{"numero_id": "bm-bmtnabb-1914-12-02", "volume": "bmtnabb_1914-12_02", "ocr_sha256": "bde271274597625d338d55e43b76b1a67393b3d5669c064906e91dd120dad2be", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1914/12_02/bmtnabb_1914-12_02.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1914/12_02/bmtnabb_1914-12_02.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1914-12-02-c001", "article_bluemountain": "bmtnabb_1914-12_02#c001", "volume": "bmtnabb_1914-12_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "74", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.2.1", "titre_corps": "Tragödien Voltaire’s, Dienerstreitigkeitem ·", "titre_sommaire": "Tragödien Voltaire’s, Dienerstreitigkeitem ·", "signature_source": "Wilhelm von Scholz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1090, "texte": "Tragödien Voltaire’s, Dienerstreitigkeitem ·\nein, Blick in öde Landschafy Postenschrittz «\nder Arzt, der Schreiber dann: die großen Zeiten --—\nGewesenes wie er, das längst vorüberglitt.\nLeben nur dies: die ewig wiederholten -\nReden und Szenen, die er früh schon las -——— e\nnoch ehe sie die Marseillaise johlten,\nals noch auf Frankreichs Thron ein« König saß,\nauf Frankreichs Thron, den er wie Traum bestiegen,\nden er erhöht, von dem er längst gestürzt,\nda wie ein Märchen schon der Ruhm von seinen Siegen\ndem Volk im Almanach die Abendstunden kürzt. i\nEr liest. Gelangweilt sitzt um ihn sein Hofgesindq\ndas diese Szenen hundertmal gehört, i\nindes der Lesende wie auf metallenem Winde\ndurch pathosszenen von Gespenstern fährt.\nEr glüht und lebt. Der Rhythmus trägt ihn noch,\nso hart er ihn skandiert, wie Schritt der Pferde.\nSein Auge blitzt. Er istes, der das Joch\nals Herr gelegt auf das Genick der Erde.\nEr selbst ist Mahomet, ist Cyrus. Ihn umringt\nwieder die Fülle redender Gestalten, R\ndie knieend ihm ihrBlut zum Opfer bringt —-\ner schweigt und sieht erregt in die gleichgültig kalten"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1100, "texte": "Gesichter seiner Hörer, grüße und geht,\ndas Buch noch in der Hand, ins nächste Zimmer,\nwo mit geschweiftem Fuß zierlich ein Schreibtisch steht,\ndrauf zweier Kerzen unbewegter Schimmer.\nIhm folgt ein Schatten, welcher lautlos gleitet\nzum aufgeschlagenen Pult. Der Kaiser neigt sich, späht\nund wandert wieder auf und ab. Er schreitet , .\nund wirft das Buch fort, weil fein Leben vor ihm steht\nUnd er diktiert: ruhmtrunkene, große Worte,\nals könnten sie die Welt noch einmal zwingen,\nals könnten sie durch seines Kerkers Pforte K « «\nihm die verlorenen Reiche wiederbringen,\nals wären’s Taten, wären neue Kriege.\nSo ziehen durch einsam verbannte Nacht\ndie Bilder seines Glücks und seiner Siege, s -\ndie Feuer seiner Herrlichkeit und Macht.\nDas ist sein Leben: ein Erglühn des Kranken i\nin Dialogen und Erinnerungem ,\nDann geht er schlafen —-— doch da nahen die Gedanken,\ndie einzigen Feinde, die er nicht bezwungen,\nund nähren sich von seinem Schlaf. Jetzt hört\ner rings den Wind um seinen Felsenstein\nund fröstelt, vom Verlorenen aufgestört\nund noch erregt, imgrauen Morgenscheiw —-\n\nWilhelm von Scholz"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1914-12-02-c003", "article_bluemountain": "bmtnabb_1914-12_02#c003", "volume": "bmtnabb_1914-12_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "76", "page_fin": "79", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.2.3", "titre_corps": "Lieber und verehrter Freund!", "titre_sommaire": "Lieber und verehrter Freund!", "signature_source": "Seien Sie freundschaftlich gegrüßt von Ihrem Jakob Wassermann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2475, "texte": "Wien, Anfang Dezember 1914\nDank für Ihren Brief. Auch ich erinnere mich gern unsres letzten Beisammen-\nseins; es war eine friedliche Stunde an einem friedlichen Tag, eine junge Sängerin\nsang uns Schubertsche Lieder vor, und dann sprachen wir von unsrer Kunst\nund von unserem Leben. Diese Stunde, dieser Tag, siesind nun wie ausgelöscht,\nund doch haben wir sie besessen, auch die Lieder waren unser Besitz, Geschenke\ndes Friedens. Wir ahnten nichts von dem Verhängnis, das über den Völkern\nschwebte, war uns doch der Krieg allmählich ein Begriff· geworden, der mehr\nSchrecken der Phantasie als Drohungen der Wirklichkeit enthielt. Sie ermahnen\nmich, ein Wort über die Lügen zu sagen, die in den neutralen Ländern über\nuns Deutsche im Schwange sind; es kommt mir vor, als würde ich zu einer\nJagd auf Aasvögel eingeladen oder als sollte ich meine Meinung über Lzyänen\näußern. Und wer bin ich, daß ich reden sollte? Ein winzigesDing im unge-\nheuren Ganzen. Ist es nicht anmaßend von dem Ding, s eine Stimme zu erheben?\nNicht ein wenig lächerlich, da ich schon nicht auf dem Schlachtfelde stehe, nach\nAasvögeln zu schießen, noch dazu mit der denkbar geringsten Aussicht, sie zu\ntreffen und in ihrem lichtscheuen Geschäft zu behindern? Schweigen ist jetzt\nunser bestes Teil. Wir stehen im Schatten, es ist unser pflichtschuldiger Platz.\nAber Sie erwecken die Illusion in mir, daß es nützlich sein könnte, zu reden; es\ngenügt mir, dies zu hoffen, denn irgendwie zu nützen, muß jeder willig und\nbereit sein. »\nElend und Jammer hatten wir vom Krieg erwartet, Uebermaß des Leidens,\nUeberfülle von Schmerz und Trauer; er enttäuscht uns hierin mit nichten. Was\nwir nicht von ihn: erwarte: hatten, wenigstens in solcher Sturzsiut nicht, ist\neben das, was Sie mit Namen nennen, die Lüge. Er schien uns trotz aller\nGräuel immerhin eine heldenhafte Angelegenheit zusein, eine Sache der Bravour,\ndes Heldenmuts und der Entsagung. Nun sehen wir durch ihn auch ein Spiel\nvon Schmähsucht und Verleumdung begünstigt, das ihn seiner schauerlichen\nWürde fast entkleiden könnte, wäre das Blut der Hunderttausende nicht, das\nden Erdboden ganzer provinzen rötet. s\nIch muß ehrlich gestehen, ich sinde es mit der Haltung des deutschen Volkes\nnicht gut vereinbar, mit seiner moralischen und seiner geistigen nicht, daß es\nsich gegen Anwürfe soll verteidigen, die in ihrer Künstlichkcit und Frivolität\nin sich zusammenbrechen, wenn man nur Augen hat, zu sehen, und Ohren, zu\n\nLieber und verehrter Freund!"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2789, "texte": "hören. Ich finde es zu klein, ZU unbedeutend, zu oberfiächlichz ich finde die Bezieh-\ntigungen zu durchsichtig, ihre Zwecke zu leicht enthüllbar; ich finde, daß die Wahr-\nheit Weile hat, und daß wir uns um ihren Sieg nicht zu sorgen brauchen.\nMuß es immer wieder gesagt werden, daß die Existenz eines großen Volkes\nvon höherem Belang ist als die vorübergehende Ruhestörung, die ein kleines\nLand durch den Durchzug einer Armee erleidet? Und daß das Argument,\nwelches diesen der dringendsten Not abgepreßten Entschluß zum Vorwand einer\nKriegserklårung nahm, in feiner Fadenscheinigkeit längst aufgedeckt ist? Und\ndaß jenes Volk irregeführt wurde, durch Phrasen zur Wut gestachelt und in\nseiner glühenden Tobsucht auch den. Gegner von Ingrimm zur Raserei trieb?\nLesen Sie doch den Bericht eines unserer Sanitätssoldaten über die Eroberung\nvon Lüttich; die Neue Rundschau hat ihn gebracht. Ich versichere Ihnen, nichts\nkann erschütternder sein als die lapidare und einfache Sprache dieser Erzählung,\nnichts überzeugender und gråßlicher, eine Bestie könnte nicht unempfindlich da«\nbei bleiben. s\nUnd muß es immer wieder gesagt werden, daß Deutschland das Opfer\neiner planvollen Verschwörung war; liegt es nicht klar zutage? Wird es dort\nnicht genugsam durch einen Wortreichtum erwiesen, der sich stets einstellt, wo\nein Unrecht bemåntelt und ein Komplott in eine ritterliche Affaire verwandelt\nwerden soll? Ist es meines Amts, zu sagen, daß Kathedralen keine Festungen\nsind und daß, wenn man sie dazu macht, sie als solche traktiert werden müssen?\nOder wird von einem gebildeten Armeekorps verlangt, daß es sich von einem\ndurch Alter und Kunst ehrwürdigen Kirchturm herab zusammenschießen lassen\nsoll? Es wurden schon ungewöhnliche Forderungen an deutsche Langmut gestellt,\ndiese scheint mir eine der ungewöhvlichstem s\nIch habe selbst im deutschen »Herr gedient und kenne die Zucht, die es vom\nersten bis zum letzten Mann beseelt. Ohne Zweifel ist jeder Einzelne seiner\nbesonderen Menschenschwåche unterworfen, und es kann mir nicht einfallen, sie\nfür eine Schar von Cherubim auszugeben; desungeachtet gibt es keine andre\nOrganisation, die das Individuum so unbedingt einem sinnvollen Ganzen ein-\nfügt, es als Glied des Ganzen so gehorsam und verläßlich macht. Generationen\nsind in dieser Disziplin ausgewachsen, sie ist dem Volke in Fleisch und Blut\nübergegangen. Und nun sollen wir plötzlich eine Nation von Raubmördern und\nTempelschändern sein? Und was fürMänner sind es, die sich zu solchen An-\nklagen bemüßigt sehen? Männer, denen wir mit freimütiger und gastlicher\nLiebe begegnet, die zu bewundern und zu verstehen wir nie müde geworden\nsind und die bei uns eine Zuflucht gefunden haben, wenn in der Heimat Miß-\nkennung und Gleichgültigkeit ihrer wartete. Eher noch ließ der Deutsche den"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2743, "texte": "Messias in seinem eigenen Haus verkommen, als daß er es versäumt hätte,\ndem geringsten Apostel aus der Fremde Ehre zu bezeigen.\nUnsere Verteidigung liegt in unsrer Art zu leben, zu denken, zu empsinden\nund zu dienen. Jene aber kennen uns nicht, das ist es; sie wissen nichts von\nuns. Sie haben uns nur ausgespäht, aber sie haben sich nie umsuns bemüht.\nWir hingegen haben von ihnen und bei ihnen gelernt; wir haben ihren Dichtern\nBürgerrecht verliehen, ihren schöpferischen Genien im Ueberschwang gehuldigt,\nihre Vergangenheit studiert, ihre Bräuche geachtet, sogar ihre Moden nachgeahmt.\nSie kennen unsere Geschichte nicht, unsere Sitten nicht, unsere Sprache nicht,\nwissen nichts von unserer Arbeit, von unsern Ideen, von unserer Not, von\nunserem Schicksal. Nicht selten hat der Deutsche durch ein Zuviel an Bildung\nund Bildungskultus den Geist der Nation kompromitiert und seine schöneren\nEigenschaften im Dolmetschers und Maklereifer verleugnet; Jahrhunderte lang\nwar er der Lakai der anderen Völker, sein Land war ein Wirtshaus und er\nselber eben noch darin geduldet; wenn er den hohen Herrschaften die Rechnung\nvorlegte, ging es ohne Zzerzklopfen nicht ab. Es ist anders geworden, und daß\nes anders geworden ist, können sie uns nicht verzeihen. .\nWährend ich alles dies niederschreibe, eilt an meinem inneren Auge Bild.\nauf Bild vorüber. Ich sehe brennende Dörfer, zerstampfte Fluren, die Ebenen\nund die Gebirgstäler voller Leichen, die Verwundeten in den Lazaretten mit\nihrem schüchtern und erstaunt ins Leben zurückkehrenden Blick, die ängstlich\nsiüsternden Flüchtlinge in den überfüllten Eisenbahnzügen. Ich sehe, wie der\njunge Graf T. wahnsinnig wurde, weil der Kosakenhauptmann, auf den er\nin der Attacke zuritt, auf einmal ohne Kopf auf seinem Pferde saß, ohne\nKopf noch den Säbel schwang; und wie Major S. sechzehn Stunden ver-\nschmachtend unter Toten lag; ich sehe einen teuren Freund im Geschoßhagel\nin Flandern und einen zweiten in Gefangenschaft in Sibirien. So geht es\nweiter, Bild auf Bild, Grauen über Grauen. Heißt das noch leben? Kann\nman sich selbst dabei noch etwas wert sein? Was soll in einem folchen Sturm\nder Wirklichkeiten Gedicht, Gestalt, Symbol? Was geschieht mit uns, wo ist\nder Sinn, wo das Ziel? Ich beuge mich; die Ehrfurcht vor der Erscheinung\ndurchzittert mich bis ins Mark, und wenn die Vesten des Planeten wanken,\ndarf ich mich nicht beklagen, wenn auch meine Fundamente sich lockern. Es\nmuß ertragen werden. Bin ich es nicht, dem es frommt, so sind es die, die\nnach mir kommen.\nEinsichtige unterschieben dem gegenwärtigen Krieg einen tieferen Grund\nals der ist, der sich in politischen Machenschaften und Kabinettsfehden manis\nfestiert. Ich zweisie nicht daran. Große Verwandlungen der Menschheit gehen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2295, "texte": "nur von großen Katastrophen aus, und die sogenannten friedlichen Reformen\ndringen meist kaum durch die Haut, geschweige denn, daß sie bis ans Herz\nreichen. Schuldige zu suchen ist gleichwohl menschlich, und Schuldige sind auch\nda; daß sie zugleich die Diener des uns unbekannten Schicksals sind und so\ndie Zukunft gestalten helfen, mindert ihre Verantwortlichkeit nicht. Sie müssen\nso verworfen fein, daß unsere allzu kultivierte und bürgerliche Einbildungss\nkraft versagt, wenn wir uns den Unfang ihres Verbrechertums vorstellen\nwollen. Mich dünkt, daß uns neueren Dichtern der Mut, das Böse in seinem\nelementaren Wesen zu statuieren, mehr und mehr abl)anden gekommen ist und\ndaß wir uns in empsindsamer Scheu daran gewöhnt haben, es psychologisch\nzu verdünnen und zu rationalisieren. Ia, das Böse ist, es existiert. Es gibt\neinen Teufel, den großen Gewissenlosen, den großen Entnervten und Entherzten.\nWie genußsüchtig er ist, wie lüstern und feig! Er will nicht morden, er will\nvielleicht nur die Macht; oder vielleicht will er auch die Macht nicht, vielleicht\nwill er nur Schätze; oder es ist ihm auch um Schätze nicht zu tun, und es ver-\nlangt ihn in der Finsternis seiner Seele bloß nach Lärm, Gebrüll, Verwirrung,\nUmsturz und Zähneklapperm Vielleicht ist er auch nicht einmal lüstern und\ngenußsüchtig, vielleicht ist er satt, übersatt und streut Tod um sich her, damit\ndie lästige Zeit vergeht, und brennt Städte nieder, um die steinernen Mienen\nseiner Schergen und Kreaturen aufzuhellen und durch Börsenspekulationen\nihre Taschen zu füllen. Wie verständlich er mir plötzlich ist; wie unheimlich\nund grausig wahr ihn sein tiefster Kenner, Dostojewski, gemalt hat! Zzüten\nwir uns vor ihm, denn Europa fängt erst an, unter« seinen Pranken zu erbeben.\nWenn nun das Böse so folgenschwer tätig sein, solche Zerstörung und Ver-\nzweisiung bewirken kann, so müssen wir trachten, daß auch die Güte von andrer\nBeschasfenheit werde, als sie bisher war, verlangendety begieriger, leidenschaft-\nlicher, wachsamer und aus-dauernder. Dadurch und nur dadurch können wir\nden Teufel besiegen, im letzten Sinne meine ich, und wenn der Wassengang\nbeendigt ist, werden erst die großen inneren Schlachten zum Austrag und zur\nEntscheidung gelangen.\n\nSeien Sie freundschaftlich gegrüßt\nvon Ihrem\nJakob Wassermann"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1914-12-02-c004", "article_bluemountain": "bmtnabb_1914-12_02#c004", "volume": "bmtnabb_1914-12_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "80", "page_fin": "80", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.2.4", "titre_corps": "Vaterland,", "titre_sommaire": "Vaterland,", "signature_source": "Ifolde Kurz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 661, "texte": "Ifolde Kurz\nVaterland,\nheiliges Land,\nrings umlodert vom Weltenbrandl\nDeine eisernen Söhne wachen,\nsei getrost, aus dem Höllenrachen\nreißt dich der Zornigen Liebe Hand.\nHaß und Hohn\nweltumfangenden Herzens Lohn!\nKamsy die Völker mit Licht zu speisen,\nund sie schliffen die Mördereisem\ndie dem allernåhrenden Busen drohnl\nVaterland,\nheiliges Land,\nerst in Gefahren ganz erkannt!\nWer hat noch Wünsche, die ihn betörten?\nSchmerzen, die ihm allein gehörten? ,\nAll unser» Sinnen, unser Beginnen,\ngroße Mutter, dir zugewandt.\nBleibe getrost,\nwie die Woge des Hasses tostl\nWenn das eiserne Spiel zu Ende,\nrverden dir reine Retterhånde\ndie Krone reichen, die du erlost."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1914-12-02-c006", "article_bluemountain": "bmtnabb_1914-12_02#c006", "volume": "bmtnabb_1914-12_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "82", "page_fin": "86", "image_debut": 10, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.2.6", "titre_corps": "Schon vor dem Kriege war in unserem Volk eine neue religiöse Bewegung", "titre_sommaire": "Schon vor dem Kriege war in unserem Volk eine neue religiöse Bewegung", "signature_source": "Paul Ernst", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2653, "texte": "Schon vor dem Kriege war in unserem Volk eine neue religiöse Bewegung\nzu spüren gewesen. Eine der ersten Erscheinungen in diesem furchtbaren Krieg\nwar, daß diese Bewegung außerordentlich an Kraft zunahm. Sie ist gänzlich\nformlos, geht vielleicht bei manchen in der Richtung, daß die Kirchlichkeit ge-\nstärktjwirdz bei sehr vielen aber hat sie durchaus nicht einen kirchlichen Charakter,\nso daß man annehmen muß, daß bei den anderen die Kirchlichkeit nicht das\nErste sondern das Zweite ist, daß ein. neues Gefühl sich in einer vorhandenen\nForm äußert.\nSehr merkwürdig ist bei diesem allen das spontane Auftauchen des Aus-\ndrucks »Der deutsche Gott«.\nWir sind zu sehr gewohnt, Religion mit Kirche zu verbinden, oder weiter\ngefaßt, mit irgend einem mehr oder weniger festen Glaubensbekenntnis. So\nkann es kommen, daß man religiöse Leute für irreligiös l)ält, daß sie selber\nsich dafür halten, und daß man umgekehrt glaubt, das bloße Annehmen kirch-\nlicher Glaubenssätze und die Zugehörigkeit zu einer Kirche, noch dazu wenn\ndieses Annehmen aus einer Überzeugung kommt und diese Zugehörigkeit bewußt\nund gewollt ist, sei ein Beweis von Religion. Man sollte an die berühmte\nSchleiermacher’sche Definition denken, daß Religion das Gefühl der schlecht-\nhinigen Abhängigkeit von Gott ist; ein Gefühl also und zunächst weder ein\nGedankenkompleyz noch einwillensaktz und sollte bedenken, daß »Gott« für\njeden Menschen etwas Anderes ist, wie für jeden Menschen Welt und Ich etwas\nAnderes ist, daß ich Gott nicht anders desinieren kann als das, von dem ich mich\nschlechthin abhängig fühle. So gebrauchen das Wort auch unsereheiligen\nSchriften, wenn sie etwa sagen: ,,denen das Geld ihr Gott ist«.\nWas die Menschen heute bei uns erleben, das schwebt noch in der Welt\ndes Gefühls, auch bei den Kirchengläubigen; die Idee des -,,Deutschen Gottes«\naber versucht bereits eine verstandesmäßige Konstruierung und bahnt einen\nÜbergang zum Willen. Mit andern Worten: hier will eine neue Religion werden.\nEin solches Ringen braucht ja keinen Erfolg zu haben; es ist oft ergebnislos\ngewesen; es kann auch den Erfolg haben, daß die alten Formen, unsere Kirchen,\nmit neuer religiöser Inbrunst erfüllt werden und einen neuen Inhalt bekommen,\nohne daß den Menschen klar wird: wir haben eine neue Religion. So war zum\nBeispiel der pietismus eine neue Religion gegenüber der alten protestantischen\nOrthodoxiq und die moderne protestantische Orthodorie gegenüber dem Ratios\nnalismus. Aber soweit ich verfolgen kann, ist doch diese Betonung des Nationalen\netwas ganz Neues, und jedenfalls ist es etwas, das dem Geist des bisherigen\nChristentums widersprichy denn der ist übernational."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2792, "texte": "Der-Gedanke des deutschen Gottes müßte aber nun sehr nahe liegen. Wenn\nein urteilsfähiger Protestant, der sich nicht durch die Schale irre machen läßt,\nden englischen Protestantismus, der ofsiziellen Kirchen wie der Sekten, betrachtet,\nso muß er doch sagen, daß ein deutscher Katholik ihm verwandter ist; denn die\nenglische Religion ist nichts wie eine Versicherung zu möglichst niedriger Prämie\nauf persönliches Wohlergehen in diesem und jenem Leben, genau so wie es\nkindlich im Dekalog ausgedrückt ist: »auf daß es dir wohlergehe und du lange\nlebest auf Erden«. Und wenn ein deutscherKatholik sich etwa den italienischen\nKatholizismus betrachtet, so muß er zugeben, daß ihm der deutsche Protestant\nim wesentlichen Punkt doch näher steht; denn der italienische Katholizismus ist\nnichts als ein naives Heidentumz er ist eine Organisation, vermittelst deren sich\nder Mensch mit einer großen Macht absindet. Für uns Deutsche aller Bekennt-\nnisse ist Gott das, dem wir uns vereinigen, das wir werden müssen. Deshalb\nsteht für uns praktisch immer Christus im Mittelpunkt unseres religiösen Fühlens,\nwie bei den Engländern Gott Vater und bei den Italienern die Madonna.\nDadurch, daß Deutschland in zwei Konfessionen geteilt ist, hat man bei uns\ndas Konfessionelle, Trennende immer besonders scharf betont; und in völliger\nVerkennung der Aufgaben der Religion haben die Konfessionen sich sogar be-\nbekämpft. Heute wird es uns schwer, zu verstehen, weshalb Luther und Zwingli\nsich nicht einigen konnten, und wir sind geneigt, den einzigen Grund in theo-\nlogischer Starrköpfigkeit zu suchen; sollte nicht eine Zeit möglich fein, wo uns\nklar würde, wie unbedeutend eigentlich das Trennende zwischen unserem Pro-\ntestantismus und unserem Katholizismus ist; daß selbst der Ultramontanismus\nnur dann eine Gefahr ist, wenn er uns als Gefahr erscheint? Wir erleben jetzt,\nwie in der muhammedanischen Welt der Gegensatz zwischen Schiiten und Sün-\nniten vergessen wird, weil dem Islam große Aufgaben gestellt werden; sollte\nnicht auch der doch nicht tiefere Gegensatz in der christlichen Welt zu vergessen sein?\nWir haben das Trennende vielleicht nur so hoch bewertet, weil wir das\nGemeinsame nicht sahen, weil wir es an einer anderenStelle suchten, als wo\nes hingehört.\nWenn Religionen lebendig sind, dann bilden sie sich beständig weiter und\nbilden sich um zu Neuem. Aber diese Umbildung und Weiterbildung wird ihnen\nnicht genügend bewußt. Man kann sich die Sache vielleicht so klar machen.\nDie lebendige Religion, das reine Gefühl, ist formlos; so lange sie sormlos\nist, weiß sie nichts von sich, versteht sich oft falsch; sie sehnt sich deshalb nach\neinem gedanklichem poetischen oder willensmäßigen Ausdruck. In dieser Sehn-\nsucht ergreift sie meistens vorhandene Formen älterer Religionen, zunächst nur"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2823, "texte": "als bloßes Ausdrucksmittel, damit Einer sich dem Anderen mitteilen kann. Aber\nsowie das Gefühl ausgedrückt ist, ist es auch starr geworden und etwas anderes,\nals es war. Vielleicht verschwindet es für einige Zeit, vielleicht bricht ein neuer\nStrom aus den Seelen über das Erstarrte. Dieses Erstarrte aber bleibt jeden-\nfalls und heißt neue Religion, wird unter Umständen leer, unter Umständen\nGefäß für etwas Religionsfremdes oder Religionsfeindliches; und auf jeden\nFall halten die Leute hartnäckig an ihm fest, ohne zu ahnen, daß es an sich\nbedeutungslos ist und Religion nur wird, wenn in ihm Religion erlebt wird.\nEtwa ein mittelalterlicher Deutscher und ein alter persischer Mystiker erleben\nganz dasselbe: der eine erlebt es als Christ und innerhalb der Formen der\nscholastischen Theologie, der andere als Mul)ammedaner und innerhalb der\nFormen der philosophierenden Schiah. Das Wesentliche ist nicht die Philosophie,\nnicht Christentum und Muhammedanismus, sondern das religiöse Erlebnis, das\nGefühl, welches diese Kleider anzog. Man kann sich den Vorgang so anschau-\nlich machen. ·\nDurch die Arbeit vieler Generationen von Dichtern, Philofophen, bildenden\nKünstlern und Gelehrten war die Seele der antiken Menschheit höher gestiegen,\nund was früher Religion gewesen war, das erschien ihr nur noch als barba-\nrische Furcht vor dem unbekannten. Ein neues Gefühl war in den Menschen:\nsie fühlten, daß sie Kinder Gottes werden konnten. Nun suchten sie in den\nvorhandenen Formen: sie suchten unter den Göttern, Kalten, Mythenz sie kamen\netwa darauf, durch den Mithraskult dieses neue Gefühl zu formen; oder durch\ngnostische Weltschöpfungsmythem Da war, so könnte man annehmen, in einer\nder vielen mystischen Kultgemeinschaften ein Mysterium von der Kreuzigung\ndes Sohnes Gottes vorhanden, das zunächst nur als Dichtung geschassen war,\ndurch welche die sehnsüchtige Spannung der Gemüter sich lösen konnte, wenn\nes vor den Gläubigen aufgeführt wurde. Dieses Mysterium wurde nun er·\ngriffen, als historische Tatsache gefaßt, daß in Palästina Gottes Sohn als Mensch\ngekreuzigt sei, und nun gruppierte sich schnell aus altem und ältestem Material\nund aus neuen Schlußfolgerungen um diesen Kern alles von Gedanken und\nGeschichten, was das neue Gefühl brauchte, um sich in mittelbarer Form dar-\nzustellen. Alle diese Geschichten und Gedanken sind also nicht irgendwie real im\nSinne der gewöhnlichen Wirklichkeit; sie sind auch nicht eigentlich symbolisch;\nsie sind Ausdruck für ein Gefühl und sind an sich ähnlich zu verstehen wie ein\nTraum der Ausdruck für ein Gefühl istz etwa, um einen trivialen Vergleich zu\ngebrauchen: wenn man träumt, daß man eine Marmortreppe hinaufsteigt,\nwelcher eine Stufe fehlt, so drückt der Traum aus, daß der Träumende eine\nZahnlücke hat; ganz gut hätte der Betressende auch träumen können, daß er"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2774, "texte": "an einem Zaun vorbeigeht, in dem eine Latte fehlt; ob er diesen oder jenen\noder einen anderenTraum hat, welcher die Zahnlücke ausdrückt, das hängt\nvon Erinnerungen und Assoziationen ab, die mit der Zahnlücke nichts zu tun haben.\nMan nehme als Beispiel für einen solchen Ausdruck des Gefühls die Lehre\nvom ewigen Leben. i\ne Die Zeit ist eine Vorstellungsform, ohne die wir in unserem Leben nicht\nsein könnten. Religion geht aber auf etwas, das hinter unserem gewöhnlichen,\nbewußten Leben liegt, und in seltenen Augenblicken einer Zzochspannung des\nGefühls können wir dann sogar den Eindruck haben, daß die Zeit schwindet.\nEin mystischer Dichter versucht diesen Zustand auszudrücken »durch den Vers\n,,Wem Zeit wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit, der ist befreit von allem Leid«.\nDer Zustand ist nicht darzustellen; und wenn wir das, was hier gemeint ist,\nund das jenseits unseres Vorstellungskreises liegt, doch sagen wollen, so müssen\nwir das doch wieder mit unseren Vorstellungsformen sagen; wir schneiden ver-\nstandesmäßig zwei Eigenschaften der Zeit ab: Anfang und Ende, und sprechen\ndann von Ewigkeit. Vorstellen können wir uns diese Ewigkeit natürlich auch\nnicht, wir können sie aber doch wenigstens durch jenen logischen Kunstgrisf\nsagen; es ist das ein ähnlicher Vorgang, wie bei der Mathematik der 3 -s— n\ndimensionalen Gebilde; man glaubt zu haben, wo man nie haben kann. Hat\ndie Menschheit aber erst einmal den Begriff· der Ewigkeit, so beginnt sie mit\nAusmalen, natürlich wieder aus dem Gebiet des äußeren, des wirklichen Er-\nlebens, das mit der Religion gar nichts zu tun hat: man verlegt Lohn und\nStrafe in die Ewigkeit und stellt sich Gott vor wie einen kurzsichtigen Menschen,\nder etwa Richter ist, indem man sich dabei natürlich in unlöslichem Widersprüche\nverwickelt; und je nach Seele und Geist des Volkes, der Zeit und des Einzelnen\nwird dann dieses »Jenseits« mehr oder weniger sinnlich ausgemalt als eine\nArt Diesseits, das nur nach den Wünschen und Neigungen des Betreffenden\nneu eingerichtet ist. So kann denn zuletzt, was ursprünglich Ausdruck des\nreligiösen Gefühls war, sogar antireligiöse Lehre werden, im besten Glauben\nnatürlich. Lehren etwa wie Prädeftination und Gnadenwahl sind doch eigentlich\ndas Grausigste von antireligiösem Geist, was man sich denken kann, und sie\nsind ausgegangen von religiösen Denkern. Ich glaube, daß die religiösen\nDichter ein reineres Gefühl haben wie die Denker.\nDa das Gefühl das Ungreifbare, der Ausdruck aber das Greifbare ist,\nda das Gefühl häusig schwindet, der Ausdruck aber bleibt, so wird der Ausdruck\nimmer so hochgeschätzt und mit der Religion selber verwechselt.\nWir sahen nun am Anfang dieser Auseinandersetzung, daß ein neues\nreligiöses Gefühl osfenbar durch unser Volk geht«, welches bei Vielen in den"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2334, "texte": "vorhandenen christlichen Ausdrucksmitteln sich scheinbar nicht ausdrücken kann.\nDaher kommt es, daß die Menschen heute so oft sagen: es ist Sehnsucht nach\nReligion vorhanden. Es ist das vorhanden, was in Griechenland bei den\nBesten vorhanden war etwa zu der Zeit als Sophokles den Gdipus auf Kolonos\nschrieb, das heißt: es ist lebendige Religion vorhanden, die noch keinen Ausdruck\ngefunden hat. Das ist das Gemeinsame zwischen» Religion, Kunst und Liebe:\nlebendig sind sie nur, solange sie noch Sehnsucht sind, sobald sie die Erfüllung\nhaben, beginnt ihr Sterben: jede Kunstgeschichte ist eine Geschichte des Verfalls\nder Kunst, jede Religionsgeschichte des Verfalls der Religion; und jeder Dichter,\nder eine Liebesgeschichte dichtet, dichtet sie nur bis zu dem Zeitpunkt, da die\nLiebenden ihr Ziel erreicht haben.\nWir haben in unserer christlichen Lehre das Dogma vom heiligen Geist.\nZu allen Zeiten und bei allen Völkern der Christenheit ist immer wieder die Lehre\nvom dritten Reich aufgetauchz das dem Reich des Sohnes folgen soll, das Reich\ndes heiligen Geistes. Auch heute wieder hört man unklar zwischen der Sehnsucht\nnach dem Deutschen Gott die Worte vom« dritten Reich klingen. Sollte es\nmöglich sein, daß die Menschheit eine rein geistige Religion fände, die keinen\nKörper mehr braucht, keinen Ausdruck und keine Form, und nur noch Gefühl\nwäre? l l , .\nIch glaube, daß wir nordischen Völker manches im Christentum falsch\nverstanden haben, weil wir für historisch und wirklich hielten, was überhistorisch\nund überwirklich gemeint war; noch heute zeugt ja davon der gänzlich gleich-\ngültige Streit, ob Christus gelebt hat oder nicht. Die Ausdrucksweise des\nChristentums war uns fremd; und vielleicht ist manche Feindschaft gegen die\nReligion bei uns lediglich aus solchen Mißverständnissen ausgegangen. Ob uns\nDeutschen eine unsinnliche Religion nicht angemessen wäre, eine Religion ohne\nhistorischen und dogmatischen Ausdruck? Aber freilich, wie könnten wir dann\ndie wichtigen Dinge mitteilen? Es wäre uns eine neue Offenbarung nötig, die\nOssenbarung des Deutschen Gottes. Eine alte Welt bricht zusammen in diesem\nKrieg; sollte die neue Welt, die wir kaum von fern ahnen können, auch eine\nReligion haben, die wir uns noch nicht vorstellen können, die allem widersprechen\nwürde, was wir kennen, das dritte Reich? «\n\nPaul Ernst"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1914-12-02-c008", "article_bluemountain": "bmtnabb_1914-12_02#c008", "volume": "bmtnabb_1914-12_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "88", "page_fin": "88", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.2.8", "titre_corps": "Inhalt des Heftes F:", "titre_sommaire": "Inhalt des Heftes F:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 524, "texte": "Inhalt des Heftes F:\nMax: Unold ——— Origøzolzschnitt - Friedrich Curt Benndorf ——- Deutscher\nKampf J Otto Schneider ——- Der Stårkere J Alfred Rich. Mayer —-— Die\nSpeicherkatze J Karl Caspar -—— Orig.-SteindruckJ Erich Gutkind — Das\ntausendjährige Reich des Krieges J Johannes R. Becher —-— Thermopylå J\nWilli Geiger —- Orig.-Steindruck J Hermann Hesse ——— Tagebuchblatt J\nRich. Seewald -- Orig.-Steindruck J Reinhard Koester —- 1n memoriam\nA. H. J Walter Teutsch —- Orig.-Steindruck J Lucia Dora Frost -—- Der\nKriegsbefreier"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.1", "texte": "Tragödien Voltaire’s, Dienerstreitigkeitem ·\nein, Blick in öde Landschafy Postenschrittz «\nder Arzt, der Schreiber dann: die großen Zeiten --—\nGewesenes wie er, das längst vorüberglitt.\nLeben nur dies: die ewig wiederholten -\nReden und Szenen, die er früh schon las -——— e\nnoch ehe sie die Marseillaise johlten,\nals noch auf Frankreichs Thron ein« König saß,\nauf Frankreichs Thron, den er wie Traum bestiegen,\nden er erhöht, von dem er längst gestürzt,\nda wie ein Märchen schon der Ruhm von seinen Siegen\ndem Volk im Almanach die Abendstunden kürzt. i\nEr liest. Gelangweilt sitzt um ihn sein Hofgesindq\ndas diese Szenen hundertmal gehört, i\nindes der Lesende wie auf metallenem Winde\ndurch pathosszenen von Gespenstern fährt.\nEr glüht und lebt. Der Rhythmus trägt ihn noch,\nso hart er ihn skandiert, wie Schritt der Pferde.\nSein Auge blitzt. Er istes, der das Joch\nals Herr gelegt auf das Genick der Erde.\nEr selbst ist Mahomet, ist Cyrus. Ihn umringt\nwieder die Fülle redender Gestalten, R\ndie knieend ihm ihrBlut zum Opfer bringt —-\ner schweigt und sieht erregt in die gleichgültig kalten"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.2", "texte": "Gesichter seiner Hörer, grüße und geht,\ndas Buch noch in der Hand, ins nächste Zimmer,\nwo mit geschweiftem Fuß zierlich ein Schreibtisch steht,\ndrauf zweier Kerzen unbewegter Schimmer.\nIhm folgt ein Schatten, welcher lautlos gleitet\nzum aufgeschlagenen Pult. Der Kaiser neigt sich, späht\nund wandert wieder auf und ab. Er schreitet , .\nund wirft das Buch fort, weil fein Leben vor ihm steht\nUnd er diktiert: ruhmtrunkene, große Worte,\nals könnten sie die Welt noch einmal zwingen,\nals könnten sie durch seines Kerkers Pforte K « «\nihm die verlorenen Reiche wiederbringen,\nals wären’s Taten, wären neue Kriege.\nSo ziehen durch einsam verbannte Nacht\ndie Bilder seines Glücks und seiner Siege, s -\ndie Feuer seiner Herrlichkeit und Macht.\nDas ist sein Leben: ein Erglühn des Kranken i\nin Dialogen und Erinnerungem ,\nDann geht er schlafen —-— doch da nahen die Gedanken,\ndie einzigen Feinde, die er nicht bezwungen,\nund nähren sich von seinem Schlaf. Jetzt hört\ner rings den Wind um seinen Felsenstein\nund fröstelt, vom Verlorenen aufgestört\nund noch erregt, imgrauen Morgenscheiw —-\n\nWilhelm von Scholz"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.4", "texte": "Wien, Anfang Dezember 1914\nDank für Ihren Brief. Auch ich erinnere mich gern unsres letzten Beisammen-\nseins; es war eine friedliche Stunde an einem friedlichen Tag, eine junge Sängerin\nsang uns Schubertsche Lieder vor, und dann sprachen wir von unsrer Kunst\nund von unserem Leben. Diese Stunde, dieser Tag, siesind nun wie ausgelöscht,\nund doch haben wir sie besessen, auch die Lieder waren unser Besitz, Geschenke\ndes Friedens. Wir ahnten nichts von dem Verhängnis, das über den Völkern\nschwebte, war uns doch der Krieg allmählich ein Begriff· geworden, der mehr\nSchrecken der Phantasie als Drohungen der Wirklichkeit enthielt. Sie ermahnen\nmich, ein Wort über die Lügen zu sagen, die in den neutralen Ländern über\nuns Deutsche im Schwange sind; es kommt mir vor, als würde ich zu einer\nJagd auf Aasvögel eingeladen oder als sollte ich meine Meinung über Lzyänen\näußern. Und wer bin ich, daß ich reden sollte? Ein winzigesDing im unge-\nheuren Ganzen. Ist es nicht anmaßend von dem Ding, s eine Stimme zu erheben?\nNicht ein wenig lächerlich, da ich schon nicht auf dem Schlachtfelde stehe, nach\nAasvögeln zu schießen, noch dazu mit der denkbar geringsten Aussicht, sie zu\ntreffen und in ihrem lichtscheuen Geschäft zu behindern? Schweigen ist jetzt\nunser bestes Teil. Wir stehen im Schatten, es ist unser pflichtschuldiger Platz.\nAber Sie erwecken die Illusion in mir, daß es nützlich sein könnte, zu reden; es\ngenügt mir, dies zu hoffen, denn irgendwie zu nützen, muß jeder willig und\nbereit sein. »\nElend und Jammer hatten wir vom Krieg erwartet, Uebermaß des Leidens,\nUeberfülle von Schmerz und Trauer; er enttäuscht uns hierin mit nichten. Was\nwir nicht von ihn: erwarte: hatten, wenigstens in solcher Sturzsiut nicht, ist\neben das, was Sie mit Namen nennen, die Lüge. Er schien uns trotz aller\nGräuel immerhin eine heldenhafte Angelegenheit zusein, eine Sache der Bravour,\ndes Heldenmuts und der Entsagung. Nun sehen wir durch ihn auch ein Spiel\nvon Schmähsucht und Verleumdung begünstigt, das ihn seiner schauerlichen\nWürde fast entkleiden könnte, wäre das Blut der Hunderttausende nicht, das\nden Erdboden ganzer provinzen rötet. s\nIch muß ehrlich gestehen, ich sinde es mit der Haltung des deutschen Volkes\nnicht gut vereinbar, mit seiner moralischen und seiner geistigen nicht, daß es\nsich gegen Anwürfe soll verteidigen, die in ihrer Künstlichkcit und Frivolität\nin sich zusammenbrechen, wenn man nur Augen hat, zu sehen, und Ohren, zu\n\nLieber und verehrter Freund!"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.5", "texte": "hören. Ich finde es zu klein, ZU unbedeutend, zu oberfiächlichz ich finde die Bezieh-\ntigungen zu durchsichtig, ihre Zwecke zu leicht enthüllbar; ich finde, daß die Wahr-\nheit Weile hat, und daß wir uns um ihren Sieg nicht zu sorgen brauchen.\nMuß es immer wieder gesagt werden, daß die Existenz eines großen Volkes\nvon höherem Belang ist als die vorübergehende Ruhestörung, die ein kleines\nLand durch den Durchzug einer Armee erleidet? Und daß das Argument,\nwelches diesen der dringendsten Not abgepreßten Entschluß zum Vorwand einer\nKriegserklårung nahm, in feiner Fadenscheinigkeit längst aufgedeckt ist? Und\ndaß jenes Volk irregeführt wurde, durch Phrasen zur Wut gestachelt und in\nseiner glühenden Tobsucht auch den. Gegner von Ingrimm zur Raserei trieb?\nLesen Sie doch den Bericht eines unserer Sanitätssoldaten über die Eroberung\nvon Lüttich; die Neue Rundschau hat ihn gebracht. Ich versichere Ihnen, nichts\nkann erschütternder sein als die lapidare und einfache Sprache dieser Erzählung,\nnichts überzeugender und gråßlicher, eine Bestie könnte nicht unempfindlich da«\nbei bleiben. s\nUnd muß es immer wieder gesagt werden, daß Deutschland das Opfer\neiner planvollen Verschwörung war; liegt es nicht klar zutage? Wird es dort\nnicht genugsam durch einen Wortreichtum erwiesen, der sich stets einstellt, wo\nein Unrecht bemåntelt und ein Komplott in eine ritterliche Affaire verwandelt\nwerden soll? Ist es meines Amts, zu sagen, daß Kathedralen keine Festungen\nsind und daß, wenn man sie dazu macht, sie als solche traktiert werden müssen?\nOder wird von einem gebildeten Armeekorps verlangt, daß es sich von einem\ndurch Alter und Kunst ehrwürdigen Kirchturm herab zusammenschießen lassen\nsoll? Es wurden schon ungewöhnliche Forderungen an deutsche Langmut gestellt,\ndiese scheint mir eine der ungewöhvlichstem s\nIch habe selbst im deutschen »Herr gedient und kenne die Zucht, die es vom\nersten bis zum letzten Mann beseelt. Ohne Zweifel ist jeder Einzelne seiner\nbesonderen Menschenschwåche unterworfen, und es kann mir nicht einfallen, sie\nfür eine Schar von Cherubim auszugeben; desungeachtet gibt es keine andre\nOrganisation, die das Individuum so unbedingt einem sinnvollen Ganzen ein-\nfügt, es als Glied des Ganzen so gehorsam und verläßlich macht. Generationen\nsind in dieser Disziplin ausgewachsen, sie ist dem Volke in Fleisch und Blut\nübergegangen. Und nun sollen wir plötzlich eine Nation von Raubmördern und\nTempelschändern sein? Und was fürMänner sind es, die sich zu solchen An-\nklagen bemüßigt sehen? Männer, denen wir mit freimütiger und gastlicher\nLiebe begegnet, die zu bewundern und zu verstehen wir nie müde geworden\nsind und die bei uns eine Zuflucht gefunden haben, wenn in der Heimat Miß-\nkennung und Gleichgültigkeit ihrer wartete. Eher noch ließ der Deutsche den"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.6", "texte": "Messias in seinem eigenen Haus verkommen, als daß er es versäumt hätte,\ndem geringsten Apostel aus der Fremde Ehre zu bezeigen.\nUnsere Verteidigung liegt in unsrer Art zu leben, zu denken, zu empsinden\nund zu dienen. Jene aber kennen uns nicht, das ist es; sie wissen nichts von\nuns. Sie haben uns nur ausgespäht, aber sie haben sich nie umsuns bemüht.\nWir hingegen haben von ihnen und bei ihnen gelernt; wir haben ihren Dichtern\nBürgerrecht verliehen, ihren schöpferischen Genien im Ueberschwang gehuldigt,\nihre Vergangenheit studiert, ihre Bräuche geachtet, sogar ihre Moden nachgeahmt.\nSie kennen unsere Geschichte nicht, unsere Sitten nicht, unsere Sprache nicht,\nwissen nichts von unserer Arbeit, von unsern Ideen, von unserer Not, von\nunserem Schicksal. Nicht selten hat der Deutsche durch ein Zuviel an Bildung\nund Bildungskultus den Geist der Nation kompromitiert und seine schöneren\nEigenschaften im Dolmetschers und Maklereifer verleugnet; Jahrhunderte lang\nwar er der Lakai der anderen Völker, sein Land war ein Wirtshaus und er\nselber eben noch darin geduldet; wenn er den hohen Herrschaften die Rechnung\nvorlegte, ging es ohne Zzerzklopfen nicht ab. Es ist anders geworden, und daß\nes anders geworden ist, können sie uns nicht verzeihen. .\nWährend ich alles dies niederschreibe, eilt an meinem inneren Auge Bild.\nauf Bild vorüber. Ich sehe brennende Dörfer, zerstampfte Fluren, die Ebenen\nund die Gebirgstäler voller Leichen, die Verwundeten in den Lazaretten mit\nihrem schüchtern und erstaunt ins Leben zurückkehrenden Blick, die ängstlich\nsiüsternden Flüchtlinge in den überfüllten Eisenbahnzügen. Ich sehe, wie der\njunge Graf T. wahnsinnig wurde, weil der Kosakenhauptmann, auf den er\nin der Attacke zuritt, auf einmal ohne Kopf auf seinem Pferde saß, ohne\nKopf noch den Säbel schwang; und wie Major S. sechzehn Stunden ver-\nschmachtend unter Toten lag; ich sehe einen teuren Freund im Geschoßhagel\nin Flandern und einen zweiten in Gefangenschaft in Sibirien. So geht es\nweiter, Bild auf Bild, Grauen über Grauen. Heißt das noch leben? Kann\nman sich selbst dabei noch etwas wert sein? Was soll in einem folchen Sturm\nder Wirklichkeiten Gedicht, Gestalt, Symbol? Was geschieht mit uns, wo ist\nder Sinn, wo das Ziel? Ich beuge mich; die Ehrfurcht vor der Erscheinung\ndurchzittert mich bis ins Mark, und wenn die Vesten des Planeten wanken,\ndarf ich mich nicht beklagen, wenn auch meine Fundamente sich lockern. Es\nmuß ertragen werden. Bin ich es nicht, dem es frommt, so sind es die, die\nnach mir kommen.\nEinsichtige unterschieben dem gegenwärtigen Krieg einen tieferen Grund\nals der ist, der sich in politischen Machenschaften und Kabinettsfehden manis\nfestiert. Ich zweisie nicht daran. Große Verwandlungen der Menschheit gehen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.7", "texte": "nur von großen Katastrophen aus, und die sogenannten friedlichen Reformen\ndringen meist kaum durch die Haut, geschweige denn, daß sie bis ans Herz\nreichen. Schuldige zu suchen ist gleichwohl menschlich, und Schuldige sind auch\nda; daß sie zugleich die Diener des uns unbekannten Schicksals sind und so\ndie Zukunft gestalten helfen, mindert ihre Verantwortlichkeit nicht. Sie müssen\nso verworfen fein, daß unsere allzu kultivierte und bürgerliche Einbildungss\nkraft versagt, wenn wir uns den Unfang ihres Verbrechertums vorstellen\nwollen. Mich dünkt, daß uns neueren Dichtern der Mut, das Böse in seinem\nelementaren Wesen zu statuieren, mehr und mehr abl)anden gekommen ist und\ndaß wir uns in empsindsamer Scheu daran gewöhnt haben, es psychologisch\nzu verdünnen und zu rationalisieren. Ia, das Böse ist, es existiert. Es gibt\neinen Teufel, den großen Gewissenlosen, den großen Entnervten und Entherzten.\nWie genußsüchtig er ist, wie lüstern und feig! Er will nicht morden, er will\nvielleicht nur die Macht; oder vielleicht will er auch die Macht nicht, vielleicht\nwill er nur Schätze; oder es ist ihm auch um Schätze nicht zu tun, und es ver-\nlangt ihn in der Finsternis seiner Seele bloß nach Lärm, Gebrüll, Verwirrung,\nUmsturz und Zähneklapperm Vielleicht ist er auch nicht einmal lüstern und\ngenußsüchtig, vielleicht ist er satt, übersatt und streut Tod um sich her, damit\ndie lästige Zeit vergeht, und brennt Städte nieder, um die steinernen Mienen\nseiner Schergen und Kreaturen aufzuhellen und durch Börsenspekulationen\nihre Taschen zu füllen. Wie verständlich er mir plötzlich ist; wie unheimlich\nund grausig wahr ihn sein tiefster Kenner, Dostojewski, gemalt hat! Zzüten\nwir uns vor ihm, denn Europa fängt erst an, unter« seinen Pranken zu erbeben.\nWenn nun das Böse so folgenschwer tätig sein, solche Zerstörung und Ver-\nzweisiung bewirken kann, so müssen wir trachten, daß auch die Güte von andrer\nBeschasfenheit werde, als sie bisher war, verlangendety begieriger, leidenschaft-\nlicher, wachsamer und aus-dauernder. Dadurch und nur dadurch können wir\nden Teufel besiegen, im letzten Sinne meine ich, und wenn der Wassengang\nbeendigt ist, werden erst die großen inneren Schlachten zum Austrag und zur\nEntscheidung gelangen.\n\nSeien Sie freundschaftlich gegrüßt\nvon Ihrem\nJakob Wassermann"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.8", "texte": "Ifolde Kurz\nVaterland,\nheiliges Land,\nrings umlodert vom Weltenbrandl\nDeine eisernen Söhne wachen,\nsei getrost, aus dem Höllenrachen\nreißt dich der Zornigen Liebe Hand.\nHaß und Hohn\nweltumfangenden Herzens Lohn!\nKamsy die Völker mit Licht zu speisen,\nund sie schliffen die Mördereisem\ndie dem allernåhrenden Busen drohnl\nVaterland,\nheiliges Land,\nerst in Gefahren ganz erkannt!\nWer hat noch Wünsche, die ihn betörten?\nSchmerzen, die ihm allein gehörten? ,\nAll unser» Sinnen, unser Beginnen,\ngroße Mutter, dir zugewandt.\nBleibe getrost,\nwie die Woge des Hasses tostl\nWenn das eiserne Spiel zu Ende,\nrverden dir reine Retterhånde\ndie Krone reichen, die du erlost."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.10", "texte": "Schon vor dem Kriege war in unserem Volk eine neue religiöse Bewegung\nzu spüren gewesen. Eine der ersten Erscheinungen in diesem furchtbaren Krieg\nwar, daß diese Bewegung außerordentlich an Kraft zunahm. Sie ist gänzlich\nformlos, geht vielleicht bei manchen in der Richtung, daß die Kirchlichkeit ge-\nstärktjwirdz bei sehr vielen aber hat sie durchaus nicht einen kirchlichen Charakter,\nso daß man annehmen muß, daß bei den anderen die Kirchlichkeit nicht das\nErste sondern das Zweite ist, daß ein. neues Gefühl sich in einer vorhandenen\nForm äußert.\nSehr merkwürdig ist bei diesem allen das spontane Auftauchen des Aus-\ndrucks »Der deutsche Gott«.\nWir sind zu sehr gewohnt, Religion mit Kirche zu verbinden, oder weiter\ngefaßt, mit irgend einem mehr oder weniger festen Glaubensbekenntnis. So\nkann es kommen, daß man religiöse Leute für irreligiös l)ält, daß sie selber\nsich dafür halten, und daß man umgekehrt glaubt, das bloße Annehmen kirch-\nlicher Glaubenssätze und die Zugehörigkeit zu einer Kirche, noch dazu wenn\ndieses Annehmen aus einer Überzeugung kommt und diese Zugehörigkeit bewußt\nund gewollt ist, sei ein Beweis von Religion. Man sollte an die berühmte\nSchleiermacher’sche Definition denken, daß Religion das Gefühl der schlecht-\nhinigen Abhängigkeit von Gott ist; ein Gefühl also und zunächst weder ein\nGedankenkompleyz noch einwillensaktz und sollte bedenken, daß »Gott« für\njeden Menschen etwas Anderes ist, wie für jeden Menschen Welt und Ich etwas\nAnderes ist, daß ich Gott nicht anders desinieren kann als das, von dem ich mich\nschlechthin abhängig fühle. So gebrauchen das Wort auch unsereheiligen\nSchriften, wenn sie etwa sagen: ,,denen das Geld ihr Gott ist«.\nWas die Menschen heute bei uns erleben, das schwebt noch in der Welt\ndes Gefühls, auch bei den Kirchengläubigen; die Idee des -,,Deutschen Gottes«\naber versucht bereits eine verstandesmäßige Konstruierung und bahnt einen\nÜbergang zum Willen. Mit andern Worten: hier will eine neue Religion werden.\nEin solches Ringen braucht ja keinen Erfolg zu haben; es ist oft ergebnislos\ngewesen; es kann auch den Erfolg haben, daß die alten Formen, unsere Kirchen,\nmit neuer religiöser Inbrunst erfüllt werden und einen neuen Inhalt bekommen,\nohne daß den Menschen klar wird: wir haben eine neue Religion. So war zum\nBeispiel der pietismus eine neue Religion gegenüber der alten protestantischen\nOrthodoxiq und die moderne protestantische Orthodorie gegenüber dem Ratios\nnalismus. Aber soweit ich verfolgen kann, ist doch diese Betonung des Nationalen\netwas ganz Neues, und jedenfalls ist es etwas, das dem Geist des bisherigen\nChristentums widersprichy denn der ist übernational."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.11", "texte": "Der-Gedanke des deutschen Gottes müßte aber nun sehr nahe liegen. Wenn\nein urteilsfähiger Protestant, der sich nicht durch die Schale irre machen läßt,\nden englischen Protestantismus, der ofsiziellen Kirchen wie der Sekten, betrachtet,\nso muß er doch sagen, daß ein deutscher Katholik ihm verwandter ist; denn die\nenglische Religion ist nichts wie eine Versicherung zu möglichst niedriger Prämie\nauf persönliches Wohlergehen in diesem und jenem Leben, genau so wie es\nkindlich im Dekalog ausgedrückt ist: »auf daß es dir wohlergehe und du lange\nlebest auf Erden«. Und wenn ein deutscherKatholik sich etwa den italienischen\nKatholizismus betrachtet, so muß er zugeben, daß ihm der deutsche Protestant\nim wesentlichen Punkt doch näher steht; denn der italienische Katholizismus ist\nnichts als ein naives Heidentumz er ist eine Organisation, vermittelst deren sich\nder Mensch mit einer großen Macht absindet. Für uns Deutsche aller Bekennt-\nnisse ist Gott das, dem wir uns vereinigen, das wir werden müssen. Deshalb\nsteht für uns praktisch immer Christus im Mittelpunkt unseres religiösen Fühlens,\nwie bei den Engländern Gott Vater und bei den Italienern die Madonna.\nDadurch, daß Deutschland in zwei Konfessionen geteilt ist, hat man bei uns\ndas Konfessionelle, Trennende immer besonders scharf betont; und in völliger\nVerkennung der Aufgaben der Religion haben die Konfessionen sich sogar be-\nbekämpft. Heute wird es uns schwer, zu verstehen, weshalb Luther und Zwingli\nsich nicht einigen konnten, und wir sind geneigt, den einzigen Grund in theo-\nlogischer Starrköpfigkeit zu suchen; sollte nicht eine Zeit möglich fein, wo uns\nklar würde, wie unbedeutend eigentlich das Trennende zwischen unserem Pro-\ntestantismus und unserem Katholizismus ist; daß selbst der Ultramontanismus\nnur dann eine Gefahr ist, wenn er uns als Gefahr erscheint? Wir erleben jetzt,\nwie in der muhammedanischen Welt der Gegensatz zwischen Schiiten und Sün-\nniten vergessen wird, weil dem Islam große Aufgaben gestellt werden; sollte\nnicht auch der doch nicht tiefere Gegensatz in der christlichen Welt zu vergessen sein?\nWir haben das Trennende vielleicht nur so hoch bewertet, weil wir das\nGemeinsame nicht sahen, weil wir es an einer anderenStelle suchten, als wo\nes hingehört.\nWenn Religionen lebendig sind, dann bilden sie sich beständig weiter und\nbilden sich um zu Neuem. Aber diese Umbildung und Weiterbildung wird ihnen\nnicht genügend bewußt. Man kann sich die Sache vielleicht so klar machen.\nDie lebendige Religion, das reine Gefühl, ist formlos; so lange sie sormlos\nist, weiß sie nichts von sich, versteht sich oft falsch; sie sehnt sich deshalb nach\neinem gedanklichem poetischen oder willensmäßigen Ausdruck. In dieser Sehn-\nsucht ergreift sie meistens vorhandene Formen älterer Religionen, zunächst nur"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.12", "texte": "als bloßes Ausdrucksmittel, damit Einer sich dem Anderen mitteilen kann. Aber\nsowie das Gefühl ausgedrückt ist, ist es auch starr geworden und etwas anderes,\nals es war. Vielleicht verschwindet es für einige Zeit, vielleicht bricht ein neuer\nStrom aus den Seelen über das Erstarrte. Dieses Erstarrte aber bleibt jeden-\nfalls und heißt neue Religion, wird unter Umständen leer, unter Umständen\nGefäß für etwas Religionsfremdes oder Religionsfeindliches; und auf jeden\nFall halten die Leute hartnäckig an ihm fest, ohne zu ahnen, daß es an sich\nbedeutungslos ist und Religion nur wird, wenn in ihm Religion erlebt wird.\nEtwa ein mittelalterlicher Deutscher und ein alter persischer Mystiker erleben\nganz dasselbe: der eine erlebt es als Christ und innerhalb der Formen der\nscholastischen Theologie, der andere als Mul)ammedaner und innerhalb der\nFormen der philosophierenden Schiah. Das Wesentliche ist nicht die Philosophie,\nnicht Christentum und Muhammedanismus, sondern das religiöse Erlebnis, das\nGefühl, welches diese Kleider anzog. Man kann sich den Vorgang so anschau-\nlich machen. ·\nDurch die Arbeit vieler Generationen von Dichtern, Philofophen, bildenden\nKünstlern und Gelehrten war die Seele der antiken Menschheit höher gestiegen,\nund was früher Religion gewesen war, das erschien ihr nur noch als barba-\nrische Furcht vor dem unbekannten. Ein neues Gefühl war in den Menschen:\nsie fühlten, daß sie Kinder Gottes werden konnten. Nun suchten sie in den\nvorhandenen Formen: sie suchten unter den Göttern, Kalten, Mythenz sie kamen\netwa darauf, durch den Mithraskult dieses neue Gefühl zu formen; oder durch\ngnostische Weltschöpfungsmythem Da war, so könnte man annehmen, in einer\nder vielen mystischen Kultgemeinschaften ein Mysterium von der Kreuzigung\ndes Sohnes Gottes vorhanden, das zunächst nur als Dichtung geschassen war,\ndurch welche die sehnsüchtige Spannung der Gemüter sich lösen konnte, wenn\nes vor den Gläubigen aufgeführt wurde. Dieses Mysterium wurde nun er·\ngriffen, als historische Tatsache gefaßt, daß in Palästina Gottes Sohn als Mensch\ngekreuzigt sei, und nun gruppierte sich schnell aus altem und ältestem Material\nund aus neuen Schlußfolgerungen um diesen Kern alles von Gedanken und\nGeschichten, was das neue Gefühl brauchte, um sich in mittelbarer Form dar-\nzustellen. Alle diese Geschichten und Gedanken sind also nicht irgendwie real im\nSinne der gewöhnlichen Wirklichkeit; sie sind auch nicht eigentlich symbolisch;\nsie sind Ausdruck für ein Gefühl und sind an sich ähnlich zu verstehen wie ein\nTraum der Ausdruck für ein Gefühl istz etwa, um einen trivialen Vergleich zu\ngebrauchen: wenn man träumt, daß man eine Marmortreppe hinaufsteigt,\nwelcher eine Stufe fehlt, so drückt der Traum aus, daß der Träumende eine\nZahnlücke hat; ganz gut hätte der Betressende auch träumen können, daß er"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.13", "texte": "an einem Zaun vorbeigeht, in dem eine Latte fehlt; ob er diesen oder jenen\noder einen anderenTraum hat, welcher die Zahnlücke ausdrückt, das hängt\nvon Erinnerungen und Assoziationen ab, die mit der Zahnlücke nichts zu tun haben.\nMan nehme als Beispiel für einen solchen Ausdruck des Gefühls die Lehre\nvom ewigen Leben. i\ne Die Zeit ist eine Vorstellungsform, ohne die wir in unserem Leben nicht\nsein könnten. Religion geht aber auf etwas, das hinter unserem gewöhnlichen,\nbewußten Leben liegt, und in seltenen Augenblicken einer Zzochspannung des\nGefühls können wir dann sogar den Eindruck haben, daß die Zeit schwindet.\nEin mystischer Dichter versucht diesen Zustand auszudrücken »durch den Vers\n,,Wem Zeit wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit, der ist befreit von allem Leid«.\nDer Zustand ist nicht darzustellen; und wenn wir das, was hier gemeint ist,\nund das jenseits unseres Vorstellungskreises liegt, doch sagen wollen, so müssen\nwir das doch wieder mit unseren Vorstellungsformen sagen; wir schneiden ver-\nstandesmäßig zwei Eigenschaften der Zeit ab: Anfang und Ende, und sprechen\ndann von Ewigkeit. Vorstellen können wir uns diese Ewigkeit natürlich auch\nnicht, wir können sie aber doch wenigstens durch jenen logischen Kunstgrisf\nsagen; es ist das ein ähnlicher Vorgang, wie bei der Mathematik der 3 -s— n\ndimensionalen Gebilde; man glaubt zu haben, wo man nie haben kann. Hat\ndie Menschheit aber erst einmal den Begriff· der Ewigkeit, so beginnt sie mit\nAusmalen, natürlich wieder aus dem Gebiet des äußeren, des wirklichen Er-\nlebens, das mit der Religion gar nichts zu tun hat: man verlegt Lohn und\nStrafe in die Ewigkeit und stellt sich Gott vor wie einen kurzsichtigen Menschen,\nder etwa Richter ist, indem man sich dabei natürlich in unlöslichem Widersprüche\nverwickelt; und je nach Seele und Geist des Volkes, der Zeit und des Einzelnen\nwird dann dieses »Jenseits« mehr oder weniger sinnlich ausgemalt als eine\nArt Diesseits, das nur nach den Wünschen und Neigungen des Betreffenden\nneu eingerichtet ist. So kann denn zuletzt, was ursprünglich Ausdruck des\nreligiösen Gefühls war, sogar antireligiöse Lehre werden, im besten Glauben\nnatürlich. Lehren etwa wie Prädeftination und Gnadenwahl sind doch eigentlich\ndas Grausigste von antireligiösem Geist, was man sich denken kann, und sie\nsind ausgegangen von religiösen Denkern. Ich glaube, daß die religiösen\nDichter ein reineres Gefühl haben wie die Denker.\nDa das Gefühl das Ungreifbare, der Ausdruck aber das Greifbare ist,\nda das Gefühl häusig schwindet, der Ausdruck aber bleibt, so wird der Ausdruck\nimmer so hochgeschätzt und mit der Religion selber verwechselt.\nWir sahen nun am Anfang dieser Auseinandersetzung, daß ein neues\nreligiöses Gefühl osfenbar durch unser Volk geht«, welches bei Vielen in den"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.14", "texte": "vorhandenen christlichen Ausdrucksmitteln sich scheinbar nicht ausdrücken kann.\nDaher kommt es, daß die Menschen heute so oft sagen: es ist Sehnsucht nach\nReligion vorhanden. Es ist das vorhanden, was in Griechenland bei den\nBesten vorhanden war etwa zu der Zeit als Sophokles den Gdipus auf Kolonos\nschrieb, das heißt: es ist lebendige Religion vorhanden, die noch keinen Ausdruck\ngefunden hat. Das ist das Gemeinsame zwischen» Religion, Kunst und Liebe:\nlebendig sind sie nur, solange sie noch Sehnsucht sind, sobald sie die Erfüllung\nhaben, beginnt ihr Sterben: jede Kunstgeschichte ist eine Geschichte des Verfalls\nder Kunst, jede Religionsgeschichte des Verfalls der Religion; und jeder Dichter,\nder eine Liebesgeschichte dichtet, dichtet sie nur bis zu dem Zeitpunkt, da die\nLiebenden ihr Ziel erreicht haben.\nWir haben in unserer christlichen Lehre das Dogma vom heiligen Geist.\nZu allen Zeiten und bei allen Völkern der Christenheit ist immer wieder die Lehre\nvom dritten Reich aufgetauchz das dem Reich des Sohnes folgen soll, das Reich\ndes heiligen Geistes. Auch heute wieder hört man unklar zwischen der Sehnsucht\nnach dem Deutschen Gott die Worte vom« dritten Reich klingen. Sollte es\nmöglich sein, daß die Menschheit eine rein geistige Religion fände, die keinen\nKörper mehr braucht, keinen Ausdruck und keine Form, und nur noch Gefühl\nwäre? l l , .\nIch glaube, daß wir nordischen Völker manches im Christentum falsch\nverstanden haben, weil wir für historisch und wirklich hielten, was überhistorisch\nund überwirklich gemeint war; noch heute zeugt ja davon der gänzlich gleich-\ngültige Streit, ob Christus gelebt hat oder nicht. Die Ausdrucksweise des\nChristentums war uns fremd; und vielleicht ist manche Feindschaft gegen die\nReligion bei uns lediglich aus solchen Mißverständnissen ausgegangen. Ob uns\nDeutschen eine unsinnliche Religion nicht angemessen wäre, eine Religion ohne\nhistorischen und dogmatischen Ausdruck? Aber freilich, wie könnten wir dann\ndie wichtigen Dinge mitteilen? Es wäre uns eine neue Offenbarung nötig, die\nOssenbarung des Deutschen Gottes. Eine alte Welt bricht zusammen in diesem\nKrieg; sollte die neue Welt, die wir kaum von fern ahnen können, auch eine\nReligion haben, die wir uns noch nicht vorstellen können, die allem widersprechen\nwürde, was wir kennen, das dritte Reich? «\n\nPaul Ernst"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191412-02.1.16", "texte": "Inhalt des Heftes F:\nMax: Unold ——— Origøzolzschnitt - Friedrich Curt Benndorf ——- Deutscher\nKampf J Otto Schneider ——- Der Stårkere J Alfred Rich. Mayer —-— Die\nSpeicherkatze J Karl Caspar -—— Orig.-SteindruckJ Erich Gutkind — Das\ntausendjährige Reich des Krieges J Johannes R. Becher —-— Thermopylå J\nWilli Geiger —- Orig.-Steindruck J Hermann Hesse ——— Tagebuchblatt J\nRich. Seewald -- Orig.-Steindruck J Reinhard Koester —- 1n memoriam\nA. H. J Walter Teutsch —- Orig.-Steindruck J Lucia Dora Frost -—- Der\nKriegsbefreier\n\nHerausgegeben von Otto Haas-Heye\nBerlin J Pariser Platz 7\nverantwortlich für die Schriftleitung\nFriedrich M. Huebner\n« München ! Franz-Jofephstr. 11\nVeranwortlich für die künstlerifche Leifung\nO; TI). W. steil! .-\ni München J Ainmillerstn 17\nFür unt-erlangte Einfendungen keine Gewähr.\nIn Gsterreich für die Redaktion verantwortlich Hugo Hellcy Wien, I,\nBauernmarkt 3 \""}]}