{"numero_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_sha256": "c9fe80ef26b7d1cefa354f8a01216e94034ac639cd4b46ff54cec67474c59767", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabb/issues/1917/08_01/bmtnabb_1917-08_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabb/issues/1917/08_01/bmtnabb_1917-08_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c002", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.2", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.1", "debut_caractere": 202, "fin_caractere_exclue": 509, "texte": "INHALT:\nLUDWIG RUBINER: DIE NEUE SCHAR\nLEO TOLSTOJ: DER FREMDE UND DER BAUER\nIWAN GÖLL: MENSCHENLEBEN\nALFRED WOLFENSTEIN: ZUM EWIGEN GEDÄCHTNIS\nLEONHARD FRANK: DAS LIEBESPAAR\nGUSTAV SCHULZ: MORGEN ODER SCHON HEUTE\nHAN KELSO: DAS MAGISCHE WARENHAUS\nMENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\nGlossen von ßudwja Hubmer"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c003", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "12", "image_debut": 3, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.3", "titre_corps": "DIE NEUE SCHAR", "titre_sommaire": "DIE NEUE SCHAR", "signature_source": "Ludwig Rubiner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2218, "texte": "DIE NEUE SCHAR\nLudwig Rubiner:\nWir sagen „Europa\". Aber niemand dürfte daraus den Begriff eines\nfest auf die Landkarte gemalten Gebildes hören, das national abgetrennt\nvon Asien wäre. Aus Asien, das scheint sicher, wird wohl nach diesem\nKrieg die siegreichste Idee der europäischen Ermüdung Menschlichkeits-\nblut zuführen: die Idee der Nicht-Gewalt, des Nicht-Widerstandes, des\nNicht-Kriegs, der Güte, der Gemeinschaft, und des Gottesreiches auf\nErden. (Aus Asien, auf dem Zuge durch Rußland.)\nEuropa war uns keine ethno-geographische Sache. Europa war eine\nForderung, Aber wir alle, die wir Europa forderten, glaubten heimlich,\ndaß etwas daran schon sei, ein unterirdisches Europa, das unsere Schritte,\nwie auf der Spur nach verborgenen Wasseradern, über die Grenzen weg,\ndurch seine Länder hindurch lenke; ein himmlisches Europa noch darüber,\ndas unsern Geist fähig und bereit mache, die Brüder zu suchen und zu\nerkennen, und das in uns allen das große Herz der Kameradschaft aller\nSprachen und Sitten schlagen lasse. Daß diese große, ganz geistige und\nunbesiegbare Welt da sei, glaubten wir.\nAber eine geistige Welt ist nur so weit da und genau in dem Umfang,\nals sie Menschen aufbringt, die sie vertreten und in ihren Handlungen\nausdrücken. Und die Größe dieser Welt entspricht genau der Größe ihrer\nmenschlichen Handlungen.\nIn Wahrheit, ist denn das die Frage, die man einem lebenden Menschen\nstellen darf: Europa oder Asien ? Wenn wir befreit von Theatererinnerungen,\nvon Romanvorstellungen, und von historischen Gerüsten an die Zukunft\nder Menschen auf der Erde denken, dann muß die Fragestellung „Europa\noder Asien\" als irrsinnig erscheinen.\nNoch schlimmer als irrsinnig.\nGeh du zum Mann, der vor dem Sturmangriff steht, vor dem Tod also,\nund frage ihn: Europa oder Asien? Und die Infamie dieser Frage wird\nklar. Aber wie? Den Tod dieses Mannes, den registrierst du kaltblütig\nunter dieselbe geschichtsphilosophische Vorstellung, die niemand im\nSchützengraben aussprechen würde, ohne sich ernstlich zu schämen I\nDenn es handelt sich nicht um Weltteile. Es handelt sich nicht um\ndie Ideen von Weltteilen. Weder um die Ideen, die aus jenen Weltteilen\nhervorgehen, noch um die Ideen, die wir uns von ihnen machen»"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2437, "texte": "Ob der geduldige Sozialdemokrat mit der marxistischen Vorstellung\nvom „Hineinwachsen der Gesellschaft in den Sozialismus\" arbeitet, oder\nob die offene Unverschämtheit des Kriegsparteiischen unsere Kata-\nstrophe als den vorläufig ersten der drei modernen punischen Kriege\nnennt; oder ob ihr den endgültigen Sieg Asiens über den Westen prophe-\nzeit: das alles ist Fatalismus.\nAber Fatalismus ist schlimmer als Böses tun. Fatalismus ist Böses dulden.\nWer kann das verantworten, seinen Mitmenschen als Opfer für ein\ngeschichtsphilosophisches Lehrbuch der Zukunft auszuersehen! (Und einer\nGeschichtsphilosophie, die man in aller Eile jetzt entwirft.)\nWorum handelt es sich in Wahrheit? Um das einfache, gewöhnliche,\nbloße Leben. Um das einfache, gewöhnliche, bloße Menschendasein, das\nunbegriffliche, richtige Menschendasein auf der Erde.\n„Kerls,\" fragte Friedrich 11. seine Grenadiere, „wollt ihr denn ewig\nleben?\" Ja, das wollen sie.\nLeben wollen ist etwas Außerordentliches. Leben wollen ist das Höchste\nan Edelmut, an Hingabelust, an Opferfähigkeit. Leben wollen heißt wirken\nwollen. Sich verwirklichen wollen. Der letzte Feigling noch, der mit allen\nKräften leben will, kämpft diesen erbitterten Heldenkampf gegen eine End-\nübermacht, weil er von sich etwas Anständiges erwartet. Es gibt keinen\nMenschen, der bei seiner Geburt nicht mit einer Aufgabe in die Welt\ngesetzt wurde. Einer Aufgabe, die nur er allein erfüllen kann. Diese Auf-\ngabe kann nur mit einem einzigen, plumpen, bekannten Wort genannt\nwerden. Sie heißt Gemeinschaft.\nGemeinschaft ist höchste Freiheit des Einzelnen und Raum für alle\nandern. Wo die Gemeinschaft ins Bewußtsein dringt, hat die Macht verloren.\nHeute gegeben ist aber die Gesellschaft. Die Gesellschaft ist da, sie wirkt\nheute. Ihr Wirken ist der Krieg. Die menschliche Gemeinschaft ist noch\nnicht da. Sie ist das Ziel; das, was kommen soll. Die Gesellschaft wirkt\nüber uns, wir wirken nicht durch sie. Wir lassen sie geschehen. Das ist\nunsere Sünde. Unsere Passivität hat die Gesellschaft ermöglicht, als einen\nungeheuren und sinnlos aufgestapelten Haufen von Abfällen des von uns\nUngetanen. Unsere Gesellschaft ist der Riesenberg von Kehricht, den\nniemand wegschafft, und der in seinem steten Anhäufen uns zu ersticken\ndroht.\nAber die Gemeinschaft muß getan werden. Wir fordern sie. Daher\nfordert sie von uns. Wir müssen sie wollen. Ihr erster Schritt heißt Um-\nwälzung. Doch müssen wir schreiten wollen."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2334, "texte": "Nicht Umlagerung der Gesellschaft. Nicht Verbesserung an kämpfenden\nKlassen; Nicht Umschichtung der Gewalt. Nicht Handänderung der Macht.\nIn diesem allen ist keine Heilung, nur kurze Betäubung eines kleinen Teils\nder Schmerzen;\nWir wollen Gemeinschaft.\nUnd nur der unbedingte Wille zur Gemeinschaft, nur der Flug auf\ndas letzte erdenkbare Licht menschlichen Beieinanders, nur der letzte Vor-\nstoß zum letzten Ziel der Zukunft, wird rückstrahlend die ungeistigeren\nund bloß momentan bessernden Änderungen der Gegenwart möglich\nmachen. Wenn ihr denkt: Friede! dann bekommt ihr überhaupt nichts.\nIhr müßt denken: Umwälzung! dann bekommt ihr zuerst den\nFrieden.\nAber mit List ist da nichts zu machen. Versprechungen helfen nicht.\nDas da ist keine Erfolgsangelegenheit. Mißbrauch, vorgetäuschter Wille,\nAugenzwinkern, Schwindel mit Zukunftswerten, um die Gegenwart in\nSicherheit zu bringen: versagt. Es muß schon ganzer Ernst gemacht werden.\nEs ist wahr, daß heute unter allen Menschen die Idee der Gemein-\nschaft klarer und ersehnter wird.\nNur so klar, daß sie unbedingt gewollt wird, ist sie noch nicht.\nNiemand darf über die Wahrheit getäuscht werden, daß in allen\nLändern zwar die Schar der Kameraden da ist, aber daß sie klein ist.\nHeute ist jeder Mensch genau so viel, als er für die Zukunft an\nMenschlichem zu verwirklichen wünscht. Es gibt keine unterirdischen\nBrüderschaften, die im Augenblick der Not zur Hilfe hervorstürzen. Es\ngibt nicht die Stillen im Lande, die zur Hilfe bereit sind. Wer bereit ist,\nhat es heute schon gezeigt. Unterirdisch ist jeder Helfer nur in seiner\nKraft, aber sein Dasein ist schon längst öffentlich.\nDie ganze Erdkugel hat heute nur ein paar Wesen, die den Menschen\nhelfen. Man kann ihre Namen herzählen. Man kennt sie in jedem Lande.\nWie wenig sind es, wie klein ist diese Schar.\nWir stehen noch vor dem Anfang. Alle Vorstellungen von der Geistig-\nkeit unserer Mitwelt erwiesen sich als falsch. Alle Führer dieser Geistig-\nkeit erwiesen sich als Betrüger.\nUnd die geringe Zahl von Führern der Zukunft erkennt man an den\nMündern, die in jedem Lande gegen die Gewalt sprachen. Diese Wenigen\nsind keine großen Leute, sie sind nicht sehr intelligent, sie sind nicht\nMenschen von umfassender Stärke. Es sind einfache und wahre Menschen.\nNirgends ist ihre Geisteskraft groß. Und genau auf dem Grade ihrer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2319, "texte": "Geistigkeit, steht die gesamte Geisteskraft unserer heutigen Menschen-\nexistenz über die Erde hin. Das ist wenig. Es ist aber tröstlich, daß\nimmerhin soviel da ist!\nFolglich? Die Forderungen an jeden einzelnen von uns werden umso\ngrößer.\nUnsere nächste Forderung ist noch lange nicht das Glück. Nur:\nMenschlichkeit. Wir sind aber zu wenige, um uns auf den anderen ver-\nlassen zu können. Wir müssen selbst anfangen; gleichviel, was darüber\nmit uns wird. Aber wie unendlich verzweifelt und unbeirrbar ist diese\nkleine Schar der Erdgenossen! Alles ist noch von uns zu tun. Nichts ist\nnoch getan. Nur vorläufig ein Ziel genannt.\nDoch schon das bloße Nennen dieses Ziels macht gefährlich. Es geht\nauf uns, und an der Jagd, die jene kleinen Flämmchen neuer Menschen\nin die Zuchthäuser und in den Stacheldraht treiben soll, beteiligt sich die\nganze entlarvte Gesellschaft, schwerstampfende Doppelsohlen, der Revolver\nund Gummiknüppel, Salonlackstiefelchen, und einfache Denunzianten.\nDenn ihr, Völker, seid von euren Geistigen verraten. Eure Dichter,\nderem Mund es gegeben wäre, euer Wort hinauszuschreien, sind von den\nRegierenden gewonnen. Eure Künstler, die euren Drang zur Gemeinschaft\nunauslöschlich gezündet halten sollten, sind Schieber, Händler und Erfolgs-\nmaschinen. Eure Aufrührer, oh eure Revolutionäre welch ein Kapitel\nsind Beamte, die angstvoll die Revolte verstecken, solang das Amt noch\nfunktioniert, und die weder den Menschen wollen, noch überhaupt irgend\neine Änderung, solang sie sich dabei kompromittieren können. Und die,\nwenn morgen die Welt von dem Drüberstreifen einer göttlichen Riesen-\nhand ganz umgeschüttet und neu errichtet wäre —, wieder ihr Amt an-\ntreten würden mit der Miene des: „Ich habs ja immer gesagt!\"\n*\nWie schafft der Ausdruck der Gerechtigkeit sich unter den heutigen\nMenschen Bahn?\nMan hat die Pflicht, gemäß der Wahrheit, festzustellen, daß die edleren\nWerke dieser Zeit, die großen Stimmen, aufrichtige und zukunftführende\nAbsichten ansagen, aber keine großen Kunstwerke sind.\nDie Gegenfeststellung ist: alle bloßen Kunstwerke dieser Zeit sind\nmenschlich minderwertig.\nDer größte Menschlichkeitsroman Europas, das schönste Buch gegen\nden Nationalhaß, der stärkste Geschichtenband gegen die Art des Krieges:\ndie alle könnten, ihrem Tone nach, im bürgerlichen Familienblatt stehen,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2433, "texte": "und nur ihr Wortlaut steht zu den bürgerlichen Zielen im Gegensatz. Sie\nsind, unter dem Blick vergangener Jahre gesehen, keine Kunst. Sie sind,\nnach dieser Kunsteinstellung angeschaut: Kitsch.\nAber mir scheint, dieser Blick aus vergangenen Jahren sieht falsch.\nUnd was ist Kitsch? Das ist ein einzelner Außenfall, behandelt mit dem\nganzen Aufwand eines Weltgeschehens.\nWie aber, wenn es unserer Zeit nicht weiter reichte wo es sie zu über-\nzeugen gilt als das ganze Weltgeschehen zu behandeln mit der schwachen\nKraft des Einzelfalles! Über größere Kraft verfügt der untergangbedrohte\nZeitgenosse heute in der Tat nicht. Darf er darum schweigen?\nGegenüber dem Massentod jedes heutigen Tages ist jegliches Ziel\neines vergangenen Jahrhunderts Unsinn.\nDer Wahrhaftige des Heute, der Wahrhaftige!, findet sein Schaffen\ndarin, daß er durch ungeheure Bluthaufen hindurch und selbst ihnen\nden Ausdruck des Menschlichen verwirklicht. Je nackter, je unmittel-\nbarer er das Menschliche ausspricht, um so führender ist er. Die Gesell-\nschaft ist geistig zusammengebrochen. Der Ritus der bestehenden Gesell-\nschaft war die Kunstform. Dieser Ritus hat keinen Sinn mehr. Und der\neinzige Vorwurf, den man den wahrhaft guten Menschen und unvoll-\nkommenen Künstlern machen muß, ist, daß sie nicht völlig auf den\nBehang mit Kunst verzichten. Daß sie allzulistig, auf dem Wege über längst\n(zu anderem und roherem Inhalt) ausgeprägte Erregungsmittel ihr Neues\nund Menschen-Näheres durchsetzen wollen. Der Vorwurf geht an eine\nKunstdiplomatie. Denn der Roman, das Gedicht, die Novelle, das Drama\nsind heute nichts mehr, das aus uns kommt. Wie wollte es in uns eingehen ?\nDas neue Gebild der kleinen, doch zukünftigen Menschheit heißt: die\nProklamation.\n*\nEure furchtbare Enttäuschung, ihr Freunde in den Kriegsländern\ndie ihr noch lebt : daß die Großen und die gewaltigen Menschlichen,\nan deren geheime Existenz in verborgener Tiefe man glaubte, und die in derZeit\nder Not als blitzende Sonnenstimmen hervorbrechen würden, daß die nicht\nkamen. Sie kamen nicht, denn sie waren nicht da. Die wir für Verkünder\nder menschlichen Zukunft gehalten hatten, die waren in Wirklichkeit nur\nSpezialisten über ein geschickt ausfindig gemachtes Thema. Ihr Ziel war\nnicht Menschlichkeit, sondern das Wort, das sie über die Erregtheit der\nMenschlichkeit breit sagen konnten. Die als die großen Dichter Europas\ngalten, als die Sprecher des Menschen, die waren Schwindler."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2423, "texte": "Zu unseren Lebzeiten haben wir das Auge, das den Zusammenhang\ndes Geschehens auf der Erde schärfer faßte, nicht bei den Dichtern\ngesehen. Wir Nochlebende haben nicht von den Dichtern die Menschen-\nstimme gehört. Sondern das Auge, das unerbittlich über die Erde sah,\nwar das Auge Karl Liebknechts. Und die Stimme des Menschen stieß\nhervor aus dem Munde von Friedrich Adler.\n*\nMan darf vielleicht Völkern, in deren Lebensart man nicht völlig\nsteht, und deren Sprache man nicht ganz beherrscht, wenn sie in ver-\nwirrter Wanderung auf ein Ziel begriffen sind, helfen, den Weg zu be-\nschleunigen. So dachte es Mazzini, obschon im Nationenbegriff befangen.\nSo versuchte, mit ungestümer Unbürgerlichkeit, durch die Tat Bakunin.\nAber falsch ist es, diese Völker von weitem zu begutachten; und läster-\nlich, ihnen aus unverbindlicher Ferne Ratschläge zu erteilen. Darum\nspreche ich von dem Kreise, in dessen Atmosphäre ich aufwuchs, dessen\nSprache die meinige ist, und dessen furchtbaren Kampf aus der Befangen-\nheit hinaus zum Du, zum Andern und zum Menschen in der Welt ich\nin meiner Generation am eigenen Leibe erfahren habe. Von den Deutschen.\nNicht, um zu tadeln oder zu loben, oder selbst irgendwie zu richten.\nSondern von den Deutschen spreche ich, weil jeder die Änderung der\nWelt dort anzusetzen hat, wo seine Welt steht.\nNiemand hat es schwerer gehabt als die Deutschen, und niemand\nhat sich den Weg zur Menschlichkeit seit einem halben Jahrhundert\nschwerer verbaut als sie. Methoden, statt des Inhaltes; Präzision statt\nfreier Gliederung; Untertanenlust statt des Geistigen: Mit dieser frei-\nwilligen Knechtschaft im Geiste hat jeder sich selbst geknebelt, jeder,\nfreiwillig. (Und man wird mir glauben, daß solche Feststellungen nieman-\ndem Freude machen!) So schwer hatten sie es. So schwer hatten wir\n%\nalle es, die wir von diesem Gefühlskreise ausgingen.\nDie Deutschen (von denen ich doch am besten zu sagen weiß) hatten,\nheute, in ihrer fürchterlichsten Seelennot niemanden, der ihnen geholfen\nhätte. Alle ihre bekannten, großen, angesehenen oder vielleicht sogar\ngeliebten Sprecher und Dichter haben sie verraten. Alle haben wenn\nsie nicht unoffen und unentschieden die Ereignisse mit Phrasen umspielt\nhaben Machtpolitik getrieben. Und wenn man in die Schale mit den\nNamen der Fünfzigjährigen faßt die einst als Menschlichkeitsträger\ngenannt wurden so ergreift man stets das Schild eines geistigen\nKriegslieferanten."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2662, "texte": "Wie Furchtbares dieses Volk sich gefallen lassen muß, sah ich am\nschauerlichsten an einem auf sogenannte „Tiefe\" abgestellten literarischen\nUnterhaltungsaufsatz der „Frankfurter Zeitung\", dessen Verfasser straflos\nsagen durfte: „Das Drama der Zukunft wird nicht ethisch, sondern meta-\nphysisch betont sein.\" So meint also dieser Mann und Seinesgleichen, mit\nder bloßen Feststellung des Totschlages an einem Menschen alle geistigen\nVerpflichtungen erfüllt zu haben. Und er meint, wenn er Welt, Gott,\nLeben sagt, so sei das etwas anderes als das ethische Ziel des Menschen.\nDieses Bureaubeamtentum des Geistes ist jene Denkart, jene menschen-\nferne Lässigkeit, jene ethische Passivität, die nicht nur den Krieg möglich\nwerden ließ, sondern die das Innere des Krieges selbst ist.\nAber die wahren Führer? die Geistigen? Von den Alteren, den ruhm-\nvoll, hoffnungsheimlich genannten ist zu sprechen, von denen, deren Name\nihnen selbst die größte Verantwortung auferlegt. Im vierten Kriegsjahr,\nim Jahr 1917, veröffentlichte der freiheitliche Dichter der neuen Deutschen,\n{Heinrich ffllann, einen Roman (Verlag Kurt Wolff in Leipzig) „ftie iMrmen\".\nUnd sein vollkommenes Gegenstück, der Seher, in deutscher Verssprache,\nefiefan George, eine Dichtung (Verlag Georg Bondi in Berlin) ,fDer iKrieg\".\nHeinrich Mann hat durch ganz hoch gefaßte und ganz geistig fordernd\nausgedrückte Aufsätze (die seine nur gesellschaftschildernden Dramen und\nRomane psychologisch-imitatorischer Art weit überragen) den Versuch zu\neiner geistigen Umwälzung des denkenden Bürgertums gemacht. Stefan\nGeorge war bis zum Kriege strengster Ablehner der zivilisatorischen Roheit\ndieser Zeit und Verkünder eines außerzeitlichen, religiösen Gemeinschafts-\nzieles. (Wenn man aber nicht nur die behaupteten Begriffe liest, sondern\nden wirklichen Körper der Georgeschen Verse selbst anschaut, so findet\nman, daß die von ihm erstrebte Gemeinsamkeit gar nichts Zukünftiges\nwar, sondern nur die intuitiv sublimierte, dichterisch geformte Darstellung\ndes gegenwärtigen Disziplinschrittes.)\nHeinrich Manns Buch von den „Armen\" soll der Roman vom Kampfe\ndes Sozialismus sein. Irgendwie also ein Buch der Freiheit. Georges „Krieg\"\nsoll auf die menschliche Wurzel des Krieges führen und aus ihr in die\nZukunft der Welt sehen. Also irgendwie eine Prophetie vom Menschen.\nDer essaystische Freiheitsfreund und Demokrat Mann schreibt\neinen Roman zum Kampfe zwischen dem proletarischen Denken und dem\nGroßkapitalismus. Die Hauptperson ist ein junger sozialistischer Arbeiter.\nAn einer Dialogstelle heißt es sogar: „Geradezu ein Anarchist\". „Das bin\nich!\" antwortet darauf der Held Heinrich Manns. Was stellt sich der"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2682, "texte": "Romancier unter Geisteskämpfen und unter äußerstem, sozialistischem\nDenken vor? Der Feind, der Großkapitalist, ist vor Jahren selbst Prole-\ntarier gewesen, und hat die ersten vierhundert Taler, die den Grund-\nstock zu den späteren Millionen und zu seiner (vom Staat mit Polizei\nund Militär betreuten) Fabrikstadt legen, einem proletarischen Arbeits-\nkameraden durch schmutzige Manöver entlockt. Und dazu noch nie\nzurückerstattet. Dieser Millionär weigert sich auch viele Jahre später,\nwährend der Hochblüte seines Betriebs, das Geld dem alten Kameraden,\nder eine erbärmliche Proletarier-Arbeitsstelle in demselben Betrieb hat,\nzurückzugeben. Das ist die Voraussetzung des Buches, die auf kompli-\nziertem Wege, auf Hunderten von Romanseiten enthüllt wird. Diese\nVoraussetzung ist zu dumm. Der junge Arbeiter aber, dieser neue Fabrik-\nBakunin, will dem Fabrikherrn das erlistete Geld entreißen, mit Zinsen:\nKapital und Zins der Zins ist das Fabrikwerk „wieder\" in den\nBesitz der Arbeiter bringen, von denen es stammt. Um die Fabrik\n„wieder\" zum Eigentum der Arbeiter zu machen (man liest richtig, zum\n„Eigentum\"), will er Rechtsanwalt werden. Denn es existiert ein alter\nBrief des Kapitalisten, in dem die Vierhundert-Taler-Schuld an den\ngreisen Arbeiter bestätigt wird. (Man liest richtig: ein alter Brief.) Um\nRechtsanwalt zu werden, lernt er Latein. Seine Lateinkenntnis erweckt\nradikale Hoffnungen in der Arbeiterschaft. Daß er aber Latein lernt und\nden alten Brief besitzt, das erwirkt in geheimem, nächtlichen Gespräch\nder Syndikus und eigene Schwager des Kapitalisten, der Familienintrige\ntreibt. Zudem hat die Schwester des jungen Arbeiters ein Verhältnis mit\neinem Sohne des Kapitalisten und will Kokotte werden. Auf Grund dieser\nFabel (es ist wirklich eine Fabel, kindischer kann sie nicht mehr werden)\nist natürlich nicht die benötigte Arbeiterrevolte möglich. Jedoch: der Kapi-\ntalist, die Polizei, das Militär, ein Irrenhaus und ein bestochener sozial-\ndemokratischer Führer kreisen den jungen Arbeiter ein, um ihn am Latein-\nstudium zu hindern. Da geht es los. Zum Schluß kommt der Weltkrieg,\nund alles [hatte keinen Sinn. [(Was stimmt.) Aus dem Gewoge schwebt\nder wirkliche Freiheitsheld empor, ein fünfzehnjähriger, feiner Junge, der\nalle Gefahren rechtzeitig errät und verhütet, und der die Schwester des\nArbeiters wahrhaft liebt; es ist der Sohn des Syndikus. Dieser ent-\nsetzliche Schund (der in jedem beliebigen Stile geschrieben sein konnte,\naber, nicht gerade überraschenderweise, in modernisiert kurzgefaßterer\nSprache, nach Art der ungebeten zutraulichen Schreibmache des alten, libe-\nralen Spielhagen abgefaßt ist), dieser grauenhafte Meisterschund: zeigt die"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2279, "texte": "völlige Menschentremde eines sogenannten geistigen rührers. Was ist für\nden Freiheitsführer Heinrich Mann ein anstrebenswertes Ziel? Die Ver-\nmögensänderung aus der Hand des einen in die Hand des andern. Was\nist ihm das Erregende, Befreiende, Gefährlich-Radikale, Umstürzlerische\nmit einem Wort, was ist ihm das Geistige? Lateinlernen. Hält Mann\nselbst das Latein für so wichtig? Nein, aber das Wissen. Doch daß dem\nRomanschriftsteller dies geschehen konnte: Menschen wissen mit Lern-\nwissen zu verwechseln, einen Fürsprecher der Menschheit mit einem\nRechtsanwalt —: Das zeigt den erbärmlich niedrigen Stand der intellek-\ntuellen Bürgerlichkeit. Jedes Wort, das diese Gegend sagt, ist ein Miß-\nverständnis. Von denen ist nichts zu erwarten. Sie werden immer wohl-\nwollend mißverständlich den Ereignissen nachlaufen, die aus anderer Hände\nkommen. Und wenn sie „ Freiheit\" rufen, dann meinen sie in Wirklich-\nkeit nur: Schiebertanz über die Polizeistunde hinaus.\nUnd George, der Seher? Denkt ihr vielleicht an einen Seher im\nKriege, an einen Arnos? der zum Kriege neu ausriefe: „Suchet das Gute\nund nicht das Böse, auf daß ihr leben möget\" und „Hasset das Böse und\nliebet das Gute!\" Aber der Stolz und Ehre von sich weist, und nur das\nletzte Recht des Einfachsten und Ärmsten zum Sagen der Wahrheit\nsich läßt: „Ich bin kein Prophet, auch keines Propheten Sohn, sondern ich\nbin ein Hirt, der Maulbeeren abliest.\"\nStefan George nennt sich selbst Seher. Da ist eine Vornehmheit, die\nvor Weltklugheit an sich selbst zerspringt. Das Wort zu seinen Leuten\nkommt nicht aus der Menschlichkeitserschütterung eines Propheten, son-\ndern aus dem National- und Rassenhochmut eines Hofpredigers:\n„Sein Amt ist Lob und Fehm; Gebet und Sühne;\nEr liebt und dient auf seinem Weg. Die Jüngsten\nDer Teuren sandt er aus mit Segenswunsch . . .\nSie wissen was sie treibt und was sie feit . . .\nSie ziehn um keinen Namen nein um sich.\"\nAlso der Krieg zur seelischen Selbstbefreiung.\n„öhn packt ein tiefes Grausen. Die Gewalten\nNennt er nicht Fabel. Wer begreift sein Flehn:\n,Die ihr die Fuchtel schwingt auf Leichenschwaden,\nWollt uns bewahren vor zu leichtem Schlüsse\nUnd vor der ärgsten, vor der Blutschmach!' Stämme,\nDie sie begehen, sind wahllos auszurotten,\nWenn nicht ihr bestes Gut zum Banne geht.\""}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1816, "texte": "Wenn ein alldeutsches Annexionistenblatt heute in Prosa solche\nblutigen Vorschläge zum Friedensschluß machen würde, wäre es am Tage\ndarauf verboten.\nDiese Verse hier über den erfolgreichen Heerführer:\n„Da entstieg, gestützt\nAuf seinen Stock, farblosem Vororthaus\nDer fahlsten unsrer Städte, ein vergeßner,\nSchmuckloser Greis . . . der fand den Rat der Stunde\nUnd rettete, was die geberdig Lauten\nSchließlich zum Abgrundsrand gebracht: das Reich . . .\nDoch vor dem schlimmren Feind kann er nicht retten.\"\nWer ist nach George der schlimmere Feind? Er sagt: die Menge.\n„Menge ist Wert; doch ziellos; schafft kein Sinnbild; hat kein\nGedächtnis.\"\nSoviel gegen die Demokratie. Man kennt das.\nAber nur eine Entstellung der Wahrheit und ein Hieb zur Entwertung\neiner übernationalen Idee:\n„Sie troff im Schwatz von Wohlfahrt, Menschlichkeit,\nUnd hebt •nun an das greulichste Gemetzel . . .\nNach Speichel niedrigster Umwerbung: Geifer\nGemeinsten Schimpfs! . . . Und was sich eben hetzt,\nUmkröche sich geschmiegt, wenn sich erhöbe\nFurchtbar vor ihm das künftige Gesicht.\"\nHalt. Wer hat Geifer gemeinsten Schimpfs ausgestoßen? Wer hat\ngehetzt? Die „Menge\"? Wer begann das Gemetzel? Die Menge? Nein,\ndie „Menge\" troff im „Schwatz\" von Menschlichkeit. Und sie wurde aus\ndieser in Wahrheit ganz zart beginnenden Menschlichkeit zum „greulichsten\nGemetzel\" gehetzt, nicht allein durch Geifer gemeinsten Schimpfs, sondern\nauch durch Geifer gemeinster Lüge.\nDieser vornehme Seher, der die Menge verachtet, weil sie gehetzt\nwerden kann, hat an seiner ersten Aufgabe vorbeigelebt, der einzigen Auf-\ngabe pines Sehers: Die Hetze von der armen, leidenden Menge ab-\nzuwenden, die Menge zu enthetzen. Und sie Menschlichkeit zu lehren.\nSeine Sache ist, doch seine größte bis zum Tode, daß die Lehre von der\nMenschlichkeit kein „Schwatz\" wird."}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1977, "texte": "Der Schluß dieser Bejahung autokratischer Gewalt, ist eine symbo-\nlistische Polemik gegen Christus:\n~Der an dem Baum des Heiles hing, warf ab •\nDie Blässe blasser Seelen, dem Zerstückten\nIm Glut-Rausch gleich . . .\"\nGeorge bringt seine Erlösung, griechisch-germanische Götter:\n„Apollo lehnt geheim\nAn Baidur: „Eine Weile währt noch Nacht.\nDoch diesmal kommt vom Osten nicht das Licht.\"\nGeorges Rat, die Macht zu gewinnen:\n„Der Kampf entschied sich schon auf Sternen: Sieger\nBleibt, wer das Schutzbild birgt in seinen Marken,\nUnd Herr der Zukunft, wer sich wandeln kann.\"\nUnd dieser Schluß, der Rat nicht etwa, geredete Liebe endlich zu\ngeschaffener Liebe zu machen, sondern skrupellos eine andere Denk-\nund Gefühlsmythologie zu „verfügen\", da die besser zur Herrschaft führe,\ndieser Schluß mit Seelen-Industrialismus ist das Traurigste an den acht\nSeiten der neuen Nationaldichtung.\n*\nMan wertet den mißlungenen Volksredner und den angemaßten Seher\nnicht an früheren oder anderen Dichtungen. Nicht an Büchern. Und an\ndenen hat man sie auch nicht zu messen.\nMan mißt sie an Schicksalen.\nNur einen Moment denke man neben dem Volksroman an das Zucht-\nhaus Karl Liebknechts, und an seinen ungeheuren, wissenden Kampf,\nder um anderes gijig als um die älteren Schulden eines Fabrikanten.\nUnd vor allen Worten völkisch predigender Dichter, höre man neu\ndas letzte Wort, das Friedrich Adler vor seiner Verurteilung in den Gerichts-\nsaal rief:\n„Nicht alle sind tot, die begraben sind,\nCDenn sie iöien den Qeist nicßi, ißr Qßrüder!\"\nAn diesen Menschen zerstiebt der geblähte Ehrgeiz, der nur wirken\nwill. Denn jene wollen nicht nur wirken, sie wollen verwirklichen.\nStellt man Schicksale als Vorbild auf, und nicht Bücher, so könnte\nder Gedanke kommen: Die Erfinder der Bücher sitzen da,, mischen sich\nnicht unter die Menge, sorgen für ihre innere Sammlung; könnten also\nnicht gerade sie durch ihre Gestaltung des Phantasiebildes an Konsequenz\nzumindest jene Schicksale weit übertreffen?"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1856, "texte": "Ist das überhaupt möglich? Es ist nicht möglich. Der Gedanke ist\nfalsch. Denn vor dem Gesicht der Unbedingtheit ist kein Unterschied\nzwischen Sprechen, Schreiben, Veröffentlichen, und Tun.\nGesinnung ist alles. Aber was ist diese Gesinnung?\nQesinnung ist, was einer mit seinem ganzen Beben macht.\n*\nIch beobachte, daß es anderen Völkern nicht sehr viel besser geht.\nEtwas schon, denn manche Nationen haben das, in Jahrhunderten selbst\nerrungene Glück, daß ihr Bedürfnis, laut ihre Not zu sagen, stärker ist\nund stärker anerkannt wird. Aber die Führer der Menschheit sind nicht\ndie, die selbst sich dazu erwählt haben, nicht die alten großen Schrift-\nredner, auf die bis zum Kriege jedes Volk so gehört hat, bis, im Augen-\nblick der Krise, die Eitelkeit zum Verrat schwoll, da die Macht sie\numschmeichelte. Die Führer der Menschheit kommen aus der Menge, der\nsie gehören, und sie sind auserwählt vom Geist. Denn nicht, um Führer\nzu sein, führen sie, sondern weil gerade kein anderer da ist, der es an\nihrer Stelle täte; und sie tun das, indem sie an dem einzigen Moment,\nder ganz ihr Leben und ihr Können ist so einfach die auch sein mögen\neingreifen.\nWer wissen will, wie es unter den Deutschen steht, der darf nicht auf\ngerühmte Namen hören.\nEr achte auf die Jungen, Ungerühmten, grad noch nicht Totgeschossenen.\nEs beginnt. Ganz winzig. Doch es beginnt. Und dieser Beginn wird nicht\nwie einst organisierter Gewerklerstreik durch Verteilen von Speckseiten\naus Kriegskammern zu ersticken sein. Untheatralisch, zäh, langsam, vom\nEntsetzen des Einfachsten her, ganz aus dem Kleinen zuerst, wird es zur\nFreiheit gehen. Ein schwerer Gang noch schlafdumpfer Menschen.\nAlles ist noch zu tun. Wir stehen erst am Anfang einer Vorläufer-\ngeneration vom Leben fürs Bewußtsein dessen, was Freiheit ist.\nAber schon am Anfang. Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c004", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "13", "page_fin": "19", "image_debut": 15, "image_fin": 21, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.4", "titre_corps": "DER FREMDE UND DER BAUER", "titre_sommaire": "DER FREMDE UND DER BAUER", "signature_source": "Leo Colstoj", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 15, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2098, "texte": "DER FREMDE UND DER BAUER\nLeo Colstoj:\nDiese mächtigen Worte stellen wohl die letzte, ganz programmatische Klärung\nder Ideen Tolstojs dar. Das Äußerste und Unbedingteste wird hier auf beispiel-\nlose Art mit dem einfachsten und geradesten Ausdruck gesagt.\nDer Dialog trägt den Vermerk :„12. Oktober Jasnaja Poljana\". Er\nkam erst im Jahr 1917 aus dem Nachlaß in die Öffentlichkeit.\n[ln einer Bauernhütte.] Der fremde, ein alter Mann, sitzt auf der\nBank und liest in einem Buch. Der Bauer ist von der Arbeit heimgekehrt,\nsetzt sich zum Abendessen nieder und bietet dem Reisenden an. Dieser\nlehnt ab. Der Bauer ißt. Nach dem Essen steht er auf, betet und setzt\nsich zu dem Fremden.\nBauer: Welcher Zufall hat dich hierher verschlagen?\nFremder: [Nimmt die Brille ab, legt das Buch wieder weg.] Es\ngeht kein Zug mehr, erst morgen geht einer. Auf der Station ist kein\nPlatz, da fragte ich deine Alte, ob ioh nicht hier übernachten könnte.\nSie ließ mich.\nBauer: Mir ist's recht.\nFremder: Danke. Nun, wie geht's hier heutzutage?\nBauer: Wie es geht? Schlecht natürlich.\nFremder: Wie kommt das?\nBauer: Es kommt daher, weil nichts zum Leben da ist. Unser Leben\nsteht so, wie man's schlimmer nicht finden kann. Ich zum Beispiel muß\nneun Mäuler füttern, und habe im ganzen nur sechs Maß geerntet. Wie\nsoll man da auskommen? Was bleibt einem andres, wie als Knecht zu\narbeiten. Aber, geht man in Dienst da sind die Löhne herunterge-\nschlagen. Die Reichen machen mit uns, was sie wollen. Die Menschen\nhaben sich vermehrt, aber Land ist nicht hinzugekommen. Nur die Steuern\ndie werden immer höher. Da zahlt man Pacht, Bezirksgelder, Landsteuer,\nBrückensteuer, Versicherung . . . was weiß ich alles dann kommt noch\nder Pope und die Herrschaft. Wer mag, reitet auf uns herum.\nFremder : Und ich dachte, das Bauernvolk lebe heutzutage sehr gut.\nBauer: Wieso gut, wenn man tagelang nichts zu beißen hat?\nFremder: Ich dachte mir das deshalb, weil man ja mit dem Gelde\nnur so um sich schmeißt.\nBauer: Mit dem Geld um sich schmeißt? Wie kann man nur so\nreden. Wir verhungern schier, und da redet einer vom Schmeißen mit Geld."}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1987, "texte": "Fr emder: In den Zeitungen steht aber, daß im vorigen Jahr das\nBauernvolk 700 Millionen eine Million ist tausend mal tausend Rubel\nalso 700 Millionen Rubel in Schnaps vertrunken hat.\nBauer: Trinken denn wir allein? Man muß nur sehen, wie die\nPopen saufen, Nummer Eins! Die Herrschaft macht's auch nicht schlecht.\nFremder: Das ist aber nur ein kleiner Teil, der Hauptteil fällt\ndoch auf die Bauern.\nBauer: Na, soll man am Ende gar nicht trinken?\nFremder: Nein, ich meine bloß, wenn man 700 Millionen im Jahr\nfür Schnaps übrig hat, da kann's ja nicht gar so schlecht stehen. Denk einer\nan: 700 Millionen, keine Kleinigkeit!\nBauer: Wie soll man aber ohne Schnaps auskommen? Wir haben\nden Schnaps nicht ausgedacht, wir werden ihn auch nicht abschaffen:\nEin Kirchenfest, eine Hochzeit, ein Totenschmaus, oder wenn man einen\nHandel begießt wie wollte man das ohne Schnaps machen? Es ist\nnun einmal Brauch.\nFremder: Es gibt aber Menschen, die nicht trinken. Und leben\ndoch. Viel Gutes habt Ihr am Schnaps auch nicht.\nBauer: Mehr Schlechtes als Gutes.\nFremder: Da sollte man also lieber nicht trinken.\nBauer: Ob man trinkt oder nicht zum Leben langt es doch\nnicht. Es fehlt an Land. Hätten wir Land, so könnte man immerhin noch\nleben, aber das Land ist nicht da.\nFremder: Wieso denn? Wo man hinblickt, überall ist doch\nLand da.\nBauer: Ja, Land ist schon da, aber es gehört nicht uns.\nFremder: Nicht Euch? Wem gehört es* denn?\nBauer: Wem? Man weiß ja wem. Unser Dicker, zum Beispiel, der\nallein hat 1700 Desjatin (Hektar) Land ganz allein, wir haben nicht\neinmal Land genug, um Hühner zu halten. Nächstens müssen wir ge-\nradezu das Vieh abschaffen, weil wir keine Weide haben. Gerät aber ein\nKalb oder ein Pferd von uns auf seine Weide sofort gibt's Strafe;\nverkauf dein Letztes und zahl!\nFremder: Wozu braucht er denn allein soviel Land?\nBauer: Wozu? Er weiß schon wozu: er sät, erntet, verkauft und\nlegt das Geld auf die Bank.\nFremder: Kann er denn so ein Riesenstück Land beackern und\nbebauen?"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1813, "texte": "Bauer: Du redest wie ein Kind. Er hat doch Geld, er dingt Ar-\nbeiter, und die ackern und bauen.\nFremder: Aber die Arbeiter, die sind doch wohl auch Leute\nvon euch.\nBauer: Einige sind von hier, einige sind Fremde.\nFremder: Aber es sind doch lauter Bauersleute?\nBauer: Gewiß, es sind Leute von uns. Wer soll denn sonst arbeiten,\naußer den Bauern? Gewiß, es sind lauter Bauern.\nFremder: Und wie wär's, wenn die Bauern nicht für ihn arbeiten\nwürden ...\nBauer: Einerlei, uns wird er das Land doch nicht geben. Mag das\nLand brach liegen, wir kriegen's doch nicht. Wie der Hund auf dem\nHeu weder frißt er's selber, noch gönnt er's andern.\nFremder: Wie kann er denn das Land vor euch bewahren? Es\nhat doch gewiß seine fünf Werst in der Länge? Kann er es denn be-\nwachen ?\nBauer: Was ist das für Gerede! Er selber liegt auf dem Fell und\nsetzt Fett an, aber er hat doch Wächter.\nFremder: Aber die Wächter die sind doch wohl auch Bauern\nwie Ihr?\nBauer: Gewiß. Das sind auch Leute von uns.\nFremder: Also bearbeiten die Bauern das Land für den Herrn\nund bewachen es dann vor sich selber?\nBauer: Wie sollte das denn anders sein?\nFremder: Es sollte so sein, daß keiner für ihn arbeitet und keiner\nsich als Wächter verdingt, dann wäre das Land frei. Die Erde ist von\nGott, und die Menschen sind von Gott da, so mag jeder ackern, säen,\nernten, soviel er braucht.\nBauer: Wir sollten also streiken? Dagegen hat man aber Soldaten,\nmein Bester. Sie schicken die Soldaten her: eins, zwei, Feuer! Die\neinen werden erschossen, die andern gefangen! Mit Soldaten ist nicht\nviel zu reden.\nFremder: Aber die Soldaten sind doch auch Bauern? Warum\nschießen sie denn auf ihre eigenen Leute?\nBauer: Und ihr Eid?\nFremder: Eid? Was ist das, ein Eid?\nB au er: Verstehst du denn die Sprache nicht? Eid das heißt eben Eid.\nFremder: Sie schwören also?"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2029, "texte": "Bauer: Gewiß doch. Der Soldat schwört beim Kreuz und den\nEvangelien, für Thron und Vaterland sein Leben einzusetzen.\nFremder: Aber ich meine, das sollte man nicht tun.\nBauer: Was nicht?\nFremder: Man soll nicht schwören.\nBauer: Wie soll man nicht schwören, wenn es im Gesetz steht.\nFremder: Nein, im Gesetze steht es nicht. Im Gesetze Christi\nheißt es ganz klar: Du sollst überhaupt nicht schwören.\nBauer: Oho! aber die Priester?\nFremder (nimmt das Buch, schlägtauf, sucht die Stelle und liest):\n„Es ist gesagt worden: Du sollst deinen Eid halten, sage\neuch, daß ihr überhaupt nicht schwören sofft. Eure Rede sei: ja, ja;\nnein, nein; was darüber ist, das ist vom Übel.\" (Matth. V. 34, 37.)\nNach dem Gesetz Christi darf man also nicht schwören.\nBauer: Aber ohne Eid, da gäbe es ja überhaupt keine Soldaten.\nFremder: Wozu braucht man denn die Soldaten?\nBauer: Wozu? Wie wird das aber, wenn unseren Zaren fremde\nZaren überfallen was dann?\nFremder: Die Zaren fangen selbst Streit an, da sollen sie auch\nselber miteinander fertig werden.\nBauer: Ja a! Wie ist das möglich!\nFremder: Es ist so: Wer an Gott glaubt, der wird keine Menschen\ntöten, man mag ihm sagen, was man will.\nBauer: Warum hat also der Pope in der Kirche den Erlaß ver-\nlesen, als der Krieg begann, alle Reservisten müßten sich stellen?\nFremder: Das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß es im sechsten\nGebot ausdrücklich heißt: Du sollst nicht töten. Es ist also verboten,\ndaß ein Mensch den anderen töte.\nBauer: Das ist im Frieden. Aber im Krieg geht es nicht. Da sind\ndie Feinde da.\nFremder: Nach dem Evangelium Christi gibt es keine Feinde, man\nsoll Alle lieben (schlägt das Evangelium auf und sucht).\nBauer: Lies doch vor!\nFremder (liest): „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist:\nDu sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.\nIch aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts\nschuldig.\" Und dann heißt es auch: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist:\nDu sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.19", "debut_caractere": 3, "fin_caractere_exclue": 2092, "texte": "sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euer fluchen; tut wohl denen,\ndie euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.\"\n(Matth. V. 43, 44.)\n(Lange Pause.)\nBauer: Und die Steuern? Da soll man womöglich auch keine Steuern\nzahlen ?\nFremder: Das mußt du halten, wie du willst. Wenn du selbst\nhungrige Kinder hast, dann müssen natürlich zuerst die ernährt werden.\nBauer: Man braucht also überhaupt gar keine Soldaten?\nFremder: Wozu denn nur? Millionen und aber Millionen bringt\nihr dazu selber auf; das ist keine Kleinigkeit, so eine Horde von Menschen\nzu erhalten! Beinahe eine Million Fresser, und welchen Nutzen habt ihr\nvon ihnen? Ihr bekommt das Land nicht, und sie schießen noch auf euch.\n(Der Bauer seufzt und schüttelt den Kopf.)\nBauer: Es ist wahr. Aber da müßten alle gleichzeitig anfangen.\nWiderstand von einem Einzelnen oder von zweien da wird man bloß\nerschossen oder nach Sibirien geschickt, damit ist es aus.\nFremder: Aber es gibt auch jetzt schon solche Menschen, junge\nBurschen, die sich für Gottes Gesetz einsetzen, gehen nicht zum Militär.\nJeder tut seine Sache für sich. „Ich kann nicht gegen das Gesetz\nChristi Mörder sein. Macht mit mir, was ihr wollt, aber ich fasse\ndas Gewehr nicht an.\"\nBauer: Nun, und was dann?\nFremder: Sie kommen ins Gefängnis und sitzen - die Armen -\ndrei, vier Jahre. Aber man sagt, sie hätten es dort gut, denn die Obrig-\nkeit es sind ja auch nur Menschen hat vor ihnen Achtung. Und\nmancher wird einfach so entlassen, angeblich weil er untauglich ist,\nwegen schwacher Gesundheit. Mancher Riesenkerl, der bombengesund\nist, wird für untauglich erklärt, nur weil man Angst hat, ihn zu nehmen,\ner könnte die anderen aufklären, Soldat sein, sei gegen Gottes Gesetz.\nSo entläßt man ihn einfach.\nBauer: Was du sagst!\nFremder: Es kommt vor, daß man entlassen wird, aber es kommt\nauch vor, daß man sein Leben läßt. Doch die Soldaten lassen ja auch ihr\nLeben und werden obendrein noch verstümmelt: der eine kein Bein\nmehr, der andere ohne Arme . . .\nBauer: Du bist mir aber ein Schlauer. Das wäre ja alles schön,\naber so geht es nicht."}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2099, "texte": "Frem d e r:-Warum geht es nicht?\nBauer: Eben darum.\nFremder: Warum denn nicht?\nBauer: Darum, weil die Obrigkeit die Macht hat.\nFremder: Ja, aber die Obrigkeit besitzt die Macht deshalb, weil ihr\ngehorcht. Gehorcht ihr den Vorgesetzten nicht, so gibt es auch keine Obrigkeit.\nBauer (schüttelt den Kopf): Ei Wunder, was du da redest. Wie\nwär denn das ohne Obrigkeit? Es geht nicht ohne Obrigkeit.\nFremder: Gewiß geht es nicht. Aber wen hältst du für deine Obrig-\nkeit: den Polizeigewaltigen oder Gott? Wem willst du gehorchen: der\nPolizei oder Gott?\nBauer: Welche Frage! Über Gott geht nichts. Zu allererst gilt,\nnach Gottes Gebot leben.\nFremder: Dann muß man aber Gott gehorchen, nicht den Menschen.\nWenn aber einer nach Gottes Gebot lebt, so wird er keinen Menschen\nvon irgend einem Stück Land vertreiben, wird nicht Feldhüter oder\nt\nGendarm werden, wird keine Steuern eintreiben, und wird vor allem\nnicht Soldat werden, er wird's nun einmal nicht, denn er kann sich nicht\ndarauf vereidigen lassen, Menschen zu töten.\nBauer: Aber die Popen? Sie müssen's doch wissen, daß es nicht\nnach dem Gesetz zugeht, warum lehren sie nicht, wie es sein sollte?\nFremder: Das weiß ich nicht. Sie tuen das ihrige, tu du das deine.\nBauer: Ja, ja, die Popen mit ihren langen Mähnen . . .\nFremder: Das ist nicht recht von dir. Anstatt andern Schuld zu\ngeben, sollte jeder erst an sich denken.\nBauer: Das ist wahr.\n(Langes Schweigen. Der Bauer schüttelt den Kopf und lächelt vor\nsich hin.)\nBauer: Du meinst also, wenn wir mit vereinten Kräften alle auf\neinmal losgingen, dann würde das Land uns gehören und wir hätten\nkeine Steuern zu zahlen?\nFremder: Nein, Bruder, das meine ich nicht. Ich meine nicht, daß\nnach Gottes Gesetz leben heiße, uns soll das Land gehören und wir\nbrauchen keine Steuern zu zahlen; sondern ich meine, daß unser Leben\nnur deshalb so schlecht ist, weil wir selbst es schlecht führen. Würden\nwir göttlich leben, so gäbe es auch kein schlechtes Leben. Wie unser\nLeben aussehen würde, wenn wir nach dem Gesetz Gottes lebten, das\nweiß Gott allein, aber ganz gewiß würde es dann kein schlechtes Leben"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2228, "texte": "mehr geben. Wir selber betrinken uns, schimpfen, schlagen uns, laufen\nzum Richter, beneiden einander, hassen die Menschen, hören nicht auf\ndas Gesetz Gottes, beschuldigen die Renschen, der eine ist „der Dicke\",\nder andere „der mit der langen Mähne\" . . . aber kaum lockt man uns\nmit Geld, so übernehmen wir jeden Dienst: als Wächter, als Polizist, als\nSoldat, und wir sind bereit unseren eigenen Bruder zu pressen, auszu-\nsaugen und zu ermorden. Wir selber leben teuflisch und klagen die\nanderen an.\nBauer: Auch das ist wahr. Aber es ist schwer, so schwer. Manch-\nmal langt die Kraft nicht.\nFremder: Für seine Seele muß man leiden.\nBauer: Ja, es ist wahr. Deshalb leben wir so schlecht, weil wir\nGott vergessen.\nFr emder: Eben. Deshalb ist das Leben so schlecht. Ja, gewiß, die\nLeute, die immer Streik predigen, sagen: wir wollen mal diese und diese\nHerren und die dickbäuchigen Reichen ausrotten, alles Böse kommt\nvon ihnen dann wird unser Leben gut werden. So mordeten sie und\nmorden weiter, aber nichts kommt dabei heraus. Dasselbe1; meint die\nObrigkeit: Wir wollen erst, sagt sie, ein paar tausend Menschen auf-\nhängen und in den Gefängnissen krepieren lassen, dann wird das\ngute Leben anheben. Aber schau, das Leben wird nur immer schlechter.\nBauer: Das stimmt. Ohne Entscheidung geht's nicht, alles muß\nsein Gesetz haben.\nFr emder: So ist es. Entweder oder: entweder du dienst Gott,\noder dem Teufel. Willst du dem Teufel dienen, so trinke, schimpfe,\nschlage, hasse, sieh auf deinen. Vorteil, höre nicht auf das Gesetz Gottes\nsondern der Menschen, und dann wird das Leben schlecht sein; willst\ndu aber Gott dienen so höre auf Ihn allein, übervorteile niemanden,\naber tadele auch niemanden, hasse nicht, beginne nichts Schlechtes,\nund es wird kein schlechtes Leben geben.\nBauer (seufzt): Du redest schön, Alter, sehr schön, wir hören nur\nzu wenig darauf. Ach, hätte man mehr so zu uns geredet, dann wäre\nalles anders. Auch die aus der Stadt kommen, die reden allerhand, wie\nman das Leben besser einrichten soll; sie verstehen zu schwatzen, aber\nes ist nicht viel dahinter. Dank dir, Alter. Du hast Gutes gesagt.\nNa, wo willst du dich hinlegen? Auf den Ofen vielleicht? Meine\nAlte wird dir ein Bett machen.\nvon #rida flehalt)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c005", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "21", "image_debut": 22, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.5", "titre_corps": "MENSCHENLEBEN", "titre_sommaire": "MENSCHENLEBEN", "signature_source": "Twan goll", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 22, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2252, "texte": "MENSCHENLEBEN\nTwan goll:\nUnter Miljukoff wurde die Todesstrafe abgeschafft. Unter Kerensky er-\nsteht sie wieder.\nSeit anderthalben Jahrhunderten schwankt ganz Europa hin und her\nund weiß nicht: hat der Mensch ein Recht, an das Heiligste, was es auf\nErden gibt, das Leben, zu rühren! Beccaria sagt nein, Rousseau sagt ja.\nUnd so kommt es, daß es im Juli 1917, früh um fünf, auf dem Boulevard\nArago in Paris, möglich ist, einen Vatermörder zu sehen, der im Büßer-\nhemd und barfuß zu seinem Henker wandert. Das schwarze, schwerfällige\nMöbel des Docteur Guillotin steht da wie eine Theaterkulisse: Mittelalter.\nIm April 1917 hat die russische Revolution die Todesstrafe abgeschafft.\nIm Juli sie wieder eingeführt.\nWieviel Pomp, wieviel Bombast um eines Menschen Tod! Wieviel\nGeist, wieviel Scharfsinn für anormale Mitbürger verspritzt!\nAber dabei ist es in den vergangenen Jahrhunderten niemand einge-\nfallen, den Massenmord, den Krieg, den Millionentod so unter die Lupe\nzu nehmen. Große Gelehrte standen auf, die Idee des Krieges zu propa-\ngieren. Keiner fand sich, ihn ernstlich, eingehend, kritisch zu verurteilen.\nUnd was geschieht? An demselben Tage, an dem der strohblonde Kopf\ndes Vatermörders in die Sägespäne rollt, nachdem ihn ein Priester noch\nschallend geküßt in derselben Zeitungsspalte verkündet der militärische\nBericht, in Flandern seien zehntausend. Väter und Söhne vom Eisen zer-\nrissen, vom Feuer gepackt, von tollen Menschen durchbohrt worden.\nDer Europäer liest das und wundert sich nicht. Das ist Alltagsküche.\nDas ist der tägliche, militärische Bericht. Das ist der Gang des Krieges,\nder Welt! Zehntausend herrliche, junge, singende Brüder erwarteten seit\ndrei Jahren den Tod zwischen Blut, Dreck, verlausten Säcken und ver-\nrückten Menschen. An einem Tag, auf ein Zeichen des Generals, trieb man\nsie in den wissenden, in den bewußten Mord. Und in den eigenen Tod.\nSie trugen Felduniformen wie Büßerhemden und Henkersschürzen. Sie\nwaren keine Idioten, keine Trunkenbolde, keine Vatermörder: aber sie\nmußten tausendmal mehr leiden als der möglichst „menschlich\" behandelte\nGuillotinierte.\nIst es nicht an der Zeit, Mitmenschen, darüber nachzudenken? Nicht\neinem Rechtslehrer allein, nicht Politikern allein fällt die Aufgabe zu, son-"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2281, "texte": "dem jedem von euch, ihr Mitschuldigen, ihr Bürger, ihr Wähler, auf deren\nKonto, in deren Namen ein Vaterland mit Blut bezahlt wird.\nIhr selber seid plötzlich die Schuldigen! Geht in euch! Die Toten\nklagen euch an! Denket darüber nach!\n• •\nDenn ach, ihr habt noch nicht darüber nachgedacht! Nein!\nZeitgenossen, ihr seid noch im stumpfen Trott des Mittelalters. Noch\nlebt ihr hin im verwesenden Stagnieren der Tradition und der Gewohnheit.\nNoch begnügt ihr euch mit den bequemen, geprägten Lebensformeln.\nZeitgenossen, ihr seid alte Menschen; ihr lebt von Bibliotheken Weisheit\nund Kriegsgeschichte und staubzerfressener Religion. Ihr lebt das Gestern\nder Ahnen, nicht das Heute des Blutes!\nIhr alle seid schuld an diesem Massenmord! Nicht nur ein Minister,\nnicht nur ein Geschichtsprofessor oder ein Kanonenlieferant: auch du, Krämer\nimschmaligen Hinterladen, auch du, armseliger Bureaukrat! Ihr Zeitgenossen,\ndie ihr keine Menschen wäret, sondern Ziffern einer Statistik und Nummern\neiner Organisation! Ihr Brüder, die ihr getreue Enkel wäret und pietätvoll\ndie verbrecherischen Worte blinder Ahnen übernähmet; die ihr Enkel wäret,\nund nicht daran dachtet, selbst Väter zu sein.\nIhr habt nicht darüber nachgedacht! Und ihr habt doch einen Geist!\nWas habt ihr mit eurem Geist angefangen? Schöne Literatur. Museen.\nFamilienständchen. Euer Geist war euer Käfig, statt euer Flügel zu sein.\nDie geistige 'Revolution. Es gilt die Befreiung eures Geistes! Und\nwie macht ihr das? Tut, was des Geistes ist: denket, glaubet, liebet!\nDenket nach über euch selbst!\nGlaubet an den anderen!\nLiebet, liebet! Ihr Träger des köstlichsten Kleinods auf Erden, des\nGehirns; ihr, geschmückt mit dem rötesten Stern in der Welt, dem Herzen:\nwas wird ein 'Wütender können gegen das Bäcßefn der Biebe?\nRettet euch aus dem Mittelalter. In die Plunderkästen, in die Theater-\ngarderoben, Uniform und Büßerhemd!\nIhr Menschen, ersteht und werdet das, wozu ihr geboren seid.\nWisset, wisset, daß ihr lebt! Daß es nichts Größeres gibt auf dem Erd-\nball als ein bewußtes Menschenleben: und ihr werdet den Tod in jeder\nForm verabscheuen. Der Mitmensch wird eure Religion sein.\nDenket darüber nach! Und eure Schuld wird gestrichen sein.\nWerdet mehr wollen wir nicht werdet geistig und menschlich,\n9\nihr Geistmenschen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c006", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "22", "page_fin": "23", "image_debut": 24, "image_fin": 25, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.6", "titre_corps": "ZUM EWIGEN GEDÄCHTNIS", "titre_sommaire": "ZUM EWIGEN GEDÄCHTNIS", "signature_source": "Alfred Wolfenstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 24, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2349, "texte": "ZUM EWIGEN GEDÄCHTNIS\nAlfred Wolfenstein:\nGlaubt ihr nicht, daß die Römer, welche dunkle beflorte Feste be-\ngingen, zum Andenken eines abgesunkenen Abendsterns, eben dadurch dem\nAufsteigen eines Morgensterns entgegenkamen ? Ihr müßt es wohl glauben,\ndenn beide Sterne sind nur einer.\nJean Paul, Vorschlag politischer Trauerfeste.\nWir verlangen voneinander: Vergesset den Krieg nicht! Wir rufen allen\nGegenwärtigen und Kommenden zu: Behaltet den Krieg im Gedächtnis! genau!\nMit einer Genauigkeit der Seele, die in sich selbst hinein ebenso scharf\nausschwingt wie nach außen. Mit der Genauigheit einer leidenschaftlichen\nStirn, die ihre Bewegungskraft in die Welt hinaus liebt, aber zugleich ihr\nBewußtsein nicht hindert, sich fragend umzublicken, von welchen\nDunkelheiten sie geschoben werde. Mit der Genauigkeit eines sehenden\nMenschen, dem die Zahlen der Vergangenheit ein Winziges sind gegen das\nLauern der Vergangenheitstriebe, die wir noch immer gegenwärtig unter\ndem Herzen tragen.\nNiemals wieder dürfen Menschen in der Schule sitzen, um den Krieg nur\nzu lernen. Er sitzt in uns und lehrt, furchtbarer als ein Lehrer. Und ihre zu\nerwartenden riesigen Darstellungen, ihr Zeigefinger, der herumfragt, ob\nMarne, Champagne, Somme, Arras die richtige Aufeinanderfolge der Ent-\nwicklung sei, der Wissensstoff aller Klassen soll unser Schon-Wissen\nnicht mehr überwuchern.\nAuch ich habe meine kindliche Lektüre noch allzu genau im Gedächtnis,\nwie die Kriege ausbrachen, sich unterschieden, scheinbar immer wieder zu\nEnde gingen, wie die Fürsten durchs Siegestor einzogen und ihre Unter-\ngebenen ihren Untertanen wieder zuführten; aber mit schmetternden Trom-\npeten doch immer nur in dem einen Lande. Im anderen war Trauer.\nDiesmal werden am Tage des Friedens wohl in äffen Ländern freudig\nErregte einziehen, denn es ist der Weltkrieg. Und doch, gerade diesmal\nsollte überall gleichmäßig die Trauer, bescheidene, sich schämende, zu\nStrafe und Kampf gegen die eigene Brust entschlossene Trauer in die\nHäuser zurückkehren und aus Häusern zu Boden blicken. Die Aufatmenden,\nsie sollten sich ihrer Freude nicht zu weit vergessen, Scham müßte überall\ndie Krieger vom unmenschlichen Marsch zurückbegleiten, stumme Musik.\nAber ich sehe die Meisten stirnrunzelnd vor solcher Aufforderung den\nRücken wenden. Es sind die Optimisten des Augenblicks; die es lähmend"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.25", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2554, "texte": "♦\nfinden, zu bereuen und nicht schleunigst wieder friedlich zu sein. Sie sehnen\nsich, das Banner des Krieges sogleich als Fahne des Friedens wieder zu\nentrollen. Trotzdem glaube ich daran, es könnte gelingen, wenigstens den ersten\nEinzugstag zu einem erhabenen Tag der Warnung zu machen. Es könnte\ngelingen, das Gewissen dafür zu wecken, daß es nicht eine Gelegenheit\nder Begeisterung werde wie jener erste Tag des Krieges. Dies aber würde\nschon viel sein; denn er bliebe als ein Vorbild stehen, als ein Vorbild\nkünftiger Gedenktage, die ihm bald mit Sicherheit folgen würden wie\nihrem Führer, und die wir nicht wie Sedantage feiern, sondern die wir\ntrauern.\nFür solche Wandlung des Einzugstages müßten alle diejenigen sorgen,\nderen kleines Land sich quer durch diese Kriegserde erstreckt, und die,\nentgeistert vom Beginn der Schandtaten, beseelt von neu nachwachsender\n.Menschlichkeit, nicht sogleich wieder frech in die Sonne des Friedens\nstarren können.\nIhre Versammlungen, nicht in schwarz ausgeschlagenen Sälen, weil ihre\nTrauer dennoch dem JLoichiund dem {Kampf um das Licht verwandt ist,\nwürden wehender als Fahnen, ihre Reden zueinander lauter als die aus-\ngerichteten Musikwirbel sein: Daß sie die Wahrheit nicht übertönen wollen,\nmacht ihre Stimme kräftiger als der Scheinjubel der Kriegsvergessenen ist.\nDenn wer von einer Blume die grünen Blätter abreißt, daß sie voll\nBlüten wie eine Wüste voll Lampions dasteht, ein Gespenst, dessen Ur-\nsprung man kaum noch sieht, ein illuminiertes Waisenhaus: tut etwas\nÄhnliches wie der Veranstalter eines Friedensfreudenfestes. Zu diesem\nFrieden gehört der Krieg und darf nicht von ihm hinweggelogen\nwerden. Es darf nicht aus künstlich reinem Gewissen mit einem Mal\nJauchzen ausbrechen, als sei er der menschlichen Schöpferkraft entsprossen.\nVom Kriege kam er! es ist nicht anders. Noch sind die Menschen nicht\neindeutig Menschen, noch ist ihnen beides möglich, diese Erkenntnis werde\nihnen nicht geschenkt. Von solchem Frieden darf das Kriegerische nicht\nabgetrennt und fortgedacht werden, er ginge sonst am schnellsten ein.\nAber Tage einer Trauer, die in die Gefährlichkeit unseres Innern hinein-\nleuchtet;— Tage der Versammlung Körper an Körper, die einander\ngegenwärtig fühlen, vom Gedächtnis des Früheren aneinander hinbewegt,\nso daß schöpferisch die Funken einer menschlich kämpfenden Zukunft aus\nsolcher Versammlung, aus ihrer Berührung, entspringen, in Kirchen viel-\nleicht, quer durch alle anderen Glauben; Tage des Bewußtseins, daß\nder Krieg nicht vergangen ist: können ihn vergänglich machen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c007", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "41", "image_debut": 26, "image_fin": 43, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.7", "titre_corps": "DAS LIEBESPAAR", "titre_sommaire": "DAS LIEBESPAAR", "signature_source": "Leonhard Frank", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 26, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.26", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2059, "texte": "DAS LIEBESPAAR\nLeonhard Frank:\nFrüh um fünf Uhr läutete die Wohnungsglocke langgezogen in den\nTraum des Rechtsanwaltes hinein.\nDer Schlaftrunkene tappte durch den dunklen Wohnungsflur zur ver-\nschlossenen Tür. „Wer ist da?\"\n„Die Polizei.\"\nSofort fiel ihm ein, daß er am Tage vorher in einer Gesellschaft ge-\nsagt hatte: „Der Hotelkellner, der die revolutionären Friedensdemon-\nstrationen verursacht und dabei den Leuten erklärt, daß militärische Erobe-\nrungen menschenunwürdig und militärische Siege nicht maßgebend sind\nfür den inneren Wert einer Nation, leistet für die Zukunft unseres Volkes\nmehr, als der berühmteste Heerführer.\"\nUnd jetzt lassen mich die Scharfrichter der Menschlichkeit verhaften,\ndachte der Rechtsanwalt und öffnete. „Wen suchen Sie?\"\n„Der bin ich selbst.\"\n„Sie möchten ins Leichenschauhaus kommen, Herr Doktor. Dort ist\nein Selbstmörder eingeliefert worden, bei dem nur Ihre Visitenkarte ge-\nfunden wurde. Sonst nichts.\"\n„Sonst nichts? . . . Ich meine, sonst liegt nichts vor?\"\n„Sie möchten feststellen, wer der Selbstmörder ist.\"\nNoch Morgenstille in Berlin. Dämmerung in den Asphaltstraßen.\nEine leicht bewegte, in Viererreihen streng geordnete Menschenmenge\nsteht an der Markthalle entlang. Grau, spukhaft und ungeheuer be-\ndrückt.\n„Auf was warten die Leute?\" fragte der Anwalt einen alten Arbeiter,\nder zerrissene, mit Bindfaden geflickte Lackschuhe anhatte.\n„Es gibt städtische Fische . . . Um ein Uhr mittag beginnt der Verkauf.\"\n„Und da stehen die Leute jetzt schon hier? Früh um fünf Uhr?\"\nWie die Worte klingen in der Stille, dachte er.\n„Wir stehen schon seit gestern abend um zehn Uhr hier . . . Die\nRückwärtigen, die erst gegen Mitternacht gekommen sind, kriegen wahr-\nscheinlich nichts . . . Vielleicht aber doch; wahrscheinlich aber nicht.\"\nDer Anwalt ging mit dem Schutzmann weiter. ,Man hat diesem tief\nwunderbaren, geistig entsetzlich ruinierten Volke die Pflicht, für den Staat\nzu leben und zu sterben, eingegeben, und an diesem Brocken würgen die\nsiebzig Millionen daheim und an den Fronten solange, bis sie erstickt"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.27", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2422, "texte": "sein werden im Dienste eines Staates, dessen Geist—vorsichtig gesprochen\nschwer mitschuldig ist am Kriege. Millionen sind schon an dieser falschen\nPflicht erstickt. Wann wird dieses Volk ebenso stoisch für die Freiheit dulden?'\n„Hier ist das Leichenschauhaus.\"\n„Danke. Ich schreibe den Bericht heute noch an das Polizeipräsidium.\"\n»Wenn täglich Tausende an der Front krepieren, weshalb da nicht täglich\nHunderte in der Stadt für die hohe Idee? Für die Verbrüderung? . . . Wo\nist der Idealismus dieses Volkes geblieben?'\nDer lag im Leichenschauhause, in Gestalt von momentan zwanzig\nSelbstmördern, die, ohne zu revoltieren, protestlos die Kulturgemeinschaft\nverlassen hatten.\nEin mit den letzten Errungenschaften der Hygiene ausgestatteter Raum:\ngroße Glasscheiben, große Ventilatoren, große Eisblöcke. Langsam schmelzend\nund die Leichen frisch erhaltend. Kein Gestank. Peinlichste Ordnung,\ndie etwas gestört wurde dadurch, daß fünf Selbstmörder, für welche\nPritschen nicht übrig geblieben waren, auf dem reingewaschenen, farbigen\nSteinplattenboden lagen.\nJetzt, beim Morgengrauen, wird an den Fronten die phantastisch\nwilde Mörderei armer Menschen schon wieder begonnen haben', dachte\nder Anwalt und betrachtete die zwei Erhängten, die, schief und steif,\nin der Ecke hockten, nebeneinander: ein Ehepaar, dem der Krieg zum\nStricke geworden war. Aus -den weitaufgerissenen Mündern heraus strotzten\ndie zwei Zungen: dick, steif, lang, blau.\n,Und wieviele Mütter, Bräute und Väter Europas liegen in dieser\nSekunde wachend in den Betten, mit starr offenen, sehenden Augen? .. .\nEs gibt städtische Fische', dachte der Anwalt. ,So beginnt der Tag.'\nBeim Fenster lag ein Haufen blutiger Dreck, Gedärme, Knochen:\nein alter Mann, der vom vierten Stocke aus hinunter auf das Pflaster\ngesprungen war, nachdem sein Sohn den Heldentod gefunden hatte.\nAuf dem niedern, breiten Fenstersims, in das die Dampfheizung ein-\ngebaut war, lag langgestreckt eine sehr elegante, leichtgeschminkte alte\nDame, die Gift genommen hatte und mit ihren toten Augen einen toten\nJüngling anstarrte, dessen Lippen leises Erstaunen offen hielten.\n,Und wie haben der alte Mann und die alte Dame und der Knabe\ngelitten, bevor sie den letzten Schritt taten? Und wie die Millionen Sol-\ndaten, bevor sie ins Nichts stürzten?'\nDie übrigen sechzehn Kriegsselbstmörder lagen langgestreckt oder\nkrampfkrumm, blutig oder giftbleich auf den abwaschbaren, weißlackierten"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.28", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2408, "texte": "Pritschen, über denen die drei großen Horizontalventilatoren kreisten.\nAuch in die Fenster waren sausende Ventilatoren eingebaut, die das\nWort .Krieg' Tag und Nacht in die Länge zogen.\nDer Leichenwärter führte den Anwalt zu dem vierzigjährigen Manne,\nder, von links gezählt, auf der fünften Pritsche lag und ein ungeheuer\nklagendes, zart hellblaues Gesicht hatte.\nDer Anwalt erkannte in der Leiche sofort den Philosophen, dessen\nEinleitungsband einer .Gegensatzphilosophie' erst kürzlich erschienen war.\nSchrecken und Zorn wechselten in schneller Folge in den Augen des\nAnwaltes, beim Erblicken dieses hellblauen Gesichtes, das erstarrt war\nin der Klage darüber, daß ein dreist-materialistisches, ungeistiges Zeit-\nalter nicht erlaubt hatte, das Lebenswerk aufzubauen und zu vollenden.\n„Weshalb hat er sich denn umgebracht? Weshalb denn?\"\n„Weiß nicht. Aber gewöhnlich liegt die Einberufung zum Militär-\ndienst auf dem Tische; oder die Nachricht, daß der Mann gefallen ist,\nder Sohn . . . Bei dem Mädchen dort war's der Bräutigam.\" Er deutete\nauf das Mädchen, das, von links gezählt, auf der sechsten Pritsche neben\ndem Philosophen lag und wie er ein zart hellblaues Gesicht hatte.\nBeide hatten sich mit Gas vergiftet.\n„Weshalb griff er denn dem Schicksal vor? Er hätte sich doch sagen\nkönnen: nicht alle fallen an der Front.\"\n„So habe ich bis vor zwei Jahren auch gedacht; seither habe ich mit\nvielen Angehörigen gesprochen ... Es ist eben bei vielen nicht die Furcht\nvor dem Tode; es ist die Furcht vor der Kaserne. Es gibt Leute, die\nden Kasernenhof . . . und so weiter nicht ertragen.\" Der Leichenwärter\ni\nsetzte sich, stützte den Ellenbogen auf eine Bahre, auf der eine Wasser-\nleiche lag: ein schlammiges, grünes Etwas ohne Nase und Augen. Der\nBauch war hoch aufgetrieben. Wasser tropfte immer noch gleichmäßig\nvon der reinen, weißen Bahre hinunter auf den reinen Boden. Die Leiche\nwar drei Wochen lang geschwommen.\n,Ist das Leichenschauhaus auch ein Feld der Ehre, auf dem Menschen\nliegen, die gestorben sind für des Reiches Größe und Weltmachtstellung?'\n~ . . . Wer ist dieser Ertrunkene?\"\n„Das weiß man nicht. Zurzeit werden siebzehn Leute in Berlin ver-\nmißt. Einer von diesen ist er . . . Man kommt gar nicht mehr zu sich.\"\nDer Leichenwärter war stark abgemagert, sah übermüdet und schwind-\nsüchtig aus und trug ein offenes Hemd mit Schillerkragen.\n„Viel zu tun?\" . . . ,Weshalb frage ich ihn das?'"}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.29", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2384, "texte": "„Es geht ununterbrochen. Ununterbrochen! Jeden Tag werden durch-\nschnittlich acht bis zehn Selbstmörder eingeliefert . . . Vor dem Kriege\neiner, höchstens zwei im Tage.\"\n„Jeden Tag acht? Allein in Berlin?\" Dabei werden längst nicht alle\nSelbstmörder ins Leichenschauhaus gebracht, weiß ich aus Erfahrung,\ndachte der Anwalt. „Elektrisches Licht ist auch hier?\" , . . . Weshalb frage\nich das?'\nEin paar Sekunden blieb es still im Schauhause. Die Morgendäm-\nmerung lag noch über den Leichen, schmolz sie zusammen zu einer\ndunklen Masse.\n„Ja, auch elektrisches Licht . . . Und rollbare Pritschen. Elektrische\nWeckapparate. Dynamoventilatoren. Überhaupt das Allerneueste auf\ndiesem Gebiete . . . Dieses Luftsaugröhrensystem ist ganz neu.\" Er stand\nmüde auf, drehte am Schalter; drei Bogenlampen zischten, spritzten grell-\nweißes Licht:\ndie zwanzig Leichen schienen lebendig geworden zu sein. Stille und\nwilde Gesichter. Manche sahen aus, als wollten sie etwas sagen.\n„Auch ein Sauerstoffapparat für die mit Gas Vergifteten ist da. Und\nein kleines Wartezimmer für die Angehörigen. Nebenan wohne ich.\"\n„Wohnen Sie? . . . Alles tadellos.\" . . . Was geschieht mit diesem\nVolke? Warum ruiniert man dieses Volk? Dieses geduldige, fleißige,\ntüchtige, temperamentlose, gründliche Volk, das protestlos alle Qualen des\nDaseins trägt und protestlos stirbt, an der Front und in der Stadt. Dieses\nDuldervolk, dem mit Hilfe des denkbar raffiniertesten Systems das Denken\nund damit schon von vornherein jeder Einzelprotest unmöglich gemacht\nworden ist . . . Wenn es endlich einmal protestiert, wird sein Protest ge-\nduldig, fleißig, tüchtig, temperamentlos und ungeheuer gründlich, unge-\nheuer blutig sein . . ~ falls seine Herren in dem von Gott gesetzten Augen-\nblick nicht freiwillig gehen/\nOhne gefragt worden zu sein, sagte der Wärter: „Ich führe eine Sta-\ntistik der Todesarten Berliner Selbstmörder. Momentan habe ich drei\nErhängte, fünf Wasserleichen, zwei Giftleichen, sieben Gasleichen, drei,\ndie sich aus dem Fenster gestürzt haben, und nur einen, der sich er-\nschossen hat; einen Soldaten, der auf Urlaub war. Dort liegt er . . . Die\nPritschen reichen nicht mehr aus. Am häufigsten sind die Gasleichen.\"\n„Weiß man, weshalb sich der Soldat erschossen hat?\"\n„Wird seine Frau nicht so vorgefunden haben, wie sich das gehört.\nOder er wollte nicht mehr hinaus. Viele wollen nicht mehr hinaus . . ."}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.30", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2566, "texte": "Der Mann bringt sich wegen seiner Frau um. Und die Frauen bringen\nsich um, weil die Männer gefallen sind. So löscht kreuzweise Eines das\nAndere aus.\" Er deutete auf das Mädchen, das neben dem Philosophen\nlag: „Das ist eine Ladnerin; bei ihr war's der Bräutigam.\"\n„Das haben Sie mir schon gesagt.\" . . . ,Und jetzt liegt der Philo-\nsoph neben der Ladnerin. Der Knabe neben der alten Dame. Die Wasser-\nleiche neben der Giftleiche. Und am häufigsten sind die Gasleichen. Und\nan der Front liegen Millionen Leichen. Und in Berlin lebt, siegt und\nverdient man weiter. Die Elektrischen fahren. Und in den Theatern wird\ngespielt. Und darauf ist man stolz. Denn das ist ein Zeichen von Kultur.'\n„Haben Sie von der revolutionären Friedensdemonstration gehört?\"\nDer Leichenwärter gab keine Antwort; er wischte wieder das Wasser\nauf, das von der Leiche heruntergetropft war auf den Steinplattenboden.\nPlötzlich zerbrach ein letzter Widerstand, eine letzte Vorsicht im\nAnwalt: er entschloß sich, sofort den Hotelkellner aufzusuchen.\nUnwillkürlich drehte er beim Abschiednehmen das Licht aus. Die\nLeichen schwammen wieder zu einer dunklen Masse zusammen.\nDie Rechnung des Leichenwärters war einfach: ,Da sich in Berlin,\ndas drei Millionen Einwohner hat, in den drei Jahren achttausendfünf-\nhundert Menschen wegen des Krieges umgebracht haben, werden sich in\nganz Deutschland, das siebzig Millionen Einwohner hat, wohl hundert-\nneunzigtausend Menschen wegen des Krieges das Leben genommen haben ...\nUnd wieviele sind aus Gram über den Heldentod ihrer Angehörigen\nallmählich eingegangen? Und wieviele sind wahnsinnig geworden? Und\nwieviele Protestler sitzen im Zuchthause? Wieviel Schwache, Wider-\nstandsunfähige sind krank geworden und eingegangen, bei denen der Be-\nfund des Arztes nur hätte lauten können: eigentlich sind sie verhungert?'\nDer Wärter war ein vorsichtiger Mann; er stand in seinem Privat-\nzimmer vor dem Tische und wog seine Tagesbrotration pedantisch genau\nab; er wollte nicht verhungern; er wollte den Krieg überleben; er war\ninteressiert, zu erfahren, welches positive Resultat das Leid und der\nTod so vieler Menschen nun eigentlich haben werde.\n,Das sind die Hinterlandkriegstoten: bis jetzt, vorsichtig gerechnet,\nhundertneunzigtausend Kriegsselbstmörder in Deutschland. Macht min-\ndestens eine Million Selbstmörder in allen kriegführenden Nationen zu-\nsammen. Kommen hinzu die zehn Millionen Heldentote. Total: elf Mil-\nlionen Tote . . . Kommen hinzu die zehn Millionen lebens- und arbeits-\nunfähig gewordenen Krüppel. Und fünfhundert . . . nein achthundert,"}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.31", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2388, "texte": "nein tausend verpulverte Milliarden, für die den Zins zu erschuften\nden arbeitenden Massen überlassen werden wird . . . Wenn ich nun noch\ndas leider nicht zahlenmäßig errechenbare Seelenleid der Hinterbliebenen\nals unbekannte Pauschalgröße hinzunehme, habe ich ein Recht, auf das\npositive Resultat, das dieser ungeheuere Gesamteinsatz zeitigen wird,\nneugierig zu sein/\nEr betrachtete, mit diesem Gedanken beschäftigt, das von einer\nmächtigen elektrischen Glocke überdachte Klappensystem, das wie\ndas Klappensystem in einer Telephonzentrale mit den Teilnehmern\ndurch elektrische Drahtleitung mit den Toten verbunden war.\nGift- und Gasleichen und solche, bei denen die Todesursache nicht\nbekannt war, lagen drei Tage unter Kontakt mit dem Weckapparat. Ein\nErwachungsseufzer, die winzigste Fingerbewegung löste den Kontakt aus.\nEine Weile saß der Wärter ganz reglos am Tische; er hörte nur\ndas Rauschen der Ventilatoren in der Leichenhalle, glitt immer tiefer in\neinen Gefühlstrichter hinunter und kam wieder zu dem alles zusammen-\nfassenden Schlüsse: ,Wenn man sich überlegt, daß alle, daß auch die\nkompliziertesten, phantastischsten Scheußlichkeiten, die sich ein Menschen-\ngehirn auszudenken vermag, in diesem Kriege begangen worden sind,\ndaß man sich keine Grausamkeit ausdenken kann, die nicht begangen\nworden wäre, und daß außer diesem Vorstellbaren zahllose Schand-\ntaten geschehen sind, die man sich gar nicht ausdenken kann, ist Jeder,\nder im Angesichte dieser Bluttatsache nicht als Protestler im Zucht-\nhause sitzt, nicht irrsinnig wird oder sich das Leben nicht nimmt, ein\nrobustes, gemeines, erbärmliches Individuum. Ein anständiger Mensch,\nein Mensch erträgt das Leben nicht, in dem solches möglich ist und\nauch noch als Heldentum gefeiert wird . . . Unter den hundertneunzig-\ntausend Kriegsselbstmördern waren und in den Irrenhäusern und\nZuchthäusern sind die anständigsten, edelsten Menschen unseres\nVolkes/\nDa riß das markerschütternde Läuten der Totenglocke den Wärter\naus der Tiefe des Gefühlstrichters herauf. Im selben Moment sah er,\ndaß eine Klappe gefallen war, sah die Zahl 6. „Einer aufgewacht!\"\nStürzte hinüber in die Leichenhalle.\nUnd wurde, trotz seiner naturwissenschaftlichen Weltanschauung, ,tot\nist tot; und lebendig ist lebendig' von einem gewaltigen Schrecken in den\nTürrahmen festgenagelt:\ndenn zwei Wiedererwachte, der Philosoph und die Ladnerin, die erst"}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.32", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2268, "texte": "vor einer Stunde kurz hintereinander eingeliefert worden waren, saßen\naufrecht auf den Pritschen.\nSchneller als die Frage: ,Sind die Gasleichen vielleicht infolge der\nganz besonders frischen Ventilatoren- und Eisluft wieder zu sich gekommen?'\nin seinem Kopfe entstand, sprang er zum Sauerstoffapparat, mit den roten\nSchläuchen zu den zwei Wiedererwachten, schob ihnen die Mundstücke\nzwischen die Lippen. „Tief einatmen!\" Und rannte zum Apparat zurück,\ndrehte die Kurbel.\nDie mächtige Totenglocke läutete weiter.\nEin Lächeln, so winzig und fein, als habe er es aus der endlosen\nFerne des Todes mit herüber ins Leben gebracht, saß zwischen den halb-\ngeschlossenen Augenlidern des Philosophen.\nDie weißgesichtige Ladnerin hatte das klare Gefühl, daß sie wieder\nbei Bewußtsein war, noch nicht erlangt.\n„Tief ... gleichmäßig und tief... einatmen ... und ausatmen .. . und\neinatmen\", bat der kurbelnde Wärter.\nDie summenden Horizontalventilatoren beschirmten das Atemtempo.\nDie achtzehn nicht wiedererwachten Leichen umgaben wie an den\nFronten die Heldentoten ihre noch mordenden Kameraden bleich und\nblau, steif und krumm, blutig, totenstill und ungeheuer interesselos die zwei\nAtmenden.\nDer Philosoph war schon bei dem Gedanken angelangt: ,Ich hatte die\nEinberufung bekommen, hatte mich konsequenterweise umgebracht, war...\ntot im Leichenschauhausegelegen. Das ist ein Vorteil. Jetzt werden siemich\nwohl in Ruhe lassen. Werden doch wenigstens einen, der von den Toten\nauferstanden ist, in Frieden lassen. Werden doch nicht zum zweiten Male\nversuchen, einen konsequenten Geist in den Kasernenhof zu stellen, um\nihn für den Menschenmord brauchbar zu drillen. Man hat doch auch\nChristus, nachdem er gestorben und wieder auferstanden war, nicht noch\neinmal gekreuzigt.' Das ferne, kleine Lächeln der Befriedigung steckte\nnoch immer zwischen seinen halbgeschlossenen Augenlidern.\nWährend er folgsam atmete, saß er in Gedanken schon wieder am\nSchreibtische bei seinem unvollendeten Lebenswerke, dessen Geist und\nIdee dem Kasernenhofgeiste entgegengesetzt waren.\n„Einatmen! Ausatmen! Tief atmen!\" Der Wärter schaltete den Strom\nfür den elektrischen Betrieb des Sauerstoffapparates ein,\nsprang hinüber in sein Privatzimmer, um einen leichten Tee für die\nWiedererwachten zu kochen."}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.33", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2375, "texte": "Die Totenglocke trommelte immer noch: rufend, alarmierend, ohren-\nbetäubend.\nElementarster Lebenswille stand auf in der entsetzten Ladnerin, als\nsie die dunkelvioletten Zungen der Erhängten, die aufgetriebene Wasser-\nleiche, den Haufen blutigen Drecks, Gedärme und Knochen erblickte.\nVom Grauen wurde ihr Oberkörper auf die Pritsche zurückgedrückt;\nsie wandte hilfesuchend die Augen weg vom Tode, nach links, wo das\nLeben aufrecht auf der Pritsche saß, streckte ihre flehende Hand aus.\nUnd plötzlich lagen die vom Tode umgebenen zwei Lebenden Hand\nin Hand und senkten Jeder den Blick auf den Seelengrund des Andern:\nder Philosoph aus Freundlichkeit und deshalb, weil ihm zur Schärfung\nseiner Erkenntnisfähigkeit die Menschheitsschande nicht erst plakatiert\nzu werden brauchte, die Ladnerin, um auf dem Grauen nicht in den\nWahnsinn hineinzugleiten.\nDer Wiedererwachte legte den Schlauch weg; als Philosoph ohne Ver-\ndienst und Privatvermögen hatte er sich daran gewöhnen müssen, körper-\nliche Schläge schnell zu überwinden. Er beobachtete aufmerksam seine wieder\nfolgsam ein- und ausatmende Leidensgenossin: eines der geduldigen, ält-\nlichen Mädchen, die, damit ihre glücklicheren Schwestern gepflegt, sorgen-\nlos und mit äußerlichem Glänze umgeben im Leben stehen können, sich\nfür einen Monatsgehalt von hundertzwanzig Mark in die Tretmaschine\nder ewig gleichen Täglichkeiten einspannen lassen müssen und sich ihre\nBrautausstattung einmal drei Hemden, im nächsten Jahre die Bettstellen,\ndann die Matratzen, hin und wieder ein Stück von der Kücheneinrichtung\nallmählich anschaffen und endlich, wenn die Haut grau, das Blut schon\nstill geworden ist und die Sehnsucht nach dem Wunder schon im Sterben\nliegt, dem Bräutigam in eine nur etwas anders geartete Tretmaschine\nfolgen.\nDieses kleine, armselige Lebensziel hatte der Krieg gefressen: der\nBräutigam war zerstampft worden.\n,Auf dem Feld der Ehre. Für Deutschlands Weltmachtstellung. Für\nHerrscher und Reich und Erzgruben und Eisenbahnkonzessionen', dachte\nder Leichenwärter.\nUnd der Philosoph dachte: ,Zwei sehen einander, werden miteinander\nbekannt. Und heiraten, ohne einander zu kennen. Dreißig Jahre später\nkennen sie einander auch noch nicht. Und wenn der eine stirbt, weiß der\nandere immer noch nicht, mit wem er eigentlich verheiratet gewesen war.\nDenn jeder gibt sich sein Leben lang die größte Mühe, nur ja nicht zu"}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.34", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2259, "texte": "erfahren, wie und wer er selbst ist. Wie könnte er da die Fähigkeit be-\nsitzen, zu erkennen, wer ein Anderer ist? . . . Wenn aber zwei tot im\nLeichenschauhause zusammentreffen, miteinander wieder aufwachen, sozu-\nsagen als Geschwister von der .Allmutter Nichts' neu geboren werden —'\nDer Philosoph betrachtete die Dampfheizung, die Warmwasserein-\nrichtung mit den vernickelten Hähnen und der großen, weißglasierten\nSchüssel darunter. .Diesen Komfort werden wir allerdings nicht haben\nin unserer Wohnung.'\nDer Wärter kam mit dem Tee zurück. ~Sie.atmen nicht?\"\n„Sagen Sie mir\", fragte der Philosoph dagegen, „für was ist denn\neigentlich die Dampfheizung nötig in diesem Hause, wo doch für einen\nglatten Betrieb die erste Grundbedingung ist, daß alles . . . frisch bleibt?\"\n„Ganz leichter Tee. Und ohne Zucker muß er getrunken werden .. .\nWenn ich in einem kalten Winter die Temperatur von wenigstens ein\nGrad über Null nicht beibehalten könnte, müßte ich ja die Wasserleichen\nvon den Pritschen loseisen.\"\n„Also alles bedacht! Hier wenigstens ist für alles gesorgt, wie?\"\n„Ja, hier fehlt nichts , . . Die Organisation für die Toten ist bei uns\neinwandfrei. Und die Organisation für das Massensterben ist, wie wir jetzt\nzugeben müssen, bei uns ebenfalls einwandfrei.\"\n„Sie sind also auch gegen den Krieg?\" Der Philosoph betrachtete die\nachtzehn Selbstmörder, die blauzüngig, starrgesichtig und stumm gegen\nden Krieg protestierten. . . . „Dieses Leichenschauhaus ist ja geradezu ein\npazifistischer Schlupfwinkel.\" Er stieg von der Pritsche herunter.\nDie Ladnerin hatte das Mundstück noch zwischen den Lippen, sah\naus wie ein Kind, das in ein Spielzeug bläst.\n,Am allermeisten, mehr als die graue Not ihres Lebens und als ihr\nSelbstmordversuch rührt mich an ihr die Spitzenhalskrause: dieses schüch-\nterne, mißglückte Bestreben, schön zu erscheinen', dachte der Philosoph.\nDie Truppen näherten sich im Laufschritt. Der vorauswippende\nLeutnant, mit geschultertem Degen, schien nur aus einer Brust zu bestehen.\n»Ob sie schießen werden?\" Der Rechtsanwalt riß den Philosophen\nin ein Haus. „Hat noch einen Ausgang. Durch die andere Tür kommen\nwir auf den Platz und näher an das Denkmal heran.\"\nEine gewaltige Menschenmenge. Auf dem Sockel des Denkmals stand\nder Kellner."}, {"page_pdf": 35, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.35", "debut_caractere": 3, "fin_caractere_exclue": 2268, "texte": "Die beiden verstanden keines seiner Worte. Hörten nur das fanatische\nBravogebrüli von der anderen Seite herüberklingen.\nHoch auf dem Mäste, knapp unter dem weißviolett leuchtenden Bogen-\nlampen-Dreistern, hing ein Zwanzigjähriger. Mit wilder Körpergebärde.\n„Den werden sie herunterknallen.\"\nIn der Allee stand eine lange Reihe Fuhrwerke, die den Platz nicht\nüberqueren konnten.\nPlötzlich hing an Stelle des Zwanzigjährigen hoch am Lampenmaste\nein flatternder, roter Fetzen.\nDas tausendfache Jauchzen wurde von den im Laufschritt ankommen-\nden Truppen auseinandergeschnitten. Die Menge junge Burschen und\nhauptsächlich Frauen mit aufgelösten Gesichtern wich durch das drei-\nteilige Tor und in die Parkanlage zurück.\nEine knabenhaft hohe Kommandostimme. Klatschen auf Gewehrkolben.\nDrohendes Gelächter. Fliehende, dunkle Rücken.\nEine Frau mit loderndem Antlitze trat vor: „Schießt! Schießt!\" Sie\nwurde verhaftet.\nDer Kellner stand dicht beim Leutnant und sah ihm in die Augen.\nAls der Philosophiedoktor und der Rechtsanwalt den Platz schon ver-\nlassen hatten und sich umwandten, sahen sie, wie ein Soldat am Lampen-\nmaste emporkletterte und die Hand nach dem roten Fetzen ausstreckte.\n„Es ist doch nicht unmöglich, daß die revolutionäre Geistigkeit das\nletzte, entscheidende Wort haben wird\", sagte der Anwalt.\nSie gingen eilig durch eine menschenleere Geschäftsstraße; nur in der\nFerne rannte ein dunkler Frauentrupp davon.\n„Leider ist die revolutionäre Geistigkeit, bis auf zwei oder fünf halb-\nverhungerte Vertreter, die gleich Irrsinnigen in einem Blut- und Lügen-\nmeere ohne Balken machtlos herumschwimmen, schon in den Massen-\ngräbern oder in den Zuchthäusern. Das muß zu ihrer Ehrenrettung den\nkommenden Generationen gesagt werden .., Hier! Sehen Sie, hier!\"\nDas Schaufenster war eingeschlagen; der Lebensmittelladen leergeplün-\ndert. Frauen hatten die Gelegenheit, daß Polizei und Truppen auf dem\nPlatze beschäftigt waren, schnell benützt.\n„Das ist nackter Hunger, kein revolutionärer Geist\", sagte der Philosoph.\nUnd hob einen geräucherten Fisch von der Straße auf. „.. .Wegen des\nFisches und auch aus Kameradschaftlichkeit.\"\nEr schob ihn unter seinen schwarzen Havelock. „Dieses rapid ins\nGeld verdienen hineingeratene Volk hat, aus einem ödem Materialismus"}, {"page_pdf": 36, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.36", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2532, "texte": "heraus, vor dem Kriege .Hoch' geschrien, bei Kriegsausbruch nichts\nals ,Hoch' geschrien. Und jetzt schreit es nur deshalb nicht mehr ,Hoch%\nweil der Magen schreit.\"\n„Wenn aber in jenem entscheidenden Moment die Führer nicht abge-\nschwenkt wären, in das Lager, das sie bis dahin bekämpft hatten ? Dann\nwürden . . . wenigstens die organisierten Massen schon lange in den\nProtest hineinmarschiert sein, ebenso geschlossen, wie sie in den Krieg\nmarschiert sind.\"\n„Und ebenso ahnungslos, wie sie in den Krieg marschiert sind .. .\nDaran können Sie das menschenunwürdige und überaus gefährliche System\neiner Organisation erkennen, die ihre Mitglieder nur für den Klassenkampf\num materielle Vorteile drillt, sie in allen Städten jährlich in dreihundert-\nfünfundsechzig Parteiversammlungen nur zum Durchbringen von Resolu-\ntionen im politischen Parteiinteresse benutzt, anstatt sie .. . geistig zu\nbefreien, sie zu denkenden Menschen eigener Entschlußfähigkeit für das\nGute zu machen . . . Da braucht sich im entscheidenden Moment nur der\nHauptführer als Dummkopf zu erweisen, braucht nur der Hauptführer\nzum Verräter zu werden und die . . . organisierten, denkunfähigen Massen\nschwenken mit ab, folgen ihm in den Krieg, ebenso geschlossen, wie sie\nihm in den Protest gefolgt wären .. . Die Geistigkeit ist verurteilt, untätig\nam Rande dieses Krieges zu verharren. Denn zwischen ihr und dem Volke\nbesteht nicht der geringste bewußte Kontakt. Und selbst der Tod\nder Millionen konnte bei den Hinterbliebenen nicht den geringsten geistes-\nverwandten Gefühlsprotest auslösen. Nur der Magen protestiert. Das ist\nMaterialismus. Christus und Kant, Schiller und Goethe sind vor dem\nKriege für eine Leberwurst, für drei Mark Wochenlohn mehr, für eine\nWohnung mit Dampfheizung, für das Aufrücken in die ungeistige bürger-\nliche Lebenshaltung, oder für das Verharren in ihr hingegeben worden.\nMaterialismus: angefangen beim entseelten, maschinierten Fabrikarbeiter,\nüber den vor Bequemlichkeit stinkenden Kanapeebürger und über den\nKapitalisten, den modernen Philosophen und Dichter weg, bis hinunter\nzum ersten Diener des Staates. Hier haben Sie die Ursache des Krieges .. .\nDieser gewaltige Block von Egoismus, Gemeinheit und granitener Dumm-\nheit kann schwerlich von heute auf morgen gesprengt werden.\"\n„Und deshalb, meinen Sie, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als den\nGashahn zu öffnen, wenn die Einberufung kommt?\"\n„Es gäbe noch etwas anderes: ich könnte (,weg von meinem Werke,\nweg von meinem Werke') den Sprung in die blutnasse Gegenwart, den"}, {"page_pdf": 37, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.37", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2325, "texte": "Sprung ins blutnasse Volk machen und gleich den vielen dunklen Volks-\nexistenzen, die vom Gifte der Organisation verschont geblieben sind und\ndeshalb protestierend auf die Straße steigen konnten, zusammen mit den\nvor Machtlosigkeit schon irrsinnig gewordenen, wenigen jungen Dichtern,\ndie noch leben, unter beständiger Todesgefahr versuchen, das wegzu-\nreden, was seit Jahrzehnten in das Volk hineingeredet worden ist . . .\nDer dritte Weg, den der Stellungsbefehl dem Untertanen aufreißt, existiert\nfür mich nicht. Da das tiefste Wort von Jesus Christus: Jede Sünde\nkann euch vergeben werden, nur die Sünde wider den Geist nicht', sich\nmit meiner Weltanschauung scharf deckt, kann ich nicht in den Kasernen-\nhof gehen, oder ins Kriegspresseamt, oder in irgend ein Ernährungsamt . . .\nIch bin mit einer Ladnerin und mit meiner Philosophie verheiratet. Und\nkann zur Not in ein Christushoch, in ein Sokrateshoch, in ein Kanthoch\neinstimmen. In ein Hindenburghoch oder in ein Kaiserhoch kann ich\nnicht einstimmen; denn ich bin kein Sozialdemokrat.\"\nDas Sprechen hatte ihn angestrengt und erregt; ein Abglanz geistiger\nHeiterkeit war nie ganz aus seinem Gesichte verschwunden.\nUnd entstand wieder, als er, heftig atmend im vierten Stocke an-\ngelangt, seine Frau begrüßte.\nDie scheintot gewesene Ladnerin hatte sich wenig verändert; die\nSpitzenkrause schmückte noch ihren kindlich-dünnen Hals. Und in ihren\nAugen stand der innere Blick, den Menschen haben, die halb dem Tode\ngehören.\nBehutsam führte er seine schon schwangere Frau in den niederen,\nschiefdeckigen Raum, der Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmer und Küche in\neinem war.\nUnd sah plötzlich, daß auf dem weißgescheuerten Küchentisch, den\nder Philosoph auch als Schreibtisch benützte, wieder ein Stellungs-\nbefehl lag.\nDer ungeheure Schrecken, gepaart mit augenblicklichem Erkennen\nseiner Situation, riß ihn sofort auf die reine Fläche, wo alle Dinge und\nGedanken im schärfsten Lichte stehen, so daß keinerlei Ausflucht, Vor-\nspiegelung, Selbstbelügung mehr möglich ist.\nDa fühlte er wieder das furchtbare innere Weinen, das nicht bis in\nsein geistesstarr werdendes Gesicht vordrang. Es glich dem kalten Antlitz\nGottes, als er dachte:\n,Es gibt zwei Pole: das korrumpierte, krummgenagelte Weltgeschehen und\ndas höchste, herrlichste Ziel für den Menschen: das ,Reine Ich* und eine"}, {"page_pdf": 38, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.38", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2550, "texte": "menschliche Gemeinschaft, für die er als Reines Ich handeln, leben und\nauch sein Leben hingeben kann. Diesem Ziele kann der Mensch nur so\nlange zustreben, solange er mit der Korruption, der Lüge, dem Zwange,\ndem Ungeiste unablässig kämpft. In dem Moment, da er eine Handlung\nbegeht, die zu diesem Streben im Widerspruche steht, ist die Linie\ngebrochen. Der Mensch, der für eine, für seine Idee kämpft und stirbt,\nist groß, denn er kämpft und stirbt auf dem Wege zu sich, stirbt im\nKampfe um sein Reines Ich. Der Mensch, der sich zwingen läßt, zu\nhandeln, zu kämpfen, zu sterben für eine Idee, die zu dem Streben nach\nseinem Ich im Widerspruche steht, ist der Ärmste der Armen; denn er\nverliert das Kostbarste, das einzige, das der Mensch in Wahrheit besitzen\nkann: verliert sein Ich, verliert sich, ist nicht mehr, wird von den andern,\ndie selbst nicht sind, besessen.'\nIn Gedanken las er das Wort .Stellungsbefehl' Wenn ich dieser\nAufforderung, mich zu stellen wem stellen? ich habe mich nur mir\nselbst, nur der reinen Idee zu stellen, und einer menschlichen Gemein-\nschaft nur dann , wenn sie das Streben der Menschen nach ihrem Ich als\nberechtigt anerkennt und fördert wenn ich dieser Aufforderung folge,\nwerde ich vermutlich, zusammen mit einer Reihe von Menschen, zuerst\nim Kasernenhof aufgestellt, in dem der Grundsatz herrscht: ,Du hast keine\neigene Meinung zu haben'. Und der Grundsatz: .Macht und Gewalt stehen\nüber Geist und Recht'. Ein Unteroffizier, ein Vorgesetzter nur das\nReine Ich ist mein Vorgesetzter ein Unteroffizier, ein Mensch, der sich,\nder sein Selbst aufgegeben hat, also nicht mehr ist, ein Etwas wird im\nAuftrage derer, die ihn besitzen, sagen: ,Das dürft ihr nicht tun; und das\nmüßt ihr tun.' Ich werde also gezwungen, irgend etwas zu tun, oder nicht\nzu tun.' Gezwungen! Das heißt: Ich werde schlecht behandelt, eingesperrt,\noder erschossen, wenn ich mich diesem Zwange nicht füge. Mit andern\nWorten: Ich werde erschossen, wenn ich weiter gehe auf dem Wege, der\nzur Wahrheit, zum Geiste, zu Gott, zum Reinen Ich führt.. . Ich werde\nerschossen, wenn ich mich bemühe, so zu sein, wie ich bin!'\nDer Philosoph rief seine Frau, die im Hintergrunde des Zimmers\nreglos am kalten Gasherde saß, vom Dunkel schon halb verschlungen.\n„Weißt du , was Militarismus ist?\"\n; Sie wollte antworten: .Wenn uns das Einzige, das Liebste, das wir\nhaben, genommen, erschlagen wird.' Und sagte: „Du meinst die Schiffe,\ndie Kanonen . . . die Rüstungen.\". Sie konnte nicht weinen.\n„Nein, diese Sachen aus Stahl und Eisen, die dem Volke so viel Geld"}, {"page_pdf": 39, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.39", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2558, "texte": "und Arbeitsschweiß kosten, sind ungefährlich, verglichen mit dem, was\nMilitarismus ist. Gefährlich und tödlich ist der geistige Zwang, der nega-\ntive Geist, der konservierende Kollektiv- und Staatsgeist, der sich gegen\nden Geist richtet ... Ich werde dir an einem Vorfalle erklären, was Mili-\ntarismus ist.\"\n,Er will mir nur deshalb erklären, was Militarismus ist, um mir be~\ngreiflich zu machen, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als sich umzu-\nbringen', fühlte die Frau und sah schon jetzt ihre armen Einwände zerflattern.\n„Was ich dir jetzt erzähle, denke ich mir nicht zurecht. Alle Zeitungen\nhaben das berichtet: ein deutscher Soldat, der ein Stück von der\nGrenze zwischen Deutschland und der Schweiz zu bewachen hatte, sah,\nwie ein Mensch über die Grenze sprang. Die Pflicht dieses Soldaten war,\nhörst du, seine Pflicht war, gut zu zielen und sofort auf diesen Menschen\nzu schießen, diesem Menschen dadurch, daß er ihn verwundete oder\nerschoß, daß Passieren der Grenze unmöglich zu machen. Das war seine ...\nPflicht. Aber sein Wesen, sein eigenes Ich stand dunkel auf gegen diese .\nPflicht. Er wollte nicht schießen und .. . schoß. Sah, wie der Getroffene\nfiel, sich bäumte und verröchelte. Und wurde . . . wahnsinnig. Der Wider-\nstand gegen das Morden muß also sehr stark gewesen sein; aber die Diszi-\nplin war noch etwas stärker . . . Hier hast du auf der einen Seite, reprä-\nsentiert durch diesen Soldaten, die guten Eigenschaften des Volkes, und\nauf der andern Seite den Militarismus.\"\nDie Frau bewegte die trocken gewordenen Lippen.\n„Du meinst\", sagte der Philosoph, „der Soldat hätte ja nur so zu tun\nbrauchen, als ziele er, hätte in die Luft schießen können. Das wäre dann\nsozusagen nur eine kleine Notlüge gewesen. Aber selbst dies lassen die\nDisziplin und das falsche Pflichtbewußtsein, die seit Generationen\nmit allen erdenklichen Mitteln in das Volk hineingepaukt worden sind,\nnicht zu . . . Außerdem trieb den Soldaten auch noch der Wunsch, von\nseinen Kameraden nicht für empfindlich und schwächlich gehalten zu\nwerden. Dieses falsche Ehrgefühl, das sich allmählich beim ganzen Volke\nherausgebildet hat, ist das Allergefährlichste. Einem Menschen ohne Besinnen\neinen gutgezielten tödlichen Treffer in den Kopf hineinzujagen, ist eine Ehre;\nihn nicht zu treffen, ist ein wenig ehrenrührig ... Dieser , arme, be-\ndauernswerte Mann will nicht schießen, zielt schnell und genau, schießt,\ntrifft gut und wird wahnsinnig. Das ist Militarismus.\"\n„Du mußt hingehen. Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.\" Das\nhatten nur ihre Lippen gesprochen."}, {"page_pdf": 40, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.40", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2721, "texte": "„Nein! . . . Höre, ein vielleicht noch klareres Beispiel dafür, was Mili-\ntarismus ist: ein Soldat bekommt den Befehl, einen siebzigjährigen Bauern\nzu erschießen. Das war in Serbien. Der Soldat weiß nicht einmal, wes-\nhalb der Alte erschossen werden soll. Der Soldat bekam nur den Befehl,\nin dem stand, daß er den Alten in das zwei Stunden entferntliegende\nDorf ZU führen und dort zu erschießen habe . . . Sein ganzes Wesen, das\nheißt, sein eigenes Wesen empört sich dagegen, diesen vollkommen wehr-\nlosen alten Mann zu erschießen, dessen Verbrechen er nicht einmal kennt,\nund der auf dem Wege zwei Stunden lang seine Unschuld beteuert in\neiner Sprache, die 'der Soldat nicht versteht; und mit Tränen und Ge-\nbärden, die der Soldat ungeheuer versteht. Zwei Stunden lang kämpft der\nSoldat, während er neben dem Opfer über Feld geht, mit seinem Gewissen,\nhinter dem starr die Pflicht und die Disziplin stehen. Dieser Soldat hat\nfür sich persönlich folgende Lösung gefunden: er schoß zuerst den Alten\nnieder, und dann erschoß er sich selbst. . . Jetzt meinst du vermutlich wieder:\nwenn sein Gewissen, der dunkle, wilde Drang nach Wahrheit, nach seinem\neigenen Ich, nicht zuließ, den Alten zu erschießen, ohne auch sich selbst\nzu erschießen, hätte er doch wenigstens nur sich selbst erschießen und\nden Alten laufen lassen sollen . . . Aber das wäre ja gegen die Disziplin,\nwäre ja eine Pflichtverletzung und wäre ehrenrührig gewesen. Das eben ist\nder Militarismus. Nicht die Kanonen, sondern der negative Geist des\nZwanges ist der Militarismus, den der Grenzsoldat und dieser Soldat als\ngegen den Geist, gegen das Gewissen, gegen ihr eigenes Ich gerichtet\nempfunden haben, und den gleich ihnen noch viele empfinden. Diese er-\nleiden ein tragisches Schicksal; denn sie erkennen dunkel das vor Gott und\nden Menschen sündhafte dieses Geistes, leiden unter diesem Geiste. Und\nkönnen sich nicht vor ihm retten. Millionen andere nicht nur die Sol-\ndaten, sondern das Volk in seiner großen Mehrzahl haben, zwar nicht\nvor Gott, aber vor ihrem, allerdings nur scheinbar vorhandenen, eigenen\nSelbst das Recht, im Dienste dieses Geistes zu kämpfen, Menschen zu\nermorden und selbst zu sterben; denn sie morden in dem guten Glauben,\nnicht zu morden, sondern für ein Ideal zu kämpfen, für ein Vaterland,\nfür den Staat, für eine Gemeinschaft, die wert ist, beschirmt und erhalten\nzu werden. Man hat sie von ihrer frühesten Kindheit an mit diesem Geiste\ngetränkt und gefüttert, ihr eigenes Wesen, ihr Ich in diesem Geiste total\nertränkt. Sie sind für ihre Handlungen nicht verantwortlich zu machen.\nDenn sie konnten zu eigenem Denken, zu der Fähigkeit, sich moralisch\nzu entscheiden, konnten zu sich selbst, zu ihrem Ich nie kommen; sie sind"}, {"page_pdf": 41, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.41", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2410, "texte": "nicht, sind nicht vorhanden, sind keine Menschen, sondern denkunfähige,\nseelenlose, unverantwortliche Automaten, die pflichtgemäß funktionieren . . .\nund eingesperrt oder erschossen werden, wenn sie nicht funktionieren.\nVerstehst du jetzt, daß es sehr schwer sein wird, den Militarismus um-\nzubringen?\"\nEr bekam keine Antwort; die Frau war ganz plötzlich, von einer Se-\nkunde zur andern, eingeschlafen.\nUnter dem Philosophen versank die Welt. Sein Wesen wurde grau vor\nEinsamkeit.\nErst Minuten später betrachtete er wieder das Gesicht der Schlafenden,\ndas den Ausdruck furchtbarster Trauer und Klage trug.\nSie sieht aus wie ein ungeborenes Wesen, das klagt, weil es nicht geboren\nwerden kann, dachte der Philosoph. Und wußte plötzlich: ,Sie ist einge-\nschlafen, weil sie erkannt hat, daß sie selbst eines dieser Wesen ist, die zu\neigenem Denken, zu eigenem Leben, zu sich selbst nicht kommen durften.'\nWilde Liebe und schmerzdurchtobtes Erbarmen drückte des Philo-\nsophen Kopf auf die Tischplatte. Vor seinem inneren Gesicht stand klar\nder Gedanke: ,Für eine Gemeinschaft zu handeln, deren Geist die Mit-\nglieder zwingt, nicht zu denken, kein eigenes Leben, kein eigenes Ich, kein\nwarnendes Gewissen zu haben, sondern seelenlose, unverantwortliche Auto-\nmaten zu sein, die, wenn sie nicht jede befohlene Schandtat willenlos\nausführen, eingesperrt oder erschossen werden, für eine solche Gemein-\nschaft zu handeln, ist ein Verbrechen wider den Geist, das nicht vergeben\nwerden kann. Es bleibt die sittliche Pflicht gegen Gott, gegen unser reines\nIch, diese Gemeinschaft zu bekämpfen und damit für die Möglichkeit zu\narbeiten, daß einmal eine Gemeinschaft entstehe, in welcher der Mensch\n. . . gut sein darf, in welcher der Mensch er selbst, ein Ich, ein für seine\nHandlungen moralisch verantwortliches Ich und als solches ... gut, das\nbedeutet: für die Gemeinschaft sein kann.'\n„Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.\"\nDer Philosoph hob den Kopf; die Frau hatte aus dem Schlafe ge-\nsprochen. Ihr Gesicht war tränennaß. Durch eine leise Berührung er-\nwachte sie sofort.\nEr sprach eindringlich und sanft: „Nehmen wir einmal an, ich käme\nnur in ein Bureau. Und müßte nur ganz untergeordnete Arbeiten ver-\nrichten . . . Vielleicht nur Stellungsbefehle ausfüllen, mit den Namen\nderer, die daraufhin, meinungslos-pflichtbewußt oder vielleicht gegen\nihren Willen, sich einfinden und, nach der Ausbildung, Menschen er-"}, {"page_pdf": 42, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.42", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2193, "texte": "schlagen oder selbst sterben würden für eine Gemeinschaft, deren Geist\nschwer mitschuldig ist an diesem Kriege, durch den bis jetzt zehn\nMillionen Menschen erschlagen worden sind.\"\n„Ich weiß nichts mehr.\" Die Frau hätte schwören können, daß sie\ndiese vier Worte nicht gesagt habe.\n„Es könnteaber auch sein, daß ich, eingefügt als meinungsloser Handlanger\nin die Maschinerie dieses höllischen Geistes, den Befehl schreiben müßte:\n,Sie haben den Mann, namens so und so, serbischer Staatsangehörig-\nkeit, siebzig Jahre alt, nach ... zu führen und ihn dort zu erschießen.'\nWas sollte ich dann tun?\"\nNach minutenlanger Stille fragte er noch einmal: „Was sollte ich\ndann tun?\"\nDie Frau wußte und gab auch diesmal keine Antwort. Aus ihren Augen\nheraus fragte stumm das ganze Volk: ,Was sollen wir denn tun?'\nIn der Stube stand schon die Finsternis. Und in ihr die dunkle Ge-\nwalt, die den Körper töten kann.\nDa fühlte plötzlich der Philosoph, wie im tiefsten Urgrund seiner Seele,\nim mystischen Punkt, die Flamme entstand, die rapid zur Feuersbrunst\nwurde und seine Bereitschaft, sich wieder protestlos ins Leichenschauhaus\nzu legen, sekündlich verbrannte.\nIn ihm stand ein ungeheurer Wille auf: die Bereitschaft eines tödlich\nverzweifelten reinen Geistes, sich der Notdurft der Gegenwart anheim-\nzugeben.\nVon dieser Stunde an begann der stürmische Pilgergang.\nDie schwangere Frau hatte nur ein wollenes Brusttuch mitgenommen\naus ihrer Wohnung, in die sie nicht mehr zurückkehrten. Der Stellungs-\nbefehl lag auf dem Tische.\nAus der unvermittelt in ihm entstandenen wilden Hoffnung, daß das\nunmeßbare Leid dreier Kriegsjahre den Aufstieg des Menschenrechtes\nermöglicht habe, wuchs dem Philosophen die Kraft zu dem Versuche, die\nHerzen der vergewaltigten Menschen aufzureißen und ihnen zu erklären,\nweshalb ihre Arbeit Mord und gegen sie selbst gerichtet sei.\nSeine Stimme hallte durch die Stadtviertel, in denen der Gestank der\nArmut und des Hungers stand.\nDie .Unbekannten': dunkle Existenzen, aus dem nie versiegbaren Be-\nhälter der Volksseele plötzlich emporgestoßen in die ewige Freiheitsidee,\nstiegen auf die Straße. Volk, dem Zwange entrissen, ins Menschentum\nhochgerissen, stieg auf die Straße."}, {"page_pdf": 43, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.43", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2312, "texte": "Während die Führer des Volkes in blutüberströmter Bescheidenheit\nweiter über kleine Reformen resultatlos diskutierten, weiter unverdrossen\nneue besetzte Länder, neue Versenkungen und neue Kriegserklärungen\nbuchten, neuen Zwangserlassen gegen das gemarterte Volk und neuen\nDankadressen an die Sieger zustimmten, während so das Volk zu Millionen\nim Blute ersoff, versuchten in der überreif gewordenen Zeit der Philosoph\nund seine Anhänger, zusammen mit dem Kellner und dem Zwanzigjährigen,\ndie gequälten Herzen für die Idee der Freiheit und der Liebe zu öffnen.\nVersuchte mit letzter Hingabe der Philosoph, dem Volke zu zeigen, auf\nwelcher Seite im Lande der Feind, die Brutalität und die Dummheit waren,\nDas Netz maßlosen Leides und dunklen Aufruhrs lag über der Stadt.\nErst bei der wuchtigen Massenerhebung gegen den Raubrittergeist\neiniger zehntausend mittelalterlicher Existenzen, gegen den Raubrittergeist,\nder den Krieg losgebunden hat, traf die Gewalt den Philosophen, als er\nin der Menschengasse, die von herangaloppierenden Schutzleuten in die\nMenge hineingeritten worden war, das Recht des Menschen proklamierte;\nvor dem Leutnant,\nder den Befehl zum Feuern gab.\nDie Idee, die nicht erschossen werden kann, brach in Millionen\nHerzen ein.\nDie Frau ging langsam auf den Ermordeten zu: schritt langsam hinein\nin die zweite Gewehrsalve junger Soldaten, die, bleich und im Herzen\nschon empört, noch in der falschen Pflicht standen.\nDie vierzig- und fünfzigjährigen Landsturmmänner hatten sich ge-\nweigert, ins Volk und damit sich selbst ins Herz zu schießen.\nAm andern Morgen lagen der Philosoph und die Ladnerin, als Re-\npräsentanten des Volkes, wieder im Leichenschauhause, nebeneinander.\nDer Wärter stand vor dem Paare. Und plötzlich rückte er die zwei\nPritschen dicht zusammen. ,Man liebt doch die Menschen. Liebt doch\ndie Menschen . . . Die armen Menschen.'\nDas Leichenschauhaus war vergrößert, die Wand, die das Zimmer\ndes Wärters und das Wartezimmer für die Angehörigen abgesondert hatte,\nwar herausgebrochen, der Steinplattenboden fortgesetzt und die Pritschen\num sechzehn Stück vermehrt worden.\nDer Bruch war, wie bei Typenmöbeln, die glatt aneinander gefügt\nwerden können, nicht zu bemerken.\nEin vierter, neuer Horizontalventilator kreiste zusammen mit den drei\nalten über den zweiunddreißig Leichen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c008", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "42", "page_fin": "45", "image_debut": 44, "image_fin": 47, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.8", "titre_corps": "MORGEN ODER SCHON HEUTE.", "titre_sommaire": "MORGEN ODER SCHON HEUTE.", "signature_source": "gustav Schulz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 44, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.44", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2255, "texte": "MORGEN ODER SCHON HEUTE.\ngustav Schulz:\nWas sein wird, hängt von uns ab.\nDie Welt ist nicht an sich, sondern sie ist, wie sie von uns ge-\nmacht wird. Darum darf ich vom kommenden Tag reden, von kommen-\nden Dingen, denn ich werde das Meine dazu tun, und ich will euch\nbeschwören das Eure zu tun. Ich und das Unmittelbare, wir sind Eins.\nEs ist immer da, es wartet geduldig bis ihr kommt. Wenn alle eure\nMittel erschöpft sind, wenn ihr nackt seid in der Wüste und euch hinter\nkein Mittel mehr verkriechen könnt, wenn ihr, verschont von Hand-\ngranaten und Fliegerbomben, gerade deshalb noch Zeit habt, noch ge-\nzwungen werdet (durch die um euch ratternden Maschinengewehre),\nwarum? zu fragen oder auch nur mit einem ganz kleinen Zweifel zu\nblinzeln, so sitzt ihr schon in der Falle. Und wer hätte noch nicht\ngeblinzelt? Jedes Blinzeln fragt: Warum? Und jedes Warum? ver-\nurteilt und verwirft, denn das Ja sagt: und tut ja 1 und hat kein\nWarum nötig.\n1.\nEs wird wieder Dichter geben. Nicht Menschen, die für Geld sich selbst,\nAndere und Begebenheiten sezieren, analysieren und paralysieren, sondern\nMenschen, die ein Gemeinsames schaffen helfen wollen, die Führer sein\nwollen weil sie müssen, weil sie vom Geist dazu vorher bestimmt sind.\nKünstler wird ein Schimpfwort sein. Wer wird sich noch Künstler\nnennen lassen? Die Hörigen der Zunft, die etwas gelernt haben, die\netwas können, und die, wenn sie den Mörtel ihres Metiers auf eine\neigene Art zu mischen verstehen, dir einreden, sie hätten dir etwas zu\nsagen. Der anständige Mensch wird in der nächsten Generation nur noch\nMitmensch sein wollen. Mensch sein heiße Mitmensch sein. Mitmensch\nsein heißt geistig Revolutionär sein. Revolution ist ein Lebensprinzip.\ndas kann man wohl Mensch sein oder Künstler oder Einsiedler oder Hoch-\nstapler (bewußter und unbewußter), oder Genie, oder Prophet, oder\nHalbgott. Aber man ist dann auch gleichzeitig, ob man will oder nicht:\nMitschuldiger. Oder wagt es jemand angesichts des Weltkrieges, Schuld\nan sich, Mitschuld an dieser Art Welt zu leugnen? Er mache dann\ndie Probe aufs Exempel: er lasse sich gewaltsam in den Schützen-\ngraben schleppen, Granatsplitter in den Bauch jagen, die Gliedmaßen\nvon Maschinen und Treibriemen zerschinden, in dumpfen Vorstadthöhlen"}, {"page_pdf": 45, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.45", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2395, "texte": "mit Tuberkeln infizieren, im wahllosen, ungeklärten Verlangen nach\ninnigster Gemeinschaft die Syphilis anhängen, und wir wollen uns wieder\nsprechen.\nDer Künstler von morgen hat weder den Ehrgeiz, ein Künstler, ein\nKönner, noch ein bloßer Wisser zu sein. Er verachtet alle Taschen-\nspielerkünste. Ein ffllüsser sein, ist sein Lebensinhalt. Sein Aktions-\nfeld wird weniger das geschriebene Wort sein als das geschriene. Kirchen-\ntüren, Brunnenränder, Brückengeländer der Großstädte werden seine\nTribüne sein, von wo er seine Blitze, Posaunenstöße, Zündungen und\nTatbazillen schleudern, schmettern, verschenken und verteilen wird.\nDer Dichter der neuen Generation wird kein „Poet\" sein, vielleicht\n(äußerlich wenigstens) nicht einmal ein Dichter. Höchstens ein Literat.\nEr wird den Propheten des alten Bundes gleichen: den Marktplatz wird\ner zum Tempel machen; in der Börse wird er den Richterstuhl\ndes Unbedingten errichten; seine Zunge wird wieder eindeutig werden,\nsich nicht hinter Symbole verstecken; Schweine wird er mit Schwein\nanreden und Ohrfeigen dafür dankend kassieren. Denn seine Berufung\nist nicht, kinematographische Dramen des Lebens poetisch einzurahmen,\nsondern ewige Wahrheiten restlos auszusprechen. Das Schwein aber ist eine\newige Wahrheit; darum muß er die Welt vor die Entscheidung zwingen:\nSchwein oder Licht! Er wird die banale Sprache des Volkes reden,\naber in seinem Munde werden alle entwerteten Worte ihre ursprüng-\nliche Kraft zurückgewinnen, verstärkt durch den langen Weg der Er-\nfahrung. So wird er das Volk, das keine Spezialsprache kennt, durch\nunmittelbare Ausdrucksweise zur unmittelbaren Wahrheit zwingen, das\nheißt zur direkten Tat. So erfüllt er seinen Dichterberuf; denn Dichter\nsein, heißt Schöpfer im Geist sein, heißt den Geist ins Materielle über-\ntragen, in Leben umsetzen. Der Dichter wird der eigentliche Politiker\nsein, der Kraftmotor des öffentlichen Geschehens. Aber er wird sich\nhüten, die aktive Rolle des Hetzers zum Leben, des Aufwieglers der\nja sagenden Instinkte mit der passiven des Leithammels, des bezahlten\nsogenannten Führers zu vertauschen oder zu verwechseln.\n2.\nDenn es gibt nichts Erbarmungswürdigeres unter der Sonne, als\ndie geschobenen Schieber, die Realpolitiker des Bauches, die nicht der\nGeist treibt, sondern das Parteiprogramm und (was schlimmer ist als\ndieser Buchstabe): der Opportunismus. Der politische Führer von heute,"}, {"page_pdf": 46, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.46", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2477, "texte": "der auch der Leithammel von morgen sein wird, nicht der Führer,\nsondern in Wahrheit nur der Spieler der Massenbewegungen von\nmorgen, er wird morgen gerade so unser Erbfeind sein wie heute. Denn\nIntensität des Lebens ist ihm ein Greuel, denn sie ist disziplinwidrig,\nman kann sie nicht vorausberechnen, hat sie nicht in der Hand, sie\nkennt ja keine Kompromisse, keine Ehrfurcht vor errungenen Positionen,\nweil sie aufs Ganze geht, und sich nicht scheut, Roßbälle der Ver-\nachtung ins Parlament zu pfeffern. Dieser Führer, der eitel genug ist,\nsich für notwendig und darum von Gottes Gnaden zu halten, er ist\nder Verräter am Geist, denn der kleinste Paragraph bedeutet ihm mehr\nRealität als alle Militärdienstverweigerer der ganzen Welt. Denn er\nkennt keine Ethik, keine geistige Macht (wenn er auch viel davon\nschwätzt), nur die Statistik, die Quantität, nur die Macht der Banken\nund des Portefeuilles. Die Aufgabe der „Geistigen\" im nächsten Jahr-\nhundert ist, ihn auch äußerlich überflüssig und unschädlich zu machen.\nDer Mittler wird überflüssig durch Intensität des Lebens, durch direkte\nAktion des Schaffenden.\n3.\nDer Politiker ist der Händler des öffentlichen Lebens. Der Händler\nin der Volkswirtschaft wird überwunden und ausgeschaltet durch die\ndirekte Aktion des Schaffenden und der Verbraucher: durch den Sozialis-\nmus und die sozialistische Genossenschaft. Der politische Mittler wird\nüberwunden, abgeschafft und mit ihm der Staat durch die direkte Aktion\nund die Überwindung der Gewalt, durch die Intensität des öffentlichen\nLebens, die nur Gleichheit kennt, Überzeugung, Überwindung, Über-\nredung, Dezentralisation, Konföderation, aber keine Unterordnung. Dieses\nvorläufige Ziel wird erreicht durch das Mittel der „Revolution an sich\".\nRevolution heißt, ein überlebtes Prinzip durch ein neues ersetzen. Doch\nehe es sich noch gänzlich durchgesetzt hat, ist es schon korrumpiert\nund muß selbst durch eine neue Revolution überwunden werden. Die\nGeschichte ist aber kein Aufeinanderpfropfen von Prinzipien; höchstens\n(und noch mit sehr starken Einschränkungen) eine immer wechselnde\nund immer reinere Ausdrucksweise für ewige Wahrheiten. Der Körper\nder Menschheit wird durch den Gebrauch, durch das Leben, durch die\nstete physische Verjüngung (mit jeder jungen Generation) sublimierter,\nund damit befähigter, dem Geist zu dienen, seine Befehle zu vollführen\nund so selbst durchgeistigt, „schön\" zu werden.\nDer Mensch aber muß dem Geist erst die Befehle abringen. „Herr,"}, {"page_pdf": 47, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.47", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 844, "texte": "was muß ich tun, daß ich selig werde?\" Und die Antwort lautet: Du mußt\naufhören Knecht zu sein, aufhören Sklave eines Mittlers zu sein. Du darfst\nkeinen Mittler, keinen Vermittler, keinen Vertreter dulden zwischen dir\nund dem Leben, der Welt. Du darfst niemand beauftragen mit der „Tat\",\ndenn in ihr liegt deine Seligkeit versteckt, die du verschleuderst, nein,\nmehr: die du schändest, mit Dreck beschmeißest, wenn du sie verkaufst,\noder von einem Mittler, einem „Führer\" tun läßt.\nIn diesem Sinne Mensch sein, ist gleichbedeutend mit: Revolutionär\nsein. Und wir Heutige, die wir jetzt die Folgen des bisherigen Handeln-\nlassens, des Mittlerprinzips,, des Vertretungssystems, des Staats-Aber-\nglaubens erleben, wir müssen Umstürzler, Vernichter und Aufbauer\nsein; morgen, übermorgen und über-übermorgen, oder das vergossene\nBlut kommt über uns."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c009", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "47", "image_debut": 47, "image_fin": 49, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.9", "titre_corps": "DAS MAGISCHE WARENHAUS", "titre_sommaire": "DAS MAGISCHE WARENHAUS", "signature_source": "Han Kelso", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 47, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.47", "debut_caractere": 846, "fin_caractere_exclue": 1883, "texte": "DAS MAGISCHE WARENHAUS\nHan Kelso:\nDer Unschuldige betrat einen Laden, aus dem es strahlte. Nach ge-\nraumer Zeit sah man ihn das helle Haus verlassen, behindert durch\nbaumelndes, in Papier eingedrehtes. Von ferne warf er einen gealterten\nBlick auf golden geschichtete Stockwerke, die sich ihm entzaubert dar-\nboten: gefrorene, unabgestaubte Paradiese.\nDie Einkäufe bestanden in einem Dutzend schamlos lackierter Zahn-\nbürsten, einem der Natur rührend nachgelebton Papagei und einem Almanach\nfür Kaninchenfreunde.\nAuch war der Unschuldige gar nicht mehr unschuldig. Mit ver-\ndorbenem Seelenleben kehrte er heim. Angeekelt von dem Bestehenden\nschrieb er einen Brief beschimpfenden Inhalts an seine liebe Braut, be-\nschloß, sich den Bart wachsen zu lassen, vergewaltigte einen Geldbrief-\nträger, veranlaßte durch rohes Benehmen den Tod seiner Großmutter, einer\nedlen Greisin, die bis dahin rüstig dem Haushalt vorgestanden hatte. Später,\nsich selbst gänzlich entfremdet, endete er ■— laut Zeitungsmeldung Ange-\npaßtes rufend auf dem F. d. E."}, {"page_pdf": 48, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.48", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2475, "texte": "Unschuldige kommen wie du weißt selten vor. Exzessive Fälle.\nWas gibt dir immerhin diese Begebenheit zu denken?\nCtyas ?\nWir alle sind schon beflügelten Gemütes ausgezogen mit dem Wunsche,\nunser Leben durch Einkauf von Brauchbarem oder Schönem zu bereichern.\nUm dann in Kürze nach Zusammenstößen mit Habsucht, Betrügerei,\nGleichgültigkeit, unsere erblaßten Wünsche nebst stiller Hoffnungslosig-\nkeit zurück zu tragen, Wir alle sind aber auch schon durch das gütige\nLächeln eines Ladenfräuleins, durch die wirkliche Freundlichkeit eines\nklugen Verkäufers erfrischt und gerührt worden. Die wohlverschanzte\nMacht Alltag ist wert, mit Liebeswaffen bezwungen zu werden. Alltag\nwird grau genannt warum? Abwechslung von Ruhe und Tat ist\nMenschen nötig. Gräue bedeutet Leere. Ruhe ist nötig Leere nicht.\nLeere ist Armut und schlechte Gewohnheit. Warum liebt ihr das himm-\nlische Abenteuer so wenig? Laßt euch doch nichts vormachen, alles\nLiebe und Schöne ist uns möglich! Der Teufel ist unendlich dick und\nbewegt sich ungerne (der Teufel unserer Zeit). Während er leise, aber\nbefehlshaberisch behauptet, daß es ihn nicht gibt, streichelt er seine\nschauerlichen Haustiere, die er kosend Indifferentia, Paralyschen und\nImmerweiterwurstel nennt. Lieben wir ihn doch! Wenn er selbst nicht\ndaran denkt, denken wir doch daran, daß er der schönste unter den\nHimmelsrittern war. Es gibt allerdings keinen Teufel nur einen Engel\nmit Mißverständnis, es gibt keinen grauen Alltag, nur Gefühlsfaulheit.\nLiebe ist für Alltag; für alle Tage, alle Stunden, alle Minuten. Die\nnicht zu mißverstehenden Ereignisse um uns sollten es doch nachdrücklich\ngenug gezeigt haben. Liebe ist nicht nur eine Angelegenheit für Feier-\ntage und Schaltjahre, sondern, gerade so wie Freiheit, die kontinuierliche\nJubelmöglichkeit zum An- und Umbau deines Innen- und Außenalltags,\nlieber Ganztoter, Halbtoter, Lebendiger! Die Liebe muß in den Alltag\neinziehen, von unseren wirklichen und herzklopfenden Bitten geleitet.\n(Eine schnelle Folge hievon: daß die sogenannte Kunst nur noch in Ver-\nbindung mit dem Leben, mit dem Lebendigen, möglich ist, und nicht\nein von allem Wachstum losgelöstes Dasein von mehr oder weniger sprü-\nhender Sterilität führen kann. Von da geht auch erst die Möglichkeit aus,\ndie Gesetzmäßigkeit zu erobern, die bisher verschleiert war. Lebendige\nund Tote werden gerichtet werden können auch vor den Augen der noch\nUnfühlenden.)\nDie Wirtschaftsbeziehungen zwischen Menschen können und müssen zu"}, {"page_pdf": 49, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.49", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2550, "texte": "einem Spiegelbild himmlischen Geschehens werden. Austausch Er-\ngänzung wahre Bereicherung aller Beteiligten. Gewinn: eine negative\nAngelegenheit. Eine sich unerbittlich am Geistigen rächende Handlung.\nGewinn am Materiellen lähmt und hindert jede Freude im Geistigen auto-\nmatisch. (Bösen Kaufleuten sollte man, wie unartigen kleinen Jungen,\nzweitausendmal abzuschreiben geben: alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.\nDie liebevollen Verkäufer würde Christus, der Sohn der Liebe, nicht aus\nder Vorhalle des Tempels gejagt haben.)\nMan denke sich große Kreise von Magazinen gebaut, in denen nur\nGegenstände vergeben werden, die aus liebevollen Händen und Herzen\nentstanden sind. Die in die Liebe der Nehmenden eine süße, unaufhör-\nliche Magie von guten Wünschen, von unbeirrbarem Glauben einziehen\nlassen. Die, welche für diese wundersamen Vorratskammern arbeiten, werden\nviel Licht verbreiten und ihr Leben wird eine heilige Handlung sein.\nIhre atmende Güte wird die Völker entflammen zur Reinheit. (Nur Schund\nist Laster. Laster ist ein Fehler im System und ein Mangel am System.)\nDas Gute steckt genau so an wie die böse Krankheit.\nDie Kinder der Liebesarbeiter werden von ihren Vätern, von ihren\nMüttern zum Bewußtsein ihres schönen Lebens und ihrer zarten Verant-\nwortung herangebildet. Immer mehr wird den gedankenlosen Maschinen\nihre Herrschaft erschwert werden: man wird ihnen in vielem ihre Arbeit\nnicht mehr gönnen und sie Sklaven sein lassen, die sie ewig zu sein be-\nstimmt sind. Viele weise Väter werden ihre Söhne nicht mehr aus falscher\nBescheidenheit schlechte Architekten, unnötige Ingenieure, gemeingefähr-\nliche Ärzte oder Lehrer werden lassen. Die Weihe der einfachen Hand-\nlungen, beladen mit Menschlichkeit, wird besser verstanden. Die sich\nwichtig nehmende Bildung das Wissen von Nebensächlichem wird ver-\nstoßen sein. Geber und Empfänger werden nur beseelte Menschen sein,\ndenn nur ein tief bewegtes Gemüt vermag die Anspannung zu ertragen,\ndie ein solches Leben mit sich bringt. Etwas von wahrem Arzttum wird\nin diesen Austeilenden sein. Menschengefühl und intuitive Scham. Und immer\nmuß Das den Sachen zugefügt werden, das nie gekauft werden kann, nur\ndurch antwortendes Gefühl Bezahlbares. Käufer: ach, wie schwer war es,\nnie ungeduldig zu sein, nie überhebend. Ungeduld ist meist Schuldbewußt-\nsein. Überhebung Dummheit. Aber um vor Genesenden und Stillen,\nvor Mutigen, Ungläubigen und Betrübten das Wunder aufgehen zu lassen:\netwas Ersehntes; gar nicht Erwartetes, viel zu Reiches, Liebes bekommt\nman geschenkt. Geschenkt!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c010", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "48", "page_fin": "49", "image_debut": 50, "image_fin": 51, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.10", "titre_corps": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN", "titre_sommaire": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 50, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.50", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1582, "texte": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\n\nTwan goll\nHess die Dichtung „Requiem\" (bei Rascher & Co., Zürich 1917) erscheinen.\nDieser Dichter ist in seinen Versen: ein europäischer Mensch.\n„O ihr Brüder alle! Tommies! Poilus! Bayern! Mudjiks! Bersaglieri! Hon-\nveds! Ihr alle einmal der Boulevard, der Festsaal, der Mob, der jauchzend\nein Meer mich Welle umrauschte!\nIhr Europäer! Antlitze von Milch und Blut! Jeder von einer herrlichen\nMutter! Ihr alle, in denen ich das Symbol der ewigen Dinge sah: der Liebe\nim leuchtenden Auge, der Güte im lächelnden Mund und der Erkenntnis in\nder denkerischen Stirn!\nIhr alle, von Erde und Sonne gespeist! Ihr alle in überirdischer Liebe\ngezeugt!\nIch glaube nicht an euren Hass! Ich glaube nicht an euren Krieg!\" Und:\n„O Arbeitersoldat, der Kriegsarbeit verschrieben! Du Schaffender, du\nHungernder, du Leidender, du Sterbender! Du Bürger! Du Staat!\nIch sehe die Blutfahne der Revolte noch, an einen Schlot gebunden,\nfunkenbesternt: auf Halbmast!\"\nWill man wissen, wie sehr es ihm ernst ist:\n„O Eitelkeit der Heimat,\nDie unser erste Himmel umwölbte!\nO Eitelkeit der Kindheit,\nMit Sternen und Narzissen bevölkert!\nO Eitelkeit der Familie,\nUm die die singenden Schwestern schwebten!\nO Eitelkeit des Werkzeugs;\nDas täglich unser Schicksal hämmerte!\nO Eitelkeit der Dichtung,\nDie uns auf lichter Welle schaukelte!\nO Eitelkeit der Liebe,\nDie uns die wächsernen Flügel gab!\nO Eitelkeit des Todes,\nIn dem wir doch nur werden, was wir waren!\"\nAus solcher Selbstbefreiung junger Menschen kommen die Kräfte der\nZukunft. Diesen Anfang erlebt also die Mitwelt noch."}, {"page_pdf": 51, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.51", "debut_caractere": 3, "fin_caractere_exclue": 2816, "texte": "Cheodor Bagger\nveröffentlichte im Zeit-Echo eine schöne Arbeit: „Das geistige Geschlecht\".\nDie gipfelt in den Worten: „Ich bin Geist und liebe!\" Und wer von uns\nist, findet, dass solche Worte gar nicht oft genug und nicht eindringend\ngenug gesagt werden können. (Darum erschienen sie hier.) Diese Arbeit steht\njetzt in einem kleinen Buch Taggers „Das neue Geschlecht Programm-\nschrift gegen die Metapher\" (in diesen Tagen bei Verleger Heinrich Hochstim,\nBerlin, erschienen). Die Programmschrift gegen die Metapher, der Hauptteil\nder Broschüre, ist ausgezeichnet. Gegen das Bild, für die Tat. Gegen die\nUmschreibung für die Unmittelbarkeit. Gegen die Geistausbeuter für die\nGeistigen. Gegen die Halben, die Macht-, Erfolg-, Eigentumsmenschen für die\nSchöpfer. Gegen die Passiven und zuletzt für die Heiligen, Einfachen, Wirk-\nlichen. Das war gut und notwendig. Aber als dieses Buch kam, schrieb\nich gerade gegen Tagger. Er .gibt eine Zeitschrift heraus, den „Marsyas\",\nderen Abonnement im Jahr sechshundert Mark kostet oder mehr, und\ndie durch diesen Preis verdammt ist, auf den Tischen von Schiebergattinnen,\nverschwenderisch gewordenen Munitionsvorarbeitern und jungen Schlossherren\nzu liegen. Das ist scheussliche Gründerjahrpraxis unserer Zeit!\nEine Frage: „Ich bin Geist\"— heisst das: Redakteur des Marsyas? „Ich\nliebe\" meine Leser? An der Spitze der Mitarbeiterliste, die anständige\nund üble Leute zeigt, steht der Dichter Hugo von Hofmannsthal, also ein\nMann, der unbedenklichstes Kriegsfeuilleton geschmiert hat. Liebt der Geist\nauch ihn?\nHier irrt Tagger. Seine Schriften sind zur Ausrottung dieser Dichters-\nmänner und dieser Leser bestimmt? Es ist zu scherzhaft, der Bibliophilie\nunter die Arme zu greifen, wenn man soeben Waffen zu ihrer Vernichtung\nverteilt. Ich halte mich an ihre Vernichtung.\n\nZeichner Frans masereel\nhabe ich Unrecht getan. Ich nannte ihn einen Beschreiber der Ereignisse. Aber\nseitdem hat er der Zeitschrift ~Tablettes\" das Titelbild „Assez!\" gegeben, das\nVorbild für alle Leser und Beschauer, laut und wild gegen den Krieg „Halt!\"\nzu schreien. Seitdem hat er in der Genfer Zeitung „La Feuille\" Tag um\nTag eine Propagandazeichnung gegen den Krieg, gegen Gemeinheit, gegen\nUngerechtigkeit, gegen Vergewaltigung. Für Menschlichkeit. Für Heilung und\nAufrichtung. Tag jum Tag eine aufopfernde Arbeit in zeichnerischen Flug-\nblättern, die auf Kunstgeniessertum, Schönheitsgetue, Atelier-Parasitentum\nverzichten.\nWer das macht, kommt nicht mehr zum Bildermalen. Dem ist klar, dass\nheute das im Atelier zusammengepinselte Tafelbild nur Kunstdienerschaft vor\neiner sublim angestachelten Kapitalistenzeit ist. Wer einst nur Maler war und\nseitdem Mensch geworden ist, der malt keine Bilder mehr, der wirft das\nFlugblatt unter das Volk.\nUnd dieser Frans Masereel, glaube ich, ist ein Mensch."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c011", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "48", "page_fin": "48", "image_debut": 50, "image_fin": 50, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.10.1", "titre_corps": "Twan goll", "titre_sommaire": "Twan goll", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 50, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.50", "debut_caractere": 35, "fin_caractere_exclue": 1582, "texte": "Twan goll\nHess die Dichtung „Requiem\" (bei Rascher & Co., Zürich 1917) erscheinen.\nDieser Dichter ist in seinen Versen: ein europäischer Mensch.\n„O ihr Brüder alle! Tommies! Poilus! Bayern! Mudjiks! Bersaglieri! Hon-\nveds! Ihr alle einmal der Boulevard, der Festsaal, der Mob, der jauchzend\nein Meer mich Welle umrauschte!\nIhr Europäer! Antlitze von Milch und Blut! Jeder von einer herrlichen\nMutter! Ihr alle, in denen ich das Symbol der ewigen Dinge sah: der Liebe\nim leuchtenden Auge, der Güte im lächelnden Mund und der Erkenntnis in\nder denkerischen Stirn!\nIhr alle, von Erde und Sonne gespeist! Ihr alle in überirdischer Liebe\ngezeugt!\nIch glaube nicht an euren Hass! Ich glaube nicht an euren Krieg!\" Und:\n„O Arbeitersoldat, der Kriegsarbeit verschrieben! Du Schaffender, du\nHungernder, du Leidender, du Sterbender! Du Bürger! Du Staat!\nIch sehe die Blutfahne der Revolte noch, an einen Schlot gebunden,\nfunkenbesternt: auf Halbmast!\"\nWill man wissen, wie sehr es ihm ernst ist:\n„O Eitelkeit der Heimat,\nDie unser erste Himmel umwölbte!\nO Eitelkeit der Kindheit,\nMit Sternen und Narzissen bevölkert!\nO Eitelkeit der Familie,\nUm die die singenden Schwestern schwebten!\nO Eitelkeit des Werkzeugs;\nDas täglich unser Schicksal hämmerte!\nO Eitelkeit der Dichtung,\nDie uns auf lichter Welle schaukelte!\nO Eitelkeit der Liebe,\nDie uns die wächsernen Flügel gab!\nO Eitelkeit des Todes,\nIn dem wir doch nur werden, was wir waren!\"\nAus solcher Selbstbefreiung junger Menschen kommen die Kräfte der\nZukunft. Diesen Anfang erlebt also die Mitwelt noch."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c012", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "49", "image_debut": 51, "image_fin": 51, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.10.2", "titre_corps": "Cheodor Bagger", "titre_sommaire": "Cheodor Bagger", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 51, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.51", "debut_caractere": 3, "fin_caractere_exclue": 1809, "texte": "Cheodor Bagger\nveröffentlichte im Zeit-Echo eine schöne Arbeit: „Das geistige Geschlecht\".\nDie gipfelt in den Worten: „Ich bin Geist und liebe!\" Und wer von uns\nist, findet, dass solche Worte gar nicht oft genug und nicht eindringend\ngenug gesagt werden können. (Darum erschienen sie hier.) Diese Arbeit steht\njetzt in einem kleinen Buch Taggers „Das neue Geschlecht Programm-\nschrift gegen die Metapher\" (in diesen Tagen bei Verleger Heinrich Hochstim,\nBerlin, erschienen). Die Programmschrift gegen die Metapher, der Hauptteil\nder Broschüre, ist ausgezeichnet. Gegen das Bild, für die Tat. Gegen die\nUmschreibung für die Unmittelbarkeit. Gegen die Geistausbeuter für die\nGeistigen. Gegen die Halben, die Macht-, Erfolg-, Eigentumsmenschen für die\nSchöpfer. Gegen die Passiven und zuletzt für die Heiligen, Einfachen, Wirk-\nlichen. Das war gut und notwendig. Aber als dieses Buch kam, schrieb\nich gerade gegen Tagger. Er .gibt eine Zeitschrift heraus, den „Marsyas\",\nderen Abonnement im Jahr sechshundert Mark kostet oder mehr, und\ndie durch diesen Preis verdammt ist, auf den Tischen von Schiebergattinnen,\nverschwenderisch gewordenen Munitionsvorarbeitern und jungen Schlossherren\nzu liegen. Das ist scheussliche Gründerjahrpraxis unserer Zeit!\nEine Frage: „Ich bin Geist\"— heisst das: Redakteur des Marsyas? „Ich\nliebe\" meine Leser? An der Spitze der Mitarbeiterliste, die anständige\nund üble Leute zeigt, steht der Dichter Hugo von Hofmannsthal, also ein\nMann, der unbedenklichstes Kriegsfeuilleton geschmiert hat. Liebt der Geist\nauch ihn?\nHier irrt Tagger. Seine Schriften sind zur Ausrottung dieser Dichters-\nmänner und dieser Leser bestimmt? Es ist zu scherzhaft, der Bibliophilie\nunter die Arme zu greifen, wenn man soeben Waffen zu ihrer Vernichtung\nverteilt. Ich halte mich an ihre Vernichtung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c013", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "49", "image_debut": 51, "image_fin": 51, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.10.3", "titre_corps": "Zeichner Frans masereel", "titre_sommaire": "Zeichner Frans masereel", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 51, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.51", "debut_caractere": 1811, "fin_caractere_exclue": 2816, "texte": "Zeichner Frans masereel\nhabe ich Unrecht getan. Ich nannte ihn einen Beschreiber der Ereignisse. Aber\nseitdem hat er der Zeitschrift ~Tablettes\" das Titelbild „Assez!\" gegeben, das\nVorbild für alle Leser und Beschauer, laut und wild gegen den Krieg „Halt!\"\nzu schreien. Seitdem hat er in der Genfer Zeitung „La Feuille\" Tag um\nTag eine Propagandazeichnung gegen den Krieg, gegen Gemeinheit, gegen\nUngerechtigkeit, gegen Vergewaltigung. Für Menschlichkeit. Für Heilung und\nAufrichtung. Tag jum Tag eine aufopfernde Arbeit in zeichnerischen Flug-\nblättern, die auf Kunstgeniessertum, Schönheitsgetue, Atelier-Parasitentum\nverzichten.\nWer das macht, kommt nicht mehr zum Bildermalen. Dem ist klar, dass\nheute das im Atelier zusammengepinselte Tafelbild nur Kunstdienerschaft vor\neiner sublim angestachelten Kapitalistenzeit ist. 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Und ehe es so weit kommt, müsste wenigstens während\nder Rekrutenausbildung die Beidhändigkeit unentwegt angestrebt werden,\num ohne besondere Kosten die Steigerung der Kraft und Tüchtigkeit des Heeres\nim Kriege vorzubereiten\" (gesperrt vom Verfasser). Der Aufsatz, dessen\nZiel hier wörtlich wiedergegeben wird, ist betitelt: „Zwei wichtige Lehren\naus diesem Kriege!\" und steht im Heft vom Mai 1917 (also zum Schlüsse\ndes dritten Schlachtjahres) in der Zürcher Zeitschrift ~Das neue \".\nWunderbares neues Europa! Mit diesem unausdenkbar grauenhaften Mord-\nMechanisierungs-Plan steht der Autor brüderlich neben dem deutschen Ra-\ndikalsozialisten Julian Borchardt, der bekanntlich eine Verteidigungsschrift\ndes uneingeschränkten Unterseebootkrieges herausgab. Nein, diese Leute\nsind nicht ernst zu nehmen. Sie sind nur die wildgewordenen Zeiger am Gal-\nvanometer Europas, dessen Ausschläge den Eintritt der stärksten geistigen\nZersetzungsströme in den Körper der europäischen Gesellschaft angeben, und\ndie letztes Zucken vor faulig stinkender Auflösung ankündigen.\n\nBring uns, Herr, ins Laradies!\nDie Sätze hier sind ein wortgenauer Auszug aus: Kjiegerzweifef, ein Soldaten-\nbüchlein von Robert Falke, Konsistorialrat und Superintendent in Werni-\ngerode. (Barmen 1917. Verlag von E. Biermann. Preis einzeln 15 Pf., 50 Stück\nM, 6.50, 100 Stück M. 12—, 500 Stück M. 55.—, 1000 Stück M. 100.—).\n„Zu den Feinden gesellt sich allmählich noch ein andrer. Das ist der Zweifel.\nWenn der deutsche Krieger dem Franzosen, Engländer und Russen im Nah-\nkampf gegenübertritt, dann rennt er ihm das kalte Bajonett durch den Leib\noder er zertrümmert ihm mit dem Kolben den Kopf. Wie passt solches Morden\nzu dem Gebot der Feindesliebe? Jeder Zweifel ist zu besiegen! Die Gründe,\ndie für unsern Glauben sprechen, sind tausendmal klarer und wuchtiger\nals die Gründe, \"die man gegen unsern Glauben anführen kann. Wer tiefer\nblickt, sieht ganz genau die Hand Gottes, auch bei diesem Gemetzel.\nDieser Krieg ist eine von Gott über die Sünde der Völker verhängte\nStrafe, und wir Deutschen sind zusammen mit unsern Verbündeten die Voll-\nstrecker des göttlichen Strafgerichts. Es ist zweifellos, dass das Reich Gottes\ndurch diesen Krieg gewaltig gefördert und vertieft werden wird.\nKann man im Kriege seine Feinde lieben?\nUnser Heiland gebot: „Liebet eure Feinde\"! Und jetzt im Weltkriege?\nWenn die feindlichen Kolonnen anstürmen, werden sie durch Geschütz- und"}, {"page_pdf": 53, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.53", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3195, "texte": "Maschinengewehrfeuer niedergemacht; die in die Stellung dringenden Feinde\nwerden mit dem Kolben niedergeschlagen und mit dem Bajonett durchbohrt.\nUnd daheim im Vaterlande jauchzt das Volk, wenn ein grosser Sieg erfochten\nist. Aber Jesus gebietet: „Liebet eure Feinde!\"\nMan muss hier zunächst klar und bestimmt eingestehen: Jesus hat das\nGebot nur für den Verkehr zwischen den einzelnen Menschen gegeben, aber\n• nicht für das Verhältnis der Völker zueinander. Im persönlichen Verkehr\nsoll der Christ seinen Feind dadurch zu lieben versuchen, dass er nicht\ngleiches mit gleichem vergilt. Aber im Streit der Nationen untereinander\nhat die Feindesliebe ein Ende. Hierbei hat der einzelne Soldat sich\ngar keine Gewissenbisse zu machen. Er trägt ja nicht die Verantwor-\ntung für sein Töten, sondern seine Obrigkeit. Solange die Schlacht tobt, ist\ndas Liebesgebot Jesu völlig aufgehoben. Es gilt nicht für die Stunden des Ge-\nfechts. Das Gebot der Feindesliebe hat für uns auf dem Schlachtfelde gar\nkeine Bedeutung mehr. Je rücksichtsloser wir unsere Waffen anwenden, um so\nbarmherziger ist das, denn um so schneller wird der Krieg beendet. Das\nTöten ist in diesem Fall keine Sünde, sondern ein Dienst am Vaterlande, eine\nchristliche Pflicht, ja ein Gottesdienst. Unser Heiland, Jesus Christus selbst,\nder uns gebot, den Feind zu lieben, hat sich auch nicht alles gefallen lassen.\nDen Soldaten, der ihm ins Gesicht schlug, hat er strafend zur Rede gestellt:\n„Warum schlägst du mich?\"\nEs ist darum ein Gottesdienst und eine heilige Pflicht, alle unsere Gegner\nmit furchtbarer Gewalt zu strafen und, wenn es sein muss, zu vernichten.\nSolange in diesem Weltkriege die Kanonen donnern, hat das Gebot Jesu,\n„Liebet eure Feinde!\" keine Geltung mehr. Fort mit allen Gewissensbedenken!\nJetzt ist keine Zeit für Feindesliebe auf dem Schlachtfelde.\nUnd wenn im Krieg Hunderttausende fallen, dann wissen wir ganz gewiss,\ndass Gott auch für sie gesorgt hat. Für die Gefallenen muss der Tod das\nBeste gewesen sein, Gott wollte ihre Seele schon jetzt haben. Ein längeres\nLeben hätte ihnen vielleicht schwere Sünden und Vergehungen gebracht. Der\nfrühe Schlachtentod hat sie vor schweren Züchtigungen und bittern Erfah-\nrungen bewahrt. Sie ruhen nun in Gottes Hand und dort haben sie seligen\nFrieden. Ja, er sorgt für jedes Menschen unsterbliche Seele. Warum wurden\nso viele tausend Männer zu Krüppeln geschossen? Warum wurden so viele\nhundert Soldaten blind? Weil Gott dadurch ihre Seele retten wollte!\nGerade der Weltkrieg mit seinen Leiden und Greueln hat uns gezeigt,\ndass die Erde für uns keine bleibende Stätte sein kann; wir suchen die\nzukünftige Heimat. „Bring uns, Herr, ins Paradies!\"\nDieses blutgierige, Hass schäumende Mordgeschrei von einer Stelle, die sich\n„Seelsorge\" nennen darf (wie mag den Seelen, um die so satanische Sorge waltet,\nzumute sein!) hat etwas wunderbar Gutes an sich. Das ist der Titel der Broschüre:\n~Kriegerzweifel\". Würde man es nicht längst wissen, so hätte man durch das\n„Soldatenbüchlein\" Aufklärung; die Krieger zweifeln also. Und was mehr\nist als der blosse Zweifel am Sinn des Krieges oder am Erfolg sie zwei-\nfeln an der moralischen Berechtigung des Kämpfens. 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Zeitgedichte\neines Schweizers\". (Verlag von Huber & Co., Frauenfeld und Leipzig 1917.)\nUnd während mich dieses Dichters freies Herz, das ebenso stark vom\nWissen wie vom Gefühl getrieben wird, einmal zur Auseinandersetzung, viel\nöfter aber zur Bejahung drängte, kam mir gerade eine neue Schrift des\nunermüdlichen Militärphilosophen Max Scheler in die Hände, „Die Ursachen\ndes Deutschenhasses\" (Verlag Kurt Wolff, Leipzig 1917). Es wäre gut, wenn\nfestgestellt würde, in wessen Namen Scheler spricht. Er sagt „Wir\", und\nmeint die Deutschen: „Wir sind und waren an erster Stelle Militaristen ein-\nfach aus dem Grunde, weil es uns wohl gefiel, also zu leben, und nicht an-\nders.\" Ein anderes Mal schüttet dieser Paria der Philosophie seinen ganzen\nSklavenhochmut über das „Medium des stark kuhglockenhaft gefärbten\nFriedens der deutschen Schweiz\" aus. Statt einer Beschwörung lasse ich\nden Schweizer Faesi sprechen:\n„Sie sind nicht mehr als Waffe, Nummer, Zahl.\nDie ärmste Krähe noch kommt frei geflogen,\nDer Bettler wählt sich seinen Brückenbogen\nZum schlechten Bett nach eigner Wahl;\nSie aber sind dem Raum, der Zeit entzogen:\nSie stehn gerammt in einem blutigen Grunde\nNicht anders als im Stachelnetz der Pfahl;\nIhr Zeiger zeigt nicht ihrer Seele Stunde,\nSie sind ein Rad im Räderwerk der Qual.\"\nUnd wollt ihr wissen, wie der Schweiz zumute ist? Hier der ganze\nMensch des geistigen Schweizers, und ich finde, dieser Typus Mensch\ngehört zu den besten Europas, zu denen des kommenden, ethischen Menschen:\n„Warum ist mir zum vollen Mahl getischt,\nUmwölbt von Frieden wie von einem Schild?\nUnd du, den ich nicht kenne, ferner Bruder,\nNein: naher Bruder, nächstes Ebenbild,\nVielleicht, dass du in Dornenbüschen kauerst\nUnd andre Brüder lauern, wie du lauerst,\nUnd pirschen dich hinweg wie schädlich Wild.\nUnd andre bangen auf den Lagerplätzen,\nSchaufeln in Sappen, schleppen Munition,"}, {"page_pdf": 55, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.55", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 538, "texte": "Und andre stürmen keuchend ins Gefecht!\nUnd Brüder zappeln wund in Stachelnetzen\nUnd faulen drin gleich fortgeworfnen Fetzen,\nUnd Brüder siechen in Gefangnenfron\nUnd Lazarett; und die den Boden netzen\nMit ihrem Blut sind zehnmal Million.\nDoch schon marschiert und stürmt ein neu Geschlecht,\nUm gleichen Leidenslohn sie zu ersetzen.\nUnd fühl mich blutend eins mit ihrem Wehe,\nUnd ihre Sache wird zu meiner Sache . . .\"\nMit diesen Gedichten tritt Faesi in die Schar derer, denen Dichtung als\nVerantwortlichkeit und vorbildliches Tun gilt.\n*"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c019", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "53", "page_fin": "54", "image_debut": 55, "image_fin": 56, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.11.3.2", "titre_corps": "Tean Debrit", "titre_sommaire": "Tean Debrit", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 55, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.55", "debut_caractere": 540, "fin_caractere_exclue": 2670, "texte": "Tean Debrit\ngibt ein Buch heraus „et ce fut la guerre\" „und also ward der Krieg\"\n(bei Atar, in Genf 1917). Debrit ist Genfer. Viele Leute wissen immer\nirgend etwas von Debrit. Ich weiss nichts von ihm, nur was ich . aus\nseinem Buch lese. Vor diesem Buch bleibt keine Regierung moralisch\nbestehen, die Macht keines Landes erhalten. Das einzige Ziel des\nBuches ist der Mensch, die einzige Richtung des Buches ist die Menschlich-\nkeit. Das ist bei Debrit keine weichliche Phrase, sondern erste sachliche,\nnackte und wissende Forderung. Dieser Schweizer hat den Mut, die\nEntstehung des Krieges und seinen Verlauf unter dem Richtpunkt des\nMenschen anzuschauen. Ebenso mutig und ebenso sachlich ist seine Konse-\nquenz: Umwälzung. Jean Debrit ist ein Mann des Tages; er gibt in Genf\neine Wochenschrift heraus „La Nation\" und eine Tageszeitung „La Feuille\"\n(in denen es den Autoritäten jedes Landes schlecht geht). Und dieser Jour-\nnalist stellt die Forderung der Umwälzung wissend auf: Umwälzung von\ngeistiger Herkunft zu geistigen Zielen hin.\n„Aber wenn die Regierungen denken die Regierten werden lenken. Das\nist unsere tiefe Überzeugung. Wir glauben fest, dass bei dem übermensch-\nlichen Ekel vor den Militärgloriolen, der alle befallen wird, viele Dinge, die\nbisher unmöglich schienen, wie durch Zauberschlag verwirklicht werden. Bis\njetzt mühte man sich, schon in den Kinderseelen die Liebe zum Kriege zu\nhegen, indem man die Herrscher und ihre Ambitionen, die Staatsmänner und\nihre feinen Gewebe, die Generäle und ihre Siege zum Gipfel der National-\nfeiern machte. Aber von nun an wird man das Entsetzen davor lehren, und\nes wird im Gegenteile heissen, die Menschen und ihr Liebeswerk zu preisen.\nDie Presse ergänzte diese Erziehung zum Hasse durch ihre unheilvollen\nAufstachelungen, ihre berechneten Roheiten, ihre systematischen Entstellungen.\nMan wird die Presse zu diesen zwei unerhörten Dingen zwingen müssen;\ngerecht gegen Jeden zu sein und die Wahrheit zu sagen. Doch ein inoch\nunerhörteres Ding; die Christen oder die das sein wollen werden wirk-\nlich die Lehre Christi üben müssen; jene Lehre, die wenn ich recht berichtet"}, {"page_pdf": 56, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.56", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 304, "texte": "bin in der unbedingten Nächstenliebe gipfelt, einer Liebe, die keine Aus-\nnahme zulässt, nicht einmal die vor dem Feinde und gerade die vor dem Feinde\nnicht.\"\nUnd das spricht kein Phantast, sondern ein unerbittlicher Politiker, dessen\nBuch voll ist von den schauerlichen Dokumenten der vergangenen Jahre."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c020", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "54", "image_debut": 56, "image_fin": 56, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.11.3.3", "titre_corps": "Kameradenstimme", "titre_sommaire": "Kameradenstimme", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 56, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.56", "debut_caractere": 306, "fin_caractere_exclue": 1711, "texte": "Kameradenstimme\nDiese guten Worte sagt Charlot Strasser im Berner „Bund\" (Sonntagsblatt\nvom 16. September 1917): „Noch nie wie jetzt hat der Schaffende empfunden,\ndass die Stoffe sich aufdrängen, dass die Kunst nicht mehr frei ist, dass ein\nheiliges Gebot ihr die Aufgabe bedingt, im geistigen Kampfe einer tollen,\nrasenden, wahnwitzigen Welt Partei zu ergreifen. Dann etwa noch: Zeugnis\nund leidenschaftlichen Protest abzulegen für alle Zeiten gegen die offizielle\nGeschichtschreibung der Majoritäten, gegen die Generalstabsberichte, Regie-\nrungsfiktionen und Parlamentsschlagworte. Weit hinaus über die Kompromisse\nund Verrenkungen der starren und bestehenden Ordnung, die den einzelnen\nin den Krieg einordnen darf. Weit über die alles Geist sowie Leere, Diffe-\nrenzierung wie kulturlose Tierverwandtschaft menschlichen Wesens nivel-\nlierende Vergewaltigung hinaus treffen sich Empörung und bitteres Weh all\nderer, die dem Glauben an die sittliche, religiös läuternde Bestimmung der\nKunst, an gütiges Verstehen und Näherbringen der einzelnen Menschen unter-\neinander ihr Streben und Wirken geweiht haben. Ohne dieses Ziel ist dem\ngegenwärtig Schaffenden und Nachempfindenden keine neu werdende Literatur\nerträglich. Fast undenkbar sind ihm heute Aufgaben, die nicht aus dem ewig\nunverarbeitbaren Erlebnis der vergangenen Kriegsjahre zu gestalten suchen.\nUnwürdig Leistungen, die nicht Tendenz umwirken!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c021", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "56", "image_debut": 56, "image_fin": 58, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.11.3.4", "titre_corps": "Heue Wege.", "titre_sommaire": "Heue Wege.", "signature_source": "L. R", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 56, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.56", "debut_caractere": 1713, "fin_caractere_exclue": 2903, "texte": "Heue Wege.\n\nDer Krieg hat Gustav Landauers menschlich grosse Zeitschrift „Socialist\"\nbeseitigt. (Dies ging, ausser den Zwischenfällen des Schweigenmüssens wohl\nnicht ohne starke Enttäuschungen, Überraschungen, Lehren ab. Manche, die\njahrelang im „Socialist\" veröffentlichen durften, haben seit Beginn des\nKrieges ihren wilden Literatur-Nationalismus entdeckt; andere, die theoretisch\nabgelehnt wurden, haben sich als reine Menschen und als Zukünftige ent-\nhüllt. Im ganzen das Bild wie in jeder großen Krise einer Bewegung: Die\nKünstlerischen und Geschätzten waren Verräter; die Agitatorischen und Miß-\nachteten waren Menschen!) Seitdem ist, wie mir scheint, nur ein einziges\nBlatt da, das unzertreten vom Polizeistiefel, den wahren Aufgaben des mensch-\nlichen Geistes dient. Das sind die „Neuen Wege\", eine Monatsschrift, die im\nzwölften Jahrgang (bei R. G. Zbinden in Basel, Rheinsprung 5) erscheint.\nEin Mann hat mit den elf starken Jahresbänden dieser Zeitschrift einen\nBlock in die Welt gesetzt, um den sie nicht mit Lächeln, Schielen oder Ver-\ngewaltigung wird herum kommen. Dieser Mann heißt Leonhard Ragaz; wer\nsich nicht um Personales kümmert, sondern darum, was er aus der Lektüre"}, {"page_pdf": 57, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.57", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3348, "texte": "der Leistung sieht, erfährt, daß Ragaz früher Pfarrer war und heute Professor\nder Theologie an der Universität Zürich ist. Die Zeitschrift begann vor zwölf\nJahren als Organ der „Religiös-Sozialen\" (greuliches Wort), und sie scheint\nzuerst ein Tummelplatz jener hochmütigen Pfarrers- und Theologenbande\ngewesen zu sein, die jede populäre Maske anlegen, um das Volk wieder für\npatentierte Kirchenkonfessionen zu gewinnen, und die sofort ihr wahres\nBeamtengesicht zeigen, wenn es gilt, ernstlich die eigene, irgendwie gesagte\nÜberzeugung zu verwirklichen. (Übrigblieb aus dieser Zeit nur eine allzugroße\nGüte im Veröffentlichen aufgeblasen dilettantischer Gedichte, deren Verse sich\nnicht mit ihrer Rede identifizieren, also nicht körperlich werden, sondern nur\nsalbungsvolle Worte sagen.) Aber je deutlicher die moralische Krise der Welt\nwurde, um so mehr schieden die falschen Freunde, die Halben, die Müden aus.\nMit dem Weltkrieg wird gerechnet. Zu Neujahr 1913 schreibt Ragaz: „Wir\nstehen an einem Endel Das war einer der Eindrücke, den wir von dem\nFriedenskongreß in Basel empfingen. Hier kam also dieser Eindruck vom\npolitischen und sozialen Leben her. Zu Ende geht jene Politik, die, umgeben\nvom Glanz nationaler, ja sogar religiöser Ideale, tief in tierisches Wesen\nhineinführte, die einen Haufen von Berufspolitikern Völkerschicksale machen\nließ menschlich angesehen! ohne daß davon die Völker etwas Rechtes\nerfuhren oder dazu etwas Ernsthaftes zu sagen hatten. Diese Politik ist sicht-\nlich in Verwirrung geraten. Nicht nur ist sie durch den Gang der Weltereig-\nnisse beschämt worden, noch mehr Eindruck muß es auf sie machen, daß\ndie Völker anfangen, sich gegen sie aufzulehnen. Der Protest des inter-\nnationalen Sozialismus war nur der Ausdruck einer in der heutigen Welt\nweit verbreiteten Empfindung.\" (Seither weiß Ragaz, daß Leute, die einer\nweitverbreiteten Empfindung Ausdruck geben, sich im Ernstfalle um ihren Protest\nnicht mehr kümmern, sondern sofort zum Ausdruck einer andern weit verbrei-\nteten Empfindung greifen je nach der Verbreitung der aktuellen Empfindung.)\n„Das Proletariat, indem es durch seine Bildungsarbeit die bürgerliche Welt\nvollends besiegen will, kommt zuletzt bei dieser an, ja, es kommt sogar erst\ndann dort an, wenn jene schon wieder weiter ist. lch lch betone stark, daß\nes, heißt: Gesinnung, nicht Wissenschaft. Das war der Grundfehler der bis-\nherigen Arbeit, daß sie, im Schlepptau des allgemein-bürgerlichen Ideals, die\nArbeiterbildung vor allem in einer Mitteilung von Wissen suchte. Dieser\nFehler aber hing mit dem andern zusammen, daß der Sozialismus überhaupt\nviel zu sehr als eine Wissenschaft verstanden wurde. Gewiß ist er mit einem\nWissen verbunden. Das Wissen soll ihm dienen, ihm den Weg bahnen zu\nhelfen, ihm Werkzeug und Waffe sein, aber in erster Linie und letzten Endes\nist der Sozialismus, wie schon gesagt worden ist, ein Ziel des Willens, ein\nsittliches Ideal und ein sittlicher Glaube: er ist der Glaube an Recht und\nNotwendigkeit einer wahrhaft menschlichen und sittlichen Ordnung, die an\nStelle der Knechtung und Ausbeutung des Menschen die gegenseitige Hilfe im\nKampf um ein volles, echtes, freies Menschentum setzt, es ist der Wille,\ndieses Ziel zu verwirklichen und es ist die Gesinnung, die diesem Ziel ent-\nspricht und alles Tun eines rechten Sozialisten regelt. Wir kehren also"}, {"page_pdf": 58, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.58", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2074, "texte": "die sonst übliche Ordnung um: zuerst die Gesinnung, dann die Wissenschaft,\nDas ist von großer Bedeutung. Zweierlei folgt daraus. Erstens: wir werden\nvom Dogmatismus erlöst, der unsere ganze Bewegung verheert. Denn wenn\nman den Sozialismus vor allem in einer Wissenschaft erblickt, dann legt man\nsich leicht auf eine bestimmte Wissenschaft fest. Man erhebt bestimmte\nSätze zu Dogmen, man bekommt eben eine Orthodoxie, eine Kirche des\nSozialismus mit allem Zubehör, man schließt sich von dem Strom der geistigen\nEntwicklung ab und vergeht sich in innerem Krieg und Kampf gegen die\nKetzer. Natürlich: Wenn das die Wahrheit des Sozialismus ist, eine bestimmte\nWissenschaft, dann wäre ja man verloren, falls diese Wissenschaft nichts mehr\ngälte, und muß sie verteidigen bis aufs Blut. Anders aber, wenn der Sozia-\nlismus vor allem eine Gesinnung ist, ein Willensziel, ein sittlicher Glaube. Dann\nist man seiner auf alle Fälle gewiß, mag die Wissenschaft noch so sehr hin\nund her schwanken. Er ist so gewiß, wie es gewiß ist, daß der Mensch ist\nund als Mensch nicht aufhören kann, nach einer Verwirklichung vollen Men-\nschentums zu streben: er ist so gewiß als der Glaube an das Gute ist, nicht\ngewisser, aber ebenso gewiß, das heißt: gerade gewiß genug für den streben-\nden und kämpfenden Menschen.\" (Februar 1916. Und als Vortrag vor Ar-\nbeitern gehalten. Wo hat man zu denen schon so gesprochen?)— Der kühne\nund unbekümmerte Mitherausgeber der Zeitschrift, J. Matthieu, geht auf\ndieses selbe Ziel mit den Denkwaffen des antiautoritären Sozialismus zu.\nVerwirklichung der zwangfreien, menschlichsten Gemeinschaft auf Erden\nnach den Forderungen des Menschen, der sich zum Unbedingten bekennt.\nDie Worte dieser Männer und ihrer Freunde und Schüler (E. Brunner,\nausgezeichnet durch Umfang und Ernst) stehen alle da als völlig selbstver-\nständlich; sie sind undoktrinär, und gar nicht von der Farbe des eiligen\nNeulings. Hinter jedem Satze der Matthieu und Ragaz sieht man tiefe Per-\nspektiven von Wissen, das diese Männer nur ganz haben aufgehen lassen in\nReinheit und Ziel.\n\nL. R."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c022", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "57", "image_debut": 59, "image_fin": 59, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.12", "titre_corps": "VERZEICHNIS:", "titre_sommaire": "VERZEICHNIS:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 59, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.59", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 478, "texte": "VERZEICHNIS:\nLudwig Rubiner:t Die neue Schaf Seite 1\nLeo Tolstoj: Der Fremde und der\nBauer . . . . . * . . . . „ 13\nIwan Göll: Menschenleben . . . „ 20\nAlfred Wolfenstein: Zum ewigen\nGedächtnis - „ 22\nLeonhard Frank: Das Liebespaar „ 24\nGustav Schulz: Morgen öder schon\nheute . , . . . . . . . . . „ 42\nHan Kelso: Das magische Waren-\nhaus . . . . . . , . . . „ 45\nM ensehen / Bücher / Zeitschriften. Iwan\nGöll. Theodor Tagger. Frans Masereel. Dokumente ides\nIrrsinns. Schweizer."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c023", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "58", "page_fin": "58", "image_debut": 60, "image_fin": 60, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.13", "titre_corps": "INHÄLT DES MAIHEFTES:", "titre_sommaire": "INHÄLT DES MAIHEFTES:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 60, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.60", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 147, "texte": "INHÄLT DES MAIHEFTES:\nORGAN / NEUER INHALT\nEUROPÄISCHE GESELLSCHAFT / MITMENSCH\nMENSCHEN / BUCHER / ZEITSCHRIFTEN\n(s[fe Mufsäize vom {Herausgeber j"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c024", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "58", "page_fin": "58", "image_debut": 60, "image_fin": 60, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.14", "titre_corps": "INHALT DES JUNIHEFTES:", "titre_sommaire": "INHALT DES JUNIHEFTES:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 60, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.60", "debut_caractere": 149, "fin_caractere_exclue": 365, "texte": "INHALT DES JUNIHEFTES:\nLUDWIG RUBINER: NACH FRIEDENSSCHLUSS\nTOLSTOJANERBRIEFE: REVOLUTIONSTAGE\nIN RUSSLAND\nALBERT EHRENSTEIN: MENSCHLICHKEIT\nMENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\nBasis-Hyg- ÄsØcZZIZJY M, Gfcid zasöfn ei«"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabb-1917-08-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabb_1917-08_01#c025", "volume": "bmtnabb_1917-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "58", "page_fin": "58", "image_debut": 60, "image_fin": 60, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.2.15", "titre_corps": "INHALT DES JULI HEFTES:", "titre_sommaire": "INHALT DES JULI HEFTES:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 60, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.60", "debut_caractere": 367, "fin_caractere_exclue": 709, "texte": "INHALT DES JULI HEFTES:\nHANS SIEMSEN: WARTET NICHT LÄNGER\nTHEODOR TAGGER: DAS GEISTIGE GESCHLECHT\nv . ; ' ' . ■ , ' ' ; . ■ - ' i ■ \\ . - '\nFRANZ PFEMFERT: ES IST NICHTS GESCHEHEN\nCLAIRE STUDER: DIE STUNDE DER FRAUEN\nOTTO FREUNDLICH: DER BAU\nEUGEN LEWIN-DORSCH: DER HERR DER NATUR\nMENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\nfffossen von Budwrg Hubiner"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.1", "texte": ".\nHERAUSGEBER: LUDWIG RUBINER\n3. JAHRGANG / AUGUST—SEPTEMBER / 1917\n\\ • M t . v.%: ■> ■ . a . W-L ■ - .. 1 >\nCEreis des Zweimonats*Qfeftes:\nZEIT- ECHO -VERLAG s\nBENTELI A -G., BÜMPLIZ-BERN UND LEIPZIG\n\nINHALT:\nLUDWIG RUBINER: DIE NEUE SCHAR\nLEO TOLSTOJ: DER FREMDE UND DER BAUER\nIWAN GÖLL: MENSCHENLEBEN\nALFRED WOLFENSTEIN: ZUM EWIGEN GEDÄCHTNIS\nLEONHARD FRANK: DAS LIEBESPAAR\nGUSTAV SCHULZ: MORGEN ODER SCHON HEUTE\nHAN KELSO: DAS MAGISCHE WARENHAUS\nMENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\nGlossen von ßudwja Hubmer"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "couv. 2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.2", "texte": "«: lszvfvfttl h P: X; L l» » »» «: . » . — . , z. X q X szxlyx v LX-. ' «. »» « l - J ·. - . h H »\n» »« «« « sp «. —-.,s»—sz.· x d; «! . «: , . u» «, ! « ( . . » s , ·· yfxgk » \" v «. « «« v « I« x\n«:- F »- » «» « \" «» «: ». -- ·. . — »« , «· X «« « ej », ’,- »«k.s «» » « . « «— - - , »\nUS C E. BE R: L U D W l C R U B I N E. R\nn - XAZURICH VI— I—IADLAUBSTR- « u e e\n. v » \" »« . «« » - siz f» , « ? ; » , « , . J« » » « ! I N» —-» «» « N «,-\n-«- «· i« !,« «( » . « v » - « v \" «- « , «, l« ; s« « » » «« « K « » N\nxszssz v« f» L— «: sz , sz XX «. i v « . - ; , , « — . «» . . ' v\n» u n » D 1e ettsc n t ist eine 1 iok « ««\n»Ist .- J « I sz sp ». « J . , « »! J f« . «« » J, Y f, » «« « . x - f, « XX «» «, — , X» « .\nu A » s MPO » - pknlqsondern eine moralische n\nAs « « «o. h « N« tu« k n n u\n, nge egen e1t.e 1c » « au genom- e\n\" »,«\"·- «» X« d: »« . ’-, l. « « nxf - I X «xX.,sz ! J, J — » i, . — , . tu« . « ,« » — s, . · «« , « »« u! »,\ne x n » » n meni werdenn W» erke irgend einer » », A\n\"«»,-«««» J« · X z! » \" , Xsz »« l» A« u « »« . «— , sp n e j «« sz « » » « , wi Hxsz «» - « »» « X «« wi » ««\n», ; u e ’ «« I lJnterbaltungsabstcht ,« besplusexs » »\nA » ,bende; Zeichnungen , - Ced1chte, » « n\n«; »F· «» » « » . » « i J« «« «« « J« « \" »F . »\n« n »« NoveIIen uncI Betrachtungen, die e n » » » Z»\n» s wi -aIIe1n tierlsrklarung »und »der Eil-e » » « «»\nI« u» « » : s «du»ng:»d1enen,.Zurverötsfentlichung e « «\nse. El, , » K. xszhp . 4 L ») . tffylxxh X x «. . : « q»,-.k f« «« « N , « «, - z» , zxx «— . N f« , :\n», »» » a zeu-ge»IAassenu sind nur» kordernde MPO »\nA « » e « sz Formulterungen von europatscher u « u e\n» - » s» u » e Gesinnung. » e s« u «\nspkz J» » » l ; « \"· Manuskripte aMeZusendungen, die nichts» , — ,s » - ««\nYJ Z« usspsNjJ \"«sz » . « u dasssAbdnnementAbt-treffen, sjndetnztg P u « P—-» n V« n\nsz « » e» P « szanz7d1e\" Reduktion, Ziikxcb VI, « u « l e » « e« e «\ne wi « « ’ 7 » » s Hsdkuldstssss « e » « A i» H e e\n: ; » » F» Ysz : Zzu richten. n » » «» » » - « «\nv »» J« H « l) »» ! ’ — ei- X: «' » «« » H« « : , « , X! tu« « u «, , , , s.\nH— X« »« · · s, zsz v. .- , « f «« . « . i , f Xsz « , « «X XX : « « » « »« - XX» ' . X »! « —\n: , s T» » . « « » - ) » ( » J, «: ) lsx U . spv «. - » K f( - « . szxsz J» » ,\n: l« «· Pf; f, E, . f» « YEI l « s. ( ' » ux · « h . f, , l, »» , ! « »» ! f» «."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.3", "texte": "DIE NEUE SCHAR\nLudwig Rubiner:\nWir sagen „Europa\". Aber niemand dürfte daraus den Begriff eines\nfest auf die Landkarte gemalten Gebildes hören, das national abgetrennt\nvon Asien wäre. Aus Asien, das scheint sicher, wird wohl nach diesem\nKrieg die siegreichste Idee der europäischen Ermüdung Menschlichkeits-\nblut zuführen: die Idee der Nicht-Gewalt, des Nicht-Widerstandes, des\nNicht-Kriegs, der Güte, der Gemeinschaft, und des Gottesreiches auf\nErden. (Aus Asien, auf dem Zuge durch Rußland.)\nEuropa war uns keine ethno-geographische Sache. Europa war eine\nForderung, Aber wir alle, die wir Europa forderten, glaubten heimlich,\ndaß etwas daran schon sei, ein unterirdisches Europa, das unsere Schritte,\nwie auf der Spur nach verborgenen Wasseradern, über die Grenzen weg,\ndurch seine Länder hindurch lenke; ein himmlisches Europa noch darüber,\ndas unsern Geist fähig und bereit mache, die Brüder zu suchen und zu\nerkennen, und das in uns allen das große Herz der Kameradschaft aller\nSprachen und Sitten schlagen lasse. Daß diese große, ganz geistige und\nunbesiegbare Welt da sei, glaubten wir.\nAber eine geistige Welt ist nur so weit da und genau in dem Umfang,\nals sie Menschen aufbringt, die sie vertreten und in ihren Handlungen\nausdrücken. Und die Größe dieser Welt entspricht genau der Größe ihrer\nmenschlichen Handlungen.\nIn Wahrheit, ist denn das die Frage, die man einem lebenden Menschen\nstellen darf: Europa oder Asien ? Wenn wir befreit von Theatererinnerungen,\nvon Romanvorstellungen, und von historischen Gerüsten an die Zukunft\nder Menschen auf der Erde denken, dann muß die Fragestellung „Europa\noder Asien\" als irrsinnig erscheinen.\nNoch schlimmer als irrsinnig.\nGeh du zum Mann, der vor dem Sturmangriff steht, vor dem Tod also,\nund frage ihn: Europa oder Asien? Und die Infamie dieser Frage wird\nklar. Aber wie? Den Tod dieses Mannes, den registrierst du kaltblütig\nunter dieselbe geschichtsphilosophische Vorstellung, die niemand im\nSchützengraben aussprechen würde, ohne sich ernstlich zu schämen I\nDenn es handelt sich nicht um Weltteile. Es handelt sich nicht um\ndie Ideen von Weltteilen. Weder um die Ideen, die aus jenen Weltteilen\nhervorgehen, noch um die Ideen, die wir uns von ihnen machen»"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.4", "texte": "Ob der geduldige Sozialdemokrat mit der marxistischen Vorstellung\nvom „Hineinwachsen der Gesellschaft in den Sozialismus\" arbeitet, oder\nob die offene Unverschämtheit des Kriegsparteiischen unsere Kata-\nstrophe als den vorläufig ersten der drei modernen punischen Kriege\nnennt; oder ob ihr den endgültigen Sieg Asiens über den Westen prophe-\nzeit: das alles ist Fatalismus.\nAber Fatalismus ist schlimmer als Böses tun. Fatalismus ist Böses dulden.\nWer kann das verantworten, seinen Mitmenschen als Opfer für ein\ngeschichtsphilosophisches Lehrbuch der Zukunft auszuersehen! (Und einer\nGeschichtsphilosophie, die man in aller Eile jetzt entwirft.)\nWorum handelt es sich in Wahrheit? Um das einfache, gewöhnliche,\nbloße Leben. Um das einfache, gewöhnliche, bloße Menschendasein, das\nunbegriffliche, richtige Menschendasein auf der Erde.\n„Kerls,\" fragte Friedrich 11. seine Grenadiere, „wollt ihr denn ewig\nleben?\" Ja, das wollen sie.\nLeben wollen ist etwas Außerordentliches. Leben wollen ist das Höchste\nan Edelmut, an Hingabelust, an Opferfähigkeit. Leben wollen heißt wirken\nwollen. Sich verwirklichen wollen. Der letzte Feigling noch, der mit allen\nKräften leben will, kämpft diesen erbitterten Heldenkampf gegen eine End-\nübermacht, weil er von sich etwas Anständiges erwartet. Es gibt keinen\nMenschen, der bei seiner Geburt nicht mit einer Aufgabe in die Welt\ngesetzt wurde. Einer Aufgabe, die nur er allein erfüllen kann. Diese Auf-\ngabe kann nur mit einem einzigen, plumpen, bekannten Wort genannt\nwerden. Sie heißt Gemeinschaft.\nGemeinschaft ist höchste Freiheit des Einzelnen und Raum für alle\nandern. Wo die Gemeinschaft ins Bewußtsein dringt, hat die Macht verloren.\nHeute gegeben ist aber die Gesellschaft. Die Gesellschaft ist da, sie wirkt\nheute. Ihr Wirken ist der Krieg. Die menschliche Gemeinschaft ist noch\nnicht da. Sie ist das Ziel; das, was kommen soll. Die Gesellschaft wirkt\nüber uns, wir wirken nicht durch sie. Wir lassen sie geschehen. Das ist\nunsere Sünde. Unsere Passivität hat die Gesellschaft ermöglicht, als einen\nungeheuren und sinnlos aufgestapelten Haufen von Abfällen des von uns\nUngetanen. Unsere Gesellschaft ist der Riesenberg von Kehricht, den\nniemand wegschafft, und der in seinem steten Anhäufen uns zu ersticken\ndroht.\nAber die Gemeinschaft muß getan werden. Wir fordern sie. Daher\nfordert sie von uns. Wir müssen sie wollen. Ihr erster Schritt heißt Um-\nwälzung. Doch müssen wir schreiten wollen."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.5", "texte": "Nicht Umlagerung der Gesellschaft. Nicht Verbesserung an kämpfenden\nKlassen; Nicht Umschichtung der Gewalt. Nicht Handänderung der Macht.\nIn diesem allen ist keine Heilung, nur kurze Betäubung eines kleinen Teils\nder Schmerzen;\nWir wollen Gemeinschaft.\nUnd nur der unbedingte Wille zur Gemeinschaft, nur der Flug auf\ndas letzte erdenkbare Licht menschlichen Beieinanders, nur der letzte Vor-\nstoß zum letzten Ziel der Zukunft, wird rückstrahlend die ungeistigeren\nund bloß momentan bessernden Änderungen der Gegenwart möglich\nmachen. Wenn ihr denkt: Friede! dann bekommt ihr überhaupt nichts.\nIhr müßt denken: Umwälzung! dann bekommt ihr zuerst den\nFrieden.\nAber mit List ist da nichts zu machen. Versprechungen helfen nicht.\nDas da ist keine Erfolgsangelegenheit. Mißbrauch, vorgetäuschter Wille,\nAugenzwinkern, Schwindel mit Zukunftswerten, um die Gegenwart in\nSicherheit zu bringen: versagt. Es muß schon ganzer Ernst gemacht werden.\nEs ist wahr, daß heute unter allen Menschen die Idee der Gemein-\nschaft klarer und ersehnter wird.\nNur so klar, daß sie unbedingt gewollt wird, ist sie noch nicht.\nNiemand darf über die Wahrheit getäuscht werden, daß in allen\nLändern zwar die Schar der Kameraden da ist, aber daß sie klein ist.\nHeute ist jeder Mensch genau so viel, als er für die Zukunft an\nMenschlichem zu verwirklichen wünscht. Es gibt keine unterirdischen\nBrüderschaften, die im Augenblick der Not zur Hilfe hervorstürzen. Es\ngibt nicht die Stillen im Lande, die zur Hilfe bereit sind. Wer bereit ist,\nhat es heute schon gezeigt. Unterirdisch ist jeder Helfer nur in seiner\nKraft, aber sein Dasein ist schon längst öffentlich.\nDie ganze Erdkugel hat heute nur ein paar Wesen, die den Menschen\nhelfen. Man kann ihre Namen herzählen. Man kennt sie in jedem Lande.\nWie wenig sind es, wie klein ist diese Schar.\nWir stehen noch vor dem Anfang. Alle Vorstellungen von der Geistig-\nkeit unserer Mitwelt erwiesen sich als falsch. Alle Führer dieser Geistig-\nkeit erwiesen sich als Betrüger.\nUnd die geringe Zahl von Führern der Zukunft erkennt man an den\nMündern, die in jedem Lande gegen die Gewalt sprachen. Diese Wenigen\nsind keine großen Leute, sie sind nicht sehr intelligent, sie sind nicht\nMenschen von umfassender Stärke. Es sind einfache und wahre Menschen.\nNirgends ist ihre Geisteskraft groß. Und genau auf dem Grade ihrer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.6", "texte": "Geistigkeit, steht die gesamte Geisteskraft unserer heutigen Menschen-\nexistenz über die Erde hin. Das ist wenig. Es ist aber tröstlich, daß\nimmerhin soviel da ist!\nFolglich? Die Forderungen an jeden einzelnen von uns werden umso\ngrößer.\nUnsere nächste Forderung ist noch lange nicht das Glück. Nur:\nMenschlichkeit. Wir sind aber zu wenige, um uns auf den anderen ver-\nlassen zu können. Wir müssen selbst anfangen; gleichviel, was darüber\nmit uns wird. Aber wie unendlich verzweifelt und unbeirrbar ist diese\nkleine Schar der Erdgenossen! Alles ist noch von uns zu tun. Nichts ist\nnoch getan. Nur vorläufig ein Ziel genannt.\nDoch schon das bloße Nennen dieses Ziels macht gefährlich. Es geht\nauf uns, und an der Jagd, die jene kleinen Flämmchen neuer Menschen\nin die Zuchthäuser und in den Stacheldraht treiben soll, beteiligt sich die\nganze entlarvte Gesellschaft, schwerstampfende Doppelsohlen, der Revolver\nund Gummiknüppel, Salonlackstiefelchen, und einfache Denunzianten.\nDenn ihr, Völker, seid von euren Geistigen verraten. Eure Dichter,\nderem Mund es gegeben wäre, euer Wort hinauszuschreien, sind von den\nRegierenden gewonnen. Eure Künstler, die euren Drang zur Gemeinschaft\nunauslöschlich gezündet halten sollten, sind Schieber, Händler und Erfolgs-\nmaschinen. Eure Aufrührer, oh eure Revolutionäre welch ein Kapitel\nsind Beamte, die angstvoll die Revolte verstecken, solang das Amt noch\nfunktioniert, und die weder den Menschen wollen, noch überhaupt irgend\neine Änderung, solang sie sich dabei kompromittieren können. Und die,\nwenn morgen die Welt von dem Drüberstreifen einer göttlichen Riesen-\nhand ganz umgeschüttet und neu errichtet wäre —, wieder ihr Amt an-\ntreten würden mit der Miene des: „Ich habs ja immer gesagt!\"\n*\nWie schafft der Ausdruck der Gerechtigkeit sich unter den heutigen\nMenschen Bahn?\nMan hat die Pflicht, gemäß der Wahrheit, festzustellen, daß die edleren\nWerke dieser Zeit, die großen Stimmen, aufrichtige und zukunftführende\nAbsichten ansagen, aber keine großen Kunstwerke sind.\nDie Gegenfeststellung ist: alle bloßen Kunstwerke dieser Zeit sind\nmenschlich minderwertig.\nDer größte Menschlichkeitsroman Europas, das schönste Buch gegen\nden Nationalhaß, der stärkste Geschichtenband gegen die Art des Krieges:\ndie alle könnten, ihrem Tone nach, im bürgerlichen Familienblatt stehen,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.7", "texte": "und nur ihr Wortlaut steht zu den bürgerlichen Zielen im Gegensatz. Sie\nsind, unter dem Blick vergangener Jahre gesehen, keine Kunst. Sie sind,\nnach dieser Kunsteinstellung angeschaut: Kitsch.\nAber mir scheint, dieser Blick aus vergangenen Jahren sieht falsch.\nUnd was ist Kitsch? Das ist ein einzelner Außenfall, behandelt mit dem\nganzen Aufwand eines Weltgeschehens.\nWie aber, wenn es unserer Zeit nicht weiter reichte wo es sie zu über-\nzeugen gilt als das ganze Weltgeschehen zu behandeln mit der schwachen\nKraft des Einzelfalles! Über größere Kraft verfügt der untergangbedrohte\nZeitgenosse heute in der Tat nicht. Darf er darum schweigen?\nGegenüber dem Massentod jedes heutigen Tages ist jegliches Ziel\neines vergangenen Jahrhunderts Unsinn.\nDer Wahrhaftige des Heute, der Wahrhaftige!, findet sein Schaffen\ndarin, daß er durch ungeheure Bluthaufen hindurch und selbst ihnen\nden Ausdruck des Menschlichen verwirklicht. Je nackter, je unmittel-\nbarer er das Menschliche ausspricht, um so führender ist er. Die Gesell-\nschaft ist geistig zusammengebrochen. Der Ritus der bestehenden Gesell-\nschaft war die Kunstform. Dieser Ritus hat keinen Sinn mehr. Und der\neinzige Vorwurf, den man den wahrhaft guten Menschen und unvoll-\nkommenen Künstlern machen muß, ist, daß sie nicht völlig auf den\nBehang mit Kunst verzichten. Daß sie allzulistig, auf dem Wege über längst\n(zu anderem und roherem Inhalt) ausgeprägte Erregungsmittel ihr Neues\nund Menschen-Näheres durchsetzen wollen. Der Vorwurf geht an eine\nKunstdiplomatie. Denn der Roman, das Gedicht, die Novelle, das Drama\nsind heute nichts mehr, das aus uns kommt. Wie wollte es in uns eingehen ?\nDas neue Gebild der kleinen, doch zukünftigen Menschheit heißt: die\nProklamation.\n*\nEure furchtbare Enttäuschung, ihr Freunde in den Kriegsländern\ndie ihr noch lebt : daß die Großen und die gewaltigen Menschlichen,\nan deren geheime Existenz in verborgener Tiefe man glaubte, und die in derZeit\nder Not als blitzende Sonnenstimmen hervorbrechen würden, daß die nicht\nkamen. Sie kamen nicht, denn sie waren nicht da. Die wir für Verkünder\nder menschlichen Zukunft gehalten hatten, die waren in Wirklichkeit nur\nSpezialisten über ein geschickt ausfindig gemachtes Thema. Ihr Ziel war\nnicht Menschlichkeit, sondern das Wort, das sie über die Erregtheit der\nMenschlichkeit breit sagen konnten. Die als die großen Dichter Europas\ngalten, als die Sprecher des Menschen, die waren Schwindler."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.8", "texte": "Zu unseren Lebzeiten haben wir das Auge, das den Zusammenhang\ndes Geschehens auf der Erde schärfer faßte, nicht bei den Dichtern\ngesehen. Wir Nochlebende haben nicht von den Dichtern die Menschen-\nstimme gehört. Sondern das Auge, das unerbittlich über die Erde sah,\nwar das Auge Karl Liebknechts. Und die Stimme des Menschen stieß\nhervor aus dem Munde von Friedrich Adler.\n*\nMan darf vielleicht Völkern, in deren Lebensart man nicht völlig\nsteht, und deren Sprache man nicht ganz beherrscht, wenn sie in ver-\nwirrter Wanderung auf ein Ziel begriffen sind, helfen, den Weg zu be-\nschleunigen. So dachte es Mazzini, obschon im Nationenbegriff befangen.\nSo versuchte, mit ungestümer Unbürgerlichkeit, durch die Tat Bakunin.\nAber falsch ist es, diese Völker von weitem zu begutachten; und läster-\nlich, ihnen aus unverbindlicher Ferne Ratschläge zu erteilen. Darum\nspreche ich von dem Kreise, in dessen Atmosphäre ich aufwuchs, dessen\nSprache die meinige ist, und dessen furchtbaren Kampf aus der Befangen-\nheit hinaus zum Du, zum Andern und zum Menschen in der Welt ich\nin meiner Generation am eigenen Leibe erfahren habe. Von den Deutschen.\nNicht, um zu tadeln oder zu loben, oder selbst irgendwie zu richten.\nSondern von den Deutschen spreche ich, weil jeder die Änderung der\nWelt dort anzusetzen hat, wo seine Welt steht.\nNiemand hat es schwerer gehabt als die Deutschen, und niemand\nhat sich den Weg zur Menschlichkeit seit einem halben Jahrhundert\nschwerer verbaut als sie. Methoden, statt des Inhaltes; Präzision statt\nfreier Gliederung; Untertanenlust statt des Geistigen: Mit dieser frei-\nwilligen Knechtschaft im Geiste hat jeder sich selbst geknebelt, jeder,\nfreiwillig. (Und man wird mir glauben, daß solche Feststellungen nieman-\ndem Freude machen!) So schwer hatten sie es. So schwer hatten wir\n%\nalle es, die wir von diesem Gefühlskreise ausgingen.\nDie Deutschen (von denen ich doch am besten zu sagen weiß) hatten,\nheute, in ihrer fürchterlichsten Seelennot niemanden, der ihnen geholfen\nhätte. Alle ihre bekannten, großen, angesehenen oder vielleicht sogar\ngeliebten Sprecher und Dichter haben sie verraten. Alle haben wenn\nsie nicht unoffen und unentschieden die Ereignisse mit Phrasen umspielt\nhaben Machtpolitik getrieben. Und wenn man in die Schale mit den\nNamen der Fünfzigjährigen faßt die einst als Menschlichkeitsträger\ngenannt wurden so ergreift man stets das Schild eines geistigen\nKriegslieferanten."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.9", "texte": "Wie Furchtbares dieses Volk sich gefallen lassen muß, sah ich am\nschauerlichsten an einem auf sogenannte „Tiefe\" abgestellten literarischen\nUnterhaltungsaufsatz der „Frankfurter Zeitung\", dessen Verfasser straflos\nsagen durfte: „Das Drama der Zukunft wird nicht ethisch, sondern meta-\nphysisch betont sein.\" So meint also dieser Mann und Seinesgleichen, mit\nder bloßen Feststellung des Totschlages an einem Menschen alle geistigen\nVerpflichtungen erfüllt zu haben. Und er meint, wenn er Welt, Gott,\nLeben sagt, so sei das etwas anderes als das ethische Ziel des Menschen.\nDieses Bureaubeamtentum des Geistes ist jene Denkart, jene menschen-\nferne Lässigkeit, jene ethische Passivität, die nicht nur den Krieg möglich\nwerden ließ, sondern die das Innere des Krieges selbst ist.\nAber die wahren Führer? die Geistigen? Von den Alteren, den ruhm-\nvoll, hoffnungsheimlich genannten ist zu sprechen, von denen, deren Name\nihnen selbst die größte Verantwortung auferlegt. Im vierten Kriegsjahr,\nim Jahr 1917, veröffentlichte der freiheitliche Dichter der neuen Deutschen,\n{Heinrich ffllann, einen Roman (Verlag Kurt Wolff in Leipzig) „ftie iMrmen\".\nUnd sein vollkommenes Gegenstück, der Seher, in deutscher Verssprache,\nefiefan George, eine Dichtung (Verlag Georg Bondi in Berlin) ,fDer iKrieg\".\nHeinrich Mann hat durch ganz hoch gefaßte und ganz geistig fordernd\nausgedrückte Aufsätze (die seine nur gesellschaftschildernden Dramen und\nRomane psychologisch-imitatorischer Art weit überragen) den Versuch zu\neiner geistigen Umwälzung des denkenden Bürgertums gemacht. Stefan\nGeorge war bis zum Kriege strengster Ablehner der zivilisatorischen Roheit\ndieser Zeit und Verkünder eines außerzeitlichen, religiösen Gemeinschafts-\nzieles. (Wenn man aber nicht nur die behaupteten Begriffe liest, sondern\nden wirklichen Körper der Georgeschen Verse selbst anschaut, so findet\nman, daß die von ihm erstrebte Gemeinsamkeit gar nichts Zukünftiges\nwar, sondern nur die intuitiv sublimierte, dichterisch geformte Darstellung\ndes gegenwärtigen Disziplinschrittes.)\nHeinrich Manns Buch von den „Armen\" soll der Roman vom Kampfe\ndes Sozialismus sein. Irgendwie also ein Buch der Freiheit. Georges „Krieg\"\nsoll auf die menschliche Wurzel des Krieges führen und aus ihr in die\nZukunft der Welt sehen. Also irgendwie eine Prophetie vom Menschen.\nDer essaystische Freiheitsfreund und Demokrat Mann schreibt\neinen Roman zum Kampfe zwischen dem proletarischen Denken und dem\nGroßkapitalismus. Die Hauptperson ist ein junger sozialistischer Arbeiter.\nAn einer Dialogstelle heißt es sogar: „Geradezu ein Anarchist\". „Das bin\nich!\" antwortet darauf der Held Heinrich Manns. Was stellt sich der"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.10", "texte": "Romancier unter Geisteskämpfen und unter äußerstem, sozialistischem\nDenken vor? Der Feind, der Großkapitalist, ist vor Jahren selbst Prole-\ntarier gewesen, und hat die ersten vierhundert Taler, die den Grund-\nstock zu den späteren Millionen und zu seiner (vom Staat mit Polizei\nund Militär betreuten) Fabrikstadt legen, einem proletarischen Arbeits-\nkameraden durch schmutzige Manöver entlockt. Und dazu noch nie\nzurückerstattet. Dieser Millionär weigert sich auch viele Jahre später,\nwährend der Hochblüte seines Betriebs, das Geld dem alten Kameraden,\nder eine erbärmliche Proletarier-Arbeitsstelle in demselben Betrieb hat,\nzurückzugeben. Das ist die Voraussetzung des Buches, die auf kompli-\nziertem Wege, auf Hunderten von Romanseiten enthüllt wird. Diese\nVoraussetzung ist zu dumm. Der junge Arbeiter aber, dieser neue Fabrik-\nBakunin, will dem Fabrikherrn das erlistete Geld entreißen, mit Zinsen:\nKapital und Zins der Zins ist das Fabrikwerk „wieder\" in den\nBesitz der Arbeiter bringen, von denen es stammt. Um die Fabrik\n„wieder\" zum Eigentum der Arbeiter zu machen (man liest richtig, zum\n„Eigentum\"), will er Rechtsanwalt werden. Denn es existiert ein alter\nBrief des Kapitalisten, in dem die Vierhundert-Taler-Schuld an den\ngreisen Arbeiter bestätigt wird. (Man liest richtig: ein alter Brief.) Um\nRechtsanwalt zu werden, lernt er Latein. Seine Lateinkenntnis erweckt\nradikale Hoffnungen in der Arbeiterschaft. Daß er aber Latein lernt und\nden alten Brief besitzt, das erwirkt in geheimem, nächtlichen Gespräch\nder Syndikus und eigene Schwager des Kapitalisten, der Familienintrige\ntreibt. Zudem hat die Schwester des jungen Arbeiters ein Verhältnis mit\neinem Sohne des Kapitalisten und will Kokotte werden. Auf Grund dieser\nFabel (es ist wirklich eine Fabel, kindischer kann sie nicht mehr werden)\nist natürlich nicht die benötigte Arbeiterrevolte möglich. Jedoch: der Kapi-\ntalist, die Polizei, das Militär, ein Irrenhaus und ein bestochener sozial-\ndemokratischer Führer kreisen den jungen Arbeiter ein, um ihn am Latein-\nstudium zu hindern. Da geht es los. Zum Schluß kommt der Weltkrieg,\nund alles [hatte keinen Sinn. [(Was stimmt.) Aus dem Gewoge schwebt\nder wirkliche Freiheitsheld empor, ein fünfzehnjähriger, feiner Junge, der\nalle Gefahren rechtzeitig errät und verhütet, und der die Schwester des\nArbeiters wahrhaft liebt; es ist der Sohn des Syndikus. Dieser ent-\nsetzliche Schund (der in jedem beliebigen Stile geschrieben sein konnte,\naber, nicht gerade überraschenderweise, in modernisiert kurzgefaßterer\nSprache, nach Art der ungebeten zutraulichen Schreibmache des alten, libe-\nralen Spielhagen abgefaßt ist), dieser grauenhafte Meisterschund: zeigt die"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.11", "texte": "völlige Menschentremde eines sogenannten geistigen rührers. Was ist für\nden Freiheitsführer Heinrich Mann ein anstrebenswertes Ziel? Die Ver-\nmögensänderung aus der Hand des einen in die Hand des andern. Was\nist ihm das Erregende, Befreiende, Gefährlich-Radikale, Umstürzlerische\nmit einem Wort, was ist ihm das Geistige? Lateinlernen. Hält Mann\nselbst das Latein für so wichtig? Nein, aber das Wissen. Doch daß dem\nRomanschriftsteller dies geschehen konnte: Menschen wissen mit Lern-\nwissen zu verwechseln, einen Fürsprecher der Menschheit mit einem\nRechtsanwalt —: Das zeigt den erbärmlich niedrigen Stand der intellek-\ntuellen Bürgerlichkeit. Jedes Wort, das diese Gegend sagt, ist ein Miß-\nverständnis. Von denen ist nichts zu erwarten. Sie werden immer wohl-\nwollend mißverständlich den Ereignissen nachlaufen, die aus anderer Hände\nkommen. Und wenn sie „ Freiheit\" rufen, dann meinen sie in Wirklich-\nkeit nur: Schiebertanz über die Polizeistunde hinaus.\nUnd George, der Seher? Denkt ihr vielleicht an einen Seher im\nKriege, an einen Arnos? der zum Kriege neu ausriefe: „Suchet das Gute\nund nicht das Böse, auf daß ihr leben möget\" und „Hasset das Böse und\nliebet das Gute!\" Aber der Stolz und Ehre von sich weist, und nur das\nletzte Recht des Einfachsten und Ärmsten zum Sagen der Wahrheit\nsich läßt: „Ich bin kein Prophet, auch keines Propheten Sohn, sondern ich\nbin ein Hirt, der Maulbeeren abliest.\"\nStefan George nennt sich selbst Seher. Da ist eine Vornehmheit, die\nvor Weltklugheit an sich selbst zerspringt. Das Wort zu seinen Leuten\nkommt nicht aus der Menschlichkeitserschütterung eines Propheten, son-\ndern aus dem National- und Rassenhochmut eines Hofpredigers:\n„Sein Amt ist Lob und Fehm; Gebet und Sühne;\nEr liebt und dient auf seinem Weg. Die Jüngsten\nDer Teuren sandt er aus mit Segenswunsch . . .\nSie wissen was sie treibt und was sie feit . . .\nSie ziehn um keinen Namen nein um sich.\"\nAlso der Krieg zur seelischen Selbstbefreiung.\n„öhn packt ein tiefes Grausen. Die Gewalten\nNennt er nicht Fabel. Wer begreift sein Flehn:\n,Die ihr die Fuchtel schwingt auf Leichenschwaden,\nWollt uns bewahren vor zu leichtem Schlüsse\nUnd vor der ärgsten, vor der Blutschmach!' Stämme,\nDie sie begehen, sind wahllos auszurotten,\nWenn nicht ihr bestes Gut zum Banne geht.\""}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.12", "texte": "Wenn ein alldeutsches Annexionistenblatt heute in Prosa solche\nblutigen Vorschläge zum Friedensschluß machen würde, wäre es am Tage\ndarauf verboten.\nDiese Verse hier über den erfolgreichen Heerführer:\n„Da entstieg, gestützt\nAuf seinen Stock, farblosem Vororthaus\nDer fahlsten unsrer Städte, ein vergeßner,\nSchmuckloser Greis . . . der fand den Rat der Stunde\nUnd rettete, was die geberdig Lauten\nSchließlich zum Abgrundsrand gebracht: das Reich . . .\nDoch vor dem schlimmren Feind kann er nicht retten.\"\nWer ist nach George der schlimmere Feind? Er sagt: die Menge.\n„Menge ist Wert; doch ziellos; schafft kein Sinnbild; hat kein\nGedächtnis.\"\nSoviel gegen die Demokratie. Man kennt das.\nAber nur eine Entstellung der Wahrheit und ein Hieb zur Entwertung\neiner übernationalen Idee:\n„Sie troff im Schwatz von Wohlfahrt, Menschlichkeit,\nUnd hebt •nun an das greulichste Gemetzel . . .\nNach Speichel niedrigster Umwerbung: Geifer\nGemeinsten Schimpfs! . . . Und was sich eben hetzt,\nUmkröche sich geschmiegt, wenn sich erhöbe\nFurchtbar vor ihm das künftige Gesicht.\"\nHalt. Wer hat Geifer gemeinsten Schimpfs ausgestoßen? Wer hat\ngehetzt? Die „Menge\"? Wer begann das Gemetzel? Die Menge? Nein,\ndie „Menge\" troff im „Schwatz\" von Menschlichkeit. Und sie wurde aus\ndieser in Wahrheit ganz zart beginnenden Menschlichkeit zum „greulichsten\nGemetzel\" gehetzt, nicht allein durch Geifer gemeinsten Schimpfs, sondern\nauch durch Geifer gemeinster Lüge.\nDieser vornehme Seher, der die Menge verachtet, weil sie gehetzt\nwerden kann, hat an seiner ersten Aufgabe vorbeigelebt, der einzigen Auf-\ngabe pines Sehers: Die Hetze von der armen, leidenden Menge ab-\nzuwenden, die Menge zu enthetzen. Und sie Menschlichkeit zu lehren.\nSeine Sache ist, doch seine größte bis zum Tode, daß die Lehre von der\nMenschlichkeit kein „Schwatz\" wird."}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.13", "texte": "Der Schluß dieser Bejahung autokratischer Gewalt, ist eine symbo-\nlistische Polemik gegen Christus:\n~Der an dem Baum des Heiles hing, warf ab •\nDie Blässe blasser Seelen, dem Zerstückten\nIm Glut-Rausch gleich . . .\"\nGeorge bringt seine Erlösung, griechisch-germanische Götter:\n„Apollo lehnt geheim\nAn Baidur: „Eine Weile währt noch Nacht.\nDoch diesmal kommt vom Osten nicht das Licht.\"\nGeorges Rat, die Macht zu gewinnen:\n„Der Kampf entschied sich schon auf Sternen: Sieger\nBleibt, wer das Schutzbild birgt in seinen Marken,\nUnd Herr der Zukunft, wer sich wandeln kann.\"\nUnd dieser Schluß, der Rat nicht etwa, geredete Liebe endlich zu\ngeschaffener Liebe zu machen, sondern skrupellos eine andere Denk-\nund Gefühlsmythologie zu „verfügen\", da die besser zur Herrschaft führe,\ndieser Schluß mit Seelen-Industrialismus ist das Traurigste an den acht\nSeiten der neuen Nationaldichtung.\n*\nMan wertet den mißlungenen Volksredner und den angemaßten Seher\nnicht an früheren oder anderen Dichtungen. Nicht an Büchern. Und an\ndenen hat man sie auch nicht zu messen.\nMan mißt sie an Schicksalen.\nNur einen Moment denke man neben dem Volksroman an das Zucht-\nhaus Karl Liebknechts, und an seinen ungeheuren, wissenden Kampf,\nder um anderes gijig als um die älteren Schulden eines Fabrikanten.\nUnd vor allen Worten völkisch predigender Dichter, höre man neu\ndas letzte Wort, das Friedrich Adler vor seiner Verurteilung in den Gerichts-\nsaal rief:\n„Nicht alle sind tot, die begraben sind,\nCDenn sie iöien den Qeist nicßi, ißr Qßrüder!\"\nAn diesen Menschen zerstiebt der geblähte Ehrgeiz, der nur wirken\nwill. Denn jene wollen nicht nur wirken, sie wollen verwirklichen.\nStellt man Schicksale als Vorbild auf, und nicht Bücher, so könnte\nder Gedanke kommen: Die Erfinder der Bücher sitzen da,, mischen sich\nnicht unter die Menge, sorgen für ihre innere Sammlung; könnten also\nnicht gerade sie durch ihre Gestaltung des Phantasiebildes an Konsequenz\nzumindest jene Schicksale weit übertreffen?"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.14", "texte": "Ist das überhaupt möglich? Es ist nicht möglich. Der Gedanke ist\nfalsch. Denn vor dem Gesicht der Unbedingtheit ist kein Unterschied\nzwischen Sprechen, Schreiben, Veröffentlichen, und Tun.\nGesinnung ist alles. Aber was ist diese Gesinnung?\nQesinnung ist, was einer mit seinem ganzen Beben macht.\n*\nIch beobachte, daß es anderen Völkern nicht sehr viel besser geht.\nEtwas schon, denn manche Nationen haben das, in Jahrhunderten selbst\nerrungene Glück, daß ihr Bedürfnis, laut ihre Not zu sagen, stärker ist\nund stärker anerkannt wird. Aber die Führer der Menschheit sind nicht\ndie, die selbst sich dazu erwählt haben, nicht die alten großen Schrift-\nredner, auf die bis zum Kriege jedes Volk so gehört hat, bis, im Augen-\nblick der Krise, die Eitelkeit zum Verrat schwoll, da die Macht sie\numschmeichelte. Die Führer der Menschheit kommen aus der Menge, der\nsie gehören, und sie sind auserwählt vom Geist. Denn nicht, um Führer\nzu sein, führen sie, sondern weil gerade kein anderer da ist, der es an\nihrer Stelle täte; und sie tun das, indem sie an dem einzigen Moment,\nder ganz ihr Leben und ihr Können ist so einfach die auch sein mögen\neingreifen.\nWer wissen will, wie es unter den Deutschen steht, der darf nicht auf\ngerühmte Namen hören.\nEr achte auf die Jungen, Ungerühmten, grad noch nicht Totgeschossenen.\nEs beginnt. Ganz winzig. Doch es beginnt. Und dieser Beginn wird nicht\nwie einst organisierter Gewerklerstreik durch Verteilen von Speckseiten\naus Kriegskammern zu ersticken sein. Untheatralisch, zäh, langsam, vom\nEntsetzen des Einfachsten her, ganz aus dem Kleinen zuerst, wird es zur\nFreiheit gehen. Ein schwerer Gang noch schlafdumpfer Menschen.\nAlles ist noch zu tun. Wir stehen erst am Anfang einer Vorläufer-\ngeneration vom Leben fürs Bewußtsein dessen, was Freiheit ist.\nAber schon am Anfang. Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.15", "texte": "DER FREMDE UND DER BAUER\nLeo Colstoj:\nDiese mächtigen Worte stellen wohl die letzte, ganz programmatische Klärung\nder Ideen Tolstojs dar. Das Äußerste und Unbedingteste wird hier auf beispiel-\nlose Art mit dem einfachsten und geradesten Ausdruck gesagt.\nDer Dialog trägt den Vermerk :„12. Oktober Jasnaja Poljana\". Er\nkam erst im Jahr 1917 aus dem Nachlaß in die Öffentlichkeit.\n[ln einer Bauernhütte.] Der fremde, ein alter Mann, sitzt auf der\nBank und liest in einem Buch. Der Bauer ist von der Arbeit heimgekehrt,\nsetzt sich zum Abendessen nieder und bietet dem Reisenden an. Dieser\nlehnt ab. Der Bauer ißt. Nach dem Essen steht er auf, betet und setzt\nsich zu dem Fremden.\nBauer: Welcher Zufall hat dich hierher verschlagen?\nFremder: [Nimmt die Brille ab, legt das Buch wieder weg.] Es\ngeht kein Zug mehr, erst morgen geht einer. Auf der Station ist kein\nPlatz, da fragte ich deine Alte, ob ioh nicht hier übernachten könnte.\nSie ließ mich.\nBauer: Mir ist's recht.\nFremder: Danke. Nun, wie geht's hier heutzutage?\nBauer: Wie es geht? Schlecht natürlich.\nFremder: Wie kommt das?\nBauer: Es kommt daher, weil nichts zum Leben da ist. Unser Leben\nsteht so, wie man's schlimmer nicht finden kann. Ich zum Beispiel muß\nneun Mäuler füttern, und habe im ganzen nur sechs Maß geerntet. Wie\nsoll man da auskommen? Was bleibt einem andres, wie als Knecht zu\narbeiten. Aber, geht man in Dienst da sind die Löhne herunterge-\nschlagen. Die Reichen machen mit uns, was sie wollen. Die Menschen\nhaben sich vermehrt, aber Land ist nicht hinzugekommen. Nur die Steuern\ndie werden immer höher. Da zahlt man Pacht, Bezirksgelder, Landsteuer,\nBrückensteuer, Versicherung . . . was weiß ich alles dann kommt noch\nder Pope und die Herrschaft. Wer mag, reitet auf uns herum.\nFremder : Und ich dachte, das Bauernvolk lebe heutzutage sehr gut.\nBauer: Wieso gut, wenn man tagelang nichts zu beißen hat?\nFremder: Ich dachte mir das deshalb, weil man ja mit dem Gelde\nnur so um sich schmeißt.\nBauer: Mit dem Geld um sich schmeißt? Wie kann man nur so\nreden. Wir verhungern schier, und da redet einer vom Schmeißen mit Geld."}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.16", "texte": "Fr emder: In den Zeitungen steht aber, daß im vorigen Jahr das\nBauernvolk 700 Millionen eine Million ist tausend mal tausend Rubel\nalso 700 Millionen Rubel in Schnaps vertrunken hat.\nBauer: Trinken denn wir allein? Man muß nur sehen, wie die\nPopen saufen, Nummer Eins! Die Herrschaft macht's auch nicht schlecht.\nFremder: Das ist aber nur ein kleiner Teil, der Hauptteil fällt\ndoch auf die Bauern.\nBauer: Na, soll man am Ende gar nicht trinken?\nFremder: Nein, ich meine bloß, wenn man 700 Millionen im Jahr\nfür Schnaps übrig hat, da kann's ja nicht gar so schlecht stehen. Denk einer\nan: 700 Millionen, keine Kleinigkeit!\nBauer: Wie soll man aber ohne Schnaps auskommen? Wir haben\nden Schnaps nicht ausgedacht, wir werden ihn auch nicht abschaffen:\nEin Kirchenfest, eine Hochzeit, ein Totenschmaus, oder wenn man einen\nHandel begießt wie wollte man das ohne Schnaps machen? Es ist\nnun einmal Brauch.\nFremder: Es gibt aber Menschen, die nicht trinken. Und leben\ndoch. Viel Gutes habt Ihr am Schnaps auch nicht.\nBauer: Mehr Schlechtes als Gutes.\nFremder: Da sollte man also lieber nicht trinken.\nBauer: Ob man trinkt oder nicht zum Leben langt es doch\nnicht. Es fehlt an Land. Hätten wir Land, so könnte man immerhin noch\nleben, aber das Land ist nicht da.\nFremder: Wieso denn? Wo man hinblickt, überall ist doch\nLand da.\nBauer: Ja, Land ist schon da, aber es gehört nicht uns.\nFremder: Nicht Euch? Wem gehört es* denn?\nBauer: Wem? Man weiß ja wem. Unser Dicker, zum Beispiel, der\nallein hat 1700 Desjatin (Hektar) Land ganz allein, wir haben nicht\neinmal Land genug, um Hühner zu halten. Nächstens müssen wir ge-\nradezu das Vieh abschaffen, weil wir keine Weide haben. Gerät aber ein\nKalb oder ein Pferd von uns auf seine Weide sofort gibt's Strafe;\nverkauf dein Letztes und zahl!\nFremder: Wozu braucht er denn allein soviel Land?\nBauer: Wozu? Er weiß schon wozu: er sät, erntet, verkauft und\nlegt das Geld auf die Bank.\nFremder: Kann er denn so ein Riesenstück Land beackern und\nbebauen?"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.17", "texte": "Bauer: Du redest wie ein Kind. Er hat doch Geld, er dingt Ar-\nbeiter, und die ackern und bauen.\nFremder: Aber die Arbeiter, die sind doch wohl auch Leute\nvon euch.\nBauer: Einige sind von hier, einige sind Fremde.\nFremder: Aber es sind doch lauter Bauersleute?\nBauer: Gewiß, es sind Leute von uns. Wer soll denn sonst arbeiten,\naußer den Bauern? Gewiß, es sind lauter Bauern.\nFremder: Und wie wär's, wenn die Bauern nicht für ihn arbeiten\nwürden ...\nBauer: Einerlei, uns wird er das Land doch nicht geben. Mag das\nLand brach liegen, wir kriegen's doch nicht. Wie der Hund auf dem\nHeu weder frißt er's selber, noch gönnt er's andern.\nFremder: Wie kann er denn das Land vor euch bewahren? Es\nhat doch gewiß seine fünf Werst in der Länge? Kann er es denn be-\nwachen ?\nBauer: Was ist das für Gerede! Er selber liegt auf dem Fell und\nsetzt Fett an, aber er hat doch Wächter.\nFremder: Aber die Wächter die sind doch wohl auch Bauern\nwie Ihr?\nBauer: Gewiß. Das sind auch Leute von uns.\nFremder: Also bearbeiten die Bauern das Land für den Herrn\nund bewachen es dann vor sich selber?\nBauer: Wie sollte das denn anders sein?\nFremder: Es sollte so sein, daß keiner für ihn arbeitet und keiner\nsich als Wächter verdingt, dann wäre das Land frei. Die Erde ist von\nGott, und die Menschen sind von Gott da, so mag jeder ackern, säen,\nernten, soviel er braucht.\nBauer: Wir sollten also streiken? Dagegen hat man aber Soldaten,\nmein Bester. Sie schicken die Soldaten her: eins, zwei, Feuer! Die\neinen werden erschossen, die andern gefangen! Mit Soldaten ist nicht\nviel zu reden.\nFremder: Aber die Soldaten sind doch auch Bauern? Warum\nschießen sie denn auf ihre eigenen Leute?\nBauer: Und ihr Eid?\nFremder: Eid? Was ist das, ein Eid?\nB au er: Verstehst du denn die Sprache nicht? Eid das heißt eben Eid.\nFremder: Sie schwören also?"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.18", "texte": "Bauer: Gewiß doch. Der Soldat schwört beim Kreuz und den\nEvangelien, für Thron und Vaterland sein Leben einzusetzen.\nFremder: Aber ich meine, das sollte man nicht tun.\nBauer: Was nicht?\nFremder: Man soll nicht schwören.\nBauer: Wie soll man nicht schwören, wenn es im Gesetz steht.\nFremder: Nein, im Gesetze steht es nicht. Im Gesetze Christi\nheißt es ganz klar: Du sollst überhaupt nicht schwören.\nBauer: Oho! aber die Priester?\nFremder (nimmt das Buch, schlägtauf, sucht die Stelle und liest):\n„Es ist gesagt worden: Du sollst deinen Eid halten, sage\neuch, daß ihr überhaupt nicht schwören sofft. Eure Rede sei: ja, ja;\nnein, nein; was darüber ist, das ist vom Übel.\" (Matth. V. 34, 37.)\nNach dem Gesetz Christi darf man also nicht schwören.\nBauer: Aber ohne Eid, da gäbe es ja überhaupt keine Soldaten.\nFremder: Wozu braucht man denn die Soldaten?\nBauer: Wozu? Wie wird das aber, wenn unseren Zaren fremde\nZaren überfallen was dann?\nFremder: Die Zaren fangen selbst Streit an, da sollen sie auch\nselber miteinander fertig werden.\nBauer: Ja a! Wie ist das möglich!\nFremder: Es ist so: Wer an Gott glaubt, der wird keine Menschen\ntöten, man mag ihm sagen, was man will.\nBauer: Warum hat also der Pope in der Kirche den Erlaß ver-\nlesen, als der Krieg begann, alle Reservisten müßten sich stellen?\nFremder: Das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß es im sechsten\nGebot ausdrücklich heißt: Du sollst nicht töten. Es ist also verboten,\ndaß ein Mensch den anderen töte.\nBauer: Das ist im Frieden. Aber im Krieg geht es nicht. Da sind\ndie Feinde da.\nFremder: Nach dem Evangelium Christi gibt es keine Feinde, man\nsoll Alle lieben (schlägt das Evangelium auf und sucht).\nBauer: Lies doch vor!\nFremder (liest): „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist:\nDu sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.\nIch aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts\nschuldig.\" Und dann heißt es auch: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist:\nDu sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.19", "texte": "2\n\nsage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euer fluchen; tut wohl denen,\ndie euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.\"\n(Matth. V. 43, 44.)\n(Lange Pause.)\nBauer: Und die Steuern? Da soll man womöglich auch keine Steuern\nzahlen ?\nFremder: Das mußt du halten, wie du willst. Wenn du selbst\nhungrige Kinder hast, dann müssen natürlich zuerst die ernährt werden.\nBauer: Man braucht also überhaupt gar keine Soldaten?\nFremder: Wozu denn nur? Millionen und aber Millionen bringt\nihr dazu selber auf; das ist keine Kleinigkeit, so eine Horde von Menschen\nzu erhalten! Beinahe eine Million Fresser, und welchen Nutzen habt ihr\nvon ihnen? Ihr bekommt das Land nicht, und sie schießen noch auf euch.\n(Der Bauer seufzt und schüttelt den Kopf.)\nBauer: Es ist wahr. Aber da müßten alle gleichzeitig anfangen.\nWiderstand von einem Einzelnen oder von zweien da wird man bloß\nerschossen oder nach Sibirien geschickt, damit ist es aus.\nFremder: Aber es gibt auch jetzt schon solche Menschen, junge\nBurschen, die sich für Gottes Gesetz einsetzen, gehen nicht zum Militär.\nJeder tut seine Sache für sich. „Ich kann nicht gegen das Gesetz\nChristi Mörder sein. Macht mit mir, was ihr wollt, aber ich fasse\ndas Gewehr nicht an.\"\nBauer: Nun, und was dann?\nFremder: Sie kommen ins Gefängnis und sitzen - die Armen -\ndrei, vier Jahre. Aber man sagt, sie hätten es dort gut, denn die Obrig-\nkeit es sind ja auch nur Menschen hat vor ihnen Achtung. Und\nmancher wird einfach so entlassen, angeblich weil er untauglich ist,\nwegen schwacher Gesundheit. Mancher Riesenkerl, der bombengesund\nist, wird für untauglich erklärt, nur weil man Angst hat, ihn zu nehmen,\ner könnte die anderen aufklären, Soldat sein, sei gegen Gottes Gesetz.\nSo entläßt man ihn einfach.\nBauer: Was du sagst!\nFremder: Es kommt vor, daß man entlassen wird, aber es kommt\nauch vor, daß man sein Leben läßt. Doch die Soldaten lassen ja auch ihr\nLeben und werden obendrein noch verstümmelt: der eine kein Bein\nmehr, der andere ohne Arme . . .\nBauer: Du bist mir aber ein Schlauer. Das wäre ja alles schön,\naber so geht es nicht."}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.20", "texte": "Frem d e r:-Warum geht es nicht?\nBauer: Eben darum.\nFremder: Warum denn nicht?\nBauer: Darum, weil die Obrigkeit die Macht hat.\nFremder: Ja, aber die Obrigkeit besitzt die Macht deshalb, weil ihr\ngehorcht. Gehorcht ihr den Vorgesetzten nicht, so gibt es auch keine Obrigkeit.\nBauer (schüttelt den Kopf): Ei Wunder, was du da redest. Wie\nwär denn das ohne Obrigkeit? Es geht nicht ohne Obrigkeit.\nFremder: Gewiß geht es nicht. Aber wen hältst du für deine Obrig-\nkeit: den Polizeigewaltigen oder Gott? Wem willst du gehorchen: der\nPolizei oder Gott?\nBauer: Welche Frage! Über Gott geht nichts. Zu allererst gilt,\nnach Gottes Gebot leben.\nFremder: Dann muß man aber Gott gehorchen, nicht den Menschen.\nWenn aber einer nach Gottes Gebot lebt, so wird er keinen Menschen\nvon irgend einem Stück Land vertreiben, wird nicht Feldhüter oder\nt\nGendarm werden, wird keine Steuern eintreiben, und wird vor allem\nnicht Soldat werden, er wird's nun einmal nicht, denn er kann sich nicht\ndarauf vereidigen lassen, Menschen zu töten.\nBauer: Aber die Popen? Sie müssen's doch wissen, daß es nicht\nnach dem Gesetz zugeht, warum lehren sie nicht, wie es sein sollte?\nFremder: Das weiß ich nicht. Sie tuen das ihrige, tu du das deine.\nBauer: Ja, ja, die Popen mit ihren langen Mähnen . . .\nFremder: Das ist nicht recht von dir. Anstatt andern Schuld zu\ngeben, sollte jeder erst an sich denken.\nBauer: Das ist wahr.\n(Langes Schweigen. Der Bauer schüttelt den Kopf und lächelt vor\nsich hin.)\nBauer: Du meinst also, wenn wir mit vereinten Kräften alle auf\neinmal losgingen, dann würde das Land uns gehören und wir hätten\nkeine Steuern zu zahlen?\nFremder: Nein, Bruder, das meine ich nicht. Ich meine nicht, daß\nnach Gottes Gesetz leben heiße, uns soll das Land gehören und wir\nbrauchen keine Steuern zu zahlen; sondern ich meine, daß unser Leben\nnur deshalb so schlecht ist, weil wir selbst es schlecht führen. Würden\nwir göttlich leben, so gäbe es auch kein schlechtes Leben. Wie unser\nLeben aussehen würde, wenn wir nach dem Gesetz Gottes lebten, das\nweiß Gott allein, aber ganz gewiß würde es dann kein schlechtes Leben"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.21", "texte": "mehr geben. Wir selber betrinken uns, schimpfen, schlagen uns, laufen\nzum Richter, beneiden einander, hassen die Menschen, hören nicht auf\ndas Gesetz Gottes, beschuldigen die Renschen, der eine ist „der Dicke\",\nder andere „der mit der langen Mähne\" . . . aber kaum lockt man uns\nmit Geld, so übernehmen wir jeden Dienst: als Wächter, als Polizist, als\nSoldat, und wir sind bereit unseren eigenen Bruder zu pressen, auszu-\nsaugen und zu ermorden. Wir selber leben teuflisch und klagen die\nanderen an.\nBauer: Auch das ist wahr. Aber es ist schwer, so schwer. Manch-\nmal langt die Kraft nicht.\nFremder: Für seine Seele muß man leiden.\nBauer: Ja, es ist wahr. Deshalb leben wir so schlecht, weil wir\nGott vergessen.\nFr emder: Eben. Deshalb ist das Leben so schlecht. Ja, gewiß, die\nLeute, die immer Streik predigen, sagen: wir wollen mal diese und diese\nHerren und die dickbäuchigen Reichen ausrotten, alles Böse kommt\nvon ihnen dann wird unser Leben gut werden. So mordeten sie und\nmorden weiter, aber nichts kommt dabei heraus. Dasselbe1; meint die\nObrigkeit: Wir wollen erst, sagt sie, ein paar tausend Menschen auf-\nhängen und in den Gefängnissen krepieren lassen, dann wird das\ngute Leben anheben. Aber schau, das Leben wird nur immer schlechter.\nBauer: Das stimmt. Ohne Entscheidung geht's nicht, alles muß\nsein Gesetz haben.\nFr emder: So ist es. Entweder oder: entweder du dienst Gott,\noder dem Teufel. Willst du dem Teufel dienen, so trinke, schimpfe,\nschlage, hasse, sieh auf deinen. Vorteil, höre nicht auf das Gesetz Gottes\nsondern der Menschen, und dann wird das Leben schlecht sein; willst\ndu aber Gott dienen so höre auf Ihn allein, übervorteile niemanden,\naber tadele auch niemanden, hasse nicht, beginne nichts Schlechtes,\nund es wird kein schlechtes Leben geben.\nBauer (seufzt): Du redest schön, Alter, sehr schön, wir hören nur\nzu wenig darauf. Ach, hätte man mehr so zu uns geredet, dann wäre\nalles anders. Auch die aus der Stadt kommen, die reden allerhand, wie\nman das Leben besser einrichten soll; sie verstehen zu schwatzen, aber\nes ist nicht viel dahinter. Dank dir, Alter. Du hast Gutes gesagt.\nNa, wo willst du dich hinlegen? Auf den Ofen vielleicht? Meine\nAlte wird dir ein Bett machen.\nvon #rida flehalt)"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.22", "texte": "MENSCHENLEBEN\nTwan goll:\nUnter Miljukoff wurde die Todesstrafe abgeschafft. Unter Kerensky er-\nsteht sie wieder.\nSeit anderthalben Jahrhunderten schwankt ganz Europa hin und her\nund weiß nicht: hat der Mensch ein Recht, an das Heiligste, was es auf\nErden gibt, das Leben, zu rühren! Beccaria sagt nein, Rousseau sagt ja.\nUnd so kommt es, daß es im Juli 1917, früh um fünf, auf dem Boulevard\nArago in Paris, möglich ist, einen Vatermörder zu sehen, der im Büßer-\nhemd und barfuß zu seinem Henker wandert. Das schwarze, schwerfällige\nMöbel des Docteur Guillotin steht da wie eine Theaterkulisse: Mittelalter.\nIm April 1917 hat die russische Revolution die Todesstrafe abgeschafft.\nIm Juli sie wieder eingeführt.\nWieviel Pomp, wieviel Bombast um eines Menschen Tod! Wieviel\nGeist, wieviel Scharfsinn für anormale Mitbürger verspritzt!\nAber dabei ist es in den vergangenen Jahrhunderten niemand einge-\nfallen, den Massenmord, den Krieg, den Millionentod so unter die Lupe\nzu nehmen. Große Gelehrte standen auf, die Idee des Krieges zu propa-\ngieren. Keiner fand sich, ihn ernstlich, eingehend, kritisch zu verurteilen.\nUnd was geschieht? An demselben Tage, an dem der strohblonde Kopf\ndes Vatermörders in die Sägespäne rollt, nachdem ihn ein Priester noch\nschallend geküßt in derselben Zeitungsspalte verkündet der militärische\nBericht, in Flandern seien zehntausend. Väter und Söhne vom Eisen zer-\nrissen, vom Feuer gepackt, von tollen Menschen durchbohrt worden.\nDer Europäer liest das und wundert sich nicht. Das ist Alltagsküche.\nDas ist der tägliche, militärische Bericht. Das ist der Gang des Krieges,\nder Welt! Zehntausend herrliche, junge, singende Brüder erwarteten seit\ndrei Jahren den Tod zwischen Blut, Dreck, verlausten Säcken und ver-\nrückten Menschen. An einem Tag, auf ein Zeichen des Generals, trieb man\nsie in den wissenden, in den bewußten Mord. Und in den eigenen Tod.\nSie trugen Felduniformen wie Büßerhemden und Henkersschürzen. Sie\nwaren keine Idioten, keine Trunkenbolde, keine Vatermörder: aber sie\nmußten tausendmal mehr leiden als der möglichst „menschlich\" behandelte\nGuillotinierte.\nIst es nicht an der Zeit, Mitmenschen, darüber nachzudenken? Nicht\neinem Rechtslehrer allein, nicht Politikern allein fällt die Aufgabe zu, son-"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.23", "texte": "dem jedem von euch, ihr Mitschuldigen, ihr Bürger, ihr Wähler, auf deren\nKonto, in deren Namen ein Vaterland mit Blut bezahlt wird.\nIhr selber seid plötzlich die Schuldigen! Geht in euch! Die Toten\nklagen euch an! Denket darüber nach!\n• •\nDenn ach, ihr habt noch nicht darüber nachgedacht! Nein!\nZeitgenossen, ihr seid noch im stumpfen Trott des Mittelalters. Noch\nlebt ihr hin im verwesenden Stagnieren der Tradition und der Gewohnheit.\nNoch begnügt ihr euch mit den bequemen, geprägten Lebensformeln.\nZeitgenossen, ihr seid alte Menschen; ihr lebt von Bibliotheken Weisheit\nund Kriegsgeschichte und staubzerfressener Religion. Ihr lebt das Gestern\nder Ahnen, nicht das Heute des Blutes!\nIhr alle seid schuld an diesem Massenmord! Nicht nur ein Minister,\nnicht nur ein Geschichtsprofessor oder ein Kanonenlieferant: auch du, Krämer\nimschmaligen Hinterladen, auch du, armseliger Bureaukrat! Ihr Zeitgenossen,\ndie ihr keine Menschen wäret, sondern Ziffern einer Statistik und Nummern\neiner Organisation! Ihr Brüder, die ihr getreue Enkel wäret und pietätvoll\ndie verbrecherischen Worte blinder Ahnen übernähmet; die ihr Enkel wäret,\nund nicht daran dachtet, selbst Väter zu sein.\nIhr habt nicht darüber nachgedacht! Und ihr habt doch einen Geist!\nWas habt ihr mit eurem Geist angefangen? Schöne Literatur. Museen.\nFamilienständchen. Euer Geist war euer Käfig, statt euer Flügel zu sein.\nDie geistige 'Revolution. Es gilt die Befreiung eures Geistes! Und\nwie macht ihr das? Tut, was des Geistes ist: denket, glaubet, liebet!\nDenket nach über euch selbst!\nGlaubet an den anderen!\nLiebet, liebet! Ihr Träger des köstlichsten Kleinods auf Erden, des\nGehirns; ihr, geschmückt mit dem rötesten Stern in der Welt, dem Herzen:\nwas wird ein 'Wütender können gegen das Bäcßefn der Biebe?\nRettet euch aus dem Mittelalter. In die Plunderkästen, in die Theater-\ngarderoben, Uniform und Büßerhemd!\nIhr Menschen, ersteht und werdet das, wozu ihr geboren seid.\nWisset, wisset, daß ihr lebt! Daß es nichts Größeres gibt auf dem Erd-\nball als ein bewußtes Menschenleben: und ihr werdet den Tod in jeder\nForm verabscheuen. Der Mitmensch wird eure Religion sein.\nDenket darüber nach! Und eure Schuld wird gestrichen sein.\nWerdet mehr wollen wir nicht werdet geistig und menschlich,\n9\nihr Geistmenschen!"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.24", "texte": "ZUM EWIGEN GEDÄCHTNIS\nAlfred Wolfenstein:\nGlaubt ihr nicht, daß die Römer, welche dunkle beflorte Feste be-\ngingen, zum Andenken eines abgesunkenen Abendsterns, eben dadurch dem\nAufsteigen eines Morgensterns entgegenkamen ? Ihr müßt es wohl glauben,\ndenn beide Sterne sind nur einer.\nJean Paul, Vorschlag politischer Trauerfeste.\nWir verlangen voneinander: Vergesset den Krieg nicht! Wir rufen allen\nGegenwärtigen und Kommenden zu: Behaltet den Krieg im Gedächtnis! genau!\nMit einer Genauigkeit der Seele, die in sich selbst hinein ebenso scharf\nausschwingt wie nach außen. Mit der Genauigheit einer leidenschaftlichen\nStirn, die ihre Bewegungskraft in die Welt hinaus liebt, aber zugleich ihr\nBewußtsein nicht hindert, sich fragend umzublicken, von welchen\nDunkelheiten sie geschoben werde. Mit der Genauigkeit eines sehenden\nMenschen, dem die Zahlen der Vergangenheit ein Winziges sind gegen das\nLauern der Vergangenheitstriebe, die wir noch immer gegenwärtig unter\ndem Herzen tragen.\nNiemals wieder dürfen Menschen in der Schule sitzen, um den Krieg nur\nzu lernen. Er sitzt in uns und lehrt, furchtbarer als ein Lehrer. Und ihre zu\nerwartenden riesigen Darstellungen, ihr Zeigefinger, der herumfragt, ob\nMarne, Champagne, Somme, Arras die richtige Aufeinanderfolge der Ent-\nwicklung sei, der Wissensstoff aller Klassen soll unser Schon-Wissen\nnicht mehr überwuchern.\nAuch ich habe meine kindliche Lektüre noch allzu genau im Gedächtnis,\nwie die Kriege ausbrachen, sich unterschieden, scheinbar immer wieder zu\nEnde gingen, wie die Fürsten durchs Siegestor einzogen und ihre Unter-\ngebenen ihren Untertanen wieder zuführten; aber mit schmetternden Trom-\npeten doch immer nur in dem einen Lande. Im anderen war Trauer.\nDiesmal werden am Tage des Friedens wohl in äffen Ländern freudig\nErregte einziehen, denn es ist der Weltkrieg. Und doch, gerade diesmal\nsollte überall gleichmäßig die Trauer, bescheidene, sich schämende, zu\nStrafe und Kampf gegen die eigene Brust entschlossene Trauer in die\nHäuser zurückkehren und aus Häusern zu Boden blicken. Die Aufatmenden,\nsie sollten sich ihrer Freude nicht zu weit vergessen, Scham müßte überall\ndie Krieger vom unmenschlichen Marsch zurückbegleiten, stumme Musik.\nAber ich sehe die Meisten stirnrunzelnd vor solcher Aufforderung den\nRücken wenden. Es sind die Optimisten des Augenblicks; die es lähmend"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.25", "texte": "♦\nfinden, zu bereuen und nicht schleunigst wieder friedlich zu sein. Sie sehnen\nsich, das Banner des Krieges sogleich als Fahne des Friedens wieder zu\nentrollen. Trotzdem glaube ich daran, es könnte gelingen, wenigstens den ersten\nEinzugstag zu einem erhabenen Tag der Warnung zu machen. Es könnte\ngelingen, das Gewissen dafür zu wecken, daß es nicht eine Gelegenheit\nder Begeisterung werde wie jener erste Tag des Krieges. Dies aber würde\nschon viel sein; denn er bliebe als ein Vorbild stehen, als ein Vorbild\nkünftiger Gedenktage, die ihm bald mit Sicherheit folgen würden wie\nihrem Führer, und die wir nicht wie Sedantage feiern, sondern die wir\ntrauern.\nFür solche Wandlung des Einzugstages müßten alle diejenigen sorgen,\nderen kleines Land sich quer durch diese Kriegserde erstreckt, und die,\nentgeistert vom Beginn der Schandtaten, beseelt von neu nachwachsender\n.Menschlichkeit, nicht sogleich wieder frech in die Sonne des Friedens\nstarren können.\nIhre Versammlungen, nicht in schwarz ausgeschlagenen Sälen, weil ihre\nTrauer dennoch dem JLoichiund dem {Kampf um das Licht verwandt ist,\nwürden wehender als Fahnen, ihre Reden zueinander lauter als die aus-\ngerichteten Musikwirbel sein: Daß sie die Wahrheit nicht übertönen wollen,\nmacht ihre Stimme kräftiger als der Scheinjubel der Kriegsvergessenen ist.\nDenn wer von einer Blume die grünen Blätter abreißt, daß sie voll\nBlüten wie eine Wüste voll Lampions dasteht, ein Gespenst, dessen Ur-\nsprung man kaum noch sieht, ein illuminiertes Waisenhaus: tut etwas\nÄhnliches wie der Veranstalter eines Friedensfreudenfestes. Zu diesem\nFrieden gehört der Krieg und darf nicht von ihm hinweggelogen\nwerden. Es darf nicht aus künstlich reinem Gewissen mit einem Mal\nJauchzen ausbrechen, als sei er der menschlichen Schöpferkraft entsprossen.\nVom Kriege kam er! es ist nicht anders. Noch sind die Menschen nicht\neindeutig Menschen, noch ist ihnen beides möglich, diese Erkenntnis werde\nihnen nicht geschenkt. Von solchem Frieden darf das Kriegerische nicht\nabgetrennt und fortgedacht werden, er ginge sonst am schnellsten ein.\nAber Tage einer Trauer, die in die Gefährlichkeit unseres Innern hinein-\nleuchtet;— Tage der Versammlung Körper an Körper, die einander\ngegenwärtig fühlen, vom Gedächtnis des Früheren aneinander hinbewegt,\nso daß schöpferisch die Funken einer menschlich kämpfenden Zukunft aus\nsolcher Versammlung, aus ihrer Berührung, entspringen, in Kirchen viel-\nleicht, quer durch alle anderen Glauben; Tage des Bewußtseins, daß\nder Krieg nicht vergangen ist: können ihn vergänglich machen."}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.26", "texte": "DAS LIEBESPAAR\nLeonhard Frank:\nFrüh um fünf Uhr läutete die Wohnungsglocke langgezogen in den\nTraum des Rechtsanwaltes hinein.\nDer Schlaftrunkene tappte durch den dunklen Wohnungsflur zur ver-\nschlossenen Tür. „Wer ist da?\"\n„Die Polizei.\"\nSofort fiel ihm ein, daß er am Tage vorher in einer Gesellschaft ge-\nsagt hatte: „Der Hotelkellner, der die revolutionären Friedensdemon-\nstrationen verursacht und dabei den Leuten erklärt, daß militärische Erobe-\nrungen menschenunwürdig und militärische Siege nicht maßgebend sind\nfür den inneren Wert einer Nation, leistet für die Zukunft unseres Volkes\nmehr, als der berühmteste Heerführer.\"\nUnd jetzt lassen mich die Scharfrichter der Menschlichkeit verhaften,\ndachte der Rechtsanwalt und öffnete. „Wen suchen Sie?\"\n„Der bin ich selbst.\"\n„Sie möchten ins Leichenschauhaus kommen, Herr Doktor. Dort ist\nein Selbstmörder eingeliefert worden, bei dem nur Ihre Visitenkarte ge-\nfunden wurde. Sonst nichts.\"\n„Sonst nichts? . . . Ich meine, sonst liegt nichts vor?\"\n„Sie möchten feststellen, wer der Selbstmörder ist.\"\nNoch Morgenstille in Berlin. Dämmerung in den Asphaltstraßen.\nEine leicht bewegte, in Viererreihen streng geordnete Menschenmenge\nsteht an der Markthalle entlang. Grau, spukhaft und ungeheuer be-\ndrückt.\n„Auf was warten die Leute?\" fragte der Anwalt einen alten Arbeiter,\nder zerrissene, mit Bindfaden geflickte Lackschuhe anhatte.\n„Es gibt städtische Fische . . . Um ein Uhr mittag beginnt der Verkauf.\"\n„Und da stehen die Leute jetzt schon hier? Früh um fünf Uhr?\"\nWie die Worte klingen in der Stille, dachte er.\n„Wir stehen schon seit gestern abend um zehn Uhr hier . . . Die\nRückwärtigen, die erst gegen Mitternacht gekommen sind, kriegen wahr-\nscheinlich nichts . . . Vielleicht aber doch; wahrscheinlich aber nicht.\"\nDer Anwalt ging mit dem Schutzmann weiter. ,Man hat diesem tief\nwunderbaren, geistig entsetzlich ruinierten Volke die Pflicht, für den Staat\nzu leben und zu sterben, eingegeben, und an diesem Brocken würgen die\nsiebzig Millionen daheim und an den Fronten solange, bis sie erstickt"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.27", "texte": "sein werden im Dienste eines Staates, dessen Geist—vorsichtig gesprochen\nschwer mitschuldig ist am Kriege. Millionen sind schon an dieser falschen\nPflicht erstickt. Wann wird dieses Volk ebenso stoisch für die Freiheit dulden?'\n„Hier ist das Leichenschauhaus.\"\n„Danke. Ich schreibe den Bericht heute noch an das Polizeipräsidium.\"\n»Wenn täglich Tausende an der Front krepieren, weshalb da nicht täglich\nHunderte in der Stadt für die hohe Idee? Für die Verbrüderung? . . . Wo\nist der Idealismus dieses Volkes geblieben?'\nDer lag im Leichenschauhause, in Gestalt von momentan zwanzig\nSelbstmördern, die, ohne zu revoltieren, protestlos die Kulturgemeinschaft\nverlassen hatten.\nEin mit den letzten Errungenschaften der Hygiene ausgestatteter Raum:\ngroße Glasscheiben, große Ventilatoren, große Eisblöcke. Langsam schmelzend\nund die Leichen frisch erhaltend. Kein Gestank. Peinlichste Ordnung,\ndie etwas gestört wurde dadurch, daß fünf Selbstmörder, für welche\nPritschen nicht übrig geblieben waren, auf dem reingewaschenen, farbigen\nSteinplattenboden lagen.\nJetzt, beim Morgengrauen, wird an den Fronten die phantastisch\nwilde Mörderei armer Menschen schon wieder begonnen haben', dachte\nder Anwalt und betrachtete die zwei Erhängten, die, schief und steif,\nin der Ecke hockten, nebeneinander: ein Ehepaar, dem der Krieg zum\nStricke geworden war. Aus -den weitaufgerissenen Mündern heraus strotzten\ndie zwei Zungen: dick, steif, lang, blau.\n,Und wieviele Mütter, Bräute und Väter Europas liegen in dieser\nSekunde wachend in den Betten, mit starr offenen, sehenden Augen? .. .\nEs gibt städtische Fische', dachte der Anwalt. ,So beginnt der Tag.'\nBeim Fenster lag ein Haufen blutiger Dreck, Gedärme, Knochen:\nein alter Mann, der vom vierten Stocke aus hinunter auf das Pflaster\ngesprungen war, nachdem sein Sohn den Heldentod gefunden hatte.\nAuf dem niedern, breiten Fenstersims, in das die Dampfheizung ein-\ngebaut war, lag langgestreckt eine sehr elegante, leichtgeschminkte alte\nDame, die Gift genommen hatte und mit ihren toten Augen einen toten\nJüngling anstarrte, dessen Lippen leises Erstaunen offen hielten.\n,Und wie haben der alte Mann und die alte Dame und der Knabe\ngelitten, bevor sie den letzten Schritt taten? Und wie die Millionen Sol-\ndaten, bevor sie ins Nichts stürzten?'\nDie übrigen sechzehn Kriegsselbstmörder lagen langgestreckt oder\nkrampfkrumm, blutig oder giftbleich auf den abwaschbaren, weißlackierten"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.28", "texte": "Pritschen, über denen die drei großen Horizontalventilatoren kreisten.\nAuch in die Fenster waren sausende Ventilatoren eingebaut, die das\nWort .Krieg' Tag und Nacht in die Länge zogen.\nDer Leichenwärter führte den Anwalt zu dem vierzigjährigen Manne,\nder, von links gezählt, auf der fünften Pritsche lag und ein ungeheuer\nklagendes, zart hellblaues Gesicht hatte.\nDer Anwalt erkannte in der Leiche sofort den Philosophen, dessen\nEinleitungsband einer .Gegensatzphilosophie' erst kürzlich erschienen war.\nSchrecken und Zorn wechselten in schneller Folge in den Augen des\nAnwaltes, beim Erblicken dieses hellblauen Gesichtes, das erstarrt war\nin der Klage darüber, daß ein dreist-materialistisches, ungeistiges Zeit-\nalter nicht erlaubt hatte, das Lebenswerk aufzubauen und zu vollenden.\n„Weshalb hat er sich denn umgebracht? Weshalb denn?\"\n„Weiß nicht. Aber gewöhnlich liegt die Einberufung zum Militär-\ndienst auf dem Tische; oder die Nachricht, daß der Mann gefallen ist,\nder Sohn . . . Bei dem Mädchen dort war's der Bräutigam.\" Er deutete\nauf das Mädchen, das, von links gezählt, auf der sechsten Pritsche neben\ndem Philosophen lag und wie er ein zart hellblaues Gesicht hatte.\nBeide hatten sich mit Gas vergiftet.\n„Weshalb griff er denn dem Schicksal vor? Er hätte sich doch sagen\nkönnen: nicht alle fallen an der Front.\"\n„So habe ich bis vor zwei Jahren auch gedacht; seither habe ich mit\nvielen Angehörigen gesprochen ... Es ist eben bei vielen nicht die Furcht\nvor dem Tode; es ist die Furcht vor der Kaserne. Es gibt Leute, die\nden Kasernenhof . . . und so weiter nicht ertragen.\" Der Leichenwärter\ni\nsetzte sich, stützte den Ellenbogen auf eine Bahre, auf der eine Wasser-\nleiche lag: ein schlammiges, grünes Etwas ohne Nase und Augen. Der\nBauch war hoch aufgetrieben. Wasser tropfte immer noch gleichmäßig\nvon der reinen, weißen Bahre hinunter auf den reinen Boden. Die Leiche\nwar drei Wochen lang geschwommen.\n,Ist das Leichenschauhaus auch ein Feld der Ehre, auf dem Menschen\nliegen, die gestorben sind für des Reiches Größe und Weltmachtstellung?'\n~ . . . Wer ist dieser Ertrunkene?\"\n„Das weiß man nicht. Zurzeit werden siebzehn Leute in Berlin ver-\nmißt. Einer von diesen ist er . . . Man kommt gar nicht mehr zu sich.\"\nDer Leichenwärter war stark abgemagert, sah übermüdet und schwind-\nsüchtig aus und trug ein offenes Hemd mit Schillerkragen.\n„Viel zu tun?\" . . . ,Weshalb frage ich ihn das?'"}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.29", "texte": "„Es geht ununterbrochen. Ununterbrochen! Jeden Tag werden durch-\nschnittlich acht bis zehn Selbstmörder eingeliefert . . . Vor dem Kriege\neiner, höchstens zwei im Tage.\"\n„Jeden Tag acht? Allein in Berlin?\" Dabei werden längst nicht alle\nSelbstmörder ins Leichenschauhaus gebracht, weiß ich aus Erfahrung,\ndachte der Anwalt. „Elektrisches Licht ist auch hier?\" , . . . Weshalb frage\nich das?'\nEin paar Sekunden blieb es still im Schauhause. Die Morgendäm-\nmerung lag noch über den Leichen, schmolz sie zusammen zu einer\ndunklen Masse.\n„Ja, auch elektrisches Licht . . . Und rollbare Pritschen. Elektrische\nWeckapparate. Dynamoventilatoren. Überhaupt das Allerneueste auf\ndiesem Gebiete . . . Dieses Luftsaugröhrensystem ist ganz neu.\" Er stand\nmüde auf, drehte am Schalter; drei Bogenlampen zischten, spritzten grell-\nweißes Licht:\ndie zwanzig Leichen schienen lebendig geworden zu sein. Stille und\nwilde Gesichter. Manche sahen aus, als wollten sie etwas sagen.\n„Auch ein Sauerstoffapparat für die mit Gas Vergifteten ist da. Und\nein kleines Wartezimmer für die Angehörigen. Nebenan wohne ich.\"\n„Wohnen Sie? . . . Alles tadellos.\" . . . Was geschieht mit diesem\nVolke? Warum ruiniert man dieses Volk? Dieses geduldige, fleißige,\ntüchtige, temperamentlose, gründliche Volk, das protestlos alle Qualen des\nDaseins trägt und protestlos stirbt, an der Front und in der Stadt. Dieses\nDuldervolk, dem mit Hilfe des denkbar raffiniertesten Systems das Denken\nund damit schon von vornherein jeder Einzelprotest unmöglich gemacht\nworden ist . . . Wenn es endlich einmal protestiert, wird sein Protest ge-\nduldig, fleißig, tüchtig, temperamentlos und ungeheuer gründlich, unge-\nheuer blutig sein . . ~ falls seine Herren in dem von Gott gesetzten Augen-\nblick nicht freiwillig gehen/\nOhne gefragt worden zu sein, sagte der Wärter: „Ich führe eine Sta-\ntistik der Todesarten Berliner Selbstmörder. Momentan habe ich drei\nErhängte, fünf Wasserleichen, zwei Giftleichen, sieben Gasleichen, drei,\ndie sich aus dem Fenster gestürzt haben, und nur einen, der sich er-\nschossen hat; einen Soldaten, der auf Urlaub war. Dort liegt er . . . Die\nPritschen reichen nicht mehr aus. Am häufigsten sind die Gasleichen.\"\n„Weiß man, weshalb sich der Soldat erschossen hat?\"\n„Wird seine Frau nicht so vorgefunden haben, wie sich das gehört.\nOder er wollte nicht mehr hinaus. Viele wollen nicht mehr hinaus . . ."}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.30", "texte": "Der Mann bringt sich wegen seiner Frau um. Und die Frauen bringen\nsich um, weil die Männer gefallen sind. So löscht kreuzweise Eines das\nAndere aus.\" Er deutete auf das Mädchen, das neben dem Philosophen\nlag: „Das ist eine Ladnerin; bei ihr war's der Bräutigam.\"\n„Das haben Sie mir schon gesagt.\" . . . ,Und jetzt liegt der Philo-\nsoph neben der Ladnerin. Der Knabe neben der alten Dame. Die Wasser-\nleiche neben der Giftleiche. Und am häufigsten sind die Gasleichen. Und\nan der Front liegen Millionen Leichen. Und in Berlin lebt, siegt und\nverdient man weiter. Die Elektrischen fahren. Und in den Theatern wird\ngespielt. Und darauf ist man stolz. Denn das ist ein Zeichen von Kultur.'\n„Haben Sie von der revolutionären Friedensdemonstration gehört?\"\nDer Leichenwärter gab keine Antwort; er wischte wieder das Wasser\nauf, das von der Leiche heruntergetropft war auf den Steinplattenboden.\nPlötzlich zerbrach ein letzter Widerstand, eine letzte Vorsicht im\nAnwalt: er entschloß sich, sofort den Hotelkellner aufzusuchen.\nUnwillkürlich drehte er beim Abschiednehmen das Licht aus. Die\nLeichen schwammen wieder zu einer dunklen Masse zusammen.\nDie Rechnung des Leichenwärters war einfach: ,Da sich in Berlin,\ndas drei Millionen Einwohner hat, in den drei Jahren achttausendfünf-\nhundert Menschen wegen des Krieges umgebracht haben, werden sich in\nganz Deutschland, das siebzig Millionen Einwohner hat, wohl hundert-\nneunzigtausend Menschen wegen des Krieges das Leben genommen haben ...\nUnd wieviele sind aus Gram über den Heldentod ihrer Angehörigen\nallmählich eingegangen? Und wieviele sind wahnsinnig geworden? Und\nwieviele Protestler sitzen im Zuchthause? Wieviel Schwache, Wider-\nstandsunfähige sind krank geworden und eingegangen, bei denen der Be-\nfund des Arztes nur hätte lauten können: eigentlich sind sie verhungert?'\nDer Wärter war ein vorsichtiger Mann; er stand in seinem Privat-\nzimmer vor dem Tische und wog seine Tagesbrotration pedantisch genau\nab; er wollte nicht verhungern; er wollte den Krieg überleben; er war\ninteressiert, zu erfahren, welches positive Resultat das Leid und der\nTod so vieler Menschen nun eigentlich haben werde.\n,Das sind die Hinterlandkriegstoten: bis jetzt, vorsichtig gerechnet,\nhundertneunzigtausend Kriegsselbstmörder in Deutschland. Macht min-\ndestens eine Million Selbstmörder in allen kriegführenden Nationen zu-\nsammen. Kommen hinzu die zehn Millionen Heldentote. Total: elf Mil-\nlionen Tote . . . Kommen hinzu die zehn Millionen lebens- und arbeits-\nunfähig gewordenen Krüppel. Und fünfhundert . . . nein achthundert,"}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.31", "texte": "nein tausend verpulverte Milliarden, für die den Zins zu erschuften\nden arbeitenden Massen überlassen werden wird . . . Wenn ich nun noch\ndas leider nicht zahlenmäßig errechenbare Seelenleid der Hinterbliebenen\nals unbekannte Pauschalgröße hinzunehme, habe ich ein Recht, auf das\npositive Resultat, das dieser ungeheuere Gesamteinsatz zeitigen wird,\nneugierig zu sein/\nEr betrachtete, mit diesem Gedanken beschäftigt, das von einer\nmächtigen elektrischen Glocke überdachte Klappensystem, das wie\ndas Klappensystem in einer Telephonzentrale mit den Teilnehmern\ndurch elektrische Drahtleitung mit den Toten verbunden war.\nGift- und Gasleichen und solche, bei denen die Todesursache nicht\nbekannt war, lagen drei Tage unter Kontakt mit dem Weckapparat. Ein\nErwachungsseufzer, die winzigste Fingerbewegung löste den Kontakt aus.\nEine Weile saß der Wärter ganz reglos am Tische; er hörte nur\ndas Rauschen der Ventilatoren in der Leichenhalle, glitt immer tiefer in\neinen Gefühlstrichter hinunter und kam wieder zu dem alles zusammen-\nfassenden Schlüsse: ,Wenn man sich überlegt, daß alle, daß auch die\nkompliziertesten, phantastischsten Scheußlichkeiten, die sich ein Menschen-\ngehirn auszudenken vermag, in diesem Kriege begangen worden sind,\ndaß man sich keine Grausamkeit ausdenken kann, die nicht begangen\nworden wäre, und daß außer diesem Vorstellbaren zahllose Schand-\ntaten geschehen sind, die man sich gar nicht ausdenken kann, ist Jeder,\nder im Angesichte dieser Bluttatsache nicht als Protestler im Zucht-\nhause sitzt, nicht irrsinnig wird oder sich das Leben nicht nimmt, ein\nrobustes, gemeines, erbärmliches Individuum. Ein anständiger Mensch,\nein Mensch erträgt das Leben nicht, in dem solches möglich ist und\nauch noch als Heldentum gefeiert wird . . . Unter den hundertneunzig-\ntausend Kriegsselbstmördern waren und in den Irrenhäusern und\nZuchthäusern sind die anständigsten, edelsten Menschen unseres\nVolkes/\nDa riß das markerschütternde Läuten der Totenglocke den Wärter\naus der Tiefe des Gefühlstrichters herauf. Im selben Moment sah er,\ndaß eine Klappe gefallen war, sah die Zahl 6. „Einer aufgewacht!\"\nStürzte hinüber in die Leichenhalle.\nUnd wurde, trotz seiner naturwissenschaftlichen Weltanschauung, ,tot\nist tot; und lebendig ist lebendig' von einem gewaltigen Schrecken in den\nTürrahmen festgenagelt:\ndenn zwei Wiedererwachte, der Philosoph und die Ladnerin, die erst"}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.32", "texte": "vor einer Stunde kurz hintereinander eingeliefert worden waren, saßen\naufrecht auf den Pritschen.\nSchneller als die Frage: ,Sind die Gasleichen vielleicht infolge der\nganz besonders frischen Ventilatoren- und Eisluft wieder zu sich gekommen?'\nin seinem Kopfe entstand, sprang er zum Sauerstoffapparat, mit den roten\nSchläuchen zu den zwei Wiedererwachten, schob ihnen die Mundstücke\nzwischen die Lippen. „Tief einatmen!\" Und rannte zum Apparat zurück,\ndrehte die Kurbel.\nDie mächtige Totenglocke läutete weiter.\nEin Lächeln, so winzig und fein, als habe er es aus der endlosen\nFerne des Todes mit herüber ins Leben gebracht, saß zwischen den halb-\ngeschlossenen Augenlidern des Philosophen.\nDie weißgesichtige Ladnerin hatte das klare Gefühl, daß sie wieder\nbei Bewußtsein war, noch nicht erlangt.\n„Tief ... gleichmäßig und tief... einatmen ... und ausatmen .. . und\neinatmen\", bat der kurbelnde Wärter.\nDie summenden Horizontalventilatoren beschirmten das Atemtempo.\nDie achtzehn nicht wiedererwachten Leichen umgaben wie an den\nFronten die Heldentoten ihre noch mordenden Kameraden bleich und\nblau, steif und krumm, blutig, totenstill und ungeheuer interesselos die zwei\nAtmenden.\nDer Philosoph war schon bei dem Gedanken angelangt: ,Ich hatte die\nEinberufung bekommen, hatte mich konsequenterweise umgebracht, war...\ntot im Leichenschauhausegelegen. Das ist ein Vorteil. Jetzt werden siemich\nwohl in Ruhe lassen. Werden doch wenigstens einen, der von den Toten\nauferstanden ist, in Frieden lassen. Werden doch nicht zum zweiten Male\nversuchen, einen konsequenten Geist in den Kasernenhof zu stellen, um\nihn für den Menschenmord brauchbar zu drillen. Man hat doch auch\nChristus, nachdem er gestorben und wieder auferstanden war, nicht noch\neinmal gekreuzigt.' Das ferne, kleine Lächeln der Befriedigung steckte\nnoch immer zwischen seinen halbgeschlossenen Augenlidern.\nWährend er folgsam atmete, saß er in Gedanken schon wieder am\nSchreibtische bei seinem unvollendeten Lebenswerke, dessen Geist und\nIdee dem Kasernenhofgeiste entgegengesetzt waren.\n„Einatmen! Ausatmen! Tief atmen!\" Der Wärter schaltete den Strom\nfür den elektrischen Betrieb des Sauerstoffapparates ein,\nsprang hinüber in sein Privatzimmer, um einen leichten Tee für die\nWiedererwachten zu kochen."}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.33", "texte": "Die Totenglocke trommelte immer noch: rufend, alarmierend, ohren-\nbetäubend.\nElementarster Lebenswille stand auf in der entsetzten Ladnerin, als\nsie die dunkelvioletten Zungen der Erhängten, die aufgetriebene Wasser-\nleiche, den Haufen blutigen Drecks, Gedärme und Knochen erblickte.\nVom Grauen wurde ihr Oberkörper auf die Pritsche zurückgedrückt;\nsie wandte hilfesuchend die Augen weg vom Tode, nach links, wo das\nLeben aufrecht auf der Pritsche saß, streckte ihre flehende Hand aus.\nUnd plötzlich lagen die vom Tode umgebenen zwei Lebenden Hand\nin Hand und senkten Jeder den Blick auf den Seelengrund des Andern:\nder Philosoph aus Freundlichkeit und deshalb, weil ihm zur Schärfung\nseiner Erkenntnisfähigkeit die Menschheitsschande nicht erst plakatiert\nzu werden brauchte, die Ladnerin, um auf dem Grauen nicht in den\nWahnsinn hineinzugleiten.\nDer Wiedererwachte legte den Schlauch weg; als Philosoph ohne Ver-\ndienst und Privatvermögen hatte er sich daran gewöhnen müssen, körper-\nliche Schläge schnell zu überwinden. Er beobachtete aufmerksam seine wieder\nfolgsam ein- und ausatmende Leidensgenossin: eines der geduldigen, ält-\nlichen Mädchen, die, damit ihre glücklicheren Schwestern gepflegt, sorgen-\nlos und mit äußerlichem Glänze umgeben im Leben stehen können, sich\nfür einen Monatsgehalt von hundertzwanzig Mark in die Tretmaschine\nder ewig gleichen Täglichkeiten einspannen lassen müssen und sich ihre\nBrautausstattung einmal drei Hemden, im nächsten Jahre die Bettstellen,\ndann die Matratzen, hin und wieder ein Stück von der Kücheneinrichtung\nallmählich anschaffen und endlich, wenn die Haut grau, das Blut schon\nstill geworden ist und die Sehnsucht nach dem Wunder schon im Sterben\nliegt, dem Bräutigam in eine nur etwas anders geartete Tretmaschine\nfolgen.\nDieses kleine, armselige Lebensziel hatte der Krieg gefressen: der\nBräutigam war zerstampft worden.\n,Auf dem Feld der Ehre. Für Deutschlands Weltmachtstellung. Für\nHerrscher und Reich und Erzgruben und Eisenbahnkonzessionen', dachte\nder Leichenwärter.\nUnd der Philosoph dachte: ,Zwei sehen einander, werden miteinander\nbekannt. Und heiraten, ohne einander zu kennen. Dreißig Jahre später\nkennen sie einander auch noch nicht. Und wenn der eine stirbt, weiß der\nandere immer noch nicht, mit wem er eigentlich verheiratet gewesen war.\nDenn jeder gibt sich sein Leben lang die größte Mühe, nur ja nicht zu"}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.34", "texte": "erfahren, wie und wer er selbst ist. Wie könnte er da die Fähigkeit be-\nsitzen, zu erkennen, wer ein Anderer ist? . . . Wenn aber zwei tot im\nLeichenschauhause zusammentreffen, miteinander wieder aufwachen, sozu-\nsagen als Geschwister von der .Allmutter Nichts' neu geboren werden —'\nDer Philosoph betrachtete die Dampfheizung, die Warmwasserein-\nrichtung mit den vernickelten Hähnen und der großen, weißglasierten\nSchüssel darunter. .Diesen Komfort werden wir allerdings nicht haben\nin unserer Wohnung.'\nDer Wärter kam mit dem Tee zurück. ~Sie.atmen nicht?\"\n„Sagen Sie mir\", fragte der Philosoph dagegen, „für was ist denn\neigentlich die Dampfheizung nötig in diesem Hause, wo doch für einen\nglatten Betrieb die erste Grundbedingung ist, daß alles . . . frisch bleibt?\"\n„Ganz leichter Tee. Und ohne Zucker muß er getrunken werden .. .\nWenn ich in einem kalten Winter die Temperatur von wenigstens ein\nGrad über Null nicht beibehalten könnte, müßte ich ja die Wasserleichen\nvon den Pritschen loseisen.\"\n„Also alles bedacht! Hier wenigstens ist für alles gesorgt, wie?\"\n„Ja, hier fehlt nichts , . . Die Organisation für die Toten ist bei uns\neinwandfrei. Und die Organisation für das Massensterben ist, wie wir jetzt\nzugeben müssen, bei uns ebenfalls einwandfrei.\"\n„Sie sind also auch gegen den Krieg?\" Der Philosoph betrachtete die\nachtzehn Selbstmörder, die blauzüngig, starrgesichtig und stumm gegen\nden Krieg protestierten. . . . „Dieses Leichenschauhaus ist ja geradezu ein\npazifistischer Schlupfwinkel.\" Er stieg von der Pritsche herunter.\nDie Ladnerin hatte das Mundstück noch zwischen den Lippen, sah\naus wie ein Kind, das in ein Spielzeug bläst.\n,Am allermeisten, mehr als die graue Not ihres Lebens und als ihr\nSelbstmordversuch rührt mich an ihr die Spitzenhalskrause: dieses schüch-\nterne, mißglückte Bestreben, schön zu erscheinen', dachte der Philosoph.\nDie Truppen näherten sich im Laufschritt. Der vorauswippende\nLeutnant, mit geschultertem Degen, schien nur aus einer Brust zu bestehen.\n»Ob sie schießen werden?\" Der Rechtsanwalt riß den Philosophen\nin ein Haus. „Hat noch einen Ausgang. Durch die andere Tür kommen\nwir auf den Platz und näher an das Denkmal heran.\"\nEine gewaltige Menschenmenge. Auf dem Sockel des Denkmals stand\nder Kellner."}, {"page_pdf": 35, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.35", "texte": "Z\n\nDie beiden verstanden keines seiner Worte. Hörten nur das fanatische\nBravogebrüli von der anderen Seite herüberklingen.\nHoch auf dem Mäste, knapp unter dem weißviolett leuchtenden Bogen-\nlampen-Dreistern, hing ein Zwanzigjähriger. Mit wilder Körpergebärde.\n„Den werden sie herunterknallen.\"\nIn der Allee stand eine lange Reihe Fuhrwerke, die den Platz nicht\nüberqueren konnten.\nPlötzlich hing an Stelle des Zwanzigjährigen hoch am Lampenmaste\nein flatternder, roter Fetzen.\nDas tausendfache Jauchzen wurde von den im Laufschritt ankommen-\nden Truppen auseinandergeschnitten. Die Menge junge Burschen und\nhauptsächlich Frauen mit aufgelösten Gesichtern wich durch das drei-\nteilige Tor und in die Parkanlage zurück.\nEine knabenhaft hohe Kommandostimme. Klatschen auf Gewehrkolben.\nDrohendes Gelächter. Fliehende, dunkle Rücken.\nEine Frau mit loderndem Antlitze trat vor: „Schießt! Schießt!\" Sie\nwurde verhaftet.\nDer Kellner stand dicht beim Leutnant und sah ihm in die Augen.\nAls der Philosophiedoktor und der Rechtsanwalt den Platz schon ver-\nlassen hatten und sich umwandten, sahen sie, wie ein Soldat am Lampen-\nmaste emporkletterte und die Hand nach dem roten Fetzen ausstreckte.\n„Es ist doch nicht unmöglich, daß die revolutionäre Geistigkeit das\nletzte, entscheidende Wort haben wird\", sagte der Anwalt.\nSie gingen eilig durch eine menschenleere Geschäftsstraße; nur in der\nFerne rannte ein dunkler Frauentrupp davon.\n„Leider ist die revolutionäre Geistigkeit, bis auf zwei oder fünf halb-\nverhungerte Vertreter, die gleich Irrsinnigen in einem Blut- und Lügen-\nmeere ohne Balken machtlos herumschwimmen, schon in den Massen-\ngräbern oder in den Zuchthäusern. Das muß zu ihrer Ehrenrettung den\nkommenden Generationen gesagt werden .., Hier! Sehen Sie, hier!\"\nDas Schaufenster war eingeschlagen; der Lebensmittelladen leergeplün-\ndert. Frauen hatten die Gelegenheit, daß Polizei und Truppen auf dem\nPlatze beschäftigt waren, schnell benützt.\n„Das ist nackter Hunger, kein revolutionärer Geist\", sagte der Philosoph.\nUnd hob einen geräucherten Fisch von der Straße auf. „.. .Wegen des\nFisches und auch aus Kameradschaftlichkeit.\"\nEr schob ihn unter seinen schwarzen Havelock. „Dieses rapid ins\nGeld verdienen hineingeratene Volk hat, aus einem ödem Materialismus"}, {"page_pdf": 36, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.36", "texte": "heraus, vor dem Kriege .Hoch' geschrien, bei Kriegsausbruch nichts\nals ,Hoch' geschrien. Und jetzt schreit es nur deshalb nicht mehr ,Hoch%\nweil der Magen schreit.\"\n„Wenn aber in jenem entscheidenden Moment die Führer nicht abge-\nschwenkt wären, in das Lager, das sie bis dahin bekämpft hatten ? Dann\nwürden . . . wenigstens die organisierten Massen schon lange in den\nProtest hineinmarschiert sein, ebenso geschlossen, wie sie in den Krieg\nmarschiert sind.\"\n„Und ebenso ahnungslos, wie sie in den Krieg marschiert sind .. .\nDaran können Sie das menschenunwürdige und überaus gefährliche System\neiner Organisation erkennen, die ihre Mitglieder nur für den Klassenkampf\num materielle Vorteile drillt, sie in allen Städten jährlich in dreihundert-\nfünfundsechzig Parteiversammlungen nur zum Durchbringen von Resolu-\ntionen im politischen Parteiinteresse benutzt, anstatt sie .. . geistig zu\nbefreien, sie zu denkenden Menschen eigener Entschlußfähigkeit für das\nGute zu machen . . . Da braucht sich im entscheidenden Moment nur der\nHauptführer als Dummkopf zu erweisen, braucht nur der Hauptführer\nzum Verräter zu werden und die . . . organisierten, denkunfähigen Massen\nschwenken mit ab, folgen ihm in den Krieg, ebenso geschlossen, wie sie\nihm in den Protest gefolgt wären .. . Die Geistigkeit ist verurteilt, untätig\nam Rande dieses Krieges zu verharren. Denn zwischen ihr und dem Volke\nbesteht nicht der geringste bewußte Kontakt. Und selbst der Tod\nder Millionen konnte bei den Hinterbliebenen nicht den geringsten geistes-\nverwandten Gefühlsprotest auslösen. Nur der Magen protestiert. Das ist\nMaterialismus. Christus und Kant, Schiller und Goethe sind vor dem\nKriege für eine Leberwurst, für drei Mark Wochenlohn mehr, für eine\nWohnung mit Dampfheizung, für das Aufrücken in die ungeistige bürger-\nliche Lebenshaltung, oder für das Verharren in ihr hingegeben worden.\nMaterialismus: angefangen beim entseelten, maschinierten Fabrikarbeiter,\nüber den vor Bequemlichkeit stinkenden Kanapeebürger und über den\nKapitalisten, den modernen Philosophen und Dichter weg, bis hinunter\nzum ersten Diener des Staates. Hier haben Sie die Ursache des Krieges .. .\nDieser gewaltige Block von Egoismus, Gemeinheit und granitener Dumm-\nheit kann schwerlich von heute auf morgen gesprengt werden.\"\n„Und deshalb, meinen Sie, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als den\nGashahn zu öffnen, wenn die Einberufung kommt?\"\n„Es gäbe noch etwas anderes: ich könnte (,weg von meinem Werke,\nweg von meinem Werke') den Sprung in die blutnasse Gegenwart, den"}, {"page_pdf": 37, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.37", "texte": "Sprung ins blutnasse Volk machen und gleich den vielen dunklen Volks-\nexistenzen, die vom Gifte der Organisation verschont geblieben sind und\ndeshalb protestierend auf die Straße steigen konnten, zusammen mit den\nvor Machtlosigkeit schon irrsinnig gewordenen, wenigen jungen Dichtern,\ndie noch leben, unter beständiger Todesgefahr versuchen, das wegzu-\nreden, was seit Jahrzehnten in das Volk hineingeredet worden ist . . .\nDer dritte Weg, den der Stellungsbefehl dem Untertanen aufreißt, existiert\nfür mich nicht. Da das tiefste Wort von Jesus Christus: Jede Sünde\nkann euch vergeben werden, nur die Sünde wider den Geist nicht', sich\nmit meiner Weltanschauung scharf deckt, kann ich nicht in den Kasernen-\nhof gehen, oder ins Kriegspresseamt, oder in irgend ein Ernährungsamt . . .\nIch bin mit einer Ladnerin und mit meiner Philosophie verheiratet. Und\nkann zur Not in ein Christushoch, in ein Sokrateshoch, in ein Kanthoch\neinstimmen. In ein Hindenburghoch oder in ein Kaiserhoch kann ich\nnicht einstimmen; denn ich bin kein Sozialdemokrat.\"\nDas Sprechen hatte ihn angestrengt und erregt; ein Abglanz geistiger\nHeiterkeit war nie ganz aus seinem Gesichte verschwunden.\nUnd entstand wieder, als er, heftig atmend im vierten Stocke an-\ngelangt, seine Frau begrüßte.\nDie scheintot gewesene Ladnerin hatte sich wenig verändert; die\nSpitzenkrause schmückte noch ihren kindlich-dünnen Hals. Und in ihren\nAugen stand der innere Blick, den Menschen haben, die halb dem Tode\ngehören.\nBehutsam führte er seine schon schwangere Frau in den niederen,\nschiefdeckigen Raum, der Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmer und Küche in\neinem war.\nUnd sah plötzlich, daß auf dem weißgescheuerten Küchentisch, den\nder Philosoph auch als Schreibtisch benützte, wieder ein Stellungs-\nbefehl lag.\nDer ungeheure Schrecken, gepaart mit augenblicklichem Erkennen\nseiner Situation, riß ihn sofort auf die reine Fläche, wo alle Dinge und\nGedanken im schärfsten Lichte stehen, so daß keinerlei Ausflucht, Vor-\nspiegelung, Selbstbelügung mehr möglich ist.\nDa fühlte er wieder das furchtbare innere Weinen, das nicht bis in\nsein geistesstarr werdendes Gesicht vordrang. Es glich dem kalten Antlitz\nGottes, als er dachte:\n,Es gibt zwei Pole: das korrumpierte, krummgenagelte Weltgeschehen und\ndas höchste, herrlichste Ziel für den Menschen: das ,Reine Ich* und eine"}, {"page_pdf": 38, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.38", "texte": "menschliche Gemeinschaft, für die er als Reines Ich handeln, leben und\nauch sein Leben hingeben kann. Diesem Ziele kann der Mensch nur so\nlange zustreben, solange er mit der Korruption, der Lüge, dem Zwange,\ndem Ungeiste unablässig kämpft. In dem Moment, da er eine Handlung\nbegeht, die zu diesem Streben im Widerspruche steht, ist die Linie\ngebrochen. Der Mensch, der für eine, für seine Idee kämpft und stirbt,\nist groß, denn er kämpft und stirbt auf dem Wege zu sich, stirbt im\nKampfe um sein Reines Ich. Der Mensch, der sich zwingen läßt, zu\nhandeln, zu kämpfen, zu sterben für eine Idee, die zu dem Streben nach\nseinem Ich im Widerspruche steht, ist der Ärmste der Armen; denn er\nverliert das Kostbarste, das einzige, das der Mensch in Wahrheit besitzen\nkann: verliert sein Ich, verliert sich, ist nicht mehr, wird von den andern,\ndie selbst nicht sind, besessen.'\nIn Gedanken las er das Wort .Stellungsbefehl' Wenn ich dieser\nAufforderung, mich zu stellen wem stellen? ich habe mich nur mir\nselbst, nur der reinen Idee zu stellen, und einer menschlichen Gemein-\nschaft nur dann , wenn sie das Streben der Menschen nach ihrem Ich als\nberechtigt anerkennt und fördert wenn ich dieser Aufforderung folge,\nwerde ich vermutlich, zusammen mit einer Reihe von Menschen, zuerst\nim Kasernenhof aufgestellt, in dem der Grundsatz herrscht: ,Du hast keine\neigene Meinung zu haben'. Und der Grundsatz: .Macht und Gewalt stehen\nüber Geist und Recht'. Ein Unteroffizier, ein Vorgesetzter nur das\nReine Ich ist mein Vorgesetzter ein Unteroffizier, ein Mensch, der sich,\nder sein Selbst aufgegeben hat, also nicht mehr ist, ein Etwas wird im\nAuftrage derer, die ihn besitzen, sagen: ,Das dürft ihr nicht tun; und das\nmüßt ihr tun.' Ich werde also gezwungen, irgend etwas zu tun, oder nicht\nzu tun.' Gezwungen! Das heißt: Ich werde schlecht behandelt, eingesperrt,\noder erschossen, wenn ich mich diesem Zwange nicht füge. Mit andern\nWorten: Ich werde erschossen, wenn ich weiter gehe auf dem Wege, der\nzur Wahrheit, zum Geiste, zu Gott, zum Reinen Ich führt.. . Ich werde\nerschossen, wenn ich mich bemühe, so zu sein, wie ich bin!'\nDer Philosoph rief seine Frau, die im Hintergrunde des Zimmers\nreglos am kalten Gasherde saß, vom Dunkel schon halb verschlungen.\n„Weißt du , was Militarismus ist?\"\n; Sie wollte antworten: .Wenn uns das Einzige, das Liebste, das wir\nhaben, genommen, erschlagen wird.' Und sagte: „Du meinst die Schiffe,\ndie Kanonen . . . die Rüstungen.\". Sie konnte nicht weinen.\n„Nein, diese Sachen aus Stahl und Eisen, die dem Volke so viel Geld"}, {"page_pdf": 39, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.39", "texte": "und Arbeitsschweiß kosten, sind ungefährlich, verglichen mit dem, was\nMilitarismus ist. Gefährlich und tödlich ist der geistige Zwang, der nega-\ntive Geist, der konservierende Kollektiv- und Staatsgeist, der sich gegen\nden Geist richtet ... Ich werde dir an einem Vorfalle erklären, was Mili-\ntarismus ist.\"\n,Er will mir nur deshalb erklären, was Militarismus ist, um mir be~\ngreiflich zu machen, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als sich umzu-\nbringen', fühlte die Frau und sah schon jetzt ihre armen Einwände zerflattern.\n„Was ich dir jetzt erzähle, denke ich mir nicht zurecht. Alle Zeitungen\nhaben das berichtet: ein deutscher Soldat, der ein Stück von der\nGrenze zwischen Deutschland und der Schweiz zu bewachen hatte, sah,\nwie ein Mensch über die Grenze sprang. Die Pflicht dieses Soldaten war,\nhörst du, seine Pflicht war, gut zu zielen und sofort auf diesen Menschen\nzu schießen, diesem Menschen dadurch, daß er ihn verwundete oder\nerschoß, daß Passieren der Grenze unmöglich zu machen. Das war seine ...\nPflicht. Aber sein Wesen, sein eigenes Ich stand dunkel auf gegen diese .\nPflicht. Er wollte nicht schießen und .. . schoß. Sah, wie der Getroffene\nfiel, sich bäumte und verröchelte. Und wurde . . . wahnsinnig. Der Wider-\nstand gegen das Morden muß also sehr stark gewesen sein; aber die Diszi-\nplin war noch etwas stärker . . . Hier hast du auf der einen Seite, reprä-\nsentiert durch diesen Soldaten, die guten Eigenschaften des Volkes, und\nauf der andern Seite den Militarismus.\"\nDie Frau bewegte die trocken gewordenen Lippen.\n„Du meinst\", sagte der Philosoph, „der Soldat hätte ja nur so zu tun\nbrauchen, als ziele er, hätte in die Luft schießen können. Das wäre dann\nsozusagen nur eine kleine Notlüge gewesen. Aber selbst dies lassen die\nDisziplin und das falsche Pflichtbewußtsein, die seit Generationen\nmit allen erdenklichen Mitteln in das Volk hineingepaukt worden sind,\nnicht zu . . . Außerdem trieb den Soldaten auch noch der Wunsch, von\nseinen Kameraden nicht für empfindlich und schwächlich gehalten zu\nwerden. Dieses falsche Ehrgefühl, das sich allmählich beim ganzen Volke\nherausgebildet hat, ist das Allergefährlichste. Einem Menschen ohne Besinnen\neinen gutgezielten tödlichen Treffer in den Kopf hineinzujagen, ist eine Ehre;\nihn nicht zu treffen, ist ein wenig ehrenrührig ... Dieser , arme, be-\ndauernswerte Mann will nicht schießen, zielt schnell und genau, schießt,\ntrifft gut und wird wahnsinnig. Das ist Militarismus.\"\n„Du mußt hingehen. Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.\" Das\nhatten nur ihre Lippen gesprochen."}, {"page_pdf": 40, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.40", "texte": "„Nein! . . . Höre, ein vielleicht noch klareres Beispiel dafür, was Mili-\ntarismus ist: ein Soldat bekommt den Befehl, einen siebzigjährigen Bauern\nzu erschießen. Das war in Serbien. Der Soldat weiß nicht einmal, wes-\nhalb der Alte erschossen werden soll. Der Soldat bekam nur den Befehl,\nin dem stand, daß er den Alten in das zwei Stunden entferntliegende\nDorf ZU führen und dort zu erschießen habe . . . Sein ganzes Wesen, das\nheißt, sein eigenes Wesen empört sich dagegen, diesen vollkommen wehr-\nlosen alten Mann zu erschießen, dessen Verbrechen er nicht einmal kennt,\nund der auf dem Wege zwei Stunden lang seine Unschuld beteuert in\neiner Sprache, die 'der Soldat nicht versteht; und mit Tränen und Ge-\nbärden, die der Soldat ungeheuer versteht. Zwei Stunden lang kämpft der\nSoldat, während er neben dem Opfer über Feld geht, mit seinem Gewissen,\nhinter dem starr die Pflicht und die Disziplin stehen. Dieser Soldat hat\nfür sich persönlich folgende Lösung gefunden: er schoß zuerst den Alten\nnieder, und dann erschoß er sich selbst. . . Jetzt meinst du vermutlich wieder:\nwenn sein Gewissen, der dunkle, wilde Drang nach Wahrheit, nach seinem\neigenen Ich, nicht zuließ, den Alten zu erschießen, ohne auch sich selbst\nzu erschießen, hätte er doch wenigstens nur sich selbst erschießen und\nden Alten laufen lassen sollen . . . Aber das wäre ja gegen die Disziplin,\nwäre ja eine Pflichtverletzung und wäre ehrenrührig gewesen. Das eben ist\nder Militarismus. Nicht die Kanonen, sondern der negative Geist des\nZwanges ist der Militarismus, den der Grenzsoldat und dieser Soldat als\ngegen den Geist, gegen das Gewissen, gegen ihr eigenes Ich gerichtet\nempfunden haben, und den gleich ihnen noch viele empfinden. Diese er-\nleiden ein tragisches Schicksal; denn sie erkennen dunkel das vor Gott und\nden Menschen sündhafte dieses Geistes, leiden unter diesem Geiste. Und\nkönnen sich nicht vor ihm retten. Millionen andere nicht nur die Sol-\ndaten, sondern das Volk in seiner großen Mehrzahl haben, zwar nicht\nvor Gott, aber vor ihrem, allerdings nur scheinbar vorhandenen, eigenen\nSelbst das Recht, im Dienste dieses Geistes zu kämpfen, Menschen zu\nermorden und selbst zu sterben; denn sie morden in dem guten Glauben,\nnicht zu morden, sondern für ein Ideal zu kämpfen, für ein Vaterland,\nfür den Staat, für eine Gemeinschaft, die wert ist, beschirmt und erhalten\nzu werden. Man hat sie von ihrer frühesten Kindheit an mit diesem Geiste\ngetränkt und gefüttert, ihr eigenes Wesen, ihr Ich in diesem Geiste total\nertränkt. Sie sind für ihre Handlungen nicht verantwortlich zu machen.\nDenn sie konnten zu eigenem Denken, zu der Fähigkeit, sich moralisch\nzu entscheiden, konnten zu sich selbst, zu ihrem Ich nie kommen; sie sind"}, {"page_pdf": 41, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.41", "texte": "nicht, sind nicht vorhanden, sind keine Menschen, sondern denkunfähige,\nseelenlose, unverantwortliche Automaten, die pflichtgemäß funktionieren . . .\nund eingesperrt oder erschossen werden, wenn sie nicht funktionieren.\nVerstehst du jetzt, daß es sehr schwer sein wird, den Militarismus um-\nzubringen?\"\nEr bekam keine Antwort; die Frau war ganz plötzlich, von einer Se-\nkunde zur andern, eingeschlafen.\nUnter dem Philosophen versank die Welt. Sein Wesen wurde grau vor\nEinsamkeit.\nErst Minuten später betrachtete er wieder das Gesicht der Schlafenden,\ndas den Ausdruck furchtbarster Trauer und Klage trug.\nSie sieht aus wie ein ungeborenes Wesen, das klagt, weil es nicht geboren\nwerden kann, dachte der Philosoph. Und wußte plötzlich: ,Sie ist einge-\nschlafen, weil sie erkannt hat, daß sie selbst eines dieser Wesen ist, die zu\neigenem Denken, zu eigenem Leben, zu sich selbst nicht kommen durften.'\nWilde Liebe und schmerzdurchtobtes Erbarmen drückte des Philo-\nsophen Kopf auf die Tischplatte. Vor seinem inneren Gesicht stand klar\nder Gedanke: ,Für eine Gemeinschaft zu handeln, deren Geist die Mit-\nglieder zwingt, nicht zu denken, kein eigenes Leben, kein eigenes Ich, kein\nwarnendes Gewissen zu haben, sondern seelenlose, unverantwortliche Auto-\nmaten zu sein, die, wenn sie nicht jede befohlene Schandtat willenlos\nausführen, eingesperrt oder erschossen werden, für eine solche Gemein-\nschaft zu handeln, ist ein Verbrechen wider den Geist, das nicht vergeben\nwerden kann. Es bleibt die sittliche Pflicht gegen Gott, gegen unser reines\nIch, diese Gemeinschaft zu bekämpfen und damit für die Möglichkeit zu\narbeiten, daß einmal eine Gemeinschaft entstehe, in welcher der Mensch\n. . . gut sein darf, in welcher der Mensch er selbst, ein Ich, ein für seine\nHandlungen moralisch verantwortliches Ich und als solches ... gut, das\nbedeutet: für die Gemeinschaft sein kann.'\n„Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.\"\nDer Philosoph hob den Kopf; die Frau hatte aus dem Schlafe ge-\nsprochen. Ihr Gesicht war tränennaß. Durch eine leise Berührung er-\nwachte sie sofort.\nEr sprach eindringlich und sanft: „Nehmen wir einmal an, ich käme\nnur in ein Bureau. Und müßte nur ganz untergeordnete Arbeiten ver-\nrichten . . . Vielleicht nur Stellungsbefehle ausfüllen, mit den Namen\nderer, die daraufhin, meinungslos-pflichtbewußt oder vielleicht gegen\nihren Willen, sich einfinden und, nach der Ausbildung, Menschen er-"}, {"page_pdf": 42, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.42", "texte": "schlagen oder selbst sterben würden für eine Gemeinschaft, deren Geist\nschwer mitschuldig ist an diesem Kriege, durch den bis jetzt zehn\nMillionen Menschen erschlagen worden sind.\"\n„Ich weiß nichts mehr.\" Die Frau hätte schwören können, daß sie\ndiese vier Worte nicht gesagt habe.\n„Es könnteaber auch sein, daß ich, eingefügt als meinungsloser Handlanger\nin die Maschinerie dieses höllischen Geistes, den Befehl schreiben müßte:\n,Sie haben den Mann, namens so und so, serbischer Staatsangehörig-\nkeit, siebzig Jahre alt, nach ... zu führen und ihn dort zu erschießen.'\nWas sollte ich dann tun?\"\nNach minutenlanger Stille fragte er noch einmal: „Was sollte ich\ndann tun?\"\nDie Frau wußte und gab auch diesmal keine Antwort. Aus ihren Augen\nheraus fragte stumm das ganze Volk: ,Was sollen wir denn tun?'\nIn der Stube stand schon die Finsternis. Und in ihr die dunkle Ge-\nwalt, die den Körper töten kann.\nDa fühlte plötzlich der Philosoph, wie im tiefsten Urgrund seiner Seele,\nim mystischen Punkt, die Flamme entstand, die rapid zur Feuersbrunst\nwurde und seine Bereitschaft, sich wieder protestlos ins Leichenschauhaus\nzu legen, sekündlich verbrannte.\nIn ihm stand ein ungeheurer Wille auf: die Bereitschaft eines tödlich\nverzweifelten reinen Geistes, sich der Notdurft der Gegenwart anheim-\nzugeben.\nVon dieser Stunde an begann der stürmische Pilgergang.\nDie schwangere Frau hatte nur ein wollenes Brusttuch mitgenommen\naus ihrer Wohnung, in die sie nicht mehr zurückkehrten. Der Stellungs-\nbefehl lag auf dem Tische.\nAus der unvermittelt in ihm entstandenen wilden Hoffnung, daß das\nunmeßbare Leid dreier Kriegsjahre den Aufstieg des Menschenrechtes\nermöglicht habe, wuchs dem Philosophen die Kraft zu dem Versuche, die\nHerzen der vergewaltigten Menschen aufzureißen und ihnen zu erklären,\nweshalb ihre Arbeit Mord und gegen sie selbst gerichtet sei.\nSeine Stimme hallte durch die Stadtviertel, in denen der Gestank der\nArmut und des Hungers stand.\nDie .Unbekannten': dunkle Existenzen, aus dem nie versiegbaren Be-\nhälter der Volksseele plötzlich emporgestoßen in die ewige Freiheitsidee,\nstiegen auf die Straße. Volk, dem Zwange entrissen, ins Menschentum\nhochgerissen, stieg auf die Straße."}, {"page_pdf": 43, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.43", "texte": "Während die Führer des Volkes in blutüberströmter Bescheidenheit\nweiter über kleine Reformen resultatlos diskutierten, weiter unverdrossen\nneue besetzte Länder, neue Versenkungen und neue Kriegserklärungen\nbuchten, neuen Zwangserlassen gegen das gemarterte Volk und neuen\nDankadressen an die Sieger zustimmten, während so das Volk zu Millionen\nim Blute ersoff, versuchten in der überreif gewordenen Zeit der Philosoph\nund seine Anhänger, zusammen mit dem Kellner und dem Zwanzigjährigen,\ndie gequälten Herzen für die Idee der Freiheit und der Liebe zu öffnen.\nVersuchte mit letzter Hingabe der Philosoph, dem Volke zu zeigen, auf\nwelcher Seite im Lande der Feind, die Brutalität und die Dummheit waren,\nDas Netz maßlosen Leides und dunklen Aufruhrs lag über der Stadt.\nErst bei der wuchtigen Massenerhebung gegen den Raubrittergeist\neiniger zehntausend mittelalterlicher Existenzen, gegen den Raubrittergeist,\nder den Krieg losgebunden hat, traf die Gewalt den Philosophen, als er\nin der Menschengasse, die von herangaloppierenden Schutzleuten in die\nMenge hineingeritten worden war, das Recht des Menschen proklamierte;\nvor dem Leutnant,\nder den Befehl zum Feuern gab.\nDie Idee, die nicht erschossen werden kann, brach in Millionen\nHerzen ein.\nDie Frau ging langsam auf den Ermordeten zu: schritt langsam hinein\nin die zweite Gewehrsalve junger Soldaten, die, bleich und im Herzen\nschon empört, noch in der falschen Pflicht standen.\nDie vierzig- und fünfzigjährigen Landsturmmänner hatten sich ge-\nweigert, ins Volk und damit sich selbst ins Herz zu schießen.\nAm andern Morgen lagen der Philosoph und die Ladnerin, als Re-\npräsentanten des Volkes, wieder im Leichenschauhause, nebeneinander.\nDer Wärter stand vor dem Paare. Und plötzlich rückte er die zwei\nPritschen dicht zusammen. ,Man liebt doch die Menschen. Liebt doch\ndie Menschen . . . Die armen Menschen.'\nDas Leichenschauhaus war vergrößert, die Wand, die das Zimmer\ndes Wärters und das Wartezimmer für die Angehörigen abgesondert hatte,\nwar herausgebrochen, der Steinplattenboden fortgesetzt und die Pritschen\num sechzehn Stück vermehrt worden.\nDer Bruch war, wie bei Typenmöbeln, die glatt aneinander gefügt\nwerden können, nicht zu bemerken.\nEin vierter, neuer Horizontalventilator kreiste zusammen mit den drei\nalten über den zweiunddreißig Leichen."}, {"page_pdf": 44, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.44", "texte": "MORGEN ODER SCHON HEUTE.\ngustav Schulz:\nWas sein wird, hängt von uns ab.\nDie Welt ist nicht an sich, sondern sie ist, wie sie von uns ge-\nmacht wird. Darum darf ich vom kommenden Tag reden, von kommen-\nden Dingen, denn ich werde das Meine dazu tun, und ich will euch\nbeschwören das Eure zu tun. Ich und das Unmittelbare, wir sind Eins.\nEs ist immer da, es wartet geduldig bis ihr kommt. Wenn alle eure\nMittel erschöpft sind, wenn ihr nackt seid in der Wüste und euch hinter\nkein Mittel mehr verkriechen könnt, wenn ihr, verschont von Hand-\ngranaten und Fliegerbomben, gerade deshalb noch Zeit habt, noch ge-\nzwungen werdet (durch die um euch ratternden Maschinengewehre),\nwarum? zu fragen oder auch nur mit einem ganz kleinen Zweifel zu\nblinzeln, so sitzt ihr schon in der Falle. Und wer hätte noch nicht\ngeblinzelt? Jedes Blinzeln fragt: Warum? Und jedes Warum? ver-\nurteilt und verwirft, denn das Ja sagt: und tut ja 1 und hat kein\nWarum nötig.\n1.\nEs wird wieder Dichter geben. Nicht Menschen, die für Geld sich selbst,\nAndere und Begebenheiten sezieren, analysieren und paralysieren, sondern\nMenschen, die ein Gemeinsames schaffen helfen wollen, die Führer sein\nwollen weil sie müssen, weil sie vom Geist dazu vorher bestimmt sind.\nKünstler wird ein Schimpfwort sein. Wer wird sich noch Künstler\nnennen lassen? Die Hörigen der Zunft, die etwas gelernt haben, die\netwas können, und die, wenn sie den Mörtel ihres Metiers auf eine\neigene Art zu mischen verstehen, dir einreden, sie hätten dir etwas zu\nsagen. Der anständige Mensch wird in der nächsten Generation nur noch\nMitmensch sein wollen. Mensch sein heiße Mitmensch sein. Mitmensch\nsein heißt geistig Revolutionär sein. Revolution ist ein Lebensprinzip.\ndas kann man wohl Mensch sein oder Künstler oder Einsiedler oder Hoch-\nstapler (bewußter und unbewußter), oder Genie, oder Prophet, oder\nHalbgott. Aber man ist dann auch gleichzeitig, ob man will oder nicht:\nMitschuldiger. Oder wagt es jemand angesichts des Weltkrieges, Schuld\nan sich, Mitschuld an dieser Art Welt zu leugnen? Er mache dann\ndie Probe aufs Exempel: er lasse sich gewaltsam in den Schützen-\ngraben schleppen, Granatsplitter in den Bauch jagen, die Gliedmaßen\nvon Maschinen und Treibriemen zerschinden, in dumpfen Vorstadthöhlen"}, {"page_pdf": 45, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.45", "texte": "mit Tuberkeln infizieren, im wahllosen, ungeklärten Verlangen nach\ninnigster Gemeinschaft die Syphilis anhängen, und wir wollen uns wieder\nsprechen.\nDer Künstler von morgen hat weder den Ehrgeiz, ein Künstler, ein\nKönner, noch ein bloßer Wisser zu sein. Er verachtet alle Taschen-\nspielerkünste. Ein ffllüsser sein, ist sein Lebensinhalt. Sein Aktions-\nfeld wird weniger das geschriebene Wort sein als das geschriene. Kirchen-\ntüren, Brunnenränder, Brückengeländer der Großstädte werden seine\nTribüne sein, von wo er seine Blitze, Posaunenstöße, Zündungen und\nTatbazillen schleudern, schmettern, verschenken und verteilen wird.\nDer Dichter der neuen Generation wird kein „Poet\" sein, vielleicht\n(äußerlich wenigstens) nicht einmal ein Dichter. Höchstens ein Literat.\nEr wird den Propheten des alten Bundes gleichen: den Marktplatz wird\ner zum Tempel machen; in der Börse wird er den Richterstuhl\ndes Unbedingten errichten; seine Zunge wird wieder eindeutig werden,\nsich nicht hinter Symbole verstecken; Schweine wird er mit Schwein\nanreden und Ohrfeigen dafür dankend kassieren. Denn seine Berufung\nist nicht, kinematographische Dramen des Lebens poetisch einzurahmen,\nsondern ewige Wahrheiten restlos auszusprechen. Das Schwein aber ist eine\newige Wahrheit; darum muß er die Welt vor die Entscheidung zwingen:\nSchwein oder Licht! Er wird die banale Sprache des Volkes reden,\naber in seinem Munde werden alle entwerteten Worte ihre ursprüng-\nliche Kraft zurückgewinnen, verstärkt durch den langen Weg der Er-\nfahrung. So wird er das Volk, das keine Spezialsprache kennt, durch\nunmittelbare Ausdrucksweise zur unmittelbaren Wahrheit zwingen, das\nheißt zur direkten Tat. So erfüllt er seinen Dichterberuf; denn Dichter\nsein, heißt Schöpfer im Geist sein, heißt den Geist ins Materielle über-\ntragen, in Leben umsetzen. Der Dichter wird der eigentliche Politiker\nsein, der Kraftmotor des öffentlichen Geschehens. Aber er wird sich\nhüten, die aktive Rolle des Hetzers zum Leben, des Aufwieglers der\nja sagenden Instinkte mit der passiven des Leithammels, des bezahlten\nsogenannten Führers zu vertauschen oder zu verwechseln.\n2.\nDenn es gibt nichts Erbarmungswürdigeres unter der Sonne, als\ndie geschobenen Schieber, die Realpolitiker des Bauches, die nicht der\nGeist treibt, sondern das Parteiprogramm und (was schlimmer ist als\ndieser Buchstabe): der Opportunismus. Der politische Führer von heute,"}, {"page_pdf": 46, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.46", "texte": "der auch der Leithammel von morgen sein wird, nicht der Führer,\nsondern in Wahrheit nur der Spieler der Massenbewegungen von\nmorgen, er wird morgen gerade so unser Erbfeind sein wie heute. Denn\nIntensität des Lebens ist ihm ein Greuel, denn sie ist disziplinwidrig,\nman kann sie nicht vorausberechnen, hat sie nicht in der Hand, sie\nkennt ja keine Kompromisse, keine Ehrfurcht vor errungenen Positionen,\nweil sie aufs Ganze geht, und sich nicht scheut, Roßbälle der Ver-\nachtung ins Parlament zu pfeffern. Dieser Führer, der eitel genug ist,\nsich für notwendig und darum von Gottes Gnaden zu halten, er ist\nder Verräter am Geist, denn der kleinste Paragraph bedeutet ihm mehr\nRealität als alle Militärdienstverweigerer der ganzen Welt. Denn er\nkennt keine Ethik, keine geistige Macht (wenn er auch viel davon\nschwätzt), nur die Statistik, die Quantität, nur die Macht der Banken\nund des Portefeuilles. Die Aufgabe der „Geistigen\" im nächsten Jahr-\nhundert ist, ihn auch äußerlich überflüssig und unschädlich zu machen.\nDer Mittler wird überflüssig durch Intensität des Lebens, durch direkte\nAktion des Schaffenden.\n3.\nDer Politiker ist der Händler des öffentlichen Lebens. Der Händler\nin der Volkswirtschaft wird überwunden und ausgeschaltet durch die\ndirekte Aktion des Schaffenden und der Verbraucher: durch den Sozialis-\nmus und die sozialistische Genossenschaft. Der politische Mittler wird\nüberwunden, abgeschafft und mit ihm der Staat durch die direkte Aktion\nund die Überwindung der Gewalt, durch die Intensität des öffentlichen\nLebens, die nur Gleichheit kennt, Überzeugung, Überwindung, Über-\nredung, Dezentralisation, Konföderation, aber keine Unterordnung. Dieses\nvorläufige Ziel wird erreicht durch das Mittel der „Revolution an sich\".\nRevolution heißt, ein überlebtes Prinzip durch ein neues ersetzen. Doch\nehe es sich noch gänzlich durchgesetzt hat, ist es schon korrumpiert\nund muß selbst durch eine neue Revolution überwunden werden. Die\nGeschichte ist aber kein Aufeinanderpfropfen von Prinzipien; höchstens\n(und noch mit sehr starken Einschränkungen) eine immer wechselnde\nund immer reinere Ausdrucksweise für ewige Wahrheiten. Der Körper\nder Menschheit wird durch den Gebrauch, durch das Leben, durch die\nstete physische Verjüngung (mit jeder jungen Generation) sublimierter,\nund damit befähigter, dem Geist zu dienen, seine Befehle zu vollführen\nund so selbst durchgeistigt, „schön\" zu werden.\nDer Mensch aber muß dem Geist erst die Befehle abringen. „Herr,"}, {"page_pdf": 47, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.47", "texte": "was muß ich tun, daß ich selig werde?\" Und die Antwort lautet: Du mußt\naufhören Knecht zu sein, aufhören Sklave eines Mittlers zu sein. Du darfst\nkeinen Mittler, keinen Vermittler, keinen Vertreter dulden zwischen dir\nund dem Leben, der Welt. Du darfst niemand beauftragen mit der „Tat\",\ndenn in ihr liegt deine Seligkeit versteckt, die du verschleuderst, nein,\nmehr: die du schändest, mit Dreck beschmeißest, wenn du sie verkaufst,\noder von einem Mittler, einem „Führer\" tun läßt.\nIn diesem Sinne Mensch sein, ist gleichbedeutend mit: Revolutionär\nsein. Und wir Heutige, die wir jetzt die Folgen des bisherigen Handeln-\nlassens, des Mittlerprinzips,, des Vertretungssystems, des Staats-Aber-\nglaubens erleben, wir müssen Umstürzler, Vernichter und Aufbauer\nsein; morgen, übermorgen und über-übermorgen, oder das vergossene\nBlut kommt über uns.\n\nDAS MAGISCHE WARENHAUS\nHan Kelso:\nDer Unschuldige betrat einen Laden, aus dem es strahlte. Nach ge-\nraumer Zeit sah man ihn das helle Haus verlassen, behindert durch\nbaumelndes, in Papier eingedrehtes. Von ferne warf er einen gealterten\nBlick auf golden geschichtete Stockwerke, die sich ihm entzaubert dar-\nboten: gefrorene, unabgestaubte Paradiese.\nDie Einkäufe bestanden in einem Dutzend schamlos lackierter Zahn-\nbürsten, einem der Natur rührend nachgelebton Papagei und einem Almanach\nfür Kaninchenfreunde.\nAuch war der Unschuldige gar nicht mehr unschuldig. Mit ver-\ndorbenem Seelenleben kehrte er heim. Angeekelt von dem Bestehenden\nschrieb er einen Brief beschimpfenden Inhalts an seine liebe Braut, be-\nschloß, sich den Bart wachsen zu lassen, vergewaltigte einen Geldbrief-\nträger, veranlaßte durch rohes Benehmen den Tod seiner Großmutter, einer\nedlen Greisin, die bis dahin rüstig dem Haushalt vorgestanden hatte. Später,\nsich selbst gänzlich entfremdet, endete er ■— laut Zeitungsmeldung Ange-\npaßtes rufend auf dem F. d. E."}, {"page_pdf": 48, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.48", "texte": "Unschuldige kommen wie du weißt selten vor. Exzessive Fälle.\nWas gibt dir immerhin diese Begebenheit zu denken?\nCtyas ?\nWir alle sind schon beflügelten Gemütes ausgezogen mit dem Wunsche,\nunser Leben durch Einkauf von Brauchbarem oder Schönem zu bereichern.\nUm dann in Kürze nach Zusammenstößen mit Habsucht, Betrügerei,\nGleichgültigkeit, unsere erblaßten Wünsche nebst stiller Hoffnungslosig-\nkeit zurück zu tragen, Wir alle sind aber auch schon durch das gütige\nLächeln eines Ladenfräuleins, durch die wirkliche Freundlichkeit eines\nklugen Verkäufers erfrischt und gerührt worden. Die wohlverschanzte\nMacht Alltag ist wert, mit Liebeswaffen bezwungen zu werden. Alltag\nwird grau genannt warum? Abwechslung von Ruhe und Tat ist\nMenschen nötig. Gräue bedeutet Leere. Ruhe ist nötig Leere nicht.\nLeere ist Armut und schlechte Gewohnheit. Warum liebt ihr das himm-\nlische Abenteuer so wenig? Laßt euch doch nichts vormachen, alles\nLiebe und Schöne ist uns möglich! Der Teufel ist unendlich dick und\nbewegt sich ungerne (der Teufel unserer Zeit). Während er leise, aber\nbefehlshaberisch behauptet, daß es ihn nicht gibt, streichelt er seine\nschauerlichen Haustiere, die er kosend Indifferentia, Paralyschen und\nImmerweiterwurstel nennt. Lieben wir ihn doch! Wenn er selbst nicht\ndaran denkt, denken wir doch daran, daß er der schönste unter den\nHimmelsrittern war. Es gibt allerdings keinen Teufel nur einen Engel\nmit Mißverständnis, es gibt keinen grauen Alltag, nur Gefühlsfaulheit.\nLiebe ist für Alltag; für alle Tage, alle Stunden, alle Minuten. Die\nnicht zu mißverstehenden Ereignisse um uns sollten es doch nachdrücklich\ngenug gezeigt haben. Liebe ist nicht nur eine Angelegenheit für Feier-\ntage und Schaltjahre, sondern, gerade so wie Freiheit, die kontinuierliche\nJubelmöglichkeit zum An- und Umbau deines Innen- und Außenalltags,\nlieber Ganztoter, Halbtoter, Lebendiger! Die Liebe muß in den Alltag\neinziehen, von unseren wirklichen und herzklopfenden Bitten geleitet.\n(Eine schnelle Folge hievon: daß die sogenannte Kunst nur noch in Ver-\nbindung mit dem Leben, mit dem Lebendigen, möglich ist, und nicht\nein von allem Wachstum losgelöstes Dasein von mehr oder weniger sprü-\nhender Sterilität führen kann. Von da geht auch erst die Möglichkeit aus,\ndie Gesetzmäßigkeit zu erobern, die bisher verschleiert war. Lebendige\nund Tote werden gerichtet werden können auch vor den Augen der noch\nUnfühlenden.)\nDie Wirtschaftsbeziehungen zwischen Menschen können und müssen zu"}, {"page_pdf": 49, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.49", "texte": "einem Spiegelbild himmlischen Geschehens werden. Austausch Er-\ngänzung wahre Bereicherung aller Beteiligten. Gewinn: eine negative\nAngelegenheit. Eine sich unerbittlich am Geistigen rächende Handlung.\nGewinn am Materiellen lähmt und hindert jede Freude im Geistigen auto-\nmatisch. (Bösen Kaufleuten sollte man, wie unartigen kleinen Jungen,\nzweitausendmal abzuschreiben geben: alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.\nDie liebevollen Verkäufer würde Christus, der Sohn der Liebe, nicht aus\nder Vorhalle des Tempels gejagt haben.)\nMan denke sich große Kreise von Magazinen gebaut, in denen nur\nGegenstände vergeben werden, die aus liebevollen Händen und Herzen\nentstanden sind. Die in die Liebe der Nehmenden eine süße, unaufhör-\nliche Magie von guten Wünschen, von unbeirrbarem Glauben einziehen\nlassen. Die, welche für diese wundersamen Vorratskammern arbeiten, werden\nviel Licht verbreiten und ihr Leben wird eine heilige Handlung sein.\nIhre atmende Güte wird die Völker entflammen zur Reinheit. (Nur Schund\nist Laster. Laster ist ein Fehler im System und ein Mangel am System.)\nDas Gute steckt genau so an wie die böse Krankheit.\nDie Kinder der Liebesarbeiter werden von ihren Vätern, von ihren\nMüttern zum Bewußtsein ihres schönen Lebens und ihrer zarten Verant-\nwortung herangebildet. Immer mehr wird den gedankenlosen Maschinen\nihre Herrschaft erschwert werden: man wird ihnen in vielem ihre Arbeit\nnicht mehr gönnen und sie Sklaven sein lassen, die sie ewig zu sein be-\nstimmt sind. Viele weise Väter werden ihre Söhne nicht mehr aus falscher\nBescheidenheit schlechte Architekten, unnötige Ingenieure, gemeingefähr-\nliche Ärzte oder Lehrer werden lassen. Die Weihe der einfachen Hand-\nlungen, beladen mit Menschlichkeit, wird besser verstanden. Die sich\nwichtig nehmende Bildung das Wissen von Nebensächlichem wird ver-\nstoßen sein. Geber und Empfänger werden nur beseelte Menschen sein,\ndenn nur ein tief bewegtes Gemüt vermag die Anspannung zu ertragen,\ndie ein solches Leben mit sich bringt. Etwas von wahrem Arzttum wird\nin diesen Austeilenden sein. Menschengefühl und intuitive Scham. Und immer\nmuß Das den Sachen zugefügt werden, das nie gekauft werden kann, nur\ndurch antwortendes Gefühl Bezahlbares. Käufer: ach, wie schwer war es,\nnie ungeduldig zu sein, nie überhebend. Ungeduld ist meist Schuldbewußt-\nsein. Überhebung Dummheit. Aber um vor Genesenden und Stillen,\nvor Mutigen, Ungläubigen und Betrübten das Wunder aufgehen zu lassen:\netwas Ersehntes; gar nicht Erwartetes, viel zu Reiches, Liebes bekommt\nman geschenkt. Geschenkt!"}, {"page_pdf": 50, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.50", "texte": "MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\n\nTwan goll\nHess die Dichtung „Requiem\" (bei Rascher & Co., Zürich 1917) erscheinen.\nDieser Dichter ist in seinen Versen: ein europäischer Mensch.\n„O ihr Brüder alle! Tommies! Poilus! Bayern! Mudjiks! Bersaglieri! Hon-\nveds! Ihr alle einmal der Boulevard, der Festsaal, der Mob, der jauchzend\nein Meer mich Welle umrauschte!\nIhr Europäer! Antlitze von Milch und Blut! Jeder von einer herrlichen\nMutter! Ihr alle, in denen ich das Symbol der ewigen Dinge sah: der Liebe\nim leuchtenden Auge, der Güte im lächelnden Mund und der Erkenntnis in\nder denkerischen Stirn!\nIhr alle, von Erde und Sonne gespeist! Ihr alle in überirdischer Liebe\ngezeugt!\nIch glaube nicht an euren Hass! Ich glaube nicht an euren Krieg!\" Und:\n„O Arbeitersoldat, der Kriegsarbeit verschrieben! Du Schaffender, du\nHungernder, du Leidender, du Sterbender! Du Bürger! Du Staat!\nIch sehe die Blutfahne der Revolte noch, an einen Schlot gebunden,\nfunkenbesternt: auf Halbmast!\"\nWill man wissen, wie sehr es ihm ernst ist:\n„O Eitelkeit der Heimat,\nDie unser erste Himmel umwölbte!\nO Eitelkeit der Kindheit,\nMit Sternen und Narzissen bevölkert!\nO Eitelkeit der Familie,\nUm die die singenden Schwestern schwebten!\nO Eitelkeit des Werkzeugs;\nDas täglich unser Schicksal hämmerte!\nO Eitelkeit der Dichtung,\nDie uns auf lichter Welle schaukelte!\nO Eitelkeit der Liebe,\nDie uns die wächsernen Flügel gab!\nO Eitelkeit des Todes,\nIn dem wir doch nur werden, was wir waren!\"\nAus solcher Selbstbefreiung junger Menschen kommen die Kräfte der\nZukunft. Diesen Anfang erlebt also die Mitwelt noch."}, {"page_pdf": 51, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.51", "texte": "4\n\nCheodor Bagger\nveröffentlichte im Zeit-Echo eine schöne Arbeit: „Das geistige Geschlecht\".\nDie gipfelt in den Worten: „Ich bin Geist und liebe!\" Und wer von uns\nist, findet, dass solche Worte gar nicht oft genug und nicht eindringend\ngenug gesagt werden können. (Darum erschienen sie hier.) Diese Arbeit steht\njetzt in einem kleinen Buch Taggers „Das neue Geschlecht Programm-\nschrift gegen die Metapher\" (in diesen Tagen bei Verleger Heinrich Hochstim,\nBerlin, erschienen). Die Programmschrift gegen die Metapher, der Hauptteil\nder Broschüre, ist ausgezeichnet. Gegen das Bild, für die Tat. Gegen die\nUmschreibung für die Unmittelbarkeit. Gegen die Geistausbeuter für die\nGeistigen. Gegen die Halben, die Macht-, Erfolg-, Eigentumsmenschen für die\nSchöpfer. Gegen die Passiven und zuletzt für die Heiligen, Einfachen, Wirk-\nlichen. Das war gut und notwendig. Aber als dieses Buch kam, schrieb\nich gerade gegen Tagger. Er .gibt eine Zeitschrift heraus, den „Marsyas\",\nderen Abonnement im Jahr sechshundert Mark kostet oder mehr, und\ndie durch diesen Preis verdammt ist, auf den Tischen von Schiebergattinnen,\nverschwenderisch gewordenen Munitionsvorarbeitern und jungen Schlossherren\nzu liegen. Das ist scheussliche Gründerjahrpraxis unserer Zeit!\nEine Frage: „Ich bin Geist\"— heisst das: Redakteur des Marsyas? „Ich\nliebe\" meine Leser? An der Spitze der Mitarbeiterliste, die anständige\nund üble Leute zeigt, steht der Dichter Hugo von Hofmannsthal, also ein\nMann, der unbedenklichstes Kriegsfeuilleton geschmiert hat. Liebt der Geist\nauch ihn?\nHier irrt Tagger. Seine Schriften sind zur Ausrottung dieser Dichters-\nmänner und dieser Leser bestimmt? Es ist zu scherzhaft, der Bibliophilie\nunter die Arme zu greifen, wenn man soeben Waffen zu ihrer Vernichtung\nverteilt. Ich halte mich an ihre Vernichtung.\n\nZeichner Frans masereel\nhabe ich Unrecht getan. Ich nannte ihn einen Beschreiber der Ereignisse. Aber\nseitdem hat er der Zeitschrift ~Tablettes\" das Titelbild „Assez!\" gegeben, das\nVorbild für alle Leser und Beschauer, laut und wild gegen den Krieg „Halt!\"\nzu schreien. Seitdem hat er in der Genfer Zeitung „La Feuille\" Tag um\nTag eine Propagandazeichnung gegen den Krieg, gegen Gemeinheit, gegen\nUngerechtigkeit, gegen Vergewaltigung. Für Menschlichkeit. Für Heilung und\nAufrichtung. Tag jum Tag eine aufopfernde Arbeit in zeichnerischen Flug-\nblättern, die auf Kunstgeniessertum, Schönheitsgetue, Atelier-Parasitentum\nverzichten.\nWer das macht, kommt nicht mehr zum Bildermalen. Dem ist klar, dass\nheute das im Atelier zusammengepinselte Tafelbild nur Kunstdienerschaft vor\neiner sublim angestachelten Kapitalistenzeit ist. Wer einst nur Maler war und\nseitdem Mensch geworden ist, der malt keine Bilder mehr, der wirft das\nFlugblatt unter das Volk.\nUnd dieser Frans Masereel, glaube ich, ist ein Mensch."}, {"page_pdf": 52, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.52", "texte": "DOKUMENTE DES IRRSINNS\n\nLweihänder\n„Unmittelbarer Natur sind die grossen Vorteile, die die gleichmässige Übung\nbeider Hände für die Ertüchtigung der Soldaten bietet, besonders im Kriege.\"\n„Nach alledem liegt es im Interesse der obersten Militärbehörden, die\nUnterrichtsbehörden zur allgemeinen Zwangseinführung der Linkskultur im\nFrieden zu drängen. Und ehe es so weit kommt, müsste wenigstens während\nder Rekrutenausbildung die Beidhändigkeit unentwegt angestrebt werden,\num ohne besondere Kosten die Steigerung der Kraft und Tüchtigkeit des Heeres\nim Kriege vorzubereiten\" (gesperrt vom Verfasser). Der Aufsatz, dessen\nZiel hier wörtlich wiedergegeben wird, ist betitelt: „Zwei wichtige Lehren\naus diesem Kriege!\" und steht im Heft vom Mai 1917 (also zum Schlüsse\ndes dritten Schlachtjahres) in der Zürcher Zeitschrift ~Das neue \".\nWunderbares neues Europa! Mit diesem unausdenkbar grauenhaften Mord-\nMechanisierungs-Plan steht der Autor brüderlich neben dem deutschen Ra-\ndikalsozialisten Julian Borchardt, der bekanntlich eine Verteidigungsschrift\ndes uneingeschränkten Unterseebootkrieges herausgab. Nein, diese Leute\nsind nicht ernst zu nehmen. Sie sind nur die wildgewordenen Zeiger am Gal-\nvanometer Europas, dessen Ausschläge den Eintritt der stärksten geistigen\nZersetzungsströme in den Körper der europäischen Gesellschaft angeben, und\ndie letztes Zucken vor faulig stinkender Auflösung ankündigen.\n\nBring uns, Herr, ins Laradies!\nDie Sätze hier sind ein wortgenauer Auszug aus: Kjiegerzweifef, ein Soldaten-\nbüchlein von Robert Falke, Konsistorialrat und Superintendent in Werni-\ngerode. (Barmen 1917. Verlag von E. Biermann. Preis einzeln 15 Pf., 50 Stück\nM, 6.50, 100 Stück M. 12—, 500 Stück M. 55.—, 1000 Stück M. 100.—).\n„Zu den Feinden gesellt sich allmählich noch ein andrer. Das ist der Zweifel.\nWenn der deutsche Krieger dem Franzosen, Engländer und Russen im Nah-\nkampf gegenübertritt, dann rennt er ihm das kalte Bajonett durch den Leib\noder er zertrümmert ihm mit dem Kolben den Kopf. Wie passt solches Morden\nzu dem Gebot der Feindesliebe? Jeder Zweifel ist zu besiegen! Die Gründe,\ndie für unsern Glauben sprechen, sind tausendmal klarer und wuchtiger\nals die Gründe, \"die man gegen unsern Glauben anführen kann. Wer tiefer\nblickt, sieht ganz genau die Hand Gottes, auch bei diesem Gemetzel.\nDieser Krieg ist eine von Gott über die Sünde der Völker verhängte\nStrafe, und wir Deutschen sind zusammen mit unsern Verbündeten die Voll-\nstrecker des göttlichen Strafgerichts. Es ist zweifellos, dass das Reich Gottes\ndurch diesen Krieg gewaltig gefördert und vertieft werden wird.\nKann man im Kriege seine Feinde lieben?\nUnser Heiland gebot: „Liebet eure Feinde\"! Und jetzt im Weltkriege?\nWenn die feindlichen Kolonnen anstürmen, werden sie durch Geschütz- und"}, {"page_pdf": 53, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.53", "texte": "Maschinengewehrfeuer niedergemacht; die in die Stellung dringenden Feinde\nwerden mit dem Kolben niedergeschlagen und mit dem Bajonett durchbohrt.\nUnd daheim im Vaterlande jauchzt das Volk, wenn ein grosser Sieg erfochten\nist. Aber Jesus gebietet: „Liebet eure Feinde!\"\nMan muss hier zunächst klar und bestimmt eingestehen: Jesus hat das\nGebot nur für den Verkehr zwischen den einzelnen Menschen gegeben, aber\n• nicht für das Verhältnis der Völker zueinander. Im persönlichen Verkehr\nsoll der Christ seinen Feind dadurch zu lieben versuchen, dass er nicht\ngleiches mit gleichem vergilt. Aber im Streit der Nationen untereinander\nhat die Feindesliebe ein Ende. Hierbei hat der einzelne Soldat sich\ngar keine Gewissenbisse zu machen. Er trägt ja nicht die Verantwor-\ntung für sein Töten, sondern seine Obrigkeit. Solange die Schlacht tobt, ist\ndas Liebesgebot Jesu völlig aufgehoben. Es gilt nicht für die Stunden des Ge-\nfechts. Das Gebot der Feindesliebe hat für uns auf dem Schlachtfelde gar\nkeine Bedeutung mehr. Je rücksichtsloser wir unsere Waffen anwenden, um so\nbarmherziger ist das, denn um so schneller wird der Krieg beendet. Das\nTöten ist in diesem Fall keine Sünde, sondern ein Dienst am Vaterlande, eine\nchristliche Pflicht, ja ein Gottesdienst. Unser Heiland, Jesus Christus selbst,\nder uns gebot, den Feind zu lieben, hat sich auch nicht alles gefallen lassen.\nDen Soldaten, der ihm ins Gesicht schlug, hat er strafend zur Rede gestellt:\n„Warum schlägst du mich?\"\nEs ist darum ein Gottesdienst und eine heilige Pflicht, alle unsere Gegner\nmit furchtbarer Gewalt zu strafen und, wenn es sein muss, zu vernichten.\nSolange in diesem Weltkriege die Kanonen donnern, hat das Gebot Jesu,\n„Liebet eure Feinde!\" keine Geltung mehr. Fort mit allen Gewissensbedenken!\nJetzt ist keine Zeit für Feindesliebe auf dem Schlachtfelde.\nUnd wenn im Krieg Hunderttausende fallen, dann wissen wir ganz gewiss,\ndass Gott auch für sie gesorgt hat. Für die Gefallenen muss der Tod das\nBeste gewesen sein, Gott wollte ihre Seele schon jetzt haben. Ein längeres\nLeben hätte ihnen vielleicht schwere Sünden und Vergehungen gebracht. Der\nfrühe Schlachtentod hat sie vor schweren Züchtigungen und bittern Erfah-\nrungen bewahrt. Sie ruhen nun in Gottes Hand und dort haben sie seligen\nFrieden. Ja, er sorgt für jedes Menschen unsterbliche Seele. Warum wurden\nso viele tausend Männer zu Krüppeln geschossen? Warum wurden so viele\nhundert Soldaten blind? Weil Gott dadurch ihre Seele retten wollte!\nGerade der Weltkrieg mit seinen Leiden und Greueln hat uns gezeigt,\ndass die Erde für uns keine bleibende Stätte sein kann; wir suchen die\nzukünftige Heimat. „Bring uns, Herr, ins Paradies!\"\nDieses blutgierige, Hass schäumende Mordgeschrei von einer Stelle, die sich\n„Seelsorge\" nennen darf (wie mag den Seelen, um die so satanische Sorge waltet,\nzumute sein!) hat etwas wunderbar Gutes an sich. Das ist der Titel der Broschüre:\n~Kriegerzweifel\". Würde man es nicht längst wissen, so hätte man durch das\n„Soldatenbüchlein\" Aufklärung; die Krieger zweifeln also. Und was mehr\nist als der blosse Zweifel am Sinn des Krieges oder am Erfolg sie zwei-\nfeln an der moralischen Berechtigung des Kämpfens. Die theologische"}, {"page_pdf": 54, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.54", "texte": "Diskussion des Kirchenmannes wird der Soldat mit Ekel abschütteln, denn\ner weiss: nichts steht im Wege, dass die Gegenseite mit denselben Argu-\nmenten Mordpropaganda treibt. Aber unvergleichlich wertvoll ist der Rest\ndes Traktätchens, dieser unvorsichtige Titel. Und überall, wo der Blick auf\ndieser Broschüre weilt, bleibt unvermeidlich das ungeheure Agitationswort\nhaften: Kriegerzweifel!\n\nSCHWEIZER\n\nRobert Faesi\nnennt seine sehr hochgebauten Gedankenverse Brandung. Zeitgedichte\neines Schweizers\". (Verlag von Huber & Co., Frauenfeld und Leipzig 1917.)\nUnd während mich dieses Dichters freies Herz, das ebenso stark vom\nWissen wie vom Gefühl getrieben wird, einmal zur Auseinandersetzung, viel\nöfter aber zur Bejahung drängte, kam mir gerade eine neue Schrift des\nunermüdlichen Militärphilosophen Max Scheler in die Hände, „Die Ursachen\ndes Deutschenhasses\" (Verlag Kurt Wolff, Leipzig 1917). Es wäre gut, wenn\nfestgestellt würde, in wessen Namen Scheler spricht. Er sagt „Wir\", und\nmeint die Deutschen: „Wir sind und waren an erster Stelle Militaristen ein-\nfach aus dem Grunde, weil es uns wohl gefiel, also zu leben, und nicht an-\nders.\" Ein anderes Mal schüttet dieser Paria der Philosophie seinen ganzen\nSklavenhochmut über das „Medium des stark kuhglockenhaft gefärbten\nFriedens der deutschen Schweiz\" aus. Statt einer Beschwörung lasse ich\nden Schweizer Faesi sprechen:\n„Sie sind nicht mehr als Waffe, Nummer, Zahl.\nDie ärmste Krähe noch kommt frei geflogen,\nDer Bettler wählt sich seinen Brückenbogen\nZum schlechten Bett nach eigner Wahl;\nSie aber sind dem Raum, der Zeit entzogen:\nSie stehn gerammt in einem blutigen Grunde\nNicht anders als im Stachelnetz der Pfahl;\nIhr Zeiger zeigt nicht ihrer Seele Stunde,\nSie sind ein Rad im Räderwerk der Qual.\"\nUnd wollt ihr wissen, wie der Schweiz zumute ist? Hier der ganze\nMensch des geistigen Schweizers, und ich finde, dieser Typus Mensch\ngehört zu den besten Europas, zu denen des kommenden, ethischen Menschen:\n„Warum ist mir zum vollen Mahl getischt,\nUmwölbt von Frieden wie von einem Schild?\nUnd du, den ich nicht kenne, ferner Bruder,\nNein: naher Bruder, nächstes Ebenbild,\nVielleicht, dass du in Dornenbüschen kauerst\nUnd andre Brüder lauern, wie du lauerst,\nUnd pirschen dich hinweg wie schädlich Wild.\nUnd andre bangen auf den Lagerplätzen,\nSchaufeln in Sappen, schleppen Munition,"}, {"page_pdf": 55, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.55", "texte": "Und andre stürmen keuchend ins Gefecht!\nUnd Brüder zappeln wund in Stachelnetzen\nUnd faulen drin gleich fortgeworfnen Fetzen,\nUnd Brüder siechen in Gefangnenfron\nUnd Lazarett; und die den Boden netzen\nMit ihrem Blut sind zehnmal Million.\nDoch schon marschiert und stürmt ein neu Geschlecht,\nUm gleichen Leidenslohn sie zu ersetzen.\nUnd fühl mich blutend eins mit ihrem Wehe,\nUnd ihre Sache wird zu meiner Sache . . .\"\nMit diesen Gedichten tritt Faesi in die Schar derer, denen Dichtung als\nVerantwortlichkeit und vorbildliches Tun gilt.\n*\n\nTean Debrit\ngibt ein Buch heraus „et ce fut la guerre\" „und also ward der Krieg\"\n(bei Atar, in Genf 1917). Debrit ist Genfer. Viele Leute wissen immer\nirgend etwas von Debrit. Ich weiss nichts von ihm, nur was ich . aus\nseinem Buch lese. Vor diesem Buch bleibt keine Regierung moralisch\nbestehen, die Macht keines Landes erhalten. Das einzige Ziel des\nBuches ist der Mensch, die einzige Richtung des Buches ist die Menschlich-\nkeit. Das ist bei Debrit keine weichliche Phrase, sondern erste sachliche,\nnackte und wissende Forderung. Dieser Schweizer hat den Mut, die\nEntstehung des Krieges und seinen Verlauf unter dem Richtpunkt des\nMenschen anzuschauen. Ebenso mutig und ebenso sachlich ist seine Konse-\nquenz: Umwälzung. Jean Debrit ist ein Mann des Tages; er gibt in Genf\neine Wochenschrift heraus „La Nation\" und eine Tageszeitung „La Feuille\"\n(in denen es den Autoritäten jedes Landes schlecht geht). Und dieser Jour-\nnalist stellt die Forderung der Umwälzung wissend auf: Umwälzung von\ngeistiger Herkunft zu geistigen Zielen hin.\n„Aber wenn die Regierungen denken die Regierten werden lenken. Das\nist unsere tiefe Überzeugung. Wir glauben fest, dass bei dem übermensch-\nlichen Ekel vor den Militärgloriolen, der alle befallen wird, viele Dinge, die\nbisher unmöglich schienen, wie durch Zauberschlag verwirklicht werden. Bis\njetzt mühte man sich, schon in den Kinderseelen die Liebe zum Kriege zu\nhegen, indem man die Herrscher und ihre Ambitionen, die Staatsmänner und\nihre feinen Gewebe, die Generäle und ihre Siege zum Gipfel der National-\nfeiern machte. Aber von nun an wird man das Entsetzen davor lehren, und\nes wird im Gegenteile heissen, die Menschen und ihr Liebeswerk zu preisen.\nDie Presse ergänzte diese Erziehung zum Hasse durch ihre unheilvollen\nAufstachelungen, ihre berechneten Roheiten, ihre systematischen Entstellungen.\nMan wird die Presse zu diesen zwei unerhörten Dingen zwingen müssen;\ngerecht gegen Jeden zu sein und die Wahrheit zu sagen. Doch ein inoch\nunerhörteres Ding; die Christen oder die das sein wollen werden wirk-\nlich die Lehre Christi üben müssen; jene Lehre, die wenn ich recht berichtet"}, {"page_pdf": 56, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.56", "texte": "bin in der unbedingten Nächstenliebe gipfelt, einer Liebe, die keine Aus-\nnahme zulässt, nicht einmal die vor dem Feinde und gerade die vor dem Feinde\nnicht.\"\nUnd das spricht kein Phantast, sondern ein unerbittlicher Politiker, dessen\nBuch voll ist von den schauerlichen Dokumenten der vergangenen Jahre.\n\nKameradenstimme\nDiese guten Worte sagt Charlot Strasser im Berner „Bund\" (Sonntagsblatt\nvom 16. September 1917): „Noch nie wie jetzt hat der Schaffende empfunden,\ndass die Stoffe sich aufdrängen, dass die Kunst nicht mehr frei ist, dass ein\nheiliges Gebot ihr die Aufgabe bedingt, im geistigen Kampfe einer tollen,\nrasenden, wahnwitzigen Welt Partei zu ergreifen. Dann etwa noch: Zeugnis\nund leidenschaftlichen Protest abzulegen für alle Zeiten gegen die offizielle\nGeschichtschreibung der Majoritäten, gegen die Generalstabsberichte, Regie-\nrungsfiktionen und Parlamentsschlagworte. Weit hinaus über die Kompromisse\nund Verrenkungen der starren und bestehenden Ordnung, die den einzelnen\nin den Krieg einordnen darf. Weit über die alles Geist sowie Leere, Diffe-\nrenzierung wie kulturlose Tierverwandtschaft menschlichen Wesens nivel-\nlierende Vergewaltigung hinaus treffen sich Empörung und bitteres Weh all\nderer, die dem Glauben an die sittliche, religiös läuternde Bestimmung der\nKunst, an gütiges Verstehen und Näherbringen der einzelnen Menschen unter-\neinander ihr Streben und Wirken geweiht haben. Ohne dieses Ziel ist dem\ngegenwärtig Schaffenden und Nachempfindenden keine neu werdende Literatur\nerträglich. Fast undenkbar sind ihm heute Aufgaben, die nicht aus dem ewig\nunverarbeitbaren Erlebnis der vergangenen Kriegsjahre zu gestalten suchen.\nUnwürdig Leistungen, die nicht Tendenz umwirken!\"\n\nHeue Wege.\n\nDer Krieg hat Gustav Landauers menschlich grosse Zeitschrift „Socialist\"\nbeseitigt. (Dies ging, ausser den Zwischenfällen des Schweigenmüssens wohl\nnicht ohne starke Enttäuschungen, Überraschungen, Lehren ab. Manche, die\njahrelang im „Socialist\" veröffentlichen durften, haben seit Beginn des\nKrieges ihren wilden Literatur-Nationalismus entdeckt; andere, die theoretisch\nabgelehnt wurden, haben sich als reine Menschen und als Zukünftige ent-\nhüllt. Im ganzen das Bild wie in jeder großen Krise einer Bewegung: Die\nKünstlerischen und Geschätzten waren Verräter; die Agitatorischen und Miß-\nachteten waren Menschen!) Seitdem ist, wie mir scheint, nur ein einziges\nBlatt da, das unzertreten vom Polizeistiefel, den wahren Aufgaben des mensch-\nlichen Geistes dient. Das sind die „Neuen Wege\", eine Monatsschrift, die im\nzwölften Jahrgang (bei R. G. Zbinden in Basel, Rheinsprung 5) erscheint.\nEin Mann hat mit den elf starken Jahresbänden dieser Zeitschrift einen\nBlock in die Welt gesetzt, um den sie nicht mit Lächeln, Schielen oder Ver-\ngewaltigung wird herum kommen. Dieser Mann heißt Leonhard Ragaz; wer\nsich nicht um Personales kümmert, sondern darum, was er aus der Lektüre"}, {"page_pdf": 57, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.57", "texte": "der Leistung sieht, erfährt, daß Ragaz früher Pfarrer war und heute Professor\nder Theologie an der Universität Zürich ist. Die Zeitschrift begann vor zwölf\nJahren als Organ der „Religiös-Sozialen\" (greuliches Wort), und sie scheint\nzuerst ein Tummelplatz jener hochmütigen Pfarrers- und Theologenbande\ngewesen zu sein, die jede populäre Maske anlegen, um das Volk wieder für\npatentierte Kirchenkonfessionen zu gewinnen, und die sofort ihr wahres\nBeamtengesicht zeigen, wenn es gilt, ernstlich die eigene, irgendwie gesagte\nÜberzeugung zu verwirklichen. (Übrigblieb aus dieser Zeit nur eine allzugroße\nGüte im Veröffentlichen aufgeblasen dilettantischer Gedichte, deren Verse sich\nnicht mit ihrer Rede identifizieren, also nicht körperlich werden, sondern nur\nsalbungsvolle Worte sagen.) Aber je deutlicher die moralische Krise der Welt\nwurde, um so mehr schieden die falschen Freunde, die Halben, die Müden aus.\nMit dem Weltkrieg wird gerechnet. Zu Neujahr 1913 schreibt Ragaz: „Wir\nstehen an einem Endel Das war einer der Eindrücke, den wir von dem\nFriedenskongreß in Basel empfingen. Hier kam also dieser Eindruck vom\npolitischen und sozialen Leben her. Zu Ende geht jene Politik, die, umgeben\nvom Glanz nationaler, ja sogar religiöser Ideale, tief in tierisches Wesen\nhineinführte, die einen Haufen von Berufspolitikern Völkerschicksale machen\nließ menschlich angesehen! ohne daß davon die Völker etwas Rechtes\nerfuhren oder dazu etwas Ernsthaftes zu sagen hatten. Diese Politik ist sicht-\nlich in Verwirrung geraten. Nicht nur ist sie durch den Gang der Weltereig-\nnisse beschämt worden, noch mehr Eindruck muß es auf sie machen, daß\ndie Völker anfangen, sich gegen sie aufzulehnen. Der Protest des inter-\nnationalen Sozialismus war nur der Ausdruck einer in der heutigen Welt\nweit verbreiteten Empfindung.\" (Seither weiß Ragaz, daß Leute, die einer\nweitverbreiteten Empfindung Ausdruck geben, sich im Ernstfalle um ihren Protest\nnicht mehr kümmern, sondern sofort zum Ausdruck einer andern weit verbrei-\nteten Empfindung greifen je nach der Verbreitung der aktuellen Empfindung.)\n„Das Proletariat, indem es durch seine Bildungsarbeit die bürgerliche Welt\nvollends besiegen will, kommt zuletzt bei dieser an, ja, es kommt sogar erst\ndann dort an, wenn jene schon wieder weiter ist. lch lch betone stark, daß\nes, heißt: Gesinnung, nicht Wissenschaft. Das war der Grundfehler der bis-\nherigen Arbeit, daß sie, im Schlepptau des allgemein-bürgerlichen Ideals, die\nArbeiterbildung vor allem in einer Mitteilung von Wissen suchte. Dieser\nFehler aber hing mit dem andern zusammen, daß der Sozialismus überhaupt\nviel zu sehr als eine Wissenschaft verstanden wurde. Gewiß ist er mit einem\nWissen verbunden. Das Wissen soll ihm dienen, ihm den Weg bahnen zu\nhelfen, ihm Werkzeug und Waffe sein, aber in erster Linie und letzten Endes\nist der Sozialismus, wie schon gesagt worden ist, ein Ziel des Willens, ein\nsittliches Ideal und ein sittlicher Glaube: er ist der Glaube an Recht und\nNotwendigkeit einer wahrhaft menschlichen und sittlichen Ordnung, die an\nStelle der Knechtung und Ausbeutung des Menschen die gegenseitige Hilfe im\nKampf um ein volles, echtes, freies Menschentum setzt, es ist der Wille,\ndieses Ziel zu verwirklichen und es ist die Gesinnung, die diesem Ziel ent-\nspricht und alles Tun eines rechten Sozialisten regelt. Wir kehren also"}, {"page_pdf": 58, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.58", "texte": "die sonst übliche Ordnung um: zuerst die Gesinnung, dann die Wissenschaft,\nDas ist von großer Bedeutung. Zweierlei folgt daraus. Erstens: wir werden\nvom Dogmatismus erlöst, der unsere ganze Bewegung verheert. Denn wenn\nman den Sozialismus vor allem in einer Wissenschaft erblickt, dann legt man\nsich leicht auf eine bestimmte Wissenschaft fest. Man erhebt bestimmte\nSätze zu Dogmen, man bekommt eben eine Orthodoxie, eine Kirche des\nSozialismus mit allem Zubehör, man schließt sich von dem Strom der geistigen\nEntwicklung ab und vergeht sich in innerem Krieg und Kampf gegen die\nKetzer. Natürlich: Wenn das die Wahrheit des Sozialismus ist, eine bestimmte\nWissenschaft, dann wäre ja man verloren, falls diese Wissenschaft nichts mehr\ngälte, und muß sie verteidigen bis aufs Blut. Anders aber, wenn der Sozia-\nlismus vor allem eine Gesinnung ist, ein Willensziel, ein sittlicher Glaube. Dann\nist man seiner auf alle Fälle gewiß, mag die Wissenschaft noch so sehr hin\nund her schwanken. Er ist so gewiß, wie es gewiß ist, daß der Mensch ist\nund als Mensch nicht aufhören kann, nach einer Verwirklichung vollen Men-\nschentums zu streben: er ist so gewiß als der Glaube an das Gute ist, nicht\ngewisser, aber ebenso gewiß, das heißt: gerade gewiß genug für den streben-\nden und kämpfenden Menschen.\" (Februar 1916. Und als Vortrag vor Ar-\nbeitern gehalten. Wo hat man zu denen schon so gesprochen?)— Der kühne\nund unbekümmerte Mitherausgeber der Zeitschrift, J. Matthieu, geht auf\ndieses selbe Ziel mit den Denkwaffen des antiautoritären Sozialismus zu.\nVerwirklichung der zwangfreien, menschlichsten Gemeinschaft auf Erden\nnach den Forderungen des Menschen, der sich zum Unbedingten bekennt.\nDie Worte dieser Männer und ihrer Freunde und Schüler (E. Brunner,\nausgezeichnet durch Umfang und Ernst) stehen alle da als völlig selbstver-\nständlich; sie sind undoktrinär, und gar nicht von der Farbe des eiligen\nNeulings. Hinter jedem Satze der Matthieu und Ragaz sieht man tiefe Per-\nspektiven von Wissen, das diese Männer nur ganz haben aufgehen lassen in\nReinheit und Ziel.\n\nL. R.\n\nDie Zeitschrift ist lceine oioliophileg sondern eine moralische Angelegenheit. -—-\nNicht aufgenommen werden Wert-e irgend «einer llnterhultungsdosichk « beschrei-\noende Zeichnungem Gedicht-Z, Not-eilen und Betrachtungen, die allein der Er—\nicliirung und der Bildung dienen. Zur Veröffentlichung zugelassen sind nur\n» u fordernde Formulierungen von europdischer Gesinnung. -\nMPO Für den Inhalt verantwortlich: Bad-»; End-her\nZeit-Echo vektag Bente1iA.-G., Biimptikgekn um: Leipzig\nDruck Von Gen-elf LLHJZ Bümpljz"}, {"page_pdf": 59, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.59", "texte": "VERZEICHNIS:\nLudwig Rubiner:t Die neue Schaf Seite 1\nLeo Tolstoj: Der Fremde und der\nBauer . . . . . * . . . . „ 13\nIwan Göll: Menschenleben . . . „ 20\nAlfred Wolfenstein: Zum ewigen\nGedächtnis - „ 22\nLeonhard Frank: Das Liebespaar „ 24\nGustav Schulz: Morgen öder schon\nheute . , . . . . . . . . . „ 42\nHan Kelso: Das magische Waren-\nhaus . . . . . . , . . . „ 45\nM ensehen / Bücher / Zeitschriften. Iwan\nGöll. Theodor Tagger. Frans Masereel. Dokumente ides\nIrrsinns. Schweizer.\n\n«Øn-F Øejkszssz CcHoMPOj VIFFYOHSZZZZ«(Æaf5Zz1dz2;IiFo5.\n— Des-»wes· koste! 50 Øjeymysy chclezssc»c·7gyzfirkjes, TUfekieIZsz «\njasysdfzonyzemeni fö Kamme-m) cis-X LFC oxlezs Was-Es»\nS« v öesfeÆen day-G Umffe ØUcÆÆcknzZf»i:«yen ad» des:"}, {"page_pdf": 60, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabb191708-01.1.60", "texte": "INHÄLT DES MAIHEFTES:\nORGAN / NEUER INHALT\nEUROPÄISCHE GESELLSCHAFT / MITMENSCH\nMENSCHEN / BUCHER / ZEITSCHRIFTEN\n(s[fe Mufsäize vom {Herausgeber j\n\nINHALT DES JUNIHEFTES:\nLUDWIG RUBINER: NACH FRIEDENSSCHLUSS\nTOLSTOJANERBRIEFE: REVOLUTIONSTAGE\nIN RUSSLAND\nALBERT EHRENSTEIN: MENSCHLICHKEIT\nMENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\nBasis-Hyg- ÄsØcZZIZJY M, Gfcid zasöfn ei«\n\nINHALT DES JULI HEFTES:\nHANS SIEMSEN: WARTET NICHT LÄNGER\nTHEODOR TAGGER: DAS GEISTIGE GESCHLECHT\nv . ; ' ' . ■ , ' ' ; . ■ - ' i ■ \\ . - '\nFRANZ PFEMFERT: ES IST NICHTS GESCHEHEN\nCLAIRE STUDER: DIE STUNDE DER FRAUEN\nOTTO FREUNDLICH: DER BAU\nEUGEN LEWIN-DORSCH: DER HERR DER NATUR\nMENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN\nfffossen von Budwrg Hubiner"}]}