{"numero_id": "bm-bmtnabb-1916-10-01", "volume": "bmtnabb_1916-10_01", "ocr_sha256": "49d4ad9a322a96e03bc2772e485adcf56a8e786cf1be3843d16c36a9fb4a0c1c", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1916/10_01/bmtnabb_1916-10_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1916/10_01/bmtnabb_1916-10_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1916-10-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-10_01#c002", "volume": "bmtnabb_1916-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 2", "page_fin": "couv. 2", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.2.2", "titre_corps": "Snhalt:", "titre_sommaire": "Snhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "couv. 2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.2", "debut_caractere": 22, "fin_caractere_exclue": 397, "texte": "Snhalt:\nLaurent Tailhade - sotuetzszzauade\nRudolf Gkofkmann x Orkginaksteindrnklc\nMax Brod X Die drei Hauptjtrömnugen . . e. .\nSrnejko de Rock, z. Z. im Felde - Origiuaksteindrukic\nMax Herrmamy Reihe - Trofctied —\nRudolf Levuhatd J Kampagne in Frankreich\nWilhelm Wagner X Originaksteiudruclc »\nGlossen und Kritilsety\nEknzelheft Mk. 1.—--— Bierteljährlikh (6 Hefte) Mk. 6.-——-"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-10-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-10_01#c003", "volume": "bmtnabb_1916-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "193", "page_fin": "194", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.2.3", "titre_corps": "Seines-Bellabe", "titre_sommaire": "Seines-Bellabe", "signature_source": "Lanreut Tailhadg Deutsch von Theodor Pächter", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "193", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1189, "texte": "Seines-Bellabe\n\nZum IS. Geburtstag Henrickc Ihm-s.\nseines: Einen Turm! Was ineinfi dn damit?\nHiide Mangel: Jch denke an etwas das empor-\nIieigt Das ganz frei in die Lüfte etnporkteigt\nIn der Kloalce, zwilchen den trieleudeu Griiferm\nAufgeduuleu von Hochmut, unter den Pflanzen,\nWiilzt lich der Drache, giftig und gläleru.\nDie Tiefe hat iippige Orte zum Tanzen:\nKalerue, Kafrhemme, Baraclce, spitall\nTrgötzt euch, Verhungern, Spinnen und Wanzen,\nWarten, Berluugerte, lange aufs Wahl!\nUnd doch! Bliclct empor: in die ltiruige Welt\nBlanmittags ein Turm! Tr lteigt wie ein Held.\nAus Klarheit. steil iiber Fluten und seid.\nTiu zartes Prinzelkchem den Trolt auf den Lippen,\nAimmt wuude Haluulceu, ans Lumpen und Rippen,\nBehutlam und gut, aus den lceifeudeu stimmen,\nDie zitternd verltummeu, lehr lauft bei der Hand.\nOh, lalzt vor dem Zriihling das Herzensergrimmen\nUnd legt euch dem himmlifcheu Kinde zu süßen:\nZhr lagert bereits im verlciindeten Land!\nTin lauer, ballamilcher Hauch wird euch grüßen.\nDer slieder verliebt lich, wie ftauut der Holluuder,\nDas; souue und Wind einen Turm holder Wunder\nAus Gliilern umgolden. Aus Klarheitl Tr ltellt\nseine steilheit wie strahlen ins Fluten und Feld."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 943, "texte": "Sldorado, Zlcarien, Satans,\nDieie iatnrniiche Schwerlnft der Liigen\nFliehen wir! Fort mit dem rächenden Brand!\nZort mit den: Krieg! Diesen Alordbrennerziigem\nschenkt unierm Winde die Segel; Tane zerhaklct\nFerne, wie damals um roliges Tagen,\nLenchtel der Waldapennin übergoldet nnd nackt.\nDort wird der Tempel der Kiinftigen ragen:\nschreckliche Priester, Beioldeim Könige, Henker,\nUnieres Wellhermelines Befleckey\nKlebrige Hände: Der Blihe verächtliche Lenker,\nLecker nnd schmecken Roheitsvollflreclcey\nHier it! der Turm! Unter Ichleimigen Kerlen,\nKlar iiber Blumen nnd wogenden Perlen.\nMidian-is.\nSrikheiue uns, Tag der Göttin tnil herrlichem Blick,\nSkharlachrotz wie vor Salamis goldnen: Geichitln\nAus Herzen in Aiarichreihen lclopfks unter Lappen:\nZlanunenhegeiklerte Freiheit, auf wieherndeu Rappen,\nVollbringe das Werk! Zeriritt das Gewiirtnl\nKlarl Und wärs iiber uns: fteil ein Gräbergeliirnn\n\nLanreut Tailhadg\nDeutsch von Theodor Pächter"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-10-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-10_01#c005", "volume": "bmtnabb_1916-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "196", "page_fin": "199", "image_debut": 6, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.2.5", "titre_corps": "Die drei Hauptitrömungen der zeitgenössischen Literatur Erste Rede eines Zgklus skizziert", "titre_sommaire": "Die drei Hauptitrömungen der zeitgenössischen Literatur Erste Rede eines Zgklus skizziert", "signature_source": "Max Brod", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2616, "texte": "Die drei Hauptitrömungen der zeitgenössischen Literatur\nErste Rede eines Zgklus skizziert\n\nMeine Damen nnd Herren. —- Literatur wird von mäßigen Menschen vom\nStandpunkt der Unte r haltn u g, von Besrhäftigteu oft im Sinne der\nB i l d u n g geschätzt. Die Miiszigen wollen sich von ihr angenehm beschäftigen lassen,\nund die Beschäftigten möchten in ihrem Bezirk eine doch nicht ganz zwecklose, fiir\nspätere, noch uuklare Verhältnisse vielleicht sogar förderliche Musze genießen. Das\njunge Mädchen, das zwischen Lyzeum nnd Verlobung nichts zu tun hat, ——— der miidess\ngehetzte Kaufmann, der halbtot mit seinem Noman wie mit einem Schlaftrunk\nins Bett steigt, -—— iiber diese nnd ähnliche Typen kein Wort mehrl\nKunst erscheint mir nicht als Natur, gesehen durch ein Temperament, wie\nZola angab, —— sondern als Natur, umgesormt durch einen Willen.\nNicht Bildung, sondern Umbildnng der Welt nnd unser selbst; -— mit einem\ngeringeren Ziele als diesem wiirde ich Ihre und meine Zeit zu verschwenden\nglauben.\nPolitik also? —- Nein, denn der Dichter nnd der Politiker unterscheiden sich\nin allem, nur in dem einen nicht: im Willen, die Welt umzuformen. Alles andere\naber, Material, Methode, Technik, Anlage trennt die beiden im Willen Briiders\nlikhen um einen Himmel. Um den Himmel eben, den der Dichter in seinem weichen\nbiegsamen Material autizipieren darf, indes der echte Politiker mit Paragraphen\nnnd soziologischen Sxperimenten am hartbeschuppten starren Leib der Wirklichkeit\nmiihsam sich abarbeitet. —- Dennoch haben beide, Dichter wie Politiker, in ihren\nhöchsten Augenblicken dasselbe Bild vor sich, nur ihre Wege sind verschiedene,\nwenn auch dieselbe Sehnsucht auf beiden dahinrast.\nDer Dichter wie der wahrhafte Politiker sind nur aus ihrem Ethos zu\nverstehen, das sie vorantreibt, so wie sie es ihrerseits zu weiterer Entwicklung\ntreiben. Ich habe meinen Kurs auf die Besprekhung der zeitgeuössiskhen Dichter\neingeschränkt. Denn nur von ihnen können wir Rechenschaft verlangen in dem-\nselben Masze, in dem wir uns selbst vor ein innerstes Gericht ziehen und uns aller\nGreueh die wir heute erdulden, anklagen und schuldig befinden. Nicht in ihrer\nKunst, in der sie möglicherweise iiberragende Fertigkeiten entwickeln, fiihleu wir\nuns unsern heutigen Dichtern verwandt; wohl aber lagern wir mit dumpfem\nGefiihl ihren Neligionen an, dringen da im Kern in ihre Seelen, so wie wir auch\nwieder von ihnen durchdrungen, dusrkhwachsem durrhwurzelt werden. — Mit-\nschuldige aller Missetaten nenne ich uns alle, und die mindeste Folgerung daraus\nist es eben, das; wir auch Sachverständige alle-r Berirruugen heiszen können."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3321, "texte": "So sehe ich drei Religionen oder Dreierlei Ethos unsere Zeit beherrschen:\nHeideutum, Christentum, Indentum.\nRicht Rassen, Völker oder Rituale meine ich mit diesen Worten. Sondern\ndrei typische Geisteshaltungen der Menschheit, die anderswo,\nin Tibet oder auf dem nächsten bewohnten Stern, andere Ramen tragen müssen\nnnd an andere Träger geknüpft sind, —- nakh dem Stande unserer historischeu\nErfahrung jedoch mit Recht diese drei Vezeichnungem charakterisiert nach ihren\nbedeutendsten Vertretern, führen.\nDrei ethische Ideale? Es ist doch nur eines möglich. Das Absolute\nals Ziel allen Daseins. -—— Richtig, aber das Ethos gibt nicht nur den Eudpunkt,\nsondern bestimmt auch den Weg und unterwegs den Rang der materiellen Welt,\nder natura natur-atra, es mulz ferner den Einzelnen, das Individuum,in die Weg-\nrichtung einstellen. Dadurch, dass sie also der materiellen Ratur nnd der Einzel-\nleele ganz verschiedene Rollen auf dem Wege zu Gott zuweilen, unterscheiden\nsich ·die drei Religionen unserer Zeit.\nD as Heid entn m heiligt, das heilzt billigt die materielle Welt voll«\nkommen und unumschränkt. Die heutigen Heiden haben zwar zumeift das\nEhristentnm beibehalten, ihre Terniinologie aber verrät schon (oft mit archai-\nsierender Rebeutendenz), dalz sie aus den nngetanfteu Zustand ihrer Rationen\nZurückgreifen. Arier, Germanen, Gallier, Gaulois, Helleuentum, der Autichrist\nRietzsche nnd (mit Einschränkungen) der Olympier Goethe, der Egoist Steudhal\nnnd Stiruer, der Einzige, die Adelsmenschen Ibsens (Rosmersholm), jede Philo-\nsophie, welche die Ordnung des Diesleits ohne Eingriffsversuch anerkennt,\nPhysiokratie und Aiauchestertum, die liberale Devise vom Laissez fah-e, der\northodoxe Aiarxismus mit seiner ,,notwendigen« Evolution, die antike Polis\nnnd der ,,alte PreusZengeistC Aiouismus, biologische V:etrachtungsweise, Treitschkes\nStaatsgedanke und die Aubetuug des ,,Historisch-Gewordeuen« — das alles sind\nebensoviele Entfaltungssormeu desselben heidnischeu Ideals, welches auf dem Wege\nder natürlichen, uugebrochenen Fortentwicklung der sichtbaren Welt die Verwirk-\nlichung einer absoluten Gotteswelt anstrebt. Alle hier und jetzt sich durkhsetzenden\nTriebe und Kräfte werden heiliggesprochem Der Riachttrieb des Einzelnen\nwie der kollektive Aiachttrieb des Staates. Und nur wo der üppig aufwukherude\nTrieb des Schädigens die andern Lebenstriebe zu ersticken droht, wi-rd im Inter-\nesse anderer Lebenskräste und gesunden Wachstums gewaltsam und änlzerlich\ndas Vöse zurückgedrängt. Eine innerlich grundverschiedene Ordnung der sicht-\nbaren Welt jedokh wird nicht angestrebt. Rikht etwa so ist das zu verstehen, dass\nüber die sichtbare Welt hinaus keine zweite bessere unsichtbare gebildet wird.\nAuch das Hseidentum hat Götter und Ideale, aber sie sind nach dem Abbild des\nIrdischen geformt. Vielleicht begreift sich hieraus das strenge Vibelverbvtt\nDu sollst disr kein Abbild irdischer Dinge machen, um mich, Gott, darunter vor-\nftellen zu wollen. —- Die Tugend des Heidentums ist Herrenmoral, kriegerischer\nSinn, Arislokratismus, Gesundheit, Kraft, Wagemut, Tüchtigkeit, seine Gemein-\nschaft ist auf Herrschen nnd Dienen, übers-« und Unterordnung gegründet, das\nIdeal der Gemeinschaft wird in der Gefolgschaft, das Ideal des Einzelnen im\n,,Helden« oder auch auch im schrullenhafteu ,,Eigeubrödler« gefunden."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3492, "texte": "Das Christentum, unter dem hier nicht so sehr die Evangelien, als\ndie spätere pauliniskhe, patristisrhe, europäische Entwicklung begriffen ist, sucht sein\nIdeal auf dem Wege der vollständigen Verueinuug aller natürlichen Triebe, bildet\nalso die äuszerste Aegatiou des Heidentums. Die Triebe sind ,,sündhaft«, sind der\n,,alte Adam«, der ausgezogen werden muss, sind die ,,Erbsüude«, die nach einer kirch-\nlichen Autorität wie Vellarmin im Verluste unserer übernatürlichen, dasz heiszt, also\ngeistig-freien A« tnr besteht (ex sola tloni supeknnturalis oh Atlas peocatum\namjssionex ,,Der Leim, ans dem wir gebildet worden, ist verdammliklyß er-\nklärt Luther, und Calvin drückt es am schärfsten ans: Ex oonsuptn hominjs natura.\nnihjl uisi clamnabile pracht-e. —— Das Erreichen einer höheren Welt ist daher\nnach übereinstimmender christlicher Ansicht nur durch ein Wunder möglich (Gnaden-\nwohl» gratia praevenjenss wobei der Streit zwilchen den Protestanten und\nder mildesten katholischen, etwa von Aioehler formulierten Ansicht nur darin\nbesteht, ob die guten Werke, der Glaube und die Liebe skiues formats) neben\ndem Verdienst Christi ganz unnütk, ja schädlich, oder demutsvolle Nebensache sind.\nDas Konzil von Crient hat ausdrücklich die Rechtfertigung als eine ,,unver-\ndiente« (gratis) festgelegt. ,,Gratis unten! justikioari icleo tlioamutz quiu\nnihil got-um, quae justificationem praedeuntz sive iides, sive Opera,\nijpsam justikicationis gratinm Frone-return« —- So hat das Christen«\ntum die radikalste Scheidung der sinulicheu von der übersinnlirhen Welt\nvollzogem Keine Vrücke führt hinüber, nur der Opfertod Christi, durch den der\nAiensrh als durch ein Wunder Erlösung empfängt. Der Schauplatz dieses Wunders\nist die Seele des Einzelnen, das Individuum wird hiedurch zum Hebel des Welt-\nalls eingesetzt. Die Gemeinschaft erscheint ins Spirituelle gerückt, eine Kirche\nder Geister nnd nicht der Leiber. Eine andere Organisation als diese, andere\nHeilmittel als diese werden für gleichgültig, ja irreal gehalten. Die Vernünftigs\nkeit als Instrument jeder solchen Organisation von Mensch zu Aienskh verliert\nneben dem alleinherrscheudeu Gefühl jeden Wert. ,,Sorget nicht für den morgigen\nCag«. »Mein Reich ist nicht von dieser Wett«. — Das isolieirte Individuum,\nder »Aiönch« und der -,Heilige« sind Cgpen dieses Ethos.\nEs kann hier nur ganz oberflächlich angedeutet werden sich führe alle\ndiese Dinge an anderer Stelle aus), inwiefern es fü-r das I ndentnm charak-\nteristisch ist, allem Aiateiriellen einen geistigen Sinn zuznerkenneu und mit dem\nGeiste zu durchdringen. Während das Christentum in der Anslöschung, Ver-\nuichtung, Verueiunng der sichtbaren Welt den Weg zum Geist sucht, will nnd musz\ndas Iudentnm durch diese sichtbare Welt mitten hindurch, um sie zu heiligen. Die\nsichtbare Welt ist als Vasis der geistigen (und nur als diese) wichtig, weshalb\nauch alle materiellen Verhältnisse sorgfältig beachtet, durrhdakht und durchfühlt\nwerden sollen. Niemals wird von ihnen einfach abgesehen. Diese Erleichterung\nerscheint hie-r unsittlich. Zur Vsezwingnng der schweren Ausgabe bedarf der Aieusch\naller Kräfte, des Gefühls, aber auch der Vernunft, die nie aus-\ngeschaltet, sondern in Syuthese mit dem übersrhweuglichsten innigsten Gottesgefühl\ngebracht wird, am groszartigsten im Riesenwerk des Calmud mit seiner undurch-\ndriuglichen Verflerhtuug von Halacha (Geselz) und Hagada sgefühlsmäszige Poesies —-\nUberhaupt ist natürlich nicht das heutige Iudentnm der Iudeu, das smit nicht"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2735, "texte": "unerheblichen Ausnahmen) eine Karikatur oder gar Aegation des Zndeutnms dar-\nstellt, sondern das Ethos des sAlten Testaments nnd des Talmud mit seiner\nunermeßlichen Aebenliteratur unter meinem Terminus begriffen. —- Dieses reine\nJudeutum verweist den Menschen auf das Diesseits als feinen Arbeitsplatz zur\nBegründung des wahrhafteu Gottesreiches Doch diese Arbeit ist weder gerad-\nlinige Fortsetzung der natürlichen Triebe wie im Heideutnm, noch christliche Zuver-\ntieruug der Triebe, sondern etwas ganz anderes, Neues, Drittes, —-— es ist die\nans der sittlichen Z reih eit des Menschen entspriugeude T at, welche sogar\nGottes Allmacht restringiert; denn ,,alles liegt in der Hand Gottes,\nnur nicht die GottesfnrchtC Diese Arbeit geschieht zwar vom Ein-\nzelnen, aber nicht nnr im Einzelnen, sondern vornehmlich in der naturgegebeneu\nund zu heiligenden Gemeinschaft. Das Gebet gehört nicht ins Kämmerleim\nsondern nach tiefsinniger iiidischer Vorschrift bedarf es der Vereinigung mehrerer.\nDen abseits Vetenden tötet der legendäre Prophet Elia des Talmud mit den\nWorten: ,,Als gebe es zwei Mächte, betest du du«. Diese menschliche Vereinigung\nist der tiefste Sinn des iiidischen Monotheismns, der, weit entfernt, eine Zahlen-\nspielerei zu sein, wie Lagarde wollte, das Symbol sittlicher Einheit in der realen\nMannigfaltigkeit darbietet. «— Unmittelbar ans ihm wächst das iiidische Ideal\nhervor, der »Prophet«, der zugleich Seher und tätig Eiugreifender, Priester nnd\nPolitiker ist.\nMeine Damen und Herren. —- Aehmeu Sie zur Kenntnis, daß alles bisher\nVorgebrachte ein sehr unvollkommeues Schema war. Richt nnr daß es sehr\nniianreureiche llbergänge zwischen den drei Religionen gibt, daß das Christentum\nsich mit dem Zndeutum in der schrankenloseu Wertschätzung des absoluten Geistes,\nmit dem Heidentnm in der egozentrischen Lagerung berührt, das Jndentum wieder\ndie Anerkennung des Diesseits nnd irdischer Verbände mit dem Heideutnm gemein-\nsam hat: es kommt auch fiir die Erkenntnis eines Dichters vor allem sein\nindividnelles, oft unendlich kompliziertes Ethos in Vetracht, welches nnr sehr\nbeiläufig als Anteilnahme an einer oder mehrerer dieser drei Welten und als\nZusammeusetznug dieser drei Anteile ausgedriickt werden kann. Aber trotz dieses\nVedenkens nnd aller, znm Teile sa auf der Hand liegenden Einwände scheint\nmir meine Art der Vetrakhtung wesentlich, ja fiir unsere Zeit notwendig zu sein,\nnicht etwa ein interessantes Experiment, mit dem ich Sie hier unterhalte, während\nman draußen Kanonen abseuert, sondern eine jener realen Erkenntnisse, deren wir\nbedürfen, heute nnd bis aus Ende der Tage, um, wie ich schon anfangs sagte,\njenseits aller Vildnng umgebildet, nmgelagert, verwandelt, vermeuschlicht zu werden.\n\nMax Brod."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-10-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-10_01#c007", "volume": "bmtnabb_1916-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "201", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.2.7", "titre_corps": "Trokllied der bangen Regenuacht", "titre_sommaire": "Trokllied der bangen Regenuacht", "signature_source": "Wax Herrmann, Reihe", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 506, "texte": "Trokllied der bangen Regenuacht\nWax Herrmann, Reihe\nKeine Furcht der Erde\nKann uns bange tun:\nSieh, wie ianft die Pferde\nWang’ an Wange ruhn!\nGanz allein gelaffen\nIn der bittern Nacht,\nWo der Wind die blaffen\nWeiden zittern macht,\nWo ein fiecher Regen\nBös, fehnfiichtig rinnt,\nAn viel fremden Wegen\nBettler fliichtig find,\nRuhn fie Wang’ an Wange,\nWie Srlöfte ruhn,\nKeine Furcht lcann bange\nIhrer Znbrunft tun.\nAlles, was fie leiden,\nschlummert Haupt an Haupt —-\nUnd die blafjen Weiden\nSind wie lenzbelaubt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-10-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-10_01#c008", "volume": "bmtnabb_1916-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "202", "page_fin": "204", "image_debut": 12, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.2.8", "titre_corps": "Kampagne in Frankreich", "titre_sommaire": "Kampagne in Frankreich", "signature_source": "Rudolf Leouhard", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2193, "texte": "Kampagne in Frankreich\n\nOb diefer Krieg der Anfang einer neuen Zeit ift, bleibt abzuwarten —- um fo\nmehr, als das grofze Reue, von den Gntgefinnten erkannt und begrüßt, fchon\nvorher nicht nur unterwegs war; das; er das Ende einer alten bedeutet, fchieu\nvon Anfang an gewif«z. Nun, wir wollten nicht jagen können, dafz wir dabei-\ngewefen feien, aber wir drängten uns, dabei zu fein; fchanend, mehr: mithandelnd,\nnoch mehr vielleicht: mitleidend. Diefes gelang; uns ganz, zu handeln gab es\nnicht viel, und aus dem Schauen wurde garnichts, vom Gang der Zeit war\nuns nicht mehr als die Znfitapfen unferes Vordermannes zu fehn gegeben. So\nwollten wir uns, im Lazarett, zum Srleben jener Zeit fiihren laffen, in der\nbegonnen haben mag, was heute zu Sude geht —- oder, das ift dasfelbe, auf\nfeiner letzten Höhe lculminiert Im voraus ergriffen, öffneten wir die ,,Kampague\nin sranlcreirhC\nErft ergriff uns was wie Neid: wie behaglich fcheint damals das Krieg-\nfiihreu gewefen zu fein! saft diinlcte es uns ftilwidrig, wenn in diefen Blättern\nein Toter iiber die Szene getragen wurde «—- akh, auch er nur einem Uugliirlc\nzum Opfer gefallen -———, und uns fchien, man habe damals lauter, einzelner,\nfreundlicher gefchoffem\nAber das fuchten wir ja nicht, fondern das Auf cha un jenes Krieges;\nund wir lajeu begierig Seite um Seite. Da zwang es uns, immer zu einem\nSatze zuriiclczugreifem ,,Diefe Reitermaffen machten zu der angenehmen Land«\nfchajt eine reiche Staffage; man hätte einen vau der Aieulen gewiiufchh um\nfolchen Zug zu verewigen: alles war heiter, munter, voller Zuverfikht und heldeus\nhaft« Rein, diefer war es nicht, wir nahmen ihn noch hin, er bejchwingte uns\nnoch; erft als wir den nächflen getefen, begriffen und immer wieder, immer\nlangfamer gelefen hatten, verflanden wir auch jenes erjten Tücke. Den nächftem\n,,Sinige Dörfer brannten zwar vor uns auf, allein der Rauch tut in einem Kriegs-\nbilde auch nicht äbel.« c\nAber was ift denn das, dieje Worte ——— diefer Ton? Der Krieg als De«\nlroration? Die Kanonade als 0hrenfchmans? Und nun, da wir verjtandem\nauch diejes: eine Reiterfchay geheim, zuverfichtlich angefpannte Aienfchen —-—-\nals Staffage? Jfk d i e s das Anfchaun des Krieges?"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2788, "texte": "Iäh war Mißtranen verheerend in uns aufgeschosseu, nnd wir lasen noch\neinmal —- zägernd, bedenklich, verweileud. Man sage uns nun nicht mehr,\ndaß hier Resignation das Leben meistere: da es nicht zu vermeiden stand, daß\njene Dörfer in stammen ausgingen, werde nur die Giuordnung auch dieses\nSchrecklichen in den Weltsinn versucht. -— Gben das empiirte uns ja; eben die\nResignationz eben das Hinnehmen des Unsinns, weit er dem Sinn irgendwie\nverbunden sei —- aber welchem Sinn? Und wahrhaft? Allzu leicht, im Spiele\nschon, gelingt diese Hinnahmel Gs ift nur ein Schritt von da aus — nicht einmal:\nnur eine andre Wendung, zu ve klangen, daß diese Dörfer brennen, weil\nsich das fiir ein Ksriegsbitd gehöre. Und einen Schritt weiter wäre es, die Pest —\nnicht ans Verzweiflung, nicht ans Gmpörnngz sondern hinnehmend, sondern in\nGeduld, sondern in Zufriedenheit zu loben.\nDaß Goethe mitten im Strudel des seldzuges die Zarbenerscheinnngen\neines Tiimpels studierte, daß er immer, aus Uuannehmlichlceiten und Begegnissem\nzu diesem Phänomeu zuriiclckehrte —- es hatte uns groß gedünkt. Aun aber\nverachteten wir es, da wir es als Mangel an Grleben, nicht als Beherrschtheit\ndes Grlebens erkannten, und als Kälte, nicht als Stauung. O, wir hatten\nauch den verwnndeten Kameraden nicht nur auf die Wunden gesehn, wir hatten\nLandschaften geliebt, wir hatten beim Sturmangriff uns selbst gesammelt und\nkiihlen Mutes beobachtet; aber wir wußten zu unterscheiden, und nie vergaßeu\nwir, was not tat!\nAun sahen wir deutlich, warum uns schon immer ein dumpfer Haß gegen\nihn erfüllte, den man uns als unser aller Urbild und Vollendung angepriefen hatte.\nAie hat er verstanden, sich hinzugeben. Gewiß, er lebte reich in feiner Mitte —\naber um sie höchstens, nie aus ihr heraus. Im steten Wechselspiel mit sehr\nnaher Welt sog er zu gleicher Kraft von iiberall Kräfte; aber letzten Gndes\nblieb es Tausch, nicht Befruchtnugz aber er trug alles — heim, nnd fein Weg\nfiihrte um die bewohnte (uud nur die bewohutes Erde, nicht in den Äther,\nnicht vorwärts, nicht empor. Gr lebte in geruudeter Tätigkeit, er drang nicht;\nmild befeuert, nicht geschnelltz vor lauter Objektivität allzusehr auf sich bedacht.\nIst nicht fast widerwärtig, wie Tasse, als er sich nicht mehr zu halten weiß,\nsich doch noch hält? sanft, dessen Gedicht wir eben vor dem Ausriiclcen zu\nbefragen uns fiir verpflichtet hielten, wie gleichgültig ist er, zu seinen beiden\nSeelen, was ist ihm Gretchen, was ist ihm Helena; wie stehen sie beide iiber\nihm! Ihn brachte ein Irrtum zu den Miittern. Hat dieser je ein Gedicht\nzu Gnde gewagt? sorm ist fiir ihn nicht Ausdruck, nicht die letzte hingegebue\nSpannung, gesammelte Verschleuderung, sondern Mäßignug. Im letzten Augen«-\nblick, ach, noch viel vorher, —- rettet er sich. Gr wair der Gräßte. Gr war"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2113, "texte": "der größte Rnhende, der größte Vollendet, der größte Bleibeude. Er war der\ngrößte Moderant. Er war ein Biirger (nnd wie spricht, während der Kampagne\nin Frankreich, der Biirgersohn mit Psrinzen und Herzögenls\nKleomber deklamierte, als er nach mir dieses Kriegstagebnch gelesen\nhatte, in seinem Bette auf dem Riickeu liegend zur Decke: »Ich bitte Euch,\nwollet Euch mißtrauisch von ihm fern halten! Er fühlte, maßvollen Schrittes\nwandelnd, ein teiluehmeudes Staunen, kein Eranen in den schwarz zerkläfteten\nschlachten der Dämonen. Beredsam wurde seine milde Riihrung vor dem\nGliicke zur Friedlichlceit oerdöster alter Ehepaare im gepflegteu Dorfe (er roch\nden Mist nicht, aber auch nicht die Erde!). Er ging iiber die Felder des Krieges;\nvon anfgerissenen Leichen wandte er sich ab, um nicht zu schaudern, sah die\nBewegungen der Trnppenmassem und alles diinkte ihm interessant. Dann sprach\ner gemessen und freundlich mit dem nun gefesselten Mörder. Er war maßvoll,\nund Zhr nennt ihn groß? Er war sachlich (nnd sachlich befangen), nnd Ihr glaubt,\ndaß er giitig war, oder liebend? Rein, nichts Menschliches war ihm fremd;\naber das Menfchliche war es.«\nDa schwiegen wir. Aber es blieb uns neue Erreguug nnd Schwanken nicht\nerspart. Auch wenigen Eagen lasen wir, wie er zuletzt seine Bsriefe schloß: »Und\nso fortan« — mit machtvoll in die Sterne geschriebenem Wort ——— kam es denn\nans seiner Seele, sprach llrmund durch seine bürgerliche Existenz hindurch in die\nDionen?\nRein, wir hassen ihn. llnd Dir, Kleombey wuuder Kamerad, der Du\nneben mir im Fieber stöhust, Dir gelobe ich, unsern Haß zu bekennen. Nichts\nmehr von Moderantismns. Er war ein Bürger.\n,,librigens« —- sagte Kleomber noch —- ,,ist es wichtig fiir die Naturgeschichte\ndes deutschen Bolkes und der deutschen Eeisligkeih daß es nur eine Eoethephilos\nlogie gibt, keine Schillerphilologem Auch fiir die Erkenntnis Goethes ist es wichtig.\nWas fiir Kerle waren es doch, die an Schiller gerieten, die paar, die sich um\nihn kiimmerten nnd ihn uns fast verleideu konnten, diese »« nnd er schloß\natmend mit einem medizinijchsmilitäriicheu Worte.\n\nRudolf Leouhard"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1916-10-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabb_1916-10_01#c010", "volume": "bmtnabb_1916-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "206", "page_fin": "208", "image_debut": 16, "image_fin": 18, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.2.10", "titre_corps": "Glossen und Kritiken", "titre_sommaire": "Glossen und Kritiken", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2647, "texte": "Glossen und Kritiken\n\nIarobsohn ruft nach der Po-\nlizei. —- In Aiiinchen gab es vor ein\npaar Jahren ein kleines Theater, das\nmit unbekannten Kräften unbekannte\nstiicke auf eine Weise anssiihrt-e, das;\nbeide bekannt wurden. Da sah man\nTschechow in einer trostlos langweiligen\nAielankholie; da sah man einen fran-\nzösischselsiissischen Tragödiewslllk von\nArno Holz; da sah man Aestroy\n(sehr nnechtl), aber zum Briillen ko-\nmisch; Qiachmittags n n d Abends\nan einem Tage bin ich hingegangen\nnnd dann noch dreimal); da sah man\nShaw, Strindberg nnd Wedekind in\neiner verrückten, nuvergeszlichen Ala-\nnier; da sah man schmarren von\nBahr nnd Aiolnar; da sah man noch\nviel schwächere Sachen -—— gespielt wie\nsiir die Ewigkeit, fiisr eine Ewigkeit\nvon siinszig Jahren, solange eben\nein Leben dauert. Da sah man eine\n»dramatisierte Aovelle« von Anatol\nstaune, ein blödes Ding —- aber man\nsasz (nnd sah’s) nnd henlte.\nDa hatte man ein Theater, das ein\nTheater war; zum Lachen, zum Weinen\nnnd zum Verliebem\nEin Theater, in dem man Knlissen sah;\nund diese sKnlissen wackelten. Ein\nTheater, kurz, das keine Literatur,\nsondern eine Angelegenheit des täg-\nlichen Lebens war. Abends ging man\nhin wie in ein Kinn, wie in ein Va-\nrietcåe, wie zu einem Rendez vous.\nDieses Theater waren die ,,Ksammer-\nspiele«. Und der Direktor hieb Eugen\nRobert.\nMiinchen hatte dank ihm ein Theater,\nwie ich in Deutschland noch keines\ngesehen habe. Dann wurde er\nabgesetzt, disqnalifizierh entfernt, ent-\nlassen, —- nnd heute ist das kleine The-\nater längst auf dem Aivean angelangt,\nauf dem sich das iibrige Aiiinrhen schon\nseit Jahrzehnten befindet. (,,V3ie sie\nso sanft ruhn !«) Weshalb wurde\nnun wohl dieser Herr Robert ent-\nlassen?\nMan könnte meinen, weil er seinen Be-\nhörden (das waren: die Polizei nnd\nder Aufsichtsrat des Theaterchens)\nman könnte meinen, weil er diesen\nLeuten zu schlecht (oder zu gut) diri-\ngierte nnd regissierte. Aber nein!\nDeswegen entläszt man ja keinen Re-\ngisseur, sonst ständen unsere Theater\n(fast alle) verwaist nnd nnsr in Aiiinchen\ndas kleine Theater wiirde einen haben\n—- eben Herrn Robert. Rein, nein, er\nwurde aus anderen Gründen gehindert,\nKunstwerke kunstvoll zu verwirklichen.\nTrslens verdiente er nämlich nicht\ngenug: er gab mehr ans, als er bekam.\nZweitens war er gegen einige Damen\nseines Hauses zu freundlich, viel zu\nfreundlich, gegen ihren Willen freundlich.\nUm seine Finanzen und die des The-\naters nun in geordnete Verhältnisse zu\nbringen (nachher hatten beide nichts)\nund um seine sreundlichkeiten auf\ndas polizeilich znläslige Maß zu redn-\nzieren, wurde er von Polizei und Auf«\nsichtsrat entlassen, entfernt nnd dis-\ngualifiziert"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3317, "texte": "Gs ist ia leider vielleicht nötig, das; die\nPolizei dafiir sorgt, dass ein Theater«\ndirektor seinen Angestellten gegenüber\ngleichmässig unfreundlich —- oder jagen\nwir kaltbliitig bleibt. Und ich verstehe,\nwenn ein Aufsichtsrat als erstes von\nihm verlangt, dasz er rechnen lund ver-\ndienen) kann. Zum Regissiereu aber,\nzum Theater-machen ist beides nicht\nnötig. Herr Robert bewies es: er war\nnicht kaltbliitig, er konnte nicht rechnen,\naber regissieren konnte er —- besser als\nder liebe Gott. (Der liebe Gott macht\nblos; Ratur, Herr Robert aber: Kunst.\nWoraus das Knriosnm folgert: daß\nz. B. Reinhard dem lieben Gott sehr\nnahe kommt.)\nAlso: Robert war erledigt. Zur Freude\naller Leute, die siir gntes Rechnen nnd\ngntes Betragen sind und zum aufrich-\ntigen Schmerz all derer, die mehr fiir\ngntes Theater sind. Da hörte man\nplötzlich ganz heimlich, still und leise:\ndas Herr Gugen Robert die Direktion\ndes Berliner Residenztheaters iiberss\nnähme und es war berechtigte Hoffnung\nvorhanden, das; die Berliner Polizei\netwas uetter als die Münchener wäre,\ndasz er (auf deutsch) die Kouzession nnd\ndas; Berlin ein Theater bekäme. Was\nes, weis; Gott, gebrauchen Guntel\nJeder, der fiir’s Theater ist, hielt er-\nfreut den Atem an, niemand war\neigentlich dagegen ldenn Herr Robert\nkönnte fa vielleicht inzwischen, sozusagen\nauch ein biszchen Rechnen gelernt haben,\ner könnte vielleicht ankh (Gott behiitel)\nein wenig älter, ein wenig kälter,\ndurch Gottes grosse Gnade, geworden\nfein), niemand war also sehr dagegen.\nBis auf einen. Bis auf einen Mann,\ndem alles, aber alles am guten Rech-\nnen nnd am reinen Lebenswandel,\nden! (Icheiubar) nichts, aber gar nichts\nan einem guten Theater gelegen ist.\nDiejer Mann heifzt Siegfried Jakob-\nIohn. Er äufzert fich wie folgt in der\n»Schaubiihne« vom 4. Mai: »Auch ich\nproteftiere vorläufig nicht. Ich habe\neinfach Vertrauen zu Herrn von\nGlajenapix Der hat die kiinftlerijchg\nmoralifche und finanzielle Znverläfjig-\nkeit des Konzeffionsbewerbers zu prüfen.\nDer wird fich alfo in der Vergangen-\nheit des Herrn Robert nmtun, wird\nfeine eigene Wiffenjchaft nnd den\nAktenbefnnd des Berliner Polizeipräis\niidiums mit Hilfe der Befilzer des The-\naters in der Käniggrälzer StraHe, der\nGenoifenfchaft Dentfcher Biihnenanges\nhäriger nnd des Auffichtsrats der\nMiinchener Kammerfpiele ergänzen nnd\nwird zu dem Ergebnis kommen, das;\nes nicht wiinfchenswert ift, in fo kurzer\nZeit einen dsritten Betrieb der ruchlofen\nArt nnfer miihfam gereiuigtes Theater-\nwefen wieder vernureinigen zu laffen s—\nden gewiffen Betrieb, der durch die\nBegriffe: Weiberwirtfchafh Schan-\nfpielerbeteilignng und 0ffenbarungseid\ngekennzeichnet wird. Aicht jeder\nBanlcrotteur hat, wie der willens«\ndnrftigie Begründer des Komödiens\nhaufes, eine Bibliothek, die ,,einen\ngroßen Liebhaberwert repräsentiert,\nnnd durch deren Berwertnng eine recht\nhiibfche Summe fiir die Gläubiger er-\nzielt werden kanns«\nDas ift fchän, nicht wahr? So, denkt\nman, foll ein Kritiker denken nnd\nfchreiben. So und nicht anders!\nMan könnte sich einen Unbeteiligteu,\neinen Bürger, einen Theaterbefncher\ntdreimal im Jahre) könnte man Iich\ndenken, der fich dächte: ,,Anftäudig\nbenommen hat lich der Mann (ich rede\nvon Robert) hat lich der Mann zwar\nnicht; aber er kann vielleicht was.\nEr oerfteht vielleicht feine Sache?\nBerfnchen wir es einmal nnd paffen"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1691, "texte": "wir etwas aufs« - so, könnte man\ndenken, denkt oielleicht mancher\nBürger. 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Die Polizei, fagt er,\nmusz hier entjcheidem Und nitht nur\nin ichmntziger Wäsche räunit er ihr die\nKompetenz ein, die er in dem Maske\nwohl doch noch nicht hat, anch die\n,,lciinftlerifche Znoerläffiglceik des\nHerrn Robert legt er oertraueusvoll\ndem Urteil Glafenapps zu sähen.\nJacobfohns Wnfe hnldigt der Polizei.\nArm in Arm mit Glafenapp —- hat er\nmal wieder einen Sieg erfochteu.\nWenn einer als Theaterlcritilcer infolge\nmaugelnder Begabung (falfche) Ziele\nfalfch verteidigt, fo ift das traurig —\naber ehreuwert, folauge er’s begeiftert\ntut. Wenn aber einer deuunziert, fo\nif! das nicht mehr, nie mehr ehrenwert\nUnd wenn er es noch Io begeiftert tut.\nMotiv: »Es ift fchade um.deu i\nMeuichenK\n\nH. 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Aber Herr öarobsohn\nist kein Biirger. Herr Zacobsohn\nist Theaterkritikeu Erschwerender\nUmstand: in Berlin.) Ziir ihn kommt\nein Theaterleitey der nicht der doppel-\nten Buchführung mächtig ist, der nicht\nauch Shrenwitglied eines Keuschheitss\nbnndes ist — ein solcher Theaterleiter\nkommt siir ihn überhaupt nicht in Be-\ntracht. Das wäre ja noch schöner!\nDa könnte ia jeder kommen! Da käme\nes ia schlieszlich blos; auf die Begabung\nan. Aus die kiinstlerischen Fähigkeiten,\nsozusagen.\nSoll sich ein Kritiker an so was halten?\nHerr öacobsohn hält sich an greifbare\nDinge: an das Liebesleben nnd an die\nBilanz.\nUnd da ihm nun der liebe Gott in\nseiner nnersorschlichen Weisheit das\nAmt eines Kritikers gegeben, so weiss\nHerr Jacobsohn auch gleich, was er\nzu tun hat. Er weisz genau, mit\nwelchen Waffen ein Kritilcer zu kämp-\nfen hat. Er ruft (indem er ruft:\n»Ich rufe nicht, i wo —- i ch rufe nichts)\nruft er die Polizei. Die Polizei, fagt er,\nmusz hier entjcheidem Und nitht nur\nin ichmntziger Wäsche räunit er ihr die\nKompetenz ein, die er in dem Maske\nwohl doch noch nicht hat, anch die\n,,lciinftlerifche Znoerläffiglceik des\nHerrn Robert legt er oertraueusvoll\ndem Urteil Glafenapps zu sähen.\nJacobfohns Wnfe hnldigt der Polizei.\nArm in Arm mit Glafenapp —- hat er\nmal wieder einen Sieg erfochteu.\nWenn einer als Theaterlcritilcer infolge\nmaugelnder Begabung (falfche) Ziele\nfalfch verteidigt, fo ift das traurig —\naber ehreuwert, folauge er’s begeiftert\ntut. Wenn aber einer deuunziert, fo\nif! das nicht mehr, nie mehr ehrenwert\nUnd wenn er es noch Io begeiftert tut.\nMotiv: »Es ift fchade um.deu i\nMeuichenK\n\nH. Siemsen"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.1", "texte": "Zeit-Echo\n. · 1 ( ·-»— - » z. « -\n«« ·.«- s I « « --z.-:.» «« » « « - —\n««\"—’c—.s«\". — »\ns» »«- : » — « · .,\nEr, ·» \" « . .\n-\"—;.’.s · .\n\" . . »« - s s « »« .\n« F— . \" ·. . «. «.\n« . - «« . e· )\n. -x «, « ». «\n«» ·· »» ·; · sz ·» - -,« , · · · « w, . — » ’· » « H «« . · v ····3 ·. k- » . v« v; - «s1’,»·—«. ·,-· ' -·, »F· «· ·; .:·- J» »· «· s s .·.-·- J; . \"\" « · J.-.·:.-.-,Y«;\"·\n- ·. .· «» .»«- ..··· -·· «· · », · . ·»-· . » . .· «, ·, · » .· .·.·»·«· »» · »« »» ·,-»\n.—-- Es« «« . « . ,-·-·- -.-«-gs·«.;««.--— \" - « « s .-«’:·· « . - « Eis« -\". - » H« »« END« s; «« HEXE. «» \" g« ’ T ’ JTTFJLEYTT\n» — «. « ·\" .««-, or. .-.-»-: . - - «« » -.»,-.-«. » - »-- » »; «. «« — . ’ F« », »Dir— -..«--.-; —-s - »« \" . « u ·- .«.·.Y«s« « J\n« s ».- « — »» · » ·. · · ·. ·· »« . v ·· ·- » «« s.« ·-«« » ·««« s «« »« U. -» ··\n.·. · s, «» «, ». «« ·« - · se. ·- «· —.·,-·- . . - « —\"« - » ,· · « . - -- s · . \"-.·.. »« « «« »· « ». «-«·’s - », J» · «« VI. .\n· » .- · . » . . · » »· · · » . ·· · « ». », ,. «; « . ·, ·,..· · ·.«·.;,, z. «. · . ·. »« ····»·.»·· «·\n- - « -s s«.-»« · »— - «» s · . - « i. - — , »· — » . . . - s z« END— - ; w» «·-:» . , . —.— »s »--.s- ·»\n» ·· « . «» s - . k I · - « - . « » · .' » ’—.-«T,«s'\" « «, ««- .\" »? . . »« » »«·«.·.»«ki.·ks- ..’\n· ·· »· · -» it· · ». « v « ·k »· - v ·« · · ·. ..- ·. · .·«.’·v«». . . -.,··«· · · s·- s «» «» .s-·.\" · ,·»«»·—:·.;«,. ·«\n« · - . . . .« . « - , - « -:-· « « - . - s— » — is» J!\n« · » «, · . ·. « · · » v ·. . · · » » ,· ·» v . » «· « · · r· « · v · , Z« «» ,..»·».·«··..···.···« .·,,\n. » .— s. -\" -. J « OF; »» s · , .». Es· » , - « «» D »: \"!-«-.2s«-»rk.?-:-,,-\"-«\n. « « U« r· « » , . · · v - .e . 's« «, -· · « . . « ««- « . -« ». »A-\n.. . «« , «— · « z« . »— .. -· .. -. \" . » - » · . ».-v».vs;-». , . H» 47 ». ». s« »O L; · «; »FY;..»\"7;-ci·3x.-sr\"\n« » ·« «.\" « «« \" IN? «« .- «» s « T-\". »( T— » .· - « - « « « — «« -\"-F·-«« - «« «. -\".2··.—.:1 I «« ·« «. .««·,I-·T- Ycsx «« . «« .\".-.-«,\". sptckk\n— :«.-- . .- · .-. — «« s : . « »— . « » --: - -s « — ·-«g« «« --«-«-.- -- · Dem: AS« x »» . .- »· Es— Wie» «;-FH».«\"H-)I«.\n· . s « «» · --: .- ; »« « —\"-»-,\" « . P» « « , , » - « «« «« · «. (- «\"»i.\".—-- « « D; XJPJI «· Hi« II XI- spzs ». -;.««\"-\" U? ;s»-.-,d,-’»,\"« Es;\n. » « · - . ·. ·- «— « «» . .- — « · - . ·« - .« «« . « . «» »» - » »· «— .--.--·-;: «« .\n- »· · · - · ·« «· , «« · «» » . ,»-., «Js »»—««--.· . »» z· - · «· s. J— » s -kv«-.·-»s .—» ».—«». ». », , «. »! s» J· ·«- -»:·.\n» » . » . »» . » ·. . . .- » . -. «« · » » - - z«\n- - . - . - s. s« - s . - ». . . --««.-;z·..234s-s««2-s.s\n« « «; «·«.««-«-»x-« V« -««- »« - \" « \"«-\"\"««.7«-\"·«»-.«-.\"J.- - ,«j««·. · . I« . I: »F:- - —..- « sz « J« \" »Es« «« .—\"-··« ’\" « ·« »— .-O««s-«s »,«««««-«.;«-« III-«-\n. · « ··- · . ···· s· » · — . ·— THE· spjkksz - - · . . · ·· v· »· ··«·«· ·- . . . ···..« -»»»» · · «» »··- · « —. »· »« As·\ni» . — --—..- -« «» . ·, - - » s« -»-·.»- .- - - . — - ». -. - . . .. «» .s - « «» ·»,8-— - , :.· » Dis. ..-«-.«»-»s ,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "couv. 2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.2", "texte": "EE\nSonderausgabe Nr.\n\nSnhalt:\nLaurent Tailhade - sotuetzszzauade\nRudolf Gkofkmann x Orkginaksteindrnklc\nMax Brod X Die drei Hauptjtrömnugen . . e. .\nSrnejko de Rock, z. Z. im Felde - Origiuaksteindrukic\nMax Herrmamy Reihe - Trofctied —\nRudolf Levuhatd J Kampagne in Frankreich\nWilhelm Wagner X Originaksteiudruclc »\nGlossen und Kritilsety\nEknzelheft Mk. 1.—--— Bierteljährlikh (6 Hefte) Mk. 6.-——-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "193", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.3", "texte": "Seines-Bellabe\n\nZum IS. Geburtstag Henrickc Ihm-s.\nseines: Einen Turm! Was ineinfi dn damit?\nHiide Mangel: Jch denke an etwas das empor-\nIieigt Das ganz frei in die Lüfte etnporkteigt\nIn der Kloalce, zwilchen den trieleudeu Griiferm\nAufgeduuleu von Hochmut, unter den Pflanzen,\nWiilzt lich der Drache, giftig und gläleru.\nDie Tiefe hat iippige Orte zum Tanzen:\nKalerue, Kafrhemme, Baraclce, spitall\nTrgötzt euch, Verhungern, Spinnen und Wanzen,\nWarten, Berluugerte, lange aufs Wahl!\nUnd doch! Bliclct empor: in die ltiruige Welt\nBlanmittags ein Turm! Tr lteigt wie ein Held.\nAus Klarheit. steil iiber Fluten und seid.\nTiu zartes Prinzelkchem den Trolt auf den Lippen,\nAimmt wuude Haluulceu, ans Lumpen und Rippen,\nBehutlam und gut, aus den lceifeudeu stimmen,\nDie zitternd verltummeu, lehr lauft bei der Hand.\nOh, lalzt vor dem Zriihling das Herzensergrimmen\nUnd legt euch dem himmlifcheu Kinde zu süßen:\nZhr lagert bereits im verlciindeten Land!\nTin lauer, ballamilcher Hauch wird euch grüßen.\nDer slieder verliebt lich, wie ftauut der Holluuder,\nDas; souue und Wind einen Turm holder Wunder\nAus Gliilern umgolden. Aus Klarheitl Tr ltellt\nseine steilheit wie strahlen ins Fluten und Feld."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.4", "texte": "Sldorado, Zlcarien, Satans,\nDieie iatnrniiche Schwerlnft der Liigen\nFliehen wir! Fort mit dem rächenden Brand!\nZort mit den: Krieg! Diesen Alordbrennerziigem\nschenkt unierm Winde die Segel; Tane zerhaklct\nFerne, wie damals um roliges Tagen,\nLenchtel der Waldapennin übergoldet nnd nackt.\nDort wird der Tempel der Kiinftigen ragen:\nschreckliche Priester, Beioldeim Könige, Henker,\nUnieres Wellhermelines Befleckey\nKlebrige Hände: Der Blihe verächtliche Lenker,\nLecker nnd schmecken Roheitsvollflreclcey\nHier it! der Turm! Unter Ichleimigen Kerlen,\nKlar iiber Blumen nnd wogenden Perlen.\nMidian-is.\nSrikheiue uns, Tag der Göttin tnil herrlichem Blick,\nSkharlachrotz wie vor Salamis goldnen: Geichitln\nAus Herzen in Aiarichreihen lclopfks unter Lappen:\nZlanunenhegeiklerte Freiheit, auf wieherndeu Rappen,\nVollbringe das Werk! Zeriritt das Gewiirtnl\nKlarl Und wärs iiber uns: fteil ein Gräbergeliirnn\n\nLanreut Tailhadg\nDeutsch von Theodor Pächter"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.6", "texte": "Die drei Hauptitrömungen der zeitgenössischen Literatur\nErste Rede eines Zgklus skizziert\n\nMeine Damen nnd Herren. —- Literatur wird von mäßigen Menschen vom\nStandpunkt der Unte r haltn u g, von Besrhäftigteu oft im Sinne der\nB i l d u n g geschätzt. Die Miiszigen wollen sich von ihr angenehm beschäftigen lassen,\nund die Beschäftigten möchten in ihrem Bezirk eine doch nicht ganz zwecklose, fiir\nspätere, noch uuklare Verhältnisse vielleicht sogar förderliche Musze genießen. Das\njunge Mädchen, das zwischen Lyzeum nnd Verlobung nichts zu tun hat, ——— der miidess\ngehetzte Kaufmann, der halbtot mit seinem Noman wie mit einem Schlaftrunk\nins Bett steigt, -—— iiber diese nnd ähnliche Typen kein Wort mehrl\nKunst erscheint mir nicht als Natur, gesehen durch ein Temperament, wie\nZola angab, —— sondern als Natur, umgesormt durch einen Willen.\nNicht Bildung, sondern Umbildnng der Welt nnd unser selbst; -— mit einem\ngeringeren Ziele als diesem wiirde ich Ihre und meine Zeit zu verschwenden\nglauben.\nPolitik also? —- Nein, denn der Dichter nnd der Politiker unterscheiden sich\nin allem, nur in dem einen nicht: im Willen, die Welt umzuformen. Alles andere\naber, Material, Methode, Technik, Anlage trennt die beiden im Willen Briiders\nlikhen um einen Himmel. Um den Himmel eben, den der Dichter in seinem weichen\nbiegsamen Material autizipieren darf, indes der echte Politiker mit Paragraphen\nnnd soziologischen Sxperimenten am hartbeschuppten starren Leib der Wirklichkeit\nmiihsam sich abarbeitet. —- Dennoch haben beide, Dichter wie Politiker, in ihren\nhöchsten Augenblicken dasselbe Bild vor sich, nur ihre Wege sind verschiedene,\nwenn auch dieselbe Sehnsucht auf beiden dahinrast.\nDer Dichter wie der wahrhafte Politiker sind nur aus ihrem Ethos zu\nverstehen, das sie vorantreibt, so wie sie es ihrerseits zu weiterer Entwicklung\ntreiben. Ich habe meinen Kurs auf die Besprekhung der zeitgeuössiskhen Dichter\neingeschränkt. Denn nur von ihnen können wir Rechenschaft verlangen in dem-\nselben Masze, in dem wir uns selbst vor ein innerstes Gericht ziehen und uns aller\nGreueh die wir heute erdulden, anklagen und schuldig befinden. Nicht in ihrer\nKunst, in der sie möglicherweise iiberragende Fertigkeiten entwickeln, fiihleu wir\nuns unsern heutigen Dichtern verwandt; wohl aber lagern wir mit dumpfem\nGefiihl ihren Neligionen an, dringen da im Kern in ihre Seelen, so wie wir auch\nwieder von ihnen durchdrungen, dusrkhwachsem durrhwurzelt werden. — Mit-\nschuldige aller Missetaten nenne ich uns alle, und die mindeste Folgerung daraus\nist es eben, das; wir auch Sachverständige alle-r Berirruugen heiszen können."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.7", "texte": "So sehe ich drei Religionen oder Dreierlei Ethos unsere Zeit beherrschen:\nHeideutum, Christentum, Indentum.\nRicht Rassen, Völker oder Rituale meine ich mit diesen Worten. Sondern\ndrei typische Geisteshaltungen der Menschheit, die anderswo,\nin Tibet oder auf dem nächsten bewohnten Stern, andere Ramen tragen müssen\nnnd an andere Träger geknüpft sind, —- nakh dem Stande unserer historischeu\nErfahrung jedoch mit Recht diese drei Vezeichnungem charakterisiert nach ihren\nbedeutendsten Vertretern, führen.\nDrei ethische Ideale? Es ist doch nur eines möglich. Das Absolute\nals Ziel allen Daseins. -—— Richtig, aber das Ethos gibt nicht nur den Eudpunkt,\nsondern bestimmt auch den Weg und unterwegs den Rang der materiellen Welt,\nder natura natur-atra, es mulz ferner den Einzelnen, das Individuum,in die Weg-\nrichtung einstellen. Dadurch, dass sie also der materiellen Ratur nnd der Einzel-\nleele ganz verschiedene Rollen auf dem Wege zu Gott zuweilen, unterscheiden\nsich ·die drei Religionen unserer Zeit.\nD as Heid entn m heiligt, das heilzt billigt die materielle Welt voll«\nkommen und unumschränkt. Die heutigen Heiden haben zwar zumeift das\nEhristentnm beibehalten, ihre Terniinologie aber verrät schon (oft mit archai-\nsierender Rebeutendenz), dalz sie aus den nngetanfteu Zustand ihrer Rationen\nZurückgreifen. Arier, Germanen, Gallier, Gaulois, Helleuentum, der Autichrist\nRietzsche nnd (mit Einschränkungen) der Olympier Goethe, der Egoist Steudhal\nnnd Stiruer, der Einzige, die Adelsmenschen Ibsens (Rosmersholm), jede Philo-\nsophie, welche die Ordnung des Diesleits ohne Eingriffsversuch anerkennt,\nPhysiokratie und Aiauchestertum, die liberale Devise vom Laissez fah-e, der\northodoxe Aiarxismus mit seiner ,,notwendigen« Evolution, die antike Polis\nnnd der ,,alte PreusZengeistC Aiouismus, biologische V:etrachtungsweise, Treitschkes\nStaatsgedanke und die Aubetuug des ,,Historisch-Gewordeuen« — das alles sind\nebensoviele Entfaltungssormeu desselben heidnischeu Ideals, welches auf dem Wege\nder natürlichen, uugebrochenen Fortentwicklung der sichtbaren Welt die Verwirk-\nlichung einer absoluten Gotteswelt anstrebt. Alle hier und jetzt sich durkhsetzenden\nTriebe und Kräfte werden heiliggesprochem Der Riachttrieb des Einzelnen\nwie der kollektive Aiachttrieb des Staates. Und nur wo der üppig aufwukherude\nTrieb des Schädigens die andern Lebenstriebe zu ersticken droht, wi-rd im Inter-\nesse anderer Lebenskräste und gesunden Wachstums gewaltsam und änlzerlich\ndas Vöse zurückgedrängt. Eine innerlich grundverschiedene Ordnung der sicht-\nbaren Welt jedokh wird nicht angestrebt. Rikht etwa so ist das zu verstehen, dass\nüber die sichtbare Welt hinaus keine zweite bessere unsichtbare gebildet wird.\nAuch das Hseidentum hat Götter und Ideale, aber sie sind nach dem Abbild des\nIrdischen geformt. Vielleicht begreift sich hieraus das strenge Vibelverbvtt\nDu sollst disr kein Abbild irdischer Dinge machen, um mich, Gott, darunter vor-\nftellen zu wollen. —- Die Tugend des Heidentums ist Herrenmoral, kriegerischer\nSinn, Arislokratismus, Gesundheit, Kraft, Wagemut, Tüchtigkeit, seine Gemein-\nschaft ist auf Herrschen nnd Dienen, übers-« und Unterordnung gegründet, das\nIdeal der Gemeinschaft wird in der Gefolgschaft, das Ideal des Einzelnen im\n,,Helden« oder auch auch im schrullenhafteu ,,Eigeubrödler« gefunden."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.8", "texte": "Das Christentum, unter dem hier nicht so sehr die Evangelien, als\ndie spätere pauliniskhe, patristisrhe, europäische Entwicklung begriffen ist, sucht sein\nIdeal auf dem Wege der vollständigen Verueinuug aller natürlichen Triebe, bildet\nalso die äuszerste Aegatiou des Heidentums. Die Triebe sind ,,sündhaft«, sind der\n,,alte Adam«, der ausgezogen werden muss, sind die ,,Erbsüude«, die nach einer kirch-\nlichen Autorität wie Vellarmin im Verluste unserer übernatürlichen, dasz heiszt, also\ngeistig-freien A« tnr besteht (ex sola tloni supeknnturalis oh Atlas peocatum\namjssionex ,,Der Leim, ans dem wir gebildet worden, ist verdammliklyß er-\nklärt Luther, und Calvin drückt es am schärfsten ans: Ex oonsuptn hominjs natura.\nnihjl uisi clamnabile pracht-e. —— Das Erreichen einer höheren Welt ist daher\nnach übereinstimmender christlicher Ansicht nur durch ein Wunder möglich (Gnaden-\nwohl» gratia praevenjenss wobei der Streit zwilchen den Protestanten und\nder mildesten katholischen, etwa von Aioehler formulierten Ansicht nur darin\nbesteht, ob die guten Werke, der Glaube und die Liebe skiues formats) neben\ndem Verdienst Christi ganz unnütk, ja schädlich, oder demutsvolle Nebensache sind.\nDas Konzil von Crient hat ausdrücklich die Rechtfertigung als eine ,,unver-\ndiente« (gratis) festgelegt. ,,Gratis unten! justikioari icleo tlioamutz quiu\nnihil got-um, quae justificationem praedeuntz sive iides, sive Opera,\nijpsam justikicationis gratinm Frone-return« —- So hat das Christen«\ntum die radikalste Scheidung der sinulicheu von der übersinnlirhen Welt\nvollzogem Keine Vrücke führt hinüber, nur der Opfertod Christi, durch den der\nAiensrh als durch ein Wunder Erlösung empfängt. Der Schauplatz dieses Wunders\nist die Seele des Einzelnen, das Individuum wird hiedurch zum Hebel des Welt-\nalls eingesetzt. Die Gemeinschaft erscheint ins Spirituelle gerückt, eine Kirche\nder Geister nnd nicht der Leiber. Eine andere Organisation als diese, andere\nHeilmittel als diese werden für gleichgültig, ja irreal gehalten. Die Vernünftigs\nkeit als Instrument jeder solchen Organisation von Mensch zu Aienskh verliert\nneben dem alleinherrscheudeu Gefühl jeden Wert. ,,Sorget nicht für den morgigen\nCag«. »Mein Reich ist nicht von dieser Wett«. — Das isolieirte Individuum,\nder »Aiönch« und der -,Heilige« sind Cgpen dieses Ethos.\nEs kann hier nur ganz oberflächlich angedeutet werden sich führe alle\ndiese Dinge an anderer Stelle aus), inwiefern es fü-r das I ndentnm charak-\nteristisch ist, allem Aiateiriellen einen geistigen Sinn zuznerkenneu und mit dem\nGeiste zu durchdringen. Während das Christentum in der Anslöschung, Ver-\nuichtung, Verueiunng der sichtbaren Welt den Weg zum Geist sucht, will nnd musz\ndas Iudentnm durch diese sichtbare Welt mitten hindurch, um sie zu heiligen. Die\nsichtbare Welt ist als Vasis der geistigen (und nur als diese) wichtig, weshalb\nauch alle materiellen Verhältnisse sorgfältig beachtet, durrhdakht und durchfühlt\nwerden sollen. Niemals wird von ihnen einfach abgesehen. Diese Erleichterung\nerscheint hie-r unsittlich. Zur Vsezwingnng der schweren Ausgabe bedarf der Aieusch\naller Kräfte, des Gefühls, aber auch der Vernunft, die nie aus-\ngeschaltet, sondern in Syuthese mit dem übersrhweuglichsten innigsten Gottesgefühl\ngebracht wird, am groszartigsten im Riesenwerk des Calmud mit seiner undurch-\ndriuglichen Verflerhtuug von Halacha (Geselz) und Hagada sgefühlsmäszige Poesies —-\nUberhaupt ist natürlich nicht das heutige Iudentnm der Iudeu, das smit nicht"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.9", "texte": "unerheblichen Ausnahmen) eine Karikatur oder gar Aegation des Zndeutnms dar-\nstellt, sondern das Ethos des sAlten Testaments nnd des Talmud mit seiner\nunermeßlichen Aebenliteratur unter meinem Terminus begriffen. —- Dieses reine\nJudeutum verweist den Menschen auf das Diesseits als feinen Arbeitsplatz zur\nBegründung des wahrhafteu Gottesreiches Doch diese Arbeit ist weder gerad-\nlinige Fortsetzung der natürlichen Triebe wie im Heideutnm, noch christliche Zuver-\ntieruug der Triebe, sondern etwas ganz anderes, Neues, Drittes, —-— es ist die\nans der sittlichen Z reih eit des Menschen entspriugeude T at, welche sogar\nGottes Allmacht restringiert; denn ,,alles liegt in der Hand Gottes,\nnur nicht die GottesfnrchtC Diese Arbeit geschieht zwar vom Ein-\nzelnen, aber nicht nnr im Einzelnen, sondern vornehmlich in der naturgegebeneu\nund zu heiligenden Gemeinschaft. Das Gebet gehört nicht ins Kämmerleim\nsondern nach tiefsinniger iiidischer Vorschrift bedarf es der Vereinigung mehrerer.\nDen abseits Vetenden tötet der legendäre Prophet Elia des Talmud mit den\nWorten: ,,Als gebe es zwei Mächte, betest du du«. Diese menschliche Vereinigung\nist der tiefste Sinn des iiidischen Monotheismns, der, weit entfernt, eine Zahlen-\nspielerei zu sein, wie Lagarde wollte, das Symbol sittlicher Einheit in der realen\nMannigfaltigkeit darbietet. «— Unmittelbar ans ihm wächst das iiidische Ideal\nhervor, der »Prophet«, der zugleich Seher und tätig Eiugreifender, Priester nnd\nPolitiker ist.\nMeine Damen und Herren. —- Aehmeu Sie zur Kenntnis, daß alles bisher\nVorgebrachte ein sehr unvollkommeues Schema war. Richt nnr daß es sehr\nniianreureiche llbergänge zwischen den drei Religionen gibt, daß das Christentum\nsich mit dem Zndeutum in der schrankenloseu Wertschätzung des absoluten Geistes,\nmit dem Heidentnm in der egozentrischen Lagerung berührt, das Jndentum wieder\ndie Anerkennung des Diesseits nnd irdischer Verbände mit dem Heideutnm gemein-\nsam hat: es kommt auch fiir die Erkenntnis eines Dichters vor allem sein\nindividnelles, oft unendlich kompliziertes Ethos in Vetracht, welches nnr sehr\nbeiläufig als Anteilnahme an einer oder mehrerer dieser drei Welten und als\nZusammeusetznug dieser drei Anteile ausgedriickt werden kann. Aber trotz dieses\nVedenkens nnd aller, znm Teile sa auf der Hand liegenden Einwände scheint\nmir meine Art der Vetrakhtung wesentlich, ja fiir unsere Zeit notwendig zu sein,\nnicht etwa ein interessantes Experiment, mit dem ich Sie hier unterhalte, während\nman draußen Kanonen abseuert, sondern eine jener realen Erkenntnisse, deren wir\nbedürfen, heute nnd bis aus Ende der Tage, um, wie ich schon anfangs sagte,\njenseits aller Vildnng umgebildet, nmgelagert, verwandelt, vermeuschlicht zu werden.\n\nMax Brod."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.11", "texte": "Trokllied der bangen Regenuacht\nWax Herrmann, Reihe\nKeine Furcht der Erde\nKann uns bange tun:\nSieh, wie ianft die Pferde\nWang’ an Wange ruhn!\nGanz allein gelaffen\nIn der bittern Nacht,\nWo der Wind die blaffen\nWeiden zittern macht,\nWo ein fiecher Regen\nBös, fehnfiichtig rinnt,\nAn viel fremden Wegen\nBettler fliichtig find,\nRuhn fie Wang’ an Wange,\nWie Srlöfte ruhn,\nKeine Furcht lcann bange\nIhrer Znbrunft tun.\nAlles, was fie leiden,\nschlummert Haupt an Haupt —-\nUnd die blafjen Weiden\nSind wie lenzbelaubt"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.12", "texte": "Kampagne in Frankreich\n\nOb diefer Krieg der Anfang einer neuen Zeit ift, bleibt abzuwarten —- um fo\nmehr, als das grofze Reue, von den Gntgefinnten erkannt und begrüßt, fchon\nvorher nicht nur unterwegs war; das; er das Ende einer alten bedeutet, fchieu\nvon Anfang an gewif«z. Nun, wir wollten nicht jagen können, dafz wir dabei-\ngewefen feien, aber wir drängten uns, dabei zu fein; fchanend, mehr: mithandelnd,\nnoch mehr vielleicht: mitleidend. Diefes gelang; uns ganz, zu handeln gab es\nnicht viel, und aus dem Schauen wurde garnichts, vom Gang der Zeit war\nuns nicht mehr als die Znfitapfen unferes Vordermannes zu fehn gegeben. So\nwollten wir uns, im Lazarett, zum Srleben jener Zeit fiihren laffen, in der\nbegonnen haben mag, was heute zu Sude geht —- oder, das ift dasfelbe, auf\nfeiner letzten Höhe lculminiert Im voraus ergriffen, öffneten wir die ,,Kampague\nin sranlcreirhC\nErft ergriff uns was wie Neid: wie behaglich fcheint damals das Krieg-\nfiihreu gewefen zu fein! saft diinlcte es uns ftilwidrig, wenn in diefen Blättern\nein Toter iiber die Szene getragen wurde «—- akh, auch er nur einem Uugliirlc\nzum Opfer gefallen -———, und uns fchien, man habe damals lauter, einzelner,\nfreundlicher gefchoffem\nAber das fuchten wir ja nicht, fondern das Auf cha un jenes Krieges;\nund wir lajeu begierig Seite um Seite. Da zwang es uns, immer zu einem\nSatze zuriiclczugreifem ,,Diefe Reitermaffen machten zu der angenehmen Land«\nfchajt eine reiche Staffage; man hätte einen vau der Aieulen gewiiufchh um\nfolchen Zug zu verewigen: alles war heiter, munter, voller Zuverfikht und heldeus\nhaft« Rein, diefer war es nicht, wir nahmen ihn noch hin, er bejchwingte uns\nnoch; erft als wir den nächflen getefen, begriffen und immer wieder, immer\nlangfamer gelefen hatten, verflanden wir auch jenes erjten Tücke. Den nächftem\n,,Sinige Dörfer brannten zwar vor uns auf, allein der Rauch tut in einem Kriegs-\nbilde auch nicht äbel.« c\nAber was ift denn das, dieje Worte ——— diefer Ton? Der Krieg als De«\nlroration? Die Kanonade als 0hrenfchmans? Und nun, da wir verjtandem\nauch diejes: eine Reiterfchay geheim, zuverfichtlich angefpannte Aienfchen —-—-\nals Staffage? Jfk d i e s das Anfchaun des Krieges?"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.13", "texte": "Iäh war Mißtranen verheerend in uns aufgeschosseu, nnd wir lasen noch\neinmal —- zägernd, bedenklich, verweileud. Man sage uns nun nicht mehr,\ndaß hier Resignation das Leben meistere: da es nicht zu vermeiden stand, daß\njene Dörfer in stammen ausgingen, werde nur die Giuordnung auch dieses\nSchrecklichen in den Weltsinn versucht. -— Gben das empiirte uns ja; eben die\nResignationz eben das Hinnehmen des Unsinns, weit er dem Sinn irgendwie\nverbunden sei —- aber welchem Sinn? Und wahrhaft? Allzu leicht, im Spiele\nschon, gelingt diese Hinnahmel Gs ift nur ein Schritt von da aus — nicht einmal:\nnur eine andre Wendung, zu ve klangen, daß diese Dörfer brennen, weil\nsich das fiir ein Ksriegsbitd gehöre. Und einen Schritt weiter wäre es, die Pest —\nnicht ans Verzweiflung, nicht ans Gmpörnngz sondern hinnehmend, sondern in\nGeduld, sondern in Zufriedenheit zu loben.\nDaß Goethe mitten im Strudel des seldzuges die Zarbenerscheinnngen\neines Tiimpels studierte, daß er immer, aus Uuannehmlichlceiten und Begegnissem\nzu diesem Phänomeu zuriiclckehrte —- es hatte uns groß gedünkt. Aun aber\nverachteten wir es, da wir es als Mangel an Grleben, nicht als Beherrschtheit\ndes Grlebens erkannten, und als Kälte, nicht als Stauung. O, wir hatten\nauch den verwnndeten Kameraden nicht nur auf die Wunden gesehn, wir hatten\nLandschaften geliebt, wir hatten beim Sturmangriff uns selbst gesammelt und\nkiihlen Mutes beobachtet; aber wir wußten zu unterscheiden, und nie vergaßeu\nwir, was not tat!\nAun sahen wir deutlich, warum uns schon immer ein dumpfer Haß gegen\nihn erfüllte, den man uns als unser aller Urbild und Vollendung angepriefen hatte.\nAie hat er verstanden, sich hinzugeben. Gewiß, er lebte reich in feiner Mitte —\naber um sie höchstens, nie aus ihr heraus. Im steten Wechselspiel mit sehr\nnaher Welt sog er zu gleicher Kraft von iiberall Kräfte; aber letzten Gndes\nblieb es Tausch, nicht Befruchtnugz aber er trug alles — heim, nnd fein Weg\nfiihrte um die bewohnte (uud nur die bewohutes Erde, nicht in den Äther,\nnicht vorwärts, nicht empor. Gr lebte in geruudeter Tätigkeit, er drang nicht;\nmild befeuert, nicht geschnelltz vor lauter Objektivität allzusehr auf sich bedacht.\nIst nicht fast widerwärtig, wie Tasse, als er sich nicht mehr zu halten weiß,\nsich doch noch hält? sanft, dessen Gedicht wir eben vor dem Ausriiclcen zu\nbefragen uns fiir verpflichtet hielten, wie gleichgültig ist er, zu seinen beiden\nSeelen, was ist ihm Gretchen, was ist ihm Helena; wie stehen sie beide iiber\nihm! Ihn brachte ein Irrtum zu den Miittern. Hat dieser je ein Gedicht\nzu Gnde gewagt? sorm ist fiir ihn nicht Ausdruck, nicht die letzte hingegebue\nSpannung, gesammelte Verschleuderung, sondern Mäßignug. Im letzten Augen«-\nblick, ach, noch viel vorher, —- rettet er sich. Gr wair der Gräßte. Gr war"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.14", "texte": "der größte Rnhende, der größte Vollendet, der größte Bleibeude. Er war der\ngrößte Moderant. Er war ein Biirger (nnd wie spricht, während der Kampagne\nin Frankreich, der Biirgersohn mit Psrinzen und Herzögenls\nKleomber deklamierte, als er nach mir dieses Kriegstagebnch gelesen\nhatte, in seinem Bette auf dem Riickeu liegend zur Decke: »Ich bitte Euch,\nwollet Euch mißtrauisch von ihm fern halten! Er fühlte, maßvollen Schrittes\nwandelnd, ein teiluehmeudes Staunen, kein Eranen in den schwarz zerkläfteten\nschlachten der Dämonen. Beredsam wurde seine milde Riihrung vor dem\nGliicke zur Friedlichlceit oerdöster alter Ehepaare im gepflegteu Dorfe (er roch\nden Mist nicht, aber auch nicht die Erde!). Er ging iiber die Felder des Krieges;\nvon anfgerissenen Leichen wandte er sich ab, um nicht zu schaudern, sah die\nBewegungen der Trnppenmassem und alles diinkte ihm interessant. Dann sprach\ner gemessen und freundlich mit dem nun gefesselten Mörder. Er war maßvoll,\nund Zhr nennt ihn groß? Er war sachlich (nnd sachlich befangen), nnd Ihr glaubt,\ndaß er giitig war, oder liebend? Rein, nichts Menschliches war ihm fremd;\naber das Menfchliche war es.«\nDa schwiegen wir. Aber es blieb uns neue Erreguug nnd Schwanken nicht\nerspart. Auch wenigen Eagen lasen wir, wie er zuletzt seine Bsriefe schloß: »Und\nso fortan« — mit machtvoll in die Sterne geschriebenem Wort ——— kam es denn\nans seiner Seele, sprach llrmund durch seine bürgerliche Existenz hindurch in die\nDionen?\nRein, wir hassen ihn. llnd Dir, Kleombey wuuder Kamerad, der Du\nneben mir im Fieber stöhust, Dir gelobe ich, unsern Haß zu bekennen. Nichts\nmehr von Moderantismns. Er war ein Bürger.\n,,librigens« —- sagte Kleomber noch —- ,,ist es wichtig fiir die Naturgeschichte\ndes deutschen Bolkes und der deutschen Eeisligkeih daß es nur eine Eoethephilos\nlogie gibt, keine Schillerphilologem Auch fiir die Erkenntnis Goethes ist es wichtig.\nWas fiir Kerle waren es doch, die an Schiller gerieten, die paar, die sich um\nihn kiimmerten nnd ihn uns fast verleideu konnten, diese »« nnd er schloß\natmend mit einem medizinijchsmilitäriicheu Worte.\n\nRudolf Leouhard"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.16", "texte": "Glossen und Kritiken\n\nIarobsohn ruft nach der Po-\nlizei. —- In Aiiinchen gab es vor ein\npaar Jahren ein kleines Theater, das\nmit unbekannten Kräften unbekannte\nstiicke auf eine Weise anssiihrt-e, das;\nbeide bekannt wurden. Da sah man\nTschechow in einer trostlos langweiligen\nAielankholie; da sah man einen fran-\nzösischselsiissischen Tragödiewslllk von\nArno Holz; da sah man Aestroy\n(sehr nnechtl), aber zum Briillen ko-\nmisch; Qiachmittags n n d Abends\nan einem Tage bin ich hingegangen\nnnd dann noch dreimal); da sah man\nShaw, Strindberg nnd Wedekind in\neiner verrückten, nuvergeszlichen Ala-\nnier; da sah man schmarren von\nBahr nnd Aiolnar; da sah man noch\nviel schwächere Sachen -—— gespielt wie\nsiir die Ewigkeit, fiisr eine Ewigkeit\nvon siinszig Jahren, solange eben\nein Leben dauert. Da sah man eine\n»dramatisierte Aovelle« von Anatol\nstaune, ein blödes Ding —- aber man\nsasz (nnd sah’s) nnd henlte.\nDa hatte man ein Theater, das ein\nTheater war; zum Lachen, zum Weinen\nnnd zum Verliebem\nEin Theater, in dem man Knlissen sah;\nund diese sKnlissen wackelten. Ein\nTheater, kurz, das keine Literatur,\nsondern eine Angelegenheit des täg-\nlichen Lebens war. Abends ging man\nhin wie in ein Kinn, wie in ein Va-\nrietcåe, wie zu einem Rendez vous.\nDieses Theater waren die ,,Ksammer-\nspiele«. Und der Direktor hieb Eugen\nRobert.\nMiinchen hatte dank ihm ein Theater,\nwie ich in Deutschland noch keines\ngesehen habe. Dann wurde er\nabgesetzt, disqnalifizierh entfernt, ent-\nlassen, —- nnd heute ist das kleine The-\nater längst auf dem Aivean angelangt,\nauf dem sich das iibrige Aiiinrhen schon\nseit Jahrzehnten befindet. (,,V3ie sie\nso sanft ruhn !«) Weshalb wurde\nnun wohl dieser Herr Robert ent-\nlassen?\nMan könnte meinen, weil er seinen Be-\nhörden (das waren: die Polizei nnd\nder Aufsichtsrat des Theaterchens)\nman könnte meinen, weil er diesen\nLeuten zu schlecht (oder zu gut) diri-\ngierte nnd regissierte. Aber nein!\nDeswegen entläszt man ja keinen Re-\ngisseur, sonst ständen unsere Theater\n(fast alle) verwaist nnd nnsr in Aiiinchen\ndas kleine Theater wiirde einen haben\n—- eben Herrn Robert. Rein, nein, er\nwurde aus anderen Gründen gehindert,\nKunstwerke kunstvoll zu verwirklichen.\nTrslens verdiente er nämlich nicht\ngenug: er gab mehr ans, als er bekam.\nZweitens war er gegen einige Damen\nseines Hauses zu freundlich, viel zu\nfreundlich, gegen ihren Willen freundlich.\nUm seine Finanzen und die des The-\naters nun in geordnete Verhältnisse zu\nbringen (nachher hatten beide nichts)\nund um seine sreundlichkeiten auf\ndas polizeilich znläslige Maß zu redn-\nzieren, wurde er von Polizei und Auf«\nsichtsrat entlassen, entfernt nnd dis-\ngualifiziert"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.17", "texte": "Gs ist ia leider vielleicht nötig, das; die\nPolizei dafiir sorgt, dass ein Theater«\ndirektor seinen Angestellten gegenüber\ngleichmässig unfreundlich —- oder jagen\nwir kaltbliitig bleibt. Und ich verstehe,\nwenn ein Aufsichtsrat als erstes von\nihm verlangt, dasz er rechnen lund ver-\ndienen) kann. Zum Regissiereu aber,\nzum Theater-machen ist beides nicht\nnötig. Herr Robert bewies es: er war\nnicht kaltbliitig, er konnte nicht rechnen,\naber regissieren konnte er —- besser als\nder liebe Gott. (Der liebe Gott macht\nblos; Ratur, Herr Robert aber: Kunst.\nWoraus das Knriosnm folgert: daß\nz. B. Reinhard dem lieben Gott sehr\nnahe kommt.)\nAlso: Robert war erledigt. Zur Freude\naller Leute, die siir gntes Rechnen nnd\ngntes Betragen sind und zum aufrich-\ntigen Schmerz all derer, die mehr fiir\ngntes Theater sind. Da hörte man\nplötzlich ganz heimlich, still und leise:\ndas Herr Gugen Robert die Direktion\ndes Berliner Residenztheaters iiberss\nnähme und es war berechtigte Hoffnung\nvorhanden, das; die Berliner Polizei\netwas uetter als die Münchener wäre,\ndasz er (auf deutsch) die Kouzession nnd\ndas; Berlin ein Theater bekäme. Was\nes, weis; Gott, gebrauchen Guntel\nJeder, der fiir’s Theater ist, hielt er-\nfreut den Atem an, niemand war\neigentlich dagegen ldenn Herr Robert\nkönnte fa vielleicht inzwischen, sozusagen\nauch ein biszchen Rechnen gelernt haben,\ner könnte vielleicht ankh (Gott behiitel)\nein wenig älter, ein wenig kälter,\ndurch Gottes grosse Gnade, geworden\nfein), niemand war also sehr dagegen.\nBis auf einen. Bis auf einen Mann,\ndem alles, aber alles am guten Rech-\nnen nnd am reinen Lebenswandel,\nden! (Icheiubar) nichts, aber gar nichts\nan einem guten Theater gelegen ist.\nDiejer Mann heifzt Siegfried Jakob-\nIohn. Er äufzert fich wie folgt in der\n»Schaubiihne« vom 4. Mai: »Auch ich\nproteftiere vorläufig nicht. Ich habe\neinfach Vertrauen zu Herrn von\nGlajenapix Der hat die kiinftlerijchg\nmoralifche und finanzielle Znverläfjig-\nkeit des Konzeffionsbewerbers zu prüfen.\nDer wird fich alfo in der Vergangen-\nheit des Herrn Robert nmtun, wird\nfeine eigene Wiffenjchaft nnd den\nAktenbefnnd des Berliner Polizeipräis\niidiums mit Hilfe der Befilzer des The-\naters in der Käniggrälzer StraHe, der\nGenoifenfchaft Dentfcher Biihnenanges\nhäriger nnd des Auffichtsrats der\nMiinchener Kammerfpiele ergänzen nnd\nwird zu dem Ergebnis kommen, das;\nes nicht wiinfchenswert ift, in fo kurzer\nZeit einen dsritten Betrieb der ruchlofen\nArt nnfer miihfam gereiuigtes Theater-\nwefen wieder vernureinigen zu laffen s—\nden gewiffen Betrieb, der durch die\nBegriffe: Weiberwirtfchafh Schan-\nfpielerbeteilignng und 0ffenbarungseid\ngekennzeichnet wird. Aicht jeder\nBanlcrotteur hat, wie der willens«\ndnrftigie Begründer des Komödiens\nhaufes, eine Bibliothek, die ,,einen\ngroßen Liebhaberwert repräsentiert,\nnnd durch deren Berwertnng eine recht\nhiibfche Summe fiir die Gläubiger er-\nzielt werden kanns«\nDas ift fchän, nicht wahr? So, denkt\nman, foll ein Kritiker denken nnd\nfchreiben. So und nicht anders!\nMan könnte sich einen Unbeteiligteu,\neinen Bürger, einen Theaterbefncher\ntdreimal im Jahre) könnte man Iich\ndenken, der fich dächte: ,,Anftäudig\nbenommen hat lich der Mann (ich rede\nvon Robert) hat lich der Mann zwar\nnicht; aber er kann vielleicht was.\nEr oerfteht vielleicht feine Sache?\nBerfnchen wir es einmal nnd paffen"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191610-01.1.18", "texte": "wir etwas aufs« - so, könnte man\ndenken, denkt oielleicht mancher\nBürger. Aber Herr öarobsohn\nist kein Biirger. Herr Zacobsohn\nist Theaterkritikeu Erschwerender\nUmstand: in Berlin.) Ziir ihn kommt\nein Theaterleitey der nicht der doppel-\nten Buchführung mächtig ist, der nicht\nauch Shrenwitglied eines Keuschheitss\nbnndes ist — ein solcher Theaterleiter\nkommt siir ihn überhaupt nicht in Be-\ntracht. Das wäre ja noch schöner!\nDa könnte ia jeder kommen! Da käme\nes ia schlieszlich blos; auf die Begabung\nan. Aus die kiinstlerischen Fähigkeiten,\nsozusagen.\nSoll sich ein Kritiker an so was halten?\nHerr öacobsohn hält sich an greifbare\nDinge: an das Liebesleben nnd an die\nBilanz.\nUnd da ihm nun der liebe Gott in\nseiner nnersorschlichen Weisheit das\nAmt eines Kritikers gegeben, so weiss\nHerr Jacobsohn auch gleich, was er\nzu tun hat. Er weisz genau, mit\nwelchen Waffen ein Kritilcer zu kämp-\nfen hat. Er ruft (indem er ruft:\n»Ich rufe nicht, i wo —- i ch rufe nichts)\nruft er die Polizei. Die Polizei, fagt er,\nmusz hier entjcheidem Und nitht nur\nin ichmntziger Wäsche räunit er ihr die\nKompetenz ein, die er in dem Maske\nwohl doch noch nicht hat, anch die\n,,lciinftlerifche Znoerläffiglceik des\nHerrn Robert legt er oertraueusvoll\ndem Urteil Glafenapps zu sähen.\nJacobfohns Wnfe hnldigt der Polizei.\nArm in Arm mit Glafenapp —- hat er\nmal wieder einen Sieg erfochteu.\nWenn einer als Theaterlcritilcer infolge\nmaugelnder Begabung (falfche) Ziele\nfalfch verteidigt, fo ift das traurig —\naber ehreuwert, folauge er’s begeiftert\ntut. Wenn aber einer deuunziert, fo\nif! das nicht mehr, nie mehr ehrenwert\nUnd wenn er es noch Io begeiftert tut.\nMotiv: »Es ift fchade um.deu i\nMeuichenK\n\nH. Siemsen\n\n\" Herausgeber: Otto Haas-Hege, Berlin, Wilhelmltrafze 69\nBerantwortlicher Schriftleiten Haus Siemjery Berlin, Ansbacher Straße 31\nr Ziir unverlangte Sinlendungen keine Gewähr\nön Olterreich für die Redaktion verantwortlich Hugo Heller, Wien, l, Bauernmarkt Z"}]}