{"numero_id": "bm-bmtnabb-1914-10-02", "volume": "bmtnabb_1914-10_02", "ocr_sha256": "508de240ed0571cd4343eba802225e454492670e2b33598e863b2966333feb95", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1914/10_02/bmtnabb_1914-10_02.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1914/10_02/bmtnabb_1914-10_02.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1914-10-02-c001", "article_bluemountain": "bmtnabb_1914-10_02#c001", "volume": "bmtnabb_1914-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "9", "page_fin": "9", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.2.1", "titre_corps": "Nun fällt schon das Eithenlaub", "titre_sommaire": "Nun fällt schon das Eithenlaub", "signature_source": "Regina Ullmann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 323, "texte": "Regina Ullmann.\nNun fällt schon das Eithenlaub\nüber Deine Hütte hin\nund Du siehst es nicht mehr;\ndenn Du bist dort\nwo sie es aus glühndem Eisen gießen\nund damit das Herz umkränzen!\nDer Du mit dem Blick\nnur das Deine hieltest,\nDu erhältst nun Deine Welt,\ndie Du noch nicht kanntest\nder Du doch entstammtesy\nDeutscher Held! s"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1914-10-02-c003", "article_bluemountain": "bmtnabb_1914-10_02#c003", "volume": "bmtnabb_1914-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "10", "page_fin": "12", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.2.2", "titre_corps": "Stimme: ,,Geschehen wird es in den fernenTagen,", "titre_sommaire": "Stimme: ,,Geschehen wird es in den fernenTagen,", "signature_source": "Alfred Mombert", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1218, "texte": "Stimme: ,,Geschehen wird es in den fernenTagen,\nda werden Sänger: kommen,wie noch keine. ««\nVoran schreiten Spielleute, zzarfner und Geiger;\nauf dem dürrsten Feld machen sie Halt.\nDann hebt an Gesang und Saitenspiel.\nDann wird das Feld ergrünen, und Büschel duften.\nDann werden Tänzer kommen, wie noch keine;\nauf der Aue beginnen sie den Tanz.\nDann werden Blumen blühen, wie noch keine.\nDann kommt ein großer Frühling über die Welt.\nDann werden Menschen blühen, wie noch keine«.\nSchiffer: Stimme! Weissagende Nacht-Stimme!\nErschütterter Mund: Wer bist du?\nIch vernahm schon deine Klänge.\nDamals lauschte mein Kinder-Tag,\nDa war es still, ich war ein Saamenkorn. e\nHeute bin ich die blitzgesegnete Eiche, .\nund mir blasen eherne Posaunen.\nAus deinen Fernen\nsprichst du mir über die Nacht-Meere« -\nin mein einsam eilendes Schiff. «« :\nIch höre deine Stimme unter Sternen\nim Wogenschwall. s\nDu: wo bist du?\nIst dort Tag?\nSiehst du die Sonne?\nStimme: ,,Ich befahre die Einsamkeit des Poles,\nmein Schiff begleitet die Flöte\nmit ach so schwaclpwehmütiger Musik!\nEs ist immer Tag, ich sehe die Sonne.\nEin Segnender spricht dir, ein Scheidender\nBald ist Stille.\n— Wer aber hört mich? — »\n— Wer ist der Mund, der spricht?« —- i"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1200, "texte": "Schiffer: Wer ich bin? s—-\nDer Krieger zwischen zwei Schlachten\nder ein paar Nächte ausruht auf dem Meer l\nvon der furchtbaren Herrlichkeit des Lebens. i\nEs dampft mein Schiss vorbei asiatischen Küsten, , ,\nan denen rasende Städte türmen und strahlen.\nEs ist warme Sommer- Nacht; i\ndie heißen Blumenstöcke düften.\nIch sitze auf dem Deck. Die Lampe leuchtet\nüber den Tisch, es liegt vor mir ein Buch,\nich lese: Von der Welt-Entstehung,\nvom Geist und der Materie, ,\nvon der Gedanken-Kraft, »\nvom Himmel - Mantel- Träger Zeus,\nvom Fall der Engel, » s\nvonden Weihen des Pythagoras,\nvom wunderbaren Duft des Toten-Reiches,\nvon der Vcnus Asiatica --—\nUnd bin mit dir verbunden über weite Meere\nim trauten Ferngespräch\nEs ist mir eine Freude. . , c\nDurch uns sind jetzt verbunden Tag mit Nacht.\nStimme: ,,Gedenke der Stimme dieser Stunde.\nLaß Alles Andre fahren.\nDeum sempiternum omniscium omnipotentem .\na tergo vidi, ct obstupui — —-«\nSchiffer: Das waren letzte Worte;\nSprache der Toten: Das Gespräch brach ab.\nEr schied ab aus irdischem Zweigesang\nEs schweigt:\nEr zog des Poles Eis-Tuch über sich.\nStimme: Fahre denn hin!\nSchon rufen mir Trompeten von den Küsten.\nLampe, lisch aus! Buch, schließe dich! «"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 551, "texte": "Meer, leb’ wohl!\nZurück ans Land! in das Gefilde!\nZum Sieg- und Ruhmhaft-Sein an Lebens-Horizonte«\nEs beginne die neue Schlacht!\nKommt einst der große Frühling über die Welt,\ndann taut auch auf das Eis der Pole.\nDann kommt ein Gluten über ihre Himmel,\ndann sprießen dort die zartesten Silber-Gräser,\ndann nisten dort die» Schwalben, d\ndann weiden dort die Rehe.\nDann locken dich hervor die Nachtigallem\nDann erfcheinst du wiedergeboren als Blume:\nals die Blume des Poles:\nals holde Himmelfchlüssel-Blume.\nMein Freund: dann lächelst du.\n\nAlfred Mombert"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1914-10-02-c006", "article_bluemountain": "bmtnabb_1914-10_02#c006", "volume": "bmtnabb_1914-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "15", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.2.4", "titre_corps": "welchen Begriff von Flüchtigkeitz Frivolitäy Uneigentlichkeit und Schwäche", "titre_sommaire": "welchen Begriff von Flüchtigkeitz Frivolitäy Uneigentlichkeit und Schwäche", "signature_source": "Thomas Mann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2876, "texte": "1.\nwelchen Begriff von Flüchtigkeitz Frivolitäy Uneigentlichkeit und Schwäche\ngewisse Leute mit dem Worte ,,Geist« verbinden, —- ich weiß es nicht! Der\nGedanke, der ganz Gefühl, das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag;\nein Affekt, der zugleich Gefühl und Gedanke ist, s—- das ist der Geist. Wahr-\nhaftig, ihr seid nicht ganz im Rechte, wenn ihr meint, es entwürdige das Leben,\nindem er sich einen Jus: daraus mache «—- und das Leben nehme ihm alle Würde\nund lasse ihn gänzlich verbleichen, wenn es sich mächtig emporrichte. Geist ist\nGefühl und Wahrheit, cr ist wirklichster Ernst — wie sollte er Raub sein an\nernstester Wirklichkeit! »\nErnsteste Wirklichkeit dünkt euch der Krieg, ——— und also, meint ihr, dürfe\nsich der Geist nicht neben ihn stellen, nicht sich mit ihm in Beziehung setzen,\nohne vom allgemeinen Zzohngelächter hinweggefegt zu werden ? Aber der Krieg,\nwie alles Leben,»hat den Geist stets nötig gehabt. Er verdankt ihm die eigene\nApologiex die moralische vor allem — wir wollen ganz von der ästhetischen\nschweigen —— und wenn es unstatthaft und erbärmlich wäre, anläßlich des\nKrieges Geist zu haben, so dürfte ein braver Unteroffizier Schillern auf seine\nLobpreisung des Krieges in der »Braut von Messina« entgegnenrt ,,Lieg erst\nvier Tage lang ohne was Warmes in einem Schützengraben voll Regenwasser,\nso wirst du mitreden dürfen«\nWie, der Gedanke bestünde nicht neben der Wirklichkeit? Aber wenn der\nKrieg Geist zeitigt, so geschieht es vielleicht, weil der Geist den Krieg zeitigtel\nEs ist Philister-Mesquinerie, sich mißtrauisch und abschätzig gegen die ,,Literatur«\nzu verhalten, als sei sie gänzlich ein Friedenslupus, die Prätension lächerlicher\nPreziöser, wit welcher es unter den gewaltigen Wirklichkeitsumständen von\nheute »gründlich zu Ende« r sei. Wißt denn ihr, welchen Anteil vielleicht gewisse\nWendungen und neue Willensmeinungen der Literatur an der Wirklichkeit dieses\nKrieges haben und daran, daß er geistig möglich wurde? Unter den drei, vier\nBüchern, die sich am häufigsten in den« Tornistern unserer im Feld stehenden\nJugend finden, wird ,,also sprach Zarathustra« genannt. .. .\n2.\nDie Zweiheit von Gedanke« und Wirklichkeit, die Kluft und Fremdheit\nzwischen dem Geist und dem Leben ist allerdings eine seelische Wahrheit, ein\nKünstlererlebnis zumal, —- es war der Schmerz, den meine Jugend am besten\nerfuhr. Aber früh auch ward ich gewahr, daß in den Beziehungen zwischen\nihnen alles Glück der Welt beschlossen sei. Neigte der Geistüsich nicht werbend\nzum Leben und sagte ihm schineichelnd, daß es die Schönheit sei? Aber wie\nlächelte nun gar die Natur, wenn das Leben sich huldigend vor dem Geiste\nneigte, —— weil es sichin ihm wiedererkanntel EinigeLWeise undDichter haben\ndafür gehalten, daß hier Eros sei und nirgends sonst, — in diesem zarten,\nseligen, schmerzlichen, diesem göttlichen Hin und Wider zwischen Leben und Geist."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3029, "texte": "3.\nWas; ist Künstlerfreiheit und KünstlerschicksaU ——- Im Gleichnis zu leben.\n—- Nenne ein Beispiel! -—— Hier ist eins: Soldatisch zu leben aber nicht als\nSoldat. —- Aber dabei ist keine Ehre; denn E!)re hat nur die Wirklichkeit. —-\nWirklich? Der große Kant jedoch war ein Krüppel, der nicht einmal zum\nGarnisonsdienst getaugt hätte, und er war der erste Moralist des deutschen\nSoldatentums.\nIa und ja! Es gibt nur einen wirklich ehrenhaften Platz heute, und es\nist der vor dem Feind. Wenn unser Zzerz für Deutschland im Kampfe liegt,\n—— wir verstehen uns allzu gut auf jene zzumanitätz welche die Ehre des Leibes\nwill vor der der Seele; und so mag derjenige wohl in seiner Ehre leiden, dem\nes auch heute nicht erlaubt ist, wirklich zu sein, dem es selbst diesmal verhängt\nbleibt, im Gleichnis zu leben. Doch siehe da....\nGute Feldpost kam an mehreren Tagen, kam aus den .Argonnen, aus den\nFeldbefestigungen vor Verdun, dorther, wo die ehrenhafte Wirklichkeit, die\nwirklichste Ehre ist. Kämpfer für Deutschland, Ulanen, freiwillige Schützen,\ndie ich nicht kenne, adelige und gelehrte Jugend, die sich täglich riskiert, -—-\nan einem Bauerntisch im Gebirgsquartier oder, die Flinte im Arm, den Rücken\ngegen den feuchten Abhang des Grabens gelehnt, schrieben sie, das Papier auf\ndem Knie, schrieben mit Bleistift, daß sie, »vor sich den Feind und den Sieg«,\nmanchmal von dem miteinander sprächen, was ich gemacht, namentlich von\ndem letzten, einer Geschichte vom Tode, und daß diese ihnen ,,niemals näher war-«.\nDie ihr zu klug seid euch hinzugeben und spöttisch denen zuschaut, die es\ntun, — macht, was ihr wollt, daraus, daß ich es mitteile, lacht mich derb oder\nhöhnisch aus, weil ich genügsam, sentimental oder eitel genug bin, glücklich\ndarüber zu sein, — ich trotze dem, und es ist mir ganz einerlei. Ein Gebild,\nwelches heute und dort besteht, vor den Augen derer, die dort draußen ein\nLeben der höchsten, wirklichsten Ehrenhaftigkeit führen, und welches ihnen ,,nie\nnäher war«, —-— kann es so falsch, so schmählich sein, wie viele von euch aus-\nschrieen, als ich es hingab? Welche Feuerprobe verlangt ihr, worin es sich\nals Affekt, als Geist, als Wahrheit bewähre?\nEs ist Kleinmut, zu glauben, der Gedanke müsse vor der Wirklichkeit in\nUnehre vergehen; es ist nichts als gemein, sich gar noch etwas zugute darauf\nzu tun, daß der Geist heute von der Wirklichkeit erdrückt und ins Nichts ver-\nwiesen werde. Der Geist, ihr Z9ändereiber, war dem Leben ,,niemals näher«,\nals eben jetzt, -— das Leben! selbst sagt es, und da ihr vorgebt, es so sehr zu\nachten, nun, so glaubt ihm!\nIch weiß wohl, wüßte es auch ohne Gruß und Bekräftigung von dort-\nher, daß mein Denken und Dichten nicht ohne Beziehungen zu den Ereignissen\nwar und ist. Mein bischen Werk, sterblich und nur halbgut wie es immer\nsei, — wenn in seinen Gleichnissen etwas von dem lebendig ist, was heute\nmit einem Welt-Gassenwort »der deutsche Militarismus« heißt, so hat es\nEhre und Wirklichkeit, so hat die Wirklichkeit von seiner Ehre und s einem Geist.\n\nThomas Mann"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1914-10-02-c007", "article_bluemountain": "bmtnabb_1914-10_02#c007", "volume": "bmtnabb_1914-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "16", "page_fin": "18", "image_debut": 8, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.2.5", "titre_corps": "clluf der Bühne vorne in kleinem Abstand voneinander die Erzengel Michael", "titre_sommaire": "clluf der Bühne vorne in kleinem Abstand voneinander die Erzengel Michael", "signature_source": "Franz Blei", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2981, "texte": "clluf der Bühne vorne in kleinem Abstand voneinander die Erzengel Michael\nund Gabriel, in dunklen starren Gewändern. Schicklich im Raume der heilige\nAndreas im reifen Mannesalter, der heilige Sergius, ein Greis, die Jungfrau\nvon Orleans im Brustpanzer mit der Fahne und der heilige Georg in vollem\nPan3er. Michael hält das Schwert, Gabriel den Schild)\nMich ael: In großer Wirrnis lagen die Erdengeschöpfe, so Hirten wies Herde,\nund lebten in währendem Verluste am Rande der Finsternis Gabriel: Ver-\nloren waren die Schlüssel zu den himmlischen Inzeichen des-Herzens, denn\nblind ist der Glaube, das Herzsaber ist sehend. Michael: Abgefallen von\ndem, der sie schuf, waren sie Feinde sich selber und waren Feinde einander in\ntausend Waffen. Gabriel: Falsche Liebe war es, die sie verband, und\nfalscher Haß war es, der sie trennte, und sie wußten nicht, da sie alles wissend\nsich dünktem Und schritten im Hochmut ihres Wissens. Michael: Da ver-\nhüllte der Herr sein Haupt und wandte sich ab von dem Erstling seiner\nSchöpfung, wandte sich ab von der Erde, und der Himmel sprach nicht mehr\nzu ihr. Gabriel: Wo« aber der Himmel nicht mehr spricht im Herzen, da\nschreit die Erde, und der Erde Herz ist eine klopfende Wunde geworden.\nMichael: Doch des Allmächtigen Auge ruht längst auf anderer Sterne Ge-\nschöpfen, die Er schuf, da die Erdlichesn ihn verließen. Gabriel: Nur\nEuer Bitten, Ihr, die Ihr Gott mehr liebtet als das Leben, Ihr bewegt\nSein Erbarmen in Zeiten Eurer höchsten Not. Michael: Denn die Güte\ndes Herrn ist ohne Maß und ohne Ende. Gabriel: Und Er gibt um\nEuretwillen dem Schreien der Erdgeschöpfe sein Ohr, Ihr heilige Mittler\ndessen, was die Menschen ihr Beten nennen. Michael: Die Tore des Him-\nmels sind Eurer Fürsprache aufgetan. Gabriel: Bringt, was unten Eure\nMenschen rufen, vor den Thron: des Allmächtigem Michael: Daß Du für\nsie bittest, hör’ was sie beten.\n(Unter der Bühne s chwermütiges Singen wie bei einer Prozession, in das sich\nRufe-i, Schreien, Peitschenkiialleii und Fluchen mischen.)\nSergius Omch einer weiten: Sie sagen, o Herr in den Höhen, daß sie Dir\ndienten in vielen zehntausend Kirchen und Kapellen und daß sie Dir Lichter\nund Bilder weihten ohne: Zahl und nicht duldeten solche, die anders glaubten\nals Dich. Sie sagen, daß sie um Deines Sohnes willen das schwere Ioch\nwillig trugen, das ihnen auferlegten ihre Oberen und kaum daran rührten\num dessentwillem der für sie das Kreuz getragen. Sie sagen, daß sie nicht\nfreien Willens seien um Deinetwillen, o Herr, und darum dumpf folgen dem\nGeheiß ihrer Obern, denn alles Erdentum ist ihnen ein-Ekel. Da sie so lebten,\ndas Leben für Dich. zu töten, o Herr, bitten sie um den Sieg ihrer Waffen,\ndie sie tragen nach dem Gebot ihre-r Herren, nicht nach ihrem eigenen Willen.\nHab Erbarmen mit ihnen, o Herr!\n(Die Erzengel lauschen nach der Höhe: ein mählich ans chwellender und jäh in\nhöchster Stärke abbrechender Septimenakkord der Posaunen tönt hernieder.\nSergius verhüllt sein Haupt in den Hände-u)"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2829, "texte": "Michael: ZeumKnechte ward, Sergius, Dein Volk, und spie an in Vertierung,\nwas Gott ihm gab zu dankender Hinnsahme Gabriel: Sie achteten das.\nGeschenk des Lebens für nichts und wurden so des Bösen Beute und wehrten\ndes Bösen nicht. Wer aber gegen das Leben ist, der ist gegen Gott. Mich ael:\nWer das Leben so von sich wirft voll Verachtung, der schmäht des Herrn«\nGabe und tut: Gott ab, da er fein Werk abtut. Der Allweise hat Dein Gebet\nnicht erhört, Sergi-ues. Gabriel: Deine- Scharen rufen Dich Andreas, zur\nFürsprache Hör, was sie beten: «\n(Ein mißtönend ges ungener Psalm von unten, vermengt mit der Stimme eines\nPredigers, Rufen und zählen)\nAndreas: Sie schlagen den harten Blick in falscher Demut zu Dir auf,\no Herr, aber hab’ Erbarmen mit ihnen. Sie sündigten vielfach, so sagen sie,\naber sie gaben nie ein lautes Ärgernis. Sie ziehen in den Kampf zur Wahrung\ndessen, was Rechtens ist in geschlossenen Verträgen. Hör’ ihr Gebet, o Herr,\nund achte nicht, daß sie es nur mit gespaltener Zunge noch sprechen können.\nVers age ihnen nicht Deine Güte und gieße Dein Mitleid über die Verdürstendem\n(Di«e Erzengel lauschen in die Höhe: Der Septimeiiakkord der Posaunen bricht\nwie früher jäh ab und Andreas sinkt erschüttert zusammen)\nMichael: In Hochmut dient, Andreas, das Volk Deiner Fürsprache dem\nHerrn, und heimlicher Sünde ist es ergeben hinter den durchsichtigen Wänden\nseiner Tugend. Wer wahrhaft das Rechte tut, der tut es in heimlicher Demut.\nGabriel: Recht fund Recht hält die Waage des: Herrn allein und keines\nMenschenvolkes Hände sind rein und stark genug, die Waage zu halten. Dein\nVolk ist vermessen, Andreas- Mich ael: Macht verwirrt Deines Volkes Sinn,\ndoch ist es irdische Macht und fällt so unter die Beuge des Herrn. Es liebte\nDein Volk Gottes Erde nicht anders, es änderte sie denn zuvor nach seinem\nDünkel. Gabriel: Und wollte sechs Tage Verrat des Himmels mit einem\nTage schaustelliger Buße sich erkaufen. Gott, der gestrenge Richter, hat Dein\nGebet nicht erhört, Andreas. Mich ael: Deine Scharen rufen Dich, Jungfrau,\nzur Fürsprache Hör, was sie beten.\n(Man hört von unten stüekiveise die Marseillaisq Rufe wie Patrie, Gloire,\n» ein Kirchenlied von Frauen— und Kinderstimmenq ,\nDie Jungfrau: Deines Sohnes benedeite Mutter, o Herr, gab mir die\nFahne, daß ich mein Volk mit ihr zum Siege führe, dessen Gnade du ihm\nschenktest. Hab Erbarmen, o Herr, mit Deinen Kindern auf Frankreichs Erde.\nMeines Volkes Herz ist voll Bitternis, denn des Besiegten Leben geht in\nTrauer und der Schrei nach Rache erstickt sein Gebet. Du prüftest uns ein-\nmal, o Herr, und hast: uns zu schwach befunden. Du prüfst uns zum andern\nMale, nun gib uns die Stärke, daß wir Dir fürder dienen nach Deinem\nGeheiß,\n« (Von oben die Stimme des Herrn im Septimenakkord der Posaunen;\ndie Jungfrau neigt ihr Haupt in die Falten der Fahne) i"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1891, "texte": "Gabriel: Liebste Kinder ward Ihr dem Herrn, und untreueste vor allen\nandern seid Ihr geworden. Um die Sergius bat und denen Ihreuch ver-\nbandet, die taten das Leben ab um Gottes Willen. Michael: Und die\nDeinen, Jungfrau, taten Gott ab, um des Lebens willen. Wer aber gegen\nGott ist, der ist gegen das Leben. Der nichts als das Leben liebt, dem wandelt-\nes sich zur Lüge. Gabriel: So wuchs aus dem ausgedörrten Acker von\nDeines iVolkes Seele der zarte Halm, der Vaterland heißt, in ein üppiges\nGiftkraut, das nichts sonst gedeihen ließ, was des Herrn Güte an Samen der\nSeele schenkte. Michael: Und Ruhm, der ieinst Deine Helden zierte, wurde\nzum prahlenden Worte Deiner schwächsten Kinder, und er versank in eitlen\nWahn. Und machtet ein Götzenbild aus Euch selber, da Ihr Gott verloret.\nGabriel: So seid Ihr auch zur andern Probe zu schwach befunden und\nkein Ohr fand, was Du batest, Jungfrau, vor dem strafenden Gotte.\nMichael: Deine Scharen rufen zu Dir, Georg, hör was sie bitten. z\n(Von unten ein ganz gleichförmiges, stilles Beten einer großen Menge;\nUiånnery Kinder» Frauenstimmen.)\nDer heilige Georgxi use— ksiiet nieder) Gib uns Tränen, o Herr, daß wir\nunsern Abfall von Dir abwaschen von unserem beschcimten Antlitz. Wir gingen\nfalsche Wege und werden siespfürder zu meiden die Kraft in unserm Herzen\nnicht finden. Züchtigc uns, o Herr, wenn es in Deinem unerforschlichen Rate\nüber uns beschlossen ist. Segne uns, o Herr, wenn wir es um Deinetwillen\nund nur um Deinetwillen verdient haben. Denn nichts als Dein Wille geschehe\nin alle Ewigkeit, Herr Gott in Deinem Reiche, Amen.\n(Aus der Höhe ein voller E -Dur -Akkord, der von Harfen bis in das letzte\nVerklingen gebrachtwird Der Erzengel Michael gibt Georg sein Schwert, der\nErzengel Gabriel gibt ihm seinen Schild. Der Vorhang geht langsam zusammen,\nwährend vom Unterraum der Bichne die Rufe: Gott mit uns! herauftönen)\n\nFranz Blei"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1914-10-02-c009", "article_bluemountain": "bmtnabb_1914-10_02#c009", "volume": "bmtnabb_1914-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "22", "image_debut": 12, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.2.7", "titre_corps": "Dieser Krieg ist über alle Gegensätze der Rassen und Nationen hinaus zu", "titre_sommaire": "Dieser Krieg ist über alle Gegensätze der Rassen und Nationen hinaus zu", "signature_source": "Wilhelm Worringer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2861, "texte": "Dieser Krieg ist über alle Gegensätze der Rassen und Nationen hinaus zu\netwas viel Schlimmeren geworden: zu einer Art von Kampf zwischen zwei\nverschiedenen Geschlechterm\nEin Strindberg täte not, der mit all der bitteren Analyse des Wissenden\nhineinleuchte in die hossnungslose Tragik dieses Geschlechterkampfs, den unsere\nMännlichkeit nun auszukämpfen hat mit der um keine phantastische Selbst-\ntäuschung verlegenen Zzysterie unserer Feinde.\n, Wir werden siegen in diesem Kampf; werden siegen mit den aufs höchste\nangespannten Muskeln unserer geistigen Energien, werden siegen nicht zuletzt\nauch mit der Gewalt unserer so glänzend organisierten und disziplinierten\nkörperlichen Energien, mit jener Körperkraft, die man brutal nennen mag, die\naber anbetungswürdig ist, wenn man es mit einer verzweifelten, unberechen-\nbaren Schaden stiftenden Hysterie zu tun hat.\nAber wie wird uns dieserSieg trotz aller jubelnden Genugtuung schmerzen,\nwie wird unser Lachen am Ziel entstellt sein durch die Schatten eines unter-\nirdischen Grams, durch die aufzuckende Erkenntnis, daß solche Zzysterie nur\nunschädlich gemacht, nicht aber eigentlich besiegt werden kann. Wir werden\ndasitzen, wie die Strindbergschen Männer dasitzen, wenn die Schlacht geschlagen\nund sie äußerlich das Feld behaupten, werden dasitzen mit einem durch heim-\nlichen Ekel verzerrten Lachen und mit einem allen Siegestriumph langsam auf-\nsaugenden Ohnmachtsgefühl Denn das letzte Wort wird doch die Frau mit\nihrer Hysterie behalten und was schlimmer ist, auch den letzten Applaus.\ne Wo ist je der Kampf gewesen zwischen männlichem Rechtsgefühl und weib-\nlicher System, wo die Frau nicht die applaudierenden Unbeteiligten auf ihrer\nSeite gehabt und alles gedankenlose Publikumsmitleid mobil gemacht hätte\ngegen den brutalen Vergewaltiger ihrer armen lügenhaften Seele! Was wollen\nmännliches Rechtsbewußtsein und männliche Logik ausrichten gegen hemmungs-\nlose weibliche Gefühlssophistik, die mit der katzenhaften Geschmeidigkeit der\nSelbstverteidigung jeden Sieg der männlichen Logik und männlichen Kraft fo\numzudeuten weiß, daß er am Ende zu einer moralischen Niederlage für den\nMann wird! Wer kennt nicht das alte traurige Spiel, das den Geschlechter-\nkampf so vergiftet?\nWir werden nur das Recht für uns haben und die Wahrhaftigkeit, die\nFrau aber die Einbildung und den Applaus\ng Damit müssen wir uns absinden, auch mit jenen schmerzlichsten Stunden,\nvon denen Strindberg spricht, in denen unter der Suggestion der unverwüst-\nlichen weiblichen Gefühlstheatralik auch die besten Freunde des Mannes sich\nmit merkbarer Kühle zurückziehen und damit Objektivität zu markieren vor-\ngeben. Das Bild dieses Verrat-s an der gemeinsamen Männlichkeit, heute\nzeigen es uns jene neutralen Staaten, die doch dieselbe moralische Sprache wie\nwir sprachen und doch auf einmal so merkwürdig harthörig für uns geworden"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2856, "texte": "sind. Wir wollen es ruhig aussprechen, wie uns jene sogenannte moralische\nNeutralität der Schweiz, Hollands und Skandinaviens schmerzt. Es ist, um\nes zu wiederholen, ein Verrat an der gemeinsamen Männlichkeit, eine Kapi-\ntulation vor der Lüge.\nMan tröste uns nicht mit der historischen Gerechtigkeit, die uns rehabilitieren\nwerde. Ich glaube nicht an die sogenannte historische Wahrheit. Wahr bleibt\nletzten Endes nicht das, was wirklich wahr ist, sondern das, was von den meisten\nMenschen für wahr gehalten wird. Wo keine Bereitwilligkeit zum Glauben\nist, da kämpft sich auch keine Wahrheit durch. Auch die Wahrheitsbildung\nregelt sich nach den Bedingungen der Nachfrage. Und so wird sich denn die\ngroße hysterische Lüge unserer Feinde nach dem Gesetz des geringsten Wider-\nstands über den größten Teil der bewohnten Erde verbreiten und eines Tages\nunantastbare historische Wahrheit geworden fein. Mit anderen Worten, die\nweibliche Zzysterie wird auch nach ihrer äußeren Unschädlichmachung das letzte\nWort behalten und die glänzend inszenierte und s krupellos bediente Weltpresse\nunserer Feinde wird die Genugtuung behalten, historische Wahrheit gemsacht zu\nhaben. Dann werden wir erst spüren, was Ekel ist.\nAber dieser Ekel wird uns nur noch mehr zusammenschließem wird uns\nnur noch mehr bestärken in dem Gefühl der ernsten Mission unserer Männ-\nlichkeit. Nicht um die Männlichkeit im kraftmeierischen Sinn handelt es sich\nhier, das wissen wir, sondern um die Männlichkeit im Strindløergischen Sinne,\nd. h. um den Geist der entschlossenen Sachlichkeit und um den Geist des\nmoralischen Verantwortlichkeitsbewußtseins, um jenen Geist, den man auch\nkurz den Geist von 1813 nennen kann. Denn das war uns doch allen dsas\ngrößte Erlebnis in diesen Wochen, daß dieses 1813 noch heute lebt. Wie\nrauschten die alten Ströme wieder, die im neuen Deutschland ganz verstummt\nschienen. Wie überraschte es uns, uns auf einmal wieder geadelt zu sehen.\nNun sind schon viele Wochen dahin und wir haben mit dem alten Adel auch\nunseren alten Stolz wieder gefunden. «\nDieser Stolz wagt es, heute ohne Erröten zu sprechen von dem deutschen\nWesen, an dem die Welt genesen soll. Welch eine Wandlung: vor zehn\nWochen wäre es uns noch als eine Blasphemie an unserem Kulturbewußtsein\nerschienen, dies einseitige Wort auszusprechen, heute aber haben wir den Mut\nund das Recht zu diesem Wort gefunden. Das haben die zehn Wochen ver-\nmocht, in denen die ganze Welt, von der Zgysterie unserer Feinde angesteckt,\nsich in einer wilden Orgie des Deutschenhasses verbrüderte, jene zehn Wochen,\nin denen man unsere nationale Anständigkeit durch den Schmutz der ganzen\ngroßen und kleinen Weltpresfe gezogen hat, jene zehn Wochen, in denen von\nden Serben bis zu den Zzereros der Schlachtruf gegen die deutsche Barbarei\nund Unkultur erscholl, kurz, jene zehn Wochen, in denen jede Scham, jeder"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 585, "texte": "Anstand, jede Wahrhaftigkeit und jedes moralische Verantwortlichkeitsgefühl\nzu den Hunden gesiohen zu sein schien. Diese schlimmen Erfahrungswochen\nhaben uns alle gelehrt, unseren oft lauen Patriotismus der Gewohnheit zu\neinem erbitterten Patriotismus der Überzeugung zu machen. Nur einige\nbleiben unbelehrt, nur einige glauben, noch den überlegenen Geist markieren\nzu müssen, indem sie schadenfroh» das Lessingsche Wort von der heroischen\nSchwachheit des Patriotismus wiederholen. Nun, ich beneide diese Herren\nnicht um die unheroische Kraft, jetzt kühl zu bleiben.\n\nWilhelm Worringer"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1914-10-02-c012", "article_bluemountain": "bmtnabb_1914-10_02#c012", "volume": "bmtnabb_1914-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "24", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.2.9", "titre_corps": "Inhalt des vorigen Heftes:", "titre_sommaire": "Inhalt des vorigen Heftes:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 368, "texte": "Inhalt des vorigen Heftes:\nAugust 1914 J Willy Nowak -— Orig.-Steindruck J Michael Georg\nConrad ———— Wåchterruf J Maria Caspar-Filser -—— Orig.-Steindruck J\nEduard Graf Keyserling —- Das Wunder von heute J Adolf Schin-\nnerer ——— Origksteindruck J Rainer Maria Rilke —- Wir haben eine Er-\nscheinung J Werner Schmidt —- Orig.-Steindruck J Annette Kolb —\nIch denke zurück"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.1", "texte": "Regina Ullmann.\nNun fällt schon das Eithenlaub\nüber Deine Hütte hin\nund Du siehst es nicht mehr;\ndenn Du bist dort\nwo sie es aus glühndem Eisen gießen\nund damit das Herz umkränzen!\nDer Du mit dem Blick\nnur das Deine hieltest,\nDu erhältst nun Deine Welt,\ndie Du noch nicht kanntest\nder Du doch entstammtesy\nDeutscher Held! s"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.2", "texte": "Stimme: ,,Geschehen wird es in den fernenTagen,\nda werden Sänger: kommen,wie noch keine. ««\nVoran schreiten Spielleute, zzarfner und Geiger;\nauf dem dürrsten Feld machen sie Halt.\nDann hebt an Gesang und Saitenspiel.\nDann wird das Feld ergrünen, und Büschel duften.\nDann werden Tänzer kommen, wie noch keine;\nauf der Aue beginnen sie den Tanz.\nDann werden Blumen blühen, wie noch keine.\nDann kommt ein großer Frühling über die Welt.\nDann werden Menschen blühen, wie noch keine«.\nSchiffer: Stimme! Weissagende Nacht-Stimme!\nErschütterter Mund: Wer bist du?\nIch vernahm schon deine Klänge.\nDamals lauschte mein Kinder-Tag,\nDa war es still, ich war ein Saamenkorn. e\nHeute bin ich die blitzgesegnete Eiche, .\nund mir blasen eherne Posaunen.\nAus deinen Fernen\nsprichst du mir über die Nacht-Meere« -\nin mein einsam eilendes Schiff. «« :\nIch höre deine Stimme unter Sternen\nim Wogenschwall. s\nDu: wo bist du?\nIst dort Tag?\nSiehst du die Sonne?\nStimme: ,,Ich befahre die Einsamkeit des Poles,\nmein Schiff begleitet die Flöte\nmit ach so schwaclpwehmütiger Musik!\nEs ist immer Tag, ich sehe die Sonne.\nEin Segnender spricht dir, ein Scheidender\nBald ist Stille.\n— Wer aber hört mich? — »\n— Wer ist der Mund, der spricht?« —- i"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.3", "texte": "Schiffer: Wer ich bin? s—-\nDer Krieger zwischen zwei Schlachten\nder ein paar Nächte ausruht auf dem Meer l\nvon der furchtbaren Herrlichkeit des Lebens. i\nEs dampft mein Schiss vorbei asiatischen Küsten, , ,\nan denen rasende Städte türmen und strahlen.\nEs ist warme Sommer- Nacht; i\ndie heißen Blumenstöcke düften.\nIch sitze auf dem Deck. Die Lampe leuchtet\nüber den Tisch, es liegt vor mir ein Buch,\nich lese: Von der Welt-Entstehung,\nvom Geist und der Materie, ,\nvon der Gedanken-Kraft, »\nvom Himmel - Mantel- Träger Zeus,\nvom Fall der Engel, » s\nvonden Weihen des Pythagoras,\nvom wunderbaren Duft des Toten-Reiches,\nvon der Vcnus Asiatica --—\nUnd bin mit dir verbunden über weite Meere\nim trauten Ferngespräch\nEs ist mir eine Freude. . , c\nDurch uns sind jetzt verbunden Tag mit Nacht.\nStimme: ,,Gedenke der Stimme dieser Stunde.\nLaß Alles Andre fahren.\nDeum sempiternum omniscium omnipotentem .\na tergo vidi, ct obstupui — —-«\nSchiffer: Das waren letzte Worte;\nSprache der Toten: Das Gespräch brach ab.\nEr schied ab aus irdischem Zweigesang\nEs schweigt:\nEr zog des Poles Eis-Tuch über sich.\nStimme: Fahre denn hin!\nSchon rufen mir Trompeten von den Küsten.\nLampe, lisch aus! Buch, schließe dich! «"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.4", "texte": "Meer, leb’ wohl!\nZurück ans Land! in das Gefilde!\nZum Sieg- und Ruhmhaft-Sein an Lebens-Horizonte«\nEs beginne die neue Schlacht!\nKommt einst der große Frühling über die Welt,\ndann taut auch auf das Eis der Pole.\nDann kommt ein Gluten über ihre Himmel,\ndann sprießen dort die zartesten Silber-Gräser,\ndann nisten dort die» Schwalben, d\ndann weiden dort die Rehe.\nDann locken dich hervor die Nachtigallem\nDann erfcheinst du wiedergeboren als Blume:\nals die Blume des Poles:\nals holde Himmelfchlüssel-Blume.\nMein Freund: dann lächelst du.\n\nAlfred Mombert"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.6", "texte": "1.\nwelchen Begriff von Flüchtigkeitz Frivolitäy Uneigentlichkeit und Schwäche\ngewisse Leute mit dem Worte ,,Geist« verbinden, —- ich weiß es nicht! Der\nGedanke, der ganz Gefühl, das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag;\nein Affekt, der zugleich Gefühl und Gedanke ist, s—- das ist der Geist. Wahr-\nhaftig, ihr seid nicht ganz im Rechte, wenn ihr meint, es entwürdige das Leben,\nindem er sich einen Jus: daraus mache «—- und das Leben nehme ihm alle Würde\nund lasse ihn gänzlich verbleichen, wenn es sich mächtig emporrichte. Geist ist\nGefühl und Wahrheit, cr ist wirklichster Ernst — wie sollte er Raub sein an\nernstester Wirklichkeit! »\nErnsteste Wirklichkeit dünkt euch der Krieg, ——— und also, meint ihr, dürfe\nsich der Geist nicht neben ihn stellen, nicht sich mit ihm in Beziehung setzen,\nohne vom allgemeinen Zzohngelächter hinweggefegt zu werden ? Aber der Krieg,\nwie alles Leben,»hat den Geist stets nötig gehabt. Er verdankt ihm die eigene\nApologiex die moralische vor allem — wir wollen ganz von der ästhetischen\nschweigen —— und wenn es unstatthaft und erbärmlich wäre, anläßlich des\nKrieges Geist zu haben, so dürfte ein braver Unteroffizier Schillern auf seine\nLobpreisung des Krieges in der »Braut von Messina« entgegnenrt ,,Lieg erst\nvier Tage lang ohne was Warmes in einem Schützengraben voll Regenwasser,\nso wirst du mitreden dürfen«\nWie, der Gedanke bestünde nicht neben der Wirklichkeit? Aber wenn der\nKrieg Geist zeitigt, so geschieht es vielleicht, weil der Geist den Krieg zeitigtel\nEs ist Philister-Mesquinerie, sich mißtrauisch und abschätzig gegen die ,,Literatur«\nzu verhalten, als sei sie gänzlich ein Friedenslupus, die Prätension lächerlicher\nPreziöser, wit welcher es unter den gewaltigen Wirklichkeitsumständen von\nheute »gründlich zu Ende« r sei. Wißt denn ihr, welchen Anteil vielleicht gewisse\nWendungen und neue Willensmeinungen der Literatur an der Wirklichkeit dieses\nKrieges haben und daran, daß er geistig möglich wurde? Unter den drei, vier\nBüchern, die sich am häufigsten in den« Tornistern unserer im Feld stehenden\nJugend finden, wird ,,also sprach Zarathustra« genannt. .. .\n2.\nDie Zweiheit von Gedanke« und Wirklichkeit, die Kluft und Fremdheit\nzwischen dem Geist und dem Leben ist allerdings eine seelische Wahrheit, ein\nKünstlererlebnis zumal, —- es war der Schmerz, den meine Jugend am besten\nerfuhr. Aber früh auch ward ich gewahr, daß in den Beziehungen zwischen\nihnen alles Glück der Welt beschlossen sei. Neigte der Geistüsich nicht werbend\nzum Leben und sagte ihm schineichelnd, daß es die Schönheit sei? Aber wie\nlächelte nun gar die Natur, wenn das Leben sich huldigend vor dem Geiste\nneigte, —— weil es sichin ihm wiedererkanntel EinigeLWeise undDichter haben\ndafür gehalten, daß hier Eros sei und nirgends sonst, — in diesem zarten,\nseligen, schmerzlichen, diesem göttlichen Hin und Wider zwischen Leben und Geist."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.7", "texte": "3.\nWas; ist Künstlerfreiheit und KünstlerschicksaU ——- Im Gleichnis zu leben.\n—- Nenne ein Beispiel! -—— Hier ist eins: Soldatisch zu leben aber nicht als\nSoldat. —- Aber dabei ist keine Ehre; denn E!)re hat nur die Wirklichkeit. —-\nWirklich? Der große Kant jedoch war ein Krüppel, der nicht einmal zum\nGarnisonsdienst getaugt hätte, und er war der erste Moralist des deutschen\nSoldatentums.\nIa und ja! Es gibt nur einen wirklich ehrenhaften Platz heute, und es\nist der vor dem Feind. Wenn unser Zzerz für Deutschland im Kampfe liegt,\n—— wir verstehen uns allzu gut auf jene zzumanitätz welche die Ehre des Leibes\nwill vor der der Seele; und so mag derjenige wohl in seiner Ehre leiden, dem\nes auch heute nicht erlaubt ist, wirklich zu sein, dem es selbst diesmal verhängt\nbleibt, im Gleichnis zu leben. Doch siehe da....\nGute Feldpost kam an mehreren Tagen, kam aus den .Argonnen, aus den\nFeldbefestigungen vor Verdun, dorther, wo die ehrenhafte Wirklichkeit, die\nwirklichste Ehre ist. Kämpfer für Deutschland, Ulanen, freiwillige Schützen,\ndie ich nicht kenne, adelige und gelehrte Jugend, die sich täglich riskiert, -—-\nan einem Bauerntisch im Gebirgsquartier oder, die Flinte im Arm, den Rücken\ngegen den feuchten Abhang des Grabens gelehnt, schrieben sie, das Papier auf\ndem Knie, schrieben mit Bleistift, daß sie, »vor sich den Feind und den Sieg«,\nmanchmal von dem miteinander sprächen, was ich gemacht, namentlich von\ndem letzten, einer Geschichte vom Tode, und daß diese ihnen ,,niemals näher war-«.\nDie ihr zu klug seid euch hinzugeben und spöttisch denen zuschaut, die es\ntun, — macht, was ihr wollt, daraus, daß ich es mitteile, lacht mich derb oder\nhöhnisch aus, weil ich genügsam, sentimental oder eitel genug bin, glücklich\ndarüber zu sein, — ich trotze dem, und es ist mir ganz einerlei. Ein Gebild,\nwelches heute und dort besteht, vor den Augen derer, die dort draußen ein\nLeben der höchsten, wirklichsten Ehrenhaftigkeit führen, und welches ihnen ,,nie\nnäher war«, —-— kann es so falsch, so schmählich sein, wie viele von euch aus-\nschrieen, als ich es hingab? Welche Feuerprobe verlangt ihr, worin es sich\nals Affekt, als Geist, als Wahrheit bewähre?\nEs ist Kleinmut, zu glauben, der Gedanke müsse vor der Wirklichkeit in\nUnehre vergehen; es ist nichts als gemein, sich gar noch etwas zugute darauf\nzu tun, daß der Geist heute von der Wirklichkeit erdrückt und ins Nichts ver-\nwiesen werde. Der Geist, ihr Z9ändereiber, war dem Leben ,,niemals näher«,\nals eben jetzt, -— das Leben! selbst sagt es, und da ihr vorgebt, es so sehr zu\nachten, nun, so glaubt ihm!\nIch weiß wohl, wüßte es auch ohne Gruß und Bekräftigung von dort-\nher, daß mein Denken und Dichten nicht ohne Beziehungen zu den Ereignissen\nwar und ist. Mein bischen Werk, sterblich und nur halbgut wie es immer\nsei, — wenn in seinen Gleichnissen etwas von dem lebendig ist, was heute\nmit einem Welt-Gassenwort »der deutsche Militarismus« heißt, so hat es\nEhre und Wirklichkeit, so hat die Wirklichkeit von seiner Ehre und s einem Geist.\n\nThomas Mann"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.8", "texte": "clluf der Bühne vorne in kleinem Abstand voneinander die Erzengel Michael\nund Gabriel, in dunklen starren Gewändern. Schicklich im Raume der heilige\nAndreas im reifen Mannesalter, der heilige Sergius, ein Greis, die Jungfrau\nvon Orleans im Brustpanzer mit der Fahne und der heilige Georg in vollem\nPan3er. Michael hält das Schwert, Gabriel den Schild)\nMich ael: In großer Wirrnis lagen die Erdengeschöpfe, so Hirten wies Herde,\nund lebten in währendem Verluste am Rande der Finsternis Gabriel: Ver-\nloren waren die Schlüssel zu den himmlischen Inzeichen des-Herzens, denn\nblind ist der Glaube, das Herzsaber ist sehend. Michael: Abgefallen von\ndem, der sie schuf, waren sie Feinde sich selber und waren Feinde einander in\ntausend Waffen. Gabriel: Falsche Liebe war es, die sie verband, und\nfalscher Haß war es, der sie trennte, und sie wußten nicht, da sie alles wissend\nsich dünktem Und schritten im Hochmut ihres Wissens. Michael: Da ver-\nhüllte der Herr sein Haupt und wandte sich ab von dem Erstling seiner\nSchöpfung, wandte sich ab von der Erde, und der Himmel sprach nicht mehr\nzu ihr. Gabriel: Wo« aber der Himmel nicht mehr spricht im Herzen, da\nschreit die Erde, und der Erde Herz ist eine klopfende Wunde geworden.\nMichael: Doch des Allmächtigen Auge ruht längst auf anderer Sterne Ge-\nschöpfen, die Er schuf, da die Erdlichesn ihn verließen. Gabriel: Nur\nEuer Bitten, Ihr, die Ihr Gott mehr liebtet als das Leben, Ihr bewegt\nSein Erbarmen in Zeiten Eurer höchsten Not. Michael: Denn die Güte\ndes Herrn ist ohne Maß und ohne Ende. Gabriel: Und Er gibt um\nEuretwillen dem Schreien der Erdgeschöpfe sein Ohr, Ihr heilige Mittler\ndessen, was die Menschen ihr Beten nennen. Michael: Die Tore des Him-\nmels sind Eurer Fürsprache aufgetan. Gabriel: Bringt, was unten Eure\nMenschen rufen, vor den Thron: des Allmächtigem Michael: Daß Du für\nsie bittest, hör’ was sie beten.\n(Unter der Bühne s chwermütiges Singen wie bei einer Prozession, in das sich\nRufe-i, Schreien, Peitschenkiialleii und Fluchen mischen.)\nSergius Omch einer weiten: Sie sagen, o Herr in den Höhen, daß sie Dir\ndienten in vielen zehntausend Kirchen und Kapellen und daß sie Dir Lichter\nund Bilder weihten ohne: Zahl und nicht duldeten solche, die anders glaubten\nals Dich. Sie sagen, daß sie um Deines Sohnes willen das schwere Ioch\nwillig trugen, das ihnen auferlegten ihre Oberen und kaum daran rührten\num dessentwillem der für sie das Kreuz getragen. Sie sagen, daß sie nicht\nfreien Willens seien um Deinetwillen, o Herr, und darum dumpf folgen dem\nGeheiß ihrer Obern, denn alles Erdentum ist ihnen ein-Ekel. Da sie so lebten,\ndas Leben für Dich. zu töten, o Herr, bitten sie um den Sieg ihrer Waffen,\ndie sie tragen nach dem Gebot ihre-r Herren, nicht nach ihrem eigenen Willen.\nHab Erbarmen mit ihnen, o Herr!\n(Die Erzengel lauschen nach der Höhe: ein mählich ans chwellender und jäh in\nhöchster Stärke abbrechender Septimenakkord der Posaunen tönt hernieder.\nSergius verhüllt sein Haupt in den Hände-u)"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.9", "texte": "Michael: ZeumKnechte ward, Sergius, Dein Volk, und spie an in Vertierung,\nwas Gott ihm gab zu dankender Hinnsahme Gabriel: Sie achteten das.\nGeschenk des Lebens für nichts und wurden so des Bösen Beute und wehrten\ndes Bösen nicht. Wer aber gegen das Leben ist, der ist gegen Gott. Mich ael:\nWer das Leben so von sich wirft voll Verachtung, der schmäht des Herrn«\nGabe und tut: Gott ab, da er fein Werk abtut. Der Allweise hat Dein Gebet\nnicht erhört, Sergi-ues. Gabriel: Deine- Scharen rufen Dich Andreas, zur\nFürsprache Hör, was sie beten: «\n(Ein mißtönend ges ungener Psalm von unten, vermengt mit der Stimme eines\nPredigers, Rufen und zählen)\nAndreas: Sie schlagen den harten Blick in falscher Demut zu Dir auf,\no Herr, aber hab’ Erbarmen mit ihnen. Sie sündigten vielfach, so sagen sie,\naber sie gaben nie ein lautes Ärgernis. Sie ziehen in den Kampf zur Wahrung\ndessen, was Rechtens ist in geschlossenen Verträgen. Hör’ ihr Gebet, o Herr,\nund achte nicht, daß sie es nur mit gespaltener Zunge noch sprechen können.\nVers age ihnen nicht Deine Güte und gieße Dein Mitleid über die Verdürstendem\n(Di«e Erzengel lauschen in die Höhe: Der Septimeiiakkord der Posaunen bricht\nwie früher jäh ab und Andreas sinkt erschüttert zusammen)\nMichael: In Hochmut dient, Andreas, das Volk Deiner Fürsprache dem\nHerrn, und heimlicher Sünde ist es ergeben hinter den durchsichtigen Wänden\nseiner Tugend. Wer wahrhaft das Rechte tut, der tut es in heimlicher Demut.\nGabriel: Recht fund Recht hält die Waage des: Herrn allein und keines\nMenschenvolkes Hände sind rein und stark genug, die Waage zu halten. Dein\nVolk ist vermessen, Andreas- Mich ael: Macht verwirrt Deines Volkes Sinn,\ndoch ist es irdische Macht und fällt so unter die Beuge des Herrn. Es liebte\nDein Volk Gottes Erde nicht anders, es änderte sie denn zuvor nach seinem\nDünkel. Gabriel: Und wollte sechs Tage Verrat des Himmels mit einem\nTage schaustelliger Buße sich erkaufen. Gott, der gestrenge Richter, hat Dein\nGebet nicht erhört, Andreas. Mich ael: Deine Scharen rufen Dich, Jungfrau,\nzur Fürsprache Hör, was sie beten.\n(Man hört von unten stüekiveise die Marseillaisq Rufe wie Patrie, Gloire,\n» ein Kirchenlied von Frauen— und Kinderstimmenq ,\nDie Jungfrau: Deines Sohnes benedeite Mutter, o Herr, gab mir die\nFahne, daß ich mein Volk mit ihr zum Siege führe, dessen Gnade du ihm\nschenktest. Hab Erbarmen, o Herr, mit Deinen Kindern auf Frankreichs Erde.\nMeines Volkes Herz ist voll Bitternis, denn des Besiegten Leben geht in\nTrauer und der Schrei nach Rache erstickt sein Gebet. Du prüftest uns ein-\nmal, o Herr, und hast: uns zu schwach befunden. Du prüfst uns zum andern\nMale, nun gib uns die Stärke, daß wir Dir fürder dienen nach Deinem\nGeheiß,\n« (Von oben die Stimme des Herrn im Septimenakkord der Posaunen;\ndie Jungfrau neigt ihr Haupt in die Falten der Fahne) i"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.10", "texte": "Gabriel: Liebste Kinder ward Ihr dem Herrn, und untreueste vor allen\nandern seid Ihr geworden. Um die Sergius bat und denen Ihreuch ver-\nbandet, die taten das Leben ab um Gottes Willen. Michael: Und die\nDeinen, Jungfrau, taten Gott ab, um des Lebens willen. Wer aber gegen\nGott ist, der ist gegen das Leben. Der nichts als das Leben liebt, dem wandelt-\nes sich zur Lüge. Gabriel: So wuchs aus dem ausgedörrten Acker von\nDeines iVolkes Seele der zarte Halm, der Vaterland heißt, in ein üppiges\nGiftkraut, das nichts sonst gedeihen ließ, was des Herrn Güte an Samen der\nSeele schenkte. Michael: Und Ruhm, der ieinst Deine Helden zierte, wurde\nzum prahlenden Worte Deiner schwächsten Kinder, und er versank in eitlen\nWahn. Und machtet ein Götzenbild aus Euch selber, da Ihr Gott verloret.\nGabriel: So seid Ihr auch zur andern Probe zu schwach befunden und\nkein Ohr fand, was Du batest, Jungfrau, vor dem strafenden Gotte.\nMichael: Deine Scharen rufen zu Dir, Georg, hör was sie bitten. z\n(Von unten ein ganz gleichförmiges, stilles Beten einer großen Menge;\nUiånnery Kinder» Frauenstimmen.)\nDer heilige Georgxi use— ksiiet nieder) Gib uns Tränen, o Herr, daß wir\nunsern Abfall von Dir abwaschen von unserem beschcimten Antlitz. Wir gingen\nfalsche Wege und werden siespfürder zu meiden die Kraft in unserm Herzen\nnicht finden. Züchtigc uns, o Herr, wenn es in Deinem unerforschlichen Rate\nüber uns beschlossen ist. Segne uns, o Herr, wenn wir es um Deinetwillen\nund nur um Deinetwillen verdient haben. Denn nichts als Dein Wille geschehe\nin alle Ewigkeit, Herr Gott in Deinem Reiche, Amen.\n(Aus der Höhe ein voller E -Dur -Akkord, der von Harfen bis in das letzte\nVerklingen gebrachtwird Der Erzengel Michael gibt Georg sein Schwert, der\nErzengel Gabriel gibt ihm seinen Schild. Der Vorhang geht langsam zusammen,\nwährend vom Unterraum der Bichne die Rufe: Gott mit uns! herauftönen)\n\nFranz Blei"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.12", "texte": "Dieser Krieg ist über alle Gegensätze der Rassen und Nationen hinaus zu\netwas viel Schlimmeren geworden: zu einer Art von Kampf zwischen zwei\nverschiedenen Geschlechterm\nEin Strindberg täte not, der mit all der bitteren Analyse des Wissenden\nhineinleuchte in die hossnungslose Tragik dieses Geschlechterkampfs, den unsere\nMännlichkeit nun auszukämpfen hat mit der um keine phantastische Selbst-\ntäuschung verlegenen Zzysterie unserer Feinde.\n, Wir werden siegen in diesem Kampf; werden siegen mit den aufs höchste\nangespannten Muskeln unserer geistigen Energien, werden siegen nicht zuletzt\nauch mit der Gewalt unserer so glänzend organisierten und disziplinierten\nkörperlichen Energien, mit jener Körperkraft, die man brutal nennen mag, die\naber anbetungswürdig ist, wenn man es mit einer verzweifelten, unberechen-\nbaren Schaden stiftenden Hysterie zu tun hat.\nAber wie wird uns dieserSieg trotz aller jubelnden Genugtuung schmerzen,\nwie wird unser Lachen am Ziel entstellt sein durch die Schatten eines unter-\nirdischen Grams, durch die aufzuckende Erkenntnis, daß solche Zzysterie nur\nunschädlich gemacht, nicht aber eigentlich besiegt werden kann. Wir werden\ndasitzen, wie die Strindbergschen Männer dasitzen, wenn die Schlacht geschlagen\nund sie äußerlich das Feld behaupten, werden dasitzen mit einem durch heim-\nlichen Ekel verzerrten Lachen und mit einem allen Siegestriumph langsam auf-\nsaugenden Ohnmachtsgefühl Denn das letzte Wort wird doch die Frau mit\nihrer Hysterie behalten und was schlimmer ist, auch den letzten Applaus.\ne Wo ist je der Kampf gewesen zwischen männlichem Rechtsgefühl und weib-\nlicher System, wo die Frau nicht die applaudierenden Unbeteiligten auf ihrer\nSeite gehabt und alles gedankenlose Publikumsmitleid mobil gemacht hätte\ngegen den brutalen Vergewaltiger ihrer armen lügenhaften Seele! Was wollen\nmännliches Rechtsbewußtsein und männliche Logik ausrichten gegen hemmungs-\nlose weibliche Gefühlssophistik, die mit der katzenhaften Geschmeidigkeit der\nSelbstverteidigung jeden Sieg der männlichen Logik und männlichen Kraft fo\numzudeuten weiß, daß er am Ende zu einer moralischen Niederlage für den\nMann wird! Wer kennt nicht das alte traurige Spiel, das den Geschlechter-\nkampf so vergiftet?\nWir werden nur das Recht für uns haben und die Wahrhaftigkeit, die\nFrau aber die Einbildung und den Applaus\ng Damit müssen wir uns absinden, auch mit jenen schmerzlichsten Stunden,\nvon denen Strindberg spricht, in denen unter der Suggestion der unverwüst-\nlichen weiblichen Gefühlstheatralik auch die besten Freunde des Mannes sich\nmit merkbarer Kühle zurückziehen und damit Objektivität zu markieren vor-\ngeben. Das Bild dieses Verrat-s an der gemeinsamen Männlichkeit, heute\nzeigen es uns jene neutralen Staaten, die doch dieselbe moralische Sprache wie\nwir sprachen und doch auf einmal so merkwürdig harthörig für uns geworden"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.13", "texte": "sind. Wir wollen es ruhig aussprechen, wie uns jene sogenannte moralische\nNeutralität der Schweiz, Hollands und Skandinaviens schmerzt. Es ist, um\nes zu wiederholen, ein Verrat an der gemeinsamen Männlichkeit, eine Kapi-\ntulation vor der Lüge.\nMan tröste uns nicht mit der historischen Gerechtigkeit, die uns rehabilitieren\nwerde. Ich glaube nicht an die sogenannte historische Wahrheit. Wahr bleibt\nletzten Endes nicht das, was wirklich wahr ist, sondern das, was von den meisten\nMenschen für wahr gehalten wird. Wo keine Bereitwilligkeit zum Glauben\nist, da kämpft sich auch keine Wahrheit durch. Auch die Wahrheitsbildung\nregelt sich nach den Bedingungen der Nachfrage. Und so wird sich denn die\ngroße hysterische Lüge unserer Feinde nach dem Gesetz des geringsten Wider-\nstands über den größten Teil der bewohnten Erde verbreiten und eines Tages\nunantastbare historische Wahrheit geworden fein. Mit anderen Worten, die\nweibliche Zzysterie wird auch nach ihrer äußeren Unschädlichmachung das letzte\nWort behalten und die glänzend inszenierte und s krupellos bediente Weltpresse\nunserer Feinde wird die Genugtuung behalten, historische Wahrheit gemsacht zu\nhaben. Dann werden wir erst spüren, was Ekel ist.\nAber dieser Ekel wird uns nur noch mehr zusammenschließem wird uns\nnur noch mehr bestärken in dem Gefühl der ernsten Mission unserer Männ-\nlichkeit. Nicht um die Männlichkeit im kraftmeierischen Sinn handelt es sich\nhier, das wissen wir, sondern um die Männlichkeit im Strindløergischen Sinne,\nd. h. um den Geist der entschlossenen Sachlichkeit und um den Geist des\nmoralischen Verantwortlichkeitsbewußtseins, um jenen Geist, den man auch\nkurz den Geist von 1813 nennen kann. Denn das war uns doch allen dsas\ngrößte Erlebnis in diesen Wochen, daß dieses 1813 noch heute lebt. Wie\nrauschten die alten Ströme wieder, die im neuen Deutschland ganz verstummt\nschienen. Wie überraschte es uns, uns auf einmal wieder geadelt zu sehen.\nNun sind schon viele Wochen dahin und wir haben mit dem alten Adel auch\nunseren alten Stolz wieder gefunden. «\nDieser Stolz wagt es, heute ohne Erröten zu sprechen von dem deutschen\nWesen, an dem die Welt genesen soll. Welch eine Wandlung: vor zehn\nWochen wäre es uns noch als eine Blasphemie an unserem Kulturbewußtsein\nerschienen, dies einseitige Wort auszusprechen, heute aber haben wir den Mut\nund das Recht zu diesem Wort gefunden. Das haben die zehn Wochen ver-\nmocht, in denen die ganze Welt, von der Zgysterie unserer Feinde angesteckt,\nsich in einer wilden Orgie des Deutschenhasses verbrüderte, jene zehn Wochen,\nin denen man unsere nationale Anständigkeit durch den Schmutz der ganzen\ngroßen und kleinen Weltpresfe gezogen hat, jene zehn Wochen, in denen von\nden Serben bis zu den Zzereros der Schlachtruf gegen die deutsche Barbarei\nund Unkultur erscholl, kurz, jene zehn Wochen, in denen jede Scham, jeder"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.14", "texte": "Anstand, jede Wahrhaftigkeit und jedes moralische Verantwortlichkeitsgefühl\nzu den Hunden gesiohen zu sein schien. Diese schlimmen Erfahrungswochen\nhaben uns alle gelehrt, unseren oft lauen Patriotismus der Gewohnheit zu\neinem erbitterten Patriotismus der Überzeugung zu machen. Nur einige\nbleiben unbelehrt, nur einige glauben, noch den überlegenen Geist markieren\nzu müssen, indem sie schadenfroh» das Lessingsche Wort von der heroischen\nSchwachheit des Patriotismus wiederholen. Nun, ich beneide diese Herren\nnicht um die unheroische Kraft, jetzt kühl zu bleiben.\n\nWilhelm Worringer"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191410-02.1.16", "texte": "Inhalt des vorigen Heftes:\nAugust 1914 J Willy Nowak -— Orig.-Steindruck J Michael Georg\nConrad ———— Wåchterruf J Maria Caspar-Filser -—— Orig.-Steindruck J\nEduard Graf Keyserling —- Das Wunder von heute J Adolf Schin-\nnerer ——— Origksteindruck J Rainer Maria Rilke —- Wir haben eine Er-\nscheinung J Werner Schmidt —- Orig.-Steindruck J Annette Kolb —\nIch denke zurück\n\nHerausgegeben von Otto Haas-Heye\n\" verantwortlich für die Schriftleitung\nFriedrich söuebner\nVerantwortlich für die künstlerifche Leitung\nO. Th. W. Stein\nDie Veröffentlichung der literarischen und graphischen Beiträge erfolgt nur\nauf Grund persönlicher Einladung der Redaktiom"}]}