{"numero_id": "bm-bmtnabb-1916-02-01", "volume": "bmtnabb_1916-02_01", "ocr_sha256": "62b8c463314cb9da4307677cefd9e4c997c8a0c99a5fc84b4173ab0d88cb5189", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1916/02_01/bmtnabb_1916-02_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1916/02_01/bmtnabb_1916-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1916-02-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-02_01#c002", "volume": "bmtnabb_1916-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 2", "page_fin": "couv. 2", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.2.2", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "couv. 2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.2", "debut_caractere": 21, "fin_caractere_exclue": 402, "texte": "Inhalt:\nHans Kyjer X Schiner-nötige Landjrhaft\nMax Unvld X Originalsssteiudruclc\nOtto Zlake X Herr Adrian\nLes) sekuknget X Originaksteindrnklc\nGottfried KZlWel X Herbjtmorgen\nKctsimkk Edjchmkd X Aufjteigendes Erlebnis\nAdolf Behne X Paul Scheerbari s·\nC. Savaky X Atodebild IV X Originalssssteindruklc\nGlojjen undtKritilcen\nEinzelheft Mk. 1.———— Bierkeljährlich [6 Hefkel Mk. 6.—Å-—"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-02_01#c003", "volume": "bmtnabb_1916-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "65", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.2.3", "titre_corps": "So still glänzt Rakht mir ums Angesicht,", "titre_sommaire": "So still glänzt Rakht mir ums Angesicht,", "signature_source": "Haus Kgier", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 362, "texte": "Haus Kgier\nSo still glänzt Rakht mir ums Angesicht,\nDafz meine Seele fajt den Laut\nDes Todes, aller Crdenkiihle ausgeweht,\nIn lich zuriiklchorkhh doch sie entjrhlummert nicht.\nUnd wie lie lauscht, widerhallt ihr das Rund\nVon trauernder Bewegung, schwer\nZins Zinltere gebundner, in Unruh wirft lich\nDie Ebene auf und der entjchlummerte Mund\nDes Horizontes seufzt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-02_01#c005", "volume": "bmtnabb_1916-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "67", "page_fin": "76", "image_debut": 5, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.2.5", "titre_corps": "Herr Adriatu", "titre_sommaire": "Herr Adriatu", "signature_source": "Kalimir Edichmid", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2601, "texte": "Herr Adriatu\n\ns« Aus dem Eagebuch eines Aentralem\n24. Inni\nMein« Pension steht in der Reihe, die einen fo heitereu Eindruck macht. Man\nkönnte meinen, man sei in einem Seebad der Normandie oder Belgiens; da\nschmiegt sich auch Hans an Haus, alle gleich leicht, sommerlich, ans Holz nnd Glas\nerbaut nnd willig der Knrve folgend, die der Straße eine elegaute nnd zierliche\nPerspektive verleiht.\nRechts vom Hanseingang ist ein Lesezimmey links der Speisesaal. Beide\nBäume sind von der Straße nur durch Spiegelscheiben getrennt, die bis zum Boden\nreichen. Der Speisesaal ist nicht groß, ein paar sorgfältig gedeckte Tische, leicht\ngeschweifte Stiihlez die Decke ist mit einem Eittermuster ans gebrannter Eerrakotta\niibersponnen, wie in Rokokosälem ihre Zarben sind hellblau und hellrosa. Diese\nüberreiche 0rnamentik ist doch leicht nnd lcokett, nnd sie ist weit entfernt von\nder programmatischen Echtheit Berliner Speisehäuserz schmale lange Spiegel\ngliederu die Wände.\nDanach stieg ich wieder zum Wald hinauf. Plötzlich sah ich, daß der\nWeg von zwei Ameiseuheerstraßen iibergnert wurde. In zwei parallelen\nSäulen zogen hunderttausend Eiere iiber Land. Ich fuchte vorsichtig den Znß\nansznsetzem aber es gelang mir wohl nicht, wie dem jungen Burschen im Märchen,\nihnen aus dem Wege zu gehen und keine einzige zu töten.\nGleich nachher setzte ich mich ans eine Bank nnd beobachtete, wie ein alter\nHerr, der den schönsten Weißköps besaß, das Problem löste. Und siehe, er\nwar mitleidiger als ich. Trotzdem der Weg von Dornengestriipp nnd einem\nStacheldraht eingezännt war, besann er sich keinen Augenblick nnd opferte seinen\nschwarzen Alpalcarock nnd seine gelben Leinenhosen den Dornen. Die Ameisen\nwußten ihm keinen Dank, aber es geniigte ihm, menschlich gewesen zu sein.\nEr setzte sich zu mir auf die Bank und ich machte ihm ein Kompliment\nüber sein gutes Herz. Er antwortete mit einer außerordentlichen, höflichen\nWürde, die mich frappierte. Ein alter französischer Herr hätte diefe\nHaltung haben können; anch sein Bart hat im Schnitt etwas Zranzösisches\nIn seinen Händen hielt er einen Stock mit schmalem Elfenbeiuabschlnß, einen\nStock ohne Mücke, den man auf dem Rücken zwischen den Händen trägt. Seine\nKrawatte war bliihend weiß und sorgfältig geschlungen.\n25. Inni\nRath der Suppe trat der Wirt heran, legte die Hand ans den Stuhl\ndes alten Herrn nnd sagte in seinem Schwäbisrh:\n»Herr Adrian, ich mache einen Bersuch mit Elsässerwein. Wollen Sie\nIhn probieren?«\nInteressiert antwortete der alte Herr: ,,Ia natiirlich.« Er kostete, indem er\nM) den Mund ansspiilte nnd sagte: »Es ist guter 191 ter Riesliugk"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2624, "texte": "Dann schenkte er sich ein, verdünnte ein wenig mit Wasser, trank nnd\ngriff nach dem Brot. Es scheint mir wahrscheinlich, das; er Elsässer ist, ich beginne\nmich fiir ihn zu interessieren, denn es ist kein Geheimnis, dafz das Elsafz sich\nanders aus den Krieg einstellt als die alten deutschen Länder. Ein wenig\nempfinde ich ihn als Landsmann.\nDer Wirt erschien wieder nnd stellte eine grosze griine Zlasche vor ihn.\n»Ist das der Riesling?« fragte der alte Herr.\n»Ja«\nDann seien Sie so gut nnd ersparen Sie mir diese häszliche Flasche, die\nauszerdem viel zu gross ist. Ich wiirde drei Tage daran brauchen und der Wein\nzu Essig werden. Haben Sie keine weisse Schoppenslascheiw\nAber. schon erblickte er die Wasserflaschg die auf dem Tisch stand. Sie\nwar geschlifsen, klein, hübsch.\n,,Soviel geben Sie mir bei jeder Mahlzeit —- der elsässische Wein ist kein\nslaschenweinf fiigte er hinzu, sich halb zu mir wendend, und sich gleichsam ent-\nschuldigend, ,,mau nimmt ihn vom Ins; nnd nie mehr, als man im Augenblick braucht«\n26. Juni\nAdrian tauchte aus. Er war wie gestern angezogen, ganz der Rentner,\nwie man ihn zwischen Rhein nnd Bogesen findet, nur die Binde war neu,\ndenn sie war ebenso unzerkuittert und weis; wie am Tage vorher. Er trat zu der\nKapelle, die unter der Wandelhalle sitzt, nnd begriiszte den Kapellmeisten Der\neine beugte sich hinab, der andere schaute hinauf, und beide waren weifzhaarige\nalte Herren.\nDer Kapetlmeister hatte einen Backenbart mit ansrasiertem Kinn, so das\ner einem rnssischen Staatsrat ans den Romanen Eurgeniews glich; sein Haar\nwar ebenso voll wie das Adrians. Er trug darauf einen steifen, runden Hut\nwie die meisten Mitglieder seiner Kapelle, und wenn er dirigierte, rntschte\nder Hut ein wenig in die Stirn, was dem alten Herrn oerwegen stand. Es\nwar hübsch, dreiszig dieser Hiite zu betrachten, während der Ehoral gespielt\nwurde. Das wird solange dauern, bis ein Eingesandt aus dem Publikum verlangt,\ndasz die Musiker bei dieser heiligen Musik barhänptig sein müssen.\nDer Kapellmeister klopfte fiir das nächste Stiick, und Adrian ging weiter.\nIch sah, wie er an dem einen Ende der Wandelhalle sich von einer Blumen«\nverkäuferiu eine Rose geben ließ nnd dann am anderen einen Spaziergang längs\nder Berkaufsstände unternahm. Bei den böhmischen Eranaten blieb er steh«\nund iiberreichte der Berkäuserin die Rose. öch schleuderte näher, das Mädchen\nwar ein schwarzes, zierliches Persänchem das von gewölbten Augenbrauen wie\nvon einem Bogen Blicke schoß. Adrians Augen waren ganz dunkel, in ihrem\nWeisz war das cholerische Gelb. ,\nKurz vor eins betrat ich das Haus mit den Spiegelscheiben. Einigk"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2437, "texte": "der Säfte warteten im Lefezimmer das Länten des Songs ab; zu ihnen gehörte\nAdrian, er lafz in der Eclce nnd lchrieb einen Brief. Eine Dame wandte lich\nqn einen Berliner Herrn nnd bat ihn, ihr bei der Abfalfung eines Eelegramms\nzn helfen, irgend ein Hotel hatte ihr lceinen Belcheid gegeben.\nDer Berliner zog einen Bleiltift heraus und lkhrieb die Worte nieder,\nwährend er lie zugleich ansfprach. Etwas reichlich laut, dachte ich; fie benahmen\nlich, als wären lie zu Haufe. Plötzlich milchte lich eine ältere Dame ein, die, durch\neine Elaswand getrennt, neben Adrian lalz und bis letzt wie er geschrieben\nhatte. Sie war die Mutter der Dame, die telegraphieren wollte, nnd hatte\ndas Mundwerk eines lcommandierenden Uuteroffiziers Sie zerpfliictcte jedes\nWort, das der Berliner Herr oorgelchlagen hatte; der Lärm lchwoll an wie\nim zweiten Alct der Meilterlinger die große Schlägerei; unmöglich, ein Wort\nweiter zu lefen. Adrian wandte lich um und jagte, lehr höflich nnd mehr be-\nlchwichtigend als ironilch:\n,,Piano, piano.«\n,,Wie beliebt?« fchnarrte der Berliner Herr.\nAdrian ltieg eine leichte Röte in den Kopf nnd er jagte:\n»Ich bat nur um Ruhe, Sie oergeljen, das? noch andre Leute hier lind.«\n»Ich habe nicht nötig, mich von Ihnen belehren zu lallen, wie ich mich\nzu benehmen habe.«\n,,Es lcheint mir doch, mein Herr,« antwortete Adrian.\nMit ganz veränderter Stimme, nicht mehr erregt, londern lchneidend\nbeftimmt, fagte der Berliner:\n»Aha, Sie lind wohl der Elläffer, oon dem ich gehört habe; wenn Sie\nlich unter uns nicht wohl fühlen, wiirde ich an Ihrer Stelle zu meinen lanberen\nLandsleuten zuriiclclcehren.«\n»Mäl3igen Sie lich,« fuhr ich ihn an, ,,Sie benehmen lich unoerautwortlichk\nDann wandte ich mich Adrian zu; er war weifz im Eelicht geworden nnd\nkämpfte eine malzlole Erregung nieder, darauf fchenlcte er lich ein Glas Waffe:\nein nnd traut( es aus. Der Eong läutete, und die Zeugen der Szene verließen\ndas Zimmer, der Berliner folgte als letzter.\nBei Eilet) wurde an der großen Eafel mit gedämpfter Stimme, aber leb-\ndAft ilber die Angelegenheit geil-rochen. Ich hörte, dalz man dem Berliner nicht\nkkchk gab; eine ältere Dame, die der Ausfprache nach ebenfalls aus Berlin\nM· lagte:\n» »Ich glaube, ein wenig ift das lchou nnler Aationallaftey dalz wir zu\nlarmend anftreten. Ich habe es im Ausland oft lelblt empfunden. Und was\nS« kbm von feinen Landsleuten lagten, Herr Krögey ging zu weit, nehmen\nSksspes mir nicht iibel.« i"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2610, "texte": "Stach Gifd) traf ber berliner ao nnferen Gifch nnb bat Slbrian am Gut«\nJchulbigung. Slbrian fagte:\n„SBeh fjßbstt Sie mit mit 3hrer Bemerkung übet meine Canbsleute getan,\naber icf) mache von bem S3orrecf)t meines Hilters Gebrauch unb verleibe Jie 3hnen.\"\nDamit reichte er ihm bie Qattb. 3d) verließ mit ihm bas §aus, unb mir\nplauberten noch eine S3ierte(ftunbe jufaramen.\n2s. 3uni\nSki Gifch mar Slbrian Jof>r fchroeigjam nnb geiftesabroefenb; juleßt raffte\ner fich auf nnb bat um Snffchulbignng. SBir gingen jnfaramen fort unb ich\nerlaubte mir, ihm einen Spajiergang vor?ufd)iagen. Gr mar feßt erfreut nnb\nfchlug feinerfeits vor, auf bem kleinen 'Plaß oor bem Sommertheater Kaffee |n\ntrinken.\nSBir gingen längs bes SJergbacßs, auf ben Steinplatten ber \"proraenaben\nfpielfen bie Sonnenlichter. Der 'piaß unter ben Räumen mar noch flau? leer,\nbie Kaffeetrinker unb bie Capelle kamen erft fpäter.\n„SBas gibt es beuer in Cnxemburg?\" fragte er, ben fchmarjen Grank\nfchliirfenb, ber einen ftarken, echten Kaffeegetuch hotte, als Jäßen mir in einem\nöfterreicbifdteu S3abe.\n„Vichts, man fchimpft roohl,\" anfmortete ich.\n„3ft es nicht feltfam, bie ganje SBelt fchimpft auf fiel\" („Sie\" maren\nbie Deutfd>en.)\n„Slberfuhr er fort, „man fchimpft ?n oiel, fie finb tüchtig, nnb ich meiß\nnicht, mas bie sran?ofen von fich Jagen nnb fcbrciben mürben, menn fie fo oiel\nKriegserklärungen mie bie Deuffchen bekommen hätten nnb fich alle jufammen\nfo vom Ceib |u halten müßten.\"\nDer alte §err mar hcnte anßerorbentlich gerecht, er hatte lieber auch\nfchon anbers gefproeßen. \"plößlid) fagte er:\n„Riffen Sie, roarura id) ihnen nicht jürne, troßbem fie mir oft genng auf\nbie Sternen gegangen finb? SBeil id) eine Deutfcße geliebt habe.\"\nDas fagte er feltfam erregt, ffolj unb elegant, }ug(eid) bekennenb nnb\nbiskret: nie mar er franjöfifcher als jeßt, roo er in feiner aufgerichteten galfnng\nin oerflehen gab, baß es erlaubt ift, oon feiner Seele jn bekennen, meil es menfeß*\nließ ift unb alle angeht.\n„Sie haben mich heute morgen überrafcht, nnb Sßrcn jungen Singen ift es\ngeroiß nicht entgangen, baß ich meinte. 3d) roill 3hnen et}äßlen marum. Slls ich\naus bem §aufe trat, merkte ich balb, baß ich mich verfrüht hatte. 3d> mar jnerft\närgerlich, baß ich nun meinen Kaffee nicht bekommen mürbe, aber mie ich an allen\nbiefen so(;häu)ern vorüber ging, bereu Bäben noch gefcßloffen maren, mar es plöß*\nlieh, als fei bas alles nicht mehr roirklich, jonbern ein Grantu ein Graum, ber mit\neinem Schlage breißig 3aßre auslöfchte. Denn vor breißig 3aßren mar ich einmal\nfo }H berfelben frühen Stunbe burch eben einen folchen SJabeort gegangen."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2584, "texte": "sich der Erregung. sie gaben ihm Papier und Blei. Doch er wußte nichts\nmehr von diesen Dingen. Er fiihlte nnd beroch sie, nahm sie falsch auf und legte\nsie weg. sie gaben ihm eine Feldpostkarte und hielten ihm die Hand mit dem\nstift. Da schrieb er, malend, aus kleinen zitterndeu Haken seltsam verbunden:\nmaman.\nDann wurden die Dinge um ihn wieder blind. Keine Briiclcen banden ihn\nweiter an die Welt, die um ihn lag. sein Blick ergiug sich im Wesenlosen. Kein\nKonnex erhob ihn zur Erkenntnis seiner Zahnbiirste, keine Anleitung erinnerte\nihn an solches Instrument und solchen Gebrauch. Da schrieben sie seiner Mutter.\nDie Frau kam in der Frühe, trat herein und kiißte ihn. Er schlief. sie sagten\nihm, ihn mit Händen weckend: ,,Giick, die Mamme isch do«. Da legte er den\nKopf schräg, schlug den Kreislauf der Blicke auf nach dem Plafond in erstaunender\nschnelle, der silzeude Körper tanzte unter der Decke, die Hände tobten. Dann\nriß das Bewusstsein, die Welt dieser Erde stieß daran. Dieser 3usammenstosz, der\nihn zuriiclcriß aus dem Irren und Imagiuären, war fiirchterlich. Er gliihte vor\nAufruhr, sprengte die Bande des Mundes, zwang das gelähmte Zeutrum des\nOrgans und gebar fast unter Krämpfen drei Worte: ,·,Bischte do gesiu?« Die\nMutter anwortete: ,,Zu Besäch, Henri.«\nAachdem die zwei Welten in dieser Umarmung zusammengeprallt waren,\nzog Denken langsam wieder in sein Hirn. Die Idiotie der Gesichtspartie blieb\nwie das Irre seiner Gebärde. Trotzdem lernte er die Welt wieder kennen, ganz\nnon unten an zwar und mit Dämpfnug, aber dennoch nnd mit wachsender schnelle. In\neiner Woche erlebte er den Aufbau seiner verflossenennzwanzig Iahre zurück.\nMenschen, Dinge, Bilder, strömteu täglich in sein Hirn, er gab ihnen Namen, sie\nverkniipfeud zu Vorstellung, Handlung und Gesicht. Er baute sich Freunde auf\nund Frauen, gab ihnen Namen, hieß sie Renå und hieß sie Hilde, hob Tiirme ans\nseiner Phantasie und nannte sie das Münster, schiipferisch und schier unbewußt,\ndaß dies alles Bergaugenem nnd Dnrcherlebtem entspräche. Aoch ließ zwar\nnirgends die fremde Welt ganz von ihm, sie begleitete ihn immer weiter in die\nHöhe nnd fiel langsam ab. Die alte Welt mußte die Festung des Gehirns zurück-\nerobern wiitend und schritt um schritt. Er befiihlte blöd nnd es nicht fassend,\nden neuen stoff seines Hemdes, reckte mit den spitzen Fingern den Kopf, blinzelte\nund wußte wieder nichts. Lang dauerte es, bis er die Handlung des Waschens\nVkgkkfis Noch wußten seine Finger nichts beim speisen oon der Art des zu-\nsreisenden Gebrauchs, sie waren nngelenk und steif nnd taub. Manchmal jedoch"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2186, "texte": "brach ein Stiick Erinnerung, und während er noch nicht wußte, was Mnndfpiilen\nbedeute, schwangen sich seine Fiifze durch Schiltigheim oder tanzten in einem\nfernen Borftadtgarten zur Musik im abeudlichen Tivoli. Erftaunt befah er die\nMenschen. Seine Blicke fafzten fie nie als Fläche, sondern umfuhren sie an den\nänszereu Linien sonderbar. Sein sprechen war anfangs ohne Flüssigkeit gewesen.\nZerhackt, mit körperlicher Miihsal erschaffen, verkant und gedehnt, war es kein\nSchnauben, gleich dem Redeversuch eines Hundes, nicht weit vom Belleu und sehr\nentfernt vom Schwung der Bokale. Doch je mehr die Welt in ihn eindrang, Tag\num Tag, wnchs die Rede ihm zusammen zu Organisation nnd Gefiige, nnd manch«\nmal schon schob lich der Kopf aus der irren Himmelfahrt und schweifte verstehend\niiber die Landfchaft, die sich unter den breiten Fenstern hiuausbog in das Blau, und\nwo Wege ausstiegen, Bäume nnd aufgerisfene braune Acker, nnd wo die Gegend\nim knpfrigen Schein herbstlichen Bebels zu mystischem Gelände vorschwebte.\nDie Erde hielt ihn wieder.\nEs ist dem Wissenden ohne Zweifel, dass dieser glückliche Mensch mit dem\nwuudervollen Kopfdes ägyptischen Königssohnes in beschränkter Kette von Tagen\nden Aufstieg des Menschlichen aus zehutansenden Jahren wiedererlebte. Wie am\nAnfang ein Nichts an ihm war, flog das Primitive ihm an und entwickelte sich\nan ihm. Aoch war in ihm, wenn er fpeiste, die Gebärde der ersten Wilden, die\nembrional den Körper zu einem dumpfen 0val zusammengezogen, hockend, das\n»Ding« der Speife fest mit beiden Fäusten hielten und den Mund zu ihm senkten,\nvon Furcht gefchiittelt vor llbermäfzigem, das es ihnen rauben könnte. Dann aber\nkam Klugheit, Erfahrung, Kombination, Gewöhnung. Sein Leib streckte sich fester\nin Beherrschung und Liebe zum Dasein. Seine Seele, eine dumpfe Monade noch,\nerhob fich aus dem Animalischem dnrchstiesz die Staffeln der Entwicklung nnd flog\nwie eine Fontänenkugel, mit Empfindung fich fiillend, mit Bewnsztfein snnfter ange-\nglänzt, aufraufchend hin zur Göttlichkeit der Erkenntnis, strahlender Monade, die\nsie erleuchtend empfing. So werden alle Wunder dieser grossen Erde auch im zeit-\nlieben Inferno offenbsn\n\nKalimir Edichmid"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-02-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-02_01#c006", "volume": "bmtnabb_1916-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "77", "page_fin": "77", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.2.6", "titre_corps": "Paul skheetbart", "titre_sommaire": "Paul skheetbart", "signature_source": "Adolf Behue", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3164, "texte": "Paul skheetbart\nAdolf Behue.\nKein Adjektiv erreicht Dich, keine Anekdote trifft Dein Wesen, denn Du\nwarst die Schönheit selbst, uufaszbar und immer entgleitend dem Begriff. Kein\nUrteil wird Dich wägen, keine Erklärung Dich bannen, denn Du warst das\nkünstlerische Schaffen selbst, eine reine schöne hohe Stamme. In Weisheit ohne\nTheorie warst Du vollkommene Offenbarung der Kunst, von Deiner schönen\nfrühesten Paradies-Dichtung an. Rach den Borhöfen der Kunst war Deine Bahn\nniemals orieutiert. Du branchtest sie nicht einmal zu meiden — sie waren nicht in\nDeiner Welt. Diese Deine Welt lag hinter dem, was die Allgemeinheit Kunst\nnennt. Andere diirfen stolz sein, wenn ihnen eine »Form« gelang. Du sahest, dass\njede »Form« Erstarrung und Zestnagelung ist, dasz aber Schönheit ganz wesentlich\nBewegung, Auflösung, Schwingen und Schweben ist. Das was die Seelenblindheit\nZorm nennt, steckt voller Hochmut und ist Beschränktheit. Du aber erlebtest die\nUnendlichkeit und warst vor ihr voller Demut. Dein Schaffen war unendliche\nRatur, nnd eben deshalb lconnte Dir das »Ratiirliche« nur Gegenstand der Ironie\nsein.\nDer Gedanke an Dich ist eine ungeheure Mahnung. Rie hast Du Rich-\nnungen ausgesprochen, nnd doch empfand selbst der Stumpfeste eine solche Wirkung.\nWer vor ihrer Unbeqnemtichkeit erlag, wurde voller Hof; gegen Dich. Alles\nDunkle nnd alles Krumme muszte vor Dir in seine Löcher fliichteu -— vor leisesten,\nvor feinsten Bewegungen Deines Geistes. Das war das Wunder: nicht durch\n,,Gthik« wirktest Du, sondern durch ,,Takt«. Gthik ist erträglich, Gthik ist nicht\nbeleidigend, aber Takt ist eine tödliche Waffe. Das war: weil Du vollkommene\nSchönheit warst, weil vollkommene Schönheit vollkommener Sinn ist, deshalb\ngeniigten zarteste Strahlen Deines Geistes, um im Siunlosen, das ist im Häszlichem\nwie seuer zu wirken.\nDu Weisester und Gliiclclichster hattest iiber die Grde den vollkommensten\nSieg. Aber deswegen Deine Dichtung zum ,,Kosmischen Humor« zu stempeln,\nbleibt sehr kurzsichtig. In diesem Betonen des ,,Kosmischeu« spricht sich nur das\nGefiihl der sremdheit ans —- die Rlenschen muszten Dich distanzieren. Weil sie Deine\nnnversehrte srhlackenlose Reinheit nicht empfunden, glaubten Dich die Biirger als\nUnmenschen im kalten Weltenraum. Und die Poeten, denen Du begegnen wirst,\nkönnten leicht zu Deiner unseriöseu Offenheit bemerken, Du seist zu mensch-\nlich, zu natürlich, Du gehörtest auf die Grde zurück.\nIa, als Riensch ohne Adjektiv, als Künstler, gehst Du, Paul Scheerbnrt,\nZwischen Ratiirlichkeit und Kiinstlichkeit Deine fuukelnde Bahn —- ein eigener,\nsonveräner Stern. \" -\nSie wollten Dich zum ,,armen Poeten« plattdräckem die Schwäher. Du warest\nUkcher als sie alle. Ich meine nicht ,,im Geiste« — das steht sa außerhalb der Dis-\nknssionsmögtichkeit Du warest reicher im iippigen Gennsz ungezählter Reize. Du\nwarst ein Verschwender, warst von wundervoller Gastlichkeit. Du warst so reich\nin Deinem nnendlichen Bediirfnis nach Schönheit, Freuden und Reizen. Und alles,\nalles wurde Dir zu einem Reiz. Du verwandeltest mit zauberischer Grazie alles\nuns Deiner Umgebung in Reiz der Schönheit, Du hast selbst das Stumpfe zum\nTanzen gebracht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-02-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-02_01#c008", "volume": "bmtnabb_1916-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "79", "page_fin": "80", "image_debut": 13, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.2.8", "titre_corps": "Glojjen und Kritilcen", "titre_sommaire": "Glojjen und Kritilcen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 13, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3046, "texte": "Glojjen und Kritilcen\n\nH. s.\nAus die siiddentschen Mo-\nnatshefte sei hiermit nachdriiclcss\ntikhft aufmerksam gemacht! Wer von\nder Verziiglichlceit und Vollkommen«\nheit deutschen Wesens und deutschen\nGeistes allzu gern nnd sorglos iibers\nzeugt ist, dessen Zufriedenheit wird bei\nder Lelctäre dieser Hefte eine heilsame\nSrschiitternng erfahren. Er wird\nsehen, was fiir Wesen nnd was fiir ein\nGeist sich deutsch lnicht nur siiddeutschs\nnennen darf. Und er wird erkennen,\nwie sehr wir nnd gegen wen wir (nach\nerfolgtem Frieden) kämpfen nnd ar-\nbeiten müssen, damit das Wort\nDeutschland den Klang behält, den wir\nlieben.\n\nAnch ans die ,,Weiszen Blät-\nter« sei recht nakhdriiclclich verwiefen.\nAber in einem sehr anderen Sinne. Seit-\ndem Skhiclcele sie heransgibt, ist das\nWeist dieser Blätter, das vormals zwar\nsehr tadellos nnd fiirnehnn aber etwas\nallzn bleiern war, sehr viel bunter, leb-\nhafter nnd frischer geworden. sast in\njedem Heft findet man neben vielen\nKleiniglceiten irgend eine besondere\nSache. Sei es die ergreifende Ge-\nichichty die Kaflca erzählt, von dem\nHandlnngsreisenden Gregor Samsa,\nder znm Misllciifer verwandelt dnrch\nitku hilflos trauriges Dasein seine Za-\nmilie in Rot nnd Schrecken stürzt, sei\nes Zranz Werfels ,,Gesang von der\nUMU HZIleN der Schule, sei es Stern-\nbekmp fei es eine der klagen, leiden-\nIchaftlichen nnd wahrhaft ,,gnten« Be«\nmerlcnngen des Herausgebers selbst -—\nimmer findet man etwas Srstannliches\netwas Erfrenendes, etwas Schönes.\nEins nnr ist schade: Dass der schöne,\nwertvolle Text so oft dnrch minder-\nwertige Bilder unterbrochen wird.\nWas iollen dieie Bildchen da? Dir\njind ia noch ichlechter als die, die wir\nin: »Seit-Echo« bringen. sie blieben\nwirlclicb bejier weg.\nSoviel iiber die ,,Weikzen Blätter« in!\nallgemeinen. In Nr. II nun aber Cim\nNovember 1915 ereignet fiel) etwas,\nworiiber mehr zn jagen ist) Unzuläng-\nlicher genötigt bin, da andere es bisher\nnicht taten:\n\nHeinrich Mann schreibt über\nZ ola. Nachdem er einige Jahre\nfrüher über slanbert geschrieben hat.\nDamals schrieb er mit ruhiger nnd be-\nherrschter Leidenfchaft Ein grosser\nKünstler analgsierte, verteidigte nnd\npries den Stöhnen. Im Grüfzeren sich\nselbst. Die kleine Schrift war das Be«\nkenutnis eines Künstlers. Durch das\nfreilich viel Aenes nicht bekannt nnr\nmanches unterstrichen wurde, was from«\nme Leser schon aus den Romanen wass-\nten. Was aber frümmere Leser im stillen\nhofsten und glaubten, das wird in dieser\nneuen Schrift bekannt, die mehr als das\nBekenntnis eines Künstlers, das eines\nMenschen lwelches Menschenls ist.\nöch weis; nicht, ob Mann in seinem Urteil\noder auch in den Tatsachen immer ganz\nrecht hat. Aber nichts ist nebensächlicher\nals das. Denn diese Schrift ist keine\nBiographie oder Kritik, bei der man\nfragen dürfte: Stimmt es? Hier stimmt\nalles nach einem ganz uuwirklichem nach\neinem tief wahrhafteren Gesetz. 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Hier raft ein Sturm«\nwind nnd reißt herunter, was fich nicht\nbeugt. Hier trinmphiert der Seift.\nUnd iiber den Geift die Liebe.\nDen elenden srhwätzern von STIMM-\nzismus nnd Zntellekt lseinde n nd\nZreunde waren darunter; zuletzt fogar\nnnd leider Otto sinke« ——- auf der Seite\nder Zeinde), diesen beschränkten oder\nbeskhränkeudeu Geistern wird hier nn-\nfanft aufs Dach gedonnert. Ziir alte\nZeiten ist von nun an die Legeude er«\nledigt, die Heinrich Mann einen Künst-\nler, aber einen weltabgewaudten, einen\nnegierenden Kiiustler nannte.\nDnrch diese kleine Schrift ist auf eine\nuuerwartet herrliche Weise bewiesen,\ndas? Heinrich Mann nicht lwas wir alle\nlängst schon wußten) der grösste lebende\ndeutsche Grzähley dasz er viel mehr als\ndas lund was wir Frommen immer\nglaubten), das; er (nnd wenn er selber\nzehnmal darauf hnstetl), das; er der\nMensch nnd Dichter ist, den wir ver«\nehren, bewundern und lieben.\nWir diirfeu nnd wollen zu ihm das\nsagen, was er die ,,Znversirht« zu Zola\nsagen lässt: ,,Zukiiuftige Geschlechter\nwerden dich weniger lesen, aber besser\nkennen, nnd die Gestalt eines Vor«\nfahren vor Augen haben bei Aennnng\ndeines Namens: eines der guten Män-\nner, die schon damals das Gliick II!\nalle suchten in der Wahrheit. 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Man\nkönnte meinen, man sei in einem Seebad der Normandie oder Belgiens; da\nschmiegt sich auch Hans an Haus, alle gleich leicht, sommerlich, ans Holz nnd Glas\nerbaut nnd willig der Knrve folgend, die der Straße eine elegaute nnd zierliche\nPerspektive verleiht.\nRechts vom Hanseingang ist ein Lesezimmey links der Speisesaal. Beide\nBäume sind von der Straße nur durch Spiegelscheiben getrennt, die bis zum Boden\nreichen. Der Speisesaal ist nicht groß, ein paar sorgfältig gedeckte Tische, leicht\ngeschweifte Stiihlez die Decke ist mit einem Eittermuster ans gebrannter Eerrakotta\niibersponnen, wie in Rokokosälem ihre Zarben sind hellblau und hellrosa. Diese\nüberreiche 0rnamentik ist doch leicht nnd lcokett, nnd sie ist weit entfernt von\nder programmatischen Echtheit Berliner Speisehäuserz schmale lange Spiegel\ngliederu die Wände.\nDanach stieg ich wieder zum Wald hinauf. Plötzlich sah ich, daß der\nWeg von zwei Ameiseuheerstraßen iibergnert wurde. In zwei parallelen\nSäulen zogen hunderttausend Eiere iiber Land. Ich fuchte vorsichtig den Znß\nansznsetzem aber es gelang mir wohl nicht, wie dem jungen Burschen im Märchen,\nihnen aus dem Wege zu gehen und keine einzige zu töten.\nGleich nachher setzte ich mich ans eine Bank nnd beobachtete, wie ein alter\nHerr, der den schönsten Weißköps besaß, das Problem löste. Und siehe, er\nwar mitleidiger als ich. Trotzdem der Weg von Dornengestriipp nnd einem\nStacheldraht eingezännt war, besann er sich keinen Augenblick nnd opferte seinen\nschwarzen Alpalcarock nnd seine gelben Leinenhosen den Dornen. Die Ameisen\nwußten ihm keinen Dank, aber es geniigte ihm, menschlich gewesen zu sein.\nEr setzte sich zu mir auf die Bank und ich machte ihm ein Kompliment\nüber sein gutes Herz. Er antwortete mit einer außerordentlichen, höflichen\nWürde, die mich frappierte. Ein alter französischer Herr hätte diefe\nHaltung haben können; anch sein Bart hat im Schnitt etwas Zranzösisches\nIn seinen Händen hielt er einen Stock mit schmalem Elfenbeiuabschlnß, einen\nStock ohne Mücke, den man auf dem Rücken zwischen den Händen trägt. Seine\nKrawatte war bliihend weiß und sorgfältig geschlungen.\n25. Inni\nRath der Suppe trat der Wirt heran, legte die Hand ans den Stuhl\ndes alten Herrn nnd sagte in seinem Schwäbisrh:\n»Herr Adrian, ich mache einen Bersuch mit Elsässerwein. Wollen Sie\nIhn probieren?«\nInteressiert antwortete der alte Herr: ,,Ia natiirlich.« Er kostete, indem er\nM) den Mund ansspiilte nnd sagte: »Es ist guter 191 ter Riesliugk"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.6", "texte": "Dann schenkte er sich ein, verdünnte ein wenig mit Wasser, trank nnd\ngriff nach dem Brot. Es scheint mir wahrscheinlich, das; er Elsässer ist, ich beginne\nmich fiir ihn zu interessieren, denn es ist kein Geheimnis, dafz das Elsafz sich\nanders aus den Krieg einstellt als die alten deutschen Länder. Ein wenig\nempfinde ich ihn als Landsmann.\nDer Wirt erschien wieder nnd stellte eine grosze griine Zlasche vor ihn.\n»Ist das der Riesling?« fragte der alte Herr.\n»Ja«\nDann seien Sie so gut nnd ersparen Sie mir diese häszliche Flasche, die\nauszerdem viel zu gross ist. Ich wiirde drei Tage daran brauchen und der Wein\nzu Essig werden. Haben Sie keine weisse Schoppenslascheiw\nAber. schon erblickte er die Wasserflaschg die auf dem Tisch stand. Sie\nwar geschlifsen, klein, hübsch.\n,,Soviel geben Sie mir bei jeder Mahlzeit —- der elsässische Wein ist kein\nslaschenweinf fiigte er hinzu, sich halb zu mir wendend, und sich gleichsam ent-\nschuldigend, ,,mau nimmt ihn vom Ins; nnd nie mehr, als man im Augenblick braucht«\n26. Juni\nAdrian tauchte aus. Er war wie gestern angezogen, ganz der Rentner,\nwie man ihn zwischen Rhein nnd Bogesen findet, nur die Binde war neu,\ndenn sie war ebenso unzerkuittert und weis; wie am Tage vorher. Er trat zu der\nKapelle, die unter der Wandelhalle sitzt, nnd begriiszte den Kapellmeisten Der\neine beugte sich hinab, der andere schaute hinauf, und beide waren weifzhaarige\nalte Herren.\nDer Kapetlmeister hatte einen Backenbart mit ansrasiertem Kinn, so das\ner einem rnssischen Staatsrat ans den Romanen Eurgeniews glich; sein Haar\nwar ebenso voll wie das Adrians. Er trug darauf einen steifen, runden Hut\nwie die meisten Mitglieder seiner Kapelle, und wenn er dirigierte, rntschte\nder Hut ein wenig in die Stirn, was dem alten Herrn oerwegen stand. Es\nwar hübsch, dreiszig dieser Hiite zu betrachten, während der Ehoral gespielt\nwurde. Das wird solange dauern, bis ein Eingesandt aus dem Publikum verlangt,\ndasz die Musiker bei dieser heiligen Musik barhänptig sein müssen.\nDer Kapellmeister klopfte fiir das nächste Stiick, und Adrian ging weiter.\nIch sah, wie er an dem einen Ende der Wandelhalle sich von einer Blumen«\nverkäuferiu eine Rose geben ließ nnd dann am anderen einen Spaziergang längs\nder Berkaufsstände unternahm. Bei den böhmischen Eranaten blieb er steh«\nund iiberreichte der Berkäuserin die Rose. öch schleuderte näher, das Mädchen\nwar ein schwarzes, zierliches Persänchem das von gewölbten Augenbrauen wie\nvon einem Bogen Blicke schoß. Adrians Augen waren ganz dunkel, in ihrem\nWeisz war das cholerische Gelb. ,\nKurz vor eins betrat ich das Haus mit den Spiegelscheiben. Einigk"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.7", "texte": "der Säfte warteten im Lefezimmer das Länten des Songs ab; zu ihnen gehörte\nAdrian, er lafz in der Eclce nnd lchrieb einen Brief. Eine Dame wandte lich\nqn einen Berliner Herrn nnd bat ihn, ihr bei der Abfalfung eines Eelegramms\nzn helfen, irgend ein Hotel hatte ihr lceinen Belcheid gegeben.\nDer Berliner zog einen Bleiltift heraus und lkhrieb die Worte nieder,\nwährend er lie zugleich ansfprach. Etwas reichlich laut, dachte ich; fie benahmen\nlich, als wären lie zu Haufe. Plötzlich milchte lich eine ältere Dame ein, die, durch\neine Elaswand getrennt, neben Adrian lalz und bis letzt wie er geschrieben\nhatte. Sie war die Mutter der Dame, die telegraphieren wollte, nnd hatte\ndas Mundwerk eines lcommandierenden Uuteroffiziers Sie zerpfliictcte jedes\nWort, das der Berliner Herr oorgelchlagen hatte; der Lärm lchwoll an wie\nim zweiten Alct der Meilterlinger die große Schlägerei; unmöglich, ein Wort\nweiter zu lefen. Adrian wandte lich um und jagte, lehr höflich nnd mehr be-\nlchwichtigend als ironilch:\n,,Piano, piano.«\n,,Wie beliebt?« fchnarrte der Berliner Herr.\nAdrian ltieg eine leichte Röte in den Kopf nnd er jagte:\n»Ich bat nur um Ruhe, Sie oergeljen, das? noch andre Leute hier lind.«\n»Ich habe nicht nötig, mich von Ihnen belehren zu lallen, wie ich mich\nzu benehmen habe.«\n,,Es lcheint mir doch, mein Herr,« antwortete Adrian.\nMit ganz veränderter Stimme, nicht mehr erregt, londern lchneidend\nbeftimmt, fagte der Berliner:\n»Aha, Sie lind wohl der Elläffer, oon dem ich gehört habe; wenn Sie\nlich unter uns nicht wohl fühlen, wiirde ich an Ihrer Stelle zu meinen lanberen\nLandsleuten zuriiclclcehren.«\n»Mäl3igen Sie lich,« fuhr ich ihn an, ,,Sie benehmen lich unoerautwortlichk\nDann wandte ich mich Adrian zu; er war weifz im Eelicht geworden nnd\nkämpfte eine malzlole Erregung nieder, darauf fchenlcte er lich ein Glas Waffe:\nein nnd traut( es aus. Der Eong läutete, und die Zeugen der Szene verließen\ndas Zimmer, der Berliner folgte als letzter.\nBei Eilet) wurde an der großen Eafel mit gedämpfter Stimme, aber leb-\ndAft ilber die Angelegenheit geil-rochen. Ich hörte, dalz man dem Berliner nicht\nkkchk gab; eine ältere Dame, die der Ausfprache nach ebenfalls aus Berlin\nM· lagte:\n» »Ich glaube, ein wenig ift das lchou nnler Aationallaftey dalz wir zu\nlarmend anftreten. Ich habe es im Ausland oft lelblt empfunden. Und was\nS« kbm von feinen Landsleuten lagten, Herr Krögey ging zu weit, nehmen\nSksspes mir nicht iibel.« i"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.8", "texte": "Stach Gifd) traf ber berliner ao nnferen Gifch nnb bat Slbrian am Gut«\nJchulbigung. Slbrian fagte:\n„SBeh fjßbstt Sie mit mit 3hrer Bemerkung übet meine Canbsleute getan,\naber icf) mache von bem S3orrecf)t meines Hilters Gebrauch unb verleibe Jie 3hnen.\"\nDamit reichte er ihm bie Qattb. 3d) verließ mit ihm bas §aus, unb mir\nplauberten noch eine S3ierte(ftunbe jufaramen.\n2s. 3uni\nSki Gifch mar Slbrian Jof>r fchroeigjam nnb geiftesabroefenb; juleßt raffte\ner fich auf nnb bat um Snffchulbignng. SBir gingen jnfaramen fort unb ich\nerlaubte mir, ihm einen Spajiergang vor?ufd)iagen. Gr mar feßt erfreut nnb\nfchlug feinerfeits vor, auf bem kleinen 'Plaß oor bem Sommertheater Kaffee |n\ntrinken.\nSBir gingen längs bes SJergbacßs, auf ben Steinplatten ber \"proraenaben\nfpielfen bie Sonnenlichter. Der 'piaß unter ben Räumen mar noch flau? leer,\nbie Kaffeetrinker unb bie Capelle kamen erft fpäter.\n„SBas gibt es beuer in Cnxemburg?\" fragte er, ben fchmarjen Grank\nfchliirfenb, ber einen ftarken, echten Kaffeegetuch hotte, als Jäßen mir in einem\nöfterreicbifdteu S3abe.\n„Vichts, man fchimpft roohl,\" anfmortete ich.\n„3ft es nicht feltfam, bie ganje SBelt fchimpft auf fiel\" („Sie\" maren\nbie Deutfd>en.)\n„Slberfuhr er fort, „man fchimpft ?n oiel, fie finb tüchtig, nnb ich meiß\nnicht, mas bie sran?ofen von fich Jagen nnb fcbrciben mürben, menn fie fo oiel\nKriegserklärungen mie bie Deuffchen bekommen hätten nnb fich alle jufammen\nfo vom Ceib |u halten müßten.\"\nDer alte §err mar hcnte anßerorbentlich gerecht, er hatte lieber auch\nfchon anbers gefproeßen. \"plößlid) fagte er:\n„Riffen Sie, roarura id) ihnen nicht jürne, troßbem fie mir oft genng auf\nbie Sternen gegangen finb? SBeil id) eine Deutfcße geliebt habe.\"\nDas fagte er feltfam erregt, ffolj unb elegant, }ug(eid) bekennenb nnb\nbiskret: nie mar er franjöfifcher als jeßt, roo er in feiner aufgerichteten galfnng\nin oerflehen gab, baß es erlaubt ift, oon feiner Seele jn bekennen, meil es menfeß*\nließ ift unb alle angeht.\n„Sie haben mich heute morgen überrafcht, nnb Sßrcn jungen Singen ift es\ngeroiß nicht entgangen, baß ich meinte. 3d) roill 3hnen et}äßlen marum. Slls ich\naus bem §aufe trat, merkte ich balb, baß ich mich verfrüht hatte. 3d> mar jnerft\närgerlich, baß ich nun meinen Kaffee nicht bekommen mürbe, aber mie ich an allen\nbiefen so(;häu)ern vorüber ging, bereu Bäben noch gefcßloffen maren, mar es plöß*\nlieh, als fei bas alles nicht mehr roirklich, jonbern ein Grantu ein Graum, ber mit\neinem Schlage breißig 3aßre auslöfchte. Denn vor breißig 3aßren mar ich einmal\nfo }H berfelben frühen Stunbe burch eben einen folchen SJabeort gegangen."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.9", "texte": "sich der Erregung. sie gaben ihm Papier und Blei. Doch er wußte nichts\nmehr von diesen Dingen. Er fiihlte nnd beroch sie, nahm sie falsch auf und legte\nsie weg. sie gaben ihm eine Feldpostkarte und hielten ihm die Hand mit dem\nstift. Da schrieb er, malend, aus kleinen zitterndeu Haken seltsam verbunden:\nmaman.\nDann wurden die Dinge um ihn wieder blind. Keine Briiclcen banden ihn\nweiter an die Welt, die um ihn lag. sein Blick ergiug sich im Wesenlosen. Kein\nKonnex erhob ihn zur Erkenntnis seiner Zahnbiirste, keine Anleitung erinnerte\nihn an solches Instrument und solchen Gebrauch. Da schrieben sie seiner Mutter.\nDie Frau kam in der Frühe, trat herein und kiißte ihn. Er schlief. sie sagten\nihm, ihn mit Händen weckend: ,,Giick, die Mamme isch do«. Da legte er den\nKopf schräg, schlug den Kreislauf der Blicke auf nach dem Plafond in erstaunender\nschnelle, der silzeude Körper tanzte unter der Decke, die Hände tobten. Dann\nriß das Bewusstsein, die Welt dieser Erde stieß daran. Dieser 3usammenstosz, der\nihn zuriiclcriß aus dem Irren und Imagiuären, war fiirchterlich. Er gliihte vor\nAufruhr, sprengte die Bande des Mundes, zwang das gelähmte Zeutrum des\nOrgans und gebar fast unter Krämpfen drei Worte: ,·,Bischte do gesiu?« Die\nMutter anwortete: ,,Zu Besäch, Henri.«\nAachdem die zwei Welten in dieser Umarmung zusammengeprallt waren,\nzog Denken langsam wieder in sein Hirn. Die Idiotie der Gesichtspartie blieb\nwie das Irre seiner Gebärde. Trotzdem lernte er die Welt wieder kennen, ganz\nnon unten an zwar und mit Dämpfnug, aber dennoch nnd mit wachsender schnelle. In\neiner Woche erlebte er den Aufbau seiner verflossenennzwanzig Iahre zurück.\nMenschen, Dinge, Bilder, strömteu täglich in sein Hirn, er gab ihnen Namen, sie\nverkniipfeud zu Vorstellung, Handlung und Gesicht. Er baute sich Freunde auf\nund Frauen, gab ihnen Namen, hieß sie Renå und hieß sie Hilde, hob Tiirme ans\nseiner Phantasie und nannte sie das Münster, schiipferisch und schier unbewußt,\ndaß dies alles Bergaugenem nnd Dnrcherlebtem entspräche. Aoch ließ zwar\nnirgends die fremde Welt ganz von ihm, sie begleitete ihn immer weiter in die\nHöhe nnd fiel langsam ab. Die alte Welt mußte die Festung des Gehirns zurück-\nerobern wiitend und schritt um schritt. Er befiihlte blöd nnd es nicht fassend,\nden neuen stoff seines Hemdes, reckte mit den spitzen Fingern den Kopf, blinzelte\nund wußte wieder nichts. Lang dauerte es, bis er die Handlung des Waschens\nVkgkkfis Noch wußten seine Finger nichts beim speisen oon der Art des zu-\nsreisenden Gebrauchs, sie waren nngelenk und steif nnd taub. Manchmal jedoch"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.10", "texte": "brach ein Stiick Erinnerung, und während er noch nicht wußte, was Mnndfpiilen\nbedeute, schwangen sich seine Fiifze durch Schiltigheim oder tanzten in einem\nfernen Borftadtgarten zur Musik im abeudlichen Tivoli. Erftaunt befah er die\nMenschen. Seine Blicke fafzten fie nie als Fläche, sondern umfuhren sie an den\nänszereu Linien sonderbar. Sein sprechen war anfangs ohne Flüssigkeit gewesen.\nZerhackt, mit körperlicher Miihsal erschaffen, verkant und gedehnt, war es kein\nSchnauben, gleich dem Redeversuch eines Hundes, nicht weit vom Belleu und sehr\nentfernt vom Schwung der Bokale. Doch je mehr die Welt in ihn eindrang, Tag\num Tag, wnchs die Rede ihm zusammen zu Organisation nnd Gefiige, nnd manch«\nmal schon schob lich der Kopf aus der irren Himmelfahrt und schweifte verstehend\niiber die Landfchaft, die sich unter den breiten Fenstern hiuausbog in das Blau, und\nwo Wege ausstiegen, Bäume nnd aufgerisfene braune Acker, nnd wo die Gegend\nim knpfrigen Schein herbstlichen Bebels zu mystischem Gelände vorschwebte.\nDie Erde hielt ihn wieder.\nEs ist dem Wissenden ohne Zweifel, dass dieser glückliche Mensch mit dem\nwuudervollen Kopfdes ägyptischen Königssohnes in beschränkter Kette von Tagen\nden Aufstieg des Menschlichen aus zehutansenden Jahren wiedererlebte. Wie am\nAnfang ein Nichts an ihm war, flog das Primitive ihm an und entwickelte sich\nan ihm. Aoch war in ihm, wenn er fpeiste, die Gebärde der ersten Wilden, die\nembrional den Körper zu einem dumpfen 0val zusammengezogen, hockend, das\n»Ding« der Speife fest mit beiden Fäusten hielten und den Mund zu ihm senkten,\nvon Furcht gefchiittelt vor llbermäfzigem, das es ihnen rauben könnte. Dann aber\nkam Klugheit, Erfahrung, Kombination, Gewöhnung. Sein Leib streckte sich fester\nin Beherrschung und Liebe zum Dasein. Seine Seele, eine dumpfe Monade noch,\nerhob fich aus dem Animalischem dnrchstiesz die Staffeln der Entwicklung nnd flog\nwie eine Fontänenkugel, mit Empfindung fich fiillend, mit Bewnsztfein snnfter ange-\nglänzt, aufraufchend hin zur Göttlichkeit der Erkenntnis, strahlender Monade, die\nsie erleuchtend empfing. So werden alle Wunder dieser grossen Erde auch im zeit-\nlieben Inferno offenbsn\n\nKalimir Edichmid"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.11", "texte": "Paul skheetbart\nAdolf Behue.\nKein Adjektiv erreicht Dich, keine Anekdote trifft Dein Wesen, denn Du\nwarst die Schönheit selbst, uufaszbar und immer entgleitend dem Begriff. Kein\nUrteil wird Dich wägen, keine Erklärung Dich bannen, denn Du warst das\nkünstlerische Schaffen selbst, eine reine schöne hohe Stamme. In Weisheit ohne\nTheorie warst Du vollkommene Offenbarung der Kunst, von Deiner schönen\nfrühesten Paradies-Dichtung an. Rach den Borhöfen der Kunst war Deine Bahn\nniemals orieutiert. Du branchtest sie nicht einmal zu meiden — sie waren nicht in\nDeiner Welt. Diese Deine Welt lag hinter dem, was die Allgemeinheit Kunst\nnennt. Andere diirfen stolz sein, wenn ihnen eine »Form« gelang. Du sahest, dass\njede »Form« Erstarrung und Zestnagelung ist, dasz aber Schönheit ganz wesentlich\nBewegung, Auflösung, Schwingen und Schweben ist. Das was die Seelenblindheit\nZorm nennt, steckt voller Hochmut und ist Beschränktheit. Du aber erlebtest die\nUnendlichkeit und warst vor ihr voller Demut. Dein Schaffen war unendliche\nRatur, nnd eben deshalb lconnte Dir das »Ratiirliche« nur Gegenstand der Ironie\nsein.\nDer Gedanke an Dich ist eine ungeheure Mahnung. Rie hast Du Rich-\nnungen ausgesprochen, nnd doch empfand selbst der Stumpfeste eine solche Wirkung.\nWer vor ihrer Unbeqnemtichkeit erlag, wurde voller Hof; gegen Dich. Alles\nDunkle nnd alles Krumme muszte vor Dir in seine Löcher fliichteu -— vor leisesten,\nvor feinsten Bewegungen Deines Geistes. Das war das Wunder: nicht durch\n,,Gthik« wirktest Du, sondern durch ,,Takt«. Gthik ist erträglich, Gthik ist nicht\nbeleidigend, aber Takt ist eine tödliche Waffe. Das war: weil Du vollkommene\nSchönheit warst, weil vollkommene Schönheit vollkommener Sinn ist, deshalb\ngeniigten zarteste Strahlen Deines Geistes, um im Siunlosen, das ist im Häszlichem\nwie seuer zu wirken.\nDu Weisester und Gliiclclichster hattest iiber die Grde den vollkommensten\nSieg. Aber deswegen Deine Dichtung zum ,,Kosmischen Humor« zu stempeln,\nbleibt sehr kurzsichtig. In diesem Betonen des ,,Kosmischeu« spricht sich nur das\nGefiihl der sremdheit ans —- die Rlenschen muszten Dich distanzieren. Weil sie Deine\nnnversehrte srhlackenlose Reinheit nicht empfunden, glaubten Dich die Biirger als\nUnmenschen im kalten Weltenraum. Und die Poeten, denen Du begegnen wirst,\nkönnten leicht zu Deiner unseriöseu Offenheit bemerken, Du seist zu mensch-\nlich, zu natürlich, Du gehörtest auf die Grde zurück.\nIa, als Riensch ohne Adjektiv, als Künstler, gehst Du, Paul Scheerbnrt,\nZwischen Ratiirlichkeit und Kiinstlichkeit Deine fuukelnde Bahn —- ein eigener,\nsonveräner Stern. \" -\nSie wollten Dich zum ,,armen Poeten« plattdräckem die Schwäher. Du warest\nUkcher als sie alle. Ich meine nicht ,,im Geiste« — das steht sa außerhalb der Dis-\nknssionsmögtichkeit Du warest reicher im iippigen Gennsz ungezählter Reize. Du\nwarst ein Verschwender, warst von wundervoller Gastlichkeit. Du warst so reich\nin Deinem nnendlichen Bediirfnis nach Schönheit, Freuden und Reizen. Und alles,\nalles wurde Dir zu einem Reiz. Du verwandeltest mit zauberischer Grazie alles\nuns Deiner Umgebung in Reiz der Schönheit, Du hast selbst das Stumpfe zum\nTanzen gebracht."}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.13", "texte": "Glojjen und Kritilcen\n\nH. s.\nAus die siiddentschen Mo-\nnatshefte sei hiermit nachdriiclcss\ntikhft aufmerksam gemacht! Wer von\nder Verziiglichlceit und Vollkommen«\nheit deutschen Wesens und deutschen\nGeistes allzu gern nnd sorglos iibers\nzeugt ist, dessen Zufriedenheit wird bei\nder Lelctäre dieser Hefte eine heilsame\nSrschiitternng erfahren. Er wird\nsehen, was fiir Wesen nnd was fiir ein\nGeist sich deutsch lnicht nur siiddeutschs\nnennen darf. Und er wird erkennen,\nwie sehr wir nnd gegen wen wir (nach\nerfolgtem Frieden) kämpfen nnd ar-\nbeiten müssen, damit das Wort\nDeutschland den Klang behält, den wir\nlieben.\n\nAnch ans die ,,Weiszen Blät-\nter« sei recht nakhdriiclclich verwiefen.\nAber in einem sehr anderen Sinne. Seit-\ndem Skhiclcele sie heransgibt, ist das\nWeist dieser Blätter, das vormals zwar\nsehr tadellos nnd fiirnehnn aber etwas\nallzn bleiern war, sehr viel bunter, leb-\nhafter nnd frischer geworden. sast in\njedem Heft findet man neben vielen\nKleiniglceiten irgend eine besondere\nSache. Sei es die ergreifende Ge-\nichichty die Kaflca erzählt, von dem\nHandlnngsreisenden Gregor Samsa,\nder znm Misllciifer verwandelt dnrch\nitku hilflos trauriges Dasein seine Za-\nmilie in Rot nnd Schrecken stürzt, sei\nes Zranz Werfels ,,Gesang von der\nUMU HZIleN der Schule, sei es Stern-\nbekmp fei es eine der klagen, leiden-\nIchaftlichen nnd wahrhaft ,,gnten« Be«\nmerlcnngen des Herausgebers selbst -—\nimmer findet man etwas Srstannliches\netwas Erfrenendes, etwas Schönes.\nEins nnr ist schade: Dass der schöne,\nwertvolle Text so oft dnrch minder-\nwertige Bilder unterbrochen wird.\nWas iollen dieie Bildchen da? Dir\njind ia noch ichlechter als die, die wir\nin: »Seit-Echo« bringen. sie blieben\nwirlclicb bejier weg.\nSoviel iiber die ,,Weikzen Blätter« in!\nallgemeinen. In Nr. II nun aber Cim\nNovember 1915 ereignet fiel) etwas,\nworiiber mehr zn jagen ist) Unzuläng-\nlicher genötigt bin, da andere es bisher\nnicht taten:\n\nHeinrich Mann schreibt über\nZ ola. Nachdem er einige Jahre\nfrüher über slanbert geschrieben hat.\nDamals schrieb er mit ruhiger nnd be-\nherrschter Leidenfchaft Ein grosser\nKünstler analgsierte, verteidigte nnd\npries den Stöhnen. Im Grüfzeren sich\nselbst. Die kleine Schrift war das Be«\nkenutnis eines Künstlers. Durch das\nfreilich viel Aenes nicht bekannt nnr\nmanches unterstrichen wurde, was from«\nme Leser schon aus den Romanen wass-\nten. Was aber frümmere Leser im stillen\nhofsten und glaubten, das wird in dieser\nneuen Schrift bekannt, die mehr als das\nBekenntnis eines Künstlers, das eines\nMenschen lwelches Menschenls ist.\nöch weis; nicht, ob Mann in seinem Urteil\noder auch in den Tatsachen immer ganz\nrecht hat. Aber nichts ist nebensächlicher\nals das. Denn diese Schrift ist keine\nBiographie oder Kritik, bei der man\nfragen dürfte: Stimmt es? Hier stimmt\nalles nach einem ganz uuwirklichem nach\neinem tief wahrhafteren Gesetz. Hein-\nrich Mann erzählt das Leben Zolasz\nganz einfach, wie man so etwas erzählt;\nmit Namen, Daten nnd Zitateu. Aber\nwenn irgendwas in der Welt, io ist\ndiese Lebensbeschreibnng eine Dichtung."}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191602-01.1.14", "texte": "Ereignis reiht lich an Ereignis, eines\ngebiert sich ans dem anderen mit fo dä-\nmonifcher Logik, mit fo innerlirhem\nZwang, daß wir den Verlauf diefes\nehrwiirdigen Lebens atemlos verfolgen,\nwie die Gefkhehniffe eines Romans\nVöelch ein Roman! Hier merlct man\nnicht die besonnene Hand eines iingftlirh\ngerechten, lich und die Vzelt iiberfchanems\nden Schöpfers; hier fühlt man\nnichts als den zitternden Pulsfchlag\neines ungerecht liebenden nnd haffenden\nHerzens, hier fpiirt man den ungedul-\ndigen Atem eines zu innerft Ergriff»\nneu, eines Tliit-leidenden, eines Mit-\nlciimpfendem Kampfbereite Ehrfurcht\nnnd Vegeifterung fiihrt hier —- die\nZeder nicht, fiihrt Schwert und Zahne.\nLob nnd Verteidigung wird zum Ge-\nfang, der Gefang zur sanfare, und die\nZanfare wieder zum Gefang. Aicht mit\nveriichtlirher und iiberlegener Geile\nfchenkht hier, wie damals, ein vor-\nnehmer Geift die Gaffer von dem Vild\ndes vornehmen anderen. Hier redet »ein\nMensch zu Aienlchen von einem ande-\nren großen Vienfchem Hier leidet ein\nftolzes nnd mntiges Herz mit einer\nanderen grossen Seele. Hier kämpft ein\nKämpfer« fär einen toten Kameraden.\nHier fehlt die vornehme Seite, die\nweile Vorlicht. Hier raft ein Sturm«\nwind nnd reißt herunter, was fich nicht\nbeugt. Hier trinmphiert der Seift.\nUnd iiber den Geift die Liebe.\nDen elenden srhwätzern von STIMM-\nzismus nnd Zntellekt lseinde n nd\nZreunde waren darunter; zuletzt fogar\nnnd leider Otto sinke« ——- auf der Seite\nder Zeinde), diesen beschränkten oder\nbeskhränkeudeu Geistern wird hier nn-\nfanft aufs Dach gedonnert. Ziir alte\nZeiten ist von nun an die Legeude er«\nledigt, die Heinrich Mann einen Künst-\nler, aber einen weltabgewaudten, einen\nnegierenden Kiiustler nannte.\nDnrch diese kleine Schrift ist auf eine\nuuerwartet herrliche Weise bewiesen,\ndas? Heinrich Mann nicht lwas wir alle\nlängst schon wußten) der grösste lebende\ndeutsche Grzähley dasz er viel mehr als\ndas lund was wir Frommen immer\nglaubten), das; er (nnd wenn er selber\nzehnmal darauf hnstetl), das; er der\nMensch nnd Dichter ist, den wir ver«\nehren, bewundern und lieben.\nWir diirfeu nnd wollen zu ihm das\nsagen, was er die ,,Znversirht« zu Zola\nsagen lässt: ,,Zukiiuftige Geschlechter\nwerden dich weniger lesen, aber besser\nkennen, nnd die Gestalt eines Vor«\nfahren vor Augen haben bei Aennnng\ndeines Namens: eines der guten Män-\nner, die schon damals das Gliick II!\nalle suchten in der Wahrheit. Auch\nDich wird die Liebe retten, der Atem\ndes Alls, der durch Deine Brust ging«\n\nHans siemsen\n\nHerausgeber: Otto Haas-Heye, Berlin, Pariser Platz 7\nVerantwortlikher Schriftleitein\nHans Siemiety Lichterfeldh Sternltrasze 25\nsiir unoerlangte Cinjendungen keine Gewähr\nön Olterreikh für die Reduktion verantwortlich Hugo Heller, Wien, l, Bauernmarlct J\nDruck von H. S. Hermann in Berlin"}]}