{"numero_id": "bm-bmtnabb-1916-07-01", "volume": "bmtnabb_1916-07_01", "ocr_sha256": "230811ee1576b510db74e6775e0970021a4d17709967c99026ca6f1517cf9364", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1916/07_01/bmtnabb_1916-07_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1916/07_01/bmtnabb_1916-07_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1916-07-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-07_01#c002", "volume": "bmtnabb_1916-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 2", "page_fin": "couv. 2", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.2.2", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "couv. 2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.2", "debut_caractere": 26, "fin_caractere_exclue": 396, "texte": "Inhalt:\nThevdvt Däublet J Dei: Ungenauuke · s\nWalcek Bangerkek ! Origiualssteiudrucic\nOtto Zlake X Requiem\nEkttefkv de Rock, zurzeit im Felde X Gesang\nAlfred Lichtenjteiu - Eis-lauter Wächter\nFriedrich Mart( - Doftviewilsks Jüngling\nC. Z. Savaky - Modebild IX l Originabsieitsdrnclc\nGlossen und Kritilcen\nSinzelheft Alle. 1.«————-— Bierteljährlich (6 Seite) Mk. 6.-ss--—"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-07-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-07_01#c003", "volume": "bmtnabb_1916-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "145", "page_fin": "145", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.2.3", "titre_corps": "Der Ungenanute", "titre_sommaire": "Der Ungenanute", "signature_source": "Theodor Däubler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 991, "texte": "Der Ungenanute\nTheodor Däubler\nDas ist der Sang vom grossen llngenanntem\nDer reitend unsre Wiistenei bereist;\nEr hat die Langsamkeit vom Elefanten,\nUnd seine Stirne wird von Licht umkreist.\nDie Lippen öffnen sich zu Blutgebetem\nIn seiner Seele aber falbt die Nacht.\nDie Worte, die dem weisen Mund entwehten,\nSind als geweihter Lothoskrauz erwacht.\nEr hat den Mond im Silberkranz vergessen,\nEin letzter Tag verglomm in seiner Brust.\nVom Elefanten ward der Schritt bemessen,\nVon Sternen hat er nie etwas gewußt.\nDie Wolken sind in seine Hut geflogen.\nMit beiden Händen bannte er den Sturm.\nZur Ruhe hat sein Wunsch die slnt bewogen,\nAun ist der See ein schlummervotler Wurm.\nEr hat des Wassers Walten sanft besprochen,\nUnd darum perlen Glaubeusblumen auf.\nSie keimen ans verflossnen Buszewochem\nDie Andacht stillt den klaren Reuelans\nDas ist der Sang vom blassen Uugenanntem\nDer um den Teich erbliihter Ehrfurcht kreist,\nEr hat die Langmut eines Elefanten,\nWenner die Seelen heimatlos bereist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-07-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-07_01#c005", "volume": "bmtnabb_1916-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "147", "page_fin": "150", "image_debut": 5, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.2.5", "titre_corps": "Requiem", "titre_sommaire": "Requiem", "signature_source": "Otto slake", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2130, "texte": "Requiem\n\nRomausragmeut\nBereits Mitte Februar war es am Bosporus warm geworden, acht Tage später\nsah ich vor einer sonnigen Mauer rosig den ersten Psisrsichbanm bliihn, und zwischen\nzwölf und drei konnten wir schon im Garten sitzen. i\nAoch streckten die Bäume schwarze Zweige in einen diinneu blaszblauen\nHimmel, aber jeder Tag brachte einen Fortschritt. .\nReben unserem Haus stand ein kleines, kiimmerliches, in dem eine, gute\nalte Tiirkin hauste. Sie hatte mohammedanischen Fliichtlingen aus Thrazien eine\nZuflucht gewährt und ihnen einen Schuppen im Hof eingeräumt. Dieser Schuppen\nschaute mit dem Dach gerade noch iiber die kleine Mauer hinweg, die ihn von\nunserem Garten trennte. h g »\nGines Tages ins; aus der Mauer ein kleines Mädchen, ein Fliichtlingskind\nin zerrissenem Röclcch\"en. Mit ihren dunklen Zigeuueraugen sah sie staunend aus\ndas Becken, das einen diinnen Strahl emp-orsandte, die roten Goldsiskhe, die im\nKreise darum schwammen, und mich, der auf dem Kies davor aus einem\nSegelstuhl lag. «\nIch meinerseits betrachtete sie nicht weniger angelegentlich, wie sie es sich\nmit ihren runden braunen Gliedern ans der Mauer zusrechtmachte nnd weder wußte,\ndas; unter ihr aus den Spalten Gidechsen nach der Sonne hervorlngten, noch hinter\nihr der grosze Kirschbaum znbliihen begann, ganz weiss, ganz iippig wurde und einem\nbitteren Dust ansstsrömte -\nZuletzt stand der Baum mächtig nnd doch zärtlich da, nnd da geschah es,-\ndasz die Sehnsucht nach Rudi wie eine Flut iiber mir znsammenstiirzte und ich weinen\nmußte. Nun wurde es wieder Friihjahr und dann wiirde es Sommer sein, und\nvor Berlin, vor der grossen, grossen Stadt die wilden Gräser aus dem Kirchhofs\nbliihen nnd im warmen Winde wehen.\nIch zog mich von meinen Freunden zurück, und wenn ich auch die Abende\nmit ihnen verbrachte, gehörten doch die Tage mir nnd Rad-i, siir die ich nun ein\nRequiem der stilleu Wochen begann. -\nIm Stambul driiben war eine Stelle, die sich inniger als jede andere mitihr\nverband. Ts war die höchste Stelle iiber dem alten Serail, wo die Hagia Sophia\nstand. Alle Bauten waren hier gelb von der» Sonnensarbe, und alles war hier still."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2636, "texte": "Nakh dem Meere zu fiel der Hiigel ab, nnd hier hatte ein Brand, soweit der\nBlick reichte, eine Triimmerstätte geschaffen, die einem Ansgrabungsfelde glich.\nEs waren auch autike Grundmauern, die zum Vorschein gekommen waren, die\nHunde streiften nun zwischen ihnen und Zigeuner trockneten ihre bunten Lappen.\nWas in der Zrau empfäugliches und dankbares Kind gewesen war, hätte mir\nhier begegnen können, und dann wären wir iiber den weiten Platz gegangen, um den\nschönen Wasserpavillon zu betrachten, den ein Sultan an der griechischen Mauer\nfiir die dnriteuden Wanderer angelegt hat.\ni Wir hätten in der Mosrhee, wo Theodora, die grosse nnd gemeine Kaiserin,\nans ihrer Loge in die Tiefe schaute, beide gefunden, dass sie, mit den Namens-\nschildern der ersten Kanten, den blassen snszteppichen nnd einem gewaltigen Leuchter,\nder von der Knppel bis fast zur Kopfhöhe der Menschen herabhing, reiner und edler\nwirkte, als wenn rnssische Priester in einem bildiiberladenen Nanm ihren Prnuk\nentfaltet hätten.\nWir hätten im großen Basasr Mekkasteine und Ambra gekauft nnd im\nSchatten des äggptischen den Geruch von Saudelholz, Nosenöl nnd allen Gewiirzen\nund Spezereien eingeatmet.\nTs gab Tage, an denen ich von Nudi besessen war und, was ich auch sah,\nsich mit dem Gedanken an sie verband.\nIn diesen Zröhlingswochem in denen sich alle Gassen mit dem Nachwuchs\nvon Schafeu und Ziegen fiillten, die auf den steilen Treppen mit jungen gebrech-\nlichen Beinen hernmkletterten, verirrte sich ein kleines Lamm aus eine Mauer\nnnd stand, schon am Abend, als alle anderen zn Hause waren, kläglich rufend und\nfeftgebannt einsam vor der Tiefe. Gs erinnerte mich an einen Ausflug, den ich\nmit Nudi ins Gebirge unternommen hatte: wir machten uns im engen Tvnristens\nzimmer einer Herberge fiir die Nacht zurecht, da lockte ein fammerndes Tier Nudi\nans Fenster, ein Kälbrhem das der Viehhändler von seiner Mutter trennte nnd im\nkählen Abend, als aus alleu Kamineu friedlicher Nauch stieg, durch das Dorf trieb.\nön Tjub, am Tnde des Goldneu Hokus, stieg ich in der Sonne des Vor«\nmittclsssp den Hügel hinauf, auf dem unter Zgpressen die tiirkische Totenstätte lag.\nTine Säule, mit dem Turban geschmückt, zeigte den Gatten an, flache Stein-\nbretter, in Blumeurosetten auslaufend, die Gattin, ganz kleine Säulchen das Kind;\naber am suszeude eines jeden Grabes war eine Vertiefung, ein winziges Becken;\ndas war fiir die kleinen Vögel bestimmt, damit sie auf den Gräbern der Toten einen\nTropfen Wasser finden konnten.\nNiemand hätte diesen riihrenden Zug schöner gefunden als Nudi. Niemand\nauch die Melancholie der Stunde um Sonnenuntergang, wenn auf dem hohen Nltan"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2695, "texte": "Aber unserm Garten die Brauen des Nachbarhauses Luft schöpften nnd, sich ents-\nschleierud, in den brennenden Vosporns sahen; da drang plötzlich aus der Luft eine\nStimme, die wie aus der Vrnst eines Schwindsiichtigen traut, weil sie von der\nVnlnstrade eines Gebetstnrmes den weiten Raum durchdringen mußte: inbriiustig\nneigte sich eine weiße Gestalt vor und sprach die Worte von der Welt, die schlecht\nist, und Allah, der alleiu groß nnd ewig ist. »\nZu spät das alles, voriiber die Gemeinschaft der Tage und der Nächte.\nAber ich, ich war znriiclcgebliebeu und lcouute mich dem Geheiß des Lebens nicht\nentziehen. Mit der neuen Sonne des Jahres erwachte ringsumher die Stadt, dieses\nLager einer Million Menschen, zu einer einzigen, großen Vegehrlichlceih und das\nLicht, das sich iiber sie ergoß und sichtbar machte, wie lllmen griinten nnd iiber den\nengen Gassen der Handwerker schattig wurden, machte auch sichtbar, was Augen,\nMiindey die Linien aller Leiber verrieteu.\nNachmittags, wenn die Tiirlcinueu ausgingen und es sich traf, daß sie der\nSonne entgegenschrittem verloren die Schleier ihre lludnrchsichtiglceig und wer ein\nMann war, fing Vliclce voll Glanz unter zusammeugewachsenen Augenbrauen auf.\nZranzäsische Schuhe, seidene Strümpfe waren stärlcer als die Verbote, die\nvon den Kriegsgerichten ausgingen, und stärker« als die Deportatiouen von tät«\nlcischen Frauen, die sich in Rendezvoushänsern treffen ließen - arme»Q,escl)äpfe,\ndie den Scheidnngsbrief erhalten oder im letzten Krieg den Vater, den Bruder,\nden Ernährer verloren hatten und in einem Lande, das nicht immer genug Geld\nfand, um seine Gehälter zu bezahlen, bittere Rot litten.\n· Abends, wenn die steilen Seitengassen Peras mit den italienischen Gr-\ninuerungen, den flachen Steinhänsern, den vergitterten lcleinen Vallconeu ins\nMittelalter zuriiclczusinlcen schienen nnd man um eine diistere Tclce die Menchels\niniirder Veronas auftauchen nnd einen raschen Stahl unter langem Mantel\nanfblitzen zu sehen versucht war, stsricheu stauen umher, loclcten und schritten iiber\nTreppen in die Hausgänge des Hafeuviertels voran. In Galata hallteu ganze»\nStraßenziige von den Grammophonen der öffentlichen Häuser, in denen der Ab»\nschanm der Dirnen der halben Welt aus Matrosen nnd Lastträger wartete.\nbinden, aber ich war nicht da, um zu liigen und die Augen zu verschließen. Von\nder zärtlicheu Trauer um sie fiihrte Schritt fiir Schritt ein Weg hinein in die\nWelt, in der ich schon einmal zu jener Zeit geweilt hatte, als ich durch die Klinilcen\nnnd Srrenhäuser gewandert war. i\nOft bei Gängen durch die schwarzwogende Haupstslraße ergab es sich, daß\nans einer Rebeugassm die oben von einer griechischen Kapelle abgeschlossen wurde,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2209, "texte": "ein Zug herabkam: voran ging ein Thorknabe, der aufrecht wie eins-Kreuz einen\nDeckel trug; es war der Deckel zu einem Sarg, und der Sarg, in dem der Tote\nruhte, war offen. ««\nAlte und junge Gesichter lagen so da, mit einem Taschentnch unter dem\n«2Unude, aber sie alle waren gelb, von der Zarbe des verwesenden Todes.\nTine fiirchterliche Sitte war ans vergangenen Jahrhunderten iibriggebliebem\naber irh«entzog mich nie dem Anblick. Man zitterte, aber man ergab sich nnd\nwurde der Erkenntnis teilhaftig. Aus Tkel entsprang das Bewußtsein des Lebens,\nans Trauer die Härte. ,\nSo war es recht, so erhielt man ein starkes Symbol: die Toten, die durch die\ngeschmiiclcten Frauen und die begehrenden Männer getragen wurden; die\nGestorbenem die eine letzte Warnung riefen, und die Lebenden, die darum ihren\nWeg zu Vergniignngem zu Lust, zu gegenseitiger Bosheit und zu Geschäften nicht\nabbrachem Die große Niedrigkeit, die große Abhängigkeit, die groß-e Menschlich-\nkeit. Mich lähmte die Trauer um Rudi, und mit jedem Tage wuchs doch der\nHunger nach der Frau. Wozu es leugnen, wozu es nicht erleben?\nDie Vorstellung von Liebesxbegegnnng wurde fiir alle Zeiten in mir ver-\ngiftet, nnd ich erkannte doch, daß sie fiir alle Zeiten in mir nistete, wie ein Bestand«\nteil des Blutes selbst. Ich fiihlte mich frei der Frau gegeniiber und sah sie mit den\nkalten Augen dessen an, der ihr bißchen Körperlichkeit durkhschaut, nnd ich fiihlte\ndoch alles, was an sie bindet nnd bewirkt, daß sie nicht unsere Sklavin, sondern\nunsere Gefährtin ist, Mensch wie wir.\nDas Leben zerselkte nnd machte widerspruchsvoll ·—- was lag daran? Aimm\nLes hin, erdnlde es, schwanke nnd bleibe doch der, dertrinmpihiert\n. Wenn Rudi wiedergekommen wäre, wäre ich nicht mehr derselbe gewesen.\nIch hätte sie umfangen, nnd während sie vielleicht an meine volle Hingabe glaubte,\nhätte ichnoch iiber den Augenblick hinaus um die Unaussprechlichkeit des Lebens\ngewußt. Auch du, Rndi, wäreft nicht dieselbe geblieben, ohne deinen Tod hätten\nwir uns vielleicht in Qualen zerfleischt\nDas ist grausam, und doch ist es ein großes Vertrauen, daß ich es dir\nsage — wem sollte ich es sagen, wenn nicht dir, die nun wieder bei mir ist\nund neben mir geht?\n\nOtto slake"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-07-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-07_01#c007", "volume": "bmtnabb_1916-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "152", "page_fin": "152", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.2.7", "titre_corps": "Sinsamer Wächter.", "titre_sommaire": "Sinsamer Wächter.", "signature_source": "Alfred Lichtenftein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 268, "texte": "Sinsamer Wächter.\nAlfred Lichtenftein\nGan; hinten iind Stadt und Gefiel-te.\nIch bin io verraten allein.\nIch ialle tangiam von einem\nAuf das andere Bein.\nRings tcreiichen tcomiiche Türen.\nIch greife nach Dolch nnd Gewehr.\nAch, wenn ich zu Haufe «\nBei meiner Mutter wär."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-07-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-07_01#c008", "volume": "bmtnabb_1916-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "153", "page_fin": "154", "image_debut": 11, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.2.8", "titre_corps": "Bei Gelegenheit von Dostojewskis Iüngling", "titre_sommaire": "Bei Gelegenheit von Dostojewskis Iüngling", "signature_source": "Friedrich Mark", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2969, "texte": "Bei Gelegenheit von Dostojewskis Iüngling\n\nDoftvjewfki zu kritifierem wird vielleicht in hundert Jahren möglich fein, vielleicht\nauch erft viel fpäter. Heute erfaffen wir immer nur ein Stiick von ihm: feine\n·Pfgchologie, feine Musik, feinen Panflavismus, feinen Ehriflusgedankem Will:\nman aber diefe Einzelheiten einzeln nehmen nnd formulieren, fo erlebt man jedesmal,\ndas fie fich unter den Händen verwandeln nnd verfliichtigem Staren Soffima, das«\nift viel mehr als Ehriftnsmgftih nnd Andrei Petrowitfch Warffilofh das ift riet,\nmehr als ,,Weftlertum«.\nDie Sache wird am auffallendflem wenn man zum Vergleich den um«-\nfaffendfteu unferer letzten Weflenropäer nimmt: Valzac. Er ift umfchreibbar,\ntrotz feines nngeheuesrlichen Reichtums; er ift Ausdruck einer bestimmten Kultur,\neiner feften Wirklichkeit. Doftojewfki ift gar keine Wirklichkeit, fondern unend-\nliche Möglichkeit.\nVielleikht das Shakefpeare einmal fiir feine Zeit etwas Ähnliches war.\nsit-r eine Zeit, die auch noch nichts Gewordeues war, fondern ein Ehaos unge-\nhenerlichen Werdens, war auch er vielleicht ein Vlitzftrahl iiber der Dunkelheit,\nein Vorwärtsweifen auf Zuknuftswege, ein ,,Geift Gottes iiber den WaffernC\nRnr das shakefpeare nicht in einer fo zweigeteilteu Welt ftand wie heute«\nwir. Doftojewfki redet zu feinem Volke, zu feinem Volke, das noch nicht ift, zu\nfeinem Volke, das wird; nnd wir hören zu, die fchon Gewordenen, die Fremden.\nIch kenne Ausland nicht, weis alfo nicht, wie weit Ruslaud Doftojewfki\nift.« Es ift mir auch unwichtig, ob ihn die Wirklichkeit erreicht. Hier handelt es\nfich ja nicht allein« um Ausland; hier ift viel mehr, hier ift eine Welt im Werden.\nAus einer zerfalleuden Welt heraus. Alles zerfällt nnd ftirbt bei ihm: staat nnd-\nWirtfchaftslebem Gefellfchaft nnd Familie, Sitte und Religion, der einzelne, der in\nder allgemeinen Vernichtnng Verbrecher wird oder fich felbft zerftört.\nEs hat wieder nnd wieder in der Gefchichte folch zerfalleude Völker\nund Welten gegeben. Aber nie find fie in folcher Weife aufbewahrt nnd anfgezeigt\nDazu hat in allgemeiner Auflöfung niemand je die Kraft gehabt. Die stärksten und-\nKliigften konnten fich ereiferm prophetieren —- oder lachen. Weiter langte est nicht.\nHier aber ift der Weltnutergang gefehen von einem, der in fich Aiut nnd Glauben.\nund Wiffen von einer neuen Welt trägt. Er läst fie aufwachfen aus dem\nZufammenbruclx Wie einen llrwald nach einem Waldbrand: in allen Eriimmern\nfpiirt man das Reimen. Was daraus wird, läst fich noch nicht jagen. Es ift alles-\nKnofvtz die sich entfalten will, die alle Möglichkeiten in fich trägt. Rirgendss\nift folch zärtliche, folch leidenfchaftliche Liebe zum Leben wie in Doftojewfkis\nBüchern. Airgends fonft nmfast das Leben ja fo viel.\nEs ift noch nicht durch Wachfen nnd Entwicklung, nicht durch Vergangen-\nheit einfeitig geworden, nicht durch Reicherwerdeu ärmer. Es ift ja wirklich nichts-\nals Zukunft, nichts als Jugend, nichts als Hoffnung. Deshalb miiffen Doftojewfkis"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "154", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3110, "texte": "Bücher (äuserlich oder im Jnnerftenf unvollendet bleiben. Schuld nnd Sühne\nHbricht ab, als Aaskolnikows anderes Leben beginnt, der Jüngling, als feine ,,nene\nGefchiehtck anhebt, die Vrüder Karamafofs als Alfofcha Hand in Hand mit den\nKindern fteht vor feinem Aufbruclx Es wäre fchade, wenn es anders wäre. Alles\nliese fich anf taufendfache, auf herrliche Weife zu Ende führen, aber kein hellfter\nTag könnte fo fchön fein, wie diefer Sonnenaufgang, nnd kein Leben fo reich, wie\n,sdiefer Beginn. ,\nEr fchildert die Jugend, nnd liebt fie, wie niemand lenkt, weil fie, nur\nIfie, in ein em Aieufrheu die ganze Aieufchheit noch umfchliest vom Alörder bis\nzum Heiligen, heilig fie felbft in diefer Alls und Uubeftimmbarkeit .\nWird Ausland felbft diefe Welt, diefe Doftofewfki-Welt, fein, die im Ent-\nftehen ift und ans Licht drängt? Ift es fo, wie gleichgültig, wie völlig falfkh geftellt\nfind dann alle Fragen: ob es europäifch ift oder afiatifch, Kulturlaud oder bairbarifclx\nAation oder zerfallendes Völkergemifkh, chriftlich oder nur orthodox, auffteigendes\nVolk oder Staat in Zerfetzung? Es ift dann das alles und ift nichts von alledem;\nverfiukeude Vergangenheit, zugleich auffteigende Zukunft. Gerade darum aber\nvon uns, von uns Deutfchen im Wefen verfchiedeu.\nDenn wir, wir werden nicht, wir find. Wir dürfen uns nicht damit tröften, das\nunfere Zeit noch kommt, das unfer Gedanke noch gedacht, uufere Zorm noch\ngefunden werden wird. Uufer Los ift fchon geworfen, unfer Eefetz uns fchon\ngegeben, unfer Weg fchon vorgezeichnet Wir müffen ihn gehen und haben gar\nkeine Entfchuldigung, wenn wir ihn verfehlen» Unfer Los ift fchou befchräukt\nAber immer noch reich genug und verautwortungsvoll genug. Von uns wird es ab-\nhängen, ob das, was Deutfchland fein follte, ein leeres Wort bleibt oder eine\nErfüllnug wird. ·\nWas Ausland fein wird, das wiffeu wir nicht. Auch Doftofewfki weis es\nnicht. Für ihn ift es noch alles. Und er fucht das Allerumfaffeudfte, um es überhaupt\nauszudrücken: Ausland das ift die Erlöfuug, Ausland das ift die Liebe, Ausland\ndas ift Christus. Und damit wird er, der Fremde, er, der Dichter der kommenden\nWelt, doch der allergegenwärtigfte für uns. Denn dies: Leben, Liebe, Erlöfuug,\ndas ift auch uns das Wirhtigfte, Aotweudigfle, das was die Sehnfurht unferer\nTage am vollften umfchreibt. So flehen wir Dentfcheu alle jetzt unter feinem,\ndes Auffen Schatten. Unfer ganzes geiftiges Leben ift fo Doftofewfki-durchträukt,\ndas wir felbft es kaum wiffeu. Und es ift fchön und gut, das wir an diefem aller-\nruffifchften Dichter (wieder mal) fpüren, das alles ganz nnd gar nnd eingefleifcht\nAationale zugleich iuteruational, das heist menfchlich ift. Aationalität kann nur\ntrennen, wenn fie einen Aiangel bezeichnet und eine Schwäche. Wenn wir uns\naber richtig und gründlich mit den andern vereinigen wollen, können wir gar nichts\nbefferes tun, als möglicl)ft ftark, wir felbft fein. Aur fo tun wir ihnen einen Ge-\nfallen. Doflofewfki hat uns Deutfkhe nie recht ansftehen können und ift fogar\nrecht ungerecht gegen uns gewefen. Und welchen: philogermanifchen Wefller find\nwir fo\n\nFriedrich Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-07-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-07_01#c010", "volume": "bmtnabb_1916-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "156", "page_fin": "160", "image_debut": 14, "image_fin": 18, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.2.10", "titre_corps": "Stossen und Kritiken", "titre_sommaire": "Stossen und Kritiken", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 14, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2570, "texte": "Stossen und Kritiken\n\nFreie Sezession 1916\n\nAlles iii gleich eitel, tmiere Luft«\nnnd nuier Weh; aber goldene«\noder himmelblaue Seifenblasen.\nlind doch hiiblcher als Ichwarze\noder graue» R. Chamfort\nDiese Ausstelluug ist eine Sammlung von\nBildern, die smit einigen Ausnahmen)\nlganz zusiillig) (nngesiihr) gleichzeitig\ngemalt wurden. Das und die Wand,\nan der sie hängen, ist das einzige, was\nsie gemeinsam haben. Kein Geist, lcein\nZiel, lceine Richtung, nur der Zufall\neint (uud trennt) sie.\nRikht zwei der ansgestellteu Künstler\nhaben ein nnd dasselbe Ziel, jeder hat\nein anderes und manche luikht die\nsrhlechtesten) haben sogar viele Ziele.\nUnd einige (die besten) haben sogar gar\nkeins. Kein Ziel, lceine Richtung, lceiue\nSchule, lcein Programm? Das wiire\ndoch zu schön. Es ist auch nicht ganz\nwahr. Etwas nrogrammelt es doch hie\nund da. Aber im ganzen erfreulich\nwenig. Im ganzen herrscht ein höchst\nbegriiszenswertes Dnrrheiuaudey ein\nsehr hossnnngsreiches Chaos, ein er-\nauitlcender Aiangel an Absicht.\nSchulen nivellieren, Richtungen ver-\nblödem Programme laugrveileu --—\ndas sieht man an den auch hier\nnoch immer reichlich vorhandenen\nBeispielen besonders abschreclceud,\nweil die Bessereu und Besten so\nergniclceud dumm drauf los malen,\njeder fiir sich, wie ihm der Pinsel\ngewachsen ist. Das Resultat ist\ndurchsichtigen ehrlicher, ,,rirhtiger«\nals bei Programm- nnd Richtungss\nAnsstellungen. Qqian lieht deutlicher\nlund unveriirgert), wer feine Sache\ngut gemacht hat, wer fchlecht nnd-\nwer fie hiitte beijer machen können.\nDer Chorgeiang wird in den:\nHiutergrund getreten und oerhallt fast«\nungehört. Jeder (der in Betracht\nkommt) rislciert ieinen eigenen Ton.\n(den er manchmal, weit; Gott, von.\nwem gehört hat) nnd ift fiir\n»gut« nnd ~lchlecht« verantwortliche:\nals wie die, die mit gediimpfter Kraft;\nim ach, fo gut geiibten Chorus piepiem\nLeute, von denen man es nicht erwar-\ntete, iiugeu hiibjch und hiibjche Melo-\ndien. Andere, von denen man es auch\nnicht erwartete, fingen ziemlich heftig«\nvorbei. Und einigen verjagt die Stimme«\nganz - ein lcomijchey beinahe rüh-\nrender Anblick. so liifzt lich denn iiber\ndas ganze Konzert im allgemeinen\nwenig jagen. Es bleibt nichts übrig,\nals im Einzelnen vom Einzelnen zn\nreden - nnd zu Ichweigem\nHingeriffen lund weggefchlepny wird»\nman nicht eben oft. Zuerst von«\nMars-es. Drei Bilder lind da.\nWarum ein diclces, naclctes Mädchen\n~Uulchuld« genannt wird, iit mir nichtsp\nKlar. Die ~Unichnld« des Aialers\nlcheiut ntir gröber als die des Mäd-\nchens. 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Immerhin bietet\nThema nicht das traurige Bild, das\nwir von beinahe allen anderen dentfchen\nQiialern gewohnt find, die es scheinbar\nnicht abwarten können, älter zu\nwerden als ihre Bilder.\nHabermann war mal ein Mater.\nUnter den Linden fteht in einem kleinen\nLaden ein friihes Zranenporträt von\nihm. Schön und beinahe rührend. Hier\nhängen zwei grobe Leinwände voll\nFarbe, die feinen Namen, fonft aber kaum\nEtwas von ihmtragem Triibner\nhängt fiir fich allein. Ein ähnliches,\nwenn auch weniger trauriges Beifpiek\nAber man weis; das ja längfk Nur\nwnfjte man bisher noch nicht fo deut-\nlich, dafz feine Zran (Alire) feine\ntvielleicht auch ihre) Tradition beffer\nund treuer gepflegt hat als er.\nEinige Landfchaften von ihm zeigen\n»aber doch, welch eine Hand nnd\nwelch ein Her; hier alt geworden\nift. Liebermann ift nicht fo gut\nvertreten, wie man es von ihm wiinfchen\nmöchte. Zwifchen kleinen, alten\nBildern hängt ein neues selbftpors\nträt, das nur im Zormat grösser ift\nals die andern, nicht was den Seift\nangeht. Schlerht ist es nicht.\nmußte wirklich Liebermaun bemüht\nwerden, um das zu malen? Konuteu\ndas nicht andere?\nSlevogt lcvnute es nicht. Er traun\nnicht einmal mehr seine eigenen Bilder\nmalen. Und hat doch jahrelang hu\nunser aller Vergnügen) nichts anderes\ngetan. (So scharf gegen SlevogtY\nAicht gegen Slevogt, vielmehr gegen\nRachlüusey die jeden Slevogt sür eineu\nSlevogt halten, auch wenn er gar lceiu\nSlevogt ist)\nDas ist die alte Garde. Sie stirbt,\naber sie ergibt sich nicht.\nMehr Freude hat man (diesmal) anr\n~·2Uittelalter«. Es bewahrt die Era-\ndition (die es gesunden) ängstlicher als\ndie, die sie verloren.\nDa ist E. R. Weib. Solange er\nsich nicht zuviel Mühe gibt, zu viel\nSorgen macht und zuviel Absicht hat —-\nmarht er Bilder, die nicht nur gut ge«\nmalt, sondern (von einer ein wenig tran-\nrigen Seele) beseelt sind. Er hat von\nder süßen Aielaucholie Pirassos mehr\nals mancher, der sich dem Eeist des\nSpaniers nahe glaubt, wenn er »Ka-\nbismus« sagt - eiue Literatenersins\ndung. Es sind dies vielleicht die\n(hier hängen drei halbe) poetischsieu\nBilder, die augenblicklich in Deutsch-\nland gemalt werden. - Aber dann geht\ner hin und malt nach Prinzipien.\nEin ~Bild, wie es sein soll««, ein\nMnslerbild Je musterhaster es wird«\ndesto schlechter wird es natürlich. Denn\nwie ein Aiusterlcuabe nnr eine ver«\nlcümmerte Seele haben traun, so auch\nein Aiusterbild Eine Borlage siir\nbrave Schüler. Schadet Orlili\nmacht überhaupt nur Bvrlagen sür\nseine Schüler. Frühling, Sommer,\nHerbst und Winter, Alusterbilder\nfür BorgeschritteueN Borgeschrittene?"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3126, "texte": "Dazwischen hängt Bond g. Ein\ngroszes repräsentatives Damenporträt\nZuerst denkt man: ~Dounerwetter,\nwelch ein Kitschl« Aber es ist\nnicht wahr. Es sieht nur so ans.\nEs ist so , ein Bild, an dem alle\nguten Freunde, Nachbarn nnd Ber-\nivandteu kritisch und nnkritisch mitmalen\ndürfen. Ein Bild, das hnndertfach\nbegntachtet wird, bevor man sagt: es\nist fertig. Aun ist es wirklich ziemlich\nfertig. Und hat doch Qualitäten\nbehalten. Ein in Deutschland seltener\nFall. Man wird sogar (ein wenig) an\nRenoir erinnert mit solcher Ehr-\nfurcht vor dem Handwerk ist hier ge-\narbeitet. Leider hängt im andern Saal\neine Parodie darauf. Ein Geiger-\nPorträt. Ein mahnendes Exempel:\nwohin die Ehrfurcht auch fiihren\nkann. Dann ist noch eine kleine Be-\nrandalandschaft da. Am: eine skizze-\nllnd die ist (ganz ohne Ehrfurcht) am\nbesten geraten.\nEh. v. Brockhnsen beweist in\njedem Jahr aufs neue, das? er, allen\nZweiftern zum Trotz, noch schlechtere\nBilder machen kann, als ihm im Jahre\nvorher möglich war. Eott gebe ihm\nein langes Leben! R öszler wird ihn\nnie erreichen.\nPnrrmann leitet zur-Jugend hin-\nöder. seine eigene hat er verloren.\nEs ist sehr schade, dass gerade diese\nBilder von ihm hier hängen. Alan\nkönnte ans seinem Werk ebenfo gut\nfiiuf Sachen wählen, die zehn mal besser\nwären. Andere Leute zeigen gerne, wie\ngut fie malen können; Purrmann zeigt,\nwie schlecht er malen kann. Bergeb-\nlicher Ehrzeizl Er wird (amh darin)\nEber-treffen.\nBon den ~Jnngeu« ift einer tot.\nWeisgerben Die vorhandene\nAuswahl ist schlecht. Aber (obwohl\nman es hier kaum sieht - nnd obwohts\nes fast jeder sagt) er war wirklich eine\nHoffnung. Er ist? Eine thoffuungssk\nvolle) Erinnerung. Reben ihm hängen\nBilder anderer Toten Von denen-\nWieck zu nennen ist. «\nDann kommen (der Kern nnd Sinn«\nund Zweck der Ausstellung) die ~luu--\ngen«, die Werdendeu, die Leute von\nHeute. (Und morgen?) Rur wenns»\nunter ihnen einer ist, lohnt sich die:\nAusstellung Ruu: sie lohnt sich! Es«\nsind einige da.\nVieles ist natiirlich nicht des Rialens,.\nnicht einmal der Rede wert. Anderes-\nwieder ist so übel, das; man es deshalb—\nerwähnen mus 3. Im grossen Saale\nhängen die schlimmsten Sachen. Zeller,»\nRichter, Deguer, Euch. Sie haben:\nsämtlich alte Scherze auf Aiodernität\nfsrisiert Ob das Vorbild nun Eözanue\noder Vrenghel heisjt, das Resultat ist\nimmer gleich langweilig nnd albern nnd-««-\ndie Hohlheit wächst mit dem Zormat..\nDiese auffallend iiblen Vilder sind aber«\nin der Aiinderzahh Im allgemeinen hat;\nman den Eindruck grosser Vescheidens\nheit und Ruhe. Geschmack ——- das ist\ndie Eigenschaft, die man am häufigsten\nteigeutlich überall) findet. Ist man nun-\ngenügsam, dann sagt man sich: »Ge-\nschmack? Aber das ist ja sehr nettl«i\nIst man aber anspirnchsvolh so sagt«\nman anderen: ~Geschmack? Was«\nsoll uns Geschmack? Aiit Geschmack»\nmacht man kein Kunstwerk. Höchsteus\nein paar hiibsche Vilder.« Ich bin»\nanspruchsvoll. - Aber gegen den Ge-\nschmack läskt sich nichts machen. Sichk\nanstreugen? Den Weg vom blos;-\nhiibschen zur Grösse wagen? Ach,-\nlieber nicht! Es sind Exempel da —-\nnud alle wirken traurig. s\nHettuer z. V. macht ein Idyll, das—\nneben hängt er ein Abendmahl»"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3135, "texte": "Das ödgll ist eine harmlos-uied-\ntiche Aiodezeichuungz das Abend-\nmahl eine Bersammluug aufge-\ntegter Männer, denen man ihre\nAufregung nicht glaubt. Auch Hettner\nglaubt nicht, wenigstens nicht ans\nAbendmahl.\nHofer macht ein mehr als\nhübsches, ein sehr lebhastes indisches\nBild und daneben eine grosse Tafel\nmiihsam gesiillt mit zwei Figuren, die\nsich zu langweiligen Gebärden bemiiheu.\nS kh a r ss hängt neben seine bekannten,\nuusagbar leeren ~Kompositionen« eine\nheitere lcleiue Laudschaft, die das er-\nlciinstelte Pathos seiner gewohnten\nArbeiten noch unerträglicher und be-\ndauerlicher erscheinen lässt.\nDiese drei luud viele andere) haben\nden Weg zur Grösse gesucht. Sie sind\ngescheitert. Sie sind zu geschmaclcvolL\nGeschmaclcoolle Titanen ——— das gibt es\neben nicht.\nDie sich beschieden (es sind die Aieisten),\nwählten das bessere Teil. Sie waren\nsrämmetx Glaubteu sich und ihrem\nWeinen) Stern. So sieht man denn\neine ganze Anzahl teils moderuer, teils\nunmoderner Bilder, die auf die au-\ngenehmste Weise die Möglichkeiten des\nhiibschen Bildes nach allen Richtungen\nhin variieren.\nLoulou Lagard und Kaiuer\niiberrascheu als erste. So hübsch und\ngeschmarlcvoll sind diese lcleineu Bilder.\n0. Eh. W. Stein hängt neben ein\nbeabsichtigtes, daher langweiliges, Por-\nträt eine sehr angenehme ruhige Land-\nschaft, die heute schon aussieht, wie ein\nGobelin und in hundert Jahren viel-\nleicht einer ist. Und so lcommt eine\nganze Reihe: ich weis; die Namen nicht\nmehr alle. Westermeger,Wag-\nnet, Stern, End, öauthon\nUnd man gleitet, ohne es zns\nmerken, in eine Gegend, wo-\nnoch mehr als nur Gelchmaclc\nlebt. Kirchner ift belonders gut«\nVor altem ein gelp-enltilch-eiudriug-\nliches Straläeubild Da ilt mehr als—\nSefchmaclg obwohl der Gelchmaclc nicht\nfehlt. Man denlct auch hier (trotz des\nRieleuformatsk ~Wie hiiblchlC Und—\nes ilt wirlclirh hübsch. Tiu wenig nu-\nmoderner: P e rh lt ei n. Wie harmlos-\nangenehm lind diele hellen Landfkhaften,«\nwie gefchmaclcvolt die Stilleben arau-\ngiert. Sie erinnern an Schuch. Da-\nneben hängen Stilleben von Zan-\nthor. Auch lehr gelkhmaclcvolt Sie-\nerinnern an Pechfteim\nWo aber mag blos; der vielgelchmähte\nund geriihmte ~neue«, der Revolutions-\nGeilt lteclcen? Wo lind die neuen\nLeidenschaften, die neuen Kämpfe, die\nneuen Himmel? Alles ilt hier lo ein-\nwandfrei, fo hiiblch, lo harmlos. Selten-\nfah man bei jungen Leuten lo viel Thr-\nfurcht vor der Tradition. Das ilt lehr«\nbrav; aber ein wenig gefährlich. Tragi-«\nlcomifrh, dalZ ihnen dann der ~Mangel\nan Tradition« als Verbrechen vorge-\nworfen wird. Abgruudtiefes Unver-\nltändnisl Airht der hat Ehrfurcht vor\nder Tradition, der lich dauernd den»\nVater anguclct, der vielleicht Hotel--\nbefilzer ilt; eher fchou der, der lich\nnach dem Großvater nmlchaut, ders\nvielleicht noch Bauer oder aber\nSchulter war. Solch lolide Hand-s\narbeit liefern Ahlers-Helter-\nmann nnd Kurs, zwei etwas»\ntrockene, aber lehr tiichtige Parilen\nHeclcel ilt neuer, iiinger und beach-\ntenswerter. Vom ~Parlclee« gibt lchon\ndie Katalog-Reprodutction eine ver-\nheilznngsvolle Probe» die dann aller--\ndings von der Wirlclichlceit nicht mehr—\niibertroffen wird. Und das ilt lchade.."}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2514, "texte": "Bang erter (der in Wirklichkeit\nBangerler heiszt) ift offenbar begabter,\nals er glaubt. Sonft wiirde er lich nicht\nin ein fo dunkles Atelier verkriechen.\nEr hat das Licht wirklich nicht zu\nfchenem Seine Bilder find das nenefte\n- was die Ansftellung zu zeigen hat.\nsie waren bisher noch nicht bekannt.\nSie werden es wohl werden.\nDas ift an Bildern fo ungefähr alles.\nDie Plaftik? sehr niedliche Bären\nvon Gan l. Eine handwerklikh nicht\njfchlechte Biifte von Hildebrand.\nEine beffere von Kolbe. Ein ganz\ntlcleines Reh von Sintenis. Zwei\nFiguren von Haltet, von denen\ndie eine gewollt und nicht geworden,\ndie andere lder Boxer lohnfou) ans-\ngezeichnet ist. Und dann die beiden\nTintereffanteften ~8älle« der ganzen Ans-\nflellnng, die beiden Sxtreme von fkhlerht\nnnd gut: Lehmbrnck nnd de siori.\nBeide ftellen Plaftilcen nnd Bilder ans.\nllber beide nur ganz kurz:\nLeh mb r u ck malt zwei Bilder, deren\nitkiinfllerifchy Unwahrheit man am\nkdentlichften erkennt, wenn man fie mit\ndem ähnlichen Snfet Alarcses’ ver-\ngleicht. sio ri malt zwei Bilder,\nvon denen das eine lein Reiter) nicht\neben hinreifzend, nur gut im Rythmus\n\"«ift. Das andere ift, trotz aller Unbe-\nholfenheit der Mittel, das enropäiichftm\ndas weltmännifchkle Bild der Ansftels\nlang. Eine Promenada Heim, vor-\nnehm und männlich. Das ist nur\ndie 0nvertüre, das Hanptfchlacljts\nfeld ist die Plastik. Es wird\nvöllig in Beschlag genommen von dem\ngefallenen oder sterbenden Jüngling\nLehmbrnclcs seiner ganz zn Tode ge-\nhetzten Manier (seiner Manier! Er\nselbst ist viel zn harmlos) gelingt es\nhier dies (man sollte meinen, nnverderb-\nliche) fast lcensche Thema zn — ja, ich\nlcann mir nicht helfen -— zn einer Ob-\nscönität zn machen. Wo ist da anch nnr\nein Znnlce göttlichen oder menschlichen\nFeuers? Sohle, ansprobierte Pole.\nWeiter nichts.\nZiori hat einen Jüngling gemacht. Halb\nlebensgrosz in heller, blanlcer Bronze\nWenn das Licht angedreht wird,\nspringt er golden ans der Dämmerung.\nHier wieder (endlichl) ist man hinge-\nrissen. Gerade erwachte Leidenschaft\nnnd noch nicht erprobte Kraft machen\ndiesen Jüngling tanzen vor Begierde —-\nman könnte anch Sehnsucht sagen.\n»Der Bnlle«« heiszt er. Und nnr Mo«\nzart hat die Ainsilr dazu geschrieben.\nWenn man dann noch mal znm schlnsz\nrasch zn Aiaröes hinübergehh glaubt\nman, in einer ganz besonders vornehmen\nnnd hoffnnngsreichen Ansstellnng ge-\nwesen zu fein. Und auch dieser Glaube\nmacht fchlieszlich selig.\nAls Knriosnm sei noch erwähnt, dafz die\nganz schlechten Bilder lchon fast alle\nverkauft find.\n\nH. Siemsen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-07-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-07_01#c011", "volume": "bmtnabb_1916-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "156", "page_fin": "160", "image_debut": 14, "image_fin": 18, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.2.10.1", "titre_corps": "Freie Sezession 1916", "titre_sommaire": "Freie Sezession 1916", "signature_source": "H. 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(So scharf gegen SlevogtY\nAicht gegen Slevogt, vielmehr gegen\nRachlüusey die jeden Slevogt sür eineu\nSlevogt halten, auch wenn er gar lceiu\nSlevogt ist)\nDas ist die alte Garde. Sie stirbt,\naber sie ergibt sich nicht.\nMehr Freude hat man (diesmal) anr\n~·2Uittelalter«. Es bewahrt die Era-\ndition (die es gesunden) ängstlicher als\ndie, die sie verloren.\nDa ist E. R. Weib. Solange er\nsich nicht zuviel Mühe gibt, zu viel\nSorgen macht und zuviel Absicht hat —-\nmarht er Bilder, die nicht nur gut ge«\nmalt, sondern (von einer ein wenig tran-\nrigen Seele) beseelt sind. Er hat von\nder süßen Aielaucholie Pirassos mehr\nals mancher, der sich dem Eeist des\nSpaniers nahe glaubt, wenn er »Ka-\nbismus« sagt - eiue Literatenersins\ndung. Es sind dies vielleicht die\n(hier hängen drei halbe) poetischsieu\nBilder, die augenblicklich in Deutsch-\nland gemalt werden. - Aber dann geht\ner hin und malt nach Prinzipien.\nEin ~Bild, wie es sein soll««, ein\nMnslerbild Je musterhaster es wird«\ndesto schlechter wird es natürlich. Denn\nwie ein Aiusterlcuabe nnr eine ver«\nlcümmerte Seele haben traun, so auch\nein Aiusterbild Eine Borlage siir\nbrave Schüler. Schadet Orlili\nmacht überhaupt nur Bvrlagen sür\nseine Schüler. Frühling, Sommer,\nHerbst und Winter, Alusterbilder\nfür BorgeschritteueN Borgeschrittene?"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3126, "texte": "Dazwischen hängt Bond g. Ein\ngroszes repräsentatives Damenporträt\nZuerst denkt man: ~Dounerwetter,\nwelch ein Kitschl« Aber es ist\nnicht wahr. Es sieht nur so ans.\nEs ist so , ein Bild, an dem alle\nguten Freunde, Nachbarn nnd Ber-\nivandteu kritisch und nnkritisch mitmalen\ndürfen. Ein Bild, das hnndertfach\nbegntachtet wird, bevor man sagt: es\nist fertig. Aun ist es wirklich ziemlich\nfertig. Und hat doch Qualitäten\nbehalten. Ein in Deutschland seltener\nFall. Man wird sogar (ein wenig) an\nRenoir erinnert mit solcher Ehr-\nfurcht vor dem Handwerk ist hier ge-\narbeitet. Leider hängt im andern Saal\neine Parodie darauf. Ein Geiger-\nPorträt. Ein mahnendes Exempel:\nwohin die Ehrfurcht auch fiihren\nkann. Dann ist noch eine kleine Be-\nrandalandschaft da. Am: eine skizze-\nllnd die ist (ganz ohne Ehrfurcht) am\nbesten geraten.\nEh. v. Brockhnsen beweist in\njedem Jahr aufs neue, das? er, allen\nZweiftern zum Trotz, noch schlechtere\nBilder machen kann, als ihm im Jahre\nvorher möglich war. Eott gebe ihm\nein langes Leben! R öszler wird ihn\nnie erreichen.\nPnrrmann leitet zur-Jugend hin-\nöder. seine eigene hat er verloren.\nEs ist sehr schade, dass gerade diese\nBilder von ihm hier hängen. Alan\nkönnte ans seinem Werk ebenfo gut\nfiiuf Sachen wählen, die zehn mal besser\nwären. Andere Leute zeigen gerne, wie\ngut fie malen können; Purrmann zeigt,\nwie schlecht er malen kann. Bergeb-\nlicher Ehrzeizl Er wird (amh darin)\nEber-treffen.\nBon den ~Jnngeu« ift einer tot.\nWeisgerben Die vorhandene\nAuswahl ist schlecht. Aber (obwohl\nman es hier kaum sieht - nnd obwohts\nes fast jeder sagt) er war wirklich eine\nHoffnung. Er ist? Eine thoffuungssk\nvolle) Erinnerung. Reben ihm hängen\nBilder anderer Toten Von denen-\nWieck zu nennen ist. «\nDann kommen (der Kern nnd Sinn«\nund Zweck der Ausstellung) die ~luu--\ngen«, die Werdendeu, die Leute von\nHeute. (Und morgen?) Rur wenns»\nunter ihnen einer ist, lohnt sich die:\nAusstellung Ruu: sie lohnt sich! Es«\nsind einige da.\nVieles ist natiirlich nicht des Rialens,.\nnicht einmal der Rede wert. Anderes-\nwieder ist so übel, das; man es deshalb—\nerwähnen mus 3. Im grossen Saale\nhängen die schlimmsten Sachen. Zeller,»\nRichter, Deguer, Euch. Sie haben:\nsämtlich alte Scherze auf Aiodernität\nfsrisiert Ob das Vorbild nun Eözanue\noder Vrenghel heisjt, das Resultat ist\nimmer gleich langweilig nnd albern nnd-««-\ndie Hohlheit wächst mit dem Zormat..\nDiese auffallend iiblen Vilder sind aber«\nin der Aiinderzahh Im allgemeinen hat;\nman den Eindruck grosser Vescheidens\nheit und Ruhe. Geschmack ——- das ist\ndie Eigenschaft, die man am häufigsten\nteigeutlich überall) findet. Ist man nun-\ngenügsam, dann sagt man sich: »Ge-\nschmack? Aber das ist ja sehr nettl«i\nIst man aber anspirnchsvolh so sagt«\nman anderen: ~Geschmack? Was«\nsoll uns Geschmack? Aiit Geschmack»\nmacht man kein Kunstwerk. Höchsteus\nein paar hiibsche Vilder.« Ich bin»\nanspruchsvoll. - Aber gegen den Ge-\nschmack läskt sich nichts machen. Sichk\nanstreugen? Den Weg vom blos;-\nhiibschen zur Grösse wagen? Ach,-\nlieber nicht! Es sind Exempel da —-\nnud alle wirken traurig. s\nHettuer z. V. macht ein Idyll, das—\nneben hängt er ein Abendmahl»"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3135, "texte": "Das ödgll ist eine harmlos-uied-\ntiche Aiodezeichuungz das Abend-\nmahl eine Bersammluug aufge-\ntegter Männer, denen man ihre\nAufregung nicht glaubt. Auch Hettner\nglaubt nicht, wenigstens nicht ans\nAbendmahl.\nHofer macht ein mehr als\nhübsches, ein sehr lebhastes indisches\nBild und daneben eine grosse Tafel\nmiihsam gesiillt mit zwei Figuren, die\nsich zu langweiligen Gebärden bemiiheu.\nS kh a r ss hängt neben seine bekannten,\nuusagbar leeren ~Kompositionen« eine\nheitere lcleiue Laudschaft, die das er-\nlciinstelte Pathos seiner gewohnten\nArbeiten noch unerträglicher und be-\ndauerlicher erscheinen lässt.\nDiese drei luud viele andere) haben\nden Weg zur Grösse gesucht. Sie sind\ngescheitert. Sie sind zu geschmaclcvolL\nGeschmaclcoolle Titanen ——— das gibt es\neben nicht.\nDie sich beschieden (es sind die Aieisten),\nwählten das bessere Teil. Sie waren\nsrämmetx Glaubteu sich und ihrem\nWeinen) Stern. So sieht man denn\neine ganze Anzahl teils moderuer, teils\nunmoderner Bilder, die auf die au-\ngenehmste Weise die Möglichkeiten des\nhiibschen Bildes nach allen Richtungen\nhin variieren.\nLoulou Lagard und Kaiuer\niiberrascheu als erste. So hübsch und\ngeschmarlcvoll sind diese lcleineu Bilder.\n0. Eh. W. Stein hängt neben ein\nbeabsichtigtes, daher langweiliges, Por-\nträt eine sehr angenehme ruhige Land-\nschaft, die heute schon aussieht, wie ein\nGobelin und in hundert Jahren viel-\nleicht einer ist. Und so lcommt eine\nganze Reihe: ich weis; die Namen nicht\nmehr alle. Westermeger,Wag-\nnet, Stern, End, öauthon\nUnd man gleitet, ohne es zns\nmerken, in eine Gegend, wo-\nnoch mehr als nur Gelchmaclc\nlebt. Kirchner ift belonders gut«\nVor altem ein gelp-enltilch-eiudriug-\nliches Straläeubild Da ilt mehr als—\nSefchmaclg obwohl der Gelchmaclc nicht\nfehlt. Man denlct auch hier (trotz des\nRieleuformatsk ~Wie hiiblchlC Und—\nes ilt wirlclirh hübsch. Tiu wenig nu-\nmoderner: P e rh lt ei n. Wie harmlos-\nangenehm lind diele hellen Landfkhaften,«\nwie gefchmaclcvolt die Stilleben arau-\ngiert. Sie erinnern an Schuch. Da-\nneben hängen Stilleben von Zan-\nthor. Auch lehr gelkhmaclcvolt Sie-\nerinnern an Pechfteim\nWo aber mag blos; der vielgelchmähte\nund geriihmte ~neue«, der Revolutions-\nGeilt lteclcen? Wo lind die neuen\nLeidenschaften, die neuen Kämpfe, die\nneuen Himmel? Alles ilt hier lo ein-\nwandfrei, fo hiiblch, lo harmlos. Selten-\nfah man bei jungen Leuten lo viel Thr-\nfurcht vor der Tradition. Das ilt lehr«\nbrav; aber ein wenig gefährlich. Tragi-«\nlcomifrh, dalZ ihnen dann der ~Mangel\nan Tradition« als Verbrechen vorge-\nworfen wird. Abgruudtiefes Unver-\nltändnisl Airht der hat Ehrfurcht vor\nder Tradition, der lich dauernd den»\nVater anguclct, der vielleicht Hotel--\nbefilzer ilt; eher fchou der, der lich\nnach dem Großvater nmlchaut, ders\nvielleicht noch Bauer oder aber\nSchulter war. Solch lolide Hand-s\narbeit liefern Ahlers-Helter-\nmann nnd Kurs, zwei etwas»\ntrockene, aber lehr tiichtige Parilen\nHeclcel ilt neuer, iiinger und beach-\ntenswerter. Vom ~Parlclee« gibt lchon\ndie Katalog-Reprodutction eine ver-\nheilznngsvolle Probe» die dann aller--\ndings von der Wirlclichlceit nicht mehr—\niibertroffen wird. Und das ilt lchade.."}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2514, "texte": "Bang erter (der in Wirklichkeit\nBangerler heiszt) ift offenbar begabter,\nals er glaubt. Sonft wiirde er lich nicht\nin ein fo dunkles Atelier verkriechen.\nEr hat das Licht wirklich nicht zu\nfchenem Seine Bilder find das nenefte\n- was die Ansftellung zu zeigen hat.\nsie waren bisher noch nicht bekannt.\nSie werden es wohl werden.\nDas ift an Bildern fo ungefähr alles.\nDie Plaftik? sehr niedliche Bären\nvon Gan l. Eine handwerklikh nicht\njfchlechte Biifte von Hildebrand.\nEine beffere von Kolbe. Ein ganz\ntlcleines Reh von Sintenis. Zwei\nFiguren von Haltet, von denen\ndie eine gewollt und nicht geworden,\ndie andere lder Boxer lohnfou) ans-\ngezeichnet ist. Und dann die beiden\nTintereffanteften ~8älle« der ganzen Ans-\nflellnng, die beiden Sxtreme von fkhlerht\nnnd gut: Lehmbrnck nnd de siori.\nBeide ftellen Plaftilcen nnd Bilder ans.\nllber beide nur ganz kurz:\nLeh mb r u ck malt zwei Bilder, deren\nitkiinfllerifchy Unwahrheit man am\nkdentlichften erkennt, wenn man fie mit\ndem ähnlichen Snfet Alarcses’ ver-\ngleicht. sio ri malt zwei Bilder,\nvon denen das eine lein Reiter) nicht\neben hinreifzend, nur gut im Rythmus\n\"«ift. Das andere ift, trotz aller Unbe-\nholfenheit der Mittel, das enropäiichftm\ndas weltmännifchkle Bild der Ansftels\nlang. Eine Promenada Heim, vor-\nnehm und männlich. Das ist nur\ndie 0nvertüre, das Hanptfchlacljts\nfeld ist die Plastik. Es wird\nvöllig in Beschlag genommen von dem\ngefallenen oder sterbenden Jüngling\nLehmbrnclcs seiner ganz zn Tode ge-\nhetzten Manier (seiner Manier! Er\nselbst ist viel zn harmlos) gelingt es\nhier dies (man sollte meinen, nnverderb-\nliche) fast lcensche Thema zn — ja, ich\nlcann mir nicht helfen -— zn einer Ob-\nscönität zn machen. Wo ist da anch nnr\nein Znnlce göttlichen oder menschlichen\nFeuers? Sohle, ansprobierte Pole.\nWeiter nichts.\nZiori hat einen Jüngling gemacht. Halb\nlebensgrosz in heller, blanlcer Bronze\nWenn das Licht angedreht wird,\nspringt er golden ans der Dämmerung.\nHier wieder (endlichl) ist man hinge-\nrissen. Gerade erwachte Leidenschaft\nnnd noch nicht erprobte Kraft machen\ndiesen Jüngling tanzen vor Begierde —-\nman könnte anch Sehnsucht sagen.\n»Der Bnlle«« heiszt er. Und nnr Mo«\nzart hat die Ainsilr dazu geschrieben.\nWenn man dann noch mal znm schlnsz\nrasch zn Aiaröes hinübergehh glaubt\nman, in einer ganz besonders vornehmen\nnnd hoffnnngsreichen Ansstellnng ge-\nwesen zu fein. Und auch dieser Glaube\nmacht fchlieszlich selig.\nAls Knriosnm sei noch erwähnt, dafz die\nganz schlechten Bilder lchon fast alle\nverkauft find.\n\nH. Siemsen"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.1", "texte": "Zeit-Echo\n- .. \"««, -.\n- « L\ni ) T j s \" - . A MlMchkU MPOB1k ksl»k« ITLs2j;» s-»"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "couv. 2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.2", "texte": "to H\nSonderausgabe Nr.\ni\n\nInhalt:\nThevdvt Däublet J Dei: Ungenauuke · s\nWalcek Bangerkek ! Origiualssteiudrucic\nOtto Zlake X Requiem\nEkttefkv de Rock, zurzeit im Felde X Gesang\nAlfred Lichtenjteiu - Eis-lauter Wächter\nFriedrich Mart( - Doftviewilsks Jüngling\nC. Z. Savaky - Modebild IX l Originabsieitsdrnclc\nGlossen und Kritilcen\nSinzelheft Alle. 1.«————-— Bierteljährlich (6 Seite) Mk. 6.-ss--—"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.3", "texte": "Der Ungenanute\nTheodor Däubler\nDas ist der Sang vom grossen llngenanntem\nDer reitend unsre Wiistenei bereist;\nEr hat die Langsamkeit vom Elefanten,\nUnd seine Stirne wird von Licht umkreist.\nDie Lippen öffnen sich zu Blutgebetem\nIn seiner Seele aber falbt die Nacht.\nDie Worte, die dem weisen Mund entwehten,\nSind als geweihter Lothoskrauz erwacht.\nEr hat den Mond im Silberkranz vergessen,\nEin letzter Tag verglomm in seiner Brust.\nVom Elefanten ward der Schritt bemessen,\nVon Sternen hat er nie etwas gewußt.\nDie Wolken sind in seine Hut geflogen.\nMit beiden Händen bannte er den Sturm.\nZur Ruhe hat sein Wunsch die slnt bewogen,\nAun ist der See ein schlummervotler Wurm.\nEr hat des Wassers Walten sanft besprochen,\nUnd darum perlen Glaubeusblumen auf.\nSie keimen ans verflossnen Buszewochem\nDie Andacht stillt den klaren Reuelans\nDas ist der Sang vom blassen Uugenanntem\nDer um den Teich erbliihter Ehrfurcht kreist,\nEr hat die Langmut eines Elefanten,\nWenner die Seelen heimatlos bereist."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.5", "texte": "Requiem\n\nRomausragmeut\nBereits Mitte Februar war es am Bosporus warm geworden, acht Tage später\nsah ich vor einer sonnigen Mauer rosig den ersten Psisrsichbanm bliihn, und zwischen\nzwölf und drei konnten wir schon im Garten sitzen. i\nAoch streckten die Bäume schwarze Zweige in einen diinneu blaszblauen\nHimmel, aber jeder Tag brachte einen Fortschritt. .\nReben unserem Haus stand ein kleines, kiimmerliches, in dem eine, gute\nalte Tiirkin hauste. Sie hatte mohammedanischen Fliichtlingen aus Thrazien eine\nZuflucht gewährt und ihnen einen Schuppen im Hof eingeräumt. Dieser Schuppen\nschaute mit dem Dach gerade noch iiber die kleine Mauer hinweg, die ihn von\nunserem Garten trennte. h g »\nGines Tages ins; aus der Mauer ein kleines Mädchen, ein Fliichtlingskind\nin zerrissenem Röclcch\"en. Mit ihren dunklen Zigeuueraugen sah sie staunend aus\ndas Becken, das einen diinnen Strahl emp-orsandte, die roten Goldsiskhe, die im\nKreise darum schwammen, und mich, der auf dem Kies davor aus einem\nSegelstuhl lag. «\nIch meinerseits betrachtete sie nicht weniger angelegentlich, wie sie es sich\nmit ihren runden braunen Gliedern ans der Mauer zusrechtmachte nnd weder wußte,\ndas; unter ihr aus den Spalten Gidechsen nach der Sonne hervorlngten, noch hinter\nihr der grosze Kirschbaum znbliihen begann, ganz weiss, ganz iippig wurde und einem\nbitteren Dust ansstsrömte -\nZuletzt stand der Baum mächtig nnd doch zärtlich da, nnd da geschah es,-\ndasz die Sehnsucht nach Rudi wie eine Flut iiber mir znsammenstiirzte und ich weinen\nmußte. Nun wurde es wieder Friihjahr und dann wiirde es Sommer sein, und\nvor Berlin, vor der grossen, grossen Stadt die wilden Gräser aus dem Kirchhofs\nbliihen nnd im warmen Winde wehen.\nIch zog mich von meinen Freunden zurück, und wenn ich auch die Abende\nmit ihnen verbrachte, gehörten doch die Tage mir nnd Rad-i, siir die ich nun ein\nRequiem der stilleu Wochen begann. -\nIm Stambul driiben war eine Stelle, die sich inniger als jede andere mitihr\nverband. Ts war die höchste Stelle iiber dem alten Serail, wo die Hagia Sophia\nstand. Alle Bauten waren hier gelb von der» Sonnensarbe, und alles war hier still."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.6", "texte": "Nakh dem Meere zu fiel der Hiigel ab, nnd hier hatte ein Brand, soweit der\nBlick reichte, eine Triimmerstätte geschaffen, die einem Ansgrabungsfelde glich.\nEs waren auch autike Grundmauern, die zum Vorschein gekommen waren, die\nHunde streiften nun zwischen ihnen und Zigeuner trockneten ihre bunten Lappen.\nWas in der Zrau empfäugliches und dankbares Kind gewesen war, hätte mir\nhier begegnen können, und dann wären wir iiber den weiten Platz gegangen, um den\nschönen Wasserpavillon zu betrachten, den ein Sultan an der griechischen Mauer\nfiir die dnriteuden Wanderer angelegt hat.\ni Wir hätten in der Mosrhee, wo Theodora, die grosse nnd gemeine Kaiserin,\nans ihrer Loge in die Tiefe schaute, beide gefunden, dass sie, mit den Namens-\nschildern der ersten Kanten, den blassen snszteppichen nnd einem gewaltigen Leuchter,\nder von der Knppel bis fast zur Kopfhöhe der Menschen herabhing, reiner und edler\nwirkte, als wenn rnssische Priester in einem bildiiberladenen Nanm ihren Prnuk\nentfaltet hätten.\nWir hätten im großen Basasr Mekkasteine und Ambra gekauft nnd im\nSchatten des äggptischen den Geruch von Saudelholz, Nosenöl nnd allen Gewiirzen\nund Spezereien eingeatmet.\nTs gab Tage, an denen ich von Nudi besessen war und, was ich auch sah,\nsich mit dem Gedanken an sie verband.\nIn diesen Zröhlingswochem in denen sich alle Gassen mit dem Nachwuchs\nvon Schafeu und Ziegen fiillten, die auf den steilen Treppen mit jungen gebrech-\nlichen Beinen hernmkletterten, verirrte sich ein kleines Lamm aus eine Mauer\nnnd stand, schon am Abend, als alle anderen zn Hause waren, kläglich rufend und\nfeftgebannt einsam vor der Tiefe. Gs erinnerte mich an einen Ausflug, den ich\nmit Nudi ins Gebirge unternommen hatte: wir machten uns im engen Tvnristens\nzimmer einer Herberge fiir die Nacht zurecht, da lockte ein fammerndes Tier Nudi\nans Fenster, ein Kälbrhem das der Viehhändler von seiner Mutter trennte nnd im\nkählen Abend, als aus alleu Kamineu friedlicher Nauch stieg, durch das Dorf trieb.\nön Tjub, am Tnde des Goldneu Hokus, stieg ich in der Sonne des Vor«\nmittclsssp den Hügel hinauf, auf dem unter Zgpressen die tiirkische Totenstätte lag.\nTine Säule, mit dem Turban geschmückt, zeigte den Gatten an, flache Stein-\nbretter, in Blumeurosetten auslaufend, die Gattin, ganz kleine Säulchen das Kind;\naber am suszeude eines jeden Grabes war eine Vertiefung, ein winziges Becken;\ndas war fiir die kleinen Vögel bestimmt, damit sie auf den Gräbern der Toten einen\nTropfen Wasser finden konnten.\nNiemand hätte diesen riihrenden Zug schöner gefunden als Nudi. Niemand\nauch die Melancholie der Stunde um Sonnenuntergang, wenn auf dem hohen Nltan"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.7", "texte": "Aber unserm Garten die Brauen des Nachbarhauses Luft schöpften nnd, sich ents-\nschleierud, in den brennenden Vosporns sahen; da drang plötzlich aus der Luft eine\nStimme, die wie aus der Vrnst eines Schwindsiichtigen traut, weil sie von der\nVnlnstrade eines Gebetstnrmes den weiten Raum durchdringen mußte: inbriiustig\nneigte sich eine weiße Gestalt vor und sprach die Worte von der Welt, die schlecht\nist, und Allah, der alleiu groß nnd ewig ist. »\nZu spät das alles, voriiber die Gemeinschaft der Tage und der Nächte.\nAber ich, ich war znriiclcgebliebeu und lcouute mich dem Geheiß des Lebens nicht\nentziehen. Mit der neuen Sonne des Jahres erwachte ringsumher die Stadt, dieses\nLager einer Million Menschen, zu einer einzigen, großen Vegehrlichlceih und das\nLicht, das sich iiber sie ergoß und sichtbar machte, wie lllmen griinten nnd iiber den\nengen Gassen der Handwerker schattig wurden, machte auch sichtbar, was Augen,\nMiindey die Linien aller Leiber verrieteu.\nNachmittags, wenn die Tiirlcinueu ausgingen und es sich traf, daß sie der\nSonne entgegenschrittem verloren die Schleier ihre lludnrchsichtiglceig und wer ein\nMann war, fing Vliclce voll Glanz unter zusammeugewachsenen Augenbrauen auf.\nZranzäsische Schuhe, seidene Strümpfe waren stärlcer als die Verbote, die\nvon den Kriegsgerichten ausgingen, und stärker« als die Deportatiouen von tät«\nlcischen Frauen, die sich in Rendezvoushänsern treffen ließen - arme»Q,escl)äpfe,\ndie den Scheidnngsbrief erhalten oder im letzten Krieg den Vater, den Bruder,\nden Ernährer verloren hatten und in einem Lande, das nicht immer genug Geld\nfand, um seine Gehälter zu bezahlen, bittere Rot litten.\n· Abends, wenn die steilen Seitengassen Peras mit den italienischen Gr-\ninuerungen, den flachen Steinhänsern, den vergitterten lcleinen Vallconeu ins\nMittelalter zuriiclczusinlcen schienen nnd man um eine diistere Tclce die Menchels\niniirder Veronas auftauchen nnd einen raschen Stahl unter langem Mantel\nanfblitzen zu sehen versucht war, stsricheu stauen umher, loclcten und schritten iiber\nTreppen in die Hausgänge des Hafeuviertels voran. In Galata hallteu ganze»\nStraßenziige von den Grammophonen der öffentlichen Häuser, in denen der Ab»\nschanm der Dirnen der halben Welt aus Matrosen nnd Lastträger wartete.\nbinden, aber ich war nicht da, um zu liigen und die Augen zu verschließen. Von\nder zärtlicheu Trauer um sie fiihrte Schritt fiir Schritt ein Weg hinein in die\nWelt, in der ich schon einmal zu jener Zeit geweilt hatte, als ich durch die Klinilcen\nnnd Srrenhäuser gewandert war. i\nOft bei Gängen durch die schwarzwogende Haupstslraße ergab es sich, daß\nans einer Rebeugassm die oben von einer griechischen Kapelle abgeschlossen wurde,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.8", "texte": "ein Zug herabkam: voran ging ein Thorknabe, der aufrecht wie eins-Kreuz einen\nDeckel trug; es war der Deckel zu einem Sarg, und der Sarg, in dem der Tote\nruhte, war offen. ««\nAlte und junge Gesichter lagen so da, mit einem Taschentnch unter dem\n«2Unude, aber sie alle waren gelb, von der Zarbe des verwesenden Todes.\nTine fiirchterliche Sitte war ans vergangenen Jahrhunderten iibriggebliebem\naber irh«entzog mich nie dem Anblick. Man zitterte, aber man ergab sich nnd\nwurde der Erkenntnis teilhaftig. Aus Tkel entsprang das Bewußtsein des Lebens,\nans Trauer die Härte. ,\nSo war es recht, so erhielt man ein starkes Symbol: die Toten, die durch die\ngeschmiiclcten Frauen und die begehrenden Männer getragen wurden; die\nGestorbenem die eine letzte Warnung riefen, und die Lebenden, die darum ihren\nWeg zu Vergniignngem zu Lust, zu gegenseitiger Bosheit und zu Geschäften nicht\nabbrachem Die große Niedrigkeit, die große Abhängigkeit, die groß-e Menschlich-\nkeit. Mich lähmte die Trauer um Rudi, und mit jedem Tage wuchs doch der\nHunger nach der Frau. Wozu es leugnen, wozu es nicht erleben?\nDie Vorstellung von Liebesxbegegnnng wurde fiir alle Zeiten in mir ver-\ngiftet, nnd ich erkannte doch, daß sie fiir alle Zeiten in mir nistete, wie ein Bestand«\nteil des Blutes selbst. Ich fiihlte mich frei der Frau gegeniiber und sah sie mit den\nkalten Augen dessen an, der ihr bißchen Körperlichkeit durkhschaut, nnd ich fiihlte\ndoch alles, was an sie bindet nnd bewirkt, daß sie nicht unsere Sklavin, sondern\nunsere Gefährtin ist, Mensch wie wir.\nDas Leben zerselkte nnd machte widerspruchsvoll ·—- was lag daran? Aimm\nLes hin, erdnlde es, schwanke nnd bleibe doch der, dertrinmpihiert\n. Wenn Rudi wiedergekommen wäre, wäre ich nicht mehr derselbe gewesen.\nIch hätte sie umfangen, nnd während sie vielleicht an meine volle Hingabe glaubte,\nhätte ichnoch iiber den Augenblick hinaus um die Unaussprechlichkeit des Lebens\ngewußt. Auch du, Rndi, wäreft nicht dieselbe geblieben, ohne deinen Tod hätten\nwir uns vielleicht in Qualen zerfleischt\nDas ist grausam, und doch ist es ein großes Vertrauen, daß ich es dir\nsage — wem sollte ich es sagen, wenn nicht dir, die nun wieder bei mir ist\nund neben mir geht?\n\nOtto slake"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.10", "texte": "Sinsamer Wächter.\nAlfred Lichtenftein\nGan; hinten iind Stadt und Gefiel-te.\nIch bin io verraten allein.\nIch ialle tangiam von einem\nAuf das andere Bein.\nRings tcreiichen tcomiiche Türen.\nIch greife nach Dolch nnd Gewehr.\nAch, wenn ich zu Haufe «\nBei meiner Mutter wär."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.11", "texte": "Bei Gelegenheit von Dostojewskis Iüngling\n\nDoftvjewfki zu kritifierem wird vielleicht in hundert Jahren möglich fein, vielleicht\nauch erft viel fpäter. Heute erfaffen wir immer nur ein Stiick von ihm: feine\n·Pfgchologie, feine Musik, feinen Panflavismus, feinen Ehriflusgedankem Will:\nman aber diefe Einzelheiten einzeln nehmen nnd formulieren, fo erlebt man jedesmal,\ndas fie fich unter den Händen verwandeln nnd verfliichtigem Staren Soffima, das«\nift viel mehr als Ehriftnsmgftih nnd Andrei Petrowitfch Warffilofh das ift riet,\nmehr als ,,Weftlertum«.\nDie Sache wird am auffallendflem wenn man zum Vergleich den um«-\nfaffendfteu unferer letzten Weflenropäer nimmt: Valzac. Er ift umfchreibbar,\ntrotz feines nngeheuesrlichen Reichtums; er ift Ausdruck einer bestimmten Kultur,\neiner feften Wirklichkeit. Doftojewfki ift gar keine Wirklichkeit, fondern unend-\nliche Möglichkeit.\nVielleikht das Shakefpeare einmal fiir feine Zeit etwas Ähnliches war.\nsit-r eine Zeit, die auch noch nichts Gewordeues war, fondern ein Ehaos unge-\nhenerlichen Werdens, war auch er vielleicht ein Vlitzftrahl iiber der Dunkelheit,\nein Vorwärtsweifen auf Zuknuftswege, ein ,,Geift Gottes iiber den WaffernC\nRnr das shakefpeare nicht in einer fo zweigeteilteu Welt ftand wie heute«\nwir. Doftojewfki redet zu feinem Volke, zu feinem Volke, das noch nicht ift, zu\nfeinem Volke, das wird; nnd wir hören zu, die fchon Gewordenen, die Fremden.\nIch kenne Ausland nicht, weis alfo nicht, wie weit Ruslaud Doftojewfki\nift.« Es ift mir auch unwichtig, ob ihn die Wirklichkeit erreicht. Hier handelt es\nfich ja nicht allein« um Ausland; hier ift viel mehr, hier ift eine Welt im Werden.\nAus einer zerfalleuden Welt heraus. Alles zerfällt nnd ftirbt bei ihm: staat nnd-\nWirtfchaftslebem Gefellfchaft nnd Familie, Sitte und Religion, der einzelne, der in\nder allgemeinen Vernichtnng Verbrecher wird oder fich felbft zerftört.\nEs hat wieder nnd wieder in der Gefchichte folch zerfalleude Völker\nund Welten gegeben. Aber nie find fie in folcher Weife aufbewahrt nnd anfgezeigt\nDazu hat in allgemeiner Auflöfung niemand je die Kraft gehabt. Die stärksten und-\nKliigften konnten fich ereiferm prophetieren —- oder lachen. Weiter langte est nicht.\nHier aber ift der Weltnutergang gefehen von einem, der in fich Aiut nnd Glauben.\nund Wiffen von einer neuen Welt trägt. Er läst fie aufwachfen aus dem\nZufammenbruclx Wie einen llrwald nach einem Waldbrand: in allen Eriimmern\nfpiirt man das Reimen. Was daraus wird, läst fich noch nicht jagen. Es ift alles-\nKnofvtz die sich entfalten will, die alle Möglichkeiten in fich trägt. Rirgendss\nift folch zärtliche, folch leidenfchaftliche Liebe zum Leben wie in Doftojewfkis\nBüchern. Airgends fonft nmfast das Leben ja fo viel.\nEs ift noch nicht durch Wachfen nnd Entwicklung, nicht durch Vergangen-\nheit einfeitig geworden, nicht durch Reicherwerdeu ärmer. Es ift ja wirklich nichts-\nals Zukunft, nichts als Jugend, nichts als Hoffnung. Deshalb miiffen Doftojewfkis"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "154", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.12", "texte": "Bücher (äuserlich oder im Jnnerftenf unvollendet bleiben. Schuld nnd Sühne\nHbricht ab, als Aaskolnikows anderes Leben beginnt, der Jüngling, als feine ,,nene\nGefchiehtck anhebt, die Vrüder Karamafofs als Alfofcha Hand in Hand mit den\nKindern fteht vor feinem Aufbruclx Es wäre fchade, wenn es anders wäre. Alles\nliese fich anf taufendfache, auf herrliche Weife zu Ende führen, aber kein hellfter\nTag könnte fo fchön fein, wie diefer Sonnenaufgang, nnd kein Leben fo reich, wie\n,sdiefer Beginn. ,\nEr fchildert die Jugend, nnd liebt fie, wie niemand lenkt, weil fie, nur\nIfie, in ein em Aieufrheu die ganze Aieufchheit noch umfchliest vom Alörder bis\nzum Heiligen, heilig fie felbft in diefer Alls und Uubeftimmbarkeit .\nWird Ausland felbft diefe Welt, diefe Doftofewfki-Welt, fein, die im Ent-\nftehen ift und ans Licht drängt? Ift es fo, wie gleichgültig, wie völlig falfkh geftellt\nfind dann alle Fragen: ob es europäifch ift oder afiatifch, Kulturlaud oder bairbarifclx\nAation oder zerfallendes Völkergemifkh, chriftlich oder nur orthodox, auffteigendes\nVolk oder Staat in Zerfetzung? Es ift dann das alles und ift nichts von alledem;\nverfiukeude Vergangenheit, zugleich auffteigende Zukunft. Gerade darum aber\nvon uns, von uns Deutfchen im Wefen verfchiedeu.\nDenn wir, wir werden nicht, wir find. Wir dürfen uns nicht damit tröften, das\nunfere Zeit noch kommt, das unfer Gedanke noch gedacht, uufere Zorm noch\ngefunden werden wird. Uufer Los ift fchon geworfen, unfer Eefetz uns fchon\ngegeben, unfer Weg fchon vorgezeichnet Wir müffen ihn gehen und haben gar\nkeine Entfchuldigung, wenn wir ihn verfehlen» Unfer Los ift fchou befchräukt\nAber immer noch reich genug und verautwortungsvoll genug. Von uns wird es ab-\nhängen, ob das, was Deutfchland fein follte, ein leeres Wort bleibt oder eine\nErfüllnug wird. ·\nWas Ausland fein wird, das wiffeu wir nicht. Auch Doftofewfki weis es\nnicht. Für ihn ift es noch alles. Und er fucht das Allerumfaffeudfte, um es überhaupt\nauszudrücken: Ausland das ift die Erlöfuug, Ausland das ift die Liebe, Ausland\ndas ift Christus. Und damit wird er, der Fremde, er, der Dichter der kommenden\nWelt, doch der allergegenwärtigfte für uns. Denn dies: Leben, Liebe, Erlöfuug,\ndas ift auch uns das Wirhtigfte, Aotweudigfle, das was die Sehnfurht unferer\nTage am vollften umfchreibt. So flehen wir Dentfcheu alle jetzt unter feinem,\ndes Auffen Schatten. Unfer ganzes geiftiges Leben ift fo Doftofewfki-durchträukt,\ndas wir felbft es kaum wiffeu. Und es ift fchön und gut, das wir an diefem aller-\nruffifchften Dichter (wieder mal) fpüren, das alles ganz nnd gar nnd eingefleifcht\nAationale zugleich iuteruational, das heist menfchlich ift. Aationalität kann nur\ntrennen, wenn fie einen Aiangel bezeichnet und eine Schwäche. Wenn wir uns\naber richtig und gründlich mit den andern vereinigen wollen, können wir gar nichts\nbefferes tun, als möglicl)ft ftark, wir felbft fein. Aur fo tun wir ihnen einen Ge-\nfallen. Doflofewfki hat uns Deutfkhe nie recht ansftehen können und ift fogar\nrecht ungerecht gegen uns gewefen. Und welchen: philogermanifchen Wefller find\nwir fo\n\nFriedrich Mark"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.14", "texte": "Stossen und Kritiken\n\nFreie Sezession 1916\n\nAlles iii gleich eitel, tmiere Luft«\nnnd nuier Weh; aber goldene«\noder himmelblaue Seifenblasen.\nlind doch hiiblcher als Ichwarze\noder graue» R. Chamfort\nDiese Ausstelluug ist eine Sammlung von\nBildern, die smit einigen Ausnahmen)\nlganz zusiillig) (nngesiihr) gleichzeitig\ngemalt wurden. Das und die Wand,\nan der sie hängen, ist das einzige, was\nsie gemeinsam haben. Kein Geist, lcein\nZiel, lceine Richtung, nur der Zufall\neint (uud trennt) sie.\nRikht zwei der ansgestellteu Künstler\nhaben ein nnd dasselbe Ziel, jeder hat\nein anderes und manche luikht die\nsrhlechtesten) haben sogar viele Ziele.\nUnd einige (die besten) haben sogar gar\nkeins. Kein Ziel, lceine Richtung, lceiue\nSchule, lcein Programm? Das wiire\ndoch zu schön. Es ist auch nicht ganz\nwahr. Etwas nrogrammelt es doch hie\nund da. Aber im ganzen erfreulich\nwenig. Im ganzen herrscht ein höchst\nbegriiszenswertes Dnrrheiuaudey ein\nsehr hossnnngsreiches Chaos, ein er-\nauitlcender Aiangel an Absicht.\nSchulen nivellieren, Richtungen ver-\nblödem Programme laugrveileu --—\ndas sieht man an den auch hier\nnoch immer reichlich vorhandenen\nBeispielen besonders abschreclceud,\nweil die Bessereu und Besten so\nergniclceud dumm drauf los malen,\njeder fiir sich, wie ihm der Pinsel\ngewachsen ist. Das Resultat ist\ndurchsichtigen ehrlicher, ,,rirhtiger«\nals bei Programm- nnd Richtungss\nAnsstellungen. Qqian lieht deutlicher\nlund unveriirgert), wer feine Sache\ngut gemacht hat, wer fchlecht nnd-\nwer fie hiitte beijer machen können.\nDer Chorgeiang wird in den:\nHiutergrund getreten und oerhallt fast«\nungehört. Jeder (der in Betracht\nkommt) rislciert ieinen eigenen Ton.\n(den er manchmal, weit; Gott, von.\nwem gehört hat) nnd ift fiir\n»gut« nnd ~lchlecht« verantwortliche:\nals wie die, die mit gediimpfter Kraft;\nim ach, fo gut geiibten Chorus piepiem\nLeute, von denen man es nicht erwar-\ntete, iiugeu hiibjch und hiibjche Melo-\ndien. Andere, von denen man es auch\nnicht erwartete, fingen ziemlich heftig«\nvorbei. Und einigen verjagt die Stimme«\nganz - ein lcomijchey beinahe rüh-\nrender Anblick. so liifzt lich denn iiber\ndas ganze Konzert im allgemeinen\nwenig jagen. Es bleibt nichts übrig,\nals im Einzelnen vom Einzelnen zn\nreden - nnd zu Ichweigem\nHingeriffen lund weggefchlepny wird»\nman nicht eben oft. Zuerst von«\nMars-es. Drei Bilder lind da.\nWarum ein diclces, naclctes Mädchen\n~Uulchuld« genannt wird, iit mir nichtsp\nKlar. Die ~Unichnld« des Aialers\nlcheiut ntir gröber als die des Mäd-\nchens. Edle Bilder, wie Mars-es lie-\nmalte, lcann iiberhanpt nur ein Schuld-"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.15", "texte": "tofer träumen. Wer heute hat die\nReinheit diefer Landfchaft mit den\nKindern? Wie ans einem Tempel\ngeftohlen hängt das Bild zwifchen\niall den andern. Anr Runge und\nzwei alte Landfchaften von Thema\nsfind fähig, diefen Frieden auszus-\nhaltenz alles andere fängt an zu\nfchreiem\nNeben den beiden älteren Thomas\nhängt eine nene Landfchaft von ihm.\nAuch fehr friedlich. Aber es ift der\nSchlaf eines alten Mannes, der nie\nnnehr recht aufwacht, den man anch nicht\nmehr wecken mag. Die Leidenfchafts\neoeckende Leidenschaft des fchlafenden\nöänglings fehlt. Immerhin bietet\nThema nicht das traurige Bild, das\nwir von beinahe allen anderen dentfchen\nQiialern gewohnt find, die es scheinbar\nnicht abwarten können, älter zu\nwerden als ihre Bilder.\nHabermann war mal ein Mater.\nUnter den Linden fteht in einem kleinen\nLaden ein friihes Zranenporträt von\nihm. Schön und beinahe rührend. Hier\nhängen zwei grobe Leinwände voll\nFarbe, die feinen Namen, fonft aber kaum\nEtwas von ihmtragem Triibner\nhängt fiir fich allein. Ein ähnliches,\nwenn auch weniger trauriges Beifpiek\nAber man weis; das ja längfk Nur\nwnfjte man bisher noch nicht fo deut-\nlich, dafz feine Zran (Alire) feine\ntvielleicht auch ihre) Tradition beffer\nund treuer gepflegt hat als er.\nEinige Landfchaften von ihm zeigen\n»aber doch, welch eine Hand nnd\nwelch ein Her; hier alt geworden\nift. Liebermann ift nicht fo gut\nvertreten, wie man es von ihm wiinfchen\nmöchte. Zwifchen kleinen, alten\nBildern hängt ein neues selbftpors\nträt, das nur im Zormat grösser ift\nals die andern, nicht was den Seift\nangeht. Schlerht ist es nicht.\nmußte wirklich Liebermaun bemüht\nwerden, um das zu malen? Konuteu\ndas nicht andere?\nSlevogt lcvnute es nicht. Er traun\nnicht einmal mehr seine eigenen Bilder\nmalen. Und hat doch jahrelang hu\nunser aller Vergnügen) nichts anderes\ngetan. (So scharf gegen SlevogtY\nAicht gegen Slevogt, vielmehr gegen\nRachlüusey die jeden Slevogt sür eineu\nSlevogt halten, auch wenn er gar lceiu\nSlevogt ist)\nDas ist die alte Garde. Sie stirbt,\naber sie ergibt sich nicht.\nMehr Freude hat man (diesmal) anr\n~·2Uittelalter«. Es bewahrt die Era-\ndition (die es gesunden) ängstlicher als\ndie, die sie verloren.\nDa ist E. R. Weib. Solange er\nsich nicht zuviel Mühe gibt, zu viel\nSorgen macht und zuviel Absicht hat —-\nmarht er Bilder, die nicht nur gut ge«\nmalt, sondern (von einer ein wenig tran-\nrigen Seele) beseelt sind. Er hat von\nder süßen Aielaucholie Pirassos mehr\nals mancher, der sich dem Eeist des\nSpaniers nahe glaubt, wenn er »Ka-\nbismus« sagt - eiue Literatenersins\ndung. Es sind dies vielleicht die\n(hier hängen drei halbe) poetischsieu\nBilder, die augenblicklich in Deutsch-\nland gemalt werden. - Aber dann geht\ner hin und malt nach Prinzipien.\nEin ~Bild, wie es sein soll««, ein\nMnslerbild Je musterhaster es wird«\ndesto schlechter wird es natürlich. Denn\nwie ein Aiusterlcuabe nnr eine ver«\nlcümmerte Seele haben traun, so auch\nein Aiusterbild Eine Borlage siir\nbrave Schüler. Schadet Orlili\nmacht überhaupt nur Bvrlagen sür\nseine Schüler. Frühling, Sommer,\nHerbst und Winter, Alusterbilder\nfür BorgeschritteueN Borgeschrittene?"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.16", "texte": "Dazwischen hängt Bond g. Ein\ngroszes repräsentatives Damenporträt\nZuerst denkt man: ~Dounerwetter,\nwelch ein Kitschl« Aber es ist\nnicht wahr. Es sieht nur so ans.\nEs ist so , ein Bild, an dem alle\nguten Freunde, Nachbarn nnd Ber-\nivandteu kritisch und nnkritisch mitmalen\ndürfen. Ein Bild, das hnndertfach\nbegntachtet wird, bevor man sagt: es\nist fertig. Aun ist es wirklich ziemlich\nfertig. Und hat doch Qualitäten\nbehalten. Ein in Deutschland seltener\nFall. Man wird sogar (ein wenig) an\nRenoir erinnert mit solcher Ehr-\nfurcht vor dem Handwerk ist hier ge-\narbeitet. Leider hängt im andern Saal\neine Parodie darauf. Ein Geiger-\nPorträt. Ein mahnendes Exempel:\nwohin die Ehrfurcht auch fiihren\nkann. Dann ist noch eine kleine Be-\nrandalandschaft da. Am: eine skizze-\nllnd die ist (ganz ohne Ehrfurcht) am\nbesten geraten.\nEh. v. Brockhnsen beweist in\njedem Jahr aufs neue, das? er, allen\nZweiftern zum Trotz, noch schlechtere\nBilder machen kann, als ihm im Jahre\nvorher möglich war. Eott gebe ihm\nein langes Leben! R öszler wird ihn\nnie erreichen.\nPnrrmann leitet zur-Jugend hin-\nöder. seine eigene hat er verloren.\nEs ist sehr schade, dass gerade diese\nBilder von ihm hier hängen. Alan\nkönnte ans seinem Werk ebenfo gut\nfiiuf Sachen wählen, die zehn mal besser\nwären. Andere Leute zeigen gerne, wie\ngut fie malen können; Purrmann zeigt,\nwie schlecht er malen kann. Bergeb-\nlicher Ehrzeizl Er wird (amh darin)\nEber-treffen.\nBon den ~Jnngeu« ift einer tot.\nWeisgerben Die vorhandene\nAuswahl ist schlecht. Aber (obwohl\nman es hier kaum sieht - nnd obwohts\nes fast jeder sagt) er war wirklich eine\nHoffnung. Er ist? Eine thoffuungssk\nvolle) Erinnerung. Reben ihm hängen\nBilder anderer Toten Von denen-\nWieck zu nennen ist. «\nDann kommen (der Kern nnd Sinn«\nund Zweck der Ausstellung) die ~luu--\ngen«, die Werdendeu, die Leute von\nHeute. (Und morgen?) Rur wenns»\nunter ihnen einer ist, lohnt sich die:\nAusstellung Ruu: sie lohnt sich! Es«\nsind einige da.\nVieles ist natiirlich nicht des Rialens,.\nnicht einmal der Rede wert. Anderes-\nwieder ist so übel, das; man es deshalb—\nerwähnen mus 3. Im grossen Saale\nhängen die schlimmsten Sachen. Zeller,»\nRichter, Deguer, Euch. Sie haben:\nsämtlich alte Scherze auf Aiodernität\nfsrisiert Ob das Vorbild nun Eözanue\noder Vrenghel heisjt, das Resultat ist\nimmer gleich langweilig nnd albern nnd-««-\ndie Hohlheit wächst mit dem Zormat..\nDiese auffallend iiblen Vilder sind aber«\nin der Aiinderzahh Im allgemeinen hat;\nman den Eindruck grosser Vescheidens\nheit und Ruhe. Geschmack ——- das ist\ndie Eigenschaft, die man am häufigsten\nteigeutlich überall) findet. Ist man nun-\ngenügsam, dann sagt man sich: »Ge-\nschmack? Aber das ist ja sehr nettl«i\nIst man aber anspirnchsvolh so sagt«\nman anderen: ~Geschmack? Was«\nsoll uns Geschmack? Aiit Geschmack»\nmacht man kein Kunstwerk. Höchsteus\nein paar hiibsche Vilder.« Ich bin»\nanspruchsvoll. - Aber gegen den Ge-\nschmack läskt sich nichts machen. Sichk\nanstreugen? Den Weg vom blos;-\nhiibschen zur Grösse wagen? Ach,-\nlieber nicht! Es sind Exempel da —-\nnud alle wirken traurig. s\nHettuer z. V. macht ein Idyll, das—\nneben hängt er ein Abendmahl»"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.17", "texte": "Das ödgll ist eine harmlos-uied-\ntiche Aiodezeichuungz das Abend-\nmahl eine Bersammluug aufge-\ntegter Männer, denen man ihre\nAufregung nicht glaubt. Auch Hettner\nglaubt nicht, wenigstens nicht ans\nAbendmahl.\nHofer macht ein mehr als\nhübsches, ein sehr lebhastes indisches\nBild und daneben eine grosse Tafel\nmiihsam gesiillt mit zwei Figuren, die\nsich zu langweiligen Gebärden bemiiheu.\nS kh a r ss hängt neben seine bekannten,\nuusagbar leeren ~Kompositionen« eine\nheitere lcleiue Laudschaft, die das er-\nlciinstelte Pathos seiner gewohnten\nArbeiten noch unerträglicher und be-\ndauerlicher erscheinen lässt.\nDiese drei luud viele andere) haben\nden Weg zur Grösse gesucht. Sie sind\ngescheitert. Sie sind zu geschmaclcvolL\nGeschmaclcoolle Titanen ——— das gibt es\neben nicht.\nDie sich beschieden (es sind die Aieisten),\nwählten das bessere Teil. Sie waren\nsrämmetx Glaubteu sich und ihrem\nWeinen) Stern. So sieht man denn\neine ganze Anzahl teils moderuer, teils\nunmoderner Bilder, die auf die au-\ngenehmste Weise die Möglichkeiten des\nhiibschen Bildes nach allen Richtungen\nhin variieren.\nLoulou Lagard und Kaiuer\niiberrascheu als erste. So hübsch und\ngeschmarlcvoll sind diese lcleineu Bilder.\n0. Eh. W. Stein hängt neben ein\nbeabsichtigtes, daher langweiliges, Por-\nträt eine sehr angenehme ruhige Land-\nschaft, die heute schon aussieht, wie ein\nGobelin und in hundert Jahren viel-\nleicht einer ist. Und so lcommt eine\nganze Reihe: ich weis; die Namen nicht\nmehr alle. Westermeger,Wag-\nnet, Stern, End, öauthon\nUnd man gleitet, ohne es zns\nmerken, in eine Gegend, wo-\nnoch mehr als nur Gelchmaclc\nlebt. Kirchner ift belonders gut«\nVor altem ein gelp-enltilch-eiudriug-\nliches Straläeubild Da ilt mehr als—\nSefchmaclg obwohl der Gelchmaclc nicht\nfehlt. Man denlct auch hier (trotz des\nRieleuformatsk ~Wie hiiblchlC Und—\nes ilt wirlclirh hübsch. Tiu wenig nu-\nmoderner: P e rh lt ei n. Wie harmlos-\nangenehm lind diele hellen Landfkhaften,«\nwie gefchmaclcvolt die Stilleben arau-\ngiert. Sie erinnern an Schuch. Da-\nneben hängen Stilleben von Zan-\nthor. Auch lehr gelkhmaclcvolt Sie-\nerinnern an Pechfteim\nWo aber mag blos; der vielgelchmähte\nund geriihmte ~neue«, der Revolutions-\nGeilt lteclcen? Wo lind die neuen\nLeidenschaften, die neuen Kämpfe, die\nneuen Himmel? Alles ilt hier lo ein-\nwandfrei, fo hiiblch, lo harmlos. Selten-\nfah man bei jungen Leuten lo viel Thr-\nfurcht vor der Tradition. Das ilt lehr«\nbrav; aber ein wenig gefährlich. Tragi-«\nlcomifrh, dalZ ihnen dann der ~Mangel\nan Tradition« als Verbrechen vorge-\nworfen wird. Abgruudtiefes Unver-\nltändnisl Airht der hat Ehrfurcht vor\nder Tradition, der lich dauernd den»\nVater anguclct, der vielleicht Hotel--\nbefilzer ilt; eher fchou der, der lich\nnach dem Großvater nmlchaut, ders\nvielleicht noch Bauer oder aber\nSchulter war. Solch lolide Hand-s\narbeit liefern Ahlers-Helter-\nmann nnd Kurs, zwei etwas»\ntrockene, aber lehr tiichtige Parilen\nHeclcel ilt neuer, iiinger und beach-\ntenswerter. Vom ~Parlclee« gibt lchon\ndie Katalog-Reprodutction eine ver-\nheilznngsvolle Probe» die dann aller--\ndings von der Wirlclichlceit nicht mehr—\niibertroffen wird. Und das ilt lchade.."}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191607-01.1.18", "texte": "Bang erter (der in Wirklichkeit\nBangerler heiszt) ift offenbar begabter,\nals er glaubt. Sonft wiirde er lich nicht\nin ein fo dunkles Atelier verkriechen.\nEr hat das Licht wirklich nicht zu\nfchenem Seine Bilder find das nenefte\n- was die Ansftellung zu zeigen hat.\nsie waren bisher noch nicht bekannt.\nSie werden es wohl werden.\nDas ift an Bildern fo ungefähr alles.\nDie Plaftik? sehr niedliche Bären\nvon Gan l. Eine handwerklikh nicht\njfchlechte Biifte von Hildebrand.\nEine beffere von Kolbe. Ein ganz\ntlcleines Reh von Sintenis. Zwei\nFiguren von Haltet, von denen\ndie eine gewollt und nicht geworden,\ndie andere lder Boxer lohnfou) ans-\ngezeichnet ist. Und dann die beiden\nTintereffanteften ~8älle« der ganzen Ans-\nflellnng, die beiden Sxtreme von fkhlerht\nnnd gut: Lehmbrnck nnd de siori.\nBeide ftellen Plaftilcen nnd Bilder ans.\nllber beide nur ganz kurz:\nLeh mb r u ck malt zwei Bilder, deren\nitkiinfllerifchy Unwahrheit man am\nkdentlichften erkennt, wenn man fie mit\ndem ähnlichen Snfet Alarcses’ ver-\ngleicht. sio ri malt zwei Bilder,\nvon denen das eine lein Reiter) nicht\neben hinreifzend, nur gut im Rythmus\n\"«ift. Das andere ift, trotz aller Unbe-\nholfenheit der Mittel, das enropäiichftm\ndas weltmännifchkle Bild der Ansftels\nlang. Eine Promenada Heim, vor-\nnehm und männlich. Das ist nur\ndie 0nvertüre, das Hanptfchlacljts\nfeld ist die Plastik. Es wird\nvöllig in Beschlag genommen von dem\ngefallenen oder sterbenden Jüngling\nLehmbrnclcs seiner ganz zn Tode ge-\nhetzten Manier (seiner Manier! Er\nselbst ist viel zn harmlos) gelingt es\nhier dies (man sollte meinen, nnverderb-\nliche) fast lcensche Thema zn — ja, ich\nlcann mir nicht helfen -— zn einer Ob-\nscönität zn machen. Wo ist da anch nnr\nein Znnlce göttlichen oder menschlichen\nFeuers? Sohle, ansprobierte Pole.\nWeiter nichts.\nZiori hat einen Jüngling gemacht. Halb\nlebensgrosz in heller, blanlcer Bronze\nWenn das Licht angedreht wird,\nspringt er golden ans der Dämmerung.\nHier wieder (endlichl) ist man hinge-\nrissen. Gerade erwachte Leidenschaft\nnnd noch nicht erprobte Kraft machen\ndiesen Jüngling tanzen vor Begierde —-\nman könnte anch Sehnsucht sagen.\n»Der Bnlle«« heiszt er. Und nnr Mo«\nzart hat die Ainsilr dazu geschrieben.\nWenn man dann noch mal znm schlnsz\nrasch zn Aiaröes hinübergehh glaubt\nman, in einer ganz besonders vornehmen\nnnd hoffnnngsreichen Ansstellnng ge-\nwesen zu fein. Und auch dieser Glaube\nmacht fchlieszlich selig.\nAls Knriosnm sei noch erwähnt, dafz die\nganz schlechten Bilder lchon fast alle\nverkauft find.\n\nH. Siemsen\n\ni Herausgeber: Otto Haus-Heim z. Z. im Felde\nBerantwortlicher ·Srl)riftleiter:\nHans Siemieiy Lichterfelde, Sternltrafze 25\n« Ziir unverlangte Cinlendnngen keine Gewähr\nIn Ojterreich fiir die Redaktion verantwortlich Hugo Heller, Wien, l, Bauernmarkt Z\n««- —-——\nDruck von H. S. Hermann in Berlin"}]}