{"numero_id": "bm-bmtnabb-1915-04-01", "volume": "bmtnabb_1915-04_01", "ocr_sha256": "cce2d628f5f497f743463df7909719e1a4bcc8b51fb788057bccfa364f49467c", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1915/04_01/bmtnabb_1915-04_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1915/04_01/bmtnabb_1915-04_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_01#c001", "volume": "bmtnabb_1915-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "185", "page_fin": "185", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.2.1", "titre_corps": "olitisierey die sich so wichtig nehmen, wie man sie nicht nimmt,", "titre_sommaire": "olitisierey die sich so wichtig nehmen, wie man sie nicht nimmt,", "signature_source": "Franz Blei", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2331, "texte": "Franz Blei\nolitisierey die sich so wichtig nehmen, wie man sie nicht nimmt,\ndiskutieren in Zeitungen den künftigen Frieden in einer grund-\nsätzlich irrigen Weise. Hat ein Arzt eine Familie glücklich tot-\nkuriert, so wird sich der Letztüberlebende meist um einen andern\nArzt umsehen. Das ist aber nicht die Meinung jener Politisierer,\nbte ftd> unb ihresgleichen wie nor fo nad> bem Kriege als bie felbfFöerfFänbltch\nmit ftch, ihren Rnfchauungcn unb 3nfFitutionen als allein in 23etra<ht Fommenb\ngalten, bie (sefd>i<bte wieber einaurenFen, bie fte mit fo glücFlicher aus«\ngcrenFt hoben. HTerFen bie Herren benn nicht, bafj fte felber ihr ganjes <£>anb«\nwerFsjeug haben? bas hc,ot unb ifF Vertrag. Wer\nlacht nicht bei bem Wort in Ifirt'nnerung an all bas Vertragliche, bas\nror bem Rrieg war? VolFerrecht welche „V3lFer\" hoben benn bas, was\nman offiziell fo nennt, wirFliih beflimmt unb ausgemacht? Neutralität wer\nhat bas benn garantiert? sDct neutrale PapfF nicht, fonbern Staaten, bie nie\nbaran bachten, felber neutral vu bleiben, fonbern rüfFeten. ©o garantiert ber\nbewaffnete HTegger bem ©chafe, bafj er ihm nichts tun werbe, folange er bas\nRalb fhlachtet. ©o läßt fid> alfo bas ©chaf 23ajonnette wachfen. (Blaubt\nman wirFlich, bafj Regierungen, bie gerabe in praxi erFldrt hoben, bafj es\nVerträge nicht gibt, bie (Baranten eines neuen Vertrages fein Finnen, als\nwelcher ber triebe ifF? Rannte man ihnen bas Rugurenlächcln rcrbenFen, wenn\nfte juber htfiorifchen Rtelfeber greifen, um a scrap of paper ju unterjeichnen?\n<Sel)t biefem ©chlußaFte nicht eine innerpolitifche Rnberung ber Verfajfungcn\nroraus, welche llnberung allein ju minbeft bie Hoffnung aufFommen läßt,\nbafj fte ftcherere (Sarantien bes ftrib, bann bleibt nichts anberes übrig,\nals bas, was man ba abfd>ließt, einen WaffenfFillftanb vu nennen; bann weiß\njeber wenigftens wie er bran ifF, unb ber hc*l*oc begriff bes Vertrages Fann\nfleh, in Rul)e gelaffen, ron feinen Wunben erholen. ItTan bisFutiere alfo bejfer\nben nicht, fonbern wer ron <sott bas Recht hot, bie UnrerleglichFeit\nber Verträge ju fchügen. iDisFutiere, ob Verträge überhaupt möglich finb, wo\nWaffen bie fFänbige SDeobung ber (Bewalt als ultima ratio finb, fo fel)r, baß\nfogar «neutrale\" ©taaten wie bie ©chwetj 300,000 ©olbaten auf piFet flellen,\nweil bas Schaf ben Worten bes HTeggers nicht traut."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_01#c003", "volume": "bmtnabb_1915-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "186", "page_fin": "186", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.2.2", "titre_corps": "rieg der Völker heißt des Blitzes Flamme,", "titre_sommaire": "rieg der Völker heißt des Blitzes Flamme,", "signature_source": "Martin Buber", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "186", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 476, "texte": "Martin Buber\nrieg der Völker heißt des Blitzes Flamme,\nDoch aus dem sie brach, das Reich der Wolke\nJst der Krieg tief drin in jedem Volke,\nEingeboren jedem echten Stamme,\nAber jetzt aufwallend an der Wende:\nKrieg der Freien mit den Eingewöhntew\nKrieg der Wagenden.mit den Versöhnten,\nDer im Anfang wider die im Ende.\nWolke stieg aus Millionen Tropfen,\nWas im Volk fich ballt, ersteht aus allen,\nDie Entscheidungen des Krieges fallen\nDenen nach, die heut dein Herz durchklopfem"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_01#c006", "volume": "bmtnabb_1915-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "188", "page_fin": "191", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.2.4", "titre_corps": "us unstillbarem Verlangen nach der Stunde, wo dieser Riese, der", "titre_sommaire": "us unstillbarem Verlangen nach der Stunde, wo dieser Riese, der", "signature_source": "Gustav Landauer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "188", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2774, "texte": "us unstillbarem Verlangen nach der Stunde, wo dieser Riese, der\nKrieg der andern, rasselnd zu Boden bricht und, nach einem\nAugenblick zauberhafter Verwandlung und Erneuerung, aufsteht\nals mein Krieg um die Durchsetzung und den Umschwung, kann\nich es nicht lassen, so knapp und zu einem geballt es nur geht, mit\nmeinen Worten niederzufchreibem was, so oder anders geformt,\nvon jeher alle wissest und alle nicht wissen. Es gibt etwas, was jeder Wissende\nweiß und kein Täter tut. Ietzt kommt die Zeit, wo die Wissenden Täter werden\nsollen, auf daß sie denen, die ohne Gewissen oder gegen ihr allzu tief hinunter-\ngerutschtes Wissentum das Handwerk abnehmen, um das XVerk zu beginnen.\nViele und mancherlei Reiche gibt es. Das Reich lebt nur im Wissen derer, die\nder ewigen Stimme nicht taub fein wollen. Ietzt kommt die Zeit, wo konkret,\npolitisch, ökonomisch gemacht und gebaut werden soll, was von je die Dichter\nzu Bildern gewirbelt, die Propheten begehrt und zur Schau gestellt haben.\nIetzt ist die Zeit, wo das Wirkliche sich als unmöglich herausstellt und wo das\nUnmögliche Wirklichkeit werden will. Ihr sagt und sagt nicht, ihr gesteht und\ngesteht nicht, aber wahrlich, ihr wisset alle: Diesem Krieg der Kriege fehlt die\nIdee? Er hat eine Idee und er spricht sie aus mit alledem, was er ist: Ich\nbin der Krieg der Kriege! Mein Name ist: Letzter Krieg! Er ist der letzte\nKrieg, wenn die heimlich Wissenden öffentlich Sprechende und ossen Bekennende\nund freiweg Beginnende werden. In vielerlei Formen soll jetzt Gestalt gewinnen,\nwas der Sinn des einzigen Augenblicks sein wird, in dem der Krieg sich tod-\nmatt hinlegt, um als neues zu erstehen und Chaos zu Kosmos zu machen; mich\nwill es dünken, es solle zu allererst nüchtern gesagt werden. Will das wortlos\nGewußte allendlich zur Tat werden, so darf es den harten Dingen der Welt\nwirklicher Beziehungen nicht länger mehr ausweichen; so muß es lernen, zugleich\nunbeugsam zu sein und allen Biegungen des geschichtlich Gewordenen sich um-\ngestaltend anzupassen; so muß es in aller hohen Würde der Idee sich bescheiden,\nein Dasein zu führen. Der geistloseste aller Kriege, die je waren, wird darum\nmit der größten Begeisterung, die je war, geführt, weil der Geist es nicht mehr\naushält, vom Leben getrennt zu sein. Ietzt kommt die Zeit, wenn dieser Krieg\nzu Ende gegangen ist, wo der Geist ins Dasein treten will. So ist es, wenn die\ngeborenen Führer der Völker wollen, daß es so sei, und groß und nüchtern\nans Werk gehen. »s- « s-\n\nS!\n..........................- ) ,\nStaat, Etat, Stand, Zustand ist nicht eine Oertlichkeit oder ein Landgebiey\nsondern eine Art und Weise. Die Interessen, die der Staat den Menschen\n«) Diese Stcllen mußten auf Geheiß des Bayerischeii Kricgsmiiiistetsiums unveröffentlichr\nbleiben. (Die Red.)"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "189", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2647, "texte": "befriedigen soll, sind weder an Landesfürstentum (bei dem ursprünglich der Fürst\nLandesherr im wörtlichen Sinn, Eigentümer des gesamten Bodens ist) noch an\nLånderbeherrfchung gebunden, sind überhaupt nicht lokal, sondern modal. Es\nist die große Entdeckung oder Erfindung, die der Menschengeist der Natur\nhinzugefügt hat, daß es über den Räumen und Zeiten, über dem Wo und Wann\nnoch die Modalität oder das Wie gibt. Dem Wo entspricht hier das Boden-\nmonopolz dem Wann die geschichtlich gewordene autoritåre Gewalt; dem Wie\nentspricht der Sinn, der Zweck und die Beziehung. Der Staat soll nicht mit\nLändern und ihrer Beherrschung und Eroberung, sondern, da es sich schon\nlängst nicht mehr um der Kultur gewonnenes, urbares Land inmitten der Wild·\nnis, sondern um zivilisierte und in Sicherheit wohnende Menschen handelt, mit\nderen Verhältnissen und Zwecken zu tun haben.\niDte fdjeujjliche Verwirrung, bie in bctt Hänbern mit gemifd>ter 23eö6lFerung\nob«: einem folgen Erb(lri<h wie bem 25alFan t>on ber VerFoppelung jwifchen\nHation unb Staat hervorgebracht würbe, l)oct fofort auf, l)ovt aber auch erft\nbann auf, wenn bie SflFcntltchen Angelegenheiten jeber VTation einem Staat\nabgetreten, fonbern von ber VTation felbjl als Vfation erlebigt werben. 3ebe\nStation Fann bann fo viele Spulen, Univerfitdten, AFabemien, Cheater unb\nfonftige echt nationale Einrichtungen gränben, als fie burch ihren 3ufammcn«\nfchlujj unb ihre 23charrungs» unb Eppanft'onsFraft eigens unb lebiglich för bie\n3wecFe biefes ©etji» unb Sprachverbanbes mittel aufbringt. Unb\nbes ©eijles, ber in ben Schulen herrfcht, ber UTethoben, nach benen unterrichtet\nwirb, wirb es innerhalb ber VTation bie grbfjte ttlannigfaltigFeit je nach ©e*\nmeinben, ©egenben unb befonberen Schulgenotfcnfchaften geben. So fchr ber\nVlationalverein na<h aufjen in Sachen feiner 3wecFe wie eine einheitliche, un«\neinnehmbare Leitung wirFen wirb, fo fel)r wirb er im 3nnern SelbjldnbigFeit\nunb mannigfaltige ©lieberung auf weifen; unb ber ,fall F6nnte fogar mcl)r als\neinmal vorFommen, baß einem Vater bie Sprache nicht fo wichtig ift wie ber\n©etjl, ber fi<h in ihr ausbrftcFt, unb baß jum 33cifpicl ein Cf<h«he fein üßtnb\nin eine beutfehe Schule fchidft ober umgeFel)rt. ,für all folche Anfchlälfe unb\nAusleihungen wirb im SwecFverbanb ber VTation Freiheit h£rrfchen, unb\njwtfchen ©emeinben, ©enotfenfehaften unb Vtationaljentrale wirb über bas \"Der«\nhdltnis von 3entralifation unb ber mittel eine freie Verlan«\nbigung erfolgen mäßen.\nAuch die Wirtschaft soll vom Staat abgezweigt werden und soll sich um\nnichts kümmern als um die Wirtschaft, das heißt um die zweckmäßige und also\n\n«) Vergl. Anmerkung."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "190", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3085, "texte": "auch lustvolle Zoerstellung und den zweckmäßigen freien Tausch der menschlichen\nBedürfnisse. Es wird sich dann bald genug zeigen, daß die Wirtschaftsgebiete\nauf Grund geographischer, geologischer, klimatischer, gewiß auch historisch er;\nwachsener, völkerphysiologischer und psychologischer Bedingungen abgeteilt\nwerden müssen; daß aber die politisch-siktiven Grenzen der Länder und die\nwirklichen Grenzen der Nationen nicht identisch sind mit den zweckmäßigen\nGrenzen bestimmter Wirtschaftseinheitenz und daß für die zzerstellung wirtschaft-\nlicher Ausgleichungen die militärische Gewalt das verkehrteste aller Mittel ist.\nViele Betätigüngen des Wirtschaftslebens, soweit sie nicht besser inter-\nkommunalen und internationalen Körperschaften anvertraut sind, und die Reste\ndie sonst noch von der Zzinterlassenschaft des Staates fortzuführen sind, werden\nsich aufbauen auf dem Organismus der Gemeinde. Die Gemeinden werden alle\nAngelegenheiten, die nur sie selbst angehen und mit denen sie andern nicht im\nWege sind, selbständig gemäß ihren Bräuchen und Einsichten verwalten. Für\nGemeinsames und für die gegenseitige Anpassung werden sich über den Ge-\nmeinden weitere Verbände, Bezirke, Kreise, Provinzen u. s. w. erheben. Wo\nman sich des Vertretungss und Beamtensystems bedienen muß, wird es sich\nimmer um Delegationen handeln, die ununterbrochen mit ihren organisch ver-\nbundenen und wachenden Auftraggebern in Verbindung sind und stets abberufen\nund ersetzt werden können. So sehr die Menschheit ein Ganzes ist, so sehr\nerfordert es die Freiheit und Mannigfaltigkeit, daß die großen Verbände nicht\noben herrschen und lasten, sondern von unten wachsen und von unten ernährt\nwerden. Die Menschheit muß im einzelnen Individuum, im Paar, im Haus,\nim Dorf, im Sprengel, in der Gemeinde, im Amt Keim und Wurzeln haben,\num zur Gesamtheit des Volks und der Völkerbünde erblühen zu können.\nFür sehr viele Methoden des bisherigen Staats im Innern und nach außen\nist kein Platz mehr in einer Menschengesellschaft, die anfängt, die überlieferten\nEinrichtungen nach den Prinzipien von Sinn und Zweck umzugestalten. Aus\nder blinden und modrigen Höhle des Woher heraus haben wir lange genug\ngelebt; licht und sehend wollen wir jetzt endlich nach dem Wohin reisen: einem\ns elbstbestimmten Ziele zu. Was daraus wird, wenn man die sinnlos gewordenen\nReste der Vergangenheit als Mächte des Verhängnisses walten und toben läßt,\nerleben wir schaudernd. Versuchen wir einmal, alles, was von hinten treibt,\nerst durch unsern Geist zu filtrieren, ehe wir es nach vorne weiter wirken lassen.\nMan hat gesagt und wir haben es erprobt, daß Kanonen und Flinten\ndazu da sind, um gebraucht zu werden.\nNun denn: auch die Vernunft ist dazu da, um gebraucht zu werden. Laßt\nsie ans Werk! Und wartet lieber nicht zu lange damit; jedes Werkzeug, das\nnicht gebraucht wird, rostetz und die Vernunft hat es an sich, wenn man sie\nnicht übt, zu Dummheit und Wahnsinn zu werden.\nFeine, tiefe, religiöse Menschen haben Angst vor der Vernunft und meinen,\ndas sei ein Werkzeug der Analyse, der Zersetzung, der Negation; wir aber"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "191", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2052, "texte": "brauchten die Unterordnung unter ein großes Ganzes, die Synthesq das Opfer,\ndie Eingebung, das Aufgehen des Jndividuums in der Gemeinschaft.\nJa, das brauchen wir; aber fürchtet euch nicht! Die Vernunft zerfetzt\nnur das Sterbende, das demVerfall geweiht ist; sie organisiert das Lebende,\ndas wächst. Wachstum in den Beziehungen zwischen den Menschen, Wachstum\nder Verhältnisse gibt es nur durch die Vermittlung des in den Individuen\nwachsenden und fortschreitenden, mit Gefühl und Aktivitcih mit Natur und\nTrieb, mit Liebe und Gemeinschaft unlöslich verbundenen Geistes.\nWeil die Menschen Sehnsucht nach dem verbindenden Geiste, der verloren\ngegangen ist, nach dem Ersatz für die in ihren Formen gestorbenen alten\nReligionen haben, darum opfern sie sich in Myriaden von Zzekatomben dem\nStaat,\nAls diese Religionen ihr Leben hatten, waren sie als Krönung und Ver«\nklärung über dein sinnvollen Zusammenleben von Völkern gewachsen.\nSorge dir erst für ein sinnvolles Zusammenleben, du Menschheit; Völker\nder Erde, bauet erst euer Haus und sorge: für den rechten Austausch all eurer\nGüter; laßt erst die Güte in eurem Herzen und die Einsicht in eurem Kopfe\nwachsen; übt erst die angeborene und ewig gleiche Religion der Liebe im\nKleinen und der Gerechtigkeit im Großen, -- dann wird es nicht fehlen, daß\ndie besondere Form neuer Menschheitsreligion aus eurem Leben erwächst. Aus\ndem Leben muß sie wachsen; aus geschichtlichem Wissen, Kenntnissen von längst\ndahingegangenen Ekstasen der Völker und erlesenen Geister, aus Philologie und\nVerliebtheit in alte Formen der Mythologie kommt denen, die nicht verdauend\nmit überlegenem, vorwärts gerichtetem Leben die ernährende Erinnerung der\nGeschichte aufnehmen, nur Bildungskram, der bereit ist, jede Missetat und jeden\nIrrwahn mit weich verworrenen Reminiszenzen zu bemänteln Daß wissenschafts\nliche Bildung, archåologische Poesie und aleyandrinischståuschende Mimikry der\nMystik vor Aberglauben, Roheit und Dummheit nicht schützt, —- haben wir das\nnoch nicht genug erlebt?\n\nGustav Landauer\n\nE) Vergl. Anmerkung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_01#c008", "volume": "bmtnabb_1915-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "192", "page_fin": "192", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.2.5", "titre_corps": "Auch er schritt in der Reihe grad und grau.", "titre_sommaire": "Auch er schritt in der Reihe grad und grau.", "signature_source": "Paul Zech", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "192", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1021, "texte": "Paul Zech\nAuch er schritt in der Reihe grad und grau.\nNur seine Augen waren eines Knaben\ntråumendes Blau, und kaum sichtbar umgraben\nvon Furchem Strotzend stand der Schådelbau\nDen Degenstahl liebkoste seine Hand\nwie kühles Samtfelh ehe sie ihn zücktez «\ndenn wenn das Horn schrie, war er der Entrückt»\nder hart Umschiente, der nur sich empfand.\nNur sich empfand. . ·. nicht Lust, nicht Haß.\ndurch jene roten Straßen das zu leiten,\nwas wie ein Låuten aufschreit von zwei Seiten\nwenn an den Wänden hochschlågt explodiertes Gas\nDann goß er sich hinein in den gefteilten Zaun\nwie eine durchgebrochne Überschwemmung\nUnd um ihn her war dieses nicht mehr Hemmung:\nder Lärm, die Glut, Gesichter aufgehaun. »\nDa war sein Auge eisenweißes Licht, ,\ndas alles anzog wie polypewArmez\nda war er, stürzend, selber das blutwarme, i\ndas große, niegeschriebene Gedicht,\ndas ihm im Innern gor von Anbeginn, j\nund, noch ein Keim, ihn grenzenlos erschreckte ..\nNunhebt es seine beinern ausgereckte\nAnklage-Hand der Welt wie einen Spiegel hin."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_01#c010", "volume": "bmtnabb_1915-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "194", "page_fin": "198", "image_debut": 10, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.2.7", "titre_corps": "wie war es vor dem Krieg? Das Geschrei um die Kunst ach wie viel größer", "titre_sommaire": "wie war es vor dem Krieg? Das Geschrei um die Kunst ach wie viel größer", "signature_source": "F. A. Schmid Noerr", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2064, "texte": "wie war es vor dem Krieg? Das Geschrei um die Kunst ach wie viel größer\nals die Kunst!\nMan sagt, die Kunst sei ein Spiegel der Zeit. So war es denn in jener Zeit\nnicht anders: ach, wie viel größer das Geschrei um Religion, Sozialitåy Wisseni\ns chaft und Einkehr aller Orten, als Religion, Sozialitätz Wissenschaft und Einkehrl\nMerkzeichen der Zeit: der Markt. Die Marktfahne Die Marktfanfare:\nJe kleiner die Erfindung, desto überwåltigender der Bedarfsartikel.\nDie Künstler führen, wie alle Führer. Also müssen sie voraus sein. Aber\nvoraus ist auch immer die Mode.\nWie Landpomeranzen hinter den letzten Pariser Dessins, so bleibt der gebil-\ndete Bürger hinter den neuesten, allerneuesten Kunstmoden zurück.\nSo schuf sich der Bürger, wie immer die Schwerfälligem Trachten. Trachten\nsind veraltete und erstarrte Moden.\nDer gebildete deutsche Bürger, indem er die Kleidertrachten auf dem Lande\nausrotten half, trug Schiller, oder Goethe, oder Seine. In weniger stillen\nTälern auch wohl Zzebbel, oder Ibsen, oder George.\nKein Wunder, daß dies die Mode ärgerte und die Schneider. Umsatz! Um«\nsag! riefen sie.\nUnd die Werktätigcn sprangen bei. Cåzanne und ClaudeLRilke und Kandinsky\nkann Herr Kunze nicht tragen. So wenig, wie Frau Lehmann das Neueste\nvon Poiret: sie müßte sichja schämen. Also, Mischung aus Mode und Boden-\nständigkeiin Zzeimatkunst. Deutsche Ware. Ware!\nWare! XVare aber muß es sein. Und Kaufhäuser dafür. Die Künstler sind\nSchneider geworden. Die Kritiker sind Reisende für ihre Häuser geworden.\nDieser empfiehlt seinen Buxkin, jener seinen Cheviot. Englisch, französisch, oder\ndeutsch: Ein Musterbuch.\nVerwechselung: Auch der Zzandlungsgehülfe begeistert sich für das, was er führt.\nDie Künstlerbegeisterung ach wie oft die Begeisterung hinter dem Ladentisch!\nSelbstverståndlich lächelten die Fixen, die Europäey die Zukünftler über die\nLzeimatkunsttischleu Låchelten? Kaum.\nUnd die ZoeimatkunsU Die Deutschkunst auf Bestellung roch nach Leim und\nFabrik. Nach Margarine, nach guter Stube, kurz, nach Massenverschleiß.\nRoch schlecht. Riecht schlecht."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "195", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2405, "texte": "Da ihre Verkäufer schrieen: Deutsch! Kauft deutsch! So roch Deutsch schlecht.\nUnd Ahnungslose, Snobs und Verzagte sprachen: Schiller ist Kitsch Deutsch\nist talentlos, oder mindestens: geringere Ware. Gut so.\nWas aber wirkten die Europäer, dieWeltmarktmakler, die Ums chlagsstapler?\nAch, was brauste erst diese Produktenbörsel Wie flogen erst hier die Waren-\nballen zwischen Orient und Okzidentl Leiter auf, Leiter ab, immer das Neueste\nvom Neuen! Rastlos, wie in Eilguthallenl ·\nDie Zukünftigkeit war auf einen festen Abstand von der Gegenwart bemessen.\nWer nicht übermorgen zukünftiger war, wie vorgestern, der war zurückgeblieben.\nIn Gottesnamen liegen geblieben. Den faßten die Räder. Den zermalmte das\nGetriebe.\nBöse Zeiten für die Armseligen, die stets in der Furcht lebten, zu spät zu\nkommen und die keinen Laden mit ihrem Musterkösserchen beehrten, ohne ängst-\nlich zu fragen: War die Konkurrenz schon da? ·\nGut erzogene Kundschaftl Moden greifen rückwärts und vorwärts. Wer\nkennt sich aus? Nur der Sachliche ist Unerschrocken beim Anprobierem So?\nGotisch? Trägt man das heuer wieder? Schön. Machen Sie schnell.\nArbeiten aus sich? Sinken in eigene Erkennung und Auslotcn der eigenen\nTiefe oder Flachheit? Nein! Nicht ich, der Kunstehrende, Kunstwerbende,\nKunstschämige, Kunsterobernde, langsam, tiefatmend, inbrünstig Schaffende,\nsondern: Es! Es, das umsetzen, das Umtreiben, das Internationale, Ueber-\nmorgige, die Mode, der letzte Schrei!\nOder das Ungesagte, weil so? noch ungesagn Das Sogeformte, weil nie so\ngeformt. Das Gewalttätigste, Armlichste, weil noch nie solche Gewalttat,\nnoch nie eine solche schamlose Armut war. .\nXVaren wir nun in der Kunst besser Deutschländler, Schollendüftler, Bieder-\nleute; oder lieber Schneiderseelen, Manequins, Zukunftsschnüfsier?\nStill zu sein, ist noch nicht gesetzlich verboten. Nichts anderes sich zu erarbeiten\nund zu offenbaren, als was das Wesen auflegt, als was der innere Befehl\nbefiehlt, ist dem nicht verwehrt, der das Karusell meidet.\nGewiß hat es Stille. Bescheidene, Unmodische, Gebildete, Stolze, Eigensinnige,\nkurz: Deutsche immer gegeben. Auch vor dem Krieg.\nBegabung? Ach, Begabung ist doch Zufall. Nichts fällt leichter auf den Mist,\nals Begabung.\nVielleicht war die stärkste Begabung anno 1914 zufällig bei den Zzeimatdüftlerm\nVielleicht war sie bei den Schneidern, vielleicht bei den abgekehrtesten, zeitlosesten\nEigenbrödlerm Wer weiß?"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2665, "texte": "In hundert Jahren lacht eine andere Welt über unsere Börse, über unsere\nKegelvereine und über unsere Narren. Was bleibt, sind ja doch nur die par\nWenigen, bei denen eine Begabung in einen Tempel der Persönlichkeit fiel. »\nAber jetzt zetern die Schneider und die Handlungsreisenden und die Vertreter\nbester Auslandshåuser und die Europåer und Zukunftszwischenhåndler und die\nInhaber von Umschlagsplåtzem die Börse seibedroht. Sie erklären Krieg\ndem Kriege. Krieg auch denen, dieaus dem Krieg ———— Profit ahnen.\nDie Zzeimatkünstler reiben sich die Hände. Kalkulieren: ihr Weizen blüht.\nDeutscher Sieg, deutsche Vormachr Gesteigerter Konsum, gesteigerte Produktion,\ngesteigerter Export der Ware. Sie erweitern schon die Werkstatu Was ein·\nbündig geplant war, wird dreibåndig werden.\nFür die Schneiderkunst, die Europakunst, darf der Krieg nichts bedeuten, als\nmehr Zwirn, lies: das große Erlebnis. Die neuen Frühjahrsemoden sind an«\ngekündigt: Psychologische Dessous werden sparsamer, Gefühlsarmel enger, der\nRock der Sprache fußfrei. Die Futterstosse werden sichtbar getragen.\nÜbrigens ist der Krieg tunlichst zu übersehen, tunlichst unschädlich zu machen.\nDenn wir haben Gebrauchsmusterschutz auf unsere Marke: Weltlitteratur.\nSie haben ja alle recht, die den Markt kennen. KonjunkturinSchollenware ist gut.\nKonjunktur in französischem Neukatholizismus, belgischem Mystizismus englisch-\nironischem Skeptizismus, russischem Kubi und italienischem Futurismus siau. i\nAber horch! Sie reden— vom künftigen Imperialismus des deutschen Geistes.\nEs wäre ein schönes Wort: kaiserlich die Welt zu durchleben, kaiserlich zu\nschalten, kaiserlich zu schenken, einzudeutschem was deutschen Geistes wert«ist.\nSchade. Ihr Zukunftsplan ist nicht jenes heimliche Kaisertum deutschen\nGeistes, das vor hundert Jahren den Shakespeare im Sturm nahm und deutsch\nmachte. Zu sehr ist »Imperialismus« ein Schlagwort der Handlungsbestijsenen\ngeworden. Ach, ihr Schneider wollt uns die Kunst der Tahiti-Insulaner er-\nobern, damit vielmehr wir primitiv werden.\nEuer Königtum ist das des tapferen Schneiderleins. Legt euch zu Bett mit\nallen neun königlichen Musen, so bleibet ihr Schneider und verratet’s im Schlaf.\nPfui über die Kriegsbarbarem die das feindliche Ausland, die Poiret und\nLiberty boykottieren wollenl «\nRecht so, Schneider, wehrt euch gegen-die Provinzialhandelskammern der\nZzeimatzünftlerl\nEin Pereat den Vaterlandslosem die den gesinnungsneutralen Betrieb ihres\nZwischenhandels nicht einstellen wollenl\nRecht so, Einheimische, laßt die schöne Gelegenheit nicht ungenützt ver-\nstreichen, den mit internationalem Aktienkapital umgetriebenen Warenhäusern\ndie Kundschaft abzujagenl"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2848, "texte": "« In allen Ameisenhäufen ist das lVort »fkeberhaft« wieder zu Ehren gekommen.\nDer Stock des Krieges bohrt fürchterlich in ihren Wohnungen und die reichste\nEierernte ist bedroht: Wer wird unsere Kinder lehren, verharren, —-, ———, -——,\nnun, ihr wißt schon: alle marktgängigen Vorder- und Zzinterindier zu ehren,\nzu kaufen und nachzuahmen? Jmperialistenl\nAber wie? Jst kein Burgfriede? Den kunstübenden Reserveoffizieren ist die\nBegeisterungsader bis zum Pulsieren in entfesselten, feierlichen Rhytmen ge-\nschwollen, Hellerauer Tanzkinder haben wieder deutsche Beine bekommen und\nGriffel, die Zeit ihres Lebens nichts grisseln konnten, als expressionistische Huren\nund impressionistische Kuhschwänze bei Sonnenuntergang, grisseln jetzt den\nZzeldentod und die Drohgebärde der Mutter Germania.\nDenn wer jetzt nicht erlebt, jetzt nicht erlebt— nun, an dem sind Hopfen\nund Malz verloren!\nLieben Leute, regt euch nicht auf bis zum Schlagsiuß bis zum Schaum vor\ndem Munde. Wenn ihr irgend könnt, zieht als Kriegsfreiwillige zu Felde. Viel-\nleicht, daß ihr dort noch zu was nütze seid. Denn es bleibt alles beim Alten:\ndie Heimatbauern bauen Heimatkohi. Die Zzandelshäuser handeln Auslandsi\nWare, die Kunstschneider retten sich Paris, Brüssel, Moskau und Lemberg aus\ndem großen Zusammenbruch des Friedens. Und die paar Leute, wenn es sie gibt,\ndie still in ihrem Wesen ruhen können, weil es weit, reich, tief und unerschütterlich\nist, werden in sich bleiben, nicht fortschreiten, nicht zurückschreiteix Und wenn\nzufällig Begabung auf sie fiel, werden diese Einzigen, wie seit Weltanfang,\nKunst machen· h\nZzeimatbauernt Merkt, sie werden deutsch sein, deutscher, als ihr, weil ohne\nein Auge aus den Markt. Deutsch, weil deutsch geboren und deutsch, weil aus\ninnerer Stärke und Schwere bis zum Tode deutsch geblieben, trotz unablässigen\nAneignens fernsten Menschentums ,\nWar denn Goethe ein Grieche? Hölderlin ein Grieche, weil an Griechheit\ngesättigt? Starke Deutsche von Umfang, weiter nichts!\nSchneiderseelen, Kunsthändler, Genossenschaftseuropäer: Merkt, sie werden\neuropäisch, ja viel mehr als das, sie werden kosmisch sein, kosmischer, als je\neiner von euch, der sich ein Universum dünkt, weil er auf Montmartre einen\nAbsinth geschluckt und weil er auf Zzonolulu ein aussterbendes Kanakeiimädchen\nzur Seelenfreundin gehabt hat. Merkt, vom Fressen bekommt ihr zuletzt nur\ndicke Bäuche: und es tritt die Ueberbeleibtheit der Kunst- und Bildungsphilister\nzutage, das Schmalz der Zzändler mit geistiger Ware, der Zuschneider aus-\nländischer Modehäuser.\nIst etwa Grünewald ein Heimatkünstler gewesen? Bach oder Mörike ein\nZzeimatkünstley weil zeitlebens baumhaft in Lzeimaterde gewurzelt? Ia; wenn\nder Himmel über ihrem Stück Erde, in dem sie bauten, und der über dem Chinesen\nLaotse nicht anders gewölbt war, als über ihnen, Heimat der Berufenen heißen darf."}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2425, "texte": "Schwåtzt ihr Anderen von Yveltlitteraturl Schreit euch doch heiser an eurer\nTotenklage um die geistige Einheit Europas. Erbrecht euch doch an eurer inter-\nnationalen Kraft- und Speisewagenkulturl\nWeltlitteratur macht ihr nicht und machtet ihr nie. Geistige Einheit Europas\nschufet ihr nie, sie verlangte euch nie, kannte euch nie!\nInternationale Kunst heißt nichts weiter, als Zentralisierung des Börsens\nVerkehrs, Vereinfachung der Buchungen und Zahlungen durch Postscheck-Kontos.\n» Geht heim,»ihr Schreier vom Markt, ihr Duftende von der Scholle, geht\nheim und schweigt! »\nUnmögliches Verlangen: Ihr und schweigen. g\nWeltlitteratur ist in einer anderen Ebene, als jene Wirklichkeit, in welcher\nheute XVeltkrieg ist; und Wirkungen sind nicht von der einen zur anderen Ebene,\nes sei denn, durch das Medium des stillen Menschen, des einzigen Künstlers.\nDer Künstler erlebt den Krieg, nicht ihr.\nEr, wenn ihm befohlen wird, bindet den Krieg in ein Werk, spiegelt ihn\nin einer Schöpfung seiner Kunst, nicht ihr.\nEr vermittelt den Krieg der Nachwelt, nicht ihr.\nEr allein schuf, schafft und wird schaffen, was der Welt zukommt, was\ndie Welt braucht, die Welt aufbewahrt, die Welt hinübernimmtz unverändert,\nin die Zukunft, obwohl es ohne Zukunft und Gegenwart gemacht worden ist.\nEr macht Weltlitteratur, Weltkunst. Nicht ihr.\nBildung ist Privatsache. Der Bescheidene lernt in der Schule das Beste von\nIenen, welche die Besten der Anderen waren. Was kümmert sich Groß zu Groß\nhinüber um Vermittler und Agenturen für Gesellschaftsreisenl\nWo der Künstler Schöpfer ist, kann er unmöglich Schüler sein. Schüler sind\nStümper und Verstümmlea Wo er Schöpfer ist, wird er Lehrer sein für die\nBildung der Kunstliebenden in allen kommenden Zeiten und unter allen Völkern.\nStill also. Warum von den Stillen, den einzig Betråchtlichem reden? »\nBeabsichtigt ihr Heiinatktinid Wozu gibt es Leihbibliotheken? Bezweckt ihr\neuropåische, oder macht GenossenschaftwKunst zwischen Pol und Pol. Wozu\ngibt es Stampfmühlen?\nMit Krieg, ohne Krieg seid ihr und waret ihr unwesentlich\nDie Wesentlichen zwar sind wesentlich auch ohne den Krieg. Es ist aber möglich:\nMit und durch diesen Krieg wird ihr Wesentliches sich reinigen, vertiefen; also:\nnoch stiller, noch unnahbarer werden.\nUnd durch sie kann der Krieg ——— vielleicht — auch reden. Wenn es die Gnade,\noder die Not, oder sonst ein Anlaß, danach nur Vorwitzige fragen, so will.\n\nF. A. Schmid Noerr"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_01#c012", "volume": "bmtnabb_1915-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "200", "page_fin": "200", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.2.9", "titre_corps": "Inhalt des Heftes 10:", "titre_sommaire": "Inhalt des Heftes 10:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 427, "texte": "Inhalt des Heftes 10:\nOskar Loerke —— Nach: im Kriege J Albert Ehrenftein -—- Der Held\nschreit J Oskar Kokofchka — Zeichnung zu Albert Ehrensteins Gedicht J\nFriedrich Karinthy -— Erde —- Seein - Paul Zech —- Ja) fühle. mich mir\nallem schuldig, ja! J Renö Beeh — Orig.-Steindruck J Hetta Mayr — Michel\nund der Krieg J Franz Reinhardt ———- Orig.-Steindruck J Johannes R.\nBecher -— An der Aisne J F. M. Jansen —- Origkszolzfchnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_01#c013", "volume": "bmtnabb_1915-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "200", "page_fin": "200", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.2.10", "titre_corps": "Inhalt des Heftes 11:", "titre_sommaire": "Inhalt des Heftes 11:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.16", "debut_caractere": 429, "fin_caractere_exclue": 877, "texte": "Inhalt des Heftes 11:\nMax: Unold —- Origksolzfchnitt J Johannes Schlaf (Weimar) ——— und\nwas wird nun kommen? J Otto Stoß! —- Das deutschetAngesicht J Anton\nWildgans —— Freiwillige J Rudolf Großmann «—- Orig.-SteMPOindruck J\nHans Carossa -—-— Der Himmel dröhnt von Tod . . . J Otto Hohlt ————\nOrigssteindruck J Max Brod —- Die Schlacht J Robert Walser —- Phan-\ntasieren J Margarete Susman —- Vom Krieg und von Gott J Werner\nSchmidr — Origsstcindcuck"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_01#c014", "volume": "bmtnabb_1915-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "200", "page_fin": "200", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.2.11", "titre_corps": "Inhalt des Heftes12:", "titre_sommaire": "Inhalt des Heftes12:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.16", "debut_caractere": 879, "fin_caractere_exclue": 1278, "texte": "Inhalt des Heftes12:\nRichard Schaukal -—-— Das Element J Franz Theodor Czokor —- Die Seuche J\nGottfried Kölwel —- Abschied (An meinen Freund) J Karl Caspar —- Orig-\nSteindruck J Karl Schessler -—— Die Knospen J Adolf Schinnerer -——- Orig-\nSteindruck J Erwin Metzner —— Mobilmachung J Edwin Scharf? ——— Orig-\nSteindruck J Rudolf Leonhard —- Gewaltmarfch J Alfons Paquer -—-—\nl Das tragische Zeitalter"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.1", "texte": "Franz Blei\nolitisierey die sich so wichtig nehmen, wie man sie nicht nimmt,\ndiskutieren in Zeitungen den künftigen Frieden in einer grund-\nsätzlich irrigen Weise. Hat ein Arzt eine Familie glücklich tot-\nkuriert, so wird sich der Letztüberlebende meist um einen andern\nArzt umsehen. Das ist aber nicht die Meinung jener Politisierer,\nbte ftd> unb ihresgleichen wie nor fo nad> bem Kriege als bie felbfFöerfFänbltch\nmit ftch, ihren Rnfchauungcn unb 3nfFitutionen als allein in 23etra<ht Fommenb\ngalten, bie (sefd>i<bte wieber einaurenFen, bie fte mit fo glücFlicher aus«\ngcrenFt hoben. HTerFen bie Herren benn nicht, bafj fte felber ihr ganjes <£>anb«\nwerFsjeug haben? bas hc,ot unb ifF Vertrag. Wer\nlacht nicht bei bem Wort in Ifirt'nnerung an all bas Vertragliche, bas\nror bem Rrieg war? VolFerrecht welche „V3lFer\" hoben benn bas, was\nman offiziell fo nennt, wirFliih beflimmt unb ausgemacht? Neutralität wer\nhat bas benn garantiert? sDct neutrale PapfF nicht, fonbern Staaten, bie nie\nbaran bachten, felber neutral vu bleiben, fonbern rüfFeten. ©o garantiert ber\nbewaffnete HTegger bem ©chafe, bafj er ihm nichts tun werbe, folange er bas\nRalb fhlachtet. ©o läßt fid> alfo bas ©chaf 23ajonnette wachfen. (Blaubt\nman wirFlich, bafj Regierungen, bie gerabe in praxi erFldrt hoben, bafj es\nVerträge nicht gibt, bie (Baranten eines neuen Vertrages fein Finnen, als\nwelcher ber triebe ifF? Rannte man ihnen bas Rugurenlächcln rcrbenFen, wenn\nfte juber htfiorifchen Rtelfeber greifen, um a scrap of paper ju unterjeichnen?\n<Sel)t biefem ©chlußaFte nicht eine innerpolitifche Rnberung ber Verfajfungcn\nroraus, welche llnberung allein ju minbeft bie Hoffnung aufFommen läßt,\nbafj fte ftcherere (Sarantien bes ftrib, bann bleibt nichts anberes übrig,\nals bas, was man ba abfd>ließt, einen WaffenfFillftanb vu nennen; bann weiß\njeber wenigftens wie er bran ifF, unb ber hc*l*oc begriff bes Vertrages Fann\nfleh, in Rul)e gelaffen, ron feinen Wunben erholen. ItTan bisFutiere alfo bejfer\nben nicht, fonbern wer ron <sott bas Recht hot, bie UnrerleglichFeit\nber Verträge ju fchügen. iDisFutiere, ob Verträge überhaupt möglich finb, wo\nWaffen bie fFänbige SDeobung ber (Bewalt als ultima ratio finb, fo fel)r, baß\nfogar «neutrale\" ©taaten wie bie ©chwetj 300,000 ©olbaten auf piFet flellen,\nweil bas Schaf ben Worten bes HTeggers nicht traut."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "186", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.2", "texte": "Martin Buber\nrieg der Völker heißt des Blitzes Flamme,\nDoch aus dem sie brach, das Reich der Wolke\nJst der Krieg tief drin in jedem Volke,\nEingeboren jedem echten Stamme,\nAber jetzt aufwallend an der Wende:\nKrieg der Freien mit den Eingewöhntew\nKrieg der Wagenden.mit den Versöhnten,\nDer im Anfang wider die im Ende.\nWolke stieg aus Millionen Tropfen,\nWas im Volk fich ballt, ersteht aus allen,\nDie Entscheidungen des Krieges fallen\nDenen nach, die heut dein Herz durchklopfem"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "188", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.4", "texte": "us unstillbarem Verlangen nach der Stunde, wo dieser Riese, der\nKrieg der andern, rasselnd zu Boden bricht und, nach einem\nAugenblick zauberhafter Verwandlung und Erneuerung, aufsteht\nals mein Krieg um die Durchsetzung und den Umschwung, kann\nich es nicht lassen, so knapp und zu einem geballt es nur geht, mit\nmeinen Worten niederzufchreibem was, so oder anders geformt,\nvon jeher alle wissest und alle nicht wissen. Es gibt etwas, was jeder Wissende\nweiß und kein Täter tut. Ietzt kommt die Zeit, wo die Wissenden Täter werden\nsollen, auf daß sie denen, die ohne Gewissen oder gegen ihr allzu tief hinunter-\ngerutschtes Wissentum das Handwerk abnehmen, um das XVerk zu beginnen.\nViele und mancherlei Reiche gibt es. Das Reich lebt nur im Wissen derer, die\nder ewigen Stimme nicht taub fein wollen. Ietzt kommt die Zeit, wo konkret,\npolitisch, ökonomisch gemacht und gebaut werden soll, was von je die Dichter\nzu Bildern gewirbelt, die Propheten begehrt und zur Schau gestellt haben.\nIetzt ist die Zeit, wo das Wirkliche sich als unmöglich herausstellt und wo das\nUnmögliche Wirklichkeit werden will. Ihr sagt und sagt nicht, ihr gesteht und\ngesteht nicht, aber wahrlich, ihr wisset alle: Diesem Krieg der Kriege fehlt die\nIdee? Er hat eine Idee und er spricht sie aus mit alledem, was er ist: Ich\nbin der Krieg der Kriege! Mein Name ist: Letzter Krieg! Er ist der letzte\nKrieg, wenn die heimlich Wissenden öffentlich Sprechende und ossen Bekennende\nund freiweg Beginnende werden. In vielerlei Formen soll jetzt Gestalt gewinnen,\nwas der Sinn des einzigen Augenblicks sein wird, in dem der Krieg sich tod-\nmatt hinlegt, um als neues zu erstehen und Chaos zu Kosmos zu machen; mich\nwill es dünken, es solle zu allererst nüchtern gesagt werden. Will das wortlos\nGewußte allendlich zur Tat werden, so darf es den harten Dingen der Welt\nwirklicher Beziehungen nicht länger mehr ausweichen; so muß es lernen, zugleich\nunbeugsam zu sein und allen Biegungen des geschichtlich Gewordenen sich um-\ngestaltend anzupassen; so muß es in aller hohen Würde der Idee sich bescheiden,\nein Dasein zu führen. Der geistloseste aller Kriege, die je waren, wird darum\nmit der größten Begeisterung, die je war, geführt, weil der Geist es nicht mehr\naushält, vom Leben getrennt zu sein. Ietzt kommt die Zeit, wenn dieser Krieg\nzu Ende gegangen ist, wo der Geist ins Dasein treten will. So ist es, wenn die\ngeborenen Führer der Völker wollen, daß es so sei, und groß und nüchtern\nans Werk gehen. »s- « s-\n\nS!\n..........................- ) ,\nStaat, Etat, Stand, Zustand ist nicht eine Oertlichkeit oder ein Landgebiey\nsondern eine Art und Weise. Die Interessen, die der Staat den Menschen\n«) Diese Stcllen mußten auf Geheiß des Bayerischeii Kricgsmiiiistetsiums unveröffentlichr\nbleiben. (Die Red.)"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "189", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.5", "texte": "befriedigen soll, sind weder an Landesfürstentum (bei dem ursprünglich der Fürst\nLandesherr im wörtlichen Sinn, Eigentümer des gesamten Bodens ist) noch an\nLånderbeherrfchung gebunden, sind überhaupt nicht lokal, sondern modal. Es\nist die große Entdeckung oder Erfindung, die der Menschengeist der Natur\nhinzugefügt hat, daß es über den Räumen und Zeiten, über dem Wo und Wann\nnoch die Modalität oder das Wie gibt. Dem Wo entspricht hier das Boden-\nmonopolz dem Wann die geschichtlich gewordene autoritåre Gewalt; dem Wie\nentspricht der Sinn, der Zweck und die Beziehung. Der Staat soll nicht mit\nLändern und ihrer Beherrschung und Eroberung, sondern, da es sich schon\nlängst nicht mehr um der Kultur gewonnenes, urbares Land inmitten der Wild·\nnis, sondern um zivilisierte und in Sicherheit wohnende Menschen handelt, mit\nderen Verhältnissen und Zwecken zu tun haben.\niDte fdjeujjliche Verwirrung, bie in bctt Hänbern mit gemifd>ter 23eö6lFerung\nob«: einem folgen Erb(lri<h wie bem 25alFan t>on ber VerFoppelung jwifchen\nHation unb Staat hervorgebracht würbe, l)oct fofort auf, l)ovt aber auch erft\nbann auf, wenn bie SflFcntltchen Angelegenheiten jeber VTation einem Staat\nabgetreten, fonbern von ber VTation felbjl als Vfation erlebigt werben. 3ebe\nStation Fann bann fo viele Spulen, Univerfitdten, AFabemien, Cheater unb\nfonftige echt nationale Einrichtungen gränben, als fie burch ihren 3ufammcn«\nfchlujj unb ihre 23charrungs» unb Eppanft'onsFraft eigens unb lebiglich för bie\n3wecFe biefes ©etji» unb Sprachverbanbes mittel aufbringt. Unb\nbes ©eijles, ber in ben Schulen herrfcht, ber UTethoben, nach benen unterrichtet\nwirb, wirb es innerhalb ber VTation bie grbfjte ttlannigfaltigFeit je nach ©e*\nmeinben, ©egenben unb befonberen Schulgenotfcnfchaften geben. So fchr ber\nVlationalverein na<h aufjen in Sachen feiner 3wecFe wie eine einheitliche, un«\neinnehmbare Leitung wirFen wirb, fo fel)r wirb er im 3nnern SelbjldnbigFeit\nunb mannigfaltige ©lieberung auf weifen; unb ber ,fall F6nnte fogar mcl)r als\neinmal vorFommen, baß einem Vater bie Sprache nicht fo wichtig ift wie ber\n©etjl, ber fi<h in ihr ausbrftcFt, unb baß jum 33cifpicl ein Cf<h«he fein üßtnb\nin eine beutfehe Schule fchidft ober umgeFel)rt. ,für all folche Anfchlälfe unb\nAusleihungen wirb im SwecFverbanb ber VTation Freiheit h£rrfchen, unb\njwtfchen ©emeinben, ©enotfenfehaften unb Vtationaljentrale wirb über bas \"Der«\nhdltnis von 3entralifation unb ber mittel eine freie Verlan«\nbigung erfolgen mäßen.\nAuch die Wirtschaft soll vom Staat abgezweigt werden und soll sich um\nnichts kümmern als um die Wirtschaft, das heißt um die zweckmäßige und also\n\n«) Vergl. Anmerkung."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "190", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.6", "texte": "auch lustvolle Zoerstellung und den zweckmäßigen freien Tausch der menschlichen\nBedürfnisse. Es wird sich dann bald genug zeigen, daß die Wirtschaftsgebiete\nauf Grund geographischer, geologischer, klimatischer, gewiß auch historisch er;\nwachsener, völkerphysiologischer und psychologischer Bedingungen abgeteilt\nwerden müssen; daß aber die politisch-siktiven Grenzen der Länder und die\nwirklichen Grenzen der Nationen nicht identisch sind mit den zweckmäßigen\nGrenzen bestimmter Wirtschaftseinheitenz und daß für die zzerstellung wirtschaft-\nlicher Ausgleichungen die militärische Gewalt das verkehrteste aller Mittel ist.\nViele Betätigüngen des Wirtschaftslebens, soweit sie nicht besser inter-\nkommunalen und internationalen Körperschaften anvertraut sind, und die Reste\ndie sonst noch von der Zzinterlassenschaft des Staates fortzuführen sind, werden\nsich aufbauen auf dem Organismus der Gemeinde. Die Gemeinden werden alle\nAngelegenheiten, die nur sie selbst angehen und mit denen sie andern nicht im\nWege sind, selbständig gemäß ihren Bräuchen und Einsichten verwalten. Für\nGemeinsames und für die gegenseitige Anpassung werden sich über den Ge-\nmeinden weitere Verbände, Bezirke, Kreise, Provinzen u. s. w. erheben. Wo\nman sich des Vertretungss und Beamtensystems bedienen muß, wird es sich\nimmer um Delegationen handeln, die ununterbrochen mit ihren organisch ver-\nbundenen und wachenden Auftraggebern in Verbindung sind und stets abberufen\nund ersetzt werden können. So sehr die Menschheit ein Ganzes ist, so sehr\nerfordert es die Freiheit und Mannigfaltigkeit, daß die großen Verbände nicht\noben herrschen und lasten, sondern von unten wachsen und von unten ernährt\nwerden. Die Menschheit muß im einzelnen Individuum, im Paar, im Haus,\nim Dorf, im Sprengel, in der Gemeinde, im Amt Keim und Wurzeln haben,\num zur Gesamtheit des Volks und der Völkerbünde erblühen zu können.\nFür sehr viele Methoden des bisherigen Staats im Innern und nach außen\nist kein Platz mehr in einer Menschengesellschaft, die anfängt, die überlieferten\nEinrichtungen nach den Prinzipien von Sinn und Zweck umzugestalten. Aus\nder blinden und modrigen Höhle des Woher heraus haben wir lange genug\ngelebt; licht und sehend wollen wir jetzt endlich nach dem Wohin reisen: einem\ns elbstbestimmten Ziele zu. Was daraus wird, wenn man die sinnlos gewordenen\nReste der Vergangenheit als Mächte des Verhängnisses walten und toben läßt,\nerleben wir schaudernd. Versuchen wir einmal, alles, was von hinten treibt,\nerst durch unsern Geist zu filtrieren, ehe wir es nach vorne weiter wirken lassen.\nMan hat gesagt und wir haben es erprobt, daß Kanonen und Flinten\ndazu da sind, um gebraucht zu werden.\nNun denn: auch die Vernunft ist dazu da, um gebraucht zu werden. Laßt\nsie ans Werk! Und wartet lieber nicht zu lange damit; jedes Werkzeug, das\nnicht gebraucht wird, rostetz und die Vernunft hat es an sich, wenn man sie\nnicht übt, zu Dummheit und Wahnsinn zu werden.\nFeine, tiefe, religiöse Menschen haben Angst vor der Vernunft und meinen,\ndas sei ein Werkzeug der Analyse, der Zersetzung, der Negation; wir aber"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "191", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.7", "texte": "brauchten die Unterordnung unter ein großes Ganzes, die Synthesq das Opfer,\ndie Eingebung, das Aufgehen des Jndividuums in der Gemeinschaft.\nJa, das brauchen wir; aber fürchtet euch nicht! Die Vernunft zerfetzt\nnur das Sterbende, das demVerfall geweiht ist; sie organisiert das Lebende,\ndas wächst. Wachstum in den Beziehungen zwischen den Menschen, Wachstum\nder Verhältnisse gibt es nur durch die Vermittlung des in den Individuen\nwachsenden und fortschreitenden, mit Gefühl und Aktivitcih mit Natur und\nTrieb, mit Liebe und Gemeinschaft unlöslich verbundenen Geistes.\nWeil die Menschen Sehnsucht nach dem verbindenden Geiste, der verloren\ngegangen ist, nach dem Ersatz für die in ihren Formen gestorbenen alten\nReligionen haben, darum opfern sie sich in Myriaden von Zzekatomben dem\nStaat,\nAls diese Religionen ihr Leben hatten, waren sie als Krönung und Ver«\nklärung über dein sinnvollen Zusammenleben von Völkern gewachsen.\nSorge dir erst für ein sinnvolles Zusammenleben, du Menschheit; Völker\nder Erde, bauet erst euer Haus und sorge: für den rechten Austausch all eurer\nGüter; laßt erst die Güte in eurem Herzen und die Einsicht in eurem Kopfe\nwachsen; übt erst die angeborene und ewig gleiche Religion der Liebe im\nKleinen und der Gerechtigkeit im Großen, -- dann wird es nicht fehlen, daß\ndie besondere Form neuer Menschheitsreligion aus eurem Leben erwächst. Aus\ndem Leben muß sie wachsen; aus geschichtlichem Wissen, Kenntnissen von längst\ndahingegangenen Ekstasen der Völker und erlesenen Geister, aus Philologie und\nVerliebtheit in alte Formen der Mythologie kommt denen, die nicht verdauend\nmit überlegenem, vorwärts gerichtetem Leben die ernährende Erinnerung der\nGeschichte aufnehmen, nur Bildungskram, der bereit ist, jede Missetat und jeden\nIrrwahn mit weich verworrenen Reminiszenzen zu bemänteln Daß wissenschafts\nliche Bildung, archåologische Poesie und aleyandrinischståuschende Mimikry der\nMystik vor Aberglauben, Roheit und Dummheit nicht schützt, —- haben wir das\nnoch nicht genug erlebt?\n\nGustav Landauer\n\nE) Vergl. Anmerkung."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "192", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.8", "texte": "Paul Zech\nAuch er schritt in der Reihe grad und grau.\nNur seine Augen waren eines Knaben\ntråumendes Blau, und kaum sichtbar umgraben\nvon Furchem Strotzend stand der Schådelbau\nDen Degenstahl liebkoste seine Hand\nwie kühles Samtfelh ehe sie ihn zücktez «\ndenn wenn das Horn schrie, war er der Entrückt»\nder hart Umschiente, der nur sich empfand.\nNur sich empfand. . ·. nicht Lust, nicht Haß.\ndurch jene roten Straßen das zu leiten,\nwas wie ein Låuten aufschreit von zwei Seiten\nwenn an den Wänden hochschlågt explodiertes Gas\nDann goß er sich hinein in den gefteilten Zaun\nwie eine durchgebrochne Überschwemmung\nUnd um ihn her war dieses nicht mehr Hemmung:\nder Lärm, die Glut, Gesichter aufgehaun. »\nDa war sein Auge eisenweißes Licht, ,\ndas alles anzog wie polypewArmez\nda war er, stürzend, selber das blutwarme, i\ndas große, niegeschriebene Gedicht,\ndas ihm im Innern gor von Anbeginn, j\nund, noch ein Keim, ihn grenzenlos erschreckte ..\nNunhebt es seine beinern ausgereckte\nAnklage-Hand der Welt wie einen Spiegel hin."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.10", "texte": "wie war es vor dem Krieg? Das Geschrei um die Kunst ach wie viel größer\nals die Kunst!\nMan sagt, die Kunst sei ein Spiegel der Zeit. So war es denn in jener Zeit\nnicht anders: ach, wie viel größer das Geschrei um Religion, Sozialitåy Wisseni\ns chaft und Einkehr aller Orten, als Religion, Sozialitätz Wissenschaft und Einkehrl\nMerkzeichen der Zeit: der Markt. Die Marktfahne Die Marktfanfare:\nJe kleiner die Erfindung, desto überwåltigender der Bedarfsartikel.\nDie Künstler führen, wie alle Führer. Also müssen sie voraus sein. Aber\nvoraus ist auch immer die Mode.\nWie Landpomeranzen hinter den letzten Pariser Dessins, so bleibt der gebil-\ndete Bürger hinter den neuesten, allerneuesten Kunstmoden zurück.\nSo schuf sich der Bürger, wie immer die Schwerfälligem Trachten. Trachten\nsind veraltete und erstarrte Moden.\nDer gebildete deutsche Bürger, indem er die Kleidertrachten auf dem Lande\nausrotten half, trug Schiller, oder Goethe, oder Seine. In weniger stillen\nTälern auch wohl Zzebbel, oder Ibsen, oder George.\nKein Wunder, daß dies die Mode ärgerte und die Schneider. Umsatz! Um«\nsag! riefen sie.\nUnd die Werktätigcn sprangen bei. Cåzanne und ClaudeLRilke und Kandinsky\nkann Herr Kunze nicht tragen. So wenig, wie Frau Lehmann das Neueste\nvon Poiret: sie müßte sichja schämen. Also, Mischung aus Mode und Boden-\nständigkeiin Zzeimatkunst. Deutsche Ware. Ware!\nWare! XVare aber muß es sein. Und Kaufhäuser dafür. Die Künstler sind\nSchneider geworden. Die Kritiker sind Reisende für ihre Häuser geworden.\nDieser empfiehlt seinen Buxkin, jener seinen Cheviot. Englisch, französisch, oder\ndeutsch: Ein Musterbuch.\nVerwechselung: Auch der Zzandlungsgehülfe begeistert sich für das, was er führt.\nDie Künstlerbegeisterung ach wie oft die Begeisterung hinter dem Ladentisch!\nSelbstverståndlich lächelten die Fixen, die Europäey die Zukünftler über die\nLzeimatkunsttischleu Låchelten? Kaum.\nUnd die ZoeimatkunsU Die Deutschkunst auf Bestellung roch nach Leim und\nFabrik. Nach Margarine, nach guter Stube, kurz, nach Massenverschleiß.\nRoch schlecht. Riecht schlecht."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "195", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.11", "texte": "Da ihre Verkäufer schrieen: Deutsch! Kauft deutsch! So roch Deutsch schlecht.\nUnd Ahnungslose, Snobs und Verzagte sprachen: Schiller ist Kitsch Deutsch\nist talentlos, oder mindestens: geringere Ware. Gut so.\nWas aber wirkten die Europäer, dieWeltmarktmakler, die Ums chlagsstapler?\nAch, was brauste erst diese Produktenbörsel Wie flogen erst hier die Waren-\nballen zwischen Orient und Okzidentl Leiter auf, Leiter ab, immer das Neueste\nvom Neuen! Rastlos, wie in Eilguthallenl ·\nDie Zukünftigkeit war auf einen festen Abstand von der Gegenwart bemessen.\nWer nicht übermorgen zukünftiger war, wie vorgestern, der war zurückgeblieben.\nIn Gottesnamen liegen geblieben. Den faßten die Räder. Den zermalmte das\nGetriebe.\nBöse Zeiten für die Armseligen, die stets in der Furcht lebten, zu spät zu\nkommen und die keinen Laden mit ihrem Musterkösserchen beehrten, ohne ängst-\nlich zu fragen: War die Konkurrenz schon da? ·\nGut erzogene Kundschaftl Moden greifen rückwärts und vorwärts. Wer\nkennt sich aus? Nur der Sachliche ist Unerschrocken beim Anprobierem So?\nGotisch? Trägt man das heuer wieder? Schön. Machen Sie schnell.\nArbeiten aus sich? Sinken in eigene Erkennung und Auslotcn der eigenen\nTiefe oder Flachheit? Nein! Nicht ich, der Kunstehrende, Kunstwerbende,\nKunstschämige, Kunsterobernde, langsam, tiefatmend, inbrünstig Schaffende,\nsondern: Es! Es, das umsetzen, das Umtreiben, das Internationale, Ueber-\nmorgige, die Mode, der letzte Schrei!\nOder das Ungesagte, weil so? noch ungesagn Das Sogeformte, weil nie so\ngeformt. Das Gewalttätigste, Armlichste, weil noch nie solche Gewalttat,\nnoch nie eine solche schamlose Armut war. .\nXVaren wir nun in der Kunst besser Deutschländler, Schollendüftler, Bieder-\nleute; oder lieber Schneiderseelen, Manequins, Zukunftsschnüfsier?\nStill zu sein, ist noch nicht gesetzlich verboten. Nichts anderes sich zu erarbeiten\nund zu offenbaren, als was das Wesen auflegt, als was der innere Befehl\nbefiehlt, ist dem nicht verwehrt, der das Karusell meidet.\nGewiß hat es Stille. Bescheidene, Unmodische, Gebildete, Stolze, Eigensinnige,\nkurz: Deutsche immer gegeben. Auch vor dem Krieg.\nBegabung? Ach, Begabung ist doch Zufall. Nichts fällt leichter auf den Mist,\nals Begabung.\nVielleicht war die stärkste Begabung anno 1914 zufällig bei den Zzeimatdüftlerm\nVielleicht war sie bei den Schneidern, vielleicht bei den abgekehrtesten, zeitlosesten\nEigenbrödlerm Wer weiß?"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.12", "texte": "In hundert Jahren lacht eine andere Welt über unsere Börse, über unsere\nKegelvereine und über unsere Narren. Was bleibt, sind ja doch nur die par\nWenigen, bei denen eine Begabung in einen Tempel der Persönlichkeit fiel. »\nAber jetzt zetern die Schneider und die Handlungsreisenden und die Vertreter\nbester Auslandshåuser und die Europåer und Zukunftszwischenhåndler und die\nInhaber von Umschlagsplåtzem die Börse seibedroht. Sie erklären Krieg\ndem Kriege. Krieg auch denen, dieaus dem Krieg ———— Profit ahnen.\nDie Zzeimatkünstler reiben sich die Hände. Kalkulieren: ihr Weizen blüht.\nDeutscher Sieg, deutsche Vormachr Gesteigerter Konsum, gesteigerte Produktion,\ngesteigerter Export der Ware. Sie erweitern schon die Werkstatu Was ein·\nbündig geplant war, wird dreibåndig werden.\nFür die Schneiderkunst, die Europakunst, darf der Krieg nichts bedeuten, als\nmehr Zwirn, lies: das große Erlebnis. Die neuen Frühjahrsemoden sind an«\ngekündigt: Psychologische Dessous werden sparsamer, Gefühlsarmel enger, der\nRock der Sprache fußfrei. Die Futterstosse werden sichtbar getragen.\nÜbrigens ist der Krieg tunlichst zu übersehen, tunlichst unschädlich zu machen.\nDenn wir haben Gebrauchsmusterschutz auf unsere Marke: Weltlitteratur.\nSie haben ja alle recht, die den Markt kennen. KonjunkturinSchollenware ist gut.\nKonjunktur in französischem Neukatholizismus, belgischem Mystizismus englisch-\nironischem Skeptizismus, russischem Kubi und italienischem Futurismus siau. i\nAber horch! Sie reden— vom künftigen Imperialismus des deutschen Geistes.\nEs wäre ein schönes Wort: kaiserlich die Welt zu durchleben, kaiserlich zu\nschalten, kaiserlich zu schenken, einzudeutschem was deutschen Geistes wert«ist.\nSchade. Ihr Zukunftsplan ist nicht jenes heimliche Kaisertum deutschen\nGeistes, das vor hundert Jahren den Shakespeare im Sturm nahm und deutsch\nmachte. Zu sehr ist »Imperialismus« ein Schlagwort der Handlungsbestijsenen\ngeworden. Ach, ihr Schneider wollt uns die Kunst der Tahiti-Insulaner er-\nobern, damit vielmehr wir primitiv werden.\nEuer Königtum ist das des tapferen Schneiderleins. Legt euch zu Bett mit\nallen neun königlichen Musen, so bleibet ihr Schneider und verratet’s im Schlaf.\nPfui über die Kriegsbarbarem die das feindliche Ausland, die Poiret und\nLiberty boykottieren wollenl «\nRecht so, Schneider, wehrt euch gegen-die Provinzialhandelskammern der\nZzeimatzünftlerl\nEin Pereat den Vaterlandslosem die den gesinnungsneutralen Betrieb ihres\nZwischenhandels nicht einstellen wollenl\nRecht so, Einheimische, laßt die schöne Gelegenheit nicht ungenützt ver-\nstreichen, den mit internationalem Aktienkapital umgetriebenen Warenhäusern\ndie Kundschaft abzujagenl"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.13", "texte": "« In allen Ameisenhäufen ist das lVort »fkeberhaft« wieder zu Ehren gekommen.\nDer Stock des Krieges bohrt fürchterlich in ihren Wohnungen und die reichste\nEierernte ist bedroht: Wer wird unsere Kinder lehren, verharren, —-, ———, -——,\nnun, ihr wißt schon: alle marktgängigen Vorder- und Zzinterindier zu ehren,\nzu kaufen und nachzuahmen? Jmperialistenl\nAber wie? Jst kein Burgfriede? Den kunstübenden Reserveoffizieren ist die\nBegeisterungsader bis zum Pulsieren in entfesselten, feierlichen Rhytmen ge-\nschwollen, Hellerauer Tanzkinder haben wieder deutsche Beine bekommen und\nGriffel, die Zeit ihres Lebens nichts grisseln konnten, als expressionistische Huren\nund impressionistische Kuhschwänze bei Sonnenuntergang, grisseln jetzt den\nZzeldentod und die Drohgebärde der Mutter Germania.\nDenn wer jetzt nicht erlebt, jetzt nicht erlebt— nun, an dem sind Hopfen\nund Malz verloren!\nLieben Leute, regt euch nicht auf bis zum Schlagsiuß bis zum Schaum vor\ndem Munde. Wenn ihr irgend könnt, zieht als Kriegsfreiwillige zu Felde. Viel-\nleicht, daß ihr dort noch zu was nütze seid. Denn es bleibt alles beim Alten:\ndie Heimatbauern bauen Heimatkohi. Die Zzandelshäuser handeln Auslandsi\nWare, die Kunstschneider retten sich Paris, Brüssel, Moskau und Lemberg aus\ndem großen Zusammenbruch des Friedens. Und die paar Leute, wenn es sie gibt,\ndie still in ihrem Wesen ruhen können, weil es weit, reich, tief und unerschütterlich\nist, werden in sich bleiben, nicht fortschreiten, nicht zurückschreiteix Und wenn\nzufällig Begabung auf sie fiel, werden diese Einzigen, wie seit Weltanfang,\nKunst machen· h\nZzeimatbauernt Merkt, sie werden deutsch sein, deutscher, als ihr, weil ohne\nein Auge aus den Markt. Deutsch, weil deutsch geboren und deutsch, weil aus\ninnerer Stärke und Schwere bis zum Tode deutsch geblieben, trotz unablässigen\nAneignens fernsten Menschentums ,\nWar denn Goethe ein Grieche? Hölderlin ein Grieche, weil an Griechheit\ngesättigt? Starke Deutsche von Umfang, weiter nichts!\nSchneiderseelen, Kunsthändler, Genossenschaftseuropäer: Merkt, sie werden\neuropäisch, ja viel mehr als das, sie werden kosmisch sein, kosmischer, als je\neiner von euch, der sich ein Universum dünkt, weil er auf Montmartre einen\nAbsinth geschluckt und weil er auf Zzonolulu ein aussterbendes Kanakeiimädchen\nzur Seelenfreundin gehabt hat. Merkt, vom Fressen bekommt ihr zuletzt nur\ndicke Bäuche: und es tritt die Ueberbeleibtheit der Kunst- und Bildungsphilister\nzutage, das Schmalz der Zzändler mit geistiger Ware, der Zuschneider aus-\nländischer Modehäuser.\nIst etwa Grünewald ein Heimatkünstler gewesen? Bach oder Mörike ein\nZzeimatkünstley weil zeitlebens baumhaft in Lzeimaterde gewurzelt? Ia; wenn\nder Himmel über ihrem Stück Erde, in dem sie bauten, und der über dem Chinesen\nLaotse nicht anders gewölbt war, als über ihnen, Heimat der Berufenen heißen darf."}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.14", "texte": "Schwåtzt ihr Anderen von Yveltlitteraturl Schreit euch doch heiser an eurer\nTotenklage um die geistige Einheit Europas. Erbrecht euch doch an eurer inter-\nnationalen Kraft- und Speisewagenkulturl\nWeltlitteratur macht ihr nicht und machtet ihr nie. Geistige Einheit Europas\nschufet ihr nie, sie verlangte euch nie, kannte euch nie!\nInternationale Kunst heißt nichts weiter, als Zentralisierung des Börsens\nVerkehrs, Vereinfachung der Buchungen und Zahlungen durch Postscheck-Kontos.\n» Geht heim,»ihr Schreier vom Markt, ihr Duftende von der Scholle, geht\nheim und schweigt! »\nUnmögliches Verlangen: Ihr und schweigen. g\nWeltlitteratur ist in einer anderen Ebene, als jene Wirklichkeit, in welcher\nheute XVeltkrieg ist; und Wirkungen sind nicht von der einen zur anderen Ebene,\nes sei denn, durch das Medium des stillen Menschen, des einzigen Künstlers.\nDer Künstler erlebt den Krieg, nicht ihr.\nEr, wenn ihm befohlen wird, bindet den Krieg in ein Werk, spiegelt ihn\nin einer Schöpfung seiner Kunst, nicht ihr.\nEr vermittelt den Krieg der Nachwelt, nicht ihr.\nEr allein schuf, schafft und wird schaffen, was der Welt zukommt, was\ndie Welt braucht, die Welt aufbewahrt, die Welt hinübernimmtz unverändert,\nin die Zukunft, obwohl es ohne Zukunft und Gegenwart gemacht worden ist.\nEr macht Weltlitteratur, Weltkunst. Nicht ihr.\nBildung ist Privatsache. Der Bescheidene lernt in der Schule das Beste von\nIenen, welche die Besten der Anderen waren. Was kümmert sich Groß zu Groß\nhinüber um Vermittler und Agenturen für Gesellschaftsreisenl\nWo der Künstler Schöpfer ist, kann er unmöglich Schüler sein. Schüler sind\nStümper und Verstümmlea Wo er Schöpfer ist, wird er Lehrer sein für die\nBildung der Kunstliebenden in allen kommenden Zeiten und unter allen Völkern.\nStill also. Warum von den Stillen, den einzig Betråchtlichem reden? »\nBeabsichtigt ihr Heiinatktinid Wozu gibt es Leihbibliotheken? Bezweckt ihr\neuropåische, oder macht GenossenschaftwKunst zwischen Pol und Pol. Wozu\ngibt es Stampfmühlen?\nMit Krieg, ohne Krieg seid ihr und waret ihr unwesentlich\nDie Wesentlichen zwar sind wesentlich auch ohne den Krieg. Es ist aber möglich:\nMit und durch diesen Krieg wird ihr Wesentliches sich reinigen, vertiefen; also:\nnoch stiller, noch unnahbarer werden.\nUnd durch sie kann der Krieg ——— vielleicht — auch reden. Wenn es die Gnade,\noder die Not, oder sonst ein Anlaß, danach nur Vorwitzige fragen, so will.\n\nF. A. Schmid Noerr"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-01.1.16", "texte": "Inhalt des Heftes 10:\nOskar Loerke —— Nach: im Kriege J Albert Ehrenftein -—- Der Held\nschreit J Oskar Kokofchka — Zeichnung zu Albert Ehrensteins Gedicht J\nFriedrich Karinthy -— Erde —- Seein - Paul Zech —- Ja) fühle. mich mir\nallem schuldig, ja! J Renö Beeh — Orig.-Steindruck J Hetta Mayr — Michel\nund der Krieg J Franz Reinhardt ———- Orig.-Steindruck J Johannes R.\nBecher -— An der Aisne J F. M. Jansen —- Origkszolzfchnitt\n\nInhalt des Heftes 11:\nMax: Unold —- Origksolzfchnitt J Johannes Schlaf (Weimar) ——— und\nwas wird nun kommen? J Otto Stoß! —- Das deutschetAngesicht J Anton\nWildgans —— Freiwillige J Rudolf Großmann «—- Orig.-SteMPOindruck J\nHans Carossa -—-— Der Himmel dröhnt von Tod . . . J Otto Hohlt ————\nOrigssteindruck J Max Brod —- Die Schlacht J Robert Walser —- Phan-\ntasieren J Margarete Susman —- Vom Krieg und von Gott J Werner\nSchmidr — Origsstcindcuck\n\nInhalt des Heftes12:\nRichard Schaukal -—-— Das Element J Franz Theodor Czokor —- Die Seuche J\nGottfried Kölwel —- Abschied (An meinen Freund) J Karl Caspar —- Orig-\nSteindruck J Karl Schessler -—— Die Knospen J Adolf Schinnerer -——- Orig-\nSteindruck J Erwin Metzner —— Mobilmachung J Edwin Scharf? ——— Orig-\nSteindruck J Rudolf Leonhard —- Gewaltmarfch J Alfons Paquer -—-—\nl Das tragische Zeitalter\n\nHerausgegeben von Otto HaassHeye\ne Berlin J Pariser Platz 7 .\nverantwortlich für die Schriftleitung\nFriedrich M. Huebner\nI. PioniewBataillon\nMünchen\nVeranwortlich für die künstlerifche Leitung\nO. Th. W. Stein\nMünchen J Gifelastn 15\nFür unverlangte Einfendungen keine Gewähr.\nIn Gsterreich für die Redaktion verantwortlich Hugo Heller, Wien, l,\nBauernmarkt 3"}]}