\nDie Wiortgestalt ist ein Wortsatz, wenn die Begriffs-\ngestalt nicht in einem Einzelwort zu geben ist. Der\nWortsatz ist wie das Einzelwort eine Einheit nach In-\nhalt und Gestalt.\nDie Konzentration wird im Wortsatz erreicht durch\nUmstellung der Worte oder durch Satzverkürzung.\nDie Hauptstellungen des einfachen Aussagesatzes\nmit verschiedener Konzentration sind folgende:\n1. Der Frühling ist gekommen.\n2. Ist der Frühling gekommen.\n3. Gekommen ist der Frühling.\n4. Der Frühling gekommen ist.\n5. Ist gekommen der Frühling.\n6. Gekommen der Frühling ist.\nDie Satzverkürzung ist eine Erweiterung der Wort-\nverkürzung.\nEinfache Satzverkürzungen sind das Auslassen der\nPräpositionen, der Kopula und die transitive Verwendung\nintransitiver Verben.\nIn den einfachen Satzverkürzungen wird das für\ndie Aussage Ueberflüssige weggelassen. Sie sind noch\nkeine eigentlichen Konzentrationen.\nWie sich aus der einfachen Verkürzung die Konzen-\ntration nach Inhalt und Gestalt entwickelt, zeigt fol-\ngendes Beispiel:\nDie Bäume und die Blumen blühen\nist eine einfache Aussage.\nDie Bäume, die Blumen blühen\nist eine einfache Verkürzung. Die Kopula bleibt weg.\nEbenso ist\nBäume und Blumen blühen\neine einfache Verkürzung. Die Artikel fallen weg. Aber\nBaum und Blume blüht\nist keine einfache Verkürzung mehr, sondern eine Kon-\nzentration. Der Begriff ist tiefer gefaßt. Aber die\nEinheit der Begriffe Baum und Blume und Blühen kann\nnoch konzentrierter gestaltet werden. So ist die Form\nmöglich\nBlühender Baum, blühende Blume.\nAber hier ist nur die Einheit des Blühens gebildet. Baum\nund Blume sind als Gegensätze gefaßt. Erst die Form\nBaum blüht Blume\nfügt die drei Begriffe zu einem Einheitsbegriff zusam-\nmen.\nDies ist ein Wortsatz.\nDieser Wortsatz kann noch \" bis in ein Einzelwort\nkonzentriert werden, wenn die Wortreihe keinen Satz,\nsondern ein Wort fordert. Dieses Wort heißt dann\nBlüte.\nDie komplexe Vorstellung des Wortes Blüte umfaßt\nBaum und Blume im Blühen.\n\nFortsetzung folgt\nHerausgeber Htrwarth Waiden\nVerlag Der Sturm 1918 / Berlin W 9\nVierte und fünfte Folge / September 1918\nDruck von C. Horak / Berlin W 57\n\nMitteilungen\nDie Sturmbühne / Das Theater der Expressio-\nnisten\nDie Sturmbühne / Das Theater der Expressionisten ver-\nanstaltet die ersten Aufführungen Mitte Oktober aus-\nschließlich für die Mitglieder des Vereins Sturmbühne.\nAnmeldung zur Mitgliedschaft werden in der Geschäfts-\nstelle des Vereins Charlottenburg, Scharrenstr. 11 schrift-\nlich und im Sturm Potsdamerstr. 134 a mündlich und\nschriftlich entgegengenommen. Anmeldungen zur künst-\nlerischen Ausbildung für das Theater der Expressionisten\nsind an die Sturmschule, Berlin W 9. Potsdamerstr. 134 a\nzu richten.\n\nVerein Sturmbühne\nSatzungen\n1. Der Verein Sturmbühne ist ein gewählter Kreis\nvon Freunden der Kunst der Gegenwart, die sich der\nNotwendigkeit einer Bühnenkunst bewußt sind.\nDer Verein dient der Bühnenkunst der Gegenwart.\n2. Der Verein Sturmbühne wird von einem Aus-\nschuß geleitet, der aus den Gründern des Vereins be-\nsteht und sich durch Zuwahl aus den Mitgliedern des Ver-\neins ergänzen darf. Dem Ausschuß sollen nicht weniger\nals drei und nicht mehr als neun Personen angehören.\n3. Über die Aufnahme in den Verein entscheidet\nder Ausschuß. Sie erfolgt durch Zustellung einer Mit-\ngliedskarte, die von mindestens drei Ausschußmitglie-\ndern unterzeichnet sein muß. Das Ausbleiben dieser\nKarte ist als Ablehnung anzusehen. Die Ablehnung be-\ndarf keiner Begründung.\n4. Die Anmeldung zum Beitritt und die Aufnahme in\nden Verein Sturmbühne kann jederzeit erfolgen.\n5. Den Mitgliedern wird durch das Gastrecht auf\nBesuch des Sturmklubs die Möglichkeit zu umfassendem\nMeinungsaustausch mit den Künstlern der Sturmbe-\nwegung gegeben.\n6. Die Mitglieder haben das Recht, den Prüfungs-\naufführungen der Abteilungen Schauspielkunst und Büh-\nnenkunst der Kunstschule Der Sturm unentgeltlich beizu-\nwohnen.\n7. Den Spielen (Aufführungen von Dichtungen und\nKunstwerken durch die Sturmbühne), für die Entgelt er-\nhoben wird, dürfen nur die Mitglieder des Vereins bei-\nwohnen.\n8. Die Mitglieder können alle Verträge, die Der\nSturm veranstaltet, und alle Sturmabende zu halben\nPreisen für sich und eine von ihnen eingeführte Person\nbesuchen.\n9. Ein Beitrag wird von den Mitgliedern nicht\nerhoben. Die Mitglieder haben aber die Pflicht, nach\nKräften für die Erkenntnis der Kunst und für die Büh-\nnenkunst zu wirken. Der Ausschuß gibt ihnen auf Wunsch\nGelegenheit zur Betätigung, die zwischen Ausschuß und\nMitglied von Fall zu Fall vereinbart wird.\n10. Die Mitgliedschaft erlischt durch Rückgabe der\nMitgliedskarte an den Ausschuß, durch Ablauf von drei\nJahren nach dem Jahre, in dem die Mitgliedskarte aus-\ngestellt ist und durch Aberkennung der Mitgliedschaft, die\nnur durch einstimmigen Beschluß des Ausschusses er-\nfolgen kann. Bei der Mitteilung an den Ausgeschlossenen\nbedarf es keiner Angabe von Gründen.\nDer Ausschuß\nDr. John Schikowski / Vorsitzender\nRudoif Bauer\nRudolf Blümner\nLothar Schreyer\nHerwarth Waiden"}]}