{"numero_id": "bm-bmtnabb-1915-11-01", "volume": "bmtnabb_1915-11_01", "ocr_sha256": "11e6c9752d43762ca4d7cc6dadf481ccff6975ade35bdc921a6981a7988fd811", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1915/11_01/bmtnabb_1915-11_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1915/11_01/bmtnabb_1915-11_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1915-11-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-11_01#c002", "volume": "bmtnabb_1915-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "16", "page_fin": "16", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.2.2", "titre_corps": "Inbalt:", "titre_sommaire": "Inbalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.2", "debut_caractere": 23, "fin_caractere_exclue": 456, "texte": "Inbalt:\nstatt; Blei X Charles Päguyf X\nWolke: Haienclever - Gedicht an Jrma\nDeo Zeknknger X Stralienlcehrer X Originalissteindrnklc\nPaul Zechker X Der wirkliche Krieg\nWalkek Bangekket X Jrrenhans X Origiuaksteindrukk\ne Kajimir Edjkhmid X Rudi siephaus MPO\nCharlotte Schallert X Des: Vater im Zeche\nAtmie Offkerdknger X Modebild I X Originaksteindruklc\nStoffen und Kritilcen\nEinzelheft Mk. 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Bei uns if! dieser grobe und un-\nerjetzliche Verlust Frankreichs fast un-\nbemerkt geblieben.\nEs sind vier, die das Herz Frankreichs hüten: Claudel feiert\nes in hohen Messen, Jammes skhmiiclct es singend mit Blumen-\nkrönzen, Suares, Stabtröger und Herold, kiindet es, Pegug aber\nschirmt es mit Schild und Lanze. Gs sind drei nur mehr: Peguy\nfiel in diesem Kriege.\nDie vier sind Lateiner und Katholikem und das heißt:\nnationale Franzosen. Lateiner, wie Peguy dem Worte den\nSinn gab: »Der Räuber und der Hirt, die diese Sprache schmie-\ndeten, wußten nicht, siir welchen Gott sie diese Arbeit taten. Als\nsie ver-irae, die Wahrheit, sagten, als sie vita., das Leben, sagten,\nals sie erux, das Aiarterholz sagten, wußten sie nicht und glaub-«—-\nten Vertumnus und Pomona zu dienen und diesen lateiniskhen\nGöttern, die gröber, samiliörer, dauern« und arbeiterhastey dunk-\nler und kleiner, aber auch böser und tiickiskher waren als die jun-\ngen, schönen griechischen Manngötten Sie wußten nicht, daß sie\ndem Gotte dienten, der kam, und daß Rom eines Tages römisrh sein\nwürde« Und Katholikem »Man ist dreimal in Ägypten gewesen,\nund es ist dies ein merkwiirdiges Land. Und einmal war es Joseph,\nder Jakob führte, das heißt Israel. Und. einmal war es Joseph, der\nJesus hinsiihrte Und einmal war es der« Heilige Ludwig, der\nJoinville hinsiihrte und mancherlei Volk Frankreichs und die andern\nfranzösischen Barone . . J« Oder: ,,0 mon peuple Trauer-vie, dit\nDieu, tu es le seul qui ne fasses p0int des e0ntorsi0ns, et dans\nton peelhe meme tu kais meins de eontorsions que les autres\nn’en font dans leurs exereiees Quand tu pries agenouille,\ntu as le buste droit, et les jambes bien jointes, bien droites au\nras du Sol, et les deux regards des deux yieux bien parallele-\nment montants droit au eiel. O seul peuple qui regardes en\nkaee, et qui regardes en kace la. kortune et Pepreuve et le\npeehe meme Peuple, le seul qui pries et le seul qui\npleures sans eontorsions.««\n» Von den Vieren ist Claudel der kirrhlikhste, Jammes der\nnawste, Suares der geistigste, Peguy aber der strengste und\nbumanste Katholik Und auch der fröhlichste Was er von der"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2655, "texte": "Vulgata sagte, daß sie ,,une chose dure et tauche« sei, das ist auch\nsein Glauben, und das istseine Rede, in der er ihn ausdrückt.\nSeine Prosa hat ,,eette noble shardiesse latine«, in der er sich die\nGvangelien übersetzt dachte; gute runde Worte, wie sie etwa die\nWeinbauern der Loire haben, liebte er, der selber bäurisch war und\nohne alle Finessen. llber das hinaus, was er als Kind aus dem klei-\nnen Katechismus der Diäzüse von Orleans über seinen Glauben er-\nfahren, hat er diesen nie weder ,,erweitert« noch ,,vertieft«. Der\nKatechismus genügte diesem ganz Untheologischen völlig, denn er\nwar ein im Blute Gläubiger, das heißt einfach, herzlich und streng.\n»Ich kenne den Menschen, sagte Gott, ich hab ihn ja gemacht, und\nist ein drolliges Wesen. Denn in ihm spielt diese Freiheit, welche\ndas Geheimnis der Geheimnisse ist. Wenn man ihn zu nehmen ver-\nsteht, läßt sich viel mit ihm anfangen. Ich weiß ihn zu nehmen.\nGs ist mein Geschäft. Und diese Freiheit ist ja meine Schöpfung . ..\nGr hat viel Glauben und Barmherzigkeit. Was man nur nicht von\nihm erlangen kann, das ist, Herrgottnocheinmah ein bißchen Hofs-\nnung, ein bißchen Vertrauen, ein bißchen Hingabe in meine Hände,\nein bißchen Rast. Ja, du, meine Tochter Nacht, dir gelingt es\nmanchmal, du erreichst das manchmal von diesem rebellischen Men-\nschen, daß er zustimmt, sich mir ein bißchen überläßt, ein bißchen auf\nseinem Ruhebett sein schmerzendes Herz loser macht . . .«\nWie so vielen der besten Franzosen wurde die Dregfuß-Affäre\nauch für Pågug zur großen Krise Als er sah, daß man sich um die\nGerechtigkeit überall nur kümmerte, soweit sie in ein Parteiinteresse\nspielte, zog er sich aus diesem Spiele zurück und gab die Cahiers\nde la Quinzaine heraus, deren erstes Heft im Februar 1900 er-\nschien. Shre bis zum Tode Peguys ununterbrochene Reihe enthält\ndie bedeutendsten Kundgebungem politische, moralische, ästhetische,\ndes wirklichen Frankreich, welches weder das der Kammern noch\nder Zeitungen ist. Die Cahiers hatten kein Programm und waren\nkeine Partei; jedes der Hefte war eine ganz unabhängige Publi-\nkation eines Verfassers. »Es ist seit Beginn dieser Hefte eine\nabsolute Regel, unser Prinzip und das fundamentale Statut, und\nwie ich denke, das Beste an unserer raison d’etre, daß der Ber-\nfasser frei in seinem Hefte ist und ich nur dazu da bin, die zeitliche\nHerrschaft dieser Freiheit zu sichern« Aber es gab doch ein Band,\ndas die oft sehr Berschiedenen einigte: die vollkommene geistige\nRechtlichkeit. Sagen, was man weiß, und nichts mehr; und dies\nsein Werk verrichten, so gut man kann, mit handwerklicher Liebe;\nunbekümmert um Karriere, Freunde, Rücksichten die erkannte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2519, "texte": "Wahrheit sagen, wie man sie weiss. Peguy verlangte das nicht\netwa von seinen Freunden und Helfern, sondern. es ergab sich von\nselbst aus der vollkommenen Reinheit seines· Wesens, der Unbe-\nkiimmertheit seines Herzens und der Armut, Ia, der herrlichen Ar-\nmut seiner Lebensführung. Er schrieb 1907: »,«,Als» Mitarbeiter der\nHefte verlange ich fiir meine Werke und Aufsatze diese ganze geistige\nund zeitliche Freiheit, die ich allen unsern Mitarbeitern» versichere\nAber als Herausgeber der Hefte will ich sie nicht in meine person-\nlichen Streitigkeiten hineinziehen, ni dans eet approfondissement\nde man etre religieux auquel il est evident que je procede\ndepuis plusieurs annees avec une severire croissante.« Die\nEahiers verschlossen sich dem Ungliiubigen nicht, wenn der Unglaube\neine ehrliche leidenschaftliche Wahrheit war. Von der Armut aber\nnoch einiges.\nAls ich vor etwa sieben Jahren Pegug in dem kahlen Zimmer\nder tue: de la sorbonne besuchte, trug ich eine alte Ausgabe der\nömitatio bei mir, die ich am Quai Voltaire fiir sechs Sous erstanden\nhatte. Und der anwesende Franczois Porche sprach aus, was Peguy\ndachte, als er sagte, dasz allein die Armut auf Erden die wahre\nRachfolge Christi sei, die Armut als eine Konzeption des Uni-\nversums. Man mufz dazu eine der schönsten und tiefsten Schriften\nPegugs lesen: Eise. Da heiszt es: ,,Eva war ein armes Weib, das\nviele Kinder begraben hatte und gezwungen war, Feuer zu machen,\nwenn es kalt wurde, und gezwungen war, die Lampe anzuziinden,\num zu sehen«: und dies war ihr Fall, ihre Strafe, und ist unser Fall\nund unsere Strafe, das; wir gezwungen sind, immer und ewig unsere\nHauswirtschaft zu machen und sogar die Wirtschaft unserer Seele.\n»Es: oe n’est point cketre de criminels de marque, des criminels\npour poetes romantiques, c’est d’etre des peoheurs et meine\nde petits pecheuxs.« —- Die Armut hat ihren göttlichen Purpur-··\nmantel verloren —- wiirfelt man nicht um ihn? Sie ist heute nichts\nals eine soziale Ungerechtigkeit und ein wirtschaftliches Phiinomen\nDer Arme schämt sich ihrer, er verbirgt sie oder er rebelliert gegen\nsie. »Die Armut heiligt nicht mehr, ja sie ist nicht einmal mehr\npoetisch. Der Reichtum hat sie falsch gemacht.\nDer Arme Pegug schenkte seiner geliebten Erde, was er\nhatte: sein Herz, seine Kunst. Nun hat er ihr auch, ohne um\nRechtens zu hadern, sein Leben gegeben, dem diese Zeilen nur ein\nInzmemoriam sein sollen. Denn um Peguy ist die geistige Ge-\nlkbichte Frankreichs in den letzten zwanzig Jahren zu schreiben.\n\nFranz Blei"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-11-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-11_01#c004", "volume": "bmtnabb_1915-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "20", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.2.4", "titre_corps": "streift ein Wind deiner siifze Saum,", "titre_sommaire": "streift ein Wind deiner siifze Saum,", "signature_source": "Walter Hajenclever", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 272, "texte": "Walter Hajenclever\nstreift ein Wind deiner siifze Saum,\nfallen Blumen nieder in der Nacht;\nlölkhen die Feuer im Raum\nan den Ufern der Schlacht.\nüber allen Berlajjenen schwebt\nAntlitz der Mutter fern;\nund die Liebe des Herzens lebt\nvom Grabe der Toten bis zum ersten Stern."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1915-11-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabb_1915-11_01#c005", "volume": "bmtnabb_1915-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "23", "page_fin": "24", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.2.5", "titre_corps": "Ereignisse daheim und draus-en erlebt werden, sind völlig verschieden.", "titre_sommaire": "Ereignisse daheim und draus-en erlebt werden, sind völlig verschieden.", "signature_source": "Paul sachter (3. Z. eille", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2263, "texte": "Ereignisse daheim und draus-en erlebt werden, sind völlig verschieden.\nZiir die Zuschauer im Lande wirkt die räumliche Entfernung vom\nKriege bei der Betrachtung ganz ähnlich, wie der zeitliche Abstand\nin der Geschichte. Die Schlachten, die an den Zronten geschlagen\nwerden, das Leben, das die Menschen drauf-en führen, alles be-\nkommt fiir die daheim, weil das Geschehen sich weit weg abspielt,\nsogleich etwas Legendäres, etwas von dem Glanz und der liber-\nhöhtheit weltgeschichtlicher Taten. Das Einzelne in seiner kleinen\nWirklichkeit geht unter in dem grossen Bilde mit seiner höheren,\nschon zusammengefafzt erschauten und vereinfachten Realität\nDer handelnde und leidende Mensch drauszen hat diese Distanz\nnicht. Der heroische Glanz, der im Lande iiber den Worten Krieg\nund Schlacht liegt, fehlt fiir ihn, weil er nicht nur geistig, sondern\nvor allem und in erster Linie körperlich beteiligt ist. Was e r vom\nKrieg erlebt, ist die härtere Wirklichkeit, ohne geistige Steigerung.\nGesteigert wird nur (im Momente der Gefahr, des Ansturms) das\neigene Handlungsgefiihl — solange die Nerven nicht stumpf ge-\nworden sind. Die Empfindung der körperlichen Anstrengung, des\nkörperlichen Eingespanntseins in den harten Organismus der\nKriegsmaschine nimmt den Dingen jede Romantils Und es ist\nsehr wunderlich zu sehen, wie später Herausgekommene diesen\nKontrast sehr deutlich empfinden, fast erstaunt sind iiber die plötz-\nliche sachliche Nähe und Gegenwart all der Dinge und Gefahren,\ndie bisher vom Glanz der Kriegsberichte umleukhtet fern vor ihnen\ngestanden hatten und jetzt auf einmal hart und riicksikhtslos da\nsind. Der Krieg drauf-en widerspricht ihrem bisherigen Bilde von\nseinem Wesen -— und sie rächen sich fiir die Arbeit, die die Auf«\nlösung dieses Widerspruchs ihnen bereitet, damit, daf- sie nur ihn\nals den wirklichen Krieg gelten lassen wollen und jenes Zernbild\nhohnvoll verneinen.\nDas Berfahren ist begreiflich, aber falsch. Es taucht an«-\ngesichts dieser Auseinandersetzungem denen man immer wieder be«\ngegnet, mehr als einmal das Weltbild Plotins auf. Es ist mit\ndem Krieg wohl ähnlich wie mit dessen Welt: öm Zentrum strahlt\ndas ewige Licht, die reine Idee. Je weiter der Ring der Emanas\ntionen wird, desto triiber werden diese —- und am Ende, ganz"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1680, "texte": "aussen, steht als dunkler, lichtloser Gegenpol der Idee die Materie.\nMan kann dies ohne weiteres auf unser Problem übertragen. So\nparadox es klingt: Die Idee des Krieges lebt reiner drinnen im\nLande. ——— Die Verwirklichung, die Materlalisierung dieser\nIdee aber vollzieht sich allein draußen. Die Gegensätze stehen sich\nschroff, fast unvereinbar gegenüber: sie bedingen einander\nwie Gott und Welt. Die harte Wirklichkeit auf der einen, die\ngesteigerte Betrachtung und Ginordnung auf der andern Seite: aus\nbeiden erst erwächst das Bild des ganzen, des wirklichen Krieges.\nWie die Auseinandersetzung zwischen den beiden Faktoren\nsich vollziehen soll, darüber wird erst lange, lange nach dem Friedens»\nschlufz zu sprechen sein. Denn es ist wohl richtig, wie jüngst ein\nDaheimgebliebener schrieb: »Wir dürfen den Frieden ersehnen,\ndenn wir alle wissen, das; erst der Friede uns diesen Krieg erklären,\nverständlich machen, als vernünftig beweisen wird« Frieden, das\nheiszt hier: der Zusammenstosz und die Auseinandersetzung zwischen\ndeu Drausjengewesenen und den Zuhausegebliebenem zwischen\nMaterie und Idee des Krieges. Grst aus dieser Diskussion wird\nsich dann das Bild des wirklichen Krieges ergeben. ———— Dies\nBild erst wird der Wertmesser für die Generation sein, die den\nKrieg erlebte und trug. Zu hoffen ist, daf- der Historiker, der einst\nden Sinn dieser blutigen Tragödie formuliert, heute unter den\nIüngeren draufzen ist, dasz er von der Materie des Krieges aus-\ngehend, seine Idee umschreiben lernt. Der Weg ist weit schwerer,\nals der umgekehrte. Die Aufgaben, die nach dem Kriege zu er-\nledigen sind, werden aber nirgends sonderlich leicht sein.\n\nPaul sachter\n(3. 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Diefe fechs Mündungen find\nfechs Revolvermündungem auf alle\nzarten Seelen gerichtet. Die Revvlver\nfind fogenannte 8laubertpiftolen.\nNicht diefe Töne, Freunde! Solch ein\nBuch ift eine ernfte Sache für den\ndavon Betroffenen.\nFreilich —- wöre K. Cdfchmid der\nMann, der er fein möchte, wäre er fein\neigenes Gefchöpf, dann würde er von\ndiefem feinem Buch gar nicht betroffen\nfein und noch weniger von dem, was\nandere darüber fagen. Sondern er\nwürde firh ,,ein wildes Pferd einsaugen,\nes bündigem« und davonreiten irgend-\nwohin in unbekannte Himmel oder in\nein unbekanntes Land.\nAber er ift kein Mann der Tat, fon-\ndern »nur« ein Literat. Und fo wird\ner nicht davonreiten in neue Länder,\nvoll von erfehnten und gerngeglaubten\nLügen, fondern nur ein neues Buch\nanfangen, —— voll von erfehnten, gern-\ngeglaubten Lügen. Da liegt der Zwie-\nfpalt diefes Menfchen und feines\nBuches.\nCr liebt das Leben, das körperliche\nLeben, den Kampf, den 8auftfchlag,\nReiten, Autofahrem die guten Nerven\nund die dicken Muskeln von Cowbogs,\nRingern und Athletem Und ift felbft\nnur ein Geiltesathleh ein Rervendoxk\nein Literat Er riimpft die Seele iiber\nGefiihlsdulelei und -proltitution; dem\nManne ziemt zu lchweigen und zu\nhandeln, denkt er — und lchreibt ein\nBuch.\nRicht etwas ausdenken loll man lich,\nplatonilch lchiichtern und unfruchtbar,\nlondern tun loll man, was man denkt,\ndenkt er — und lchreibt ein Buch.\nAtmen will er, eilen, laufen, kaufen,\nreiten, hauen, ltechenz er will, was man\nnicht lagen darf; er will, was man blos\ntun darf und kann und loll und muß;\ner will leben, kurz gejagt. Und lchreibt\nein Buch. Er will der Literatur,\ndielem verdammten 5urrogat, dieler\nbluts und lcinderlolem Zeit- und leben-\nraubenden Literatur fiir lich und andere\nein Ende machen. — Und er geht hin\nund lchreibt ein Buch.\nEr möchte ein Tier fein. Und ilt ein\nMenlclx Er möchte ein Rindoieh lein.\nUnd ilt Europäen Er möchte der Ur-\nbulle fein, ohne Ahnen und ohne Tra-\ndition; und ilt mit Vätern und ach,\nlogar mit Canten reich gelegnet.\nEr ilt nicht unkompli3iert, nicht primi-\ntio, nicht gefiihllos Z. B» nicht ohne\nMitleid. Er ilt nicht ltark — londern\nltarlc und lchwach. Er ilt nicht ein-\nleitig, wie er lein möchte, londern wie-\neine Aiedaillm vorne und hinten. Noch"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3274, "texte": "heller: wie eine Kugel; man weih, er\nlelblt weiß nicht, was hinten und was\nvorne ilt. tEr bildet lich höchltens ein,\nes zu willen.) Er ilt lo rund, la rund-\ngefeilt durch 5keplis, Literatur und\nLeben, dal- er lich kiinltlich Ecken\nmacht. Er ilt kein Klotz, kein tete\ncarre Er ilt kein ungehobelter Streich,\nkein Balle, kein Bandit Er ilt viel«\nmehr — Er ilt vielmehr ein Dichter.\nDas ilt nun nicht lo einfach wie Pflaumen\nellen und Tauben lchielzem Das ilt\nüberhaupt nicht lehr bequem; das nimmt\nviel Zeit, viel Lebenszeit in Anlpruclx\nUnd dariiber ärgert lich K. Edlchmid.\nErmöchte leben und mulz ltatt dellen\ndichten. Er möchte leben»ig lein und\nilt doch blolz (im belten Sau) Ulilterbss\nlich. Das ilt lein Elend, das ilt leine\nKrankheit.\nEine neue, eine moderne Krankheit.\nDer Dichter, der es nicht gern ilt.\nZriiher ,,krankten« die Diclter am\nLeben. Es ekelte lie an, es palzte ihnen\nnicht, lie taten nicht gern mit, lie waren\nnicht gerne lebendig. Edlchmia lteJt\nden neuen Tun, den an der Literatur\nerkrankten Dichter. Er findet sie ekel-\nhaft, er gehört nicht gerne dazu, er\nwäre viel lieber lebendig.\nEr ltiirmt ins Leben wild hinaus. Aber\ndieler Sturm ins Leben ilt einltweilen\nnoch mehr eine Flucht vor der Literatur.\nDieler krampfhafte, ängltliches urmlauf\nwird wohl durch einige Biicher hin\ndauern. Einige·Biicher, iiber die man\nsich (wie iiber dies erlte, iiber djele\nlchöne Hochzeitsgelchichte z. B. mit dem\nkopflolem eiligen, feigen ·5chlul3), iiber\ndie man lich oft mehr ärgern wird als\nfreuen. Die man höchlt unzufrieden,\nAbs! höchlt engagiert aus der« Hand\nlegen wird, und zum lechlten Male an\ndie Wand knallen.\nEinmal aber loll dann der Tag kommen,\nan dem der atemlofe Sturmlauf, die\nFlucht vor dem Gefpenft der Literatur-\nahnfrau ein Goffentlich friedliche-l)\nEnde findet. Dann wird er ein nicht\nmehr eiliges Buch fchreiben. Ein Buch,\nin dem auch mal jemand lebendig bleibt\nz. B. Ein Buch, vor dem wir keinen\nRespekt haben werden. Ein Buch viel-\nmehr, das wir lieben werden.\nSoviel iiber Edfchmid. iiber das Buch\nnichts weiter. Man foll es lefenl Es\nift frag« und lefenswiirdig genug. Ein\nw.nig noch iiber die Sprache: Sie ift\n(wie der Dichter) von Haus aus kom-\npliziert. Er möchte fie unlcompliziert\nhaben. Dadurch wird fie nun ganz\nkompliziert. Es ift fo einfach, kom-\npliziert zu fein. Aber unlcompliziert\nfein wollen, wenn man kompliziert ift,\ndas ift der Gipfel der Kompliziertheit\nManchmal fchiefzt er ein Wort, wie\neinen Pfeil. Meiftens wirft er, wie\neinen Laffo, einen retardierenden Bogen\nforgfältig improvifierter Worte und\nSätze nach feinem Ziel. Aber oft ift\nder Laffo fchon vorher an feinem lang-\nbelcannten Ziel befeftigt und der fchöne\nBogen blitzt erftarrt und lciinftlich durch\ndie Luft, wie auf einer guten Photo-\ngraphie.\nGegen eine iible Rachrede (die in diefem\nFalle eine Borrede ift) mufz das Buch\nin Schutz genommen werden. Es wird\nda behauptet, diefe Kunft hätte ,,lceine\nAhnen«. Das ift eine haltlofe Ber-\nleumdung. Sie hat Ahnen und Bäter\nwie jedes Gefchöpf Soviele wie der\nGefundheit zuträglich find. Soviele,\ndafz der Dichter fie vielleicht nicht ein-\nmal alle kennt.\n\nHans Siemlen\n\nBerliner Sezeliioin Kurfiirltens\nDamm. Der— Gelamteindrucic wäre der\nübliche, das Ganze kaum der Erwähnung\nwert, wenn es nicht einigen der Aus«"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2532, "texte": "steller durch eine an sich bewunderns-\nwerte Kraftanstrengung gelungen wäre,\ndas schon recht traurige Niveau noch\nzu unterbieten.\nHätte nicht Corinth selbst, sondern\njemand anders dieses Riesen— ,,tab1eau«\neines nackten Weibes mit dem acht-\nbaren Namen Corinth versehen, so\nwürde man sich über die unglaubliche\nBerhöhnung einer gewis- angreisbarem\naber doch immerhin ungreifbaren Kunst-\nArt ärgern. So bleibt einem nichts als\nein bedauerndes, peinliches Schweigen.\nHeiterer ist die Geschichte bei Iäclcei.\nEin sogenannter ,,Zunger«, den man\nim Kunstwart, der eleganten Welt und\nanderen führenden Kunstzeitschriften\nals ,,aufstrebendes Talent« bezeichnet\nzu finden gewohnt ist. Er macht in\nSadismus\nAber um sowas gestalten zu können,\nmusz man eben Sadist sein, oder das\nGegenteil. Zäclcel ist beides wohl nur\nin den üblichen, gut bürgerlichen\nGrenzen. Das langt vielleicht fürs\nVergnügen; aber nicht für die Kunst.\nNicht, andere Nlenskhen zu erschüttern.\nDa wirlct es höchstens schamlos. Nicht\neinmal scl)amlos, nur beschämend. Was\nsür ein Spieszer er im Grunde ist, sieht\nman recht deutlich an seinem braven\nPorträt, das, eben weil es sich ehrlich\nspieszerhast gibt, natürlich viel besser\nist, als die beiden langweiligen Mord-\nund Totschlagbilden\nDislcutabel sind von der ganzen Aus-\nltellung n·ur einige ltille, belcheidene,\nunaufdringliche Bilder, die lich, Gott\nweils wie, in dielen Lärm verirrt\nhaben.\nEin freundlicher, rührend deutscher\nThema; zwei, drei ernlthafte, lehr an-\ngenehme Porträts von König; etwas\nvon 0ppler, von Klollowlkg\nUnd dann hängen vorn, wie in einem\nMuleum, ohne jeden Zulammenhang\neinige Marrås und Menzeh die einem\nnicht neu, aber ungemein lieb lind und\ndazu ein paar Bilder von schwer, die\neinem neu u n d lieb lind.\nDie Plaltik ilt ebenlo belanglos wie\ndie Malerei. Fritz Huf ltellt einen\nZrauenkörper auf, der liir ihn viel-\nleicht, fiir mich kein Erlebnis bedeutet,\nund Metzner verdirbt mit einer\n,,Kolollalfigur« den abendlich beleuch-\nteten, kleinen Garten, der lelblt noch\nim Herblt das hiiblkhelte an der ganzen\nAusltellung ilt. Ob er glaubt, dafz die-s\nLitzssfache Vergrößerung eines Wiener\nCerrakottafigiirchens monumentaler\nwirkt als das winzige Original?\nCraurig geht man weg. Was hat das\nalles fiir einen Zweck? Um lowas zu-\nltande zu bringen, arbeiten. nun ein\npaar Dutzend Menlchen tagaus tagein,.\nwochenlang, jahrelang, ihr ganzes Leben\nlang? Und wenn lie es ließen? Wenn\nlie was anderes täten? Wenn alle\ndiele Bilder und Figuren gar nicht\nexiltierten? —- Wiirde was fehlen?\n\nH. 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Diefe fechs Mündungen find\nfechs Revolvermündungem auf alle\nzarten Seelen gerichtet. Die Revvlver\nfind fogenannte 8laubertpiftolen.\nNicht diefe Töne, Freunde! Solch ein\nBuch ift eine ernfte Sache für den\ndavon Betroffenen.\nFreilich —- wöre K. Cdfchmid der\nMann, der er fein möchte, wäre er fein\neigenes Gefchöpf, dann würde er von\ndiefem feinem Buch gar nicht betroffen\nfein und noch weniger von dem, was\nandere darüber fagen. Sondern er\nwürde firh ,,ein wildes Pferd einsaugen,\nes bündigem« und davonreiten irgend-\nwohin in unbekannte Himmel oder in\nein unbekanntes Land.\nAber er ift kein Mann der Tat, fon-\ndern »nur« ein Literat. Und fo wird\ner nicht davonreiten in neue Länder,\nvoll von erfehnten und gerngeglaubten\nLügen, fondern nur ein neues Buch\nanfangen, —— voll von erfehnten, gern-\ngeglaubten Lügen. Da liegt der Zwie-\nfpalt diefes Menfchen und feines\nBuches.\nCr liebt das Leben, das körperliche\nLeben, den Kampf, den 8auftfchlag,\nReiten, Autofahrem die guten Nerven\nund die dicken Muskeln von Cowbogs,\nRingern und Athletem Und ift felbft\nnur ein Geiltesathleh ein Rervendoxk\nein Literat Er riimpft die Seele iiber\nGefiihlsdulelei und -proltitution; dem\nManne ziemt zu lchweigen und zu\nhandeln, denkt er — und lchreibt ein\nBuch.\nRicht etwas ausdenken loll man lich,\nplatonilch lchiichtern und unfruchtbar,\nlondern tun loll man, was man denkt,\ndenkt er — und lchreibt ein Buch.\nAtmen will er, eilen, laufen, kaufen,\nreiten, hauen, ltechenz er will, was man\nnicht lagen darf; er will, was man blos\ntun darf und kann und loll und muß;\ner will leben, kurz gejagt. Und lchreibt\nein Buch. Er will der Literatur,\ndielem verdammten 5urrogat, dieler\nbluts und lcinderlolem Zeit- und leben-\nraubenden Literatur fiir lich und andere\nein Ende machen. — Und er geht hin\nund lchreibt ein Buch.\nEr möchte ein Tier fein. Und ilt ein\nMenlclx Er möchte ein Rindoieh lein.\nUnd ilt Europäen Er möchte der Ur-\nbulle fein, ohne Ahnen und ohne Tra-\ndition; und ilt mit Vätern und ach,\nlogar mit Canten reich gelegnet.\nEr ilt nicht unkompli3iert, nicht primi-\ntio, nicht gefiihllos Z. B» nicht ohne\nMitleid. Er ilt nicht ltark — londern\nltarlc und lchwach. Er ilt nicht ein-\nleitig, wie er lein möchte, londern wie-\neine Aiedaillm vorne und hinten. Noch"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3129, "texte": "heller: wie eine Kugel; man weih, er\nlelblt weiß nicht, was hinten und was\nvorne ilt. tEr bildet lich höchltens ein,\nes zu willen.) Er ilt lo rund, la rund-\ngefeilt durch 5keplis, Literatur und\nLeben, dal- er lich kiinltlich Ecken\nmacht. Er ilt kein Klotz, kein tete\ncarre Er ilt kein ungehobelter Streich,\nkein Balle, kein Bandit Er ilt viel«\nmehr — Er ilt vielmehr ein Dichter.\nDas ilt nun nicht lo einfach wie Pflaumen\nellen und Tauben lchielzem Das ilt\nüberhaupt nicht lehr bequem; das nimmt\nviel Zeit, viel Lebenszeit in Anlpruclx\nUnd dariiber ärgert lich K. Edlchmid.\nErmöchte leben und mulz ltatt dellen\ndichten. Er möchte leben»ig lein und\nilt doch blolz (im belten Sau) Ulilterbss\nlich. Das ilt lein Elend, das ilt leine\nKrankheit.\nEine neue, eine moderne Krankheit.\nDer Dichter, der es nicht gern ilt.\nZriiher ,,krankten« die Diclter am\nLeben. Es ekelte lie an, es palzte ihnen\nnicht, lie taten nicht gern mit, lie waren\nnicht gerne lebendig. Edlchmia lteJt\nden neuen Tun, den an der Literatur\nerkrankten Dichter. Er findet sie ekel-\nhaft, er gehört nicht gerne dazu, er\nwäre viel lieber lebendig.\nEr ltiirmt ins Leben wild hinaus. Aber\ndieler Sturm ins Leben ilt einltweilen\nnoch mehr eine Flucht vor der Literatur.\nDieler krampfhafte, ängltliches urmlauf\nwird wohl durch einige Biicher hin\ndauern. Einige·Biicher, iiber die man\nsich (wie iiber dies erlte, iiber djele\nlchöne Hochzeitsgelchichte z. B. mit dem\nkopflolem eiligen, feigen ·5chlul3), iiber\ndie man lich oft mehr ärgern wird als\nfreuen. Die man höchlt unzufrieden,\nAbs! höchlt engagiert aus der« Hand\nlegen wird, und zum lechlten Male an\ndie Wand knallen.\nEinmal aber loll dann der Tag kommen,\nan dem der atemlofe Sturmlauf, die\nFlucht vor dem Gefpenft der Literatur-\nahnfrau ein Goffentlich friedliche-l)\nEnde findet. Dann wird er ein nicht\nmehr eiliges Buch fchreiben. Ein Buch,\nin dem auch mal jemand lebendig bleibt\nz. B. Ein Buch, vor dem wir keinen\nRespekt haben werden. Ein Buch viel-\nmehr, das wir lieben werden.\nSoviel iiber Edfchmid. iiber das Buch\nnichts weiter. Man foll es lefenl Es\nift frag« und lefenswiirdig genug. Ein\nw.nig noch iiber die Sprache: Sie ift\n(wie der Dichter) von Haus aus kom-\npliziert. Er möchte fie unlcompliziert\nhaben. Dadurch wird fie nun ganz\nkompliziert. Es ift fo einfach, kom-\npliziert zu fein. Aber unlcompliziert\nfein wollen, wenn man kompliziert ift,\ndas ift der Gipfel der Kompliziertheit\nManchmal fchiefzt er ein Wort, wie\neinen Pfeil. Meiftens wirft er, wie\neinen Laffo, einen retardierenden Bogen\nforgfältig improvifierter Worte und\nSätze nach feinem Ziel. Aber oft ift\nder Laffo fchon vorher an feinem lang-\nbelcannten Ziel befeftigt und der fchöne\nBogen blitzt erftarrt und lciinftlich durch\ndie Luft, wie auf einer guten Photo-\ngraphie.\nGegen eine iible Rachrede (die in diefem\nFalle eine Borrede ift) mufz das Buch\nin Schutz genommen werden. 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Fritz Huf ltellt einen\nZrauenkörper auf, der liir ihn viel-\nleicht, fiir mich kein Erlebnis bedeutet,\nund Metzner verdirbt mit einer\n,,Kolollalfigur« den abendlich beleuch-\nteten, kleinen Garten, der lelblt noch\nim Herblt das hiiblkhelte an der ganzen\nAusltellung ilt. Ob er glaubt, dafz die-s\nLitzssfache Vergrößerung eines Wiener\nCerrakottafigiirchens monumentaler\nwirkt als das winzige Original?\nCraurig geht man weg. Was hat das\nalles fiir einen Zweck? Um lowas zu-\nltande zu bringen, arbeiten. nun ein\npaar Dutzend Menlchen tagaus tagein,.\nwochenlang, jahrelang, ihr ganzes Leben\nlang? Und wenn lie es ließen? Wenn\nlie was anderes täten? Wenn alle\ndiele Bilder und Figuren gar nicht\nexiltierten? —- Wiirde was fehlen?\n\nH. Siemjen"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.1", "texte": "Zeit-Echo\n. 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Bei uns if! dieser grobe und un-\nerjetzliche Verlust Frankreichs fast un-\nbemerkt geblieben.\nEs sind vier, die das Herz Frankreichs hüten: Claudel feiert\nes in hohen Messen, Jammes skhmiiclct es singend mit Blumen-\nkrönzen, Suares, Stabtröger und Herold, kiindet es, Pegug aber\nschirmt es mit Schild und Lanze. Gs sind drei nur mehr: Peguy\nfiel in diesem Kriege.\nDie vier sind Lateiner und Katholikem und das heißt:\nnationale Franzosen. Lateiner, wie Peguy dem Worte den\nSinn gab: »Der Räuber und der Hirt, die diese Sprache schmie-\ndeten, wußten nicht, siir welchen Gott sie diese Arbeit taten. Als\nsie ver-irae, die Wahrheit, sagten, als sie vita., das Leben, sagten,\nals sie erux, das Aiarterholz sagten, wußten sie nicht und glaub-«—-\nten Vertumnus und Pomona zu dienen und diesen lateiniskhen\nGöttern, die gröber, samiliörer, dauern« und arbeiterhastey dunk-\nler und kleiner, aber auch böser und tiickiskher waren als die jun-\ngen, schönen griechischen Manngötten Sie wußten nicht, daß sie\ndem Gotte dienten, der kam, und daß Rom eines Tages römisrh sein\nwürde« Und Katholikem »Man ist dreimal in Ägypten gewesen,\nund es ist dies ein merkwiirdiges Land. Und einmal war es Joseph,\nder Jakob führte, das heißt Israel. Und. einmal war es Joseph, der\nJesus hinsiihrte Und einmal war es der« Heilige Ludwig, der\nJoinville hinsiihrte und mancherlei Volk Frankreichs und die andern\nfranzösischen Barone . . J« Oder: ,,0 mon peuple Trauer-vie, dit\nDieu, tu es le seul qui ne fasses p0int des e0ntorsi0ns, et dans\nton peelhe meme tu kais meins de eontorsions que les autres\nn’en font dans leurs exereiees Quand tu pries agenouille,\ntu as le buste droit, et les jambes bien jointes, bien droites au\nras du Sol, et les deux regards des deux yieux bien parallele-\nment montants droit au eiel. O seul peuple qui regardes en\nkaee, et qui regardes en kace la. kortune et Pepreuve et le\npeehe meme Peuple, le seul qui pries et le seul qui\npleures sans eontorsions.««\n» Von den Vieren ist Claudel der kirrhlikhste, Jammes der\nnawste, Suares der geistigste, Peguy aber der strengste und\nbumanste Katholik Und auch der fröhlichste Was er von der"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.4", "texte": "Vulgata sagte, daß sie ,,une chose dure et tauche« sei, das ist auch\nsein Glauben, und das istseine Rede, in der er ihn ausdrückt.\nSeine Prosa hat ,,eette noble shardiesse latine«, in der er sich die\nGvangelien übersetzt dachte; gute runde Worte, wie sie etwa die\nWeinbauern der Loire haben, liebte er, der selber bäurisch war und\nohne alle Finessen. llber das hinaus, was er als Kind aus dem klei-\nnen Katechismus der Diäzüse von Orleans über seinen Glauben er-\nfahren, hat er diesen nie weder ,,erweitert« noch ,,vertieft«. Der\nKatechismus genügte diesem ganz Untheologischen völlig, denn er\nwar ein im Blute Gläubiger, das heißt einfach, herzlich und streng.\n»Ich kenne den Menschen, sagte Gott, ich hab ihn ja gemacht, und\nist ein drolliges Wesen. Denn in ihm spielt diese Freiheit, welche\ndas Geheimnis der Geheimnisse ist. Wenn man ihn zu nehmen ver-\nsteht, läßt sich viel mit ihm anfangen. Ich weiß ihn zu nehmen.\nGs ist mein Geschäft. Und diese Freiheit ist ja meine Schöpfung . ..\nGr hat viel Glauben und Barmherzigkeit. Was man nur nicht von\nihm erlangen kann, das ist, Herrgottnocheinmah ein bißchen Hofs-\nnung, ein bißchen Vertrauen, ein bißchen Hingabe in meine Hände,\nein bißchen Rast. Ja, du, meine Tochter Nacht, dir gelingt es\nmanchmal, du erreichst das manchmal von diesem rebellischen Men-\nschen, daß er zustimmt, sich mir ein bißchen überläßt, ein bißchen auf\nseinem Ruhebett sein schmerzendes Herz loser macht . . .«\nWie so vielen der besten Franzosen wurde die Dregfuß-Affäre\nauch für Pågug zur großen Krise Als er sah, daß man sich um die\nGerechtigkeit überall nur kümmerte, soweit sie in ein Parteiinteresse\nspielte, zog er sich aus diesem Spiele zurück und gab die Cahiers\nde la Quinzaine heraus, deren erstes Heft im Februar 1900 er-\nschien. Shre bis zum Tode Peguys ununterbrochene Reihe enthält\ndie bedeutendsten Kundgebungem politische, moralische, ästhetische,\ndes wirklichen Frankreich, welches weder das der Kammern noch\nder Zeitungen ist. Die Cahiers hatten kein Programm und waren\nkeine Partei; jedes der Hefte war eine ganz unabhängige Publi-\nkation eines Verfassers. »Es ist seit Beginn dieser Hefte eine\nabsolute Regel, unser Prinzip und das fundamentale Statut, und\nwie ich denke, das Beste an unserer raison d’etre, daß der Ber-\nfasser frei in seinem Hefte ist und ich nur dazu da bin, die zeitliche\nHerrschaft dieser Freiheit zu sichern« Aber es gab doch ein Band,\ndas die oft sehr Berschiedenen einigte: die vollkommene geistige\nRechtlichkeit. Sagen, was man weiß, und nichts mehr; und dies\nsein Werk verrichten, so gut man kann, mit handwerklicher Liebe;\nunbekümmert um Karriere, Freunde, Rücksichten die erkannte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.5", "texte": "Wahrheit sagen, wie man sie weiss. Peguy verlangte das nicht\netwa von seinen Freunden und Helfern, sondern. es ergab sich von\nselbst aus der vollkommenen Reinheit seines· Wesens, der Unbe-\nkiimmertheit seines Herzens und der Armut, Ia, der herrlichen Ar-\nmut seiner Lebensführung. Er schrieb 1907: »,«,Als» Mitarbeiter der\nHefte verlange ich fiir meine Werke und Aufsatze diese ganze geistige\nund zeitliche Freiheit, die ich allen unsern Mitarbeitern» versichere\nAber als Herausgeber der Hefte will ich sie nicht in meine person-\nlichen Streitigkeiten hineinziehen, ni dans eet approfondissement\nde man etre religieux auquel il est evident que je procede\ndepuis plusieurs annees avec une severire croissante.« Die\nEahiers verschlossen sich dem Ungliiubigen nicht, wenn der Unglaube\neine ehrliche leidenschaftliche Wahrheit war. Von der Armut aber\nnoch einiges.\nAls ich vor etwa sieben Jahren Pegug in dem kahlen Zimmer\nder tue: de la sorbonne besuchte, trug ich eine alte Ausgabe der\nömitatio bei mir, die ich am Quai Voltaire fiir sechs Sous erstanden\nhatte. Und der anwesende Franczois Porche sprach aus, was Peguy\ndachte, als er sagte, dasz allein die Armut auf Erden die wahre\nRachfolge Christi sei, die Armut als eine Konzeption des Uni-\nversums. Man mufz dazu eine der schönsten und tiefsten Schriften\nPegugs lesen: Eise. Da heiszt es: ,,Eva war ein armes Weib, das\nviele Kinder begraben hatte und gezwungen war, Feuer zu machen,\nwenn es kalt wurde, und gezwungen war, die Lampe anzuziinden,\num zu sehen«: und dies war ihr Fall, ihre Strafe, und ist unser Fall\nund unsere Strafe, das; wir gezwungen sind, immer und ewig unsere\nHauswirtschaft zu machen und sogar die Wirtschaft unserer Seele.\n»Es: oe n’est point cketre de criminels de marque, des criminels\npour poetes romantiques, c’est d’etre des peoheurs et meine\nde petits pecheuxs.« —- Die Armut hat ihren göttlichen Purpur-··\nmantel verloren —- wiirfelt man nicht um ihn? Sie ist heute nichts\nals eine soziale Ungerechtigkeit und ein wirtschaftliches Phiinomen\nDer Arme schämt sich ihrer, er verbirgt sie oder er rebelliert gegen\nsie. »Die Armut heiligt nicht mehr, ja sie ist nicht einmal mehr\npoetisch. Der Reichtum hat sie falsch gemacht.\nDer Arme Pegug schenkte seiner geliebten Erde, was er\nhatte: sein Herz, seine Kunst. Nun hat er ihr auch, ohne um\nRechtens zu hadern, sein Leben gegeben, dem diese Zeilen nur ein\nInzmemoriam sein sollen. Denn um Peguy ist die geistige Ge-\nlkbichte Frankreichs in den letzten zwanzig Jahren zu schreiben.\n\nFranz Blei"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.6", "texte": "Walter Hajenclever\nstreift ein Wind deiner siifze Saum,\nfallen Blumen nieder in der Nacht;\nlölkhen die Feuer im Raum\nan den Ufern der Schlacht.\nüber allen Berlajjenen schwebt\nAntlitz der Mutter fern;\nund die Liebe des Herzens lebt\nvom Grabe der Toten bis zum ersten Stern."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.7", "texte": "Ereignisse daheim und draus-en erlebt werden, sind völlig verschieden.\nZiir die Zuschauer im Lande wirkt die räumliche Entfernung vom\nKriege bei der Betrachtung ganz ähnlich, wie der zeitliche Abstand\nin der Geschichte. Die Schlachten, die an den Zronten geschlagen\nwerden, das Leben, das die Menschen drauf-en führen, alles be-\nkommt fiir die daheim, weil das Geschehen sich weit weg abspielt,\nsogleich etwas Legendäres, etwas von dem Glanz und der liber-\nhöhtheit weltgeschichtlicher Taten. Das Einzelne in seiner kleinen\nWirklichkeit geht unter in dem grossen Bilde mit seiner höheren,\nschon zusammengefafzt erschauten und vereinfachten Realität\nDer handelnde und leidende Mensch drauszen hat diese Distanz\nnicht. Der heroische Glanz, der im Lande iiber den Worten Krieg\nund Schlacht liegt, fehlt fiir ihn, weil er nicht nur geistig, sondern\nvor allem und in erster Linie körperlich beteiligt ist. Was e r vom\nKrieg erlebt, ist die härtere Wirklichkeit, ohne geistige Steigerung.\nGesteigert wird nur (im Momente der Gefahr, des Ansturms) das\neigene Handlungsgefiihl — solange die Nerven nicht stumpf ge-\nworden sind. Die Empfindung der körperlichen Anstrengung, des\nkörperlichen Eingespanntseins in den harten Organismus der\nKriegsmaschine nimmt den Dingen jede Romantils Und es ist\nsehr wunderlich zu sehen, wie später Herausgekommene diesen\nKontrast sehr deutlich empfinden, fast erstaunt sind iiber die plötz-\nliche sachliche Nähe und Gegenwart all der Dinge und Gefahren,\ndie bisher vom Glanz der Kriegsberichte umleukhtet fern vor ihnen\ngestanden hatten und jetzt auf einmal hart und riicksikhtslos da\nsind. Der Krieg drauf-en widerspricht ihrem bisherigen Bilde von\nseinem Wesen -— und sie rächen sich fiir die Arbeit, die die Auf«\nlösung dieses Widerspruchs ihnen bereitet, damit, daf- sie nur ihn\nals den wirklichen Krieg gelten lassen wollen und jenes Zernbild\nhohnvoll verneinen.\nDas Berfahren ist begreiflich, aber falsch. Es taucht an«-\ngesichts dieser Auseinandersetzungem denen man immer wieder be«\ngegnet, mehr als einmal das Weltbild Plotins auf. Es ist mit\ndem Krieg wohl ähnlich wie mit dessen Welt: öm Zentrum strahlt\ndas ewige Licht, die reine Idee. Je weiter der Ring der Emanas\ntionen wird, desto triiber werden diese —- und am Ende, ganz"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.8", "texte": "aussen, steht als dunkler, lichtloser Gegenpol der Idee die Materie.\nMan kann dies ohne weiteres auf unser Problem übertragen. So\nparadox es klingt: Die Idee des Krieges lebt reiner drinnen im\nLande. ——— Die Verwirklichung, die Materlalisierung dieser\nIdee aber vollzieht sich allein draußen. Die Gegensätze stehen sich\nschroff, fast unvereinbar gegenüber: sie bedingen einander\nwie Gott und Welt. Die harte Wirklichkeit auf der einen, die\ngesteigerte Betrachtung und Ginordnung auf der andern Seite: aus\nbeiden erst erwächst das Bild des ganzen, des wirklichen Krieges.\nWie die Auseinandersetzung zwischen den beiden Faktoren\nsich vollziehen soll, darüber wird erst lange, lange nach dem Friedens»\nschlufz zu sprechen sein. Denn es ist wohl richtig, wie jüngst ein\nDaheimgebliebener schrieb: »Wir dürfen den Frieden ersehnen,\ndenn wir alle wissen, das; erst der Friede uns diesen Krieg erklären,\nverständlich machen, als vernünftig beweisen wird« Frieden, das\nheiszt hier: der Zusammenstosz und die Auseinandersetzung zwischen\ndeu Drausjengewesenen und den Zuhausegebliebenem zwischen\nMaterie und Idee des Krieges. Grst aus dieser Diskussion wird\nsich dann das Bild des wirklichen Krieges ergeben. ———— Dies\nBild erst wird der Wertmesser für die Generation sein, die den\nKrieg erlebte und trug. Zu hoffen ist, daf- der Historiker, der einst\nden Sinn dieser blutigen Tragödie formuliert, heute unter den\nIüngeren draufzen ist, dasz er von der Materie des Krieges aus-\ngehend, seine Idee umschreiben lernt. Der Weg ist weit schwerer,\nals der umgekehrte. Die Aufgaben, die nach dem Kriege zu er-\nledigen sind, werden aber nirgends sonderlich leicht sein.\n\nPaul sachter\n(3. Z. eille)"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.10", "texte": "Charlotte scheitert\nsc) manche Mutter mus- schon sagen\nUnd zu ihren Kindern klagen:\n»Unser Vater lebt vielleicht nicht mehr.«\nUnd wenn sie abends schlafen gehn,\nBleibt Mutter vor der Haustür stehn:\n»Liebe Mutter, aus wen wartest Du?«\n»Ach, liebes Kind,\nIch weis; nicht, ob uns Vater wiederfmd’.«\nDieles Gedicht ilt von einer Schiilerin\nirgendeine: Berliner Gemeindefchucg\neinem izjährigen Mädchen."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.12", "texte": "Glossen und Kritilcen\n\nKafimir Sdfchmiw Die fechs\nMiindnngem Kurt Wolfh Leipzig\n1915. Diefe fechs Mündungen find\nfechs Revolvermündungem auf alle\nzarten Seelen gerichtet. Die Revvlver\nfind fogenannte 8laubertpiftolen.\nNicht diefe Töne, Freunde! Solch ein\nBuch ift eine ernfte Sache für den\ndavon Betroffenen.\nFreilich —- wöre K. Cdfchmid der\nMann, der er fein möchte, wäre er fein\neigenes Gefchöpf, dann würde er von\ndiefem feinem Buch gar nicht betroffen\nfein und noch weniger von dem, was\nandere darüber fagen. Sondern er\nwürde firh ,,ein wildes Pferd einsaugen,\nes bündigem« und davonreiten irgend-\nwohin in unbekannte Himmel oder in\nein unbekanntes Land.\nAber er ift kein Mann der Tat, fon-\ndern »nur« ein Literat. Und fo wird\ner nicht davonreiten in neue Länder,\nvoll von erfehnten und gerngeglaubten\nLügen, fondern nur ein neues Buch\nanfangen, —— voll von erfehnten, gern-\ngeglaubten Lügen. Da liegt der Zwie-\nfpalt diefes Menfchen und feines\nBuches.\nCr liebt das Leben, das körperliche\nLeben, den Kampf, den 8auftfchlag,\nReiten, Autofahrem die guten Nerven\nund die dicken Muskeln von Cowbogs,\nRingern und Athletem Und ift felbft\nnur ein Geiltesathleh ein Rervendoxk\nein Literat Er riimpft die Seele iiber\nGefiihlsdulelei und -proltitution; dem\nManne ziemt zu lchweigen und zu\nhandeln, denkt er — und lchreibt ein\nBuch.\nRicht etwas ausdenken loll man lich,\nplatonilch lchiichtern und unfruchtbar,\nlondern tun loll man, was man denkt,\ndenkt er — und lchreibt ein Buch.\nAtmen will er, eilen, laufen, kaufen,\nreiten, hauen, ltechenz er will, was man\nnicht lagen darf; er will, was man blos\ntun darf und kann und loll und muß;\ner will leben, kurz gejagt. Und lchreibt\nein Buch. Er will der Literatur,\ndielem verdammten 5urrogat, dieler\nbluts und lcinderlolem Zeit- und leben-\nraubenden Literatur fiir lich und andere\nein Ende machen. — Und er geht hin\nund lchreibt ein Buch.\nEr möchte ein Tier fein. Und ilt ein\nMenlclx Er möchte ein Rindoieh lein.\nUnd ilt Europäen Er möchte der Ur-\nbulle fein, ohne Ahnen und ohne Tra-\ndition; und ilt mit Vätern und ach,\nlogar mit Canten reich gelegnet.\nEr ilt nicht unkompli3iert, nicht primi-\ntio, nicht gefiihllos Z. B» nicht ohne\nMitleid. Er ilt nicht ltark — londern\nltarlc und lchwach. Er ilt nicht ein-\nleitig, wie er lein möchte, londern wie-\neine Aiedaillm vorne und hinten. Noch"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.13", "texte": "heller: wie eine Kugel; man weih, er\nlelblt weiß nicht, was hinten und was\nvorne ilt. tEr bildet lich höchltens ein,\nes zu willen.) Er ilt lo rund, la rund-\ngefeilt durch 5keplis, Literatur und\nLeben, dal- er lich kiinltlich Ecken\nmacht. Er ilt kein Klotz, kein tete\ncarre Er ilt kein ungehobelter Streich,\nkein Balle, kein Bandit Er ilt viel«\nmehr — Er ilt vielmehr ein Dichter.\nDas ilt nun nicht lo einfach wie Pflaumen\nellen und Tauben lchielzem Das ilt\nüberhaupt nicht lehr bequem; das nimmt\nviel Zeit, viel Lebenszeit in Anlpruclx\nUnd dariiber ärgert lich K. Edlchmid.\nErmöchte leben und mulz ltatt dellen\ndichten. Er möchte leben»ig lein und\nilt doch blolz (im belten Sau) Ulilterbss\nlich. Das ilt lein Elend, das ilt leine\nKrankheit.\nEine neue, eine moderne Krankheit.\nDer Dichter, der es nicht gern ilt.\nZriiher ,,krankten« die Diclter am\nLeben. Es ekelte lie an, es palzte ihnen\nnicht, lie taten nicht gern mit, lie waren\nnicht gerne lebendig. Edlchmia lteJt\nden neuen Tun, den an der Literatur\nerkrankten Dichter. Er findet sie ekel-\nhaft, er gehört nicht gerne dazu, er\nwäre viel lieber lebendig.\nEr ltiirmt ins Leben wild hinaus. Aber\ndieler Sturm ins Leben ilt einltweilen\nnoch mehr eine Flucht vor der Literatur.\nDieler krampfhafte, ängltliches urmlauf\nwird wohl durch einige Biicher hin\ndauern. Einige·Biicher, iiber die man\nsich (wie iiber dies erlte, iiber djele\nlchöne Hochzeitsgelchichte z. B. mit dem\nkopflolem eiligen, feigen ·5chlul3), iiber\ndie man lich oft mehr ärgern wird als\nfreuen. Die man höchlt unzufrieden,\nAbs! höchlt engagiert aus der« Hand\nlegen wird, und zum lechlten Male an\ndie Wand knallen.\nEinmal aber loll dann der Tag kommen,\nan dem der atemlofe Sturmlauf, die\nFlucht vor dem Gefpenft der Literatur-\nahnfrau ein Goffentlich friedliche-l)\nEnde findet. Dann wird er ein nicht\nmehr eiliges Buch fchreiben. Ein Buch,\nin dem auch mal jemand lebendig bleibt\nz. B. Ein Buch, vor dem wir keinen\nRespekt haben werden. Ein Buch viel-\nmehr, das wir lieben werden.\nSoviel iiber Edfchmid. iiber das Buch\nnichts weiter. Man foll es lefenl Es\nift frag« und lefenswiirdig genug. Ein\nw.nig noch iiber die Sprache: Sie ift\n(wie der Dichter) von Haus aus kom-\npliziert. Er möchte fie unlcompliziert\nhaben. Dadurch wird fie nun ganz\nkompliziert. Es ift fo einfach, kom-\npliziert zu fein. Aber unlcompliziert\nfein wollen, wenn man kompliziert ift,\ndas ift der Gipfel der Kompliziertheit\nManchmal fchiefzt er ein Wort, wie\neinen Pfeil. Meiftens wirft er, wie\neinen Laffo, einen retardierenden Bogen\nforgfältig improvifierter Worte und\nSätze nach feinem Ziel. Aber oft ift\nder Laffo fchon vorher an feinem lang-\nbelcannten Ziel befeftigt und der fchöne\nBogen blitzt erftarrt und lciinftlich durch\ndie Luft, wie auf einer guten Photo-\ngraphie.\nGegen eine iible Rachrede (die in diefem\nFalle eine Borrede ift) mufz das Buch\nin Schutz genommen werden. Es wird\nda behauptet, diefe Kunft hätte ,,lceine\nAhnen«. Das ift eine haltlofe Ber-\nleumdung. Sie hat Ahnen und Bäter\nwie jedes Gefchöpf Soviele wie der\nGefundheit zuträglich find. Soviele,\ndafz der Dichter fie vielleicht nicht ein-\nmal alle kennt.\n\nHans Siemlen\n\nBerliner Sezeliioin Kurfiirltens\nDamm. Der— Gelamteindrucic wäre der\nübliche, das Ganze kaum der Erwähnung\nwert, wenn es nicht einigen der Aus«"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191511-01.1.14", "texte": "steller durch eine an sich bewunderns-\nwerte Kraftanstrengung gelungen wäre,\ndas schon recht traurige Niveau noch\nzu unterbieten.\nHätte nicht Corinth selbst, sondern\njemand anders dieses Riesen— ,,tab1eau«\neines nackten Weibes mit dem acht-\nbaren Namen Corinth versehen, so\nwürde man sich über die unglaubliche\nBerhöhnung einer gewis- angreisbarem\naber doch immerhin ungreifbaren Kunst-\nArt ärgern. So bleibt einem nichts als\nein bedauerndes, peinliches Schweigen.\nHeiterer ist die Geschichte bei Iäclcei.\nEin sogenannter ,,Zunger«, den man\nim Kunstwart, der eleganten Welt und\nanderen führenden Kunstzeitschriften\nals ,,aufstrebendes Talent« bezeichnet\nzu finden gewohnt ist. Er macht in\nSadismus\nAber um sowas gestalten zu können,\nmusz man eben Sadist sein, oder das\nGegenteil. Zäclcel ist beides wohl nur\nin den üblichen, gut bürgerlichen\nGrenzen. Das langt vielleicht fürs\nVergnügen; aber nicht für die Kunst.\nNicht, andere Nlenskhen zu erschüttern.\nDa wirlct es höchstens schamlos. Nicht\neinmal scl)amlos, nur beschämend. Was\nsür ein Spieszer er im Grunde ist, sieht\nman recht deutlich an seinem braven\nPorträt, das, eben weil es sich ehrlich\nspieszerhast gibt, natürlich viel besser\nist, als die beiden langweiligen Mord-\nund Totschlagbilden\nDislcutabel sind von der ganzen Aus-\nltellung n·ur einige ltille, belcheidene,\nunaufdringliche Bilder, die lich, Gott\nweils wie, in dielen Lärm verirrt\nhaben.\nEin freundlicher, rührend deutscher\nThema; zwei, drei ernlthafte, lehr an-\ngenehme Porträts von König; etwas\nvon 0ppler, von Klollowlkg\nUnd dann hängen vorn, wie in einem\nMuleum, ohne jeden Zulammenhang\neinige Marrås und Menzeh die einem\nnicht neu, aber ungemein lieb lind und\ndazu ein paar Bilder von schwer, die\neinem neu u n d lieb lind.\nDie Plaltik ilt ebenlo belanglos wie\ndie Malerei. Fritz Huf ltellt einen\nZrauenkörper auf, der liir ihn viel-\nleicht, fiir mich kein Erlebnis bedeutet,\nund Metzner verdirbt mit einer\n,,Kolollalfigur« den abendlich beleuch-\nteten, kleinen Garten, der lelblt noch\nim Herblt das hiiblkhelte an der ganzen\nAusltellung ilt. Ob er glaubt, dafz die-s\nLitzssfache Vergrößerung eines Wiener\nCerrakottafigiirchens monumentaler\nwirkt als das winzige Original?\nCraurig geht man weg. Was hat das\nalles fiir einen Zweck? Um lowas zu-\nltande zu bringen, arbeiten. nun ein\npaar Dutzend Menlchen tagaus tagein,.\nwochenlang, jahrelang, ihr ganzes Leben\nlang? Und wenn lie es ließen? Wenn\nlie was anderes täten? Wenn alle\ndiele Bilder und Figuren gar nicht\nexiltierten? —- Wiirde was fehlen?\n\nH. Siemjen\n\nHerausgeber: Otto Hans-Zeno, Berlin, Pariler Platz 7\nVerantwortlicher Schriftleiten\nHans Siemiem Lichterfelde, Sternitralze 25\nsiir unverlangte Cinlendungen lceine Gewähr\nIn Okterreich für die Reduktion verantwortlich Hugo Heller, Wien, l, Bauernmarlct 3\nDruck von H. S. Her-man« in Berlin"}]}