{"numero_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_sha256": "09f15d0a11eac2d0ae08b3d0789a4db9fa63828d87aeccbc0b67b10bf680c600", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1917/05_01/bmtnabb_1917-05_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1917/05_01/bmtnabb_1917-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c002", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.2", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.1", "debut_caractere": 528, "fin_caractere_exclue": 665, "texte": "INHALT:\nORGAN / NEUER INHALT\nEUROPÄISCHE GESELLSCHAFT\nMITMENSCH\nMENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\nHANS RICHTER: SCHWARZWEISSES VOLKSBLATT"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c003", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "2", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.3", "titre_corps": "ORGAN", "titre_sommaire": "ORGAN", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2365, "texte": "ORGAN\nEine Zeitschrift hat heute gar keinen lebendigen Sinn. Sie ist ein\nKonversationsmittel geworden, wie es vor hundert Jahren das Lexikon war.\nZeitvertreib mit Betrachtung.\nAber Geschriebenes, Gezeichnetes, Gedrucktes hat nur noch Wert, wenn\nseine Formulierung äußerste Notwendigkeit ist; wenn es so notwendig ist,\ndaß es aufreizend wirkt durch den Mut zum Schlagwort; wenn seinem Ur-\nheber die Hingabe so wichtig ist, daß er auch vor der Einfachheit der Platitüde\nnicht zurückschreckt. Also das Gegenteil von Bibliophilie.\nEine Zeitschrift hat auch im besten Fall noch das Unglück, leicht\nbibliophilen Charakter zu tragen, immer noch nicht unmittelbar zu sein.\nDies eingestanden.\nAber gerade der Inhalt, der Wert, das Geistige, das Wort, das die\nMenschen vor die Entscheidung zur Unbedingtheit stellt, muß auf die\nunmittelbarste, direkteste Art unter die Menschen gebracht werden. Das\nIdeal ist: das Flugblatt, der bibliothekarisch ganz wertlose Wisch, der ein-\nfache bedruckte Fetzen Papier, den man in die Tasche stopft. Oder man\nwirft ihn weg, und nur darauf kommt es an, daß man ihn nie wieder ver-\ngessen kann, wenn man einen Blick auf ihn warf: so tief hat er getroffen.\nEine Zeitschrift wird oft ein Organ genannt. Aber die einzige, die\nallereinzige Existenzberechtigung, die eine Zeitschrift heute noch haben\nkann, ist, daß sie ein Organ ist. Ein wirkliches Organ, unsymbolisch gemeint.\nEin Organ wie Kopf, Augen, Mund, Arme, Beine des Menschen, eine Fort-\nsetzung und Erweiterung der menschlichen Glieder bis zur lebendigen\nBerührung des andern Menschen.\nEine Zeitschrift ist nicht zur Erkenntnis da. Nicht zur Betrachtung,\nnicht zum Genuß. Sie ist auch keine Tribüne, an der Meinungen zur\nDiskussion gestellt werden. Sie hat Lebensrecht nur, wenn sie Bewegung,\nGriff und Darreichung dieser letzten, unbedingten und verzweifelten\nMenschen ist, die bereit sind, ihre Person völlig mit ihrer Sache zu identi-\nfizieren; die ihr Ziel des Geistes mit jedem Mittel ihres Körpers durch-\nsetzen wollen; denen Reden, Handeln, Schreiben keinen Unterschied be-\ndeutet, sondern bloße verschiedene Äußerungsformen der menschlichen\nLiebestätigkeit. Und die zuletzt gedruckt werden, nicht um des Veröffent-\nlichens willen, sondern nur weil sie so gleichzeitig zu mehr und verschie-\ndeneren Menschen gelangen, als allein durch die gesprochenen Worte im\nkleinen Zimmer."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 410, "texte": "Jeder weiß heute, daß in allen Ländern die Menschen nur schweigen,\nweil sie glauben, von den andern nicht gehört zu werden. Aber es gilt nur,\nihnen ein Zeichen zu geben, daß das Klopfen ihres Herzens drüben unter\nden fernen, unbekannten Brüdern wahrgenommen wird, daß ihre Sprache\nwie ein Händedruck herüberkommt, daß vor dem Geiste die Entfernungen\nnichts sind: Und Grenzen, Drahtverhaue, Heere sind überholt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c004", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "2", "page_fin": "5", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.4", "titre_corps": "NEUER INHALT", "titre_sommaire": "NEUER INHALT", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.4", "debut_caractere": 412, "fin_caractere_exclue": 1985, "texte": "NEUER INHALT\nIm Moment des Kriegsendes muß die geistige Welt dieser Erde bereit\nsein. Sprechen wir gar keine großen Worte aus; lassen wir die Schwüre,\ndaß dieser Krieg der letzte sei. Das haben wir den kommenden Generationen\nals Geburtsgeschenk mitzugeben: die Verneinung, Verlachung, Verachtung,\nVerunmöglichung des Krieges. Aber dies kann erst eine Folge der ganzen\nHaltung und das Ziel im kommenden Zeitalter sein.\nFür den Moment des Friedensschlusses geht es nicht um die Entschlüsse\nder Zukunft, sondern um eine ungeheure verödete, ausgesaugte, Schritt für\nSchritt grauenhaft isolierte Gegenwart. Wir dürfen unsere Aufgabe nicht\naufschieben; nicht kleinkrämerisch warten, bis die Verhältnisse im Laufe\nder Zeiten wieder ins Menschlichere gerollt sind. Hier muß unser Wille\nstehen. Die Geistigen aller Länder müssen in diesem Moment sichtbar vor\ndem Auge der Völker sich die Hände reichen. Die Entschlüsse jedes\nEinzelnen sind längst gefaßt; sie sind einander nicht fremd. Die Schöpfungs-\npläne der Einzelnen für die Zukunft der Welt stimmen alle in den Grund-\nzügen so überein, daß man sagen muß, der geistige Weg für das Wollen der\nBesten ist schon vorgezeichnet. Es handelt sich also nicht mehr um Dis-\nkussionen. Es handelt sich um einfachste, reale Vereinigung der Wollenden.\nUnd nichts andres ist unsere kleine, harmlose, so bescheidene Zivili-\nsationsaufgabe, als bis zu diesem Moment fest zu bleiben, nicht zu vergessen\nund nicht vergessen zu lassen. Einer Welt (ihre namenlose Leidenszer-\nbröckelung ist heute nur noch der eigenen, schwerfällig weiterrollenden"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1658, "texte": "Trägheit des Willens verschuldet) die Beharrlichkeit, Kontinuierlichkeit\nund Zuverlässigkeit unseres Willens entgegenzustellen.\nDies alles ist: Den Moment des Kriegsendes geistig vorbereiten.\nAber das ist nicht zu machen, wenn der öffentliche Ausdruck der\ngeistigen Tätigkeit des Menschen so schwindelhaft bleibt, wie wir ihn bisher\nals Leser gar nicht anders kennen.\nEs ist nicht wahr, daß öffentliche, veröffentlichende Menschen in Wahr-\nheit als letzten Schrei ihres Lebens, als verzweifeltste Mitteilungsnot vor\nder Katastrophe sich in solchen Vorstellungen bewegen:\nBeethovens Skizzenbücher und Debussys Notenschrank.\nDie Ellipse bei Greco.\nDie Quellen zu Flauberts Bovary.\nSind die Werke von Hölderlins Wahnsinnszeit echte Dichtungen ?\nDie siebzehn Ströme der Sozialdemokratie.\nIrische, altdeutsche und flämische Mystik.\nZur Psychologie Cagliostros.\nÜber den Begriff des Tanzes.\nDer amerikanische Mensch.\nDer italienische Mensch.\nDer deutsche Mensch.\nDer kanadische Mensch.\nDer französische Mensch.\nJeanne d'Arc und Deutschland,\nDickens, ein Spiegel englischen Wesens.\nDer Panslawismus bei Dostojewski.\nEs ist nicht wahr, daß die Gesichterettung, die letzte Augenhilfe der\nverzweifelten Menschheit, die letzte Auslieferung an eine Seh-Mitteilung\nzur Wiederbesinnung auf unser Geistiges, es ist nicht wahr, daß die uns\nangehenden Gaben eines Malers, Holzschneiders, Zeichners so aussehen:\nKomposition Nr. 1 3.\nLandschaft mit Fahnenstange.\nAkt I.\nAkt ii. IjSIl ftS | H iljjgi I\nAkte III—X.\nNature morte (!! wo es schon nichts anderes mehr gibt).\nKomposition Nr. 20.\nBildnis des Gefängnisdirektors, des Künstlers, des Generals z. D.\nDame mit Sonnenschirm."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1972, "texte": "Negerinnen.\nSeinebrücke.\nKomposition Nr. 30.\nEs ist nicht wahr, daß dies Menschen angeht.\nEs ist nicht wahr.\nDas alles ist darum Betrug. Zeit-, Kraft-, Raum-, Interesse- und\nTalentvergeudung, weil es in dumpfer Unbewußtheit den Versuch macht,\nheutiges Empfinden auszudrücken durch einen alten, abgelebten, erstorbenen,\nnicht mehr existierenden Inhalt (d er vielleicht vor Zeiten einmal wirklich\nso lebendig war, Menschen auf sich zur Besinnung zu bringen, der aber\nheute nur noch historisch-lexikalische Bildungssache ist). Ein Schein-Inhalt.\nLebens- und Aktivitätsströme werden in Kadaver geleitet, um der Mitwelt\ndas Schauspiel des galvanisierten Zuckens toter Glieder zu zeigen. Irrtum,\nSelbstmord, Betrug und Selbstbetrug!\nDie Themen des Dichters, Schriftstellers, Publizisten des öffentlichen\nMenschen sind die, die uns Kraft geben, für die Zukunft feste zu stehen.\nUngefähr so, und wem eines das Herz bedrängt, der soll es laut aussprechen:\nWir dürfen nie wieder vergessen.\nBund der Geistmenschen.\nNeuschaffung der Welt aus dem Wissen in Wirklichkeit.\nDie neue Wirklichkeit.\nAus der Nationalität zum Erdballmenschen.\nAufruf an die Verzweifelten.\nAufruf an die noch Lebenden.\nAufruf an die Geretteten.\nDreitausend Aufrufe an die Frauen der Erde.\nDreitausend Aufrufe an diese Überhälfte des Menschengeschlechts (in\nallen Graden).\nDie Musiker der neuen Zeit komponieren die mirum des jüngsten\nGerichtes, und das Gforia in excefsis des Menschen. Die Tänzer tanzen die\nTänze „Gegen den {Krieg\", „{Himmelund Höffe\" und „{Das cfcßweben\ndes Geistmenscfen\".\nDie Maler der Zukunft zeichnen Flugblätter, als Vorbilder zum Leben,\nso intensiv heutig brennend gedacht, wie die auch ihrer Zeit nicht\nkunstgenießerisch, sondern lebendig vorbildlich und zeitungshaft wirkenden!\nHolzschnitte Dürers und seiner Genossen aus einer damals neuen Re-\nligionsepoche, diese Apokalypsen und Marienleben, Erschütterungen und\nVerantwortlichmachungen für jeden Menschen, dem sie in die Hand fie-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1871, "texte": "len. Mit allen Fähigkeiten des neuen Auges hat der Maler heute wiederum\nVorbilder in die Öffentlichkeit zu zeichnen. Vorbilder für die Aufpeitschung\nund die Aufrichtung, in denen kein Stück der Komposition aus Gefällig»-\nkeit und Formenspaß gemacht ist, sondern jede Form die eines\nDinges vertritt, das den Menschen wesentlich ist. Und es gibt hier das\ngroße, den Ateliers noch so unbekannte Mittel, das längst allen Völkern\nbekannt und vertraut ist und auf£ sie unendlich aktiver wirkt als die\nempfindungsreichste Spezialität der Kunstsalon-Maler: Dies ist die Malerei\nder Propaganda für und gegen. Erinnert euch an die Reklame-Prospekte\nder Geschäftshäuser mit den Zeichnungen „Vor dem Gebrauch nach\ndem Gebrauch!\" Was dort von Dilettanten entworfen, kindlich ausgeführt\nschon auf hunderttausend wirkte, wie wird es erst Menschen umschaffen\nim Antrieb wahrer Fähigkeiten, in der Kraft der Erfindung, schöpferisch.\nHeute gilt das ungeheure Werk Giottos als Kunst. Aber zur Zeit, da\nes geschaffen wurde, war es genußlosestes, erhabenstes, verantwortungsvoll-\nstes Vorbild für eine Nachfolge vom Heiligenleben des Franziskus unter\nallen Menschen, die Augen hatten zu sehen.\nUnd nun, Dichter und Maler, ihr habt euch zu stellen. Entweder ihr\narbeitet für die Rente; dann wundert euch nicht, wenn ihr nächstens noch\nbei lebendigem Leibe nach Verwesung stinkt. Oder ihr arbeitet für die\nMenschheit, dann habt ihr Vorbilder zu entwerfen, nach denen Hundert-\ntausende sehnend zielen werden, Vorbilder über euch hinaus, und ihr\nwerdet euch eines Tages mit dem Musiker verbündet sehen, diesem bisher\nidiotischesten aller Selbstgenußparasiten, der euch seine hohe Messe bringt,\nunzweifelhaft mit dem ersten Hauptstück unzerbrechlichster Festigkeit: St\nin terrapax; und der aus den neuen, von euch geformten Menschen seinen\nChor aufstellt zur singenden Aufweckung der Gemeinschaft."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c005", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "6", "page_fin": "9", "image_debut": 8, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.5", "titre_corps": "EUROPÄISCHE GESELLSCHAFT", "titre_sommaire": "EUROPÄISCHE GESELLSCHAFT", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2236, "texte": "EUROPÄISCHE GESELLSCHAFT\nWir leben noch.\nEs ist kein Stolz, kein Ruhm, keine Ehre. Auch dies nicht, daß uns\nnichts anderes übrig bliebe. Sondern es ist unsere letzte Selbstverständ-\nlichkeit. Unsere erste Forderung.\nEs gab die langen Zeiten, denen der wissende Gang zum Tode Mär-\ntyrertum war. Es kann eine Frage sein, ob Märtyrertum heute noch den\nWert des Wirkens hat. Aber die Zusammenballung zum Leben, der\nunaufhörliche Widerstand gegen das Vergleiten in willenlosen Tod, der\nalltägliche Gang auf dem schmälsten Grat des Lebens, die einfache Be-\nwahrung des Lebenbleibens, das ist das Märtyrertum dieser Zeit. Wir\nlegen Zeugnis ab für das Leben. Und selbst wenn wir umstellt und\nniedergemacht werden: unser Wille wird weit in die Jahrhunderte greifen,\nunvergeßbar.\nUnsere Brüder zum Leben sind da. In allen Ländern wissen wir sie.\nNiedergeschrien, mundtot, scheu gemacht von künstlich aufgeblähten\nMajoritäten, deren Massengeschrei schlau verstärkt wird durch die amt-\nlichen Schallrohre der Informations-Schlagworte.\nUnsere Brüder vom Leben sind da, man umstellt sie mit stacheldräh-\ntigen Nationalwänden, man schlägt ihnen die Augen blind wie gemarterten\nPferden, aber dennoch wissen sie von uns. Und sie sind jederzeit bereit,\nuns die Hand zu drücken.\nEs kommt einzig darauf an, daß niemand von uns den Mut sinken\nläßt. Es kommt darauf an, jederzeit eingedenk zu bleiben, wie viele der\nGeistesbrüder in allen Ländern da sind und aufeinander warten. Es\nkommt darauf an, manchen Versprengten Mut zu machen, Mut zum Wider-\nstand, und ihnen zu zeigen, daß sie nicht allein sind.\nWir werden nicht warten, bis die Wissenden dieser Zeit alle tot sind\nund eine neue Generation erwachsen, die der Kriegsdinge von Kindheit\nauf gewohnt ist! Das Einzige, das Geringste und das Schwerste, was uns\nauferlegt sein muß, ist, aus diesem Kriege hervor, durch ihn hindurch\nden M enschen zu retten.\nEs wird nicht sein, daß das Geistige welches allein den Menschen\nformt unter allen Wesen der Erde —,daß die göttliche Würde des Menschen\nüberkarrt werde von den Rädern der Kriegsmaschinen. Das wird nicht\nsein. Aber wir alle, die wir wissen, daß dies nicht sein wird, die wir wissen,\ndaß unser Ziel ist, den Menschen für den Menschen zu bewahren, uns"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2291, "texte": "darf das bloße, heimliche Wissen nicht mehr genügen. Wir müssen es laut\naussprechen!\nMan kennt die Formel einer vorgegangenen Künstlerepoche, die For-\nderung l'art pour l'art, die Kunst für die Kunst.\nAber unser neuer Ruf für die kommende Zeit über alle Länder hin-\nweg ist die Forderung: £?fromme po f'ßomme, der für den\nUlenschen !\nDie vergangenen Jahrhunderte sahen drei Epochen, in denen man ver-\nsuchte, die Grenzen der Völker geistig zum Verschwinden zu bringen:\nDas Weltbürgertum, den Kosmopolitismus, den Internationalimus.\nDas Weltbürgertum war eine Sache der persönlichen Einsicht. Der\nVersuch, den Angehörigen derselben geistigen Klasse des fremden Landes\nals gleichberechtigt zu erkennen.\nDer Kosmopolitismus war schon eine Sache der aktiven Bemühung.\nDer Versuch, sich im fremden Land durch Angehörigkeit zu einer be-\nstimmten Klasse als gleichberechtigt erkennen zu lassen.\nDer Internationalismus war die höhere Einheit seiner beiden Vor-\ngänger. Er war endlich die bloße Technik, Weltbürger und Kosmopolit\nzu sein.\nAber diese drei grenzüberschreitenden Zustände sind jeder doch nur\nKonstatierungen einer subjektiven Einzelsituation. Sie verpflichten zu nichts.\nSie sind Mitteilungen, aber keine Forderungen. Wie innerlich leer, relativ\nbedingt, ungeistig materiell und nicht bindend die letzte, nächste Phase,\nder Internationalismus, ist, sieht man aus der bekannten Tatsache, daß\ngerade die nationalistischen Führer aller Länder miteinander befreundet,\nverwandt, Ehrenregimentskameraden, also mit einem Wort so international\nverbunden sind, wie sonst nur das Kapital. Wie müssen die unter Tränen\nkichern ! Der Internationalismus hat uns nicht geholfen, nicht einmal zur\nAufrechterhaltung des Internationalismus.\nDennoch ist das Erste, Dringendste die Verbindung der Menschen\neines Volkes mit denen des andern, unabhängig von den Grenzen und\nder Aktualität des Krieges. Und welche ist die Forderung, wenn selbst\nder Internationalismus versagt hat ?\nDie Forderung der neuen Zeit heißt: Brdbaflgesmnung 1 Es han-\ndelt sich um nichts anderes, als daß im Moment des Kriegsendes\ndie Übervölkischen, die cPanßumanisten, die Menschgesinnten auf der Erde\nzusammenstehen. Die Geistigen. Hier aber kommt es auf die Reinheit\nan. Diese Armee wird niemals durch die bloße Zahl siegen weder"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2286, "texte": "durch die Wucht einer Übermasse, noch durch das Mysterioso der\nMinorität —, sie wird allein durch die ewige Sprengwirkung der unzwei-\ndeutigen, öffentlichen Gesinnung der Menschen helfen können.\nWer ist unser nächster Freund ? Der wahrhaft Geistige. Der Mensch,\nwelcher ohne Veranlassung durch natürliche Familien-\ninteressen, Geburtsbande, Geschäftsangelegenheiten:\nnur durch seine Überzeugung, durch seinen Entsc hlu ß\nund seine Entscheidung die Menschen der andern Länder für\nseine Brüder hält.\nMit ihm im Bunde, mit dem Reinen, werden wir die Gesinnung des\nneuen Zeitalters nach dem Kriege heraufführen.\nZu welcher Zeit, wenn nicht jetzt, hatte das Wort seinen\ntiefsten, aufwühlend nachhallendsten Klang ! Niemals schwangen so hellste\nErdparadiesbilder in den Wünschen der Menschen, die an Europa dachten.\nVielleicht war erst heute, nach der Krisis, Europa möglich. Vielleicht\nschreitet erst heute in allzugroßem Inkognito noch der Europäer\nvor uns her.\nWir Europäer wissen f mehr als andere, daß die Forderung «Europa»\ndie geringste von allen ist. Wir wissen, daß Europäismus ein Zustand\nist, der nur die allererste Voraussetzung und selbstverständlich ist für\nein Bewußtsein von der Rundung des Erdballs, auf dem überall fühlende,\ndenkende, sprechende Menschen leben.\nUnd ist das etwa neu ? Ist das etwa nur ein weltgeschichtliches\nApercu ? Ist das ein Trick von Modeköpfen ? (Wie man es in der\nIdiotenpresse lesen kann !)\nNein, es ist nur so unendlich selbstverständlich ! Es kommt nicht\ndarauf an, daß diese drängendste aller geistigen Notwendigkeiten auch\nAhnen habe. Aber käme es nur auf Stammbaum an? 0, wir Europäer\nhaben auch das, eine Vorläuferschaft der Edelsten unter den Aktiven zweier\nJahrhunderte. Der Schweizer Muralt, der um 1 700 das Denken der Schweiz\nmit seinen Briefen aus England europäisierte. Rousseau, der zwei Jahrhun-\ndertdrittel später Europa selbst zur Besinnung rief. Der deutsche Anacharsis\nCloots, der inmitten der französischen Revolution den europäischen Gottes-\nstaat durch Frankreich verwirklichen wollte. Schweigen wir von <fen\ngroßen ringenden Denkern des neunzehnten Jahrhunderts, die noch in\naller Gedächtnis sind. Nur er noch sei erwähnt, der selbst den Versuch\nanstellte, die europäische Idee in vollster Realität zu verwirklichen: Mazzini,"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1234, "texte": "unterdessen Auge von Cenf aus das Iris-Je Irrt-Am, das Jmzye Øexcksofss\nfand, das Jciyxye Tranks-Sieb entstand, und 1834 das Irr-Je Europa.\nMiBgliiclcte Handstreiche waren das, miBgliiclcte-Welten, zu «friih geborene\nIdeenstaatem aber von denen, trotz derxendlichen Verjournalisierung eines\nkleinen Haufensnder Mitläufey ungeheure Energielcräfte zu den Bewegungen\nder vierziger Jahre« strahlten. Es zwar zu früh. Auch der sozialistische\nEuropäismus Mazzinis verlief zuletzt in deinen modernen Nationalismus. «\nAber heute ist es nicht mehr zu früh. Das Erfühlen Europas, das\nliebende Zusammenhangswissen mit diesem zerhungerten, zerhackten, zer-\nbluteten Erdland ist heute bis in die starrsten Bürgerherzen gedrungen.\nNichts ist schlimmer, als daß es erst einer überirdisch-unterirdischen\nRiesenfleischermaschine bedurfte, um die Herzen der Menschen für die\neuropäische Idee zu erschüttern. Doch obwohl der letzte Antrieb Abscheu\nvor dieser Zeit ist: Wert und heilig ist uns, daß Europa sich durchsetzte.\nDer letzte, unabweisbare Augenblick ist da, nichts brennt stärker auf\nunserer Haut. Wir alle sind bereit. Alle sind bereit. Trennen wir uns\nnicht mehr. Im Wissen, daß wir nach der höchsten Todesgefahr da\nsind für\nDas Junge Europa!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c006", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "10", "page_fin": "13", "image_debut": 12, "image_fin": 15, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.6", "titre_corps": "MITMENSCH.", "titre_sommaire": "MITMENSCH.", "signature_source": "Sifvio Qeseff (Die natürliche", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2446, "texte": "MITMENSCH.\n\nUnd da nun endlich überall in der Welt vom Geist und von den Geistigen\ndie Rede ist, so wollen wir uns gewiß nicht bei dem bloßen Worte be-\nruhigen. Es geschieht noch nichts für den Geist, wenn ein Musiker Sinfonien\nvor Musikfreunden klingen läßt, die nach seiner Hoffnung das Fühlen der\nMenschen umheben; wenn ein Maler Bilder vor Eingeweihten ausstellt,\ndie nach seiner Überzeugung einen neuen Begriff vom Zusammenhalt der\nDinge geben; wenn ein Dichter Gesellschaftsromane schreibt, die seiner\nMeinung nach aus demokratischen Ideen kommen; wenn ein Essayist alle\ndiese Fragen zur Erörterung stellt. Es geschieht nichts. Es wird nur viel\nschlimmer. Denn eine Schicht von Menschen, deren Tatneigung ohnehin\nnicht groß ist, glaubt, schon aus dem bloßen Mitmachen dieser Werke\netwas Geistiges getan zu haben.\nEs ist aber heute nicht mehr zweifelhaft, was eine geistige Tat ist.\nDiese Frage kann gar nicht mehr ehrlich gestellt werden. Sie ist uns allein\ndurch die Tat eines Volkes in ungeheuerster Weise beantwortet worden.\nVor unsern Augen.\nWas dort geschah, ist kein „Ereignis\". Nicht ein Vorfall, der durch\neinen neueren Vorfall, durch ein anderes Ereignis verdrängt werden könnte.\nEs ist eine wirkliche Tat. Eine Tat ohne Symbolik, ohne Nebenbedeutung.\nTat, vorbereitet, gezeugt und geschaffen aus der tiefsten, langschwingendsten,\nintensivsten Erhebung für den Geist. Und darum nicht mehr aus der Welt\nzu räumen. Kein Mißerfolg, kein Verrat, kein Rückschlag mehr, so\nBitterstes auch noch eintreffen mag, kann die größte Entscheidung, die ein\nJahrhundert gesehen hat, wieder ungeschehen machen. Die Entscheidung\ngegen die Macht, die Gewalt, die Unterdrückung; zum Geist, zur Freiheit\nund zum Menschenrecht nach dem Plane der Idee.\nDaß dies alles nicht Bluff, nicht Schiebung oder äußerlich auferlegte\nBeeinflussung war, ersieht man aus der unglaublich vielfachen und frucht-\nbar um sich wirkenden Lebendigkeit des neuen Organismus: Von dem,\nwas im Ostlande geschah, erwartet jeder etwas. Der Politiker erwartet eine\nBeeinflussung der Weltteile, der Marxist erwartet einen Aufschwung des\nKlassenkampfs, der Militär erwartet eine Veränderung der Kriegslage, der\nPazifist erwartet Frieden, der Agent erwartet neuen Zwischenhandel, der\nSozialist erwartet neue Gemeinschaft, der Reporter erwartet neue Sensatio-\nnen, der Genosse der Finsternis erwartet sehr Böses für sich.\njeder, der in den Handlungen der Menschen nicht nur Nützliches,"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2624, "texte": "sondern vor allem Menschliches sieht, wird wild vor der Unbescheidenis\nheit, vor der aufdringlichen Unverschämtheit höchsten Grades, wenn er;\nsieht, wie Unbeteiligte mühelos der russischen Revolution lyrisch oder\nwohlwollend auf die Schulter klopfen. Es ist nicht die Zeit, weise Worte\nüber die Gemeinschaftstat eines Volkes zu sagen; es ist nicht die Zeit,\nDynastenhistorie zu erzählen; es ist nicht die Zeit, den Leser oder den\nHörer mit der Feststellung von Erfolgen zu unterhalten, zu denen er nichts\nselbst getan und gegeben hat!\nDenn. da drüben geschah nichts unerwartet Plötzliches. Aber auch nichts\nvon dem Narrenchaos, das bequeme hämische Propheten ansagten. Um\ndie neue, höhere Menschheitsordnung im Osten hat das edelste Blut dieses\nLandes mehr als ein halbes Jahrhundert lang gekämpfh Durch Jahre hin«\ndurch haben Hunderttausende ihr Haus, ihre Familie, ihr Vermögen, ihre\nBequemlichkeit, ihre Genüsse, ihre Sicherheit, ihr Leben für nichts erachtet,\num der Hingabe willen an ein Gebild aus dem Geiste. Diese wahrhaften\nF reiwilligen, die ihr Gesetz diktiert fanden von der Bruderliebe, schufen\nan der Verwirklichung einer Idee. Diese wahrhaft Tapferen waren nicht\ngedeckt durch Befehl und Massenzwang, sondern jeder wuBte sich in jedem\nAugenblicke des Lebens ungeschützt, preisgegeben. Sie waren gestützt nur\nauf das Vertrauen zu ihrem Gewissen, auf ihren festen Willen zur Unbe-\ndingtheit, auf ihren Glauben an die dereinstige Leibwerdung ihrer Idee,\nauf ihren Glauben an die neue Auferstehung des Geistes auf Erden. sie\nwaren gestützt auf ihren Glauben an die Heiligkeit des Mitmenschen.\nDerweile war in den andern Ländern der Erde Entmutigung, Skepsis,\nErörterung und Erwerb von bloBen Methoden, denen der Antrieb des\nGeistes längst in Vergessenheit geraten war.\nAber der Puls dieses neuen Leibes der Menschheit aus« dem Geiste\nklopft so laut, daB ihn die ganze Erde hört. Einer, der einst Umstürzler\nhief3, jetzt zur Hilfe am Aufbau seines Landes gebeten: Krapotkin, zeigt\nin seinem Buch Feyenseirssye Mffe (Abschnitt Feyensefrysye XII-e im\nMiireJaJierZ wie im lZ. Jahrhundert eine ungeheure Freiheitswelle über\nEuropa stürmte; die Schöpfung von Bünden, Gesellschaften, Gilden, freien\nstädten, Kommunen. Diese Geistwanderung über die Völker war Jahrhun-\nderte lang vergessen, und nur die Dome und die groBen Bauten der Städte\nsind uns als erstarrte Zeichen der Geistesglut zur Gemeinschaft geblieben. —-\nEs kann Zeiten geben, in denen die Besinnung des Menschen zum\nGeistigen schläft; unser Wesentlichstes, unser Brudertum und unsere Ge-\nmeinschaft kann verfressen und vergessen werden. Aber der Geist kann"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2499, "texte": "nicht vernichtet werden. Immer wieder richtet er sich weithin sichtbar\nauf in Einzelnen und in kleinen Gruppen, den Frühen, den inspirierten\nEingeweihten der menschlichen Freiheit, jenen die nie Vergleiche mit der\nMacht des Ungeistes schlössen, und die, märtyrerhaft geschmäht und ver-\nfolgt, noch im quallvollsten Tode verkündeten, daß sie Söhne der Idee waren.\nEs gibt nichts, das heute allen Menschen der Erde, allen, so klar\ngeworden ist, als die Idee der Freiheit, der Bruderschaft und des Mit-\nmenschentums. Dieser Erde ist es so unglaublich schlecht gegangen, sie\nhat so nichts mehr zu verlieren, sie ist so verschwistert mit der Verzweif-\nlung, daß endlich auch der Träge und Böswillige als Heilung erkennt,\nwas früher nur erhabene Seelen, unter aller Gefährdung ihrer Sicherheit,\nin eine stählern feindliche Welt zu künden wagten.\nWen schaudert der Rückblick nicht? zu sehen, daß durch Jahrhun-\nderte unsere Brüder gehetzt, gemartert und als tolle Störer der Gesellschaft\nums Leben gebracht wurden, Menschen, deren Gemeinschaftspläne (um nur\neinen zu nennen: Thomas Morus) wir längst als selbstverständlichste Vor-\naussetzung nehmen, während das Chaos ihrer Zeit uns als irrsinnig er-\nscheint.\nAuf einem neuen Erdreich werden diesen die Heldenmale gerichtet\nwerden, und das Bruderhaus der Menschheit wird eine Gedenkschrift\nhaben: „Zum Gedächtnis der Wiedertäufer, hingerichtet für ihren Kampf\num eine bewußte Menschengemeinschaft aus dem Geiste.\"\nEs ist nicht Zeit, diese Revolution im Osten zu betrachten. Betrachtet\nnur erst euch selber, ihr geübten Betrachter! Betrachtet eure Voreltern,\nEltern, Verwandten, Freunde ob sie so gläubig mut-\nvoll hingegebene Kameraden einer Idee waren, wie die dort drüben lange\nJahre, erbittert und langmütig weiten Herzens! Betrachtet euch, ob ihr,\nohne Rentabilitätsversprechen, ob ihr geistig das gewagt hättet! Es ist\nnicht mehr Zeit, zu betrachten.\nEs ist Zeit, vor dieser Neuordnung des Ungeordnetsten sich auf sein\nGewissen zu besinnen. Auf die eigenen sittlichen Fähigkeiten. Auf den\neigenen Trieb zur unbedingten Hingabe an das Geistige. Auf die eigene\nKraft zur Entfaltung des Willens für die Idee vom Mitmenschen. Für die\nIdee allein? Für die Tatsache vom Mitmenschen! Und welche Tatsache\nkennt die Welt heute besser, als daß jeder Mensch das Recht auf Existenz,\nPlatz, Leben hat, nicht anders als du selbst. So weit sind wir endlich.\nSelbst in den Regierungshäusern des Erdballs.\nEs ist Zeit, das Wort vom Mitmenschen laut auszusprechen. Aber"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1249, "texte": "wer es spricht, der rechne erst ganz mit sich ab, der sei gleichgültig be-\nreit, alles zu verlieren, erst dann wird sein Wort eine Schwingung und\nseine Idee der Gewinn eines Wagnisses.\nWir alle, zu unsern Lebzeiten, werden noch das Ungeheuerste sehen.\nDie höchste Not der Menschheit wird ihre Gegenwage haben in der höchsten\nVerwirklichung von Paradiesträumen. Niemand von uns braucht mehr\nentmutigt zu sein.\nEs gibt für den Menschen keine innere Leere mehr. Jeder hat sich\nmit seinem Gewissen unter das Auge der Ewigkeit zu stellen und die\nSekunde jedes Lebensmoments hinzugeben an die Verwirklichung der\nMitmenschenfreiheit.\nDiese Idee ist wahrhaft und wirklich schon so stark in die Welt ge-\ndrungen, daß keine Kriegsmaschine ihr mehr ein tatsächlicher Gegner ist.\nImmer, wenn die Welt zwischen Dunkel und Licht schwebt, gibt es noch\nWirrnis, und die Gewalt dringt im letzten Zucken vor, aber sieglos, nur\nim Todeskrampf. Es gibt keine Siege mehr. Vor dem Geist dieser neuen\nMenschheit werden die Heere zersplittern.\nDie Grde gehört zum IJZenschen, sie bildet einen organischen\nHeil des Die ganze Grdhugel, wie sie im Hluge um die\ncJonne fcreist, ist ein Heil, ein Organ des Renschen, jedes ein-\nzelnen jJlen sehen.\n\nSifvio Qeseff\n(Die natürliche"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c007", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "24", "image_debut": 16, "image_fin": 26, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.7", "titre_corps": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN", "titre_sommaire": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1990, "texte": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\n\nDer ehrliche Gegner.\nImmer wieder findet man, dass Leute, die sich eigentlich um Besseres zu\nkümmern hätten, von irgendeinem aufgetakelten Drecklümmel Aufhebens\nmachen; irgendeinen niederträchtigen, nur gerade in Macht oder Aufsehen\nstehenden Schweisskerl rühmen. Sie nennen gewöhnlich den anderen den\nehrlichen Gegner.\nWenn ein Unsicherer oder ein Verräter uns in den Rücken fällt und mit den\nFeinden paktiert, dann versucht er das mit der Begründung zu entschuldigen,\ndass der ehrliche Gegner zu achten sei.\nAber der „ehrliche Gegner\" ist immer ein Schuft.\nDenn ist er ein ehrlicher Gegner, so sucht er euch auf dem schnellsten\nWege zu beseitigen; und da ihr das Gute wollt, so kann euer Feind doch nur\nein Genosse des Schlimmsten sein.\nSucht euch aber der Gegner nicht zu beseitigen, so will er euch benutzen.\nEr ist also ein unehrlicher Gegner. Und der unehrliche Gegner ist immer ein\nMann des Hinterhalts. Wäre der Gegner irgendwo achtenswert, anerkennens-\nwert, so könnte er das nur, indem er seine Macht-, Erfolgs- und Relativitäts-\neinstellung zur Welt aufgibt und die eure annimmt, die geistig ist und der Idee\nfolgt.\nOder ihr gebt eure Sache auf, und folgt dem Gegner.\nEs gibt nur eins von beiden.\nBis dahin ist der Gegner ein Schuft oder ein Ausspäher.\n\nBläţer für die Kunst.\nDas edle Herz Romain Rollands hat in dem Menschlichkeitsbuche Auctessus\ncte tu mätåe nicht allein alle stimmen zu hören gesucht, die sich gegen den\nKrieg erhoben, sondern Rolland bat auch um die Achtung der Welt für alle,\ndie sich in Trotz oder Trauer mit bewusstem schweigen fernhielten. Er nannte\nals solchen schweigenden Gegner des Krieges die Blätter jiir die Kunst, jene\nsammelveröffentlichung wie man weiss, der Freunde des Dichters Stefan George.\nEineganze Generation von Deutschen wurde im Kunstdenlcen Georges\nerzogen, und wo seit l900 im deutschen schrifttum künstlerisch geglückte\nBeschreibung und edel geschulte Bildungssprache auftauchen, stehen sie unter"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2639, "texte": "dem Eindruck Georges Romain Rolland, wie jeder wirklich grossmütige\nMensch, nimmtim vorhinein an, dass eine erhobene Sprache nur aus einer\nerhobenen Menschlichkeityikommen kann. Wär es nicht schön, zu finden, dass\neinmal wenigstens die sprachformer einer Nation für die Menschheit fühlten?\nDas würde die Erde ihren Kündern in ewiger Dankbarkeit gedenken. Denn\nseit dieser Krieg herrscht, haben die Dichter von Namen uns Mitmenschen\nim Stich gelassen, sie haben sich von der Attitüde plumpster Monumental-\nrepresentation treiben lassen, und sie wetteiferten mit den Maschinen, um\nden Todeskrampf der Völkergewaltsamer noch zu Stacheln.\nAber wir, in unserer höchsten Not, wir müssen endlich einmal das Dichter-\nwort anschauen, ob es Rückgrat der einfachsten, unumgänglichsten Menschlich-\nkeit ist. - -\nDer einzige Band, der während des Krieges erschien, der vom Ende des\nJahres l9l4, sei geöffnetbei einem Verszyclus, der den auffallenden Titel\n,,8taatsgedichte« trägt. \"\nDa steht: .\nDas Menschenmist, das deutsches Wesen schafft\nGeduldig bis zur Trägheit, schwer 12or Fülle,\nUnscheinbar hinter Zucht und Wucht und Hülle,\n. Bricht nun aus dem bedrohten Herd als Kraft,\n« — Die alle schlucken auswirft und »erschweisst. «\nG Volk, geprüft, durch Feind und eigne schänden ·\nGeheimerKern und Ausbund aller Länder,\n- Wie bist du wieder Erz und Glut und Kraft! «\nAlso ganz simple alldeutsch-treitschkeartige chamberlainhafte Kriegslyrik\n(ohne Angabe des Verfassers, wie alle Beiträge des Bandes)\n« Man fragt, wer sind die ,,eignen schänden« des deutschen Volkes. Der\nnamenlose Dichter gibt an einer andern stelle Auskunft. Er sagt in, von ihm\ngesetzten, höhnischen Anführungszeichen:\n,,lst’s nicht die Pflicht der Seher und der Fürsten\nGeduld zu haben mit dem untern Dürsten, «\nDen Tisch zu öffnen für die dumpfen Haufen, e\nDie sich um Brot mit heftigen Armen raufen,\nGezeugt durch Not; dass» Zahl die Not 12ermehre: s\nDie« Ausgeburten gnadenloser Nächte,\nDie» für uns frohnden in dem Qualm der« schächte?«\nDieser Dichter meint also: nein, das sei nicht Pflicht- Doch er ist zudem\nfalsch informiert. Er will offenbar den Demokratismus treffen. Aber die\nvon ihm genannte Forderung, nämlich die Gnade, dass Minister und Fürsten\n,,Geduld« mit dem Unterdrückten haben und ihm geschenkweise den ,,Tisch\nöffnen« mögen, also das Leben geschenkweise gewähren mögen: Dieses\nkindliche Programm wagt nicht einmal mehr der bösartigste agrarkonser-\nvative Politiker auszudenken. selbst der ärgste ldiot weiss, dass die aller-\ngeringste Forderung Geschenke abzulehnen hat und mit dem Begriff«,,Rechte««s\nbeginnt. Nur der ,,Dichter« darf bei uns ahnungslos sein!"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.19", "debut_caractere": 3, "fin_caractere_exclue": 2978, "texte": "Aber der Staats-Rhapsode der „Blätter für die Kunst\" findet auch die von\nihm zitierte Forderung (die ihm doch nur ein Spassvogel als Volkswunsch\nangegeben haben kann) noch abscheulich. Er sagt:\nDie Gnade strömt nicht nach Bedarf und Zwecke\nWas kennt ihr sonst? zur Atzung hohler Magen;\nSie schafft das Heil; doch lindert keine Plagen.\nDas heisst: Der Antrag auf Linderung der „Plagen\" durch „Atzung\" (wie\nmenschlich ausgedrückt!) „hohler Magen\", selbst vermittelst irgendeiner\n„Gnade\" wird von dem georgeschen Anonymus abgelehnt.\nIndessen spricht dieser Dichtersmann auch kaltlächelnd aus, was im ganzen\nkriegführenden Europa niemand laut zu sagen gewagt hat, einen Wunsch, den\nstets jede kriegführende Macht der ihr feindlichen zugeschoben hat.\nEr dichtet frohen Herzens davon, wie der Krieg alle Träger volkshafter Ideen\nbeseitige :\nNun fegt der Fluch sie wie verwelkte Blätter\nIn Not und Kot: Ihr Schreien „macht uns satter\"\nIst kein Gebet, das den Erlöser wecke.\nDer politische Versemacher der Blätter für die Kunst nenne sich. Er ist\nuns allen Verantwortung schuldig. Wenn öffentliche Äusserung überhaupt\nnoch einen Sinn hat, dann hat dieser zeitgemässe Dichter nichts anders getan,\nals einen Aufruf in Versen erlassen, die Ansage einer durch den Krieg unter-\nstützten Bartholomäusnacht zur Ermordung aller Kameraden der Freiheit.\nAber, Ihr, meine Freunde, hat denn einer von uns je an dieser Möglichkeit\nvor der Umgebung des Dichters George gezweifelt? Man entgegnet uns, dass\nder gefundene Sinn hier überraschend und unbeabsichtigt sei. Um so schlimmer;\ndenn der öffentliche Sprecher ist das verantwortlichste Wesen. Man sagt uns,\ndass die Sprache erst den Sinn im Leser und Hörer bilde; und dass der edle\nAusdruck der Form untrennbar von einem edlen Inhalt sei: Sehr richtig!\nLegen wir Rechenschaft ab, wofür die Ausdrucksform dieser Dichter ein in-\nneres Zeichen ist. Eine so abgetane, spezialistisch verweste und kleine lite-\nrarische Provinzangelegenheit gegenüber jeder Weltdichtung heute auch die\nGedichte des George-Kreises sein mögen: Das haben wir doch schon lang\ngewusst, dass die Verse des Meisters George selbst nur die Schulung, die Organi-\nsation, die Herzlosigkeit und den Musiktakt einer uns wohlbekannten Ge-\nsinnung darstellten, den Zwang, die Vergewaltigung der Menschheit und den\nhochmütigen Hass, selbst in der Idylle noch. Wer von uns den Blick hundert\nJahre voraus einstellte, der hat es gewusst, dass nicht Dilettanten, sondern\nein Dichter in dichterischen Formen das Manometerzeichen des bourgeoisesten\nWeltimperialismus war. Diesen Imperialismus gibt es heute nicht mehr. Und\nnun mögen die Dichter, die jener Epoche angehörten, den Mund halten. Mögen\nsie endlich offen in die Reklamebureaus der imperialistischen Warenhäuser ein-\ntreten, die uns diesen Krieg geliefert haben. Dort ist ihr Platz, als Preistitel-\nschreiber für Massengrabsteine, als Drogenverkäufer von echtem Aasgeruch,\nund als Schmuckhändler an den Leibern ihrer Mitmenschen."}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3170, "texte": "Meta.\nCarl Sternheim:\nEine Erzählung (Leipzig, Kurt Wolff, Verlag).\nDass Carl Sternheim lebt und existiert, dessen müssen wir uns tief freuen.\nDas ist in der Literatur der Mann mit dem bohrendsten Blick für Fassade,\nAttrappe, Cache, und mit der festesten, erhabensten Gläubigkeit an den Men-\nschen. Er schaut Personen an, und in Explosion fliegt Angesetztes, bequem\nGeerbtes, umständlich Vorgetäuschtes. Frei wird der Menschenkern, das kleine,\nschimmernde, zitternde Licht des Menschen, das zu allem Licht will. Die Ge-\nsellschaft und jede Lagerung der Gesellschaft ist für Sternheim nur da, um in ihr\ndas Ziel der Unabhängigkeit, der Beugungslosigkeit, der Freiheit zu lehren.\nEr ist der erste politische Dichter in heutiger deutscher Sprache. Die Unmittel-\nbarkeit, die Absolutheit des dichterischen Vordringens zur menschenhaften\nAktion seiner Figuren macht, dass Sternheim der klassische Dichter der Frei-\nheit ist.(Das hat Sternheim zum ersten Male der neuen deutschen Dichtung\nverliehen: den Sinn des Standpunktes; die Heiligkeit des Inhalts. Werke von\nder handelnd enthüllenden Unmittelbarkeit seines Schauspiels „1913\" oder die\nKühnheit und politische Voraussage im absoluten Bekennntnistum des Dramas\n„Tabula rasa\" kannten die Deutschen bisher nicht!)\nEr hängt gar nicht mehr von der Kenntnis eines bestimmten Milieus ab.\nAuch nicht von der umschreibenden Erklärung des Psychologischen. Er ist\ndirekt. Sein Wissen vom Absoluten des Menschdaseins ist so vollkommen,\ndass er mit gleicher Einzelkraft in jede Schicht hineingreifen kann (Typus des\nklassischen Dichters). Meta ist ein Dienstmädchen. Man lese, was Sternheim\nvon diesem Menschwesen sagt: „Zum Denken der Kopf, die Beine zum\nSchreiten. Zwischen Hals und Hüfte ist der Rumpf, Sitz der Organe, die uns\ndas Himmlische vermitteln: durch Lungen und Herz den Odem Gottes, aus dem\nwir leben.\" Diese ungeheure, einfache Wahrheit, die den Menschen als ein\nGeschöpf des Willens hinstellt wer hat das bisher gekonnt? Er ist Klassiker\n(das heisst: einer der neue Normen gibt) auch in der Anschauung, in der\nschöpferischen Anschauung des Menschen als Geistwesen.\nDas Dienstmädchen Meta verliert ihren Bräutigam im Kriege. Sternheim\nlässt sie aus dem Zusammenbruch hervorgehen mit ihrer eigenen Schöpfung im\nHirn, der Fiktion von dem Idealbräutigam. (Wie in einer andern Novelle den\nKoch Napoleon mit dem Idealbild der gestorbenen Tänzerin.) Ihr Willenswesen\nentfaltet sich stets im Dienstmädchenhorizont. Aus ihm beginnt sie ihre\nUmwelt zu beherrschen. Überlegene Unversöhnlichkeit gegen die Gesellschaft.\nSie endet als die bewusste und, nach allen ihren Kräften, hoch menschenwürdige\nRevolutionärin eines Altfrauenhauses. „Meta wie Jugend, Sturm und himm-\nlische Überredung fuhr in sie. Rollte ihnen den Film des Lebens zurück, wies\ndie häufigen Höhen und zeigte einer jeden an der entsprechenden Stelle ihre\nganz unvergleichliche, irdische Wirksamkeit.\" Diese sind die Schlussworte\nMetas:,, Ihr seid nicht stolz genug auf euch, ihr klösterlichen Weiber. Mir gefällt\nnicht die Demut, das Bedauern eigener Unzulänglichkeit und nicht Unter-\nwerfung unter hohe, unumstössliche Vorschrift. Schönste, irdische Wirklich-"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2987, "texte": "keit bin ich mir selbst, und auch vor meinen Herrn will ich einst so treten, dass\ner mich als das Höchstpersönliche erkennt, welches er, von aller Menschheit\nstreng unterschieden, einst schuf, und das er „Meta\" nannte.\" Sternheim,\nunerbittlicher Enthüller aller Verwelkung, ist der optimistischeste Lehrer der\nwahren Menschenliebe und des Vertrauens zu den Kräften jedes Menschen-\nwesens aus dem Geiste. Ein Händedruck dem Kameraden der neuen Zeit, diesem\nDichter der neuen Geistliebe.\n\nDer Kellner.\nLeonhard Frank:\nErzählung (in Nr. 11. Jahrg. 1916 der Zeitschrift „Die Weissen Blätter\",\nherausgegeben von Rene Schickele, Verlag Rascher & Cie., Zürich).\nVon grösstem Mut, schöner Besonnenheit, höchster Anständigkeit der Ge-\nsinnung. Keine Erzählung. Die Erzählung (mit den Mitteln der psychologischen\nLiteratur) ist nur Vorwand. Ein Kellner verliert seinen Sohn, für dessen Er-\nziehung er die Lebensarbeit leistet, durch den Krieg.\nEr wird der Führer der Friedensrevolution. Symbolistisch gemeint: der\nKellner ist kein Individuum, sondern nur Einer von den vielen. Das Hauptstück\nder Arbeit ist die grosse Rede des Kellners in der Arbeiterversammlung. Daraus\nein paar Sätze: „Es gibt heute in Europa keinen Menschen mehr, der nicht ein\nMörder ist! Nicht der Engländer, Franzose, Russe, und für diese nicht der\nDeutsche, sondern in uns selbst ist der Feind. ... Das Nichtvorhandensein der\nLiebe ist der Feind und die Ursache aller Kriege. Ganz Europa weint, weil ganz\nEuropa nicht mehr lieben kann. Ganz Europa ist wahnsinnig, weil es nicht mehr\nlieben kann ....\n„Wir dürfen uns nicht länger belügen und sagen: der Zar, der Kaiser,\nder Engländer ist schuld.\" Robert legte langsam die Hand mit der Serviette\nan die Brust: „Ich bin schuld. Und du bist schuld. Und du und du, nicht mehr\nund nicht weniger als der Zar, der Engländer, der Kaiser und der Milliardär.\nDenn auch die nur hatten, ebenso wie wir, die Liebe vergessen....\nUnd jetzt wisset: die Liebe trägt in sich ein hartes Gebot. Die Liebe sagt:\nwer nicht liebt, ist schuldig und böse und soll weichen, damit der Liebe auf Erden\nkeine Schranken mehr gesetzt werden können. Wir wollen fallen und sterben\ndafür, dass der Liebe die Regierung Europas übergeben werde.\"\nDie Absicht der Erzählung ist, den Leser, jeden Leser, so weit zu bringen,\ndass er in ähnlicher Lage Ähnliches aus sich heraus sage. Grosse und edle Ab-\nsicht: das vollkommene Bewusstsein des Zieles des Erzählens, das mehr ist und\nhöher steht als das Erzählen selber!\nHier stehen also die Dichter Sternheim und Frank. Und drüben, auf der\nandern Seite, wer steht da? Namen, die es gar nicht gibt, und die je nach\nder Parole alles Gewünschte bedichten. Dann die Schar der geistig Feigen,\nUnentschlossenen, Unsicheren, der Problemdichter; die sich nicht entscheiden\nwollen und ihre Direktionslosigkeit für ein interessantes Thema halten. Und\nzuletzt die alten berühmten Herren, die längst nur noch bei den Depeschensälen\nder illustrierten Zeitungen in Achtung stehen."}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2889, "texte": "Wir wissen heute: Wäre nicht manches Ereignis anders ausgegangen, als es\nberechnet wurde, eine ganze Welt würde mit höhnischem Grinsen die Ermor-\ndung des neuen Geistes in seiner Generation, und den Sieg des Alters feiern!\n\nDie drei Sprünge des Wang=Lun.\nAlfred Döblin:\nRoman. (S. Fischer, Verlag, Berlin.)\nDas Buch des bisher unbekannten Döblin gehört zur Weltliteratur. Mit\neinem einzigen Ansprung bricht Döblin durch die lokalen, psychologischen\noder kulturellen Sonderprobleme des deutschen Romanschrifttums der ver-\ngangenen neunzig Jahre, und gibt sich menschenwürdigen und geistigen Zielen\nvon höchster Intensität hin. Döblins Buch ist die vollkommenste Roman-\nschöpfung, wirkliche Schöpfung, die in deutscher Sprache seit dem Tode der\ngrossen Dichter geschrieben wurde. Döblins Buch ist eines des vollendetsten\nSprachkunstwerke, die die deutsche Literatur besitzt.\nDie vergangene Epoche des Impressionismus, der Willenlosigkeit, des\nberuhigten Relativismus: der Ungeistigkeit! hatte nur auf diese beiden\nUrteile „Roman\" und „Kunstwerk\" Wert gelegt. Aber würde nichts anderes\nvom Werke Döblins zu sagen sein, so wäre es nie zu seiner schöpferischen,\numwälzenden Wirkung der Vollkommenheit gelangt. Das Buch ist, über\nErzählung und Kunst hinaus, das bedeutendste religiöse Werk, das seit Jahren\nin Europa veröffentlicht wurde. Das Buch ist zuletzt das einzige revolutionäre\nWerk der europäischen Literatur, Vernichtung und tiefste Neuzeugung in der\nZusammenfassung aller neuschaffenden Kräfte aus dem Geist, der Inspiration,\ndiktiert vom Wissen um einen absoluten Weltsinn. Seit Tolstois Tode war\nniemand da, der solche Konzeption zu bilden gewagt hätte.\nIch treibe nicht Kunstkritik, sondern ich zeichne die heute mögliche Äus-\nserung des Geistigen in der Welt auf. Die grosse revolutionär-religiöse Schöpfung\nDöblins ist ein Roman; der Roman spielt in China. Vorgang: Der Aufstieg\neines ganz einfachen Menschen bis zum inspirierten Geschöpfe Gottes in voller\nBewusstheit seines religiösen Dienstes; und bis zum Führer einer wirklichen\nungeheuren Volksrevolution aus dem Geiste, an der Millionen teilnehmen.\nNachschlagen in einem Geschichtwerk erwies mir, dass diese Revolution in China\nwirklich stattgefunden hat, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Döblins\nBuch ist aber kein „historischer Roman;\" davor schützte es die historische\nAusserzeitlichkeit, die für unsere Augen das innere Leben Chinas hat. Das\ngeschichtliche Faktum ist für Döblin nur der Punkt, an dem selbstständige,\nin sich lebende Schöpfung mit der wahrnehmbaren Wirklichkeit sich kreuzt\nund zu einem in die wirkliche Welt hinauswirkenden Gebilde wird. Aber die\nRomanmässigkeit der Döblinschen Dichtung ist nur der Untergrund, auf dem\nsich ein Schöpfungsplan zum aktiven Handeln des Menschen aus dem Geistigen\nerhebt. Aus diesem Buch bricht Wissen um eine höhere Weltordnung und\nder verantwortliche Wille zu ihr."}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2939, "texte": "Biologie unserer Zeit\nG. G. Nicolai:\nkönnten die wunderbaren Aufsätze dieses unvoreingenommensten aller Biologen\nheissen, die fortlaufend in der Zeitschrift Die Aktion (herausgegeben von Franz\nPfemfert, Berlin-Wilmersdorf) erscheinen.\nDas Verfahren Nicolais ist vorbildlich. Er geht bis an die äusserste Grenze\nvon Konsequenzen der exakten Tatsachenforschung in der Biologie, und er\nstellt überall fest, wo jenseits dieser Grenze das Selbständigkeitsgebiet des\nMenschen beginnt. So kommt er, von ganz anderer Seite her als wir, zu den\nerhabensten Formulierungen der kommenden neuen Zeit, einer Epoche der\nGeistigen.\nUnwiderleglich starke Kapitel sind da, der Abschnitt: „Rasse\", die Er-\nörterung „Heimatsliebe\", zu denen man die Aktion beglückwünschen muss.\nHier eine zwingende Schlussfolgerung aus dem Teil „FreiheitundNatur-\nzwang (Nr. 41 /42 der Aktion):\n„In dem kleinen Menschenhirn wurde die ganze „Schöpfung\" nachgedacht\nund nachgemacht, und die dadurch erlangte Freiheit hat bewirkt, dass wir „im\neigenen Gesetz leben\". Deshalb ist Menschenhandlung etwas\nanderesalsNaturgeschehen, und deshalb haben wir den zwischen-\nmenschlichen Kampf nicht hinzunehmen wie ein Erdbeben. Wenn es selbst wahr\nwäre was, wie schon gezeigt, nicht wahr ist dass er die einzige Losung\nder Natur sei, für uns würde dieser „Naturzwang\" doch nicht existieren.\nDer Kampf ums Dasein ist niemals Entschuldigung und nicht einmal Analogon.\nJedenfalls darf der Glaube an die Freiheit und AllmachtdesGeistes\nnicht verloren gehen, und auch heute müssen alle, die auf irgendeine Besserung\nhoffen, im Innersten überzeugt sein, dass der Geist, das Wort mäch-\ntig e r sei als die reale Wirklichkeit.\nVor allem gilt dies für die heute so verloren scheinenden unzeitgemässen\n„Schwärmer\". Man hat etwas spöttisch von ihnen gesagt, wenn diese paar Männ-\nlein den „Naturzwang\" bekämpfen wollen, so wäre das, wie wenn ein kleiner\nHund eine dahinjagende Schnellzugslokomotive ankläffte. Die führe über ihn\nhinweg, ohne es auch nur zu merken. Gewiss, denn der Hund verfügt höchstens\nüber ein Millionstel jener lebendigen Kraft, die der Schnellzug in sich trägt;\nund wenn der Mensch nichts anderes könnte, als seinen Körper dem drohenden\nUnheil entgegenwerfen, so wäre es auch mit seiner Macht nicht weit her.\nAber des Menschen Wille ist nicht gebunden an die Kraft, die ihm sein\nKörper zur Verfügung stellt, sondern er hat die Fähigkeit, fast beliebige Kräfte\nauszulösen. Man bedenke: Eine gelockerte Schienenschraube und die ganze,\nstolze Schnellzugslokomotive liegt im Staub. Das kann kein Hund, aber das\nkann ein Mensch.\nDie energetische Betrachtung versagt, wo es sich um gegenseitige Beein-\nflussung von Menschen handelt. Wir wissen nur, dass ein Wort unendlich viel\nvermag.\nChristus und Darwin, Luther und Voltaire haben solche Kunst der Worte\ngekannt und waren ihrer Zeit ein zündender Blitz, der die aufgespeicherten\nEnergiemassen einer ganzen Welt in Bewegung setzte.\""}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3122, "texte": "Bühne der Geistigen.\nWir, die uns unter die Führung des Geistes stellen für die Welt, nehmen\nMaler und Dichter nicht als Eigenkünstler, sondern als elementare Blicke und\nMünder zur Weisung unserer Menschlichkeit. Dass Maler mit Bildern Barri-\nkaden bauen und Dichter in die Politik greifen: Darin fühlt man sich leiden-\nschaftlich bestätigt durch des Dichters Walter Hasenclever Aufruf:\n„Das Theater von morge n\". (In drei Nummern vom Mai 1916 der\nSchaubühne; diese Zeitschrift trat während des Krieges in schwankender\nHaltung nach einem unerkennbaren Gesetz für höchst Anständiges\naus menschlichstem Munde ein, aber auch der geistfernste Dünkel und die\nphilosophisch verkleidete Beschränktheit aus der Feder von Konjunktur-\nschreibern durfte breiten Raum beanspruchen.) Hasenclever: Ein Kamerad, der\ndie Änderung der Welt durch den Strahlendruck des Geistigen selbst für die\nSphäre der verfettetsten Wirksamkeit erstrebt, fürs Theater.\nEr sagt nichts Neues. Zu jedem Anbruch der geistigen Entscheidung\neiner neuen Epoche erging noch eine Proklamation fürs Theater des Geistes.\nHasenclever, diesmal, sagt es nur neugelebt, in unseren Worten.\nDie Voraussetzung: dass das Theater wirkt; und die konsequente For-\nderung: dass es wirken soll. Sein Inhalt soll wirken. Nur Inhalt wirkt. Doch\njeder Inhalt, der wirkenswert ist, muss vom Theater zur Wirkung gebracht\nwerden. Hasenclevers Fundamentalforderung, seine Szene, weit übers Tech-\nnische hinausgreifend (und klopft hier nicht jedem Wissenden das Blut froh!):\n„Äusserste Beschränkung des Theaters an organischer und unorganischer\nNatur.\" Seine Regie: „Die Bühne werde Ausdruck, nicht Spiel!\" Sein Re-\npertoire: „Bühne für Kunst, Politik und Philosophie.\" Endlich! Die Bühne\nwieder als Inhalt. Wie gut und heilend. Die Bühne ein Raum für den Menschen\nals Geistwesen. Der Dichter schöpft endlich wieder Mut, er steht draussen, auf\neinem Punkt ausserhalb, den Rücken gelehnt an die ungeheure Himmelswand\ndes Absoluten, und er hebt manche Erde aus den Angeln; er hat wieder Mut, er\nweiss und sagt es von sich (bescheiden, doch ist dabei das Ungeheuerste, Um-\nfassendste der Menschlichkeit gesagt): Ich bin der politische Dichter. Wieder.\nIhm wird endlich seine Bühne. Dabei ist Hasenclevers Bühne nicht eine\nSpur sandalenhaft, langhaarig, vegetarisch, temperenzisch, wagnerianisch,\nfeierlich, hehr, violett. Nicht im geringsten. Wie alle elementaren Dinge unserer\nMenschlichkeit steht sie mit ausserordentlicher Selbstverständlichkeit da. Vor\nallem: Sie schmeisst den Mimofatzke heraus, diesen blaurasierten, bäuchigen\nKerl mit hässlicher Haut, gemeinem Blut und mit einem Monumentalölkopf.\nDer Bühnenmensch hat gleich uns zu sein. Gleichartig uns! (Mindestens.)\nImmer wieder am Beginn einer produktiven Zeit muss diese Forderung erhoben\nwerden. Verschweinung der Bühne in mittleren Epochen ist kein Beweis für\ndie Erforderlichkeit der Verschweinung.\nMan denke aber an dies: das Programm des Aufsatzes ist nicht eine der\nvielen Theaterunzufriedenheiten, die schliesslich alle nur Unzufriedenheit mit\ndem Mangel der Bühne an Illusion sind. Hier geht es nicht mehr um Illusion."}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.25", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3035, "texte": "Es geht um ethische Expression. Nichts anderes als das wiedererwachte Schöpfer-\ngefühl der Menschheit wünschen wir auch da zu sehen, wo Tausende im Zu-\nschauerraum sitzen.\nDer Zuschauer geht ins Theater, um vom Geist, der die Erde formt, geführt\nzu werden. Das Theater ein Geisteshaus. Die Schaubühne eine politische An-\nstalt! Die Bühne und ihr Schauspieler haben uns Antwort zu geben wie das\nDrama, um dessentwillen sie da sind! auf unsere Lebensfrage: Was sollen\nwir tun?\nHier Worte Hasenclevers:\n„Es kann und es wird, es muss eine neue Bühne entstehen, deren geistiges\nZiel aufbauen möge, was allzuviele Materie zerstört.\"\n„Eine Bühne, die sich aus dem Fond staatlicher, städtischer oder privater\nSubventionen sonderte und in der Geschichte des Theaters einen Stil erstrebte,\nblieb meist das Vabanque-Spiel von einem oder mehreren Interessierten. Dies\nwaren bei weitem nicht immer Leute geistigen Schlages, und es folgte die unum-\nstössliche Diskrepanz, sobald die Kunst der Darstellung sich mit den übrigen\nKünsten zu jenem Dualismus verband, den man schlechthin „Theater\" nannte.\nVerschärft wurde dieser Zwiespalt durch das Hinzutreten einer Reihe von\nStoffen, deren widerstrebendster, weil lebendigster, in der Person des Schau-\nspielers gesehen werden muss.\"\n„Auf der Bühne ist die rigorose Entfernung aller Idioten durchzusetzen,\nund ernsthaft wird die Erwägung, ob nicht der Dichter (als Schöpfer des dra-\nmatischen Vorgangs), der Literat und der Maler, der Philosoph, der Satiriker:\nalle Benachbarten im gleichen Reich der Ideen auch die Metamorphose des\nGedankens in das Theater vollbringen könnten, selbst bei zugegebener Unzu-\nlänglichkeit in der Durchführung realistischer Gewalten und was wäre am\nEnde sehenswerter: ein Geist, welcher die Darstellung verführt, oder eine Dar-\nstellung, welche den Geist vergewaltigt?\"\n„Man lehne ab, den Begriff des Statisten, nicht einmal als soziale Erwerbs-\nquelle, länger zu dulden. Die äusserste Beschränkung des Theaters an organi-\nscher und unorganischer Natur!\"\n„Wir leugnen, dass die Herbeiführung eines zweiten Zustands, dieser ver-\nhängnisvolle Irrtum: das Spiel ergänze und rufe die Dichtung ins Dasein, Auf-\ngabe der neuen Bühne sei. Alle Prinzipien für die Darstellung liegen immanent\nin der Dichtung selber. Es wäre nur ein Beweis gegen sie, müsste sie, um\nWirkung zu tun, erst „inszeniert\" werden. Diese Überschätzung eines sekun-\ndären Aktes der Schöpfung, die sich materialisiert, um durch die eigentümlichen\nFormen der menschlichen Wahrnehmung musisch begriffen zu werden, dieser\nkonstruktive, gar nicht wirkliche Konflikt zwischen Geist und Leben, wobei\nstets das Leben unter seinem Jockey das Rennen gewann die Sünde gegen\nden heiligen Geist aller Dichter und Philosophen ist nirgends so verbreitet als in\nden Köpfen der heutigen Theaterwelt.\"\n„Lasst uns der Gewohnheit entsagen, Wald müsse rauschen und Blitz müsse\ndonnern; was wäre ein Theater, das nicht hiesse: Änderung der vorhandenen\nWelt! Lasst uns, oh Freunde, glauben, dass die Morgenröte der Dichter nicht"}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.26", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1815, "texte": "mehr mit der Sonne einer noch so begabten Kulisse verhunzt werden kann.\nDa wir das Unmögliche durch das Mögliche nicht darzustellen vermögen, lasst\nuns wenigstens verzichten auf jede Möglichkeit. Was unvollkommen dem einen\nSinne sich bietet, ersetzt es durch die komplementäre Figur. Stellt keine Bäume\nmehr auf: schafft Lichter und Schatten; staffiert kein Gespenst mehr: ergreifet\nMusik! Konzentriert euch in kleinste Räume auf wenigste Menschen; wo Per-\nspektiven euch mangeln, erlernet den Tanz.\nWir werden, auch ohne den Verrat von Bärten und Bäuchen, unser Antlitz\nvergeistigen zum Bilde der Welt. Kein Sturz von Millionen wird unsern Kurs\nentscheiden; der kleinste Aufwand beschwört die grösste Kraft. Ja, wir werden\ndieses Theater am Rande Europas gründen, und die Toga des toten Cäsars im\nTriumph zu unsern Häuptern schwingend, setzen wir die Inschrift:\nBühne für Kunst, Politik und Philosophie.\n„ Ich glaube, eine Zeit ist gekommen, die wieder an Stelle der Beschaulich-\nkeit das Inkrafttreten all ihrer geistigen Instinkte setzt. Ich glaube, sagen zu\ndürfen, dass die Bühne als Brennpunkt, als belichtetes Negativ dieser, durch die\nLangsamkeit unsres Planeten auf vielen Gebieten retardierten Bewegung\ngradezu entstehen müsste: ein vollendeter Komplex, eine unwiderrufliche Ein-\nheit der willentlichen Energien, welche ihre Umwandlung in die positive Wirk-\nlichkeit noch nicht erlangt hätten. Die Philosophie als höchste Verständigung\nim Reiche des Denkens aktivierte sich zu einem Gesetze des Handelns, in welchem\nKunst und Politik, dem tätigen Geist der Menschheit am nächsten, nicht mehr\nihre Diener, sondern ihre Schwestern geworden sind. Hier tritt die Bühne als\nMedium zwischen Philosophie und Leben; Vermittlerin der ersten und heiligen\nEkstasen, schwebe sie helfend und wirkend über ihnen allen!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c008", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "14", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.7.1", "titre_corps": "Der ehrliche Gegner.", "titre_sommaire": "Der ehrliche Gegner.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.16", "debut_caractere": 35, "fin_caractere_exclue": 1298, "texte": "Der ehrliche Gegner.\nImmer wieder findet man, dass Leute, die sich eigentlich um Besseres zu\nkümmern hätten, von irgendeinem aufgetakelten Drecklümmel Aufhebens\nmachen; irgendeinen niederträchtigen, nur gerade in Macht oder Aufsehen\nstehenden Schweisskerl rühmen. Sie nennen gewöhnlich den anderen den\nehrlichen Gegner.\nWenn ein Unsicherer oder ein Verräter uns in den Rücken fällt und mit den\nFeinden paktiert, dann versucht er das mit der Begründung zu entschuldigen,\ndass der ehrliche Gegner zu achten sei.\nAber der „ehrliche Gegner\" ist immer ein Schuft.\nDenn ist er ein ehrlicher Gegner, so sucht er euch auf dem schnellsten\nWege zu beseitigen; und da ihr das Gute wollt, so kann euer Feind doch nur\nein Genosse des Schlimmsten sein.\nSucht euch aber der Gegner nicht zu beseitigen, so will er euch benutzen.\nEr ist also ein unehrlicher Gegner. Und der unehrliche Gegner ist immer ein\nMann des Hinterhalts. Wäre der Gegner irgendwo achtenswert, anerkennens-\nwert, so könnte er das nur, indem er seine Macht-, Erfolgs- und Relativitäts-\neinstellung zur Welt aufgibt und die eure annimmt, die geistig ist und der Idee\nfolgt.\nOder ihr gebt eure Sache auf, und folgt dem Gegner.\nEs gibt nur eins von beiden.\nBis dahin ist der Gegner ein Schuft oder ein Ausspäher."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c009", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "17", "image_debut": 16, "image_fin": 19, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.7.2", "titre_corps": "Bläţer für die Kunst.", "titre_sommaire": "Bläţer für die Kunst.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.16", "debut_caractere": 1300, "fin_caractere_exclue": 1990, "texte": "Bläţer für die Kunst.\nDas edle Herz Romain Rollands hat in dem Menschlichkeitsbuche Auctessus\ncte tu mätåe nicht allein alle stimmen zu hören gesucht, die sich gegen den\nKrieg erhoben, sondern Rolland bat auch um die Achtung der Welt für alle,\ndie sich in Trotz oder Trauer mit bewusstem schweigen fernhielten. Er nannte\nals solchen schweigenden Gegner des Krieges die Blätter jiir die Kunst, jene\nsammelveröffentlichung wie man weiss, der Freunde des Dichters Stefan George.\nEineganze Generation von Deutschen wurde im Kunstdenlcen Georges\nerzogen, und wo seit l900 im deutschen schrifttum künstlerisch geglückte\nBeschreibung und edel geschulte Bildungssprache auftauchen, stehen sie unter"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2639, "texte": "dem Eindruck Georges Romain Rolland, wie jeder wirklich grossmütige\nMensch, nimmtim vorhinein an, dass eine erhobene Sprache nur aus einer\nerhobenen Menschlichkeityikommen kann. Wär es nicht schön, zu finden, dass\neinmal wenigstens die sprachformer einer Nation für die Menschheit fühlten?\nDas würde die Erde ihren Kündern in ewiger Dankbarkeit gedenken. Denn\nseit dieser Krieg herrscht, haben die Dichter von Namen uns Mitmenschen\nim Stich gelassen, sie haben sich von der Attitüde plumpster Monumental-\nrepresentation treiben lassen, und sie wetteiferten mit den Maschinen, um\nden Todeskrampf der Völkergewaltsamer noch zu Stacheln.\nAber wir, in unserer höchsten Not, wir müssen endlich einmal das Dichter-\nwort anschauen, ob es Rückgrat der einfachsten, unumgänglichsten Menschlich-\nkeit ist. - -\nDer einzige Band, der während des Krieges erschien, der vom Ende des\nJahres l9l4, sei geöffnetbei einem Verszyclus, der den auffallenden Titel\n,,8taatsgedichte« trägt. \"\nDa steht: .\nDas Menschenmist, das deutsches Wesen schafft\nGeduldig bis zur Trägheit, schwer 12or Fülle,\nUnscheinbar hinter Zucht und Wucht und Hülle,\n. Bricht nun aus dem bedrohten Herd als Kraft,\n« — Die alle schlucken auswirft und »erschweisst. «\nG Volk, geprüft, durch Feind und eigne schänden ·\nGeheimerKern und Ausbund aller Länder,\n- Wie bist du wieder Erz und Glut und Kraft! «\nAlso ganz simple alldeutsch-treitschkeartige chamberlainhafte Kriegslyrik\n(ohne Angabe des Verfassers, wie alle Beiträge des Bandes)\n« Man fragt, wer sind die ,,eignen schänden« des deutschen Volkes. Der\nnamenlose Dichter gibt an einer andern stelle Auskunft. Er sagt in, von ihm\ngesetzten, höhnischen Anführungszeichen:\n,,lst’s nicht die Pflicht der Seher und der Fürsten\nGeduld zu haben mit dem untern Dürsten, «\nDen Tisch zu öffnen für die dumpfen Haufen, e\nDie sich um Brot mit heftigen Armen raufen,\nGezeugt durch Not; dass» Zahl die Not 12ermehre: s\nDie« Ausgeburten gnadenloser Nächte,\nDie» für uns frohnden in dem Qualm der« schächte?«\nDieser Dichter meint also: nein, das sei nicht Pflicht- Doch er ist zudem\nfalsch informiert. Er will offenbar den Demokratismus treffen. Aber die\nvon ihm genannte Forderung, nämlich die Gnade, dass Minister und Fürsten\n,,Geduld« mit dem Unterdrückten haben und ihm geschenkweise den ,,Tisch\nöffnen« mögen, also das Leben geschenkweise gewähren mögen: Dieses\nkindliche Programm wagt nicht einmal mehr der bösartigste agrarkonser-\nvative Politiker auszudenken. selbst der ärgste ldiot weiss, dass die aller-\ngeringste Forderung Geschenke abzulehnen hat und mit dem Begriff«,,Rechte««s\nbeginnt. Nur der ,,Dichter« darf bei uns ahnungslos sein!"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.19", "debut_caractere": 3, "fin_caractere_exclue": 2978, "texte": "Aber der Staats-Rhapsode der „Blätter für die Kunst\" findet auch die von\nihm zitierte Forderung (die ihm doch nur ein Spassvogel als Volkswunsch\nangegeben haben kann) noch abscheulich. Er sagt:\nDie Gnade strömt nicht nach Bedarf und Zwecke\nWas kennt ihr sonst? zur Atzung hohler Magen;\nSie schafft das Heil; doch lindert keine Plagen.\nDas heisst: Der Antrag auf Linderung der „Plagen\" durch „Atzung\" (wie\nmenschlich ausgedrückt!) „hohler Magen\", selbst vermittelst irgendeiner\n„Gnade\" wird von dem georgeschen Anonymus abgelehnt.\nIndessen spricht dieser Dichtersmann auch kaltlächelnd aus, was im ganzen\nkriegführenden Europa niemand laut zu sagen gewagt hat, einen Wunsch, den\nstets jede kriegführende Macht der ihr feindlichen zugeschoben hat.\nEr dichtet frohen Herzens davon, wie der Krieg alle Träger volkshafter Ideen\nbeseitige :\nNun fegt der Fluch sie wie verwelkte Blätter\nIn Not und Kot: Ihr Schreien „macht uns satter\"\nIst kein Gebet, das den Erlöser wecke.\nDer politische Versemacher der Blätter für die Kunst nenne sich. Er ist\nuns allen Verantwortung schuldig. Wenn öffentliche Äusserung überhaupt\nnoch einen Sinn hat, dann hat dieser zeitgemässe Dichter nichts anders getan,\nals einen Aufruf in Versen erlassen, die Ansage einer durch den Krieg unter-\nstützten Bartholomäusnacht zur Ermordung aller Kameraden der Freiheit.\nAber, Ihr, meine Freunde, hat denn einer von uns je an dieser Möglichkeit\nvor der Umgebung des Dichters George gezweifelt? Man entgegnet uns, dass\nder gefundene Sinn hier überraschend und unbeabsichtigt sei. Um so schlimmer;\ndenn der öffentliche Sprecher ist das verantwortlichste Wesen. Man sagt uns,\ndass die Sprache erst den Sinn im Leser und Hörer bilde; und dass der edle\nAusdruck der Form untrennbar von einem edlen Inhalt sei: Sehr richtig!\nLegen wir Rechenschaft ab, wofür die Ausdrucksform dieser Dichter ein in-\nneres Zeichen ist. Eine so abgetane, spezialistisch verweste und kleine lite-\nrarische Provinzangelegenheit gegenüber jeder Weltdichtung heute auch die\nGedichte des George-Kreises sein mögen: Das haben wir doch schon lang\ngewusst, dass die Verse des Meisters George selbst nur die Schulung, die Organi-\nsation, die Herzlosigkeit und den Musiktakt einer uns wohlbekannten Ge-\nsinnung darstellten, den Zwang, die Vergewaltigung der Menschheit und den\nhochmütigen Hass, selbst in der Idylle noch. Wer von uns den Blick hundert\nJahre voraus einstellte, der hat es gewusst, dass nicht Dilettanten, sondern\nein Dichter in dichterischen Formen das Manometerzeichen des bourgeoisesten\nWeltimperialismus war. Diesen Imperialismus gibt es heute nicht mehr. Und\nnun mögen die Dichter, die jener Epoche angehörten, den Mund halten. Mögen\nsie endlich offen in die Reklamebureaus der imperialistischen Warenhäuser ein-\ntreten, die uns diesen Krieg geliefert haben. Dort ist ihr Platz, als Preistitel-\nschreiber für Massengrabsteine, als Drogenverkäufer von echtem Aasgeruch,\nund als Schmuckhändler an den Leibern ihrer Mitmenschen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c010", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "18", "page_fin": "19", "image_debut": 20, "image_fin": 21, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.7.3", "titre_corps": "Meta.", "titre_sommaire": "Meta.", "signature_source": "Carl Sternheim", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 20, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3170, "texte": "Meta.\nCarl Sternheim:\nEine Erzählung (Leipzig, Kurt Wolff, Verlag).\nDass Carl Sternheim lebt und existiert, dessen müssen wir uns tief freuen.\nDas ist in der Literatur der Mann mit dem bohrendsten Blick für Fassade,\nAttrappe, Cache, und mit der festesten, erhabensten Gläubigkeit an den Men-\nschen. Er schaut Personen an, und in Explosion fliegt Angesetztes, bequem\nGeerbtes, umständlich Vorgetäuschtes. Frei wird der Menschenkern, das kleine,\nschimmernde, zitternde Licht des Menschen, das zu allem Licht will. Die Ge-\nsellschaft und jede Lagerung der Gesellschaft ist für Sternheim nur da, um in ihr\ndas Ziel der Unabhängigkeit, der Beugungslosigkeit, der Freiheit zu lehren.\nEr ist der erste politische Dichter in heutiger deutscher Sprache. Die Unmittel-\nbarkeit, die Absolutheit des dichterischen Vordringens zur menschenhaften\nAktion seiner Figuren macht, dass Sternheim der klassische Dichter der Frei-\nheit ist.(Das hat Sternheim zum ersten Male der neuen deutschen Dichtung\nverliehen: den Sinn des Standpunktes; die Heiligkeit des Inhalts. Werke von\nder handelnd enthüllenden Unmittelbarkeit seines Schauspiels „1913\" oder die\nKühnheit und politische Voraussage im absoluten Bekennntnistum des Dramas\n„Tabula rasa\" kannten die Deutschen bisher nicht!)\nEr hängt gar nicht mehr von der Kenntnis eines bestimmten Milieus ab.\nAuch nicht von der umschreibenden Erklärung des Psychologischen. Er ist\ndirekt. Sein Wissen vom Absoluten des Menschdaseins ist so vollkommen,\ndass er mit gleicher Einzelkraft in jede Schicht hineingreifen kann (Typus des\nklassischen Dichters). Meta ist ein Dienstmädchen. Man lese, was Sternheim\nvon diesem Menschwesen sagt: „Zum Denken der Kopf, die Beine zum\nSchreiten. Zwischen Hals und Hüfte ist der Rumpf, Sitz der Organe, die uns\ndas Himmlische vermitteln: durch Lungen und Herz den Odem Gottes, aus dem\nwir leben.\" Diese ungeheure, einfache Wahrheit, die den Menschen als ein\nGeschöpf des Willens hinstellt wer hat das bisher gekonnt? Er ist Klassiker\n(das heisst: einer der neue Normen gibt) auch in der Anschauung, in der\nschöpferischen Anschauung des Menschen als Geistwesen.\nDas Dienstmädchen Meta verliert ihren Bräutigam im Kriege. Sternheim\nlässt sie aus dem Zusammenbruch hervorgehen mit ihrer eigenen Schöpfung im\nHirn, der Fiktion von dem Idealbräutigam. (Wie in einer andern Novelle den\nKoch Napoleon mit dem Idealbild der gestorbenen Tänzerin.) Ihr Willenswesen\nentfaltet sich stets im Dienstmädchenhorizont. Aus ihm beginnt sie ihre\nUmwelt zu beherrschen. Überlegene Unversöhnlichkeit gegen die Gesellschaft.\nSie endet als die bewusste und, nach allen ihren Kräften, hoch menschenwürdige\nRevolutionärin eines Altfrauenhauses. „Meta wie Jugend, Sturm und himm-\nlische Überredung fuhr in sie. Rollte ihnen den Film des Lebens zurück, wies\ndie häufigen Höhen und zeigte einer jeden an der entsprechenden Stelle ihre\nganz unvergleichliche, irdische Wirksamkeit.\" Diese sind die Schlussworte\nMetas:,, Ihr seid nicht stolz genug auf euch, ihr klösterlichen Weiber. Mir gefällt\nnicht die Demut, das Bedauern eigener Unzulänglichkeit und nicht Unter-\nwerfung unter hohe, unumstössliche Vorschrift. Schönste, irdische Wirklich-"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 485, "texte": "keit bin ich mir selbst, und auch vor meinen Herrn will ich einst so treten, dass\ner mich als das Höchstpersönliche erkennt, welches er, von aller Menschheit\nstreng unterschieden, einst schuf, und das er „Meta\" nannte.\" Sternheim,\nunerbittlicher Enthüller aller Verwelkung, ist der optimistischeste Lehrer der\nwahren Menschenliebe und des Vertrauens zu den Kräften jedes Menschen-\nwesens aus dem Geiste. Ein Händedruck dem Kameraden der neuen Zeit, diesem\nDichter der neuen Geistliebe."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c011", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "19", "page_fin": "20", "image_debut": 21, "image_fin": 22, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.7.4", "titre_corps": "Der Kellner.", "titre_sommaire": "Der Kellner.", "signature_source": "Leonhard Frank", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 21, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.21", "debut_caractere": 487, "fin_caractere_exclue": 2987, "texte": "Der Kellner.\nLeonhard Frank:\nErzählung (in Nr. 11. Jahrg. 1916 der Zeitschrift „Die Weissen Blätter\",\nherausgegeben von Rene Schickele, Verlag Rascher & Cie., Zürich).\nVon grösstem Mut, schöner Besonnenheit, höchster Anständigkeit der Ge-\nsinnung. Keine Erzählung. Die Erzählung (mit den Mitteln der psychologischen\nLiteratur) ist nur Vorwand. Ein Kellner verliert seinen Sohn, für dessen Er-\nziehung er die Lebensarbeit leistet, durch den Krieg.\nEr wird der Führer der Friedensrevolution. Symbolistisch gemeint: der\nKellner ist kein Individuum, sondern nur Einer von den vielen. Das Hauptstück\nder Arbeit ist die grosse Rede des Kellners in der Arbeiterversammlung. Daraus\nein paar Sätze: „Es gibt heute in Europa keinen Menschen mehr, der nicht ein\nMörder ist! Nicht der Engländer, Franzose, Russe, und für diese nicht der\nDeutsche, sondern in uns selbst ist der Feind. ... Das Nichtvorhandensein der\nLiebe ist der Feind und die Ursache aller Kriege. Ganz Europa weint, weil ganz\nEuropa nicht mehr lieben kann. Ganz Europa ist wahnsinnig, weil es nicht mehr\nlieben kann ....\n„Wir dürfen uns nicht länger belügen und sagen: der Zar, der Kaiser,\nder Engländer ist schuld.\" Robert legte langsam die Hand mit der Serviette\nan die Brust: „Ich bin schuld. Und du bist schuld. Und du und du, nicht mehr\nund nicht weniger als der Zar, der Engländer, der Kaiser und der Milliardär.\nDenn auch die nur hatten, ebenso wie wir, die Liebe vergessen....\nUnd jetzt wisset: die Liebe trägt in sich ein hartes Gebot. Die Liebe sagt:\nwer nicht liebt, ist schuldig und böse und soll weichen, damit der Liebe auf Erden\nkeine Schranken mehr gesetzt werden können. Wir wollen fallen und sterben\ndafür, dass der Liebe die Regierung Europas übergeben werde.\"\nDie Absicht der Erzählung ist, den Leser, jeden Leser, so weit zu bringen,\ndass er in ähnlicher Lage Ähnliches aus sich heraus sage. Grosse und edle Ab-\nsicht: das vollkommene Bewusstsein des Zieles des Erzählens, das mehr ist und\nhöher steht als das Erzählen selber!\nHier stehen also die Dichter Sternheim und Frank. Und drüben, auf der\nandern Seite, wer steht da? Namen, die es gar nicht gibt, und die je nach\nder Parole alles Gewünschte bedichten. Dann die Schar der geistig Feigen,\nUnentschlossenen, Unsicheren, der Problemdichter; die sich nicht entscheiden\nwollen und ihre Direktionslosigkeit für ein interessantes Thema halten. Und\nzuletzt die alten berühmten Herren, die längst nur noch bei den Depeschensälen\nder illustrierten Zeitungen in Achtung stehen."}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 222, "texte": "Wir wissen heute: Wäre nicht manches Ereignis anders ausgegangen, als es\nberechnet wurde, eine ganze Welt würde mit höhnischem Grinsen die Ermor-\ndung des neuen Geistes in seiner Generation, und den Sieg des Alters feiern!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c012", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "20", "image_debut": 22, "image_fin": 22, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.7.5", "titre_corps": "Die drei Sprünge des Wang=Lun.", "titre_sommaire": "Die drei Sprünge des Wang=Lun.", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 22, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.22", "debut_caractere": 224, "fin_caractere_exclue": 2889, "texte": "Die drei Sprünge des Wang=Lun.\nAlfred Döblin:\nRoman. (S. Fischer, Verlag, Berlin.)\nDas Buch des bisher unbekannten Döblin gehört zur Weltliteratur. Mit\neinem einzigen Ansprung bricht Döblin durch die lokalen, psychologischen\noder kulturellen Sonderprobleme des deutschen Romanschrifttums der ver-\ngangenen neunzig Jahre, und gibt sich menschenwürdigen und geistigen Zielen\nvon höchster Intensität hin. Döblins Buch ist die vollkommenste Roman-\nschöpfung, wirkliche Schöpfung, die in deutscher Sprache seit dem Tode der\ngrossen Dichter geschrieben wurde. Döblins Buch ist eines des vollendetsten\nSprachkunstwerke, die die deutsche Literatur besitzt.\nDie vergangene Epoche des Impressionismus, der Willenlosigkeit, des\nberuhigten Relativismus: der Ungeistigkeit! hatte nur auf diese beiden\nUrteile „Roman\" und „Kunstwerk\" Wert gelegt. Aber würde nichts anderes\nvom Werke Döblins zu sagen sein, so wäre es nie zu seiner schöpferischen,\numwälzenden Wirkung der Vollkommenheit gelangt. Das Buch ist, über\nErzählung und Kunst hinaus, das bedeutendste religiöse Werk, das seit Jahren\nin Europa veröffentlicht wurde. Das Buch ist zuletzt das einzige revolutionäre\nWerk der europäischen Literatur, Vernichtung und tiefste Neuzeugung in der\nZusammenfassung aller neuschaffenden Kräfte aus dem Geist, der Inspiration,\ndiktiert vom Wissen um einen absoluten Weltsinn. Seit Tolstois Tode war\nniemand da, der solche Konzeption zu bilden gewagt hätte.\nIch treibe nicht Kunstkritik, sondern ich zeichne die heute mögliche Äus-\nserung des Geistigen in der Welt auf. Die grosse revolutionär-religiöse Schöpfung\nDöblins ist ein Roman; der Roman spielt in China. Vorgang: Der Aufstieg\neines ganz einfachen Menschen bis zum inspirierten Geschöpfe Gottes in voller\nBewusstheit seines religiösen Dienstes; und bis zum Führer einer wirklichen\nungeheuren Volksrevolution aus dem Geiste, an der Millionen teilnehmen.\nNachschlagen in einem Geschichtwerk erwies mir, dass diese Revolution in China\nwirklich stattgefunden hat, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Döblins\nBuch ist aber kein „historischer Roman;\" davor schützte es die historische\nAusserzeitlichkeit, die für unsere Augen das innere Leben Chinas hat. Das\ngeschichtliche Faktum ist für Döblin nur der Punkt, an dem selbstständige,\nin sich lebende Schöpfung mit der wahrnehmbaren Wirklichkeit sich kreuzt\nund zu einem in die wirkliche Welt hinauswirkenden Gebilde wird. Aber die\nRomanmässigkeit der Döblinschen Dichtung ist nur der Untergrund, auf dem\nsich ein Schöpfungsplan zum aktiven Handeln des Menschen aus dem Geistigen\nerhebt. Aus diesem Buch bricht Wissen um eine höhere Weltordnung und\nder verantwortliche Wille zu ihr."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c013", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "21", "page_fin": "21", "image_debut": 23, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.7.6", "titre_corps": "Biologie unserer Zeit", "titre_sommaire": "Biologie unserer Zeit", "signature_source": "G. G. Nicolai", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 23, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2939, "texte": "Biologie unserer Zeit\nG. G. Nicolai:\nkönnten die wunderbaren Aufsätze dieses unvoreingenommensten aller Biologen\nheissen, die fortlaufend in der Zeitschrift Die Aktion (herausgegeben von Franz\nPfemfert, Berlin-Wilmersdorf) erscheinen.\nDas Verfahren Nicolais ist vorbildlich. Er geht bis an die äusserste Grenze\nvon Konsequenzen der exakten Tatsachenforschung in der Biologie, und er\nstellt überall fest, wo jenseits dieser Grenze das Selbständigkeitsgebiet des\nMenschen beginnt. So kommt er, von ganz anderer Seite her als wir, zu den\nerhabensten Formulierungen der kommenden neuen Zeit, einer Epoche der\nGeistigen.\nUnwiderleglich starke Kapitel sind da, der Abschnitt: „Rasse\", die Er-\nörterung „Heimatsliebe\", zu denen man die Aktion beglückwünschen muss.\nHier eine zwingende Schlussfolgerung aus dem Teil „FreiheitundNatur-\nzwang (Nr. 41 /42 der Aktion):\n„In dem kleinen Menschenhirn wurde die ganze „Schöpfung\" nachgedacht\nund nachgemacht, und die dadurch erlangte Freiheit hat bewirkt, dass wir „im\neigenen Gesetz leben\". Deshalb ist Menschenhandlung etwas\nanderesalsNaturgeschehen, und deshalb haben wir den zwischen-\nmenschlichen Kampf nicht hinzunehmen wie ein Erdbeben. Wenn es selbst wahr\nwäre was, wie schon gezeigt, nicht wahr ist dass er die einzige Losung\nder Natur sei, für uns würde dieser „Naturzwang\" doch nicht existieren.\nDer Kampf ums Dasein ist niemals Entschuldigung und nicht einmal Analogon.\nJedenfalls darf der Glaube an die Freiheit und AllmachtdesGeistes\nnicht verloren gehen, und auch heute müssen alle, die auf irgendeine Besserung\nhoffen, im Innersten überzeugt sein, dass der Geist, das Wort mäch-\ntig e r sei als die reale Wirklichkeit.\nVor allem gilt dies für die heute so verloren scheinenden unzeitgemässen\n„Schwärmer\". Man hat etwas spöttisch von ihnen gesagt, wenn diese paar Männ-\nlein den „Naturzwang\" bekämpfen wollen, so wäre das, wie wenn ein kleiner\nHund eine dahinjagende Schnellzugslokomotive ankläffte. Die führe über ihn\nhinweg, ohne es auch nur zu merken. Gewiss, denn der Hund verfügt höchstens\nüber ein Millionstel jener lebendigen Kraft, die der Schnellzug in sich trägt;\nund wenn der Mensch nichts anderes könnte, als seinen Körper dem drohenden\nUnheil entgegenwerfen, so wäre es auch mit seiner Macht nicht weit her.\nAber des Menschen Wille ist nicht gebunden an die Kraft, die ihm sein\nKörper zur Verfügung stellt, sondern er hat die Fähigkeit, fast beliebige Kräfte\nauszulösen. Man bedenke: Eine gelockerte Schienenschraube und die ganze,\nstolze Schnellzugslokomotive liegt im Staub. Das kann kein Hund, aber das\nkann ein Mensch.\nDie energetische Betrachtung versagt, wo es sich um gegenseitige Beein-\nflussung von Menschen handelt. Wir wissen nur, dass ein Wort unendlich viel\nvermag.\nChristus und Darwin, Luther und Voltaire haben solche Kunst der Worte\ngekannt und waren ihrer Zeit ein zündender Blitz, der die aufgespeicherten\nEnergiemassen einer ganzen Welt in Bewegung setzte.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c014", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "22", "page_fin": "24", "image_debut": 24, "image_fin": 26, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.7.7", "titre_corps": "Bühne der Geistigen.", "titre_sommaire": "Bühne der Geistigen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 24, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3122, "texte": "Bühne der Geistigen.\nWir, die uns unter die Führung des Geistes stellen für die Welt, nehmen\nMaler und Dichter nicht als Eigenkünstler, sondern als elementare Blicke und\nMünder zur Weisung unserer Menschlichkeit. Dass Maler mit Bildern Barri-\nkaden bauen und Dichter in die Politik greifen: Darin fühlt man sich leiden-\nschaftlich bestätigt durch des Dichters Walter Hasenclever Aufruf:\n„Das Theater von morge n\". (In drei Nummern vom Mai 1916 der\nSchaubühne; diese Zeitschrift trat während des Krieges in schwankender\nHaltung nach einem unerkennbaren Gesetz für höchst Anständiges\naus menschlichstem Munde ein, aber auch der geistfernste Dünkel und die\nphilosophisch verkleidete Beschränktheit aus der Feder von Konjunktur-\nschreibern durfte breiten Raum beanspruchen.) Hasenclever: Ein Kamerad, der\ndie Änderung der Welt durch den Strahlendruck des Geistigen selbst für die\nSphäre der verfettetsten Wirksamkeit erstrebt, fürs Theater.\nEr sagt nichts Neues. Zu jedem Anbruch der geistigen Entscheidung\neiner neuen Epoche erging noch eine Proklamation fürs Theater des Geistes.\nHasenclever, diesmal, sagt es nur neugelebt, in unseren Worten.\nDie Voraussetzung: dass das Theater wirkt; und die konsequente For-\nderung: dass es wirken soll. Sein Inhalt soll wirken. Nur Inhalt wirkt. Doch\njeder Inhalt, der wirkenswert ist, muss vom Theater zur Wirkung gebracht\nwerden. Hasenclevers Fundamentalforderung, seine Szene, weit übers Tech-\nnische hinausgreifend (und klopft hier nicht jedem Wissenden das Blut froh!):\n„Äusserste Beschränkung des Theaters an organischer und unorganischer\nNatur.\" Seine Regie: „Die Bühne werde Ausdruck, nicht Spiel!\" Sein Re-\npertoire: „Bühne für Kunst, Politik und Philosophie.\" Endlich! Die Bühne\nwieder als Inhalt. Wie gut und heilend. Die Bühne ein Raum für den Menschen\nals Geistwesen. Der Dichter schöpft endlich wieder Mut, er steht draussen, auf\neinem Punkt ausserhalb, den Rücken gelehnt an die ungeheure Himmelswand\ndes Absoluten, und er hebt manche Erde aus den Angeln; er hat wieder Mut, er\nweiss und sagt es von sich (bescheiden, doch ist dabei das Ungeheuerste, Um-\nfassendste der Menschlichkeit gesagt): Ich bin der politische Dichter. Wieder.\nIhm wird endlich seine Bühne. Dabei ist Hasenclevers Bühne nicht eine\nSpur sandalenhaft, langhaarig, vegetarisch, temperenzisch, wagnerianisch,\nfeierlich, hehr, violett. Nicht im geringsten. Wie alle elementaren Dinge unserer\nMenschlichkeit steht sie mit ausserordentlicher Selbstverständlichkeit da. Vor\nallem: Sie schmeisst den Mimofatzke heraus, diesen blaurasierten, bäuchigen\nKerl mit hässlicher Haut, gemeinem Blut und mit einem Monumentalölkopf.\nDer Bühnenmensch hat gleich uns zu sein. Gleichartig uns! (Mindestens.)\nImmer wieder am Beginn einer produktiven Zeit muss diese Forderung erhoben\nwerden. Verschweinung der Bühne in mittleren Epochen ist kein Beweis für\ndie Erforderlichkeit der Verschweinung.\nMan denke aber an dies: das Programm des Aufsatzes ist nicht eine der\nvielen Theaterunzufriedenheiten, die schliesslich alle nur Unzufriedenheit mit\ndem Mangel der Bühne an Illusion sind. Hier geht es nicht mehr um Illusion."}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.25", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3035, "texte": "Es geht um ethische Expression. Nichts anderes als das wiedererwachte Schöpfer-\ngefühl der Menschheit wünschen wir auch da zu sehen, wo Tausende im Zu-\nschauerraum sitzen.\nDer Zuschauer geht ins Theater, um vom Geist, der die Erde formt, geführt\nzu werden. Das Theater ein Geisteshaus. Die Schaubühne eine politische An-\nstalt! Die Bühne und ihr Schauspieler haben uns Antwort zu geben wie das\nDrama, um dessentwillen sie da sind! auf unsere Lebensfrage: Was sollen\nwir tun?\nHier Worte Hasenclevers:\n„Es kann und es wird, es muss eine neue Bühne entstehen, deren geistiges\nZiel aufbauen möge, was allzuviele Materie zerstört.\"\n„Eine Bühne, die sich aus dem Fond staatlicher, städtischer oder privater\nSubventionen sonderte und in der Geschichte des Theaters einen Stil erstrebte,\nblieb meist das Vabanque-Spiel von einem oder mehreren Interessierten. Dies\nwaren bei weitem nicht immer Leute geistigen Schlages, und es folgte die unum-\nstössliche Diskrepanz, sobald die Kunst der Darstellung sich mit den übrigen\nKünsten zu jenem Dualismus verband, den man schlechthin „Theater\" nannte.\nVerschärft wurde dieser Zwiespalt durch das Hinzutreten einer Reihe von\nStoffen, deren widerstrebendster, weil lebendigster, in der Person des Schau-\nspielers gesehen werden muss.\"\n„Auf der Bühne ist die rigorose Entfernung aller Idioten durchzusetzen,\nund ernsthaft wird die Erwägung, ob nicht der Dichter (als Schöpfer des dra-\nmatischen Vorgangs), der Literat und der Maler, der Philosoph, der Satiriker:\nalle Benachbarten im gleichen Reich der Ideen auch die Metamorphose des\nGedankens in das Theater vollbringen könnten, selbst bei zugegebener Unzu-\nlänglichkeit in der Durchführung realistischer Gewalten und was wäre am\nEnde sehenswerter: ein Geist, welcher die Darstellung verführt, oder eine Dar-\nstellung, welche den Geist vergewaltigt?\"\n„Man lehne ab, den Begriff des Statisten, nicht einmal als soziale Erwerbs-\nquelle, länger zu dulden. Die äusserste Beschränkung des Theaters an organi-\nscher und unorganischer Natur!\"\n„Wir leugnen, dass die Herbeiführung eines zweiten Zustands, dieser ver-\nhängnisvolle Irrtum: das Spiel ergänze und rufe die Dichtung ins Dasein, Auf-\ngabe der neuen Bühne sei. Alle Prinzipien für die Darstellung liegen immanent\nin der Dichtung selber. Es wäre nur ein Beweis gegen sie, müsste sie, um\nWirkung zu tun, erst „inszeniert\" werden. Diese Überschätzung eines sekun-\ndären Aktes der Schöpfung, die sich materialisiert, um durch die eigentümlichen\nFormen der menschlichen Wahrnehmung musisch begriffen zu werden, dieser\nkonstruktive, gar nicht wirkliche Konflikt zwischen Geist und Leben, wobei\nstets das Leben unter seinem Jockey das Rennen gewann die Sünde gegen\nden heiligen Geist aller Dichter und Philosophen ist nirgends so verbreitet als in\nden Köpfen der heutigen Theaterwelt.\"\n„Lasst uns der Gewohnheit entsagen, Wald müsse rauschen und Blitz müsse\ndonnern; was wäre ein Theater, das nicht hiesse: Änderung der vorhandenen\nWelt! Lasst uns, oh Freunde, glauben, dass die Morgenröte der Dichter nicht"}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.26", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1815, "texte": "mehr mit der Sonne einer noch so begabten Kulisse verhunzt werden kann.\nDa wir das Unmögliche durch das Mögliche nicht darzustellen vermögen, lasst\nuns wenigstens verzichten auf jede Möglichkeit. Was unvollkommen dem einen\nSinne sich bietet, ersetzt es durch die komplementäre Figur. Stellt keine Bäume\nmehr auf: schafft Lichter und Schatten; staffiert kein Gespenst mehr: ergreifet\nMusik! Konzentriert euch in kleinste Räume auf wenigste Menschen; wo Per-\nspektiven euch mangeln, erlernet den Tanz.\nWir werden, auch ohne den Verrat von Bärten und Bäuchen, unser Antlitz\nvergeistigen zum Bilde der Welt. Kein Sturz von Millionen wird unsern Kurs\nentscheiden; der kleinste Aufwand beschwört die grösste Kraft. Ja, wir werden\ndieses Theater am Rande Europas gründen, und die Toga des toten Cäsars im\nTriumph zu unsern Häuptern schwingend, setzen wir die Inschrift:\nBühne für Kunst, Politik und Philosophie.\n„ Ich glaube, eine Zeit ist gekommen, die wieder an Stelle der Beschaulich-\nkeit das Inkrafttreten all ihrer geistigen Instinkte setzt. Ich glaube, sagen zu\ndürfen, dass die Bühne als Brennpunkt, als belichtetes Negativ dieser, durch die\nLangsamkeit unsres Planeten auf vielen Gebieten retardierten Bewegung\ngradezu entstehen müsste: ein vollendeter Komplex, eine unwiderrufliche Ein-\nheit der willentlichen Energien, welche ihre Umwandlung in die positive Wirk-\nlichkeit noch nicht erlangt hätten. Die Philosophie als höchste Verständigung\nim Reiche des Denkens aktivierte sich zu einem Gesetze des Handelns, in welchem\nKunst und Politik, dem tätigen Geist der Menschheit am nächsten, nicht mehr\nihre Diener, sondern ihre Schwestern geworden sind. Hier tritt die Bühne als\nMedium zwischen Philosophie und Leben; Vermittlerin der ersten und heiligen\nEkstasen, schwebe sie helfend und wirkend über ihnen allen!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c015", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "15", "page_fin": "15", "image_debut": 17, "image_fin": 17, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.8", "titre_corps": "HANS RICHTER: Der heilige Mitmensch Widmungsblatt an die russische Freiheit", "titre_sommaire": "HANS RICHTER: Der heilige Mitmensch Widmungsblatt an die russische Freiheit", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 17, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 75, "texte": "HANS RICHTER: Der heilige Mitmensch\nWidmungsblatt an die russische Freiheit"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-05-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-05_01#c016", "volume": "bmtnabb_1917-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "25", "image_debut": 27, "image_fin": 27, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.2.9", "titre_corps": "VERZEICHNIS:", "titre_sommaire": "VERZEICHNIS:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 27, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.27", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 409, "texte": "VERZEICHNIS:\nOrgan . . . . Seite 1\nNeuer Inhalt. . „ 2\nEuropäische Gesellschaft . . „ 6\nMitmensch» „ 10\nEin Wort von Silvio Gesell . . »13\nHANS RICHTER: Der heilige Mit-\nmensch (schwarzweisses Volksblatt) „ 15\nMenschen / Bücher / Zeitschriften: Der ehr-\nliehe Gegner. Blätter für die /Kunst. Carl Sternheim,\nMeta. Leonhard Frank, Der Kellner. Alfred Döblin, Die\ndrei Sprünge des Wang-Lun. Bühne der Geistigen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.1", "texte": "« » «» s « : :\n» »» - « « s . » «.\n, « .- -- ,\n- · , s :-.«-«k»-;,,. z. «— . · ·\n«· . « \"- »'« « »« ·«\",’ ,- .- . «\n« , ··-..., s - \" - ».- , .·« - » ·\n. « - s· . ·· · · · - I ·, « -«·, ·- : », . , , ,\n.. · «. «« E« ’ « s . ,\n· »· .- « - -.· . -;·-,», .· · «\n. «· · · - ·· » « , .- . ·· ·\n« · «· .· « «» X , «. - »· ··\n. . « x « ,\nHERAUSGEB Ekx HLUDWIGL 14iUB1NjåR«\nJJJAHIXCANI Jxunoz makes-r - 1917 »\nØPSJZS ils-F .Ø«åj9ze.s».s4 Zeno-Z odef 50 Fäzøiimex\nZEIT-E»CHO-:VERLAG-\n» BENT»EL1 p«.-0., Bllupttzspskndx UND LEXI PzsI 0-\n\nINHALT:\nORGAN / NEUER INHALT\nEUROPÄISCHE GESELLSCHAFT\nMITMENSCH\nMENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\nHANS RICHTER: SCHWARZWEISSES VOLKSBLATT"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "couv. 2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.2", "texte": "H ERAU scEBEIä«- Luowic RUBINER\n« ZURICHÆ4WVI HHADLAUBSTRY II sz\nv Dis-Zeitschrift iskkeine hihtispe\n« phile, sondern eine emoraliscybesz s sz r «\nAngelegenheit. Nicht aufgenomss -\n» » » men sey-Erden Vverke irgendejner e «\nMPO Unterhaltungsabsichtß beschreiss s\n4 bende ZejcI1TnÜngen; ,s Cedichtes ,\nNqvellen und Betrachtungen, die r\n« e øAallein der,««ErIcI·a·rung rund der-Eil? » s\n» sdungsdienerik Zurverökfentljchunxzf k .\nX» zugelassen sindszrnurx foxdernde «\n« « « Formulierungenzron europåiischexse\nv P A Cesinnunga\n» W, » kkMenuMPOålcripte und Ztxeendungetjh Elke nicI4X1liVt« e « v L is\n» . « e dasAbonnement betreffen; einzig r . ,\n»,- arvdieRedaktionsgzürich VI. «\nr «« r e . » n e HadIaübstraBe H— r r « r « s s\ns r zwickte-« ««"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.3", "texte": "ORGAN\nEine Zeitschrift hat heute gar keinen lebendigen Sinn. Sie ist ein\nKonversationsmittel geworden, wie es vor hundert Jahren das Lexikon war.\nZeitvertreib mit Betrachtung.\nAber Geschriebenes, Gezeichnetes, Gedrucktes hat nur noch Wert, wenn\nseine Formulierung äußerste Notwendigkeit ist; wenn es so notwendig ist,\ndaß es aufreizend wirkt durch den Mut zum Schlagwort; wenn seinem Ur-\nheber die Hingabe so wichtig ist, daß er auch vor der Einfachheit der Platitüde\nnicht zurückschreckt. Also das Gegenteil von Bibliophilie.\nEine Zeitschrift hat auch im besten Fall noch das Unglück, leicht\nbibliophilen Charakter zu tragen, immer noch nicht unmittelbar zu sein.\nDies eingestanden.\nAber gerade der Inhalt, der Wert, das Geistige, das Wort, das die\nMenschen vor die Entscheidung zur Unbedingtheit stellt, muß auf die\nunmittelbarste, direkteste Art unter die Menschen gebracht werden. Das\nIdeal ist: das Flugblatt, der bibliothekarisch ganz wertlose Wisch, der ein-\nfache bedruckte Fetzen Papier, den man in die Tasche stopft. Oder man\nwirft ihn weg, und nur darauf kommt es an, daß man ihn nie wieder ver-\ngessen kann, wenn man einen Blick auf ihn warf: so tief hat er getroffen.\nEine Zeitschrift wird oft ein Organ genannt. Aber die einzige, die\nallereinzige Existenzberechtigung, die eine Zeitschrift heute noch haben\nkann, ist, daß sie ein Organ ist. Ein wirkliches Organ, unsymbolisch gemeint.\nEin Organ wie Kopf, Augen, Mund, Arme, Beine des Menschen, eine Fort-\nsetzung und Erweiterung der menschlichen Glieder bis zur lebendigen\nBerührung des andern Menschen.\nEine Zeitschrift ist nicht zur Erkenntnis da. Nicht zur Betrachtung,\nnicht zum Genuß. Sie ist auch keine Tribüne, an der Meinungen zur\nDiskussion gestellt werden. Sie hat Lebensrecht nur, wenn sie Bewegung,\nGriff und Darreichung dieser letzten, unbedingten und verzweifelten\nMenschen ist, die bereit sind, ihre Person völlig mit ihrer Sache zu identi-\nfizieren; die ihr Ziel des Geistes mit jedem Mittel ihres Körpers durch-\nsetzen wollen; denen Reden, Handeln, Schreiben keinen Unterschied be-\ndeutet, sondern bloße verschiedene Äußerungsformen der menschlichen\nLiebestätigkeit. Und die zuletzt gedruckt werden, nicht um des Veröffent-\nlichens willen, sondern nur weil sie so gleichzeitig zu mehr und verschie-\ndeneren Menschen gelangen, als allein durch die gesprochenen Worte im\nkleinen Zimmer."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.4", "texte": "Jeder weiß heute, daß in allen Ländern die Menschen nur schweigen,\nweil sie glauben, von den andern nicht gehört zu werden. Aber es gilt nur,\nihnen ein Zeichen zu geben, daß das Klopfen ihres Herzens drüben unter\nden fernen, unbekannten Brüdern wahrgenommen wird, daß ihre Sprache\nwie ein Händedruck herüberkommt, daß vor dem Geiste die Entfernungen\nnichts sind: Und Grenzen, Drahtverhaue, Heere sind überholt.\n\nNEUER INHALT\nIm Moment des Kriegsendes muß die geistige Welt dieser Erde bereit\nsein. Sprechen wir gar keine großen Worte aus; lassen wir die Schwüre,\ndaß dieser Krieg der letzte sei. Das haben wir den kommenden Generationen\nals Geburtsgeschenk mitzugeben: die Verneinung, Verlachung, Verachtung,\nVerunmöglichung des Krieges. Aber dies kann erst eine Folge der ganzen\nHaltung und das Ziel im kommenden Zeitalter sein.\nFür den Moment des Friedensschlusses geht es nicht um die Entschlüsse\nder Zukunft, sondern um eine ungeheure verödete, ausgesaugte, Schritt für\nSchritt grauenhaft isolierte Gegenwart. Wir dürfen unsere Aufgabe nicht\naufschieben; nicht kleinkrämerisch warten, bis die Verhältnisse im Laufe\nder Zeiten wieder ins Menschlichere gerollt sind. Hier muß unser Wille\nstehen. Die Geistigen aller Länder müssen in diesem Moment sichtbar vor\ndem Auge der Völker sich die Hände reichen. Die Entschlüsse jedes\nEinzelnen sind längst gefaßt; sie sind einander nicht fremd. Die Schöpfungs-\npläne der Einzelnen für die Zukunft der Welt stimmen alle in den Grund-\nzügen so überein, daß man sagen muß, der geistige Weg für das Wollen der\nBesten ist schon vorgezeichnet. Es handelt sich also nicht mehr um Dis-\nkussionen. Es handelt sich um einfachste, reale Vereinigung der Wollenden.\nUnd nichts andres ist unsere kleine, harmlose, so bescheidene Zivili-\nsationsaufgabe, als bis zu diesem Moment fest zu bleiben, nicht zu vergessen\nund nicht vergessen zu lassen. Einer Welt (ihre namenlose Leidenszer-\nbröckelung ist heute nur noch der eigenen, schwerfällig weiterrollenden"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.5", "texte": "Trägheit des Willens verschuldet) die Beharrlichkeit, Kontinuierlichkeit\nund Zuverlässigkeit unseres Willens entgegenzustellen.\nDies alles ist: Den Moment des Kriegsendes geistig vorbereiten.\nAber das ist nicht zu machen, wenn der öffentliche Ausdruck der\ngeistigen Tätigkeit des Menschen so schwindelhaft bleibt, wie wir ihn bisher\nals Leser gar nicht anders kennen.\nEs ist nicht wahr, daß öffentliche, veröffentlichende Menschen in Wahr-\nheit als letzten Schrei ihres Lebens, als verzweifeltste Mitteilungsnot vor\nder Katastrophe sich in solchen Vorstellungen bewegen:\nBeethovens Skizzenbücher und Debussys Notenschrank.\nDie Ellipse bei Greco.\nDie Quellen zu Flauberts Bovary.\nSind die Werke von Hölderlins Wahnsinnszeit echte Dichtungen ?\nDie siebzehn Ströme der Sozialdemokratie.\nIrische, altdeutsche und flämische Mystik.\nZur Psychologie Cagliostros.\nÜber den Begriff des Tanzes.\nDer amerikanische Mensch.\nDer italienische Mensch.\nDer deutsche Mensch.\nDer kanadische Mensch.\nDer französische Mensch.\nJeanne d'Arc und Deutschland,\nDickens, ein Spiegel englischen Wesens.\nDer Panslawismus bei Dostojewski.\nEs ist nicht wahr, daß die Gesichterettung, die letzte Augenhilfe der\nverzweifelten Menschheit, die letzte Auslieferung an eine Seh-Mitteilung\nzur Wiederbesinnung auf unser Geistiges, es ist nicht wahr, daß die uns\nangehenden Gaben eines Malers, Holzschneiders, Zeichners so aussehen:\nKomposition Nr. 1 3.\nLandschaft mit Fahnenstange.\nAkt I.\nAkt ii. IjSIl ftS | H iljjgi I\nAkte III—X.\nNature morte (!! wo es schon nichts anderes mehr gibt).\nKomposition Nr. 20.\nBildnis des Gefängnisdirektors, des Künstlers, des Generals z. D.\nDame mit Sonnenschirm."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.6", "texte": "Negerinnen.\nSeinebrücke.\nKomposition Nr. 30.\nEs ist nicht wahr, daß dies Menschen angeht.\nEs ist nicht wahr.\nDas alles ist darum Betrug. Zeit-, Kraft-, Raum-, Interesse- und\nTalentvergeudung, weil es in dumpfer Unbewußtheit den Versuch macht,\nheutiges Empfinden auszudrücken durch einen alten, abgelebten, erstorbenen,\nnicht mehr existierenden Inhalt (d er vielleicht vor Zeiten einmal wirklich\nso lebendig war, Menschen auf sich zur Besinnung zu bringen, der aber\nheute nur noch historisch-lexikalische Bildungssache ist). Ein Schein-Inhalt.\nLebens- und Aktivitätsströme werden in Kadaver geleitet, um der Mitwelt\ndas Schauspiel des galvanisierten Zuckens toter Glieder zu zeigen. Irrtum,\nSelbstmord, Betrug und Selbstbetrug!\nDie Themen des Dichters, Schriftstellers, Publizisten des öffentlichen\nMenschen sind die, die uns Kraft geben, für die Zukunft feste zu stehen.\nUngefähr so, und wem eines das Herz bedrängt, der soll es laut aussprechen:\nWir dürfen nie wieder vergessen.\nBund der Geistmenschen.\nNeuschaffung der Welt aus dem Wissen in Wirklichkeit.\nDie neue Wirklichkeit.\nAus der Nationalität zum Erdballmenschen.\nAufruf an die Verzweifelten.\nAufruf an die noch Lebenden.\nAufruf an die Geretteten.\nDreitausend Aufrufe an die Frauen der Erde.\nDreitausend Aufrufe an diese Überhälfte des Menschengeschlechts (in\nallen Graden).\nDie Musiker der neuen Zeit komponieren die mirum des jüngsten\nGerichtes, und das Gforia in excefsis des Menschen. Die Tänzer tanzen die\nTänze „Gegen den {Krieg\", „{Himmelund Höffe\" und „{Das cfcßweben\ndes Geistmenscfen\".\nDie Maler der Zukunft zeichnen Flugblätter, als Vorbilder zum Leben,\nso intensiv heutig brennend gedacht, wie die auch ihrer Zeit nicht\nkunstgenießerisch, sondern lebendig vorbildlich und zeitungshaft wirkenden!\nHolzschnitte Dürers und seiner Genossen aus einer damals neuen Re-\nligionsepoche, diese Apokalypsen und Marienleben, Erschütterungen und\nVerantwortlichmachungen für jeden Menschen, dem sie in die Hand fie-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.7", "texte": "len. Mit allen Fähigkeiten des neuen Auges hat der Maler heute wiederum\nVorbilder in die Öffentlichkeit zu zeichnen. Vorbilder für die Aufpeitschung\nund die Aufrichtung, in denen kein Stück der Komposition aus Gefällig»-\nkeit und Formenspaß gemacht ist, sondern jede Form die eines\nDinges vertritt, das den Menschen wesentlich ist. Und es gibt hier das\ngroße, den Ateliers noch so unbekannte Mittel, das längst allen Völkern\nbekannt und vertraut ist und auf£ sie unendlich aktiver wirkt als die\nempfindungsreichste Spezialität der Kunstsalon-Maler: Dies ist die Malerei\nder Propaganda für und gegen. Erinnert euch an die Reklame-Prospekte\nder Geschäftshäuser mit den Zeichnungen „Vor dem Gebrauch nach\ndem Gebrauch!\" Was dort von Dilettanten entworfen, kindlich ausgeführt\nschon auf hunderttausend wirkte, wie wird es erst Menschen umschaffen\nim Antrieb wahrer Fähigkeiten, in der Kraft der Erfindung, schöpferisch.\nHeute gilt das ungeheure Werk Giottos als Kunst. Aber zur Zeit, da\nes geschaffen wurde, war es genußlosestes, erhabenstes, verantwortungsvoll-\nstes Vorbild für eine Nachfolge vom Heiligenleben des Franziskus unter\nallen Menschen, die Augen hatten zu sehen.\nUnd nun, Dichter und Maler, ihr habt euch zu stellen. Entweder ihr\narbeitet für die Rente; dann wundert euch nicht, wenn ihr nächstens noch\nbei lebendigem Leibe nach Verwesung stinkt. Oder ihr arbeitet für die\nMenschheit, dann habt ihr Vorbilder zu entwerfen, nach denen Hundert-\ntausende sehnend zielen werden, Vorbilder über euch hinaus, und ihr\nwerdet euch eines Tages mit dem Musiker verbündet sehen, diesem bisher\nidiotischesten aller Selbstgenußparasiten, der euch seine hohe Messe bringt,\nunzweifelhaft mit dem ersten Hauptstück unzerbrechlichster Festigkeit: St\nin terrapax; und der aus den neuen, von euch geformten Menschen seinen\nChor aufstellt zur singenden Aufweckung der Gemeinschaft."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.8", "texte": "EUROPÄISCHE GESELLSCHAFT\nWir leben noch.\nEs ist kein Stolz, kein Ruhm, keine Ehre. Auch dies nicht, daß uns\nnichts anderes übrig bliebe. Sondern es ist unsere letzte Selbstverständ-\nlichkeit. Unsere erste Forderung.\nEs gab die langen Zeiten, denen der wissende Gang zum Tode Mär-\ntyrertum war. Es kann eine Frage sein, ob Märtyrertum heute noch den\nWert des Wirkens hat. Aber die Zusammenballung zum Leben, der\nunaufhörliche Widerstand gegen das Vergleiten in willenlosen Tod, der\nalltägliche Gang auf dem schmälsten Grat des Lebens, die einfache Be-\nwahrung des Lebenbleibens, das ist das Märtyrertum dieser Zeit. Wir\nlegen Zeugnis ab für das Leben. Und selbst wenn wir umstellt und\nniedergemacht werden: unser Wille wird weit in die Jahrhunderte greifen,\nunvergeßbar.\nUnsere Brüder zum Leben sind da. In allen Ländern wissen wir sie.\nNiedergeschrien, mundtot, scheu gemacht von künstlich aufgeblähten\nMajoritäten, deren Massengeschrei schlau verstärkt wird durch die amt-\nlichen Schallrohre der Informations-Schlagworte.\nUnsere Brüder vom Leben sind da, man umstellt sie mit stacheldräh-\ntigen Nationalwänden, man schlägt ihnen die Augen blind wie gemarterten\nPferden, aber dennoch wissen sie von uns. Und sie sind jederzeit bereit,\nuns die Hand zu drücken.\nEs kommt einzig darauf an, daß niemand von uns den Mut sinken\nläßt. Es kommt darauf an, jederzeit eingedenk zu bleiben, wie viele der\nGeistesbrüder in allen Ländern da sind und aufeinander warten. Es\nkommt darauf an, manchen Versprengten Mut zu machen, Mut zum Wider-\nstand, und ihnen zu zeigen, daß sie nicht allein sind.\nWir werden nicht warten, bis die Wissenden dieser Zeit alle tot sind\nund eine neue Generation erwachsen, die der Kriegsdinge von Kindheit\nauf gewohnt ist! Das Einzige, das Geringste und das Schwerste, was uns\nauferlegt sein muß, ist, aus diesem Kriege hervor, durch ihn hindurch\nden M enschen zu retten.\nEs wird nicht sein, daß das Geistige welches allein den Menschen\nformt unter allen Wesen der Erde —,daß die göttliche Würde des Menschen\nüberkarrt werde von den Rädern der Kriegsmaschinen. Das wird nicht\nsein. Aber wir alle, die wir wissen, daß dies nicht sein wird, die wir wissen,\ndaß unser Ziel ist, den Menschen für den Menschen zu bewahren, uns"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.9", "texte": "darf das bloße, heimliche Wissen nicht mehr genügen. Wir müssen es laut\naussprechen!\nMan kennt die Formel einer vorgegangenen Künstlerepoche, die For-\nderung l'art pour l'art, die Kunst für die Kunst.\nAber unser neuer Ruf für die kommende Zeit über alle Länder hin-\nweg ist die Forderung: £?fromme po f'ßomme, der für den\nUlenschen !\nDie vergangenen Jahrhunderte sahen drei Epochen, in denen man ver-\nsuchte, die Grenzen der Völker geistig zum Verschwinden zu bringen:\nDas Weltbürgertum, den Kosmopolitismus, den Internationalimus.\nDas Weltbürgertum war eine Sache der persönlichen Einsicht. Der\nVersuch, den Angehörigen derselben geistigen Klasse des fremden Landes\nals gleichberechtigt zu erkennen.\nDer Kosmopolitismus war schon eine Sache der aktiven Bemühung.\nDer Versuch, sich im fremden Land durch Angehörigkeit zu einer be-\nstimmten Klasse als gleichberechtigt erkennen zu lassen.\nDer Internationalismus war die höhere Einheit seiner beiden Vor-\ngänger. Er war endlich die bloße Technik, Weltbürger und Kosmopolit\nzu sein.\nAber diese drei grenzüberschreitenden Zustände sind jeder doch nur\nKonstatierungen einer subjektiven Einzelsituation. Sie verpflichten zu nichts.\nSie sind Mitteilungen, aber keine Forderungen. Wie innerlich leer, relativ\nbedingt, ungeistig materiell und nicht bindend die letzte, nächste Phase,\nder Internationalismus, ist, sieht man aus der bekannten Tatsache, daß\ngerade die nationalistischen Führer aller Länder miteinander befreundet,\nverwandt, Ehrenregimentskameraden, also mit einem Wort so international\nverbunden sind, wie sonst nur das Kapital. Wie müssen die unter Tränen\nkichern ! Der Internationalismus hat uns nicht geholfen, nicht einmal zur\nAufrechterhaltung des Internationalismus.\nDennoch ist das Erste, Dringendste die Verbindung der Menschen\neines Volkes mit denen des andern, unabhängig von den Grenzen und\nder Aktualität des Krieges. Und welche ist die Forderung, wenn selbst\nder Internationalismus versagt hat ?\nDie Forderung der neuen Zeit heißt: Brdbaflgesmnung 1 Es han-\ndelt sich um nichts anderes, als daß im Moment des Kriegsendes\ndie Übervölkischen, die cPanßumanisten, die Menschgesinnten auf der Erde\nzusammenstehen. Die Geistigen. Hier aber kommt es auf die Reinheit\nan. Diese Armee wird niemals durch die bloße Zahl siegen weder"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.10", "texte": "durch die Wucht einer Übermasse, noch durch das Mysterioso der\nMinorität —, sie wird allein durch die ewige Sprengwirkung der unzwei-\ndeutigen, öffentlichen Gesinnung der Menschen helfen können.\nWer ist unser nächster Freund ? Der wahrhaft Geistige. Der Mensch,\nwelcher ohne Veranlassung durch natürliche Familien-\ninteressen, Geburtsbande, Geschäftsangelegenheiten:\nnur durch seine Überzeugung, durch seinen Entsc hlu ß\nund seine Entscheidung die Menschen der andern Länder für\nseine Brüder hält.\nMit ihm im Bunde, mit dem Reinen, werden wir die Gesinnung des\nneuen Zeitalters nach dem Kriege heraufführen.\nZu welcher Zeit, wenn nicht jetzt, hatte das Wort seinen\ntiefsten, aufwühlend nachhallendsten Klang ! Niemals schwangen so hellste\nErdparadiesbilder in den Wünschen der Menschen, die an Europa dachten.\nVielleicht war erst heute, nach der Krisis, Europa möglich. Vielleicht\nschreitet erst heute in allzugroßem Inkognito noch der Europäer\nvor uns her.\nWir Europäer wissen f mehr als andere, daß die Forderung «Europa»\ndie geringste von allen ist. Wir wissen, daß Europäismus ein Zustand\nist, der nur die allererste Voraussetzung und selbstverständlich ist für\nein Bewußtsein von der Rundung des Erdballs, auf dem überall fühlende,\ndenkende, sprechende Menschen leben.\nUnd ist das etwa neu ? Ist das etwa nur ein weltgeschichtliches\nApercu ? Ist das ein Trick von Modeköpfen ? (Wie man es in der\nIdiotenpresse lesen kann !)\nNein, es ist nur so unendlich selbstverständlich ! Es kommt nicht\ndarauf an, daß diese drängendste aller geistigen Notwendigkeiten auch\nAhnen habe. Aber käme es nur auf Stammbaum an? 0, wir Europäer\nhaben auch das, eine Vorläuferschaft der Edelsten unter den Aktiven zweier\nJahrhunderte. Der Schweizer Muralt, der um 1 700 das Denken der Schweiz\nmit seinen Briefen aus England europäisierte. Rousseau, der zwei Jahrhun-\ndertdrittel später Europa selbst zur Besinnung rief. Der deutsche Anacharsis\nCloots, der inmitten der französischen Revolution den europäischen Gottes-\nstaat durch Frankreich verwirklichen wollte. Schweigen wir von <fen\ngroßen ringenden Denkern des neunzehnten Jahrhunderts, die noch in\naller Gedächtnis sind. Nur er noch sei erwähnt, der selbst den Versuch\nanstellte, die europäische Idee in vollster Realität zu verwirklichen: Mazzini,"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.11", "texte": "unterdessen Auge von Cenf aus das Iris-Je Irrt-Am, das Jmzye Øexcksofss\nfand, das Jciyxye Tranks-Sieb entstand, und 1834 das Irr-Je Europa.\nMiBgliiclcte Handstreiche waren das, miBgliiclcte-Welten, zu «friih geborene\nIdeenstaatem aber von denen, trotz derxendlichen Verjournalisierung eines\nkleinen Haufensnder Mitläufey ungeheure Energielcräfte zu den Bewegungen\nder vierziger Jahre« strahlten. Es zwar zu früh. Auch der sozialistische\nEuropäismus Mazzinis verlief zuletzt in deinen modernen Nationalismus. «\nAber heute ist es nicht mehr zu früh. Das Erfühlen Europas, das\nliebende Zusammenhangswissen mit diesem zerhungerten, zerhackten, zer-\nbluteten Erdland ist heute bis in die starrsten Bürgerherzen gedrungen.\nNichts ist schlimmer, als daß es erst einer überirdisch-unterirdischen\nRiesenfleischermaschine bedurfte, um die Herzen der Menschen für die\neuropäische Idee zu erschüttern. Doch obwohl der letzte Antrieb Abscheu\nvor dieser Zeit ist: Wert und heilig ist uns, daß Europa sich durchsetzte.\nDer letzte, unabweisbare Augenblick ist da, nichts brennt stärker auf\nunserer Haut. Wir alle sind bereit. Alle sind bereit. Trennen wir uns\nnicht mehr. Im Wissen, daß wir nach der höchsten Todesgefahr da\nsind für\nDas Junge Europa!"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.12", "texte": "MITMENSCH.\n\nUnd da nun endlich überall in der Welt vom Geist und von den Geistigen\ndie Rede ist, so wollen wir uns gewiß nicht bei dem bloßen Worte be-\nruhigen. Es geschieht noch nichts für den Geist, wenn ein Musiker Sinfonien\nvor Musikfreunden klingen läßt, die nach seiner Hoffnung das Fühlen der\nMenschen umheben; wenn ein Maler Bilder vor Eingeweihten ausstellt,\ndie nach seiner Überzeugung einen neuen Begriff vom Zusammenhalt der\nDinge geben; wenn ein Dichter Gesellschaftsromane schreibt, die seiner\nMeinung nach aus demokratischen Ideen kommen; wenn ein Essayist alle\ndiese Fragen zur Erörterung stellt. Es geschieht nichts. Es wird nur viel\nschlimmer. Denn eine Schicht von Menschen, deren Tatneigung ohnehin\nnicht groß ist, glaubt, schon aus dem bloßen Mitmachen dieser Werke\netwas Geistiges getan zu haben.\nEs ist aber heute nicht mehr zweifelhaft, was eine geistige Tat ist.\nDiese Frage kann gar nicht mehr ehrlich gestellt werden. Sie ist uns allein\ndurch die Tat eines Volkes in ungeheuerster Weise beantwortet worden.\nVor unsern Augen.\nWas dort geschah, ist kein „Ereignis\". Nicht ein Vorfall, der durch\neinen neueren Vorfall, durch ein anderes Ereignis verdrängt werden könnte.\nEs ist eine wirkliche Tat. Eine Tat ohne Symbolik, ohne Nebenbedeutung.\nTat, vorbereitet, gezeugt und geschaffen aus der tiefsten, langschwingendsten,\nintensivsten Erhebung für den Geist. Und darum nicht mehr aus der Welt\nzu räumen. Kein Mißerfolg, kein Verrat, kein Rückschlag mehr, so\nBitterstes auch noch eintreffen mag, kann die größte Entscheidung, die ein\nJahrhundert gesehen hat, wieder ungeschehen machen. Die Entscheidung\ngegen die Macht, die Gewalt, die Unterdrückung; zum Geist, zur Freiheit\nund zum Menschenrecht nach dem Plane der Idee.\nDaß dies alles nicht Bluff, nicht Schiebung oder äußerlich auferlegte\nBeeinflussung war, ersieht man aus der unglaublich vielfachen und frucht-\nbar um sich wirkenden Lebendigkeit des neuen Organismus: Von dem,\nwas im Ostlande geschah, erwartet jeder etwas. Der Politiker erwartet eine\nBeeinflussung der Weltteile, der Marxist erwartet einen Aufschwung des\nKlassenkampfs, der Militär erwartet eine Veränderung der Kriegslage, der\nPazifist erwartet Frieden, der Agent erwartet neuen Zwischenhandel, der\nSozialist erwartet neue Gemeinschaft, der Reporter erwartet neue Sensatio-\nnen, der Genosse der Finsternis erwartet sehr Böses für sich.\njeder, der in den Handlungen der Menschen nicht nur Nützliches,"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.13", "texte": "sondern vor allem Menschliches sieht, wird wild vor der Unbescheidenis\nheit, vor der aufdringlichen Unverschämtheit höchsten Grades, wenn er;\nsieht, wie Unbeteiligte mühelos der russischen Revolution lyrisch oder\nwohlwollend auf die Schulter klopfen. Es ist nicht die Zeit, weise Worte\nüber die Gemeinschaftstat eines Volkes zu sagen; es ist nicht die Zeit,\nDynastenhistorie zu erzählen; es ist nicht die Zeit, den Leser oder den\nHörer mit der Feststellung von Erfolgen zu unterhalten, zu denen er nichts\nselbst getan und gegeben hat!\nDenn. da drüben geschah nichts unerwartet Plötzliches. Aber auch nichts\nvon dem Narrenchaos, das bequeme hämische Propheten ansagten. Um\ndie neue, höhere Menschheitsordnung im Osten hat das edelste Blut dieses\nLandes mehr als ein halbes Jahrhundert lang gekämpfh Durch Jahre hin«\ndurch haben Hunderttausende ihr Haus, ihre Familie, ihr Vermögen, ihre\nBequemlichkeit, ihre Genüsse, ihre Sicherheit, ihr Leben für nichts erachtet,\num der Hingabe willen an ein Gebild aus dem Geiste. Diese wahrhaften\nF reiwilligen, die ihr Gesetz diktiert fanden von der Bruderliebe, schufen\nan der Verwirklichung einer Idee. Diese wahrhaft Tapferen waren nicht\ngedeckt durch Befehl und Massenzwang, sondern jeder wuBte sich in jedem\nAugenblicke des Lebens ungeschützt, preisgegeben. Sie waren gestützt nur\nauf das Vertrauen zu ihrem Gewissen, auf ihren festen Willen zur Unbe-\ndingtheit, auf ihren Glauben an die dereinstige Leibwerdung ihrer Idee,\nauf ihren Glauben an die neue Auferstehung des Geistes auf Erden. sie\nwaren gestützt auf ihren Glauben an die Heiligkeit des Mitmenschen.\nDerweile war in den andern Ländern der Erde Entmutigung, Skepsis,\nErörterung und Erwerb von bloBen Methoden, denen der Antrieb des\nGeistes längst in Vergessenheit geraten war.\nAber der Puls dieses neuen Leibes der Menschheit aus« dem Geiste\nklopft so laut, daB ihn die ganze Erde hört. Einer, der einst Umstürzler\nhief3, jetzt zur Hilfe am Aufbau seines Landes gebeten: Krapotkin, zeigt\nin seinem Buch Feyenseirssye Mffe (Abschnitt Feyensefrysye XII-e im\nMiireJaJierZ wie im lZ. Jahrhundert eine ungeheure Freiheitswelle über\nEuropa stürmte; die Schöpfung von Bünden, Gesellschaften, Gilden, freien\nstädten, Kommunen. Diese Geistwanderung über die Völker war Jahrhun-\nderte lang vergessen, und nur die Dome und die groBen Bauten der Städte\nsind uns als erstarrte Zeichen der Geistesglut zur Gemeinschaft geblieben. —-\nEs kann Zeiten geben, in denen die Besinnung des Menschen zum\nGeistigen schläft; unser Wesentlichstes, unser Brudertum und unsere Ge-\nmeinschaft kann verfressen und vergessen werden. Aber der Geist kann"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.14", "texte": "nicht vernichtet werden. Immer wieder richtet er sich weithin sichtbar\nauf in Einzelnen und in kleinen Gruppen, den Frühen, den inspirierten\nEingeweihten der menschlichen Freiheit, jenen die nie Vergleiche mit der\nMacht des Ungeistes schlössen, und die, märtyrerhaft geschmäht und ver-\nfolgt, noch im quallvollsten Tode verkündeten, daß sie Söhne der Idee waren.\nEs gibt nichts, das heute allen Menschen der Erde, allen, so klar\ngeworden ist, als die Idee der Freiheit, der Bruderschaft und des Mit-\nmenschentums. Dieser Erde ist es so unglaublich schlecht gegangen, sie\nhat so nichts mehr zu verlieren, sie ist so verschwistert mit der Verzweif-\nlung, daß endlich auch der Träge und Böswillige als Heilung erkennt,\nwas früher nur erhabene Seelen, unter aller Gefährdung ihrer Sicherheit,\nin eine stählern feindliche Welt zu künden wagten.\nWen schaudert der Rückblick nicht? zu sehen, daß durch Jahrhun-\nderte unsere Brüder gehetzt, gemartert und als tolle Störer der Gesellschaft\nums Leben gebracht wurden, Menschen, deren Gemeinschaftspläne (um nur\neinen zu nennen: Thomas Morus) wir längst als selbstverständlichste Vor-\naussetzung nehmen, während das Chaos ihrer Zeit uns als irrsinnig er-\nscheint.\nAuf einem neuen Erdreich werden diesen die Heldenmale gerichtet\nwerden, und das Bruderhaus der Menschheit wird eine Gedenkschrift\nhaben: „Zum Gedächtnis der Wiedertäufer, hingerichtet für ihren Kampf\num eine bewußte Menschengemeinschaft aus dem Geiste.\"\nEs ist nicht Zeit, diese Revolution im Osten zu betrachten. Betrachtet\nnur erst euch selber, ihr geübten Betrachter! Betrachtet eure Voreltern,\nEltern, Verwandten, Freunde ob sie so gläubig mut-\nvoll hingegebene Kameraden einer Idee waren, wie die dort drüben lange\nJahre, erbittert und langmütig weiten Herzens! Betrachtet euch, ob ihr,\nohne Rentabilitätsversprechen, ob ihr geistig das gewagt hättet! Es ist\nnicht mehr Zeit, zu betrachten.\nEs ist Zeit, vor dieser Neuordnung des Ungeordnetsten sich auf sein\nGewissen zu besinnen. Auf die eigenen sittlichen Fähigkeiten. Auf den\neigenen Trieb zur unbedingten Hingabe an das Geistige. Auf die eigene\nKraft zur Entfaltung des Willens für die Idee vom Mitmenschen. Für die\nIdee allein? Für die Tatsache vom Mitmenschen! Und welche Tatsache\nkennt die Welt heute besser, als daß jeder Mensch das Recht auf Existenz,\nPlatz, Leben hat, nicht anders als du selbst. So weit sind wir endlich.\nSelbst in den Regierungshäusern des Erdballs.\nEs ist Zeit, das Wort vom Mitmenschen laut auszusprechen. Aber"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.15", "texte": "wer es spricht, der rechne erst ganz mit sich ab, der sei gleichgültig be-\nreit, alles zu verlieren, erst dann wird sein Wort eine Schwingung und\nseine Idee der Gewinn eines Wagnisses.\nWir alle, zu unsern Lebzeiten, werden noch das Ungeheuerste sehen.\nDie höchste Not der Menschheit wird ihre Gegenwage haben in der höchsten\nVerwirklichung von Paradiesträumen. Niemand von uns braucht mehr\nentmutigt zu sein.\nEs gibt für den Menschen keine innere Leere mehr. Jeder hat sich\nmit seinem Gewissen unter das Auge der Ewigkeit zu stellen und die\nSekunde jedes Lebensmoments hinzugeben an die Verwirklichung der\nMitmenschenfreiheit.\nDiese Idee ist wahrhaft und wirklich schon so stark in die Welt ge-\ndrungen, daß keine Kriegsmaschine ihr mehr ein tatsächlicher Gegner ist.\nImmer, wenn die Welt zwischen Dunkel und Licht schwebt, gibt es noch\nWirrnis, und die Gewalt dringt im letzten Zucken vor, aber sieglos, nur\nim Todeskrampf. Es gibt keine Siege mehr. Vor dem Geist dieser neuen\nMenschheit werden die Heere zersplittern.\nDie Grde gehört zum IJZenschen, sie bildet einen organischen\nHeil des Die ganze Grdhugel, wie sie im Hluge um die\ncJonne fcreist, ist ein Heil, ein Organ des Renschen, jedes ein-\nzelnen jJlen sehen.\n\nSifvio Qeseff\n(Die natürliche"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.16", "texte": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\n\nDer ehrliche Gegner.\nImmer wieder findet man, dass Leute, die sich eigentlich um Besseres zu\nkümmern hätten, von irgendeinem aufgetakelten Drecklümmel Aufhebens\nmachen; irgendeinen niederträchtigen, nur gerade in Macht oder Aufsehen\nstehenden Schweisskerl rühmen. Sie nennen gewöhnlich den anderen den\nehrlichen Gegner.\nWenn ein Unsicherer oder ein Verräter uns in den Rücken fällt und mit den\nFeinden paktiert, dann versucht er das mit der Begründung zu entschuldigen,\ndass der ehrliche Gegner zu achten sei.\nAber der „ehrliche Gegner\" ist immer ein Schuft.\nDenn ist er ein ehrlicher Gegner, so sucht er euch auf dem schnellsten\nWege zu beseitigen; und da ihr das Gute wollt, so kann euer Feind doch nur\nein Genosse des Schlimmsten sein.\nSucht euch aber der Gegner nicht zu beseitigen, so will er euch benutzen.\nEr ist also ein unehrlicher Gegner. Und der unehrliche Gegner ist immer ein\nMann des Hinterhalts. Wäre der Gegner irgendwo achtenswert, anerkennens-\nwert, so könnte er das nur, indem er seine Macht-, Erfolgs- und Relativitäts-\neinstellung zur Welt aufgibt und die eure annimmt, die geistig ist und der Idee\nfolgt.\nOder ihr gebt eure Sache auf, und folgt dem Gegner.\nEs gibt nur eins von beiden.\nBis dahin ist der Gegner ein Schuft oder ein Ausspäher.\n\nBläţer für die Kunst.\nDas edle Herz Romain Rollands hat in dem Menschlichkeitsbuche Auctessus\ncte tu mätåe nicht allein alle stimmen zu hören gesucht, die sich gegen den\nKrieg erhoben, sondern Rolland bat auch um die Achtung der Welt für alle,\ndie sich in Trotz oder Trauer mit bewusstem schweigen fernhielten. Er nannte\nals solchen schweigenden Gegner des Krieges die Blätter jiir die Kunst, jene\nsammelveröffentlichung wie man weiss, der Freunde des Dichters Stefan George.\nEineganze Generation von Deutschen wurde im Kunstdenlcen Georges\nerzogen, und wo seit l900 im deutschen schrifttum künstlerisch geglückte\nBeschreibung und edel geschulte Bildungssprache auftauchen, stehen sie unter"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.17", "texte": "HANS RICHTER: Der heilige Mitmensch\nWidmungsblatt an die russische Freiheit"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.18", "texte": "dem Eindruck Georges Romain Rolland, wie jeder wirklich grossmütige\nMensch, nimmtim vorhinein an, dass eine erhobene Sprache nur aus einer\nerhobenen Menschlichkeityikommen kann. Wär es nicht schön, zu finden, dass\neinmal wenigstens die sprachformer einer Nation für die Menschheit fühlten?\nDas würde die Erde ihren Kündern in ewiger Dankbarkeit gedenken. Denn\nseit dieser Krieg herrscht, haben die Dichter von Namen uns Mitmenschen\nim Stich gelassen, sie haben sich von der Attitüde plumpster Monumental-\nrepresentation treiben lassen, und sie wetteiferten mit den Maschinen, um\nden Todeskrampf der Völkergewaltsamer noch zu Stacheln.\nAber wir, in unserer höchsten Not, wir müssen endlich einmal das Dichter-\nwort anschauen, ob es Rückgrat der einfachsten, unumgänglichsten Menschlich-\nkeit ist. - -\nDer einzige Band, der während des Krieges erschien, der vom Ende des\nJahres l9l4, sei geöffnetbei einem Verszyclus, der den auffallenden Titel\n,,8taatsgedichte« trägt. \"\nDa steht: .\nDas Menschenmist, das deutsches Wesen schafft\nGeduldig bis zur Trägheit, schwer 12or Fülle,\nUnscheinbar hinter Zucht und Wucht und Hülle,\n. Bricht nun aus dem bedrohten Herd als Kraft,\n« — Die alle schlucken auswirft und »erschweisst. «\nG Volk, geprüft, durch Feind und eigne schänden ·\nGeheimerKern und Ausbund aller Länder,\n- Wie bist du wieder Erz und Glut und Kraft! «\nAlso ganz simple alldeutsch-treitschkeartige chamberlainhafte Kriegslyrik\n(ohne Angabe des Verfassers, wie alle Beiträge des Bandes)\n« Man fragt, wer sind die ,,eignen schänden« des deutschen Volkes. Der\nnamenlose Dichter gibt an einer andern stelle Auskunft. Er sagt in, von ihm\ngesetzten, höhnischen Anführungszeichen:\n,,lst’s nicht die Pflicht der Seher und der Fürsten\nGeduld zu haben mit dem untern Dürsten, «\nDen Tisch zu öffnen für die dumpfen Haufen, e\nDie sich um Brot mit heftigen Armen raufen,\nGezeugt durch Not; dass» Zahl die Not 12ermehre: s\nDie« Ausgeburten gnadenloser Nächte,\nDie» für uns frohnden in dem Qualm der« schächte?«\nDieser Dichter meint also: nein, das sei nicht Pflicht- Doch er ist zudem\nfalsch informiert. Er will offenbar den Demokratismus treffen. Aber die\nvon ihm genannte Forderung, nämlich die Gnade, dass Minister und Fürsten\n,,Geduld« mit dem Unterdrückten haben und ihm geschenkweise den ,,Tisch\nöffnen« mögen, also das Leben geschenkweise gewähren mögen: Dieses\nkindliche Programm wagt nicht einmal mehr der bösartigste agrarkonser-\nvative Politiker auszudenken. selbst der ärgste ldiot weiss, dass die aller-\ngeringste Forderung Geschenke abzulehnen hat und mit dem Begriff«,,Rechte««s\nbeginnt. Nur der ,,Dichter« darf bei uns ahnungslos sein!"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.19", "texte": "2\n\nAber der Staats-Rhapsode der „Blätter für die Kunst\" findet auch die von\nihm zitierte Forderung (die ihm doch nur ein Spassvogel als Volkswunsch\nangegeben haben kann) noch abscheulich. Er sagt:\nDie Gnade strömt nicht nach Bedarf und Zwecke\nWas kennt ihr sonst? zur Atzung hohler Magen;\nSie schafft das Heil; doch lindert keine Plagen.\nDas heisst: Der Antrag auf Linderung der „Plagen\" durch „Atzung\" (wie\nmenschlich ausgedrückt!) „hohler Magen\", selbst vermittelst irgendeiner\n„Gnade\" wird von dem georgeschen Anonymus abgelehnt.\nIndessen spricht dieser Dichtersmann auch kaltlächelnd aus, was im ganzen\nkriegführenden Europa niemand laut zu sagen gewagt hat, einen Wunsch, den\nstets jede kriegführende Macht der ihr feindlichen zugeschoben hat.\nEr dichtet frohen Herzens davon, wie der Krieg alle Träger volkshafter Ideen\nbeseitige :\nNun fegt der Fluch sie wie verwelkte Blätter\nIn Not und Kot: Ihr Schreien „macht uns satter\"\nIst kein Gebet, das den Erlöser wecke.\nDer politische Versemacher der Blätter für die Kunst nenne sich. Er ist\nuns allen Verantwortung schuldig. Wenn öffentliche Äusserung überhaupt\nnoch einen Sinn hat, dann hat dieser zeitgemässe Dichter nichts anders getan,\nals einen Aufruf in Versen erlassen, die Ansage einer durch den Krieg unter-\nstützten Bartholomäusnacht zur Ermordung aller Kameraden der Freiheit.\nAber, Ihr, meine Freunde, hat denn einer von uns je an dieser Möglichkeit\nvor der Umgebung des Dichters George gezweifelt? Man entgegnet uns, dass\nder gefundene Sinn hier überraschend und unbeabsichtigt sei. Um so schlimmer;\ndenn der öffentliche Sprecher ist das verantwortlichste Wesen. Man sagt uns,\ndass die Sprache erst den Sinn im Leser und Hörer bilde; und dass der edle\nAusdruck der Form untrennbar von einem edlen Inhalt sei: Sehr richtig!\nLegen wir Rechenschaft ab, wofür die Ausdrucksform dieser Dichter ein in-\nneres Zeichen ist. Eine so abgetane, spezialistisch verweste und kleine lite-\nrarische Provinzangelegenheit gegenüber jeder Weltdichtung heute auch die\nGedichte des George-Kreises sein mögen: Das haben wir doch schon lang\ngewusst, dass die Verse des Meisters George selbst nur die Schulung, die Organi-\nsation, die Herzlosigkeit und den Musiktakt einer uns wohlbekannten Ge-\nsinnung darstellten, den Zwang, die Vergewaltigung der Menschheit und den\nhochmütigen Hass, selbst in der Idylle noch. Wer von uns den Blick hundert\nJahre voraus einstellte, der hat es gewusst, dass nicht Dilettanten, sondern\nein Dichter in dichterischen Formen das Manometerzeichen des bourgeoisesten\nWeltimperialismus war. Diesen Imperialismus gibt es heute nicht mehr. Und\nnun mögen die Dichter, die jener Epoche angehörten, den Mund halten. Mögen\nsie endlich offen in die Reklamebureaus der imperialistischen Warenhäuser ein-\ntreten, die uns diesen Krieg geliefert haben. Dort ist ihr Platz, als Preistitel-\nschreiber für Massengrabsteine, als Drogenverkäufer von echtem Aasgeruch,\nund als Schmuckhändler an den Leibern ihrer Mitmenschen."}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.20", "texte": "Meta.\nCarl Sternheim:\nEine Erzählung (Leipzig, Kurt Wolff, Verlag).\nDass Carl Sternheim lebt und existiert, dessen müssen wir uns tief freuen.\nDas ist in der Literatur der Mann mit dem bohrendsten Blick für Fassade,\nAttrappe, Cache, und mit der festesten, erhabensten Gläubigkeit an den Men-\nschen. Er schaut Personen an, und in Explosion fliegt Angesetztes, bequem\nGeerbtes, umständlich Vorgetäuschtes. Frei wird der Menschenkern, das kleine,\nschimmernde, zitternde Licht des Menschen, das zu allem Licht will. Die Ge-\nsellschaft und jede Lagerung der Gesellschaft ist für Sternheim nur da, um in ihr\ndas Ziel der Unabhängigkeit, der Beugungslosigkeit, der Freiheit zu lehren.\nEr ist der erste politische Dichter in heutiger deutscher Sprache. Die Unmittel-\nbarkeit, die Absolutheit des dichterischen Vordringens zur menschenhaften\nAktion seiner Figuren macht, dass Sternheim der klassische Dichter der Frei-\nheit ist.(Das hat Sternheim zum ersten Male der neuen deutschen Dichtung\nverliehen: den Sinn des Standpunktes; die Heiligkeit des Inhalts. Werke von\nder handelnd enthüllenden Unmittelbarkeit seines Schauspiels „1913\" oder die\nKühnheit und politische Voraussage im absoluten Bekennntnistum des Dramas\n„Tabula rasa\" kannten die Deutschen bisher nicht!)\nEr hängt gar nicht mehr von der Kenntnis eines bestimmten Milieus ab.\nAuch nicht von der umschreibenden Erklärung des Psychologischen. Er ist\ndirekt. Sein Wissen vom Absoluten des Menschdaseins ist so vollkommen,\ndass er mit gleicher Einzelkraft in jede Schicht hineingreifen kann (Typus des\nklassischen Dichters). Meta ist ein Dienstmädchen. Man lese, was Sternheim\nvon diesem Menschwesen sagt: „Zum Denken der Kopf, die Beine zum\nSchreiten. Zwischen Hals und Hüfte ist der Rumpf, Sitz der Organe, die uns\ndas Himmlische vermitteln: durch Lungen und Herz den Odem Gottes, aus dem\nwir leben.\" Diese ungeheure, einfache Wahrheit, die den Menschen als ein\nGeschöpf des Willens hinstellt wer hat das bisher gekonnt? Er ist Klassiker\n(das heisst: einer der neue Normen gibt) auch in der Anschauung, in der\nschöpferischen Anschauung des Menschen als Geistwesen.\nDas Dienstmädchen Meta verliert ihren Bräutigam im Kriege. Sternheim\nlässt sie aus dem Zusammenbruch hervorgehen mit ihrer eigenen Schöpfung im\nHirn, der Fiktion von dem Idealbräutigam. (Wie in einer andern Novelle den\nKoch Napoleon mit dem Idealbild der gestorbenen Tänzerin.) Ihr Willenswesen\nentfaltet sich stets im Dienstmädchenhorizont. Aus ihm beginnt sie ihre\nUmwelt zu beherrschen. Überlegene Unversöhnlichkeit gegen die Gesellschaft.\nSie endet als die bewusste und, nach allen ihren Kräften, hoch menschenwürdige\nRevolutionärin eines Altfrauenhauses. „Meta wie Jugend, Sturm und himm-\nlische Überredung fuhr in sie. Rollte ihnen den Film des Lebens zurück, wies\ndie häufigen Höhen und zeigte einer jeden an der entsprechenden Stelle ihre\nganz unvergleichliche, irdische Wirksamkeit.\" Diese sind die Schlussworte\nMetas:,, Ihr seid nicht stolz genug auf euch, ihr klösterlichen Weiber. Mir gefällt\nnicht die Demut, das Bedauern eigener Unzulänglichkeit und nicht Unter-\nwerfung unter hohe, unumstössliche Vorschrift. Schönste, irdische Wirklich-"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.21", "texte": "keit bin ich mir selbst, und auch vor meinen Herrn will ich einst so treten, dass\ner mich als das Höchstpersönliche erkennt, welches er, von aller Menschheit\nstreng unterschieden, einst schuf, und das er „Meta\" nannte.\" Sternheim,\nunerbittlicher Enthüller aller Verwelkung, ist der optimistischeste Lehrer der\nwahren Menschenliebe und des Vertrauens zu den Kräften jedes Menschen-\nwesens aus dem Geiste. Ein Händedruck dem Kameraden der neuen Zeit, diesem\nDichter der neuen Geistliebe.\n\nDer Kellner.\nLeonhard Frank:\nErzählung (in Nr. 11. Jahrg. 1916 der Zeitschrift „Die Weissen Blätter\",\nherausgegeben von Rene Schickele, Verlag Rascher & Cie., Zürich).\nVon grösstem Mut, schöner Besonnenheit, höchster Anständigkeit der Ge-\nsinnung. Keine Erzählung. Die Erzählung (mit den Mitteln der psychologischen\nLiteratur) ist nur Vorwand. Ein Kellner verliert seinen Sohn, für dessen Er-\nziehung er die Lebensarbeit leistet, durch den Krieg.\nEr wird der Führer der Friedensrevolution. Symbolistisch gemeint: der\nKellner ist kein Individuum, sondern nur Einer von den vielen. Das Hauptstück\nder Arbeit ist die grosse Rede des Kellners in der Arbeiterversammlung. Daraus\nein paar Sätze: „Es gibt heute in Europa keinen Menschen mehr, der nicht ein\nMörder ist! Nicht der Engländer, Franzose, Russe, und für diese nicht der\nDeutsche, sondern in uns selbst ist der Feind. ... Das Nichtvorhandensein der\nLiebe ist der Feind und die Ursache aller Kriege. Ganz Europa weint, weil ganz\nEuropa nicht mehr lieben kann. Ganz Europa ist wahnsinnig, weil es nicht mehr\nlieben kann ....\n„Wir dürfen uns nicht länger belügen und sagen: der Zar, der Kaiser,\nder Engländer ist schuld.\" Robert legte langsam die Hand mit der Serviette\nan die Brust: „Ich bin schuld. Und du bist schuld. Und du und du, nicht mehr\nund nicht weniger als der Zar, der Engländer, der Kaiser und der Milliardär.\nDenn auch die nur hatten, ebenso wie wir, die Liebe vergessen....\nUnd jetzt wisset: die Liebe trägt in sich ein hartes Gebot. Die Liebe sagt:\nwer nicht liebt, ist schuldig und böse und soll weichen, damit der Liebe auf Erden\nkeine Schranken mehr gesetzt werden können. Wir wollen fallen und sterben\ndafür, dass der Liebe die Regierung Europas übergeben werde.\"\nDie Absicht der Erzählung ist, den Leser, jeden Leser, so weit zu bringen,\ndass er in ähnlicher Lage Ähnliches aus sich heraus sage. Grosse und edle Ab-\nsicht: das vollkommene Bewusstsein des Zieles des Erzählens, das mehr ist und\nhöher steht als das Erzählen selber!\nHier stehen also die Dichter Sternheim und Frank. Und drüben, auf der\nandern Seite, wer steht da? Namen, die es gar nicht gibt, und die je nach\nder Parole alles Gewünschte bedichten. Dann die Schar der geistig Feigen,\nUnentschlossenen, Unsicheren, der Problemdichter; die sich nicht entscheiden\nwollen und ihre Direktionslosigkeit für ein interessantes Thema halten. Und\nzuletzt die alten berühmten Herren, die längst nur noch bei den Depeschensälen\nder illustrierten Zeitungen in Achtung stehen."}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.22", "texte": "Wir wissen heute: Wäre nicht manches Ereignis anders ausgegangen, als es\nberechnet wurde, eine ganze Welt würde mit höhnischem Grinsen die Ermor-\ndung des neuen Geistes in seiner Generation, und den Sieg des Alters feiern!\n\nDie drei Sprünge des Wang=Lun.\nAlfred Döblin:\nRoman. (S. Fischer, Verlag, Berlin.)\nDas Buch des bisher unbekannten Döblin gehört zur Weltliteratur. Mit\neinem einzigen Ansprung bricht Döblin durch die lokalen, psychologischen\noder kulturellen Sonderprobleme des deutschen Romanschrifttums der ver-\ngangenen neunzig Jahre, und gibt sich menschenwürdigen und geistigen Zielen\nvon höchster Intensität hin. Döblins Buch ist die vollkommenste Roman-\nschöpfung, wirkliche Schöpfung, die in deutscher Sprache seit dem Tode der\ngrossen Dichter geschrieben wurde. Döblins Buch ist eines des vollendetsten\nSprachkunstwerke, die die deutsche Literatur besitzt.\nDie vergangene Epoche des Impressionismus, der Willenlosigkeit, des\nberuhigten Relativismus: der Ungeistigkeit! hatte nur auf diese beiden\nUrteile „Roman\" und „Kunstwerk\" Wert gelegt. Aber würde nichts anderes\nvom Werke Döblins zu sagen sein, so wäre es nie zu seiner schöpferischen,\numwälzenden Wirkung der Vollkommenheit gelangt. Das Buch ist, über\nErzählung und Kunst hinaus, das bedeutendste religiöse Werk, das seit Jahren\nin Europa veröffentlicht wurde. Das Buch ist zuletzt das einzige revolutionäre\nWerk der europäischen Literatur, Vernichtung und tiefste Neuzeugung in der\nZusammenfassung aller neuschaffenden Kräfte aus dem Geist, der Inspiration,\ndiktiert vom Wissen um einen absoluten Weltsinn. Seit Tolstois Tode war\nniemand da, der solche Konzeption zu bilden gewagt hätte.\nIch treibe nicht Kunstkritik, sondern ich zeichne die heute mögliche Äus-\nserung des Geistigen in der Welt auf. Die grosse revolutionär-religiöse Schöpfung\nDöblins ist ein Roman; der Roman spielt in China. Vorgang: Der Aufstieg\neines ganz einfachen Menschen bis zum inspirierten Geschöpfe Gottes in voller\nBewusstheit seines religiösen Dienstes; und bis zum Führer einer wirklichen\nungeheuren Volksrevolution aus dem Geiste, an der Millionen teilnehmen.\nNachschlagen in einem Geschichtwerk erwies mir, dass diese Revolution in China\nwirklich stattgefunden hat, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Döblins\nBuch ist aber kein „historischer Roman;\" davor schützte es die historische\nAusserzeitlichkeit, die für unsere Augen das innere Leben Chinas hat. Das\ngeschichtliche Faktum ist für Döblin nur der Punkt, an dem selbstständige,\nin sich lebende Schöpfung mit der wahrnehmbaren Wirklichkeit sich kreuzt\nund zu einem in die wirkliche Welt hinauswirkenden Gebilde wird. Aber die\nRomanmässigkeit der Döblinschen Dichtung ist nur der Untergrund, auf dem\nsich ein Schöpfungsplan zum aktiven Handeln des Menschen aus dem Geistigen\nerhebt. Aus diesem Buch bricht Wissen um eine höhere Weltordnung und\nder verantwortliche Wille zu ihr."}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.23", "texte": "Biologie unserer Zeit\nG. G. Nicolai:\nkönnten die wunderbaren Aufsätze dieses unvoreingenommensten aller Biologen\nheissen, die fortlaufend in der Zeitschrift Die Aktion (herausgegeben von Franz\nPfemfert, Berlin-Wilmersdorf) erscheinen.\nDas Verfahren Nicolais ist vorbildlich. Er geht bis an die äusserste Grenze\nvon Konsequenzen der exakten Tatsachenforschung in der Biologie, und er\nstellt überall fest, wo jenseits dieser Grenze das Selbständigkeitsgebiet des\nMenschen beginnt. So kommt er, von ganz anderer Seite her als wir, zu den\nerhabensten Formulierungen der kommenden neuen Zeit, einer Epoche der\nGeistigen.\nUnwiderleglich starke Kapitel sind da, der Abschnitt: „Rasse\", die Er-\nörterung „Heimatsliebe\", zu denen man die Aktion beglückwünschen muss.\nHier eine zwingende Schlussfolgerung aus dem Teil „FreiheitundNatur-\nzwang (Nr. 41 /42 der Aktion):\n„In dem kleinen Menschenhirn wurde die ganze „Schöpfung\" nachgedacht\nund nachgemacht, und die dadurch erlangte Freiheit hat bewirkt, dass wir „im\neigenen Gesetz leben\". Deshalb ist Menschenhandlung etwas\nanderesalsNaturgeschehen, und deshalb haben wir den zwischen-\nmenschlichen Kampf nicht hinzunehmen wie ein Erdbeben. Wenn es selbst wahr\nwäre was, wie schon gezeigt, nicht wahr ist dass er die einzige Losung\nder Natur sei, für uns würde dieser „Naturzwang\" doch nicht existieren.\nDer Kampf ums Dasein ist niemals Entschuldigung und nicht einmal Analogon.\nJedenfalls darf der Glaube an die Freiheit und AllmachtdesGeistes\nnicht verloren gehen, und auch heute müssen alle, die auf irgendeine Besserung\nhoffen, im Innersten überzeugt sein, dass der Geist, das Wort mäch-\ntig e r sei als die reale Wirklichkeit.\nVor allem gilt dies für die heute so verloren scheinenden unzeitgemässen\n„Schwärmer\". Man hat etwas spöttisch von ihnen gesagt, wenn diese paar Männ-\nlein den „Naturzwang\" bekämpfen wollen, so wäre das, wie wenn ein kleiner\nHund eine dahinjagende Schnellzugslokomotive ankläffte. Die führe über ihn\nhinweg, ohne es auch nur zu merken. Gewiss, denn der Hund verfügt höchstens\nüber ein Millionstel jener lebendigen Kraft, die der Schnellzug in sich trägt;\nund wenn der Mensch nichts anderes könnte, als seinen Körper dem drohenden\nUnheil entgegenwerfen, so wäre es auch mit seiner Macht nicht weit her.\nAber des Menschen Wille ist nicht gebunden an die Kraft, die ihm sein\nKörper zur Verfügung stellt, sondern er hat die Fähigkeit, fast beliebige Kräfte\nauszulösen. Man bedenke: Eine gelockerte Schienenschraube und die ganze,\nstolze Schnellzugslokomotive liegt im Staub. Das kann kein Hund, aber das\nkann ein Mensch.\nDie energetische Betrachtung versagt, wo es sich um gegenseitige Beein-\nflussung von Menschen handelt. Wir wissen nur, dass ein Wort unendlich viel\nvermag.\nChristus und Darwin, Luther und Voltaire haben solche Kunst der Worte\ngekannt und waren ihrer Zeit ein zündender Blitz, der die aufgespeicherten\nEnergiemassen einer ganzen Welt in Bewegung setzte.\""}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.24", "texte": "Bühne der Geistigen.\nWir, die uns unter die Führung des Geistes stellen für die Welt, nehmen\nMaler und Dichter nicht als Eigenkünstler, sondern als elementare Blicke und\nMünder zur Weisung unserer Menschlichkeit. Dass Maler mit Bildern Barri-\nkaden bauen und Dichter in die Politik greifen: Darin fühlt man sich leiden-\nschaftlich bestätigt durch des Dichters Walter Hasenclever Aufruf:\n„Das Theater von morge n\". (In drei Nummern vom Mai 1916 der\nSchaubühne; diese Zeitschrift trat während des Krieges in schwankender\nHaltung nach einem unerkennbaren Gesetz für höchst Anständiges\naus menschlichstem Munde ein, aber auch der geistfernste Dünkel und die\nphilosophisch verkleidete Beschränktheit aus der Feder von Konjunktur-\nschreibern durfte breiten Raum beanspruchen.) Hasenclever: Ein Kamerad, der\ndie Änderung der Welt durch den Strahlendruck des Geistigen selbst für die\nSphäre der verfettetsten Wirksamkeit erstrebt, fürs Theater.\nEr sagt nichts Neues. Zu jedem Anbruch der geistigen Entscheidung\neiner neuen Epoche erging noch eine Proklamation fürs Theater des Geistes.\nHasenclever, diesmal, sagt es nur neugelebt, in unseren Worten.\nDie Voraussetzung: dass das Theater wirkt; und die konsequente For-\nderung: dass es wirken soll. Sein Inhalt soll wirken. Nur Inhalt wirkt. Doch\njeder Inhalt, der wirkenswert ist, muss vom Theater zur Wirkung gebracht\nwerden. Hasenclevers Fundamentalforderung, seine Szene, weit übers Tech-\nnische hinausgreifend (und klopft hier nicht jedem Wissenden das Blut froh!):\n„Äusserste Beschränkung des Theaters an organischer und unorganischer\nNatur.\" Seine Regie: „Die Bühne werde Ausdruck, nicht Spiel!\" Sein Re-\npertoire: „Bühne für Kunst, Politik und Philosophie.\" Endlich! Die Bühne\nwieder als Inhalt. Wie gut und heilend. Die Bühne ein Raum für den Menschen\nals Geistwesen. Der Dichter schöpft endlich wieder Mut, er steht draussen, auf\neinem Punkt ausserhalb, den Rücken gelehnt an die ungeheure Himmelswand\ndes Absoluten, und er hebt manche Erde aus den Angeln; er hat wieder Mut, er\nweiss und sagt es von sich (bescheiden, doch ist dabei das Ungeheuerste, Um-\nfassendste der Menschlichkeit gesagt): Ich bin der politische Dichter. Wieder.\nIhm wird endlich seine Bühne. Dabei ist Hasenclevers Bühne nicht eine\nSpur sandalenhaft, langhaarig, vegetarisch, temperenzisch, wagnerianisch,\nfeierlich, hehr, violett. Nicht im geringsten. Wie alle elementaren Dinge unserer\nMenschlichkeit steht sie mit ausserordentlicher Selbstverständlichkeit da. Vor\nallem: Sie schmeisst den Mimofatzke heraus, diesen blaurasierten, bäuchigen\nKerl mit hässlicher Haut, gemeinem Blut und mit einem Monumentalölkopf.\nDer Bühnenmensch hat gleich uns zu sein. Gleichartig uns! (Mindestens.)\nImmer wieder am Beginn einer produktiven Zeit muss diese Forderung erhoben\nwerden. Verschweinung der Bühne in mittleren Epochen ist kein Beweis für\ndie Erforderlichkeit der Verschweinung.\nMan denke aber an dies: das Programm des Aufsatzes ist nicht eine der\nvielen Theaterunzufriedenheiten, die schliesslich alle nur Unzufriedenheit mit\ndem Mangel der Bühne an Illusion sind. Hier geht es nicht mehr um Illusion."}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.25", "texte": "Es geht um ethische Expression. Nichts anderes als das wiedererwachte Schöpfer-\ngefühl der Menschheit wünschen wir auch da zu sehen, wo Tausende im Zu-\nschauerraum sitzen.\nDer Zuschauer geht ins Theater, um vom Geist, der die Erde formt, geführt\nzu werden. Das Theater ein Geisteshaus. Die Schaubühne eine politische An-\nstalt! Die Bühne und ihr Schauspieler haben uns Antwort zu geben wie das\nDrama, um dessentwillen sie da sind! auf unsere Lebensfrage: Was sollen\nwir tun?\nHier Worte Hasenclevers:\n„Es kann und es wird, es muss eine neue Bühne entstehen, deren geistiges\nZiel aufbauen möge, was allzuviele Materie zerstört.\"\n„Eine Bühne, die sich aus dem Fond staatlicher, städtischer oder privater\nSubventionen sonderte und in der Geschichte des Theaters einen Stil erstrebte,\nblieb meist das Vabanque-Spiel von einem oder mehreren Interessierten. Dies\nwaren bei weitem nicht immer Leute geistigen Schlages, und es folgte die unum-\nstössliche Diskrepanz, sobald die Kunst der Darstellung sich mit den übrigen\nKünsten zu jenem Dualismus verband, den man schlechthin „Theater\" nannte.\nVerschärft wurde dieser Zwiespalt durch das Hinzutreten einer Reihe von\nStoffen, deren widerstrebendster, weil lebendigster, in der Person des Schau-\nspielers gesehen werden muss.\"\n„Auf der Bühne ist die rigorose Entfernung aller Idioten durchzusetzen,\nund ernsthaft wird die Erwägung, ob nicht der Dichter (als Schöpfer des dra-\nmatischen Vorgangs), der Literat und der Maler, der Philosoph, der Satiriker:\nalle Benachbarten im gleichen Reich der Ideen auch die Metamorphose des\nGedankens in das Theater vollbringen könnten, selbst bei zugegebener Unzu-\nlänglichkeit in der Durchführung realistischer Gewalten und was wäre am\nEnde sehenswerter: ein Geist, welcher die Darstellung verführt, oder eine Dar-\nstellung, welche den Geist vergewaltigt?\"\n„Man lehne ab, den Begriff des Statisten, nicht einmal als soziale Erwerbs-\nquelle, länger zu dulden. Die äusserste Beschränkung des Theaters an organi-\nscher und unorganischer Natur!\"\n„Wir leugnen, dass die Herbeiführung eines zweiten Zustands, dieser ver-\nhängnisvolle Irrtum: das Spiel ergänze und rufe die Dichtung ins Dasein, Auf-\ngabe der neuen Bühne sei. Alle Prinzipien für die Darstellung liegen immanent\nin der Dichtung selber. Es wäre nur ein Beweis gegen sie, müsste sie, um\nWirkung zu tun, erst „inszeniert\" werden. Diese Überschätzung eines sekun-\ndären Aktes der Schöpfung, die sich materialisiert, um durch die eigentümlichen\nFormen der menschlichen Wahrnehmung musisch begriffen zu werden, dieser\nkonstruktive, gar nicht wirkliche Konflikt zwischen Geist und Leben, wobei\nstets das Leben unter seinem Jockey das Rennen gewann die Sünde gegen\nden heiligen Geist aller Dichter und Philosophen ist nirgends so verbreitet als in\nden Köpfen der heutigen Theaterwelt.\"\n„Lasst uns der Gewohnheit entsagen, Wald müsse rauschen und Blitz müsse\ndonnern; was wäre ein Theater, das nicht hiesse: Änderung der vorhandenen\nWelt! Lasst uns, oh Freunde, glauben, dass die Morgenröte der Dichter nicht"}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.26", "texte": "mehr mit der Sonne einer noch so begabten Kulisse verhunzt werden kann.\nDa wir das Unmögliche durch das Mögliche nicht darzustellen vermögen, lasst\nuns wenigstens verzichten auf jede Möglichkeit. Was unvollkommen dem einen\nSinne sich bietet, ersetzt es durch die komplementäre Figur. Stellt keine Bäume\nmehr auf: schafft Lichter und Schatten; staffiert kein Gespenst mehr: ergreifet\nMusik! Konzentriert euch in kleinste Räume auf wenigste Menschen; wo Per-\nspektiven euch mangeln, erlernet den Tanz.\nWir werden, auch ohne den Verrat von Bärten und Bäuchen, unser Antlitz\nvergeistigen zum Bilde der Welt. Kein Sturz von Millionen wird unsern Kurs\nentscheiden; der kleinste Aufwand beschwört die grösste Kraft. Ja, wir werden\ndieses Theater am Rande Europas gründen, und die Toga des toten Cäsars im\nTriumph zu unsern Häuptern schwingend, setzen wir die Inschrift:\nBühne für Kunst, Politik und Philosophie.\n„ Ich glaube, eine Zeit ist gekommen, die wieder an Stelle der Beschaulich-\nkeit das Inkrafttreten all ihrer geistigen Instinkte setzt. Ich glaube, sagen zu\ndürfen, dass die Bühne als Brennpunkt, als belichtetes Negativ dieser, durch die\nLangsamkeit unsres Planeten auf vielen Gebieten retardierten Bewegung\ngradezu entstehen müsste: ein vollendeter Komplex, eine unwiderrufliche Ein-\nheit der willentlichen Energien, welche ihre Umwandlung in die positive Wirk-\nlichkeit noch nicht erlangt hätten. Die Philosophie als höchste Verständigung\nim Reiche des Denkens aktivierte sich zu einem Gesetze des Handelns, in welchem\nKunst und Politik, dem tätigen Geist der Menschheit am nächsten, nicht mehr\nihre Diener, sondern ihre Schwestern geworden sind. Hier tritt die Bühne als\nMedium zwischen Philosophie und Leben; Vermittlerin der ersten und heiligen\nEkstasen, schwebe sie helfend und wirkend über ihnen allen!\"\n\nDie Zeitschrift ist lceine hihliaph\"ile, sondern eine moralische Angelegenheit. —-\nNicht aufgenommen werden Werlce irgend einer Unterhaltungsahsichh beschrei-\nhende Zeichnungen, Gedichte, Not-eilen und Betrachtungen, die allein der Er—\nlcldrung und der Bildung dienen. Zur Veröffentlichung zugelassen sind nur\nfordernde Parmulierungen von eurapiiischer Gesinnung\nDie Aufsätze dieses Heftes haben den Herausgeber zum Verfasser\nFür den lnhalt verantwortlich: Bei-lass; Kaki-Je( e\nZeit-Echo Verlag Benteli A.-G., Bümplizickzern und Leipzig\nDruck von Bei-ich' Lsyz Bümpliz"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191705-01.1.27", "texte": "VERZEICHNIS:\nOrgan . . . . Seite 1\nNeuer Inhalt. . „ 2\nEuropäische Gesellschaft . . „ 6\nMitmensch» „ 10\nEin Wort von Silvio Gesell . . »13\nHANS RICHTER: Der heilige Mit-\nmensch (schwarzweisses Volksblatt) „ 15\nMenschen / Bücher / Zeitschriften: Der ehr-\nliehe Gegner. Blätter für die /Kunst. Carl Sternheim,\nMeta. Leonhard Frank, Der Kellner. Alfred Döblin, Die\ndrei Sprünge des Wang-Lun. Bühne der Geistigen.\n\nØcis «Ieffks Fcäo ers-Beim- fsefåmoveiffess e Øfe Einzel?\nngzmmer Æosiei 250 Øfeyzmsy ekle-« sc) Fe«iimes, eins Wie-Sieb\njesrafioyfiyxemeni fä Ärimmemj May-IF ZZO oder Wanke- .2.-50.\nI» 5eZfeÆe21PdrzroE«\"aIJe Äxihfsfenclfrznyeneedek Les: koekfegn"}]}