{"numero_id": "bm-bmtnaal-1919-05-01", "volume": "bmtnaal_1919-05_01", "ocr_sha256": "e88e915dbb206c5e0be1b6d8d86f28a852a094e95743eecd10b7bf8d4f6589ca", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnaal/issues/1919/05_01/bmtnaal_1919-05_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnaal/issues/1919/05_01/bmtnaal_1919-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnaal-1919-05-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnaal_1919-05_01#c001", "volume": "bmtnaal_1919-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.2.1", "titre_corps": "Sechste Folge", "titre_sommaire": "Sechste Folge", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.1", "debut_caractere": 67, "fin_caractere_exclue": 271, "texte": "Sechste Folge\nLothar Schreyer: Dichtung und Bühnenwerk /\nLothar Schreyer: Expressionistische Dichtung /\nLothar Schreyer: Prost Genosse Behne / Kurt\nHeynicke: Ein Auftritt / Gesellschaft der Sturm-\nfreunde"}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1919-05-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnaal_1919-05_01#c002", "volume": "bmtnaal_1919-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.2.2", "titre_corps": "Dichtung und Bühnenwerk.", "titre_sommaire": "Dichtung und Bühnenwerk.", "signature_source": "Lothar Schreyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.1", "debut_caractere": 273, "fin_caractere_exclue": 6535, "texte": "Dichtung und Bühnenwerk.\nLothar Schreyer\nDas Bühnenwerk ist die Schöpfung eines\nBühnenkünstlers. Das Bühnenwerk ist nicht die\nSchöpfung: eines Dichters. Der Bühnenkünstler\nkann Dichter sein. Der Dichter kann Bühnen-\nkünstler sein. Der Dichter gestaltet mit IWorten.\nDer Bühnenkünstler gestaltet mit Farbformen, Be-\nwegungen, Tönen. Unter den Tönen, mit denen\ndie Bühnenkunst gestaltet, sind aucn die Wort-\ntöne. Schafft er die Worte zu den Tönen selbst, so\nist er Wortkünstler, Dichter. Der Künstler vermag\ndann seine Vision mit den Mitteln des Bühnenkunst-\nwerkes und mit den Mitteln der Dichtung zu ge-\nstalten.\nDer Bühnenkünstler kann auch die Worte\nseiner Worttöne einem fremden Wortkunstwerk\nentnehmen. Die fremden Wortgestalten sind ihm\ndann Mittel eigener Gestaltung und abhängig von\ndem Zwang eigner Gestaltung. Es entstehen so die\ngegenständlichen Bühnenwerke. Wie diie Werke\neiner gegenständlichen Malerei mit Farbformen\ngearbeitet sind, die uns durch Assoziation als den\nErscheinungen der Außenwelt ähnelnd erscheinen,\nso sind in den gegenständlichen Bühnenwerken\nWortgestalten enthalten, die mehr oder weniger\nden Wortgestalten einer Dichtung ähneln.\niDas Spiel eines solchen Bühnenwerkes bringt\nalso nicht die Dichtung eines Dichters zur Auf-\nführung sondern spielt das Werk des Bühnen-\nkünstlers.\niDie Dichtung. kann nicht aufgeführt werden.\nDie sogenannten Theateraufführungen sind logisch\neine Unmöglichkeit. Ein Wortkunstwerk kann nur\ngesprochen, aber nicht gespielt werden. Wir spre-\nchen die Worte, aber wir spielen sie nicht. Schrift-\nsteller können mit 'Worten spielen. Aber nur wenn\ndas Wort mit uns spielt, sind wir Künstler.\nDie sogenannte Theateraufführung ist Nicht-\nkxinst. Sie ist Ausdeuten oder Deutlichmachen einer\nDichtung. Die Aufführung soll die Dichtung zum\nLeben erwecken und tötet sie. Das Gedicht ist\nkein Gedanke. Das Gedichtete kann niemand den-\nken. Wer sich etwas zum Gedicht denkt, der be-\nschäftigt sich mit seinem Verhältnis zum Gedicht,\nnicht aber mit dem Gedicht. Er denkt am Gedicht\nvorbei. Er zerdenkt sich das Gedicht. Die Logik\ndes 'Verstanides ernennt kein Kunstwerk. Die\nTheaterleute machen deutlich, was sie sich beim\nDrama gedacht haben. Die Bühne bedeutet ihnen\ndie Welt. Die Bühne aber ist nur ein Mittel zur\nGestaltung des Kunstwerkes, das die Welt ist. Die\nWelt bedeutet ihnen die Bühne. Die Toren glau-\nben zu handeln, sich zu entwickeln. Sie nennen\nihre Dichtung Drama, Handlung. Sie entwickeln\ndie Handlung, die sie selbst verwickelt haben.\nDer sogenannte Dramendichter schreibt das\nStück zum Zweck der Aufführung. Keine Dichtung\nhat einen Zweck außer sich selbst. Dichter, die den\nWunsch haben, ihre Dichtung auf einer Bühne ver-\nlebendigt zu sehen, die ihre Dichtungen mit einem\nsolchen Zweck schreiben, sind gefangen von einer\nZeit des Kunstersatzes. Sie sind Schöpfer ihrer\nunkünstlerischen Zeit. Ihre Dichtungen sind Zwit-\ntergeb lde. Die Künstler solcher Zeiten haben die\nVoraussetzungen der Kunst vergessen. Das Hand-\nwerk haben sie verlernt, wollen es nicht wieder-\nlernen. Sie kennen die Kunstmittel nicht mehr.\nSie wissen die Mittel der Dichtung nicht mehr, die\nMittel einer Bühnenkunst nicht mehr. Die Dichter\n„sehen etwas auf der Bühne\", die Bühnenkünstler\n„machen Worte\". Da aber die Dichter keine Büh-\nnenkünstler sind, denken sie für die Bühne und'ifcr\nGedachtes zerstört ihr Gedichtetes. Und so schaf-\nfen sie keine Dichtungen, sondern machen Theater-\nstucke. Das Stückwerk des Theaters führt man\nauf. Dichter führen stich schlecht auf. Dem Dich-\nter fehlt die Führung. Sie können sich nicht selbst\nführen. Sie lassen ihr Gedichtetes von Bühnenein-\nfällen führen. So fällt das verführte Gedicht ein.\nDer Theater mann soll wieder aufbauen, was die\nDichter sich selbst zerstören. Er soll es wieder auf-\nbauen mit den Mitteln, mit denen die Dichter ihre\nDichtung zerstören. Ein törichtes Verlangen, Jahr-\nhunderte lang von der Aesthetik als Wahrheit und\nWeisheit verkündet. Das kommt davon, wenn man\nstich auf seine Erfahrung verläßt. Und jede Er-\nfahrung, auch die törichte, für Weisheit und Wahr-\nheit hält. Es ist wahr, daß die ganze sogenannte\ndramatische Literatur ein Versuch mit untauglichen\nMitteln ist. Die Wahrheit über die dramatische\nLiteratur erfährt nur, wer weiß, was die Mittel der\nWortkunst und was die Mittel der Bühnenkunst\nsind. Wissen und Handhabung der Kunstmittel ist\naber keine Kunst. Es ist weise zu wissen, daß\nin der Kunst keine Erfahrung gibt.\nDer Theatermann hat mehr oder weniger Re-\ngieeinfälle, mit denen er sich an der Dichtung zu\nschaffen macht. Aber er schafft kein Kunstwerk.\nEr „erweckt die Dichtung zum Leben\". Ihm lebt\ndiie Dichtung nicht. Die Dichtung l<*bt. Nur Toren\nwollen Lebendiges zum Leben erwecken. Er ver-\nmenschlicht die Handlung. Weil nur Menschen\nhandeln. Im Kunstwerk aber wird nicht gehan-\ndelt. Mer Mensch ist kein Kunstwerk. Das Kunst-\nwerk ist nicht menschlich. Vom Menschen ge-\nschaffen kündet es, wirkt es Nichtmenschliches.\nWer die Kunde, wer das Werk, wer das Kunst-\nwerk vermenscht, der vergeht sich an der Kunde\ndes Nichtmenschlichen, der verwirkt das Werk,\nder schafft nicht Kunst, der zerstört Kunst.\nDer Bühnenkünstler zerstört die Dichtung nicht.\nEr schafft ein Werk. Ein neues Werk. Er fühlt\ndie Worte der Dichtung wie der Maler die Farb-\nformen der Außenwelt fühlt, wie der Dichter diie\nWorttöne der Außenwelt fühlt. Die Wortgestal-\nten der Dichtung sind ebenso Erscheinungen der\nAußenwelt, wie alles andere, was um den Künstler\nerscheint. Jedes Kunstwerk gehört als Objekt der\nAußenwelt an. Die Wortgestalten der Dichtung\nkönnen wieder in anderen Kunstwerken als Wort-\ngestalten erscheinen. Im BühnenwerK erscheinen\nsie als Worttongestalten. Siie sind dort Teil eines\nKunstwerkes, das mit anderen Mitteln als die Dich-\ntung gestaltet ist. Das Mittel der Dichtung ist das\nWort, ein Mittel des Bühnenkunstwerkes ist neben\nanderen Mitteln der Wortton. Wort und Wortton\nsind unabhängig voneinander. Jedes Wort kann\njeden Tori haben. Der Ton richtet sich nicht nach\ndem Sinn oder Gehalt des Wortes, sondern ist be-\ndingt als Teil des Bühnenwerkes und von der Ge-\nstaltung dieses Bühnenwerkes abhängig.\nDas erste gegenständliche Bühnenwerk „Sancta\nSusanna\" hat die Dichtung „Sancta Susanna\" von\nAugust Stramm zum Gegenstand."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1919-05-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnaal_1919-05_01#c003", "volume": "bmtnaal_1919-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.2.3", "titre_corps": "Expressionistische Dichtung", "titre_sommaire": "Expressionistische Dichtung", "signature_source": "Lothar Schreyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.1", "debut_caractere": 6537, "fin_caractere_exclue": 9033, "texte": "Expressionistische Dichtung\nLothar Schreyer\nWichtige Mittel der Dezentration' sind die\nWortfiguren.\nSolche Wortfiguren sind die unmittelbare\nWiederholung, diie Wiederholung in Zwischen-\nräumen, die Parallelismen der Wortsätze. Die\nUmkehrung der Wortstellung wirkt die Einheit\numgekehrter Begriffe.\nNicht nur die Umkehrung der Begriffe, auch\ndie Abwandlung der Begriffe nach Unterbegriffen\nund Oberbegriffen ist ein wichtiges Dezentrations-\nmittel. Auch der 'Teijlbegriftf (kann abgewandelt\nwerden. Seine Abwandlung wird bezeichnet\ndurch die Stellung des Wortes in der Wortfamilie.\n(Mittel der Dezentration ist vor allem die Asso-\nziation von Wortform zu Wortform. Die Asso-\nziation ist eine komplexe Vorstellung. Kunstmiittel\nist sie, wenn der Assoziation der Wortgestalt eine\nAssoziation des Wortinhaltes entspricht.\nKonzentration und Dezentration sind die Mit-\ntel, die Begriffsgestalten der Warte in Kunst-\ngestalten der Worte zu wandeln.\nDer Rhythmus ist das Band, das die einzelnen\nWortgestalten zur Einheit bindet. Die rhythmische\nKette gestaltet die Einheit des Wortkunstwerkes,\ndie logische Kette gibt die Einheit der Umgangs-\nsprache. Die logische Kette ist unwesentlich im\nWortkunstwerk. Denn die logische Kette beschränkt\ndas einzelne Wort, gibt ihm einen singulären Wert\ndurch eine bestimmte Beziehungsmacht. Die Be-\nziehungsmacht des Wortes als Kunstgegestalt\naber ist unbestimmt, vielfältig. Das einzelne\nWort ist ein komplexer Wert, dessen Kunstmacht\nauf der Vieldeutigkeit der Assoziation beruht.\nEs ergibt sich eine Handwerkslehre der Dich-\ntung, völlig abweichend von den Lehren der hu-\nmanistischen Aesthetik. Die Leitsätze sind folgende:\n1. (Das Wortkunsttwerk ist keine (Mitteilung\nvon Gedanken oder von Gefühlen, sondern Kunde\neiner Offenbarung. Das Wortkunstwerk kann\nwohl Gedanken und Gefühle auslösen, aber kein\nGedanke und kein Gefühl gibt uns den Zustand\nder Offenbarung. Erst im Nichtdenken und Nicht-\nfühlen sind wir und das Kunstwerk eins.\n2. Diese Einheit wird von der Kunstmacht\ngewirkt. Die Kunstmacht ist die Wirkung der\nKunstmittel.\n3. Kbnstmittel der Wortkunst sind Laut und\nRhythmus.\n4. Die Sprachtongestalt, das Wort, ist rhyth-\nmische Lautgestalt.\n5. Das Wortkunstwerk ist Einheit und Gestalt.\nD*:e rhythmische Einheit schließt die rhythmischen\nEinheiten zur Gestalt zusammen.\n6. Jede Sprachtongestalt als rhythmische Ein-\nheit ist rhythmische Lautgestalt eines Begriffes.\n7. Der Begriff ist gestaltet, d. h. er ist kein.\nBegriff mehr, sondern Kunstgestalt."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 12447, "texte": "8. Die Worikitnstges tal t ist eine Wirklichkeit,\nkein Vergleich.\n9. Die Logik des Wortkunstwerkes ist der\nRhythmus. Dre Grammatik der Umgangssprache\nist für die Dichtung belanglos.\n10. Das Wortkunstwerk ist Sprachtonwerk.\nDiese Leitsätze sind keine Kunstregeln. Jedes\nWerk trägt seine Regel in sich. Es gibt kein Ge-\nsetz für die Kunst. Aber es gibt unwandelbare\nVoraussetzungen, ohne die kein Kunstwerk mög-\nlich ist. Zeiten, die diese Voraussetzungen ver-\nkennen oder nicht kennen, sind keine künstleri-\nschen Zeiten, haben keine geistige Welt und schaf-\nfen Nichtkunst und Unkunst, die ihnen Kunstersatz\nist. (Solche Zeiten durchlebte das Europa der letz-\nten Jahrhunderte. Erst die Gegenwart des Expres-\nsionismus hat uns von ihnen befreit. Wir wissen\nheute wieder die Voraussetzungen der Kunst. Sie\nsind in den Leitsätzen der Dichtung ausgesprochen\"\nSie können ausgesprochen werden. Sie können\nausgesprochen werden, nachdem sie ein deutscher\nDichter zum ersten Mal seit Jahrhunderten wie-\nder im Kunstwerk gestaltet hat. Dieser Dichter\nheißt August Stramm.\n** i *\nAn Steile der Aesthetik setzen wir eine Lehre\nder Kunstmittel. Das Handwerk der Dichter muß\nebenso gelernt werden wie das Handwerk eines\nMalers oder Tonkünstlers. Die Aesthetik ist eine\nErfindimg der Vergangenheit, um das Kunstwerk\nzu. verstehen. Die Gegenwart weiß, daß ein\nKunstwerk nicht zu verstehen ist. Wir finden\nda,s Kunstwerk und brauchen dazu keine Erfin-\ndung, -keine Aesthetik. Wir glauben, daß wir nicht\nwissen können, was schön ist. Das Wissen um dv.e\nSchönheit ist Unsinn. Die Aesthetik stammt aus\neiner Zeit, die das Schöne, Wahre und Gute in\ndiesem Leben finden wollte. Dieser Wille kommt\nuns kindisch und kindlich vor, da er auf Unmög-\nliches zielt. Die Aesthetik ist eine Antiquität ge-\nworden. Aber diese Antiquität ist kein Kunstwerk.\nSie ist der Staub, der auf dem Kunstwerk lagert.\nWir brauchen nur zu blasen, und er fliegt fort.\nDann sehen wir auch manches Kunstwerk, das\nbisher verborgen war, und sehen auch, daß man-\nches, was man für ein Kunstwerk hielt, nur Staub\nist. Denn es ist der Staub toter Menschen, nicht\ndas Kunstwerk selbst, was die Aesthetik in ein\nSystem brachte. Nur das Unmenschliche ist das\nKünstlerische. Die vermeintliche Beziehung des\nWerkes zu seinem Schöpfer hat mit der Kunst\nnichts zu tun. Auf dieser Beziehung ruht die\nGrundeinteilung der Aesthetik in Lyrik, Epik, Dra-\nmatik. Die Aesthetik lehrt, daß der Dichter in der\nLyrik seine eigenen Gefühle und Stimmungen kün-\ndet, in der Epik das Schicksal anderer Menschen\nerzählt und dabei selbst als Erzähler erscheint.\nin der Dramatik andere Menschen ein eigenes Le-\nben handeln läßt. Eine solche Einteilung ist na-\ntürlich nur denkbar in einer Zeit, die die Persön-\nlichkeit überschätzt. Das künstlerische Erlebnis\nhat mit Stimmungen und Gefühlen des einzelnen\nMenschen nichts zu schaffen. Wir Milen uns\nheute als eine große Gemeinsamkeit, in der das\nLeben des Einzelnen versunken ist. Wir wissen\nvor allem auch, daß .kein Künstler seine Gefühle\ngestaltet. Sein Werk löst wohl Gefühle aus, ge-\nstaltet sie aber nicht.\nEine Kunst, die nach Vollkommenheit des Ir-\ndischen strebt, schildert das Leben, schildert den\nMenschen. Sie zählt Handlungen und Begebenhei-\nten des Lebens auf, s>;e erzählt von Menschen. Die\nErzählung ist die Form dieser Kunst. Sie gibt ein\nAbbild des Lebens. Sie schaut die Unendlichkeit\ndurch das Bild der Endlichkeit. Diese Erzählung\nist keine Dichtung. Sie macht nicht dicht, son-\ndern weit. Aus dem Dichter wird der Schriftstel-\nler. Schriftsteller gibt es zu jeder Zeit. Er schreibt\ndie Zeit ab. Es ist wirklich ein Kunststück, die\nSchrift so zusammenzustellen, daß sie den Her-\ngang eines Menschenlebens berichtet. Es erfor-\ndert wirklich Wissen und Können, Begebenheiten\nund Menschen „lebenswahr\" z,u erfinden. Natur-\nbeobachtung, Charakteristik der Personen setzen\neinen Aufwand von nichtkünstlerischen Fähigkei-\nten voraus, die eines Wissenschaftlers würdig sind.\nZum historischen Roman, zum sozialen Roman,\nzum Lebensroman gesellt sich- als letzter der psy-\nchologische Roman. Es sind wirklich interessante\nSchriftstücke, Dokumente der Wirklichkeit, die da-\nbei zu Stande kommen. Aber die Wirklichkeit ist\nkein Werk. Kein Kunstwerk ist interessant. Die\nKunst interessiert uns Künstler nicht. (Wer ein\nKunstwerk interessant findet, hat keine Ahnung vom\nKunstwerk. Unkünstlerische Kunstwerke, das ist\nein epidemischer Greuel ds 19. Jahrhunderts. Die\nEpidemie hat den Schriftsteller als Beruf geschaf-\nfen. Der Schriftsteller betrachtet es als seine Auf-\ngabe, das Publikum zu unterhalten. Es gibt keinen\nDichter, der irgend etwas in der Welt als seine\nAufgabe betrachtet. Jeder Dichter gibt die Welt\nauf. Es gibt keinen Dichter, der sich an das Publi-\nkum hält. Das Publikum ruft sofort Halt!, wenn\nein Dichter kommt. Es gibt keinen Dichter, der\nirgend jemanden unterhält. Den Leuten, die das\nPublikum unterhalten wollen und sich Dichter\nnennen, wollen wir den Unterhalt entziehen, damit\nsie-wissen, daß der Dichter die 'Welt aufgeben\nmuß und keinen Halt unter dem Publikum, kein.\nHalt in der Welt findet. Gegenseitig unter-\nhalten sich die Schriftsteller damit, daß sie das\nPublikum sür sich interessieren. Das fe'ind die\nLeute der Presse, und es bringt meist einen guten\nUnterhalt. Denn die Schriftsteller sind um keinen\nVerleger verlegen. Wer das Publikum unterhal-\nten wäll, muß mit ihm umgehen können. Die Um-\ngangssprache ist die mißhandelte Kupplerin. Sie\nbietet sich auf allen Gassen feil. Es werden zu-\nviel Zeitungen feilgeboten. Die Zeitungen haben\ndie Druckerschwärze angeschwärzt. Das Publi-\ncum fiel. Denn was man Schwarz auf Weiß be-\nsitzt, kann man getrost auf den Kehricht werfen.\nSorgen wir dafür, daß es nicht wieder aufsteht.\nEs darf kein Publikum mehr geben. Der Geist ist\nkeririe Oeffentlichkeit. Der Geist ist eine Inner-\nlichkeit, die das All ergreift. Es wird kein Publi-\nkum mehr geben. Die Zeit des Individualismus\nist vorbei. Das Publikum ist eine Häufung von\nIndividuen, die alle das vermeintliche Glück der\nPersönlichkeit genießen wollen. Diese Häufung\nvon Individuen macht die einzelne Persönlichkeit\neng. Nur die derben rohen Mächte können sich\nentfalten. Die ■körperliche, die sinnliche Gewalt\nder Individuen wird gesteigert und zu einer ein-\nheitlichen Macht gesammelt, die übermächtig nach\ndem Genuß der Sinne strebt. Amüsement, Unter-\nhaltung, Spannung sind die Reizmittel des Publi-\nkums. Es kommt dem Publikum darauf an, sich\neine angenehme Verdauung zu schaffen. Also\neine Bewegung, die nicht anstrengt. „Brot und\nSpiele\" forderten schon die Römer. Der Beifall\nist noch immer ersehnte Verdauungsgymnastik.\nAber bald hat der Spieler sein Brot verspielt. Die\nGegenwart ist der Tod der Persönlichkeit. Der\nEinzelne hat keinen Wert. Es gibt kein Recht a.uf\nGlück. Wir wissen, daß wir für unser Werk ster-\nben. Das Werk aber gehört nicht uns. Es gehört\nder Menschheit. Das Individuum ist gefallen. Das\nVolk, steht auf. Der Mensch und das Volk, eine\nGemeinschaft von Menschen, beide wollen eins\nsein. Sie wollen Menschheit sein. Die Vernich-\ntung des Eins, lyu das All zu sein, ist der Sinn der\nnamenlosen Erschütterung, die Menschen und\nVölker der Gegenwart umgestaltet. Dieser Wand-\nlung kann keine Unterhaltung, kein Amüsement\ndienen. Diesen Wandel wirkt nur die Ekstase.\nWir haben die Kunst der Ekstase. Das Wort-\nkunstwerk der Ekstase ist das Gedicht. Die Er-\nzählung der deutschen Gegenwart ist Gedicht. Die\nErzählung unterscheidet sich durch kein Kunst-\nmittel vom Gedicht. Es gibt keine Erzählung im\nSinne der Aesthetik mehr. Roman, Novelle sind\nFormen, die nicht mehr gefüllt werden.\nUnsere „Erzählung\" sieht nicht die Unendlich-\nkeit durch die Welt, sondern die Welt durch die\nUnendlichkeit.\nUnsere „Erzählung\" ist nicht ein Bericht vom\nDasein, sondern das Gericht über das Dasein.\nUnsere „Erzählung\" ist wie jedes Kunstwerk\ngegenstandslos. Sie stellt keinen Gegenstand,\nalso keine Außenwelt dar.\nUnsere „Erzählung\" ist wie jedes Kunstwerk\ngegenständlich. Sie umfaßt eine Vielheit von Ge-\nstalten, und in jeder Gestalt ist eine Vielheit von\nGegenständen, von TatsächV.chkeiten gestaltet.\nJedes Wort bedeutet eine Vielheit von Gegenstän-\nden, Tatsachen. Aber die Gesamtheit des Kunst-\nwerkes bedeutet keine Tatsache, keinen Gegen-\nstand der Außenwelt.\nUnsere „Erzählung\" ist ein !Wortkunstwerk,\nein Gedicht.\nEs gibt so viel Erzählungen, wie es Gedichte\ngibt.\nlDie Gegenwart hat keine Lyrik und keine\nEpik. Die Gegenwart hat auch keine Dramatik.\nEs gibt nur Dichtung.\nDie dramatische Dichtung der jüngsten Ver-\ngangenheit stand unter dem Zeichen der Tbeater-\nreform. Viele fühlten, daß die Dichtung etwas an-\ndres ist, als was dem Volk von den Schriftstellern\nin bewährten Maßen gegeben wurde. Das Maß\nwar voll. Niemand konnte es austrinken, ohne Scha-\nden an seiner Gesundheit zu nehmen. Aber das\nMaß der bewährten dramatischen form zu zer-\nbrechen, wagte keiner. Und ' doch mußte schon\njedem der gesunde Menschenverstand sagen, daß\nein Kunstwerk, das seinen Zweck außer sich\nselbst setzt, das für das Theater geschaffen ist,\nnur ein halbes Kunstwerk ist. Die Aufführung der\nsogenannten dramatischen Dichtung ist ein ganz\nanderer Akt, als die Aufführung einer musikalischen\nKomposition. Das Tonkunstwerk legt die Auffüh-\nrung fest und läßt nur eine besondere Auffassung\ndes Aufführenden zu. Das „Drama\" aber ist von\nvornherein eine halbe Sache. Es legt nichts weiter\nfest als die Wortgestalt und zwängt diese Wort-\ngestalt in ein System. Dieses dramatische System\nist das System des Theaters. Das Theater aber\nist eine Angelegenheit des Publikums und nicht der\nKunst. Mit dem Publikum wird auch das Theater\nfallen.\nDas Theater ist die letzte Wandlung des re-\nligiösen Kult. Es ist zugleich der Hohn des Men-\nschen auf seine Alleinheit. Der7 in der Kulthand-\nlung wirkende ekstatische Rausch kündet sich in\nder Sprachtongestalt, die das Wortkunstwerk ist.\nAus der Kulthandlung ist der Bühnenvorgang ge-\nworden, aus dem ekstatischen Gedicht das drama-\ntische Gedicht, das den Bühnenvorgang begleitet.\nDie Kulthandlung, die immer ein mystischer Akt ist,\nwurde realer Akt, Menschenhand?.ung mit dem\nSinn der Menschenhandlung. Drama heißt Hand-\nlung. Der handelnde Mensch ist der Held des Dra-\nmas. Der leidende Mensch, der Mensch, der die\nOffenbarung erleidet, ist der Träger des Kult. Das\nDrama wüll keine Offenbarung künden, es will Men-\nschenhandlung und Menschenschicksal künden. Das\nletzte Ziel des Dramas ist die Erschütterung des\nMenschlichen im Menschen. Wie die Epik ist die\nDramatik eine Kunstgestalt, die nur in einer Welt-\nanschauung der Persönlichkeit Geltung haben kann.\nDie Bretter der Bühne bedeuten schon seit Euripi-\ndes die Welt der Menschen. Er ist der große Na-\nturalist gewesen, der sich gegen den großen Expres-\nsionisten Aeschylos auflehnte und ihn nach dem\nKampf eines Lebens stürzte. Der Weg von Euri-\npides zu Schönherr ist nur kurz. Aber mit der\nSchönherrlichkeit ist es vorbei. Schön ist anders.\nUm die Schönheit geht es nicht. Auch nicht um\ndie Wahrheit. Es geht um die Kunst. Der alte\nAeschylos ist nicht tot. Ein neues Reich des Gei-\nstes beginnt. Der in ihm Handelnde schaut das\nAll. Er hat die Vision der Welt. Er ist eins mit\nder Welt. Der ekstatische Zustand hat die Kraft,\nsich einer Menschenmasse mitzuteilen, auf die die\nKunde der offenbarten Erkenntnis wirkt. Die Sehn-\nsucht, sich zu verwandeln, aus diesem gebundenen\nirdischen Leben ins ungebundene Dasein der Ek-\nstase zu wandeln, ist jedem Menschen eigen, der\nnicht nur zwischen Geburt und Tod des Leibes sei-\nnen eigenen Wreg gehen will. Der Schöpfer und\nder Erlebende sehen das Gesicht. Das Gesicht\nkündet sich als Kunstwerk. Dieses iK,unstwerk, das\ndie Gegenwart wieder schafft, wird das große\nKunstwerk des Volkes sein. Das Wesen dieser\nVolkskunst ist Mysterienlehre. Sie gibt die Welt-\nmacht der Alleinheit allen Seins. Im Erleben der\nKunst sind die Schranken des Einzelnen zum All\ndurchbrochen. Die letzten Jahrhunderte kannten\ndie Verzückung in der Kunst nicht mehr. Sie hat-\nten dafür die Rechtgläubigkeit einer historischen\nReligion. Die christliche Kirche der Gegenwart\nkündet keine Erkenntnis. Die Gegenwart löst sich\ndaher von dieser Kirche. Denn wir wissen, daß\nihr Glaube nicht selig macht. Er macht unselig\nzu gunsten einer Verheißung. Wir aber begehren\neine Wirklichkeit im Erdenleben. Der Wechsel auf\ndie Unsterblichkeit gilt uns nichts, wenn wir wis-\nsen, daß wir sterblich sind. Er gilt uns weniger"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3612, "texte": "als nichts, wenn wir ihn bedingt haben durch Ent-\nsagung im gewissen sterblichen Leben. Wir Sterb-\nliche wollen die Unsterblichkeit erleben. Wir er-\nleben sie durch keinen Glauben, durch, keine Welt-\nanschauung. Sie wird durch keinen Wechsel er-\nkauft, durch kein Tun oder Leiden verdient. Sie\nkommt zu Gerechten und Ungerechten. Jeder ist\nder Redhte. Wir erleben sie allein im Gesicht der\nOffenbarung. Darum hat die christliche Kirche der\nGegenwart keine Kunst. Darum konnte sie in der\nletzten Vergangenheit keine Kunst haben. Die\nKunst, deren Wesen ekstatische Erregung ist, war\neine Sache ues bürgerlichen Lebens geworden. Das\nTun und Leiden, wie es jeder Bürger tun und\nleiden kann, wurde im Kunstwerk gestaltet. Da-\nmit wurde jeder Bürger Richter über die Kunst.\nEr konnte die Helden nach sich beurteilen. An\nStelle des Erlebnisses trat die Kritik. Dem Bür-\nger, der nur bei möglichst viel Straßenlaternen\nsehen kann, ist das Geheimnis fremd und verächt-\nlich. Jedes Kunstwerk ist ein Geheimnis und dun-\nkel Die Kunst scheut das Licht der Rampe. Die\nZivilisation hat uns die Kultur genommen. Durch\ndie Kunst besiegt die Kultur die Zivilisation.\nWas nicht zu retten ist, soll man vernichten.\nDas Theater ist keine Kunst. Das Theaterdrama\nist eine Halbheit. Dies erkannte August Stramm.\nEr schuf Dramen, die einen völligen Bruch mit dem\nTheater bedeuten. Jeder ehrliche Theatermann\nwird sagen, daß man Dramen, wie Stramms\n,JKräfte\" oder „Geschehen\" mit den Mitteln der\nTheaterbühne nicht aufführen kann. Kein expres-\nsionistisches Drama ist auf dem Theater aufzufüh-\nren. Uns fehlt die expressionistische Bühnenkunst.\nDie expressionistische Bühnenkunst hat mit dem\nT'heater nichts zu tun. Eine expressionistische Büh-\nnenkunst ist nur möglich, wenn es Bühnenkunst-\nwerke gibt. Wortkunstwerke helfen hier nichts.\nDas Bühnenkunstwerk ist ein Kunstwerk, das Ein-\nheit und Gestalt von Form und Farbe und Be we-\ngung und Ton ist. Mit der Schöpfung des Biihnen-\nkunstwerkes ist keine Theaterreform getan. Ein\nvöllig neues Werk ist geschaffen. Durch dieses\nWerk ist das Theater abgetan.\nDie ersten Biihnenkunstwerke sind von mir ge-\nschaffen.\nIm Bü'hnenkunstwerk tönen Worte. Die Wort-\ngestalt ist Dichtung. Diese Dichtung ist nicht\nHandlung, nicht Drama. Die Worte als gestaltete\nBegriffe sind im Bühnenkunstwerk Gestaltungen\ndes Erlebnisses in die Wortgestalt. Diese Wort-\ngestalt ist nur ein Teil der Gestalt des Biihnen-\n' Kunstwerkes, in der das Erlebnis gleichzeitig mit\nden anderen kimstierischen Ausdrucksmitteln ge-\nstaltet ist. Der Bühnenkünstler, der zugleich ein\nDichter ist, vermag nun das gesamte Erlebnis auch\nallein in der Wortgestalt zu gestalten. Was in\nseinem Bühnenkunstwerk Farbformgestalt und Be-\nwegungsgestalt ist, wird nun auch Wortgetalt. Er\nhat ein Wortkunstwerk geschaffen. Solche Dich-\ntungen stehen als selbständige Kunstwerke neben\ndem Bühnenkunstwerk. Mit der Erkenntnis der\nScheidung von Dichtung und Bühnenkunstwerk ist\ndie Dramatik abgetan. Abgetan sind die kläglichen\nVersuche eines Neuklassizismus, einer Neuroman-\ntik. Was schon da ist, das läßt sich in der Kunst\nnicht wiederholen. Nur die Kunst wiederholt sich\nimmer. Sie erholt sich immer von den Wieder-\nholungen der Epigonen. Und wenn die Kunst vom\nTeufel Natur geholt zu sein scheint, der Gott\nKünstler holt sie wieder hervor. Auf die Dauer\nkann der Mensch nicht leben ohne die Vision. Nur\nder Mensch, der die Vision nicht hat, ist bedauerns-\nwert.\nEs kommt darauf an, die Vision zu gestalten.\nEs kommt darauf an, den Menschen die Vision\nzu geben.\nEs kommt darauf an, die Vision zu erleben.\nKunde der Vision ist die Kunst."}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1919-05-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnaal_1919-05_01#c004", "volume": "bmtnaal_1919-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.2.4", "titre_corps": "Prost Genosse behne", "titre_sommaire": "Prost Genosse behne", "signature_source": "Lothar Schreyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.3", "debut_caractere": 3614, "fin_caractere_exclue": 12245, "texte": "Prost Genosse behne\n\n- Aber Herr Doktor Behne!\nDaß Ihnen so etwas passiert ist. Es ist eine\nalte Geschichte: kein Schornalist kann Kunst ver-\ndauen. Ich habe Sie niemals für einen Helden ge-\nhalten. Nun aber handeln Sie doch wie ein Held\nund suchen trotz allen Beschwerden die Kunst zu\nverdauen. Nun ist Ihnen die Einheit der Kunst in\nden Kopf gestiegen. Das kommt davon. Nun\nwissen Sie nicht mehr, ob Sie lyrisch oder archi-\ntektonisch sind. Ich aber fühle die von Ihnen viel\ngepriesene Menschlichkeit und will Ihnen als alter\nSturmkollege die Diagnose stellen. Schornalisten,\ndie nicht im Sturm stehen können, fallen auf die\nNase, wenn sie über den Sturm herfallen wollen.\nSie haben sich im Sturm erkältet, als Sie nicht\naufgefordert wurden, für unser Buch „Expressio-\nnismus, die Kunstwende\" zu schreiben. Das hat\nIhre Menschlichkeit verschnupft. Und plötzlich\nniesen Sie im Chor der Kunstgegner andauernd\nappetitliche Gehirntropfen gegen uns Sturmkünst-\nler. Besonders uns Junge hoffen Sie anzustecken.\nAber wir Jungen, die im Sturm stehen, sagen nur\nProst, wenn Sie uns anniesen. Die Gefahr, die wir\ndamit heraufbeschwören, ist schrecklich. Früher\nschwiegen Ihre Kollegen die Künstler tot, die noch\nnicht vom Publikum anerkannt waren, oder be-\nschimpften sie. Nach der Revolution mausert man\nsich von rechts nach links, oder auch von links\nnach rechts, wie Sie, verehrter Zeitgenosse. Nun\nSie sich in der Freiheit dressieren, kommt Ihre\nwahre Natur heraus: der Reaktionär, der Gegner\nder neuen radikalen Kunst, der Gegner des neuen\nWelterlebens. Immer feste druff auf den Expressi-\nonismus. Ihr und Ihrer Kollegen neuester Witz ist,\ndaß die radikalen Künstler, wir Expressionisten,\nSpießbürger und Philister sind. Früher sollten wir\nals Revolutionäre unmöglich gemacht werden. Jetzt\nsind wir plötzlich die Bürger, die man am prak-\ntischsten an die Laterne hängt.\nAlso Prost Genosse Behne!\nIch begreife nun, daß Ihnen das neue anti-\nexpressionistische Bliemchenkaffeeblättchen ein\ngefundenes Fressen ist. Dieser Literatenaufguß\nwill sich davon nähren, daß er Sturmkünstler un-\nverdaulich findet. Von den ersten drei Nummern,\nderen Bezug jede gute Buchhandlung vermittelt,\nenthalten zwei Nummern Aufgüsse gegen Sturm-\nkünstler. Schon in der ersten Nummer ist die Mit-\narbeiterspritze entschlossen auf mich gerichtet.\nDie Märzoffensive wendet sich unter Ihrer sieg-\ngewohnten Feder mit ganzer Front gegen mich,\nAber Genosse Behne, wie konnten Sie nur darauf\nreinfallen. Sind Sie denn so verschnupft, daß Sie\nden Braten nicht mehr riechen können? Ein Schor-\nnalist, der die Sturmkünstler sogar persönlich\nkennt, der vor Jahren sogar für den Sturm hat\nschreiben dürfen, der mir sogar sein Bedauern aus-\ngesprochen hat, daß er keine Zeit habe, etwas von\nmeiner Bühnenkunst zu sehen — den muß das Anti-\nexpressionistenblättchen sich holen, das ist der\nrechte Mann, meine Bühnenkunst so zu erledigen,\ndaß kein Theater, kein Verleger, kein Kritiker, kein\nLiterat, kein Publikum mehr etwas von mir wissen\nwill. Darauf kommt es an. Ihnen auch. Und mir\nauch.\nProst Genosse Behne!\nWas ist nun aus Ihnen geworden? Lyrischer\noder architektonischer Behne? Der arme Druck-\nfehlerteufel will Sie retten und gibt Ihnen den Auf-\ndruck „Lyrische oder architektonische Bühne?\"\nDas ist eine verteufelte Sache, wenn man auf die\nEinheit der Kunst schwört wie Sie, der Sie was\ndavon im Sturm gehört haben, und man sich nun\nentscheiden will, ob die Bühne architektonisch oder\nlyrisch ist. Da Sie als Kunstkritiker sich ganz\ngewiß klar darüber sind, wünschen Sie den Druck-\nfehlerteufel gewiss zur Hölle und sind sich nur\ndarüber unklar, was Sie selbst sind. Wir wollen\nmal sehen, was Sie sind, lyrisch oder architek-\ntonisch.\nDer Reporter Behne schreibt:\n„Nun wird jetzt die These aufgestellt: die\nBühne, die wahrhaft Kunst ist, müsse sich von\nder Literatur emanzipieren. Die Verschweißung\nvon Dichtung und Bühnenkunstwerk sei zwar sehr\nalt, aber trotzdem sachlich ungerechtfertigt. Das\nBühnenkunstwerk sei eine Welt für sich, geformt\nnach eigenen Gesetzen aus Farbe, Form, Licht und\nKlang. Die Dichtung, gleichfalls ein ' eigener, be-\nsonderer, anderen Gesetzen unterworfener künst-\nlerischer Organismus, könne nur als Fremdkörper\nin das Bühnenkunstwerk eingepfropft werden, die-\nses schädigend, sich selbst nicht nützend.\"\nDas ist also meine Theorie. Nun kneifen Sie\nmal nicht. Seien Sie mal ehrlich. Sie haben natür-\nlich keine Ahnung, was ich über die Bühne denke,\noder was meine Bühnenkunst ist. Denn Sie haben\nja niemals gelesen, was ich darüber veröffentlicht\nhabe. Sie lesen ja nicht, was ich im Sturm und\nin der Sturmbühne schreibe. Und was ich in dem\nBuch „Expressionismus, die Kunstwende\" schreibe,\nhaben Sie auch nicht gelesen. Der beste Beweis\ndafür ist, daß Sie mich in ihrer Kritik über das\nBuch beschimpfen. Meine Vorträge über Bühnen-\n• kunst haben Sie auch nicht gehört. Also Sie sind\nganz unschuldig. Und wir können zu Ihrer Ehre\nannehmen, daß Sie von mir über meine Theorie\nnichts gelesen oder gehört haben. Stimmts? Sie\nwollen doch nicht, daß meine und Ihre Leser Sie\nfür so dumm halten, daß Sie mich nicht mal richtig\nabschreiben können. Und wenn Sie meine Theorie\nkeimen, wäre es doch recht — unehrlich, mich\nfalsch abzuschreiben. Also: diese blöde Theorie\nist Ihnen aus der sieggewohnten verschnupften\nFeder getropft.\nI1 r o s t Genosse B eh n e!\nRasch urteilen Sie selbst über Ihre Theorie:\n„Theoretisch sehr schön und sauber aus Be-\ngriffen herausfeeklaubt. Aber schon beinahe mehr\nschüler- als schulmäßig.\"\nWirklich erquickend, daß Sie Ihre blöde\nTheorie für schön und sauber halten. Im Ernst:\nSie wollen mir sagen, daß meine Kunst nicht mal\nexpressionistische Schule ist, sondern Schülerarbeit\nist. Ich versichere, verehrter Meister, daß ich gern\newig Schüler bleiben möchte. Ihnen aber ist das\nLeben eine Lust, wenn Sie Zensuren austeilen\nkönnen, und Schüler, deren Mundwerk oder Nase\nIhnen nicht gefällt, müssen dann bluten. Sie den-\nken, es ist unser Blut, aber es ist Ihre rote Tinte.\nUnd Sie schreiben mit roter Tinte:\n„Der Versuch eines ,Bühnenkunstwerkes an\nsich' scheint uns unfruchtbar. Um in einer reinen,\nd. h. unliterarischen, Form zu erscheinen, würde\ndieses doch eine jedesmalige Improvisation geist-\nreicher Spieler voraussetzen. Bei dem Versuche\ndes ,Sturm' in Berlin, das Bühnenkunstwerk der\nTheorie zu verwirklichen, wurde diese Konsequenz\nindessen nicht gezogen, vielmehr wurde auch ihm\neine Dichtung zugrunde gelegt — diese Dichtung\nAugust Stramms dann aber von seinem traurigsten\nEpigonen zu einem ,'Textbuch* umgearbeitet. Be-\nweist nicht diese Inkonsequenz allein schon die Un-\nfruchtbarkeit der Lehre, deren praktischer Vor-\nführung ich leider nicht beiwohnen konnte — wes-\nhalb ich mich über die Ausführung jeden Urteils\nenthalte?\"\nSehr richtig. Ich gebe Ihnen einen Tritt vor\nden Bauch und enthalte mich jeder Berührung. So\nsieht ihre ehrliche Kritik aus. Sie denken sicih\neinen Unsinn aus, sagen dann in einem unmöglichen\nDeutsch, daß es Unsinn ist, und behaupten, daß ich\nIhren Unsinn treibe. So benimmt sich Ihre Mensch-\nlichkeit, wenn Sie verschnupft sind. Vielleicht\nwollen Sie hierin Künstler werden. Wir wissen ja\njetzt, wie man Künstler wird: durch Improvisieren.\nSie belehren mich, daß das „Bühnenkunstwerk eine\njedesmalige Improvisation geistreicher Spieler vor-\naussetzen würde\". Sie haben ganz recht; wenn\ndie Spieler ebenso geistreich improvisieren wie Sie,\nwürden sich die Spieler ebenso blamieren wie Sie.\nSo sich zu blamieren wie Sie, ist schon fast eine\nKunst. Denn nun vermöbeln Sie August Stramm:\n„Sehr bezeichnend ist aber auf alle Fälle die\nWahl des Stückes. Von den sieben Dramen\nAugust Stramms wählte man jenes, das vor allen\nanderen betont erotisch ist: „Sancta Susanna\".\nAn den weitaus wichtigeren kosmischen Dichtun-\ngen ging man vorüber. — Warum? Weil das\nBühnenkunstwerk, wie es der ,Sturm' vertritt, mit\ninnerer Notwendigkeit nur wieder einmünden muß\nin jenes allgemeine lyrische Gewoge, das er ganz\nzu Unrecht als ,Expressionismus' auszugeben ver-\nsucht. So hat der ,Sturm' die Malerei in den lyri-\nschen Sumpf Rudolf Bauers, die Dichtung in das\nohnmächtige lyrische Gezappel Lothar Schreyers\n.geführt'.\"\nSie halten also August Stramms „Sancta Su-\nsanna\" für betont erotisch. Sie haben wirklich\nlang genug den Dichter Hermann Essig gekannt,\num wissen zu können, daß kein Kunstwerk erotisch\nist, auch wenn ein Bürger wie Sie so was von\nLiebe drin findet. Muß ich Ihnen denn wirklich\nsagen, daß Kunstwerke unerotisch sind? Natür-\nlich werden Sie zugeben, daß Ihr Freund Hermann\nEssig ein Dichter ist. August Stramm aber, mit\ndem Sie nicht befreundet waren, ist für Sie in"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5459, "texte": "wallen, brauchen Sie nur zu Ihren berühmten Ar-\nchitekten zu gehen. Denen trau ioh alles zu.\nSie aber sind weder lyrisch noch architekto-\nnisch, sondern ein schlichtes Gesamtkunstwerk, das\nsich aller Mittel bedient.\nIhre letzten Mittel enthüllen Sie zum Schluß:\n„Das Publikum ist zahllos da, in Hülle und\nFülle die Theater, die Dichter fehlen nicht ganz —■\nwo bleibt der Direktor, der mit Essigs ,Schweine-\npriester' den Anfang macht?!\"\nSie freuen sich, daß das Publikum zahllos da\nist. Verehrter Genosse, wissen Sie denn noch\nnicht, daß die neue Welt nur ohne dieses Publikum,\nnur gegen dieses Publikum werden kann?\nSie freuen sich, daß die Theater in Hülle und\nFülle da sind. Verehrter Genosse, wissen Sie denn\nnoch nicht, daß die Bühnenkunst nur ohne die\nTheater, nur gegen die Theater werden kann?\nSie freuen sich, daß die Dichter nicht ganz\nfehlen. Verehrter Genosse, wenn Sie richtig\nDeutsch schreiben könnten, würden Sie nicht einen\nSatz bilden, den man so verstehen kann, daß nur\nTeile von Ihren Dichtern vorhanden sind, oder daß\nIhre Dichter nur teilweise Dichter sind.\nSie rufen den Theaterdirektor zu Hilfe. Ihr\nletztes Mittel. Verehrter Genosse, wissen Sie\ndenn nicht, daß Sie damit Hochburgen und beson-\ndere Genußmittel des Kapitalismus fördern wollen?\nWo bleiben die Künstler, die Hermann Essig\nvor seinem Freund und dem Theater schützen?\nWir sind da.\nProst Genosse!\nseinen Werken erotisch, also kein Dichter. Ich\ngratuliere Ihnen. Wie Sie sich Erotik vorstellen,\nwissen wir nun: lyrischer Sumpf und lyrisches\nGezappel. Guten Appetit zu Ihrer Erotik! Gott-\nseidank lieben Sie mich ebenso wenig, wie Sie\nRudolf Bauer und August Stramm lieben. Sie be-\ndanken sich bestens für uns:\n„Ueberall da, wo diese Sorte Lyrik sich aus-\ntobt, ist schwüle und schmalzige Erotik zur Stelle\n— eine dicke Erotik, für deren »künstlerische Ver-\nklärung' wir uns bestens bedanken, im Bühnen-\nkunstwerk nicht minder als in der Malerei und in\nder Dichtung.\"\nDas Bühnenkunstwerk von Lothar Schreyer,\ndie Malerei von Rudolf Bauer, die Dichtung von\nAugust Stramm — die betonte Erotik ist dick\ngeworden.\nIch gratuliere Ihnen hierzu und wünsche Ihnen\nzum Geburtstag, daß Sie die deutsche Sprache\nlernen und mal im Lexikon nachsehen, was erotisch\nund was kosmisch ist, damit Sie nicht noch\nAufsatz „Erotischer oder kosmischer Behne?\"\nschreiben. Daß Sie nicht lyrisch sind, wissen wir\nnun. Sie bedanken sich bestens.\nProst Genosse Behne!\nOder sind Sie architektonisch?\nSie sagen: „Wir wollen kein lyrisches Theater,\nwir wollen ein architektonisches Theater, das aller\nMittel sich bedient und jedem seinen Platz zuweist,\nerfinderisch und voller Phantasie, ohne Zimperlich-\nkeit, nicht nachahmend, sondern schöpferisch.\nDieses Schöpferische erreichen zu wollen durch\nVerselbständigung des Apparates, scheint uns ein\nverkehrter Weg. Die Verselbständigung des Büh-\nnenapparates zu einem neuen expressionistischen'\nKunstwerk ist so närrisch wie die Verselbständi-\ngung etwa 'der Kanzel.\"\nDie Verselbständiguiig des Apparates scheint\nIhnen ein verkehrter Weg, um das Schöpferische\nzu erreichen. Wie klug. Sie wissen aus Erfah-\nrung, daß Ihr Bart nicht ohne Sie spazieren gehen\nkann. Aber auf dem Kopf herumlaufen, das möch-\nten Sie. Sie sagen nämlich gleichzeitig:\n„Und daß ebensosehr das Theater einer reso-\nluten Auffrischung seiner Mittel bedarf, ist wohl\njedem klar, der einmal den wunderbaren Beleuch-\ntungsapparat oben in den Soffitten mit seinen\nstrahlend leuchtenden Seidenbändern in Tätigkeit\ngesehen hat, von dessen unglaublicher Pracht dann\nnur ein schwacher Reflex auf naturalistische Ku-\nlissen und Möbel fällt — als Stimmung: Abendrot,\nMondschein, Sonnenaufgang. Wenn mans sieht,\nmöchte man die Bühne umkehren!\"\nWer verselbständigt denn nun den Apparat?\nSie selbst. Sie geben es sogar gedruckt. Und sind\nso stolz darauf, daß Sie diesmal nicht behaupten,\nes sei meine Theorie. Ich bestätige gern, daß Sie\ndiesmal sich selbst improvisiert haben. In meinen\nSchriften haben Sie ja nicht lesen könen, daß die\nBühnenkunst mit dem Theater nichts zu tun hat.\nIhnen aber wirds beim Theater ganz religiös:\n„Auch das Theater ist eine Kanzel, die Wert\nerhält durch den Geist, der sie benutzt.\"\nWie tief Ihre Erkenntnis ist, zeigt eine Varia-\ntion: Auch das Klosett ist eine Kanzel, die Wert\nerhält durch den Geist, der es benutzt. Hüten Sie\nsich vor „dichterischen Vergleichen\", Herr Schor-\nnalist.\nIhr Theater -soll also ein architektonisches sein,\ndas sich aller Mittel bedient und jedem seinen Platz\nzuweist, erfinderisch und voller Phantasie, nicht\nnachahmend, sondern schöpferisch. Das ist ein\nUngeheuer. Mit der Kunst haben weder Erfindun-\ngen noch Phantasie etwas zu tun. Der Mangel an\nZimperlichkeit und an Nachahmung ist gänzlich\nbelanglos für das Kunstwerk. Und von Schöpfe-\nrisch wissen Sie ebensoviel wie von Erotisch und\nKosmisch. Ihr architektonisches Theater ist gar\nnicht architektonisch; denn es bedient sich aller\nMittel. Das Ungeheuer, das Sie so schlecht be-\nschreiben, ist das Gesamtkunstwerk. Die alte See-\nschlange ist wieder einmal da. Und Sie geben ihr\ndas, was man in Ihrer Sprache „eine persönliche\nNote\" nennt. Sie sagen, daß wir „eines neuen\nRegisseurs bedürfen, der, am besten geschult an\nPaul Soheorbarts „Revolutionärer Theaterbifylio-\nthek', kubisch-architektonisch schafft!\". Paul\nScheerbart hat nicht verdient, als Lehrmittel ver-\nwandt zu werden. Wenn Sie die alte Seeschlange\nGesamtkunstwerk „kubischarchitektonisch\" machen\n\nLothar Schreyer"}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1919-05-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnaal_1919-05_01#c005", "volume": "bmtnaal_1919-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.2.5", "titre_corps": "Ein Auftritt", "titre_sommaire": "Ein Auftritt", "signature_source": "Kurt Heynicke", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.4", "debut_caractere": 5461, "fin_caractere_exclue": 7219, "texte": "Ein Auftritt\nKurt Heynicke\nDer Mann\nDas Weib\nDer junge Mensch\nDer Abend steht im Zimmer\nRosen leuchten aus dem Tisch\nDer junge Mensch. Du Mutter. Du hast\nmeine Jugend getragen.\nDasW e i b. Er lehrte mich fliegen. Unter meine\nkleinsten Federn nahm ich Dich.\nDer junge Mensch. Wer ist Er.\nDa s Weib. Er ist der Erwachende.\nDer junge Mensch. Erwecke mich.\nDa s Weib. Du mußt suchen.\nDer junge Mens eh. Ich suche Dich.\nDas Weib. Mich findest Du nicht. Ich stehe in\nseinem Schatten.\nDer junge Mensch. Es ist kühl im Schatten.\nDas Weib. Ich glühe.\nDer junge Mensch. Ich hasse ihn, der Dich\nverbrennt.\nDa s Weib. Er gab mir Glut. Ich leuchtete Dir.\nDie Lampe hellt auf\nDie Rosen erbleichen\nDerM a n n : Ich bin hier.\nDas Weib: Du kommst.\nDer Mann: Ich gehe wieder.\nDas Weib : Hinaius?\nDer Mann: Hinauf!\nDas Weib: Nimm mich mit.\nDer Mann : Die Gipfel leuchten.\nDer junge Mensch: Bist du Er?\nDer Mann : Ich bin.\nDer junge Mensch: Woher glühst du?\nDer Mann : Ich bin.\nDerjunge M e n s c h : Ich bin ein Mensch.\nDer Mann : Ich bin.\nDie bleichen Rosen sterben\nDas Weib : Nimm mich mit.\nDer Mann : Deine Flügel schatten.\nDie Last wird schwer.\nDein Mitleid fesselt dich.\nDasW e i b : Ich bin seine Mutter.\nDer Mann: Du hast ihn nicht geboren.\nDas Weib : Ich bin seine Sehnsucht.\nDer Mann: Ich bin deine Sehnsucht.\nDas Weib : Gott ist deine Sehnsucht.\nDer Mann: Ich trage dich zu Gott\nDas Weib : Ich weine.\nDer Mann: Um deine Kleider.\nDa s Wei b : Ich weine.\nDer Mann: Um dein Spielzeug.\nDas Weib : Ich weine.\nDer Mann: Um deine Puppe.\nDas Weib: Ich gab alles.\nDer Mann : Deine Puppe,\nDas Weib: Glühe!\nDer Mann: Zerbrich sie.\nDie Lampe lischt\nMond streichelt das Zimmer\nDer Mann: Komm.\nDas Weib : Ich verbrenne!\nDer junge Mensch: Nacht!\nDer Mann: Suche!\nDasW e i b : Liebe!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1919-05-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnaal_1919-05_01#c006", "volume": "bmtnaal_1919-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.2.6", "titre_corps": "Gesellschaft der Sturmfreunde", "titre_sommaire": "Gesellschaft der Sturmfreunde", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.4", "debut_caractere": 7221, "fin_caractere_exclue": 7522, "texte": "Gesellschaft der Sturmfreunde\nDer Verein für Kunst (sechzehnter Jahr-\ngang, bisheriger Jahresbeitrag 25 Mark), .der\nVereim Sturmbühne (berechtigt zum Be-\nsuch der expressionistischen Aufführungen der\nSturmbühne) und der Sturmklub (bisheriger\nJahresbeitrag 10 Mark) sind vom April 1919 an\nvereinigt als"}]}, {"article_id": "bm-bmtnaal-1919-05-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnaal_1919-05_01#c007", "volume": "bmtnaal_1919-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.2.7", "titre_corps": "Gesellschaft der Sturmfreunde", "titre_sommaire": "Gesellschaft der Sturmfreunde", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.4", "debut_caractere": 7524, "fin_caractere_exclue": 9820, "texte": "Gesellschaft der Sturmfreunde\nDie bisherigen Mitglieder des Vereins Sturm-\nbühne sind fortan nur als ordentliche oder außer-\nordentliche Mitglieder der Gesellschaft der\nStui mfr eunde zum Besuch der expres-\nsionistischen Aufführungen der Sturm-\nbiihne berechtigt. Diese Maßnahme wurde ge-\ntroffen, um den Wünschen zahlreicher Mitglieder\nentgegenzukommen, die für die Besucher der Auf-\nführungen einen innigeren Anschluß an die künst-\nlerischen Bestrebungen des Expressionismus ver-\nlangen.\n§\n1 Zweck\nDie Gesellschaft der .Sturmfreunde bezweckt\ndie Vereinigung der Anhänger des Expressionis-\nmus, insbesondere des Sturm.\n§\n2 Leitung\nDie G. d. St. wird geleitet durch den Aus-\nschuß. Er besteht aus den Gründern und darf\nsich durch Neuwahl aus den Mitgliedern ergänzen.\nIhm dürfen nur Künstler angehören.\n§\n3 Mitgliedschaft\nDie G. d. St. nimmt auf:\n1. Ordentliche Mitglieder\n2. Außerordentliche Mitglieder.\n§\n4 Rechte der ordentlichen Mitglieder\nDie ordentlichen Mitglieder zahlen einen Jah-\nresbeitrag von 40 Mark. Ihnen stehen folgende\nRechte zu:\n1. Freier Bezug der Der Sturm\nmit -einer oder mehreretii Originalkunstbeilagen\nin jedem Heft (mehrfarbiger Steindruck).\n2. Freier Besuch der Kunstausstellung Der Sturm\n(monatlich wechselnd).\n3. Jährlicher Bezug von zwei Büchern und zwei\nKunstdrucken.\n4. Unentgeltlicher Besuch einer Aufführung der\nSturmbühne.\n5. Besuch der weiteren Aufführungen der Sturm-\nbühne, für die ein Kostenbeitrag zu zahlen ist.\n6. Besuch der Sturmabende zu Vorzugspreisen.\n7. Teilnahme an den regelmäßigen geselligen Zu-\nsammenkünften des Sturm (Sturmklub).\n8. Teilnahme an den großen gesellschaftlichen\nVeranstaltungen des Sturm zu Vorzugspreisen.\n§\n5 Rechte der auBerordentlichen Mitglieder\nDie außerordentlichen Mitglieder zahlen einen\nJahresbeitrag von 12 Mark. Ihnen stehen fol-\ngende Rechte zu:\n1. Freier Besuch der Kunstausstellung Der Sturm.\n2. Besuch der Aufführungen der Sturmbühne, für\ndie ein Kostenbeitrag zu zahlen ist.\n3. Teilnahme an den regelmäßigen geselligen Zu-\nsammenkünften des Sturm (Sturmklub).\n4. Teilnahme an den großen gesellschaftlichen\nVeranstaltungen des Sturm zu Vorzugspreisen.\n§\n6 Aufnahme\nDie Aufnahme in die G. d. St. erfolgt durch\nAusstellung der Mitgliedskarte. Anträge sind zu\nrichten an den Sturm, Berlin W 9, Potsdamer\nStraße 134 a."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.1", "texte": "STURM-BÜHNE\nJAHRBUCH DES THEATERS DER EXPRESSIONISTEN\nFortsetzung\n\nSechste Folge\nLothar Schreyer: Dichtung und Bühnenwerk /\nLothar Schreyer: Expressionistische Dichtung /\nLothar Schreyer: Prost Genosse Behne / Kurt\nHeynicke: Ein Auftritt / Gesellschaft der Sturm-\nfreunde\n\nDichtung und Bühnenwerk.\nLothar Schreyer\nDas Bühnenwerk ist die Schöpfung eines\nBühnenkünstlers. Das Bühnenwerk ist nicht die\nSchöpfung: eines Dichters. Der Bühnenkünstler\nkann Dichter sein. Der Dichter kann Bühnen-\nkünstler sein. Der Dichter gestaltet mit IWorten.\nDer Bühnenkünstler gestaltet mit Farbformen, Be-\nwegungen, Tönen. Unter den Tönen, mit denen\ndie Bühnenkunst gestaltet, sind aucn die Wort-\ntöne. Schafft er die Worte zu den Tönen selbst, so\nist er Wortkünstler, Dichter. Der Künstler vermag\ndann seine Vision mit den Mitteln des Bühnenkunst-\nwerkes und mit den Mitteln der Dichtung zu ge-\nstalten.\nDer Bühnenkünstler kann auch die Worte\nseiner Worttöne einem fremden Wortkunstwerk\nentnehmen. Die fremden Wortgestalten sind ihm\ndann Mittel eigener Gestaltung und abhängig von\ndem Zwang eigner Gestaltung. Es entstehen so die\ngegenständlichen Bühnenwerke. Wie diie Werke\neiner gegenständlichen Malerei mit Farbformen\ngearbeitet sind, die uns durch Assoziation als den\nErscheinungen der Außenwelt ähnelnd erscheinen,\nso sind in den gegenständlichen Bühnenwerken\nWortgestalten enthalten, die mehr oder weniger\nden Wortgestalten einer Dichtung ähneln.\niDas Spiel eines solchen Bühnenwerkes bringt\nalso nicht die Dichtung eines Dichters zur Auf-\nführung sondern spielt das Werk des Bühnen-\nkünstlers.\niDie Dichtung. kann nicht aufgeführt werden.\nDie sogenannten Theateraufführungen sind logisch\neine Unmöglichkeit. Ein Wortkunstwerk kann nur\ngesprochen, aber nicht gespielt werden. Wir spre-\nchen die Worte, aber wir spielen sie nicht. Schrift-\nsteller können mit 'Worten spielen. Aber nur wenn\ndas Wort mit uns spielt, sind wir Künstler.\nDie sogenannte Theateraufführung ist Nicht-\nkxinst. Sie ist Ausdeuten oder Deutlichmachen einer\nDichtung. Die Aufführung soll die Dichtung zum\nLeben erwecken und tötet sie. Das Gedicht ist\nkein Gedanke. Das Gedichtete kann niemand den-\nken. Wer sich etwas zum Gedicht denkt, der be-\nschäftigt sich mit seinem Verhältnis zum Gedicht,\nnicht aber mit dem Gedicht. Er denkt am Gedicht\nvorbei. Er zerdenkt sich das Gedicht. Die Logik\ndes 'Verstanides ernennt kein Kunstwerk. Die\nTheaterleute machen deutlich, was sie sich beim\nDrama gedacht haben. Die Bühne bedeutet ihnen\ndie Welt. Die Bühne aber ist nur ein Mittel zur\nGestaltung des Kunstwerkes, das die Welt ist. Die\nWelt bedeutet ihnen die Bühne. Die Toren glau-\nben zu handeln, sich zu entwickeln. Sie nennen\nihre Dichtung Drama, Handlung. Sie entwickeln\ndie Handlung, die sie selbst verwickelt haben.\nDer sogenannte Dramendichter schreibt das\nStück zum Zweck der Aufführung. Keine Dichtung\nhat einen Zweck außer sich selbst. Dichter, die den\nWunsch haben, ihre Dichtung auf einer Bühne ver-\nlebendigt zu sehen, die ihre Dichtungen mit einem\nsolchen Zweck schreiben, sind gefangen von einer\nZeit des Kunstersatzes. Sie sind Schöpfer ihrer\nunkünstlerischen Zeit. Ihre Dichtungen sind Zwit-\ntergeb lde. Die Künstler solcher Zeiten haben die\nVoraussetzungen der Kunst vergessen. Das Hand-\nwerk haben sie verlernt, wollen es nicht wieder-\nlernen. Sie kennen die Kunstmittel nicht mehr.\nSie wissen die Mittel der Dichtung nicht mehr, die\nMittel einer Bühnenkunst nicht mehr. Die Dichter\n„sehen etwas auf der Bühne\", die Bühnenkünstler\n„machen Worte\". Da aber die Dichter keine Büh-\nnenkünstler sind, denken sie für die Bühne und'ifcr\nGedachtes zerstört ihr Gedichtetes. Und so schaf-\nfen sie keine Dichtungen, sondern machen Theater-\nstucke. Das Stückwerk des Theaters führt man\nauf. Dichter führen stich schlecht auf. Dem Dich-\nter fehlt die Führung. Sie können sich nicht selbst\nführen. Sie lassen ihr Gedichtetes von Bühnenein-\nfällen führen. So fällt das verführte Gedicht ein.\nDer Theater mann soll wieder aufbauen, was die\nDichter sich selbst zerstören. Er soll es wieder auf-\nbauen mit den Mitteln, mit denen die Dichter ihre\nDichtung zerstören. Ein törichtes Verlangen, Jahr-\nhunderte lang von der Aesthetik als Wahrheit und\nWeisheit verkündet. Das kommt davon, wenn man\nstich auf seine Erfahrung verläßt. Und jede Er-\nfahrung, auch die törichte, für Weisheit und Wahr-\nheit hält. Es ist wahr, daß die ganze sogenannte\ndramatische Literatur ein Versuch mit untauglichen\nMitteln ist. Die Wahrheit über die dramatische\nLiteratur erfährt nur, wer weiß, was die Mittel der\nWortkunst und was die Mittel der Bühnenkunst\nsind. Wissen und Handhabung der Kunstmittel ist\naber keine Kunst. Es ist weise zu wissen, daß\nin der Kunst keine Erfahrung gibt.\nDer Theatermann hat mehr oder weniger Re-\ngieeinfälle, mit denen er sich an der Dichtung zu\nschaffen macht. Aber er schafft kein Kunstwerk.\nEr „erweckt die Dichtung zum Leben\". Ihm lebt\ndiie Dichtung nicht. Die Dichtung l<*bt. Nur Toren\nwollen Lebendiges zum Leben erwecken. Er ver-\nmenschlicht die Handlung. Weil nur Menschen\nhandeln. Im Kunstwerk aber wird nicht gehan-\ndelt. Mer Mensch ist kein Kunstwerk. Das Kunst-\nwerk ist nicht menschlich. Vom Menschen ge-\nschaffen kündet es, wirkt es Nichtmenschliches.\nWer die Kunde, wer das Werk, wer das Kunst-\nwerk vermenscht, der vergeht sich an der Kunde\ndes Nichtmenschlichen, der verwirkt das Werk,\nder schafft nicht Kunst, der zerstört Kunst.\nDer Bühnenkünstler zerstört die Dichtung nicht.\nEr schafft ein Werk. Ein neues Werk. Er fühlt\ndie Worte der Dichtung wie der Maler die Farb-\nformen der Außenwelt fühlt, wie der Dichter diie\nWorttöne der Außenwelt fühlt. Die Wortgestal-\nten der Dichtung sind ebenso Erscheinungen der\nAußenwelt, wie alles andere, was um den Künstler\nerscheint. Jedes Kunstwerk gehört als Objekt der\nAußenwelt an. Die Wortgestalten der Dichtung\nkönnen wieder in anderen Kunstwerken als Wort-\ngestalten erscheinen. Im BühnenwerK erscheinen\nsie als Worttongestalten. Siie sind dort Teil eines\nKunstwerkes, das mit anderen Mitteln als die Dich-\ntung gestaltet ist. Das Mittel der Dichtung ist das\nWort, ein Mittel des Bühnenkunstwerkes ist neben\nanderen Mitteln der Wortton. Wort und Wortton\nsind unabhängig voneinander. Jedes Wort kann\njeden Tori haben. Der Ton richtet sich nicht nach\ndem Sinn oder Gehalt des Wortes, sondern ist be-\ndingt als Teil des Bühnenwerkes und von der Ge-\nstaltung dieses Bühnenwerkes abhängig.\nDas erste gegenständliche Bühnenwerk „Sancta\nSusanna\" hat die Dichtung „Sancta Susanna\" von\nAugust Stramm zum Gegenstand.\n\nExpressionistische Dichtung\nLothar Schreyer\nWichtige Mittel der Dezentration' sind die\nWortfiguren.\nSolche Wortfiguren sind die unmittelbare\nWiederholung, diie Wiederholung in Zwischen-\nräumen, die Parallelismen der Wortsätze. Die\nUmkehrung der Wortstellung wirkt die Einheit\numgekehrter Begriffe.\nNicht nur die Umkehrung der Begriffe, auch\ndie Abwandlung der Begriffe nach Unterbegriffen\nund Oberbegriffen ist ein wichtiges Dezentrations-\nmittel. Auch der 'Teijlbegriftf (kann abgewandelt\nwerden. Seine Abwandlung wird bezeichnet\ndurch die Stellung des Wortes in der Wortfamilie.\n(Mittel der Dezentration ist vor allem die Asso-\nziation von Wortform zu Wortform. Die Asso-\nziation ist eine komplexe Vorstellung. Kunstmiittel\nist sie, wenn der Assoziation der Wortgestalt eine\nAssoziation des Wortinhaltes entspricht.\nKonzentration und Dezentration sind die Mit-\ntel, die Begriffsgestalten der Warte in Kunst-\ngestalten der Worte zu wandeln.\nDer Rhythmus ist das Band, das die einzelnen\nWortgestalten zur Einheit bindet. Die rhythmische\nKette gestaltet die Einheit des Wortkunstwerkes,\ndie logische Kette gibt die Einheit der Umgangs-\nsprache. Die logische Kette ist unwesentlich im\nWortkunstwerk. Denn die logische Kette beschränkt\ndas einzelne Wort, gibt ihm einen singulären Wert\ndurch eine bestimmte Beziehungsmacht. Die Be-\nziehungsmacht des Wortes als Kunstgegestalt\naber ist unbestimmt, vielfältig. Das einzelne\nWort ist ein komplexer Wert, dessen Kunstmacht\nauf der Vieldeutigkeit der Assoziation beruht.\nEs ergibt sich eine Handwerkslehre der Dich-\ntung, völlig abweichend von den Lehren der hu-\nmanistischen Aesthetik. Die Leitsätze sind folgende:\n1. (Das Wortkunsttwerk ist keine (Mitteilung\nvon Gedanken oder von Gefühlen, sondern Kunde\neiner Offenbarung. Das Wortkunstwerk kann\nwohl Gedanken und Gefühle auslösen, aber kein\nGedanke und kein Gefühl gibt uns den Zustand\nder Offenbarung. Erst im Nichtdenken und Nicht-\nfühlen sind wir und das Kunstwerk eins.\n2. Diese Einheit wird von der Kunstmacht\ngewirkt. Die Kunstmacht ist die Wirkung der\nKunstmittel.\n3. Kbnstmittel der Wortkunst sind Laut und\nRhythmus.\n4. Die Sprachtongestalt, das Wort, ist rhyth-\nmische Lautgestalt.\n5. Das Wortkunstwerk ist Einheit und Gestalt.\nD*:e rhythmische Einheit schließt die rhythmischen\nEinheiten zur Gestalt zusammen.\n6. Jede Sprachtongestalt als rhythmische Ein-\nheit ist rhythmische Lautgestalt eines Begriffes.\n7. Der Begriff ist gestaltet, d. h. er ist kein.\nBegriff mehr, sondern Kunstgestalt."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.2", "texte": "8. Die Worikitnstges tal t ist eine Wirklichkeit,\nkein Vergleich.\n9. Die Logik des Wortkunstwerkes ist der\nRhythmus. Dre Grammatik der Umgangssprache\nist für die Dichtung belanglos.\n10. Das Wortkunstwerk ist Sprachtonwerk.\nDiese Leitsätze sind keine Kunstregeln. Jedes\nWerk trägt seine Regel in sich. Es gibt kein Ge-\nsetz für die Kunst. Aber es gibt unwandelbare\nVoraussetzungen, ohne die kein Kunstwerk mög-\nlich ist. Zeiten, die diese Voraussetzungen ver-\nkennen oder nicht kennen, sind keine künstleri-\nschen Zeiten, haben keine geistige Welt und schaf-\nfen Nichtkunst und Unkunst, die ihnen Kunstersatz\nist. (Solche Zeiten durchlebte das Europa der letz-\nten Jahrhunderte. Erst die Gegenwart des Expres-\nsionismus hat uns von ihnen befreit. Wir wissen\nheute wieder die Voraussetzungen der Kunst. Sie\nsind in den Leitsätzen der Dichtung ausgesprochen\"\nSie können ausgesprochen werden. Sie können\nausgesprochen werden, nachdem sie ein deutscher\nDichter zum ersten Mal seit Jahrhunderten wie-\nder im Kunstwerk gestaltet hat. Dieser Dichter\nheißt August Stramm.\n** i *\nAn Steile der Aesthetik setzen wir eine Lehre\nder Kunstmittel. Das Handwerk der Dichter muß\nebenso gelernt werden wie das Handwerk eines\nMalers oder Tonkünstlers. Die Aesthetik ist eine\nErfindimg der Vergangenheit, um das Kunstwerk\nzu. verstehen. Die Gegenwart weiß, daß ein\nKunstwerk nicht zu verstehen ist. Wir finden\nda,s Kunstwerk und brauchen dazu keine Erfin-\ndung, -keine Aesthetik. Wir glauben, daß wir nicht\nwissen können, was schön ist. Das Wissen um dv.e\nSchönheit ist Unsinn. Die Aesthetik stammt aus\neiner Zeit, die das Schöne, Wahre und Gute in\ndiesem Leben finden wollte. Dieser Wille kommt\nuns kindisch und kindlich vor, da er auf Unmög-\nliches zielt. Die Aesthetik ist eine Antiquität ge-\nworden. Aber diese Antiquität ist kein Kunstwerk.\nSie ist der Staub, der auf dem Kunstwerk lagert.\nWir brauchen nur zu blasen, und er fliegt fort.\nDann sehen wir auch manches Kunstwerk, das\nbisher verborgen war, und sehen auch, daß man-\nches, was man für ein Kunstwerk hielt, nur Staub\nist. Denn es ist der Staub toter Menschen, nicht\ndas Kunstwerk selbst, was die Aesthetik in ein\nSystem brachte. Nur das Unmenschliche ist das\nKünstlerische. Die vermeintliche Beziehung des\nWerkes zu seinem Schöpfer hat mit der Kunst\nnichts zu tun. Auf dieser Beziehung ruht die\nGrundeinteilung der Aesthetik in Lyrik, Epik, Dra-\nmatik. Die Aesthetik lehrt, daß der Dichter in der\nLyrik seine eigenen Gefühle und Stimmungen kün-\ndet, in der Epik das Schicksal anderer Menschen\nerzählt und dabei selbst als Erzähler erscheint.\nin der Dramatik andere Menschen ein eigenes Le-\nben handeln läßt. Eine solche Einteilung ist na-\ntürlich nur denkbar in einer Zeit, die die Persön-\nlichkeit überschätzt. Das künstlerische Erlebnis\nhat mit Stimmungen und Gefühlen des einzelnen\nMenschen nichts zu schaffen. Wir Milen uns\nheute als eine große Gemeinsamkeit, in der das\nLeben des Einzelnen versunken ist. Wir wissen\nvor allem auch, daß .kein Künstler seine Gefühle\ngestaltet. Sein Werk löst wohl Gefühle aus, ge-\nstaltet sie aber nicht.\nEine Kunst, die nach Vollkommenheit des Ir-\ndischen strebt, schildert das Leben, schildert den\nMenschen. Sie zählt Handlungen und Begebenhei-\nten des Lebens auf, s>;e erzählt von Menschen. Die\nErzählung ist die Form dieser Kunst. Sie gibt ein\nAbbild des Lebens. Sie schaut die Unendlichkeit\ndurch das Bild der Endlichkeit. Diese Erzählung\nist keine Dichtung. Sie macht nicht dicht, son-\ndern weit. Aus dem Dichter wird der Schriftstel-\nler. Schriftsteller gibt es zu jeder Zeit. Er schreibt\ndie Zeit ab. Es ist wirklich ein Kunststück, die\nSchrift so zusammenzustellen, daß sie den Her-\ngang eines Menschenlebens berichtet. Es erfor-\ndert wirklich Wissen und Können, Begebenheiten\nund Menschen „lebenswahr\" z,u erfinden. Natur-\nbeobachtung, Charakteristik der Personen setzen\neinen Aufwand von nichtkünstlerischen Fähigkei-\nten voraus, die eines Wissenschaftlers würdig sind.\nZum historischen Roman, zum sozialen Roman,\nzum Lebensroman gesellt sich- als letzter der psy-\nchologische Roman. Es sind wirklich interessante\nSchriftstücke, Dokumente der Wirklichkeit, die da-\nbei zu Stande kommen. Aber die Wirklichkeit ist\nkein Werk. Kein Kunstwerk ist interessant. Die\nKunst interessiert uns Künstler nicht. (Wer ein\nKunstwerk interessant findet, hat keine Ahnung vom\nKunstwerk. Unkünstlerische Kunstwerke, das ist\nein epidemischer Greuel ds 19. Jahrhunderts. Die\nEpidemie hat den Schriftsteller als Beruf geschaf-\nfen. Der Schriftsteller betrachtet es als seine Auf-\ngabe, das Publikum zu unterhalten. Es gibt keinen\nDichter, der irgend etwas in der Welt als seine\nAufgabe betrachtet. Jeder Dichter gibt die Welt\nauf. Es gibt keinen Dichter, der sich an das Publi-\nkum hält. Das Publikum ruft sofort Halt!, wenn\nein Dichter kommt. Es gibt keinen Dichter, der\nirgend jemanden unterhält. Den Leuten, die das\nPublikum unterhalten wollen und sich Dichter\nnennen, wollen wir den Unterhalt entziehen, damit\nsie-wissen, daß der Dichter die 'Welt aufgeben\nmuß und keinen Halt unter dem Publikum, kein.\nHalt in der Welt findet. Gegenseitig unter-\nhalten sich die Schriftsteller damit, daß sie das\nPublikum sür sich interessieren. Das fe'ind die\nLeute der Presse, und es bringt meist einen guten\nUnterhalt. Denn die Schriftsteller sind um keinen\nVerleger verlegen. Wer das Publikum unterhal-\nten wäll, muß mit ihm umgehen können. Die Um-\ngangssprache ist die mißhandelte Kupplerin. Sie\nbietet sich auf allen Gassen feil. Es werden zu-\nviel Zeitungen feilgeboten. Die Zeitungen haben\ndie Druckerschwärze angeschwärzt. Das Publi-\ncum fiel. Denn was man Schwarz auf Weiß be-\nsitzt, kann man getrost auf den Kehricht werfen.\nSorgen wir dafür, daß es nicht wieder aufsteht.\nEs darf kein Publikum mehr geben. Der Geist ist\nkeririe Oeffentlichkeit. Der Geist ist eine Inner-\nlichkeit, die das All ergreift. Es wird kein Publi-\nkum mehr geben. Die Zeit des Individualismus\nist vorbei. Das Publikum ist eine Häufung von\nIndividuen, die alle das vermeintliche Glück der\nPersönlichkeit genießen wollen. Diese Häufung\nvon Individuen macht die einzelne Persönlichkeit\neng. Nur die derben rohen Mächte können sich\nentfalten. Die ■körperliche, die sinnliche Gewalt\nder Individuen wird gesteigert und zu einer ein-\nheitlichen Macht gesammelt, die übermächtig nach\ndem Genuß der Sinne strebt. Amüsement, Unter-\nhaltung, Spannung sind die Reizmittel des Publi-\nkums. Es kommt dem Publikum darauf an, sich\neine angenehme Verdauung zu schaffen. Also\neine Bewegung, die nicht anstrengt. „Brot und\nSpiele\" forderten schon die Römer. Der Beifall\nist noch immer ersehnte Verdauungsgymnastik.\nAber bald hat der Spieler sein Brot verspielt. Die\nGegenwart ist der Tod der Persönlichkeit. Der\nEinzelne hat keinen Wert. Es gibt kein Recht a.uf\nGlück. Wir wissen, daß wir für unser Werk ster-\nben. Das Werk aber gehört nicht uns. Es gehört\nder Menschheit. Das Individuum ist gefallen. Das\nVolk, steht auf. Der Mensch und das Volk, eine\nGemeinschaft von Menschen, beide wollen eins\nsein. Sie wollen Menschheit sein. Die Vernich-\ntung des Eins, lyu das All zu sein, ist der Sinn der\nnamenlosen Erschütterung, die Menschen und\nVölker der Gegenwart umgestaltet. Dieser Wand-\nlung kann keine Unterhaltung, kein Amüsement\ndienen. Diesen Wandel wirkt nur die Ekstase.\nWir haben die Kunst der Ekstase. Das Wort-\nkunstwerk der Ekstase ist das Gedicht. Die Er-\nzählung der deutschen Gegenwart ist Gedicht. Die\nErzählung unterscheidet sich durch kein Kunst-\nmittel vom Gedicht. Es gibt keine Erzählung im\nSinne der Aesthetik mehr. Roman, Novelle sind\nFormen, die nicht mehr gefüllt werden.\nUnsere „Erzählung\" sieht nicht die Unendlich-\nkeit durch die Welt, sondern die Welt durch die\nUnendlichkeit.\nUnsere „Erzählung\" ist nicht ein Bericht vom\nDasein, sondern das Gericht über das Dasein.\nUnsere „Erzählung\" ist wie jedes Kunstwerk\ngegenstandslos. Sie stellt keinen Gegenstand,\nalso keine Außenwelt dar.\nUnsere „Erzählung\" ist wie jedes Kunstwerk\ngegenständlich. Sie umfaßt eine Vielheit von Ge-\nstalten, und in jeder Gestalt ist eine Vielheit von\nGegenständen, von TatsächV.chkeiten gestaltet.\nJedes Wort bedeutet eine Vielheit von Gegenstän-\nden, Tatsachen. Aber die Gesamtheit des Kunst-\nwerkes bedeutet keine Tatsache, keinen Gegen-\nstand der Außenwelt.\nUnsere „Erzählung\" ist ein !Wortkunstwerk,\nein Gedicht.\nEs gibt so viel Erzählungen, wie es Gedichte\ngibt.\nlDie Gegenwart hat keine Lyrik und keine\nEpik. Die Gegenwart hat auch keine Dramatik.\nEs gibt nur Dichtung.\nDie dramatische Dichtung der jüngsten Ver-\ngangenheit stand unter dem Zeichen der Tbeater-\nreform. Viele fühlten, daß die Dichtung etwas an-\ndres ist, als was dem Volk von den Schriftstellern\nin bewährten Maßen gegeben wurde. Das Maß\nwar voll. Niemand konnte es austrinken, ohne Scha-\nden an seiner Gesundheit zu nehmen. Aber das\nMaß der bewährten dramatischen form zu zer-\nbrechen, wagte keiner. Und ' doch mußte schon\njedem der gesunde Menschenverstand sagen, daß\nein Kunstwerk, das seinen Zweck außer sich\nselbst setzt, das für das Theater geschaffen ist,\nnur ein halbes Kunstwerk ist. Die Aufführung der\nsogenannten dramatischen Dichtung ist ein ganz\nanderer Akt, als die Aufführung einer musikalischen\nKomposition. Das Tonkunstwerk legt die Auffüh-\nrung fest und läßt nur eine besondere Auffassung\ndes Aufführenden zu. Das „Drama\" aber ist von\nvornherein eine halbe Sache. Es legt nichts weiter\nfest als die Wortgestalt und zwängt diese Wort-\ngestalt in ein System. Dieses dramatische System\nist das System des Theaters. Das Theater aber\nist eine Angelegenheit des Publikums und nicht der\nKunst. Mit dem Publikum wird auch das Theater\nfallen.\nDas Theater ist die letzte Wandlung des re-\nligiösen Kult. Es ist zugleich der Hohn des Men-\nschen auf seine Alleinheit. Der7 in der Kulthand-\nlung wirkende ekstatische Rausch kündet sich in\nder Sprachtongestalt, die das Wortkunstwerk ist.\nAus der Kulthandlung ist der Bühnenvorgang ge-\nworden, aus dem ekstatischen Gedicht das drama-\ntische Gedicht, das den Bühnenvorgang begleitet.\nDie Kulthandlung, die immer ein mystischer Akt ist,\nwurde realer Akt, Menschenhand?.ung mit dem\nSinn der Menschenhandlung. Drama heißt Hand-\nlung. Der handelnde Mensch ist der Held des Dra-\nmas. Der leidende Mensch, der Mensch, der die\nOffenbarung erleidet, ist der Träger des Kult. Das\nDrama wüll keine Offenbarung künden, es will Men-\nschenhandlung und Menschenschicksal künden. Das\nletzte Ziel des Dramas ist die Erschütterung des\nMenschlichen im Menschen. Wie die Epik ist die\nDramatik eine Kunstgestalt, die nur in einer Welt-\nanschauung der Persönlichkeit Geltung haben kann.\nDie Bretter der Bühne bedeuten schon seit Euripi-\ndes die Welt der Menschen. Er ist der große Na-\nturalist gewesen, der sich gegen den großen Expres-\nsionisten Aeschylos auflehnte und ihn nach dem\nKampf eines Lebens stürzte. Der Weg von Euri-\npides zu Schönherr ist nur kurz. Aber mit der\nSchönherrlichkeit ist es vorbei. Schön ist anders.\nUm die Schönheit geht es nicht. Auch nicht um\ndie Wahrheit. Es geht um die Kunst. Der alte\nAeschylos ist nicht tot. Ein neues Reich des Gei-\nstes beginnt. Der in ihm Handelnde schaut das\nAll. Er hat die Vision der Welt. Er ist eins mit\nder Welt. Der ekstatische Zustand hat die Kraft,\nsich einer Menschenmasse mitzuteilen, auf die die\nKunde der offenbarten Erkenntnis wirkt. Die Sehn-\nsucht, sich zu verwandeln, aus diesem gebundenen\nirdischen Leben ins ungebundene Dasein der Ek-\nstase zu wandeln, ist jedem Menschen eigen, der\nnicht nur zwischen Geburt und Tod des Leibes sei-\nnen eigenen Wreg gehen will. Der Schöpfer und\nder Erlebende sehen das Gesicht. Das Gesicht\nkündet sich als Kunstwerk. Dieses iK,unstwerk, das\ndie Gegenwart wieder schafft, wird das große\nKunstwerk des Volkes sein. Das Wesen dieser\nVolkskunst ist Mysterienlehre. Sie gibt die Welt-\nmacht der Alleinheit allen Seins. Im Erleben der\nKunst sind die Schranken des Einzelnen zum All\ndurchbrochen. Die letzten Jahrhunderte kannten\ndie Verzückung in der Kunst nicht mehr. Sie hat-\nten dafür die Rechtgläubigkeit einer historischen\nReligion. Die christliche Kirche der Gegenwart\nkündet keine Erkenntnis. Die Gegenwart löst sich\ndaher von dieser Kirche. Denn wir wissen, daß\nihr Glaube nicht selig macht. Er macht unselig\nzu gunsten einer Verheißung. Wir aber begehren\neine Wirklichkeit im Erdenleben. Der Wechsel auf\ndie Unsterblichkeit gilt uns nichts, wenn wir wis-\nsen, daß wir sterblich sind. Er gilt uns weniger"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.3", "texte": "als nichts, wenn wir ihn bedingt haben durch Ent-\nsagung im gewissen sterblichen Leben. Wir Sterb-\nliche wollen die Unsterblichkeit erleben. Wir er-\nleben sie durch keinen Glauben, durch, keine Welt-\nanschauung. Sie wird durch keinen Wechsel er-\nkauft, durch kein Tun oder Leiden verdient. Sie\nkommt zu Gerechten und Ungerechten. Jeder ist\nder Redhte. Wir erleben sie allein im Gesicht der\nOffenbarung. Darum hat die christliche Kirche der\nGegenwart keine Kunst. Darum konnte sie in der\nletzten Vergangenheit keine Kunst haben. Die\nKunst, deren Wesen ekstatische Erregung ist, war\neine Sache ues bürgerlichen Lebens geworden. Das\nTun und Leiden, wie es jeder Bürger tun und\nleiden kann, wurde im Kunstwerk gestaltet. Da-\nmit wurde jeder Bürger Richter über die Kunst.\nEr konnte die Helden nach sich beurteilen. An\nStelle des Erlebnisses trat die Kritik. Dem Bür-\nger, der nur bei möglichst viel Straßenlaternen\nsehen kann, ist das Geheimnis fremd und verächt-\nlich. Jedes Kunstwerk ist ein Geheimnis und dun-\nkel Die Kunst scheut das Licht der Rampe. Die\nZivilisation hat uns die Kultur genommen. Durch\ndie Kunst besiegt die Kultur die Zivilisation.\nWas nicht zu retten ist, soll man vernichten.\nDas Theater ist keine Kunst. Das Theaterdrama\nist eine Halbheit. Dies erkannte August Stramm.\nEr schuf Dramen, die einen völligen Bruch mit dem\nTheater bedeuten. Jeder ehrliche Theatermann\nwird sagen, daß man Dramen, wie Stramms\n,JKräfte\" oder „Geschehen\" mit den Mitteln der\nTheaterbühne nicht aufführen kann. Kein expres-\nsionistisches Drama ist auf dem Theater aufzufüh-\nren. Uns fehlt die expressionistische Bühnenkunst.\nDie expressionistische Bühnenkunst hat mit dem\nT'heater nichts zu tun. Eine expressionistische Büh-\nnenkunst ist nur möglich, wenn es Bühnenkunst-\nwerke gibt. Wortkunstwerke helfen hier nichts.\nDas Bühnenkunstwerk ist ein Kunstwerk, das Ein-\nheit und Gestalt von Form und Farbe und Be we-\ngung und Ton ist. Mit der Schöpfung des Biihnen-\nkunstwerkes ist keine Theaterreform getan. Ein\nvöllig neues Werk ist geschaffen. Durch dieses\nWerk ist das Theater abgetan.\nDie ersten Biihnenkunstwerke sind von mir ge-\nschaffen.\nIm Bü'hnenkunstwerk tönen Worte. Die Wort-\ngestalt ist Dichtung. Diese Dichtung ist nicht\nHandlung, nicht Drama. Die Worte als gestaltete\nBegriffe sind im Bühnenkunstwerk Gestaltungen\ndes Erlebnisses in die Wortgestalt. Diese Wort-\ngestalt ist nur ein Teil der Gestalt des Biihnen-\n' Kunstwerkes, in der das Erlebnis gleichzeitig mit\nden anderen kimstierischen Ausdrucksmitteln ge-\nstaltet ist. Der Bühnenkünstler, der zugleich ein\nDichter ist, vermag nun das gesamte Erlebnis auch\nallein in der Wortgestalt zu gestalten. Was in\nseinem Bühnenkunstwerk Farbformgestalt und Be-\nwegungsgestalt ist, wird nun auch Wortgetalt. Er\nhat ein Wortkunstwerk geschaffen. Solche Dich-\ntungen stehen als selbständige Kunstwerke neben\ndem Bühnenkunstwerk. Mit der Erkenntnis der\nScheidung von Dichtung und Bühnenkunstwerk ist\ndie Dramatik abgetan. Abgetan sind die kläglichen\nVersuche eines Neuklassizismus, einer Neuroman-\ntik. Was schon da ist, das läßt sich in der Kunst\nnicht wiederholen. Nur die Kunst wiederholt sich\nimmer. Sie erholt sich immer von den Wieder-\nholungen der Epigonen. Und wenn die Kunst vom\nTeufel Natur geholt zu sein scheint, der Gott\nKünstler holt sie wieder hervor. Auf die Dauer\nkann der Mensch nicht leben ohne die Vision. Nur\nder Mensch, der die Vision nicht hat, ist bedauerns-\nwert.\nEs kommt darauf an, die Vision zu gestalten.\nEs kommt darauf an, den Menschen die Vision\nzu geben.\nEs kommt darauf an, die Vision zu erleben.\nKunde der Vision ist die Kunst.\n\nProst Genosse behne\n\n- Aber Herr Doktor Behne!\nDaß Ihnen so etwas passiert ist. Es ist eine\nalte Geschichte: kein Schornalist kann Kunst ver-\ndauen. Ich habe Sie niemals für einen Helden ge-\nhalten. Nun aber handeln Sie doch wie ein Held\nund suchen trotz allen Beschwerden die Kunst zu\nverdauen. Nun ist Ihnen die Einheit der Kunst in\nden Kopf gestiegen. Das kommt davon. Nun\nwissen Sie nicht mehr, ob Sie lyrisch oder archi-\ntektonisch sind. Ich aber fühle die von Ihnen viel\ngepriesene Menschlichkeit und will Ihnen als alter\nSturmkollege die Diagnose stellen. Schornalisten,\ndie nicht im Sturm stehen können, fallen auf die\nNase, wenn sie über den Sturm herfallen wollen.\nSie haben sich im Sturm erkältet, als Sie nicht\naufgefordert wurden, für unser Buch „Expressio-\nnismus, die Kunstwende\" zu schreiben. Das hat\nIhre Menschlichkeit verschnupft. Und plötzlich\nniesen Sie im Chor der Kunstgegner andauernd\nappetitliche Gehirntropfen gegen uns Sturmkünst-\nler. Besonders uns Junge hoffen Sie anzustecken.\nAber wir Jungen, die im Sturm stehen, sagen nur\nProst, wenn Sie uns anniesen. Die Gefahr, die wir\ndamit heraufbeschwören, ist schrecklich. Früher\nschwiegen Ihre Kollegen die Künstler tot, die noch\nnicht vom Publikum anerkannt waren, oder be-\nschimpften sie. Nach der Revolution mausert man\nsich von rechts nach links, oder auch von links\nnach rechts, wie Sie, verehrter Zeitgenosse. Nun\nSie sich in der Freiheit dressieren, kommt Ihre\nwahre Natur heraus: der Reaktionär, der Gegner\nder neuen radikalen Kunst, der Gegner des neuen\nWelterlebens. Immer feste druff auf den Expressi-\nonismus. Ihr und Ihrer Kollegen neuester Witz ist,\ndaß die radikalen Künstler, wir Expressionisten,\nSpießbürger und Philister sind. Früher sollten wir\nals Revolutionäre unmöglich gemacht werden. Jetzt\nsind wir plötzlich die Bürger, die man am prak-\ntischsten an die Laterne hängt.\nAlso Prost Genosse Behne!\nIch begreife nun, daß Ihnen das neue anti-\nexpressionistische Bliemchenkaffeeblättchen ein\ngefundenes Fressen ist. Dieser Literatenaufguß\nwill sich davon nähren, daß er Sturmkünstler un-\nverdaulich findet. Von den ersten drei Nummern,\nderen Bezug jede gute Buchhandlung vermittelt,\nenthalten zwei Nummern Aufgüsse gegen Sturm-\nkünstler. Schon in der ersten Nummer ist die Mit-\narbeiterspritze entschlossen auf mich gerichtet.\nDie Märzoffensive wendet sich unter Ihrer sieg-\ngewohnten Feder mit ganzer Front gegen mich,\nAber Genosse Behne, wie konnten Sie nur darauf\nreinfallen. Sind Sie denn so verschnupft, daß Sie\nden Braten nicht mehr riechen können? Ein Schor-\nnalist, der die Sturmkünstler sogar persönlich\nkennt, der vor Jahren sogar für den Sturm hat\nschreiben dürfen, der mir sogar sein Bedauern aus-\ngesprochen hat, daß er keine Zeit habe, etwas von\nmeiner Bühnenkunst zu sehen — den muß das Anti-\nexpressionistenblättchen sich holen, das ist der\nrechte Mann, meine Bühnenkunst so zu erledigen,\ndaß kein Theater, kein Verleger, kein Kritiker, kein\nLiterat, kein Publikum mehr etwas von mir wissen\nwill. Darauf kommt es an. Ihnen auch. Und mir\nauch.\nProst Genosse Behne!\nWas ist nun aus Ihnen geworden? Lyrischer\noder architektonischer Behne? Der arme Druck-\nfehlerteufel will Sie retten und gibt Ihnen den Auf-\ndruck „Lyrische oder architektonische Bühne?\"\nDas ist eine verteufelte Sache, wenn man auf die\nEinheit der Kunst schwört wie Sie, der Sie was\ndavon im Sturm gehört haben, und man sich nun\nentscheiden will, ob die Bühne architektonisch oder\nlyrisch ist. Da Sie als Kunstkritiker sich ganz\ngewiß klar darüber sind, wünschen Sie den Druck-\nfehlerteufel gewiss zur Hölle und sind sich nur\ndarüber unklar, was Sie selbst sind. Wir wollen\nmal sehen, was Sie sind, lyrisch oder architek-\ntonisch.\nDer Reporter Behne schreibt:\n„Nun wird jetzt die These aufgestellt: die\nBühne, die wahrhaft Kunst ist, müsse sich von\nder Literatur emanzipieren. Die Verschweißung\nvon Dichtung und Bühnenkunstwerk sei zwar sehr\nalt, aber trotzdem sachlich ungerechtfertigt. Das\nBühnenkunstwerk sei eine Welt für sich, geformt\nnach eigenen Gesetzen aus Farbe, Form, Licht und\nKlang. Die Dichtung, gleichfalls ein ' eigener, be-\nsonderer, anderen Gesetzen unterworfener künst-\nlerischer Organismus, könne nur als Fremdkörper\nin das Bühnenkunstwerk eingepfropft werden, die-\nses schädigend, sich selbst nicht nützend.\"\nDas ist also meine Theorie. Nun kneifen Sie\nmal nicht. Seien Sie mal ehrlich. Sie haben natür-\nlich keine Ahnung, was ich über die Bühne denke,\noder was meine Bühnenkunst ist. Denn Sie haben\nja niemals gelesen, was ich darüber veröffentlicht\nhabe. Sie lesen ja nicht, was ich im Sturm und\nin der Sturmbühne schreibe. Und was ich in dem\nBuch „Expressionismus, die Kunstwende\" schreibe,\nhaben Sie auch nicht gelesen. Der beste Beweis\ndafür ist, daß Sie mich in ihrer Kritik über das\nBuch beschimpfen. Meine Vorträge über Bühnen-\n• kunst haben Sie auch nicht gehört. Also Sie sind\nganz unschuldig. Und wir können zu Ihrer Ehre\nannehmen, daß Sie von mir über meine Theorie\nnichts gelesen oder gehört haben. Stimmts? Sie\nwollen doch nicht, daß meine und Ihre Leser Sie\nfür so dumm halten, daß Sie mich nicht mal richtig\nabschreiben können. Und wenn Sie meine Theorie\nkeimen, wäre es doch recht — unehrlich, mich\nfalsch abzuschreiben. Also: diese blöde Theorie\nist Ihnen aus der sieggewohnten verschnupften\nFeder getropft.\nI1 r o s t Genosse B eh n e!\nRasch urteilen Sie selbst über Ihre Theorie:\n„Theoretisch sehr schön und sauber aus Be-\ngriffen herausfeeklaubt. Aber schon beinahe mehr\nschüler- als schulmäßig.\"\nWirklich erquickend, daß Sie Ihre blöde\nTheorie für schön und sauber halten. Im Ernst:\nSie wollen mir sagen, daß meine Kunst nicht mal\nexpressionistische Schule ist, sondern Schülerarbeit\nist. Ich versichere, verehrter Meister, daß ich gern\newig Schüler bleiben möchte. Ihnen aber ist das\nLeben eine Lust, wenn Sie Zensuren austeilen\nkönnen, und Schüler, deren Mundwerk oder Nase\nIhnen nicht gefällt, müssen dann bluten. Sie den-\nken, es ist unser Blut, aber es ist Ihre rote Tinte.\nUnd Sie schreiben mit roter Tinte:\n„Der Versuch eines ,Bühnenkunstwerkes an\nsich' scheint uns unfruchtbar. Um in einer reinen,\nd. h. unliterarischen, Form zu erscheinen, würde\ndieses doch eine jedesmalige Improvisation geist-\nreicher Spieler voraussetzen. Bei dem Versuche\ndes ,Sturm' in Berlin, das Bühnenkunstwerk der\nTheorie zu verwirklichen, wurde diese Konsequenz\nindessen nicht gezogen, vielmehr wurde auch ihm\neine Dichtung zugrunde gelegt — diese Dichtung\nAugust Stramms dann aber von seinem traurigsten\nEpigonen zu einem ,'Textbuch* umgearbeitet. Be-\nweist nicht diese Inkonsequenz allein schon die Un-\nfruchtbarkeit der Lehre, deren praktischer Vor-\nführung ich leider nicht beiwohnen konnte — wes-\nhalb ich mich über die Ausführung jeden Urteils\nenthalte?\"\nSehr richtig. Ich gebe Ihnen einen Tritt vor\nden Bauch und enthalte mich jeder Berührung. So\nsieht ihre ehrliche Kritik aus. Sie denken sicih\neinen Unsinn aus, sagen dann in einem unmöglichen\nDeutsch, daß es Unsinn ist, und behaupten, daß ich\nIhren Unsinn treibe. So benimmt sich Ihre Mensch-\nlichkeit, wenn Sie verschnupft sind. Vielleicht\nwollen Sie hierin Künstler werden. Wir wissen ja\njetzt, wie man Künstler wird: durch Improvisieren.\nSie belehren mich, daß das „Bühnenkunstwerk eine\njedesmalige Improvisation geistreicher Spieler vor-\naussetzen würde\". Sie haben ganz recht; wenn\ndie Spieler ebenso geistreich improvisieren wie Sie,\nwürden sich die Spieler ebenso blamieren wie Sie.\nSo sich zu blamieren wie Sie, ist schon fast eine\nKunst. Denn nun vermöbeln Sie August Stramm:\n„Sehr bezeichnend ist aber auf alle Fälle die\nWahl des Stückes. Von den sieben Dramen\nAugust Stramms wählte man jenes, das vor allen\nanderen betont erotisch ist: „Sancta Susanna\".\nAn den weitaus wichtigeren kosmischen Dichtun-\ngen ging man vorüber. — Warum? Weil das\nBühnenkunstwerk, wie es der ,Sturm' vertritt, mit\ninnerer Notwendigkeit nur wieder einmünden muß\nin jenes allgemeine lyrische Gewoge, das er ganz\nzu Unrecht als ,Expressionismus' auszugeben ver-\nsucht. So hat der ,Sturm' die Malerei in den lyri-\nschen Sumpf Rudolf Bauers, die Dichtung in das\nohnmächtige lyrische Gezappel Lothar Schreyers\n.geführt'.\"\nSie halten also August Stramms „Sancta Su-\nsanna\" für betont erotisch. Sie haben wirklich\nlang genug den Dichter Hermann Essig gekannt,\num wissen zu können, daß kein Kunstwerk erotisch\nist, auch wenn ein Bürger wie Sie so was von\nLiebe drin findet. Muß ich Ihnen denn wirklich\nsagen, daß Kunstwerke unerotisch sind? Natür-\nlich werden Sie zugeben, daß Ihr Freund Hermann\nEssig ein Dichter ist. August Stramm aber, mit\ndem Sie nicht befreundet waren, ist für Sie in"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnaal191905-01.1.4", "texte": "wallen, brauchen Sie nur zu Ihren berühmten Ar-\nchitekten zu gehen. Denen trau ioh alles zu.\nSie aber sind weder lyrisch noch architekto-\nnisch, sondern ein schlichtes Gesamtkunstwerk, das\nsich aller Mittel bedient.\nIhre letzten Mittel enthüllen Sie zum Schluß:\n„Das Publikum ist zahllos da, in Hülle und\nFülle die Theater, die Dichter fehlen nicht ganz —■\nwo bleibt der Direktor, der mit Essigs ,Schweine-\npriester' den Anfang macht?!\"\nSie freuen sich, daß das Publikum zahllos da\nist. Verehrter Genosse, wissen Sie denn noch\nnicht, daß die neue Welt nur ohne dieses Publikum,\nnur gegen dieses Publikum werden kann?\nSie freuen sich, daß die Theater in Hülle und\nFülle da sind. Verehrter Genosse, wissen Sie denn\nnoch nicht, daß die Bühnenkunst nur ohne die\nTheater, nur gegen die Theater werden kann?\nSie freuen sich, daß die Dichter nicht ganz\nfehlen. Verehrter Genosse, wenn Sie richtig\nDeutsch schreiben könnten, würden Sie nicht einen\nSatz bilden, den man so verstehen kann, daß nur\nTeile von Ihren Dichtern vorhanden sind, oder daß\nIhre Dichter nur teilweise Dichter sind.\nSie rufen den Theaterdirektor zu Hilfe. Ihr\nletztes Mittel. Verehrter Genosse, wissen Sie\ndenn nicht, daß Sie damit Hochburgen und beson-\ndere Genußmittel des Kapitalismus fördern wollen?\nWo bleiben die Künstler, die Hermann Essig\nvor seinem Freund und dem Theater schützen?\nWir sind da.\nProst Genosse!\nseinen Werken erotisch, also kein Dichter. Ich\ngratuliere Ihnen. Wie Sie sich Erotik vorstellen,\nwissen wir nun: lyrischer Sumpf und lyrisches\nGezappel. Guten Appetit zu Ihrer Erotik! Gott-\nseidank lieben Sie mich ebenso wenig, wie Sie\nRudolf Bauer und August Stramm lieben. Sie be-\ndanken sich bestens für uns:\n„Ueberall da, wo diese Sorte Lyrik sich aus-\ntobt, ist schwüle und schmalzige Erotik zur Stelle\n— eine dicke Erotik, für deren »künstlerische Ver-\nklärung' wir uns bestens bedanken, im Bühnen-\nkunstwerk nicht minder als in der Malerei und in\nder Dichtung.\"\nDas Bühnenkunstwerk von Lothar Schreyer,\ndie Malerei von Rudolf Bauer, die Dichtung von\nAugust Stramm — die betonte Erotik ist dick\ngeworden.\nIch gratuliere Ihnen hierzu und wünsche Ihnen\nzum Geburtstag, daß Sie die deutsche Sprache\nlernen und mal im Lexikon nachsehen, was erotisch\nund was kosmisch ist, damit Sie nicht noch\nAufsatz „Erotischer oder kosmischer Behne?\"\nschreiben. Daß Sie nicht lyrisch sind, wissen wir\nnun. Sie bedanken sich bestens.\nProst Genosse Behne!\nOder sind Sie architektonisch?\nSie sagen: „Wir wollen kein lyrisches Theater,\nwir wollen ein architektonisches Theater, das aller\nMittel sich bedient und jedem seinen Platz zuweist,\nerfinderisch und voller Phantasie, ohne Zimperlich-\nkeit, nicht nachahmend, sondern schöpferisch.\nDieses Schöpferische erreichen zu wollen durch\nVerselbständigung des Apparates, scheint uns ein\nverkehrter Weg. Die Verselbständigung des Büh-\nnenapparates zu einem neuen expressionistischen'\nKunstwerk ist so närrisch wie die Verselbständi-\ngung etwa 'der Kanzel.\"\nDie Verselbständiguiig des Apparates scheint\nIhnen ein verkehrter Weg, um das Schöpferische\nzu erreichen. Wie klug. Sie wissen aus Erfah-\nrung, daß Ihr Bart nicht ohne Sie spazieren gehen\nkann. Aber auf dem Kopf herumlaufen, das möch-\nten Sie. Sie sagen nämlich gleichzeitig:\n„Und daß ebensosehr das Theater einer reso-\nluten Auffrischung seiner Mittel bedarf, ist wohl\njedem klar, der einmal den wunderbaren Beleuch-\ntungsapparat oben in den Soffitten mit seinen\nstrahlend leuchtenden Seidenbändern in Tätigkeit\ngesehen hat, von dessen unglaublicher Pracht dann\nnur ein schwacher Reflex auf naturalistische Ku-\nlissen und Möbel fällt — als Stimmung: Abendrot,\nMondschein, Sonnenaufgang. Wenn mans sieht,\nmöchte man die Bühne umkehren!\"\nWer verselbständigt denn nun den Apparat?\nSie selbst. Sie geben es sogar gedruckt. Und sind\nso stolz darauf, daß Sie diesmal nicht behaupten,\nes sei meine Theorie. Ich bestätige gern, daß Sie\ndiesmal sich selbst improvisiert haben. In meinen\nSchriften haben Sie ja nicht lesen könen, daß die\nBühnenkunst mit dem Theater nichts zu tun hat.\nIhnen aber wirds beim Theater ganz religiös:\n„Auch das Theater ist eine Kanzel, die Wert\nerhält durch den Geist, der sie benutzt.\"\nWie tief Ihre Erkenntnis ist, zeigt eine Varia-\ntion: Auch das Klosett ist eine Kanzel, die Wert\nerhält durch den Geist, der es benutzt. Hüten Sie\nsich vor „dichterischen Vergleichen\", Herr Schor-\nnalist.\nIhr Theater -soll also ein architektonisches sein,\ndas sich aller Mittel bedient und jedem seinen Platz\nzuweist, erfinderisch und voller Phantasie, nicht\nnachahmend, sondern schöpferisch. Das ist ein\nUngeheuer. Mit der Kunst haben weder Erfindun-\ngen noch Phantasie etwas zu tun. Der Mangel an\nZimperlichkeit und an Nachahmung ist gänzlich\nbelanglos für das Kunstwerk. Und von Schöpfe-\nrisch wissen Sie ebensoviel wie von Erotisch und\nKosmisch. Ihr architektonisches Theater ist gar\nnicht architektonisch; denn es bedient sich aller\nMittel. Das Ungeheuer, das Sie so schlecht be-\nschreiben, ist das Gesamtkunstwerk. Die alte See-\nschlange ist wieder einmal da. Und Sie geben ihr\ndas, was man in Ihrer Sprache „eine persönliche\nNote\" nennt. Sie sagen, daß wir „eines neuen\nRegisseurs bedürfen, der, am besten geschult an\nPaul Soheorbarts „Revolutionärer Theaterbifylio-\nthek', kubisch-architektonisch schafft!\". Paul\nScheerbart hat nicht verdient, als Lehrmittel ver-\nwandt zu werden. Wenn Sie die alte Seeschlange\nGesamtkunstwerk „kubischarchitektonisch\" machen\n\nLothar Schreyer\n\nEin Auftritt\nKurt Heynicke\nDer Mann\nDas Weib\nDer junge Mensch\nDer Abend steht im Zimmer\nRosen leuchten aus dem Tisch\nDer junge Mensch. Du Mutter. Du hast\nmeine Jugend getragen.\nDasW e i b. Er lehrte mich fliegen. Unter meine\nkleinsten Federn nahm ich Dich.\nDer junge Mensch. Wer ist Er.\nDa s Weib. Er ist der Erwachende.\nDer junge Mensch. Erwecke mich.\nDa s Weib. Du mußt suchen.\nDer junge Mens eh. Ich suche Dich.\nDas Weib. Mich findest Du nicht. Ich stehe in\nseinem Schatten.\nDer junge Mensch. Es ist kühl im Schatten.\nDas Weib. Ich glühe.\nDer junge Mensch. Ich hasse ihn, der Dich\nverbrennt.\nDa s Weib. Er gab mir Glut. Ich leuchtete Dir.\nDie Lampe hellt auf\nDie Rosen erbleichen\nDerM a n n : Ich bin hier.\nDas Weib: Du kommst.\nDer Mann: Ich gehe wieder.\nDas Weib : Hinaius?\nDer Mann: Hinauf!\nDas Weib: Nimm mich mit.\nDer Mann : Die Gipfel leuchten.\nDer junge Mensch: Bist du Er?\nDer Mann : Ich bin.\nDer junge Mensch: Woher glühst du?\nDer Mann : Ich bin.\nDerjunge M e n s c h : Ich bin ein Mensch.\nDer Mann : Ich bin.\nDie bleichen Rosen sterben\nDas Weib : Nimm mich mit.\nDer Mann : Deine Flügel schatten.\nDie Last wird schwer.\nDein Mitleid fesselt dich.\nDasW e i b : Ich bin seine Mutter.\nDer Mann: Du hast ihn nicht geboren.\nDas Weib : Ich bin seine Sehnsucht.\nDer Mann: Ich bin deine Sehnsucht.\nDas Weib : Gott ist deine Sehnsucht.\nDer Mann: Ich trage dich zu Gott\nDas Weib : Ich weine.\nDer Mann: Um deine Kleider.\nDa s Wei b : Ich weine.\nDer Mann: Um dein Spielzeug.\nDas Weib : Ich weine.\nDer Mann: Um deine Puppe.\nDas Weib: Ich gab alles.\nDer Mann : Deine Puppe,\nDas Weib: Glühe!\nDer Mann: Zerbrich sie.\nDie Lampe lischt\nMond streichelt das Zimmer\nDer Mann: Komm.\nDas Weib : Ich verbrenne!\nDer junge Mensch: Nacht!\nDer Mann: Suche!\nDasW e i b : Liebe!\n\nGesellschaft der Sturmfreunde\nDer Verein für Kunst (sechzehnter Jahr-\ngang, bisheriger Jahresbeitrag 25 Mark), .der\nVereim Sturmbühne (berechtigt zum Be-\nsuch der expressionistischen Aufführungen der\nSturmbühne) und der Sturmklub (bisheriger\nJahresbeitrag 10 Mark) sind vom April 1919 an\nvereinigt als\n\nGesellschaft der Sturmfreunde\nDie bisherigen Mitglieder des Vereins Sturm-\nbühne sind fortan nur als ordentliche oder außer-\nordentliche Mitglieder der Gesellschaft der\nStui mfr eunde zum Besuch der expres-\nsionistischen Aufführungen der Sturm-\nbiihne berechtigt. Diese Maßnahme wurde ge-\ntroffen, um den Wünschen zahlreicher Mitglieder\nentgegenzukommen, die für die Besucher der Auf-\nführungen einen innigeren Anschluß an die künst-\nlerischen Bestrebungen des Expressionismus ver-\nlangen.\n§\n1 Zweck\nDie Gesellschaft der .Sturmfreunde bezweckt\ndie Vereinigung der Anhänger des Expressionis-\nmus, insbesondere des Sturm.\n§\n2 Leitung\nDie G. d. St. wird geleitet durch den Aus-\nschuß. Er besteht aus den Gründern und darf\nsich durch Neuwahl aus den Mitgliedern ergänzen.\nIhm dürfen nur Künstler angehören.\n§\n3 Mitgliedschaft\nDie G. d. St. nimmt auf:\n1. Ordentliche Mitglieder\n2. Außerordentliche Mitglieder.\n§\n4 Rechte der ordentlichen Mitglieder\nDie ordentlichen Mitglieder zahlen einen Jah-\nresbeitrag von 40 Mark. Ihnen stehen folgende\nRechte zu:\n1. Freier Bezug der Der Sturm\nmit -einer oder mehreretii Originalkunstbeilagen\nin jedem Heft (mehrfarbiger Steindruck).\n2. Freier Besuch der Kunstausstellung Der Sturm\n(monatlich wechselnd).\n3. Jährlicher Bezug von zwei Büchern und zwei\nKunstdrucken.\n4. Unentgeltlicher Besuch einer Aufführung der\nSturmbühne.\n5. Besuch der weiteren Aufführungen der Sturm-\nbühne, für die ein Kostenbeitrag zu zahlen ist.\n6. Besuch der Sturmabende zu Vorzugspreisen.\n7. Teilnahme an den regelmäßigen geselligen Zu-\nsammenkünften des Sturm (Sturmklub).\n8. Teilnahme an den großen gesellschaftlichen\nVeranstaltungen des Sturm zu Vorzugspreisen.\n§\n5 Rechte der auBerordentlichen Mitglieder\nDie außerordentlichen Mitglieder zahlen einen\nJahresbeitrag von 12 Mark. Ihnen stehen fol-\ngende Rechte zu:\n1. Freier Besuch der Kunstausstellung Der Sturm.\n2. Besuch der Aufführungen der Sturmbühne, für\ndie ein Kostenbeitrag zu zahlen ist.\n3. Teilnahme an den regelmäßigen geselligen Zu-\nsammenkünften des Sturm (Sturmklub).\n4. Teilnahme an den großen gesellschaftlichen\nVeranstaltungen des Sturm zu Vorzugspreisen.\n§\n6 Aufnahme\nDie Aufnahme in die G. d. St. erfolgt durch\nAusstellung der Mitgliedskarte. Anträge sind zu\nrichten an den Sturm, Berlin W 9, Potsdamer\nStraße 134 a.\n\nHerausgeber Herwarth Waiden\nVerlag Der Sturm 1919 I Berlin W 9\nSechste Folge / Mai 1919\nDruck von Carl Hause / Berlin SO 26"}]}