{"numero_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_sha256": "e86d1a4cfd616ad747d7444cb9e3a2a3e231affcd8b1af21ef7e429cc55bfdea", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1915/09_01/bmtnabb_1915-09_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1915/09_01/bmtnabb_1915-09_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c002", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "346", "page_fin": "346", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.2", "titre_corps": "laubt nicht, die Schlacht am Birkenbalum", "titre_sommaire": "laubt nicht, die Schlacht am Birkenbalum", "signature_source": "Erich mùhsam", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 838, "texte": "Erich mùhsam\nlaubt nicht, die Schlacht am Birkenbalum\nsei nur ein Traum.\nSie wird geschlagen werden.\nSchon lernt die ersten Schritte gehn,\nder sie wird sehn\nals Åltester auf Erden.\nGlaub: nicht, am Birkenbaiim die Schlacht\nwerd’ über Nacht\naus Völkerhaß geboren. i\nAus gleichem Volk bekämpft das Heer\nder alten Wehr\ndie Schar, die sich verschworen.\nUnd ist die tapfre Schar besiegt, -——\ngleichwohh so fliegt\nvon ihrem Geist ein Funke\nhinüber in der Feinde Reihn,\nund alle werden Brüder sein,\ngelabt vom selben Tranke.\nDie Sieger als Besiegte dann\nziehn Mann für Nkann\nzum Hungervolk die Satten,\nBefreiung feiernd von der Not\nbei Wein und Brot\nunter der Birke Schatten .\nGlaubt nicht, die Schlacht am Birkenbauisi\nsei nur ein Traum\nund eines Wahns Gebilde.\nDer schönste Sieg ist nicht mehr fern,\nda ohne Herrn\nRecht wird erstehn und Niilde"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c003", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "347", "page_fin": "347", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.3", "titre_corps": "ei) kam aus lauter Liebe in die", "titre_sommaire": "ei) kam aus lauter Liebe in die", "signature_source": "Klabund", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 430, "texte": "Klabund\nei) kam aus lauter Liebe in die\nWelt.\nNun weiß ich nichts als Kolblem\n« Schuß und Stich.\nIch wäre gern, wo man sich auch gefällt.\nEin Fisch, der blinkend aus dem Wasser schnellt.\nEin Mädchen, das zum schlanken Jüngling schlich.\nO diese Müdigkeit der tapfren Glieder!\nDer achtzehn Jahre sieberndes Allein!\nWär einmal ich bei meiner Schwester wieder,\nDich, kniete zwischen ihren Händen nieder\nUnd würde nur noch Bruder sein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c005", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "347", "page_fin": "347", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.4", "titre_corps": "un Glanz! Verrortetes Gestirn der Nacht,", "titre_sommaire": "un Glanz! Verrortetes Gestirn der Nacht,", "signature_source": "Klabund", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.3", "debut_caractere": 432, "fin_caractere_exclue": 783, "texte": "Klabund\nun Glanz! Verrortetes Gestirn der Nacht,\nWie Bajonett «in unsre Stirn gesenkt!\nGeschwirr, das Träne gold am Lidrand\n« hängt —-\nSei, dunkler Tråumety stürmend auf der Wachtl\nDer Tag ist nicht mehr fern. Ein Wipfel regt\nSich schon zum rosenroten Firmamentz\nWie eine Vogelscheuche stelzt der Tag —— und schlägt\nDen Mantel blau um unser Regimenc e"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c007", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "348", "page_fin": "349", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.5", "titre_corps": "ir waren schon zwei Tage in Brügge und noch immer", "titre_sommaire": "ir waren schon zwei Tage in Brügge und noch immer", "signature_source": "Paul Zech z. Z. im Felde", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2733, "texte": "ir waren schon zwei Tage in Brügge und noch immer\ndonnerte der graue Riesenzug frischformierter Truppen\nunter unseren Fenstern am Sankt Atmen-Ufer vorüber.\nDie Erscheinung der ersten Bataillone war noch wie ein\nleichter grauer Nebel, der die Konturen der Häuser dun-\nkelte, unsere Gesichtsnerveii reizte. Nach zwanzig, dreißig\nMinuten aber hatten wir die Einpsindunw Hügel drückten,\nrückten mit der Wucht schrosser Felsblöcke um unsere\nWinzigkeit zusammen. Zogen den massiven Ring enger und enger und schnitten\nden Atem weg. Wolkten Unsiehtbarkeiten in die Augen und lähmten den\nSpringpuls des Blutes. Es war, als würden unsere Körper gehoben, aus\nden Fenstern drohend in einen unsichtbaren Wirbel hineingezogen Es verschlug\nnichts, daß ein Mars chlied aus den Tausenden von Kehlen klang. Melodiennetze\nweit ausspannte, drin sich der 1Vind, das Rieseln der Regenröhrem die dusnpfen\nGlockenintervalle von der Liebfrauenz Salvator- und Jakobskirche hemmungslos\nverfingen Was tät’s, daß die Nacht mit den feuchten schwarzen Bahrtücherki\nden Zziinmelsbogeii über den Zzäusern auslöschte. Die Straße schien zu wan-\ndern, wanderte wie das endlose Band eines Paternosterwerkes Aber es ivar\nnoch etwas. Es war ein Geruch da, den wir vorher nie empfunden hatten.\nVielleicht nie im Leben geschmeckt hatten. Nie in den großen Fellfpeicherir\nAntwerpens, in den Gerbereien an der Schelde, in den riesenhaften Sälen der\nSchuhfabriken Maastrichts Und doch war es der Geruch des Leders, der\nStiefel, die mit heißer Kraft die kantigest Steine wie Nägel in das Bett der\nStraße schlugen. »\nUnd was kann einem nicht alles der Mond sein, wenn er über die zackigeke\nGiebel reitet, die Vielfältigkeit der Architekturenvereinfachy das spülende\nGeräusch eines langsamer: uralten Wassers durch das Lzinaushorchende der\noskenen Fenster schlägt: Hier aber hing er kalt und unfeierlich in einem gelben\nGehügel von Wolken und runden Schornsteinem\nDas rhythmische Geschmetter der Marschtritte tönte hinauf bis zu seiner\nunkriegerischen Welt und zwang ihn aus dem verwunschenen Dasein in seine\nharte Helle: Stern.\nUnd als der Morgen ausging, war es keiner, der das Gold aus den\nFenstern in funkelnden Blöcken häimnertez keiner, der lange Schnüre von\n0palen, Korallen durch den Blau-Grund der Kanäle zog; keiner, der geschäftlich\ndurch die Milchwagen schelltez keiner, der der Amsel mit hellem Geschmetter\ndurch die Kehle spritzte.\nEs war eine Kette von Frauenhaar vor den Fenstern gespannt, ein Rudel\nvon Köpfen, die, kaum in die wieder sichtbar gewordene Erscheinung der Truppen\ngerückt, von Neuem überwältigt wurde.\nEin Gedanke zerpsiückte alle Geh-irrte: wessen Art ist der Meister, der\ndieses Gebilde erschaffen hatte, es wie ein Instrument meisten? Wo noch auf"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2059, "texte": "Erden wühlt der Orkan, diese Wassengewalt zu splittern, diesen stählernen\nStrom zu dåmmen?\nAls wir am dritten Tage vom Burgplatz durch den graublauen Bogen\nder Stadtkanzlei gingen, sahen wir auf dem Fischmarkt Ansammlungen von\njklenschem die, aus der Betäubung wieder erwacht, auf den Urzustand jenes\nwütenden Zzasses angelangt waren, der vor keiner Kugel, keinem Gehångtwerden\nzurückschreckta Es waren ausgepreßte Früchte von Menschen, die das Schicksal\nin den Schmutz der unteren Hafen geworfen hatte. Das Kainsmal hing ihnen\nin wüstverstråhiiten Haaren von den Stirnen herab. Mit der fürchterlichen\nZerlumptheit ihres Daseins klebten sie an den Bogengangen der Brücken, an\nden Laternen, an der schreienden ossenen Wand einer Schenke.\nDas weiße Licht des Tages nahm ihnen jede Maske. Sie fühlten das\nZzaltlose und Schorsige ihrer Epistenz und stellten das mit den Verzückungen\nvon Flagellanten breit in die erschreckten Mienen der Vorübergehenden. Die\nNacht aber kam zu ihnen wie ein Engel und stårkte sie; entzündete ihre Lüfte,\ngoß die Bitterkeiten aller Erden in ihr Blut und machte es rasen.\nEs war in den zwei letzten Wochen keine Nacht vergangen, die nicht das\nLeben eines preußischen Wachtpostens gefordert hatte. Man hatte sie gefunden,\nbårtige Landwehrniånner aus den Dörfern des Sauerlandes, den breiten Hecht-\nling bis zum Zzeft im Genick.\nDie Bürger und Geiseln der Stadt aber zitterten für ihre Zzallen mit\ndem Belfried, für das Johannishospital und den uralten moosgrünen Schlaf\nder Kanåle Fürchtetem daß die rote Glutfahne der Rache über das wunder-\nvolle Gegiebel knallen würde. i\nIn den Spiegeln ihrer Augen nistete die Angst, auf ihren Lippen stand\ndas grausige Getöse, das von Ypcrn herüberschalltr. Ihr ganzes Dasein siutete\nauf und nieder im Spiel des Gehirns: Nicht wissen, welche die nächste Stunde\ntvird, die graue, die sie heute zu sich herdachten, oder die andere, die helle, die\nvielleicht noch aus ihnen herausfiel vor ihrem nächsten Schritt. sz\nDie ganze Stadt war wie ein Gehn zu unerwünschten Zielen.\n\nPaul Zech\nz. Z. im Felde"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c010", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "351", "page_fin": "352", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.7", "titre_corps": "»Dunkel ist es in ineiner Hütte, i", "titre_sommaire": "»Dunkel ist es in ineiner Hütte, i", "signature_source": "Berta Last", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 778, "texte": "»Dunkel ist es in ineiner Hütte, i\nUnd das Schwesierchen weint,\nUnd niemand ist bei uns.\nAuf meines Vater Acker wächst\nGiftiges Kraut,\nUnd nach Brot ruft die Kleine.\nSage mir, Ohm, wo blieb mein Vater?«\n,,Weit, weit, mein Kind,\nWo die Blumen nicht blühn\nUnd die Bäume nicht wachsen,\nWo die Sonne kalt scheint\nUnd Eis und Stein stumm die Erde decken,\nLiegt im harten Boden dein Vater.\nSeine Ketten klirren im Sarg«\n,,Niemand ist bei uns, Ohm.\nSage, wo blieb mein Bruder?«\n,,Weit, weit, mein Kind,\nWo auf’s weite Meer . »\nGrell die Sonne scheint\nUnd die trübe Flut\nGelb von Glut und Schlamm,\nLiegt tief unten, tief\nIn dem gelben Schlamm\nDein Bruder« «\n»Niemand ist bei uns, Ghin.\nSage, wo blieb der Knabe,\nDer mit mir gespielt,\nDer sein Schätzchen mich\nUnd sein Tåubchen nannte I«"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 625, "texte": ",,Weit, weit, mein Kind,\nIn der Stadt von Stein,\nWo der Nebel Markt,\nWo der Kaiser wohnt,\nLiegt mit klassendem Kopf am Straßentand\nDei« Knabe«\n»Niemand ist bei uns, Ghin.\nSage, wo blieb meine Mutter?«\n,,Wo die Steppe grenzt an den Hkittenkteis\nUnd die Fichte steht mit dein breiten Ast,\nLiegt ailein im Grabe\nDein Müttetleiii\nSeit sie seibst den SttiE\nUm den Haig sich schlattgxf\n,,Niemand ist bei uns, Ghin,\nKein Brot in der Härte«\n»Warst, wart, mein Kind,\nWatte nur, stiIL\nEi« konnnt schon«\n»Auf wen soii ich ernsten, Ohne?\nWeis konnnt zu mit« ?« -\n»Der Tod, mein Kind, -—- , »\nDer Tod, hmein Kind, «—\nDei« Tod»\n\nBerta Last"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c011", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "353", "page_fin": "354", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.8", "titre_corps": "ch las heute, General French werde König Albert in", "titre_sommaire": "ch las heute, General French werde König Albert in", "signature_source": "Otto Flafe", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "353", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2821, "texte": "ch las heute, General French werde König Albert in\nVeurne besuchen, und vielleicht werde auch Präsident\nPoincarå in dieser äußersten Ecke Flanderns eintreffen.\nDiese Notiz interessiert mich, und ich halte es für mög-\nlich, daß einer der beiden Gåste in demselben Bett schlafen\nwird, das ich einmal während vierzehn Tagen benutzte\nEs sind erst ein paar Jahre her. Im April wurde ich\nungebårdig, die Kastanien blühten, im stådtischen Park\nstellte man die Orangenkübel vor dem weißen Hause mit den hohen Fenstern\nauf, und es wurde immer schwerer, mit Ieanne ehrbar zwischen ihnen zu gehen\nund sich dann zu trennen.\nDie junge Schönheit der Welt war mein Verbündeter, und Ende Monats\nwar Ieanne bereit, sich in den Frühling entführen zu lassen. Mit der Ver-\nwegenheit, die Frauen entwickeln, wenn sie sich einmal entschlossen haben,\nmachte sie es möglich, ihren Freund zu tressen, und es war der erste Mai, als\nwir nach Norden fuhren.\nMetz, Luxemburg, die Ardennen, Brüssel wäre hinreichend für einen Tag ge-\nwesen, aber das alles war noch nicht sicher genug, denn sie hatte die eine Bedingung\ngestellt, niemand dürfe uns sehen. TVir waren gut gelaunt, was machte es uns\naus, noch bis Brügge weiterzufahren? Auch das befriedigte sie noch nicht ganz —\naber nun blieb ich hartnåckig, ich wollte ihr doch die schöne tote Stadt zeigen.\nIch kannte sie nicht, aber der Glanz ihrer Wasserarme und darin das Bild\nder überhångendenBåume stand so stark vor mir, daß ich mich fast selbst betrog.\nDoch so fröhlich; wir am nächsten Morgen waren und so laut die Ainseln\nschlugen, wir waren von Brügge enttåuscht Die zzotels standen am Bahnhof,\nund um zu den Plåtzen zu gelangen, die einem zum Wohnen gefallen hätten,\nniußte man durch eine endlose Straße« mit kleinen Zzåusern gehen, deren\nGeschäfte alle den Angelsachen devot die Referenz machten.\nFort von hier trotz Memling und Michelangelo, jetzt fuhren wir aufs\nGeratewohl weiter und suchten, was uns gefiel. »\nUnd siehe da, es glückte sofort, mein Gefühl hatte mich nicht betrogen,\nals mich der Name Veurne verlockte. Im Baedecker stand nur, daß es da\nim Juli eine große Prozession gab, und bis dahin war es noch lange.\nWir kamen auf einen Platz, und dieser Platz war so, wie ich sie liebe,\ngroß, gepflastert, ohne Baum, ohne Denkmal, ohne Brunnen — ein Quadrat,\nauf allen Seiten von Håusern eingeschlossen, ganz der Sonne ausgesetzt\nAuf der einen Seite ein paar Estaminets, die über drei, vier Tischchen\nkleine Markisen ausgespannt hatten, gegenüber ein altes Haus, zu dem man\nauf einem Treppchen hinaufstiegz auf der dritten Seite ein mittelalterlicher\nTurm, plump und mit einem glotzenden Fensterauge in der Mitte — auf der\nvierten ein Rathaus, kaum größer als eine Villa, aber im reinsten hollåndischen\nRenaissancestiL eines der ersten, die gebaut wurden. Der Rest BacksteiUIJåuser"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "354", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2883, "texte": "mit siämischen Giebeln, und in einer Ecke unser-Gastl)au»s ,I das einzige, das in\nbetracht kam, und in ihm wieder, im ersten Stock, das einzige große Zimmer-«; mit\nweißen Holzdielen und drei Fenstern, die aufden Platz gingen. « Deswegen\nglaube ich auch, daß Herr French oder Herr Poincarå es beziehen, es bleibt\nihnen nichts anderes übrig. i\nWie Mister Frenchaussiehy weiß ich nicht genau, aber daß der Bourgeois-\npräsident nicht so gute Figur macht wie die schlanke Ieanne, wenn sie auf\ndie weißen Dielen sprang und die gelben Vorhänge zurückzog, um die Sonne\nhereinzulasseiy ist gewiß.\nTVenn wir beim Frühstück saßen, war die Kühle des dunkeln Speis es aales\nwunderschön, weil hinten im Hof blühende Bäume im goldnen Lichte standen. Vier\nFrauen waren in der Wirtschaft tätig, vier Schwestern, und an der Wand hing\neine gedruckte Familientafel, woraus zu sehen war, daß sie noch zwanzig Ge-\ns chwister hatten -— ein Vater hatte sie mit drei Frauen gezeugt im Lande Rubens’.\n. Aber am nächsten Morgen saß noch ein Gast an einem Seitentischchen\nEr hatte eine kleine Mappe vor sich, und Bauer trat auf Bauer ein, um eines\ndieser Papiere einzulösem es war Markttag, und der Fremde ein Makler.\nVom Markt draußen, den wir schon in der Nacht geahnt hatten, weil\nGerüste aufgeschlagen worden waren, will ich nur zweierlei berichten.\nEin großes Schaufenster war ausgeräumt worden und darin stand ein\nStuhl. Auf dem Stuhl nahm wiederum Bauer auf Bauer Platz und wurde\nrasiert; ein Gehilfe schlug indessen den Schaum für den nächsten. Waren die\nBauern fertig, so gingen sie hinaus und stellten sich um ein Paar, das zur\nDrehorgel eine Moritat im düstcren Balladenton sang. Jeder kaufte sich dann\ndas Blatt und nahm es nach Hause.\nAm Sonntag strömten die Turnvereine aus Flandcrn zusammen und gaben\nein Fest; wir sahen ihnen vom Fenster aus zu, und wieder muß ich an Poincarå\ndenken, denn es gibt ohne Zweifel eine Parade.\nWer hätte damals gedacht, daß Veurne Hauptstadt werden könne und\ndaß es Krieg gäbe? Aber wer von uns beiden hätte auch gedachtz daß ich ihn\nallein erleben würde? Ieanne ist tot und es bleibt nur die melancholische Er-\ninnerung, wie wir durch die kleinen Gassen gingen, deren verzauberte Stille\nnur am Samstag durch das Reinemachen unterbrochen wurde, und wie die\newigen Fangspiegel an den Spiegelfenstern uns so ärgerten, daß Ieanne ein-\nmal die Zunge herausstreckte, in der Annahme, hinter den dichten Gardinen\nsitze eine Alte, die sie damit entsetzen könne. -\nOder wie wir in einer japanisch winzigen Likörstubq einer unbeschreiblich\nsauberen Puppenstube aus Delfter Kacheln, unter lauter Figurinen den herr-\nlichsten und stärksten Kassee zu trinken pflegten; oder wie wir gegen Abend\nvom Spaziergang zurückkehrtem und dann die Stadt mit ihren Türmen zu-\nsammengedrängt in einer Landschaft von Grün lag, das so tief und üppig\nwar, daß es fast düster wirkte.\n\nOtto Flafe"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c014", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "356", "page_fin": "356", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.10", "titre_corps": "irren im Krieg. Unsere Division", "titre_sommaire": "irren im Krieg. Unsere Division", "signature_source": "Karl von Eisenstein=Prag", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "356", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 880, "texte": "Karl von Eisenstein=Prag\nirren im Krieg. Unsere Division\nward abgelöst nach heißen Arbeitswochen.\nNun kommen Feiertageinach der Frost.\nDie Köche vor die Fronn Fertig zum Kochenl\nDurch einen breiten Fluß vom Feind getrennt,\nkommt unser braves, müdes Regiment\nhart an die Grenze in ein kleines Nest.\nZMtten im Krieg. Längst schlug die cseisterstutide\nund manche noch. Drei magere Kerzenflammen\nbeleuchten matt die kleine Tafelrunde\nder großen Zechergilde letzten Rest:\nDie Herren vom Landsturm, uralte Semester, .\ndie halten aus und fest und treu zusammen.\nDie Jungen schlichen längst schon in die Nester.\nMitten im Krieg. Die Kerzen brennen klein.\nDie Lieder klingen rauh. Der Wein geht aus.\nDa hebt das letzte Glas der Senior, s\nim letzten Flackerschein gelltsein Tenor,\nund wie aus einem Munde fällt der Chor g\nder ,,Alten Herren« vom Landsturm brausend ein:\n,,Burscheii heraus!«"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c016", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "357", "page_fin": "360", "image_debut": 13, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.11", "titre_corps": "or dem Opfer des Lebens stcht größer und schöner da", "titre_sommaire": "or dem Opfer des Lebens stcht größer und schöner da", "signature_source": "Otto Schneider", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 13, "page_imprimee": "357", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2814, "texte": "or dem Opfer des Lebens stcht größer und schöner da\ndas Opfer zu leben. Mit sublimem Stolz und ganzer\nDemut sich selbst erdulden, je mehr Widersinn und Wider-\nstreit in allem Lebendigen sich in den Nacken setzt. Das\nideale Opfer, leben und einsam sein, ohne sich zu beugen\nund dem Leben abzusagen, reinste Kraft und höchster\nSinn sind da, wo man das Opfer nicht ahnt, wo man\nes nicht fühlt, nicht wittert, wo es unverstanden bleibt\nund ungewürdigt, und wo es die andern nicht wollen, es nicht können, wollten\nsie es schon. Vor dem dauernden Einsatz des Lebens verschrumpft der nur\neinmalige Einsatz. Dieser ist nicht die Kostbarkeit des höchsipersönlichen noch\ndie Seltenheit des geistigen Opfers des Kopfes, der alle überragt. Wo er es\ndennoch zu sein scheint, da ist er in Absicht und Erfolg doch immer nur ver-\ntretbar, entfelbstet, ja entrechtet, wie mechanisiert Es ist nur die Erfüllung\neiner unvernünftigen aber unentbehrlichen Psiichy vom Krieg begehrt. Weil\naber des Wunderbaren unverwüstliche Wurzel stets bei dem leidenschaftlich\nEmpfundenen liegt, des Lebens Uebersinnlichkeit bei dem Todgeweil)ten, steigen\ndes Lebens Imponderabilien in die gewagteste aber verzeihlichfte Pyramide auf\nim Augenblick, da es abzubrechen hat. Der sein Leben opfert, will er nicht\ndurch das Begrenzte, das er ausgibt, in ein Unbegrenztes ausgehen? Gibt er\nnicht das Letzte hin, ein Ueberletztes zu ergattern? Aber es sind nur die Kranken\nim Geist, die Schwachen im Leben, die so ihre Beglaubigung außerhalb ihrer\nselbst suchen und das selbst noch im Tode. Das Opfer zu leben nach jenem\nSinn, das Zeitliche auf seinen zeitlosen Ausdruck zu bringen, ist nicht jedem\ngegeben. Das Opfer zu leben gibt ab an das Leben, zu dessen Ermittelung\nund Verwirklichung es sein eigenes, das einzelne vergänglich-s: Leben verbraucht.\nDas Opfer des Lebens ist die Verheißung auf dem Berge Horch: der alle\nverführende Ruf, sich über das Unbegreifliche, daß man zu sterben hat, hin-\nwegzul)eben, indem man im letzten Augenblick noch sein Leben durch den höchsten\nSinn bewertet, der dem einzelnen Leben überhaupt beigelegt werden kann,\nnämlich seine höchste Steigerung zu seinem Untergang, um die Idee des Lebens\nzu retten. Zzöchste Tvirklichkeit liegt in dieser Entwirklichung auf dem Sterbe-\nbett. In seinem Vergånglichsten fo fühlt sich der Mensch als Mensch von\ngefchichtlicher Gewalt. Nichts ist eigennütziger als das Opfer des Lebens, das\ndurch die Hingabe des einzelnen vergänglichen Lebens eine Eroberung des\newigen Lebens bezweckt. »\nEs ist ein dankbares zzeldentuim das Zzeldentum unsrer Tage, das obenan\nsteht im Herzen der Menschen, schon da es hinauszieht und ausholt zum ret-\ntenden Schlag, also lange bevor es in Kraft tritt und sich beweist. Es ist\ncis; bequemes Lzeldentum, abgemessen, befristet, das mit derselben sachlichen"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "358", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2987, "texte": "Unaufgeblasenheit sich feiner sselbst entledigt, mit der es in sein Amt tritt und\ndasselbe versieht. Das echte Heldentum, das Heldentum im Geist, ist des Helden\nQual und Parasit. Das Menschliche in seinen Zielen offenbaren, dasselbe in\nseinen Tiefen und Abgründen aufsuchem um die inenschliche Idee auf ihren\nzeitlosenAusdruck zu bringen, ist nicht augenblickliche Tragik, ist ewige Not.\nBuddha und Beethoven, die großen Liebhaber des Lebens, Nero und Napoleom\ndie großen Eroberer des Lebens, nur in einem solchen Höchstertrag des Daseins\nist die Einzigkeit des seltenen Heldentum, das dem Leben gegenübersteht, Auge\nin Auge, titanisch bewußt der Mystik des Unbegreiflichen seiner selbst und des\nChaotischen seiner traumhaften Abstürze. Unsrer im Zeichen bürgerlicher Ein-\nfriedung torkelnden Zeit, die im Frieden gerne auf eine anonyme Abwickelung\ndes Lebens sieht, ist in der Bedrohung ihres geordneten Bestandes ein Aus-\nder-Reihe-treten ebensowenig erwünscht. Sie bevorzugt den namenlosen Held,\nden Held der augenblicklichen Not. Ein Held, der ihr als ein solcher erscheint,\nist ihr viel kostbarer als einer, von dem sie nichts weiß und der ihr nicht\ndient. Darum kommt in die Geschichte der massenhaften Helden der Tag, an\ndem deren Kraft hinaufgetrieben und deren Maß verschoben werden, an dem\nder Dienst für die Dienenden an Wichtigkeit gewinnt, an dem diese zeitlichen\nHelden ihres Amtes und ihrer Würde- sich plötzlich bewußt werden. Die helden-\nhafte Luft, die jetzt über alle weht, ist dem Wachstum des geistigen Helden,\nder nicht unmittelbar seiner Zeit dient, nicht günstig. Es wird ein großes\nWirken dieser Helden in das Leben anheben inüssen, wollen sie nicht auch nachher\nentbehrlich, wollen sie weiterhin« nicht überflüssig bleiben. Schon scheint die\nGesamtheit zu beanspruchen, sich allein die sichtbare Gestalt desAusdruckes\nihrer selbst geben zu wollen. Das geschichtliche Bewußtsein ist zu sehr erhitzt.\nWo die Not alle zusammenschließt, fühlt ein jeder sich wert und berufen, die\nIdee, die er mit seinem Leben rettet, auch dann zu vertreten, wenn die Not\neinmal vorüber ist. Dann wird aber der Tempel der Gottheit für immer\ngeschlossen sein.\nDaß wir politisch so lange ohne Interesse sein konnten, das lag zum\ngrößten Teil an unsrer beschaulichen Art, das Leben hinzunehmen. Zum andern\nTeil mochte es an der Unfruchtbarkeit in unsrer Aburteilung der Politik ge-\nlegen haben als dem unwichtigen, weil nicht Kultur bedingenden oder Kultur\ndienenden Amt. Der rücksichtslose Eigensinn ihrer bisherigen Handhabung,\netwa in dem englischen Allseegeltungsanspruch war nicht dazu angelegt, uns\nüber den Dualismus von privater und staatlicher Moral hinwegzuhelfen, da\ngerade dem deutschen Wesen eine Scheidung zwischen intimem und sozialem Ich\nnicht lebendig ist. Die Zeit unsrer politischen Sterilitåt ist aber gewaltsam\nerstickt worden durch diesen Krieg. Evas der Politik nottut, höhere Formen\nzu schaffen für die Gemeinschaft menschlichen Lebens undIVirkens statt dessen,"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "360", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1583, "texte": "was sie bisher anstrebte, Machterwerb und Machtzuwachs, die Politik in edlere\nBahnen zu lenken, das liegt allein bei uns, bei unsrer Not und unsrer Kraft.\nPolitik hat nicht mehr dieselbe stationäre lzausmannskost zu sein, die stets nach\ngleichem Rezept kocht und von den andern mit derselben stupiden Bauernart\ngelösselt wird. Die Autorität im Sinn eines unerträglich gewordenenzzerrschaftæ\nanspruch ist nicht mehr und nichtdie gottgewollte Abhängigkeit, auch wenn\nBismarck sie zum Ueberdruß ausgesprochen hat. Ein neuer Geist ist da, den\ndie Not der Zeit aus der verstaubten Taufe hob, ein Geist, durch die Intelligenz\nhineinzutragen in das adelsherrliche und bourgeoise und merkantile Leben als\ndie sicherste Remedur gegen all die Gifte, durch die der Lebenssaft einer Rasse\nabgezapft zu werden droht. Gott nicht dienen ist ebensoviel wie« dienen gegen\nGott. Wir haben uns von müßigen Außenseitern des Tages in geschlossene\nTriebkräfte des Tages umzugestaltem In uns ist wach ein furchtbarer Protest\ngegen jene Ordnung der Welt, durch welche diese halb geknechtet und halb\ngeprellt wird. Das Reinemachen im politischen Augiasstall kann nur eine\nAufrüttelung aus tiefen menschlichen Rückhalten sein und unsere Worte nur\nHirtenbriefe an die geistigen Diözesen im Land, wachsam zu sein, daß die\ngegenwärtigen Herren der Situation sich nachher zu Dienern der Sache zu\nmachen verstehen. Wahrlich, es ist endgültig höchste Zeit, nicht weiter laborieren\nzu müssen an den Erbsünden dieser Zeit. die diesen: Krieg Vorschub geleistet,\nwem: nicht allein ihn verschuldet haben.\n\nOtto Schneider"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c019", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "360", "page_fin": "360", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.13", "titre_corps": "hres leise» Schritts Getragenheit", "titre_sommaire": "hres leise» Schritts Getragenheit", "signature_source": "B. Reichenwallner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "360", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.16", "debut_caractere": 1585, "fin_caractere_exclue": 2041, "texte": "B. Reichenwallner\nhres leise» Schritts Getragenheit\nWar wie Ntohiifaft sånftigend und schmiegend,\nIhrer Lippen Lächeln erdenweitz\nWar erlösend und den Schmerz besiegend\nDemutreich geneigt dem unlustvoll\nStöhnenden in biutigen Verbånden\nGab sie Labung, und Genesung quoll\nSichtbar unter den Madonnenhåndein\nSchwüle Stunden wollen nicht vergehn.\nKaum ein Lufrzug will die Stirn erfrischem\nTäglich aber wuchsen, ungesehn\nBlumenstråuße auf den schmalen Tischem"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c021", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "361", "page_fin": "364", "image_debut": 17, "image_fin": 20, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.14", "titre_corps": "as Wort »Organifation« stand schon in Friedenszeiten hoch", "titre_sommaire": "as Wort »Organifation« stand schon in Friedenszeiten hoch", "signature_source": "Adolf Behne", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 17, "page_imprimee": "361", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2947, "texte": "as Wort »Organifation« stand schon in Friedenszeiten hoch\nbei uns in 3El)ren. Man nahm es als Bezeichnung für\neine ausgesprochen deutsche Fähigkeit. Seit dem Aus-\nbruch des Krieges ist dann das Wort in vervielfachtcr\nHäufigkeit gebraucht worden. »Deutsch sein« und »orga-\nnisieren können« wurde und wird geradezu als dasselbe\nausgegeben. Der Deutsche erscheint heute als der »ge-\nborene Organifator« und in tausend Abwandlungen wird\ngeschildert, wie unsere besten Erfolge in der XVeIt auf das deutsche Talent\nder Organisation zurückgehem Nicht uns allein ist diese Gedankenverbindung:\n,,deutsch-organisatorisch« geläufig. In Studien und Reisetagebüchcrn auslän-\ndischer Beobachter kehrt ewig der Reim wieder: Deutschland das Land der\nOrganisation! Haldane in seiner Arbeit ,,Universjties and National Ljkeß\n1910 nennt das Deutschland des 19. Jahrhunderts »das vielleicht bemerkens-\nwerteste Beispiel der Organisation«. Zusammenfassend aber zitiere ich aus\neinem Aufsatze im ,,Berliner Tageblatte«, betitelt ,,Wirtschaftliche Kriegs-\nwirkungen«, folgende Sätze: »Was war denn, wirtschaftlich gesehen, das Große\nan diesem Kriege? Das Schlagwort dafür ist bald gefunden. Es lautet:\nOrganisation! Wohin wären wir gekommen, wenn wir nicht gelernt hätten,\nuns anzupassen, und wie hätte sich die Anpassung an die gänzlich veränderten\nVerhältnisse des Krieges ermöglichen lassen, wenn nicht die zerstreuten Kräfte!\norganisch zusammengefaßt worden wären?«\nAlle diese Beobachtungen sind unzweifelhaft richtig. Aber warum eigentlich\nbeschränken wir uns bei der Freude an unserem Organisationstalent immer\nauf die praktischenAngelegenheiten der Volkswirtschaft, der Mobilmaehung,\nder Lebensmittelversorgung der Umstellung unserer Industrie auf neue Absatz-\ngebiete? Damit nehmen wir den Begriff· der Organisation zu eng! ,,Organi-\nsation« spielt eine entscheidende Rolle auch im Geistesleben. Was gibt etwa\nBurckhardts kunsthistorischen Schriften ihre sichere Ueberlegenl)eit? Des Schrift-\nstellers Ehrgeiz und seine Begabung, den nämlichen Stoff, den ein anderer\ngleichgültig zusammenstellh zu gliedern, ihm Wurzeln, Stamm und Aeste zu\ngeben . . . ihn zu organisieren? Jede hervorragende Leistung eines Denkers\nund Forschers ist ein Erfolg der geistigen Organisation, unabhängig selbsts\nverständlich von der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Nation. Aber weil man\nden Deutschen im praktischen eine besondere Fähigkeit zur Organisation\nscheinbar neidlos zuerkennt, muß es von Interesse sein, zu untersuchen, wie es\num seine Organisationsfähigkeit im Geisti gen steht.\nDa ist zunächst von einer allgemeinen Anerkennung solcher Fähigkeit keine\nRede. Im Gegenteil! So fest für alle Beurteiler unserer Kultur die Tatsache\nsteht, daß der deutsche Eisenbahnverkehr sich in vollkominenster Pünktlichkeitz\nKlarheit· und Uebersichtlichkeit abspielt -—- noch fester steht für sie die andere\nTatsache, daß die Bücher deutscher Gelehrter unklar und unübersichtlich sind."}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "362", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2987, "texte": "Selbst ein Carlyle, der gewiß ehrlich bemüht war, deutschem Wesen gerecht\nzu werden, moquiert sich in feiner ,,Charakteristik des deutschen Professors\nTeufelsdröckh« (jetzt abgedruckt in Stieves »Unsere Feinde, wie sie die Deut-\nschen hassen« im Delphin-Verlag) über die Unfähigkeit des deutschen Professors,\nseine Erkenntnisse organisch vorzutragen. Gerühint werden seine Geduld als\nszpforscher, seine philosophische und selbst poetische Kraft, bedauert seine Weit-\nschweifigkeit und seine oft zur Abgeschmacktheit gesteigerte stilistische Ver«\nschrobenheit. »Von seinen Sätzen stehen vielleicht neun Zehntel gerade auf den\nBeinen, die übrigen kommen ganz ungehauen und ungestochen heraus, mit\nParenthesen und Gedankenstrichen durchsetzt, als bedürften sie derer als Stütze,\nund jedesmal schleppt irgend eine Luinperei als häßliches Anl)ängsel nach, ja\neinzelne fliehen sogar nach allen Seiten rettungslos auseinander, haltlos und\nohne Rückgrat«\nWir selbst führen seit langem als stehende Figur den Professor, der ewig\nvergeßlich ist, der dauernd Schirm und Gummischuhe stehen läßt — die deut-\nschen Witzblätter zehren noch heute zu einem großen Teile von seiner so er-\nschütternd koinischen Weltfren1dheit. Wir selbst sind also gewiß nicht ohne\nAnteil an der Schuld, wenn das Ausland die deutsche Gelehrsamkeit für so\nviel ärmer an Organisation hält, als die deutsche Praxis.\nDas höchste Gut geistiger Organisation ist die Kunst!\nIn allem, was Praxis angeht, sind wir uns unserer Organisations-\nfähigkeit mit Stolz bewußt. In der Wissenschaft lassen wir uns in einer\ngewissen Fahrlässigkeit noch immer den lvitzblatpprofessor gefallen und als\ntypisch aufreden, obgleich er es vielleicht niemals war. In der Kunst ist es\nvielen geradezu unheimlich, wenn mit dem Begriff des ,,Organischen« Ernst\ngemacht wird.\nDem Begriss des Organischen l)aftet etwas Zwingendes, Notwendiges, ja\nUnerbittliches an. Er ist das gerade Gegenteil zum Sentimentalem Träume-\nrischen. Von hier aus ist die instinktive Abneigung gegen die Verbindung der\nBegriffe Kunst und Organisation wohl zu verstehen. Wir haben eine Periode der\nKunst erlebt, die man ihrem tiefsten Wesen nach als zur Intimität neigend\ncharakterisieren muß. Die Beweise sind so bekannt, daß es kaum nötig ist,\nsie in der Länge zu wiederholen: Mangel einer Monumentalmalereh Psiege\nund Blüte des kleinen, intimen Galeriebildes, Tendenz, der Großstadts\narehitektur durch Giebelchen, Fachwerkchem Türmchen im Stile etwa eines\nGrunewalddxandhauses eine (in Wahrheit völlig sinnlose) Intimität zu\nsichern u. dgl. m. XVie man das überall im Laufe der Kunstentwicklung ver-\nfolgen kann, ging mit der Intimität Hand in Hand die Neigung zur Sentis\nmentalität und zum Naturalismus in der Kunst. Einem äußerlich parallelis\nsierenden Psychologismus könnte es freilich scheinen, als sei der künstlerische\nNaturalismus mit seinen Häßlichkeitskonsequenzen das Zeichen einer unsenti-\nmentalen Gesinnung s—- das Gegenteil trisst in Wahrheit zu. Jeder Natura-"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "363", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.19", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2989, "texte": "lismus ist s einemWes en nach sentimental —— und unmonumentaL Wer das\nvor dem gemalten Naturalismus eines Liebermann nicht bemerkt, wird es\naus dem gedichteten Naturalismus eines Hauptmann (!«zannele, Weber) ohne\nweiteres herausfühlem\nAls sentimental erwies sich die hinter uns liegende Kunstepoche auch in\nihrer oft verspotteten Denkmalswut\nVom Boden des impressionistischen Naturalismus aus ist es also ganz\nverständlich, wenn die Übertragung des Begrisses ,,Organisation« auf die\nKunst als unheimlich empfunden wird. »Impression« ——— in diesem Worte,\nwenn man es ernst genug auffaßt, steckt ja alles Erwähntc das Intime, das\nSentiinentale, und vor allem das Unorganischel Der Liebhaber des Iinpressionis-\nmus wird uns also fragen: Woher nimmst du das Recht, Kunst und Organi-\nsation in einen Topf zu werfen? Ihm erscheint die Kunst als das freie und\nstüssige Reagieren auf einen Reiz, als ein Einfangen köstlicher Eindrücke, als\netwas Schweifendes und Zigeunerhaftes\nIch nehme das Recht aus der schönsten und kraftvollsten Zeit der deutschen\nKunst, aus der Gotiki Wieso ist die deutsche Gotik organisatorisch? Keine\nandere Kunst ist so konsequent in« ihrem Aufbau wie sie. Die kleinste Figur\neiner Fiale ist an der gotischen Kathedrale gestaltet in Rücksicht auf die Idee\ndes ganzen Riesenwerkes, und noch der einzelnen Altarfigur, noch der zier-\nlichen Brunnenstatuette stecken ein paar entschlossener Apen in den Gliedern,\ndie eine geheime Verbindung schaffen zu den Lzäuserm zur Wölbung, zum Platze,\nzum Raume. Diese geheimen Aren machen jedes gotische lVerk zur Form.\nAn ihrer Festigkeit prallt jede Sentimentalität ab. Hier in der Gotik ist der\nFormungswille das prius, der Rhythmus ist von allem Anfang an mächtig.\nAn den Schwingungen dieses Rhythmus federt alles zurück, was nicht restlos\nin die Form auszugehen bereit ist, vor allem die »Stim1nusig«. So ist die\nGotik der ausgesprochene Gegensatz zu jedem Impressionisnius, zu aller Ein-\ndruckskunstl Sie ist nicht die Uinsetzung einer äußeren Anregung in eine Form,\ndie möglichst viel bewahren soll von der Stimmung der »impression«, sondern\nsie ist die Setzung einer selbständigen Form, die möglichst rein sein soll von\nallem Assoziativenl Während die naturalistischsimpressionistische Kunst stets\nAußenbeziehungen hat und zur Peripherie hinzieht, steht die Gotik klar und\ngroß im Zentrum. Von ihrem Willen erhält alles seinen Wert, sie ist eine\nKunst des Ausdrucks und ——— was nun nicht weiter befremdlich erscheinen\nkann —- eine Kunst gcistiger Organisation! Denn was anderes ist geistige\nOrganisation und Organisation überhaupt, als die Fähigkeit, von einem\nZentrum, einem Willen aus den Dingen ihren Wert und ihren Platz zu geben.\n’Wir haben also ganz gewiß das Recht, von deutscher Kunst als von\neiner Bewährung deutschen Organisationsgeistes zu sprechen, so unheimlich wie\ngesagt, dieser Gedanke auch erscheint, wenn man den Iinpressionismus für\ndas Schicksal der deutschen Kunst in Zeit und Ewigkeit annimmt. In unserre"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "364", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1323, "texte": "Betrachtungsweise erscheint der Impressionismus als eine Lockerung der künst-\nlerischen Kraft zur Organisation -—— und erscheinen, wie nicht verhehlt werden\ndarf, die Bilder, Bauten und Skulpturen der neuen Generation, eines Mart,\nMense, Taut, Kokoschka, Obrist, als der hochwillkommene Beginn, wieder\ngeistig organisch zu bilden.\nWas sich unter den verwirrenden Schlagworten Erpressionismus und\nKubismus als scheinbar nach dem Auslande orientiert darstellt, ist deutsch in\nfeinem innersten Wesen, wenn man auch gemeinhin das Gegenteil behauptet.\nInternational war seinem Wesen nach der Impres s ionismus. Sein\nwichtigstes Organ war ja die Netzhaut. Ihm gegenüber bringt der Er«\npressionismus eine Stärkung des nationalen Elementes in der Kunst, da er\naufgebaut ist auf dem Willen und der Phantasie. Ein Aufnahme-Apparat\nwie die Netzhaut ist unabhängig von Zeit und Raum, eine Kunst, die wie der\nErpressionisntus den Willen und die Phantasie in den Mittelpunkt stellt, ist\nnotwendig dem Nationalen eng verknüpft! Heute, bei der allgemeinen, be-\ndauerlichen Antipathie gegen die neue Kunst, mag das noch als gewagte Be-\nhauptung wirken, in einigen Jahren wird es allen sichtbar sein. Denn dieser-T\nKrieg ist das Ende des Impressionisntus, der mit dem Kriege von 1870J71\nseine Laufbahn durch Europa begann. «\n\nDr. Adolf Behne"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c024", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "366", "page_fin": "368", "image_debut": 22, "image_fin": 24, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.16", "titre_corps": "Tagebuch des Kritikers", "titre_sommaire": "Tagebuch des Kritikers", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 22, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3695, "texte": "Tagebuch des Kritikers\n\nF.\nWilhelm Klemm, Gloriai Kriegs-\ngedichteausdemFeld.Zzolzfchnitte\nvon W. Klemm (Albert Langen,\nMünch en). Daß der Rriegsdieiist Einem die\nKraft läßt feiner gewiß zu bleiben, und daß die\nBewußtheit f o viel hellen Drang bewahrt, sich\nnochmals zu verdoppeln in die Macht des Werks,\nder Spiegelung, der litterarifcheii Tat, dies er—\nscheint mir ein außer-gewöhnlicher Fall. Damit\nist man bei Walter Klemm. Im Gegensatz« zu\nLiliencron, der die zeitliche Entfernung nötig\nhatte und zu Körner, der, als er zu sterben\nwähnte, mit der Einbilduiigskisaft feine Sach-\nlage noch umdeutete, wird Klemm ganz und gar\ngleichzeitig mit dem Geschehen auch dessen Seher,\nohne Fålfchung, ohne Umordnung ins Künst-\nliche, ohne Poetifchkeiu Er handelt, lebt, stirbt\nzweimal. Das Dichten bei ihm ist das Mittel,\nwomit vor sich selber das Ich sich besser be—\nhauptet als sowohl vollständiger untergehn\nDas Formale ift sehr stark. Der Stil, in dem\ndieser Krieg sich arspiettz finde: hier eudiich\nseine wahrhafte Umprägting ins Wort und in\ndie gedruckte Wirkung. Wobei auf alle die nahe—\nliegenden Akzente des Grauens, der menschlichen\nWehrlosigkeitz der auch feelifchen Verwüstung\nverzichtet wird. Das Gegenteil: Verherrlichung,\nSoldatenlufd Forfche ——--auch derlei Eifer blieb\naußerhalb. Sondern ans Herz greifend isi wes ent-\nlich die technifche Bändigung, das Belebtfein\nder Stropheii mit Kürze, Deutlichkeiy ges artig—\ntem Können. Hat Klemm für die Mannhaftig-\nkeit seines künstleisifcheri Willens vor dem Feind\ndas ihm gebührender eiserne Kreuz erhalten?\n\nEmile Verhaercn, L; Belgique\nsanglante (Nouvelle Revue Fran-\n5 a i s e). Für E. Verhaereii mußte auch ein Buch\ngegen Deutschlaiid zur Dichtung werden. Hier\ngreifen wir sie, die Ungemeine Sagengröße , in\ns olche Wut und Haß der Gegner uns erhebt. Die\n»Organisation«, die deutsche ,,Kultiir«, — der\ndeutsche »Schulmann«, die Kunst von Berlin\nund München, der Kaiser, die Legenden von\nden belgischen Greueln r—- alles erhält gesteigerten\nZusammenhang und die Mittel des Spottes,\nder Verzerrung, des Widerlegens, mit denen der\nGegner arbeitet, machen diese Einheit unseres\nAuftretens für uns erst ganz erslchtlich und um\nso ehrwürdiger. Nichts in diesem Buche ist\nzutressend —— aber Verhaeren, welcher elende\nZeitungsiiaclzrichteii als seine Zeugen heranzieht,\nbeseelt den Zeitungsbericht unwillkürlich und\nmacht ihn zum geistigen Faktum. Das Faktum,\ndurchädert von den Energien der Verhaerens\nschen Schreibweise, lebt; es ist, für den Augen—\nblick des Lesens, geschehen gewesen, bis in alle\nEwigkeit rreignet es sich nun weiter. Die Wirk-\nlichkeit kann dagegen nicht an. Denn sie ver-\nstarb ja mit dem Schlage, der sie gebar. Das\nBuch bleibt. Die große, irre geleitete Inbrunst\ndes Dichters bleibt. Sein Herzschlag, sein von\nnichtgescheheiienAiifregungen beschleunigterserzs\nschlag phantasiert und wird in anderen Herzen\nsein Echo haben. Dies is: die Macht des Geistigerk\nDas Geistige saugt seine Säfte so gut aus der\nLüge wie mis dem Vertrauen. Es überwächst\nden Menschen. Es diktiert dem Dichter Ver—\nhaeren, den wir trotz dieses Buches zu verehren\nhaben, folgendes ergreifende Vorwort:\n»Der Mann, welcher dieses Buch verfaßte, worin\nsich deutlich genug der Haß kündigt, war ehedem\nein glühender Friedensfreiind. Er bewunderte\ndie Völker; einige, vor anderen, liebte er. Hier—\nunter zählte Deutschland.\nWar dieses Voll? nicht arbeits am, Unternehmungs-\nlustig, wagemutig, sonderbar und im Innern\ngeordneter als andere Völker? Bot es denen,\ndie als Besucher zu ihm kamen, nicht den Anblick\neiner in tiefer Kraft wurzelndeii Sicherheit?\nRichteteii sich seine Augen nicht glühender und\nentschlosseiier als die der anderen ins Zukünftige?"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "367", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4471, "texte": "Da brach der Krieg an.\nUnd plötzlich erschien Deutschland wie ver—\nwandelt. Seine Stärke war wild, maßlos,\nsündig. Sein ganzer Stolz ging dahin, eine\nwohlbedachte Gewaltherisschaft zu errichten. Es\nward zur Geißel, gegen die man sich verteidigen\nmuß, damit das hochsisiiiige Leben auf Erden\nnicht unter-gehe.\nFür den Verfasser dieses Buchs war keine Ent-\ntäuschuiig größer und unvorhergeseheiier als\ndiese. Sie traf ihn so sehr, daß er seines früheren\nSelbst ungewiß zu werden begann.\nUnd iveil heute in diesem Zustande des Hasses,\nder ihn umfängt, ihm seine Bewußtheit wie\ngetrübt vorkommt, so widmet er die nachfolgen-\nden Seiten, voll Erschiitteriiiig dem Manne,\nder er vormals wenn«\n\nM.\n\nM.\nArturåzolitschem InEngland,Ost-s\nPreußen, Südösterreich (S.Fischer.)\nDie Technik, mit der dies Buch gemacht ist,\nkommt aus der Freilichtschiile Es handelt sich\nalso darum, die Gegenstände in Licht zu tauchen,\nBewegung im Fluge aufzufangen, Gesicht und\nLinie und Ding in die eindimeiisionale klare\nFläche einer verwirrenden Schaufülle zu bringen.\nDieses Verfahren, das vom Auge dirigiert wird,\nbeherrscht Holitscher heute wie wenige. Das\nGewühl um die Nelsoiisäule zu London am\nTage wo der Krieg eine beschlossene Sache ist,\ndieses Gedränge von Staub, Lärm, entfesselten\nMenschengesichterii malt er mit einer Bravouiy\ndie den entzückepi muß, der in der treffenden\nWiedergabe des Realen Aufgabe und Ziel des\nKünstlers sieht. Die persönliche Denkweise\nHolitschers drängt sich hie und da mit einem\nphilophischen Urteil herein, welches dem Stoff-\nlichen eine Art Abrundung geben möchte, die\ndasselbe aber garnicht bedarf, weil die Gestaltung\nselber so kräftig arbeitet und das Thema durch\nsie vollständig bewältigt, oder besser: erledigt\nwird. In diesem »Erledigen« —- auch eine Teich—\nlandschaft von Sisleys Pinsel gemalt, ist hier—\nmit »erledigt« —- liegt, was das icneiidliche Aus—\nsagen des Expressionismiis von diesem auf um—\nrisseiie Anfchaulichkeit gestellten Impressioniss\nmus unterscheidet.\n\nF.\nEmil Ludwig: Die Fahrten der\nEmden und der Ayefhm (S.Fischer.)\nWas v. Mücke, die Offiziere und die Matroseii\nHerrn E. Ludwig erzählt haben, mag ohne den\nSchatteii eineruiiwahrheit wiedergegeben sein.\nSie erzählten wenig genug; es sind worrkarge\nBedenke; wie soll man da Irrtiimliches auf—\nschreiveii? Trotzdem ges chah’-3. Es geschah, weil\nHerr E. Ludwig durchaus ein Thema persön-\nlicher Urteile, Einstellungeiy Psychologismeii aus\ndem so Schlichrsczegebepieii machen wollte. Nun\nwird alles schief, sentimentah romanhaft; und\nmehr als von seinen Helden wird man des Ver—\nfassers gewal)r, der ihr Gegenfüßler, d. i. ein\nMenscheipfchmarotzender Literat ist.\n\nTheodor Däublem Der sternhelle\nWeg.(6ellerauer-Verlag.)xei»yalbes\nJahr vor diesem Bande erschien das Gedicht—\nbuch ,,Hesperien«, wieder ein halbes Ial)r vor—\nher die Prosastücke ,,wir wollen nicht verweilen«\nAlle drei im Krieg herausgebrachteii Bücher haben\ntrotzdem nichts mit diesem gemein. Kein Hin—\nweis erinnert daran. Auch ohne ihn wären sie\nerschienen. Und daß es das gibt, daß ein Kimstler\nnicht von der Zeit abgedräiigty von ihr ver-\nkriippelt oder je nachdem ,,befruchtet«wird, diese\nJenseitigkeit, dieses bedingungslose Schopfew\ntum an Däubler zu sehen, ist, wie sehr! be-\nglitt-Feind.\nWer er ift, müßte, denke ich, dieses jiingste Buch\nendlich für alle feststellen. Leichter als sonst\nmachen es hier die Gegenstände, sich einzulesen.\nDie drei Sonette von den ,,Bäumen«, die Ge-\ndichte »Herbst« oder ,,Herlkunft« oder ,,Erklärung«\nsind zugänglich wie nur ähnliches vom alten\nUhland oder Nikolaus Lettau. Schlägt also\ndie Stunde, wo Däublers Name als ein Los rings—\nWort, eine Richtung, ein Protest endlich den\nOffizielleii geläufig wird ? «Uch, nicht unpasseiider\nkonnte er den Augenblick wählen. Denn wer\nbemerkt, will es heute bemerken, daß hier ein\nebenso wichtiges vorgeht wie an den geographi—\nschen, Schützen graben-gest?llteiiRänderii Deutsch—\nlands? Sie glauben ja bloß den patriotischen\nReimeschmiedciy sie glauben dem »Mäniier«stand-\nPunkt, sie glauben denen, für die unweigerlich\nsich Vaterland und Feuilletoii ergänzt. Selbige\nsind die Helden — jene anderen benehmen sich\nwürdelos Die Sieger werden freilich gerade\ndiese Würdelosesi sein. Weil der Krieg in ihrem\nDienste handelt. Weil der Krieg, nur mit anderen\nMitteln, die europäische Sensibilität zu ihren\nGunsten umpsiiigr. -Weil zwischen dem neu—\nförmigen Schaffen und diesem Naturereignis\ndie handgreiflichste kulturelle Verkettung besteht."}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3562, "texte": "Mögen die Zeichen sich mehren! 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Der ganze Mensch\nstiilpt sich hinaus ins Erlebbare, ins Aufzuzeiciy\nnende und man meiß nicht, ob dies einen Unter—\ngang der Jchheit oder ihre Festigung herbeiführt.\nAber vielleicht muß überhaupt dem neuen Schrifv\nsteller gegenüber vom alten Umstande eines starren\nIchs abgesehen werden. Die Seelenkuiide hat\ndas Ich, seit Taiiie und Riboh bis nieder in die\nkörperlichwererbte Fesistellbarkeiy aufgegeben.\nSchon verstichte z. B. M aeterliiick die neue Auf—\nfassung in die Kunst einzuführen; doch siegte\nüber das neue Gefühl noch das bislang herr-\nschende Formgesetz; seine s piritualeii Einakter\nsind letzte Spiegelungeii des früheren, des s cho-\nlastischen Weltbilds.\nBenns ,,Eroberung« hat das Jchproblem in seiner\nneuen sormulieisuiig selbst zum Gegenstande. Was\nhier aufgegrisseiy zerlegt und für die Zukunft\nVorbildlich gemacht ist, das kann ein Blinder\ngreifen. Darüber zu reden erlassen wir uns.\nMerkwürdigeiz wie gesagt, ist die Diktion, diese\nauszischeisdq verstromeiidh gurgelnde Diktiom\ndie seit Heym in der Lyriib seit Heinrich Mann in\nder Pros a ihre noch halb suchenden Schifitte tut.\nDas Ich, das neu sich ansieht, muß auch not—\nwendig neu sich aussageiu Es kann nicht mehr\nden alten Syllogismus, die alte Trope, den\nganzen alten Gedankenapisarat causaler Reihen—\nbildung benutzen; dieses klassische, s einer Plasti-\nzität gewisse Ich ist zerfallen wie ein nicht mehr\nbesuchter Tempel. Herein witterte Welt aus Nord\nund Süd. Herein witterte Glut noch unerkaltetesss\nErdtiefc Das Ich ,,im Schauer s einer Haut, Lin«\nSprunge seiner Glieder, im Trunk der Augen,\nin seines Ohres Rausch: als der Blüten eine,\ndas Ich, als der Tiere Beischlafs unter einem\nHimmel, unter einer Nacht . . .« »\nSo blinzelt bei G. Beim das Wort wie aus einem\nGewimmel von Schöpferlust; es erwächst! niaii\nmitlebt den Zustand, aus dem es sich zum Tage\nhebt; der Zustand sättigt es; es umklammert\nihn wie Wurzelwerk von Schlingpflaiizeii den\nTeichschlamm. Diesen Zustand kann man ruiidum\nbetrachten; er zuckt; er istnicht still, er hat nicht\nnur eine Vorderseite Er reißt die Betrachtung\nzu sich mitten hinein, treibt sie inwendig im Kreise,\nnach oben und unten. Die Betrachtung wird eins\nmit dem Zustande; beide werde-n eins mit dem\ns chopseris chen Ich des Dichters, und dieses, das\nfür sich nicht existierende, vervielfältigt sich, ver—\nvielfältigt uns in Welt, Gesichh Zusammenheit\ndes Entlegesistem Was die Vorläufer der treuen\nKunst, Sus o, Nkechthild Böhme nur im Um—\nkreise des christlichesi Dogmas verwirklichtein\nwird bei Beim, Schickele, Becher u. a. das ständige\nPrinzip des Schreibens: Sie vertropfeii in alle\nKreatur, Idee und erwünschte Fremdnis ihr\nliebendes Blut."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c025", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "366", "page_fin": "366", "image_debut": 22, "image_fin": 22, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.16.1", "titre_corps": "Wilhelm Klemm, Gloriai", "titre_sommaire": "Wilhelm Klemm, Gloriai", "signature_source": "F", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 22, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.22", "debut_caractere": 24, "fin_caractere_exclue": 1560, "texte": "F.\nWilhelm Klemm, Gloriai Kriegs-\ngedichteausdemFeld.Zzolzfchnitte\nvon W. Klemm (Albert Langen,\nMünch en). Daß der Rriegsdieiist Einem die\nKraft läßt feiner gewiß zu bleiben, und daß die\nBewußtheit f o viel hellen Drang bewahrt, sich\nnochmals zu verdoppeln in die Macht des Werks,\nder Spiegelung, der litterarifcheii Tat, dies er—\nscheint mir ein außer-gewöhnlicher Fall. Damit\nist man bei Walter Klemm. Im Gegensatz« zu\nLiliencron, der die zeitliche Entfernung nötig\nhatte und zu Körner, der, als er zu sterben\nwähnte, mit der Einbilduiigskisaft feine Sach-\nlage noch umdeutete, wird Klemm ganz und gar\ngleichzeitig mit dem Geschehen auch dessen Seher,\nohne Fålfchung, ohne Umordnung ins Künst-\nliche, ohne Poetifchkeiu Er handelt, lebt, stirbt\nzweimal. Das Dichten bei ihm ist das Mittel,\nwomit vor sich selber das Ich sich besser be—\nhauptet als sowohl vollständiger untergehn\nDas Formale ift sehr stark. Der Stil, in dem\ndieser Krieg sich arspiettz finde: hier eudiich\nseine wahrhafte Umprägting ins Wort und in\ndie gedruckte Wirkung. Wobei auf alle die nahe—\nliegenden Akzente des Grauens, der menschlichen\nWehrlosigkeitz der auch feelifchen Verwüstung\nverzichtet wird. Das Gegenteil: Verherrlichung,\nSoldatenlufd Forfche ——--auch derlei Eifer blieb\naußerhalb. Sondern ans Herz greifend isi wes ent-\nlich die technifche Bändigung, das Belebtfein\nder Stropheii mit Kürze, Deutlichkeiy ges artig—\ntem Können. Hat Klemm für die Mannhaftig-\nkeit seines künstleisifcheri Willens vor dem Feind\ndas ihm gebührender eiserne Kreuz erhalten?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c026", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "366", "page_fin": "367", "image_debut": 22, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.16.2", "titre_corps": "Emile Verhaercn, L; Belgique", "titre_sommaire": "Emile Verhaercn, L; Belgique", "signature_source": "M", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 22, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.22", "debut_caractere": 1562, "fin_caractere_exclue": 3695, "texte": "Emile Verhaercn, L; Belgique\nsanglante (Nouvelle Revue Fran-\n5 a i s e). Für E. Verhaereii mußte auch ein Buch\ngegen Deutschlaiid zur Dichtung werden. Hier\ngreifen wir sie, die Ungemeine Sagengröße , in\ns olche Wut und Haß der Gegner uns erhebt. Die\n»Organisation«, die deutsche ,,Kultiir«, — der\ndeutsche »Schulmann«, die Kunst von Berlin\nund München, der Kaiser, die Legenden von\nden belgischen Greueln r—- alles erhält gesteigerten\nZusammenhang und die Mittel des Spottes,\nder Verzerrung, des Widerlegens, mit denen der\nGegner arbeitet, machen diese Einheit unseres\nAuftretens für uns erst ganz erslchtlich und um\nso ehrwürdiger. Nichts in diesem Buche ist\nzutressend —— aber Verhaeren, welcher elende\nZeitungsiiaclzrichteii als seine Zeugen heranzieht,\nbeseelt den Zeitungsbericht unwillkürlich und\nmacht ihn zum geistigen Faktum. Das Faktum,\ndurchädert von den Energien der Verhaerens\nschen Schreibweise, lebt; es ist, für den Augen—\nblick des Lesens, geschehen gewesen, bis in alle\nEwigkeit rreignet es sich nun weiter. Die Wirk-\nlichkeit kann dagegen nicht an. Denn sie ver-\nstarb ja mit dem Schlage, der sie gebar. Das\nBuch bleibt. Die große, irre geleitete Inbrunst\ndes Dichters bleibt. Sein Herzschlag, sein von\nnichtgescheheiienAiifregungen beschleunigterserzs\nschlag phantasiert und wird in anderen Herzen\nsein Echo haben. Dies is: die Macht des Geistigerk\nDas Geistige saugt seine Säfte so gut aus der\nLüge wie mis dem Vertrauen. Es überwächst\nden Menschen. Es diktiert dem Dichter Ver—\nhaeren, den wir trotz dieses Buches zu verehren\nhaben, folgendes ergreifende Vorwort:\n»Der Mann, welcher dieses Buch verfaßte, worin\nsich deutlich genug der Haß kündigt, war ehedem\nein glühender Friedensfreiind. Er bewunderte\ndie Völker; einige, vor anderen, liebte er. Hier—\nunter zählte Deutschland.\nWar dieses Voll? nicht arbeits am, Unternehmungs-\nlustig, wagemutig, sonderbar und im Innern\ngeordneter als andere Völker? 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Mögen alle,\ndie als Verleger und Zeitnngsheraiisgeber ihr\nVertrauen und il)re Geldmittel ficr die Neue\nKunst daran-setzten, durchhaltepk Möge Däuvler\ns einenGedichtbiccherii tunlichst bald den geplanten\ntheoretischen Handweis er nachs enden. Und mögen\ndie, welche es angeln, sich endlich zu einer fest·\ngefügtcii Mach: zusammenfchließeiri\n\nF."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c030", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "368", "page_fin": "368", "image_debut": 24, "image_fin": 24, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.16.6", "titre_corps": "Gottfried· Benm Die Eroberung.", "titre_sommaire": "Gottfried· Benm Die Eroberung.", "signature_source": "H", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 24, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.24", "debut_caractere": 375, "fin_caractere_exclue": 3562, "texte": "H.\nGottfried· Benm Die Eroberung.\n(Weißc B IckttctJ Heft Nr.8.) Die un·\ngewöhnliche Diktion dieser sechs Prosaseiten\nzwingt nachdriicklichst auf sie hinzuweisen. Es\nist eine Diktion, die nicht abgesondert und wie\nein Ergebnis dasteht sondern noch im fertigen\nSein ein Erzeugem ein Sichentschüttesk ein\nweiter wandelndes Tun vollzieht. Der Schrei—\nbende erlöst sich nicht. Er stisebt nicht, sich gegen—\nüber zu treten. Er zieht keinen Strich zwischen\nden gehabten Vorfall und die Abschilderung\nDer Aktus umgreift ihn ganz. Der ganze Mensch\nstiilpt sich hinaus ins Erlebbare, ins Aufzuzeiciy\nnende und man meiß nicht, ob dies einen Unter—\ngang der Jchheit oder ihre Festigung herbeiführt.\nAber vielleicht muß überhaupt dem neuen Schrifv\nsteller gegenüber vom alten Umstande eines starren\nIchs abgesehen werden. Die Seelenkuiide hat\ndas Ich, seit Taiiie und Riboh bis nieder in die\nkörperlichwererbte Fesistellbarkeiy aufgegeben.\nSchon verstichte z. B. M aeterliiick die neue Auf—\nfassung in die Kunst einzuführen; doch siegte\nüber das neue Gefühl noch das bislang herr-\nschende Formgesetz; seine s piritualeii Einakter\nsind letzte Spiegelungeii des früheren, des s cho-\nlastischen Weltbilds.\nBenns ,,Eroberung« hat das Jchproblem in seiner\nneuen sormulieisuiig selbst zum Gegenstande. Was\nhier aufgegrisseiy zerlegt und für die Zukunft\nVorbildlich gemacht ist, das kann ein Blinder\ngreifen. Darüber zu reden erlassen wir uns.\nMerkwürdigeiz wie gesagt, ist die Diktion, diese\nauszischeisdq verstromeiidh gurgelnde Diktiom\ndie seit Heym in der Lyriib seit Heinrich Mann in\nder Pros a ihre noch halb suchenden Schifitte tut.\nDas Ich, das neu sich ansieht, muß auch not—\nwendig neu sich aussageiu Es kann nicht mehr\nden alten Syllogismus, die alte Trope, den\nganzen alten Gedankenapisarat causaler Reihen—\nbildung benutzen; dieses klassische, s einer Plasti-\nzität gewisse Ich ist zerfallen wie ein nicht mehr\nbesuchter Tempel. Herein witterte Welt aus Nord\nund Süd. Herein witterte Glut noch unerkaltetesss\nErdtiefc Das Ich ,,im Schauer s einer Haut, Lin«\nSprunge seiner Glieder, im Trunk der Augen,\nin seines Ohres Rausch: als der Blüten eine,\ndas Ich, als der Tiere Beischlafs unter einem\nHimmel, unter einer Nacht . . .« »\nSo blinzelt bei G. Beim das Wort wie aus einem\nGewimmel von Schöpferlust; es erwächst! niaii\nmitlebt den Zustand, aus dem es sich zum Tage\nhebt; der Zustand sättigt es; es umklammert\nihn wie Wurzelwerk von Schlingpflaiizeii den\nTeichschlamm. Diesen Zustand kann man ruiidum\nbetrachten; er zuckt; er istnicht still, er hat nicht\nnur eine Vorderseite Er reißt die Betrachtung\nzu sich mitten hinein, treibt sie inwendig im Kreise,\nnach oben und unten. Die Betrachtung wird eins\nmit dem Zustande; beide werde-n eins mit dem\ns chopseris chen Ich des Dichters, und dieses, das\nfür sich nicht existierende, vervielfältigt sich, ver—\nvielfältigt uns in Welt, Gesichh Zusammenheit\ndes Entlegesistem Was die Vorläufer der treuen\nKunst, Sus o, Nkechthild Böhme nur im Um—\nkreise des christlichesi Dogmas verwirklichtein\nwird bei Beim, Schickele, Becher u. a. das ständige\nPrinzip des Schreibens: Sie vertropfeii in alle\nKreatur, Idee und erwünschte Fremdnis ihr\nliebendes Blut."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-09-01-c031", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-09_01#c031", "volume": "bmtnabb_1915-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "368", "page_fin": "368", "image_debut": 24, "image_fin": 24, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.2.17", "titre_corps": "Bemerkung der Schriftleitung", "titre_sommaire": "Bemerkung der Schriftleitung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 24, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.24", "debut_caractere": 3564, "fin_caractere_exclue": 3893, "texte": "Bemerkung der Schriftleitung\nDie nächste Nummer (die erste des neuen Iahrganges) wird das Zeit-Echo innerlich\nverändert zeigen. Freunde und Gegner werden bald sehen: XVarum und Wie.\nFür die Schriftleitung verantwortlich zeichnet von da an:\nHans Siemsen, Lichterfeldq Sternstraße 25.\nAls Herausgeber nach wie vor Otto Haas-Z·,eye."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.2", "texte": "Erich mùhsam\nlaubt nicht, die Schlacht am Birkenbalum\nsei nur ein Traum.\nSie wird geschlagen werden.\nSchon lernt die ersten Schritte gehn,\nder sie wird sehn\nals Åltester auf Erden.\nGlaub: nicht, am Birkenbaiim die Schlacht\nwerd’ über Nacht\naus Völkerhaß geboren. i\nAus gleichem Volk bekämpft das Heer\nder alten Wehr\ndie Schar, die sich verschworen.\nUnd ist die tapfre Schar besiegt, -——\ngleichwohh so fliegt\nvon ihrem Geist ein Funke\nhinüber in der Feinde Reihn,\nund alle werden Brüder sein,\ngelabt vom selben Tranke.\nDie Sieger als Besiegte dann\nziehn Mann für Nkann\nzum Hungervolk die Satten,\nBefreiung feiernd von der Not\nbei Wein und Brot\nunter der Birke Schatten .\nGlaubt nicht, die Schlacht am Birkenbauisi\nsei nur ein Traum\nund eines Wahns Gebilde.\nDer schönste Sieg ist nicht mehr fern,\nda ohne Herrn\nRecht wird erstehn und Niilde"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.3", "texte": "Klabund\nei) kam aus lauter Liebe in die\nWelt.\nNun weiß ich nichts als Kolblem\n« Schuß und Stich.\nIch wäre gern, wo man sich auch gefällt.\nEin Fisch, der blinkend aus dem Wasser schnellt.\nEin Mädchen, das zum schlanken Jüngling schlich.\nO diese Müdigkeit der tapfren Glieder!\nDer achtzehn Jahre sieberndes Allein!\nWär einmal ich bei meiner Schwester wieder,\nDich, kniete zwischen ihren Händen nieder\nUnd würde nur noch Bruder sein.\n\nKlabund\nun Glanz! Verrortetes Gestirn der Nacht,\nWie Bajonett «in unsre Stirn gesenkt!\nGeschwirr, das Träne gold am Lidrand\n« hängt —-\nSei, dunkler Tråumety stürmend auf der Wachtl\nDer Tag ist nicht mehr fern. Ein Wipfel regt\nSich schon zum rosenroten Firmamentz\nWie eine Vogelscheuche stelzt der Tag —— und schlägt\nDen Mantel blau um unser Regimenc e"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.4", "texte": "ir waren schon zwei Tage in Brügge und noch immer\ndonnerte der graue Riesenzug frischformierter Truppen\nunter unseren Fenstern am Sankt Atmen-Ufer vorüber.\nDie Erscheinung der ersten Bataillone war noch wie ein\nleichter grauer Nebel, der die Konturen der Häuser dun-\nkelte, unsere Gesichtsnerveii reizte. Nach zwanzig, dreißig\nMinuten aber hatten wir die Einpsindunw Hügel drückten,\nrückten mit der Wucht schrosser Felsblöcke um unsere\nWinzigkeit zusammen. Zogen den massiven Ring enger und enger und schnitten\nden Atem weg. Wolkten Unsiehtbarkeiten in die Augen und lähmten den\nSpringpuls des Blutes. Es war, als würden unsere Körper gehoben, aus\nden Fenstern drohend in einen unsichtbaren Wirbel hineingezogen Es verschlug\nnichts, daß ein Mars chlied aus den Tausenden von Kehlen klang. Melodiennetze\nweit ausspannte, drin sich der 1Vind, das Rieseln der Regenröhrem die dusnpfen\nGlockenintervalle von der Liebfrauenz Salvator- und Jakobskirche hemmungslos\nverfingen Was tät’s, daß die Nacht mit den feuchten schwarzen Bahrtücherki\nden Zziinmelsbogeii über den Zzäusern auslöschte. Die Straße schien zu wan-\ndern, wanderte wie das endlose Band eines Paternosterwerkes Aber es ivar\nnoch etwas. Es war ein Geruch da, den wir vorher nie empfunden hatten.\nVielleicht nie im Leben geschmeckt hatten. Nie in den großen Fellfpeicherir\nAntwerpens, in den Gerbereien an der Schelde, in den riesenhaften Sälen der\nSchuhfabriken Maastrichts Und doch war es der Geruch des Leders, der\nStiefel, die mit heißer Kraft die kantigest Steine wie Nägel in das Bett der\nStraße schlugen. »\nUnd was kann einem nicht alles der Mond sein, wenn er über die zackigeke\nGiebel reitet, die Vielfältigkeit der Architekturenvereinfachy das spülende\nGeräusch eines langsamer: uralten Wassers durch das Lzinaushorchende der\noskenen Fenster schlägt: Hier aber hing er kalt und unfeierlich in einem gelben\nGehügel von Wolken und runden Schornsteinem\nDas rhythmische Geschmetter der Marschtritte tönte hinauf bis zu seiner\nunkriegerischen Welt und zwang ihn aus dem verwunschenen Dasein in seine\nharte Helle: Stern.\nUnd als der Morgen ausging, war es keiner, der das Gold aus den\nFenstern in funkelnden Blöcken häimnertez keiner, der lange Schnüre von\n0palen, Korallen durch den Blau-Grund der Kanäle zog; keiner, der geschäftlich\ndurch die Milchwagen schelltez keiner, der der Amsel mit hellem Geschmetter\ndurch die Kehle spritzte.\nEs war eine Kette von Frauenhaar vor den Fenstern gespannt, ein Rudel\nvon Köpfen, die, kaum in die wieder sichtbar gewordene Erscheinung der Truppen\ngerückt, von Neuem überwältigt wurde.\nEin Gedanke zerpsiückte alle Geh-irrte: wessen Art ist der Meister, der\ndieses Gebilde erschaffen hatte, es wie ein Instrument meisten? Wo noch auf"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.5", "texte": "Erden wühlt der Orkan, diese Wassengewalt zu splittern, diesen stählernen\nStrom zu dåmmen?\nAls wir am dritten Tage vom Burgplatz durch den graublauen Bogen\nder Stadtkanzlei gingen, sahen wir auf dem Fischmarkt Ansammlungen von\njklenschem die, aus der Betäubung wieder erwacht, auf den Urzustand jenes\nwütenden Zzasses angelangt waren, der vor keiner Kugel, keinem Gehångtwerden\nzurückschreckta Es waren ausgepreßte Früchte von Menschen, die das Schicksal\nin den Schmutz der unteren Hafen geworfen hatte. Das Kainsmal hing ihnen\nin wüstverstråhiiten Haaren von den Stirnen herab. Mit der fürchterlichen\nZerlumptheit ihres Daseins klebten sie an den Bogengangen der Brücken, an\nden Laternen, an der schreienden ossenen Wand einer Schenke.\nDas weiße Licht des Tages nahm ihnen jede Maske. Sie fühlten das\nZzaltlose und Schorsige ihrer Epistenz und stellten das mit den Verzückungen\nvon Flagellanten breit in die erschreckten Mienen der Vorübergehenden. Die\nNacht aber kam zu ihnen wie ein Engel und stårkte sie; entzündete ihre Lüfte,\ngoß die Bitterkeiten aller Erden in ihr Blut und machte es rasen.\nEs war in den zwei letzten Wochen keine Nacht vergangen, die nicht das\nLeben eines preußischen Wachtpostens gefordert hatte. Man hatte sie gefunden,\nbårtige Landwehrniånner aus den Dörfern des Sauerlandes, den breiten Hecht-\nling bis zum Zzeft im Genick.\nDie Bürger und Geiseln der Stadt aber zitterten für ihre Zzallen mit\ndem Belfried, für das Johannishospital und den uralten moosgrünen Schlaf\nder Kanåle Fürchtetem daß die rote Glutfahne der Rache über das wunder-\nvolle Gegiebel knallen würde. i\nIn den Spiegeln ihrer Augen nistete die Angst, auf ihren Lippen stand\ndas grausige Getöse, das von Ypcrn herüberschalltr. Ihr ganzes Dasein siutete\nauf und nieder im Spiel des Gehirns: Nicht wissen, welche die nächste Stunde\ntvird, die graue, die sie heute zu sich herdachten, oder die andere, die helle, die\nvielleicht noch aus ihnen herausfiel vor ihrem nächsten Schritt. sz\nDie ganze Stadt war wie ein Gehn zu unerwünschten Zielen.\n\nPaul Zech\nz. Z. im Felde"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.7", "texte": "»Dunkel ist es in ineiner Hütte, i\nUnd das Schwesierchen weint,\nUnd niemand ist bei uns.\nAuf meines Vater Acker wächst\nGiftiges Kraut,\nUnd nach Brot ruft die Kleine.\nSage mir, Ohm, wo blieb mein Vater?«\n,,Weit, weit, mein Kind,\nWo die Blumen nicht blühn\nUnd die Bäume nicht wachsen,\nWo die Sonne kalt scheint\nUnd Eis und Stein stumm die Erde decken,\nLiegt im harten Boden dein Vater.\nSeine Ketten klirren im Sarg«\n,,Niemand ist bei uns, Ohm.\nSage, wo blieb mein Bruder?«\n,,Weit, weit, mein Kind,\nWo auf’s weite Meer . »\nGrell die Sonne scheint\nUnd die trübe Flut\nGelb von Glut und Schlamm,\nLiegt tief unten, tief\nIn dem gelben Schlamm\nDein Bruder« «\n»Niemand ist bei uns, Ghin.\nSage, wo blieb der Knabe,\nDer mit mir gespielt,\nDer sein Schätzchen mich\nUnd sein Tåubchen nannte I«"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.8", "texte": ",,Weit, weit, mein Kind,\nIn der Stadt von Stein,\nWo der Nebel Markt,\nWo der Kaiser wohnt,\nLiegt mit klassendem Kopf am Straßentand\nDei« Knabe«\n»Niemand ist bei uns, Ghin.\nSage, wo blieb meine Mutter?«\n,,Wo die Steppe grenzt an den Hkittenkteis\nUnd die Fichte steht mit dein breiten Ast,\nLiegt ailein im Grabe\nDein Müttetleiii\nSeit sie seibst den SttiE\nUm den Haig sich schlattgxf\n,,Niemand ist bei uns, Ghin,\nKein Brot in der Härte«\n»Warst, wart, mein Kind,\nWatte nur, stiIL\nEi« konnnt schon«\n»Auf wen soii ich ernsten, Ohne?\nWeis konnnt zu mit« ?« -\n»Der Tod, mein Kind, -—- , »\nDer Tod, hmein Kind, «—\nDei« Tod»\n\nBerta Last"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "353", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.9", "texte": "ch las heute, General French werde König Albert in\nVeurne besuchen, und vielleicht werde auch Präsident\nPoincarå in dieser äußersten Ecke Flanderns eintreffen.\nDiese Notiz interessiert mich, und ich halte es für mög-\nlich, daß einer der beiden Gåste in demselben Bett schlafen\nwird, das ich einmal während vierzehn Tagen benutzte\nEs sind erst ein paar Jahre her. Im April wurde ich\nungebårdig, die Kastanien blühten, im stådtischen Park\nstellte man die Orangenkübel vor dem weißen Hause mit den hohen Fenstern\nauf, und es wurde immer schwerer, mit Ieanne ehrbar zwischen ihnen zu gehen\nund sich dann zu trennen.\nDie junge Schönheit der Welt war mein Verbündeter, und Ende Monats\nwar Ieanne bereit, sich in den Frühling entführen zu lassen. Mit der Ver-\nwegenheit, die Frauen entwickeln, wenn sie sich einmal entschlossen haben,\nmachte sie es möglich, ihren Freund zu tressen, und es war der erste Mai, als\nwir nach Norden fuhren.\nMetz, Luxemburg, die Ardennen, Brüssel wäre hinreichend für einen Tag ge-\nwesen, aber das alles war noch nicht sicher genug, denn sie hatte die eine Bedingung\ngestellt, niemand dürfe uns sehen. TVir waren gut gelaunt, was machte es uns\naus, noch bis Brügge weiterzufahren? Auch das befriedigte sie noch nicht ganz —\naber nun blieb ich hartnåckig, ich wollte ihr doch die schöne tote Stadt zeigen.\nIch kannte sie nicht, aber der Glanz ihrer Wasserarme und darin das Bild\nder überhångendenBåume stand so stark vor mir, daß ich mich fast selbst betrog.\nDoch so fröhlich; wir am nächsten Morgen waren und so laut die Ainseln\nschlugen, wir waren von Brügge enttåuscht Die zzotels standen am Bahnhof,\nund um zu den Plåtzen zu gelangen, die einem zum Wohnen gefallen hätten,\nniußte man durch eine endlose Straße« mit kleinen Zzåusern gehen, deren\nGeschäfte alle den Angelsachen devot die Referenz machten.\nFort von hier trotz Memling und Michelangelo, jetzt fuhren wir aufs\nGeratewohl weiter und suchten, was uns gefiel. »\nUnd siehe da, es glückte sofort, mein Gefühl hatte mich nicht betrogen,\nals mich der Name Veurne verlockte. Im Baedecker stand nur, daß es da\nim Juli eine große Prozession gab, und bis dahin war es noch lange.\nWir kamen auf einen Platz, und dieser Platz war so, wie ich sie liebe,\ngroß, gepflastert, ohne Baum, ohne Denkmal, ohne Brunnen — ein Quadrat,\nauf allen Seiten von Håusern eingeschlossen, ganz der Sonne ausgesetzt\nAuf der einen Seite ein paar Estaminets, die über drei, vier Tischchen\nkleine Markisen ausgespannt hatten, gegenüber ein altes Haus, zu dem man\nauf einem Treppchen hinaufstiegz auf der dritten Seite ein mittelalterlicher\nTurm, plump und mit einem glotzenden Fensterauge in der Mitte — auf der\nvierten ein Rathaus, kaum größer als eine Villa, aber im reinsten hollåndischen\nRenaissancestiL eines der ersten, die gebaut wurden. Der Rest BacksteiUIJåuser"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "354", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.10", "texte": "mit siämischen Giebeln, und in einer Ecke unser-Gastl)au»s ,I das einzige, das in\nbetracht kam, und in ihm wieder, im ersten Stock, das einzige große Zimmer-«; mit\nweißen Holzdielen und drei Fenstern, die aufden Platz gingen. « Deswegen\nglaube ich auch, daß Herr French oder Herr Poincarå es beziehen, es bleibt\nihnen nichts anderes übrig. i\nWie Mister Frenchaussiehy weiß ich nicht genau, aber daß der Bourgeois-\npräsident nicht so gute Figur macht wie die schlanke Ieanne, wenn sie auf\ndie weißen Dielen sprang und die gelben Vorhänge zurückzog, um die Sonne\nhereinzulasseiy ist gewiß.\nTVenn wir beim Frühstück saßen, war die Kühle des dunkeln Speis es aales\nwunderschön, weil hinten im Hof blühende Bäume im goldnen Lichte standen. Vier\nFrauen waren in der Wirtschaft tätig, vier Schwestern, und an der Wand hing\neine gedruckte Familientafel, woraus zu sehen war, daß sie noch zwanzig Ge-\ns chwister hatten -— ein Vater hatte sie mit drei Frauen gezeugt im Lande Rubens’.\n. Aber am nächsten Morgen saß noch ein Gast an einem Seitentischchen\nEr hatte eine kleine Mappe vor sich, und Bauer trat auf Bauer ein, um eines\ndieser Papiere einzulösem es war Markttag, und der Fremde ein Makler.\nVom Markt draußen, den wir schon in der Nacht geahnt hatten, weil\nGerüste aufgeschlagen worden waren, will ich nur zweierlei berichten.\nEin großes Schaufenster war ausgeräumt worden und darin stand ein\nStuhl. Auf dem Stuhl nahm wiederum Bauer auf Bauer Platz und wurde\nrasiert; ein Gehilfe schlug indessen den Schaum für den nächsten. Waren die\nBauern fertig, so gingen sie hinaus und stellten sich um ein Paar, das zur\nDrehorgel eine Moritat im düstcren Balladenton sang. Jeder kaufte sich dann\ndas Blatt und nahm es nach Hause.\nAm Sonntag strömten die Turnvereine aus Flandcrn zusammen und gaben\nein Fest; wir sahen ihnen vom Fenster aus zu, und wieder muß ich an Poincarå\ndenken, denn es gibt ohne Zweifel eine Parade.\nWer hätte damals gedacht, daß Veurne Hauptstadt werden könne und\ndaß es Krieg gäbe? Aber wer von uns beiden hätte auch gedachtz daß ich ihn\nallein erleben würde? Ieanne ist tot und es bleibt nur die melancholische Er-\ninnerung, wie wir durch die kleinen Gassen gingen, deren verzauberte Stille\nnur am Samstag durch das Reinemachen unterbrochen wurde, und wie die\newigen Fangspiegel an den Spiegelfenstern uns so ärgerten, daß Ieanne ein-\nmal die Zunge herausstreckte, in der Annahme, hinter den dichten Gardinen\nsitze eine Alte, die sie damit entsetzen könne. -\nOder wie wir in einer japanisch winzigen Likörstubq einer unbeschreiblich\nsauberen Puppenstube aus Delfter Kacheln, unter lauter Figurinen den herr-\nlichsten und stärksten Kassee zu trinken pflegten; oder wie wir gegen Abend\nvom Spaziergang zurückkehrtem und dann die Stadt mit ihren Türmen zu-\nsammengedrängt in einer Landschaft von Grün lag, das so tief und üppig\nwar, daß es fast düster wirkte.\n\nOtto Flafe"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "356", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.12", "texte": "Karl von Eisenstein=Prag\nirren im Krieg. Unsere Division\nward abgelöst nach heißen Arbeitswochen.\nNun kommen Feiertageinach der Frost.\nDie Köche vor die Fronn Fertig zum Kochenl\nDurch einen breiten Fluß vom Feind getrennt,\nkommt unser braves, müdes Regiment\nhart an die Grenze in ein kleines Nest.\nZMtten im Krieg. Längst schlug die cseisterstutide\nund manche noch. Drei magere Kerzenflammen\nbeleuchten matt die kleine Tafelrunde\nder großen Zechergilde letzten Rest:\nDie Herren vom Landsturm, uralte Semester, .\ndie halten aus und fest und treu zusammen.\nDie Jungen schlichen längst schon in die Nester.\nMitten im Krieg. Die Kerzen brennen klein.\nDie Lieder klingen rauh. Der Wein geht aus.\nDa hebt das letzte Glas der Senior, s\nim letzten Flackerschein gelltsein Tenor,\nund wie aus einem Munde fällt der Chor g\nder ,,Alten Herren« vom Landsturm brausend ein:\n,,Burscheii heraus!«"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "357", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.13", "texte": "or dem Opfer des Lebens stcht größer und schöner da\ndas Opfer zu leben. Mit sublimem Stolz und ganzer\nDemut sich selbst erdulden, je mehr Widersinn und Wider-\nstreit in allem Lebendigen sich in den Nacken setzt. Das\nideale Opfer, leben und einsam sein, ohne sich zu beugen\nund dem Leben abzusagen, reinste Kraft und höchster\nSinn sind da, wo man das Opfer nicht ahnt, wo man\nes nicht fühlt, nicht wittert, wo es unverstanden bleibt\nund ungewürdigt, und wo es die andern nicht wollen, es nicht können, wollten\nsie es schon. Vor dem dauernden Einsatz des Lebens verschrumpft der nur\neinmalige Einsatz. Dieser ist nicht die Kostbarkeit des höchsipersönlichen noch\ndie Seltenheit des geistigen Opfers des Kopfes, der alle überragt. Wo er es\ndennoch zu sein scheint, da ist er in Absicht und Erfolg doch immer nur ver-\ntretbar, entfelbstet, ja entrechtet, wie mechanisiert Es ist nur die Erfüllung\neiner unvernünftigen aber unentbehrlichen Psiichy vom Krieg begehrt. Weil\naber des Wunderbaren unverwüstliche Wurzel stets bei dem leidenschaftlich\nEmpfundenen liegt, des Lebens Uebersinnlichkeit bei dem Todgeweil)ten, steigen\ndes Lebens Imponderabilien in die gewagteste aber verzeihlichfte Pyramide auf\nim Augenblick, da es abzubrechen hat. Der sein Leben opfert, will er nicht\ndurch das Begrenzte, das er ausgibt, in ein Unbegrenztes ausgehen? Gibt er\nnicht das Letzte hin, ein Ueberletztes zu ergattern? Aber es sind nur die Kranken\nim Geist, die Schwachen im Leben, die so ihre Beglaubigung außerhalb ihrer\nselbst suchen und das selbst noch im Tode. Das Opfer zu leben nach jenem\nSinn, das Zeitliche auf seinen zeitlosen Ausdruck zu bringen, ist nicht jedem\ngegeben. Das Opfer zu leben gibt ab an das Leben, zu dessen Ermittelung\nund Verwirklichung es sein eigenes, das einzelne vergänglich-s: Leben verbraucht.\nDas Opfer des Lebens ist die Verheißung auf dem Berge Horch: der alle\nverführende Ruf, sich über das Unbegreifliche, daß man zu sterben hat, hin-\nwegzul)eben, indem man im letzten Augenblick noch sein Leben durch den höchsten\nSinn bewertet, der dem einzelnen Leben überhaupt beigelegt werden kann,\nnämlich seine höchste Steigerung zu seinem Untergang, um die Idee des Lebens\nzu retten. Zzöchste Tvirklichkeit liegt in dieser Entwirklichung auf dem Sterbe-\nbett. In seinem Vergånglichsten fo fühlt sich der Mensch als Mensch von\ngefchichtlicher Gewalt. Nichts ist eigennütziger als das Opfer des Lebens, das\ndurch die Hingabe des einzelnen vergänglichen Lebens eine Eroberung des\newigen Lebens bezweckt. »\nEs ist ein dankbares zzeldentuim das Zzeldentum unsrer Tage, das obenan\nsteht im Herzen der Menschen, schon da es hinauszieht und ausholt zum ret-\ntenden Schlag, also lange bevor es in Kraft tritt und sich beweist. Es ist\ncis; bequemes Lzeldentum, abgemessen, befristet, das mit derselben sachlichen"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "358", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.14", "texte": "Unaufgeblasenheit sich feiner sselbst entledigt, mit der es in sein Amt tritt und\ndasselbe versieht. Das echte Heldentum, das Heldentum im Geist, ist des Helden\nQual und Parasit. Das Menschliche in seinen Zielen offenbaren, dasselbe in\nseinen Tiefen und Abgründen aufsuchem um die inenschliche Idee auf ihren\nzeitlosenAusdruck zu bringen, ist nicht augenblickliche Tragik, ist ewige Not.\nBuddha und Beethoven, die großen Liebhaber des Lebens, Nero und Napoleom\ndie großen Eroberer des Lebens, nur in einem solchen Höchstertrag des Daseins\nist die Einzigkeit des seltenen Heldentum, das dem Leben gegenübersteht, Auge\nin Auge, titanisch bewußt der Mystik des Unbegreiflichen seiner selbst und des\nChaotischen seiner traumhaften Abstürze. Unsrer im Zeichen bürgerlicher Ein-\nfriedung torkelnden Zeit, die im Frieden gerne auf eine anonyme Abwickelung\ndes Lebens sieht, ist in der Bedrohung ihres geordneten Bestandes ein Aus-\nder-Reihe-treten ebensowenig erwünscht. Sie bevorzugt den namenlosen Held,\nden Held der augenblicklichen Not. Ein Held, der ihr als ein solcher erscheint,\nist ihr viel kostbarer als einer, von dem sie nichts weiß und der ihr nicht\ndient. Darum kommt in die Geschichte der massenhaften Helden der Tag, an\ndem deren Kraft hinaufgetrieben und deren Maß verschoben werden, an dem\nder Dienst für die Dienenden an Wichtigkeit gewinnt, an dem diese zeitlichen\nHelden ihres Amtes und ihrer Würde- sich plötzlich bewußt werden. Die helden-\nhafte Luft, die jetzt über alle weht, ist dem Wachstum des geistigen Helden,\nder nicht unmittelbar seiner Zeit dient, nicht günstig. Es wird ein großes\nWirken dieser Helden in das Leben anheben inüssen, wollen sie nicht auch nachher\nentbehrlich, wollen sie weiterhin« nicht überflüssig bleiben. Schon scheint die\nGesamtheit zu beanspruchen, sich allein die sichtbare Gestalt desAusdruckes\nihrer selbst geben zu wollen. Das geschichtliche Bewußtsein ist zu sehr erhitzt.\nWo die Not alle zusammenschließt, fühlt ein jeder sich wert und berufen, die\nIdee, die er mit seinem Leben rettet, auch dann zu vertreten, wenn die Not\neinmal vorüber ist. Dann wird aber der Tempel der Gottheit für immer\ngeschlossen sein.\nDaß wir politisch so lange ohne Interesse sein konnten, das lag zum\ngrößten Teil an unsrer beschaulichen Art, das Leben hinzunehmen. Zum andern\nTeil mochte es an der Unfruchtbarkeit in unsrer Aburteilung der Politik ge-\nlegen haben als dem unwichtigen, weil nicht Kultur bedingenden oder Kultur\ndienenden Amt. Der rücksichtslose Eigensinn ihrer bisherigen Handhabung,\netwa in dem englischen Allseegeltungsanspruch war nicht dazu angelegt, uns\nüber den Dualismus von privater und staatlicher Moral hinwegzuhelfen, da\ngerade dem deutschen Wesen eine Scheidung zwischen intimem und sozialem Ich\nnicht lebendig ist. Die Zeit unsrer politischen Sterilitåt ist aber gewaltsam\nerstickt worden durch diesen Krieg. Evas der Politik nottut, höhere Formen\nzu schaffen für die Gemeinschaft menschlichen Lebens undIVirkens statt dessen,"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "360", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.16", "texte": "was sie bisher anstrebte, Machterwerb und Machtzuwachs, die Politik in edlere\nBahnen zu lenken, das liegt allein bei uns, bei unsrer Not und unsrer Kraft.\nPolitik hat nicht mehr dieselbe stationäre lzausmannskost zu sein, die stets nach\ngleichem Rezept kocht und von den andern mit derselben stupiden Bauernart\ngelösselt wird. Die Autorität im Sinn eines unerträglich gewordenenzzerrschaftæ\nanspruch ist nicht mehr und nichtdie gottgewollte Abhängigkeit, auch wenn\nBismarck sie zum Ueberdruß ausgesprochen hat. Ein neuer Geist ist da, den\ndie Not der Zeit aus der verstaubten Taufe hob, ein Geist, durch die Intelligenz\nhineinzutragen in das adelsherrliche und bourgeoise und merkantile Leben als\ndie sicherste Remedur gegen all die Gifte, durch die der Lebenssaft einer Rasse\nabgezapft zu werden droht. Gott nicht dienen ist ebensoviel wie« dienen gegen\nGott. Wir haben uns von müßigen Außenseitern des Tages in geschlossene\nTriebkräfte des Tages umzugestaltem In uns ist wach ein furchtbarer Protest\ngegen jene Ordnung der Welt, durch welche diese halb geknechtet und halb\ngeprellt wird. Das Reinemachen im politischen Augiasstall kann nur eine\nAufrüttelung aus tiefen menschlichen Rückhalten sein und unsere Worte nur\nHirtenbriefe an die geistigen Diözesen im Land, wachsam zu sein, daß die\ngegenwärtigen Herren der Situation sich nachher zu Dienern der Sache zu\nmachen verstehen. Wahrlich, es ist endgültig höchste Zeit, nicht weiter laborieren\nzu müssen an den Erbsünden dieser Zeit. die diesen: Krieg Vorschub geleistet,\nwem: nicht allein ihn verschuldet haben.\n\nOtto Schneider\n\nB. Reichenwallner\nhres leise» Schritts Getragenheit\nWar wie Ntohiifaft sånftigend und schmiegend,\nIhrer Lippen Lächeln erdenweitz\nWar erlösend und den Schmerz besiegend\nDemutreich geneigt dem unlustvoll\nStöhnenden in biutigen Verbånden\nGab sie Labung, und Genesung quoll\nSichtbar unter den Madonnenhåndein\nSchwüle Stunden wollen nicht vergehn.\nKaum ein Lufrzug will die Stirn erfrischem\nTäglich aber wuchsen, ungesehn\nBlumenstråuße auf den schmalen Tischem"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "361", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.17", "texte": "as Wort »Organifation« stand schon in Friedenszeiten hoch\nbei uns in 3El)ren. Man nahm es als Bezeichnung für\neine ausgesprochen deutsche Fähigkeit. Seit dem Aus-\nbruch des Krieges ist dann das Wort in vervielfachtcr\nHäufigkeit gebraucht worden. »Deutsch sein« und »orga-\nnisieren können« wurde und wird geradezu als dasselbe\nausgegeben. Der Deutsche erscheint heute als der »ge-\nborene Organifator« und in tausend Abwandlungen wird\ngeschildert, wie unsere besten Erfolge in der XVeIt auf das deutsche Talent\nder Organisation zurückgehem Nicht uns allein ist diese Gedankenverbindung:\n,,deutsch-organisatorisch« geläufig. In Studien und Reisetagebüchcrn auslän-\ndischer Beobachter kehrt ewig der Reim wieder: Deutschland das Land der\nOrganisation! Haldane in seiner Arbeit ,,Universjties and National Ljkeß\n1910 nennt das Deutschland des 19. Jahrhunderts »das vielleicht bemerkens-\nwerteste Beispiel der Organisation«. Zusammenfassend aber zitiere ich aus\neinem Aufsatze im ,,Berliner Tageblatte«, betitelt ,,Wirtschaftliche Kriegs-\nwirkungen«, folgende Sätze: »Was war denn, wirtschaftlich gesehen, das Große\nan diesem Kriege? Das Schlagwort dafür ist bald gefunden. Es lautet:\nOrganisation! Wohin wären wir gekommen, wenn wir nicht gelernt hätten,\nuns anzupassen, und wie hätte sich die Anpassung an die gänzlich veränderten\nVerhältnisse des Krieges ermöglichen lassen, wenn nicht die zerstreuten Kräfte!\norganisch zusammengefaßt worden wären?«\nAlle diese Beobachtungen sind unzweifelhaft richtig. Aber warum eigentlich\nbeschränken wir uns bei der Freude an unserem Organisationstalent immer\nauf die praktischenAngelegenheiten der Volkswirtschaft, der Mobilmaehung,\nder Lebensmittelversorgung der Umstellung unserer Industrie auf neue Absatz-\ngebiete? Damit nehmen wir den Begriff· der Organisation zu eng! ,,Organi-\nsation« spielt eine entscheidende Rolle auch im Geistesleben. Was gibt etwa\nBurckhardts kunsthistorischen Schriften ihre sichere Ueberlegenl)eit? Des Schrift-\nstellers Ehrgeiz und seine Begabung, den nämlichen Stoff, den ein anderer\ngleichgültig zusammenstellh zu gliedern, ihm Wurzeln, Stamm und Aeste zu\ngeben . . . ihn zu organisieren? Jede hervorragende Leistung eines Denkers\nund Forschers ist ein Erfolg der geistigen Organisation, unabhängig selbsts\nverständlich von der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Nation. Aber weil man\nden Deutschen im praktischen eine besondere Fähigkeit zur Organisation\nscheinbar neidlos zuerkennt, muß es von Interesse sein, zu untersuchen, wie es\num seine Organisationsfähigkeit im Geisti gen steht.\nDa ist zunächst von einer allgemeinen Anerkennung solcher Fähigkeit keine\nRede. Im Gegenteil! So fest für alle Beurteiler unserer Kultur die Tatsache\nsteht, daß der deutsche Eisenbahnverkehr sich in vollkominenster Pünktlichkeitz\nKlarheit· und Uebersichtlichkeit abspielt -—- noch fester steht für sie die andere\nTatsache, daß die Bücher deutscher Gelehrter unklar und unübersichtlich sind."}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "362", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.18", "texte": "Selbst ein Carlyle, der gewiß ehrlich bemüht war, deutschem Wesen gerecht\nzu werden, moquiert sich in feiner ,,Charakteristik des deutschen Professors\nTeufelsdröckh« (jetzt abgedruckt in Stieves »Unsere Feinde, wie sie die Deut-\nschen hassen« im Delphin-Verlag) über die Unfähigkeit des deutschen Professors,\nseine Erkenntnisse organisch vorzutragen. Gerühint werden seine Geduld als\nszpforscher, seine philosophische und selbst poetische Kraft, bedauert seine Weit-\nschweifigkeit und seine oft zur Abgeschmacktheit gesteigerte stilistische Ver«\nschrobenheit. »Von seinen Sätzen stehen vielleicht neun Zehntel gerade auf den\nBeinen, die übrigen kommen ganz ungehauen und ungestochen heraus, mit\nParenthesen und Gedankenstrichen durchsetzt, als bedürften sie derer als Stütze,\nund jedesmal schleppt irgend eine Luinperei als häßliches Anl)ängsel nach, ja\neinzelne fliehen sogar nach allen Seiten rettungslos auseinander, haltlos und\nohne Rückgrat«\nWir selbst führen seit langem als stehende Figur den Professor, der ewig\nvergeßlich ist, der dauernd Schirm und Gummischuhe stehen läßt — die deut-\nschen Witzblätter zehren noch heute zu einem großen Teile von seiner so er-\nschütternd koinischen Weltfren1dheit. Wir selbst sind also gewiß nicht ohne\nAnteil an der Schuld, wenn das Ausland die deutsche Gelehrsamkeit für so\nviel ärmer an Organisation hält, als die deutsche Praxis.\nDas höchste Gut geistiger Organisation ist die Kunst!\nIn allem, was Praxis angeht, sind wir uns unserer Organisations-\nfähigkeit mit Stolz bewußt. In der Wissenschaft lassen wir uns in einer\ngewissen Fahrlässigkeit noch immer den lvitzblatpprofessor gefallen und als\ntypisch aufreden, obgleich er es vielleicht niemals war. In der Kunst ist es\nvielen geradezu unheimlich, wenn mit dem Begriff des ,,Organischen« Ernst\ngemacht wird.\nDem Begriss des Organischen l)aftet etwas Zwingendes, Notwendiges, ja\nUnerbittliches an. Er ist das gerade Gegenteil zum Sentimentalem Träume-\nrischen. Von hier aus ist die instinktive Abneigung gegen die Verbindung der\nBegriffe Kunst und Organisation wohl zu verstehen. Wir haben eine Periode der\nKunst erlebt, die man ihrem tiefsten Wesen nach als zur Intimität neigend\ncharakterisieren muß. Die Beweise sind so bekannt, daß es kaum nötig ist,\nsie in der Länge zu wiederholen: Mangel einer Monumentalmalereh Psiege\nund Blüte des kleinen, intimen Galeriebildes, Tendenz, der Großstadts\narehitektur durch Giebelchen, Fachwerkchem Türmchen im Stile etwa eines\nGrunewalddxandhauses eine (in Wahrheit völlig sinnlose) Intimität zu\nsichern u. dgl. m. XVie man das überall im Laufe der Kunstentwicklung ver-\nfolgen kann, ging mit der Intimität Hand in Hand die Neigung zur Sentis\nmentalität und zum Naturalismus in der Kunst. Einem äußerlich parallelis\nsierenden Psychologismus könnte es freilich scheinen, als sei der künstlerische\nNaturalismus mit seinen Häßlichkeitskonsequenzen das Zeichen einer unsenti-\nmentalen Gesinnung s—- das Gegenteil trisst in Wahrheit zu. Jeder Natura-"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "363", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.19", "texte": "lismus ist s einemWes en nach sentimental —— und unmonumentaL Wer das\nvor dem gemalten Naturalismus eines Liebermann nicht bemerkt, wird es\naus dem gedichteten Naturalismus eines Hauptmann (!«zannele, Weber) ohne\nweiteres herausfühlem\nAls sentimental erwies sich die hinter uns liegende Kunstepoche auch in\nihrer oft verspotteten Denkmalswut\nVom Boden des impressionistischen Naturalismus aus ist es also ganz\nverständlich, wenn die Übertragung des Begrisses ,,Organisation« auf die\nKunst als unheimlich empfunden wird. »Impression« ——— in diesem Worte,\nwenn man es ernst genug auffaßt, steckt ja alles Erwähntc das Intime, das\nSentiinentale, und vor allem das Unorganischel Der Liebhaber des Iinpressionis-\nmus wird uns also fragen: Woher nimmst du das Recht, Kunst und Organi-\nsation in einen Topf zu werfen? Ihm erscheint die Kunst als das freie und\nstüssige Reagieren auf einen Reiz, als ein Einfangen köstlicher Eindrücke, als\netwas Schweifendes und Zigeunerhaftes\nIch nehme das Recht aus der schönsten und kraftvollsten Zeit der deutschen\nKunst, aus der Gotiki Wieso ist die deutsche Gotik organisatorisch? Keine\nandere Kunst ist so konsequent in« ihrem Aufbau wie sie. Die kleinste Figur\neiner Fiale ist an der gotischen Kathedrale gestaltet in Rücksicht auf die Idee\ndes ganzen Riesenwerkes, und noch der einzelnen Altarfigur, noch der zier-\nlichen Brunnenstatuette stecken ein paar entschlossener Apen in den Gliedern,\ndie eine geheime Verbindung schaffen zu den Lzäuserm zur Wölbung, zum Platze,\nzum Raume. Diese geheimen Aren machen jedes gotische lVerk zur Form.\nAn ihrer Festigkeit prallt jede Sentimentalität ab. Hier in der Gotik ist der\nFormungswille das prius, der Rhythmus ist von allem Anfang an mächtig.\nAn den Schwingungen dieses Rhythmus federt alles zurück, was nicht restlos\nin die Form auszugehen bereit ist, vor allem die »Stim1nusig«. So ist die\nGotik der ausgesprochene Gegensatz zu jedem Impressionisnius, zu aller Ein-\ndruckskunstl Sie ist nicht die Uinsetzung einer äußeren Anregung in eine Form,\ndie möglichst viel bewahren soll von der Stimmung der »impression«, sondern\nsie ist die Setzung einer selbständigen Form, die möglichst rein sein soll von\nallem Assoziativenl Während die naturalistischsimpressionistische Kunst stets\nAußenbeziehungen hat und zur Peripherie hinzieht, steht die Gotik klar und\ngroß im Zentrum. Von ihrem Willen erhält alles seinen Wert, sie ist eine\nKunst des Ausdrucks und ——— was nun nicht weiter befremdlich erscheinen\nkann —- eine Kunst gcistiger Organisation! Denn was anderes ist geistige\nOrganisation und Organisation überhaupt, als die Fähigkeit, von einem\nZentrum, einem Willen aus den Dingen ihren Wert und ihren Platz zu geben.\n’Wir haben also ganz gewiß das Recht, von deutscher Kunst als von\neiner Bewährung deutschen Organisationsgeistes zu sprechen, so unheimlich wie\ngesagt, dieser Gedanke auch erscheint, wenn man den Iinpressionismus für\ndas Schicksal der deutschen Kunst in Zeit und Ewigkeit annimmt. In unserre"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "364", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.20", "texte": "Betrachtungsweise erscheint der Impressionismus als eine Lockerung der künst-\nlerischen Kraft zur Organisation -—— und erscheinen, wie nicht verhehlt werden\ndarf, die Bilder, Bauten und Skulpturen der neuen Generation, eines Mart,\nMense, Taut, Kokoschka, Obrist, als der hochwillkommene Beginn, wieder\ngeistig organisch zu bilden.\nWas sich unter den verwirrenden Schlagworten Erpressionismus und\nKubismus als scheinbar nach dem Auslande orientiert darstellt, ist deutsch in\nfeinem innersten Wesen, wenn man auch gemeinhin das Gegenteil behauptet.\nInternational war seinem Wesen nach der Impres s ionismus. Sein\nwichtigstes Organ war ja die Netzhaut. Ihm gegenüber bringt der Er«\npressionismus eine Stärkung des nationalen Elementes in der Kunst, da er\naufgebaut ist auf dem Willen und der Phantasie. Ein Aufnahme-Apparat\nwie die Netzhaut ist unabhängig von Zeit und Raum, eine Kunst, die wie der\nErpressionisntus den Willen und die Phantasie in den Mittelpunkt stellt, ist\nnotwendig dem Nationalen eng verknüpft! Heute, bei der allgemeinen, be-\ndauerlichen Antipathie gegen die neue Kunst, mag das noch als gewagte Be-\nhauptung wirken, in einigen Jahren wird es allen sichtbar sein. Denn dieser-T\nKrieg ist das Ende des Impressionisntus, der mit dem Kriege von 1870J71\nseine Laufbahn durch Europa begann. «\n\nDr. Adolf Behne"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.22", "texte": "Tagebuch des Kritikers\n\nF.\nWilhelm Klemm, Gloriai Kriegs-\ngedichteausdemFeld.Zzolzfchnitte\nvon W. Klemm (Albert Langen,\nMünch en). Daß der Rriegsdieiist Einem die\nKraft läßt feiner gewiß zu bleiben, und daß die\nBewußtheit f o viel hellen Drang bewahrt, sich\nnochmals zu verdoppeln in die Macht des Werks,\nder Spiegelung, der litterarifcheii Tat, dies er—\nscheint mir ein außer-gewöhnlicher Fall. Damit\nist man bei Walter Klemm. Im Gegensatz« zu\nLiliencron, der die zeitliche Entfernung nötig\nhatte und zu Körner, der, als er zu sterben\nwähnte, mit der Einbilduiigskisaft feine Sach-\nlage noch umdeutete, wird Klemm ganz und gar\ngleichzeitig mit dem Geschehen auch dessen Seher,\nohne Fålfchung, ohne Umordnung ins Künst-\nliche, ohne Poetifchkeiu Er handelt, lebt, stirbt\nzweimal. Das Dichten bei ihm ist das Mittel,\nwomit vor sich selber das Ich sich besser be—\nhauptet als sowohl vollständiger untergehn\nDas Formale ift sehr stark. Der Stil, in dem\ndieser Krieg sich arspiettz finde: hier eudiich\nseine wahrhafte Umprägting ins Wort und in\ndie gedruckte Wirkung. Wobei auf alle die nahe—\nliegenden Akzente des Grauens, der menschlichen\nWehrlosigkeitz der auch feelifchen Verwüstung\nverzichtet wird. Das Gegenteil: Verherrlichung,\nSoldatenlufd Forfche ——--auch derlei Eifer blieb\naußerhalb. Sondern ans Herz greifend isi wes ent-\nlich die technifche Bändigung, das Belebtfein\nder Stropheii mit Kürze, Deutlichkeiy ges artig—\ntem Können. Hat Klemm für die Mannhaftig-\nkeit seines künstleisifcheri Willens vor dem Feind\ndas ihm gebührender eiserne Kreuz erhalten?\n\nEmile Verhaercn, L; Belgique\nsanglante (Nouvelle Revue Fran-\n5 a i s e). Für E. Verhaereii mußte auch ein Buch\ngegen Deutschlaiid zur Dichtung werden. Hier\ngreifen wir sie, die Ungemeine Sagengröße , in\ns olche Wut und Haß der Gegner uns erhebt. Die\n»Organisation«, die deutsche ,,Kultiir«, — der\ndeutsche »Schulmann«, die Kunst von Berlin\nund München, der Kaiser, die Legenden von\nden belgischen Greueln r—- alles erhält gesteigerten\nZusammenhang und die Mittel des Spottes,\nder Verzerrung, des Widerlegens, mit denen der\nGegner arbeitet, machen diese Einheit unseres\nAuftretens für uns erst ganz erslchtlich und um\nso ehrwürdiger. Nichts in diesem Buche ist\nzutressend —— aber Verhaeren, welcher elende\nZeitungsiiaclzrichteii als seine Zeugen heranzieht,\nbeseelt den Zeitungsbericht unwillkürlich und\nmacht ihn zum geistigen Faktum. Das Faktum,\ndurchädert von den Energien der Verhaerens\nschen Schreibweise, lebt; es ist, für den Augen—\nblick des Lesens, geschehen gewesen, bis in alle\nEwigkeit rreignet es sich nun weiter. Die Wirk-\nlichkeit kann dagegen nicht an. Denn sie ver-\nstarb ja mit dem Schlage, der sie gebar. Das\nBuch bleibt. Die große, irre geleitete Inbrunst\ndes Dichters bleibt. Sein Herzschlag, sein von\nnichtgescheheiienAiifregungen beschleunigterserzs\nschlag phantasiert und wird in anderen Herzen\nsein Echo haben. Dies is: die Macht des Geistigerk\nDas Geistige saugt seine Säfte so gut aus der\nLüge wie mis dem Vertrauen. Es überwächst\nden Menschen. Es diktiert dem Dichter Ver—\nhaeren, den wir trotz dieses Buches zu verehren\nhaben, folgendes ergreifende Vorwort:\n»Der Mann, welcher dieses Buch verfaßte, worin\nsich deutlich genug der Haß kündigt, war ehedem\nein glühender Friedensfreiind. Er bewunderte\ndie Völker; einige, vor anderen, liebte er. Hier—\nunter zählte Deutschland.\nWar dieses Voll? nicht arbeits am, Unternehmungs-\nlustig, wagemutig, sonderbar und im Innern\ngeordneter als andere Völker? Bot es denen,\ndie als Besucher zu ihm kamen, nicht den Anblick\neiner in tiefer Kraft wurzelndeii Sicherheit?\nRichteteii sich seine Augen nicht glühender und\nentschlosseiier als die der anderen ins Zukünftige?"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "367", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.23", "texte": "Da brach der Krieg an.\nUnd plötzlich erschien Deutschland wie ver—\nwandelt. Seine Stärke war wild, maßlos,\nsündig. Sein ganzer Stolz ging dahin, eine\nwohlbedachte Gewaltherisschaft zu errichten. Es\nward zur Geißel, gegen die man sich verteidigen\nmuß, damit das hochsisiiiige Leben auf Erden\nnicht unter-gehe.\nFür den Verfasser dieses Buchs war keine Ent-\ntäuschuiig größer und unvorhergeseheiier als\ndiese. Sie traf ihn so sehr, daß er seines früheren\nSelbst ungewiß zu werden begann.\nUnd iveil heute in diesem Zustande des Hasses,\nder ihn umfängt, ihm seine Bewußtheit wie\ngetrübt vorkommt, so widmet er die nachfolgen-\nden Seiten, voll Erschiitteriiiig dem Manne,\nder er vormals wenn«\n\nM.\n\nM.\nArturåzolitschem InEngland,Ost-s\nPreußen, Südösterreich (S.Fischer.)\nDie Technik, mit der dies Buch gemacht ist,\nkommt aus der Freilichtschiile Es handelt sich\nalso darum, die Gegenstände in Licht zu tauchen,\nBewegung im Fluge aufzufangen, Gesicht und\nLinie und Ding in die eindimeiisionale klare\nFläche einer verwirrenden Schaufülle zu bringen.\nDieses Verfahren, das vom Auge dirigiert wird,\nbeherrscht Holitscher heute wie wenige. Das\nGewühl um die Nelsoiisäule zu London am\nTage wo der Krieg eine beschlossene Sache ist,\ndieses Gedränge von Staub, Lärm, entfesselten\nMenschengesichterii malt er mit einer Bravouiy\ndie den entzückepi muß, der in der treffenden\nWiedergabe des Realen Aufgabe und Ziel des\nKünstlers sieht. Die persönliche Denkweise\nHolitschers drängt sich hie und da mit einem\nphilophischen Urteil herein, welches dem Stoff-\nlichen eine Art Abrundung geben möchte, die\ndasselbe aber garnicht bedarf, weil die Gestaltung\nselber so kräftig arbeitet und das Thema durch\nsie vollständig bewältigt, oder besser: erledigt\nwird. In diesem »Erledigen« —- auch eine Teich—\nlandschaft von Sisleys Pinsel gemalt, ist hier—\nmit »erledigt« —- liegt, was das icneiidliche Aus—\nsagen des Expressionismiis von diesem auf um—\nrisseiie Anfchaulichkeit gestellten Impressioniss\nmus unterscheidet.\n\nF.\nEmil Ludwig: Die Fahrten der\nEmden und der Ayefhm (S.Fischer.)\nWas v. Mücke, die Offiziere und die Matroseii\nHerrn E. Ludwig erzählt haben, mag ohne den\nSchatteii eineruiiwahrheit wiedergegeben sein.\nSie erzählten wenig genug; es sind worrkarge\nBedenke; wie soll man da Irrtiimliches auf—\nschreiveii? Trotzdem ges chah’-3. Es geschah, weil\nHerr E. Ludwig durchaus ein Thema persön-\nlicher Urteile, Einstellungeiy Psychologismeii aus\ndem so Schlichrsczegebepieii machen wollte. Nun\nwird alles schief, sentimentah romanhaft; und\nmehr als von seinen Helden wird man des Ver—\nfassers gewal)r, der ihr Gegenfüßler, d. i. ein\nMenscheipfchmarotzender Literat ist.\n\nTheodor Däublem Der sternhelle\nWeg.(6ellerauer-Verlag.)xei»yalbes\nJahr vor diesem Bande erschien das Gedicht—\nbuch ,,Hesperien«, wieder ein halbes Ial)r vor—\nher die Prosastücke ,,wir wollen nicht verweilen«\nAlle drei im Krieg herausgebrachteii Bücher haben\ntrotzdem nichts mit diesem gemein. Kein Hin—\nweis erinnert daran. Auch ohne ihn wären sie\nerschienen. Und daß es das gibt, daß ein Kimstler\nnicht von der Zeit abgedräiigty von ihr ver-\nkriippelt oder je nachdem ,,befruchtet«wird, diese\nJenseitigkeit, dieses bedingungslose Schopfew\ntum an Däubler zu sehen, ist, wie sehr! be-\nglitt-Feind.\nWer er ift, müßte, denke ich, dieses jiingste Buch\nendlich für alle feststellen. Leichter als sonst\nmachen es hier die Gegenstände, sich einzulesen.\nDie drei Sonette von den ,,Bäumen«, die Ge-\ndichte »Herbst« oder ,,Herlkunft« oder ,,Erklärung«\nsind zugänglich wie nur ähnliches vom alten\nUhland oder Nikolaus Lettau. Schlägt also\ndie Stunde, wo Däublers Name als ein Los rings—\nWort, eine Richtung, ein Protest endlich den\nOffizielleii geläufig wird ? «Uch, nicht unpasseiider\nkonnte er den Augenblick wählen. Denn wer\nbemerkt, will es heute bemerken, daß hier ein\nebenso wichtiges vorgeht wie an den geographi—\nschen, Schützen graben-gest?llteiiRänderii Deutsch—\nlands? Sie glauben ja bloß den patriotischen\nReimeschmiedciy sie glauben dem »Mäniier«stand-\nPunkt, sie glauben denen, für die unweigerlich\nsich Vaterland und Feuilletoii ergänzt. Selbige\nsind die Helden — jene anderen benehmen sich\nwürdelos Die Sieger werden freilich gerade\ndiese Würdelosesi sein. Weil der Krieg in ihrem\nDienste handelt. Weil der Krieg, nur mit anderen\nMitteln, die europäische Sensibilität zu ihren\nGunsten umpsiiigr. -Weil zwischen dem neu—\nförmigen Schaffen und diesem Naturereignis\ndie handgreiflichste kulturelle Verkettung besteht."}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191509-01.1.24", "texte": "Mögen die Zeichen sich mehren! Mögen alle,\ndie als Verleger und Zeitnngsheraiisgeber ihr\nVertrauen und il)re Geldmittel ficr die Neue\nKunst daran-setzten, durchhaltepk Möge Däuvler\ns einenGedichtbiccherii tunlichst bald den geplanten\ntheoretischen Handweis er nachs enden. Und mögen\ndie, welche es angeln, sich endlich zu einer fest·\ngefügtcii Mach: zusammenfchließeiri\n\nF.\n\nH.\nGottfried· Benm Die Eroberung.\n(Weißc B IckttctJ Heft Nr.8.) Die un·\ngewöhnliche Diktion dieser sechs Prosaseiten\nzwingt nachdriicklichst auf sie hinzuweisen. Es\nist eine Diktion, die nicht abgesondert und wie\nein Ergebnis dasteht sondern noch im fertigen\nSein ein Erzeugem ein Sichentschüttesk ein\nweiter wandelndes Tun vollzieht. Der Schrei—\nbende erlöst sich nicht. Er stisebt nicht, sich gegen—\nüber zu treten. Er zieht keinen Strich zwischen\nden gehabten Vorfall und die Abschilderung\nDer Aktus umgreift ihn ganz. Der ganze Mensch\nstiilpt sich hinaus ins Erlebbare, ins Aufzuzeiciy\nnende und man meiß nicht, ob dies einen Unter—\ngang der Jchheit oder ihre Festigung herbeiführt.\nAber vielleicht muß überhaupt dem neuen Schrifv\nsteller gegenüber vom alten Umstande eines starren\nIchs abgesehen werden. Die Seelenkuiide hat\ndas Ich, seit Taiiie und Riboh bis nieder in die\nkörperlichwererbte Fesistellbarkeiy aufgegeben.\nSchon verstichte z. B. M aeterliiick die neue Auf—\nfassung in die Kunst einzuführen; doch siegte\nüber das neue Gefühl noch das bislang herr-\nschende Formgesetz; seine s piritualeii Einakter\nsind letzte Spiegelungeii des früheren, des s cho-\nlastischen Weltbilds.\nBenns ,,Eroberung« hat das Jchproblem in seiner\nneuen sormulieisuiig selbst zum Gegenstande. Was\nhier aufgegrisseiy zerlegt und für die Zukunft\nVorbildlich gemacht ist, das kann ein Blinder\ngreifen. Darüber zu reden erlassen wir uns.\nMerkwürdigeiz wie gesagt, ist die Diktion, diese\nauszischeisdq verstromeiidh gurgelnde Diktiom\ndie seit Heym in der Lyriib seit Heinrich Mann in\nder Pros a ihre noch halb suchenden Schifitte tut.\nDas Ich, das neu sich ansieht, muß auch not—\nwendig neu sich aussageiu Es kann nicht mehr\nden alten Syllogismus, die alte Trope, den\nganzen alten Gedankenapisarat causaler Reihen—\nbildung benutzen; dieses klassische, s einer Plasti-\nzität gewisse Ich ist zerfallen wie ein nicht mehr\nbesuchter Tempel. Herein witterte Welt aus Nord\nund Süd. Herein witterte Glut noch unerkaltetesss\nErdtiefc Das Ich ,,im Schauer s einer Haut, Lin«\nSprunge seiner Glieder, im Trunk der Augen,\nin seines Ohres Rausch: als der Blüten eine,\ndas Ich, als der Tiere Beischlafs unter einem\nHimmel, unter einer Nacht . . .« »\nSo blinzelt bei G. Beim das Wort wie aus einem\nGewimmel von Schöpferlust; es erwächst! niaii\nmitlebt den Zustand, aus dem es sich zum Tage\nhebt; der Zustand sättigt es; es umklammert\nihn wie Wurzelwerk von Schlingpflaiizeii den\nTeichschlamm. Diesen Zustand kann man ruiidum\nbetrachten; er zuckt; er istnicht still, er hat nicht\nnur eine Vorderseite Er reißt die Betrachtung\nzu sich mitten hinein, treibt sie inwendig im Kreise,\nnach oben und unten. Die Betrachtung wird eins\nmit dem Zustande; beide werde-n eins mit dem\ns chopseris chen Ich des Dichters, und dieses, das\nfür sich nicht existierende, vervielfältigt sich, ver—\nvielfältigt uns in Welt, Gesichh Zusammenheit\ndes Entlegesistem Was die Vorläufer der treuen\nKunst, Sus o, Nkechthild Böhme nur im Um—\nkreise des christlichesi Dogmas verwirklichtein\nwird bei Beim, Schickele, Becher u. a. das ständige\nPrinzip des Schreibens: Sie vertropfeii in alle\nKreatur, Idee und erwünschte Fremdnis ihr\nliebendes Blut.\n\nBemerkung der Schriftleitung\nDie nächste Nummer (die erste des neuen Iahrganges) wird das Zeit-Echo innerlich\nverändert zeigen. Freunde und Gegner werden bald sehen: XVarum und Wie.\nFür die Schriftleitung verantwortlich zeichnet von da an:\nHans Siemsen, Lichterfeldq Sternstraße 25.\nAls Herausgeber nach wie vor Otto Haas-Z·,eye.\n\nHerausgeber und verantwortlich für die Redaktion\nOtto Haas-Heye\nBerlin J Pariser Platz 7\nFür unverlangte Einfendungen keine Gewähr.\nIn Gsterreich für die Redaktion verantwortlich Hugo Zzelley Wien, l,\nBauernmarkt 3"}]}