{"numero_id": "bm-bmtnabb-1915-04-02", "volume": "bmtnabb_1915-04_02", "ocr_sha256": "5a7c581d6707ece032cbf6b346d20e588cfb65184a1e932d0901ca0d7b7f2cf5", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1915/04_02/bmtnabb_1915-04_02.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1915/04_02/bmtnabb_1915-04_02.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-02-c001", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_02#c001", "volume": "bmtnabb_1915-04_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "204", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.2.1", "titre_corps": "er notdurftgebundene Mensch denkt die endlichen", "titre_sommaire": "er notdurftgebundene Mensch denkt die endlichen", "signature_source": "Carl Hauptmann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1644, "texte": "er notdurftgebundene Mensch denkt die endlichen\nDinge der Welt. Und die endlichen Abhängig-\nkeiten. Er denkt Gedanken.\nDer freie Mensch fühlt, ahnt, glaubt die\nunendlichen Dinge. Er fühl: fiel) von Ideen\ngehemmt oder getragen.\nGedanken sind Signaturen endlicher Dinge. Sie charak-\nterisieren endgültig das Begrenzte. Beschreiben dess en Eigenschaften.\nIdee, das ist der Hinweis auf Übermächte\nlHier habe ich ein Glas Wasser. Ich kann es trinken. Ich\nkann es vergießem Der enge Becher hält eine endliche Menge.\nIch kann sie messen.\nEin Becher Wasser ist ein restlos klarer Tatbestand.\nHier lang: der Begriff zu.\nDas ist ein Gedanke.\nAuch HYO ist nur eine endliche Handhabe für den rechnenden\nMenschen, um Wass er für seine feinen Mischzwecke und Zerlegungs-\nzwecke brauchbar zu machen.\nAber Wasser ist auch eine Idee. Eine Übermacht.\nDie Übermacht Wass er geht in den Stürmen und in den Sternen.\nSickert in unterirdischen Höhlen, Millionen Iahre ohne lichten Tag.\nWogt grenzenlos im Meere. Wasser ist Blut. Wasser sind alle\nLehenssåfke wohin is: ptötztich eitles Leben vergangen, we die\nNordpolkälte das Flüssigste in das sprödeste Harte verwandelt?\n« Auch der größte Zungenjongleur könnte dieser Übermacht keine\nGrenzen finden. Nicht das Grenzenlose ihres Daseins in verständ-\nliche Absichten und Drånge auflösen.\nGedanken sind kleine Becher, um von dem Unendlichen und\nUnbegreistichen zu schöpfen.\nIdeen sind Übermächte ohne Ursprung und Motive.\nDer Mensch. Der Barbier Krausa Ich kenne seinen Namen\nund sein Konterfei. Ich kenne seine Frau und seine Kinder. Ich\nweiß den Weg zu seinem Rasiersalom Er nimmt fünfzehn Pfennig\nfür einmal Rasieren"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1913, "texte": "Der Barbier Rrause ist ein restlos klarer Tatbestand.\nAber der Mensch ist auch eine Idee. Eine Übermacht.\nDie Übermacht Mensch geht über die Erde mit allen Farben\nder Haut. Hat alle nur ausdenkbaren Greuel und Verbrechen getan.\nHat Gott geboren. Hat das Bildder Welt geboren. Hatdie Maße\nund Ziele der Wahrheit und Gerechtigkeit geboren. Und hat sich,\nselbst der größte Verbrecher, kraft seiner höchsten Geistes-\ngeburten, auch zum letzten Richter aller Frevel aufgeworfen.\nAuch der kühnste Sinnierer könnte dieser Übermacht Mensch\nkeine Grenzen finden. Nicht dem zeitlosen ihres Daseins und ihrer\nLebensbewegung restlose Namen ersinden.\nIdeen sind Übermåchte ohne Ursprung und Motive.\nAuch die Wissenschaft umfaßt solche Zweiheic\nEndliches Wissen, das uns in unserer praktischen Notdurft\nmehr oder weniger sicher in das Erdenleben einordnet.\nUnd das Nennen der Übermåchte, die wir uns durch Ahnen\nund Glauben vertraulich machen.\nEndliches Wissen. Man übersieht. Man ordnet. Man betastet\nund begreift. Das ist das sachliche Wissen unserer Welt.\nAber der endliche, irdische Blick schweift doch ins unbegrenzte.\nDer Ahnungen voll. Nicht nurbis zu denUfern jenseitiger Länder.\nAuch bis ins Machtvollste des Unsichtbaren. .\nDieses Hinaus über den fernsten und Hinüber über den hellsten\nStern umfaßt das Endliche mit dem Unendlichen zugleich. Ist\nSehen der Welt und Ahnen derÜbergewalten.\nIdeen. Übermåchta Mächtiger als alle begriffenen und\ngedachten, endlichen Dinge. Die zeitlos en Sünder, an denen sich das\nkleine, einzelne Menschendasein zu seinem übermenschlichen Dasein\nentzündet. Die das enge, einzelne Menschenleben unentrinnbar vor-\nwårts treiben, und zwangsweise durchwirken und durchschütterm\nGeist und Wille des einzelnen Menschen ahnt jene Übermåchte\nZu Millionen und Milliarden sich ihnen willig neigend wiedie\nHalme einer Flur beim Sturme. « i\nDie Übermåchte durchbrausen ihn, Millionen und Milliarden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2067, "texte": "c Ganz jenseits seiner einzelnen, kleinen Geistgeburt. Reißen ihn\nfort, ganz unter Verleugnungen des engen Grundgesetzes seiner\nendlichen, einzelnen Natur, unter Verleugnung seiner irdischen\n;Selbstbehauptung. Treiben ihn zur Fron im Dienste nie begriffener,\nübermenschlicher Ziele-\nDer einzelne, enge Mensch fühlt, ahnt die Ideen. Betet sie\nan. Erschauert vor den Übermächtem Ahn: seinen kleinen Lebens-\nwillen und Lebenswahn ihnen ehern versklavt. Macht sie sich\nvertraulich in kindlichen Hoffnungen. Umgaukelt sie mit seiner bild-\nnerischen Einbildungskraft und seinen Ångstem Weil er in seiner\nEndlichkeit nur Mittel besitzt, sie zu benennen. Aber keine Macht,\nSinn und Sehnsüchte dieser Übermächte je auszuspüren oder auch\nnur zu begrenzen.\nAuch der Weltkrieg ist solche Idee. Solche Übermacht,\ndie seit unvordenklichen Zeiten die Völker auf der Erde in Bluts-\nwiderstreiten trennte.\nSolche Übermacht umwühlt heute wieder die Menschenwelc\nDurchschüttert und» durchgellt ihre engen, einzelnenGeistgeburten.\nDer Name Gottes schwirrt heut mehr. denn je unter uns in\nTden Lüften. Aus Mündern selbst, die sonst vor dem Worte Gottes\nzu große Ehrfurcht hatten, weil sie in diesem Zeichen nur das\ninnerste Welträtsel selber anstaunten. . ,\nWir alle fühlen, daß kein einzelner Menschenwille je stark\ngenug gewesen, unserer Zeit zu rufen. Die Zeit steht unter einer\nübermenschlichen Bestimmung. Es wäre auch für den mächtigsten\n«Mann eine zu hohe Ehre zu wähnen, daß er durch bösen Willen\ndiese eiserne Zeit aus sich und seinen Wünschen hervorgebracht.\nWer wollte abwägen, wie tief die Schuld wäre, wenn der Wille\ndes einzelnen vermocht hätte diese unbarmherzigen Blutfeste herauf\nzu beschwören. Es ist ein seltsames Unterfangen. Alle Gelb- und\nBlau- und Weißbücher, die nach subjektiver Reinigung drängen.\nAls wenn die Übermächte, die Ideen, die die Menschheit ehern\nvorwärts reißen, nicht im Menscheniblute unsichtbar angrifsem Ien-\ns eits aller Ration. Ienseits der kleinen, einzelnen Geistgeburt Ienseits\nalles irdisch-engen Menschenwillens, und aller Menschenvernunfu"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 695, "texte": "Der einzelne Mensch möchte immer das persönliche Übel ver-\nmeiden. Immer will der einzelne Lebendige leben. Selbstbehauptung\nist das eherneGesetz, das den einzelnen endlich bindet. So be-\nschränkt wandelt noch jeder einzelne Mensch seine irdische Bahn.\nDas Leben der Übermåchte verkettet uns willenlos in über-\nmenschliche, undurchschaubare Bestimmungen.\nAuch der Krieg ist eine ungebändigtq fessellose Idee. Ist\nsolche Übermacht, die uns auf den unsicheren Wogen des Unendlichen\nwiegt. Ferne am Horizonte die Fata Morganetz die wir uns fühlend,-\nahnend, gaukelnd, hoffend, glaubend geschaffem Ferne die neuen,\nlockenden Ufer. Ferne die leuchtenden Vaterlånder der Menschlichkeiu\n\nCarl Hauptmann"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-02-c004", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_02#c004", "volume": "bmtnabb_1915-04_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "205", "page_fin": "205", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.2.2", "titre_corps": "riedevoll bogst du mit gleitendem Fluß und dem Schwung", "titre_sommaire": "riedevoll bogst du mit gleitendem Fluß und dem Schwung", "signature_source": "F. A. Schmid=Noerr", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1385, "texte": "F. A. Schmid=Noerr\nriedevoll bogst du mit gleitendem Fluß und dem Schwung\ndes Gebirges g\nSonst dich hinaus, wie mit offenen Lippen zum Kussq\ne mein Tal,\nGegen den westlichen Himmel gekehrt und das ebene Land,\nWo allabendlich stand und niederschwebte der Gral\nGöttlich und heiter verströmenden Lichtes.\nAch und geruhsam verstoss en uns, immer aufs Eigne gewandt,\nWolkige Tage; und Nächte in Mondglanz gelöst. Es empfahl\nIegliche Stunde uns Glücklichen sich so zu Tat oder Tand.\nDenn wie gesteigerte Gnade der Strom ist den Wellen des Flusses,\nsSo uns Menschen war Höhergang, Lust auch, das kindliche Floß\nMit bemasteten Schiffen zu tauschen und künftige Tat\nKühner zu wägen, ein Traum. Des Meeres gedachten wir bloß\nFern, da es fern ist, solange wir fließen. i ,\nAber wie jäh die Gemächlichen trafsl Denn der Ozean trat\nPlötzlich zu Füßen uns brüllend hervor; und besinnungslos\nSchoß sin den Tod, kataraktengejagy die berufene Saat.\nTäglich nun steht dir, entvölkertes Tal, am sinkenden Tage\nAhnungsschwer ein heroisches Abendrot dort, wo die Nacht\nDich zu verschließen sich eilt, die entmenschlichtr. Flammen des Kriegs,\nRinnendes Blut und rünstige Brandruinen der Schlacht\nGlühen in Wolken herauf und ragen\nStumm in entfremdetes Leben. Die Ferne sog Blut. Oder stiegs\nDünstend empor? All Abend kehrt wieder die düstere Pracht.\nManchmal staggt dann in ihr schwarz eine Fahne des Siegs."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-02-c006", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_02#c006", "volume": "bmtnabb_1915-04_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "206", "page_fin": "209", "image_debut": 6, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.2.3", "titre_corps": "Alle, welche dich suchen...", "titre_sommaire": "Alle, welche dich suchen...", "signature_source": "Arnold Schònberg OF. 22 Nr. 2", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 290, "texte": "Alle, welche dich suchen...\n\naus »Das Stundcnbuch« von Rainer Maria Rilke\nfür Gesang und kleines Orchester (4 stören, I Engl. H» I D-Klar., 2 Klar»\n2 Baß—Klar., 1Krr.-sag., l Harfe, S Solo-Vcll.,1Solo-Ktl«baß).««]\n\n*] Die Veròffentlichung erfolgt mit Zustimmung der Univers al-Edition A. 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September bei Soissons\naschinen, der Zeit gerüstete Krieger\nheben die Hebel, bewegen die Räder,\nda» tritt sportlich im Panzer von Leder\nzum fegelbespanitten Vogel der Fliegerz\nUnd steigt in den Flugsitz, Gestampf der Motoren\nsingt und pufft ihm vom endlichen bezwungenen\nReich der wirbelnden Luft um die Ohren,\nmahlend drehn sich die herrlich geschwungenen\nPropeller zur Scheibe."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-02-c014", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_02#c014", "volume": "bmtnabb_1915-04_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "212", "page_fin": "215", "image_debut": 12, "image_fin": 15, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.2.6", "titre_corps": "ie Verbindung von Krieg und Kunst ist ein Irrtum.", "titre_sommaire": "ie Verbindung von Krieg und Kunst ist ein Irrtum.", "signature_source": "Wilhelm Hausenstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3036, "texte": "ie Verbindung von Krieg und Kunst ist ein Irrtum.\nKrieg ist Gefchehnis Kunst aber ist in irgend einer Form\nauf Zuståndliches gewiesen. Dies ist so wahr, daß das größte\nKriegsgedicht, die Jlias, das langsame Werk einer über Ge-\nschlechter ausgedehnten Kollektivpoesie wurde und die zuståndlich\nbreite Form des Epos erhielt. Krieg ist Bewegung. Kunst aber\ngeht in irgend einer Art notwendig darauf aus, Leben, wie immer es sei, als\netwas Landfchaftliches zu betrachten. Krieg übertäubt in feiner letzten Steige-\nrung jede Empfindung. Kunst besänftigt in ihrem pfychologischsten Augenblick\n—- und schließlich besteht sie nur aus psychologifchcn Augenblicken —- felbst das\nekstatifche Kraftgefühl zu andächtiger Jnnigkeit; der dionyfische Ausbruch zeugen-\nder Gewalt wird Stilleben und gestaltet sich, gestaltet die Welt in unerklär-\nlicher Ueberl)obenl)eit zu einem auf irgend eine Weife befonnenen Bild.\nWerden Krieg und Kunst in eine zu unmittelbare Verbindung gebracht,\nso werden sie polar. Sind sie in dieser Näl)e polar, weshalb drängt man sie?\nMan verbindet sie aus einer gewissen moralischen Schwäche oder Empfind-\nsamkeit, die indes sehr menfchlich ist.\nMan diente der Form. Sie diente wieder ihren Urhebern. Sie gedieh zu\neiner immer reineren Abstraktiom Alles was Substanz heißen konnte, blieb jen-\nseits: Religion, Politik, Philosophie, Leben überhaupt und felbst sichtbare Natur.\nDie Kunst vergeistigte sich zu einer restlos zweckfreien formalen Spekulation.\nDa rührte der Krieg furchtbar die inhaltlichsten Fragen auf. Es war\nnur natürlich, daß in dieser Erfchütterungjeder erschrocken feine persönlichen\nUeberlieferungen maß und es versuchte, diese Ueberlieferungen an dem neuen\nZustand des Lebens zu bewähren, den der Krieg brachte. Mit anderen Worten:\nauch der Künstler empfand nun die tiefe menschliche Verpflichtung zur Politik,\ndie er, namentlich wenn er ein Deutscher war, bis dahin in neunhundertneun-\nundneunzig Fällen von tausend felbstgefällig geleugnet hatte. Aber je rascher\ndiese empfundene Verpflichtung zur Politik sich nun-in dichtenden Bekenntnissen\näußerte, desto größere Verwirrung richtete sie gleichmäßig in der Kunst und\nin der Politik an, und innerhalb wie außerhalb der Mauern wurde damit\nmehr gefündigt als gefördert.\nl « Die Künstler hatten bis zum Augenblick keine politifcheTradition. Sie konnten\nalfo von dieser Seite aus nicht wissen, wie leicht Kunst und Krieg und Kunst und\nPolitik polar werden, wenn man sie zu unmittelbar aneinander annähert Die\nKünstler hatten jedoch künstlerische Ueberlieferungen. Von dieser Seite. mußten\nsie nun wissen, daß. das Verhältnis der Kunst zur Unmittelbarkeit des Erlebens\nein Verhältnis der Spannung ist und daß Spannung Abstand bedeutet. Doch\nsiehe: auch hier fehlte die Ueberlieferung ———- oder fie fetzte aus. Das ist menschlich.\nWie follte fie nicht vor der ungeheuren Gegenftändlichkeit des Kricgs verschwin-\nden und ihr Selbstbewußtsein verleugnen? Zuweilcn mochte sie indes auch bloß\ndeshalb verschwinden, weil sie nichts taugte —— vorher wie nachher."}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3107, "texte": "i Der Krieg bezwang den Künstler. Der Künstler aber suchte sich dem Krieg\ngleichzustellem Er suchte ihn zu bewältigen, indem er jähe Bekenntnisse sprach.\nZzie und da siel ein gutes Wort. Aber rasch enthüllte der Krieg auch manchen\nAnzweifelbaren und manchen Unkünstler, die zuvor als Künstler gegolten hatten.\nNicht oft bewährte sich ein Künstler durch die Beharrung eines auch gegen\nSchicksale gefeiten Forminstinkts Viele, denen ein Ruf vorausging, versanken\nin primitiver Stosslichkeitz die nicht nur schwach geformt, sondern auch sachlich\nschlecht begriffen war. Kunst war dem Krieg nicht gewachsen.\nAllein: der Mangel lag —- man muß gerecht sein ——- nicht immer in der\nUnsicherheit künstlerischer Eigenschaften; er lag in der sachlichen Unmöglichkeit\ndes so begreisiichen wie verkehrten Versuchs, Krieg und Kunst recht unmittel-\nbar aufeinander zurückzuführen. Kunstist Vegetation. Sie läßt sich nicht\nmanövrieren wie der übersichtliche Mechanismus einer Armee. Wer sie, sei die\nAbsicht noch so unbefangen, jählings auf ein Gegenständliches hindrängt, der\nschwächt sie um so sicherer, je gewaltiger dies Gegenständliche ist.\nDie Kunst war eine Cl)inoiserie geworden. Damit soll ihr nichts zuleide\ngesagt sein -——— im Gegenteil. Aber es ist sicher, daß eine Cl)inoiserie sich nicht\nvom letzten Tag des Juli auf den ersten August der zerschmetternden Gegen-\nständlichkeit des Kriegs anpassen läßt. Es ist klar, daß ihre Mittel weder\nsofort den Krieg formulieren noch auch ohne weiteres einfach aufhören können.\nSchlachtgesänge und Kriegsbilder bereicherten den politischen Zustand nicht,\nnoch siößten sie der Form im Ganzen neues XVesen ein. Im günstigen Fall\nschadeten sie weder der Politik noch der Kunst. Mit ihrem relativen Form«\nkonservatismus suchten sie der Krise der Kunst im Krieg einstweilen das Gleich-\ngewicht zu halten. Mehr konnte man im Grund nicht verlangen: denn es war\nschließlich so gut, als ob die Kunst getan hätte, was ihr im Krieg ——- gegenüber\nder maßlos en Gegenständlichkeit des Kriegs und gegenüber der selbstverständlichen\nFormalität der Kunst— am meisten ziemt: als hätte sie geschwiegen und sich\nin dieser unaussprechlich wirklichen Zeit mit Leben und Tod und allen konzen-\ntrierten Wirklichkeiten gesättigt, bis nach Jahren vielleicht die neue und große\nVerständigung der Form mit diesen eingelebten Wirklichkeiten möglich sein wird.\nAber es hatte keinen Sinn und weder politische noch künstlerische Würde, Kriegs-\nkünstler sein zu wollen und in Wahrheit nur geschwätzig zu sein.\nEs hatte freilich »auch keinen Sinn und keine Würde, sondern war im äußersten\nMaß hilflos, wenn Künstler, die das erkannten, den Krieg nun als einen Anti-\nchrist der Kunst anklagten und ihr Leben gegen das Ereignis des Kriegs in\neiner gewissen Verzweiflung abzuschließen suchten, als gäbe es heute überhaupt\neinengiltigen Gedanken, der gegen den Krieg aufkommen könnte, und als\nwären sie die Psieger dieses Gedankens.\nIn der Tat ist der Widerspruch zwischen Krieg und Kunst ja ausiösban\nEr ist aufzulösen, weil er -— von dem jetzt Entscheidenden, vom Krieg aus\ngesehen —- gleichgültig ist. . \""}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3160, "texte": "Die giltige Erfahrung ist jetzt der Krieg — ganz einerlei, wie wir ihn\nbeurteilen. Der Instinkt, der die Künstlerwie jeden auch nurdes leisesten\nkollektivistischen Gefühls fähigen Menschen antrieb, den Krieg auf irgend eine\n.Weise im Innersten zu verarbeiten, war richtig, obwohler auch beirrte. Die\nKünstler wurden vom politischen Zustand ergriffem und um so mehr, je ober-\nsiächlicher sie ihn früher geleugnet hatten. Das ist erfreulich. Nur sollten sie\n-- hier liegt die notwendige Unterscheidung -——— diesen Zustand nicht ohne weiteres\nmit den Mitteln der Kunst formuliert haben, sondern mit den Mitteln der\nPolitik. Sie sollten es gelernt haben, auf die bequeme Anziehung der ihnen\nzunächst liegenden Mittel zu verzichten, und sollten es versucht haben, die ihnen\nferner liegenden Mittel der politische-n Erfahrung zu ergreifen. Der Fehler\nlag in der allzu eilfertigen Schutzanpassung der Formmittel an den Krieg:\nbeispielsweise in der jähen Gewalttätigkeit der sonst so Gepsiegtem\nAber so billig ist das Leben nicht. In dieser Nähe sind Krieg und Kunst\npolar. Sie können nur allmählich und aus Entfernungen aufeinander bezogen\nwerden, nicht aber von gestern auf heute und in dem engen Raum eines sub-\njektiven Bewußtseins, das politisch traditionslos und leider auch zuweilen formal\nunzuverlässig ist. «\nDies ist das Elend, daß bisher geleugnet wurde, ein Mensch, der Künstler\nist, könne politisch sein. Aus diesem miserablen Dogmct spricht ein geradezu\nberufsmäßiges Verhältnis zur Kunst. Ist es berufsmäßig, so ist es banausisch —\nund zwar just als Verhältnis zur Kunst, nicht etwa bloß nach der Seite der\nPolitik. So nahmen wenigstens die Griechen diese Angelegenheit. Wir psiegen zu\nvergessen, daß in Athen die Kunst in ihrem edelsten Verhältnis ein Szepter des\nKrieges und der Politik war. Wir aber s ollen im Ernst für alle Zeiten so herab-\ngekommen sein, daß wir den Künstler für den Typus des absoluten Menschen, für\ndas köstliche Widerspiel des Banausen halten, weil er von Politik nichts versteht\nsund sich sogar einbildet, vom Gesellschaftlichen nicht einmal objektiv berührt\nzusein? Und wir sollen ihnsbewundern, wenn nun gerade er eines Tages dem\nEindruck des Krieges so wenig gewachsen ist, daß seine Kunst nahezu politisch-\ntendenziös wird? Denn sie wurde es trotz aller Verwahrungem das künstlerische\n-Kostüm deckt den freilich mageren politischen Willen nur dürftig.\nDie politische Absicht des sonst so reinen Künstlers vermischte den gegen-\nständlichen und den formalen Assekt mit erschreckender Möglichkeit. Dies war\n-wertlos gegenüber der Politik und wertlos gegenüber der. Kunst. Wohl aber\nkann der Künstler wie jeder wahrhaft Lebende in seinem einfachen menschlichen\nund ges ellschaftlichen Verhältnis den politischen Instinkt pflegen. Ist die beab-\nssichtigte Vermischung des politischen mit dem Künstlerischen in der Politik wie\nin der Kunst verhängnisvoll, so ist esgleichwohl das Gute, wenn ein stetiger\nReichtum des Menschen «—- auch ein politischer — mit Kraft-und Fülle den\nKünstler trägt, dem Kunst nichts ist als die erhabenste Resignation gegenüber\n»dem gesamten Leben. Er entmaterialisiert sein Leben. Er hebt esauchsüber"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1889, "texte": "die politische Substanz. Er hebt es —- wie die gotischen Meister —- über den\nInhalt seiner Religion, von dem er dennoch zehrt. Mit erhöhender Form dichtet\ner dann Zeichen seines menschlichen Reichtums, die von gewollter Beziehung\nfrei sind und dennoch sich aus diesem Reichtum nähren. So isti der zweite Teil\ndes Faust, der ein auch politisches Gedicht der Deutschen ist —- vielleicht das\nAequivalent des Kriegschaos der napoleonischen Epoche. i »\nDie Künstler sollen die relative Ausschließlichkeit der Politik begreifen. Das\nPolitische, der Krieg ist eine Sache, die ihre Logik in sich trägt und nicht durch\nseine dilettantische Romantik erworben wird. Zumal empfängt diese Sache ihre\nRechtfertigung niemals von einem ästhetischen Gesichtspunkt her. Es ist gegen-\nüber der Politik, dem Krieg und der Kunst gleich gewissensarm, sich diesen\nGesichtspunkt zu erlauben. Krieg und Kunst sind polar. »\nSind Krieg und Kunst polar, so darf der Krieg nicht die Sensation der\nKunst sein. Denn er muß für die Kunst durch den Menschen mehr sein als\nSensation. Er kann eine Grundlage sein. « i\n» Der Krieg soll es lehren, daß es dem Künstler ansteht, politisch zu sein\nund daß es ihm im Krieg eher geziemt, die Kunst als die Politikszzu vergessen.\nDas Politische des Künstlers aber kann nicht in der Kunst unmittelbar\nbewußt werden, sondern nur im gesellschaftlichen Dasein des Künstlers. Damit\nwird das polare Verhältnis zwischen Politik und Kunst und Krieg und Kunst\nproduktiv. ungestraft brach keiner die Achse, die den Künstler mit der Gesell-\nschaft verbindet. Ungestraft hat auch keiner die natürliche Länge dieser\nAchse verkürzt. i » f\n« Dieser Krieg bedeutet etwas und viel für die Kunst, weil er viel für\n»das Leben bedeutet. So bedeutete die Gewalt der Weltkriege, die vor hundert\nJahren waren, Entscheidendes für Gåricault und für Beethoven, für Goethe\nund für Kleist.\n\nWilhelm Hausenstein"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-02-c017", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_02#c017", "volume": "bmtnabb_1915-04_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "216", "page_fin": "216", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.2.7", "titre_corps": "Inhalt des Heftes 11:", "titre_sommaire": "Inhalt des Heftes 11:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 443, "texte": "Inhalt des Heftes 11:\nMax Unold «— Origxzzolzfchnitt J Johannes Schlaf (Weimar) — Und\nwas wird nun kommen? J Otto Stoß! —- Das deutsche Angesicht J Anton\nWildgans —— Freiwillige J Rudolf Großmann —- Orig.-Steindruck J\nHans Carossa «— Der Himmel dröhnt von Tod . .. J Otto Hohlr —-\nOrig.-Steindruck J Max Brod ——- Die Schlacht J Robert Walser ——— Phan-\ntasieren J Nkargarete Susman —— Vom Krieg und von Gott J Werner\nSchmidt —- Orig.-Steindruck"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-02-c018", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_02#c018", "volume": "bmtnabb_1915-04_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "216", "page_fin": "216", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.2.8", "titre_corps": "Inhalt des Heftes12:", "titre_sommaire": "Inhalt des Heftes12:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.16", "debut_caractere": 445, "fin_caractere_exclue": 836, "texte": "Inhalt des Heftes12:\nRichard Schaukal —- Das Element J Franz Theodor Czokor -— Die Seuche J\nGottfried Költvel -— Abschied (An meinen Freund) J Karl Caspar —— Orig-\nSteindruck J Karl Scheffler —- Die Knospen J Adolf Schinneter —- Orig-\nSIeindruck J Erwin Metzner -—— Mobilmachung J Edwin Scharff — Orig-\nSteindruck J Rudolf Leonhard —-— Gewaltmarfch J Alfons Paquet —-\nDas tragische Zeitalter"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-04-02-c019", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-04_02#c019", "volume": "bmtnabb_1915-04_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "216", "page_fin": "216", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.2.9", "titre_corps": "Inhalt des Heftes 13:", "titre_sommaire": "Inhalt des Heftes 13:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.16", "debut_caractere": 838, "fin_caractere_exclue": 1221, "texte": "Inhalt des Heftes 13:\nFranz Blei -— ,,scrap of paper« J Martin Zuber —-— Dem Fåhnrich W. 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Ich\nkann es vergießem Der enge Becher hält eine endliche Menge.\nIch kann sie messen.\nEin Becher Wasser ist ein restlos klarer Tatbestand.\nHier lang: der Begriff zu.\nDas ist ein Gedanke.\nAuch HYO ist nur eine endliche Handhabe für den rechnenden\nMenschen, um Wass er für seine feinen Mischzwecke und Zerlegungs-\nzwecke brauchbar zu machen.\nAber Wasser ist auch eine Idee. Eine Übermacht.\nDie Übermacht Wass er geht in den Stürmen und in den Sternen.\nSickert in unterirdischen Höhlen, Millionen Iahre ohne lichten Tag.\nWogt grenzenlos im Meere. Wasser ist Blut. Wasser sind alle\nLehenssåfke wohin is: ptötztich eitles Leben vergangen, we die\nNordpolkälte das Flüssigste in das sprödeste Harte verwandelt?\n« Auch der größte Zungenjongleur könnte dieser Übermacht keine\nGrenzen finden. Nicht das Grenzenlose ihres Daseins in verständ-\nliche Absichten und Drånge auflösen.\nGedanken sind kleine Becher, um von dem Unendlichen und\nUnbegreistichen zu schöpfen.\nIdeen sind Übermächte ohne Ursprung und Motive.\nDer Mensch. Der Barbier Krausa Ich kenne seinen Namen\nund sein Konterfei. Ich kenne seine Frau und seine Kinder. Ich\nweiß den Weg zu seinem Rasiersalom Er nimmt fünfzehn Pfennig\nfür einmal Rasieren"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.2", "texte": "Der Barbier Rrause ist ein restlos klarer Tatbestand.\nAber der Mensch ist auch eine Idee. Eine Übermacht.\nDie Übermacht Mensch geht über die Erde mit allen Farben\nder Haut. Hat alle nur ausdenkbaren Greuel und Verbrechen getan.\nHat Gott geboren. Hat das Bildder Welt geboren. Hatdie Maße\nund Ziele der Wahrheit und Gerechtigkeit geboren. Und hat sich,\nselbst der größte Verbrecher, kraft seiner höchsten Geistes-\ngeburten, auch zum letzten Richter aller Frevel aufgeworfen.\nAuch der kühnste Sinnierer könnte dieser Übermacht Mensch\nkeine Grenzen finden. Nicht dem zeitlosen ihres Daseins und ihrer\nLebensbewegung restlose Namen ersinden.\nIdeen sind Übermåchte ohne Ursprung und Motive.\nAuch die Wissenschaft umfaßt solche Zweiheic\nEndliches Wissen, das uns in unserer praktischen Notdurft\nmehr oder weniger sicher in das Erdenleben einordnet.\nUnd das Nennen der Übermåchte, die wir uns durch Ahnen\nund Glauben vertraulich machen.\nEndliches Wissen. Man übersieht. Man ordnet. Man betastet\nund begreift. Das ist das sachliche Wissen unserer Welt.\nAber der endliche, irdische Blick schweift doch ins unbegrenzte.\nDer Ahnungen voll. Nicht nurbis zu denUfern jenseitiger Länder.\nAuch bis ins Machtvollste des Unsichtbaren. .\nDieses Hinaus über den fernsten und Hinüber über den hellsten\nStern umfaßt das Endliche mit dem Unendlichen zugleich. Ist\nSehen der Welt und Ahnen derÜbergewalten.\nIdeen. Übermåchta Mächtiger als alle begriffenen und\ngedachten, endlichen Dinge. Die zeitlos en Sünder, an denen sich das\nkleine, einzelne Menschendasein zu seinem übermenschlichen Dasein\nentzündet. Die das enge, einzelne Menschenleben unentrinnbar vor-\nwårts treiben, und zwangsweise durchwirken und durchschütterm\nGeist und Wille des einzelnen Menschen ahnt jene Übermåchte\nZu Millionen und Milliarden sich ihnen willig neigend wiedie\nHalme einer Flur beim Sturme. « i\nDie Übermåchte durchbrausen ihn, Millionen und Milliarden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.3", "texte": "c Ganz jenseits seiner einzelnen, kleinen Geistgeburt. Reißen ihn\nfort, ganz unter Verleugnungen des engen Grundgesetzes seiner\nendlichen, einzelnen Natur, unter Verleugnung seiner irdischen\n;Selbstbehauptung. Treiben ihn zur Fron im Dienste nie begriffener,\nübermenschlicher Ziele-\nDer einzelne, enge Mensch fühlt, ahnt die Ideen. Betet sie\nan. Erschauert vor den Übermächtem Ahn: seinen kleinen Lebens-\nwillen und Lebenswahn ihnen ehern versklavt. Macht sie sich\nvertraulich in kindlichen Hoffnungen. Umgaukelt sie mit seiner bild-\nnerischen Einbildungskraft und seinen Ångstem Weil er in seiner\nEndlichkeit nur Mittel besitzt, sie zu benennen. Aber keine Macht,\nSinn und Sehnsüchte dieser Übermächte je auszuspüren oder auch\nnur zu begrenzen.\nAuch der Weltkrieg ist solche Idee. Solche Übermacht,\ndie seit unvordenklichen Zeiten die Völker auf der Erde in Bluts-\nwiderstreiten trennte.\nSolche Übermacht umwühlt heute wieder die Menschenwelc\nDurchschüttert und» durchgellt ihre engen, einzelnenGeistgeburten.\nDer Name Gottes schwirrt heut mehr. denn je unter uns in\nTden Lüften. Aus Mündern selbst, die sonst vor dem Worte Gottes\nzu große Ehrfurcht hatten, weil sie in diesem Zeichen nur das\ninnerste Welträtsel selber anstaunten. . ,\nWir alle fühlen, daß kein einzelner Menschenwille je stark\ngenug gewesen, unserer Zeit zu rufen. Die Zeit steht unter einer\nübermenschlichen Bestimmung. Es wäre auch für den mächtigsten\n«Mann eine zu hohe Ehre zu wähnen, daß er durch bösen Willen\ndiese eiserne Zeit aus sich und seinen Wünschen hervorgebracht.\nWer wollte abwägen, wie tief die Schuld wäre, wenn der Wille\ndes einzelnen vermocht hätte diese unbarmherzigen Blutfeste herauf\nzu beschwören. Es ist ein seltsames Unterfangen. Alle Gelb- und\nBlau- und Weißbücher, die nach subjektiver Reinigung drängen.\nAls wenn die Übermächte, die Ideen, die die Menschheit ehern\nvorwärts reißen, nicht im Menscheniblute unsichtbar angrifsem Ien-\ns eits aller Ration. Ienseits der kleinen, einzelnen Geistgeburt Ienseits\nalles irdisch-engen Menschenwillens, und aller Menschenvernunfu"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.4", "texte": "Der einzelne Mensch möchte immer das persönliche Übel ver-\nmeiden. Immer will der einzelne Lebendige leben. Selbstbehauptung\nist das eherneGesetz, das den einzelnen endlich bindet. So be-\nschränkt wandelt noch jeder einzelne Mensch seine irdische Bahn.\nDas Leben der Übermåchte verkettet uns willenlos in über-\nmenschliche, undurchschaubare Bestimmungen.\nAuch der Krieg ist eine ungebändigtq fessellose Idee. Ist\nsolche Übermacht, die uns auf den unsicheren Wogen des Unendlichen\nwiegt. Ferne am Horizonte die Fata Morganetz die wir uns fühlend,-\nahnend, gaukelnd, hoffend, glaubend geschaffem Ferne die neuen,\nlockenden Ufer. Ferne die leuchtenden Vaterlånder der Menschlichkeiu\n\nCarl Hauptmann"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.5", "texte": "F. A. Schmid=Noerr\nriedevoll bogst du mit gleitendem Fluß und dem Schwung\ndes Gebirges g\nSonst dich hinaus, wie mit offenen Lippen zum Kussq\ne mein Tal,\nGegen den westlichen Himmel gekehrt und das ebene Land,\nWo allabendlich stand und niederschwebte der Gral\nGöttlich und heiter verströmenden Lichtes.\nAch und geruhsam verstoss en uns, immer aufs Eigne gewandt,\nWolkige Tage; und Nächte in Mondglanz gelöst. Es empfahl\nIegliche Stunde uns Glücklichen sich so zu Tat oder Tand.\nDenn wie gesteigerte Gnade der Strom ist den Wellen des Flusses,\nsSo uns Menschen war Höhergang, Lust auch, das kindliche Floß\nMit bemasteten Schiffen zu tauschen und künftige Tat\nKühner zu wägen, ein Traum. Des Meeres gedachten wir bloß\nFern, da es fern ist, solange wir fließen. i ,\nAber wie jäh die Gemächlichen trafsl Denn der Ozean trat\nPlötzlich zu Füßen uns brüllend hervor; und besinnungslos\nSchoß sin den Tod, kataraktengejagy die berufene Saat.\nTäglich nun steht dir, entvölkertes Tal, am sinkenden Tage\nAhnungsschwer ein heroisches Abendrot dort, wo die Nacht\nDich zu verschließen sich eilt, die entmenschlichtr. Flammen des Kriegs,\nRinnendes Blut und rünstige Brandruinen der Schlacht\nGlühen in Wolken herauf und ragen\nStumm in entfremdetes Leben. Die Ferne sog Blut. Oder stiegs\nDünstend empor? All Abend kehrt wieder die düstere Pracht.\nManchmal staggt dann in ihr schwarz eine Fahne des Siegs."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.6", "texte": "Alle, welche dich suchen...\n\naus »Das Stundcnbuch« von Rainer Maria Rilke\nfür Gesang und kleines Orchester (4 stören, I Engl. H» I D-Klar., 2 Klar»\n2 Baß—Klar., 1Krr.-sag., l Harfe, S Solo-Vcll.,1Solo-Ktl«baß).««]\n\n*] Die Veròffentlichung erfolgt mit Zustimmung der Univers al-Edition A. S."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.9", "texte": "Arnold Schònberg\nOF. 22 Nr. 2."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.10", "texte": "Walther Zeymanm\ngefallen am 8. September bei Soissons\naschinen, der Zeit gerüstete Krieger\nheben die Hebel, bewegen die Räder,\nda» tritt sportlich im Panzer von Leder\nzum fegelbespanitten Vogel der Fliegerz\nUnd steigt in den Flugsitz, Gestampf der Motoren\nsingt und pufft ihm vom endlichen bezwungenen\nReich der wirbelnden Luft um die Ohren,\nmahlend drehn sich die herrlich geschwungenen\nPropeller zur Scheibe."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.12", "texte": "ie Verbindung von Krieg und Kunst ist ein Irrtum.\nKrieg ist Gefchehnis Kunst aber ist in irgend einer Form\nauf Zuståndliches gewiesen. Dies ist so wahr, daß das größte\nKriegsgedicht, die Jlias, das langsame Werk einer über Ge-\nschlechter ausgedehnten Kollektivpoesie wurde und die zuståndlich\nbreite Form des Epos erhielt. Krieg ist Bewegung. Kunst aber\ngeht in irgend einer Art notwendig darauf aus, Leben, wie immer es sei, als\netwas Landfchaftliches zu betrachten. Krieg übertäubt in feiner letzten Steige-\nrung jede Empfindung. Kunst besänftigt in ihrem pfychologischsten Augenblick\n—- und schließlich besteht sie nur aus psychologifchcn Augenblicken —- felbst das\nekstatifche Kraftgefühl zu andächtiger Jnnigkeit; der dionyfische Ausbruch zeugen-\nder Gewalt wird Stilleben und gestaltet sich, gestaltet die Welt in unerklär-\nlicher Ueberl)obenl)eit zu einem auf irgend eine Weife befonnenen Bild.\nWerden Krieg und Kunst in eine zu unmittelbare Verbindung gebracht,\nso werden sie polar. Sind sie in dieser Näl)e polar, weshalb drängt man sie?\nMan verbindet sie aus einer gewissen moralischen Schwäche oder Empfind-\nsamkeit, die indes sehr menfchlich ist.\nMan diente der Form. Sie diente wieder ihren Urhebern. Sie gedieh zu\neiner immer reineren Abstraktiom Alles was Substanz heißen konnte, blieb jen-\nseits: Religion, Politik, Philosophie, Leben überhaupt und felbst sichtbare Natur.\nDie Kunst vergeistigte sich zu einer restlos zweckfreien formalen Spekulation.\nDa rührte der Krieg furchtbar die inhaltlichsten Fragen auf. Es war\nnur natürlich, daß in dieser Erfchütterungjeder erschrocken feine persönlichen\nUeberlieferungen maß und es versuchte, diese Ueberlieferungen an dem neuen\nZustand des Lebens zu bewähren, den der Krieg brachte. Mit anderen Worten:\nauch der Künstler empfand nun die tiefe menschliche Verpflichtung zur Politik,\ndie er, namentlich wenn er ein Deutscher war, bis dahin in neunhundertneun-\nundneunzig Fällen von tausend felbstgefällig geleugnet hatte. Aber je rascher\ndiese empfundene Verpflichtung zur Politik sich nun-in dichtenden Bekenntnissen\näußerte, desto größere Verwirrung richtete sie gleichmäßig in der Kunst und\nin der Politik an, und innerhalb wie außerhalb der Mauern wurde damit\nmehr gefündigt als gefördert.\nl « Die Künstler hatten bis zum Augenblick keine politifcheTradition. Sie konnten\nalfo von dieser Seite aus nicht wissen, wie leicht Kunst und Krieg und Kunst und\nPolitik polar werden, wenn man sie zu unmittelbar aneinander annähert Die\nKünstler hatten jedoch künstlerische Ueberlieferungen. Von dieser Seite. mußten\nsie nun wissen, daß. das Verhältnis der Kunst zur Unmittelbarkeit des Erlebens\nein Verhältnis der Spannung ist und daß Spannung Abstand bedeutet. Doch\nsiehe: auch hier fehlte die Ueberlieferung ———- oder fie fetzte aus. Das ist menschlich.\nWie follte fie nicht vor der ungeheuren Gegenftändlichkeit des Kricgs verschwin-\nden und ihr Selbstbewußtsein verleugnen? Zuweilcn mochte sie indes auch bloß\ndeshalb verschwinden, weil sie nichts taugte —— vorher wie nachher."}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.13", "texte": "i Der Krieg bezwang den Künstler. Der Künstler aber suchte sich dem Krieg\ngleichzustellem Er suchte ihn zu bewältigen, indem er jähe Bekenntnisse sprach.\nZzie und da siel ein gutes Wort. Aber rasch enthüllte der Krieg auch manchen\nAnzweifelbaren und manchen Unkünstler, die zuvor als Künstler gegolten hatten.\nNicht oft bewährte sich ein Künstler durch die Beharrung eines auch gegen\nSchicksale gefeiten Forminstinkts Viele, denen ein Ruf vorausging, versanken\nin primitiver Stosslichkeitz die nicht nur schwach geformt, sondern auch sachlich\nschlecht begriffen war. Kunst war dem Krieg nicht gewachsen.\nAllein: der Mangel lag —- man muß gerecht sein ——- nicht immer in der\nUnsicherheit künstlerischer Eigenschaften; er lag in der sachlichen Unmöglichkeit\ndes so begreisiichen wie verkehrten Versuchs, Krieg und Kunst recht unmittel-\nbar aufeinander zurückzuführen. Kunstist Vegetation. Sie läßt sich nicht\nmanövrieren wie der übersichtliche Mechanismus einer Armee. Wer sie, sei die\nAbsicht noch so unbefangen, jählings auf ein Gegenständliches hindrängt, der\nschwächt sie um so sicherer, je gewaltiger dies Gegenständliche ist.\nDie Kunst war eine Cl)inoiserie geworden. Damit soll ihr nichts zuleide\ngesagt sein -——— im Gegenteil. Aber es ist sicher, daß eine Cl)inoiserie sich nicht\nvom letzten Tag des Juli auf den ersten August der zerschmetternden Gegen-\nständlichkeit des Kriegs anpassen läßt. Es ist klar, daß ihre Mittel weder\nsofort den Krieg formulieren noch auch ohne weiteres einfach aufhören können.\nSchlachtgesänge und Kriegsbilder bereicherten den politischen Zustand nicht,\nnoch siößten sie der Form im Ganzen neues XVesen ein. Im günstigen Fall\nschadeten sie weder der Politik noch der Kunst. Mit ihrem relativen Form«\nkonservatismus suchten sie der Krise der Kunst im Krieg einstweilen das Gleich-\ngewicht zu halten. Mehr konnte man im Grund nicht verlangen: denn es war\nschließlich so gut, als ob die Kunst getan hätte, was ihr im Krieg ——- gegenüber\nder maßlos en Gegenständlichkeit des Kriegs und gegenüber der selbstverständlichen\nFormalität der Kunst— am meisten ziemt: als hätte sie geschwiegen und sich\nin dieser unaussprechlich wirklichen Zeit mit Leben und Tod und allen konzen-\ntrierten Wirklichkeiten gesättigt, bis nach Jahren vielleicht die neue und große\nVerständigung der Form mit diesen eingelebten Wirklichkeiten möglich sein wird.\nAber es hatte keinen Sinn und weder politische noch künstlerische Würde, Kriegs-\nkünstler sein zu wollen und in Wahrheit nur geschwätzig zu sein.\nEs hatte freilich »auch keinen Sinn und keine Würde, sondern war im äußersten\nMaß hilflos, wenn Künstler, die das erkannten, den Krieg nun als einen Anti-\nchrist der Kunst anklagten und ihr Leben gegen das Ereignis des Kriegs in\neiner gewissen Verzweiflung abzuschließen suchten, als gäbe es heute überhaupt\neinengiltigen Gedanken, der gegen den Krieg aufkommen könnte, und als\nwären sie die Psieger dieses Gedankens.\nIn der Tat ist der Widerspruch zwischen Krieg und Kunst ja ausiösban\nEr ist aufzulösen, weil er -— von dem jetzt Entscheidenden, vom Krieg aus\ngesehen —- gleichgültig ist. . \""}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.14", "texte": "Die giltige Erfahrung ist jetzt der Krieg — ganz einerlei, wie wir ihn\nbeurteilen. Der Instinkt, der die Künstlerwie jeden auch nurdes leisesten\nkollektivistischen Gefühls fähigen Menschen antrieb, den Krieg auf irgend eine\n.Weise im Innersten zu verarbeiten, war richtig, obwohler auch beirrte. Die\nKünstler wurden vom politischen Zustand ergriffem und um so mehr, je ober-\nsiächlicher sie ihn früher geleugnet hatten. Das ist erfreulich. Nur sollten sie\n-- hier liegt die notwendige Unterscheidung -——— diesen Zustand nicht ohne weiteres\nmit den Mitteln der Kunst formuliert haben, sondern mit den Mitteln der\nPolitik. Sie sollten es gelernt haben, auf die bequeme Anziehung der ihnen\nzunächst liegenden Mittel zu verzichten, und sollten es versucht haben, die ihnen\nferner liegenden Mittel der politische-n Erfahrung zu ergreifen. Der Fehler\nlag in der allzu eilfertigen Schutzanpassung der Formmittel an den Krieg:\nbeispielsweise in der jähen Gewalttätigkeit der sonst so Gepsiegtem\nAber so billig ist das Leben nicht. In dieser Nähe sind Krieg und Kunst\npolar. Sie können nur allmählich und aus Entfernungen aufeinander bezogen\nwerden, nicht aber von gestern auf heute und in dem engen Raum eines sub-\njektiven Bewußtseins, das politisch traditionslos und leider auch zuweilen formal\nunzuverlässig ist. «\nDies ist das Elend, daß bisher geleugnet wurde, ein Mensch, der Künstler\nist, könne politisch sein. Aus diesem miserablen Dogmct spricht ein geradezu\nberufsmäßiges Verhältnis zur Kunst. Ist es berufsmäßig, so ist es banausisch —\nund zwar just als Verhältnis zur Kunst, nicht etwa bloß nach der Seite der\nPolitik. So nahmen wenigstens die Griechen diese Angelegenheit. Wir psiegen zu\nvergessen, daß in Athen die Kunst in ihrem edelsten Verhältnis ein Szepter des\nKrieges und der Politik war. Wir aber s ollen im Ernst für alle Zeiten so herab-\ngekommen sein, daß wir den Künstler für den Typus des absoluten Menschen, für\ndas köstliche Widerspiel des Banausen halten, weil er von Politik nichts versteht\nsund sich sogar einbildet, vom Gesellschaftlichen nicht einmal objektiv berührt\nzusein? Und wir sollen ihnsbewundern, wenn nun gerade er eines Tages dem\nEindruck des Krieges so wenig gewachsen ist, daß seine Kunst nahezu politisch-\ntendenziös wird? Denn sie wurde es trotz aller Verwahrungem das künstlerische\n-Kostüm deckt den freilich mageren politischen Willen nur dürftig.\nDie politische Absicht des sonst so reinen Künstlers vermischte den gegen-\nständlichen und den formalen Assekt mit erschreckender Möglichkeit. Dies war\n-wertlos gegenüber der Politik und wertlos gegenüber der. Kunst. Wohl aber\nkann der Künstler wie jeder wahrhaft Lebende in seinem einfachen menschlichen\nund ges ellschaftlichen Verhältnis den politischen Instinkt pflegen. Ist die beab-\nssichtigte Vermischung des politischen mit dem Künstlerischen in der Politik wie\nin der Kunst verhängnisvoll, so ist esgleichwohl das Gute, wenn ein stetiger\nReichtum des Menschen «—- auch ein politischer — mit Kraft-und Fülle den\nKünstler trägt, dem Kunst nichts ist als die erhabenste Resignation gegenüber\n»dem gesamten Leben. Er entmaterialisiert sein Leben. Er hebt esauchsüber"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.15", "texte": "die politische Substanz. Er hebt es —- wie die gotischen Meister —- über den\nInhalt seiner Religion, von dem er dennoch zehrt. Mit erhöhender Form dichtet\ner dann Zeichen seines menschlichen Reichtums, die von gewollter Beziehung\nfrei sind und dennoch sich aus diesem Reichtum nähren. So isti der zweite Teil\ndes Faust, der ein auch politisches Gedicht der Deutschen ist —- vielleicht das\nAequivalent des Kriegschaos der napoleonischen Epoche. i »\nDie Künstler sollen die relative Ausschließlichkeit der Politik begreifen. Das\nPolitische, der Krieg ist eine Sache, die ihre Logik in sich trägt und nicht durch\nseine dilettantische Romantik erworben wird. Zumal empfängt diese Sache ihre\nRechtfertigung niemals von einem ästhetischen Gesichtspunkt her. Es ist gegen-\nüber der Politik, dem Krieg und der Kunst gleich gewissensarm, sich diesen\nGesichtspunkt zu erlauben. Krieg und Kunst sind polar. »\nSind Krieg und Kunst polar, so darf der Krieg nicht die Sensation der\nKunst sein. Denn er muß für die Kunst durch den Menschen mehr sein als\nSensation. Er kann eine Grundlage sein. « i\n» Der Krieg soll es lehren, daß es dem Künstler ansteht, politisch zu sein\nund daß es ihm im Krieg eher geziemt, die Kunst als die Politikszzu vergessen.\nDas Politische des Künstlers aber kann nicht in der Kunst unmittelbar\nbewußt werden, sondern nur im gesellschaftlichen Dasein des Künstlers. Damit\nwird das polare Verhältnis zwischen Politik und Kunst und Krieg und Kunst\nproduktiv. ungestraft brach keiner die Achse, die den Künstler mit der Gesell-\nschaft verbindet. Ungestraft hat auch keiner die natürliche Länge dieser\nAchse verkürzt. i » f\n« Dieser Krieg bedeutet etwas und viel für die Kunst, weil er viel für\n»das Leben bedeutet. So bedeutete die Gewalt der Weltkriege, die vor hundert\nJahren waren, Entscheidendes für Gåricault und für Beethoven, für Goethe\nund für Kleist.\n\nWilhelm Hausenstein"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191504-02.1.16", "texte": "Inhalt des Heftes 11:\nMax Unold «— Origxzzolzfchnitt J Johannes Schlaf (Weimar) — Und\nwas wird nun kommen? J Otto Stoß! —- Das deutsche Angesicht J Anton\nWildgans —— Freiwillige J Rudolf Großmann —- Orig.-Steindruck J\nHans Carossa «— Der Himmel dröhnt von Tod . .. J Otto Hohlr —-\nOrig.-Steindruck J Max Brod ——- Die Schlacht J Robert Walser ——— Phan-\ntasieren J Nkargarete Susman —— Vom Krieg und von Gott J Werner\nSchmidt —- Orig.-Steindruck\n\nInhalt des Heftes12:\nRichard Schaukal —- Das Element J Franz Theodor Czokor -— Die Seuche J\nGottfried Költvel -— Abschied (An meinen Freund) J Karl Caspar —— Orig-\nSteindruck J Karl Scheffler —- Die Knospen J Adolf Schinneter —- Orig-\nSIeindruck J Erwin Metzner -—— Mobilmachung J Edwin Scharff — Orig-\nSteindruck J Rudolf Leonhard —-— Gewaltmarfch J Alfons Paquet —-\nDas tragische Zeitalter\n\nInhalt des Heftes 13:\nFranz Blei -— ,,scrap of paper« J Martin Zuber —-— Dem Fåhnrich W. St.\nins Stammbuch J Franz Reinhardt ——- OrigxGraphik J Gustav Landauer\n—- Aus unstillbarem Verlangen J Paul Zech —- Der Zzeldentod des Dichters\n(Dem Andenken Ernst Stadlers) J Richard Seewald —— Orig.-Steindruck J\nF. A. SchmidvNoerr --— Am Markte vorüber J Rudolf Großmann —-\nOriginabsteindruck\n\nHerausgegeben von Otto HaassHeye\nBerlin J Pariser Platz 7\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nFriedrich M. Huebner\nl. Pionier-Bataillon\nMünchen\nverantwortlich für die künstlerische Leitung » H\nO. Th. W. Stein\nMünchen J Gifelasta 15\nMit diefem Hefte legen die Herren Friedrich M. Hu ebner und O. Th. W. Stein\ndie redaktionelle Leitung des seitiEchos nieder, ab Heft 15 zeichnet allein ver-\nantwortlich Herr Otto Haas-Heye e\nFür unverlangte Einsendungen keine Gewähr.\nJn Gsterreich für die Redaktion verantwortlich Hugo 6eller, Wien, l,\nBauernmarkt 3 \" ."}]}