{"numero_id": "bm-bmtnabb-1915-05-01", "volume": "bmtnabb_1915-05_01", "ocr_sha256": "8236c42c5c4cab18513dd8c0cfb8581a3a81d6832fd0bb272b42a4ef361b7635", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1915/05_01/bmtnabb_1915-05_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1915/05_01/bmtnabb_1915-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1915-05-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-05_01#c001", "volume": "bmtnabb_1915-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "217", "page_fin": "219", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.2.1", "titre_corps": "Albert Weisgerber", "titre_sommaire": "Albert Weisgerber", "signature_source": "Wilhelm Zzauscnstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2836, "texte": "Albert Weisgerber\n\nm denizehnten Mai siel er« mit siebenunddreißig Jahren auf der\nErde des Landes, dem er sichals Künstler am meisten zu Dank\nverpsiichtet fühlte. Wer ihn im Feld gesehen hat; bekråftigt,\ndaß er ein vollkoinmener Soldat gewesen sei. n\nDie Briefe seiner Kaineradein überdie letzten Augenblicke seines\nLebens zeigen ihn, den Leutnant Weis gerbeekinit dem eisernen\nKreuz, als den furchtbar beispielgebendenFührer,szder s einer Kompagnie mit ge—\ns chwungenerWaffe —- der Art, die ihn! Zufall, Not, \"Wut und Verwirrung einer\nuns äglichen Sekundein die Hand s spielten-E voranstürmt Ein Brustschuß szverletzt\nihn schwer. Er sucht Deckung. Ein Ko pfsch ußetötegt ihn. So sah ein Mitkäinpfender\ndies Ende. Einanderer sah es anders. Aber alle sahen ihn vorn vor den übrigen.\n« Alles istgfür den, der ihnkannte,vorn eindringender Glaubhaftigkeit\nalles Tapfere, wie immer es gewesen sei, undalles Furchtbare. i i ,\ni Wer ihn auch bloß hier zu Lande in der rauhen Uniform des Infanteristen\nsah,öwar von der Erscheinung überzeugt. a « . \" «\nWir wissen nichts von Verhängnis. Es ist wohl«iRedensart, zusagen,\njedem geschehe, was ihm gemäß ist. Jinimetaphysischg erregten Augenblicken\nretten wir uns in solche Zielgläubigkeiy die das Schicksal von deniKnieen der\nGötter nimmt —— weil wir sonst, aus Mangel an jeder« Religion, verzweifelt:\nmüßten. Aber solche demütige und hochmütigeZuversicht trägt uns nicht iinmer.\nUnd dennoch: man bleibt versucht, zu glauben, daß Weisgerber als Soldat\nauf ein ursprüngliches Element seinesWesens zurückgeführt war —i—- seines\nWesens, das sich von bäuerlicher und bürgerlicher Kraft herleitete So über-\nzeugend sah er aus, als er Soldat war. »So überzeugendhat er nach den\nBriefen der Kaineraden geendet. « i i i i\nMan kann sich denken, daß ihm von jener nicht mehr benennbaren Höhe,\nzu der ihn die kühne Wollust des Kainpfs und des Soldatentods einporwarß\nselbst die heiße Begeisterung desKünstlers, deren er in der Einsamkeit des\nArbeitens fähig war wie nicht viele, lächerlichbedeutungslos erschien. Er schrieb\neinmal, er wolle es als das größte Glück seinesLebens betrachten, wenn er\nnoch einmal malendürfe Als man ihm in die Ruhestellung ein Kästchen mit\nWasserfarben schickte, fragte er ärgerlich, was man wohl glaube. Er gehörte\nnicht zu den einer leichten AnpassungfähigenKünstlersoldatem die draußen\nzeichnen und malen können. So bedingungslos war er Soldat geworden. »\nMan muß wohl fortfahren: so bedingungslos waret! Künstler geblieben.\nEins schloß das Andere aus. ööWar er, Soldat,so konnte er nicht Maler\nsein -— weil er im höchsten Sinn Malerwatn s . r e i\nDies ist die Erklärung: das Jllustrative fehlte ihm. So viel er illustriert\nhat, so wesensfremd war ihm im Grund das Flüssige der Talente ,- die jeder\nGelegenheit, auch der düstersten, eine mitlaufende Form zuentnehmen vermögen;"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3047, "texte": "Wenige haben ihn recht gekannt, so viele ihn liebten. Aber die einmal einen\nBlick in seine Seele taten, wissen, wie schwer, ja wie gottesfürchtig sie war und\nwie ganz sie sich auf Großes und Dauerndes gerichtet hielt, während der sicht-\nbare Mensch die alltäglichen und banalen Ausgelassenheiten einer sich zu sehr\nfühlenden und doch der künstlerischen Verpflichtung zu selten tief bewußten\nKunststadt mitmachte.\nAn dem trüben und kühlen Morgen, an dem uns die Nachricht von seinem\nTod vor den Kopf traf wie ein Hieb, gingen wir, des Wortes unfähig, in\nseinem Atelier umher. Der Hiinmel war wie im November. Jm fahlen Licht\nstanden schräg geschichtet und einzeln an Wänden und Stasseleien die Arbeiten\nder letzten Zeit: lauter Entwürfe, die mit großer Gesinnung beschwert sind.\nDinge voneiner feierlichem über Eklektisches hinauswachsenden Latinität der\nMalerei und der Form —- der Form überhaupt, denn so sehr sie gemalt sind, so\nunzureichend werden ihnen gegenüber Begriffe wie Malerei, weil sie, mißt man\nihren allzuleicht bloß technischen oder geschmäcklerischen Inhalt an dem Willen\ndieser Bilder, auf irgend eine Weise zu speziell und zu untergeordnet erscheinen.\nLatinität der Form «—- das Wort schiebt sich ein wie von ungefähr, aber\nes besagt Wesentliches.\nDem Toten war der einmal gewordene Krieg wie eine Herausforderung\njener körperlichen Rasse, die bei ihm so treff lich geraten war, und mit Selbst-\nverständlichkeit entäußerte er, der als Künstler in Paris das Wichtigste\nerfahren hatte, sich nicht etwa bloß alles empfindsamen Zzinschauens auf\nFranzösisches, sondern, da es um unvermeidliches ging, auch aller sentimen-\ntalen Zzemmungen und jeder unzeitgemäßen Friedfertigkeit des Gefühls. Der\nvergangene Sommer zerriß ihn: der Krieg sprengte den in Frankreich gewor-\ndenen Maler von dem deutschen Soldaten los und schleuderte den Künstler so\nweithin fort, daß nur der Soldat blieb. Diese Katastrophe schien dem Mann\nso natürlich, daß er nicht ein einziges Mal über sie klagte ———- vielleicht schon\ndeshalb, weil der Künstler Formgefühl für unvermeidliches besaß.\nAn dem Künstler hat dies Erlebnis nichts geändert. Er war, was er war.\nEr blieb, wie ihn Entwicklung, wie ihn zumal Paris gestaltet hatte.\nFür ihn wie für uns war es nie ein Zweifel, daß die französische Malerei\nsein tiefstes künstlerisches Gewissen geweckt und schließlich seine täglichen Maß-\nstäbe gegeben hat. Weisgerber ist ohne sein Verhältnis zu der Malerei, die\nsich etwa zwischen Manet und Cezanne vollzog, überhaupt nicht zu denken. XVas\ner der Stuckschule dankte,war das örtlich6erkömmliche. Man würde einigermaßen\nlästernx wollte man diesem Grtlichen den erhabenen Namen einer nationalen\ndeutschen Kunst gönnen. Wäre eine nationale Kunst von ausschließlichem Rang\nin den letzten Jahrzehnten überhaupt bei uns gewesen, so hätte vor allen anderen\njveisgerber sich von ihr halten lassen. Denn sein Zzerz schlug heimatwärts.\nAber sie war nicht bei uns, und darum mußte er die Ziele suchen, wo sie von\nder Gunst der Zeiten und der Umstände höher gesteckt waren."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3027, "texte": "Er wurde aber nicht ein manierierter Nachahmeu Er war so mit eigenen\nGaben gesättigt, daß er trotz Frankreich über sich und sein deutsches Naturell\nnicht hinauskommen konnte und nicht hinauszukommen brauchte. Seine Bilder\nbleiben sein Eigentum und damit das Eigentum seiner Nation.\nVielleicht, daß der weinfrohe Rheinpfälzer vor vielen der Rechte war,\nzwischen französischer Form und deutschem Jnstinkt eine Brücke zu schlagen.\n» Wir sprechen von französischer Malerei. Allein seltsam: was hat sie im\nGrund mit dem Frankreich des Augenblicks zu tun? merkwürdig, aber dringend\nist das Gefühl, daß auch diese Malerei nun Geschichte ist. Sie gehört einem\nvergangenen Frankreich an. Nicht erst der Krieg hat den Abschnitt gemacht.\nSchon in den letzten Jahren hatte diese Malerei den kostbaren Altersglanz\nder Klassik. Darum berührt der Krieg sie kaum.\nAuch das Atelier unseres Toten steht nun wie ein Torso aus der Ver-\ngangenheit Dies alles ist abgeschlossen.\nWas würde er getan haben, wenn er zurückgekommen wäre?\nSo sehr Soldat und Künstler geschieden waren, so sicher waren sie schließ-\nlich Seiten der nämlichen Persönlichkeit. Man kann denken, daß er eines\nTages wieder in dies Atelier getreten wäre, wie er es verließ, und daß er\nfortgemalt hätte, wie er zuletzt, noch einen Tag, bevor er ins Feld ging, begonnen\nhatte. Kann man es denken? Es wäre nicht minder möglich, daß auch der\nKünstler von nun ab geteilt gewesen wäre und daß er ganz Neues angefangen hätte.\nNicht etwa, weil wir um jeden Preis das Fremde liebten, wie gehässige\nDummheit oft schmähte, ehrten wir —- ehrte auch Weisgerber —- französische\nKunst, sondern weil wir von nationaler Kunst einen so hohen Begriff hatten,\ndaß uns die zeitgenössischen Formen, die daheim unter diesem erhabenen Namen\ngingen, unmöglich genügen konnten. So dachte Weisgerber, den keiner des Mangels\nan Nationalität bezichtigen könnte. Wenn er nun wiedergekehrt wäre und ein in\njedem materiellen und geistigen Sinn festeres Deutschland gefunden hätte, wäre\ndann nicht der Augenblick glaubhaft gewesen, in dem seine Kunst ein Ideal\nder völligen Freiheit und des unbedingten Arbeitens aus eigenstem Reichtum\ngesucht und erfüllt haben würde? Er verachtete von Herzen die malenden und\nkritisierenden Nutznießer der nationalen Konjunktur, die nicht ahnen, was Kunst ist.\nSeine letzten Briefe bezeugen es. Aber seine Hoffnung war die zwangloseVollendung\neiner Form, die der unwillkürliche Ausdruck eines reichen deutschen Daseins wäre.\nWir wissen kaum, was war. Viel weniger wissen wir, was geworden wäre.\nAber wenn wir nur einigermaßen recht vermuten, dann fiel dieser so\nkräftige wie geschmeidige Mann, dessen letztes Geheimnis —- trotz aller Ent-\ns chloisenheitz trotz aller Heiterkeit und trotz des Glücks, das ihn strahlend um-\ngab -—— ein tief sentimentales Lebensgefühl war, nicht nur im Krieg, sondern\ndann fiel er auch auf dem Plan der deutschen Kunst.\nBitterkeit erfüllt auf lange Zeit die Seele. Wir harren der Zukunft.\nImmer bewahren wir sein Gedächtnis.\n\nWilhelm Zzauscnstein"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-05-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-05_01#c004", "volume": "bmtnabb_1915-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "221", "page_fin": "222", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.2.3", "titre_corps": "n weitem Feld, bei Nacht, am· Rande der fremden i «", "titre_sommaire": "n weitem Feld, bei Nacht, am· Rande der fremden i «", "signature_source": "Hans Reisiger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1913, "texte": "n weitem Feld, bei Nacht, am· Rande der fremden i «\nVerssinsterten Stadt, woich geössneten Auges,\nNoch lebenden Herzens siehe, —- ah, wie hufchendes\nTraumlichtz,\nWie Finsternisse meines eigenen Auges\nKommt, Schatten, tausendfältig o hunderttausendfach,\nWirbelnd, schwimmend, stürzend, geschleppt, —-\nekonnnhkoinmtehereanl s e - i\nDuft von Sommergras kommt durch die nasse Winternacht, s » ·\nDrin liegt ihr blutig, hängt in den strahlenden Bäumen des heißen August;\nDörfer leuchten, von Blumen geschmückt, die ihr hinstürzend erdrückt.\nUm die bunten Bilder, wie ihr euch zieht und schlingt, ihrFlöre von Schatten,\nihr Schwärme Leichen. S S i l i s\nVom lichten Gehölz über lieblichen Hang hernieder,\nÜber den zernarbten Boden hin,\nWie hängt ihr grauenvoll,\nBesieckt die Erde. \"\nSümpfe und Seen blinken im Finstern. Heranl\nDampft mir herüber, Ersticktz Erfchlagene —-\nMit Qualgeschreh mit Gurgeln und Gebrüll —-\nVon Schmutz verklebte Zungen und Wunden, .\nGierig geöffneth o einst 6iInmel« und Licht anfchauende Augen.\nZersprengte Schatten! Von allen Zzöllenkräften der eigenen Künste zerfetztä\nHier sammelt euch, drängt euch wieder, schließt auf, nehmt Fühlung!\nIn Stacheldräl)ten Gehenkte, von Gifthauch Betäubte, von Gebläs en Zerf chmolzenez\nVon freiem Feld, aus toten Kellern herauf, aus lehmigen Gräben,\nAus dem Strudel der Flüsse und Kanäle, aus der glasigen, tonlosen Tiefe des\nWeltmeers, i\nHoch aus der Luft, durch die ihr, sifchenden Möven gleich, zackig herabstürzn\nVon entlegenen Wänden, wo ihr gefoltert hängt,\nAus der herbstdurchbrausten Ebene, wo ihr in freiem Tode, im Angriff getroffen,\nnoch stürinend starrt;\nAus Nacht und Morgengrau, aus Mittag und Nachmittag und Abend,\nAus Glut und Kälte, Not und singender Kameradschaftz\nVon Sonnenlicht umglänzt, von Schnee umflogen, « · »\nVon Feuern umbrannt, von den huschenden Riesenzeichen der Scheinwerfer\numzuckt, geblendet von dem Sternblitz der Raketen,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1052, "texte": "Umdunstet von dem freien« Geruch der Erde, von Schweiß und Rauch und\nLeichenhauch, vom Geruch des Todes und aufzuckender Liebesbrunst —-\nsüßlichetz dünner, wilder Dunst -—\nIhr Schönen einst, Jungen und Lebenden, gefchändete Schatten nun, aus\nTrümmern sich ringend —\nUnd doch fo stolz, aufwehend wie Geist und Gott:\nO weht, o steigt von sinsterer Erde auf! Zieht ins Unendliche!\nDa ihr so innig allem Graus und Lust, so innig dem heimatlosenszBereich euch\ndurchgeschmiegtz wo Leben und Tod verfchinilztz\nSo ängsten euch die Finsternisse des Weltalls nicht.\nSteigt auf! — O mir vorbei, der ich geössneten Augs hier stehe,\nEisige Schatten, der Nåsse der Winternacht vermischt,\nStreift meine Stirn und Brust! Kühlt mir, wie kalten Feldes Wind,\nKühlt mir die brennende Lust nach Reinheit und Leben, blutige Tote,\nverdunkelt, fremd geliebte Schatten, verschleiert mir das strahlende Bild,\nDas mir die Brust! mit Glanz der Erde anfüllt.\nUnd jetzt gleich Qualen aus finstern Brånden\nWålzt euch heran! Ich stehe euch zugewandt! Kommt über mich! !\n\nHans Reisiger"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-05-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-05_01#c006", "volume": "bmtnabb_1915-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "223", "page_fin": "224", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.2.4", "titre_corps": "as Mittelalter lebte rational und logisch, ging von", "titre_sommaire": "as Mittelalter lebte rational und logisch, ging von", "signature_source": "Franz Blei", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2146, "texte": "as Mittelalter lebte rational und logisch, ging von\neinem Bestimmten aus und kam zu einem Be-\nstimmtem von Gott zu Gott. Es gab ein Ge-\nmeinsames, Vereinigendes: den Glauben und die\nDoktrin. Die Menschen waren in einer Gemein-\nschaft verbunden. Unsere Zeit lebt besten Falles\npoetisierend und allogisch, geht von Nichts aus,\num zu Nichts zu kommen: von Meinung zu Meinung. Denn es\ngibt kein Gemeinsames, sondern nur Trennendes: Meinungen und\nVorurteile. Die heutigen Menschen find in einer Gesellschaft ge-\ntrennt. Heutige Meinungen sind taub gegeneinander und schweigen\nsich tot: das nennt man Würde. Oder sie sind taub gegeneinander\nund schreien sich an: das nennt man Polemik. Das einzigeWichtige\nfür eine Meinung ist eine gegnerische Meinung; ihre Existenzen\nbedingen einander; jede wünscht der andern längstes Leben um ihres\neigenen Lebens willen. Diesen um seiner selbst willen geführten Streit\nder Meinungen nennt man wissenschaftlich Evolutiom Man hat\nsich zwar auf kein Gegenwärtiges nicht nur nicht geeinigt, sondern\nerklärt, daß es ein Gegenwärtiges überhaupt nicht gebe, ist aber\ntrotzdem überzeugt, daß sich daraus was für die Zukunft ergeben\nwürde. Angst vor der Vergangenheit, die wie das böse Gewissen\nquält, Schauder vor der Gegenwart: die beiden hetzen in die Hoffnung\nauf die Zukunft, in die zu evoluieren man als einzigen Sinn gegen-\nwärtigen Lebens anspricht. In den Begriff der Evolution schließt\nsich der naturwissenschaftliche und falsche Begriff der Anpassung,\ndem alle, die vom Bösen dieser Zeit existieren, mit Eifer anhängen.\nDer natürlichen Entwicklung gelang es, sagen unsere Evolutionistem\ndie Blindschleiche durch Anpassung zu entwickeln; der sozialen Ero-\nlution wird es gelingen, daß sich der Minengräber an die Nacht\nder Kohlen »anpaßt« wie sich der plutokrat an die Börse angepaßt\nhat, wie sich der Perlenfischer an die Tiefsee angepaßt hat und zum\nTiefseetier werden wird. Der moderne ,,Triumph des Geistes über\ndie Materie« besteht darin, daß der Mensch die ihn an die Materie\nanpassendsten Fähigkeiten entwickelt hat und weiter entwickeln soll;\nmit dem Geist unterjocht der heutige Mensch seinen Geist; denn"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1985, "texte": "er kann auch mit der bosesteit Nutzung das ihmvon Gott ver-\nliehene Gutnicht ausschaltenz er kann es wohl teuflisch, aber nicht\nnichtigmachem . i : . »\nTVas istzu tun? Die gute Revolution ist zu tun, die aus dem\nseelischen Leben des einfachen bescheidenen Menschen herausstürzt\nals Gebet und .Gebot, Wuns ch und Begehr seines einfachen Lebens,\ndas ein Haus hat, ein Feld, einWeib und Kinderaus seinem Weibe.\n»Aber wiezwollen Siedamitz mitdiesensIdealen, die Tatsache des\nWeltverkehrs undides Girowesens aufrecht erhalten?« frägt der an\ndie Börse vollkominen;2lngepaßte. Darauf ich: Wenn sich der Welt-\nverkehr und das Girowesen nicht mit den elementaren Wünschen,\nja mit den Grundfunktionen unsererSeele verträgt, so spricht das\nnur gegen Weltverkehr und Girowesewnitht gegendie Seele. Unsere\nRevolution ist, daß sich Ihr Weltverkehr und Giro an unsere Seele\nanpaßt, wenn er schon sein zu müssen glaubt, nicht aber, daß wir\nunsere Seele an Ihr Zeug anpassen, mit dem Sie Ihren leeren\nTag füllen, weil Sie entseelt sind!\nWer die gute Revolution vollbringen wird? Die meisten\nMenschen sind bescheidene Leuteund werden darum von den un-\nbescheidenen überrannt und gouvemierc Aber vielleicht rückt der\nUmstand, daß in« diesem Augenblick der bescheidene gewöhnliche\nMensch so Ungewöhnliches tut wie sich für eine Ideelieber tot-\nschlagen zu lassen als gegen sie zu leben, vielleicht rückt dieser Um-\nstand den bescheidenen Menschen auch nachher näher, gefährlich\nnäher an den unbescheidenen Schwätzer und Regierer heran und\nzwingt ihn hinter die Front unseres bürgerlichen Lebens, vor der\ner mit seiner zitatenreichen Bildung und seiner Unmenschlithkeit\nherumgestikuliery daß die Bescheidenen ihn für den Führer halten,\nwo er nur ein Schellenschwinger ist. Diese bescheidenen Menschen\nsind unsere Hoffnung auf die gute Revolution. Denn sie werden\ndie einzig praktische Politik der Ideale treiben gegen die phan-\ntastische Politik des Giro, des Weltverkehrs und der Obligationen.\n\nFranz Blei"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-05-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-05_01#c008", "volume": "bmtnabb_1915-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "225", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.2.5", "titre_corps": "ch zürnte ihm: wie duldst Du diese Wut,", "titre_sommaire": "ch zürnte ihm: wie duldst Du diese Wut,", "signature_source": "Wolfgang Schumann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 519, "texte": "Wolfgang Schumann\nch zürnte ihm: wie duldst Du diese Wut,\nIm Wahn vergießend endlos edles -«Zlut?\nDu gabst den Sohn, der Liebe hold Gebot,\nEr starb für sie — die Menschen såen Tod.\nSie såen Tod, die Liebe welkt in Nacht,\nHerr, fordert’ ich, gebrauche Deine Macht!\nEr hob die Linke und sein Herz lag bloß,\nBlutoffen da, zerwühlt von Schwertes Stoß.\nMild auf mein Zürnen siel sein weher Blick\nUmfaßte wieder dann der Welt Geschick\nUnd laut auf schwoll der Welten Weheschreh\nIch sank ins Knie ———: verzeihe, Herr, verzeih!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-05-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-05_01#c011", "volume": "bmtnabb_1915-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "226", "page_fin": "226", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.2.6", "titre_corps": "lutüberkrustey erfroren, hungert-d, verloren", "titre_sommaire": "lutüberkrustey erfroren, hungert-d, verloren", "signature_source": "Hugo Sonnenschein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 337, "texte": "Hugo Sonnenschein\nlutüberkrustey erfroren, hungert-d, verloren\nliegt ein Soldat:\nsterbensqualerrufem wahngeboren\nhallt ein Choral\nmit gotterfüllter Gewalt\nin die Schlachten,\nund der Sohn des Menschen, der Geist ward, wallt,\nunverküitdetz spåtergründetz\ndurch das schreckliche umwehten,\nlichtwalltz\nverhallt, entschwindet. ,\nWohin, wohin?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-05-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-05_01#c014", "volume": "bmtnabb_1915-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "228", "page_fin": "232", "image_debut": 12, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.2.8", "titre_corps": "mmer steht vor jeder deutschen Seele noch jener Augenblick", "titre_sommaire": "mmer steht vor jeder deutschen Seele noch jener Augenblick", "signature_source": "Hermann Bahr", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3019, "texte": "mmer steht vor jeder deutschen Seele noch jener Augenblick\nder Mobilmachung. Alle nur mehr deutsch, die Schranken\nder Stände, Klassen, Bekenntnisse zerbrochen, Weltans\nfchauungen und Parteimeinungen verweht, Eigensucht er-\ntränkt in dem einen großen gemeinsamen Willen, alle Zwie-\ntracht ausgesöhnh alles Mißtrauen vergessen; ganz Deutsch-\nland ein einziger Herzschlag! Wollen wir uns aber jenes\ngewaltigen Augenblicks würdig zeigen und foll er uns nie\nmehr verloren gehen, dann müssen wir auch ernst machen damit: Keine Parteien\nmehr, nur noch deutsch! Dazu gehört ein Deutschtum, geräumig genug, daß\njeder Deutsche darin Platz hat, der mit seiner Kraft rein und treu der Nation\ndienen will. Deutsch darf an keine Grenzen mehr gebunden sein, weltweit muß\nes werden. Schon Hans Sachs hat ,,Kaiser« gereimt auf: ,,aller Welt gewal-\ntigen Durchreiser«; und so ein Weltenkaiserist der deutsche Geist immer gewesen.\nDaß er es bleiben kann, eben darum geht ja dieser Krieg. Der Feind will uns\nwieder in das alte Deutschland zurücktreibem wir aber wollen die Welt be-\nhaupten. Und wer uns da rät, den deutschen Geist abzusondern und einzuziehen,\nder, wie gut er es auch meine, hilft nur dem Feinde.\nWir erwarten alle von diesem Krieg, daß er Deutschland stark machen soll,\ngeistig, wirtschaftlich und politisch. Kraft setzt aber immer einen anderen vor-\naus, auf den sie angewendet werden soll, an dem sie sich erst zeigen kann. Ich\nkann nur stark sein, auf andere bezogen, an anderen gemessen. Ich bin erst\nstark, wenn andere da sind, Schwächere. Wenn wir von Macht träumen, auf\nMacht hoffen, um Macht ringen, so wird damit schon ein Gegenstand gefordert,\nan dem wir eben erst zu Mächtigen werden können. So darf man sagen, muß\nman sagen, daß nationale Macht durch ihren bloßen Begriff· schon Inter-\nnationalität verlangt. Ließe sich eine Welt völlig eingeschlossener und ab-\ngeschlossener Staaten denken, sohätte keiner von ihnen Macht. Macht entsteht\nerst, indem ein Staat sich irgendwie geistig, wirtschaftlich oder politisch über\neinen anderen erstreckt. Von einer Macht des deutschen Geistes können wir erst\nsprechen, wenn er Gelegenheit hat, sich andere Völker untertan zu machen; und\nebenso von unserer wirtschaftlichen, von unserer politischen Macht erst, wenn\nund je mehr andere Völker uns, gezwungen oder freiwillig, gehorchen. Nicht\netwa bloß aus Zzumanitäh nicht aus irgend einer Weltgesinnung, nicht aus\nMenschenliebe, sondern schon aus Selbstsucht, Eigennutz, ja Notdurft müssen\nwir darauf bestehen, von den andern Völkern nicht abgesperrt zu sein, sondern\nin sie zu dringen. Dieser Krieg ist entstanden durch die Feindschaft der anderen.\nEr wird für uns erst zu Ende sein mit dieser Feindschaft. Wir haben noch\nnicht gesiegt, wenn wir die Feinde besiegen. Wir werden erst gesiegt haben,\nwenn ihre Feindschaft besiegt ist. Das wäre der höchste Sinn dieses Krieges,\nunsere Feinde zu zwingen, daß sie zu Freunden werden. Würden wir, wenn\nauch mit siegreichen Waffen, dennoch schließlich auf uns zurückgewiesem so"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3133, "texte": "hätten wir verloren, denn was sollten wir miteiner Kraft, die wir nicht an-\nwenden könnten? Die wichtigste Provinz aber, die wir uns erobern können, ist die\ninternationale Stimmung: sie öffnet uns den Weg zur Weltherrschafu Nur siel\nWeltherrschaft ist ja nichts als Macht über die ,,internationale Stimmung«.\nMir ist auch gar nicht bang, denn ich meine nicht, daß uns das sehr schwer\nwerden wird, wenn wir es nur wollen. Dem Starken neigen sich unwillkürlich\nauch die Wiederstrebenden zu, Sieg tut Wunder und die Masse der Schwanken-\nden sucht ihren Vorteil immer an der Seite des Glücks. Man soll nicht den\nPropheten spielen, aber ich wagedoch vorauszu sagen: wir werden, wenn\nwir init den Waffen siegen, uns wundern, wie beliebt wir dann auf einmal\nin der ganzen Welt sind, was wir wahrhaftig niemals waren. Beliebt ist\nfreilich nech nicht geliebt. Belieb: ist, bei wem man seine» Vorteil zu finde»\nglaubt. Um dann mit der Zeit« vielleicht auch geliebt zu werden müßten wir\nihnen noch mehr bieten. « « - « i i\n« Die anderen werden gewiß bereit für uns fein. Aber die Gefahr ist, daß\nwir selber nicht bereit für sie sind. Der Augenblick der ungeheuren Besin-\nnung auf uns selbst, zu der uns der Krieg zwang, wird allen unvergeßlich\nbleiben. Wir fanden uns plötzlich ganz allein, da galt es zu zeigen, was wir\nwert sind, und wir-zeigten, daß wir ganz allein gegen die Welt stchen können.\nDieses Gefühl wird uns« nie verloren gehen. Wir sollten uns aber dochhüten,\nfalscheSchlüsse daraus zu ziehen. Es ist ein» herrliches Bewußtsein, keinen\nFreund zu brauchen. Daraus folgt aber doch nicht, daß man auf jeden Freund\nverzichten muß. Gerade wer keinen Freund braucht, wird desto leichter welche\nfinden. Und auch wer keinen braucht, kann ihn gebrauchen. Ie mächtiger wir\naus diesem Kriege hervorgehen, desto williger öffnet sich uns die Xvelt und\nwenn wir diese Gelegenheit nicht nützen, betrügen wir uns um den Genuß\nunserer Macht. Abgeschlossenvon den anderen in uns eingeschlossen, hätten\nwir von einer Macht nichts, an der wir ersticken müßten. Die einfachste Klug-\nheit, der eigene Vorteil, das Gebot der Notwendigkeit müssen einem siegenden\nVolke raten, die Verbindung mit den anderen zu suchen. Sieg erweitertein\nsiegendes Volk, treibt es über sich hinaus und öffnet es den anderen. Das ist\ndie natürliche Wirkung des Sieges, kein Volk kann ihr widerstehen, gar aber\ndas deutsche nicht, das sein Wesen verleugnet, wenn es sich absondert. Ich\nhätte das Gefühl, daß ein verschlossenes, in sich gekehrtes, eingezogenes Deutsch-\ntumundeutsch werden müßte. Deutsch war es von je, dem Wesen der anderen\nVölker offen zu stehen, es einzulassen und aufzunehmen, was auch nur der«\nDeutsche ungestraft kann, weil er allein, sich in seiner Eigenart so stark und\nsicher weiß, daß alles in seiner Hand, wie fremd es ihm auch sei, bloß dadurch\ndaß er es berührt, im Augenblick schon verwandelt ist« und sein Eigentum wird.\nDie ganze deutsche Baugeschichte besteht darin, daß lateinische Gedanken deut-\nfches Wesen annehmen. Und was machtdenn die Gewalt unserer deutschen\nMystiker aus, als daß in ihnen die römische Lehre plötzlich deutsche Augen"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3146, "texte": "aufschlägt? Und warum finden wir denn, von Dürer bis auf Mozart und\nGoethe, die deutschesten Deutschen immer auf demWeg nach Italien? Fast\nscheint es, als erwache der deutsche Geist zu sich selbst immer erst gereizt durch\nFremdes. Er braucht es, um daran erst, befremdet, gleichsam zu sich selber\naufgeregt, ja aufgeschreckt zu werden. Neugierig kommt er dem Fremden ent-\ngegen, ergibt sich ihm halb und in eben diesem Augenblick, wo er sich fast\nverloren glaubt, fühlt er sein eigenes Wesen mit einer Macht, die ihn selbst\nerstaunt, und wird, was er ist, nun selbst erst gewahr. Die größten deutschen\nTaten sind alle stets Antworten auf fremde Fragen gewesen.\nWenn wir nach dem Krieg daran gehen werden, uns innerlich wieder in\nOrdnung zu bringen, wird» mancher Begriff, mit dem wir bisher ausreichten,\nunbrauchbar geworden sein, wir werden ihn uns erst neu zurichten, wir werden\nüberall umlernen müssen. Alle können sich darauf berufen, daß sie nun ihre\nnationale Gesinnung bewiesen haben. Allen liegt daran, auch künftig in\nnationaler Gesinnung vereint zu bleiben. Das ist das Höchste, was uns dieser\nKrieg gebracht hat; wir wollen es uns erhalten. Da wird das aber eine\nnationale Gesinnung sein müssen, in der nun auch alle Platz haben. Jeder\nStand, jede Klasse, jeder Glaube, jede Weltanschauung, jede Partei muß\ndarin unterkommen können. Und nich; bloß die Deutschen selbst, sondern auch\njedes andere Volk, das deutschem Geiste gehorchen will. Wer willens ist, deut-\nscher Macht zu dienen, so gut er kann, muß uns willkommen sein. Wer bereit\nist, deutsch zu sein, muß es auf seine Art versuchen dürfen. Da wird sich un-\nwillkürlich der Begriff des Nationalen umbilden und ausdehnen müssen, des\nDeutschen Vaterland wird geistig größer sein, die deutsche Seele wird wachsen\nmüssen. Es ist ja nicht das erste Mal. Wie kleine Flügel hatte doch die deutsche\nHoffnung 18131 Wie bedächtigschritt noch 1870 die deutsche Zuversicht! Wer\nhätte damals einen Blick auf das Meer gewagt? Heute will er die Welt um-\nspannenl Der alte Begriff· des Nationalen ist zu klein geworden für den neuen\nnationalen Willen, er muß ihm nach, er muß fähig werden die Welt einzufassen\nDer Nationalstaat ist zu enge geworden für den deutschen Willen, ein Welt«\nreich braucht der deutsche Geist. So wird er sich aber auch eine Form schassen\nmüssen, weit genug, um eine Welt aufzunehmen. So paradox das klingen mag:\naus Nationalismus gerade wird der Deutsche, nicht international, aber über-\nnational werden müssen. Das ist das richtige Wort dafür: übernationall\nInternational, das war doch immer bloß ein behutsames Gegenüber, jetzt aber\nsollen unseres Geistes Adlerschwingen über einer deutschen Welt rauschenl\nManchem mag es schwer werden, sich vorzustellen, wie man es denn ans.\nfangen soll, ein echter Deutscher zu sein, also fest begrenzt, und doch aber über\ndiese Grenzen noch hinaus zu leben. Wer daran zweifelt und es für Gaukelei\nl)ält, vergißt, daß es in vielen längst Wirklichkeit ist. Wenn es möglich wäre\nGeister zu sezieren, der Geist eines stramm national gesinnten Unternehmers,\nGroßkaufmanns oder Bankdirektors würde heute die seltsamste Mischung zeigen."}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2694, "texte": "Er hat allen Grund stramm national zu sein, denn auf der deutschen Kraft\nruht sein Geschäft, je stärker Deutschland, desto reicher wird er, aber nur da-\ndurch, daß diese deutsche Kraft über die deutschen Grenzen geht: in irgend\neiner braven deutschen Stadt lebt er fortwährend über allen Meeren, er\narbeitet deutsch, aber in Japan und Afrika, von seinem Comptoir an der\nElbe aus. Uebersetzen wir das aus dem Geschäftlichen ins Politische, so haben\nwir die neue- geistige Form. Uebrigens haben wir sie ja längst: an jedem\ndeutschen Katholiken, der auch ganz unbewußt und ohne jede Schwierigkeit\nim deutschen Volk und doch über sein Volk hinauslebt, er gehört der deutschen\nNation und zugleich der katholischen Welt an. Ich kann mich dafür auf einen\nklassischen Zeugen berufen: Bismarcli Richter hatte (in der Sitzung vom\n21. April 1887) den Papst einen Ausländer genannt. Das mag er als Protestant\ntun, antwortete Bismarcls aber »wenn ich Katholik wäre, glaube ich nicht,\ndaß ich die Institution des papsttums als eine ausländische betrachten würde,\nund von meinem paritätischen Standpunkt, den ich als Vertreter der Regierung\ninnehalten muß, gebe ich das zu, daß das Papsttuin eine nicht bloß aus-\nländische, eine nicht bloß weltallgemeine ist, sondern weil sie eine weltallgemeine\nist, auch eine deutsche Institution für die deutschen Katholiken ist. Also auch\nda fällt Herr Richter durch das theologische Epamen.« Und er kam zum Schlusse\nseiner Rede noch einmal darauf zurück und wiederholte: »Wenn der Zzerr Vor-\nredner mir aufmerksam zugehört hätte, so würde er sehen, daß ich auch jetzt\nnoch als Protestant den Papst nicht als Jnländer bezeichne, daß aber für den\nKatholiken die päpstliche Institution ——— der papst kann ja im Auslande\ngeboren sein, ebenso wie der König von Rumänien, der auch ein Rumäne ist,\nobwohl er im Auslande geboren ist ———-, daß für den deutschen Katholiken die\nInstitution eine deutsche ist.« Diese Worte, damals kaum verstanden, sind des-\nhalb so merkwürdig, weil sie fast Unaussprechliche Tiefen und Weiten des\nNationalen zu berühren wagen. Das Nationale ist viel zu geheimnisvoll, um\nsich in irgend eine Vorschrift einengen zu lassen. Es entgeht jeder Desinition\nwie das Leben selbst und wie das Leben ist es ewig im Flusse, zerstört sich\nund erbaut sich wieder. Es schasst unablässig seine Formen um und unter\ndem alten Namen muß es sich stets erneuen. Nur wenn eine neue Epoche\nbeginnt, bemerken wir das, aber im Stillen geschieht es jeden Augenblick. Jetzt\nbeginnt eine neue Epoche, das Nationale verlangt eine neue Form: 1870 ist es\nreichsdeutsch geworden, jetzt wird es sich noch einmal ausstrecken müssen und\nnoch größer werden: weltdeutsch\n\nHermann Bahr"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.1", "texte": "Albert Weisgerber\n\nm denizehnten Mai siel er« mit siebenunddreißig Jahren auf der\nErde des Landes, dem er sichals Künstler am meisten zu Dank\nverpsiichtet fühlte. Wer ihn im Feld gesehen hat; bekråftigt,\ndaß er ein vollkoinmener Soldat gewesen sei. n\nDie Briefe seiner Kaineradein überdie letzten Augenblicke seines\nLebens zeigen ihn, den Leutnant Weis gerbeekinit dem eisernen\nKreuz, als den furchtbar beispielgebendenFührer,szder s einer Kompagnie mit ge—\ns chwungenerWaffe —- der Art, die ihn! Zufall, Not, \"Wut und Verwirrung einer\nuns äglichen Sekundein die Hand s spielten-E voranstürmt Ein Brustschuß szverletzt\nihn schwer. Er sucht Deckung. Ein Ko pfsch ußetötegt ihn. So sah ein Mitkäinpfender\ndies Ende. Einanderer sah es anders. Aber alle sahen ihn vorn vor den übrigen.\n« Alles istgfür den, der ihnkannte,vorn eindringender Glaubhaftigkeit\nalles Tapfere, wie immer es gewesen sei, undalles Furchtbare. i i ,\ni Wer ihn auch bloß hier zu Lande in der rauhen Uniform des Infanteristen\nsah,öwar von der Erscheinung überzeugt. a « . \" «\nWir wissen nichts von Verhängnis. Es ist wohl«iRedensart, zusagen,\njedem geschehe, was ihm gemäß ist. Jinimetaphysischg erregten Augenblicken\nretten wir uns in solche Zielgläubigkeiy die das Schicksal von deniKnieen der\nGötter nimmt —— weil wir sonst, aus Mangel an jeder« Religion, verzweifelt:\nmüßten. Aber solche demütige und hochmütigeZuversicht trägt uns nicht iinmer.\nUnd dennoch: man bleibt versucht, zu glauben, daß Weisgerber als Soldat\nauf ein ursprüngliches Element seinesWesens zurückgeführt war —i—- seines\nWesens, das sich von bäuerlicher und bürgerlicher Kraft herleitete So über-\nzeugend sah er aus, als er Soldat war. »So überzeugendhat er nach den\nBriefen der Kaineraden geendet. « i i i i\nMan kann sich denken, daß ihm von jener nicht mehr benennbaren Höhe,\nzu der ihn die kühne Wollust des Kainpfs und des Soldatentods einporwarß\nselbst die heiße Begeisterung desKünstlers, deren er in der Einsamkeit des\nArbeitens fähig war wie nicht viele, lächerlichbedeutungslos erschien. Er schrieb\neinmal, er wolle es als das größte Glück seinesLebens betrachten, wenn er\nnoch einmal malendürfe Als man ihm in die Ruhestellung ein Kästchen mit\nWasserfarben schickte, fragte er ärgerlich, was man wohl glaube. Er gehörte\nnicht zu den einer leichten AnpassungfähigenKünstlersoldatem die draußen\nzeichnen und malen können. So bedingungslos war er Soldat geworden. »\nMan muß wohl fortfahren: so bedingungslos waret! Künstler geblieben.\nEins schloß das Andere aus. ööWar er, Soldat,so konnte er nicht Maler\nsein -— weil er im höchsten Sinn Malerwatn s . r e i\nDies ist die Erklärung: das Jllustrative fehlte ihm. So viel er illustriert\nhat, so wesensfremd war ihm im Grund das Flüssige der Talente ,- die jeder\nGelegenheit, auch der düstersten, eine mitlaufende Form zuentnehmen vermögen;"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.2", "texte": "Wenige haben ihn recht gekannt, so viele ihn liebten. Aber die einmal einen\nBlick in seine Seele taten, wissen, wie schwer, ja wie gottesfürchtig sie war und\nwie ganz sie sich auf Großes und Dauerndes gerichtet hielt, während der sicht-\nbare Mensch die alltäglichen und banalen Ausgelassenheiten einer sich zu sehr\nfühlenden und doch der künstlerischen Verpflichtung zu selten tief bewußten\nKunststadt mitmachte.\nAn dem trüben und kühlen Morgen, an dem uns die Nachricht von seinem\nTod vor den Kopf traf wie ein Hieb, gingen wir, des Wortes unfähig, in\nseinem Atelier umher. Der Hiinmel war wie im November. Jm fahlen Licht\nstanden schräg geschichtet und einzeln an Wänden und Stasseleien die Arbeiten\nder letzten Zeit: lauter Entwürfe, die mit großer Gesinnung beschwert sind.\nDinge voneiner feierlichem über Eklektisches hinauswachsenden Latinität der\nMalerei und der Form —- der Form überhaupt, denn so sehr sie gemalt sind, so\nunzureichend werden ihnen gegenüber Begriffe wie Malerei, weil sie, mißt man\nihren allzuleicht bloß technischen oder geschmäcklerischen Inhalt an dem Willen\ndieser Bilder, auf irgend eine Weise zu speziell und zu untergeordnet erscheinen.\nLatinität der Form «—- das Wort schiebt sich ein wie von ungefähr, aber\nes besagt Wesentliches.\nDem Toten war der einmal gewordene Krieg wie eine Herausforderung\njener körperlichen Rasse, die bei ihm so treff lich geraten war, und mit Selbst-\nverständlichkeit entäußerte er, der als Künstler in Paris das Wichtigste\nerfahren hatte, sich nicht etwa bloß alles empfindsamen Zzinschauens auf\nFranzösisches, sondern, da es um unvermeidliches ging, auch aller sentimen-\ntalen Zzemmungen und jeder unzeitgemäßen Friedfertigkeit des Gefühls. Der\nvergangene Sommer zerriß ihn: der Krieg sprengte den in Frankreich gewor-\ndenen Maler von dem deutschen Soldaten los und schleuderte den Künstler so\nweithin fort, daß nur der Soldat blieb. Diese Katastrophe schien dem Mann\nso natürlich, daß er nicht ein einziges Mal über sie klagte ———- vielleicht schon\ndeshalb, weil der Künstler Formgefühl für unvermeidliches besaß.\nAn dem Künstler hat dies Erlebnis nichts geändert. Er war, was er war.\nEr blieb, wie ihn Entwicklung, wie ihn zumal Paris gestaltet hatte.\nFür ihn wie für uns war es nie ein Zweifel, daß die französische Malerei\nsein tiefstes künstlerisches Gewissen geweckt und schließlich seine täglichen Maß-\nstäbe gegeben hat. Weisgerber ist ohne sein Verhältnis zu der Malerei, die\nsich etwa zwischen Manet und Cezanne vollzog, überhaupt nicht zu denken. XVas\ner der Stuckschule dankte,war das örtlich6erkömmliche. Man würde einigermaßen\nlästernx wollte man diesem Grtlichen den erhabenen Namen einer nationalen\ndeutschen Kunst gönnen. Wäre eine nationale Kunst von ausschließlichem Rang\nin den letzten Jahrzehnten überhaupt bei uns gewesen, so hätte vor allen anderen\njveisgerber sich von ihr halten lassen. Denn sein Zzerz schlug heimatwärts.\nAber sie war nicht bei uns, und darum mußte er die Ziele suchen, wo sie von\nder Gunst der Zeiten und der Umstände höher gesteckt waren."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.3", "texte": "Er wurde aber nicht ein manierierter Nachahmeu Er war so mit eigenen\nGaben gesättigt, daß er trotz Frankreich über sich und sein deutsches Naturell\nnicht hinauskommen konnte und nicht hinauszukommen brauchte. Seine Bilder\nbleiben sein Eigentum und damit das Eigentum seiner Nation.\nVielleicht, daß der weinfrohe Rheinpfälzer vor vielen der Rechte war,\nzwischen französischer Form und deutschem Jnstinkt eine Brücke zu schlagen.\n» Wir sprechen von französischer Malerei. Allein seltsam: was hat sie im\nGrund mit dem Frankreich des Augenblicks zu tun? merkwürdig, aber dringend\nist das Gefühl, daß auch diese Malerei nun Geschichte ist. Sie gehört einem\nvergangenen Frankreich an. Nicht erst der Krieg hat den Abschnitt gemacht.\nSchon in den letzten Jahren hatte diese Malerei den kostbaren Altersglanz\nder Klassik. Darum berührt der Krieg sie kaum.\nAuch das Atelier unseres Toten steht nun wie ein Torso aus der Ver-\ngangenheit Dies alles ist abgeschlossen.\nWas würde er getan haben, wenn er zurückgekommen wäre?\nSo sehr Soldat und Künstler geschieden waren, so sicher waren sie schließ-\nlich Seiten der nämlichen Persönlichkeit. Man kann denken, daß er eines\nTages wieder in dies Atelier getreten wäre, wie er es verließ, und daß er\nfortgemalt hätte, wie er zuletzt, noch einen Tag, bevor er ins Feld ging, begonnen\nhatte. Kann man es denken? Es wäre nicht minder möglich, daß auch der\nKünstler von nun ab geteilt gewesen wäre und daß er ganz Neues angefangen hätte.\nNicht etwa, weil wir um jeden Preis das Fremde liebten, wie gehässige\nDummheit oft schmähte, ehrten wir —- ehrte auch Weisgerber —- französische\nKunst, sondern weil wir von nationaler Kunst einen so hohen Begriff hatten,\ndaß uns die zeitgenössischen Formen, die daheim unter diesem erhabenen Namen\ngingen, unmöglich genügen konnten. So dachte Weisgerber, den keiner des Mangels\nan Nationalität bezichtigen könnte. Wenn er nun wiedergekehrt wäre und ein in\njedem materiellen und geistigen Sinn festeres Deutschland gefunden hätte, wäre\ndann nicht der Augenblick glaubhaft gewesen, in dem seine Kunst ein Ideal\nder völligen Freiheit und des unbedingten Arbeitens aus eigenstem Reichtum\ngesucht und erfüllt haben würde? Er verachtete von Herzen die malenden und\nkritisierenden Nutznießer der nationalen Konjunktur, die nicht ahnen, was Kunst ist.\nSeine letzten Briefe bezeugen es. Aber seine Hoffnung war die zwangloseVollendung\neiner Form, die der unwillkürliche Ausdruck eines reichen deutschen Daseins wäre.\nWir wissen kaum, was war. Viel weniger wissen wir, was geworden wäre.\nAber wenn wir nur einigermaßen recht vermuten, dann fiel dieser so\nkräftige wie geschmeidige Mann, dessen letztes Geheimnis —- trotz aller Ent-\ns chloisenheitz trotz aller Heiterkeit und trotz des Glücks, das ihn strahlend um-\ngab -—— ein tief sentimentales Lebensgefühl war, nicht nur im Krieg, sondern\ndann fiel er auch auf dem Plan der deutschen Kunst.\nBitterkeit erfüllt auf lange Zeit die Seele. Wir harren der Zukunft.\nImmer bewahren wir sein Gedächtnis.\n\nWilhelm Zzauscnstein"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.5", "texte": "n weitem Feld, bei Nacht, am· Rande der fremden i «\nVerssinsterten Stadt, woich geössneten Auges,\nNoch lebenden Herzens siehe, —- ah, wie hufchendes\nTraumlichtz,\nWie Finsternisse meines eigenen Auges\nKommt, Schatten, tausendfältig o hunderttausendfach,\nWirbelnd, schwimmend, stürzend, geschleppt, —-\nekonnnhkoinmtehereanl s e - i\nDuft von Sommergras kommt durch die nasse Winternacht, s » ·\nDrin liegt ihr blutig, hängt in den strahlenden Bäumen des heißen August;\nDörfer leuchten, von Blumen geschmückt, die ihr hinstürzend erdrückt.\nUm die bunten Bilder, wie ihr euch zieht und schlingt, ihrFlöre von Schatten,\nihr Schwärme Leichen. S S i l i s\nVom lichten Gehölz über lieblichen Hang hernieder,\nÜber den zernarbten Boden hin,\nWie hängt ihr grauenvoll,\nBesieckt die Erde. \"\nSümpfe und Seen blinken im Finstern. Heranl\nDampft mir herüber, Ersticktz Erfchlagene —-\nMit Qualgeschreh mit Gurgeln und Gebrüll —-\nVon Schmutz verklebte Zungen und Wunden, .\nGierig geöffneth o einst 6iInmel« und Licht anfchauende Augen.\nZersprengte Schatten! Von allen Zzöllenkräften der eigenen Künste zerfetztä\nHier sammelt euch, drängt euch wieder, schließt auf, nehmt Fühlung!\nIn Stacheldräl)ten Gehenkte, von Gifthauch Betäubte, von Gebläs en Zerf chmolzenez\nVon freiem Feld, aus toten Kellern herauf, aus lehmigen Gräben,\nAus dem Strudel der Flüsse und Kanäle, aus der glasigen, tonlosen Tiefe des\nWeltmeers, i\nHoch aus der Luft, durch die ihr, sifchenden Möven gleich, zackig herabstürzn\nVon entlegenen Wänden, wo ihr gefoltert hängt,\nAus der herbstdurchbrausten Ebene, wo ihr in freiem Tode, im Angriff getroffen,\nnoch stürinend starrt;\nAus Nacht und Morgengrau, aus Mittag und Nachmittag und Abend,\nAus Glut und Kälte, Not und singender Kameradschaftz\nVon Sonnenlicht umglänzt, von Schnee umflogen, « · »\nVon Feuern umbrannt, von den huschenden Riesenzeichen der Scheinwerfer\numzuckt, geblendet von dem Sternblitz der Raketen,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.6", "texte": "Umdunstet von dem freien« Geruch der Erde, von Schweiß und Rauch und\nLeichenhauch, vom Geruch des Todes und aufzuckender Liebesbrunst —-\nsüßlichetz dünner, wilder Dunst -—\nIhr Schönen einst, Jungen und Lebenden, gefchändete Schatten nun, aus\nTrümmern sich ringend —\nUnd doch fo stolz, aufwehend wie Geist und Gott:\nO weht, o steigt von sinsterer Erde auf! Zieht ins Unendliche!\nDa ihr so innig allem Graus und Lust, so innig dem heimatlosenszBereich euch\ndurchgeschmiegtz wo Leben und Tod verfchinilztz\nSo ängsten euch die Finsternisse des Weltalls nicht.\nSteigt auf! — O mir vorbei, der ich geössneten Augs hier stehe,\nEisige Schatten, der Nåsse der Winternacht vermischt,\nStreift meine Stirn und Brust! Kühlt mir, wie kalten Feldes Wind,\nKühlt mir die brennende Lust nach Reinheit und Leben, blutige Tote,\nverdunkelt, fremd geliebte Schatten, verschleiert mir das strahlende Bild,\nDas mir die Brust! mit Glanz der Erde anfüllt.\nUnd jetzt gleich Qualen aus finstern Brånden\nWålzt euch heran! Ich stehe euch zugewandt! Kommt über mich! !\n\nHans Reisiger"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.7", "texte": "as Mittelalter lebte rational und logisch, ging von\neinem Bestimmten aus und kam zu einem Be-\nstimmtem von Gott zu Gott. Es gab ein Ge-\nmeinsames, Vereinigendes: den Glauben und die\nDoktrin. Die Menschen waren in einer Gemein-\nschaft verbunden. Unsere Zeit lebt besten Falles\npoetisierend und allogisch, geht von Nichts aus,\num zu Nichts zu kommen: von Meinung zu Meinung. Denn es\ngibt kein Gemeinsames, sondern nur Trennendes: Meinungen und\nVorurteile. Die heutigen Menschen find in einer Gesellschaft ge-\ntrennt. Heutige Meinungen sind taub gegeneinander und schweigen\nsich tot: das nennt man Würde. Oder sie sind taub gegeneinander\nund schreien sich an: das nennt man Polemik. Das einzigeWichtige\nfür eine Meinung ist eine gegnerische Meinung; ihre Existenzen\nbedingen einander; jede wünscht der andern längstes Leben um ihres\neigenen Lebens willen. Diesen um seiner selbst willen geführten Streit\nder Meinungen nennt man wissenschaftlich Evolutiom Man hat\nsich zwar auf kein Gegenwärtiges nicht nur nicht geeinigt, sondern\nerklärt, daß es ein Gegenwärtiges überhaupt nicht gebe, ist aber\ntrotzdem überzeugt, daß sich daraus was für die Zukunft ergeben\nwürde. Angst vor der Vergangenheit, die wie das böse Gewissen\nquält, Schauder vor der Gegenwart: die beiden hetzen in die Hoffnung\nauf die Zukunft, in die zu evoluieren man als einzigen Sinn gegen-\nwärtigen Lebens anspricht. In den Begriff der Evolution schließt\nsich der naturwissenschaftliche und falsche Begriff der Anpassung,\ndem alle, die vom Bösen dieser Zeit existieren, mit Eifer anhängen.\nDer natürlichen Entwicklung gelang es, sagen unsere Evolutionistem\ndie Blindschleiche durch Anpassung zu entwickeln; der sozialen Ero-\nlution wird es gelingen, daß sich der Minengräber an die Nacht\nder Kohlen »anpaßt« wie sich der plutokrat an die Börse angepaßt\nhat, wie sich der Perlenfischer an die Tiefsee angepaßt hat und zum\nTiefseetier werden wird. Der moderne ,,Triumph des Geistes über\ndie Materie« besteht darin, daß der Mensch die ihn an die Materie\nanpassendsten Fähigkeiten entwickelt hat und weiter entwickeln soll;\nmit dem Geist unterjocht der heutige Mensch seinen Geist; denn"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.8", "texte": "er kann auch mit der bosesteit Nutzung das ihmvon Gott ver-\nliehene Gutnicht ausschaltenz er kann es wohl teuflisch, aber nicht\nnichtigmachem . i : . »\nTVas istzu tun? Die gute Revolution ist zu tun, die aus dem\nseelischen Leben des einfachen bescheidenen Menschen herausstürzt\nals Gebet und .Gebot, Wuns ch und Begehr seines einfachen Lebens,\ndas ein Haus hat, ein Feld, einWeib und Kinderaus seinem Weibe.\n»Aber wiezwollen Siedamitz mitdiesensIdealen, die Tatsache des\nWeltverkehrs undides Girowesens aufrecht erhalten?« frägt der an\ndie Börse vollkominen;2lngepaßte. Darauf ich: Wenn sich der Welt-\nverkehr und das Girowesen nicht mit den elementaren Wünschen,\nja mit den Grundfunktionen unsererSeele verträgt, so spricht das\nnur gegen Weltverkehr und Girowesewnitht gegendie Seele. Unsere\nRevolution ist, daß sich Ihr Weltverkehr und Giro an unsere Seele\nanpaßt, wenn er schon sein zu müssen glaubt, nicht aber, daß wir\nunsere Seele an Ihr Zeug anpassen, mit dem Sie Ihren leeren\nTag füllen, weil Sie entseelt sind!\nWer die gute Revolution vollbringen wird? Die meisten\nMenschen sind bescheidene Leuteund werden darum von den un-\nbescheidenen überrannt und gouvemierc Aber vielleicht rückt der\nUmstand, daß in« diesem Augenblick der bescheidene gewöhnliche\nMensch so Ungewöhnliches tut wie sich für eine Ideelieber tot-\nschlagen zu lassen als gegen sie zu leben, vielleicht rückt dieser Um-\nstand den bescheidenen Menschen auch nachher näher, gefährlich\nnäher an den unbescheidenen Schwätzer und Regierer heran und\nzwingt ihn hinter die Front unseres bürgerlichen Lebens, vor der\ner mit seiner zitatenreichen Bildung und seiner Unmenschlithkeit\nherumgestikuliery daß die Bescheidenen ihn für den Führer halten,\nwo er nur ein Schellenschwinger ist. Diese bescheidenen Menschen\nsind unsere Hoffnung auf die gute Revolution. Denn sie werden\ndie einzig praktische Politik der Ideale treiben gegen die phan-\ntastische Politik des Giro, des Weltverkehrs und der Obligationen.\n\nFranz Blei"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.9", "texte": "Wolfgang Schumann\nch zürnte ihm: wie duldst Du diese Wut,\nIm Wahn vergießend endlos edles -«Zlut?\nDu gabst den Sohn, der Liebe hold Gebot,\nEr starb für sie — die Menschen såen Tod.\nSie såen Tod, die Liebe welkt in Nacht,\nHerr, fordert’ ich, gebrauche Deine Macht!\nEr hob die Linke und sein Herz lag bloß,\nBlutoffen da, zerwühlt von Schwertes Stoß.\nMild auf mein Zürnen siel sein weher Blick\nUmfaßte wieder dann der Welt Geschick\nUnd laut auf schwoll der Welten Weheschreh\nIch sank ins Knie ———: verzeihe, Herr, verzeih!"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.10", "texte": "Hugo Sonnenschein\nlutüberkrustey erfroren, hungert-d, verloren\nliegt ein Soldat:\nsterbensqualerrufem wahngeboren\nhallt ein Choral\nmit gotterfüllter Gewalt\nin die Schlachten,\nund der Sohn des Menschen, der Geist ward, wallt,\nunverküitdetz spåtergründetz\ndurch das schreckliche umwehten,\nlichtwalltz\nverhallt, entschwindet. ,\nWohin, wohin?"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.12", "texte": "mmer steht vor jeder deutschen Seele noch jener Augenblick\nder Mobilmachung. Alle nur mehr deutsch, die Schranken\nder Stände, Klassen, Bekenntnisse zerbrochen, Weltans\nfchauungen und Parteimeinungen verweht, Eigensucht er-\ntränkt in dem einen großen gemeinsamen Willen, alle Zwie-\ntracht ausgesöhnh alles Mißtrauen vergessen; ganz Deutsch-\nland ein einziger Herzschlag! Wollen wir uns aber jenes\ngewaltigen Augenblicks würdig zeigen und foll er uns nie\nmehr verloren gehen, dann müssen wir auch ernst machen damit: Keine Parteien\nmehr, nur noch deutsch! Dazu gehört ein Deutschtum, geräumig genug, daß\njeder Deutsche darin Platz hat, der mit seiner Kraft rein und treu der Nation\ndienen will. Deutsch darf an keine Grenzen mehr gebunden sein, weltweit muß\nes werden. Schon Hans Sachs hat ,,Kaiser« gereimt auf: ,,aller Welt gewal-\ntigen Durchreiser«; und so ein Weltenkaiserist der deutsche Geist immer gewesen.\nDaß er es bleiben kann, eben darum geht ja dieser Krieg. Der Feind will uns\nwieder in das alte Deutschland zurücktreibem wir aber wollen die Welt be-\nhaupten. Und wer uns da rät, den deutschen Geist abzusondern und einzuziehen,\nder, wie gut er es auch meine, hilft nur dem Feinde.\nWir erwarten alle von diesem Krieg, daß er Deutschland stark machen soll,\ngeistig, wirtschaftlich und politisch. Kraft setzt aber immer einen anderen vor-\naus, auf den sie angewendet werden soll, an dem sie sich erst zeigen kann. Ich\nkann nur stark sein, auf andere bezogen, an anderen gemessen. Ich bin erst\nstark, wenn andere da sind, Schwächere. Wenn wir von Macht träumen, auf\nMacht hoffen, um Macht ringen, so wird damit schon ein Gegenstand gefordert,\nan dem wir eben erst zu Mächtigen werden können. So darf man sagen, muß\nman sagen, daß nationale Macht durch ihren bloßen Begriff· schon Inter-\nnationalität verlangt. Ließe sich eine Welt völlig eingeschlossener und ab-\ngeschlossener Staaten denken, sohätte keiner von ihnen Macht. Macht entsteht\nerst, indem ein Staat sich irgendwie geistig, wirtschaftlich oder politisch über\neinen anderen erstreckt. Von einer Macht des deutschen Geistes können wir erst\nsprechen, wenn er Gelegenheit hat, sich andere Völker untertan zu machen; und\nebenso von unserer wirtschaftlichen, von unserer politischen Macht erst, wenn\nund je mehr andere Völker uns, gezwungen oder freiwillig, gehorchen. Nicht\netwa bloß aus Zzumanitäh nicht aus irgend einer Weltgesinnung, nicht aus\nMenschenliebe, sondern schon aus Selbstsucht, Eigennutz, ja Notdurft müssen\nwir darauf bestehen, von den andern Völkern nicht abgesperrt zu sein, sondern\nin sie zu dringen. Dieser Krieg ist entstanden durch die Feindschaft der anderen.\nEr wird für uns erst zu Ende sein mit dieser Feindschaft. Wir haben noch\nnicht gesiegt, wenn wir die Feinde besiegen. Wir werden erst gesiegt haben,\nwenn ihre Feindschaft besiegt ist. Das wäre der höchste Sinn dieses Krieges,\nunsere Feinde zu zwingen, daß sie zu Freunden werden. Würden wir, wenn\nauch mit siegreichen Waffen, dennoch schließlich auf uns zurückgewiesem so"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.13", "texte": "hätten wir verloren, denn was sollten wir miteiner Kraft, die wir nicht an-\nwenden könnten? Die wichtigste Provinz aber, die wir uns erobern können, ist die\ninternationale Stimmung: sie öffnet uns den Weg zur Weltherrschafu Nur siel\nWeltherrschaft ist ja nichts als Macht über die ,,internationale Stimmung«.\nMir ist auch gar nicht bang, denn ich meine nicht, daß uns das sehr schwer\nwerden wird, wenn wir es nur wollen. Dem Starken neigen sich unwillkürlich\nauch die Wiederstrebenden zu, Sieg tut Wunder und die Masse der Schwanken-\nden sucht ihren Vorteil immer an der Seite des Glücks. Man soll nicht den\nPropheten spielen, aber ich wagedoch vorauszu sagen: wir werden, wenn\nwir init den Waffen siegen, uns wundern, wie beliebt wir dann auf einmal\nin der ganzen Welt sind, was wir wahrhaftig niemals waren. Beliebt ist\nfreilich nech nicht geliebt. Belieb: ist, bei wem man seine» Vorteil zu finde»\nglaubt. Um dann mit der Zeit« vielleicht auch geliebt zu werden müßten wir\nihnen noch mehr bieten. « « - « i i\n« Die anderen werden gewiß bereit für uns fein. Aber die Gefahr ist, daß\nwir selber nicht bereit für sie sind. Der Augenblick der ungeheuren Besin-\nnung auf uns selbst, zu der uns der Krieg zwang, wird allen unvergeßlich\nbleiben. Wir fanden uns plötzlich ganz allein, da galt es zu zeigen, was wir\nwert sind, und wir-zeigten, daß wir ganz allein gegen die Welt stchen können.\nDieses Gefühl wird uns« nie verloren gehen. Wir sollten uns aber dochhüten,\nfalscheSchlüsse daraus zu ziehen. Es ist ein» herrliches Bewußtsein, keinen\nFreund zu brauchen. Daraus folgt aber doch nicht, daß man auf jeden Freund\nverzichten muß. Gerade wer keinen Freund braucht, wird desto leichter welche\nfinden. Und auch wer keinen braucht, kann ihn gebrauchen. Ie mächtiger wir\naus diesem Kriege hervorgehen, desto williger öffnet sich uns die Xvelt und\nwenn wir diese Gelegenheit nicht nützen, betrügen wir uns um den Genuß\nunserer Macht. Abgeschlossenvon den anderen in uns eingeschlossen, hätten\nwir von einer Macht nichts, an der wir ersticken müßten. Die einfachste Klug-\nheit, der eigene Vorteil, das Gebot der Notwendigkeit müssen einem siegenden\nVolke raten, die Verbindung mit den anderen zu suchen. Sieg erweitertein\nsiegendes Volk, treibt es über sich hinaus und öffnet es den anderen. Das ist\ndie natürliche Wirkung des Sieges, kein Volk kann ihr widerstehen, gar aber\ndas deutsche nicht, das sein Wesen verleugnet, wenn es sich absondert. Ich\nhätte das Gefühl, daß ein verschlossenes, in sich gekehrtes, eingezogenes Deutsch-\ntumundeutsch werden müßte. Deutsch war es von je, dem Wesen der anderen\nVölker offen zu stehen, es einzulassen und aufzunehmen, was auch nur der«\nDeutsche ungestraft kann, weil er allein, sich in seiner Eigenart so stark und\nsicher weiß, daß alles in seiner Hand, wie fremd es ihm auch sei, bloß dadurch\ndaß er es berührt, im Augenblick schon verwandelt ist« und sein Eigentum wird.\nDie ganze deutsche Baugeschichte besteht darin, daß lateinische Gedanken deut-\nfches Wesen annehmen. Und was machtdenn die Gewalt unserer deutschen\nMystiker aus, als daß in ihnen die römische Lehre plötzlich deutsche Augen"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.14", "texte": "aufschlägt? Und warum finden wir denn, von Dürer bis auf Mozart und\nGoethe, die deutschesten Deutschen immer auf demWeg nach Italien? Fast\nscheint es, als erwache der deutsche Geist zu sich selbst immer erst gereizt durch\nFremdes. Er braucht es, um daran erst, befremdet, gleichsam zu sich selber\naufgeregt, ja aufgeschreckt zu werden. Neugierig kommt er dem Fremden ent-\ngegen, ergibt sich ihm halb und in eben diesem Augenblick, wo er sich fast\nverloren glaubt, fühlt er sein eigenes Wesen mit einer Macht, die ihn selbst\nerstaunt, und wird, was er ist, nun selbst erst gewahr. Die größten deutschen\nTaten sind alle stets Antworten auf fremde Fragen gewesen.\nWenn wir nach dem Krieg daran gehen werden, uns innerlich wieder in\nOrdnung zu bringen, wird» mancher Begriff, mit dem wir bisher ausreichten,\nunbrauchbar geworden sein, wir werden ihn uns erst neu zurichten, wir werden\nüberall umlernen müssen. Alle können sich darauf berufen, daß sie nun ihre\nnationale Gesinnung bewiesen haben. Allen liegt daran, auch künftig in\nnationaler Gesinnung vereint zu bleiben. Das ist das Höchste, was uns dieser\nKrieg gebracht hat; wir wollen es uns erhalten. Da wird das aber eine\nnationale Gesinnung sein müssen, in der nun auch alle Platz haben. Jeder\nStand, jede Klasse, jeder Glaube, jede Weltanschauung, jede Partei muß\ndarin unterkommen können. Und nich; bloß die Deutschen selbst, sondern auch\njedes andere Volk, das deutschem Geiste gehorchen will. Wer willens ist, deut-\nscher Macht zu dienen, so gut er kann, muß uns willkommen sein. Wer bereit\nist, deutsch zu sein, muß es auf seine Art versuchen dürfen. Da wird sich un-\nwillkürlich der Begriff des Nationalen umbilden und ausdehnen müssen, des\nDeutschen Vaterland wird geistig größer sein, die deutsche Seele wird wachsen\nmüssen. Es ist ja nicht das erste Mal. Wie kleine Flügel hatte doch die deutsche\nHoffnung 18131 Wie bedächtigschritt noch 1870 die deutsche Zuversicht! Wer\nhätte damals einen Blick auf das Meer gewagt? Heute will er die Welt um-\nspannenl Der alte Begriff· des Nationalen ist zu klein geworden für den neuen\nnationalen Willen, er muß ihm nach, er muß fähig werden die Welt einzufassen\nDer Nationalstaat ist zu enge geworden für den deutschen Willen, ein Welt«\nreich braucht der deutsche Geist. So wird er sich aber auch eine Form schassen\nmüssen, weit genug, um eine Welt aufzunehmen. So paradox das klingen mag:\naus Nationalismus gerade wird der Deutsche, nicht international, aber über-\nnational werden müssen. Das ist das richtige Wort dafür: übernationall\nInternational, das war doch immer bloß ein behutsames Gegenüber, jetzt aber\nsollen unseres Geistes Adlerschwingen über einer deutschen Welt rauschenl\nManchem mag es schwer werden, sich vorzustellen, wie man es denn ans.\nfangen soll, ein echter Deutscher zu sein, also fest begrenzt, und doch aber über\ndiese Grenzen noch hinaus zu leben. Wer daran zweifelt und es für Gaukelei\nl)ält, vergißt, daß es in vielen längst Wirklichkeit ist. Wenn es möglich wäre\nGeister zu sezieren, der Geist eines stramm national gesinnten Unternehmers,\nGroßkaufmanns oder Bankdirektors würde heute die seltsamste Mischung zeigen."}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191505-01.1.16", "texte": "Er hat allen Grund stramm national zu sein, denn auf der deutschen Kraft\nruht sein Geschäft, je stärker Deutschland, desto reicher wird er, aber nur da-\ndurch, daß diese deutsche Kraft über die deutschen Grenzen geht: in irgend\neiner braven deutschen Stadt lebt er fortwährend über allen Meeren, er\narbeitet deutsch, aber in Japan und Afrika, von seinem Comptoir an der\nElbe aus. Uebersetzen wir das aus dem Geschäftlichen ins Politische, so haben\nwir die neue- geistige Form. Uebrigens haben wir sie ja längst: an jedem\ndeutschen Katholiken, der auch ganz unbewußt und ohne jede Schwierigkeit\nim deutschen Volk und doch über sein Volk hinauslebt, er gehört der deutschen\nNation und zugleich der katholischen Welt an. Ich kann mich dafür auf einen\nklassischen Zeugen berufen: Bismarcli Richter hatte (in der Sitzung vom\n21. April 1887) den Papst einen Ausländer genannt. Das mag er als Protestant\ntun, antwortete Bismarcls aber »wenn ich Katholik wäre, glaube ich nicht,\ndaß ich die Institution des papsttums als eine ausländische betrachten würde,\nund von meinem paritätischen Standpunkt, den ich als Vertreter der Regierung\ninnehalten muß, gebe ich das zu, daß das Papsttuin eine nicht bloß aus-\nländische, eine nicht bloß weltallgemeine ist, sondern weil sie eine weltallgemeine\nist, auch eine deutsche Institution für die deutschen Katholiken ist. Also auch\nda fällt Herr Richter durch das theologische Epamen.« Und er kam zum Schlusse\nseiner Rede noch einmal darauf zurück und wiederholte: »Wenn der Zzerr Vor-\nredner mir aufmerksam zugehört hätte, so würde er sehen, daß ich auch jetzt\nnoch als Protestant den Papst nicht als Jnländer bezeichne, daß aber für den\nKatholiken die päpstliche Institution ——— der papst kann ja im Auslande\ngeboren sein, ebenso wie der König von Rumänien, der auch ein Rumäne ist,\nobwohl er im Auslande geboren ist ———-, daß für den deutschen Katholiken die\nInstitution eine deutsche ist.« Diese Worte, damals kaum verstanden, sind des-\nhalb so merkwürdig, weil sie fast Unaussprechliche Tiefen und Weiten des\nNationalen zu berühren wagen. Das Nationale ist viel zu geheimnisvoll, um\nsich in irgend eine Vorschrift einengen zu lassen. Es entgeht jeder Desinition\nwie das Leben selbst und wie das Leben ist es ewig im Flusse, zerstört sich\nund erbaut sich wieder. Es schasst unablässig seine Formen um und unter\ndem alten Namen muß es sich stets erneuen. Nur wenn eine neue Epoche\nbeginnt, bemerken wir das, aber im Stillen geschieht es jeden Augenblick. Jetzt\nbeginnt eine neue Epoche, das Nationale verlangt eine neue Form: 1870 ist es\nreichsdeutsch geworden, jetzt wird es sich noch einmal ausstrecken müssen und\nnoch größer werden: weltdeutsch\n\nHermann Bahr\n\nHerausgeber und verantwortlich für die Redaktion\nOtto Haas-Heye\nBerlin J Pariser Platz 7\nFür unverlmtgte Einfendungen keine Gewähr.\nIn Gsterreich für die Redaktion verantwortlich Hugo Helley Wien, l,\nBauernmarkt 3"}]}