{"numero_id": "bm-bmtnabb-1915-01-01", "volume": "bmtnabb_1915-01_01", "ocr_sha256": "5f034f5dec609ad9e2893d647bb8cba97fd39d1fae52990916edb3367998f21d", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1915/01_01/bmtnabb_1915-01_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1915/01_01/bmtnabb_1915-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1915-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-01_01#c002", "volume": "bmtnabb_1915-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "90", "page_fin": "91", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.2.2", "titre_corps": "Gewalt, einbrechende Gewalt des Gleichzeitigenl", "titre_sommaire": "Gewalt, einbrechende Gewalt des Gleichzeitigenl", "signature_source": "Martin Buber", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1835, "texte": "Gewalt, einbrechende Gewalt des Gleichzeitigenl\nEinst saß ich in, der stahlblauen Einsamkeit meiner Abende,\nda össnete ich das Fenster, und herein gesiogen kamst du, anzusehn\nwie ein mondfarbner Vogel, mit Furchtbarem und Såßem beladen,\nund ich fühlte: i» diesem Auge-ebner» Die-Zeiten enkwichen ins\nUnfaßbare, aber den Raum, den Erdraum dieses Augenblicks legtest\ndu wie ein Wollknåuel an meine Brust, und ich atmete die Träume\nfernster Wesen, Regungen unbekannter Kreaturen versammelten\nsich in meiner Kehle, und« in meinem Blute mischten sich die\nElemente der Seelen. Die Gegenwart war in mich getreten als\neine Musik aus Spannung, Trieb und Aufschwung der Lebendigen,\nund der Unendlichkeit dieses Augenblicks standhaltend, wußte ich\nnicht, ob sie mich, ob ich sie regierte, nur daß sie gebunden, zu\nleibhafter Musik gebunden war. Dann aber wußte ich wieder: als\nich mich zutiefst besinnend dich gehen hieß, Gewalt des Gleich-\nzeitigen, und du hobst dich hinweg wie ein mondfarbner Vogel,\nmit entlasteten Flügeln, und ich schloß mein Fenster und fühlte\nden Glockenschlag »Alle Zeit« durch mein Herz gehen. Nun waren\nsie wieder bei mir, Laotse der Alte und der goldne Platon, und\nmit ihnen, verschwistertz die ganze Gegenwart. Und wie auf der\nRreuzigung des Frate Angelico die Glåubigen vieler Zeitalter dem\nEreignis beiwohnen und es kraft ihres Beisammenseins dem\nVerlauf nicht mehr angehört, so ist je und je, wo die Zeiten sich\nvereinigen, das Zeitlose nahe.\nJetzt aber, jetzt schlägst du mein Fenster ein, jetzt stürzest du\ndich auf mich, Raubadler, Verhängnis, einbrechende Gewalt des\nGleichzeitigen, die Zeiten entsiiehen vor deinem Sausen, und du\nwirfst den Erdraum dieses Augenblicks wie einen Feuerbrand an\nmeine Brust. Aus deinem Feuerbrand gießt sich das Geschehen\nin mein Blut, Stoßwucht und Starrkrampf, Ruf und Röcheln,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1212, "texte": "und das Lächeln eines Mundes über dem zermalmten Leibe. Wo\nwerden sich diese zur Ususik binden, wo, wo, in welchem Verlaß\nder Aeonen? Wo wohnt ihre Versöhnung, wo schläft ihr Gesang,\nwo birgt sich das Geheimnis des Meisters? Wie halte ich der\nUnendlichkeit dieses Augenblicks stand?\n« — Aber nie wieder, o Augenblick, o einbrechende Gewalt des\nGleichzeitigen, nie werde ich dich gehen heißen. Du sollst bei mir\nbleiben und niemand soll dich verloschen, sondern deines Feuers\nBeute und Fraß will ich sein alle Stunden meines Lebens. Denn\naus deinem Feuer gebiert sich das Licht und nirgendwo gebiert\nsich das Licht denn aus deinem Feuer. Ich verbrenne an dir,\naber ich verbrenne zu Licht.\nWerde ich die Seligkeit jenes Glockenschlags je vergessen?\nAber ich verlange nie wieder nach ihr, nun dein Toben mich heim-\ngesucht hat, du Unseliger! Mag, wo die Zeiten sich vereinigen,\ndas Zeitlose nahe sein, ich habe gefunden, was großer ist, in der un-\nerbittlichen Wahrheit des Augenblicks, der das Morgende tun heißt.\nDiese Wunden und diese Schreie, die du mir zugebracht hast,\nGewalt des Gleichzeitigen, diese Wunden leuchten, diese Schreie\npredigen, und dasirre Verhängnis hilft der ringenden Ewigkeit.\n\nMartin Buber"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-01_01#c003", "volume": "bmtnabb_1915-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "92", "page_fin": "92", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.2.3", "titre_corps": "Dich sing ich wilde Zerklüftung,", "titre_sommaire": "Dich sing ich wilde Zerklüftung,", "signature_source": "Georg Trakl seiner Verwunduiig erlegen im Garnisoiisfpiral Krakau Z. November 1914", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 656, "texte": "Georg Trakl\nseiner Verwunduiig erlegen im Garnisoiisfpiral Krakau\nZ. November 1914\nDich sing ich wilde Zerklüftung,\nIm Nachtsturm\nAufgetürmtes Gebirge;\nIhr grauen Türme\nUeberfließend von höllischen Fratzen,\nFeurigem Getier,\nRauhen Farnen, Fichten, .\nRristallnen Blumen.\nUnendliche Qual,\nDaß du Gott erjagtest\nSanfter Geist,\nAufseufzend im Wassersturz,\nIn wogenden Föhren.\nGolden lodern die Feuer\nDer Völker rings. i\nUeber schwärzliche Klippen\nStürzt todestrunken\nDie erglühende Windsbraut,\nDie blaue Woge\nDes Gletschers\nUnd es dröhnt\nGewaltig die Glocke im Tal:\nFlammen, Fläche\nUnd die dunklen\nSpiele der Wollust,\nStürmt den Himmel\nEin versteinertes Haupt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-01_01#c004", "volume": "bmtnabb_1915-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "95", "page_fin": "96", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.2.4", "titre_corps": "engen endlichen Spielraum der Lebenstage hinaus —- geschweige das", "titre_sommaire": "engen endlichen Spielraum der Lebenstage hinaus —- geschweige das", "signature_source": "Max: Scheler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2086, "texte": "engen endlichen Spielraum der Lebenstage hinaus —- geschweige das\nHinausschwingen von Person, Geist, Wille, Liebe üb er dieser Tage\nGrenze. Das Nichtsehen des Todes, die Todesblindheit, welche die\n»Geschäfte« bewirken, ist der Grund für den Unglauben an das\nFortleben über den Tod hinaus. Wer den Tod sieht, der sieht seine\nPers on im selben Akte des Schauens über den Tod erhaben; er sieht\nsich über die Grenze des Todes hinausschwingem Metaphysik ist\nHeldentum des Gedankens. Heldentum ist praktische Metaphysik.\nDer Krieg ist der Metaphysiker der ,,Armen im Geiste«; er macht\ndie Lehre der Weisen zum Gemeingut.\nWie auf Stufen führt der Genius des Krieges seinen Lehrling\nbis zum Wissen der Unsterblichkeit. Er zeigt ihm zuerst Ehre und\nAuszeichnung. Damit lockt er ihn heraus aus dem dumpfen, in sich\ngeschlossenen Ichgefühh das ihm in Friedenszeiten feinen Leib,\ndessen Lust und Schmerz als die Wurzel seines wahren Selbst vor-\nspiegelte. Er führt ihn hinaus über die Liebe zu seiner Ehre und\nläßt ihn im Blick auf die geliebte Fahne, in Kampf und Einstehen\nfür sie, die Ehre eines Größeren, die Ehre des Regiments den\nFährnissen seines Leibes und seiner eigenen Ehre vorziehen.\nDas Alles ist noch irdisch ———— allzu irdisch! Ehre und Nichtehre\nhängen vom Verhalten der noch Lebenden ab, vom Verhalten der\nUmwelt und Nachwelt. Viele taten Kühnstes, ohne daß es Jemand\nweiß. Viele erhielten nicht die Auszeichnung, die sie verdienten z viele\nerhielten Auszeichnungen, die sie nicht verdienten. Die Fahne, so herr-\nlich sie dort flattert, für Gott ist sie nur ein Stück buntes Tuch.\nAber der Genius des Krieges verfügt noch über tiefere Künste,\ndie schlafenden Seelen zu erwecken. Er führt seinen Zögling vor\nEtwas, das großer undbesser ist als alle Ehre: vor den Ruhm,\nvor die ,,irdische Unsterblichkeit«. Denn Ruhm: das ist das\nlebendige Fortwirken der person in ihrer Willenstat auf irdische\nDinge selbst; Ruhmliebe Vorgefühl und Sehnsucht nach diesem\nWirken. Er ist nicht Sehen und Schätzung dieses Fortlebens und\n-wirkens durch Umwelt und ,,Andere«, die sich täuschen oder blind"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1615, "texte": "sein können. Es selbst, dieses Sein und Schönsein im Fortwirken\nist der wahre Ruhm. Wer ihn hat, wird nicht mit ihm gekrönt\nund bekränzt und geschmückt durch Um- und Nachwelt: Er schmückt\nund kränzt sich selbst in edler Tat. Er schlägt sein Bild in ein\ndauerhafteres Element als in menschliche Meinung und Schätzung:\nin das plastische Element historischen Wirkens selbst, das geheimnis-\nvoll den Rern seiner Existenz weiter trägt -——— auch ungesehen.\nBeim Ruhme hängt Wert und Weiterwirken nicht mehr ab\nvon dem Verhalten, der Schätzung, der Ehrung Anderert Hier\nhängt umgekehrt der Wert, die Schåtzbarkeit der Anderen, der Um-\nund Nachwelt davon ab, daß sie den ehren, der stch mit Ruhm\nbedeckt hat, der irdische Unsterblichkeit errang. So ist der Ruhm\nganz still und geräuschlosz aber größer und herrlicher als die Ehre,\ndie stets ein wenig klappert. Ehre bringen uns die Andern; wir\nkönnen uns nicht ,,mit Ehre bedecken«. Aber wir können uns bedecken\nmit Ruhm, auch als verlorener ungekannter Posten in der Schlacht.\nIm Sehnen nach dem Ruhme, da beginnt sich leise und unmerklich\nunser geistiges Antlitz abzuwenden vom Irdischen und sich nach\neinem Oben, wie nach Sternen zu kehren. Darum beginnt hier\nzuerst der Durchbruch des Erlebens durch die Schranken und die\nAngst des Jrdischen und der Anbruch des Ewigen Lebens und\nseine innere Aufnahme im Vorgeschmack beginnen miteinander\nFühlung zu nehmen. Also ist der Ruhm die Vorstufe, das Eingangs-\ntor in das höhere, das geistige Fortleben der Person selbst —- ein\nwunderbares Mittelding zwischen wahrhafter Fortexistenz und\nmenschlicher Erinnerung.\n\nMax: Scheler"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-01_01#c006", "volume": "bmtnabb_1915-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "98", "page_fin": "98", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.2.6", "titre_corps": "Das war, als ich des Nachts an einer", "titre_sommaire": "Das war, als ich des Nachts an einer", "signature_source": "Gottfried Kölwel", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 525, "texte": "Gottfried Kölwel\nDas war, als ich des Nachts an einer\nkalten Straßenecke stand:\nSoldaten zogen aus dem Land;\nda bat ein Kind: Ach, Vater! ———- schrie —\nund streckte feine bleiche Hand.\nSeit jener Nacht gefpenftert es:\nAus jedem Hauch, aus jedem Wind,\naus allen Dingen, die da find\num mich und meinen Sinn berühren,\ngreift die Hand von jenem Kind.\nUnd plötzlich — mitten in der Nacht c ·\nerwache ich zur Dunkelheit: i\nWie war die Hand so kalt —— so weit —\nUnd horchend warte ich, ob nicht\ndas Kind aus einer Ecke schreit . . ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-01-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-01_01#c007", "volume": "bmtnabb_1915-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "99", "page_fin": "102", "image_debut": 9, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.2.7", "titre_corps": "Oktober 1914.", "titre_sommaire": "Oktober 1914.", "signature_source": "Annette Kolb", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2740, "texte": "I.\nOktober 1914.\nEs ist noch verfrüht (obwohl es weiß Gott nicht unpatriotisch ist), europäische\nWorte in unseren plombierten Ländern auszusprechen. Aber einer muß doch\nanfangen. Ich will jedoch niemanden Ungelegenheiten bereiten, ich will auch\nnicht mißverstanden werden. Und ich will nicht diskutieren. Das ist heute zu\nviel verlangt. l\nDu und ich aber wir waren einer Sinnesart, und du bist tot. Darum\nrichte ich meine Worte an dich und klammere mich an deinen Schatten. Und\ndu, der vielleicht nur mehr Augen für das Unsichtbare hast, du siehst wie über-\nschwänglich froh ich mein Nichts von Leben hundertmal veratmet hätte, um\nabzuwenden, was heute in der Welt geschieht. Wir waren wohl zu leicht be-\nfunden und unserer zu Wenige, die uns gerne zu Geiseln geschart, und den\nGorgonen entgegengeworfen hätten, ihre wütenden Schritte, und auf ihren\nHäuptern die entsetzlichen Natterngewinde zu bannen, die nun entfesselten, deren\ngiftige Brut überall nistet. Ja, wo die gütige Erde Saaten und Früchte trug\nund die friedliche Kornblume sproßte, dort wogen jetzt sie geschäftig über die\nverwüsteten Acker und würgen die Männer dahin, während ihr Gift wie fern-\nwirkende Geschoße die unverschonten Frauen ereilen, die weit weg in den ge-\nschützten Städten die Agonie ihrer Männer vernehmen. So ist jetzt die Welt.\n-.-6at nicht ein Jeder im Leben Momente gehabt, über die er nicht hätte\nhinauskommen sollen, und ist es doch; zum deutlichen Beweise, daß etwas im\nMenschen sein müsse, das alle irdischen Begegnisse überschkbebt und also über-\nschweben kann, wenn es sich nicht selbst aufgibt.«\nDiesen Satz las ich heute. Wer ist man? Und doch gilt es, die Treue an\nsich selber zu bewahren, auch wenn es alle Gemeinschaft mit den anderen kostet.\nO verlasse mich nicht! Du siehst, wie jetzt die Leute ihre Fenster schließen. Der\nWind, der über die Erde rauscht, ihnen trägt er nichts zu; jeder weiß, wo er\nhingehört und scharf und wie geschliffen fällt seine Türe ins Schloß. Nur ich\nbin l)eimatlos durch diesen Krieg geworden: Ia ——— hätte Gott, der den Arm\nAbrahams (den zur Opferung des Sohnes schon erhobenen) zurückhielt, hätte\ner dem rückwärtigen Lauf des Zzöllenrades Einhalt geboten, und angesichts so\nviel wundervoller Bereitheit zu sterben sich erbarmt, dann würde freilich auch\nich mich freuen, das Präludium dieses Krieges erlebt zu haben. Denn wer ver-\ngäße je der Gesichter, die er da sah.\nDoch vom Tag an, wo das Sengen und Brennen und Schießen und Er-\nstechen und Niederstoßen und Erwürgen und Bombenwerfen und Minenlegen\nanging, und man sich freute über die Ertrunkenen und Erschlagenen und allen\nJammer des Anderen, von dem Tag an, siehst du, bin ich eine Ausgestoßenez\nvon einer solchen Welt bin ich geschieden; wie ein Idiot. ."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2657, "texte": "Denn ich verstehe ja nicht. Wie ein Idiot erschrecke ich vor den Menschen\nund fürchte mich seitdem. Sonst so stadtisch, treibt es mich seitdem in schlafende\nDörfer, in unbegangene Wälder hinein, als gebe es noch eine Flucht, und als\nsei die Tatsache dieses Krieges nicht längst ins Yveglose eingetragen und brütete\nnicht über das verlassenste Moor. Selbst die reinen Linien der Berge sind von\nihm durchfurcht, von grauenvollem Wissen ist der Mond umhauchtz keine Alm\nsteht mehr in ihrer Unschuld da. Was ihn erst unglaubhaft erscheinen ließ, das\ngemahnt jetzt alles an ihn. Auf keinen Tisch, keine Türklinge können wir die\nHand unvoreingenommen legen, wie eine bittere Hefe ist er in unser Brot ge-\nbacken, und selbst im Traume nagt das dumpfe Wissen um ihn. Wie leicht\ndünkt mir dagegen dein Schlaf! und du selbst wie bevorzugt, wie unaussprech-\nlich vornehm, daß du diesen Zusammenbruch, Europas unsterbliche Blamage\nnicht mehr erlebtest. s\nII.\nNovember 1914.\nKomm ich bitte dichl unterhalten wir uns über die Gedankenlosigkeit der\nMenschen. Weißt du noch, wie wir einmal den Fluß entlang vor deiner\nWohnung auf und nieder gingen. Die Sträucher waren schon aufgebläht. Wir\nsprachen über Zeitungen und du schlugst plötzlich mit deinem Stock auf das\nPsiaster und riefest: »Die Menschen sind zu borniertl Man möchte sich manch-\nmal schåmen, daß man, zu ihnen gehört« ,\nDaß aber diie Dummheit solche Triumphe feiern, und ihre Fanfare mit\neinem solchen Geschmetter dreinfahren würde, nein, das glaubten wir nicht.\nAuch wenn wir es sagten. ——— Und dennoch sahen wir die Völker Europas gut-\nwillig in einen Haß ausbrechen, den sie Tags zuvor entrüstet von sich Wiesen.\nDenn ach! es stand geschrieben —-— und in der Politik wie in allem wird der\nNachdenkliche gar bald zum Fatalist —- es stand geschrieben, und in jedem\nStaate wiederholte sich dasselbe fürchterliche Schauspiel, daß nicht die besten\nKöpfe bestimmen durften. So wurde Caillaup des Landes verwiesen und\nPoincarö ist noch am Ruder, so wurde Iaures ermordet und Iswolski ist noch\nam Leben. Und so wurde die Intelligenz Europas von ein paar verruchten\nund ein paar ungeschickten Leuten unterjocht, welche teils auf diesen Krieg hin\narbeiteten, teils ihn nicht zu verhindern verstanden und ihn so gemeinsam ver-\nschuldetenz sie aber durften sich ruhigen Sinnes auf die Straße begeben, von\nder Volkswut verschont, welche schon anfing, unschuldige Menschen über die\nGrenzen zu jagen.\nUnd alsbald geschah es, daß dort, wie auf einen Wink des Antichristen\nhin, schwarze Drachenfelsen die sonnenumwobenen Auen verstellten und sich als\nfinstere Kulissen entlang zogen; und daß ein kranker Wind sich erhob und"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2748, "texte": "Scharen Unglücklicher wie müde Spreu hinüberwirbelte; sie wußten nicht wie;\nso schnelll Eben noch als Freunde sich am Halse liegend, mitleidig angestarrt —-\naber ein neuer Windstoß, und sie waren schon geächtet, und ehe sie die Straße\nüberschritten, ihres Lebens nicht mehr gewiß, verängstet und verflucht.\nUnd zugleich fing es im ganzen Erdteil wie in einem Bienenkorb zu wimmeln\nund sich zu regen an von geschäftig sich Drängendem unübersehbaren Schwärmen,\naus den verlorensten Tälern aufgeflogen, und alle in ihrem künstlichem Haß zu\nden künstlichen Felsen hingetrieben, aus deren Schacht nunmehr heißes Blut\nächzend hervorbrach, zu Bächen, zu Strömen qualvoll unversiegbar ans chwellend,\ndoch stets so, o Gott! daß die Schmerzensrufe der Einen mit ihrem weit-\nhallenden Echo des Jammers zugleich Genugtuung und Iubel bei den anderen\nhervorrief. Und wenn die Einen, die Armen! in brennenden Wäldern umkamen,\noder langsam in kalten Sümpfen heulend versanken —— wie man sonst niedrige\nTiere nicht verenden ließe — so frohlockten die Andern. Und die so taten,\nwaren nicht etwa Ausgeburten mit Assenschwänzem mißgestaltete Trolle, sondern\ngute, nach Gottes Ebenbild geschaffene Menschen, viel zarte, schöne, verwöhnte\nJünglinge darunter, die nicht mehr anders konnten, als morden und sich morden\nzu lassen, —-— denn der Teufelsspuk hatte eingesetzt. «\nIII.\nDaß in, dieser Zeit, in der die Taten reden müssen, noch so viel zu sagen\nbleibt, ist niederdrückender als Alles. Wer soll es mit dem Schutt aufnehmen,\nder sich von neuem häuft? Seit ich denken lernte, nannte ich die Geschichte\nmeiner beiden Vaterländer den Roman, um den allein das Schicksal unseres\nKontinents sich drehe. Wird man mkr eher glauben als zuvor?\nXVir sind am Ende des l. Bandes angelangt, wo noch einmal Alles ver-\nschüttet und zurückgeworfen liegt. Bis man an den zweiten gehen kann, sind\nwir, die heute keine Kinder mehr sind, vielleicht ermattet oder hin. Das Wirrsal\nist zu groß. erstickc Es ist zu spät. Lasciate...\nAllein die Hand verdiente zu verdorren, die heute zu kämpfen abließe, wenn\nauch vergebens. Wer denkt, liegt heute erst recht im Graben: aber nur von\ndem Schritt vor Schritt und unablässig Vorgedachtem wird endlich, unter\ntausend Opfern, und über unsere Leiber hin, die Masse fortbewegt. Doch die\nGemüter sind noch so, daß die ruhigen Worte die gewagtesten sind. Niemand\nträgt heute in Europa freieren Gewissens sein geteiltes und zerhämmertes Herz\nund nur allzu billig siele mir der Beweis, daß meine geteilte Liebe eine ver-\ndoppelte und keine verminderte ist. Nie aber glaube ich erging noch die FRE-\nderung so gebieterifch an das Gewissen derer, die nicht imsFelde stehen, sich\nauf die Unze genau zu ihrem Blute zu bekennen; nur so behaupten auch sie in"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2661, "texte": "ihrer Bedrängnis die ihnen zugedachten Posten, die vielleicht Vorposten sind.\nEs wäre gemein zu fordern, daß Einer, der feiner Abstammung nach in gleichem\nMaße zwei Nationen angehört, heute die eine oder andere verleugne. Heute\nnicht! Vor all dem vergossenen Blut erhebt sich heute die Stimme des Blutes\nlauter als alles. Wie es heute in einem HalbisRomanen Deutschlands aussieht,\ndas weiß kein Deutscher und kein Franzose, das kann nur sein Echo sinden in\nder Qual eines Halb-Germanen in Frankreich. Denn wie die eingestürzten Häuser\nunserer Grenzorte, die wechselseitig umstritten, von den Kugeln beider Gegner\nzerschossen liegen, so sind wir in uns selber zusammengestürzt —\nDu weißt: ich habe mich von meinen deutschen Landsleuten nur dadurch\nvielfach unterschieden, daß ich immer so stolz darauf war ihnen anzugehören\nund, daß ich im Ausland mit der aufgezogenen Fahne meines Deutschtums so\nbegeistert herumging. Du hast auch gehört wie unermüdlich ich ihnen zurief:\nDie Verschmelzung Eurer Wesensart mit der Eurer westlichen Brüder ist für\ndas Heil Europas unerläßlich und die Stunde für eine Anleihe ihrer Quali-\ntäten hat geschlagen. Denn nicht eher seid Ihr die Berufenen. Iawohll Ich\nweiß es schon, Il)r seid tiefer, gründlicher, männlicher, Ihr seid auch vielleicht\nreicher besaitet, Euer Geist ist weiter ausgebuchtet. Aber Jhr habt die poli-\ntischen Lehrjahre noch nicht hinter Euch! Il)r seid die politisch Ahnungslosem\ndie politisch Ungeschulten, die Unpolitischen par exce11cnce. Ihr versteht es nicht\nmit den Franzosen auszukommen, was noch alle anderen Nationen fertig brachten.\nEs ist gar nicht so schwer. Nur sachte! rief ich ihnen voll Besorgnis zu. Nicht\nso schnelll Um Gottes willen was macht Ihr da! Falsch!\nLeute wie ich, die zu ihrer Qual (denn in keinem Lande sind sie ganz da-\nheim) eine Versöhnung der heterogenen deutschen und französischen Elemente\nverkörpern, waren sicherlich vor allen Anderen befugt, ihre Meinung abzugeben.\nDie Kluft war ja so groß geworden, daß wir allein, die Mitte Weges standen,\nsie überschauen konnten. Doch wer achtete unser? — sie wußten es besser, hier\nwie drüben; und da alles fehlschlug, zog man es vor die Franzosen für er-\nledigte, die Deutschen für vernichtbare Leute zu halten. Nichts von all dem! —\nIndessen glauben sie’s noch immer! Ach und mir dünkt es ist gerade genug\nfür ein Menschenherz seinen Jammer und seine Sorge um die Not eines Volkes\nin unseren Tagen zu bewältigen. Aber Leute wie ich werden auch noch am\nTage des Sieges sich verkriechen müssen. Denn immer wird es Ierusalem und\nseine Kinder sein, um die sie weinen werden. Ach wir sind es, die hätten\nsterben sollen!\n\nAnnette Kolb"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-01_01#c009", "volume": "bmtnabb_1915-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "104", "page_fin": "104", "image_debut": 14, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.2.9", "titre_corps": "Inhalt des Heftes 6:", "titre_sommaire": "Inhalt des Heftes 6:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 14, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 289, "texte": "Inhalt des Heftes 6:\nWilhelm von Scholz —- Longwood J Alfred Rubin —- Orig.-Steindruck J\nJakob Wassermannn —- An Doktor Frederik van Erden in Bussum, Hol-\nland J Isolde Kurz --— Vaterland J Edwin Scharff —- Orig.-Steindruck J\nPaul Ernst -— Der deutsche Gott J Renå Beeh —- Orig.-Steindruck"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.2", "texte": "Gewalt, einbrechende Gewalt des Gleichzeitigenl\nEinst saß ich in, der stahlblauen Einsamkeit meiner Abende,\nda össnete ich das Fenster, und herein gesiogen kamst du, anzusehn\nwie ein mondfarbner Vogel, mit Furchtbarem und Såßem beladen,\nund ich fühlte: i» diesem Auge-ebner» Die-Zeiten enkwichen ins\nUnfaßbare, aber den Raum, den Erdraum dieses Augenblicks legtest\ndu wie ein Wollknåuel an meine Brust, und ich atmete die Träume\nfernster Wesen, Regungen unbekannter Kreaturen versammelten\nsich in meiner Kehle, und« in meinem Blute mischten sich die\nElemente der Seelen. Die Gegenwart war in mich getreten als\neine Musik aus Spannung, Trieb und Aufschwung der Lebendigen,\nund der Unendlichkeit dieses Augenblicks standhaltend, wußte ich\nnicht, ob sie mich, ob ich sie regierte, nur daß sie gebunden, zu\nleibhafter Musik gebunden war. Dann aber wußte ich wieder: als\nich mich zutiefst besinnend dich gehen hieß, Gewalt des Gleich-\nzeitigen, und du hobst dich hinweg wie ein mondfarbner Vogel,\nmit entlasteten Flügeln, und ich schloß mein Fenster und fühlte\nden Glockenschlag »Alle Zeit« durch mein Herz gehen. Nun waren\nsie wieder bei mir, Laotse der Alte und der goldne Platon, und\nmit ihnen, verschwistertz die ganze Gegenwart. Und wie auf der\nRreuzigung des Frate Angelico die Glåubigen vieler Zeitalter dem\nEreignis beiwohnen und es kraft ihres Beisammenseins dem\nVerlauf nicht mehr angehört, so ist je und je, wo die Zeiten sich\nvereinigen, das Zeitlose nahe.\nJetzt aber, jetzt schlägst du mein Fenster ein, jetzt stürzest du\ndich auf mich, Raubadler, Verhängnis, einbrechende Gewalt des\nGleichzeitigen, die Zeiten entsiiehen vor deinem Sausen, und du\nwirfst den Erdraum dieses Augenblicks wie einen Feuerbrand an\nmeine Brust. Aus deinem Feuerbrand gießt sich das Geschehen\nin mein Blut, Stoßwucht und Starrkrampf, Ruf und Röcheln,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.3", "texte": "und das Lächeln eines Mundes über dem zermalmten Leibe. Wo\nwerden sich diese zur Ususik binden, wo, wo, in welchem Verlaß\nder Aeonen? Wo wohnt ihre Versöhnung, wo schläft ihr Gesang,\nwo birgt sich das Geheimnis des Meisters? Wie halte ich der\nUnendlichkeit dieses Augenblicks stand?\n« — Aber nie wieder, o Augenblick, o einbrechende Gewalt des\nGleichzeitigen, nie werde ich dich gehen heißen. Du sollst bei mir\nbleiben und niemand soll dich verloschen, sondern deines Feuers\nBeute und Fraß will ich sein alle Stunden meines Lebens. Denn\naus deinem Feuer gebiert sich das Licht und nirgendwo gebiert\nsich das Licht denn aus deinem Feuer. Ich verbrenne an dir,\naber ich verbrenne zu Licht.\nWerde ich die Seligkeit jenes Glockenschlags je vergessen?\nAber ich verlange nie wieder nach ihr, nun dein Toben mich heim-\ngesucht hat, du Unseliger! Mag, wo die Zeiten sich vereinigen,\ndas Zeitlose nahe sein, ich habe gefunden, was großer ist, in der un-\nerbittlichen Wahrheit des Augenblicks, der das Morgende tun heißt.\nDiese Wunden und diese Schreie, die du mir zugebracht hast,\nGewalt des Gleichzeitigen, diese Wunden leuchten, diese Schreie\npredigen, und dasirre Verhängnis hilft der ringenden Ewigkeit.\n\nMartin Buber"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.4", "texte": "Georg Trakl\nseiner Verwunduiig erlegen im Garnisoiisfpiral Krakau\nZ. November 1914\nDich sing ich wilde Zerklüftung,\nIm Nachtsturm\nAufgetürmtes Gebirge;\nIhr grauen Türme\nUeberfließend von höllischen Fratzen,\nFeurigem Getier,\nRauhen Farnen, Fichten, .\nRristallnen Blumen.\nUnendliche Qual,\nDaß du Gott erjagtest\nSanfter Geist,\nAufseufzend im Wassersturz,\nIn wogenden Föhren.\nGolden lodern die Feuer\nDer Völker rings. i\nUeber schwärzliche Klippen\nStürzt todestrunken\nDie erglühende Windsbraut,\nDie blaue Woge\nDes Gletschers\nUnd es dröhnt\nGewaltig die Glocke im Tal:\nFlammen, Fläche\nUnd die dunklen\nSpiele der Wollust,\nStürmt den Himmel\nEin versteinertes Haupt."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.5", "texte": "engen endlichen Spielraum der Lebenstage hinaus —- geschweige das\nHinausschwingen von Person, Geist, Wille, Liebe üb er dieser Tage\nGrenze. Das Nichtsehen des Todes, die Todesblindheit, welche die\n»Geschäfte« bewirken, ist der Grund für den Unglauben an das\nFortleben über den Tod hinaus. Wer den Tod sieht, der sieht seine\nPers on im selben Akte des Schauens über den Tod erhaben; er sieht\nsich über die Grenze des Todes hinausschwingem Metaphysik ist\nHeldentum des Gedankens. Heldentum ist praktische Metaphysik.\nDer Krieg ist der Metaphysiker der ,,Armen im Geiste«; er macht\ndie Lehre der Weisen zum Gemeingut.\nWie auf Stufen führt der Genius des Krieges seinen Lehrling\nbis zum Wissen der Unsterblichkeit. Er zeigt ihm zuerst Ehre und\nAuszeichnung. Damit lockt er ihn heraus aus dem dumpfen, in sich\ngeschlossenen Ichgefühh das ihm in Friedenszeiten feinen Leib,\ndessen Lust und Schmerz als die Wurzel seines wahren Selbst vor-\nspiegelte. Er führt ihn hinaus über die Liebe zu seiner Ehre und\nläßt ihn im Blick auf die geliebte Fahne, in Kampf und Einstehen\nfür sie, die Ehre eines Größeren, die Ehre des Regiments den\nFährnissen seines Leibes und seiner eigenen Ehre vorziehen.\nDas Alles ist noch irdisch ———— allzu irdisch! Ehre und Nichtehre\nhängen vom Verhalten der noch Lebenden ab, vom Verhalten der\nUmwelt und Nachwelt. Viele taten Kühnstes, ohne daß es Jemand\nweiß. Viele erhielten nicht die Auszeichnung, die sie verdienten z viele\nerhielten Auszeichnungen, die sie nicht verdienten. Die Fahne, so herr-\nlich sie dort flattert, für Gott ist sie nur ein Stück buntes Tuch.\nAber der Genius des Krieges verfügt noch über tiefere Künste,\ndie schlafenden Seelen zu erwecken. Er führt seinen Zögling vor\nEtwas, das großer undbesser ist als alle Ehre: vor den Ruhm,\nvor die ,,irdische Unsterblichkeit«. Denn Ruhm: das ist das\nlebendige Fortwirken der person in ihrer Willenstat auf irdische\nDinge selbst; Ruhmliebe Vorgefühl und Sehnsucht nach diesem\nWirken. Er ist nicht Sehen und Schätzung dieses Fortlebens und\n-wirkens durch Umwelt und ,,Andere«, die sich täuschen oder blind"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.6", "texte": "sein können. Es selbst, dieses Sein und Schönsein im Fortwirken\nist der wahre Ruhm. Wer ihn hat, wird nicht mit ihm gekrönt\nund bekränzt und geschmückt durch Um- und Nachwelt: Er schmückt\nund kränzt sich selbst in edler Tat. Er schlägt sein Bild in ein\ndauerhafteres Element als in menschliche Meinung und Schätzung:\nin das plastische Element historischen Wirkens selbst, das geheimnis-\nvoll den Rern seiner Existenz weiter trägt -——— auch ungesehen.\nBeim Ruhme hängt Wert und Weiterwirken nicht mehr ab\nvon dem Verhalten, der Schätzung, der Ehrung Anderert Hier\nhängt umgekehrt der Wert, die Schåtzbarkeit der Anderen, der Um-\nund Nachwelt davon ab, daß sie den ehren, der stch mit Ruhm\nbedeckt hat, der irdische Unsterblichkeit errang. So ist der Ruhm\nganz still und geräuschlosz aber größer und herrlicher als die Ehre,\ndie stets ein wenig klappert. Ehre bringen uns die Andern; wir\nkönnen uns nicht ,,mit Ehre bedecken«. Aber wir können uns bedecken\nmit Ruhm, auch als verlorener ungekannter Posten in der Schlacht.\nIm Sehnen nach dem Ruhme, da beginnt sich leise und unmerklich\nunser geistiges Antlitz abzuwenden vom Irdischen und sich nach\neinem Oben, wie nach Sternen zu kehren. Darum beginnt hier\nzuerst der Durchbruch des Erlebens durch die Schranken und die\nAngst des Jrdischen und der Anbruch des Ewigen Lebens und\nseine innere Aufnahme im Vorgeschmack beginnen miteinander\nFühlung zu nehmen. Also ist der Ruhm die Vorstufe, das Eingangs-\ntor in das höhere, das geistige Fortleben der Person selbst —- ein\nwunderbares Mittelding zwischen wahrhafter Fortexistenz und\nmenschlicher Erinnerung.\n\nMax: Scheler"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.8", "texte": "Gottfried Kölwel\nDas war, als ich des Nachts an einer\nkalten Straßenecke stand:\nSoldaten zogen aus dem Land;\nda bat ein Kind: Ach, Vater! ———- schrie —\nund streckte feine bleiche Hand.\nSeit jener Nacht gefpenftert es:\nAus jedem Hauch, aus jedem Wind,\naus allen Dingen, die da find\num mich und meinen Sinn berühren,\ngreift die Hand von jenem Kind.\nUnd plötzlich — mitten in der Nacht c ·\nerwache ich zur Dunkelheit: i\nWie war die Hand so kalt —— so weit —\nUnd horchend warte ich, ob nicht\ndas Kind aus einer Ecke schreit . . ."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.9", "texte": "I.\nOktober 1914.\nEs ist noch verfrüht (obwohl es weiß Gott nicht unpatriotisch ist), europäische\nWorte in unseren plombierten Ländern auszusprechen. Aber einer muß doch\nanfangen. Ich will jedoch niemanden Ungelegenheiten bereiten, ich will auch\nnicht mißverstanden werden. Und ich will nicht diskutieren. Das ist heute zu\nviel verlangt. l\nDu und ich aber wir waren einer Sinnesart, und du bist tot. Darum\nrichte ich meine Worte an dich und klammere mich an deinen Schatten. Und\ndu, der vielleicht nur mehr Augen für das Unsichtbare hast, du siehst wie über-\nschwänglich froh ich mein Nichts von Leben hundertmal veratmet hätte, um\nabzuwenden, was heute in der Welt geschieht. Wir waren wohl zu leicht be-\nfunden und unserer zu Wenige, die uns gerne zu Geiseln geschart, und den\nGorgonen entgegengeworfen hätten, ihre wütenden Schritte, und auf ihren\nHäuptern die entsetzlichen Natterngewinde zu bannen, die nun entfesselten, deren\ngiftige Brut überall nistet. Ja, wo die gütige Erde Saaten und Früchte trug\nund die friedliche Kornblume sproßte, dort wogen jetzt sie geschäftig über die\nverwüsteten Acker und würgen die Männer dahin, während ihr Gift wie fern-\nwirkende Geschoße die unverschonten Frauen ereilen, die weit weg in den ge-\nschützten Städten die Agonie ihrer Männer vernehmen. So ist jetzt die Welt.\n-.-6at nicht ein Jeder im Leben Momente gehabt, über die er nicht hätte\nhinauskommen sollen, und ist es doch; zum deutlichen Beweise, daß etwas im\nMenschen sein müsse, das alle irdischen Begegnisse überschkbebt und also über-\nschweben kann, wenn es sich nicht selbst aufgibt.«\nDiesen Satz las ich heute. Wer ist man? Und doch gilt es, die Treue an\nsich selber zu bewahren, auch wenn es alle Gemeinschaft mit den anderen kostet.\nO verlasse mich nicht! Du siehst, wie jetzt die Leute ihre Fenster schließen. Der\nWind, der über die Erde rauscht, ihnen trägt er nichts zu; jeder weiß, wo er\nhingehört und scharf und wie geschliffen fällt seine Türe ins Schloß. Nur ich\nbin l)eimatlos durch diesen Krieg geworden: Ia ——— hätte Gott, der den Arm\nAbrahams (den zur Opferung des Sohnes schon erhobenen) zurückhielt, hätte\ner dem rückwärtigen Lauf des Zzöllenrades Einhalt geboten, und angesichts so\nviel wundervoller Bereitheit zu sterben sich erbarmt, dann würde freilich auch\nich mich freuen, das Präludium dieses Krieges erlebt zu haben. Denn wer ver-\ngäße je der Gesichter, die er da sah.\nDoch vom Tag an, wo das Sengen und Brennen und Schießen und Er-\nstechen und Niederstoßen und Erwürgen und Bombenwerfen und Minenlegen\nanging, und man sich freute über die Ertrunkenen und Erschlagenen und allen\nJammer des Anderen, von dem Tag an, siehst du, bin ich eine Ausgestoßenez\nvon einer solchen Welt bin ich geschieden; wie ein Idiot. ."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.10", "texte": "Denn ich verstehe ja nicht. Wie ein Idiot erschrecke ich vor den Menschen\nund fürchte mich seitdem. Sonst so stadtisch, treibt es mich seitdem in schlafende\nDörfer, in unbegangene Wälder hinein, als gebe es noch eine Flucht, und als\nsei die Tatsache dieses Krieges nicht längst ins Yveglose eingetragen und brütete\nnicht über das verlassenste Moor. Selbst die reinen Linien der Berge sind von\nihm durchfurcht, von grauenvollem Wissen ist der Mond umhauchtz keine Alm\nsteht mehr in ihrer Unschuld da. Was ihn erst unglaubhaft erscheinen ließ, das\ngemahnt jetzt alles an ihn. Auf keinen Tisch, keine Türklinge können wir die\nHand unvoreingenommen legen, wie eine bittere Hefe ist er in unser Brot ge-\nbacken, und selbst im Traume nagt das dumpfe Wissen um ihn. Wie leicht\ndünkt mir dagegen dein Schlaf! und du selbst wie bevorzugt, wie unaussprech-\nlich vornehm, daß du diesen Zusammenbruch, Europas unsterbliche Blamage\nnicht mehr erlebtest. s\nII.\nNovember 1914.\nKomm ich bitte dichl unterhalten wir uns über die Gedankenlosigkeit der\nMenschen. Weißt du noch, wie wir einmal den Fluß entlang vor deiner\nWohnung auf und nieder gingen. Die Sträucher waren schon aufgebläht. Wir\nsprachen über Zeitungen und du schlugst plötzlich mit deinem Stock auf das\nPsiaster und riefest: »Die Menschen sind zu borniertl Man möchte sich manch-\nmal schåmen, daß man, zu ihnen gehört« ,\nDaß aber diie Dummheit solche Triumphe feiern, und ihre Fanfare mit\neinem solchen Geschmetter dreinfahren würde, nein, das glaubten wir nicht.\nAuch wenn wir es sagten. ——— Und dennoch sahen wir die Völker Europas gut-\nwillig in einen Haß ausbrechen, den sie Tags zuvor entrüstet von sich Wiesen.\nDenn ach! es stand geschrieben —-— und in der Politik wie in allem wird der\nNachdenkliche gar bald zum Fatalist —- es stand geschrieben, und in jedem\nStaate wiederholte sich dasselbe fürchterliche Schauspiel, daß nicht die besten\nKöpfe bestimmen durften. So wurde Caillaup des Landes verwiesen und\nPoincarö ist noch am Ruder, so wurde Iaures ermordet und Iswolski ist noch\nam Leben. Und so wurde die Intelligenz Europas von ein paar verruchten\nund ein paar ungeschickten Leuten unterjocht, welche teils auf diesen Krieg hin\narbeiteten, teils ihn nicht zu verhindern verstanden und ihn so gemeinsam ver-\nschuldetenz sie aber durften sich ruhigen Sinnes auf die Straße begeben, von\nder Volkswut verschont, welche schon anfing, unschuldige Menschen über die\nGrenzen zu jagen.\nUnd alsbald geschah es, daß dort, wie auf einen Wink des Antichristen\nhin, schwarze Drachenfelsen die sonnenumwobenen Auen verstellten und sich als\nfinstere Kulissen entlang zogen; und daß ein kranker Wind sich erhob und"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.11", "texte": "Scharen Unglücklicher wie müde Spreu hinüberwirbelte; sie wußten nicht wie;\nso schnelll Eben noch als Freunde sich am Halse liegend, mitleidig angestarrt —-\naber ein neuer Windstoß, und sie waren schon geächtet, und ehe sie die Straße\nüberschritten, ihres Lebens nicht mehr gewiß, verängstet und verflucht.\nUnd zugleich fing es im ganzen Erdteil wie in einem Bienenkorb zu wimmeln\nund sich zu regen an von geschäftig sich Drängendem unübersehbaren Schwärmen,\naus den verlorensten Tälern aufgeflogen, und alle in ihrem künstlichem Haß zu\nden künstlichen Felsen hingetrieben, aus deren Schacht nunmehr heißes Blut\nächzend hervorbrach, zu Bächen, zu Strömen qualvoll unversiegbar ans chwellend,\ndoch stets so, o Gott! daß die Schmerzensrufe der Einen mit ihrem weit-\nhallenden Echo des Jammers zugleich Genugtuung und Iubel bei den anderen\nhervorrief. Und wenn die Einen, die Armen! in brennenden Wäldern umkamen,\noder langsam in kalten Sümpfen heulend versanken —— wie man sonst niedrige\nTiere nicht verenden ließe — so frohlockten die Andern. Und die so taten,\nwaren nicht etwa Ausgeburten mit Assenschwänzem mißgestaltete Trolle, sondern\ngute, nach Gottes Ebenbild geschaffene Menschen, viel zarte, schöne, verwöhnte\nJünglinge darunter, die nicht mehr anders konnten, als morden und sich morden\nzu lassen, —-— denn der Teufelsspuk hatte eingesetzt. «\nIII.\nDaß in, dieser Zeit, in der die Taten reden müssen, noch so viel zu sagen\nbleibt, ist niederdrückender als Alles. Wer soll es mit dem Schutt aufnehmen,\nder sich von neuem häuft? Seit ich denken lernte, nannte ich die Geschichte\nmeiner beiden Vaterländer den Roman, um den allein das Schicksal unseres\nKontinents sich drehe. Wird man mkr eher glauben als zuvor?\nXVir sind am Ende des l. Bandes angelangt, wo noch einmal Alles ver-\nschüttet und zurückgeworfen liegt. Bis man an den zweiten gehen kann, sind\nwir, die heute keine Kinder mehr sind, vielleicht ermattet oder hin. Das Wirrsal\nist zu groß. erstickc Es ist zu spät. Lasciate...\nAllein die Hand verdiente zu verdorren, die heute zu kämpfen abließe, wenn\nauch vergebens. Wer denkt, liegt heute erst recht im Graben: aber nur von\ndem Schritt vor Schritt und unablässig Vorgedachtem wird endlich, unter\ntausend Opfern, und über unsere Leiber hin, die Masse fortbewegt. Doch die\nGemüter sind noch so, daß die ruhigen Worte die gewagtesten sind. Niemand\nträgt heute in Europa freieren Gewissens sein geteiltes und zerhämmertes Herz\nund nur allzu billig siele mir der Beweis, daß meine geteilte Liebe eine ver-\ndoppelte und keine verminderte ist. Nie aber glaube ich erging noch die FRE-\nderung so gebieterifch an das Gewissen derer, die nicht imsFelde stehen, sich\nauf die Unze genau zu ihrem Blute zu bekennen; nur so behaupten auch sie in"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.12", "texte": "ihrer Bedrängnis die ihnen zugedachten Posten, die vielleicht Vorposten sind.\nEs wäre gemein zu fordern, daß Einer, der feiner Abstammung nach in gleichem\nMaße zwei Nationen angehört, heute die eine oder andere verleugne. Heute\nnicht! Vor all dem vergossenen Blut erhebt sich heute die Stimme des Blutes\nlauter als alles. Wie es heute in einem HalbisRomanen Deutschlands aussieht,\ndas weiß kein Deutscher und kein Franzose, das kann nur sein Echo sinden in\nder Qual eines Halb-Germanen in Frankreich. Denn wie die eingestürzten Häuser\nunserer Grenzorte, die wechselseitig umstritten, von den Kugeln beider Gegner\nzerschossen liegen, so sind wir in uns selber zusammengestürzt —\nDu weißt: ich habe mich von meinen deutschen Landsleuten nur dadurch\nvielfach unterschieden, daß ich immer so stolz darauf war ihnen anzugehören\nund, daß ich im Ausland mit der aufgezogenen Fahne meines Deutschtums so\nbegeistert herumging. Du hast auch gehört wie unermüdlich ich ihnen zurief:\nDie Verschmelzung Eurer Wesensart mit der Eurer westlichen Brüder ist für\ndas Heil Europas unerläßlich und die Stunde für eine Anleihe ihrer Quali-\ntäten hat geschlagen. Denn nicht eher seid Ihr die Berufenen. Iawohll Ich\nweiß es schon, Il)r seid tiefer, gründlicher, männlicher, Ihr seid auch vielleicht\nreicher besaitet, Euer Geist ist weiter ausgebuchtet. Aber Jhr habt die poli-\ntischen Lehrjahre noch nicht hinter Euch! Il)r seid die politisch Ahnungslosem\ndie politisch Ungeschulten, die Unpolitischen par exce11cnce. Ihr versteht es nicht\nmit den Franzosen auszukommen, was noch alle anderen Nationen fertig brachten.\nEs ist gar nicht so schwer. Nur sachte! rief ich ihnen voll Besorgnis zu. Nicht\nso schnelll Um Gottes willen was macht Ihr da! Falsch!\nLeute wie ich, die zu ihrer Qual (denn in keinem Lande sind sie ganz da-\nheim) eine Versöhnung der heterogenen deutschen und französischen Elemente\nverkörpern, waren sicherlich vor allen Anderen befugt, ihre Meinung abzugeben.\nDie Kluft war ja so groß geworden, daß wir allein, die Mitte Weges standen,\nsie überschauen konnten. Doch wer achtete unser? — sie wußten es besser, hier\nwie drüben; und da alles fehlschlug, zog man es vor die Franzosen für er-\nledigte, die Deutschen für vernichtbare Leute zu halten. Nichts von all dem! —\nIndessen glauben sie’s noch immer! Ach und mir dünkt es ist gerade genug\nfür ein Menschenherz seinen Jammer und seine Sorge um die Not eines Volkes\nin unseren Tagen zu bewältigen. Aber Leute wie ich werden auch noch am\nTage des Sieges sich verkriechen müssen. Denn immer wird es Ierusalem und\nseine Kinder sein, um die sie weinen werden. Ach wir sind es, die hätten\nsterben sollen!\n\nAnnette Kolb"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191501-01.1.14", "texte": "Inhalt des Heftes 6:\nWilhelm von Scholz —- Longwood J Alfred Rubin —- Orig.-Steindruck J\nJakob Wassermannn —- An Doktor Frederik van Erden in Bussum, Hol-\nland J Isolde Kurz --— Vaterland J Edwin Scharff —- Orig.-Steindruck J\nPaul Ernst -— Der deutsche Gott J Renå Beeh —- Orig.-Steindruck\n\nHerausgegeben von Otto HaawHeye\nBerlin ! Pariser Platz 7\nverantwortlich für die Schrift leitung\nFriedrich M. Huebner\nMünchen J Franz-Iofephstr. 11\nVeranwortlith für die künstlerische Leitung\nO. Th. W. Stein\nMünchen J Ainmillerstu 17\nFür unverlangte Einsendungen keine Gewähr.\nIn Gsterreich für die Redaktion verantwortlich Hugo Helley Wien, l,\nBauernmarkt 3"}]}