{"numero_id": "bm-bmtnabf-1899-06-01", "volume": "bmtnabf_1899-06_01", "ocr_sha256": "cb439cf2d10faab99da63cd0b77eb3fa323afbfee1436595b9f6c5106913b8ca", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabf/issues/1899/06_01/bmtnabf_1899-06_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabf/issues/1899/06_01/bmtnabf_1899-06_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabf-1899-06-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-06_01#c001", "volume": "bmtnabf_1899-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.2.1", "titre_corps": "INHALT", "titre_sommaire": "INHALT", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 509, "texte": "INHALT.\nSEITE\nIM INNERN. VON MAURICE MAETERLINCK 3\nWAS FANGEN WIR MIT DEN ANDERN AN?\nVON WILHELM SCHÄFER J3\nCONRAD FERDINAND MEYER f. VON PAUL\nWERTHEIMER 19\nL1KA. EINE KÜNSTLER-ODYSSEE. VON PAUL\nSCHEERBART 21\nMITTHEILUNGEN DER VEREINIGUNG BILDEN-\nDER KÜNSTLER ÖSTERREICHS 32\nBILDER UND STUDIEN VON JOHANN V. KRÄMER.\nZEICHNUNGEN VON RUDOLF JETTMAR.\nREDAKTION DES KÜNSTLERISCHEN THEILES:\nFRIEDRICH KÖNIG. KOLOMAN MOSER.\nJOSEPH M. OLBRICH. 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Im Hintergründe ein\nHaus; die Fenster des Erdgeschosses sind erleuchtet* Man ge-\nwahrt im Innern eine Familie, die bei der Lampe aufsitzt. Der\nVater sitzt nahe am Ofen. Die Mutter stützt einen Arm auf\nden Tisch und starrt in*s Leere* Zwei junge Mädchen in\nweissen Kleidern sticken, träumen und lächeln in der Ruhe\ndes Zimmers* Ein Kind schläft, das Köpfchen unter dem\nlinken Arm der Mutter. Wenn eines der Familien-Mitglieder\naufsteht, so scheinen seine Bewegungen, Schritte und Ge-\nbärden etwas Ernstes, Langsames, Sonderbares an sich zu\nhaben und durch die Entfernung, das Licht und den unbe-\nstimmten Schleier der Scheiben wie vergeistigt*\nDer Alte und der Fremd'e treten behutsam in den Garten*\nDER ALTE: Dies ist der Theil des Gartens,\nder nach hinten heraus liegt* Sie kommen nie hier-\nher* Die Thüren gehen nach der andern Seite*\nSie sind geschlossen und die Läden sind vorgelegt*\nAber auf dieser Seite sind keine Läden, und ich\nhabe Licht gesehen * * ♦ Ja, sie sind noch auf; sie\nsitzen bei der Lampe* Es ist ein Glück, dass sie\nuns nicht gesehen haben; die Mutter und die Mäd-\nchen wären vielleicht heraus gekommen und\nwas hätte man dann machen sollen?\nDER FREMDE: Ja, was sollen wir überhaupt\nmachen?\nDER ALTE: Ich möchte erst einmal sehen,\nob sie alle im Zimmer sind* Ja, der Vater ist da;\ner sitzt nahe beim Ofen* Er wartet, die Hände\nauFs Knie gestützt ♦ ♦ ♦ Die Mutter lehnt sich auf\nden Tisch*\nDER FREMDE: Sie blickt her*\nDER ALTE: Nein, sie weiss nicht, was sie\nsieht; ihre Augen starren in's Leere* Sie kann\nuns nicht erkennen; wir sind im Schatten der\ngrossen Bäume* Aber geht nicht näher heran * * *\nDie zwei Schwestern der Todten sind auch im\nZimmer. Sie sticken langsam; und das Kleine ist\neingeschlafen. Die Wanduhr in der Ecke zeigt\nneun Uhr ... Sie ahnen nichts und sprechen nicht.\nDER FREMDE: Könnte man nicht die Auf-\nmerksamkeit des Vaters auf sich lenken und ihm\nein Zeichen machen? Wollt Ihr, dass ich an das\nFenster klopfe? Es wäre doch gut, wenn einer\nvon ihnen es vor den Anderen erführe . . .\nDER ALTE: Aber wer? Wir müssen sehr\nvorsichtig sein ... Der Vater ist alt und kränk-\nlich . . . Die Mutter auch; und die Schwestern\nsind zu jung . , . Und alle liebten sie so, wie man\nnie mehr lieben wird ... Ich habe nie ein glück-\nlicheres Haus gesehen .. . Nein, nein, geht nicht\nzu nahe an's Fenster; das wäre schlimmer als\nalles ♦ ♦ ♦ Man muss es ihnen so unauffällig bei-\nbringen, wie möglich, wie ein ganz gewöhnliches\nEreigniss, und nicht zu traurig dreinschau'n; sonst\nmöchte ihr Schmerz den Euren übertreffen wollen\nund sich nicht mehr zu fassen wissen* wollen\näuf die andre Seite des Gartens gehen* wollen\nan die Thür klopfen und eintreten, als ob nichts\ngeschehen wäre* Ich werde zuerst hinein gehen;\nsie werden sich nicht wundern, mich zu sehen; ich\nkomme öfter des Abends zu ihnen, um ihnen Blu-\nmen und Früchte zu bringen und ein paar Stünd-\nchen mit ihnen zu verplaudern*\nDER FREMDE: Warum soll ich überhaupt\nmit hinein kommen? Geht allein; ich werde warten,\nbis ich gerufen werde ** * Sie haben mich nie\ngesehen * ♦ ♦ Ich bin nur ein ich bin\nein Fremder ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Es ist besser, ich gehe nicht alleine*\nEin Unglück, das man nicht allein bringt, ist nicht\nso schlimm und macht nicht solchen Eindruck * * *\nIch dachte daran, als wir hergingen ♦♦ ♦ Wenn\nich allein zu ihnen gehe, muss ich vom ersten\nAugenblick an reden* Sie wissen dann alles nach\nden ersten Worten und ich habe nachher nichts\nmehr zu sagen ** * Und ich fürchte mich so vor\ndem Schweigen nach den letzten Worten, die eine\nUnglücksbotschaft verkünden * * * Das kann einem\ndas Herz brechen ** « W^enn wir aber zusammen\nhineingehen, sage ich zum Beispiel nach langen\nUmschweifen: Man hat sie so und so gefunden * * *\nSie schwamm auf dem und ihre Hände\nwaren gefaltet * * *\nDER FREMDE: Ihre Hände waren nicht ge-\nfaltet; ihre Arme hingen schlaff am Körper herunter*\nDER ALTE: Da seht Ihr, wie man mehr spricht,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4543, "texte": "als man will ♦ ♦ ♦ Und das Unglück verliert sich\nin Einzelheiten ♦ ♦ ♦ Wenn ich aber allein komme\n♦ * * gleich bei den ersten Worten * ♦ ♦ so wie. ich sie\nkenne ♦ ♦ ♦ das wäre zu schrecklich! Gott weiss,\nwas geschehen würde ♦ ♦ ♦ Wenn wir aber abwech-\nselnd sprechen, hören sie, was wir sagen, und ver-\ngessen darüber, der schlimmen Botschaft in's Gesicht\nzu sehen * * * Bedenkt, dass die Mutter dabei ist,\nund dass ihr Leben an so wenig hängt * * * Es ist\ngut, wenn die erste Woge sich an ein paar unnützen\nWorten bricht ♦ ♦ ♦ Man muss in Gegenwart von\nUnglücklichen sprechen und sie nicht allein\nlassen* Der gleichgiltigste Mensch nimmt ihnen\netwas von ihrem Schmerze ab, ohne es zu wissen * ♦ ♦\nAuf diese Weise vertheilt er sich ohne viel Lärm,\nohne Mühe, wie Luft und Licht ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Eure Kleider sind nass und\ntropfen auf die Steine*\nDER ALTE: Es ist nur der Saum meines Man-\ntels nass geworden * ♦ ♦ Ihr scheint zu frieren* Auf\nEurer Brust ist Erde ♦ ♦ ♦ Ich hatte das auf der\nStrasse nicht bemerkt; es war so dunkel * * ♦\nDER FREMDE: Ich bin bis an die Hüften\nin's Wasser gegangen*\nDER ALTE: Hattet Ihr sie schon lange ge-\nfunden, als ich dazu kam?\nDER FREMDE: Kaum ein paar Augenblicke*\nIch ging auf das Dorf zu; es war schon spät und\ndunkelte am Ufer* Ich hatte die Augen auf den\nFluss geheftet, denn es war dort heller als auf dem\nWege; da plötzlich sah ich etwas Sonderbares,\nzwei Schritt von einem Schilfbüschel ♦ ♦ ♦ Ich gehe\ndarauf zu und sehe ihr Haar, das sich über dem\nKopfe fast kreisförmig vertheilt hatte und im Wir-\nbel des Flusses sich drehte * * *\n(Die beiden jungen Mädchen im Zimmer wenden den\nKopf nach dem Fenster*)\nDER ALTE: Saht Ihr, wie das Haar auf den\nSchultern ihrer Schwestern zitterte?\nDER FREMDE: Sie haben den Kopf hierher\ngedreht * * * Sie haben einfach den Kopf gedreht*\nIch habe vielleicht zu laut gesprochen* (Die jungen\nMädchen nehmen die alte Haltung wieder ein*) Aber schon\nsehen sie nicht mehr her * * * Ich bin bis an den\nGürtel in's Wasser gegangen, und habe sie bei der\nHand genommen und ohne Mühe an's Ufer ge-\nzogen * * * Sie war so schön, wie ihre Schwestern * * *\nDER ALTE: Sie war vielleicht noch schöner * * ♦\nIch weiss nicht, ich habe allen Muth verloren * * *\nDER FREMDE: Welchen Muth meint Ihr?\nWir haben doch alles gethan, was ein Mensch\nthun konnte ♦♦ ♦ Sie war seit mehr als einer\nStunde todt♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Und lebte doch noch diesen Mor-\ngen! Ich begegnete ihr, als sie aus der Kirche\nkam ♦♦ ♦ Sie sagte mir, sie ginge fort; sie\nwollte zu ihrer Grossmutter auf der andern Seite\ndes Flusses, an dem Ihr sie gefunden habt* Sie\nwusste nicht, wann ich sie Wiedersehen würde * * *\nSie muss im Begriff gewesen sein, mir etwas zu\nsagen; dann aber hat sie es nicht gewagt und\nhat mich plötzlich stehen lassen* Aber nun denke\nich daran* Und ich hatte doch nichts gesehen!\nSie lächelte, wie man lächelt, wenn man schweigen\nwill, oder wenn man fürchtet, nicht verstanden zu\nwerden ♦♦ ♦ Sie schien kaum noch zu hoffen ♦♦ ♦\nIhre Augen waren nicht klar und blickten an mir\nvorbei * ♦ ♦\nDER FREMDE: Die Bauern sagten mir, sie\nhätten sie bis zum Abend am Ufer herumirren\nsehen ** * Sie glaubten, sie suchte Blumen ** *\nVielleicht war ihr Tod * * ♦\nDER ALTE: Das weiss man nicht ** ♦ Und\nwas weiss man denn überhaupt! Sie gehörte viel-\nleicht zu Denen, die nichts sagen wollen, und jeder\nträgt in seiner Brust mehr als einen Grund, nicht\nmehr zu leben * * * Man sieht in die Seelen nicht\nhinein, wie man in dieses Zimmer sieht* Sie sind\nalle so ♦♦ ♦ Sie reden von oberflächlichen Dingen,\nund niemand ahnt etwas ** * Man lebt Monate\nlang mit Einem, der nicht mehr zu dieser Welt\ngehört, und dessen Seele sich nicht mehr herab-\nneigen kann; man spricht mit ihm, ohne daran\nzu denken: und Ihr seht, was dann die Folge ist*\nSie sehen aus wie leblose Puppen, und in ihrer\nSeele geht doch so viel vor ♦♦ ♦ Sie wissen selbst\nnicht, was sie sind ** * Sie hätte gelebt, wie die\nandern alle ♦♦ ♦ Sie hätte bis zu ihrem Tode ge-\nsagt: „Mein Herr, es wird heute Vormittag reg-\nnen”, oder: „Wir wollen frühstücken; wir werden\nheute dreizehn bei Tische sein”, oder auch: „Das\nObst ist noch nicht reif”* Sie sprechen lächelnd\nvon den abgefallenen Blüthen und weinen im\nDunkeln * ♦ *• Selbst ein Engel könnte nicht sehen,\nwas man sehen muss; und der Mensch begreift\nerst, wenn es zu spät ist ** * Gestern Abend sass\nsie da bei der Lampe, wie ihre Schwestern, und\nIhr würdet sie nicht sehen, wie man sie sehen muss,\nwenn Das nicht geschehen wäre* Es muss zum\ngewöhnlichen Leben etwas hinzu treten, damit man"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3851, "texte": "es verstehen lernt ♦ ♦ ♦ Sie sind Tag und Nacht\num Euch, und Ihr seht sie doch erst in dem Augen-\nblicke, wo sie für immer Abschied nehmen ♦ ♦ ♦\nUnd welche seltsame kleine Seele musste sie doch\nhaben; welche arme, unerschöpfliche und unschul-\ndige kleine Seele hat sie gehabt, mein Sohn, wenn\nsie gesagt hat, was sie gesagt haben muss, wenn\nsie gethan hat, was sie gethan haben muss! ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Eben lächeln sie still in der\nStube ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Sie sind ruhig * ♦ ♦ Sie erwarteten\nsie heute Abend nicht mehr ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Sie lächeln, ohne sich zu\nrühren ♦ ♦ ♦ Aber nein! der Vater legt den Finger\nauf den Mund*\nDER ALTE: Es ist wegen des Kindes, das\nam Herzen der Mutter eingeschlafen ist ♦ ♦ *\nDER FREMDE: Sie wagt sich nicht aufzu-\nrichten, um es nicht im Schlafe zu stören ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Sie arbeiten nicht mehr ♦ ♦ ♦ Es\nist sehr still ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Sie haben eine Strähne weisse\nSeide fallen lassen ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Sie blicken das Kind an * ♦ ♦\nDER FREMDE: Sie wissen nicht, dass andre\nsie beobachten ♦ ♦ *\nDER ALTE: Jetzt blicken sie auch hierher ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Sie blicken auf ♦ ♦ *\nDER ALTE: Und doch können sie nichts\nsehen ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Sie scheinen glücklich, und\ndoch weiss man nicht, was vorgeht ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Sie wähnen sich sicher* Sie haben\ndie Thüren fest zugemacht, und die Fenster haben\neiserne Riegel * * * Sie haben die Wände des alten\nHauses ausgebessert; sie haben die Eichenholzthüren\nmit Eisen beschlagen ♦ ♦ ♦ Sie haben alles vorge-\nsehen, was sich vorsehen lässt ♦ • ♦\nDER FREMDE: Man muss es ihnen doch end-\nlich sagen* Es könnte sonst einer kommen und es\nihnen unvermittelt mittheilen * * * Es war eine\nMenge von Bauern auf der Wiese, wo die Todte\nlag ♦ ♦ ♦ Wenn einer von ihnen an die Thür\nklopfte * * ♦\nDER ALTE: Marie und Martha sind bei der\nkleinen Todten* Die Bauern haben eine Trag-\nbahre aus Aesten gemacht, und ich habe der Aeltes-\nten gesagt, sie solle uns sofort benachrichtigen, wenn\nsie sich in Marsch setzen* Warten wir so lange,\nbis sie kommt; sie soll mich begleiten ** * Wir\nhätten ihnen nicht so Zusehen sollen * ♦ * Ich glaubte,\nich hätte nur anzuklopfen, einzutreten, ein paar\nRedensarten zu machen und zu sagen ♦♦ ♦ Aber\nich habe ihnen zu lange zugesehen, wie sie bei\nihrer Lampe sitzen ** * (Marie kommt,)\nMARIE: Grossvater, sie kommen*\nDER ALTE: Bist Du's? Wo sind sie?\nMARIE: Sie sind am Saume der letzten Hügel*\nDER ALTE: Werden sie auch ohne Lärm\nkommen ?\nMARIE: Ich habe ihnen gesagt, sie sollten\nmit gedämpfter Stimme beten* Martha ist bei\nihnen ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Sind's viele?\nMARIE: Das ganze Dorf ist auf den Beinen*\nSie hatten Lichter mit* Ich habe ihnen aber ge-\nsagt, sie sollten sie ausmachen * * ♦\nDER ALTE: Von welcher Seite kommen sie?\nMARIE: Sie kommen auf dem Fusspfad* Sie\ngehen langsam * * ♦\nDER ALTE: Es ist Zeit*\nMARIE: Habt Ihr's noch nicht gesagt, Gross-\nvater?\nDER ALTE: Wie Du siehst, haben wir noch\nnichts gesagt ♦ ♦ ♦ Sie warten noch bei der Lampe*\nBück' hin, mein Kind, blick' hin; da siehst Du,\nwas Leben ist * * *\nMARIE: Oh, wie ruhig sie sind! ** ♦ Man\nmöchte sagen, sie träumen * * *\nDER FREMDE: Vorsichtig! Ich habe die\nbeiden Schwestern zittern sehen * * *\nDER ALTE: Sie stehen auf * * ♦\nDER FREMDE: Ich glaube, sie gehen an's\nFenster * * ♦\n(Die eine der Schwestern, von denen die Rede ist, tritt\nsoeben an das erste Fenster, die andere an das dritte; sie\nlegen zu gleicher Zeit die Hände gegen die Scheiben und\nstarren lange in's Dunkel*)\nDER ALTE: Niemand tritt an's Mittelfenster*\nMARIE: Sie blicken hierher * * * Sie horchen*\nDER ALTE: Die ältere lächelt, denn sie weiss\nnicht, was sie sieht*\nDER FREMDE: Und die Augen der zweiten\nsind voller Angst * * *\nDER ALTE: Vorsicht! man weiss nicht, wie\nnahe die Seele um die Menschen ist * * *\n(Langes Schweigen, Marie birgt sich an der Brust des\nAlten und umarmt ihn*)\nMARIE: Grossvater! ♦ ♦ ♦"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4293, "texte": "DER ALTE: Weine nicht, mein Kind ♦♦ ♦\nWir kommen auch an die Reihe ♦♦ ♦ (Schweigern)\nDER FREMDE: Sie blicken lange herüber ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Und wenn sie hunderttausend\nJahre herblickten, sie erkennten doch nichts, die ar-\nmen Seelen ♦ ♦ ♦ Die Nacht ist zu dunkel ♦ ♦ ♦ Sie\nblicken hierher, und von dort kommt das Unglück*\nDER FREMDE: Es ist ein Glück, dass sie\nhierher sehen * ♦ ♦ Ich weiss nicht, was da von den\nWiesen herfcommt ♦ ♦ ♦\nMARIE: Ich glaube, es ist die Menge ♦ ♦ * Sie\nsind noch fern, so fern, dass man sie kaum unter-\nscheidet ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Sie folgen den Windungen\ndes Pfades ♦* ♦ Jetzt tauchen sie an einem Rain\nauf, der im Mondschein liegt ♦ ♦ ♦\nMARIE: Oh, es scheinen viele zu sein * ♦ ♦\nSie strömten schon aus der Vorstadt zusammen, als\nich herfcam* Sie machen einen grossen Umweg* *♦ ♦\nDER ALTE: Und werden trotzdem ankommen.\nIch sehe sie auch schon* Sie bewegen sich durch\ndie Wiesen ** * Sie scheinen so klein, dass man\nsie zwischen den Gräsern kaum wahrnimmt * * ♦\nEs sieht aus, als ob Kinder im Mondschein spiel-\nten; und wenn Die da sie sähen, würden sie nicht\nbegreifen ** * Aber umsonst drehen sie ihnen den\nRücken zu; mit jedem Schritte, den sie machen,\nkommen sie näher, und das Unglück wächst seit\nmehr als zwei Stunden* Sie können es nicht\nhemmen, und Die, welche es bringen, können es\nnicht abwenden * * ♦ Es ist ihr Herr und sie müssen\nihm dienen ♦ ♦ ♦ Es kennt sein Ziel und geht seinen\nWeg ** * Es ist unermüdlich und hat nur Einen\nGedanken * * . Sie müssen ihm ihre Kräfte leihen*\nSie sind betrübt, aber sie müssen kommen * * * Sie\nhaben Mitleid, aber sie dürfen nicht Halt machen*\nMARIE: Die Aeltere lächelt nicht mehr, Gross-\nvater * * *\nDER FREMDE: Sie gehen vom Fenster weg*\nMARIE: Und umarmen ihre Mutter ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Die Aeltere streicht dem\nKinde über die Locken; es wacht aber nicht auf*\nMARIE: Sieh nur! der Vater will auch um-\narmt sein ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Jetzt ist alles still*\nMARIE: Sie setzen sich wieder neben die\nMutter * * *\nDER FREMDE: Und der Vater folgt dem\ngrossen Pendel der Wanduhr mit den Augen ♦ ♦ ♦\nMARIE: Man möchte sagen, sie leben, ohne\nzu wissen, was sie thun * * *\nDER FREMDE: Man möchte sagen, sie lau-\nschen ihrer Seele ** * (Schweigen.)\nMARIE: Grossvater, sag' es heute Abend\nnicht! . * *\nDER ALTE: Du siehst, mein Kind, du ver-\nlierst den Muth auch* lch wusste wohl, man\ndurfte nicht Zusehen ♦♦ ♦ Ich bin fast dreiund-\nachtzig Jahre, und doch hat mich der Anblick des\nLebens noch nie so erschüttert* Ich weiss nicht,\nwarum Alles, was sie thun, mir so seltsam und\nernst vorkommt ** * Sie sitzen bei ihrer Lampe,\nbis es Nacht wird, wie wir sie bei der unseren\nherangewacht hätten; und doch ist mir, als sähe\nich von einer anderen Welt auf sie herab, weil\nich eine kleine Wahrheit weiss, die sie noch nicht\nwissen ** * Ist es diess, meine Kinder? Sagt mir\ndoch, warum auch Ihr so bleich seid? Oder ist\nes etwas andres, was sich nicht sagen lässt und\nweswegen wir weinen? Ich wusste nicht, dass das\nLeben so traurig sein könnte, und dass es so furcht-\nbar ist, ihm zuzusehen* Es hätte nichts geschehen\nkönnen, dass ich so fürchtete, sie so ruhig zu\nsehen ♦♦ ♦ Sie haben zu viel Vertrauen zu dieser\nWelt ♦♦ ♦ Sie sitzen da und sind nur durch arme\nFenster vom Leide getrennt ♦ ♦ ♦ Sie glauben, dass\nnichts geschehen wird, weil sie die Thür ver-\nschlossen halten und nicht wissen, dass in den\nSeelen immer etwas geschieht, und dass die Welt\nan den Hausthüren nicht zu Ende ist ♦ ♦ ♦ Sie\nsind ihres kleinen Lebens so sicher; sie ahnen\nnicht, dass tausend Andre mehr davon wissen, und\ndass ich armer alter Mann hier zwei Schritte vor\nihrer Thür stehe und ihr ganzes kleines Glück in\nmeinen alten Händen halte, wie ein krankes Vö-\ngelchen, und sie nicht aufzumachen wage ♦ ♦ ♦\nMARIE: Grossvater, habe Mitleid * * *\nDER ALTE: Wir haben ja Mitleid mit ihnen,\nmein Kind; aber mit uns hat man kein Mitleid*\nMARIE: Sag's erst morgen, Grossvater* Sag's,\nwenn's hell ist, und sie werden nicht so traurig sein*\nDER ALTE: Da hast du vielleicht recht,\nmein Kind ♦♦ ♦ Es wäre besser, man unterliesse\ndies Alles bei Nacht* Und das Licht lindert auch\nden Schmerz Aber was würden sie morgen sagen?\nDas Unglück macht eifersüchtig, und Die, welche\nes trifft, wollen vor den Fremden davon wissen*\nSie mögen es nicht, wenn man es in den Händen"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4179, "texte": "von Unbekannten lässt* Es sähe dann aus, als\nhätte man ihnen etwas vorenthalten wollen * * *\nDER FREMDE: Es ist auch gar keine Zeit\nmehr; ich höre das Murmeln der Menge schon ♦ ♦ ♦\nMARIE: Sie sind da ♦ ♦ ♦ Eben gehen sie an\nder Hecke vorüber * * * (Martha kommt.)\nMARTHA: Da bin ich* Ich habe sie bis\nhierher gebracht* Ich habe sie gehiessen, auf der\nStrasse ZU warten* (Man hört Kindergeschrci.) Weh!\nDie Kinder schreien noch* Ich hatte ihnen doch\nverboten, mitzukommen ♦ ♦ ♦ Aber sie wollten auch\nZusehen, und die Mütter gaben ihnen nach * * * Ich\nwill ihnen sagen * * * Nein, sie sind schon ruhig*\nlst hier alles so weit? lch habe den kleinen\nRing mitgebracht, den man an ihr fand ♦ ♦ ♦ Ich\nhabe auch etwas Obst für das Kind ♦ ♦ ♦ Ich habe\nsie selbst auf die Bahre gelegt* Sie sieht aus, als\nob sie schliefe ♦ ♦ ♦ Ich habe viel Mühe gehabt;\nihr Haar war widerspänstig ♦ ♦ ♦ Ich habe auch\nFeldblumen pflücken lassen* Schade, dass keine\nbesseren da waren ♦ ♦ ♦ Aber was treibt Ihr denn\nhier? Warum seid Ihr nicht bei ihnen? ♦ ♦ ♦ (Sie\nblickt nach dem Fenster.)' Sie weinen nicht? Sie * * *\nIhr habPs wohl nicht gesagt? ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Martha, Martha, es ist zu viel\nLeben in Deiner Seele* Du kannst nicht ver-\nstehen ♦ ♦ ♦\nMARTHA: Warum soll ich nicht verstehen?\n(Sie schweigt lange, dann in vorwurfsvollem Tone.)\nGrossvater, Ihr habt es nicht über's Herz gebracht*\nDER ALTE: Martha, Du weisst nicht * * *\nMARTHA: Ich will es ihnen sagen*\nDER ALTE: Bleib hier, mein Kind; schau\neinen Augenblick dorthin*\nMARTHA: Oh, wie unglücklich sind sie!\nSie können nicht mehr warten ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Warum nicht?\nMARTHA: Ich weiss nicht, aber es geht\nnicht * * *\nDER ALTE: Komm hierher, mein Kind * * .\nMARTHA: Wie geduldig sie sind ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Komm hierher, mein Kind ♦ ♦ ♦\nMARTHA: (sich umdrehend.) Wo seid Ihr,\nGrossvater? Ich bin so unglücklich, dass ich Euch\nnicht mehr sehe ♦ ♦ ♦ Ich weiss auch nicht mehr,\nwo ein und aus ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Sieh nicht mehr hin, bis sie Alles\nwissen * * *\nMARTHA: Ich will mit Euch hineingehen*\nDER ALTE: Nein, Martha, bleib hier * * *\nSetz dich zu deiner Schwester, dort auf die alte\nSteinbanfc, g-egfen die Mauer, und sieh nicht hin.\nDu bist zu jung, du könntest nicht vergessen . . .\nDu kannst nicht wissen, was ein Gesicht in dem\nAugenblick spricht, wo der Tod darüber hinweg\ngeht . . . Vielleicht werden sie jammern . . . Dreh\ndich nicht um ... Vielleicht wird nichts zu sehen\nsein ... Vor allem dreh dich nicht um, wenn\ndu nichts hörst .. . Man kann nicht im Voraus\nwissen, welchen Weg der Schmerz nehmen wird ...\nEin kurzes Schluchzen aus tiefen Quellen und\ndamit ist gewöhnlich alles vorbei .. . Ich weiss\nselbst nicht, was ich thun werde, wenn ich es\nhöre .. . Das hat mit diesem Leben nichts mehr\nzu thun ... Umarme mich noch einmal, eh* ich\ngehe, mein Kind . . .\n(Das Murmeln ist immer näher gekommen. Ein Theil\nder Menge dringt in den Garten. Man hört dumpfe Schritte\nund halblautes Sprechen*)\nDER FREMDE: (zu den Leuten.) Bleibt da ...\nKommt nicht näher an's Fenster ... Wo ist sie?\nEINER AUS DER MENGE: Wer?\nDFR SFT RF Dfk Andem * ‘ ‘die •• •\nSie kommen in der Allee, die\nzum Thore führt . . ,\n_ „ (^er Alte geht. Marie und Martha setzen sich mit dem\nRucken gegen das Fenster auf die Steinbanfc nieder. Ge-\nmurmel in der Menge*)\nDER FREMDE: Pst! nicht sprechen!\n(Die ältere Schwester steht auf und will den Riegel\nvorschieben.) &\nMARTHA: Sie öffnet?\nDER FREMDE: Im Gegentheil, sie macht\nZU* (Schweigen.)\nMARTHA: Ist Grossvater noch nicht herein?\nDER FREMDE: Flein ♦ ♦ ♦ Sie setzt sich wieder\nneben die Mutter ** ♦ Die Anderen rühren sich\nnicht, und das Kind schläft nach wie vor* (Schweigen.)\nMARTHA: Schwesterchen, gieb mir deine\nHand * * *\nMARIE: Martha ** * (Sie umschlingen sich und\ngeben sich einen Kuss.)\nDER FREMDE: Er muss geklopft haben * ♦ .\nSie haben alle zugleich aufgeblickt ** * Sie sehen\nsich an * ♦ ♦\nMARTHA * Oh, mein armes, armes Schwester-\nchen ** * Ich muss auch weinen ♦♦ ♦\n(Sie verbirgt ihr Gesicht am Busen der Schwester.')\nDER FREMDE: Er muss noch klopfen ** *\nDer Vater sieht nach der Thür ** * Er steht auf ** *\nMARTHA: Schwester, Schwester, ich will auch\nhinein * * « Sie dürfen nicht mehr allein bleiben * * *"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3582, "texte": "MARIE: Martha, Martha! (Sie hält sie zurück*)\nDER FREMDE: Der Vater geht an die Thür*\nEr schiebt den Riegel zurück ♦♦ ♦ Er öffnet vor-\nsichtig ♦ ♦ ♦\nMARTHA: Oh, seht * ♦ * da * ♦ ♦\nDER FREMDE: Was denn?\nMARTHA: Was sie tragen ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Er macht kaum auf ♦ ♦ ♦ Ich\nsehe nur ein kleines Stück vom Rasenplatz und\nden Wasserstrahl des Springbrunnens ♦♦ ♦ Er lässt\ndie Thür nicht aus der Hand ♦♦ ♦ Er tritt ein\nwenig zurück ♦ ♦ ♦ Es sieht aus, als sagte er: „Ach,\nIhr seid es!” ♦* ♦ Er hebt die Arme zum Will-\nkommen ♦ ♦ ♦ Er schliesst die Thür wieder sorglich*\nEuer Grossvater ist im Zimmer ♦ ♦ ♦\n(Die Menge hat sich bis an die Fenster herangedrängt.\nMarie und Martha stehen halb auf und treten dann eng um-\nschlungen, an*s Fenster* Man sieht den Alten näher treten*\nDie beiden Schwestern der Todten stehen auf, die Mutter\nebenfalls, nachdem sie das Kind behutsam in den Sessel\nniedergelassen hat, von dem sie aufgestanden ist, so dass\nman von draussen das Kleine mit leicht geneigtem Köpfchen\nim Mittelpunkt der Scene sieht* Die Mutter geht dem Alten\nentgegen und reicht ihm die Hand, zieht sie aber zurück,\nehe er sie hat drücken können* Das eine Mädchen will dem\nBesuch seinen Mantel abnehmen, das andere schiebt ihm\neinen Lehnstuhl hin* Der Alte lehnt mit leichter Bewegung\nab. Der Vater lächelt erstaunt. Der Alte blickt nach den\nFenstern*)\nDER FREMDE: Er wagt es nicht zu sagen*\nEr hat hergesehen ♦ * *\n(Gemurmel in der Menge.)\nDER FREMDE: Pst!\n(Der Alte wendet den Kopf un-\nwillig vom Fenster ab, als er die Ge-\nsichter erkennt* Das eine Mädchen\nschiebt ihm noch immer den Arm-\nstuhl hin, so dass er sich schliesslich\ndoch setzt und mit der Rechten mehr-\nmals über die Stirn fährt.)\nDER FREMDE: Er hat\nsich gesetzt * ♦ *\n(Die Anderen im Zimmer setzen\nsich ebenfalls, während der Vater\nlebhaft spricht* Endlich öffnet der Alte den Mund. Er\nscheint durch den Klang seiner Stimme Aller Aufmerk-\nsamkeit auf sich zu lenken. Der Vater unterbricht ihn. Der\nAlte ergreift wieder das Wort und die Anderen werden immer\nunbeweglicher. Die Mutter schrickt zusammen und steht\nplötzlich auf.)\nMARTHA: Die Mutter hat schon halb ver-\nstanden ♦ • *\n(Sie wendet sich ab und verbirgt ihr Gesicht in den\nHänden. Neue Unruhe in der Menge. Gedränge. Kinder\nschreien und wollen hochgehoben werden, um auch zu sehen.\nDie meisten Mütter geben ihnen nach.)\nDER FREMDE: Pst! ♦ ♦ ♦ Er hat's noch nicht\ngesagt ♦ * ♦\n(Man sieht, wie die Mutter den Alten ängstlich fragt.\nEr sagt noch ein paar Worte; dann plötzlich springen auch\ndie Andern auf und scheinen in ihn zu dringen. Er macht\nmit dem Kopfe langsam ein Zeichen der Bejahung.)\nDER FREMDE: Er hat's gesagt! ♦ ♦ ♦ Er hat's\nauf einmal gesagt ♦ ♦ ♦\nSTIMMEN IN DER MENGE: Er hat's ge-\nsagt! ♦ ♦ ♦ Er hat's gesagt! ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Man hört nichts ♦ ♦ ♦\n(Der Alte erhebt sich und weist mit dem Finger nach\nder Thür hinter sich, ohne sich umzudrehen. Vater, Mutter\nund die beiden Mädchen stürzen zusammen nach der Thür,\nso dass der Vater sie nicht gleich aufbekommt. Der Alte\nwill die Mutter zurückhalten.)\nSTIMMEN IN DER MENGE: Sie kommen!\nSie kommen heraus! ♦ ♦ ♦ *\n(Gedränge im Garten. Alles stürzt nach der andern\nSeite des Hauses und verschwindet,\nausser dem Fremden, der vor den\nFenstern bleibt. Im Zimmer gehen\nendlich die beiden Thürflügel auf und\nAlle drängen zugleich heraus. Man\nsieht den gestirnten Himmel, den\nGartenplatz und den Wasserstrahl im\nMondschein durch die Oeffnung,\nwährend in der leeren Stube das\nKind in seinem Lehnstuhl ruhig\nweiter schläft. — Schweigen.)\nDER FREMDE: Das Kind\nist nicht aufgewacht*\n(Er geht auch.)\nE N\nD E"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-06-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-06_01#c007", "volume": "bmtnabf_1899-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "10", "page_fin": "10", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.2.4.1", "titre_corps": "STUDIE", "titre_sommaire": "STUDIE", "signature_source": "J. V. 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FANGEN WIR MIT\nDEN ANDERN AN?\n\nVor einigen Jahren\nhatten wir in einer\nrheinischen F abrik-\nstadt eine Kunstaus-\nstellung* Ein Bekann-\nter, der gern in allem\nein gebildeter Mann\nist, bat mich, ihn\ndahin zu begleiten\nund ihm die einzel-\nnen Werke zu er-\nklären* Er verstände\nsonst so gar nichts\ndavon* Ich weiss noch\ngut, wie entrüstet\ndieser Kunstsüchtige\nwurde, als ich ihm\neinen Gang in den\nschönen Herbstwald\nverschlug* Ich wolle ihm dann unterwegs die\nSchönheit der Landschaft in ihren Formen und\nStimmungen so gründlich erklären, dass er nach-\nher mit dem wütigsten Berichterstatter um die\nWette Kunst he- und verurteilen könne*\nWas mir damals ein Scherz war, scheint mir\nheute das einzige, was man diesen Unglückseligen\nsagen kann, die mit leeren Blicken und vollen\nKatalogen verlassen durch die Kunstsäle irren:\n„Geht hinaus und seht die Natur, wie sie unauf-\nhörlich sich wandelt in Farben und Formen, wie\nsie auf dem Hinweg anders ist, als auf dem\nHeimweg, wie die Sönne über die Erde spielt in\ntausend wandelnden Schatten und Lichtern, wie\nWolken und Nebel wachsen und sterben und\newig wandern, wie in einem einzigen Wasser-\nspiegel mehr Lebenswechsel ist, als ihr jemals\naussehen könnt: Ihr werdet bald merken, wie\närmlich der klügste Mann sich da ausnehmen\nwürde mit allen verständigen Erklärungen* Wie\nihr gar nichts anders thun könnt, als sehen, immer\nsehen*\nUnd wenn ihr dann eines Tages im Dunkel\nam Waldteich oder in der Sonne auf freiem Felde\nempfindet, wie Baum und Gras und Luft und\nWind in eins, in euch zusammenklingen, und ihr\nda mitten drin entdeckt wie ein un-\nbegreifliches Rätsel in einem Meer von Rätseln:\ndann habt ihr ein Wunder erlebt* Und ihr wer-\ndet wissen, wie das tiefste, was da in euch an-\ngeklungen ist, nie mit Worten gesagt, nur gefühlt\nwerden kann* Mit dieser Gewissheit geht zurück\nin die Bildersäle und wenn euch noch immer\nhunderte von den Tafeln stumm bleiben: in einer\nwerdet ihr doch euer Wunder wiederfinden*\nDenn nichts anderes stellt der Maler in seinen\nBildern dar, als die unsagbaren Wunder, die ER\naus der Natur gesehen und erlebt hat* Manches\nhat sich vielleicht nur ihm allein offenbart und\nes wird ihm in Ewigkeit keiner völlig glauben*\nAhmt deshalb nicht den bebrillten Kunstrichtern\nnach und geht verächtlich vorüber, wenn eine\nsolche Nummer kein Gnadenkreuz in ihrem Ka-\ntalog findet* Wo euch kein Wunder spricht, wo\nnur Farben und Formen euch kalt lassen, da\ndenkt: Wir Wissens nicht, ob es ein Wunder ist,\nWIR habens nicht erlebt* Und wenn euch bei\nandern gesagt wird, es sind Handwerker und Ge-\nschäftsleute, die nie ein Wunder fühlten und doch\ndiese Bilder malten, weil sie einen guten Ge-\nschmack besitzen, so lasst es gesagt sein* Aber\nkümmert euch nicht darum* Der EUER Wunder\ngemalt hat, will nicht vor diesen glänzen* Er\nwill seine und eure Freude noch einmal geben,\nreiner von Nebeneindrücken und voller im Klang*\nVor seinem Kunstwerk bleibt und wenn ihr\nganz allein da steht, desto besser und seht es\naus, ganz aus* Es wird euch unmerklich zu an-\ndern Wundern führen, von dem Saal in die Natur\nund von der Natur in den Saal* Ihr werdet\nreicher werden und eure Wunder köstlicher*\nIhr werdet eines Tages erkennen, dass ihr man-\nches, was euch ein Wunder schien, mit Vielen,\nAllzuvielen teilt, dass es gar kein Wunder mehr\nist* Ihr werdet es zur Seite legen und nicht trau-\nrig sein* Ihr werdet immer edleren Ersatz finden\nund euch tiefer hineinleben in dieses Reich, wo\nkein Trugschluss das beste Gedankenglücfc zu\nnichte machen kann, wo ihr Sicherheit und Ruhe\nfühlt in dem einen Leben, das in euch und um\neuch in Wundern spricht, die ewig sicher sind\nvor aller Gedankenschärfe* Dann werdet ihr die\nschönen Kataloge den Kassierern lassen und mit\nleeren Händen, aber mit vollen Blicken durch die\nBilderhallen gehen und heilige Tempelweihe füh-"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3038, "texte": "len, wo euch Langeweile\nquälte* Ihr werdet reich\nsein, wie es die Könige nicht\nsind, und Liebe nehmen\nund geben*”\nSo wird man zu ihnen\nsagen müssen, die ein Bild\nbetrachten wollen, weil sie\nkein Kunstwerk erleben\nkönnen* Es hilft nichts,\ndass wir sie vor ein Ge-\nmälde zerren und ihnen die\nSchönheit der Farben und\nLinien ERKLÄREN* Da\nist nichts zu erklären, und\nunsere Worte werden höch-\nstens Klugschwätzer aus\nihnen machen* Farben und\nLinien wollen nur die\nSeele des Bildes wirken*\nWer die nicht erlebt,\ndem bleiben sie tot trotz\naller schönen Worte* Wem aber diese Seele zum\nWunder wird, dem werden sie wirken, ob er sie\nim Einzelnen gar nicht erkennt* Das Werk will\nnur den einen Klang* Und wer in diesem Klang\nfröhlich geworden ist, den kann kein einzelner\nTon freudiger machen*\nDie Einzelheiten werden ihn nicht zu dem\nWerk, nur zu dem Künstler führen* Sie werden\nihn den Mann bewundern lassen, der so sicher\nsieben Farben dahinsetzte und glauben machte,\nes sei ein ganzer Regenbogen*\nUnd wenn sie vor Ludwig Richter bleiben\nund nicht zu Böcfclin kommen wollen, sollen wir\nsie da lassen* Ihre Seelen sind nur auf jene\nWunder gestimmt* Selbst wenn es gezerrte Ge-\nspreiztheiten sind wie Wandmalereien in König-\nlichen Museen und noch schlimmere Trivialitäten,\nvor denen sie sich wiederfinden: es hilft nichts,\ndass wir sie fortzerren* Es giebt keinen so\nschlimmen Maler, dass er nicht noch schlimmere\nBewunderer fände* Und wer erst bewundert, ist\nschliesslich vor dem schlimmsten, dem Klugreden\ngerettet* Wer mehr in sich hat, wird zu mehr\nkommen* Und wenn nicht: immer noch besser,\ndass einer ehrlich Quark bewundert, als dass er\nfür ein Rechtes Begeisterung heuchelt*\nDas alles sage ich mir am Abend, wenn die\nLampe den Kopf heiss macht und die Welt mit\nmeinen Fensterscheiben auf hört* Aber wenn am\nMorgen die Sonnenstrahlen das fernste Gewölk\nröten, erscheint es mir eitel Flunkerei*\nDie Menschen sind nicht mehr naiv* Alle,\ndie da in die Natur geschickt werden, haben\nschon Bilder gesehen, sind mit Bildern gross ge-\nzogen* Sie haben nicht nur ihre Freude daran\ngehabt, sie sind auch beeinflusst worden* Und\nwas sie als Schönheit in der Welt sehen und was\nsie als Stimmung ergreift, das ist die Schönheit\nund die Stimmung IHRER Bilder* Und weil wir\nvor einer Generation stehen, die ihre Bildung in\neiner Zeit nahm, wo man empfindsam war, statt\nzu empfinden und „schönlich” statt schön, wo\nman aus allem die falscheste Sentimentalität zog,\nselbst aus den grossen Alten: wird sie der eigene\nHang immer abseits der Kunst führen*\nMan sollte sie deshalb mit List und Gewalt\nvor neue Kunstwerke schleifen, man sollte nicht\nruhen mit Hinweisen und Deutungen* Man sollte\ngrosse Bilder der alten Meister, Dichterworte und\nErlebnisse zum Vergleich heranholen* Um sie\ngleichsam suggestiv zu zwingen, an die neue\nSchönheit zu „GLAUBEN”* Und ob der Glaube\nein angenommener ist, vielleicht ergreift er sie\ndoch einmal* Vielleicht können sie überhaupt\nnur ÜBERREDET werden und sind anders gar-\nnicht zugänglich* Vielleicht springt eines Tages"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2081, "texte": "aus der falschen Begeiste-\nrung- ein Funke ins Herz\nund zündet ein rechtes Feuer\nan* Und wenns nur brennt!\nDann ist es gleich, ob das\nHolz aus dem eigenen Wald\nkommt*\nSo werden wir für die\nKunst UNSERER Zeit\nund das müsste man ihnen\nauch noch recht deutlich\nmachen, dass wir anders\nfühlen als unsere Grossvä-\nter, dass die Renaissance-\nmenschen anders fühlten,\nals die Griechen, und dass\nsich daraus für jede Zeit\nauch ein neuer Ausdruck\nihres neuen Gefühls, eine\nneue Kunst von selbst er-\ngiebt so werden wir für\ndie Kunst UNSERER Zeit\nzwar keine wahren Jünger gewonnen haben, aber\ndoch Menschen, die es aus gutem Willen sein\nmöchten.\nSo denk ich am Morgen. Aber wenn ich\nnach dem Mittag im Wald liege, wo die Bienen\nan den Blüten hängen und bunte Käfer Gras-\nstengel für hohe Bäume halten, sage ich mir:\nWozu all die Quälerei? Die Kunst ist weder\nzum Erziehen da, noch zu sonst einem guten\nZweck. Also lassen wir die Menschen damit in\nRuhe. Sie ist notwendig. Gut! Eine Thatsache.\nDann kommt es wie bei allen Dingen, so auch\nbei ihr darauf an, dass sie Freude macht. Was\nsollen wir da gewaltsam zerren? In unserer son-\nderbaren Welt ist nun einmal alles in einer son-\nderbaren Ordnung. Wo ein Künstler in Farben\noder Worten oder Tönen etwas Neues sagt, da\nsind auch immer Öhren, die hören wollen, und\nHerzen, die sich nach neuer Botschaft sehnen* Dass\nes zunächst nur wenige sind, mag dem betreffenden\nMessias ein Trost sein, wenn er an alte Wahr-\nheiten denkt was sagte doch jener vom Beifall-\nklatschen der Athener und den Jüngern eine\nFreude. Sie feiern nachher das Pfingstfest um\nso stolzer*\nDass Kunst und Volk noch nie soweit aus-\neinandergefcommen sind, als in unserer Zeit, ist\neine gern und oft ausgesprochene Behauptung.\nFreilich, wenn man die Summe aller Krämer-\nseelen für das Volk nimmt! Aber, wer nach\nJahrhunderten unsere Zeit aus ihren Büchern,\nZeitschriften, Briefen und Tagebüchern sieht, ob\nder nicht die Wellen aller grossen Werke erkennt?\nIch denke, die Menschheit hat noch immer einen\nso grossen Magen, dass sie auch ihre Künstler\nverdaut.\n\nWILHELM SCHÄFER."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-06-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-06_01#c011", "volume": "bmtnabf_1899-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "13", "page_fin": "13", "image_debut": 13, "image_fin": 13, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.2.9.1", "titre_corps": "ARABISCHER BÄNKELSÄNGER", "titre_sommaire": "ARABISCHER BÄNKELSÄNGER", "signature_source": "JOHANN V. 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Wir sind's, die Dich umlocfcten,\nDa schon Deine frischen Pulse stockten . . .\nKennst Du uns? Wir sind es, die Dich riefen,\nDir zur Pein entstiegen aus den Tiefen . . .\nWinkend mit dem Glanz der jungen Mienen,\nSind wir Deinem Greisen-Traum erschienen . . .\nBlut begehrten wir zum Weiterschreiten,\nWie die Träume Deiner guten Zeiten . . .\nUnd entflammt ob Deiner Kraft Versagen,\nHaben wir Dich selbst aufs Haupt geschlagen.\nEhe wir zum Acheron gesunken,\nHaben wir des Meisters Blut getrunken . . .\"\n„Fährmann, rette mich vor diesen Scharen,\nDie des müden Künstlers Mörder waren.\nDort am andern Ufer welch' Gedränge.\nHorch! Musik! Schwermütige Gesänge . . .\"\n„Meister, Dich begrüssen wir mit Neigen,\nUnd wir laden Dich in unsern Reigen.\nDie Gestalten, Deine leuchtend-grossen.\nDenen Du den Dolch in's Herz gestossen.\nMeister, sieh: Peskara's bleiche Wange . . .\nAngela mit dem beseelten Gange.\nUnd Jenatsch auf dem Gletscherfirne\nUnd der Mönch mit seiner tollen Dirne.\nHutten, der sich noch im Tode streckte . . .\n. . . Alle, die ich je zum Tode weckte,\nDie ich sterben hiess in heitern Welten,\nGrüssen den durch Geisteshand Gefällten.\nLass sie nicht, die schon so lange harrten,\nCharon länger auf den Bruder warten . . .\"\nUnd stromüber zu Unendlichkeiten\nLässt der Fährmann seine Barke gleiten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-06-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-06_01#c021", "volume": "bmtnabf_1899-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "19", "page_fin": "19", "image_debut": 19, "image_fin": 19, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.2.13.1", "titre_corps": "[Illustration sans titre]", "titre_sommaire": "[Illustration sans titre]", "signature_source": "JOSEF HOFFMANN", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 19, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.19", "debut_caractere": 1763, "fin_caractere_exclue": 1778, "texte": "JOSEF\nHOFFMANN."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-06-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-06_01#c023", "volume": "bmtnabf_1899-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "20", "image_debut": 20, "image_fin": 20, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.2.14", "titre_corps": "AUS EINER FOLGE VON FELSENLANDSCHAFTEN", "titre_sommaire": "AUS EINER FOLGE VON FELSENLANDSCHAFTEN", "signature_source": "RUDOLF JETTMAR", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 20, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 55, "texte": "AUS EINER FOLGE VON FELSENLANDSCHAFTEN.\nRUDOLF JETTMAR."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-06-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-06_01#c024", "volume": "bmtnabf_1899-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "21", "page_fin": "30", "image_debut": 21, "image_fin": 30, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.2.15", "titre_corps": "LIKA : EINE KÜNSTLER-ODYSSEE", "titre_sommaire": "LIKA : EINE KÜNSTLER-ODYSSEE", "signature_source": "PAUL SCHEERBART", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 21, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1482, "texte": "LIKA.\nEINE KÜNSTLER-ODYSSEE\nvon PAUL SCHEERBART.\nMeiner grossen Datty Servaes.«\nI*\nWie lachende Kinder schaukelten\ndie Wellen auf der grossen See*\nDer Himmel war dunkelblau*\nDas Wasser war dunkelblau*\nLika sass in einer feinen weissen Porzellanschale,\nderen Rand so kraus war, wie ein Halskragen der\nMaria Stuart*\nDie ziemlich flache runde Schale zeigte im\nInnern krause Linien mattbraune, die sich zier-\nlich verschnörkelten, wie altindische Schrift*\nUnd ein orangefarbiger Sonnenschirm schützte\ndie Lika vor den Strahlen der Sonne*\nDer Schirmstocfc stak in der Mitte der Por-\nzellanschale*\nDas orangefarbige Schirmdach war aus Seide\nnicht gebogen, sondern grad und steif wie ein\nSchirm aus dem Lande der Chinesen*\nLika wusste nicht recht, was sie denken sollte*\nJedoch da tauchte plötzlich neben ihr im blauen\nMeerwasser ein dicker Triton empor und fragte,\nnachdem er sich das Wasser aus den Augen ge-\nwischt hatte:\n»Nun, Lika, wohin willst Du?”\nLika besann sich auf Whrte, doch sie merkte,\ndass sie fast alle Worte vergessen hatte*\nNur ein Wort fiel ihr wieder deutlich ein\ndas Wort „Heimath”*\nUnd Lika rief laut:\n„Du, ich möcht' in die Heimath!”\nDer Triton fragte wieder:\n»Was willst Du denn da?”\n»Das Glück!”\nDer Lika war dieses zweite grosse Wort ganz\nunwillkürlich in den IVlund gesprungen*\n- mei*kte sie erst, was sie gesagt hatte, und\nsie lächelte darüber*\nDer Triton aber meinte:\n„Gut, so wollen wir die Heimath mit Deinem\nGlück suchen nicht wahr, Lika?”\n„Ja!” sprach sie*"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3732, "texte": "Darauf schwamm der Triton die Porzellan-\nschale mit der Lika vor sich herschiebend gradaus.\nDie Lika liess sich das gern gefallen.\n11.\nAls sie nun so eine gute Strecke gefahren\nwaren, sahen sie einen kleinen Thurm am Horizonte.\nDie Lika frug:\n„Was ist denn das da?”\nUnd der Triton sagte Wasser prustend:\n„Das ist ein Leuchtthurm!”\nAls sie ziemlich nahe daran waren, beugte sich\nein riesiges Sprachrohr vom Thurme hinunter, und\ndie beiden Kinder des Meeres hörten eine laute\nStimme die frug dumpf:\n„Wer bist Du?”\nDer Triton versetzte mit schallendem Gelächter:\n„Ich bin doch der Triton der fidele Triton!”\n„Wen aber hast Du,” kam's nun wieder aus\ndem Sprachrohr, „in der Porzellanschale?”\n„Das ist doch,” gab da der Triton zurück,\n„die kleine Lika die will wissen, wo ihre Hei-\nmath ist und ihr Glück.”\n„Ist das Kind sehr klug?”\nAlso hörten anitzo die Beiden fragen, und die\nLika gab zur Antwort:\n„Ich hab's garnicht nöthig, sehr klug zu sein,\nwenn blos mein Triton sehr klug ist.”\nLanges Schweigen.\nDann aber brummte es im Sprachrohr:\n„Die Lika ist thatsächlich das klügste Kind\nder Welt. Ihr könnt in den Hafen fahren.”\nDa klatschte die Lika vergnügt in die Hände\nund that ganz stolz.\nDer Triton jedoch brüllte laut:\n„Blase die Zwerge zusammen! Blase! Blase!”\nUnd es geschah.\nIm nächsten Augenblick fingen tausend Blasen\nauf den Molen und am Ufer zu blasen an.\nDas Blasen erschütterte die ganze Luft, so dass\nsich die Lika ihre beiden kleinen Ohren mit den\nZeigefingern zuhalten musste.\nlII*\nDie Zwerge kamen eiligst herbei.\nDie Lika fuhr mit ihrem Triton in den Hafen\nund ward dort von den Zwergen herzlich begrüsst;\nsie schwenkten mit ihren riesigen gelben Stroh-\nhüten fröhlich in der Luft herum.\nUnd dann setzte sich der Triton mit seinen Fisch-\nbeinen bei der Feuerschänke auf den Hafenrand.\nDer fidele Triton trank ein paar Eimer Jammer-\nschnaps und erklärte den Zweck seines Besuchs\n7\" Hess sich dabei gemüthlich von den Zwergen\ndas Kreuz reiben.\nDie Zwerge rauchten fast sämmtlich gute Ci-\ngarren und sahen in ihren buntdurchwebten Schlaf-\nröcken ausserordentlich gutmüthig aus, obgleich\nsie sich eigentlich nicht wenig einbildeten, denn\nsie waren Maler echte Künstler und wussten\ndas sehr genau.\nWie daher der Triton beim zehnten Eimer\nfragte: „Wo ist das Glück?” riefen alle Zwersre\nsofort: s\n„Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.”\nUnd als der Triton beim zwölften Eimer fragte:\n„Wo ist die Heimath?” riefen die Zwerge abermals:\n„Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.”\nDie Lika unter ihrem orangefarbigen Sonnen-\nschirm graute sich hinter den Ohren, kniff dem\nriton in die Schuppen des linken Fischbeins und\nsagte:\n„Na, dann wollen wir nur das Land suchen.”\nDie Zwerge thaten sehr erstaunt, und ein Dick-\nkopf meinte:\n„Lika, eigentlich hätte ich Dich für klüger\ngehalten.”\nDer Triton lachte, Lika verstand das aber nicht.\nUnd so verabschiedeten sich die beiden Kinder\ndes Meeres, denn die Lika hatte es furchtbar eilig.\nDie Zwerge bedauerten, dass der Besuch so\nkurz bemessen gewesen sei, liessen wieder alle\nBlasen blasen, dass die Molen bebten und dabei\nfuhr die Lika mit ihrem Triton am Leuchtthurm\nvorbei wieder m's Meer hinaus, allwo es etwas\ndunkler wurde.\nIV.\nEs war Nacht.\nDie Sterne gingen auf und der grosse Mond.\nDer grosse Mond beleuchtete das grosse Meer, und\ndie Lika freute sich an dem blitzenden Wellenglanz.\nDer Triton lenkte die Porzellanschale allmäh-\nlich einem anderen Lande zu; einem grünen Lichte,\ndas nur schwach am Horizonte vorschimmerte, kam\ner langsam näher.\nDie Lika machte den Sonnenschirm zu, bog\nden Stock nach vorn, so dass die Spitze sich auf\nden krausen Rand der Schale legte, und schlief\nein bischen ein.\nAls sie wieder erwachte , sah sie vor sich ein\ngrosses schwarzes Gebirge."}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2322, "texte": "Unten, wo der Fels infs Meer stiess, war ein\ngrosses zackiges Loch das schimmerte grün\nda fuhr der Triton mit der Lika durch*\nUnd nun schwammen sie in einem weiten,\nhohen, grünen Grottensaal*\nIn herrlichen Nischen standen weisse Gestalten\naus Stein*\nDie Lika sah sich ganz verwundert um*\nUnten war Alles Wasser, doch an den Seiten\nhinter den Nischen führten weisse Treppen bis\nhoch in die grüne Lichtkuppel hinauf*\nDie weissen Gestalten aus Stein waren von\nMenschenhand geschaffen; die beiden Kinder des\nMeeres waren bei den Menschen die kamen\njetzt langsam die weissen Treppen hinunter*\nDie ernsten Bildhauer in ihren weissen Gewän-\ndern glichen mit ihren langsamen Bewegungen bösen\nGespenstern*\nDie Lika hielt den Athem an; ihr lieFs kalt\nüber den Rücken*\nDie Bildhauer lauter Menschen kamen\nlangsam immer näher, und das arme Kind in der\nPorzellanschale fürchtete sich*\nDer Triton schlug mit der Faust auFs Wasser,\ndass es hoch aufspritzte*\nV*\nDer fidele Triton taucht unter, stösst beim\nWiederauftauchen mit dem Kopf unter die Por-\nzellanschale und hebt sie hoch in die Luft, hält\naber noch die Hände an den krausen Rand*\nDie Bildhauer flüstern was und wenden sich\nah ihren Steingestalten zu♦\nDer Triton bringt wieder dieselben Fragen wie\nbei den Zwergen vor, jedoch die Antwort bleibt\naus die Bildhauer hämmern an ihren Stein-\ngestalten •\nVorsichtig setzt der Triton die Porzellanschale\nwieder in's Wasser und sagt ruhig:\n„Liebe Lika, wundre Dich nicht über die\nSchweigsamkeit dieser Herren* Sie wollen Dir mit\nihrem Gehammer blos dieselbe Antwort geben, die\nDu bei den Zwergen vernahmst*”\nDie Lifca versetzte kleinlaut:\n„Ich weiss noch: Glück und Heimath ist dort,\nwo man Tag und Nacht Künstler sein kann* Da\nmüssen wir wohl wieder weiter* Mir wird hier\nauch so schwül*”\nDer Triton lacht, dass es im grünen Grotten-\nsaal unheimlich schallt, und fragt wild:\n„Kein Modell gefällig?”\n„Wir formen,” brummt darauf ein alter Bild-\nhauer, „jetzt nur noch Menschenfcörper; die ver-\nkrüppelten Wesen namentlich die knielosen\nsind nicht mehr nach unserm Geschmack*”\nDas nimmt der Triton ganz ruhig hin, schwimmt\nwortlos mit der Lifca durch die nächste Pforte ab\nin einen rothen Grottensaal, wo lauter Gruppen\nmit Schlangenarmen in den Nischen stehen*\nEs geht noch durch goldene, silberne, blaue\nund anders gefärbte Grottensäle*"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.25", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2020, "texte": "Ueberall wilde Steingesellen mit lustigen\nKöpfen und seltsamen Gliedmassen abenteuer-\nliche tolle Märchengeister*\nOefters brummt der Fischbeinige:\n„Krüppel! Feine Krüppel!”\nDie Lika versteht nicht, was er damit sagen\nwill*\nVl*\nUnd dann sind die Beiden wieder in der freien\nWelt, draussen unterm blauen Himmel*\nDie Morgensonne lacht, und die Lika lacht mit*\nAuf einem stillen Waldsee sind die Beiden, sie\nfreuen sich über die grünen Bäume, über die Wasser-\nrosen und über die weissen Schwäne, die würdevoll\nihr Haupt umdrehen, um die Lika in ihrer Por-\nzellanschale zu sehen; Lika spannt wieder ihren\norangefarbigen Sonnenschirm auf*\nAm Ufer blühen dicke, bunte Blumen, wilde\nEnten fliegen hin und her, Hirsche kommen und\ntrinken Wasser, sehen die Lika und laufen fort\nin die dunklen Wälder, durch die Niemand durch-\nblicken kann*\nEs ist still, es bleibt aber nicht still*\nVon einem Birkenhügel klingt ein sanftes Saiten-\nspiel hernieder*\nUnd wie sie weiter fahren, ertönen in den Wäl-\ndern harte Hörner und dröhnende Pauken ganz\nin der Nähe hinterm hohen Schilf wird eine Flöte\ngeflötet*\nDer Triton sagt:\n„Du, das ist ein Dudelsack !”\nAber danach hören sie einen glockenhellen Ge-\nsang viele Mädchenstimmen!\nAn den Ufern wird's auf allen Seiten immer\nlauter Geigengesumm und Trompetengeschnatter\nTrommelgerassel und Harfengeklimper!\nMusik überall!\nUnd es klingt so fein zusammen*\nDie Lika lauscht und lächelt und bewegt im\nTakte die zarten Finger*\nVorsichtiger bewegt der Triton seine glitzern-\nden Fischbeine, damit man ja die Lika Alles hören\nkann all die vielen Jubelstimmen, die dem Mor-\ngen „guten Morgen” sagen*\nVII*\nPlötzlich auf allen Bergen ein wüstes Ge-\nschrei!\nAlle Instrumente kreischen durcheinander\nund es erscheinen die Bocksbeinigen tolle Weib-\nlein und noch tollere Männlein*\nDie Musiker sind's!\nSie begrüssen den fidelen Triton und die drol-\nlige Lika mit graulichem Gejohle*\n„Wo ist die Heimath?” fragt der Triton*\nDa wird's mit einem Male wieder still, und die\nBocksbeinigen singen im grossen Chore:"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.27", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2565, "texte": "Ach, unsere Heimath ist doch überall\nIm blanken Saale und im Stall,\nAuf freiem Berge und im engen Thal\nIm grenzenlosen Weltenall!\nUnd dann springen die Sänger und Sängerinnen\nin's Wasser, küssen den Triton und wollen die Lika\naus ihrer Schale herausheben —aber ach! das\ngeht nicht die Lika ist ja mit ihrer Porzellan-\nschale zusammengewachsen wie die Schnecke\nmit ihrem Haus*\nGrosses Entsetzen!\nAber die Lika macht wieder ihren Sonnenschirm\nzu, und die Bocksbeinigen beruhigen sich, tragen\nihre beiden Gäste so recht behutsam anfs Ufer und\nspielen dort zum Tanze auf* An dem können nun\nleider die Kinder des Meeres nicht theilnehmen*\nJedoch das stört die Freude nicht*\nNach dem Tanze wird Wein getrunken und\nRauschmusik gemacht; die ganze Gesellschaft\nschwimmt in Seligkeit*\nAlle erklären der Lika, dass das Glück in der\nKehle und in den Instrumenten sitze; ein vernünf-\ntiges Wort lässt sich mit diesen Leuten nicht reden*\nDer Triton sagt blos:\n„Liebe Lika, glaube mir: auch diese fidel e Ge-\nsellschaft theilt die Meinung der Zwerge in jeder\nBeziehung*”\nUnd die Augen der Lika leuchteten verständnis-\ninnig auf wie zwei neue Sterne*\nVIII*\nAls das Fest zu Ende war, erklärte die Lika\nihrem Begleiter würdevoll:\n„Mein Lieber, erlaube mal! Jetzt will ich end-\nlieh anfs Ziel kommen* Das gesuchte Land muss\ndenn doch zu finden sein* Wenn Du mich nicht\nbald hinbringst, so muss ich mir einen anderen\nFührer suchen* So geht's nicht weiter*”\n„Hm!” versetzte der Triton, weckte mit einer\ndreieckigen Trommel ein paar schlafende Musiker\nund bat um einen Wagen*\nOhne die anderen Musiker in ihren Träumen\nzu stören sie schliefen sämmtlich kamen die\nHerren bereitwillig der Bitte nach, spannten sechs\nHirsche vor ein Kabriolett und bald ging*s\nüber Stock und Stein in eine andere Gegend; die\nLika kriegte Angst bei der schnellen Fahrt, denn\nsie sass in einer Schale von allerfeinstem, dünnsten\nPorzellan*\nAuf einem grossen, runden, mit bunten Fliesen\nbedeckten Platze blieben die Hirsche dampfend\nstehen*\nUnd aus dunkeln Wolken kam ein aufge-\nblasener Luftballon herunter*\nDie Lika schlug die Hände überm Kopfe zu-\nsammen, aber die Bocksbeinigen setzten sie mit\nihrer Porzellanschale in die Gondel, halfen auch\ndem Triton hinein und fort ging's hinauf\nin die dunklen Wolken*\nDas war eine Fahrt!\nDie Lika war ganz sprachlos*\nDer Ballon fuhr durch die Wolken durch und\nkam in den hellen blauen Himmel*\nDrei Bucklige kletterten an den Gondelstricken\nempor, und drüben stieg ein riesiges Purpurgebirge\nso hoch in's Blaue, dass man die rothen Spitzen\noben nicht mehr sehen konnte*"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.28", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2078, "texte": "Aber was Anderes sahen die Kinder des Meeres\nlange Männer mit furchtbar langen schmalen\nFlügeln!\nDie Flügelmänner flogen an den Purpurfelsen\nherum wie Schwalben vor ihren Nestern herum-\nfliegen.\n„Was sind denn das für Kerls ?” frug die Lika*\nUnd die drei Buckligen riefen oben unterm\nLuftballon:\n„Das sind die grossen Dichter!”\nIX*\nNa die Dichter waren ganz freundliche\nHerren; sie empfingen die schnurrigen Gäste wie\nalte hoben sie aus der Gondel und\nbrachten sie durch ein rundes Fenster in ihre Felsen-\nwohnung*\nDer Triton legte sich gleich auf einen molligen\nDivan und stopfte sich einen Tschibuk*\nDie Lika setzte man auf einen fünfeckigen\nFenstertischt von wo aus das gute Kind eine\nprächtige Aussicht über kunterbunte Wolkenbündel\ngenoss; keilförmige Schatten und Sonnenstrahlen\nhuschten vorüber*\nttAlso jetzt ” sprach Lika an ihre Porzellan-\nschale klopfendt „soll mir endlich der richtige Weg\nzur Heimath mit dem Glück gezeigt werden* Bitte!\nSprechen Sie, meine verehrten Herren l”\nDie Dichter erkundigten sich tiefernst bei dem\nTriton nach demt was das resolute Kind wissen\nwolltet und dann hub der Aelteste der Dichter\nalso an:\nttFür diejenigen Weltbewohn er, die Laien und\nkeine Künstler sindt bedeuten die Begriffe „Heimath”\nund „Glück” etwas Andres als für uns Künstler*\nDas Laienvolk verbindet eben mit den einzelnen\nWorten völlig andre Geschichten* Das geht uns\nnatürlich Nichts an* Laiensache bleibt Laiensache!\nWir Künstler aber nennen die ganze Welt unsre\nHeimath und finden überall dort unser Glückt wo\nwir nach unserm Geschmack leben können* Das\nLandt das Du suchst, brauchst Du also nicht mehr\nzu suchent denn Du bist ja schon da* Du willst\ndoch Künstlerin werden, nicht wahr?”\n„Ich möchtet” erwiderte schüchtern die gute\nLikat »gern eine Künstlerin werden*”\n„Das freut mich!” sprach der „heut\nmich sehr! Ich hätte Dich auch im andern Falle\nzum Fenster hinausgeworfen*”\n„Abert” schrie erschrocken die Likat „meine\nPorzellanschale wäre dann doch entzweigegangen!”\n„Wir Dichter sindt” fuhr der alte Herr unbeirrt\nfortt „ebenfalls Künstler, ausserdem haben wir"}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.29", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3965, "texte": "noch die Verpflichtung, weise Gedanken zum\nAusdruck zu bringen* Namentlich kommt es uns\nzu, jegliche Einrichtung der Welt im besten Lichte\nzu zeigen und alle Schattenseiten nach Möglichkeit\nzu erhellen*”\nDer Triton lachte leise auf seinem molligen\nDivan und blies wirbelnde Tabakswolken in das\nstille hochgelegene Dichterzimmer*\nX*\n„Kluge Lika, merkst Du nu bald was?”\nAlso der Triton die Lika sagte:\n„O ja! ich merke, dass die ganze Reise eigent-\nlich überflüssig war, denn was ich suchte, ist ja\nda* Unsre Heimath ist ja überall* Und das Glück\nkommt ja beim Schaffen* So klug, um das Alles\nzu begreifen, bin ich schon* Wo aber lerne ich\ndas Schaffen?”\n„Schaf !”■versetzte beim Flügelputzen ein jüngerer\nDichter, „ordentliche Künstler lernen überhaupt\nNichts von Andern, sie probiren einfach und können\ndann was*”\n„Ach so!” flüsterte nun die Lika lächelnd,\n„da werde ich ,Erinnerungen aus meinem Leben'\nschreiben, das kann ich bereits*”\nDie Dichter verneigten sich respektvoll und\nbegrüssten in dem Porzellanmädchen die neue\nKollegin, empfahlen ihr aber, zuvörderst in's\nRiesenreich zu fahren, allwo für Dichterinnen und\nErinnerungskunst sehr viel Platz vorhanden sei*\nDie Lika sagte nicht „Nein”, und so ging's\nschnurstracks in's Riesenreich*\nDie höflichen Dichter brachten ihre beiden\nGäste schleunigst in die Hinterzimmer und von\ndort in eine düstre Höhle, die nur von Fackeln\nerleuchtet wurde* Unten plätscherte Wasser —da\nsetzte man die Beiden hinein*\nUnd bald schwamm der Triton, die Porzellan-\nschale wieder vor sich herschiebend, durch einen\nmatterleuchteten Höhlenfluss*\nDas Wasser rauschte sehr es rauschte immer\nstärker, immer schneller schoss es dahin* Bald\nmerkte die Lika, dass sie sich in einem reissenden\nStrome befanden*\n„Wir sind in der Wasserrutschbahn!” brummte\nder Fischbeinige, hob die Porzellanschale ein bis-\nchen höher und dann ging's wie ein Pfeil hinab\nrasend rasch wieder hinaus in's Freie*\nUnd durch den spritzenden Wasserschaum sahen\nsie das Riesenreich*\nXL\nUih!\nDas saust und braust und schäumt und sprüht\nfeinen Wasserstaub, dass Regenbogen entstehen\nhinunter geht's in grader Linie zum dunkel-\nblauen Meere*\nUnd was sieht die Lika?\nRiesen sieht sie drüben auf den Inseln des\nMeeres* Die Riesenköpfe ragen hoch in die Wolken\nund bauen thun die Riesen Paläste bauen\nsie mit blitzenden Thürmen, Erkern und Säulen-\nhallen Alles funkelt und glüht und zuckt und\nsticht in lodernd brennenden Farben denn alle\nBausteine sind natürlich echte Edelsteine und Dia-\nmanten riesige!\nDie Lika jauchzt, ihre Haare flattern, ihre\nKleider flattern und das Wasser stürzt polternd,\ngrosse Wogen rauschend mit dem Triton, der die\nPorzellanschale geschickt hoch über seinem Haupte\nhält, in's blaue Meer*\n„Das war eine feine Fahrt!” ruft die Lika, als\nsie unten sind* Die Purpurgebirge liegen schon\nweit hinter ihnen, denn die Wasserrutschbahn fährt\nschnell dahin wie eine Kanonenkugel*\n„Willst Du nun,” fragt der Triton, „auch die\nRiesen noch einmal fragen, wo Deine Heimath mit\nDeinem Glück ist?”\n„Das ist wohl,” erwidert die Lika, „nicht grade\nnöthig, denn ich weiss ja schon, dass unsre Hei-\nmath und unser Glück blos dort ist, wo wir un-\ngestört Künstler sein können* Hübsch wär's aber\ndoch, wenn wir frügen* Wie machen wir das?”\nLikas Führer steuert der nächsten Insel zu, wo\ndas ganze Ufer aus hohen Säulenhallen besteht\ndort klingelt er an einem dicken Strick und\nbald erscheint eine kolossale Riesentrompete in\nder Luft*\nWieder werden die alten Fragen gestellt*\n„Wo ist unsre Heimath?” brüllt der Fidele*\n„Bauen!” tönt's aus der Trompete zurück*\n„Wo ist unser Glück?” fragt er dann*\nUnd abermals kommt's aus der Trompete heraus:\n„Bauen!”\n„Siehst Du,” sagt da der kluge Meermann,\n„die Riesen meinen ganz genau dasselbe wie die\nZwerge* Jetzt weisst Du doch endlich, was Du\nwissen willst* Es war nicht leicht, Dir die Ge-\nschichte klar zu machen* Deine Heimath hast Du\nalso gefunden* Nun schreibe Deine Erinnerungen,\ndamit Du auch glücklich wirst*”"}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.30", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1700, "texte": "„Ich danke Dir,” sagt freundlich das gute Por-\nzellangeschöpf, „gieb mir nur das nöthige Papier\nund einen Tintenstift* Ich will gleich glücklich\nsein*”\nDer Triton holt das Gewünschte aus seinem\nRucksacke hervor und giebt es hin*\nDer Himmel ist blau*\nDas Meer ist blau*\nDer Triton taucht unter*\nDie Lika schreibt ihre Erinnerungen unter\nihrem orangefarbigen Sonnenschirm*\nXII*\nFeierlich thürmen die Riesen einen edlen Bau-\nstein auf den andern, heften die grossen Diaman-\nten ordentlich fest, messen und zeichnen und rech-\nnen, bauen Palast an Palast, dass alle Inseln im\nRiesenreich immer herrlicher glänzen und glitzern\nwie Kronen wie ewige Kronen*\nSchiffe kommen und bringen neues Werkzeug,\nunzählige neue Stoffe, Silber und Glas für die\nKuppelbauten Gold für die dicken Wetterfahnen*\nDie weiten Säulenhallen, die Terrassen mit\nihren spiegelnden Fliesen, die Treppen mit den\noffenen Pforten fassen die hohen Inseln so\nprächtig ein als wären's Juwelen* Aus den\nThurmlaternen leuchtet's wie aus glücklichen\nAugen* Und Alles scheint weit aufgethan zu\nsein frei sonnendurstig!\nDie Lika sitzt in ihrer Schale schaukelt im\nMeerwasser neben einem grossen, siebeneckigen\nThurm, schreibt aber so emsig an ihren Erinne-\nrungen, dass sie das Schaukeln gar nicht bemerkt*\nDer Triton bringt ihr einen neuen Tintenstift\nund meint schmunzelnd:\n„Es ist nur gut, dass Du wie alle echten\nKünstler von der Luft leben kannst, sonst würdest\nDu vielleicht nicht ganz so glücklich sein*”\n„Doch!” sagt sie, „ganz so glücklich!”\n„Na! Na!” tönt's zurück*\nMöven schweben vorbei weisse*\nDas Meer ist blau*\nDer Himmel ist blau*\nUnd die Lika schreibt*\nDer Triton plätschert im Wasser herum und\nspielt mit dicken Lachsen*\nFIN I S"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-06-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-06_01#c025", "volume": "bmtnabf_1899-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "21", "page_fin": "21", "image_debut": 21, "image_fin": 21, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.2.15.1", "titre_corps": "[Illustration sans titre]", "titre_sommaire": "[Illustration sans titre]", "signature_source": "RUDOLF JETTMAR", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 21, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.21", "debut_caractere": 1484, "fin_caractere_exclue": 1499, "texte": "RUDOLF\nJETTMAR."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-06-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-06_01#c027", "volume": "bmtnabf_1899-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "25", "image_debut": 25, "image_fin": 25, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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MAI 1899.\nLISTE DER VERKAUFTEN WERKE.\nALT RUDOLF VON, Wien\nANDRI FERDINAND, Wien\nBAERTSOEN ALBERT, Paris\nBARTHOLOME ALB., Paris\nBERNATZIK WILHELM, Wien\nBERTON ARMAND, Paris\nBILLOTTE RENE, Paris\nCARABIN FRANCOIS R., Paris\nCHARPENTIER ALEX., Paris\nELIOT MAURICE, Paris\nESCOULA JEAN, Paris\nGAGLIARDINI G., Paris\nGANDARA A. DE LA, Paris\nGROSVENOR THOMAS, Glasgow\nHÄNISCH ALOIS, München\nHEIDER FAMILIE VON, Schongau\nHOFFMANN JOSEF, Wien\nSalzburg*\nAlte Niklaskirche in Gastein*\nPiazzetta in Venedig*\nGalizische Bauern*\nSt* Pölten*\nIm Juni*\nGalizischer Markt*\nFahrt zum Markt*\nReitender Bauer*\nGalizische Bauern*\nWeiblicher Studienkopf*\nBlätterstudie*\nAuf Seeland*\nDie Sackgasse*\nWeg auf Seeland (Radirung)*\nWeinendes Mädchen (Bronze)*\nFlusslandschaft*\nUnter Blüten*\nDer Morgen*\nDer Schlaf*\nBefestigungswerke*\nMädchen mit Katze (Bronze)*\ntt ff ff ft\nBroche.\nSchreibzeug:.\nPortrait von Puvis de Cha-\nvannes (Bronze).\nRosenmalven.\nKlatschrosen.\nActstudie (Lithographie).\nDer Stab des Alters (Terracotta).\nSpanische Grenze.\nStatue der Diana.\nEin Frühlingslied.\nW olkenschatten.\nKeramiken.\nKästen.\nP ostamente.\nHOFFMANN JOSEF, Wien\nJÄGER FRANZ W*, Wien\nJETTEL EUGEN, Wien\nKLIMT GUSTAV, Wien\nKOLLWITZ KÄTHE, Berlin\nKUEHL GOTTHARD, Dresden\nLENZ MAXMILIAN, Wien\nLERCHE H* ST*, Paris\nMOLL CARL, Wien\nMYRBACH FELICIAN VON, Wien\nNOVAK ANTON, Wien\nOLBRICH JOSEPH M*, Wien\nORLIK EMIL, Prag\nRAFFAELLI J* FRANCOIS, Paris\nROGER GUILLAUME, Paris\nROTHANSL EDMUND, Wien\nERNST STÖHR, St* Pölten\nTHAULOW FRITZ, Paris\nTHAULOW MADAME, Paris\nTICHY HANS, Wien\nVALLGREN VILLE, Paris\nHocker*\nDiverse Möbelstücke*\nFriedland in Böhmen*\nSchafherde*\nDer Gänseteich*\nRuhende Ackerpferde*\nGemüsegarten bei Cayeux*\nLandstrasse in Kotting-Neisiedel*\nEntennester*\nAllerlei Gesichter*\nDer Weberaufstand (Radirung)*\nAugustusbrücke in Dresden, Herbst*\nAugustusbrücfce im Winter*\nBrühlsche Terrasse*\nEine Welt*\nKeramiken*\nVor dem Diner*\nHurrah (Algrafie)*\nAbend*\nDiverse Möbelstücke*\nAm Felde (Holzschnitt)*\nMusik „\nDer Schnitter ~\nW äscherinnen ~\nPessimist ~\nMittagsrast der Slowaken (Holzschnitt)\nLandschaft ~\nSchneiderwerkstatt ~\nDer Strassenkehrer*\nDer Händler*\nPhantasie*\nSchildkröte (Schmucfcschale, Bronze)*\nNachmittagssonne in der Küche*\nAbendmesse*\nLedertaschen*\nMeeresstudie*\nBretagnerin (Bronze)*\nDer Scjimerz ~"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.1", "texte": "INHALT.\nSEITE\nIM INNERN. VON MAURICE MAETERLINCK 3\nWAS FANGEN WIR MIT DEN ANDERN AN?\nVON WILHELM SCHÄFER J3\nCONRAD FERDINAND MEYER f. VON PAUL\nWERTHEIMER 19\nL1KA. EINE KÜNSTLER-ODYSSEE. VON PAUL\nSCHEERBART 21\nMITTHEILUNGEN DER VEREINIGUNG BILDEN-\nDER KÜNSTLER ÖSTERREICHS 32\nBILDER UND STUDIEN VON JOHANN V. KRÄMER.\nZEICHNUNGEN VON RUDOLF JETTMAR.\nREDAKTION DES KÜNSTLERISCHEN THEILES:\nFRIEDRICH KÖNIG. KOLOMAN MOSER.\nJOSEPH M. OLBRICH. ALFRED ROLLER.\nREDAKTION DES LITERARISCHEN THEILES:\nDr. FRANZ ZWEYBRÜCK.\n\nMÄDCHEN AUS\nTAORMINA.\nJOHANN\nV. KRÄMER."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.2", "texte": "ARABISCHER DEPESCHENTRÄGER.\nJOHANN V. 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Wenn eines der Familien-Mitglieder\naufsteht, so scheinen seine Bewegungen, Schritte und Ge-\nbärden etwas Ernstes, Langsames, Sonderbares an sich zu\nhaben und durch die Entfernung, das Licht und den unbe-\nstimmten Schleier der Scheiben wie vergeistigt*\nDer Alte und der Fremd'e treten behutsam in den Garten*\nDER ALTE: Dies ist der Theil des Gartens,\nder nach hinten heraus liegt* Sie kommen nie hier-\nher* Die Thüren gehen nach der andern Seite*\nSie sind geschlossen und die Läden sind vorgelegt*\nAber auf dieser Seite sind keine Läden, und ich\nhabe Licht gesehen * * ♦ Ja, sie sind noch auf; sie\nsitzen bei der Lampe* Es ist ein Glück, dass sie\nuns nicht gesehen haben; die Mutter und die Mäd-\nchen wären vielleicht heraus gekommen und\nwas hätte man dann machen sollen?\nDER FREMDE: Ja, was sollen wir überhaupt\nmachen?\nDER ALTE: Ich möchte erst einmal sehen,\nob sie alle im Zimmer sind* Ja, der Vater ist da;\ner sitzt nahe beim Ofen* Er wartet, die Hände\nauFs Knie gestützt ♦ ♦ ♦ Die Mutter lehnt sich auf\nden Tisch*\nDER FREMDE: Sie blickt her*\nDER ALTE: Nein, sie weiss nicht, was sie\nsieht; ihre Augen starren in's Leere* Sie kann\nuns nicht erkennen; wir sind im Schatten der\ngrossen Bäume* Aber geht nicht näher heran * * *\nDie zwei Schwestern der Todten sind auch im\nZimmer. Sie sticken langsam; und das Kleine ist\neingeschlafen. Die Wanduhr in der Ecke zeigt\nneun Uhr ... Sie ahnen nichts und sprechen nicht.\nDER FREMDE: Könnte man nicht die Auf-\nmerksamkeit des Vaters auf sich lenken und ihm\nein Zeichen machen? Wollt Ihr, dass ich an das\nFenster klopfe? Es wäre doch gut, wenn einer\nvon ihnen es vor den Anderen erführe . . .\nDER ALTE: Aber wer? Wir müssen sehr\nvorsichtig sein ... Der Vater ist alt und kränk-\nlich . . . Die Mutter auch; und die Schwestern\nsind zu jung . , . Und alle liebten sie so, wie man\nnie mehr lieben wird ... Ich habe nie ein glück-\nlicheres Haus gesehen .. . Nein, nein, geht nicht\nzu nahe an's Fenster; das wäre schlimmer als\nalles ♦ ♦ ♦ Man muss es ihnen so unauffällig bei-\nbringen, wie möglich, wie ein ganz gewöhnliches\nEreigniss, und nicht zu traurig dreinschau'n; sonst\nmöchte ihr Schmerz den Euren übertreffen wollen\nund sich nicht mehr zu fassen wissen* wollen\näuf die andre Seite des Gartens gehen* wollen\nan die Thür klopfen und eintreten, als ob nichts\ngeschehen wäre* Ich werde zuerst hinein gehen;\nsie werden sich nicht wundern, mich zu sehen; ich\nkomme öfter des Abends zu ihnen, um ihnen Blu-\nmen und Früchte zu bringen und ein paar Stünd-\nchen mit ihnen zu verplaudern*\nDER FREMDE: Warum soll ich überhaupt\nmit hinein kommen? Geht allein; ich werde warten,\nbis ich gerufen werde ** * Sie haben mich nie\ngesehen * ♦ ♦ Ich bin nur ein ich bin\nein Fremder ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Es ist besser, ich gehe nicht alleine*\nEin Unglück, das man nicht allein bringt, ist nicht\nso schlimm und macht nicht solchen Eindruck * * *\nIch dachte daran, als wir hergingen ♦♦ ♦ Wenn\nich allein zu ihnen gehe, muss ich vom ersten\nAugenblick an reden* Sie wissen dann alles nach\nden ersten Worten und ich habe nachher nichts\nmehr zu sagen ** * Und ich fürchte mich so vor\ndem Schweigen nach den letzten Worten, die eine\nUnglücksbotschaft verkünden * * * Das kann einem\ndas Herz brechen ** « W^enn wir aber zusammen\nhineingehen, sage ich zum Beispiel nach langen\nUmschweifen: Man hat sie so und so gefunden * * *\nSie schwamm auf dem und ihre Hände\nwaren gefaltet * * *\nDER FREMDE: Ihre Hände waren nicht ge-\nfaltet; ihre Arme hingen schlaff am Körper herunter*\nDER ALTE: Da seht Ihr, wie man mehr spricht,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.4", "texte": "als man will ♦ ♦ ♦ Und das Unglück verliert sich\nin Einzelheiten ♦ ♦ ♦ Wenn ich aber allein komme\n♦ * * gleich bei den ersten Worten * ♦ ♦ so wie. ich sie\nkenne ♦ ♦ ♦ das wäre zu schrecklich! Gott weiss,\nwas geschehen würde ♦ ♦ ♦ Wenn wir aber abwech-\nselnd sprechen, hören sie, was wir sagen, und ver-\ngessen darüber, der schlimmen Botschaft in's Gesicht\nzu sehen * * * Bedenkt, dass die Mutter dabei ist,\nund dass ihr Leben an so wenig hängt * * * Es ist\ngut, wenn die erste Woge sich an ein paar unnützen\nWorten bricht ♦ ♦ ♦ Man muss in Gegenwart von\nUnglücklichen sprechen und sie nicht allein\nlassen* Der gleichgiltigste Mensch nimmt ihnen\netwas von ihrem Schmerze ab, ohne es zu wissen * ♦ ♦\nAuf diese Weise vertheilt er sich ohne viel Lärm,\nohne Mühe, wie Luft und Licht ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Eure Kleider sind nass und\ntropfen auf die Steine*\nDER ALTE: Es ist nur der Saum meines Man-\ntels nass geworden * ♦ ♦ Ihr scheint zu frieren* Auf\nEurer Brust ist Erde ♦ ♦ ♦ Ich hatte das auf der\nStrasse nicht bemerkt; es war so dunkel * * ♦\nDER FREMDE: Ich bin bis an die Hüften\nin's Wasser gegangen*\nDER ALTE: Hattet Ihr sie schon lange ge-\nfunden, als ich dazu kam?\nDER FREMDE: Kaum ein paar Augenblicke*\nIch ging auf das Dorf zu; es war schon spät und\ndunkelte am Ufer* Ich hatte die Augen auf den\nFluss geheftet, denn es war dort heller als auf dem\nWege; da plötzlich sah ich etwas Sonderbares,\nzwei Schritt von einem Schilfbüschel ♦ ♦ ♦ Ich gehe\ndarauf zu und sehe ihr Haar, das sich über dem\nKopfe fast kreisförmig vertheilt hatte und im Wir-\nbel des Flusses sich drehte * * *\n(Die beiden jungen Mädchen im Zimmer wenden den\nKopf nach dem Fenster*)\nDER ALTE: Saht Ihr, wie das Haar auf den\nSchultern ihrer Schwestern zitterte?\nDER FREMDE: Sie haben den Kopf hierher\ngedreht * * * Sie haben einfach den Kopf gedreht*\nIch habe vielleicht zu laut gesprochen* (Die jungen\nMädchen nehmen die alte Haltung wieder ein*) Aber schon\nsehen sie nicht mehr her * * * Ich bin bis an den\nGürtel in's Wasser gegangen, und habe sie bei der\nHand genommen und ohne Mühe an's Ufer ge-\nzogen * * * Sie war so schön, wie ihre Schwestern * * *\nDER ALTE: Sie war vielleicht noch schöner * * ♦\nIch weiss nicht, ich habe allen Muth verloren * * *\nDER FREMDE: Welchen Muth meint Ihr?\nWir haben doch alles gethan, was ein Mensch\nthun konnte ♦♦ ♦ Sie war seit mehr als einer\nStunde todt♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Und lebte doch noch diesen Mor-\ngen! Ich begegnete ihr, als sie aus der Kirche\nkam ♦♦ ♦ Sie sagte mir, sie ginge fort; sie\nwollte zu ihrer Grossmutter auf der andern Seite\ndes Flusses, an dem Ihr sie gefunden habt* Sie\nwusste nicht, wann ich sie Wiedersehen würde * * *\nSie muss im Begriff gewesen sein, mir etwas zu\nsagen; dann aber hat sie es nicht gewagt und\nhat mich plötzlich stehen lassen* Aber nun denke\nich daran* Und ich hatte doch nichts gesehen!\nSie lächelte, wie man lächelt, wenn man schweigen\nwill, oder wenn man fürchtet, nicht verstanden zu\nwerden ♦♦ ♦ Sie schien kaum noch zu hoffen ♦♦ ♦\nIhre Augen waren nicht klar und blickten an mir\nvorbei * ♦ ♦\nDER FREMDE: Die Bauern sagten mir, sie\nhätten sie bis zum Abend am Ufer herumirren\nsehen ** * Sie glaubten, sie suchte Blumen ** *\nVielleicht war ihr Tod * * ♦\nDER ALTE: Das weiss man nicht ** ♦ Und\nwas weiss man denn überhaupt! Sie gehörte viel-\nleicht zu Denen, die nichts sagen wollen, und jeder\nträgt in seiner Brust mehr als einen Grund, nicht\nmehr zu leben * * * Man sieht in die Seelen nicht\nhinein, wie man in dieses Zimmer sieht* Sie sind\nalle so ♦♦ ♦ Sie reden von oberflächlichen Dingen,\nund niemand ahnt etwas ** * Man lebt Monate\nlang mit Einem, der nicht mehr zu dieser Welt\ngehört, und dessen Seele sich nicht mehr herab-\nneigen kann; man spricht mit ihm, ohne daran\nzu denken: und Ihr seht, was dann die Folge ist*\nSie sehen aus wie leblose Puppen, und in ihrer\nSeele geht doch so viel vor ♦♦ ♦ Sie wissen selbst\nnicht, was sie sind ** * Sie hätte gelebt, wie die\nandern alle ♦♦ ♦ Sie hätte bis zu ihrem Tode ge-\nsagt: „Mein Herr, es wird heute Vormittag reg-\nnen”, oder: „Wir wollen frühstücken; wir werden\nheute dreizehn bei Tische sein”, oder auch: „Das\nObst ist noch nicht reif”* Sie sprechen lächelnd\nvon den abgefallenen Blüthen und weinen im\nDunkeln * ♦ *• Selbst ein Engel könnte nicht sehen,\nwas man sehen muss; und der Mensch begreift\nerst, wenn es zu spät ist ** * Gestern Abend sass\nsie da bei der Lampe, wie ihre Schwestern, und\nIhr würdet sie nicht sehen, wie man sie sehen muss,\nwenn Das nicht geschehen wäre* Es muss zum\ngewöhnlichen Leben etwas hinzu treten, damit man"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.5", "texte": "DER FRÜHLING.\nJOHANN V. KRÄMER."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.6", "texte": "ALTER KLOSTERGARTEN IN TAORMINA.\nJOHANN V. 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Wo sind sie?\nMARIE: Sie sind am Saume der letzten Hügel*\nDER ALTE: Werden sie auch ohne Lärm\nkommen ?\nMARIE: Ich habe ihnen gesagt, sie sollten\nmit gedämpfter Stimme beten* Martha ist bei\nihnen ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Sind's viele?\nMARIE: Das ganze Dorf ist auf den Beinen*\nSie hatten Lichter mit* Ich habe ihnen aber ge-\nsagt, sie sollten sie ausmachen * * ♦\nDER ALTE: Von welcher Seite kommen sie?\nMARIE: Sie kommen auf dem Fusspfad* Sie\ngehen langsam * * ♦\nDER ALTE: Es ist Zeit*\nMARIE: Habt Ihr's noch nicht gesagt, Gross-\nvater?\nDER ALTE: Wie Du siehst, haben wir noch\nnichts gesagt ♦ ♦ ♦ Sie warten noch bei der Lampe*\nBück' hin, mein Kind, blick' hin; da siehst Du,\nwas Leben ist * * *\nMARIE: Oh, wie ruhig sie sind! ** ♦ Man\nmöchte sagen, sie träumen * * *\nDER FREMDE: Vorsichtig! Ich habe die\nbeiden Schwestern zittern sehen * * *\nDER ALTE: Sie stehen auf * * ♦\nDER FREMDE: Ich glaube, sie gehen an's\nFenster * * ♦\n(Die eine der Schwestern, von denen die Rede ist, tritt\nsoeben an das erste Fenster, die andere an das dritte; sie\nlegen zu gleicher Zeit die Hände gegen die Scheiben und\nstarren lange in's Dunkel*)\nDER ALTE: Niemand tritt an's Mittelfenster*\nMARIE: Sie blicken hierher * * * Sie horchen*\nDER ALTE: Die ältere lächelt, denn sie weiss\nnicht, was sie sieht*\nDER FREMDE: Und die Augen der zweiten\nsind voller Angst * * *\nDER ALTE: Vorsicht! man weiss nicht, wie\nnahe die Seele um die Menschen ist * * *\n(Langes Schweigen, Marie birgt sich an der Brust des\nAlten und umarmt ihn*)\nMARIE: Grossvater! ♦ ♦ ♦"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.8", "texte": "DER ALTE: Weine nicht, mein Kind ♦♦ ♦\nWir kommen auch an die Reihe ♦♦ ♦ (Schweigern)\nDER FREMDE: Sie blicken lange herüber ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Und wenn sie hunderttausend\nJahre herblickten, sie erkennten doch nichts, die ar-\nmen Seelen ♦ ♦ ♦ Die Nacht ist zu dunkel ♦ ♦ ♦ Sie\nblicken hierher, und von dort kommt das Unglück*\nDER FREMDE: Es ist ein Glück, dass sie\nhierher sehen * ♦ ♦ Ich weiss nicht, was da von den\nWiesen herfcommt ♦ ♦ ♦\nMARIE: Ich glaube, es ist die Menge ♦ ♦ * Sie\nsind noch fern, so fern, dass man sie kaum unter-\nscheidet ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Sie folgen den Windungen\ndes Pfades ♦* ♦ Jetzt tauchen sie an einem Rain\nauf, der im Mondschein liegt ♦ ♦ ♦\nMARIE: Oh, es scheinen viele zu sein * ♦ ♦\nSie strömten schon aus der Vorstadt zusammen, als\nich herfcam* Sie machen einen grossen Umweg* *♦ ♦\nDER ALTE: Und werden trotzdem ankommen.\nIch sehe sie auch schon* Sie bewegen sich durch\ndie Wiesen ** * Sie scheinen so klein, dass man\nsie zwischen den Gräsern kaum wahrnimmt * * ♦\nEs sieht aus, als ob Kinder im Mondschein spiel-\nten; und wenn Die da sie sähen, würden sie nicht\nbegreifen ** * Aber umsonst drehen sie ihnen den\nRücken zu; mit jedem Schritte, den sie machen,\nkommen sie näher, und das Unglück wächst seit\nmehr als zwei Stunden* Sie können es nicht\nhemmen, und Die, welche es bringen, können es\nnicht abwenden * * ♦ Es ist ihr Herr und sie müssen\nihm dienen ♦ ♦ ♦ Es kennt sein Ziel und geht seinen\nWeg ** * Es ist unermüdlich und hat nur Einen\nGedanken * * . Sie müssen ihm ihre Kräfte leihen*\nSie sind betrübt, aber sie müssen kommen * * * Sie\nhaben Mitleid, aber sie dürfen nicht Halt machen*\nMARIE: Die Aeltere lächelt nicht mehr, Gross-\nvater * * *\nDER FREMDE: Sie gehen vom Fenster weg*\nMARIE: Und umarmen ihre Mutter ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Die Aeltere streicht dem\nKinde über die Locken; es wacht aber nicht auf*\nMARIE: Sieh nur! der Vater will auch um-\narmt sein ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Jetzt ist alles still*\nMARIE: Sie setzen sich wieder neben die\nMutter * * *\nDER FREMDE: Und der Vater folgt dem\ngrossen Pendel der Wanduhr mit den Augen ♦ ♦ ♦\nMARIE: Man möchte sagen, sie leben, ohne\nzu wissen, was sie thun * * *\nDER FREMDE: Man möchte sagen, sie lau-\nschen ihrer Seele ** * (Schweigen.)\nMARIE: Grossvater, sag' es heute Abend\nnicht! . * *\nDER ALTE: Du siehst, mein Kind, du ver-\nlierst den Muth auch* lch wusste wohl, man\ndurfte nicht Zusehen ♦♦ ♦ Ich bin fast dreiund-\nachtzig Jahre, und doch hat mich der Anblick des\nLebens noch nie so erschüttert* Ich weiss nicht,\nwarum Alles, was sie thun, mir so seltsam und\nernst vorkommt ** * Sie sitzen bei ihrer Lampe,\nbis es Nacht wird, wie wir sie bei der unseren\nherangewacht hätten; und doch ist mir, als sähe\nich von einer anderen Welt auf sie herab, weil\nich eine kleine Wahrheit weiss, die sie noch nicht\nwissen ** * Ist es diess, meine Kinder? Sagt mir\ndoch, warum auch Ihr so bleich seid? Oder ist\nes etwas andres, was sich nicht sagen lässt und\nweswegen wir weinen? Ich wusste nicht, dass das\nLeben so traurig sein könnte, und dass es so furcht-\nbar ist, ihm zuzusehen* Es hätte nichts geschehen\nkönnen, dass ich so fürchtete, sie so ruhig zu\nsehen ♦♦ ♦ Sie haben zu viel Vertrauen zu dieser\nWelt ♦♦ ♦ Sie sitzen da und sind nur durch arme\nFenster vom Leide getrennt ♦ ♦ ♦ Sie glauben, dass\nnichts geschehen wird, weil sie die Thür ver-\nschlossen halten und nicht wissen, dass in den\nSeelen immer etwas geschieht, und dass die Welt\nan den Hausthüren nicht zu Ende ist ♦ ♦ ♦ Sie\nsind ihres kleinen Lebens so sicher; sie ahnen\nnicht, dass tausend Andre mehr davon wissen, und\ndass ich armer alter Mann hier zwei Schritte vor\nihrer Thür stehe und ihr ganzes kleines Glück in\nmeinen alten Händen halte, wie ein krankes Vö-\ngelchen, und sie nicht aufzumachen wage ♦ ♦ ♦\nMARIE: Grossvater, habe Mitleid * * *\nDER ALTE: Wir haben ja Mitleid mit ihnen,\nmein Kind; aber mit uns hat man kein Mitleid*\nMARIE: Sag's erst morgen, Grossvater* Sag's,\nwenn's hell ist, und sie werden nicht so traurig sein*\nDER ALTE: Da hast du vielleicht recht,\nmein Kind ♦♦ ♦ Es wäre besser, man unterliesse\ndies Alles bei Nacht* Und das Licht lindert auch\nden Schmerz Aber was würden sie morgen sagen?\nDas Unglück macht eifersüchtig, und Die, welche\nes trifft, wollen vor den Fremden davon wissen*\nSie mögen es nicht, wenn man es in den Händen"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.9", "texte": "von Unbekannten lässt* Es sähe dann aus, als\nhätte man ihnen etwas vorenthalten wollen * * *\nDER FREMDE: Es ist auch gar keine Zeit\nmehr; ich höre das Murmeln der Menge schon ♦ ♦ ♦\nMARIE: Sie sind da ♦ ♦ ♦ Eben gehen sie an\nder Hecke vorüber * * * (Martha kommt.)\nMARTHA: Da bin ich* Ich habe sie bis\nhierher gebracht* Ich habe sie gehiessen, auf der\nStrasse ZU warten* (Man hört Kindergeschrci.) Weh!\nDie Kinder schreien noch* Ich hatte ihnen doch\nverboten, mitzukommen ♦ ♦ ♦ Aber sie wollten auch\nZusehen, und die Mütter gaben ihnen nach * * * Ich\nwill ihnen sagen * * * Nein, sie sind schon ruhig*\nlst hier alles so weit? lch habe den kleinen\nRing mitgebracht, den man an ihr fand ♦ ♦ ♦ Ich\nhabe auch etwas Obst für das Kind ♦ ♦ ♦ Ich habe\nsie selbst auf die Bahre gelegt* Sie sieht aus, als\nob sie schliefe ♦ ♦ ♦ Ich habe viel Mühe gehabt;\nihr Haar war widerspänstig ♦ ♦ ♦ Ich habe auch\nFeldblumen pflücken lassen* Schade, dass keine\nbesseren da waren ♦ ♦ ♦ Aber was treibt Ihr denn\nhier? Warum seid Ihr nicht bei ihnen? ♦ ♦ ♦ (Sie\nblickt nach dem Fenster.)' Sie weinen nicht? Sie * * *\nIhr habPs wohl nicht gesagt? ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Martha, Martha, es ist zu viel\nLeben in Deiner Seele* Du kannst nicht ver-\nstehen ♦ ♦ ♦\nMARTHA: Warum soll ich nicht verstehen?\n(Sie schweigt lange, dann in vorwurfsvollem Tone.)\nGrossvater, Ihr habt es nicht über's Herz gebracht*\nDER ALTE: Martha, Du weisst nicht * * *\nMARTHA: Ich will es ihnen sagen*\nDER ALTE: Bleib hier, mein Kind; schau\neinen Augenblick dorthin*\nMARTHA: Oh, wie unglücklich sind sie!\nSie können nicht mehr warten ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Warum nicht?\nMARTHA: Ich weiss nicht, aber es geht\nnicht * * *\nDER ALTE: Komm hierher, mein Kind * * .\nMARTHA: Wie geduldig sie sind ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Komm hierher, mein Kind ♦ ♦ ♦\nMARTHA: (sich umdrehend.) Wo seid Ihr,\nGrossvater? Ich bin so unglücklich, dass ich Euch\nnicht mehr sehe ♦ ♦ ♦ Ich weiss auch nicht mehr,\nwo ein und aus ♦ ♦ ♦\nDER ALTE: Sieh nicht mehr hin, bis sie Alles\nwissen * * *\nMARTHA: Ich will mit Euch hineingehen*\nDER ALTE: Nein, Martha, bleib hier * * *\nSetz dich zu deiner Schwester, dort auf die alte\nSteinbanfc, g-egfen die Mauer, und sieh nicht hin.\nDu bist zu jung, du könntest nicht vergessen . . .\nDu kannst nicht wissen, was ein Gesicht in dem\nAugenblick spricht, wo der Tod darüber hinweg\ngeht . . . Vielleicht werden sie jammern . . . Dreh\ndich nicht um ... Vielleicht wird nichts zu sehen\nsein ... Vor allem dreh dich nicht um, wenn\ndu nichts hörst .. . Man kann nicht im Voraus\nwissen, welchen Weg der Schmerz nehmen wird ...\nEin kurzes Schluchzen aus tiefen Quellen und\ndamit ist gewöhnlich alles vorbei .. . Ich weiss\nselbst nicht, was ich thun werde, wenn ich es\nhöre .. . Das hat mit diesem Leben nichts mehr\nzu thun ... Umarme mich noch einmal, eh* ich\ngehe, mein Kind . . .\n(Das Murmeln ist immer näher gekommen. Ein Theil\nder Menge dringt in den Garten. Man hört dumpfe Schritte\nund halblautes Sprechen*)\nDER FREMDE: (zu den Leuten.) Bleibt da ...\nKommt nicht näher an's Fenster ... Wo ist sie?\nEINER AUS DER MENGE: Wer?\nDFR SFT RF Dfk Andem * ‘ ‘die •• •\nSie kommen in der Allee, die\nzum Thore führt . . ,\n_ „ (^er Alte geht. Marie und Martha setzen sich mit dem\nRucken gegen das Fenster auf die Steinbanfc nieder. Ge-\nmurmel in der Menge*)\nDER FREMDE: Pst! nicht sprechen!\n(Die ältere Schwester steht auf und will den Riegel\nvorschieben.) &\nMARTHA: Sie öffnet?\nDER FREMDE: Im Gegentheil, sie macht\nZU* (Schweigen.)\nMARTHA: Ist Grossvater noch nicht herein?\nDER FREMDE: Flein ♦ ♦ ♦ Sie setzt sich wieder\nneben die Mutter ** ♦ Die Anderen rühren sich\nnicht, und das Kind schläft nach wie vor* (Schweigen.)\nMARTHA: Schwesterchen, gieb mir deine\nHand * * *\nMARIE: Martha ** * (Sie umschlingen sich und\ngeben sich einen Kuss.)\nDER FREMDE: Er muss geklopft haben * ♦ .\nSie haben alle zugleich aufgeblickt ** * Sie sehen\nsich an * ♦ ♦\nMARTHA * Oh, mein armes, armes Schwester-\nchen ** * Ich muss auch weinen ♦♦ ♦\n(Sie verbirgt ihr Gesicht am Busen der Schwester.')\nDER FREMDE: Er muss noch klopfen ** *\nDer Vater sieht nach der Thür ** * Er steht auf ** *\nMARTHA: Schwester, Schwester, ich will auch\nhinein * * « Sie dürfen nicht mehr allein bleiben * * *"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.10", "texte": "MARIE: Martha, Martha! (Sie hält sie zurück*)\nDER FREMDE: Der Vater geht an die Thür*\nEr schiebt den Riegel zurück ♦♦ ♦ Er öffnet vor-\nsichtig ♦ ♦ ♦\nMARTHA: Oh, seht * ♦ * da * ♦ ♦\nDER FREMDE: Was denn?\nMARTHA: Was sie tragen ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Er macht kaum auf ♦ ♦ ♦ Ich\nsehe nur ein kleines Stück vom Rasenplatz und\nden Wasserstrahl des Springbrunnens ♦♦ ♦ Er lässt\ndie Thür nicht aus der Hand ♦♦ ♦ Er tritt ein\nwenig zurück ♦ ♦ ♦ Es sieht aus, als sagte er: „Ach,\nIhr seid es!” ♦* ♦ Er hebt die Arme zum Will-\nkommen ♦ ♦ ♦ Er schliesst die Thür wieder sorglich*\nEuer Grossvater ist im Zimmer ♦ ♦ ♦\n(Die Menge hat sich bis an die Fenster herangedrängt.\nMarie und Martha stehen halb auf und treten dann eng um-\nschlungen, an*s Fenster* Man sieht den Alten näher treten*\nDie beiden Schwestern der Todten stehen auf, die Mutter\nebenfalls, nachdem sie das Kind behutsam in den Sessel\nniedergelassen hat, von dem sie aufgestanden ist, so dass\nman von draussen das Kleine mit leicht geneigtem Köpfchen\nim Mittelpunkt der Scene sieht* Die Mutter geht dem Alten\nentgegen und reicht ihm die Hand, zieht sie aber zurück,\nehe er sie hat drücken können* Das eine Mädchen will dem\nBesuch seinen Mantel abnehmen, das andere schiebt ihm\neinen Lehnstuhl hin* Der Alte lehnt mit leichter Bewegung\nab. Der Vater lächelt erstaunt. Der Alte blickt nach den\nFenstern*)\nDER FREMDE: Er wagt es nicht zu sagen*\nEr hat hergesehen ♦ * *\n(Gemurmel in der Menge.)\nDER FREMDE: Pst!\n(Der Alte wendet den Kopf un-\nwillig vom Fenster ab, als er die Ge-\nsichter erkennt* Das eine Mädchen\nschiebt ihm noch immer den Arm-\nstuhl hin, so dass er sich schliesslich\ndoch setzt und mit der Rechten mehr-\nmals über die Stirn fährt.)\nDER FREMDE: Er hat\nsich gesetzt * ♦ *\n(Die Anderen im Zimmer setzen\nsich ebenfalls, während der Vater\nlebhaft spricht* Endlich öffnet der Alte den Mund. Er\nscheint durch den Klang seiner Stimme Aller Aufmerk-\nsamkeit auf sich zu lenken. Der Vater unterbricht ihn. Der\nAlte ergreift wieder das Wort und die Anderen werden immer\nunbeweglicher. Die Mutter schrickt zusammen und steht\nplötzlich auf.)\nMARTHA: Die Mutter hat schon halb ver-\nstanden ♦ • *\n(Sie wendet sich ab und verbirgt ihr Gesicht in den\nHänden. Neue Unruhe in der Menge. Gedränge. Kinder\nschreien und wollen hochgehoben werden, um auch zu sehen.\nDie meisten Mütter geben ihnen nach.)\nDER FREMDE: Pst! ♦ ♦ ♦ Er hat's noch nicht\ngesagt ♦ * ♦\n(Man sieht, wie die Mutter den Alten ängstlich fragt.\nEr sagt noch ein paar Worte; dann plötzlich springen auch\ndie Andern auf und scheinen in ihn zu dringen. Er macht\nmit dem Kopfe langsam ein Zeichen der Bejahung.)\nDER FREMDE: Er hat's gesagt! ♦ ♦ ♦ Er hat's\nauf einmal gesagt ♦ ♦ ♦\nSTIMMEN IN DER MENGE: Er hat's ge-\nsagt! ♦ ♦ ♦ Er hat's gesagt! ♦ ♦ ♦\nDER FREMDE: Man hört nichts ♦ ♦ ♦\n(Der Alte erhebt sich und weist mit dem Finger nach\nder Thür hinter sich, ohne sich umzudrehen. Vater, Mutter\nund die beiden Mädchen stürzen zusammen nach der Thür,\nso dass der Vater sie nicht gleich aufbekommt. Der Alte\nwill die Mutter zurückhalten.)\nSTIMMEN IN DER MENGE: Sie kommen!\nSie kommen heraus! ♦ ♦ ♦ *\n(Gedränge im Garten. Alles stürzt nach der andern\nSeite des Hauses und verschwindet,\nausser dem Fremden, der vor den\nFenstern bleibt. Im Zimmer gehen\nendlich die beiden Thürflügel auf und\nAlle drängen zugleich heraus. Man\nsieht den gestirnten Himmel, den\nGartenplatz und den Wasserstrahl im\nMondschein durch die Oeffnung,\nwährend in der leeren Stube das\nKind in seinem Lehnstuhl ruhig\nweiter schläft. — Schweigen.)\nDER FREMDE: Das Kind\nist nicht aufgewacht*\n(Er geht auch.)\nE N\nD E\n\nSTUDIE.\nJ. V. KRÄMER."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.11", "texte": "SKIZZE\nZUR KREUZABNAHME.\nJOHANN V. KRÄMER."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.12", "texte": "STUDIE ZU EINEM CHRISTUS.\nJOHANN V. KRÄMER."}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.13", "texte": "WAS FANGEN WIR MIT\nDEN ANDERN AN?\n\nVor einigen Jahren\nhatten wir in einer\nrheinischen F abrik-\nstadt eine Kunstaus-\nstellung* Ein Bekann-\nter, der gern in allem\nein gebildeter Mann\nist, bat mich, ihn\ndahin zu begleiten\nund ihm die einzel-\nnen Werke zu er-\nklären* Er verstände\nsonst so gar nichts\ndavon* Ich weiss noch\ngut, wie entrüstet\ndieser Kunstsüchtige\nwurde, als ich ihm\neinen Gang in den\nschönen Herbstwald\nverschlug* Ich wolle ihm dann unterwegs die\nSchönheit der Landschaft in ihren Formen und\nStimmungen so gründlich erklären, dass er nach-\nher mit dem wütigsten Berichterstatter um die\nWette Kunst he- und verurteilen könne*\nWas mir damals ein Scherz war, scheint mir\nheute das einzige, was man diesen Unglückseligen\nsagen kann, die mit leeren Blicken und vollen\nKatalogen verlassen durch die Kunstsäle irren:\n„Geht hinaus und seht die Natur, wie sie unauf-\nhörlich sich wandelt in Farben und Formen, wie\nsie auf dem Hinweg anders ist, als auf dem\nHeimweg, wie die Sönne über die Erde spielt in\ntausend wandelnden Schatten und Lichtern, wie\nWolken und Nebel wachsen und sterben und\newig wandern, wie in einem einzigen Wasser-\nspiegel mehr Lebenswechsel ist, als ihr jemals\naussehen könnt: Ihr werdet bald merken, wie\närmlich der klügste Mann sich da ausnehmen\nwürde mit allen verständigen Erklärungen* Wie\nihr gar nichts anders thun könnt, als sehen, immer\nsehen*\nUnd wenn ihr dann eines Tages im Dunkel\nam Waldteich oder in der Sonne auf freiem Felde\nempfindet, wie Baum und Gras und Luft und\nWind in eins, in euch zusammenklingen, und ihr\nda mitten drin entdeckt wie ein un-\nbegreifliches Rätsel in einem Meer von Rätseln:\ndann habt ihr ein Wunder erlebt* Und ihr wer-\ndet wissen, wie das tiefste, was da in euch an-\ngeklungen ist, nie mit Worten gesagt, nur gefühlt\nwerden kann* Mit dieser Gewissheit geht zurück\nin die Bildersäle und wenn euch noch immer\nhunderte von den Tafeln stumm bleiben: in einer\nwerdet ihr doch euer Wunder wiederfinden*\nDenn nichts anderes stellt der Maler in seinen\nBildern dar, als die unsagbaren Wunder, die ER\naus der Natur gesehen und erlebt hat* Manches\nhat sich vielleicht nur ihm allein offenbart und\nes wird ihm in Ewigkeit keiner völlig glauben*\nAhmt deshalb nicht den bebrillten Kunstrichtern\nnach und geht verächtlich vorüber, wenn eine\nsolche Nummer kein Gnadenkreuz in ihrem Ka-\ntalog findet* Wo euch kein Wunder spricht, wo\nnur Farben und Formen euch kalt lassen, da\ndenkt: Wir Wissens nicht, ob es ein Wunder ist,\nWIR habens nicht erlebt* Und wenn euch bei\nandern gesagt wird, es sind Handwerker und Ge-\nschäftsleute, die nie ein Wunder fühlten und doch\ndiese Bilder malten, weil sie einen guten Ge-\nschmack besitzen, so lasst es gesagt sein* Aber\nkümmert euch nicht darum* Der EUER Wunder\ngemalt hat, will nicht vor diesen glänzen* Er\nwill seine und eure Freude noch einmal geben,\nreiner von Nebeneindrücken und voller im Klang*\nVor seinem Kunstwerk bleibt und wenn ihr\nganz allein da steht, desto besser und seht es\naus, ganz aus* Es wird euch unmerklich zu an-\ndern Wundern führen, von dem Saal in die Natur\nund von der Natur in den Saal* Ihr werdet\nreicher werden und eure Wunder köstlicher*\nIhr werdet eines Tages erkennen, dass ihr man-\nches, was euch ein Wunder schien, mit Vielen,\nAllzuvielen teilt, dass es gar kein Wunder mehr\nist* Ihr werdet es zur Seite legen und nicht trau-\nrig sein* Ihr werdet immer edleren Ersatz finden\nund euch tiefer hineinleben in dieses Reich, wo\nkein Trugschluss das beste Gedankenglücfc zu\nnichte machen kann, wo ihr Sicherheit und Ruhe\nfühlt in dem einen Leben, das in euch und um\neuch in Wundern spricht, die ewig sicher sind\nvor aller Gedankenschärfe* Dann werdet ihr die\nschönen Kataloge den Kassierern lassen und mit\nleeren Händen, aber mit vollen Blicken durch die\nBilderhallen gehen und heilige Tempelweihe füh-\n\nARABISCHER\nBÄNKELSÄNGER.\nJOHANN\nV. KRÄMER."}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.14", "texte": "len, wo euch Langeweile\nquälte* Ihr werdet reich\nsein, wie es die Könige nicht\nsind, und Liebe nehmen\nund geben*”\nSo wird man zu ihnen\nsagen müssen, die ein Bild\nbetrachten wollen, weil sie\nkein Kunstwerk erleben\nkönnen* Es hilft nichts,\ndass wir sie vor ein Ge-\nmälde zerren und ihnen die\nSchönheit der Farben und\nLinien ERKLÄREN* Da\nist nichts zu erklären, und\nunsere Worte werden höch-\nstens Klugschwätzer aus\nihnen machen* Farben und\nLinien wollen nur die\nSeele des Bildes wirken*\nWer die nicht erlebt,\ndem bleiben sie tot trotz\naller schönen Worte* Wem aber diese Seele zum\nWunder wird, dem werden sie wirken, ob er sie\nim Einzelnen gar nicht erkennt* Das Werk will\nnur den einen Klang* Und wer in diesem Klang\nfröhlich geworden ist, den kann kein einzelner\nTon freudiger machen*\nDie Einzelheiten werden ihn nicht zu dem\nWerk, nur zu dem Künstler führen* Sie werden\nihn den Mann bewundern lassen, der so sicher\nsieben Farben dahinsetzte und glauben machte,\nes sei ein ganzer Regenbogen*\nUnd wenn sie vor Ludwig Richter bleiben\nund nicht zu Böcfclin kommen wollen, sollen wir\nsie da lassen* Ihre Seelen sind nur auf jene\nWunder gestimmt* Selbst wenn es gezerrte Ge-\nspreiztheiten sind wie Wandmalereien in König-\nlichen Museen und noch schlimmere Trivialitäten,\nvor denen sie sich wiederfinden: es hilft nichts,\ndass wir sie fortzerren* Es giebt keinen so\nschlimmen Maler, dass er nicht noch schlimmere\nBewunderer fände* Und wer erst bewundert, ist\nschliesslich vor dem schlimmsten, dem Klugreden\ngerettet* Wer mehr in sich hat, wird zu mehr\nkommen* Und wenn nicht: immer noch besser,\ndass einer ehrlich Quark bewundert, als dass er\nfür ein Rechtes Begeisterung heuchelt*\nDas alles sage ich mir am Abend, wenn die\nLampe den Kopf heiss macht und die Welt mit\nmeinen Fensterscheiben auf hört* Aber wenn am\nMorgen die Sonnenstrahlen das fernste Gewölk\nröten, erscheint es mir eitel Flunkerei*\nDie Menschen sind nicht mehr naiv* Alle,\ndie da in die Natur geschickt werden, haben\nschon Bilder gesehen, sind mit Bildern gross ge-\nzogen* Sie haben nicht nur ihre Freude daran\ngehabt, sie sind auch beeinflusst worden* Und\nwas sie als Schönheit in der Welt sehen und was\nsie als Stimmung ergreift, das ist die Schönheit\nund die Stimmung IHRER Bilder* Und weil wir\nvor einer Generation stehen, die ihre Bildung in\neiner Zeit nahm, wo man empfindsam war, statt\nzu empfinden und „schönlich” statt schön, wo\nman aus allem die falscheste Sentimentalität zog,\nselbst aus den grossen Alten: wird sie der eigene\nHang immer abseits der Kunst führen*\nMan sollte sie deshalb mit List und Gewalt\nvor neue Kunstwerke schleifen, man sollte nicht\nruhen mit Hinweisen und Deutungen* Man sollte\ngrosse Bilder der alten Meister, Dichterworte und\nErlebnisse zum Vergleich heranholen* Um sie\ngleichsam suggestiv zu zwingen, an die neue\nSchönheit zu „GLAUBEN”* Und ob der Glaube\nein angenommener ist, vielleicht ergreift er sie\ndoch einmal* Vielleicht können sie überhaupt\nnur ÜBERREDET werden und sind anders gar-\nnicht zugänglich* Vielleicht springt eines Tages\n\nSTUDIEN\nZUR KREUZ-\nABNAHME.\nJOHANN\nV. KRÄMER."}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.15", "texte": "ARABISCHER BETTLER.\nJOHANN V. KRÄMER."}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.16", "texte": "STUDIE\nZU EINER\nENGELSFIGUR\nIN DER\nHIMMELFAHRT.\nJOHANN\nV. KRÄMER."}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.17", "texte": "aus der falschen Begeiste-\nrung- ein Funke ins Herz\nund zündet ein rechtes Feuer\nan* Und wenns nur brennt!\nDann ist es gleich, ob das\nHolz aus dem eigenen Wald\nkommt*\nSo werden wir für die\nKunst UNSERER Zeit\nund das müsste man ihnen\nauch noch recht deutlich\nmachen, dass wir anders\nfühlen als unsere Grossvä-\nter, dass die Renaissance-\nmenschen anders fühlten,\nals die Griechen, und dass\nsich daraus für jede Zeit\nauch ein neuer Ausdruck\nihres neuen Gefühls, eine\nneue Kunst von selbst er-\ngiebt so werden wir für\ndie Kunst UNSERER Zeit\nzwar keine wahren Jünger gewonnen haben, aber\ndoch Menschen, die es aus gutem Willen sein\nmöchten.\nSo denk ich am Morgen. Aber wenn ich\nnach dem Mittag im Wald liege, wo die Bienen\nan den Blüten hängen und bunte Käfer Gras-\nstengel für hohe Bäume halten, sage ich mir:\nWozu all die Quälerei? Die Kunst ist weder\nzum Erziehen da, noch zu sonst einem guten\nZweck. Also lassen wir die Menschen damit in\nRuhe. Sie ist notwendig. Gut! Eine Thatsache.\nDann kommt es wie bei allen Dingen, so auch\nbei ihr darauf an, dass sie Freude macht. Was\nsollen wir da gewaltsam zerren? In unserer son-\nderbaren Welt ist nun einmal alles in einer son-\nderbaren Ordnung. Wo ein Künstler in Farben\noder Worten oder Tönen etwas Neues sagt, da\nsind auch immer Öhren, die hören wollen, und\nHerzen, die sich nach neuer Botschaft sehnen* Dass\nes zunächst nur wenige sind, mag dem betreffenden\nMessias ein Trost sein, wenn er an alte Wahr-\nheiten denkt was sagte doch jener vom Beifall-\nklatschen der Athener und den Jüngern eine\nFreude. Sie feiern nachher das Pfingstfest um\nso stolzer*\nDass Kunst und Volk noch nie soweit aus-\neinandergefcommen sind, als in unserer Zeit, ist\neine gern und oft ausgesprochene Behauptung.\nFreilich, wenn man die Summe aller Krämer-\nseelen für das Volk nimmt! Aber, wer nach\nJahrhunderten unsere Zeit aus ihren Büchern,\nZeitschriften, Briefen und Tagebüchern sieht, ob\nder nicht die Wellen aller grossen Werke erkennt?\nIch denke, die Menschheit hat noch immer einen\nso grossen Magen, dass sie auch ihre Künstler\nverdaut.\n\nWILHELM SCHÄFER.\n\nSTUDIEN ZU\nEINEM\nPHARISÄER\nUND ZUR\nKREUZ -\nABNAHME.\nJOHANN\nV. KRÄMER.\n\nJOSEF\nHOFFMANN."}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.18", "texte": "STUDIE.\nJOHANN V. KRÄMER."}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.19", "texte": "CONRAD FERDINAND MEYER\nPAUL WERTHEIMER.\n• • ♦ Und mit bebend-leisen Ruderschlägen\nTreibt die Barke nun dem Strand entgegen.\n„Sprich, wer bist Du, Fremdling-, ernster Rufer?\"\n. . . „Charon, führe mich zum andern Ufer! . . .\"\n„Fährmann, rette mich vor diesen Scharen,\nDiesen nahen, lichten, wunderbaren! , . .\"\nUnd ringsum mit stummem Händefalten\nViele blasse, murmelnde Gestalten.\nHelden, hohen Haupts, im Prunkgewande\nIrren geisterhaft am Todesstrande.\n„Kennst Du uns! Wir sind's, die Dich umlocfcten,\nDa schon Deine frischen Pulse stockten . . .\nKennst Du uns? Wir sind es, die Dich riefen,\nDir zur Pein entstiegen aus den Tiefen . . .\nWinkend mit dem Glanz der jungen Mienen,\nSind wir Deinem Greisen-Traum erschienen . . .\nBlut begehrten wir zum Weiterschreiten,\nWie die Träume Deiner guten Zeiten . . .\nUnd entflammt ob Deiner Kraft Versagen,\nHaben wir Dich selbst aufs Haupt geschlagen.\nEhe wir zum Acheron gesunken,\nHaben wir des Meisters Blut getrunken . . .\"\n„Fährmann, rette mich vor diesen Scharen,\nDie des müden Künstlers Mörder waren.\nDort am andern Ufer welch' Gedränge.\nHorch! Musik! Schwermütige Gesänge . . .\"\n„Meister, Dich begrüssen wir mit Neigen,\nUnd wir laden Dich in unsern Reigen.\nDie Gestalten, Deine leuchtend-grossen.\nDenen Du den Dolch in's Herz gestossen.\nMeister, sieh: Peskara's bleiche Wange . . .\nAngela mit dem beseelten Gange.\nUnd Jenatsch auf dem Gletscherfirne\nUnd der Mönch mit seiner tollen Dirne.\nHutten, der sich noch im Tode streckte . . .\n. . . Alle, die ich je zum Tode weckte,\nDie ich sterben hiess in heitern Welten,\nGrüssen den durch Geisteshand Gefällten.\nLass sie nicht, die schon so lange harrten,\nCharon länger auf den Bruder warten . . .\"\nUnd stromüber zu Unendlichkeiten\nLässt der Fährmann seine Barke gleiten.\n\nJOSEF\nHOFFMANN."}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.20", "texte": "AUS EINER FOLGE VON FELSENLANDSCHAFTEN.\nRUDOLF JETTMAR."}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.21", "texte": "LIKA.\nEINE KÜNSTLER-ODYSSEE\nvon PAUL SCHEERBART.\nMeiner grossen Datty Servaes.«\nI*\nWie lachende Kinder schaukelten\ndie Wellen auf der grossen See*\nDer Himmel war dunkelblau*\nDas Wasser war dunkelblau*\nLika sass in einer feinen weissen Porzellanschale,\nderen Rand so kraus war, wie ein Halskragen der\nMaria Stuart*\nDie ziemlich flache runde Schale zeigte im\nInnern krause Linien mattbraune, die sich zier-\nlich verschnörkelten, wie altindische Schrift*\nUnd ein orangefarbiger Sonnenschirm schützte\ndie Lika vor den Strahlen der Sonne*\nDer Schirmstocfc stak in der Mitte der Por-\nzellanschale*\nDas orangefarbige Schirmdach war aus Seide\nnicht gebogen, sondern grad und steif wie ein\nSchirm aus dem Lande der Chinesen*\nLika wusste nicht recht, was sie denken sollte*\nJedoch da tauchte plötzlich neben ihr im blauen\nMeerwasser ein dicker Triton empor und fragte,\nnachdem er sich das Wasser aus den Augen ge-\nwischt hatte:\n»Nun, Lika, wohin willst Du?”\nLika besann sich auf Whrte, doch sie merkte,\ndass sie fast alle Worte vergessen hatte*\nNur ein Wort fiel ihr wieder deutlich ein\ndas Wort „Heimath”*\nUnd Lika rief laut:\n„Du, ich möcht' in die Heimath!”\nDer Triton fragte wieder:\n»Was willst Du denn da?”\n»Das Glück!”\nDer Lika war dieses zweite grosse Wort ganz\nunwillkürlich in den IVlund gesprungen*\n- mei*kte sie erst, was sie gesagt hatte, und\nsie lächelte darüber*\nDer Triton aber meinte:\n„Gut, so wollen wir die Heimath mit Deinem\nGlück suchen nicht wahr, Lika?”\n„Ja!” sprach sie*\n\nRUDOLF\nJETTMAR."}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.22", "texte": "AUS EINER FOLGE\nVON FELSENLANDSCHAFTEN.\nRUDOLF JETTMAR."}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.23", "texte": "Darauf schwamm der Triton die Porzellan-\nschale mit der Lika vor sich herschiebend gradaus.\nDie Lika liess sich das gern gefallen.\n11.\nAls sie nun so eine gute Strecke gefahren\nwaren, sahen sie einen kleinen Thurm am Horizonte.\nDie Lika frug:\n„Was ist denn das da?”\nUnd der Triton sagte Wasser prustend:\n„Das ist ein Leuchtthurm!”\nAls sie ziemlich nahe daran waren, beugte sich\nein riesiges Sprachrohr vom Thurme hinunter, und\ndie beiden Kinder des Meeres hörten eine laute\nStimme die frug dumpf:\n„Wer bist Du?”\nDer Triton versetzte mit schallendem Gelächter:\n„Ich bin doch der Triton der fidele Triton!”\n„Wen aber hast Du,” kam's nun wieder aus\ndem Sprachrohr, „in der Porzellanschale?”\n„Das ist doch,” gab da der Triton zurück,\n„die kleine Lika die will wissen, wo ihre Hei-\nmath ist und ihr Glück.”\n„Ist das Kind sehr klug?”\nAlso hörten anitzo die Beiden fragen, und die\nLika gab zur Antwort:\n„Ich hab's garnicht nöthig, sehr klug zu sein,\nwenn blos mein Triton sehr klug ist.”\nLanges Schweigen.\nDann aber brummte es im Sprachrohr:\n„Die Lika ist thatsächlich das klügste Kind\nder Welt. Ihr könnt in den Hafen fahren.”\nDa klatschte die Lika vergnügt in die Hände\nund that ganz stolz.\nDer Triton jedoch brüllte laut:\n„Blase die Zwerge zusammen! Blase! Blase!”\nUnd es geschah.\nIm nächsten Augenblick fingen tausend Blasen\nauf den Molen und am Ufer zu blasen an.\nDas Blasen erschütterte die ganze Luft, so dass\nsich die Lika ihre beiden kleinen Ohren mit den\nZeigefingern zuhalten musste.\nlII*\nDie Zwerge kamen eiligst herbei.\nDie Lika fuhr mit ihrem Triton in den Hafen\nund ward dort von den Zwergen herzlich begrüsst;\nsie schwenkten mit ihren riesigen gelben Stroh-\nhüten fröhlich in der Luft herum.\nUnd dann setzte sich der Triton mit seinen Fisch-\nbeinen bei der Feuerschänke auf den Hafenrand.\nDer fidele Triton trank ein paar Eimer Jammer-\nschnaps und erklärte den Zweck seines Besuchs\n7\" Hess sich dabei gemüthlich von den Zwergen\ndas Kreuz reiben.\nDie Zwerge rauchten fast sämmtlich gute Ci-\ngarren und sahen in ihren buntdurchwebten Schlaf-\nröcken ausserordentlich gutmüthig aus, obgleich\nsie sich eigentlich nicht wenig einbildeten, denn\nsie waren Maler echte Künstler und wussten\ndas sehr genau.\nWie daher der Triton beim zehnten Eimer\nfragte: „Wo ist das Glück?” riefen alle Zwersre\nsofort: s\n„Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.”\nUnd als der Triton beim zwölften Eimer fragte:\n„Wo ist die Heimath?” riefen die Zwerge abermals:\n„Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.”\nDie Lika unter ihrem orangefarbigen Sonnen-\nschirm graute sich hinter den Ohren, kniff dem\nriton in die Schuppen des linken Fischbeins und\nsagte:\n„Na, dann wollen wir nur das Land suchen.”\nDie Zwerge thaten sehr erstaunt, und ein Dick-\nkopf meinte:\n„Lika, eigentlich hätte ich Dich für klüger\ngehalten.”\nDer Triton lachte, Lika verstand das aber nicht.\nUnd so verabschiedeten sich die beiden Kinder\ndes Meeres, denn die Lika hatte es furchtbar eilig.\nDie Zwerge bedauerten, dass der Besuch so\nkurz bemessen gewesen sei, liessen wieder alle\nBlasen blasen, dass die Molen bebten und dabei\nfuhr die Lika mit ihrem Triton am Leuchtthurm\nvorbei wieder m's Meer hinaus, allwo es etwas\ndunkler wurde.\nIV.\nEs war Nacht.\nDie Sterne gingen auf und der grosse Mond.\nDer grosse Mond beleuchtete das grosse Meer, und\ndie Lika freute sich an dem blitzenden Wellenglanz.\nDer Triton lenkte die Porzellanschale allmäh-\nlich einem anderen Lande zu; einem grünen Lichte,\ndas nur schwach am Horizonte vorschimmerte, kam\ner langsam näher.\nDie Lika machte den Sonnenschirm zu, bog\nden Stock nach vorn, so dass die Spitze sich auf\nden krausen Rand der Schale legte, und schlief\nein bischen ein.\nAls sie wieder erwachte , sah sie vor sich ein\ngrosses schwarzes Gebirge."}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.24", "texte": "Unten, wo der Fels infs Meer stiess, war ein\ngrosses zackiges Loch das schimmerte grün\nda fuhr der Triton mit der Lika durch*\nUnd nun schwammen sie in einem weiten,\nhohen, grünen Grottensaal*\nIn herrlichen Nischen standen weisse Gestalten\naus Stein*\nDie Lika sah sich ganz verwundert um*\nUnten war Alles Wasser, doch an den Seiten\nhinter den Nischen führten weisse Treppen bis\nhoch in die grüne Lichtkuppel hinauf*\nDie weissen Gestalten aus Stein waren von\nMenschenhand geschaffen; die beiden Kinder des\nMeeres waren bei den Menschen die kamen\njetzt langsam die weissen Treppen hinunter*\nDie ernsten Bildhauer in ihren weissen Gewän-\ndern glichen mit ihren langsamen Bewegungen bösen\nGespenstern*\nDie Lika hielt den Athem an; ihr lieFs kalt\nüber den Rücken*\nDie Bildhauer lauter Menschen kamen\nlangsam immer näher, und das arme Kind in der\nPorzellanschale fürchtete sich*\nDer Triton schlug mit der Faust auFs Wasser,\ndass es hoch aufspritzte*\nV*\nDer fidele Triton taucht unter, stösst beim\nWiederauftauchen mit dem Kopf unter die Por-\nzellanschale und hebt sie hoch in die Luft, hält\naber noch die Hände an den krausen Rand*\nDie Bildhauer flüstern was und wenden sich\nah ihren Steingestalten zu♦\nDer Triton bringt wieder dieselben Fragen wie\nbei den Zwergen vor, jedoch die Antwort bleibt\naus die Bildhauer hämmern an ihren Stein-\ngestalten •\nVorsichtig setzt der Triton die Porzellanschale\nwieder in's Wasser und sagt ruhig:\n„Liebe Lika, wundre Dich nicht über die\nSchweigsamkeit dieser Herren* Sie wollen Dir mit\nihrem Gehammer blos dieselbe Antwort geben, die\nDu bei den Zwergen vernahmst*”\nDie Lifca versetzte kleinlaut:\n„Ich weiss noch: Glück und Heimath ist dort,\nwo man Tag und Nacht Künstler sein kann* Da\nmüssen wir wohl wieder weiter* Mir wird hier\nauch so schwül*”\nDer Triton lacht, dass es im grünen Grotten-\nsaal unheimlich schallt, und fragt wild:\n„Kein Modell gefällig?”\n„Wir formen,” brummt darauf ein alter Bild-\nhauer, „jetzt nur noch Menschenfcörper; die ver-\nkrüppelten Wesen namentlich die knielosen\nsind nicht mehr nach unserm Geschmack*”\nDas nimmt der Triton ganz ruhig hin, schwimmt\nwortlos mit der Lifca durch die nächste Pforte ab\nin einen rothen Grottensaal, wo lauter Gruppen\nmit Schlangenarmen in den Nischen stehen*\nEs geht noch durch goldene, silberne, blaue\nund anders gefärbte Grottensäle*"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.25", "texte": "Ueberall wilde Steingesellen mit lustigen\nKöpfen und seltsamen Gliedmassen abenteuer-\nliche tolle Märchengeister*\nOefters brummt der Fischbeinige:\n„Krüppel! Feine Krüppel!”\nDie Lika versteht nicht, was er damit sagen\nwill*\nVl*\nUnd dann sind die Beiden wieder in der freien\nWelt, draussen unterm blauen Himmel*\nDie Morgensonne lacht, und die Lika lacht mit*\nAuf einem stillen Waldsee sind die Beiden, sie\nfreuen sich über die grünen Bäume, über die Wasser-\nrosen und über die weissen Schwäne, die würdevoll\nihr Haupt umdrehen, um die Lika in ihrer Por-\nzellanschale zu sehen; Lika spannt wieder ihren\norangefarbigen Sonnenschirm auf*\nAm Ufer blühen dicke, bunte Blumen, wilde\nEnten fliegen hin und her, Hirsche kommen und\ntrinken Wasser, sehen die Lika und laufen fort\nin die dunklen Wälder, durch die Niemand durch-\nblicken kann*\nEs ist still, es bleibt aber nicht still*\nVon einem Birkenhügel klingt ein sanftes Saiten-\nspiel hernieder*\nUnd wie sie weiter fahren, ertönen in den Wäl-\ndern harte Hörner und dröhnende Pauken ganz\nin der Nähe hinterm hohen Schilf wird eine Flöte\ngeflötet*\nDer Triton sagt:\n„Du, das ist ein Dudelsack !”\nAber danach hören sie einen glockenhellen Ge-\nsang viele Mädchenstimmen!\nAn den Ufern wird's auf allen Seiten immer\nlauter Geigengesumm und Trompetengeschnatter\nTrommelgerassel und Harfengeklimper!\nMusik überall!\nUnd es klingt so fein zusammen*\nDie Lika lauscht und lächelt und bewegt im\nTakte die zarten Finger*\nVorsichtiger bewegt der Triton seine glitzern-\nden Fischbeine, damit man ja die Lika Alles hören\nkann all die vielen Jubelstimmen, die dem Mor-\ngen „guten Morgen” sagen*\nVII*\nPlötzlich auf allen Bergen ein wüstes Ge-\nschrei!\nAlle Instrumente kreischen durcheinander\nund es erscheinen die Bocksbeinigen tolle Weib-\nlein und noch tollere Männlein*\nDie Musiker sind's!\nSie begrüssen den fidelen Triton und die drol-\nlige Lika mit graulichem Gejohle*\n„Wo ist die Heimath?” fragt der Triton*\nDa wird's mit einem Male wieder still, und die\nBocksbeinigen singen im grossen Chore:\n\nRUDOLF JETTMAR."}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.26", "texte": "AUS EINER FOLGE VON\nFELSENLANDSCHAFTEN.\nRUDOLF JETTMAR."}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.27", "texte": "Ach, unsere Heimath ist doch überall\nIm blanken Saale und im Stall,\nAuf freiem Berge und im engen Thal\nIm grenzenlosen Weltenall!\nUnd dann springen die Sänger und Sängerinnen\nin's Wasser, küssen den Triton und wollen die Lika\naus ihrer Schale herausheben —aber ach! das\ngeht nicht die Lika ist ja mit ihrer Porzellan-\nschale zusammengewachsen wie die Schnecke\nmit ihrem Haus*\nGrosses Entsetzen!\nAber die Lika macht wieder ihren Sonnenschirm\nzu, und die Bocksbeinigen beruhigen sich, tragen\nihre beiden Gäste so recht behutsam anfs Ufer und\nspielen dort zum Tanze auf* An dem können nun\nleider die Kinder des Meeres nicht theilnehmen*\nJedoch das stört die Freude nicht*\nNach dem Tanze wird Wein getrunken und\nRauschmusik gemacht; die ganze Gesellschaft\nschwimmt in Seligkeit*\nAlle erklären der Lika, dass das Glück in der\nKehle und in den Instrumenten sitze; ein vernünf-\ntiges Wort lässt sich mit diesen Leuten nicht reden*\nDer Triton sagt blos:\n„Liebe Lika, glaube mir: auch diese fidel e Ge-\nsellschaft theilt die Meinung der Zwerge in jeder\nBeziehung*”\nUnd die Augen der Lika leuchteten verständnis-\ninnig auf wie zwei neue Sterne*\nVIII*\nAls das Fest zu Ende war, erklärte die Lika\nihrem Begleiter würdevoll:\n„Mein Lieber, erlaube mal! Jetzt will ich end-\nlieh anfs Ziel kommen* Das gesuchte Land muss\ndenn doch zu finden sein* Wenn Du mich nicht\nbald hinbringst, so muss ich mir einen anderen\nFührer suchen* So geht's nicht weiter*”\n„Hm!” versetzte der Triton, weckte mit einer\ndreieckigen Trommel ein paar schlafende Musiker\nund bat um einen Wagen*\nOhne die anderen Musiker in ihren Träumen\nzu stören sie schliefen sämmtlich kamen die\nHerren bereitwillig der Bitte nach, spannten sechs\nHirsche vor ein Kabriolett und bald ging*s\nüber Stock und Stein in eine andere Gegend; die\nLika kriegte Angst bei der schnellen Fahrt, denn\nsie sass in einer Schale von allerfeinstem, dünnsten\nPorzellan*\nAuf einem grossen, runden, mit bunten Fliesen\nbedeckten Platze blieben die Hirsche dampfend\nstehen*\nUnd aus dunkeln Wolken kam ein aufge-\nblasener Luftballon herunter*\nDie Lika schlug die Hände überm Kopfe zu-\nsammen, aber die Bocksbeinigen setzten sie mit\nihrer Porzellanschale in die Gondel, halfen auch\ndem Triton hinein und fort ging's hinauf\nin die dunklen Wolken*\nDas war eine Fahrt!\nDie Lika war ganz sprachlos*\nDer Ballon fuhr durch die Wolken durch und\nkam in den hellen blauen Himmel*\nDrei Bucklige kletterten an den Gondelstricken\nempor, und drüben stieg ein riesiges Purpurgebirge\nso hoch in's Blaue, dass man die rothen Spitzen\noben nicht mehr sehen konnte*\n\nRUDOLF JETTMAR."}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.28", "texte": "Aber was Anderes sahen die Kinder des Meeres\nlange Männer mit furchtbar langen schmalen\nFlügeln!\nDie Flügelmänner flogen an den Purpurfelsen\nherum wie Schwalben vor ihren Nestern herum-\nfliegen.\n„Was sind denn das für Kerls ?” frug die Lika*\nUnd die drei Buckligen riefen oben unterm\nLuftballon:\n„Das sind die grossen Dichter!”\nIX*\nNa die Dichter waren ganz freundliche\nHerren; sie empfingen die schnurrigen Gäste wie\nalte hoben sie aus der Gondel und\nbrachten sie durch ein rundes Fenster in ihre Felsen-\nwohnung*\nDer Triton legte sich gleich auf einen molligen\nDivan und stopfte sich einen Tschibuk*\nDie Lika setzte man auf einen fünfeckigen\nFenstertischt von wo aus das gute Kind eine\nprächtige Aussicht über kunterbunte Wolkenbündel\ngenoss; keilförmige Schatten und Sonnenstrahlen\nhuschten vorüber*\nttAlso jetzt ” sprach Lika an ihre Porzellan-\nschale klopfendt „soll mir endlich der richtige Weg\nzur Heimath mit dem Glück gezeigt werden* Bitte!\nSprechen Sie, meine verehrten Herren l”\nDie Dichter erkundigten sich tiefernst bei dem\nTriton nach demt was das resolute Kind wissen\nwolltet und dann hub der Aelteste der Dichter\nalso an:\nttFür diejenigen Weltbewohn er, die Laien und\nkeine Künstler sindt bedeuten die Begriffe „Heimath”\nund „Glück” etwas Andres als für uns Künstler*\nDas Laienvolk verbindet eben mit den einzelnen\nWorten völlig andre Geschichten* Das geht uns\nnatürlich Nichts an* Laiensache bleibt Laiensache!\nWir Künstler aber nennen die ganze Welt unsre\nHeimath und finden überall dort unser Glückt wo\nwir nach unserm Geschmack leben können* Das\nLandt das Du suchst, brauchst Du also nicht mehr\nzu suchent denn Du bist ja schon da* Du willst\ndoch Künstlerin werden, nicht wahr?”\n„Ich möchtet” erwiderte schüchtern die gute\nLikat »gern eine Künstlerin werden*”\n„Das freut mich!” sprach der „heut\nmich sehr! Ich hätte Dich auch im andern Falle\nzum Fenster hinausgeworfen*”\n„Abert” schrie erschrocken die Likat „meine\nPorzellanschale wäre dann doch entzweigegangen!”\n„Wir Dichter sindt” fuhr der alte Herr unbeirrt\nfortt „ebenfalls Künstler, ausserdem haben wir\n\nRUDOLF JETTMAR."}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.29", "texte": "noch die Verpflichtung, weise Gedanken zum\nAusdruck zu bringen* Namentlich kommt es uns\nzu, jegliche Einrichtung der Welt im besten Lichte\nzu zeigen und alle Schattenseiten nach Möglichkeit\nzu erhellen*”\nDer Triton lachte leise auf seinem molligen\nDivan und blies wirbelnde Tabakswolken in das\nstille hochgelegene Dichterzimmer*\nX*\n„Kluge Lika, merkst Du nu bald was?”\nAlso der Triton die Lika sagte:\n„O ja! ich merke, dass die ganze Reise eigent-\nlich überflüssig war, denn was ich suchte, ist ja\nda* Unsre Heimath ist ja überall* Und das Glück\nkommt ja beim Schaffen* So klug, um das Alles\nzu begreifen, bin ich schon* Wo aber lerne ich\ndas Schaffen?”\n„Schaf !”■versetzte beim Flügelputzen ein jüngerer\nDichter, „ordentliche Künstler lernen überhaupt\nNichts von Andern, sie probiren einfach und können\ndann was*”\n„Ach so!” flüsterte nun die Lika lächelnd,\n„da werde ich ,Erinnerungen aus meinem Leben'\nschreiben, das kann ich bereits*”\nDie Dichter verneigten sich respektvoll und\nbegrüssten in dem Porzellanmädchen die neue\nKollegin, empfahlen ihr aber, zuvörderst in's\nRiesenreich zu fahren, allwo für Dichterinnen und\nErinnerungskunst sehr viel Platz vorhanden sei*\nDie Lika sagte nicht „Nein”, und so ging's\nschnurstracks in's Riesenreich*\nDie höflichen Dichter brachten ihre beiden\nGäste schleunigst in die Hinterzimmer und von\ndort in eine düstre Höhle, die nur von Fackeln\nerleuchtet wurde* Unten plätscherte Wasser —da\nsetzte man die Beiden hinein*\nUnd bald schwamm der Triton, die Porzellan-\nschale wieder vor sich herschiebend, durch einen\nmatterleuchteten Höhlenfluss*\nDas Wasser rauschte sehr es rauschte immer\nstärker, immer schneller schoss es dahin* Bald\nmerkte die Lika, dass sie sich in einem reissenden\nStrome befanden*\n„Wir sind in der Wasserrutschbahn!” brummte\nder Fischbeinige, hob die Porzellanschale ein bis-\nchen höher und dann ging's wie ein Pfeil hinab\nrasend rasch wieder hinaus in's Freie*\nUnd durch den spritzenden Wasserschaum sahen\nsie das Riesenreich*\nXL\nUih!\nDas saust und braust und schäumt und sprüht\nfeinen Wasserstaub, dass Regenbogen entstehen\nhinunter geht's in grader Linie zum dunkel-\nblauen Meere*\nUnd was sieht die Lika?\nRiesen sieht sie drüben auf den Inseln des\nMeeres* Die Riesenköpfe ragen hoch in die Wolken\nund bauen thun die Riesen Paläste bauen\nsie mit blitzenden Thürmen, Erkern und Säulen-\nhallen Alles funkelt und glüht und zuckt und\nsticht in lodernd brennenden Farben denn alle\nBausteine sind natürlich echte Edelsteine und Dia-\nmanten riesige!\nDie Lika jauchzt, ihre Haare flattern, ihre\nKleider flattern und das Wasser stürzt polternd,\ngrosse Wogen rauschend mit dem Triton, der die\nPorzellanschale geschickt hoch über seinem Haupte\nhält, in's blaue Meer*\n„Das war eine feine Fahrt!” ruft die Lika, als\nsie unten sind* Die Purpurgebirge liegen schon\nweit hinter ihnen, denn die Wasserrutschbahn fährt\nschnell dahin wie eine Kanonenkugel*\n„Willst Du nun,” fragt der Triton, „auch die\nRiesen noch einmal fragen, wo Deine Heimath mit\nDeinem Glück ist?”\n„Das ist wohl,” erwidert die Lika, „nicht grade\nnöthig, denn ich weiss ja schon, dass unsre Hei-\nmath und unser Glück blos dort ist, wo wir un-\ngestört Künstler sein können* Hübsch wär's aber\ndoch, wenn wir frügen* Wie machen wir das?”\nLikas Führer steuert der nächsten Insel zu, wo\ndas ganze Ufer aus hohen Säulenhallen besteht\ndort klingelt er an einem dicken Strick und\nbald erscheint eine kolossale Riesentrompete in\nder Luft*\nWieder werden die alten Fragen gestellt*\n„Wo ist unsre Heimath?” brüllt der Fidele*\n„Bauen!” tönt's aus der Trompete zurück*\n„Wo ist unser Glück?” fragt er dann*\nUnd abermals kommt's aus der Trompete heraus:\n„Bauen!”\n„Siehst Du,” sagt da der kluge Meermann,\n„die Riesen meinen ganz genau dasselbe wie die\nZwerge* Jetzt weisst Du doch endlich, was Du\nwissen willst* Es war nicht leicht, Dir die Ge-\nschichte klar zu machen* Deine Heimath hast Du\nalso gefunden* Nun schreibe Deine Erinnerungen,\ndamit Du auch glücklich wirst*”"}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.30", "texte": "„Ich danke Dir,” sagt freundlich das gute Por-\nzellangeschöpf, „gieb mir nur das nöthige Papier\nund einen Tintenstift* Ich will gleich glücklich\nsein*”\nDer Triton holt das Gewünschte aus seinem\nRucksacke hervor und giebt es hin*\nDer Himmel ist blau*\nDas Meer ist blau*\nDer Triton taucht unter*\nDie Lika schreibt ihre Erinnerungen unter\nihrem orangefarbigen Sonnenschirm*\nXII*\nFeierlich thürmen die Riesen einen edlen Bau-\nstein auf den andern, heften die grossen Diaman-\nten ordentlich fest, messen und zeichnen und rech-\nnen, bauen Palast an Palast, dass alle Inseln im\nRiesenreich immer herrlicher glänzen und glitzern\nwie Kronen wie ewige Kronen*\nSchiffe kommen und bringen neues Werkzeug,\nunzählige neue Stoffe, Silber und Glas für die\nKuppelbauten Gold für die dicken Wetterfahnen*\nDie weiten Säulenhallen, die Terrassen mit\nihren spiegelnden Fliesen, die Treppen mit den\noffenen Pforten fassen die hohen Inseln so\nprächtig ein als wären's Juwelen* Aus den\nThurmlaternen leuchtet's wie aus glücklichen\nAugen* Und Alles scheint weit aufgethan zu\nsein frei sonnendurstig!\nDie Lika sitzt in ihrer Schale schaukelt im\nMeerwasser neben einem grossen, siebeneckigen\nThurm, schreibt aber so emsig an ihren Erinne-\nrungen, dass sie das Schaukeln gar nicht bemerkt*\nDer Triton bringt ihr einen neuen Tintenstift\nund meint schmunzelnd:\n„Es ist nur gut, dass Du wie alle echten\nKünstler von der Luft leben kannst, sonst würdest\nDu vielleicht nicht ganz so glücklich sein*”\n„Doch!” sagt sie, „ganz so glücklich!”\n„Na! Na!” tönt's zurück*\nMöven schweben vorbei weisse*\nDas Meer ist blau*\nDer Himmel ist blau*\nUnd die Lika schreibt*\nDer Triton plätschert im Wasser herum und\nspielt mit dicken Lachsen*\nFIN I S\n\nRUDOLF\nJETTMAR."}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.31", "texte": "AUS EINER FOLGE VON FELSENLANDSCHAFTEN.\nRUDOLF JETTMAR."}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189906-01.1.32", "texte": "Für die Redaktion verantwortlich: £♦ A* Seemann, Leipzig*\nDruck von Ernst Hedrich Nachf., Leipzig*\n\nIV. AUSSTELLUNG DER VEREINIGUNG BILDENDER KÜNSTLER ÖSTERREICHS,\nSECESSION, WIEN, VOM 17. MÄRZ BIS 31. MAI 1899.\nLISTE DER VERKAUFTEN WERKE.\nALT RUDOLF VON, Wien\nANDRI FERDINAND, Wien\nBAERTSOEN ALBERT, Paris\nBARTHOLOME ALB., Paris\nBERNATZIK WILHELM, Wien\nBERTON ARMAND, Paris\nBILLOTTE RENE, Paris\nCARABIN FRANCOIS R., Paris\nCHARPENTIER ALEX., Paris\nELIOT MAURICE, Paris\nESCOULA JEAN, Paris\nGAGLIARDINI G., Paris\nGANDARA A. DE LA, Paris\nGROSVENOR THOMAS, Glasgow\nHÄNISCH ALOIS, München\nHEIDER FAMILIE VON, Schongau\nHOFFMANN JOSEF, Wien\nSalzburg*\nAlte Niklaskirche in Gastein*\nPiazzetta in Venedig*\nGalizische Bauern*\nSt* Pölten*\nIm Juni*\nGalizischer Markt*\nFahrt zum Markt*\nReitender Bauer*\nGalizische Bauern*\nWeiblicher Studienkopf*\nBlätterstudie*\nAuf Seeland*\nDie Sackgasse*\nWeg auf Seeland (Radirung)*\nWeinendes Mädchen (Bronze)*\nFlusslandschaft*\nUnter Blüten*\nDer Morgen*\nDer Schlaf*\nBefestigungswerke*\nMädchen mit Katze (Bronze)*\ntt ff ff ft\nBroche.\nSchreibzeug:.\nPortrait von Puvis de Cha-\nvannes (Bronze).\nRosenmalven.\nKlatschrosen.\nActstudie (Lithographie).\nDer Stab des Alters (Terracotta).\nSpanische Grenze.\nStatue der Diana.\nEin Frühlingslied.\nW olkenschatten.\nKeramiken.\nKästen.\nP ostamente.\nHOFFMANN JOSEF, Wien\nJÄGER FRANZ W*, Wien\nJETTEL EUGEN, Wien\nKLIMT GUSTAV, Wien\nKOLLWITZ KÄTHE, Berlin\nKUEHL GOTTHARD, Dresden\nLENZ MAXMILIAN, Wien\nLERCHE H* ST*, Paris\nMOLL CARL, Wien\nMYRBACH FELICIAN VON, Wien\nNOVAK ANTON, Wien\nOLBRICH JOSEPH M*, Wien\nORLIK EMIL, Prag\nRAFFAELLI J* FRANCOIS, Paris\nROGER GUILLAUME, Paris\nROTHANSL EDMUND, Wien\nERNST STÖHR, St* Pölten\nTHAULOW FRITZ, Paris\nTHAULOW MADAME, Paris\nTICHY HANS, Wien\nVALLGREN VILLE, Paris\nHocker*\nDiverse Möbelstücke*\nFriedland in Böhmen*\nSchafherde*\nDer Gänseteich*\nRuhende Ackerpferde*\nGemüsegarten bei Cayeux*\nLandstrasse in Kotting-Neisiedel*\nEntennester*\nAllerlei Gesichter*\nDer Weberaufstand (Radirung)*\nAugustusbrücke in Dresden, Herbst*\nAugustusbrücfce im Winter*\nBrühlsche Terrasse*\nEine Welt*\nKeramiken*\nVor dem Diner*\nHurrah (Algrafie)*\nAbend*\nDiverse Möbelstücke*\nAm Felde (Holzschnitt)*\nMusik „\nDer Schnitter ~\nW äscherinnen ~\nPessimist ~\nMittagsrast der Slowaken (Holzschnitt)\nLandschaft ~\nSchneiderwerkstatt ~\nDer Strassenkehrer*\nDer Händler*\nPhantasie*\nSchildkröte (Schmucfcschale, Bronze)*\nNachmittagssonne in der Küche*\nAbendmesse*\nLedertaschen*\nMeeresstudie*\nBretagnerin (Bronze)*\nDer Scjimerz ~"}]}