{"numero_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_sha256": "dc053f5d5405c5102d8d596af1d25b02d0aa667bba4284980b0f899139826a93", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1917/06_01/bmtnabb_1917-06_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1917/06_01/bmtnabb_1917-06_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c002", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.2", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.1", "debut_caractere": 277, "fin_caractere_exclue": 584, "texte": "INHALT:\nLUDWIG RUBINER: NACH FRIEDENSSCHLUSS\nTOLSTÖIÄNERBRIEFE: REVOLUTIONSTAGE\nIN RUSSLAND\nALBERT EHRENSTEIN: MENSCHLICHKEIT\nHANS RICHTER: EIN MALER SPRICHT ZU DEN\nMALERN\nMENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\nBeiträge von &ff red cDöbfin, (FriedrichFlark, Frida fjcfiak,\nHANS RICHTER: SCHWARZWEISSES VOLKSBLATT"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c003", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "5", "image_debut": 3, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.3", "titre_corps": "NACH FRIEDENSSCHLUSS", "titre_sommaire": "NACH FRIEDENSSCHLUSS", "signature_source": "Ludwig Rubiner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2233, "texte": "NACH FRIEDENSSCHLUSS\n\nDanach wird ein Streit kommen, schrecklicher als der Weltkrieg einer\nwar, jahrzehntelang. Menschenvernichtender noch, menschenbeseitigender,\nmenschenleugnender. Es wird viele Generationen wegwischen aus dem\nGedächtnis der Kommenden; Jahrhunderte von gewesenem Leben werden\nvon der zärtlichen Erinnerung künftiger Geschlechter ausgeschlossen sein,\nund dermaßen nicht mehr vorhanden, wie der Moder von altem Schutt—\neinst kostbarer Besitz—achtlos verweht und verstampft wird in Staub und\ngetretene Straßen.\nAber auch schneidender, unmenschlicher, herzzereißender wird das\nsein. Denn gerade bessere Menschen, irgend hinter Verdunklungen dem\nGeistigen Nahe, werden anspringen, um zu zerfleischen.\nEs wird ein Streit sein, den das letzte Mißverständnis gegen das Zeit-\nalter des Geistes kämpft. Die letzte Halbheit, die letzte Ungläubigkeit,\ndas letzte, geschärfteste, verstrickt teuflischeste Aufgebot des Aberglaubens\nvon Besitz und Grenzen. Die Truppen der überzeugungslos Lauen, der\nfrüh Zufriedenen, der Unsicheren und der halben Brüder werden den\nKampf gegen uns aufnehmen.\nDie wahren Kameraden der neuen Zeit wissen, das die Verwirklichung\ndes Geistigen sich nur in den Handlungen des freien Menschen zeigt.\nAber die Mißverständler alle stehen auf gegen uns. Und zuletzt treten\ndie Halbbrüder und Halbfeinde gegen uns vor.\nDoch es geht für den Geist. Der Geist wird Führer sein der kom-\nmenden Zeiten, in der hohen Selbstverständlichkeit eines Führertums, das\nnicht mehr von Persönlichkeiten abhängt. Und alles wird fallen und spuren-\nlos vergehn müssen, was noch Anstrengungen macht, um die Faust auf\ndie Welt zu legen und von ihr Besitz zu ergreifen.\nWir haben nicht das Recht, uns für uns allein zu entscheiden. Wir\nmüssen die lebendige Verantwortung für die andern in unserer Entschei-\ndung mit übernehmen. Also nur noch entschiedener müssen wir werden.\nUnzweideutiger noch müssen wir uns in das Bekenntnis zum Absoluten\nstellen. Wir dürfen uns nicht von List oder Bequemlichkeit vorspielen\nlassen, daß Führerschaft durch den Geist und der Weg der Unbedingtheit\nnur im Lande Niemals lägen. Jede übernationale Realität lehrt es heute\nschon besser. Galt nicht einmal das Gold als Werteinheit für eine angeb-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2656, "texte": "liehe Ewigkeit? Und heute müssen Sehende die Entwertung und rapide\nRelativierung des Goldes durch den Krieg feststellen.\nUnsere besten Zeitgenossen erheben die Hand, und mahnen uns, Schlag-\nworten zum Trotz, die neuen Gesellschaftsbildungen mancher Staaten\nnicht für Wege zum Sozialismus zu halten, sondern sie als Kriegsmerkan-\ntilismus zu erkennen. Aber auch darüber dürfen wir uns nicht täuschen,\ndaß diese neuen staatsmerkantilen Zwangsformen nur durch ein halbes\nJahrhundert sozialökonomischer Ideenvorbereitung möglich waren. Schreibt\neinmal einer das Kapitel von dem chaotischen Kontrapunkt der Geschichte\nim neunzehnten Jahrhundert ? Dann darf die Enthüllung jener wilden\nZufallskreuzung nicht fehlen: Wie der grosse Rhythmus einer menschheit-\nlichen Volksumwälzung zur Gemeinschaft auf dem Erdball in einem\ntollen Mißverständnis sich zu decken begann mit einem ökonomischen\nRechtsstreit, der nur die materielle Umschichtung einer spezifischen Klasse\npropagierte. Dieser Absturz aller menschheitlichen Ziele ist eine Folge der\nunerhörten Kleingläubigkeit, in der ein Jahrhundert lang die umwälzungs-\nbedürftige Gesellschaft sich das Maß der kleinsten Zufriedenheit gesetzt\nhat, glückselig schon, wenn eine Bewegung auch nur verschwommen ähn-\nlich einer drängend nötigen Umschaffung unseres Lebens sieht. In absicht-\nlichem Selbstbetrug ist man froh, Umwälzung der Gesellschaft schon mit\nbloßer Umlagerung der Vermögen zu identifizieren. Und diese Klasse?\nDas Proletariat. Als ob es heute nicht schon längst eine unorganisierte\nSchicht der viel tiefer Bedürftigen um die ganze Erde herum gäbe, ein\nUnterproletariat von allen Seiten der Gesellschaft her; eine Leidenslegion\nvon blutend Isolierten, so tief leidend, daß sie nicht einmal bisher sich\norganisieren konnten wie der hochmütige Gewerkschaftsmann; eine Kata-\nstrophenarmee von Verzweifelten, die bereit sind das Wunder zu empfangen,\nwährend den sozial und ökonomisch vorgeschrittenen Organisationsprole-\ntarier schon lange allzu befriedigter Stolz auf Erreichtes in Angst vor dem\nSchritt zum Unbedingten hielt.\nDer blinde Wunsch, eine Partei zu bilden, statt einer Gemeinschaft für\nGeistesrevolution, die doch in Wahrheit nur unter dem Zeichen einer ab-\nsoluten schöpferischen Änderung des Bewußtseinsstandes der Welt mar-\nschieren würde, führte zu der nie verzeihlichen Sünde: demokratischen\nSozialismus gleichzusetzen mit Klassenkampf. Aber niemand hat, bei allen\nNationen, den Krieg moralisch so stark unterstützt wie das gewerkschaftlich\nbefriedigte Geschöpf des Klassenkampfes. Die bewußt organisierten Prole-\ntarier aller Nationen sprachen dieselben Raubtierparolen, wie die früher von"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2644, "texte": "ihnen bekämpften Leiter ihrer Todesschicksale. Doch selbst die bescheidene\nForderung des Klassenkampfes ist eine sehen historische Forderung, und\nsie ernsthaft zu stellen und laut auszusprechen war nur möglich in einer Zeit\nvon verhältnismäßig großer Freiheit. Das alles geht heute nicht mehr, das\nalles hilft heute nicht mehr, das alles gilt heute nicht mehr. Wie billig, bequem\nund roh, wie unverantwortlich und menschenunwürdig: alle unsere Er-\nwartungen, Hoffnungen, unsere drängendsten Aufgaben abzuschieben auf\ndas organisierte Proletariat! Wie aussichtslos verrucht der feige Wunsch:\nden organisierten Arbeiter einzuspannen als todgeweihtes Tier in den Beutezug\n• •\nunserer Anderungsiust und dann tatenlos von ferne zuschauen, wie der\nVerhungerte noch im Maschinengewehrtode für uns siegt! Aber das wird\nnicht sein.\nWir müssen höher und viel tiefer steigen. Die nächste lebendige For-\nmel über den Erdball hin, die den Menschen wieder in die Mitte des\nLebens fordert, heißt heute: Sklavenaufstand.\nSchon heute, noch mitten im Krieg, finden wir es merkwürdig, und\nnach dem Staub der subalternen Registraturen schmeckend, daß man frü-\nher jene Bewegungen, die auf eine höhere Ordnung der Erde hinzielen\nZiele, die heute jedem Spießbürger sehnsüchtig klar scheinen mit un-\npositiven Schreckbezeichnungen benannte. Der französische Gewerkschafter\nLagardelle hat (mit Parteinahme für die Gewerkschaft) die Ziele zweier\ngesellschaftskritischen Bewegungen gegenübergestellt, das des klassen-\nkämpfenden Syndikalismus auf der einen Seite, und ihm gegenüber das\nder unbedingten Freiheitsforderung. Nach seiner klaren Formulierung gilt\nfür den Syndikalismus: «Die soziale Frage ist eine Arbeiterfrage. Der Feind\nist der Angehörige der andern Klasse. Das Ziel wird durch Entwicklung\ndes Klassenbewußtseins erreicht. Der Ausgangspunkt ist das Interesse der\nGesamtheit.» Dagegen gilt für die Freiheitsbewegung: «Die soziale Frage ist\neine Menschheitsfrage. Der Feind ist der befehlszwingende (autoritäre)\nMensch, zu welcher Klasse er auch gehört. Das Ziel wird durch Entfaltung\ndes Menschheitsbewußstsems erreicht. Der Ausgangspunkt ist das Emzel-\ninteresse.» Man sieht bei beiden Richtungen ihre menschheitlichen\nQualitäten und ihre staubigen Einseitigkeiten. Heute geht uns die Diskus-\nsionsnervosität vergangener Denkschlachten nichts mehr an. Wir haben zu\nFürchterliches durchgemacht und mit angesehen auf dieser Welt, als daß\nuns der Satz «Ausgangspunkt ist das Einzelinteresse» nicht heute kindlich\nblödsinnig erschiene. Wir haben zu große Hoffnungen für die Zukunft, als\ndaß wir nicht das Wort: «Ausgangspunkt ist das Interesse der Gesamtheit»"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2597, "texte": "als jubelndste unserer Forderungen bejahen würden. Aber heute wird jedes\nmutige Herz für die Menschheit stimmen, nicht für die Gewerkschaft. Die\natomistische Kleinlichkeit des Gewerkschaftsprogrammes ist heute jedem\nAuge sichtbar. Die edle Liebe zur Erde, die Entfaltung des Menschheitsbe-\nwußtseins nicht natürlich in einem Einzelinteresse sondern in einem\nhöchsten Gemeinschaftsziel hat heute sogar schon letzte kleine Lichter\nauf die Friedensprogramme der einander feindlichen Staaten geworfen; und\nRegierungen arbeiten in ihren Manifesten heute selbst mit Grundbegriffen\nvon Ideenrichtungen, die sie vor wenigen Jahren noch in grausamen Ver-\nfolgungen ausrotten wollten.\nEs ist Zeit, eine Bewegung, die auf der Vereinigung von Menschheits-\nbewßutsein und Gemeinschaftswillen baut, nicht mehr nach dem ablenkend\nnegativen Schlagworte chaotischer Isolation zu bewerten, nach allem was\nsie von sich ausschließt, sondern nach den unmittelbaren Ideen, welche\nihr die führenden sind. Diese Ideen strahlen im Begriffe «Sozialismus»\nzusammen. Das ist: bewußt hülfreiches Gemeinschaftsleben einer freien\nMenschheit.\nAber die Menschen werden sich noch einmal vor eine ungeheure Prü-\nfung gestellt sehen. Ein Riesenkessel von Verwechslungen, Vertauschungen\naus Absicht, von Verkennungen wird kochen. Alles, was wir heute schon\n«Sozialismus» nennen, ist in Wahrheit getrübt durch die kurzfristigen\nInteressen des Relativen, durch Schiebungen zwischen Macht und gerin-\ngerer Macht, durch Kompromisse voll von Grenzen. Gegenüber diesem\nunfreien, diesem nur bedingten Sozialismus ist heute der Kapitalismus\nfast unbedingt zu nennen. Darum wird auch nicht dieser ungelebte und\nnur abgenötigte Zehntelsozialismus dem Kriege ein Ende machen, sondern\nder Kapitalismus. Der Kapitalismus wird dem Krieg ein Ende machen im\nKampfe gegen den Pseudosozialismus; er wird das dann tun, wenn er sich\nernstlich bedroht sieht. In dem Moment, wo der Torso-Sozialismus völlig\nin den Staat eingehen will, wird der Kapitalismus seinen geringem Gegner\nabschütteln, und in jenem sichersten Wirkungskreis des Kapitalismus:\nseiner Internationalität, die sich des Staates bedient, seine überstaatliche\nMacht erweisen. Nach diesem Kriegsende von Gnaden des um sich besorg-\nten Kapitals wird noch einmal eine ungeheure Welle des kapitalistischen\nSieges von innen her über die Welt stürzen; eine fürchterliche Begeisterung\nfür das bunte Weltvariete des Kapitalismus wird aufbrechen, und nichts\nwird billiger sein als das Mißverständnis des Sozialismus, nichts be-\nquemer als seine Verachtung, nichts deutlicher als der Widerspruch zwi-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2351, "texte": "sehen dem Mißgeschick seiner Absicht und der allgemeinen Rührung über\ndie vollzogene Tat seines leicht siegreichen Feindes.\nAber das Mißverständnis liegt schon darin, aus diesem Widerspruch\nSchlüsse zu ziehen. Das Mißverständnis liegt schon in der Frage: Kapita-\nlismus oder Sozialismus ? Diese Antithese ist Unsinn. Sie existiert gar nicht,\nnicht als Feststellung, und erst recht nicht als Forderung. Denn der Kapi-\ntalismus ist nur die Systematisierung des auf der Erde befindlichen und\nverschiebbaren «(Wieviel», ein ewig zitterndes, ewig erschreckbares 'Wie-\nviel meßr? (Wieviel weniger?», und nur darum mächtig, weil die\nMajorität der Menschen gebannt mit ihm mitzählt. Aber der Sozia-\nlismus ist eine Gesinnung, keine Sachsammlung. Seine Weltfrage heißt:\n«(Wie seßr ?», und Intensität war noch überall das Manometerzeichen\ndes Schöpferischen. Sozialismus ist Erdballbewußtsein; seine Gesinnung\nheißt: Erdballgesinnung. Der Kapitalismus ist das atavistische Angst-\ngebild des alten Einzelmenschen der tief vergangensten Höhlenzeit, des\nrelativischen Fatalisten, des Deterministen, des Materienfetisch - Anbe-\nters, der in Blitz und Donner erschreckt den Menschen für ein mecha-\nnistisch gebundenes Vegetativgeschöpf der Erdnatur hielt. Ihm war der\nMensch ein Teil der Erde. Wie ungeistig! Dagegen wie unerhört schöp-\nferisch ist die Hingabe und Projektivität des Sozialismus in die Welt, wie\nunvergleichbar überzeugend. Ihm ist die Erde ein Teil des Menschen.\nSein kühnstes und doch einfachstes Wort sprach der Sozialpolitiker Silvio\nQesell («Die natürliche Wirtschaftsordnung»): «Die Erde gehört zum\nMenschen, sie bildet einen organischen Teil des Menschen. Die ganze Erd-\nkugel, wie sie im Flug um die Sonne kreist, ist ein Teil, ein Organ des\nMenschen, jedes einzelnen Menschen». Wie geistig! Hier ist das Thema\ndes neuen Menschen, aus ihm strömt die schwebende freie Polyphonie\nder neuen Zeit. Tausende von Menschen, einander Unbekannte, in allen\nLändern über alle Grenzen hinweg fühlen diese Worte auf sich zukom-\nmen wie einen brüderlichen Händedruck. Denn das Stärkste, das sie aus\ndiesen Worten hören, heißt: Freiheit und Gemeinschaft!\nDer ganzen Erde muß unser Schöpferbewußtsein und unsere Liebe\ngelten, wenn wir vor unsern Augen auch nur einen ihrer Teile als Völker-\ngemeinschaft sehen wollen, ein brüderliches Europa.\n\nLudwig Rubiner"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c004", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "6", "page_fin": "13", "image_debut": 8, "image_fin": 15, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.4", "titre_corps": "Briefe aus Colstojs Freundeskreis", "titre_sommaire": "Briefe aus Colstojs Freundeskreis", "signature_source": "L. R", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2888, "texte": "REVOLUTIONSTAGE IN RUSSLAND\nBriefe aus Colstojs Freundeskreis\nL. R.\nAls Anhänger Tolstojs gilt bei uns schon ein Mensch, der Tolstojs Schriften\nliebt. Aber in Ruliland ist es einer, der nach seiner Liebe auch handelt. Ohne\ndie Tolstojaner wäre die jetzige Revolution nicht so, und nicht so unblutig Mäg-\nlich gewesen. Erst sie hoben die Herzen sicher gemacht und die Zungen geloclcert,·\nsie haben zu den grofZen Volksschlagworten gegen die Unterdriickung, auch die\ngegen den Krieg unter die Menschen geworfen. Sie taten das, wie es nur un—\nendlich wenige Westeuropäer gewagt haben fdie dazu noch Parlamentarier\nwarenx in voller Gffentlichkeits laut, und zu jedem Menschen, dem sie begegnetem\nDer grof3e Hochverratsprozed gegen die Totstojaneh der vor einem Jahr unter\nder zaristischen Regierung stattfand, erwies, wie unfafkbar stark der Bekenntnis-\nmut zum unkompliziert Guten und zum äffentlichen Widerstand gegen die Ge-\nwalt schon das russische Volk durchdrungen hatte. - «\nHier diese Briefe, zur heutigen Revolution RujZlands, kommen aus dem\nKreise, der die nächste menschlich-geistige Umgebung Tolstojs in seinen letzten\nLebensjahren bildete. lhre Verfasserin ist Anna Konstantinowna Tschertkotva,\ndie Frau jenes Tschertkow, der als Freund Tolstojs und seinen: Willen gemäfk\nes durchsetzte, dafi Tolstojs Werke, gegen den Wunsch der Familie, frei der\nganzen Welt gebären, -und der heute auch Tolstojs Tagebiicher der Dffentlichkeit\nzugänglich macht. .\n. Die Briefe enthalten iiber weltgeschichtliche Tage Ruhlands Mitteilungen, die\ndie russischen Zeitungen nicht veräffentlichen konnten. Das välligisolierte Rus-\nland, abgesperrt von jeder untendenziäsen Nachricht iiber deutsche Ereignisse,\nschwankt zwischen Skepsis und Hoffnung. Die Andeutungen der Frau Tschert-\nkowa iiber russische Erwartungen sind von intereuropäischem Interesse.\nAber menschlich am stärksten ist das vorbildliche Wort von jenem jungen\nTolstojaner, der ernsthaft tätig und aktiv hilfreich mit den Arbeitern ging, und\n,,trotz seiner, ihnen unverständlichen Religiosität ihre Achtung und ihr Vertrauen««\nhatte. Hier ist ein Ausdruck der wichtigsten Uberzeugung unserer Zeit; Dafj\nGlaube an den Triumph des Geistigen iiber Kampf und Gewalt nicht zuvor—\nnehmer Abschlieftung von der Welt fähren darf, sondern dafz gerade das Wissen\num Hächstes die aufterordentlichste Verantwortung und die Pflicht zur steten\ntätigen Bereitschaft auferlegt.\nMoskau, H. März (europ. Damm : IF. Möirzk\nLiebe Freunde, gestern schrieb ich, Euch in aller Eile eine Postlcarte.\nHeute möchte ich mehr schreiben, wenn es geht. Uber die groBen Ereig-\nnisse allgemeinen Charakters werde ich zwar nicht berichten: sicher seid\nIhr durch Eure Zeitungen genügend darüber unterrichtet. Ich will Euch\nnur mitteilen, wie diese Ereignisse sich in unseren Kreisen widergespie-\ngelt, welche Wirkung sie auf das Schicksal unserer Freunde gehabt haben;"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2656, "texte": "auch von einigen privaten Beobachtungen, die nicht in« die Zeitungen\ngelangen, will ich Euch erzählen. Nicht der Reihenfolge nach, sondern\ndas lklächstliegende und für uns wichtigste. Das ist vor allem die Be«\nfreiung unserer in den letzten Jahren zum Dienst in Arrestantenlcompa«\nnien oder zum Zuchthaus verurteilten Cesinnungsgenossem die jetzt zu«\ngleich mit den »politischen« befreit worden sind. Noch sind nicht alle\nfrei. Die Verzögerung liegt aber nur an einer rein technischen Umständ-\nlichlceih Es gelang nicht auf einmal. Denn die Unsrigen waren als ,,Kri«\nminalverbrecher« registriert, es galt also erst Erklärungen abzugeben.\nHie und da wurden sie auch« ohne weitere Formalitäten befreit, nachdem\nman festgestellt hatte, das» sie aus ,,religiösen« Gründen verurteilt worden\nsind. Immerhin sind noch nicht alle entlassen und noch nicht überall.\nseit dem Z. März ist die Sache aber in Cang gebracht. Zuerst befreite\nman zwölf Personen aus dem Zuchthaus ,,Butyrlca«. Unter ihnen befand\nsich unsere liebe Olgawassiljewna Sawaljewslcaja Sie war zu zwei Jahren\nFestung verurteilt worden, ohne Anrechnung der neun Monate Unter«\nsuchungshaft, weil sie sich nach der Verhaftung unserer Freunde D. P.\nMalcowitzlcy und Bulgalcow in JaBnaja Poljana (wegen eines noch im Herbst\nl9l4 verfafZten Aufrufs) persönlich an die Cendarmerie in Tula ge«\nwandt hatte. Den Aufruf hatte sie zwar nicht unterzeichnet, ihre Zu«\nStimmung aber gesondert ausgedrückt; man unternahm eine Haussuchung\nbei ihr und fand drei Exemplare der im Verlag ,,Erneuerung« erschiene«\nnens Broschüre Tolstojs ,,Christentum und Patriotismus«. »Das Resultat\nwar -— jenes Urteil des Cerichtshofs (in Tula), der immer bedeutend\nstrengere Urteile fällt, als unsere Kreismilitärgerichte Der ,,Cerichtshof«\nist ein Uberbleibsel des alten Regimes aus der Zeit vor den Reformen\nund war von Schtscheglowitow besonders für die politischen Prozesse wieder«\nhergestellt worden, er ist eigentlich eine ungesetzliche Institution,\nwelche die gesetzlichen Ceschworenengerichte ersetzt. Und die Richter\n(drei für jede Session) gehörten zu den eingefleischtesten und wildesten\nBürolcraten, die so stumpf und grausam sind, dafZ gegen sie gehalten sogar\nStaatsanwälte der Kreismilitärgerichte als sanfte Lämmer und ritterliche\nEhrenmänner gelten können. .\nDiese unsere Olga Wassiljewna also, ——— ein Mädchen von achtund-\nzwanzig bis dreiBig Jahren (sie sieht aber älter aus, eingetrocknet, gelb«\nlich, schwach), ist ein Typus, der nicht mehr vereinzelt vorkommt, die\nWiedergeburt der urchristlichen Märtyrerirn von wunderbarer seelischer\nSchönheit, s—- sanft, selbstlos, unbeirrban bescheiden und unendlichrühs"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2485, "texte": "rend. Dabei gehören zu ihren spezifischen Zügen ein echter Humor fund\neine immer heitere Lebensauffassung, die es machen, daB sie übersich\nselbst scherzt (z. B. in ihren Briefen aus dem Cefängnis); und das alles\nohne einen« Schatten von Heuchelei oder Selbstgefälliglceih die mir immer\nwiderwärtig ist . . . Es genügte, daB einer der Unsrigen, der sich in der\ndas Zuchthaus Butyrlca umringenden Menge befand, dem ,,l(ommissär« der\nneuen Regierung einige Worte über unsere ,,politische« Olga Wassiljewna\nzuflüsterte, —- und man« lieB sie frei. Unsere Freunde brachten sie zuerst\nin das vegetarische Speisehaus (das war am l. März um zwölf Uhr\nnachts), und am nächsten gMorgen kam sie zu uns: wir wohnen ja. sehr\nweit vom Zentrum entfernt, und in diesen Tagen fuhren weder Trams\nnoch Droschkem alles ging zu FuB, —— eine Millionenmenge war während\nder Tage und Nächte fast bis zum Morgen auf den straBen und Plätzen,\n—- und überall vollste Ordnung, obwohl die Polizei fehlte; die hatte man\nVerhaftet. Es gab allerdings einige Versuche von seiten verkleideter Cen-\ndarmen Polizisten, die Menge zu provozierem sie schossen aus Ma-\nschinengewehren von Häuserdächern usw. . . Nun damit schlieBe ich vor-\nhäufig, -——— bis aufmorgen, um die Militärzensur (die während der Kriegss-\ndauer noch weiter funktioniert) nicht zu sehr zu belasten. Sonst könnte\nmein Brief an Euch zu lange liegen bleiben. Es erscheint einem immer\nnoch unglaublich, daB man über alles schreiben darf. \" \"\n7. März.\ng Liebe Freunde, ich setze meine Erzählung über die Ereignisse fort, und\nich schreibe Euch meine persönlichen Eindrücke, nicht das, was in den\nZeitungen steht. , . \"\nUbrigens zunächst ein paar Worte über allgemeine Angelegenheiten:\ngestern las ich eine Korrespondenz aus, Kopenhagen (diese ganze Zeit\nhindurch erhielten wir keine Nachrichten aus dem Ausland, wuBten vor\nallem nichts über Deutschland). In, dieser Korrespondenz heiBt es, daB\nder Hunger in RuBland die Unzufriedenheit hervor-gerufen habe. Das list\nnichtwahn Es herrschte kein Hunger, wohl aber eine furchtbare Teuerung\nund ein völliger Wirrwar im Transportwesem Einige Städte, wie z. B.\nPetersburg, waren ein paar Tage lang ohne Brot. In Moskau ging esnicht\nso hart zu, obgleich alles sehr schwer zu erhalten und sehr teuer— war.\nDer Preis für Roggenbrot z. B. war von zwei bis drei szKopeken für das\nPfund auf zwölf bis vierzehn gestiegen, der für Weizenrnehl von fünfauf\nzwanzig Kopekew Noch» schlimmer war: Wir erhielten für unser ganzes"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2644, "texte": "Haus (Z0---Z5 Personenlnicht mehr als zwei Pfund, und auch nur Rog-\ngenmehL Gut, daB wir einen kleinen Vorrat Weizenmehl noch vomszLande\nhatten; wer in die Stadt kam, brachte immer etwas mit; allerdings. war\ndie Ausfuhr aus einem Couvernement in das andere verboten, man muBte\nalso schmuggelm sonst hätte ich mir , wirklich nicht .zu helfen gewuf3t,\nich kann doch bei meiner Kränklichkeit kein schwarzbrot vertragen.\nAlle unsere Leute haben sich mehr als einen Monat lang mit Schwarzbrot\nbegnügen müssen, es gab nicht einmal gTee dazu. Dabei vermuteten wir\nund wuBten sogar, dafs Mehl vorhanden war, es wurde aber von den\nSpekulanten zurückgehalten, die die Polizei bestochen hatten. Uns\nz. B. wurde mehrmals telephonisch iweizenmehl zu lZ Rubel das Pud\n(== 40 Pfund) angeboten. Ich lehnte aber prinzipiell ab, da ich die ge«\nheime Spekulation nicht unterstützen wollte. Einmal nur ist in unserem\nHause ohne mein Wissen von sirgendwoher ein halbes Pud für 6 Rubel\ngekauft worden, aber darüber war ich sehr angehalten. Und nun, seit dem\nI. März ist auf einmalBrot genug vorhanden und wird gegen Karten,\nein Pfund für jede Person abgegeben. selbst WeiBbrot kann man genügend\nerhalten. Obgleich die Einführung dieser Karten vom (jetzt verhafteten)\nfrüheren Stadthauptmann Schebeko beschlossen worden war, hatte man\nsie bis zum« l. März nicht in den Verkehr gebracht. Es istnicht bekannt,\nwarum die Ceduld der Einwohner auf eine so harte Probe gestellt wurde.\nDie neue stadtverwaltung hat beschlossen, diese Karten, solange der\nEisenbahntransport noch nicht geregelt ist, vorläufig beizubehalten. Überall\nwird davon gesprochen, daB viele Waggons Mehl irgendwo auf den schie-\nnen stehen ohne abtransportiert zu werden. Auch hats man in Moskau eine\nMenge geheimer Mehllager entdeckt, z. B. der Stadthauptmanm dem,\neinem ministeriellen ErlaB zufolge, die Verfügung über alles, von den\nEisenbahnen gelieferte Mehl Zustand, hatte es allein an die groBen Bäckereien\nverkauft, und dabei verpflichtete er sie, es ganz zu verbacken. i«\nIch will noch schnell etwas mehr über die Befreiung unseres lieben\nserjoscha Bulygin aus dem Cefängnissvon Tula mitteilen. Er sollte schon\nnach sibirien in das Jenisseiische Gouvernement verschiclct werden, aber\ner war wegen Erkrankung seiner Zähne zurückbehalten worden, und erst\nauf den 7. März, also gerade auf heute, zum Abtransport angesetzt. Und\nnun auf einmal dieser Umschwung! In der Nacht vom zweiten zum dritten\nMärz ist er entlassen worden. Wo er sich gegenwärtig befindet, weiB ich\nnoch nicht. Wir sammeln jetzt für ihn, um ihn zu nähren, zu kleiden, zu\npflegen und bei« Bekannten unterbringen zu «können. i 3"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2600, "texte": ", « l 7. März, IZ Uhr Mittags.\nIch fahre fort. a « i\n« Vorhin wurde ich durch den Besuch eines unserer vielen freigelassenen\nFreunde, eines gewissen llja Jarkow unterbrochen, eines sehr lieben, tief\nreligiösen und ernsten jungen Mannes, der zu zehn Jahren Zuchthaus\nverurteilt war und anderthalb Jahre davon schon in Butyrlca und\nin anderen Cefängnissen abgesessen hat. Ach, wie wünschte ich, daB Ihr\neinen von diesen Menschen zu sehen bekämettwie wunderbar sind diese\nJünglinge und Männer! In diesen Tagen habe ich etwa fünfundvierzig\nvon ihnen gesprochen. Eben telephonierte mir ein Mitglied des Befreiungs-\nkomitees, eine uns unbekannte.Militärperson, und fragte nach Tschertlcow,\nder zur Zeit leider in Petersburg ist; er bat, diesem mitzuteilen, wie glück-\nlich er sich fühle, daB ihm die Ehre und die Freude geworden sei, an der\nBefreiung jener wundervollen Menschen Anteil nehmen Zu dürfen. Er\nhabe ihre Bekanntschaft irn Cefängnis gemacht, als er sie über die Ursache\nund die Dauer ihrer Strafe verhörte (wobei siesich auf Tschertkow als\nihren Freund bezogen). Er nannte mir einen von ihnen beim Namen -t--» un«\nseren guten Freund Koshanow, — einen merkwürdigen, sehr schlichten\nMenschen, derkaum lesen und schreiben kann, aber ungewöhnlich klug,\nlebhaft, unsatirisch-·witzig, frohmütig und in allen Lebenslagen sorglos ist,\nsogar seine Richter und Wächter hat er zum Lächeln gebracht. Er\nhatte in« Moskau irgendwo als Lakai gedient. Und jetzt, ungeachtet seiner\ntödlichen Krankheit —- Lungenisiund Darmtuberkulose -- soll er immer\nnoch ebenso froh und, heiter sein. Man hat ihn kürzlich aus dem Tagans\nschen Cefängnis»entlassen. Wo er augenblicklich ist, weil? ich noch nicht,\nhoffe aber, daB man ihn entweder zu uns oder ins vegetarische Speise-\nhaus schickenwird, wo die Unsrigen sich oft treffen. - . . « »\n. Eben kam unser armer lieber Koshanow Zu uns. Mit Mühe hat er\nsich bis hierher geschleppt» Dem Ärmsten geht es« sehr schlecht. Er\nhofft zwar, daB er in der Freiheit noch gesunden werde, ich selbst habe\nkeine» Hoffnung. Es ist furchtbar schade um ihn. Ein bewunderungswürk\ndiger, ganz seltener Mensch; so nötig für die Sache Cottesl Die furchtbaren\nQualen haben ihn zugrunde gerichtet. Möge Cott seinen Peinigern ver-»-\nzeihem sie wuBten nicht was sie taten -. . . Als er zu mir ins Zimmer trat,\numarmten wir uns und weinten vor Freudeund Schmerz. Sein Aussehen\nist entsetzlich. Ich erwarte seine Frau und sein söhnchem Sie sind» immer\nnoch; nicht aus ihrem Dorfwinkel hier angelangt. Vielleicht herrschen dort\nnoch die alten Zustände; »die Lokalbehörden einiger Gouvernements, die"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2447, "texte": "an ihren Ämtern kleben, verheimlichen noch immer vor den Bauern\nRuBIands Befreiung vom alten Regirne und hoffen auf die Reaktion.\nVorIäuHg so viel. Hofke bald fortsetzen Zu können. Ums.\nl 8. März.\nLiebe Freunde, in Hinblick auf die Ereignisse, die sich in RuBland\nvollzogen haben, —- dieBefreiung vom alten Despotismus und neue\nOrdnung der Dinge, die allen eine gröBere Freiheit und Freudigkeit ver—\nspricht, ———- möchte man nach Kräften daran mitwirken, daB bald» wieder\n,,Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen« sei. Die. Sache\nist aber, dafZ das nur in dem Falle möglich ist, wenn die feindlichen\nLänder, vor allem Deutschland mit seinen sozialdemokratischen Organi-\nsationen, den Wliinschen des russischen Volkes entgegenkommen und bei\nsich zu Hause tun, was das Volk mit der Gewalt hier getan hat, indem\nes sie durch Volksvertreter ersetzte. Dies ist in der Geschichte der Mensch«\nheit die erste jisiecklfosfe Revolutiom und wenn es irgendwo zu blutigen\nZusamrnenstöBen kam, geschah es nur durch dieKopflosigkeit der Behörs\nden, die auf die Menge und die Soldaten schiefsen liess, dabei gab es die\nxneisten Opfer unter der Zivilbevölkerung Und auch das nur in Peters-\nburg. In den andern « städten ging es fast ohne jedes» Blutvergiefsen ab.\nDoch nicht davon will ich sprechen.\nCestern wurde ich durch den Besuch, unseres. teuren Freundes seriok\nscha Bulygin unterbrochen, der aus dem Tulaer Cefängnis zwei Tage\nvor seiner Verschickung nach sibirien befreit worden ist. Die Ceschichte\nseiner Befreiung und alles dessen, was er in jener Nacht des dritten März\nerlebt hat, ist so interessant, rührend und geradezu märchenhafh daB ich,\nihn eindringlich gebeten habe, alles niederzuschreiben. Ich werde es Euch\ndann schicken. . » « n\nZunächst aber folgendes: wie als Antwort auf imeine Cedankem die\nich Euch mitteilen wollte, brachte Serioscha seinen Aufruf an die sozial—\ndemokratischen Arbeiterorganisationen mit. Er schrieb ihn auf Crund seiner\nCespräche mit Vertretern der Mehrheit und der Minderheit, mit denen\ner zusammengekommen war, zuerst im Gefängnis, und dann, vom Z. bis\nzum Z. März auf ununterbrochen Tag und Nacht währenden Meetings in\nTula, mitten unter den Arbeitern der Waffenfabriken (in Tula leben etwa\nl 00,000 Xvaflenarbeiterx unter dem Eindruck ihrer Beratung-en iiberdie\nwichtigsten Tagesfragem Unter den Arbeitern spielt sich ein Parteikampf\nab, der ein für die neue Ordnung gefährliches Element sich birgt und"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2480, "texte": "die ganze Sache der Befreiung wieder zugrunde richten kann. Besonders\ndie Vertreter der Mehrheit sind taktlos und despotisclk\nSerjoscha also, der sich trotz seiner ihnen unverständlichen Reli-\ngiosität ihre Achtung und ihr Vertrauen erworben hat, hat viel mit ihnen\ngesprochen; er bemühte sich, sich auf ihren Standpunkt einzustellen und\nihre Redeweise zu gebrauchen. sie baten ihn, seine Ansichten gedruckt\ndarzulegen. Er schrieb sie darauf in Form eines Aufrufs nieder und verk-\nöffentlichte ihn gleich dort in der ,,Tulskaja Molwa«! Jetzt hat er ihn\nhieher mitgebracht und wird ihn, nach einigen kleinen Korrekturen, den\nhiesigen Zeitungen zur Veröffentlichung geben. Ich werde eine Kopie an\ndie Adresse von Sascha S. schicken, und bitte eine englische und vor\nallem eine deutsche Ubersetzung machen zu lassen, die in den Zeitungen\nverschiedener Länder, womöglich auch in Deutschland und Osterreich\nveröffentlicht werden sollte. Wenn es nicht anders geht, dann wenigstens\nin der. Schweiz.\nSerjoschas Aufruf ist natürlich nicht von unserem grundsätzlichen,\nreligiösen Standpunkt aus geschrieben, sondern von einem utilitaristischem\nder im gegenwärtigen Augenblick allein anwendbar und praktisch ist und\nauBerdem unseren religiösen Anschauungen nicht widerspricht. Es ist\nnotwendig, mit allen Mitteln, so schnell wie möglich Beziehungen zu den\nSozialdemokraten der uns feindlichen Länder anzuknüpfem um der furchts-\nbaren Katastrophe vorzubeugen, die entstehen könnte, wenn einige blöd-\nsinnige Marxisten fortfahren vor . . «. . zu dienern und wie bisher für\ndie Fortsetzung des Krieges einzutreten. Vor einigen Tagen erfuhren wir\nz. B., daB in einem deutschen Wahlkreis über diese Frage abgestimmt\nwurde, wobei l4,500 Stimmen für den Krieg und nur 4000 Stimmen für\nden Frieden abgegeben wurden. Das sind in Wahrheit die Verräter an\nden Interessen des arbeitenden Volkes. Wo ist ihr Kampfruf gegen den\nMilitarismus geblieben? Die Losung: ,,Proletarier vereinigt euch« sollten\nsie von ihren Fahnen entfernen und durch ein ,,entzweit euch« oder\ndurch die alte imperialistische Devise ,, . . . . . . über alles l« ersetzen.\nl0. März.\nLiebe Freunde, ich fahre fort. Olja arbeitet buclistäblich Tag und\nNacht, besucht die Gefängnisse, veranlaBt die F reilassung unserer Freunde\nsetzt sind alle —-— hier in Moskau gegen 80 Personen —- freigelassen\nworden), kümmert sich um die Unterbringung der Kranken (vor allem\nder Tuberlculösem Rlieumatilcer usw) in Kranlcenbäusern und sanatorien."}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1011, "texte": "Eben hat sie drei von ihnen in ein ausgezeichnetes Sanatorium, nicht weit\nvon uns, in einem Fichtenwalde, gebracht, wo man sie kostenlos auf—\ngenommen hat. PEiner von diesen dreien, unser lieber Freund Koshanow,\ndieser prächtige, Iebhafte, so ungewöhnlich geistreiche Mensch, ist ganz\nam Ende; er hat seine Stimme verloren, spuckt Blut. . . Das Gefängnis\nhat ihn erschreckend schnell zerriittet, genau ein Jahr hat er gesessen.\nEs ist furchtbar schade um ihn, der Ärrnste hängt so sehr am Leben.\nDie Zeitungen haben Serjoschas Aufruf an die Sozialdemokraten nicht\nveröffentlicht. Aber die Zeitung Øer eJögyirfckemoÆrai hat seine Gedanken\nbenutzt und im selben Ceiste geschrieben, auf ihre Weise, aber immerhin\ngut. Cestern wurde auf einem Meeting die Antwort der deutschen sozial—\ndemokraten vorlesen, -- r keine sehr tröstliche Antwort. Die hiesigen\nSozialdemokraten IieBen enttäuscht die Köpfe hängen. »\nWeg-km!- jeclesmah afs of) is» nie Zeyoymen Käfig«\nFerruccio Busoni\n(Entwurf einer Ästhetik der Conkunst)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c005", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "19", "image_debut": 16, "image_fin": 21, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.5", "titre_corps": "MENSCHLICHKEIT!", "titre_sommaire": "MENSCHLICHKEIT!", "signature_source": "Albert Ehrenstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2283, "texte": "MENSCHLICHKEIT!\nAlbert Ehrenstein:\nBittere Erinnerung lebt auf in mir der Tage des Volksschülers, den auf\ndem Wege zur Schule schuldlos das »Geh zum Teufi, saujud vafluchta«\n»der Kameraden traf und durchstach. Dieses Schimpfwort —-—— wie wohl\njeder Jude ———— empfangen zu haben gleich den ähnlichen Liebkosungen\n,,Moses, 8alomon, samerl« entsinne ich mich, auch der in Wien an jeden\nkleinen Israeliten von Cassenjungen gerichteten rage ,,Jüderlach-he! was\nkosten die Flöhisp Darauf folgte dann die Versicherung, daB die Sara\nLäuse habe. »\nl » Trotz« gegen diese Kleinwelt mag es gewesen sein, die mich, dem Ce-\nbote der frommen CroBeltern gehorsam, in Wien oder in der ungarischen\nslowakei, wo es noch weniger an drastischen Beschimpfungen fehlte, vor\nkatholischen Prozessionen in die Toreinfahrt trieb, das Kreuz nicht grüBen\nzu müssen. (Dies war Flucht: Zionismus.)\nsehr früh entwickelte sich eine ungemein starke Abneigung gegen\nJesus Christus in mir; ich fand, es werde eine unverdient kräftige Reklame\nfür ihn getrieben mit tausend Kirchen, Kapellen und Kreuzhölzerm ihm\nzu Ehren, den ich von Anbeginn für den ,,stinkerten saujuden« und die\nrestliche Insektensprache verantwortlich machte.\nWenn mir ein Cstanzel entgegenscholh wie: Jud, Jud! spuck in Hut,\nsag der Mutter, das ist gut!« —- der Untergymnasiast schon trug die\nfeindlichen ÄuBerungen nie den naiven Beleidigern nach, ins Herz drang\nihm die XVut gegen den Urheber, der ihm verräterisch, zu eigener Erhö-\nhung, im Tode sein Volk mit Blutschuld befleckt zu haben schien.\nDas Judentum selbst sprach zu mir mit heiligen Klängen, die ich kaum\nverstand, ergreifenden Zeremonien, die mich in Cebetmänteln umrauschten,\nmit Riemen banden. :\nDie Schönheit des seders lieB mich aber keineswegs die blutige\nSchattenseite: Beschneider und schächter vergessen, noch gar die pharisä4\nischen ,,Religionslehrer« und Rabbinen schächter, die den kindlichen\nGlauben beschnitten. i i\nZum Wesen meiner Religionslehrer gehörte, daB sie hebräische Fibeln\nund Crammatilcen verfalZt hatten, deren Erwerb den hauptsächlichsten Teil\ndes nichtigen Unterrichts bildete; sie bevorzugten wohlhabende, un—\nwissende Schüler· vor ärmeren, die jenes hebräische Wissen besaBen, das\ndie Lehrer selbst nicht vermittelten. Es gab Maturanten, die ihre Bibel"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2538, "texte": "noch nicht einmal buchstabieren konnten und gleichwohl mit vorzüglichen\nNoten traktiert wurden, nur weil sie jüdische Geschichte, historischen\nschwefel phrasenreich wiedergeben konnten —- hie und da schwamm in\ndie Sprechstunde des darob brillantinebeglückten Professors ein edel-\nsteinbehangenes,» seidenrauschendes Häufchen Cänseschmalz die Frau\nKommerzialratx\nEin übler ,,Trost«: Ich sah, auch anderen Religionen waren Pedanten,\nSchwindler, Caukler, nicht gesalbte, doch salbungsvolle scheinheilige als\nPriester beschieden. Den Zusammenhang des synagogalen Wunders zu\nerkennen, blieb mir nicht erspart. Die Ernennung der Cegenstände meines\nschmerzlichen Ärgers und karikaturistischen Vergnügens geschah nicht\nohne EinfluBnahme jenes geschäftetriefenden I(onsortiums ,,kaiserlicher\nRäte«, das in gewissen Kultusgemeinden zu herrschen pflegt.\n« So wurde der Assimilant, der Vollblutaffe mit Monokel und eisernem\nKreuz, gezüchtet, das Protzensöhnchen, das früh anhob mit den Worten\n,,Cestern hab ich den ganzer: Nietzsche geschenkt gekriegt« oder ,,Mein\nVater ist sammlerz er hat sechstausend spazierstöcke«, enden wird nach\nunglücklichem Feldzug, am Pogromtag unter dem losgelassen ,,Dö Juden\nsan schuld« brüllenden Volk.\nTrotzdem: Exzessiver Zionismus ist für mich nicht der Weg zur Er—\nfüllung. Ein jüdischer Nationalparlg ein Indianerterritorium, eine Reser-\nvation, in der statt wilder Bisons gemäBigte Israeliten verwahrt werden,\netwa unter der milden Herrschaft eines mittlerweile zum Dschingiscohn\navancierten kaiserlichen Rats und CroBrabbiners -—- das wäre Flucht,\nFlucht ins Herbarium. Und neue freiwillige Kasernierung, Uniformierung\ndes Judentums. Die blutige Polemik zwischen den beiden mehr und\nweniger demokratisch geschminkten Warenhäusertrusts und Plutokratien\nkönnte gezeigt haben, wohin der MiBbrauch nationalen Gefühls und des\nBesitztriebs führen muBte. Ein Altersheim für dem Antisemitismus Wei-\nchende, weite siedelungsgebiete für Vertriebene pogromliebender Horden,\ndies ist denkbar, rnuBte es sein. Aber de» Juden asiatisch zu neutralisieren,\nhieBe, wichtigste Blutkörpey adlerstarken sprengstoff der europäischen\nMenschheit entziehen. Es gibt eine höhere Dienstpflicht als die allgemeine,\nnationale, konfessionelle, wirtschaftliche. Das Reich Cottes auf Erden wird\nnicht dadurch näher gebracht, daB sich eines der wenigen gotttragenden\nVölker ,,selbständig« macht, in engstem Weltbezirk wie die anderen Völker—\ncommis etabliert, sich lokalisiert.\nMan jammere nicht allzusehr über die Diaspora! In welcher entsetz-"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.19", "debut_caractere": 4, "fin_caractere_exclue": 2431, "texte": "lichen Diaspora haben nicht iMoses, diePropheten, Sokrates, Christus,\nBuddha gelebt! Palästina ist nicht die Entelechie, sondern ein ent-\nwundener, überwundener Zustand. Historizismus will neue Inzucht treiben,\nBlutschande mit dem Mutterlande. ,\nWenn ich Jude bin: victrix causa Dis placuit, victa Catonil Wenn ich\nvom Cottesreich sprach, könnte es einem neokatholischen Urchristen ein-\nfallen, mich hiermiBzuverstehen und für sich zu reklamieren. Aber diese\nRichtung möchte ich ebenso ablehnen, wie es mir nicht beifällt, dem\nJudentum höchste Potenz, messianisches Aufblühen in aller Zukunft zu\nprophezeien, wenn es sich quietistisch, allzu palästinensisch durchaus auf\nsich zurückzöge —- nur weil vor ein paar Jahrtausenden Räuber, Habiri,\nägyptische Söldner sich der Stadt Ursalima und nach und nach des\nganzen Landes Kinahi für einige Zeit bemächtigtem\nWenn ein , geohrfeigter Knabe dem andern zuruft: ,,Kumm in meine\nCassen!« -—— ist dies Willen zur Heimatkunsh zurBodenständigkeit, und\nich habe die Nase voll» von all den völkischen Erd— und Blutgerüchem\nhistorischen Revanche- und 0hrfeigenszenen. Innere Kraft wird sich\nunter hohem AuBendruck am stärksten manifestieren —-——- wäre es den He«\nbräern tropisch-·gut gegangen, hätten sie keine Tiefspur im Wüstensand\nhinterlassen.\nSoll ich noch von dem» Unethischen konfessioneller, rassenhafter\nsonderbestrebungen sprechen, soweit sie einem egoistischen Wunsch\n,,Mir soll es gut gehen!« entwuchsenZV\nWo sind die Heiligen, die in euch aufgerichtet hat der Herr, mit\ndenen Er Gebote gezeugt hat?\nWo sind die Propheten CottesiV Wo seid ihr: Mausche, Jehauschua,-\nMUchamedUnP Dahingeschwunden seid ihr zum Schülerschreck euerer\nUnverträglichkeit wegen, im Jähzorn der F eldherrn-Rachsucht euerer Rede:\n,,Du sollst keine falschen Cötzen haben auBer mir.«\n, Da ihr mit eueren Lehren schwanger ginget, besser wäre es gewesen,\nihr wäret auf dem Monde niedergekommen mit solch blutigen speise-·\ngesetzen, Kreuzigungen, HolzstölZem heiligen Kriegen und Kreuzzügen!\n,,Du sollst nicht töten l« rollte den sinaidonner der Herr wider Mausche.\nAber Mausehe war harthörig, ein Krieger und Viehschächten verstand\nnicht das Wort, einging er nicht in das verheiBene Land, seine sterbenden\nAugen sahen es nur von fernem Berge. Und immer noch tanzt sein,\nVolk, das weiBe Volk um das lebende, behende Kalb und schlachtet es.\nVerschollen bist du, Schrei des Jesaja: »Wer einen Ochsen schlachtet,"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2369, "texte": "ist ebenbürtig dem, der einen Mann erschlüge; wer ein Schaf schlachtet,\nist gleich dem, der einem Hund den Hals bräche!\"\nUnd der vor Jehauschua herlief die Nacht: Jochanan war bedeckt\nvon Kamelhaar, fraß Heuschrecken für sich, unschuldiges, grünes Getier\ndes Feldes. Es kam die Über-Antwort der Heuschrecken-Henker ward\nüberantwortet seinen Henkern, es metzgete eine Metze sein Haupt, wie\ndas Kind Grashüpfern ein Bein bricht.\nÜber dem Säugling Jehauschua wurden geschwungen von Mirjam\nBrandopfer, Sündopfer: zwei junge Turteltauben dem Tode.\nNicht mied der Sohn Davids blutiges Mahl: austeilte er unter Gäste\nunsträfliche Fische, schuldlos-schuldigen Raubfisch und algenfromme.\nEr richtete an Gerichte von Fischen und Osterlämmern, so ward er\ngerichtet. Mit dem letzten Hauch des Gerichteten gedieh der härteste\nTeufel vor den Richtbaum und erkannte: „Das Holz dieses Kreuzes ist\ngut, ich werde es in Speere spalten.\"\nWeh über Verwickler der Nabelschnur von den Schächtern der\nWüste bis zu den Schächtern der Chassidim kenne ich nur einen großen\nGerechten und Wisser des Gesetzes der gleichen Aktion und Reaktion:\njenen Kronprinzen, der kein Annexionist war.\n„Lebendiges umzubringen hat der Führer verworfen, Lebendiges um-\nzubringen liegt ihm fern: dem Asketen Gotama, ohne Stock, ohne Schwert,\nfühlsames Herz, Teilnahme hegt er zu allen lebenden Wesen: Liebe und\nMitleid.\nNicht Gegebenes zu nehmen, hat er verworfen; vom Nehmen des Nicht-\ngegebenen hält er sich fern; Fleisch nimmt er nicht an; Ziegen und Schafe\nnimmt er nicht an; Hühner, Schweine und Rinder nimmt er nicht an, der\nAsket Gotamo Buddha.\"\nMuß wieder ein Kronprinz kommen, der und nicht gerade zur\nSchonung des geschwächten Viehstands ein Nichttöter und Spinatesser\nsonder alle Lächerlichkeit wäre? Es dürfte diesmal kein Kronprinz sein.\nDie Bibel spricht vom Fleische: „Wo Aas ist, sammeln sich Adler.\"\nMöge es geschehen! Zu beenden den verbissenen Giftkampf zwischen der\nkosmopolitisch arrivierten Anglokratie und einer mediterranen Autokratie;\nzu beenden den christlich-friedlichen Wettbewerb zwischen der dominie-\nrenden, alleinseligmachenden Paketfahrt dieser Erde und einem Agrar- und\nIndustrieverband, der solche Konkurrenz unter seine U-bootmäßigkeit\nbringen möchte. Man rede nicht allzuviel von der Demokratie, bisher\nherrschte sie nur in Neuseeland, bislang steht zu befürchten, daß Eurasien"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 796, "texte": "(oder wenn man will: Barbaropa) nach dem Krieg ein einziger Veteranen-\nverein sein wird. Deswegen möchte, aller Leiden ungeachtet, ich den Juden,\neinen der besten Streiter Gottes und der Menschheit, aus dieser aufreibenden\nDienstpflicht noch nicht in den vegetativen Ruhestand, in den nabelbeschau-\nlichen, lebenfristenden Ackerbau entlassen, auf Milch- und Honigflüssen\ndahinzutreiben.\nUnd, letzten Endes: wozu die vielen Stammgottheiten und Spezial-\nBaale der vielen Völker? Hätten die Konfessionslehrer sämtlicher Sekten\nsich darauf „beschränkt\", den Kindern als Inbegriff aller Religion nur zwei\nSätze ms Herz zu treiben, in die innerste Seele zu gießen, wären wir aller\nKriege und Ismen enthoben. Ich meine die Sprüche: „Du sollst nicht\ntöten\" und „Behandle deinen Nächsten wie dich selbst\"."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c006", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "15", "page_fin": "15", "image_debut": 17, "image_fin": 17, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.6", "titre_corps": "HANS RICHTER: An die Mütter Europas", "titre_sommaire": "HANS RICHTER: An die Mütter Europas", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 17, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 35, "texte": "HANS RICHTER: An die Mütter Europas"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c007", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "19", "page_fin": "23", "image_debut": 21, "image_fin": 25, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.7", "titre_corps": "EIN MALER SPRICHT ZU DEN MALERN", "titre_sommaire": "EIN MALER SPRICHT ZU DEN MALERN", "signature_source": "Hans Richter", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 21, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.21", "debut_caractere": 798, "fin_caractere_exclue": 1700, "texte": "EIN MALER SPRICHT ZU DEN MALERN\nHans Richter:\nDie Maler haben sich bisher nicht um das reale Leben gekümmert,\nweil ihnen nichts daran lag. Deswegen haben sie nichts dafür getan und\ntun können. Malern, die als Soldaten im Schützengraben sind, in Gefahr\nvon der andern Seite ermordet zu werden, liegt etwas am Leben, sie\nwerden also etwas dafür tun.\nMaler haben sich nicht um den Geist bemüht ;was sie damit bezeich-\nneten, war Selbstbefriedigung wie alles andere; es diente der Selbststeige-\nrung und der Autoreneitelkeit. Sie werden von der geistfeindlichen Ge-\nwalt bis in die Briefe, ihre privatesten Äußerungen, belauert und bestraft\nund vernichtet, sie sollen der brutalen Macht dienen, sie sogar propagieren;\nsie werden etwas dagegen tun müssen.\nSie haben wie alle Menschen brutal begriffen, daß die erste Forde-\nrung das Menschen die ist, einen freien niemals zu versklavenden Körper\nzu besitzen."}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2558, "texte": "Sie haben wie Millionen begriffen, daß die Idee der Freiheit schön\nist, Freiheit, das ist Menschenwerdung des Geistes und Geistwerdung\ndes Menschen, und daß der Glaube an sie eine Macht ist. Wir erleben\nes also, daß Menschen eine ganz schöne Idee wollen und daß dieser Wille\nirdische Wirklichkeit wird, wie Gesetze, Kriegserklärungen und Todes-\nurteile. Vor dieser Tatsache gibt es keinen geistigen Pessimismus mehr,\nder aus Unglauben nicht handelt, sondern nur Menschen, Kameraden,\nMitmenschen und feige Schmarotzer, Unverantwortliche. Entweder die\nIdee zündet in den Maler-Menschen so, daß sie Kräfte, die den leben-\ndigen Geist führen, aus sich gebären, auf Kunst, Autorenschaft, Subtilität\nverzichten und Rang nach Kraft ihres Glaubens und ihres Willens ein-\nnehmen, oder sie werden in der leidenschaftlichen Zeit die kommt, nichts\nsein. Wenn sie aus ihrem Glauben, Anschauungen, Erfahrungen, Moral\nnicht das Vertrauen schöpfen, das zu Handlungen führt, wird man sie\nverachten. Die Erde ist keine Sache, sie auszunützen, sondern auf und\nin ihr das Gesetz von Hirn und Herz zu verwirklichen; dafür muß man\nals Maler, Mensch und Mitmensch kämpfen und dafür muß man, ohne\nKlausel, alles iun.\nWas tun wir aber dagegen, daß es zehn Schlachten am Isonzo gibt?\nÜberall und fortwährend Schlachten, Schlächter und Tode von rich-\ntigen Menschen! Geht uns das gar nichts an? Wer behauptet, daß Still-\nleben, Akte und irgendwie unterschriebene Bilder etwas dagegen tun?\nÜberall anerkannte Kunst, während die armen Menschen erwarten müß-\nten, daß man klar ihrer Seele Mund wird (dem ja, nicht bevorzugt, die\nWorte und Bilder fehlen). Mund, der leidenschaftlich das schreit, was sie\nfühlen müssen. Die Maler flüchten vor der Banalität einfacher Forderung.\nSeht die Erde an, d. h. die Realität, ob ihr die banalsten eurer Forde-\nrungen verwirklicht findet, ob das Geringste nach einem geistigen Glau-\nben und Entschluß schon getan ist. Ihr quält euch für Betrachtungen ab,\naber tut für den Geist nicht so viel, daß er auf der Erde irgendwie be-\nsteht. Wenn man heute Sublimierung von sich werfen muß, so geschieht\ndas doch nicht aus Leichtfertigkeit, die Schneidigkeit der Welt mit zeit-\ngemäßem Gepäck mitmachen zu können, einer heroischen Linie folgend,\nsondern weil man im alten Trott weiter malend für eine Erde ohne\ngeistige Nachkommen malt, für Leichen.\nIst es möglich, das täglich zu denken und zu fühlen, wenn man es\nnicht etwa am eigenen Körper erlebt? und doch weiter allerlei Akte, Still-\nleben und Studien zu malen, die menschliche Leidenschaften nichts an-"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2588, "texte": "gehen, ihr Ausdruck nicht sind? Wollt ihr jemals Dank und Dankbar-\nkeit, d. h. Leben für eure Bilder empfangen, so müßt ihr sie auf diesem\nWege suchen. Und die Dankbarkeit von tiefgequälten Menschenleibern\nist etwas anderes als der Dank, den der aufrichtigste Kunstliebhaber,\nBewerter, nicht Unglücklicher, nicht menschlich irgendwie Betroffener,\nfür ein gelungenes Bild zollt. Wenn jetzt etwas in allen Menschen\ngleich lebt, so ist es der knirschende Schmerz und Ekel und die Scham,\njetzt mit so gutem Willen und „gegen so besseres Wissen\" ein solches\nZeitalter zu leben und zu machen. Wie kann man es verantworten,\ndaß es so schrecklich und geistverlassen ist, ohne sein ganzes Gejammer,\nGeschmerz und Gebrüll herauszubrechen, so artikuliert wie man ist, so\npräzise wie es das rasend geschärfte Bewußtsein von Schuld und Unrecht\nSchuldigen und Guten nur zuläßt.\nWenn es Malern überhaupt erst einmal auf den Standpunkt ankäme,\ndaß Malerei eine allermenschlichste Angelegenheit und geistige Initiative\nsein soll, was könnte sie hindern, das Modewort tKunst für ihre Bild-\näußerung zu streichen. Ihre Macht liegt nicht in den Mitteln, mit denen\nsie Naturformen und Stimmungen imitieren, sondern darin: aus der Kraft\nder menschlichen Entscheidung über Gut und Böse neue und eigene\n•• « •\nÜberredungs- und Überzeugungsformen hervorzubringen. Motto: #ür\ndie Idee, an den Menschen. Kunst ist nur die menschliche Leistung,\ndie bewußt von den Menschen die Verwirklichung moralischen Erddaseins\nfordert. Künstler der Mensch, der dazu hilft. Nichtkunst ist die mensch-\nliche Äußerung, die diese Forderung nicht als Ziel hat, spielt, schön findet,\nNaturtrieb gelten läßt, sich beobachtet, statt sich zu wollen. Entweder\nist das Zentrum Verantwortlichkeit, Glaube an den Geist, dann fordert\nder Mensch von sich und andern das nicht erreichte Ziel; oder das Zen-\ntrum ist Genußwunsch und Betrachtung, dann ist die Welt eine Ober-\nfläche mit verschiedenen Dingen und Glauben zur Auswahl, und jede\netwaige Forderung nur Geschmack und Neigung. Nichtkünstler ist der\nMensch ohne Glauben mit lüsternen Augen, der Reagenzapparat geliebter\nSchönheiten vorhandener Natur, dem die Dinge, Naturereignisse\ngrößer sind als der Glaube an die Kraft, sie nach seinem eigenen Willen\nzu machen. Das Bild des Malers darf weder Zweideutung zulassen,\nnoch Andeutung sein; es muß Überzeugungen und Forderungen dar-\nlegen wie vor einem Gericht auf Leben und Tod. Die Menschen werden\ndiese Bilder erleben können wie eine eigene mutige Tat; Bilder werden\nBeispiel sein, befreien und aqf den Geist stolz machen. Naturalismus,"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2603, "texte": "Impressionismus, Kubismus sind Überwindungsmethoden, wesentlich für\nMaler und Genießer da.\nMalerei dient der Idee des Menschen, die sie dem Einzelnen und\nallen klar, eindeutig dem Herzen und Verstand machen muß. Nicht wirk-\nsam sind Protest, Wünsche (für eine Paradies-Zukunft), Vorspiegelung,\nAbleitungen. Wirksam ist, in bekannten oder erfundenen Einzelfällen die\nmögliche Lösung vorzumachen und zu erreichen, als sei der Mensch schon\nMensch; die Anerkennung befehlender Gewalt zu leugnen, die Ehre des\nMenschen sich frei entscheiden zu können, zu propagieren. Die Vielen\nmüssen durch unser lebendiges Bewußtsein, durch Urteil und Aufruf zu\ngleich tiefer Entscheidung veranlaßt werden. Sie müssen in ihrem guten\nGewissen die geistige Entscheidung über gut und böse mitmachen.\nEs war noch niemals so an der Zeit Gesehenes, Erfahrenes, Fähig-\nkeiten, Eitelkeiten, wenn auch ihre Zurschaustellung bisher Ehre brachte,\neinfachsten Willensäußerungen auch in Bildern unterzuordnen, so zu\nmalen, daß das Bild unsymbolisch Handlungen fordert und die Bewe-\ngungen dazu vormacht, daß das Bild auch einst von seinem Maler Hand-\nlungen für die Verwirklichung des Glaubens verlangt. Die Verwirklichung\ndem Zufall zu überlassen ist ja schlimmer als Tierdasein, ist Haustier-\ndasein, ist Verantwortungslosigkeit den göttlichen Kräften gegenüber, die\nmit der Geburt eines jeden Menschen der dicken Welt Flügel machen\nsollten. Oder fühlt Ihr diese Verantwortung nicht: „Man kann doch nicht\nimmer an Krieg denken\". Wollt Ihr unverantwortliche Mitmacher,\nNicht-Protestierer, Verschweiger des Nachlässigen lieber weiter Sanatorium-\nErsatz schaffen für irgend wann entmenscht und entgöttert Zurückkehrende.\nGlaubt Ihr, daß die Teelöffel von Genu die dem Ruinierten dargeboten\nwerden, ihn „vergessen\" ließen, „ableiteten\", „beruhigten\" (damit es\nspäter einmal genau so losginge und eine ahnungslose, beruhigte, abge-\nleitete Generation ebenso überrumpelt würde, wie wir). Muß er nicht\ndazu von seinen zwanzig christlichen Jahrhunderten absehen und statt des\nschrecklich gealterten Europäerblicks, mit Millionenmorden in den Augen,\neinen vorchristlichen Kinderblick voll naiver Empfänglichkeit mitbringen,\ndem die Farben nur ein Tanz, die Dinge nur ein Spiel, dem klebendes\nGelb nicht Blut von Menschen und „zufällige\" Todesverbindungen nicht\nVerstümmelte oder verbrannte Tote sind. Mit welchen Beschauern rechnet\ndie Malerei eigentlich in Wirklichkeit ? Darf der Maler jetzt noch den\nobjektiven Kritiker idealer Observanz für sich beanspruchen, den Fach-\nmann, für den äffe Malerei Malerei ist, dem sich das Leben in Kunst-"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.25", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1508, "texte": "Betrachtung, Beruf und Privatleben spaltet, der sich in jeder Methode zu-\nrechtfindet, dem es immer nur auf „konsequente Entwicklung\", ganz gleich\nvon was für einer Voraussetzung, ankommt, die zu berühren ihm Ein-\nmischung in die Freiheit des Künstlers dünkt, weil er als Resultat dieser\n„Einmischung\" befürchten müßte, seiner eigenen traurigen Verantwor-\ntungslosigkeit auf die Spur zu kommen. Er läßt also mit gegenseitigem\nEinverständnis Voraussetzung Voraussetzung sein. Im Frieden, in dem ein\ngütigerer Staat eines gütigem Geschicks alles gelassen hätte, in dem der\nGlaube an das Glückbringende erreichter Richtigkeit ein Glaube war, in\ndessen ungestörter Akustik die kaum artikulierten Töne der Seele Anspruch\nmachen durften fühlbar gehört zu werden, in dem Maler sich gegenseitige\nSchönheit zeigten und vormachten, war es so, es eben so. Weil\nwir Zwanzig- bis Dreissigjährigen noch nichts wußten, es Krieg, an den\nwir nicht glaubten, nie vor unsern Augen gab und die Vegetation unserer\nHerzen auch ohne Tiefstes und Ernstestes blühte und berauschte. &ber\njetzt ist das zu Gnde.\nKein Mensch wird um die Entscheidung herum können: zur Erhaltung\nseiner selbst und des Guten und des Menschen sicß einzusetzen mit a[[er\nKraft in jeder Handlung? Einmal wird auch dem Maler eigene Qual ein-\nfachste Formulierung für Gut und Böse hervorpressen. Einmal wird auch\nder Maler das finden, was zu tun ist. Dann wird malen und für die\nMenschheit handeln so untrennbar sein, daß man nicht mehr auf Men-\nschen schießt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c008", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "32", "image_debut": 26, "image_fin": 34, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.8", "titre_corps": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN", "titre_sommaire": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 26, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.26", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2302, "texte": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\n\nSchriftfteller\n\nWer ist unser Bruder? Der dies nicht trennt: Schreiben und: Ein\nBeispiel geben!\nDer Leser hat sich längst mit seinen Schriftstellern abgefunden. Er weiss,\nsie geben kein Beispiel, sie sind keine Führer, sie sind keine Mitmenschen,\nsie sind nicht einmal Kameraden. Sie reichen ihm nicht die Hand, sie halten\nsie ihm nur hin, damit er den Ladenpreis hineinwerfe. Und diese Menschen\nder Öffentlichkeit sind keine öffentlichen Menschen, sondern Privatparasiten,\nan denen nur das Nachkriechen hinter einer Erfolgsstimmung echt ist (gleichviel,\nob der Erfolg Rabindranath Tagore oder U-Bootkrieg heisst). Wesen, die\nnie sich hingaben, sondern die nur stets nachschrieben, was ihnen schon vor-\ngezeichnet war (sie nennen das „gestalten\")* Diese Verräter an allem Zukünftigen\nder Menschheit, die wegen der Massenauflage von ein paar Schlagworten aus\nder schweinischesten Vergangenheit ihre ganze Gegenwart mit allen ihren\nMitgeschöpfen hündisch preisgaben. Der Leser weiss seine berühmten Blut-\nliteraturmacher der Zeitgeschichte längst zu verachten.\nAber der Mann, zu dem diese Druckzeilen hier nie kommen werden, der\neinfache Mann, der selten liest, der verdeckteres Schreibgewebe nicht entwirren\nmag, der Mann des Volkes? Weiss er, wie Schreiber, welche die öffentliche\nMeinung dichten, ihn in die Geschütze jagten, seine Zimmer ummoderten,\nseine Frauen, Mütter, Väter, Kinder zerhungerten? Weiss er, dass seine Rache\ndenen gehört, die mit Philosophie sein Kadaverschicksal umspielten; denen,\ndie mit dem „Erlebnis\" seines Zwangstodes erhebende Geschäfte machten;\ndenen, die sein Geschick metaphysisch prophezeiten, ohne den geringsten Ver-\nsuch zu helfen und abzuwenden; denen, die Schriftsteller, Deklassierte,\nGeistige, Kapitalfremde, Ausgestossene, Unterproletarier! die Hymnen der\nBlutokratie sangen; denen zuletzt, die in ewig schandenvoll lauer Vorsicht:\nschwiegen!\nSchriftsteller, wenn einmal dieser Mann das weiss, dann wehe euch!\nDann nützen euch, den halben Aufrührern und halben Machtleckern, nicht\nmehr eure Gehirnfluchten.\nIhr habt euch nie euren Mitmenschen gestellt, nun stellt man euch. Und\nihr, in der letzten Stunde der Gefahr, in der letzten, jämmerlichen Sorge\num euren Erfolg ihr, denen es nie ernst war; die ihr stets das öffentliche"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.27", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2852, "texte": "Wort für eine Schiebung gehalten habt; ihr, die ihr nie den leisesten Hauch\nspracht gegen die grosse, öffentliche, riesenhafte Zwangsgewalt nun in\ndieser Angst um die letzte Stunde eurer Literaturgerippe versucht ihr eilig\nein Geschäft mit Christus und haltet den Unterdrückten die Predigt gegen\ndie Gewalt.\nAber ihr, deren einzige Tat stets war, zu leugnen, dass Gutes oder Böses,\nFreiheit oder Zwang, Wert oder Sünde herrsche —ihr seid verdammt, die\nletzten Zuckungen der Gesellschaft, aus der ihr kröchet, mitzutanzen. Ihr,\ndie ihr nicht wolltet ausserhalb dieser Gesellschaft bleiben, euch werden nun\ndieselben Riesensohlen des knirschenden Vergessens zu Brei treten, und der\nheisse Wind, der um die Erde geht, wird euch als stinkenden Staub zerwehen,\nund als kalkiger Schleim werdet ihr niederfallen auf dem Urgrund von ewigen\nWeltmeeren.\nUnrettbar seid ihr, und jetzt nur noch am Leben, weil der Tod selbst\neuch seine Verachtung ins Gesicht gespieen hat, und letzten Ekel trägt, nach\neuch zu greifen.\n\nL. R.\n\nEhrenstein\n\nDiese entschlossene Zeit ist doch nicht ganz ohne Einfluss auf die künst-\nlerische Produktion. Der Krieg hat nicht nur, die Kunst anlangend, die\nWirkung geübt, Bildhauer, Maler, Dichter in Massen umzubringen, soweit\ner sie nicht umgebracht hat, sie in Massen zu verelenden, soweit er sie\nnicht verelendet hat, ihnen die Schaffenslust zu nehmen. Aber es gibt Men-\nschen, die mit dem Krieg auf ihre Weise agressiv fertig werden.\nZunächst dieser (Albert Ehrenstein, „Die weisse Zeit\" bei Georg Müiler,\nMünchen und „Der Mensch schreit\" bei Kurt Wolff, Leipzig), den ich vorhebe,\nlobt den Krieg nicht. Der Kriegsgott sagt bei ihm: „Aber aufreckend das\nwildbewachsene Tierhaupt, den Menschen feind, zerschmettre ich, zerkrachend\nschwaches Kinn und Nase, Kirchtürme abdrehend vor Wut, Eure Erde.\nRot umblüht Euer Blut meinen Schlächterarm, wie freut mich der Anblick!—\nBleibt noch ein Rest nach Ruhr und Pest? Aufheult in mir die Lust Euch\ngänzlich zu beenden!\" Einmal sagt der Waldesalte: „Es hat die Seele keinen\nBosporus noch Vogesen.\" Das Gedicht endet: „Seine Haare starrten, eisweisse\nMastbäume, und spiessten, umblutete Spiesse, die nachtgeschlagenen Heere.\nKläglich blökten Kanonen.\" Der Geist, aus dem diese Gefühlswerte stammen,\ndas Auge, das diesen Blick wirft, ist uns bekannt. Hier wirft sich eine sehr schwere\nund sehr beschwerende Seele und greift nach sich selbst. Ein ganz wilder\nGrimm, ein ganz verzweifelter Hass wird gegen die Schönheit, das Weib,\ndie Erde geschleudert, bisweilen tollwütig, aber diese Raserei zerfetzt nicht\ndie Form. Es kommt zu Ausbrüchen, die für unsere Literatur unerhört sind.\n„Ich vergass mich zu hüten vor dem Giftschleim der lasterzähnigen Äffin,\nvor dem wahllosen Schlund der unreinen Seekatze.\" „Fern schwingt sich ihre\nBrunst im Tanz mit einem zahlenden Hengst. Möge ein Nashorn Euch"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.28", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2944, "texte": "Haarweibern die Brusthaufen zertrampeln!\" Den Kern finden wir leicht, es\nwird nicht unterschlagen, dass Tinte bitter ist, Leben süss. Er gesteht: „Wenig\nachten mich die Frauen und Mädchen. Jede magere ausgezogene Ziege\ndünkt sich zu kostbar.\" Er verhöhnt sich selber, weil er „Fleischweiber gierig\numgirrt, Mastkälber verfrachtet im Bauch\" aber fällt seufzend zurück und\nfindet die sehr schönen Verse: „Wie bin ich vorgespannt den Kohlenwagen\nmeiner Trauer!\" Widrig wie eine Spinne bekriecht mich die Zeit. Gras\nschoss aus meinem Schädel, aus schwarzer Erde war mein Kopf.\" Er also,\nder Misanthrop wider Willen, nähert sich diesem Kriege, er lässt ihn nicht\nwirken auf sich, er stellt sich als Kämpfer zu ihm. Hier kommt sehr Starkes.\nEr gewinnt einmal das tollgroteske Bild eines Helden, der „umtost vom vater-\nländischen Geheul, erbleicht, ihn bedrängt im unauslöffelbaren Kessel die\nBlutsuppe. Der ohnmächtige Charon packt das kleinliche Ruder, zertrümmert\ndie Barke, ihm front als Totenschiff ein Ozeandampfer\". Er sieht, wenn nach\ndem grässlichen Erdkrieg der winzige Friede wird, als Resultat nur „das grosse\nRoss,\" den Erzfeldherrn. Und verflucht die lauen Freunde des Friedens, die\ndann noch mit zu Felde geschlagenen Augen hocken werden; das Blutmeer\nder geschändeten Krieger möge sie ersticken. Der Krieger, der auf dem Schlacht-\nfelde stirbt, der Menschrest, Ameisen in den Wunden, Fliegen im Munde, weiss\nzwar, er hat die Heimat gerettet: „Oh Erde bittrer Schluck, ich bin den\nLeichenweg gegangen, und ward hier Land gerötet und würgt ich Blut aus\nWangen, kein Feind springt lebend vor. Ob mich auch Gott erkor, ich habe\nMenschen getötet!\"\n\nAlfred Döblin\n\nDer Gegner\n\nIn jedem Gegner schläft Dein Bruder. Zum mindesten kann er—erweck-\nbar— schlafen hinter der Maske des Feindes. Wenn Du die Wahrheit redest,\nmenschliche Wahrheit, so muss in jedem das wahrhaftig menschliche Zeugnis\nfür dich geben. Wenn Du verstanden wirst.\nLiegt es nicht daran? Liegt es nicht an mir, dass ich nicht die Geduld\nhabe den andern zu suchen hinter den Mauern seiner überlieferten Gedanken\nund gedankenloser Überlieferungen, seiner Vorurteile und seiner Fähigkeiten,\nseiner unbewussten Lügen und seiner Eitelkeiten? Wenn ich es nur lernte zu\nunterscheiden. Wie oft wird ein aufrichtiges und williges Herz irre geführt\ndurch überlieferte, liebgewonnene, ach und halbwahre Worte. Wer mir nur\ndie Macht gäbe meine Stimme zu wandeln, dass sie durchdränge und ver-\nstanden würde! Wer gibt mir die einfachsten und klarsten Worte? Missver-\nständnisse schaffen die meisten Feindschaften. Missverständnsse über Wege\nund Mittel, da das Ziel deutlich genug ist. Und wer gibt mir den Glauben,\nder auch im Herzen des einst willigen und nun mutlosen Gegners wieder das\nalte, nein ein neues und stärkeres Feuer entzündet?\nEs sind so viele Larven um uns her, die lebendige Gesichter verdecken,\nGesichter unserer Brüder. Wenn es uns nur gelingt die Larven zu zerbrechen."}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.29", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2889, "texte": "Und um das mit Unbarmherzigkeit tun zu dürfen, ist mir zuerst eine\nunbarmherzige Demut gegen mich selbst von nöten.\nWenn ich aber kein Leben mehr finde? Es gibt viele die wahrhaftig tot\nsind, die kein lautester Ruf des Lebens mehr weckt. Um sie freilich geht der\nKampf nicht, und wir könnten die Toten ihrer Toten begraben lassen. Hätten\nsie nicht gerade das junge Leben so sehr in den Händen.\nWer gehört auf die wahrhaftige Seite, wenn nicht die Jugend? Und unsere\nStudenten haben Kriegsdemonstrationen veranstaltet. Ist es nicht wichtiger\nals gegen Tote zu kämpfen, dass wir unsere lebendigen Kinder vor ihnen retten?\nUnd jede Schule in „gegnerischer\" Hand ist ein Ansteckungsherd. Statt künftiger\nGegner Brüder und Mitkämpfer heranzuziehen für den Tag, der vielleicht bald,\nvielleicht später, der aber sicherlich kommt: ist das nicht das Wichtigste?\n\nFriedrich mark\n\nFerne Länder\n\nCooke und Baedeker haben Jahrzehnte lang an unserem Bewußtsein\ngearbeitet, um daraus das Gefühl der Fremde des fernen Landes auszurotten,\ndie Grenzen zu verwischen. Dann plötzlich wurde die Grenze jedes Landes\nzu einer ununterbrochenen Kette lebendiger Körper, und alles jenseits davon\nwurde uns unzugänglicher als das Innere Afrikas. Doppelt zensurierte Depeschen\nallein bringen uns kärgliche Botschaft von drüben.\nAber hundertmal fremder noch als diese feindlichen Territorien ist uns\nder breite Saum diesseits der tausendkilometerlangen Schützengräben. Kein\nLivingstone kann uns die dunklen Geheimnisse dieser Himmelsstriche enthüllen.\nDie Geographie dieser Orte ist in der Zeitung weder unter der Rubrik „Aus\nnah und fern\", noch unter „Wissenschaftliches\" behandelt; die Tageschronik\njener Bewohner heisst „Heeresbericht\" und wird mit Bluttinte jeden Tag\nweiter geschrieben. Einmal schaut der phantasielahme Leser auf der flimmernden\nKinoleinwand die Landschaft: Stein- und Schutthaufen; die Sehenswürdig-\nkeiten: eingestürzte Brücken und zerschmetterte Kathedralen; das Leben der\n_\nBewohner: gepäckbeladene Haufen auf der Flucht. Die Kanonenmusik dazu\ngedacht man ist unterrichtet!\nDoch was wissen wir von dem Leben der Menschen in den sogenannten\nokkupierten Gebieten dieser hundertvierzig Wochen? „Die Sterblichkeit beträgt\n98 Promille. Die Ernährung der Bevölkerung ist auf 200 Gramm Brot beschränkt,\nsonst werden keine Nahrungsmittel verteilt\"... (Für den deutschen Reichskanzler\nbestimmtes Telegramm Litauischer Organisationen an den Chef der „Militär-\nverwaltung Litauen\".) Das erfahren wir aus den Zeitungen über das Dasein\ndieser Menschen, für die Unglück und Verzweiflung nur gesteigert, nie unter-\nbrochen wurde, die für ihr Martyrium mit keinem Kreuze gelohnt werden,\nfür die es weder „Erholungsurlaub\" noch „Versetzung\" gibt. In den ersten\nKriegsmonaten schrieben auch die Zeitungen, dass die Bevölkerung in Namur\nkochendes öl auf die Soldaten gegossen, in Lodz dagegen dieselben Soldaten"}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.30", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2959, "texte": "als Befreier bejubelt hätte. Das waren also die „Rebellen\", die Gottes Tage\nmit Kritik entgegennehmen. Aber die anderen, ungezählten vielen, die im\nDasein keinen anderen Sinn sehen, als das Dasein selbst, einfache Menschen\nin Dörfern, kleinen Städtchen, Friedliche, die an ihrem alten Dasein klebten\nund alles auf einmal verlieren sollten? Eine ungeheure ungeahnte Wirklichkeit\ntrat an sie heran und forderte Platz in ihrem Bewustsein. Söhne marschierten\nin endlosen Kolonnen vorbei, der Boden wurde aufgewühlt, die Luft und die\nErde bekam eine andere Bestimmung, als den Menschen zu tragen und ihn\nzu erhalten. Bald kamen viele Wagen Verwundeter zurück, lange Reihen zer-\nschossener Pferde mit traurigem, unwissendem Blick zogen vorbei, ewiges\nKnallen und Donnern bald näher, bald ferner, und sie selbst inussten bald\nflüchten, bald arme Flüchtlinge wie sie selbst, beherbergen.\nSo vergingen Jahre. Der alte Mann, der im granatensichern Keller Gebete\nsprach, ist schon längst gestorben, aus Gram und Sehnsucht nach seinen\nKindern; das kleine, auf der Flucht verlorene Kind ist gross geworden und\nnennt die fremden Männer „Vater\"; das Mädchen hat den Bräutigam ver-\ngessen die Menschen haben den grausam potenzierten, lebensverkürzenden\nAlltag irgendwie assimiliert. In ferner, unerreichbarer Erinnerung stehen\nwie sie uns, so sind wir ihnen fremd geworden, wie das Rauschen eines\ntropischen Waldes. Wir sind für sie die Glücklichen, wir können uns frei bewegen,\nwir brauchen nicht stündlich das nackte Leben zu verteidigen, wir essen\nirgendwie, wir schlafen in unseren Betten, wir werden zu keiner Arbeit gezwungen.\nSo denken sie von uns, den Fernen, Geliebten, und unser Bild verdichtet sich\nfür sie zu der Bürgschaft einer besseren Zukunft. Einmal wird der Krieg zu\nEnde sein, denken sie, und dann werden wir sie in ein neues Leben tragen,\ndas neue Leben, das wir während sie litten aus unserer Überzeugung\nauferbaut haben. Jetzt wissen sie, wie herrlich das Wort Freiheit ist, wie\nköstlich Nicht-Krieg, wieviel wir erreichen können. Sie werden Humus für die\nZukunft sein, aber die Zukunft selbst müsse umso strahlender werden. So lange\nim Fegefeuer, einmal werden wir ihnen die Pforten zum Paradiese öffnen.\nDas denken sie. Denken auch wir daran? wissen wir, dass wir, die nicht vom\n„Krieg direkt Betroffenen\" viel grössere Aufgaben noch haben, als einen\ngelungenen Bajonettangriff, weit stärkere Pflichten, als durchzuhalten...\n\nFrida Ichak\n\nDemain,\ndes Henri Guilbeaux mutig unkriegerische Zeitschrift (die im Format und\nAussenbild Herzogs „Forum\" nachahmt) ist nach mehrmonatlicher Unter-\nbrechung wieder erschienen. Das ist zu begrüssen. Man mus eine Zeitschrift\nunterstützen, die den Stimmen rechtlich gesinnter, nichtgouvernementaler\nKriegsgegner aller Länder Resonnanz schafft; gerade wenn diese Resonnanz\nnicht gross ist wie beim Demain (das nach Frankreich und Italien leider\nnicht gelangen kann). Guilbeaux hat die Zwischenzeit gewiss benutzt um"}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.31", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2692, "texte": "sich auch über deutsche Verhältnisse etwas besser zu informieren; bis dahin\nzeichnete er sich durch eine unbegreifliche Überschätzung von minderwer-\ntigen Schriftstellern aus und durch auffallende Unkenntnis der wertvollsten\nmenschlich und europäisch gesinnten Bewegungen dieses Sprachkreises.\nDie neue Ausgabe von Demain fällt angenehm auf dufch die völlige\nAbwesenheit jener fürchterlichen Holzschnitte aus einer längst vermoderten,\ndekorativen (!) Symbolistenzeit, die in ihrer stupiden Nur-Deskription die\nsonst temperamentvoll fordernde Zeitschrift ridiculisierten.\nIn dieser Nummer (13) der Zeitschrift grüsst ein sympathischer Aufsatz\nvon Guilbeaux die russische Revolution. Guilbeaux behauptet aber merk-\nwürdigerweise, die russische Revolution sei eine Frucht von Kienthal und\nZimmerwald. Diese lächerliche, wenn auch gutgemeinte Geschichtskonstruktion\nkann dem Herausgeber von Demain doch nur in einem Zustande vollständiger\ngeistiger Ermüdung entglitten sein.\nFeststellung jener Züge, mit denen man sich dort den Internationalismus\netwas allzu leicht macht, ist wichtig, denn über Demain hört ihr gewöhnlich\nnur einseitig ablehnende oder einseitig zustimmende Worte. Eine Zeitschrift von\nder grossherzig internationalistischen Absicht, wie Guilbeaux's Demain, ist\nheute sehr nötig, und der Leser hat auf ihre geistige Intaktheit in demselben\nMaße zu achten, wie die europäische Verantwortung des Herausgebers gross ist!\nDas wertvollste Resultat der Mühen Guilbeaux's sind die Bücher, die im\nVerlag von «Demain » erscheinen (15, Rue Merle-d'Aubigne, Genf):\nflouve, der Menschenfreund-Dichter der wunderbaren Weltliebe-\nGedichte «Vous etes des hommes », schrieb das „QJoeme contre 1e grand\ncrime 1916\" (Edition de la revue «Demain»). In diesem Buch das grosse,\nwhitmanisch-visionär-predigende Gedicht ,/<üo/stojDaraus :\n„Derselbige Geist schon bindet sich über die Erden ;\nDer Geist, gleich schwebend, wartet in Marterleid auf Erbarmen oder den Zorn;\nIn England, in Deutschland, in Frankreich, in Russland, in Italien, der Schweiz\noder in Amerika,\nDer Geist wartet.\nIn Serbien, in Belgien, in Holland oder in Norwegen, in Armenien oder in\nLanden Indiens\nDer Geist wartet.\nMitten in Afrika, in dem Herzen des reichen Asien,\nÜberm Geländ der gealterten Rassen, überm Geländ der Rassen im Kindheitstand,\nDer Geist wartet.\nWartet seit Millionen der Jahre, da ein paar Männer mit breiter Stirn einander\ngehört haben von Ferne zu Ferne,\nKonfutse, Buddha, Sokrates und Jesus, Mark Aurel, Spinoza, Whitman oder\nTolstof;\nIhr ausschallend Wort ward geboren, nie mehr schwindet sein Strahlen,\nDa, eines Tages, erflammt es in Euch;\nIhr Wort kann nie mehr vergehen, das kündet und baut die Bahn.\""}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.32", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2853, "texte": "Salut à la révolution russe 1917\n(Edition de la revue « Demain »). Worte von Romain Rolland, P.-J. Jouve,\nMarcel Martinet, Henri Guilbeaux. Und eine jämmerliche Zeichnung von\nFrans Masereel (Abklatsch aus der augenlosesten Meunier-Epoche).\nBroschüre von dreissig Seiten, wertvoll durch die Reinheit dieser Freunde\nder russischen Revolution. Nicht ganz vermieden ist der Fehler, dass die\nMitarbeiter aus ihrer Entfernung der russischen Revolution pathetische oder\nlyrische Ratschläge geben, und dass sie glauben zu helfen, während sie nur\nbeschreiben. Die grosse Ausnahme macht Jouve (der sich in jeder neuen\nZeile, die er veröffentlicht, als immer bedeutenderer Mensch enthüllt). Er\nfindet in dem russischen Aufbruch den Weg, den Zeiger, die Aufforderung\nfür uns europäische Herzen; die Verschärfung unserer eigenen Verantwortung\nund die ethische Zündung zu unseren Taten.\nDas ist wohl die einzige menschenwürdige Art, in Europa der russischen\nRevolution zu begegnen.\n\nFrankreichs andere Seite\nMan weist uns nur die Seite, die der Krieg bestrahlt. Die andere, dunkei\nverhüllt in Wut und Knirschen gegen den Krieg, zeigt uns niemand; und\nhöchstens druckt ein Blatt tendenziös zurechtgeriickte Zeilen der dunklen\nGegend, um gehässig zu zeigen, wie schlecht es den Leuten geht. Wir erfahren\nnichts von ,,Bonnet rouge«, der Zeitung, in der ihr das Wort ,,boche« ver-\ngeblich sucht; nichts vom minoritären ,,Populaire«, das heute die kriegs-\nfeindliche Volksmajorität hinter sich hat; nichts von den unterdriicktem immer\nwieder auferstandenen ,,l-Iommes du »Jour«, der Zeitschrift, die den Mut zur\nKrieglosigkeit hatte, wie in Deutschland nur Franz Pfemferts herzhafte Zeit—\nschrift »Die Aktion« (die Ehre des Landes). Nichts erfahren wir von der unerhört\ntapferen kriegsfeindlichen Liga der französischen Volksschullehren h\nHenry Derieux, ein junger Dichter wohl, veröffentlicht ein Buch klagender\nVerse zu diesen Tagen derZerfleischung ,,En ces jours dechirants« (Paris,\nLibrairie Payot, 1917). Dazuschrieb Henry Bataille die erstaunliche Vorrede,\ndie Vorrede mit Worten eines Franzosen, wie ausserhalb Frankreichs seit drei\nJahren keine gehört wurden: —\n,,Simpel, einseitige Köpfe fes gibt unzählige, und sogar besonders viel unter\nden literarisch und wissenschaftlich Gebildeten) haben sich ein lconpentionelles\nUrbild des Dichters 2urechtgemacht, als eines schäumend titanischen Gesellen,\nder aus vollen Fausten flammende Rachestrophen um sich schmeisst Der nationale\nDichter ——— welch elcelhafter Titel! --.ist eine der gedroschensten Schablonen, eines\nder diclcsten Klischees jener Kriegsliteratuh die gerade etwa iiber zwanzig Requi-\nsiten und iiber funfzig landläufige Ideen »erfiigt. —- . . . «\nDie Leute, die auf Grund lconiientioneller Ideen aus der lclassischen Literatur,\nimmer nach einem Homer des Schiitzengrabens schreien, beweisen damit ein"}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.33", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2850, "texte": "merkwürdiges Unverständnis für das irdische Phänomen, dem beizuwohnen uns\nbeschieden ist. ...\nDieser Krieg ist die fürchterlichste Schmach, die je geworfen wurde auf den\nVorzug: zu leben, auf die Würde: zu denken. Wir durchschreiten eine der\nschmählichsten Stunden der Geschichte. Und wenn auch kein Mensch das zu\nsagen wagt, in seinem Herzen fühlt es doch jeder. .. .\nDer unermessliche Marterweg unserer lieben Frau der Menschheit: der ist\ndie wahre Dichtung. \"...\nSicherlich wird die Literatur sich noch lange die goldene Lüge vom Kriege\nwahren, die sie so schamlos verschleisst; denn dies ist die Macht der geschwollenen\nRedensarten und der Gemeinplätze, dass die Menschen sich ihnen mit einer\nunbegreiflichen Willfährigkeit unterwerfen.\"\nHört. Es geht für die Menschheit. Und selbst noch der letzte Vorstadt-\ndramatiker, der offen für die Menschheit spricht, ist der Erde tausendmal\nwichtiger, als der sogenannte tiefe Dichter, der sich verbirgt. Aber wer\nspricht so? Dieser Henry Bataille der Vorrede, sonst Lieblingsdichter der\nmondänen Effekttheater, ist ein unbedingt mutvoller Mensch, der sich mit\nseinem Herzen einer Legion von Blutschwätzern (beider Seiten des Draht-\nverhaus!) entgegenstellt. Das ist ein Mensch, der dennoch wieder bewusst genug\nspricht, um uns hören zu lassen, dass er nicht allein ist, und der die zahllosen\nScharen seiner schweigenden Freunde kennt.\nDieses Wort vom Menschen wurde gedruckt und gelesen in Paris. In Frank-\nreich, wo man immer noch den Sprecher, der nicht dem Krieg heute zustimmt,\nauf diesem hellen, weiten, rechten Ufer des öffentlichen Lebens mit allen Mitteln\neiner drohenden Amtlichkeit und einer wirksamen Presse ersticken kann.\nDennoch wagte sich Bataille vor, ein Genosse der Menschheitlichen, mit\nder Unverstelltheit des zweifellosesten Wortes. So ist man verpflichtet zu fragen:\nWarum verkriechen sich die selbstgerechten Freiheitsmänner von Ländern,\ndie heute ihre Schreiber weniger zensurieren, hinter die Geheimtüren einer\nanspielungsreichen Intellektual-Literatursprache? Aus Angst vor Pressungen\ndurch Behörden? O nein. Aus Mangel an Liebe, Mitgefühl und der einfachsten\nAchtung vor der Menschheit. Aus Mangel an Teilnahme. Aber wir wollen auch\ndas verlegen böse Schweigen derer nicht vergessen, die verpflichtet waren zu\nreden; wir wollen es nicht vergessen, dann, wenn die Welt einmal ihrer Freunde\nvon der lauten menschlichen Stimme gedenken wird!\n\nBiologie des Krieges\ngeorg Fr. Nicolai:\n(Verlag Orell Füssli, Zürich.)\nDie vorige Nummer des Zeit=Gcßo begrüsste Nicolais in der Aktion\nerschienene Aufsätze. (Unglaublicherweise die einzige öffentliche Zustimmung\nseit einem Jahr!) Jetzt sind sie im systematischen Buch da; jedem Menschen\nguten (und bösen) Willens zur Verfügung. Dieses Buch wird dem kommenden\nGeschlecht selbstverständlich sein. Heute darf man nur in gefasstestem Ernst"}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.34", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1753, "texte": "zustimmen. Aus der weitesten Forderung für die Menschheit sprang die geistig\nbitterste, bedingungsloseste Streitschrift gegen den Krieg. Den Verfasser, der\nseine Privatperson der Sache preisgab, hat man nicht zu kritisieren: Man\nhat sich vor ihm zu neigen!\n\nKonjunkturbuben\nL. R.\nDichter Klabund druckt zu Kriegsbeginn:\nMädchen, Eure Ehre\nSchützen die Gewehre.\nHebt das Herz empor,\nKriegsfreiwillige vor!\nItaliens Kriegsbeginn: K. höhnt in einer deutschen Zeitung den schmutzigen\nItaliener, in einer Schweizer Zeitung die Hindenburg-Andenken. Russlands\nRevolution: K. druckt in einer Schweizer Zeitung einen Brief an den deutschen\nKaiser; demokratisch „Schattenkaiser, bitte Reformen!\" Ob K. gleichzeitig\nin deutschen Blättern die Russen verhöhnt, steht nicht fest.\nNein, das ist kein Zeichen der Zeit. Dieses Schreibgeschäfte ist zeitlos\nwie die Lebensmittelschieber und die Mystiker. Nächstens werden uns vor lauter\nZeichen der Zeit wohl noch die Kriegsberichterstatter revolutionär kommen?\nMillionenmal gemeiner als unser Feind, der es aus politischer Trägheit\nist gilt uns die revolutionäre Phrase. Der Jobber, der Agent, der Bankier,\nder Zuhälter, der Leichenfledderer sie, die Kriegsbegeisterung markierten,\nwagen es mit frechem Kopf, nun an unser Ohr mit der revolutionären Phrase\nzu treten.\nAber wir vergessen nicht. Wir wissen, dass die Konjunkturbuben nur auf\ndie nächste Gelegenheit lauern, sich beliebt zu machen; in öligster Gleich-\ngültigkeit dagegen, um wessen Leben und Blut und Name und Dasein und\nEhre es geht.\nEine Zeit, die solche Zeichen gebrauchen kann, ist ein Irrtum.\nVerlasst euch drauf: Wann es ernst wird, hält das Konjunkturtier das\nMaul. Und schon am plötzlichen Schweigen des ewig Quiekenden werdet ihr\ndie Stunde erkennen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c009", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "25", "image_debut": 26, "image_fin": 27, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.8.1", "titre_corps": "Schriftfteller", "titre_sommaire": "Schriftfteller", "signature_source": "L. 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Wesen, die\nnie sich hingaben, sondern die nur stets nachschrieben, was ihnen schon vor-\ngezeichnet war (sie nennen das „gestalten\")* Diese Verräter an allem Zukünftigen\nder Menschheit, die wegen der Massenauflage von ein paar Schlagworten aus\nder schweinischesten Vergangenheit ihre ganze Gegenwart mit allen ihren\nMitgeschöpfen hündisch preisgaben. Der Leser weiss seine berühmten Blut-\nliteraturmacher der Zeitgeschichte längst zu verachten.\nAber der Mann, zu dem diese Druckzeilen hier nie kommen werden, der\neinfache Mann, der selten liest, der verdeckteres Schreibgewebe nicht entwirren\nmag, der Mann des Volkes? Weiss er, wie Schreiber, welche die öffentliche\nMeinung dichten, ihn in die Geschütze jagten, seine Zimmer ummoderten,\nseine Frauen, Mütter, Väter, Kinder zerhungerten? Weiss er, dass seine Rache\ndenen gehört, die mit Philosophie sein Kadaverschicksal umspielten; denen,\ndie mit dem „Erlebnis\" seines Zwangstodes erhebende Geschäfte machten;\ndenen, die sein Geschick metaphysisch prophezeiten, ohne den geringsten Ver-\nsuch zu helfen und abzuwenden; denen, die Schriftsteller, Deklassierte,\nGeistige, Kapitalfremde, Ausgestossene, Unterproletarier! die Hymnen der\nBlutokratie sangen; denen zuletzt, die in ewig schandenvoll lauer Vorsicht:\nschwiegen!\nSchriftsteller, wenn einmal dieser Mann das weiss, dann wehe euch!\nDann nützen euch, den halben Aufrührern und halben Machtleckern, nicht\nmehr eure Gehirnfluchten.\nIhr habt euch nie euren Mitmenschen gestellt, nun stellt man euch. Und\nihr, in der letzten Stunde der Gefahr, in der letzten, jämmerlichen Sorge\num euren Erfolg ihr, denen es nie ernst war; die ihr stets das öffentliche"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.27", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1013, "texte": "Wort für eine Schiebung gehalten habt; ihr, die ihr nie den leisesten Hauch\nspracht gegen die grosse, öffentliche, riesenhafte Zwangsgewalt nun in\ndieser Angst um die letzte Stunde eurer Literaturgerippe versucht ihr eilig\nein Geschäft mit Christus und haltet den Unterdrückten die Predigt gegen\ndie Gewalt.\nAber ihr, deren einzige Tat stets war, zu leugnen, dass Gutes oder Böses,\nFreiheit oder Zwang, Wert oder Sünde herrsche —ihr seid verdammt, die\nletzten Zuckungen der Gesellschaft, aus der ihr kröchet, mitzutanzen. Ihr,\ndie ihr nicht wolltet ausserhalb dieser Gesellschaft bleiben, euch werden nun\ndieselben Riesensohlen des knirschenden Vergessens zu Brei treten, und der\nheisse Wind, der um die Erde geht, wird euch als stinkenden Staub zerwehen,\nund als kalkiger Schleim werdet ihr niederfallen auf dem Urgrund von ewigen\nWeltmeeren.\nUnrettbar seid ihr, und jetzt nur noch am Leben, weil der Tod selbst\neuch seine Verachtung ins Gesicht gespieen hat, und letzten Ekel trägt, nach\neuch zu greifen.\n\nL. R."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c010", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "26", "image_debut": 27, "image_fin": 28, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.8.2", "titre_corps": "Ehrenstein", "titre_sommaire": "Ehrenstein", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 27, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.27", "debut_caractere": 1015, "fin_caractere_exclue": 2852, "texte": "Ehrenstein\n\nDiese entschlossene Zeit ist doch nicht ganz ohne Einfluss auf die künst-\nlerische Produktion. Der Krieg hat nicht nur, die Kunst anlangend, die\nWirkung geübt, Bildhauer, Maler, Dichter in Massen umzubringen, soweit\ner sie nicht umgebracht hat, sie in Massen zu verelenden, soweit er sie\nnicht verelendet hat, ihnen die Schaffenslust zu nehmen. Aber es gibt Men-\nschen, die mit dem Krieg auf ihre Weise agressiv fertig werden.\nZunächst dieser (Albert Ehrenstein, „Die weisse Zeit\" bei Georg Müiler,\nMünchen und „Der Mensch schreit\" bei Kurt Wolff, Leipzig), den ich vorhebe,\nlobt den Krieg nicht. Der Kriegsgott sagt bei ihm: „Aber aufreckend das\nwildbewachsene Tierhaupt, den Menschen feind, zerschmettre ich, zerkrachend\nschwaches Kinn und Nase, Kirchtürme abdrehend vor Wut, Eure Erde.\nRot umblüht Euer Blut meinen Schlächterarm, wie freut mich der Anblick!—\nBleibt noch ein Rest nach Ruhr und Pest? Aufheult in mir die Lust Euch\ngänzlich zu beenden!\" Einmal sagt der Waldesalte: „Es hat die Seele keinen\nBosporus noch Vogesen.\" Das Gedicht endet: „Seine Haare starrten, eisweisse\nMastbäume, und spiessten, umblutete Spiesse, die nachtgeschlagenen Heere.\nKläglich blökten Kanonen.\" Der Geist, aus dem diese Gefühlswerte stammen,\ndas Auge, das diesen Blick wirft, ist uns bekannt. Hier wirft sich eine sehr schwere\nund sehr beschwerende Seele und greift nach sich selbst. Ein ganz wilder\nGrimm, ein ganz verzweifelter Hass wird gegen die Schönheit, das Weib,\ndie Erde geschleudert, bisweilen tollwütig, aber diese Raserei zerfetzt nicht\ndie Form. Es kommt zu Ausbrüchen, die für unsere Literatur unerhört sind.\n„Ich vergass mich zu hüten vor dem Giftschleim der lasterzähnigen Äffin,\nvor dem wahllosen Schlund der unreinen Seekatze.\" „Fern schwingt sich ihre\nBrunst im Tanz mit einem zahlenden Hengst. Möge ein Nashorn Euch"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.28", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1666, "texte": "Haarweibern die Brusthaufen zertrampeln!\" Den Kern finden wir leicht, es\nwird nicht unterschlagen, dass Tinte bitter ist, Leben süss. Er gesteht: „Wenig\nachten mich die Frauen und Mädchen. Jede magere ausgezogene Ziege\ndünkt sich zu kostbar.\" Er verhöhnt sich selber, weil er „Fleischweiber gierig\numgirrt, Mastkälber verfrachtet im Bauch\" aber fällt seufzend zurück und\nfindet die sehr schönen Verse: „Wie bin ich vorgespannt den Kohlenwagen\nmeiner Trauer!\" Widrig wie eine Spinne bekriecht mich die Zeit. Gras\nschoss aus meinem Schädel, aus schwarzer Erde war mein Kopf.\" Er also,\nder Misanthrop wider Willen, nähert sich diesem Kriege, er lässt ihn nicht\nwirken auf sich, er stellt sich als Kämpfer zu ihm. Hier kommt sehr Starkes.\nEr gewinnt einmal das tollgroteske Bild eines Helden, der „umtost vom vater-\nländischen Geheul, erbleicht, ihn bedrängt im unauslöffelbaren Kessel die\nBlutsuppe. Der ohnmächtige Charon packt das kleinliche Ruder, zertrümmert\ndie Barke, ihm front als Totenschiff ein Ozeandampfer\". Er sieht, wenn nach\ndem grässlichen Erdkrieg der winzige Friede wird, als Resultat nur „das grosse\nRoss,\" den Erzfeldherrn. Und verflucht die lauen Freunde des Friedens, die\ndann noch mit zu Felde geschlagenen Augen hocken werden; das Blutmeer\nder geschändeten Krieger möge sie ersticken. Der Krieger, der auf dem Schlacht-\nfelde stirbt, der Menschrest, Ameisen in den Wunden, Fliegen im Munde, weiss\nzwar, er hat die Heimat gerettet: „Oh Erde bittrer Schluck, ich bin den\nLeichenweg gegangen, und ward hier Land gerötet und würgt ich Blut aus\nWangen, kein Feind springt lebend vor. Ob mich auch Gott erkor, ich habe\nMenschen getötet!\"\n\nAlfred Döblin"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c011", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "26", "page_fin": "27", "image_debut": 28, "image_fin": 29, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.8.3", "titre_corps": "Der Gegner", "titre_sommaire": "Der Gegner", "signature_source": "Friedrich mark", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 28, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.28", "debut_caractere": 1668, "fin_caractere_exclue": 2944, "texte": "Der Gegner\n\nIn jedem Gegner schläft Dein Bruder. Zum mindesten kann er—erweck-\nbar— schlafen hinter der Maske des Feindes. Wenn Du die Wahrheit redest,\nmenschliche Wahrheit, so muss in jedem das wahrhaftig menschliche Zeugnis\nfür dich geben. Wenn Du verstanden wirst.\nLiegt es nicht daran? Liegt es nicht an mir, dass ich nicht die Geduld\nhabe den andern zu suchen hinter den Mauern seiner überlieferten Gedanken\nund gedankenloser Überlieferungen, seiner Vorurteile und seiner Fähigkeiten,\nseiner unbewussten Lügen und seiner Eitelkeiten? Wenn ich es nur lernte zu\nunterscheiden. Wie oft wird ein aufrichtiges und williges Herz irre geführt\ndurch überlieferte, liebgewonnene, ach und halbwahre Worte. Wer mir nur\ndie Macht gäbe meine Stimme zu wandeln, dass sie durchdränge und ver-\nstanden würde! Wer gibt mir die einfachsten und klarsten Worte? Missver-\nständnisse schaffen die meisten Feindschaften. Missverständnsse über Wege\nund Mittel, da das Ziel deutlich genug ist. Und wer gibt mir den Glauben,\nder auch im Herzen des einst willigen und nun mutlosen Gegners wieder das\nalte, nein ein neues und stärkeres Feuer entzündet?\nEs sind so viele Larven um uns her, die lebendige Gesichter verdecken,\nGesichter unserer Brüder. Wenn es uns nur gelingt die Larven zu zerbrechen."}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.29", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 868, "texte": "Und um das mit Unbarmherzigkeit tun zu dürfen, ist mir zuerst eine\nunbarmherzige Demut gegen mich selbst von nöten.\nWenn ich aber kein Leben mehr finde? Es gibt viele die wahrhaftig tot\nsind, die kein lautester Ruf des Lebens mehr weckt. Um sie freilich geht der\nKampf nicht, und wir könnten die Toten ihrer Toten begraben lassen. Hätten\nsie nicht gerade das junge Leben so sehr in den Händen.\nWer gehört auf die wahrhaftige Seite, wenn nicht die Jugend? Und unsere\nStudenten haben Kriegsdemonstrationen veranstaltet. Ist es nicht wichtiger\nals gegen Tote zu kämpfen, dass wir unsere lebendigen Kinder vor ihnen retten?\nUnd jede Schule in „gegnerischer\" Hand ist ein Ansteckungsherd. Statt künftiger\nGegner Brüder und Mitkämpfer heranzuziehen für den Tag, der vielleicht bald,\nvielleicht später, der aber sicherlich kommt: ist das nicht das Wichtigste?\n\nFriedrich mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c012", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "27", "page_fin": "28", "image_debut": 29, "image_fin": 30, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.8.4", "titre_corps": "Ferne Länder", "titre_sommaire": "Ferne Länder", "signature_source": "Frida Ichak", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 29, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.29", "debut_caractere": 870, "fin_caractere_exclue": 2889, "texte": "Ferne Länder\n\nCooke und Baedeker haben Jahrzehnte lang an unserem Bewußtsein\ngearbeitet, um daraus das Gefühl der Fremde des fernen Landes auszurotten,\ndie Grenzen zu verwischen. Dann plötzlich wurde die Grenze jedes Landes\nzu einer ununterbrochenen Kette lebendiger Körper, und alles jenseits davon\nwurde uns unzugänglicher als das Innere Afrikas. Doppelt zensurierte Depeschen\nallein bringen uns kärgliche Botschaft von drüben.\nAber hundertmal fremder noch als diese feindlichen Territorien ist uns\nder breite Saum diesseits der tausendkilometerlangen Schützengräben. Kein\nLivingstone kann uns die dunklen Geheimnisse dieser Himmelsstriche enthüllen.\nDie Geographie dieser Orte ist in der Zeitung weder unter der Rubrik „Aus\nnah und fern\", noch unter „Wissenschaftliches\" behandelt; die Tageschronik\njener Bewohner heisst „Heeresbericht\" und wird mit Bluttinte jeden Tag\nweiter geschrieben. Einmal schaut der phantasielahme Leser auf der flimmernden\nKinoleinwand die Landschaft: Stein- und Schutthaufen; die Sehenswürdig-\nkeiten: eingestürzte Brücken und zerschmetterte Kathedralen; das Leben der\n_\nBewohner: gepäckbeladene Haufen auf der Flucht. Die Kanonenmusik dazu\ngedacht man ist unterrichtet!\nDoch was wissen wir von dem Leben der Menschen in den sogenannten\nokkupierten Gebieten dieser hundertvierzig Wochen? „Die Sterblichkeit beträgt\n98 Promille. Die Ernährung der Bevölkerung ist auf 200 Gramm Brot beschränkt,\nsonst werden keine Nahrungsmittel verteilt\"... (Für den deutschen Reichskanzler\nbestimmtes Telegramm Litauischer Organisationen an den Chef der „Militär-\nverwaltung Litauen\".) Das erfahren wir aus den Zeitungen über das Dasein\ndieser Menschen, für die Unglück und Verzweiflung nur gesteigert, nie unter-\nbrochen wurde, die für ihr Martyrium mit keinem Kreuze gelohnt werden,\nfür die es weder „Erholungsurlaub\" noch „Versetzung\" gibt. In den ersten\nKriegsmonaten schrieben auch die Zeitungen, dass die Bevölkerung in Namur\nkochendes öl auf die Soldaten gegossen, in Lodz dagegen dieselben Soldaten"}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.30", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2445, "texte": "als Befreier bejubelt hätte. Das waren also die „Rebellen\", die Gottes Tage\nmit Kritik entgegennehmen. Aber die anderen, ungezählten vielen, die im\nDasein keinen anderen Sinn sehen, als das Dasein selbst, einfache Menschen\nin Dörfern, kleinen Städtchen, Friedliche, die an ihrem alten Dasein klebten\nund alles auf einmal verlieren sollten? Eine ungeheure ungeahnte Wirklichkeit\ntrat an sie heran und forderte Platz in ihrem Bewustsein. Söhne marschierten\nin endlosen Kolonnen vorbei, der Boden wurde aufgewühlt, die Luft und die\nErde bekam eine andere Bestimmung, als den Menschen zu tragen und ihn\nzu erhalten. Bald kamen viele Wagen Verwundeter zurück, lange Reihen zer-\nschossener Pferde mit traurigem, unwissendem Blick zogen vorbei, ewiges\nKnallen und Donnern bald näher, bald ferner, und sie selbst inussten bald\nflüchten, bald arme Flüchtlinge wie sie selbst, beherbergen.\nSo vergingen Jahre. Der alte Mann, der im granatensichern Keller Gebete\nsprach, ist schon längst gestorben, aus Gram und Sehnsucht nach seinen\nKindern; das kleine, auf der Flucht verlorene Kind ist gross geworden und\nnennt die fremden Männer „Vater\"; das Mädchen hat den Bräutigam ver-\ngessen die Menschen haben den grausam potenzierten, lebensverkürzenden\nAlltag irgendwie assimiliert. In ferner, unerreichbarer Erinnerung stehen\nwie sie uns, so sind wir ihnen fremd geworden, wie das Rauschen eines\ntropischen Waldes. Wir sind für sie die Glücklichen, wir können uns frei bewegen,\nwir brauchen nicht stündlich das nackte Leben zu verteidigen, wir essen\nirgendwie, wir schlafen in unseren Betten, wir werden zu keiner Arbeit gezwungen.\nSo denken sie von uns, den Fernen, Geliebten, und unser Bild verdichtet sich\nfür sie zu der Bürgschaft einer besseren Zukunft. Einmal wird der Krieg zu\nEnde sein, denken sie, und dann werden wir sie in ein neues Leben tragen,\ndas neue Leben, das wir während sie litten aus unserer Überzeugung\nauferbaut haben. Jetzt wissen sie, wie herrlich das Wort Freiheit ist, wie\nköstlich Nicht-Krieg, wieviel wir erreichen können. Sie werden Humus für die\nZukunft sein, aber die Zukunft selbst müsse umso strahlender werden. So lange\nim Fegefeuer, einmal werden wir ihnen die Pforten zum Paradiese öffnen.\nDas denken sie. Denken auch wir daran? wissen wir, dass wir, die nicht vom\n„Krieg direkt Betroffenen\" viel grössere Aufgaben noch haben, als einen\ngelungenen Bajonettangriff, weit stärkere Pflichten, als durchzuhalten...\n\nFrida Ichak"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c013", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "28", "page_fin": "29", "image_debut": 30, "image_fin": 31, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.8.5", "titre_corps": "Demain,", "titre_sommaire": "Demain,", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 30, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.30", "debut_caractere": 2447, "fin_caractere_exclue": 2959, "texte": "Demain,\ndes Henri Guilbeaux mutig unkriegerische Zeitschrift (die im Format und\nAussenbild Herzogs „Forum\" nachahmt) ist nach mehrmonatlicher Unter-\nbrechung wieder erschienen. Das ist zu begrüssen. Man mus eine Zeitschrift\nunterstützen, die den Stimmen rechtlich gesinnter, nichtgouvernementaler\nKriegsgegner aller Länder Resonnanz schafft; gerade wenn diese Resonnanz\nnicht gross ist wie beim Demain (das nach Frankreich und Italien leider\nnicht gelangen kann). Guilbeaux hat die Zwischenzeit gewiss benutzt um"}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.31", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2692, "texte": "sich auch über deutsche Verhältnisse etwas besser zu informieren; bis dahin\nzeichnete er sich durch eine unbegreifliche Überschätzung von minderwer-\ntigen Schriftstellern aus und durch auffallende Unkenntnis der wertvollsten\nmenschlich und europäisch gesinnten Bewegungen dieses Sprachkreises.\nDie neue Ausgabe von Demain fällt angenehm auf dufch die völlige\nAbwesenheit jener fürchterlichen Holzschnitte aus einer längst vermoderten,\ndekorativen (!) Symbolistenzeit, die in ihrer stupiden Nur-Deskription die\nsonst temperamentvoll fordernde Zeitschrift ridiculisierten.\nIn dieser Nummer (13) der Zeitschrift grüsst ein sympathischer Aufsatz\nvon Guilbeaux die russische Revolution. Guilbeaux behauptet aber merk-\nwürdigerweise, die russische Revolution sei eine Frucht von Kienthal und\nZimmerwald. Diese lächerliche, wenn auch gutgemeinte Geschichtskonstruktion\nkann dem Herausgeber von Demain doch nur in einem Zustande vollständiger\ngeistiger Ermüdung entglitten sein.\nFeststellung jener Züge, mit denen man sich dort den Internationalismus\netwas allzu leicht macht, ist wichtig, denn über Demain hört ihr gewöhnlich\nnur einseitig ablehnende oder einseitig zustimmende Worte. Eine Zeitschrift von\nder grossherzig internationalistischen Absicht, wie Guilbeaux's Demain, ist\nheute sehr nötig, und der Leser hat auf ihre geistige Intaktheit in demselben\nMaße zu achten, wie die europäische Verantwortung des Herausgebers gross ist!\nDas wertvollste Resultat der Mühen Guilbeaux's sind die Bücher, die im\nVerlag von «Demain » erscheinen (15, Rue Merle-d'Aubigne, Genf):\nflouve, der Menschenfreund-Dichter der wunderbaren Weltliebe-\nGedichte «Vous etes des hommes », schrieb das „QJoeme contre 1e grand\ncrime 1916\" (Edition de la revue «Demain»). In diesem Buch das grosse,\nwhitmanisch-visionär-predigende Gedicht ,/<üo/stojDaraus :\n„Derselbige Geist schon bindet sich über die Erden ;\nDer Geist, gleich schwebend, wartet in Marterleid auf Erbarmen oder den Zorn;\nIn England, in Deutschland, in Frankreich, in Russland, in Italien, der Schweiz\noder in Amerika,\nDer Geist wartet.\nIn Serbien, in Belgien, in Holland oder in Norwegen, in Armenien oder in\nLanden Indiens\nDer Geist wartet.\nMitten in Afrika, in dem Herzen des reichen Asien,\nÜberm Geländ der gealterten Rassen, überm Geländ der Rassen im Kindheitstand,\nDer Geist wartet.\nWartet seit Millionen der Jahre, da ein paar Männer mit breiter Stirn einander\ngehört haben von Ferne zu Ferne,\nKonfutse, Buddha, Sokrates und Jesus, Mark Aurel, Spinoza, Whitman oder\nTolstof;\nIhr ausschallend Wort ward geboren, nie mehr schwindet sein Strahlen,\nDa, eines Tages, erflammt es in Euch;\nIhr Wort kann nie mehr vergehen, das kündet und baut die Bahn.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c014", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "30", "page_fin": "30", "image_debut": 32, "image_fin": 32, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.8.6", "titre_corps": "Salut à la révolution russe 1917", "titre_sommaire": "Salut à la révolution russe 1917", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 32, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.32", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 967, "texte": "Salut à la révolution russe 1917\n(Edition de la revue « Demain »). Worte von Romain Rolland, P.-J. Jouve,\nMarcel Martinet, Henri Guilbeaux. Und eine jämmerliche Zeichnung von\nFrans Masereel (Abklatsch aus der augenlosesten Meunier-Epoche).\nBroschüre von dreissig Seiten, wertvoll durch die Reinheit dieser Freunde\nder russischen Revolution. Nicht ganz vermieden ist der Fehler, dass die\nMitarbeiter aus ihrer Entfernung der russischen Revolution pathetische oder\nlyrische Ratschläge geben, und dass sie glauben zu helfen, während sie nur\nbeschreiben. Die grosse Ausnahme macht Jouve (der sich in jeder neuen\nZeile, die er veröffentlicht, als immer bedeutenderer Mensch enthüllt). Er\nfindet in dem russischen Aufbruch den Weg, den Zeiger, die Aufforderung\nfür uns europäische Herzen; die Verschärfung unserer eigenen Verantwortung\nund die ethische Zündung zu unseren Taten.\nDas ist wohl die einzige menschenwürdige Art, in Europa der russischen\nRevolution zu begegnen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c015", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "30", "page_fin": "31", "image_debut": 32, "image_fin": 33, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.8.7", "titre_corps": "Frankreichs andere Seite", "titre_sommaire": "Frankreichs andere Seite", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 32, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.32", "debut_caractere": 969, "fin_caractere_exclue": 2853, "texte": "Frankreichs andere Seite\nMan weist uns nur die Seite, die der Krieg bestrahlt. Die andere, dunkei\nverhüllt in Wut und Knirschen gegen den Krieg, zeigt uns niemand; und\nhöchstens druckt ein Blatt tendenziös zurechtgeriickte Zeilen der dunklen\nGegend, um gehässig zu zeigen, wie schlecht es den Leuten geht. Wir erfahren\nnichts von ,,Bonnet rouge«, der Zeitung, in der ihr das Wort ,,boche« ver-\ngeblich sucht; nichts vom minoritären ,,Populaire«, das heute die kriegs-\nfeindliche Volksmajorität hinter sich hat; nichts von den unterdriicktem immer\nwieder auferstandenen ,,l-Iommes du »Jour«, der Zeitschrift, die den Mut zur\nKrieglosigkeit hatte, wie in Deutschland nur Franz Pfemferts herzhafte Zeit—\nschrift »Die Aktion« (die Ehre des Landes). Nichts erfahren wir von der unerhört\ntapferen kriegsfeindlichen Liga der französischen Volksschullehren h\nHenry Derieux, ein junger Dichter wohl, veröffentlicht ein Buch klagender\nVerse zu diesen Tagen derZerfleischung ,,En ces jours dechirants« (Paris,\nLibrairie Payot, 1917). Dazuschrieb Henry Bataille die erstaunliche Vorrede,\ndie Vorrede mit Worten eines Franzosen, wie ausserhalb Frankreichs seit drei\nJahren keine gehört wurden: —\n,,Simpel, einseitige Köpfe fes gibt unzählige, und sogar besonders viel unter\nden literarisch und wissenschaftlich Gebildeten) haben sich ein lconpentionelles\nUrbild des Dichters 2urechtgemacht, als eines schäumend titanischen Gesellen,\nder aus vollen Fausten flammende Rachestrophen um sich schmeisst Der nationale\nDichter ——— welch elcelhafter Titel! --.ist eine der gedroschensten Schablonen, eines\nder diclcsten Klischees jener Kriegsliteratuh die gerade etwa iiber zwanzig Requi-\nsiten und iiber funfzig landläufige Ideen »erfiigt. —- . . . «\nDie Leute, die auf Grund lconiientioneller Ideen aus der lclassischen Literatur,\nimmer nach einem Homer des Schiitzengrabens schreien, beweisen damit ein"}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.33", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2412, "texte": "merkwürdiges Unverständnis für das irdische Phänomen, dem beizuwohnen uns\nbeschieden ist. ...\nDieser Krieg ist die fürchterlichste Schmach, die je geworfen wurde auf den\nVorzug: zu leben, auf die Würde: zu denken. Wir durchschreiten eine der\nschmählichsten Stunden der Geschichte. Und wenn auch kein Mensch das zu\nsagen wagt, in seinem Herzen fühlt es doch jeder. .. .\nDer unermessliche Marterweg unserer lieben Frau der Menschheit: der ist\ndie wahre Dichtung. \"...\nSicherlich wird die Literatur sich noch lange die goldene Lüge vom Kriege\nwahren, die sie so schamlos verschleisst; denn dies ist die Macht der geschwollenen\nRedensarten und der Gemeinplätze, dass die Menschen sich ihnen mit einer\nunbegreiflichen Willfährigkeit unterwerfen.\"\nHört. Es geht für die Menschheit. Und selbst noch der letzte Vorstadt-\ndramatiker, der offen für die Menschheit spricht, ist der Erde tausendmal\nwichtiger, als der sogenannte tiefe Dichter, der sich verbirgt. Aber wer\nspricht so? Dieser Henry Bataille der Vorrede, sonst Lieblingsdichter der\nmondänen Effekttheater, ist ein unbedingt mutvoller Mensch, der sich mit\nseinem Herzen einer Legion von Blutschwätzern (beider Seiten des Draht-\nverhaus!) entgegenstellt. Das ist ein Mensch, der dennoch wieder bewusst genug\nspricht, um uns hören zu lassen, dass er nicht allein ist, und der die zahllosen\nScharen seiner schweigenden Freunde kennt.\nDieses Wort vom Menschen wurde gedruckt und gelesen in Paris. In Frank-\nreich, wo man immer noch den Sprecher, der nicht dem Krieg heute zustimmt,\nauf diesem hellen, weiten, rechten Ufer des öffentlichen Lebens mit allen Mitteln\neiner drohenden Amtlichkeit und einer wirksamen Presse ersticken kann.\nDennoch wagte sich Bataille vor, ein Genosse der Menschheitlichen, mit\nder Unverstelltheit des zweifellosesten Wortes. So ist man verpflichtet zu fragen:\nWarum verkriechen sich die selbstgerechten Freiheitsmänner von Ländern,\ndie heute ihre Schreiber weniger zensurieren, hinter die Geheimtüren einer\nanspielungsreichen Intellektual-Literatursprache? Aus Angst vor Pressungen\ndurch Behörden? O nein. Aus Mangel an Liebe, Mitgefühl und der einfachsten\nAchtung vor der Menschheit. Aus Mangel an Teilnahme. Aber wir wollen auch\ndas verlegen böse Schweigen derer nicht vergessen, die verpflichtet waren zu\nreden; wir wollen es nicht vergessen, dann, wenn die Welt einmal ihrer Freunde\nvon der lauten menschlichen Stimme gedenken wird!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c016", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "31", "page_fin": "32", "image_debut": 33, "image_fin": 34, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.8.8", "titre_corps": "Biologie des Krieges", "titre_sommaire": "Biologie des Krieges", "signature_source": "georg Fr. Nicolai", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 33, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.33", "debut_caractere": 2414, "fin_caractere_exclue": 2850, "texte": "Biologie des Krieges\ngeorg Fr. Nicolai:\n(Verlag Orell Füssli, Zürich.)\nDie vorige Nummer des Zeit=Gcßo begrüsste Nicolais in der Aktion\nerschienene Aufsätze. (Unglaublicherweise die einzige öffentliche Zustimmung\nseit einem Jahr!) Jetzt sind sie im systematischen Buch da; jedem Menschen\nguten (und bösen) Willens zur Verfügung. Dieses Buch wird dem kommenden\nGeschlecht selbstverständlich sein. Heute darf man nur in gefasstestem Ernst"}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.34", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 256, "texte": "zustimmen. Aus der weitesten Forderung für die Menschheit sprang die geistig\nbitterste, bedingungsloseste Streitschrift gegen den Krieg. Den Verfasser, der\nseine Privatperson der Sache preisgab, hat man nicht zu kritisieren: Man\nhat sich vor ihm zu neigen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c017", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "32", "image_debut": 34, "image_fin": 34, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.8.9", "titre_corps": "Konjunkturbuben", "titre_sommaire": "Konjunkturbuben", "signature_source": "L. R", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 34, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.34", "debut_caractere": 258, "fin_caractere_exclue": 1753, "texte": "Konjunkturbuben\nL. R.\nDichter Klabund druckt zu Kriegsbeginn:\nMädchen, Eure Ehre\nSchützen die Gewehre.\nHebt das Herz empor,\nKriegsfreiwillige vor!\nItaliens Kriegsbeginn: K. höhnt in einer deutschen Zeitung den schmutzigen\nItaliener, in einer Schweizer Zeitung die Hindenburg-Andenken. Russlands\nRevolution: K. druckt in einer Schweizer Zeitung einen Brief an den deutschen\nKaiser; demokratisch „Schattenkaiser, bitte Reformen!\" Ob K. gleichzeitig\nin deutschen Blättern die Russen verhöhnt, steht nicht fest.\nNein, das ist kein Zeichen der Zeit. Dieses Schreibgeschäfte ist zeitlos\nwie die Lebensmittelschieber und die Mystiker. Nächstens werden uns vor lauter\nZeichen der Zeit wohl noch die Kriegsberichterstatter revolutionär kommen?\nMillionenmal gemeiner als unser Feind, der es aus politischer Trägheit\nist gilt uns die revolutionäre Phrase. Der Jobber, der Agent, der Bankier,\nder Zuhälter, der Leichenfledderer sie, die Kriegsbegeisterung markierten,\nwagen es mit frechem Kopf, nun an unser Ohr mit der revolutionären Phrase\nzu treten.\nAber wir vergessen nicht. Wir wissen, dass die Konjunkturbuben nur auf\ndie nächste Gelegenheit lauern, sich beliebt zu machen; in öligster Gleich-\ngültigkeit dagegen, um wessen Leben und Blut und Name und Dasein und\nEhre es geht.\nEine Zeit, die solche Zeichen gebrauchen kann, ist ein Irrtum.\nVerlasst euch drauf: Wann es ernst wird, hält das Konjunkturtier das\nMaul. Und schon am plötzlichen Schweigen des ewig Quiekenden werdet ihr\ndie Stunde erkennen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-06-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-06_01#c018", "volume": "bmtnabb_1917-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "33", "page_fin": "33", "image_debut": 35, "image_fin": 35, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.2.9", "titre_corps": "VERZEICHNIS:", "titre_sommaire": "VERZEICHNIS:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 35, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.35", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 575, "texte": "VERZEICHNIS:\nLudwig Rubiner: Nach Friedens-\nschluss - . . . . ..... Seite 1\nRevolutionstage in Russland . . „ 6\nEin Wort von Ferruccio Busoni . „ 13\nAlbert Ehrenstein: Menschlichkeit 14\nHans Richter: Ein Maler spricht\nzu den Malern . . . . . . . „ 19\nHANS RICHTER: An die Mütter\nEuropas (schwarzweisses Volksblatt) „ 15\nM enschen / Bücher / Zeitschriften. L. R.:\nSchriftsteller. Alfred Döblin: Ehrenstein. Friedrich Mark:\nDer Gegner. Frida Ichak: Ferne Länder. L. R.: Demain\nJouve, Salut ä la revolution russe. Frankreichs andere Seite.\nBiologie des Krieges. Konjunkturbuben."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.1", "texte": "ett- Echo\nHERAUSGEBER: LUDWIG RUBINER\n' ' ; ' . \", \\ v V\" • ' ' ' \\ 1 \\ ',': ' \" x \\.v•' / V • } ' '/ . ' l\n3. JAHRGANG / 1. UND 2. JUNIHEFT / 1917\n» « ØIPJTSZ 50 Øszjeyiyzyjy oc2’e-««kF5() Toesiywejzs 1 »\nH jzEs1T-EcHo,vERL-ko- ; j\n«BENTELI-A.-G., BAUMPLIZGERN UND LEIPZJG P\n\nINHALT:\nLUDWIG RUBINER: NACH FRIEDENSSCHLUSS\nTOLSTÖIÄNERBRIEFE: REVOLUTIONSTAGE\nIN RUSSLAND\nALBERT EHRENSTEIN: MENSCHLICHKEIT\nHANS RICHTER: EIN MALER SPRICHT ZU DEN\nMALERN\nMENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\nBeiträge von &ff red cDöbfin, (FriedrichFlark, Frida fjcfiak,\nHANS RICHTER: SCHWARZWEISSES VOLKSBLATT"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "couv. 2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.2", "texte": "HERAUSGEBER: LUDWIG RUBINER\nZURICH VI • HADLAUBSTR. 11\n\"i•\"•t._,■ . ! ' 1 . v - \" '\nV '■ \" ' \\ _ ' •• ; N.' . \"' M Sr;K . • • '\n-\nr\"\\ie Zeitschrift ist keine biblio-\nsondern eine moraliscbe\nAngelegenheit. Nicht aufgenom-\nmen werden Werke irgend einer\nUnterhaltungsabsicht, bescbrei-\n/\nbende Zeichnungen, Gedichte,\nNovellen und Betrachtungen, die\nallein der Erkiarung und der Bil-\ndungdienen. ZurVeroffentlichung\nzugelassen sind nur fordernde\nFormulierungen von europaischer\nGesinnung.\n'{M; 'iV 'AY \"y ■ VYA A,':' ''\" 'A ;'' -V-At' VJ A' Yg I'X>AY'A ■ ' A*A AiAY rA, YAAA|Av s\nYYAy A,vAv >AAA Y\" J'.-:\"■■ 'Y ••/'■ AA- Y/A - p -AAA -A/ A'-A 'Y'YY v Av-A;CAAY. aA>AvY A-\"'. vA/AA;\nManusferipte und alle Zusendungen, die nicht x\\ ,\ndas Abonnement betreffen, sind einzig\nz an die Redaktion, Zurich VI, A\nHadlaubstrafie 11\nzu richten.\nji ; Y ■ S , ' /■'\" ' ; ' : , -"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.3", "texte": "NACH FRIEDENSSCHLUSS\n\nDanach wird ein Streit kommen, schrecklicher als der Weltkrieg einer\nwar, jahrzehntelang. Menschenvernichtender noch, menschenbeseitigender,\nmenschenleugnender. Es wird viele Generationen wegwischen aus dem\nGedächtnis der Kommenden; Jahrhunderte von gewesenem Leben werden\nvon der zärtlichen Erinnerung künftiger Geschlechter ausgeschlossen sein,\nund dermaßen nicht mehr vorhanden, wie der Moder von altem Schutt—\neinst kostbarer Besitz—achtlos verweht und verstampft wird in Staub und\ngetretene Straßen.\nAber auch schneidender, unmenschlicher, herzzereißender wird das\nsein. Denn gerade bessere Menschen, irgend hinter Verdunklungen dem\nGeistigen Nahe, werden anspringen, um zu zerfleischen.\nEs wird ein Streit sein, den das letzte Mißverständnis gegen das Zeit-\nalter des Geistes kämpft. Die letzte Halbheit, die letzte Ungläubigkeit,\ndas letzte, geschärfteste, verstrickt teuflischeste Aufgebot des Aberglaubens\nvon Besitz und Grenzen. Die Truppen der überzeugungslos Lauen, der\nfrüh Zufriedenen, der Unsicheren und der halben Brüder werden den\nKampf gegen uns aufnehmen.\nDie wahren Kameraden der neuen Zeit wissen, das die Verwirklichung\ndes Geistigen sich nur in den Handlungen des freien Menschen zeigt.\nAber die Mißverständler alle stehen auf gegen uns. Und zuletzt treten\ndie Halbbrüder und Halbfeinde gegen uns vor.\nDoch es geht für den Geist. Der Geist wird Führer sein der kom-\nmenden Zeiten, in der hohen Selbstverständlichkeit eines Führertums, das\nnicht mehr von Persönlichkeiten abhängt. Und alles wird fallen und spuren-\nlos vergehn müssen, was noch Anstrengungen macht, um die Faust auf\ndie Welt zu legen und von ihr Besitz zu ergreifen.\nWir haben nicht das Recht, uns für uns allein zu entscheiden. Wir\nmüssen die lebendige Verantwortung für die andern in unserer Entschei-\ndung mit übernehmen. Also nur noch entschiedener müssen wir werden.\nUnzweideutiger noch müssen wir uns in das Bekenntnis zum Absoluten\nstellen. Wir dürfen uns nicht von List oder Bequemlichkeit vorspielen\nlassen, daß Führerschaft durch den Geist und der Weg der Unbedingtheit\nnur im Lande Niemals lägen. Jede übernationale Realität lehrt es heute\nschon besser. Galt nicht einmal das Gold als Werteinheit für eine angeb-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.4", "texte": "liehe Ewigkeit? Und heute müssen Sehende die Entwertung und rapide\nRelativierung des Goldes durch den Krieg feststellen.\nUnsere besten Zeitgenossen erheben die Hand, und mahnen uns, Schlag-\nworten zum Trotz, die neuen Gesellschaftsbildungen mancher Staaten\nnicht für Wege zum Sozialismus zu halten, sondern sie als Kriegsmerkan-\ntilismus zu erkennen. Aber auch darüber dürfen wir uns nicht täuschen,\ndaß diese neuen staatsmerkantilen Zwangsformen nur durch ein halbes\nJahrhundert sozialökonomischer Ideenvorbereitung möglich waren. Schreibt\neinmal einer das Kapitel von dem chaotischen Kontrapunkt der Geschichte\nim neunzehnten Jahrhundert ? Dann darf die Enthüllung jener wilden\nZufallskreuzung nicht fehlen: Wie der grosse Rhythmus einer menschheit-\nlichen Volksumwälzung zur Gemeinschaft auf dem Erdball in einem\ntollen Mißverständnis sich zu decken begann mit einem ökonomischen\nRechtsstreit, der nur die materielle Umschichtung einer spezifischen Klasse\npropagierte. Dieser Absturz aller menschheitlichen Ziele ist eine Folge der\nunerhörten Kleingläubigkeit, in der ein Jahrhundert lang die umwälzungs-\nbedürftige Gesellschaft sich das Maß der kleinsten Zufriedenheit gesetzt\nhat, glückselig schon, wenn eine Bewegung auch nur verschwommen ähn-\nlich einer drängend nötigen Umschaffung unseres Lebens sieht. In absicht-\nlichem Selbstbetrug ist man froh, Umwälzung der Gesellschaft schon mit\nbloßer Umlagerung der Vermögen zu identifizieren. Und diese Klasse?\nDas Proletariat. Als ob es heute nicht schon längst eine unorganisierte\nSchicht der viel tiefer Bedürftigen um die ganze Erde herum gäbe, ein\nUnterproletariat von allen Seiten der Gesellschaft her; eine Leidenslegion\nvon blutend Isolierten, so tief leidend, daß sie nicht einmal bisher sich\norganisieren konnten wie der hochmütige Gewerkschaftsmann; eine Kata-\nstrophenarmee von Verzweifelten, die bereit sind das Wunder zu empfangen,\nwährend den sozial und ökonomisch vorgeschrittenen Organisationsprole-\ntarier schon lange allzu befriedigter Stolz auf Erreichtes in Angst vor dem\nSchritt zum Unbedingten hielt.\nDer blinde Wunsch, eine Partei zu bilden, statt einer Gemeinschaft für\nGeistesrevolution, die doch in Wahrheit nur unter dem Zeichen einer ab-\nsoluten schöpferischen Änderung des Bewußtseinsstandes der Welt mar-\nschieren würde, führte zu der nie verzeihlichen Sünde: demokratischen\nSozialismus gleichzusetzen mit Klassenkampf. Aber niemand hat, bei allen\nNationen, den Krieg moralisch so stark unterstützt wie das gewerkschaftlich\nbefriedigte Geschöpf des Klassenkampfes. Die bewußt organisierten Prole-\ntarier aller Nationen sprachen dieselben Raubtierparolen, wie die früher von"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.5", "texte": "ihnen bekämpften Leiter ihrer Todesschicksale. Doch selbst die bescheidene\nForderung des Klassenkampfes ist eine sehen historische Forderung, und\nsie ernsthaft zu stellen und laut auszusprechen war nur möglich in einer Zeit\nvon verhältnismäßig großer Freiheit. Das alles geht heute nicht mehr, das\nalles hilft heute nicht mehr, das alles gilt heute nicht mehr. Wie billig, bequem\nund roh, wie unverantwortlich und menschenunwürdig: alle unsere Er-\nwartungen, Hoffnungen, unsere drängendsten Aufgaben abzuschieben auf\ndas organisierte Proletariat! Wie aussichtslos verrucht der feige Wunsch:\nden organisierten Arbeiter einzuspannen als todgeweihtes Tier in den Beutezug\n• •\nunserer Anderungsiust und dann tatenlos von ferne zuschauen, wie der\nVerhungerte noch im Maschinengewehrtode für uns siegt! Aber das wird\nnicht sein.\nWir müssen höher und viel tiefer steigen. Die nächste lebendige For-\nmel über den Erdball hin, die den Menschen wieder in die Mitte des\nLebens fordert, heißt heute: Sklavenaufstand.\nSchon heute, noch mitten im Krieg, finden wir es merkwürdig, und\nnach dem Staub der subalternen Registraturen schmeckend, daß man frü-\nher jene Bewegungen, die auf eine höhere Ordnung der Erde hinzielen\nZiele, die heute jedem Spießbürger sehnsüchtig klar scheinen mit un-\npositiven Schreckbezeichnungen benannte. Der französische Gewerkschafter\nLagardelle hat (mit Parteinahme für die Gewerkschaft) die Ziele zweier\ngesellschaftskritischen Bewegungen gegenübergestellt, das des klassen-\nkämpfenden Syndikalismus auf der einen Seite, und ihm gegenüber das\nder unbedingten Freiheitsforderung. Nach seiner klaren Formulierung gilt\nfür den Syndikalismus: «Die soziale Frage ist eine Arbeiterfrage. Der Feind\nist der Angehörige der andern Klasse. Das Ziel wird durch Entwicklung\ndes Klassenbewußtseins erreicht. Der Ausgangspunkt ist das Interesse der\nGesamtheit.» Dagegen gilt für die Freiheitsbewegung: «Die soziale Frage ist\neine Menschheitsfrage. Der Feind ist der befehlszwingende (autoritäre)\nMensch, zu welcher Klasse er auch gehört. Das Ziel wird durch Entfaltung\ndes Menschheitsbewußstsems erreicht. Der Ausgangspunkt ist das Emzel-\ninteresse.» Man sieht bei beiden Richtungen ihre menschheitlichen\nQualitäten und ihre staubigen Einseitigkeiten. Heute geht uns die Diskus-\nsionsnervosität vergangener Denkschlachten nichts mehr an. Wir haben zu\nFürchterliches durchgemacht und mit angesehen auf dieser Welt, als daß\nuns der Satz «Ausgangspunkt ist das Einzelinteresse» nicht heute kindlich\nblödsinnig erschiene. Wir haben zu große Hoffnungen für die Zukunft, als\ndaß wir nicht das Wort: «Ausgangspunkt ist das Interesse der Gesamtheit»"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.6", "texte": "als jubelndste unserer Forderungen bejahen würden. Aber heute wird jedes\nmutige Herz für die Menschheit stimmen, nicht für die Gewerkschaft. Die\natomistische Kleinlichkeit des Gewerkschaftsprogrammes ist heute jedem\nAuge sichtbar. Die edle Liebe zur Erde, die Entfaltung des Menschheitsbe-\nwußtseins nicht natürlich in einem Einzelinteresse sondern in einem\nhöchsten Gemeinschaftsziel hat heute sogar schon letzte kleine Lichter\nauf die Friedensprogramme der einander feindlichen Staaten geworfen; und\nRegierungen arbeiten in ihren Manifesten heute selbst mit Grundbegriffen\nvon Ideenrichtungen, die sie vor wenigen Jahren noch in grausamen Ver-\nfolgungen ausrotten wollten.\nEs ist Zeit, eine Bewegung, die auf der Vereinigung von Menschheits-\nbewßutsein und Gemeinschaftswillen baut, nicht mehr nach dem ablenkend\nnegativen Schlagworte chaotischer Isolation zu bewerten, nach allem was\nsie von sich ausschließt, sondern nach den unmittelbaren Ideen, welche\nihr die führenden sind. Diese Ideen strahlen im Begriffe «Sozialismus»\nzusammen. Das ist: bewußt hülfreiches Gemeinschaftsleben einer freien\nMenschheit.\nAber die Menschen werden sich noch einmal vor eine ungeheure Prü-\nfung gestellt sehen. Ein Riesenkessel von Verwechslungen, Vertauschungen\naus Absicht, von Verkennungen wird kochen. Alles, was wir heute schon\n«Sozialismus» nennen, ist in Wahrheit getrübt durch die kurzfristigen\nInteressen des Relativen, durch Schiebungen zwischen Macht und gerin-\ngerer Macht, durch Kompromisse voll von Grenzen. Gegenüber diesem\nunfreien, diesem nur bedingten Sozialismus ist heute der Kapitalismus\nfast unbedingt zu nennen. Darum wird auch nicht dieser ungelebte und\nnur abgenötigte Zehntelsozialismus dem Kriege ein Ende machen, sondern\nder Kapitalismus. Der Kapitalismus wird dem Krieg ein Ende machen im\nKampfe gegen den Pseudosozialismus; er wird das dann tun, wenn er sich\nernstlich bedroht sieht. In dem Moment, wo der Torso-Sozialismus völlig\nin den Staat eingehen will, wird der Kapitalismus seinen geringem Gegner\nabschütteln, und in jenem sichersten Wirkungskreis des Kapitalismus:\nseiner Internationalität, die sich des Staates bedient, seine überstaatliche\nMacht erweisen. Nach diesem Kriegsende von Gnaden des um sich besorg-\nten Kapitals wird noch einmal eine ungeheure Welle des kapitalistischen\nSieges von innen her über die Welt stürzen; eine fürchterliche Begeisterung\nfür das bunte Weltvariete des Kapitalismus wird aufbrechen, und nichts\nwird billiger sein als das Mißverständnis des Sozialismus, nichts be-\nquemer als seine Verachtung, nichts deutlicher als der Widerspruch zwi-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.7", "texte": "sehen dem Mißgeschick seiner Absicht und der allgemeinen Rührung über\ndie vollzogene Tat seines leicht siegreichen Feindes.\nAber das Mißverständnis liegt schon darin, aus diesem Widerspruch\nSchlüsse zu ziehen. Das Mißverständnis liegt schon in der Frage: Kapita-\nlismus oder Sozialismus ? Diese Antithese ist Unsinn. Sie existiert gar nicht,\nnicht als Feststellung, und erst recht nicht als Forderung. Denn der Kapi-\ntalismus ist nur die Systematisierung des auf der Erde befindlichen und\nverschiebbaren «(Wieviel», ein ewig zitterndes, ewig erschreckbares 'Wie-\nviel meßr? (Wieviel weniger?», und nur darum mächtig, weil die\nMajorität der Menschen gebannt mit ihm mitzählt. Aber der Sozia-\nlismus ist eine Gesinnung, keine Sachsammlung. Seine Weltfrage heißt:\n«(Wie seßr ?», und Intensität war noch überall das Manometerzeichen\ndes Schöpferischen. Sozialismus ist Erdballbewußtsein; seine Gesinnung\nheißt: Erdballgesinnung. Der Kapitalismus ist das atavistische Angst-\ngebild des alten Einzelmenschen der tief vergangensten Höhlenzeit, des\nrelativischen Fatalisten, des Deterministen, des Materienfetisch - Anbe-\nters, der in Blitz und Donner erschreckt den Menschen für ein mecha-\nnistisch gebundenes Vegetativgeschöpf der Erdnatur hielt. Ihm war der\nMensch ein Teil der Erde. Wie ungeistig! Dagegen wie unerhört schöp-\nferisch ist die Hingabe und Projektivität des Sozialismus in die Welt, wie\nunvergleichbar überzeugend. Ihm ist die Erde ein Teil des Menschen.\nSein kühnstes und doch einfachstes Wort sprach der Sozialpolitiker Silvio\nQesell («Die natürliche Wirtschaftsordnung»): «Die Erde gehört zum\nMenschen, sie bildet einen organischen Teil des Menschen. Die ganze Erd-\nkugel, wie sie im Flug um die Sonne kreist, ist ein Teil, ein Organ des\nMenschen, jedes einzelnen Menschen». Wie geistig! Hier ist das Thema\ndes neuen Menschen, aus ihm strömt die schwebende freie Polyphonie\nder neuen Zeit. Tausende von Menschen, einander Unbekannte, in allen\nLändern über alle Grenzen hinweg fühlen diese Worte auf sich zukom-\nmen wie einen brüderlichen Händedruck. Denn das Stärkste, das sie aus\ndiesen Worten hören, heißt: Freiheit und Gemeinschaft!\nDer ganzen Erde muß unser Schöpferbewußtsein und unsere Liebe\ngelten, wenn wir vor unsern Augen auch nur einen ihrer Teile als Völker-\ngemeinschaft sehen wollen, ein brüderliches Europa.\n\nLudwig Rubiner"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.8", "texte": "REVOLUTIONSTAGE IN RUSSLAND\nBriefe aus Colstojs Freundeskreis\nL. R.\nAls Anhänger Tolstojs gilt bei uns schon ein Mensch, der Tolstojs Schriften\nliebt. Aber in Ruliland ist es einer, der nach seiner Liebe auch handelt. Ohne\ndie Tolstojaner wäre die jetzige Revolution nicht so, und nicht so unblutig Mäg-\nlich gewesen. Erst sie hoben die Herzen sicher gemacht und die Zungen geloclcert,·\nsie haben zu den grofZen Volksschlagworten gegen die Unterdriickung, auch die\ngegen den Krieg unter die Menschen geworfen. Sie taten das, wie es nur un—\nendlich wenige Westeuropäer gewagt haben fdie dazu noch Parlamentarier\nwarenx in voller Gffentlichkeits laut, und zu jedem Menschen, dem sie begegnetem\nDer grof3e Hochverratsprozed gegen die Totstojaneh der vor einem Jahr unter\nder zaristischen Regierung stattfand, erwies, wie unfafkbar stark der Bekenntnis-\nmut zum unkompliziert Guten und zum äffentlichen Widerstand gegen die Ge-\nwalt schon das russische Volk durchdrungen hatte. - «\nHier diese Briefe, zur heutigen Revolution RujZlands, kommen aus dem\nKreise, der die nächste menschlich-geistige Umgebung Tolstojs in seinen letzten\nLebensjahren bildete. lhre Verfasserin ist Anna Konstantinowna Tschertkotva,\ndie Frau jenes Tschertkow, der als Freund Tolstojs und seinen: Willen gemäfk\nes durchsetzte, dafi Tolstojs Werke, gegen den Wunsch der Familie, frei der\nganzen Welt gebären, -und der heute auch Tolstojs Tagebiicher der Dffentlichkeit\nzugänglich macht. .\n. Die Briefe enthalten iiber weltgeschichtliche Tage Ruhlands Mitteilungen, die\ndie russischen Zeitungen nicht veräffentlichen konnten. Das välligisolierte Rus-\nland, abgesperrt von jeder untendenziäsen Nachricht iiber deutsche Ereignisse,\nschwankt zwischen Skepsis und Hoffnung. Die Andeutungen der Frau Tschert-\nkowa iiber russische Erwartungen sind von intereuropäischem Interesse.\nAber menschlich am stärksten ist das vorbildliche Wort von jenem jungen\nTolstojaner, der ernsthaft tätig und aktiv hilfreich mit den Arbeitern ging, und\n,,trotz seiner, ihnen unverständlichen Religiosität ihre Achtung und ihr Vertrauen««\nhatte. Hier ist ein Ausdruck der wichtigsten Uberzeugung unserer Zeit; Dafj\nGlaube an den Triumph des Geistigen iiber Kampf und Gewalt nicht zuvor—\nnehmer Abschlieftung von der Welt fähren darf, sondern dafz gerade das Wissen\num Hächstes die aufterordentlichste Verantwortung und die Pflicht zur steten\ntätigen Bereitschaft auferlegt.\nMoskau, H. März (europ. Damm : IF. Möirzk\nLiebe Freunde, gestern schrieb ich, Euch in aller Eile eine Postlcarte.\nHeute möchte ich mehr schreiben, wenn es geht. Uber die groBen Ereig-\nnisse allgemeinen Charakters werde ich zwar nicht berichten: sicher seid\nIhr durch Eure Zeitungen genügend darüber unterrichtet. Ich will Euch\nnur mitteilen, wie diese Ereignisse sich in unseren Kreisen widergespie-\ngelt, welche Wirkung sie auf das Schicksal unserer Freunde gehabt haben;"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.9", "texte": "auch von einigen privaten Beobachtungen, die nicht in« die Zeitungen\ngelangen, will ich Euch erzählen. Nicht der Reihenfolge nach, sondern\ndas lklächstliegende und für uns wichtigste. Das ist vor allem die Be«\nfreiung unserer in den letzten Jahren zum Dienst in Arrestantenlcompa«\nnien oder zum Zuchthaus verurteilten Cesinnungsgenossem die jetzt zu«\ngleich mit den »politischen« befreit worden sind. Noch sind nicht alle\nfrei. Die Verzögerung liegt aber nur an einer rein technischen Umständ-\nlichlceih Es gelang nicht auf einmal. Denn die Unsrigen waren als ,,Kri«\nminalverbrecher« registriert, es galt also erst Erklärungen abzugeben.\nHie und da wurden sie auch« ohne weitere Formalitäten befreit, nachdem\nman festgestellt hatte, das» sie aus ,,religiösen« Gründen verurteilt worden\nsind. Immerhin sind noch nicht alle entlassen und noch nicht überall.\nseit dem Z. März ist die Sache aber in Cang gebracht. Zuerst befreite\nman zwölf Personen aus dem Zuchthaus ,,Butyrlca«. Unter ihnen befand\nsich unsere liebe Olgawassiljewna Sawaljewslcaja Sie war zu zwei Jahren\nFestung verurteilt worden, ohne Anrechnung der neun Monate Unter«\nsuchungshaft, weil sie sich nach der Verhaftung unserer Freunde D. P.\nMalcowitzlcy und Bulgalcow in JaBnaja Poljana (wegen eines noch im Herbst\nl9l4 verfafZten Aufrufs) persönlich an die Cendarmerie in Tula ge«\nwandt hatte. Den Aufruf hatte sie zwar nicht unterzeichnet, ihre Zu«\nStimmung aber gesondert ausgedrückt; man unternahm eine Haussuchung\nbei ihr und fand drei Exemplare der im Verlag ,,Erneuerung« erschiene«\nnens Broschüre Tolstojs ,,Christentum und Patriotismus«. »Das Resultat\nwar -— jenes Urteil des Cerichtshofs (in Tula), der immer bedeutend\nstrengere Urteile fällt, als unsere Kreismilitärgerichte Der ,,Cerichtshof«\nist ein Uberbleibsel des alten Regimes aus der Zeit vor den Reformen\nund war von Schtscheglowitow besonders für die politischen Prozesse wieder«\nhergestellt worden, er ist eigentlich eine ungesetzliche Institution,\nwelche die gesetzlichen Ceschworenengerichte ersetzt. Und die Richter\n(drei für jede Session) gehörten zu den eingefleischtesten und wildesten\nBürolcraten, die so stumpf und grausam sind, dafZ gegen sie gehalten sogar\nStaatsanwälte der Kreismilitärgerichte als sanfte Lämmer und ritterliche\nEhrenmänner gelten können. .\nDiese unsere Olga Wassiljewna also, ——— ein Mädchen von achtund-\nzwanzig bis dreiBig Jahren (sie sieht aber älter aus, eingetrocknet, gelb«\nlich, schwach), ist ein Typus, der nicht mehr vereinzelt vorkommt, die\nWiedergeburt der urchristlichen Märtyrerirn von wunderbarer seelischer\nSchönheit, s—- sanft, selbstlos, unbeirrban bescheiden und unendlichrühs"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.10", "texte": "rend. Dabei gehören zu ihren spezifischen Zügen ein echter Humor fund\neine immer heitere Lebensauffassung, die es machen, daB sie übersich\nselbst scherzt (z. B. in ihren Briefen aus dem Cefängnis); und das alles\nohne einen« Schatten von Heuchelei oder Selbstgefälliglceih die mir immer\nwiderwärtig ist . . . Es genügte, daB einer der Unsrigen, der sich in der\ndas Zuchthaus Butyrlca umringenden Menge befand, dem ,,l(ommissär« der\nneuen Regierung einige Worte über unsere ,,politische« Olga Wassiljewna\nzuflüsterte, —- und man« lieB sie frei. Unsere Freunde brachten sie zuerst\nin das vegetarische Speisehaus (das war am l. März um zwölf Uhr\nnachts), und am nächsten gMorgen kam sie zu uns: wir wohnen ja. sehr\nweit vom Zentrum entfernt, und in diesen Tagen fuhren weder Trams\nnoch Droschkem alles ging zu FuB, —— eine Millionenmenge war während\nder Tage und Nächte fast bis zum Morgen auf den straBen und Plätzen,\n—- und überall vollste Ordnung, obwohl die Polizei fehlte; die hatte man\nVerhaftet. Es gab allerdings einige Versuche von seiten verkleideter Cen-\ndarmen Polizisten, die Menge zu provozierem sie schossen aus Ma-\nschinengewehren von Häuserdächern usw. . . Nun damit schlieBe ich vor-\nhäufig, -——— bis aufmorgen, um die Militärzensur (die während der Kriegss-\ndauer noch weiter funktioniert) nicht zu sehr zu belasten. Sonst könnte\nmein Brief an Euch zu lange liegen bleiben. Es erscheint einem immer\nnoch unglaublich, daB man über alles schreiben darf. \" \"\n7. März.\ng Liebe Freunde, ich setze meine Erzählung über die Ereignisse fort, und\nich schreibe Euch meine persönlichen Eindrücke, nicht das, was in den\nZeitungen steht. , . \"\nUbrigens zunächst ein paar Worte über allgemeine Angelegenheiten:\ngestern las ich eine Korrespondenz aus, Kopenhagen (diese ganze Zeit\nhindurch erhielten wir keine Nachrichten aus dem Ausland, wuBten vor\nallem nichts über Deutschland). In, dieser Korrespondenz heiBt es, daB\nder Hunger in RuBland die Unzufriedenheit hervor-gerufen habe. Das list\nnichtwahn Es herrschte kein Hunger, wohl aber eine furchtbare Teuerung\nund ein völliger Wirrwar im Transportwesem Einige Städte, wie z. B.\nPetersburg, waren ein paar Tage lang ohne Brot. In Moskau ging esnicht\nso hart zu, obgleich alles sehr schwer zu erhalten und sehr teuer— war.\nDer Preis für Roggenbrot z. B. war von zwei bis drei szKopeken für das\nPfund auf zwölf bis vierzehn gestiegen, der für Weizenrnehl von fünfauf\nzwanzig Kopekew Noch» schlimmer war: Wir erhielten für unser ganzes"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.11", "texte": "Haus (Z0---Z5 Personenlnicht mehr als zwei Pfund, und auch nur Rog-\ngenmehL Gut, daB wir einen kleinen Vorrat Weizenmehl noch vomszLande\nhatten; wer in die Stadt kam, brachte immer etwas mit; allerdings. war\ndie Ausfuhr aus einem Couvernement in das andere verboten, man muBte\nalso schmuggelm sonst hätte ich mir , wirklich nicht .zu helfen gewuf3t,\nich kann doch bei meiner Kränklichkeit kein schwarzbrot vertragen.\nAlle unsere Leute haben sich mehr als einen Monat lang mit Schwarzbrot\nbegnügen müssen, es gab nicht einmal gTee dazu. Dabei vermuteten wir\nund wuBten sogar, dafs Mehl vorhanden war, es wurde aber von den\nSpekulanten zurückgehalten, die die Polizei bestochen hatten. Uns\nz. B. wurde mehrmals telephonisch iweizenmehl zu lZ Rubel das Pud\n(== 40 Pfund) angeboten. Ich lehnte aber prinzipiell ab, da ich die ge«\nheime Spekulation nicht unterstützen wollte. Einmal nur ist in unserem\nHause ohne mein Wissen von sirgendwoher ein halbes Pud für 6 Rubel\ngekauft worden, aber darüber war ich sehr angehalten. Und nun, seit dem\nI. März ist auf einmalBrot genug vorhanden und wird gegen Karten,\nein Pfund für jede Person abgegeben. selbst WeiBbrot kann man genügend\nerhalten. Obgleich die Einführung dieser Karten vom (jetzt verhafteten)\nfrüheren Stadthauptmann Schebeko beschlossen worden war, hatte man\nsie bis zum« l. März nicht in den Verkehr gebracht. Es istnicht bekannt,\nwarum die Ceduld der Einwohner auf eine so harte Probe gestellt wurde.\nDie neue stadtverwaltung hat beschlossen, diese Karten, solange der\nEisenbahntransport noch nicht geregelt ist, vorläufig beizubehalten. Überall\nwird davon gesprochen, daB viele Waggons Mehl irgendwo auf den schie-\nnen stehen ohne abtransportiert zu werden. Auch hats man in Moskau eine\nMenge geheimer Mehllager entdeckt, z. B. der Stadthauptmanm dem,\neinem ministeriellen ErlaB zufolge, die Verfügung über alles, von den\nEisenbahnen gelieferte Mehl Zustand, hatte es allein an die groBen Bäckereien\nverkauft, und dabei verpflichtete er sie, es ganz zu verbacken. i«\nIch will noch schnell etwas mehr über die Befreiung unseres lieben\nserjoscha Bulygin aus dem Cefängnissvon Tula mitteilen. Er sollte schon\nnach sibirien in das Jenisseiische Gouvernement verschiclct werden, aber\ner war wegen Erkrankung seiner Zähne zurückbehalten worden, und erst\nauf den 7. März, also gerade auf heute, zum Abtransport angesetzt. Und\nnun auf einmal dieser Umschwung! In der Nacht vom zweiten zum dritten\nMärz ist er entlassen worden. Wo er sich gegenwärtig befindet, weiB ich\nnoch nicht. Wir sammeln jetzt für ihn, um ihn zu nähren, zu kleiden, zu\npflegen und bei« Bekannten unterbringen zu «können. i 3"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.12", "texte": ", « l 7. März, IZ Uhr Mittags.\nIch fahre fort. a « i\n« Vorhin wurde ich durch den Besuch eines unserer vielen freigelassenen\nFreunde, eines gewissen llja Jarkow unterbrochen, eines sehr lieben, tief\nreligiösen und ernsten jungen Mannes, der zu zehn Jahren Zuchthaus\nverurteilt war und anderthalb Jahre davon schon in Butyrlca und\nin anderen Cefängnissen abgesessen hat. Ach, wie wünschte ich, daB Ihr\neinen von diesen Menschen zu sehen bekämettwie wunderbar sind diese\nJünglinge und Männer! In diesen Tagen habe ich etwa fünfundvierzig\nvon ihnen gesprochen. Eben telephonierte mir ein Mitglied des Befreiungs-\nkomitees, eine uns unbekannte.Militärperson, und fragte nach Tschertlcow,\nder zur Zeit leider in Petersburg ist; er bat, diesem mitzuteilen, wie glück-\nlich er sich fühle, daB ihm die Ehre und die Freude geworden sei, an der\nBefreiung jener wundervollen Menschen Anteil nehmen Zu dürfen. Er\nhabe ihre Bekanntschaft irn Cefängnis gemacht, als er sie über die Ursache\nund die Dauer ihrer Strafe verhörte (wobei siesich auf Tschertkow als\nihren Freund bezogen). Er nannte mir einen von ihnen beim Namen -t--» un«\nseren guten Freund Koshanow, — einen merkwürdigen, sehr schlichten\nMenschen, derkaum lesen und schreiben kann, aber ungewöhnlich klug,\nlebhaft, unsatirisch-·witzig, frohmütig und in allen Lebenslagen sorglos ist,\nsogar seine Richter und Wächter hat er zum Lächeln gebracht. Er\nhatte in« Moskau irgendwo als Lakai gedient. Und jetzt, ungeachtet seiner\ntödlichen Krankheit —- Lungenisiund Darmtuberkulose -- soll er immer\nnoch ebenso froh und, heiter sein. Man hat ihn kürzlich aus dem Tagans\nschen Cefängnis»entlassen. Wo er augenblicklich ist, weil? ich noch nicht,\nhoffe aber, daB man ihn entweder zu uns oder ins vegetarische Speise-\nhaus schickenwird, wo die Unsrigen sich oft treffen. - . . « »\n. Eben kam unser armer lieber Koshanow Zu uns. Mit Mühe hat er\nsich bis hierher geschleppt» Dem Ärmsten geht es« sehr schlecht. Er\nhofft zwar, daB er in der Freiheit noch gesunden werde, ich selbst habe\nkeine» Hoffnung. Es ist furchtbar schade um ihn. Ein bewunderungswürk\ndiger, ganz seltener Mensch; so nötig für die Sache Cottesl Die furchtbaren\nQualen haben ihn zugrunde gerichtet. Möge Cott seinen Peinigern ver-»-\nzeihem sie wuBten nicht was sie taten -. . . Als er zu mir ins Zimmer trat,\numarmten wir uns und weinten vor Freudeund Schmerz. Sein Aussehen\nist entsetzlich. Ich erwarte seine Frau und sein söhnchem Sie sind» immer\nnoch; nicht aus ihrem Dorfwinkel hier angelangt. Vielleicht herrschen dort\nnoch die alten Zustände; »die Lokalbehörden einiger Gouvernements, die"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.13", "texte": "an ihren Ämtern kleben, verheimlichen noch immer vor den Bauern\nRuBIands Befreiung vom alten Regirne und hoffen auf die Reaktion.\nVorIäuHg so viel. Hofke bald fortsetzen Zu können. Ums.\nl 8. März.\nLiebe Freunde, in Hinblick auf die Ereignisse, die sich in RuBland\nvollzogen haben, —- dieBefreiung vom alten Despotismus und neue\nOrdnung der Dinge, die allen eine gröBere Freiheit und Freudigkeit ver—\nspricht, ———- möchte man nach Kräften daran mitwirken, daB bald» wieder\n,,Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen« sei. Die. Sache\nist aber, dafZ das nur in dem Falle möglich ist, wenn die feindlichen\nLänder, vor allem Deutschland mit seinen sozialdemokratischen Organi-\nsationen, den Wliinschen des russischen Volkes entgegenkommen und bei\nsich zu Hause tun, was das Volk mit der Gewalt hier getan hat, indem\nes sie durch Volksvertreter ersetzte. Dies ist in der Geschichte der Mensch«\nheit die erste jisiecklfosfe Revolutiom und wenn es irgendwo zu blutigen\nZusamrnenstöBen kam, geschah es nur durch dieKopflosigkeit der Behörs\nden, die auf die Menge und die Soldaten schiefsen liess, dabei gab es die\nxneisten Opfer unter der Zivilbevölkerung Und auch das nur in Peters-\nburg. In den andern « städten ging es fast ohne jedes» Blutvergiefsen ab.\nDoch nicht davon will ich sprechen.\nCestern wurde ich durch den Besuch, unseres. teuren Freundes seriok\nscha Bulygin unterbrochen, der aus dem Tulaer Cefängnis zwei Tage\nvor seiner Verschickung nach sibirien befreit worden ist. Die Ceschichte\nseiner Befreiung und alles dessen, was er in jener Nacht des dritten März\nerlebt hat, ist so interessant, rührend und geradezu märchenhafh daB ich,\nihn eindringlich gebeten habe, alles niederzuschreiben. Ich werde es Euch\ndann schicken. . » « n\nZunächst aber folgendes: wie als Antwort auf imeine Cedankem die\nich Euch mitteilen wollte, brachte Serioscha seinen Aufruf an die sozial—\ndemokratischen Arbeiterorganisationen mit. Er schrieb ihn auf Crund seiner\nCespräche mit Vertretern der Mehrheit und der Minderheit, mit denen\ner zusammengekommen war, zuerst im Gefängnis, und dann, vom Z. bis\nzum Z. März auf ununterbrochen Tag und Nacht währenden Meetings in\nTula, mitten unter den Arbeitern der Waffenfabriken (in Tula leben etwa\nl 00,000 Xvaflenarbeiterx unter dem Eindruck ihrer Beratung-en iiberdie\nwichtigsten Tagesfragem Unter den Arbeitern spielt sich ein Parteikampf\nab, der ein für die neue Ordnung gefährliches Element sich birgt und"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.14", "texte": "die ganze Sache der Befreiung wieder zugrunde richten kann. Besonders\ndie Vertreter der Mehrheit sind taktlos und despotisclk\nSerjoscha also, der sich trotz seiner ihnen unverständlichen Reli-\ngiosität ihre Achtung und ihr Vertrauen erworben hat, hat viel mit ihnen\ngesprochen; er bemühte sich, sich auf ihren Standpunkt einzustellen und\nihre Redeweise zu gebrauchen. sie baten ihn, seine Ansichten gedruckt\ndarzulegen. Er schrieb sie darauf in Form eines Aufrufs nieder und verk-\nöffentlichte ihn gleich dort in der ,,Tulskaja Molwa«! Jetzt hat er ihn\nhieher mitgebracht und wird ihn, nach einigen kleinen Korrekturen, den\nhiesigen Zeitungen zur Veröffentlichung geben. Ich werde eine Kopie an\ndie Adresse von Sascha S. schicken, und bitte eine englische und vor\nallem eine deutsche Ubersetzung machen zu lassen, die in den Zeitungen\nverschiedener Länder, womöglich auch in Deutschland und Osterreich\nveröffentlicht werden sollte. Wenn es nicht anders geht, dann wenigstens\nin der. Schweiz.\nSerjoschas Aufruf ist natürlich nicht von unserem grundsätzlichen,\nreligiösen Standpunkt aus geschrieben, sondern von einem utilitaristischem\nder im gegenwärtigen Augenblick allein anwendbar und praktisch ist und\nauBerdem unseren religiösen Anschauungen nicht widerspricht. Es ist\nnotwendig, mit allen Mitteln, so schnell wie möglich Beziehungen zu den\nSozialdemokraten der uns feindlichen Länder anzuknüpfem um der furchts-\nbaren Katastrophe vorzubeugen, die entstehen könnte, wenn einige blöd-\nsinnige Marxisten fortfahren vor . . «. . zu dienern und wie bisher für\ndie Fortsetzung des Krieges einzutreten. Vor einigen Tagen erfuhren wir\nz. B., daB in einem deutschen Wahlkreis über diese Frage abgestimmt\nwurde, wobei l4,500 Stimmen für den Krieg und nur 4000 Stimmen für\nden Frieden abgegeben wurden. Das sind in Wahrheit die Verräter an\nden Interessen des arbeitenden Volkes. Wo ist ihr Kampfruf gegen den\nMilitarismus geblieben? Die Losung: ,,Proletarier vereinigt euch« sollten\nsie von ihren Fahnen entfernen und durch ein ,,entzweit euch« oder\ndurch die alte imperialistische Devise ,, . . . . . . über alles l« ersetzen.\nl0. März.\nLiebe Freunde, ich fahre fort. Olja arbeitet buclistäblich Tag und\nNacht, besucht die Gefängnisse, veranlaBt die F reilassung unserer Freunde\nsetzt sind alle —-— hier in Moskau gegen 80 Personen —- freigelassen\nworden), kümmert sich um die Unterbringung der Kranken (vor allem\nder Tuberlculösem Rlieumatilcer usw) in Kranlcenbäusern und sanatorien."}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.15", "texte": "Eben hat sie drei von ihnen in ein ausgezeichnetes Sanatorium, nicht weit\nvon uns, in einem Fichtenwalde, gebracht, wo man sie kostenlos auf—\ngenommen hat. PEiner von diesen dreien, unser lieber Freund Koshanow,\ndieser prächtige, Iebhafte, so ungewöhnlich geistreiche Mensch, ist ganz\nam Ende; er hat seine Stimme verloren, spuckt Blut. . . Das Gefängnis\nhat ihn erschreckend schnell zerriittet, genau ein Jahr hat er gesessen.\nEs ist furchtbar schade um ihn, der Ärrnste hängt so sehr am Leben.\nDie Zeitungen haben Serjoschas Aufruf an die Sozialdemokraten nicht\nveröffentlicht. Aber die Zeitung Øer eJögyirfckemoÆrai hat seine Gedanken\nbenutzt und im selben Ceiste geschrieben, auf ihre Weise, aber immerhin\ngut. Cestern wurde auf einem Meeting die Antwort der deutschen sozial—\ndemokraten vorlesen, -- r keine sehr tröstliche Antwort. Die hiesigen\nSozialdemokraten IieBen enttäuscht die Köpfe hängen. »\nWeg-km!- jeclesmah afs of) is» nie Zeyoymen Käfig«\nFerruccio Busoni\n(Entwurf einer Ästhetik der Conkunst)"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.16", "texte": "MENSCHLICHKEIT!\nAlbert Ehrenstein:\nBittere Erinnerung lebt auf in mir der Tage des Volksschülers, den auf\ndem Wege zur Schule schuldlos das »Geh zum Teufi, saujud vafluchta«\n»der Kameraden traf und durchstach. Dieses Schimpfwort —-—— wie wohl\njeder Jude ———— empfangen zu haben gleich den ähnlichen Liebkosungen\n,,Moses, 8alomon, samerl« entsinne ich mich, auch der in Wien an jeden\nkleinen Israeliten von Cassenjungen gerichteten rage ,,Jüderlach-he! was\nkosten die Flöhisp Darauf folgte dann die Versicherung, daB die Sara\nLäuse habe. »\nl » Trotz« gegen diese Kleinwelt mag es gewesen sein, die mich, dem Ce-\nbote der frommen CroBeltern gehorsam, in Wien oder in der ungarischen\nslowakei, wo es noch weniger an drastischen Beschimpfungen fehlte, vor\nkatholischen Prozessionen in die Toreinfahrt trieb, das Kreuz nicht grüBen\nzu müssen. (Dies war Flucht: Zionismus.)\nsehr früh entwickelte sich eine ungemein starke Abneigung gegen\nJesus Christus in mir; ich fand, es werde eine unverdient kräftige Reklame\nfür ihn getrieben mit tausend Kirchen, Kapellen und Kreuzhölzerm ihm\nzu Ehren, den ich von Anbeginn für den ,,stinkerten saujuden« und die\nrestliche Insektensprache verantwortlich machte.\nWenn mir ein Cstanzel entgegenscholh wie: Jud, Jud! spuck in Hut,\nsag der Mutter, das ist gut!« —- der Untergymnasiast schon trug die\nfeindlichen ÄuBerungen nie den naiven Beleidigern nach, ins Herz drang\nihm die XVut gegen den Urheber, der ihm verräterisch, zu eigener Erhö-\nhung, im Tode sein Volk mit Blutschuld befleckt zu haben schien.\nDas Judentum selbst sprach zu mir mit heiligen Klängen, die ich kaum\nverstand, ergreifenden Zeremonien, die mich in Cebetmänteln umrauschten,\nmit Riemen banden. :\nDie Schönheit des seders lieB mich aber keineswegs die blutige\nSchattenseite: Beschneider und schächter vergessen, noch gar die pharisä4\nischen ,,Religionslehrer« und Rabbinen schächter, die den kindlichen\nGlauben beschnitten. i i\nZum Wesen meiner Religionslehrer gehörte, daB sie hebräische Fibeln\nund Crammatilcen verfalZt hatten, deren Erwerb den hauptsächlichsten Teil\ndes nichtigen Unterrichts bildete; sie bevorzugten wohlhabende, un—\nwissende Schüler· vor ärmeren, die jenes hebräische Wissen besaBen, das\ndie Lehrer selbst nicht vermittelten. Es gab Maturanten, die ihre Bibel"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.17", "texte": "HANS RICHTER: An die Mütter Europas"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.18", "texte": "noch nicht einmal buchstabieren konnten und gleichwohl mit vorzüglichen\nNoten traktiert wurden, nur weil sie jüdische Geschichte, historischen\nschwefel phrasenreich wiedergeben konnten —- hie und da schwamm in\ndie Sprechstunde des darob brillantinebeglückten Professors ein edel-\nsteinbehangenes,» seidenrauschendes Häufchen Cänseschmalz die Frau\nKommerzialratx\nEin übler ,,Trost«: Ich sah, auch anderen Religionen waren Pedanten,\nSchwindler, Caukler, nicht gesalbte, doch salbungsvolle scheinheilige als\nPriester beschieden. Den Zusammenhang des synagogalen Wunders zu\nerkennen, blieb mir nicht erspart. Die Ernennung der Cegenstände meines\nschmerzlichen Ärgers und karikaturistischen Vergnügens geschah nicht\nohne EinfluBnahme jenes geschäftetriefenden I(onsortiums ,,kaiserlicher\nRäte«, das in gewissen Kultusgemeinden zu herrschen pflegt.\n« So wurde der Assimilant, der Vollblutaffe mit Monokel und eisernem\nKreuz, gezüchtet, das Protzensöhnchen, das früh anhob mit den Worten\n,,Cestern hab ich den ganzer: Nietzsche geschenkt gekriegt« oder ,,Mein\nVater ist sammlerz er hat sechstausend spazierstöcke«, enden wird nach\nunglücklichem Feldzug, am Pogromtag unter dem losgelassen ,,Dö Juden\nsan schuld« brüllenden Volk.\nTrotzdem: Exzessiver Zionismus ist für mich nicht der Weg zur Er—\nfüllung. Ein jüdischer Nationalparlg ein Indianerterritorium, eine Reser-\nvation, in der statt wilder Bisons gemäBigte Israeliten verwahrt werden,\netwa unter der milden Herrschaft eines mittlerweile zum Dschingiscohn\navancierten kaiserlichen Rats und CroBrabbiners -—- das wäre Flucht,\nFlucht ins Herbarium. Und neue freiwillige Kasernierung, Uniformierung\ndes Judentums. Die blutige Polemik zwischen den beiden mehr und\nweniger demokratisch geschminkten Warenhäusertrusts und Plutokratien\nkönnte gezeigt haben, wohin der MiBbrauch nationalen Gefühls und des\nBesitztriebs führen muBte. Ein Altersheim für dem Antisemitismus Wei-\nchende, weite siedelungsgebiete für Vertriebene pogromliebender Horden,\ndies ist denkbar, rnuBte es sein. Aber de» Juden asiatisch zu neutralisieren,\nhieBe, wichtigste Blutkörpey adlerstarken sprengstoff der europäischen\nMenschheit entziehen. Es gibt eine höhere Dienstpflicht als die allgemeine,\nnationale, konfessionelle, wirtschaftliche. Das Reich Cottes auf Erden wird\nnicht dadurch näher gebracht, daB sich eines der wenigen gotttragenden\nVölker ,,selbständig« macht, in engstem Weltbezirk wie die anderen Völker—\ncommis etabliert, sich lokalisiert.\nMan jammere nicht allzusehr über die Diaspora! In welcher entsetz-"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.19", "texte": "17\n\nlichen Diaspora haben nicht iMoses, diePropheten, Sokrates, Christus,\nBuddha gelebt! Palästina ist nicht die Entelechie, sondern ein ent-\nwundener, überwundener Zustand. Historizismus will neue Inzucht treiben,\nBlutschande mit dem Mutterlande. ,\nWenn ich Jude bin: victrix causa Dis placuit, victa Catonil Wenn ich\nvom Cottesreich sprach, könnte es einem neokatholischen Urchristen ein-\nfallen, mich hiermiBzuverstehen und für sich zu reklamieren. Aber diese\nRichtung möchte ich ebenso ablehnen, wie es mir nicht beifällt, dem\nJudentum höchste Potenz, messianisches Aufblühen in aller Zukunft zu\nprophezeien, wenn es sich quietistisch, allzu palästinensisch durchaus auf\nsich zurückzöge —- nur weil vor ein paar Jahrtausenden Räuber, Habiri,\nägyptische Söldner sich der Stadt Ursalima und nach und nach des\nganzen Landes Kinahi für einige Zeit bemächtigtem\nWenn ein , geohrfeigter Knabe dem andern zuruft: ,,Kumm in meine\nCassen!« -—— ist dies Willen zur Heimatkunsh zurBodenständigkeit, und\nich habe die Nase voll» von all den völkischen Erd— und Blutgerüchem\nhistorischen Revanche- und 0hrfeigenszenen. Innere Kraft wird sich\nunter hohem AuBendruck am stärksten manifestieren —-——- wäre es den He«\nbräern tropisch-·gut gegangen, hätten sie keine Tiefspur im Wüstensand\nhinterlassen.\nSoll ich noch von dem» Unethischen konfessioneller, rassenhafter\nsonderbestrebungen sprechen, soweit sie einem egoistischen Wunsch\n,,Mir soll es gut gehen!« entwuchsenZV\nWo sind die Heiligen, die in euch aufgerichtet hat der Herr, mit\ndenen Er Gebote gezeugt hat?\nWo sind die Propheten CottesiV Wo seid ihr: Mausche, Jehauschua,-\nMUchamedUnP Dahingeschwunden seid ihr zum Schülerschreck euerer\nUnverträglichkeit wegen, im Jähzorn der F eldherrn-Rachsucht euerer Rede:\n,,Du sollst keine falschen Cötzen haben auBer mir.«\n, Da ihr mit eueren Lehren schwanger ginget, besser wäre es gewesen,\nihr wäret auf dem Monde niedergekommen mit solch blutigen speise-·\ngesetzen, Kreuzigungen, HolzstölZem heiligen Kriegen und Kreuzzügen!\n,,Du sollst nicht töten l« rollte den sinaidonner der Herr wider Mausche.\nAber Mausehe war harthörig, ein Krieger und Viehschächten verstand\nnicht das Wort, einging er nicht in das verheiBene Land, seine sterbenden\nAugen sahen es nur von fernem Berge. Und immer noch tanzt sein,\nVolk, das weiBe Volk um das lebende, behende Kalb und schlachtet es.\nVerschollen bist du, Schrei des Jesaja: »Wer einen Ochsen schlachtet,"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.20", "texte": "ist ebenbürtig dem, der einen Mann erschlüge; wer ein Schaf schlachtet,\nist gleich dem, der einem Hund den Hals bräche!\"\nUnd der vor Jehauschua herlief die Nacht: Jochanan war bedeckt\nvon Kamelhaar, fraß Heuschrecken für sich, unschuldiges, grünes Getier\ndes Feldes. Es kam die Über-Antwort der Heuschrecken-Henker ward\nüberantwortet seinen Henkern, es metzgete eine Metze sein Haupt, wie\ndas Kind Grashüpfern ein Bein bricht.\nÜber dem Säugling Jehauschua wurden geschwungen von Mirjam\nBrandopfer, Sündopfer: zwei junge Turteltauben dem Tode.\nNicht mied der Sohn Davids blutiges Mahl: austeilte er unter Gäste\nunsträfliche Fische, schuldlos-schuldigen Raubfisch und algenfromme.\nEr richtete an Gerichte von Fischen und Osterlämmern, so ward er\ngerichtet. Mit dem letzten Hauch des Gerichteten gedieh der härteste\nTeufel vor den Richtbaum und erkannte: „Das Holz dieses Kreuzes ist\ngut, ich werde es in Speere spalten.\"\nWeh über Verwickler der Nabelschnur von den Schächtern der\nWüste bis zu den Schächtern der Chassidim kenne ich nur einen großen\nGerechten und Wisser des Gesetzes der gleichen Aktion und Reaktion:\njenen Kronprinzen, der kein Annexionist war.\n„Lebendiges umzubringen hat der Führer verworfen, Lebendiges um-\nzubringen liegt ihm fern: dem Asketen Gotama, ohne Stock, ohne Schwert,\nfühlsames Herz, Teilnahme hegt er zu allen lebenden Wesen: Liebe und\nMitleid.\nNicht Gegebenes zu nehmen, hat er verworfen; vom Nehmen des Nicht-\ngegebenen hält er sich fern; Fleisch nimmt er nicht an; Ziegen und Schafe\nnimmt er nicht an; Hühner, Schweine und Rinder nimmt er nicht an, der\nAsket Gotamo Buddha.\"\nMuß wieder ein Kronprinz kommen, der und nicht gerade zur\nSchonung des geschwächten Viehstands ein Nichttöter und Spinatesser\nsonder alle Lächerlichkeit wäre? Es dürfte diesmal kein Kronprinz sein.\nDie Bibel spricht vom Fleische: „Wo Aas ist, sammeln sich Adler.\"\nMöge es geschehen! Zu beenden den verbissenen Giftkampf zwischen der\nkosmopolitisch arrivierten Anglokratie und einer mediterranen Autokratie;\nzu beenden den christlich-friedlichen Wettbewerb zwischen der dominie-\nrenden, alleinseligmachenden Paketfahrt dieser Erde und einem Agrar- und\nIndustrieverband, der solche Konkurrenz unter seine U-bootmäßigkeit\nbringen möchte. Man rede nicht allzuviel von der Demokratie, bisher\nherrschte sie nur in Neuseeland, bislang steht zu befürchten, daß Eurasien"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.21", "texte": "(oder wenn man will: Barbaropa) nach dem Krieg ein einziger Veteranen-\nverein sein wird. Deswegen möchte, aller Leiden ungeachtet, ich den Juden,\neinen der besten Streiter Gottes und der Menschheit, aus dieser aufreibenden\nDienstpflicht noch nicht in den vegetativen Ruhestand, in den nabelbeschau-\nlichen, lebenfristenden Ackerbau entlassen, auf Milch- und Honigflüssen\ndahinzutreiben.\nUnd, letzten Endes: wozu die vielen Stammgottheiten und Spezial-\nBaale der vielen Völker? Hätten die Konfessionslehrer sämtlicher Sekten\nsich darauf „beschränkt\", den Kindern als Inbegriff aller Religion nur zwei\nSätze ms Herz zu treiben, in die innerste Seele zu gießen, wären wir aller\nKriege und Ismen enthoben. Ich meine die Sprüche: „Du sollst nicht\ntöten\" und „Behandle deinen Nächsten wie dich selbst\".\n\nEIN MALER SPRICHT ZU DEN MALERN\nHans Richter:\nDie Maler haben sich bisher nicht um das reale Leben gekümmert,\nweil ihnen nichts daran lag. Deswegen haben sie nichts dafür getan und\ntun können. Malern, die als Soldaten im Schützengraben sind, in Gefahr\nvon der andern Seite ermordet zu werden, liegt etwas am Leben, sie\nwerden also etwas dafür tun.\nMaler haben sich nicht um den Geist bemüht ;was sie damit bezeich-\nneten, war Selbstbefriedigung wie alles andere; es diente der Selbststeige-\nrung und der Autoreneitelkeit. Sie werden von der geistfeindlichen Ge-\nwalt bis in die Briefe, ihre privatesten Äußerungen, belauert und bestraft\nund vernichtet, sie sollen der brutalen Macht dienen, sie sogar propagieren;\nsie werden etwas dagegen tun müssen.\nSie haben wie alle Menschen brutal begriffen, daß die erste Forde-\nrung das Menschen die ist, einen freien niemals zu versklavenden Körper\nzu besitzen."}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.22", "texte": "Sie haben wie Millionen begriffen, daß die Idee der Freiheit schön\nist, Freiheit, das ist Menschenwerdung des Geistes und Geistwerdung\ndes Menschen, und daß der Glaube an sie eine Macht ist. Wir erleben\nes also, daß Menschen eine ganz schöne Idee wollen und daß dieser Wille\nirdische Wirklichkeit wird, wie Gesetze, Kriegserklärungen und Todes-\nurteile. Vor dieser Tatsache gibt es keinen geistigen Pessimismus mehr,\nder aus Unglauben nicht handelt, sondern nur Menschen, Kameraden,\nMitmenschen und feige Schmarotzer, Unverantwortliche. Entweder die\nIdee zündet in den Maler-Menschen so, daß sie Kräfte, die den leben-\ndigen Geist führen, aus sich gebären, auf Kunst, Autorenschaft, Subtilität\nverzichten und Rang nach Kraft ihres Glaubens und ihres Willens ein-\nnehmen, oder sie werden in der leidenschaftlichen Zeit die kommt, nichts\nsein. Wenn sie aus ihrem Glauben, Anschauungen, Erfahrungen, Moral\nnicht das Vertrauen schöpfen, das zu Handlungen führt, wird man sie\nverachten. Die Erde ist keine Sache, sie auszunützen, sondern auf und\nin ihr das Gesetz von Hirn und Herz zu verwirklichen; dafür muß man\nals Maler, Mensch und Mitmensch kämpfen und dafür muß man, ohne\nKlausel, alles iun.\nWas tun wir aber dagegen, daß es zehn Schlachten am Isonzo gibt?\nÜberall und fortwährend Schlachten, Schlächter und Tode von rich-\ntigen Menschen! Geht uns das gar nichts an? Wer behauptet, daß Still-\nleben, Akte und irgendwie unterschriebene Bilder etwas dagegen tun?\nÜberall anerkannte Kunst, während die armen Menschen erwarten müß-\nten, daß man klar ihrer Seele Mund wird (dem ja, nicht bevorzugt, die\nWorte und Bilder fehlen). Mund, der leidenschaftlich das schreit, was sie\nfühlen müssen. Die Maler flüchten vor der Banalität einfacher Forderung.\nSeht die Erde an, d. h. die Realität, ob ihr die banalsten eurer Forde-\nrungen verwirklicht findet, ob das Geringste nach einem geistigen Glau-\nben und Entschluß schon getan ist. Ihr quält euch für Betrachtungen ab,\naber tut für den Geist nicht so viel, daß er auf der Erde irgendwie be-\nsteht. Wenn man heute Sublimierung von sich werfen muß, so geschieht\ndas doch nicht aus Leichtfertigkeit, die Schneidigkeit der Welt mit zeit-\ngemäßem Gepäck mitmachen zu können, einer heroischen Linie folgend,\nsondern weil man im alten Trott weiter malend für eine Erde ohne\ngeistige Nachkommen malt, für Leichen.\nIst es möglich, das täglich zu denken und zu fühlen, wenn man es\nnicht etwa am eigenen Körper erlebt? und doch weiter allerlei Akte, Still-\nleben und Studien zu malen, die menschliche Leidenschaften nichts an-"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.23", "texte": "gehen, ihr Ausdruck nicht sind? Wollt ihr jemals Dank und Dankbar-\nkeit, d. h. Leben für eure Bilder empfangen, so müßt ihr sie auf diesem\nWege suchen. Und die Dankbarkeit von tiefgequälten Menschenleibern\nist etwas anderes als der Dank, den der aufrichtigste Kunstliebhaber,\nBewerter, nicht Unglücklicher, nicht menschlich irgendwie Betroffener,\nfür ein gelungenes Bild zollt. Wenn jetzt etwas in allen Menschen\ngleich lebt, so ist es der knirschende Schmerz und Ekel und die Scham,\njetzt mit so gutem Willen und „gegen so besseres Wissen\" ein solches\nZeitalter zu leben und zu machen. Wie kann man es verantworten,\ndaß es so schrecklich und geistverlassen ist, ohne sein ganzes Gejammer,\nGeschmerz und Gebrüll herauszubrechen, so artikuliert wie man ist, so\npräzise wie es das rasend geschärfte Bewußtsein von Schuld und Unrecht\nSchuldigen und Guten nur zuläßt.\nWenn es Malern überhaupt erst einmal auf den Standpunkt ankäme,\ndaß Malerei eine allermenschlichste Angelegenheit und geistige Initiative\nsein soll, was könnte sie hindern, das Modewort tKunst für ihre Bild-\näußerung zu streichen. Ihre Macht liegt nicht in den Mitteln, mit denen\nsie Naturformen und Stimmungen imitieren, sondern darin: aus der Kraft\nder menschlichen Entscheidung über Gut und Böse neue und eigene\n•• « •\nÜberredungs- und Überzeugungsformen hervorzubringen. Motto: #ür\ndie Idee, an den Menschen. Kunst ist nur die menschliche Leistung,\ndie bewußt von den Menschen die Verwirklichung moralischen Erddaseins\nfordert. Künstler der Mensch, der dazu hilft. Nichtkunst ist die mensch-\nliche Äußerung, die diese Forderung nicht als Ziel hat, spielt, schön findet,\nNaturtrieb gelten läßt, sich beobachtet, statt sich zu wollen. Entweder\nist das Zentrum Verantwortlichkeit, Glaube an den Geist, dann fordert\nder Mensch von sich und andern das nicht erreichte Ziel; oder das Zen-\ntrum ist Genußwunsch und Betrachtung, dann ist die Welt eine Ober-\nfläche mit verschiedenen Dingen und Glauben zur Auswahl, und jede\netwaige Forderung nur Geschmack und Neigung. Nichtkünstler ist der\nMensch ohne Glauben mit lüsternen Augen, der Reagenzapparat geliebter\nSchönheiten vorhandener Natur, dem die Dinge, Naturereignisse\ngrößer sind als der Glaube an die Kraft, sie nach seinem eigenen Willen\nzu machen. Das Bild des Malers darf weder Zweideutung zulassen,\nnoch Andeutung sein; es muß Überzeugungen und Forderungen dar-\nlegen wie vor einem Gericht auf Leben und Tod. Die Menschen werden\ndiese Bilder erleben können wie eine eigene mutige Tat; Bilder werden\nBeispiel sein, befreien und aqf den Geist stolz machen. Naturalismus,"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.24", "texte": "Impressionismus, Kubismus sind Überwindungsmethoden, wesentlich für\nMaler und Genießer da.\nMalerei dient der Idee des Menschen, die sie dem Einzelnen und\nallen klar, eindeutig dem Herzen und Verstand machen muß. Nicht wirk-\nsam sind Protest, Wünsche (für eine Paradies-Zukunft), Vorspiegelung,\nAbleitungen. Wirksam ist, in bekannten oder erfundenen Einzelfällen die\nmögliche Lösung vorzumachen und zu erreichen, als sei der Mensch schon\nMensch; die Anerkennung befehlender Gewalt zu leugnen, die Ehre des\nMenschen sich frei entscheiden zu können, zu propagieren. Die Vielen\nmüssen durch unser lebendiges Bewußtsein, durch Urteil und Aufruf zu\ngleich tiefer Entscheidung veranlaßt werden. Sie müssen in ihrem guten\nGewissen die geistige Entscheidung über gut und böse mitmachen.\nEs war noch niemals so an der Zeit Gesehenes, Erfahrenes, Fähig-\nkeiten, Eitelkeiten, wenn auch ihre Zurschaustellung bisher Ehre brachte,\neinfachsten Willensäußerungen auch in Bildern unterzuordnen, so zu\nmalen, daß das Bild unsymbolisch Handlungen fordert und die Bewe-\ngungen dazu vormacht, daß das Bild auch einst von seinem Maler Hand-\nlungen für die Verwirklichung des Glaubens verlangt. Die Verwirklichung\ndem Zufall zu überlassen ist ja schlimmer als Tierdasein, ist Haustier-\ndasein, ist Verantwortungslosigkeit den göttlichen Kräften gegenüber, die\nmit der Geburt eines jeden Menschen der dicken Welt Flügel machen\nsollten. Oder fühlt Ihr diese Verantwortung nicht: „Man kann doch nicht\nimmer an Krieg denken\". Wollt Ihr unverantwortliche Mitmacher,\nNicht-Protestierer, Verschweiger des Nachlässigen lieber weiter Sanatorium-\nErsatz schaffen für irgend wann entmenscht und entgöttert Zurückkehrende.\nGlaubt Ihr, daß die Teelöffel von Genu die dem Ruinierten dargeboten\nwerden, ihn „vergessen\" ließen, „ableiteten\", „beruhigten\" (damit es\nspäter einmal genau so losginge und eine ahnungslose, beruhigte, abge-\nleitete Generation ebenso überrumpelt würde, wie wir). Muß er nicht\ndazu von seinen zwanzig christlichen Jahrhunderten absehen und statt des\nschrecklich gealterten Europäerblicks, mit Millionenmorden in den Augen,\neinen vorchristlichen Kinderblick voll naiver Empfänglichkeit mitbringen,\ndem die Farben nur ein Tanz, die Dinge nur ein Spiel, dem klebendes\nGelb nicht Blut von Menschen und „zufällige\" Todesverbindungen nicht\nVerstümmelte oder verbrannte Tote sind. Mit welchen Beschauern rechnet\ndie Malerei eigentlich in Wirklichkeit ? Darf der Maler jetzt noch den\nobjektiven Kritiker idealer Observanz für sich beanspruchen, den Fach-\nmann, für den äffe Malerei Malerei ist, dem sich das Leben in Kunst-"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.25", "texte": "Betrachtung, Beruf und Privatleben spaltet, der sich in jeder Methode zu-\nrechtfindet, dem es immer nur auf „konsequente Entwicklung\", ganz gleich\nvon was für einer Voraussetzung, ankommt, die zu berühren ihm Ein-\nmischung in die Freiheit des Künstlers dünkt, weil er als Resultat dieser\n„Einmischung\" befürchten müßte, seiner eigenen traurigen Verantwor-\ntungslosigkeit auf die Spur zu kommen. Er läßt also mit gegenseitigem\nEinverständnis Voraussetzung Voraussetzung sein. Im Frieden, in dem ein\ngütigerer Staat eines gütigem Geschicks alles gelassen hätte, in dem der\nGlaube an das Glückbringende erreichter Richtigkeit ein Glaube war, in\ndessen ungestörter Akustik die kaum artikulierten Töne der Seele Anspruch\nmachen durften fühlbar gehört zu werden, in dem Maler sich gegenseitige\nSchönheit zeigten und vormachten, war es so, es eben so. Weil\nwir Zwanzig- bis Dreissigjährigen noch nichts wußten, es Krieg, an den\nwir nicht glaubten, nie vor unsern Augen gab und die Vegetation unserer\nHerzen auch ohne Tiefstes und Ernstestes blühte und berauschte. &ber\njetzt ist das zu Gnde.\nKein Mensch wird um die Entscheidung herum können: zur Erhaltung\nseiner selbst und des Guten und des Menschen sicß einzusetzen mit a[[er\nKraft in jeder Handlung? Einmal wird auch dem Maler eigene Qual ein-\nfachste Formulierung für Gut und Böse hervorpressen. Einmal wird auch\nder Maler das finden, was zu tun ist. Dann wird malen und für die\nMenschheit handeln so untrennbar sein, daß man nicht mehr auf Men-\nschen schießt."}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.26", "texte": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\n\nSchriftfteller\n\nWer ist unser Bruder? Der dies nicht trennt: Schreiben und: Ein\nBeispiel geben!\nDer Leser hat sich längst mit seinen Schriftstellern abgefunden. Er weiss,\nsie geben kein Beispiel, sie sind keine Führer, sie sind keine Mitmenschen,\nsie sind nicht einmal Kameraden. Sie reichen ihm nicht die Hand, sie halten\nsie ihm nur hin, damit er den Ladenpreis hineinwerfe. Und diese Menschen\nder Öffentlichkeit sind keine öffentlichen Menschen, sondern Privatparasiten,\nan denen nur das Nachkriechen hinter einer Erfolgsstimmung echt ist (gleichviel,\nob der Erfolg Rabindranath Tagore oder U-Bootkrieg heisst). Wesen, die\nnie sich hingaben, sondern die nur stets nachschrieben, was ihnen schon vor-\ngezeichnet war (sie nennen das „gestalten\")* Diese Verräter an allem Zukünftigen\nder Menschheit, die wegen der Massenauflage von ein paar Schlagworten aus\nder schweinischesten Vergangenheit ihre ganze Gegenwart mit allen ihren\nMitgeschöpfen hündisch preisgaben. Der Leser weiss seine berühmten Blut-\nliteraturmacher der Zeitgeschichte längst zu verachten.\nAber der Mann, zu dem diese Druckzeilen hier nie kommen werden, der\neinfache Mann, der selten liest, der verdeckteres Schreibgewebe nicht entwirren\nmag, der Mann des Volkes? Weiss er, wie Schreiber, welche die öffentliche\nMeinung dichten, ihn in die Geschütze jagten, seine Zimmer ummoderten,\nseine Frauen, Mütter, Väter, Kinder zerhungerten? Weiss er, dass seine Rache\ndenen gehört, die mit Philosophie sein Kadaverschicksal umspielten; denen,\ndie mit dem „Erlebnis\" seines Zwangstodes erhebende Geschäfte machten;\ndenen, die sein Geschick metaphysisch prophezeiten, ohne den geringsten Ver-\nsuch zu helfen und abzuwenden; denen, die Schriftsteller, Deklassierte,\nGeistige, Kapitalfremde, Ausgestossene, Unterproletarier! die Hymnen der\nBlutokratie sangen; denen zuletzt, die in ewig schandenvoll lauer Vorsicht:\nschwiegen!\nSchriftsteller, wenn einmal dieser Mann das weiss, dann wehe euch!\nDann nützen euch, den halben Aufrührern und halben Machtleckern, nicht\nmehr eure Gehirnfluchten.\nIhr habt euch nie euren Mitmenschen gestellt, nun stellt man euch. Und\nihr, in der letzten Stunde der Gefahr, in der letzten, jämmerlichen Sorge\num euren Erfolg ihr, denen es nie ernst war; die ihr stets das öffentliche"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.27", "texte": "Wort für eine Schiebung gehalten habt; ihr, die ihr nie den leisesten Hauch\nspracht gegen die grosse, öffentliche, riesenhafte Zwangsgewalt nun in\ndieser Angst um die letzte Stunde eurer Literaturgerippe versucht ihr eilig\nein Geschäft mit Christus und haltet den Unterdrückten die Predigt gegen\ndie Gewalt.\nAber ihr, deren einzige Tat stets war, zu leugnen, dass Gutes oder Böses,\nFreiheit oder Zwang, Wert oder Sünde herrsche —ihr seid verdammt, die\nletzten Zuckungen der Gesellschaft, aus der ihr kröchet, mitzutanzen. Ihr,\ndie ihr nicht wolltet ausserhalb dieser Gesellschaft bleiben, euch werden nun\ndieselben Riesensohlen des knirschenden Vergessens zu Brei treten, und der\nheisse Wind, der um die Erde geht, wird euch als stinkenden Staub zerwehen,\nund als kalkiger Schleim werdet ihr niederfallen auf dem Urgrund von ewigen\nWeltmeeren.\nUnrettbar seid ihr, und jetzt nur noch am Leben, weil der Tod selbst\neuch seine Verachtung ins Gesicht gespieen hat, und letzten Ekel trägt, nach\neuch zu greifen.\n\nL. R.\n\nEhrenstein\n\nDiese entschlossene Zeit ist doch nicht ganz ohne Einfluss auf die künst-\nlerische Produktion. Der Krieg hat nicht nur, die Kunst anlangend, die\nWirkung geübt, Bildhauer, Maler, Dichter in Massen umzubringen, soweit\ner sie nicht umgebracht hat, sie in Massen zu verelenden, soweit er sie\nnicht verelendet hat, ihnen die Schaffenslust zu nehmen. Aber es gibt Men-\nschen, die mit dem Krieg auf ihre Weise agressiv fertig werden.\nZunächst dieser (Albert Ehrenstein, „Die weisse Zeit\" bei Georg Müiler,\nMünchen und „Der Mensch schreit\" bei Kurt Wolff, Leipzig), den ich vorhebe,\nlobt den Krieg nicht. Der Kriegsgott sagt bei ihm: „Aber aufreckend das\nwildbewachsene Tierhaupt, den Menschen feind, zerschmettre ich, zerkrachend\nschwaches Kinn und Nase, Kirchtürme abdrehend vor Wut, Eure Erde.\nRot umblüht Euer Blut meinen Schlächterarm, wie freut mich der Anblick!—\nBleibt noch ein Rest nach Ruhr und Pest? Aufheult in mir die Lust Euch\ngänzlich zu beenden!\" Einmal sagt der Waldesalte: „Es hat die Seele keinen\nBosporus noch Vogesen.\" Das Gedicht endet: „Seine Haare starrten, eisweisse\nMastbäume, und spiessten, umblutete Spiesse, die nachtgeschlagenen Heere.\nKläglich blökten Kanonen.\" Der Geist, aus dem diese Gefühlswerte stammen,\ndas Auge, das diesen Blick wirft, ist uns bekannt. Hier wirft sich eine sehr schwere\nund sehr beschwerende Seele und greift nach sich selbst. Ein ganz wilder\nGrimm, ein ganz verzweifelter Hass wird gegen die Schönheit, das Weib,\ndie Erde geschleudert, bisweilen tollwütig, aber diese Raserei zerfetzt nicht\ndie Form. Es kommt zu Ausbrüchen, die für unsere Literatur unerhört sind.\n„Ich vergass mich zu hüten vor dem Giftschleim der lasterzähnigen Äffin,\nvor dem wahllosen Schlund der unreinen Seekatze.\" „Fern schwingt sich ihre\nBrunst im Tanz mit einem zahlenden Hengst. Möge ein Nashorn Euch"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.28", "texte": "Haarweibern die Brusthaufen zertrampeln!\" Den Kern finden wir leicht, es\nwird nicht unterschlagen, dass Tinte bitter ist, Leben süss. Er gesteht: „Wenig\nachten mich die Frauen und Mädchen. Jede magere ausgezogene Ziege\ndünkt sich zu kostbar.\" Er verhöhnt sich selber, weil er „Fleischweiber gierig\numgirrt, Mastkälber verfrachtet im Bauch\" aber fällt seufzend zurück und\nfindet die sehr schönen Verse: „Wie bin ich vorgespannt den Kohlenwagen\nmeiner Trauer!\" Widrig wie eine Spinne bekriecht mich die Zeit. Gras\nschoss aus meinem Schädel, aus schwarzer Erde war mein Kopf.\" Er also,\nder Misanthrop wider Willen, nähert sich diesem Kriege, er lässt ihn nicht\nwirken auf sich, er stellt sich als Kämpfer zu ihm. Hier kommt sehr Starkes.\nEr gewinnt einmal das tollgroteske Bild eines Helden, der „umtost vom vater-\nländischen Geheul, erbleicht, ihn bedrängt im unauslöffelbaren Kessel die\nBlutsuppe. Der ohnmächtige Charon packt das kleinliche Ruder, zertrümmert\ndie Barke, ihm front als Totenschiff ein Ozeandampfer\". Er sieht, wenn nach\ndem grässlichen Erdkrieg der winzige Friede wird, als Resultat nur „das grosse\nRoss,\" den Erzfeldherrn. Und verflucht die lauen Freunde des Friedens, die\ndann noch mit zu Felde geschlagenen Augen hocken werden; das Blutmeer\nder geschändeten Krieger möge sie ersticken. Der Krieger, der auf dem Schlacht-\nfelde stirbt, der Menschrest, Ameisen in den Wunden, Fliegen im Munde, weiss\nzwar, er hat die Heimat gerettet: „Oh Erde bittrer Schluck, ich bin den\nLeichenweg gegangen, und ward hier Land gerötet und würgt ich Blut aus\nWangen, kein Feind springt lebend vor. Ob mich auch Gott erkor, ich habe\nMenschen getötet!\"\n\nAlfred Döblin\n\nDer Gegner\n\nIn jedem Gegner schläft Dein Bruder. Zum mindesten kann er—erweck-\nbar— schlafen hinter der Maske des Feindes. Wenn Du die Wahrheit redest,\nmenschliche Wahrheit, so muss in jedem das wahrhaftig menschliche Zeugnis\nfür dich geben. Wenn Du verstanden wirst.\nLiegt es nicht daran? Liegt es nicht an mir, dass ich nicht die Geduld\nhabe den andern zu suchen hinter den Mauern seiner überlieferten Gedanken\nund gedankenloser Überlieferungen, seiner Vorurteile und seiner Fähigkeiten,\nseiner unbewussten Lügen und seiner Eitelkeiten? Wenn ich es nur lernte zu\nunterscheiden. Wie oft wird ein aufrichtiges und williges Herz irre geführt\ndurch überlieferte, liebgewonnene, ach und halbwahre Worte. Wer mir nur\ndie Macht gäbe meine Stimme zu wandeln, dass sie durchdränge und ver-\nstanden würde! Wer gibt mir die einfachsten und klarsten Worte? Missver-\nständnisse schaffen die meisten Feindschaften. Missverständnsse über Wege\nund Mittel, da das Ziel deutlich genug ist. Und wer gibt mir den Glauben,\nder auch im Herzen des einst willigen und nun mutlosen Gegners wieder das\nalte, nein ein neues und stärkeres Feuer entzündet?\nEs sind so viele Larven um uns her, die lebendige Gesichter verdecken,\nGesichter unserer Brüder. Wenn es uns nur gelingt die Larven zu zerbrechen."}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.29", "texte": "Und um das mit Unbarmherzigkeit tun zu dürfen, ist mir zuerst eine\nunbarmherzige Demut gegen mich selbst von nöten.\nWenn ich aber kein Leben mehr finde? Es gibt viele die wahrhaftig tot\nsind, die kein lautester Ruf des Lebens mehr weckt. Um sie freilich geht der\nKampf nicht, und wir könnten die Toten ihrer Toten begraben lassen. Hätten\nsie nicht gerade das junge Leben so sehr in den Händen.\nWer gehört auf die wahrhaftige Seite, wenn nicht die Jugend? Und unsere\nStudenten haben Kriegsdemonstrationen veranstaltet. Ist es nicht wichtiger\nals gegen Tote zu kämpfen, dass wir unsere lebendigen Kinder vor ihnen retten?\nUnd jede Schule in „gegnerischer\" Hand ist ein Ansteckungsherd. Statt künftiger\nGegner Brüder und Mitkämpfer heranzuziehen für den Tag, der vielleicht bald,\nvielleicht später, der aber sicherlich kommt: ist das nicht das Wichtigste?\n\nFriedrich mark\n\nFerne Länder\n\nCooke und Baedeker haben Jahrzehnte lang an unserem Bewußtsein\ngearbeitet, um daraus das Gefühl der Fremde des fernen Landes auszurotten,\ndie Grenzen zu verwischen. Dann plötzlich wurde die Grenze jedes Landes\nzu einer ununterbrochenen Kette lebendiger Körper, und alles jenseits davon\nwurde uns unzugänglicher als das Innere Afrikas. Doppelt zensurierte Depeschen\nallein bringen uns kärgliche Botschaft von drüben.\nAber hundertmal fremder noch als diese feindlichen Territorien ist uns\nder breite Saum diesseits der tausendkilometerlangen Schützengräben. Kein\nLivingstone kann uns die dunklen Geheimnisse dieser Himmelsstriche enthüllen.\nDie Geographie dieser Orte ist in der Zeitung weder unter der Rubrik „Aus\nnah und fern\", noch unter „Wissenschaftliches\" behandelt; die Tageschronik\njener Bewohner heisst „Heeresbericht\" und wird mit Bluttinte jeden Tag\nweiter geschrieben. Einmal schaut der phantasielahme Leser auf der flimmernden\nKinoleinwand die Landschaft: Stein- und Schutthaufen; die Sehenswürdig-\nkeiten: eingestürzte Brücken und zerschmetterte Kathedralen; das Leben der\n_\nBewohner: gepäckbeladene Haufen auf der Flucht. Die Kanonenmusik dazu\ngedacht man ist unterrichtet!\nDoch was wissen wir von dem Leben der Menschen in den sogenannten\nokkupierten Gebieten dieser hundertvierzig Wochen? „Die Sterblichkeit beträgt\n98 Promille. Die Ernährung der Bevölkerung ist auf 200 Gramm Brot beschränkt,\nsonst werden keine Nahrungsmittel verteilt\"... (Für den deutschen Reichskanzler\nbestimmtes Telegramm Litauischer Organisationen an den Chef der „Militär-\nverwaltung Litauen\".) Das erfahren wir aus den Zeitungen über das Dasein\ndieser Menschen, für die Unglück und Verzweiflung nur gesteigert, nie unter-\nbrochen wurde, die für ihr Martyrium mit keinem Kreuze gelohnt werden,\nfür die es weder „Erholungsurlaub\" noch „Versetzung\" gibt. In den ersten\nKriegsmonaten schrieben auch die Zeitungen, dass die Bevölkerung in Namur\nkochendes öl auf die Soldaten gegossen, in Lodz dagegen dieselben Soldaten"}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.30", "texte": "als Befreier bejubelt hätte. Das waren also die „Rebellen\", die Gottes Tage\nmit Kritik entgegennehmen. Aber die anderen, ungezählten vielen, die im\nDasein keinen anderen Sinn sehen, als das Dasein selbst, einfache Menschen\nin Dörfern, kleinen Städtchen, Friedliche, die an ihrem alten Dasein klebten\nund alles auf einmal verlieren sollten? Eine ungeheure ungeahnte Wirklichkeit\ntrat an sie heran und forderte Platz in ihrem Bewustsein. Söhne marschierten\nin endlosen Kolonnen vorbei, der Boden wurde aufgewühlt, die Luft und die\nErde bekam eine andere Bestimmung, als den Menschen zu tragen und ihn\nzu erhalten. Bald kamen viele Wagen Verwundeter zurück, lange Reihen zer-\nschossener Pferde mit traurigem, unwissendem Blick zogen vorbei, ewiges\nKnallen und Donnern bald näher, bald ferner, und sie selbst inussten bald\nflüchten, bald arme Flüchtlinge wie sie selbst, beherbergen.\nSo vergingen Jahre. Der alte Mann, der im granatensichern Keller Gebete\nsprach, ist schon längst gestorben, aus Gram und Sehnsucht nach seinen\nKindern; das kleine, auf der Flucht verlorene Kind ist gross geworden und\nnennt die fremden Männer „Vater\"; das Mädchen hat den Bräutigam ver-\ngessen die Menschen haben den grausam potenzierten, lebensverkürzenden\nAlltag irgendwie assimiliert. In ferner, unerreichbarer Erinnerung stehen\nwie sie uns, so sind wir ihnen fremd geworden, wie das Rauschen eines\ntropischen Waldes. Wir sind für sie die Glücklichen, wir können uns frei bewegen,\nwir brauchen nicht stündlich das nackte Leben zu verteidigen, wir essen\nirgendwie, wir schlafen in unseren Betten, wir werden zu keiner Arbeit gezwungen.\nSo denken sie von uns, den Fernen, Geliebten, und unser Bild verdichtet sich\nfür sie zu der Bürgschaft einer besseren Zukunft. Einmal wird der Krieg zu\nEnde sein, denken sie, und dann werden wir sie in ein neues Leben tragen,\ndas neue Leben, das wir während sie litten aus unserer Überzeugung\nauferbaut haben. Jetzt wissen sie, wie herrlich das Wort Freiheit ist, wie\nköstlich Nicht-Krieg, wieviel wir erreichen können. Sie werden Humus für die\nZukunft sein, aber die Zukunft selbst müsse umso strahlender werden. So lange\nim Fegefeuer, einmal werden wir ihnen die Pforten zum Paradiese öffnen.\nDas denken sie. Denken auch wir daran? wissen wir, dass wir, die nicht vom\n„Krieg direkt Betroffenen\" viel grössere Aufgaben noch haben, als einen\ngelungenen Bajonettangriff, weit stärkere Pflichten, als durchzuhalten...\n\nFrida Ichak\n\nDemain,\ndes Henri Guilbeaux mutig unkriegerische Zeitschrift (die im Format und\nAussenbild Herzogs „Forum\" nachahmt) ist nach mehrmonatlicher Unter-\nbrechung wieder erschienen. Das ist zu begrüssen. Man mus eine Zeitschrift\nunterstützen, die den Stimmen rechtlich gesinnter, nichtgouvernementaler\nKriegsgegner aller Länder Resonnanz schafft; gerade wenn diese Resonnanz\nnicht gross ist wie beim Demain (das nach Frankreich und Italien leider\nnicht gelangen kann). Guilbeaux hat die Zwischenzeit gewiss benutzt um"}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.31", "texte": "sich auch über deutsche Verhältnisse etwas besser zu informieren; bis dahin\nzeichnete er sich durch eine unbegreifliche Überschätzung von minderwer-\ntigen Schriftstellern aus und durch auffallende Unkenntnis der wertvollsten\nmenschlich und europäisch gesinnten Bewegungen dieses Sprachkreises.\nDie neue Ausgabe von Demain fällt angenehm auf dufch die völlige\nAbwesenheit jener fürchterlichen Holzschnitte aus einer längst vermoderten,\ndekorativen (!) Symbolistenzeit, die in ihrer stupiden Nur-Deskription die\nsonst temperamentvoll fordernde Zeitschrift ridiculisierten.\nIn dieser Nummer (13) der Zeitschrift grüsst ein sympathischer Aufsatz\nvon Guilbeaux die russische Revolution. Guilbeaux behauptet aber merk-\nwürdigerweise, die russische Revolution sei eine Frucht von Kienthal und\nZimmerwald. Diese lächerliche, wenn auch gutgemeinte Geschichtskonstruktion\nkann dem Herausgeber von Demain doch nur in einem Zustande vollständiger\ngeistiger Ermüdung entglitten sein.\nFeststellung jener Züge, mit denen man sich dort den Internationalismus\netwas allzu leicht macht, ist wichtig, denn über Demain hört ihr gewöhnlich\nnur einseitig ablehnende oder einseitig zustimmende Worte. Eine Zeitschrift von\nder grossherzig internationalistischen Absicht, wie Guilbeaux's Demain, ist\nheute sehr nötig, und der Leser hat auf ihre geistige Intaktheit in demselben\nMaße zu achten, wie die europäische Verantwortung des Herausgebers gross ist!\nDas wertvollste Resultat der Mühen Guilbeaux's sind die Bücher, die im\nVerlag von «Demain » erscheinen (15, Rue Merle-d'Aubigne, Genf):\nflouve, der Menschenfreund-Dichter der wunderbaren Weltliebe-\nGedichte «Vous etes des hommes », schrieb das „QJoeme contre 1e grand\ncrime 1916\" (Edition de la revue «Demain»). In diesem Buch das grosse,\nwhitmanisch-visionär-predigende Gedicht ,/<üo/stojDaraus :\n„Derselbige Geist schon bindet sich über die Erden ;\nDer Geist, gleich schwebend, wartet in Marterleid auf Erbarmen oder den Zorn;\nIn England, in Deutschland, in Frankreich, in Russland, in Italien, der Schweiz\noder in Amerika,\nDer Geist wartet.\nIn Serbien, in Belgien, in Holland oder in Norwegen, in Armenien oder in\nLanden Indiens\nDer Geist wartet.\nMitten in Afrika, in dem Herzen des reichen Asien,\nÜberm Geländ der gealterten Rassen, überm Geländ der Rassen im Kindheitstand,\nDer Geist wartet.\nWartet seit Millionen der Jahre, da ein paar Männer mit breiter Stirn einander\ngehört haben von Ferne zu Ferne,\nKonfutse, Buddha, Sokrates und Jesus, Mark Aurel, Spinoza, Whitman oder\nTolstof;\nIhr ausschallend Wort ward geboren, nie mehr schwindet sein Strahlen,\nDa, eines Tages, erflammt es in Euch;\nIhr Wort kann nie mehr vergehen, das kündet und baut die Bahn.\""}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.32", "texte": "Salut à la révolution russe 1917\n(Edition de la revue « Demain »). Worte von Romain Rolland, P.-J. Jouve,\nMarcel Martinet, Henri Guilbeaux. Und eine jämmerliche Zeichnung von\nFrans Masereel (Abklatsch aus der augenlosesten Meunier-Epoche).\nBroschüre von dreissig Seiten, wertvoll durch die Reinheit dieser Freunde\nder russischen Revolution. Nicht ganz vermieden ist der Fehler, dass die\nMitarbeiter aus ihrer Entfernung der russischen Revolution pathetische oder\nlyrische Ratschläge geben, und dass sie glauben zu helfen, während sie nur\nbeschreiben. Die grosse Ausnahme macht Jouve (der sich in jeder neuen\nZeile, die er veröffentlicht, als immer bedeutenderer Mensch enthüllt). Er\nfindet in dem russischen Aufbruch den Weg, den Zeiger, die Aufforderung\nfür uns europäische Herzen; die Verschärfung unserer eigenen Verantwortung\nund die ethische Zündung zu unseren Taten.\nDas ist wohl die einzige menschenwürdige Art, in Europa der russischen\nRevolution zu begegnen.\n\nFrankreichs andere Seite\nMan weist uns nur die Seite, die der Krieg bestrahlt. Die andere, dunkei\nverhüllt in Wut und Knirschen gegen den Krieg, zeigt uns niemand; und\nhöchstens druckt ein Blatt tendenziös zurechtgeriickte Zeilen der dunklen\nGegend, um gehässig zu zeigen, wie schlecht es den Leuten geht. Wir erfahren\nnichts von ,,Bonnet rouge«, der Zeitung, in der ihr das Wort ,,boche« ver-\ngeblich sucht; nichts vom minoritären ,,Populaire«, das heute die kriegs-\nfeindliche Volksmajorität hinter sich hat; nichts von den unterdriicktem immer\nwieder auferstandenen ,,l-Iommes du »Jour«, der Zeitschrift, die den Mut zur\nKrieglosigkeit hatte, wie in Deutschland nur Franz Pfemferts herzhafte Zeit—\nschrift »Die Aktion« (die Ehre des Landes). Nichts erfahren wir von der unerhört\ntapferen kriegsfeindlichen Liga der französischen Volksschullehren h\nHenry Derieux, ein junger Dichter wohl, veröffentlicht ein Buch klagender\nVerse zu diesen Tagen derZerfleischung ,,En ces jours dechirants« (Paris,\nLibrairie Payot, 1917). Dazuschrieb Henry Bataille die erstaunliche Vorrede,\ndie Vorrede mit Worten eines Franzosen, wie ausserhalb Frankreichs seit drei\nJahren keine gehört wurden: —\n,,Simpel, einseitige Köpfe fes gibt unzählige, und sogar besonders viel unter\nden literarisch und wissenschaftlich Gebildeten) haben sich ein lconpentionelles\nUrbild des Dichters 2urechtgemacht, als eines schäumend titanischen Gesellen,\nder aus vollen Fausten flammende Rachestrophen um sich schmeisst Der nationale\nDichter ——— welch elcelhafter Titel! --.ist eine der gedroschensten Schablonen, eines\nder diclcsten Klischees jener Kriegsliteratuh die gerade etwa iiber zwanzig Requi-\nsiten und iiber funfzig landläufige Ideen »erfiigt. —- . . . «\nDie Leute, die auf Grund lconiientioneller Ideen aus der lclassischen Literatur,\nimmer nach einem Homer des Schiitzengrabens schreien, beweisen damit ein"}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.33", "texte": "merkwürdiges Unverständnis für das irdische Phänomen, dem beizuwohnen uns\nbeschieden ist. ...\nDieser Krieg ist die fürchterlichste Schmach, die je geworfen wurde auf den\nVorzug: zu leben, auf die Würde: zu denken. Wir durchschreiten eine der\nschmählichsten Stunden der Geschichte. Und wenn auch kein Mensch das zu\nsagen wagt, in seinem Herzen fühlt es doch jeder. .. .\nDer unermessliche Marterweg unserer lieben Frau der Menschheit: der ist\ndie wahre Dichtung. \"...\nSicherlich wird die Literatur sich noch lange die goldene Lüge vom Kriege\nwahren, die sie so schamlos verschleisst; denn dies ist die Macht der geschwollenen\nRedensarten und der Gemeinplätze, dass die Menschen sich ihnen mit einer\nunbegreiflichen Willfährigkeit unterwerfen.\"\nHört. Es geht für die Menschheit. Und selbst noch der letzte Vorstadt-\ndramatiker, der offen für die Menschheit spricht, ist der Erde tausendmal\nwichtiger, als der sogenannte tiefe Dichter, der sich verbirgt. Aber wer\nspricht so? Dieser Henry Bataille der Vorrede, sonst Lieblingsdichter der\nmondänen Effekttheater, ist ein unbedingt mutvoller Mensch, der sich mit\nseinem Herzen einer Legion von Blutschwätzern (beider Seiten des Draht-\nverhaus!) entgegenstellt. Das ist ein Mensch, der dennoch wieder bewusst genug\nspricht, um uns hören zu lassen, dass er nicht allein ist, und der die zahllosen\nScharen seiner schweigenden Freunde kennt.\nDieses Wort vom Menschen wurde gedruckt und gelesen in Paris. In Frank-\nreich, wo man immer noch den Sprecher, der nicht dem Krieg heute zustimmt,\nauf diesem hellen, weiten, rechten Ufer des öffentlichen Lebens mit allen Mitteln\neiner drohenden Amtlichkeit und einer wirksamen Presse ersticken kann.\nDennoch wagte sich Bataille vor, ein Genosse der Menschheitlichen, mit\nder Unverstelltheit des zweifellosesten Wortes. So ist man verpflichtet zu fragen:\nWarum verkriechen sich die selbstgerechten Freiheitsmänner von Ländern,\ndie heute ihre Schreiber weniger zensurieren, hinter die Geheimtüren einer\nanspielungsreichen Intellektual-Literatursprache? Aus Angst vor Pressungen\ndurch Behörden? O nein. Aus Mangel an Liebe, Mitgefühl und der einfachsten\nAchtung vor der Menschheit. Aus Mangel an Teilnahme. Aber wir wollen auch\ndas verlegen böse Schweigen derer nicht vergessen, die verpflichtet waren zu\nreden; wir wollen es nicht vergessen, dann, wenn die Welt einmal ihrer Freunde\nvon der lauten menschlichen Stimme gedenken wird!\n\nBiologie des Krieges\ngeorg Fr. Nicolai:\n(Verlag Orell Füssli, Zürich.)\nDie vorige Nummer des Zeit=Gcßo begrüsste Nicolais in der Aktion\nerschienene Aufsätze. (Unglaublicherweise die einzige öffentliche Zustimmung\nseit einem Jahr!) Jetzt sind sie im systematischen Buch da; jedem Menschen\nguten (und bösen) Willens zur Verfügung. Dieses Buch wird dem kommenden\nGeschlecht selbstverständlich sein. Heute darf man nur in gefasstestem Ernst"}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.34", "texte": "zustimmen. Aus der weitesten Forderung für die Menschheit sprang die geistig\nbitterste, bedingungsloseste Streitschrift gegen den Krieg. Den Verfasser, der\nseine Privatperson der Sache preisgab, hat man nicht zu kritisieren: Man\nhat sich vor ihm zu neigen!\n\nKonjunkturbuben\nL. R.\nDichter Klabund druckt zu Kriegsbeginn:\nMädchen, Eure Ehre\nSchützen die Gewehre.\nHebt das Herz empor,\nKriegsfreiwillige vor!\nItaliens Kriegsbeginn: K. höhnt in einer deutschen Zeitung den schmutzigen\nItaliener, in einer Schweizer Zeitung die Hindenburg-Andenken. Russlands\nRevolution: K. druckt in einer Schweizer Zeitung einen Brief an den deutschen\nKaiser; demokratisch „Schattenkaiser, bitte Reformen!\" Ob K. gleichzeitig\nin deutschen Blättern die Russen verhöhnt, steht nicht fest.\nNein, das ist kein Zeichen der Zeit. Dieses Schreibgeschäfte ist zeitlos\nwie die Lebensmittelschieber und die Mystiker. Nächstens werden uns vor lauter\nZeichen der Zeit wohl noch die Kriegsberichterstatter revolutionär kommen?\nMillionenmal gemeiner als unser Feind, der es aus politischer Trägheit\nist gilt uns die revolutionäre Phrase. Der Jobber, der Agent, der Bankier,\nder Zuhälter, der Leichenfledderer sie, die Kriegsbegeisterung markierten,\nwagen es mit frechem Kopf, nun an unser Ohr mit der revolutionären Phrase\nzu treten.\nAber wir vergessen nicht. Wir wissen, dass die Konjunkturbuben nur auf\ndie nächste Gelegenheit lauern, sich beliebt zu machen; in öligster Gleich-\ngültigkeit dagegen, um wessen Leben und Blut und Name und Dasein und\nEhre es geht.\nEine Zeit, die solche Zeichen gebrauchen kann, ist ein Irrtum.\nVerlasst euch drauf: Wann es ernst wird, hält das Konjunkturtier das\nMaul. Und schon am plötzlichen Schweigen des ewig Quiekenden werdet ihr\ndie Stunde erkennen.\n\nDie Zeiisehriji isi lceine oioliophile, sondern eine moralische Angelegenheit -—\nNichi aufgenommen werden Werlce irgend einer Unierhaliungsabsiehh beschrei-\noende Zeiehnungen, Gedichie, Novellen und Betrachtungen, die allein der Er—\nlcliirung und der Bildung dienen. Zur Veriijjeniliehung zugelassen sind nur\njordernde Formulierungen von europiiischer Gesinnung\nFür den Inhalt verantwortlich: »Sei-Aas; Tab-dei-\nzeit-Echo Vektag Eehte1iA.-G., Biimptiksern und Leipzig\nDruck von Beim-ff JLHQZ Biimpliz"}, {"page_pdf": 35, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191706-01.1.35", "texte": "VERZEICHNIS:\nLudwig Rubiner: Nach Friedens-\nschluss - . . . . ..... Seite 1\nRevolutionstage in Russland . . „ 6\nEin Wort von Ferruccio Busoni . „ 13\nAlbert Ehrenstein: Menschlichkeit 14\nHans Richter: Ein Maler spricht\nzu den Malern . . . . . . . „ 19\nHANS RICHTER: An die Mütter\nEuropas (schwarzweisses Volksblatt) „ 15\nM enschen / Bücher / Zeitschriften. L. R.:\nSchriftsteller. Alfred Döblin: Ehrenstein. Friedrich Mark:\nDer Gegner. Frida Ichak: Ferne Länder. L. R.: Demain\nJouve, Salut ä la revolution russe. Frankreichs andere Seite.\nBiologie des Krieges. Konjunkturbuben.\n\nØas Hei« 6«o«Io 1s »4e-·scBei-2:« v Æafömomziffoä Øie Gib-ef-\nA Damme-« Æosiei 50 Pfg-mis- ocfeys 50 Hanf-Dass, das Ofeyiefs L\njaÆysaöonnemeni fä Kamme-m) Mai-»F 850 tiefe» Was-»He» 2.50. »\nZ» Des-Lesen day-OF Affe PVIIFIHÆAEXJUUJSU oder je» Weil-IF«"}]}