{"numero_id": "bm-bmtnabf-1899-11-01", "volume": "bmtnabf_1899-11_01", "ocr_sha256": "3c7eb370f88606ef124d8e4ba12eaaef22992efb4fe6e5a007b30d7f42cb9404", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabf/issues/1899/11_01/bmtnabf_1899-11_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabf/issues/1899/11_01/bmtnabf_1899-11_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabf-1899-11-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-11_01#c001", "volume": "bmtnabf_1899-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.2.1", "titre_corps": "INHALT", "titre_sommaire": "INHALT", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 250, "texte": "INHALT\nSEITE\nTHEO VAN RYSSELBERGHE. VON EMILE\nVERHAEREN\nAUGUSTE RODIN. VON OSKAR FISCHEL 6\nÜBER E. T. A. HOFFMANN. VON RICARDA\nHUCH j7\nBILDERREPRODUKTION NACH WERKEN\nVON THEO VAN RYSSELBERGHE,\nREDAKTION:\nFRIEDRICH KÖNIG. 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Marie Herzfeld", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2061, "texte": "THÉO VAN\nRYSSELBERGHE\n\nEs könnte mich locken, mit Hintansetzung: der\nAnekdote und aller oberflächlichen Einzel-\nheiten die Natur dieses Malers direct zu\nstudieren* Leichtigkeit, Fülle, Raschheit des Ent-\nwurfes und Gewandtheit der Ausführung”, eine\nimmerwache Unmittelbarkeit und eine ganz unbe-\nstreitbare Eleganz characterisieren seinen Anfang*\nEr triumphierte im Augenblick, wo er erschien;\ndoch alsbald begreift er, dass ein solcher Triumph\ngemein ist, und sein Glück und sein Erfolg bringen\nihn, anstatt ihn zu befriedigen, zum Nachsinnen*\nSchon die erste Ueberschau seiner selbst zügelt in\nihm diese gefährliche Mühelosigkeit, alles zu malen,\nohne jemals zu missfallen* Er begiebt sich mit\nEifer an's Studium; er wird in der Zeichnung straf-\nfer; er erwirbt sich eine fast tadellose Technik*\nEr macht gute Malerei*\nEin Anderer hätte sich damit begnügt* Theo\nvan Rysselberghe thut das nicht* Da seine Leiden-\nschaft für die Kunst ihn mehr und mehr befeuert,\nsetzt er sich die Aufgabe, sein Studium des Lichtes\nund des Umrisses bis zur Spitze zu treiben* Der\nImpressionismus hatte ihn gewonnen* Er versteht\nsofort alle dessen Hilfsquellen* Zum erstenmal wird\ndas Weltall in seinem hellen, beweglichen, leben-\nden Aussehen betrachtet* Die Stunden, von denen\nman bloss das Erscheinen im Frühlicht und das\nVerschwinden in der Dämmerung kannte, sie werden\nnun eine um die andere studiert und die Atmo-\nsphäre wird in ihren tausend\nwiedergegeben*\nWas Theo van Rysselberghe an diesem neuen\nBemühen der Kunst um den aufrichtigen Ausdruck\nder Dinge gelockt hatte, das war, glauben wir,\ndie Freude* Manet, Monet, Renoir erleuchten die\nNatur und machen sie vor Lustigkeit schreien*\nTheo van Rysselberghe, indem er sich zu ihnen\nwendet, gehorcht also dem Grunde seines Wesens*\nEr hatte sich selbst schon zu sehr überwacht, um\nauf diesen neuen Weg nichts anders mitzubringen\nals nur Feuer und Flüchtigkeit* Der Impressionis-\nmus, der, nicht bei den Meistern, aber bei ihren\nNachahmern, häufig im Entwurf und der Skizze\nstecken bleibt, und nichts als unfertige und keim-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2833, "texte": "hafte Seiten bietet, war für ihn nur ein Durchgang\nzu seiner heutigen Kunst. Wie einstens, unter-\nwarf er sich einer genauen Disciplin. Er hatte\nAbscheu vor dem Ungefähr, vor der losen, schnellen\nund heftigen Malerei; er beruhigte sich durch die\nMethode. Von seinen alten Gaben behielt er nichts\nals die Empfindung und besonders die Eleganz.\nGeorge Seurat, dieser grosse Maler, den der Tod\nder Weit gestohlen, hatte sich ein System gemacht,\ndas er in seiner ganzen Strenge zur Anwendung\nbrachte. Theo van Rysselberghe hört ihn an,\nund wenn er heute die Bande wieder ein bischen\nlockert, mit denen er sich freiwillig gezügelt hatte,\ngeschieht es, weil er in sich die Kraft fühlt, nichts\nvon der Freiheit zu fürchten, die er sich auferlegt,\nEine unmittelbare, glühende und lebhafte Natur,\ndie aber. Dank der Macht über sich selbst, klar\ndiscipliniert ist, so stellt sich uns Theo van\nRysselberghe dar. Er ruft die Regel an, wäre sie\nauch undankbar und schwer, und aus diesem Grund\ntreibt ihn seine Bestimmung heute, nachdem er\nsich in der Landschaft und im Porträt ausgegeben,\nzur Composition und zu den schroffen Spitzen der\nMalerei.\nSeine Laufbahn (er zählt 37 Jahre) ist sehr\nangefüllt. Seine Reisen haben ihn nach Spanien,\nnach Marokko, nach Italien, nach England, nach\nHolland, in die Provence, in den Orient geführt,\nEr hat aus jedem Land einige Schönheitsanschau-\nungen mitgebracht. Seine erste bedeutende Aus-\nstellung war jene, die er nach seiner Rückkehr\naus Tanger (1881) veranstaltete. Seine letzte\nführte Winkel des Mittelländischen Meeres vor die\nRampe. Seine Radierungen sind häufig Eindrücke,\ndie er in Volcndam, in Urfc und in Zeland ge-\nsammelt.\nUnter seinen Porträts ragen jene der Damen\nGysbrecht, Picard, Dubois (alte Manier), ferner\njene der Damen Theo van Rysselberghe, Fle, Mon-\nnom (neue Manier) hervor. Das Porträt des Malers\nPaul Signac ist das menschliche Abbild, das er\nam gewissenhaftesten und am charakteristischesten\ngemalt hat.\nSeine grosse Composition „L'Heure Embrasee”\n(die feurige Stunde) wurde in St. Tropez (Var)\nausgeführt. Es ist das eine Leinwand, auf der.\nDank dem Gegensatz der orangefarbenen und vio-\nletten Töne, Dank den mit Ueberlegung ver-\ntheilten Massen, den ruhigen, glücklich ver-\nknüpften oder ohne Anprall noch Unterbrechung\nweiter fliessenden Linien eine glühende Harmonie\nverwirklicht ist. Das ist bis heute sein offenbar-\nster Sieg.\nDiese gedrängte Uebcrsicht, aus der das stets\netwas marktschreierische Lob mit Willen verbannt\nist, hat keinen anderen Zweck, als von dem Werk\nTheo van Rysselberghe's einen allgemeinen Be-\ngriff zu gebfn und rings um seine Kunst herum\ndie Neugier zu erwecken. Was sein Leben anbe-\nlangt, so ist es dem Lärm feind; es sondert sich\nab und vergeht in der Intimität einiger auser-\nlesener Freunde.\n(Uebersetst von Marie Herzfeld.)\n\nEMILE VERHAEREN."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-11-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-11_01#c005", "volume": "bmtnabf_1899-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "3", "page_fin": "3", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.2.4.1", "titre_corps": "STUDIE", "titre_sommaire": "STUDIE", "signature_source": "THÉO VAN RYSSELBERGHE", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.3", "debut_caractere": 2063, "fin_caractere_exclue": 2097, "texte": "STUDIE\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE.\n1898"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-11-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-11_01#c006", "volume": "bmtnabf_1899-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "5", "page_fin": "5", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.2.5", "titre_corps": "NACH EINER LITHOGRAPHIE VON", "titre_sommaire": "NACH EINER LITHOGRAPHIE VON", "signature_source": "THÉO VAN RYSSELBERGHE", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 54, "texte": "NACH EINER LITHOGRAPHIE VON\nTHÉO\nVAN RYSSELBERGHE\n1889"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-11-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-11_01#c007", "volume": "bmtnabf_1899-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "6", "page_fin": "13", "image_debut": 6, "image_fin": 13, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.2.6", "titre_corps": "AUGUSTE RODIN", "titre_sommaire": "AUGUSTE RODIN", "signature_source": "OSKAR FISCHEL", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2031, "texte": "AUGUSTE RODIN\nVon OSKAR FISCHEL\nZur Ausstellung: seiner Werke in Amsterdam\nEs war ein grosser Sprung-, wenn man am stillen Rokin in Amster-\ndam die Schwelle des Hauses „Arti et Amicitiae” überschritt,\nvon Rembrandt und Hals zu Balzac und Baudelaire, freilich\nauch zu Dante. Nach allem, was von den des Rijksmuseums\nso frisch herableuchtet, in jahrhundertlang:er Auswahl, will es nicht\nbehagen vor blendend weisse Gypse zu treten, noch dazu Ausgüsse\nscheinbar unfertiger Formen, wie sie hier als Rodin - Ausstellung das\nWerk eines Künstlers zum ersten Mal übersehen lassen sollten.\nUeberhaupt, man findet sich auf Plastik nicht eingerichtet, wenn man\nin den Niederlanden reist, und besonders, wer kunstgeschichtlich gelernt\nhat, er sei hier im Land der ausschliesslichen Malerei. Diese Weisheit\nist nur vorübergehend ein Trost, wenn man sich hülflos und etwas\nfühlt vor der überreichen plastischen Sammlung des Brüsseler\nMusee cinquentenaire und von der Grossartigkeit der modernen\nPlastik auf den öffentlichen Plätzen Brüssels und Antwerpens nimmt\nman dann schön die Beruhigung: mit, dass die Kunst sich zu ihrem\nGluck nicht immer nach der Kunstgeschichte richtet und mitunter die\ndankbare Rolle auf sich nimmt, zur kunstgeschichtlichen Regel die\nAusnahme zu liefern*\nRodln ist nun freilich in den Niederlanden nur Gast, wenn er\nauch lange in Brüssel thätig war und vielfach sogar als Carpeaux\nSchüler gilt, dessen Temperament seine vlämische Mischung nie ver-\nleugnet hat*\nWer Rodins Meister war? Sonst nennt man wohl noch Barye\nund den graziösen Carrier-Belleuse als die, deren Einfluss er erfuhr*\nWer so stürmt und drängt wie Rodln wird immer ein undankbarer\nSchüler sein, und er ist einer von denen, die die Frage nach ihrer Her-\nkunft unbeantwortet lassen* er war Lehrer und was lehrt\nes uns, dass wir Meister kennen? Man hat ihn ja\nden französischen Michelangelo genannt; der Name des Florentiners\nist schon anderswo mit weniger Recht angewandt; man verschwendet\ndoch gerne grosse Namen an kleinere Dinge und kennt sogar eine"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1923, "texte": "Sächsische Schweiz aber wer den grossen Italiener\nauf Rodln bezogt musste beide sehr wenig oder sehr\ngut gekannt haben* Michelangelo bedeutet den\nGipfel einer ganz grossen Zeitt Rodln einen Höhe-\npunkt vielleicht t oder gewiss einen suchenden\nunschlüssigen* Dass man das Tasten und die\nmangelnde Entschlossenheit seiner Zeit bei ihm\nvergisst t dass er neu und stark vor uns tritt und\nauch mit den grossen Vorgängern verglichen noch\netwas bedeutett das ist eines der Zeichen seiner selb-\nständigen Grösse* Mit Michelangelo ist ihm von\nvornherein nichts gemeint und soll er ihm denn\netwas verdankent so doch höchstens das Bewusst-\nsein jener letzten höchsten Freiheit f mehr als der\nNatur nachzuschaffent mit ihr um die Wette schaffen\nzu können* In dieser Herrschaft über den Stoff be-\ngegnen sie sich allerdingst aber liegt da nicht der\nPunktt wo alle Grossen sich berühren? Bei allem\nCitieren und Vergleichen verliert man vor dem Jahr-\nhunderte durch geschätzten und in der Schätzung\ngesicherten zu leicht den aus den Augen y dessen\nBild man gewinnen willt und Rodin giebt gerade\ngenügt um auch allein zu gelten*\nDie Ausstellung machte es wohl dem Betrachter\nnicht leicht mit ihrem weissent lichtlosen Gypst\ngerade bei ihmt der seine Schöpfungen wie kaum\neiner für ihr Material denktt Bronze und Marmor*\nDa fehlt der Glanz des Metalls f das belebende\nSpiel der Lichter neben dem tiefen Schatten t da\nverliert sich die Transparenz und Körnigkeit des\nMarmors f das schmeichelnde Fluten des Lichts\nüber die duftig behandelte wie athmende Ober-\nflächet kurz alles t was Rodin zu seiner freilich\nsouverainen Formenherrschaft noch an Mitteln\neinzusetzen hat* Und docht bei alledem trifft\nman hier auf etwas lang vermisstes* Wer seine\nKunst plastischen Impressionismus genannt hatf\ntraf nur eine Seitet die technische und Rodin's Wert\nliegt auch im grossen Wollen* Er ist ein Künst-\nler von einem Gedankenflug y wie Frankreich ihn"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1294, "texte": "in der bildenden Kunst lange nicht besass, ein\nDichter, der die Seele in Höhen und Tiefen kennt\nund was fast mehr, auch dort wo Dunkel und\nLicht die beglückende Dämmerung weben. Sein\nGeist ist wirklich tausendfach gelaunet und der\nquellenreiche Strom unendlicher Empfindung, daran\nPlaten den Dichter gekannt sehn will, rauscht\ndurch jedes seiner Werke, von der leichten Skizze\nbis zum mühsam erarbeiteten Resultat seines eher-\nnen Fleisses.\nDenn er, der soviel kann, thut sich nicht so\nbald genug, das ist nöthig zu betonen dem Miss-\ngeschieh gegenüber, das den Künstler bei seinem\nletzten mit voller Wucht hingestellten Werk, der\nStatue Balzac's betraf. Für ihn war seine Idee\ndeutlich und er zog die Hand davon, als die\nriesige Gestalt kaum aus dem Block trat; wie\nRembrandt hielt er damit seine Arbeit gethan.\nEs war kein fertiges Werk und hätten, die es ab-\nlehnten, nicht dem trivialen Machwerk Bourgeois\nden Vorzug gegeben, man könnte ihnen keinen\nVorwurf machen. Aber die Kränkung des Künst-\nlers wird begreifen, wer die vorbereitenden Skizzen\ngesehen, die sich diesem beneidenswerth interes-\nsanten Modell von allen Seiten näherten, seine\nFormen ergründeten, wie seinen bald aufgeregt, bald\nin der Ruhe gefassten Ausdruck. Was dann der\nAusführung gefährlich wurde, darin liegt sonst ein"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1384, "texte": "unmittelbarer Reiz grade seiner Porträts, der Zauber\ndes rasch aus dem Leben gerissenen, die unver-\nwischten Spuren der temparamentvollsten Arbeit,\nbei der schliesslich nicht die Flüchtigkeit, aber\nwohl die zielbewusste und sichere Hand die meiste\nBewunderung verdient* Feine Charakteristik seiner\nModelle darf man von einem Franzosen erwarten,\ndass er uns an ihrem geistigen Leben Theil nehmen\nlässt, dankt er seiner poetischen Gabe, die verein-\nzelte Züge zu diesen fast beunruhigend lebens-\nvollen Bildern sammelt* Sie alle, und es sind die\nbedeutendsten Menschen, die er vor sich sah, tragen\ndie Idee, der sie leben, vor sich, wie Sieger blicken\nsie daher als wären sie am Ziel* Es liegt viel\nromanisches in solcher Auffassung, aber sie ist den\nModellen gemäss* In der Berliner National-Gallerie\nsteht der Büste seines Mitpräsidenten bei der Societe\nNationale des Beaux-Arts Dalou der eherne Böck-\nlinkopf Hildebrandts gegenüber, und diese einfache\nNachbarschaft ist unsagbar lehrreich: Kunst, Kul-\ntur, Nationalität führen hier einen stillen Kampf*\nDen merkwürdigsten Einblick in seine Art zu\nlernen und zu forschen boten auf der Ausstellung\nseine Zeichnungen, verschieden in der Technik\nwie in ihrer Absicht* Neben echten Bildhauer-\nskizzen, deren Striche mit einer Hand hingesetzt\nsind, die eher des Meisseis als des Stifts gewöhnt\nscheint, deren Plan mehr auf Structur als auf"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4762, "texte": "äussere Linien des Körpers ging, gab es andere,\nbei denen ihn nur die Verkürzung, das Schwinden\nund Verklingen eines Contours im Raum beschäf-\ntigte, lose überzarte Federzüge, in der Unbestimmt-\nheit der Körper fast an die Figuren chinesischer\nHolzschnitte mahnend; aber doch welche Sicher-\nheit verlangt es, in diesen halbirrenden Contouren\ndie Bewegungen und Überschneidungen jedesmal so\nlebhaft zu treffen* Seine Modelle freilich müssen\nwenig zu beneiden sein* Er geht dem Körper nach\nbis in Stellungen, die man nur am Cadaver stu-\ndieren kann, oder wie der weiche Kinderkörper\nder ersten Jahre sie hergiebt; selbst eine Stellung:\nden Kopf unter dem Knie durch hat er, man\nweiss nicht, ob studiert aber glaubhaft gezeichnete\nSo genau kennt er den menschlichen Körper in\nseinem animalischen Leben, dass die Geberde leiden-\nschaftlicher Gestalten bei ihm oft an die bekannten,\nergreifenden Abgüsse der verschütteten Pompejaner\nerinnerte* Und hier gilt ihm, der sonst schon im\nKopf allein den ganzen Menschen zu fassen ver-\nmag, der Kopf nur als Echo des ganzen Körpers*\nEs giebt nichts zwischen Leidenschaft und leiser\nRegung, das er nicht schon im Körper auszudrücken\nwüsste* Mit Recht hat man zu seinem Lobe ge-\nmeint, jedes Fragment einer Statue würde die Stim-\nmung des Ganzen klar erkennen lassen* Man kann\ndarauf an seinen, nur theilweise vollendeten Studien\ndie Probe machen* Im Kopf eines Schreienden\nerräth man den Gestus des wilden Laufs in der\nHand Gottes die allgütige mühelos schaffende Ge-\nstalt* Seine Eva genügt, vom Rücken zu sehn,\nder unausgeführt gelassene Kopf konnte nicht mehr\nSelbstqual und Scham ausdrücken, als diese Ge-\nstalt, die am liebsten in sich verschwände* Wun-\nderbar sind in einer kleinen Studie auch als Com-\nPosition vollkommen drei Gestalten zusammenge-\ndacht: Ein junges Weib ist auf den Knien des\nMannes an seiner Brust entschlummert, ein anderer\nlegt, selbst erschüttert, den Arm um den ersten:\nAlfcestis heisst die Gruppe, sie könnte auch Lu-\ncretia bedeuten, oder sonst einen grossen Schmerz,\nder zur Ruhe kam*\nWie absichtslos bauen sich ihm leidenschaftlich\nbewegte Körper in klaren Gruppen zusammen, mit\nharmonischem und stimmungsvollem Contour, die\nkühnste wohl eine Nymphe, auf den Schultern\neines Satyrs balancierend; sie lenkt seinen wilden\nLauf mit Schenkeldruck, und so frei und organisch\ndabei sind diese Fabelwesen bewegt als hätte er\nsie erlebt* Und wie wird erst die Natur lebendig\nin jenen Oreaden, die halb neugierig, halb mitfühlend\nvon ihrem Felsen auf den toten Dichter sich herab-\nneigen, ein Zug so tiefer heiliger Naturempfindung,\nwie er bei einem Romanen überrascht*\nJede einzelne Phase der geistigen Existenz ver-\nkörpert er für das Denkmal Victor Hugo's im\nPantheon: „Nackt wie ein Gott” thront der Dich-\nter, umgeben von seinen inneren Eingebungen,\nseltsam bewegten Frauengestalten, denen man Un-\nrecht thut, sie einzeln auszustellen, weil sie nur\nals Theile einem Ganzen dienen* Der Dichter des\nHernani pathetisch gross, wie es ihm zukommt, aber\nfür uns etwas zu gallisch, der Kopf freilich ent-\nwickelt aus einer Reihe der herrlichsten Studien,\nzwei davon mit der kalten Nadel aus dem Pan\nund der Gazette des Beaux-Arts bekannt, in ihrer\nCharakteristik wahrhaft monumental*\nDie Weltausstellung wird umfangreiche Arbeiten\nvon Rodin bringen, vor allem die Thür für das Mu-\nseum der decorativen Künste, die ihn seit 15 Jahren\nbeschäftigt, hohe Reliefs aus dem Inferno* Was\nan Skizzen davon bisher in die Oeffentlichkeit kam,\nauch hier war eine Gruppe ausgestellt zeigt\nihn in den Spuren des gestaltungsreichsten Dich-\nters als selbständigen Dichter, in einer Ueberfülle\nder tiefsten poetischen und künstlerischen Gedanken*\nWie vom Geschlecht Dante's muthen auch seine\nGefangenen von Calais an: eine kleine Schaar wallt\nschleppend, von ihrem Schicksal getrieben,die Strasse\ndahin; seltsam in jeder dieser hagern, nur auf grosse\nGeberde gearbeiteten Gestalten ein anderer Cha-\nrakter, und doch die Gruppe, aus einer Stimmung,\ndem Entschluss zum letzten Aussersten bewegt! ein\nZug von Verdammten sein, Männerim Leben ver-\nstreut, nun von einem Geschick zusammen ge-\nkoppelt, wie der Florentiner sie geschaut haben\nkönnte*\nUnd diesem Meister, dem Qualen und Stürme\ndes Inferno gelingen, sind auch die „dolci pensieri”\nder Oberwelt nicht fremd* Ein Thema beschäftigt\nihn vor allem „der Kuss”* Die weiche Marmor-\ngruppe im Salon 1898 war nur eine der vielen\nLösungen seiner nicht zu ermüdenden Phantasie für\ndies Sujet, das im Laofcoon wenn nicht als niedriges\nGenre, doch als transitorisch dem undarstellbaren\nzu gerechnet würde; aber der alte Goethe hätte\ngewiss seine Freude daran, wie hier ein Künstler\nzum Ziele kam ohne „Traum” oder „Schatten-\nbild”, die er selbst ermuthigend vorschlug* Daphnis"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 812, "texte": "und Lycoenion, Adonis, die Woge und der Strand,\nin allen der gleiche Sinn, die eine Stimmung, rüh-\nrend einfach und dabei so gefährlich schön, ein neuer\nOrleans müsste ihnen wie Correggio's Leda den\nKopf nehmen, um den eignen zu behalten* An-\ndere Künste waren hier viel ungebundener* Wenn\nes wahr ist Musikalische behaupten und der\nBeifall Unmusikalischer bestätigt es dass die\nMusik um Isoldens Freudejauchzen, Lustentzücken\nErtrinken, Versinken ähnliches spann, wie es\nhier der Marmor athmet, wieviel keuscher, un-\nbescholtener ist dann in all seiner Offenheit der\nBildhauer*\nSonderbar , wie spät die Franzosen , in deren\nKunst die Frau einen so grossen Raum einnimmt,\nhinter das Geheimniss der Frau kamen* Rodin\nist gewiss einer der begnadeten darin! Was sonst\nseit der Mona Lisa bis heute nur wenigen Malern"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1239, "texte": "und Dichtern zufiel, das gelang dem Bildhauer*\nEine kleine Gruppe, Bruder und Schwester: das\nerwachsene Mädchen reizend unbewusst unter den\nLiebkosungen des Brüderchens in dämmerige Ge-\ndanken versenkt; man denkt gern dabei an Gret-\nchen und Marianne*\nSo schliesst sich der weite Kreis von Rodin's\nKönnen lückenlos; in diesem merkwürdigen Manne\nliegt nebeneinander, was sich sonst auf einzelne\nvertheilt* Von der Hand seiner Schülerin Ca-\nmilla Claudel stand am Eingang zur Ausstellung\neine vorzügliche Porträtbüste des Meisters, der\nKatalog zeigte sein Bild: auf der nachlässig ge-\ntragenen Gestalt eines Arbeiters ein derber Kopf\nmit wirrem Bart, unter den starken Stirnknochen\nleuchten Augen, denen man glaubt, dass sie Höhen\nund Tiefen kennen und auch der herzgewinnende\nZug fehlt nicht, dem nichts menschliches fremd\nist* Für all diesen inneren Reichthum den\nleichten Ausdruck finden, das hohe Glück dankt\nRodin seiner Nationalität, er theilt es mit andern,\nin seiner Kunst verdankt er die unerhörte Herr-\nschaft über die Mittel keinem mehr als sich selbst;\naber was ihn über andere und selbst die Grenzen\nseiner Nation hinaushebt, das ist, was wir lange\ngenug vermissten, der Einklang reiner Formen mit\nreiner Schönheit der Gedanken*"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-11-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-11_01#c008", "volume": "bmtnabf_1899-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "6", "page_fin": "6", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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HOFFMANN\n\nDie eigentliche Heimath des Menschen ist sein\nKörper, und ob er sich in diesem Hause\nwohl oder elend fühlt, das entscheidet über\nsein Heimathsgefühl auf der Erde* Hoffmann konnte\nmit seinem kleinen mehr possierlichen als hässlichen\nKörper nicht zufrieden sein, dem reizbaren, den das\nheisse Blut zu einer brennenden Hölle machte,\nvon dem er schon als Jüngling glaubte, er würde\nihn nicht lange mehr brauchen können, sondern\nsich empfehlen ohne ihn mitzunehmen* Bis aber\nder Tod ihm den Auszug ermöglichte, half ihm\ndie Kunst wenigstens zeitweilig die unbequeme,\ndrückende Wohnung zu verlassen* Dass er ein\ngrosser Künstler nicht war und Meisterwerke nicht\nschaffen konnte, sah sein scharfer, königsbergischer\nVerstand wohl ein; denn die Natur, sagte er, habe\nbei seiner Organisation ein neues Recept versucht,\nwelches aber misslungen sei, indem dem überreiz-\nbaren Gemüth, der bis zur zerstörenden Flamme\naufglühenden Phantasie zu wenig Phlegma beige-\nmischt und so das Gleichgewicht zerstört worden\nsei, dessen der Künstler durchaus bedürfe*\nBesonnenheit, Ruhe und Heiterkeit, die nach seiner\neigenen Aussage vom wahren Genie unzertrenn-\nlich sind, fehlten ihm; sein Wesen und seine Kunst\nberuhten auf einem in ihm selbst begründeten\nMissverhältniss, auf der Disharmonie* Der harmo-\nnische, objektive Dichter kann zwar gerade die\ninteressanten Charaktere in unerreichbarer Rein-\nheit und Anschaulichkeit herstellen, wie Goethe's\nWerther, Faust, Tasso und Meister beweisen; aber\netwas verlieren sie doch, indem sie sich in dem\nAug-e des Besonnenen spiegeln und dort eine Ganz-\nheit gewinnen, die ihnen in Wahrheit abgeht. Er\nhat die Sehnsucht, die Pein, das Unbehagen, alles\nwas den unharmonischen Dichter martert, nicht\nselbst empfunden und einzig darin liegt das was\ndieser vor jenem voraus hat. Das Schöne, das\nSeiende zu schaffen ist ihm versagt, aber wie er\nselbst etwas Interessantes, d. h. etwas Werdendes\nist, können es auch seine Werke sein, seine Sub-\njectivität macht seine Grösse aus, und je mehr wir\nihn selbst in seinen Werken antreffen mit allen\nseinen Unvollkommenheiten,desto reizvoller sind sie.\nDie Sehnsucht also war seine Muse, Sehnsucht\nnach einem Geisterlande, wo es eine so quälende\nKörperlichkeit wie die seinige nicht gäbe; ihr zur\nSeite standen ein klarer, scharfer Verstand und\neine bewundernswerthe Geisteskraft, was alles zu-\nsammengenommen erst seine Eigenart ausmacht\nund ihn wesentlich von vielen andern romantischen\nSchriftstellern unterscheidet. Der innere Zwiespalt,\ndie Einsicht in sein Wesen, die Sehnsucht sich\nüber ihn zu erheben, die Kraft es zu thun, daraus\nging sein Humor hervor, der seinen Werken, die\nsonst höchstens ein jugendliches Alter durch starke\nMittel und Seltsamkeiten eine Weile spannen\nkönnten, die Weihe giebt."}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4710, "texte": "Häufig tritt in seinen Erzählungen eine Person\nauf, die durch groteske Eigentümlichkeit der\näusseren Erscheinung und des Betragens beinahe\nwiderwärtig auffällt* Ein skurriles Lächeln, eine\nkreischende Stimme, ein stechendes Auge, ein\nGehen in seltsamen Bocksprüngen sind ihre uner-\nfreulichen Kennzeichen* So der wahnsinnige,\ndiabolisch höhnende Rath Krespel, der kleine\nObergerichtsrath Drosselmeier, der statt des rech-\nten Auges ein grosses schwarzes Pflaster und statt\nder Haare eine schöne weisse Glasperücke trug,\nder Professor in der Automate mit der unangenehm\ndissonierenden hohen Stimme, der Spieluhren und\nmusikalisch-mechanische Figuren verfertigt, der\nhagere Archivarius Lindhorst mit den grossen\nstarren Augen, die „aus den knöchernen Höhlen\ndes mageren, runzlichten Gesichtes wie aus einem\nGehäuse hervorstrahlten”, den die Schösse des\nUeberrocks, wenn der Wind hineinfährt, wie ein\nPaar grosse Flügel umflattern* Plötzlich, zu-\nweilen, verändert sich die bizarre Erscheinung, die\nVerzerrung glättet sich in sanfte Erhabenheit und\ndurch die komisch hässliche Maske scheinen ehr-\nfurchtgebietende Mienen* Dann verwandelt sich\nder weite damastene Schlafrock des Archivarius\nin einen Königsmantel, ein goldnes Diadem schlingt\nsich durch seine weissen Locken und von seinen\nanmuthigen Lippen strömt anstatt der kuriosen, un-\nverständlichen Redensarten gemüthvolle Weisheit*\nDann tritt auf das Antlitz des Professors statt des\nabschreckenden sarkastischen Lächelns ein tiefer\nmelancholischer Ernst, die grauen stechenden\nAugen blicken in seliger Verklärung himmelwärts\nund während ihn sonst das geistlose taktmässige\nGeklingel seiner Maschinen umgab, strömt jetzt,\nwo er geht wunderbare Musik aus Büschen und\nBäumen und erfüllt die Seele mit himmlischen\nAhnungen* Dass der Obergerichtsrath Drossel-\nmeier eigentlich ein guter Wundermann ist, der\nalles weiss, fühlen die Kinder, und auch den\nRath Krespel schauen sie freundlich und ehr-\nfürchtig zugleich an* In diesen Männern malte\nsich Hoffmann selbst ab, der mit seiner kleinen\nbehenden Gestalt, den feinen, zusammengepressten\nLippen, um die ein ironisches Lächeln schwebte,\nden grossen spähenden Augen unter mephisto-\nphelischen Brauen und dem grotesken Ziegenbocfcs-\nprofil wie ein Hexenmeister oder Zaubermännchen\nerschien und auf Fremde zunächst abstossend\nwirkte; der aber, wenn er in seinen Träumen von\nder Aussenwelt Abstand nahm, sich anders fühlte\nund schaute, gut, sanft und weise, wie er gewesen\nsein mochte, als er, ein kleines Kind, seiner selbst\nnoch nicht mächtig, auf dem Schosse der jungen\nTante Füsschen sass und ihrem süssen Gesänge\nzuhörte oder wenn ihn in der Neujahrsnacht die\nsanfte Musik von Clarinetten und Hörnern auf\ndem Schlossthurme weckte und er glaubte „silberne\nEngel trügen jetzt das neue Jahr einem Sterne\ngleich am blauen Himmel vorbei”, aber den Muth\nnicht hatte aufzustehn und zu sehen* Es gab für\nihn, der sich nicht eins in sich fühlte, in Wirk-\nlichkeit zwei Welten, und diese Doppelgängerei,\ndiese Bürgerschaft in zwei ganz verschiedenen\nWelten, bildet den poetisch-philosophischen Grund-\ngedanken der meisten seiner Schriften*\nAm vollkommensten ist Hoffmann die Dar-\nstellung dieser Doppelwelt im Märchen vom gol-\ndenen Topfe gelungen* Der Archivarius Lindhorst\nist ein wunderlicher Mann, der zu seinem Ver-\ngnügen chemische Experimente macht und alte\nBücher liest, viel seltene Manuscripte in fremden\nSprachen besitzt, dazu drei Töchter, mit denen er\nin einem abgelegenen Hause vor den Thoren\nDresdens wohnt* Aber für den Eingeweihten ist\ner der Salamanderfürst, entsprungen aus der Ver-\nbindung der Feuerlilie mit dem Jüngling Phos-\nphorus, seine Töchter gleiten als goldgrüne\nSchlänglein am Stamme des Hollunderbaumes, in\nder Abendsonne blitzend, auf und nieder, und die\njüngste entzündet das Herz des Studenten Ansel-\nmus, der darunter liegt und träumt, zu unend-\nlicher Liebe* In dem kleinen Garten vor dem\nThore blühen Cactus und flammende Lilien,\nrieseln krystallene Fontänen in Marmorbecfcen\nund plaudern fremde, wundervolle Vögel und die\nDecke des Zimmers, in dem Anselmus Manu-\nscripte abschreibt, ist ein azurblauer Himmel, den\ngrüne Palmensäulen tragen* Aber nur Anselmus\nsieht dies alles; nur er weiss, dass die alte Liese,\ndas Apfelweib, die Abends heimlich verbotene\nWahrsagerei treibt, der Abkömmling des Fleder-\nwischs und der Runkelrübe ist, ein teuflisches\nPrincip, das dem Salamanderfürsten nachstellt,\nweshalb sie sich auch in den bronzenen Thür-\nklopfer an seiner Hausthür verwandelt und als\nder Student ihn anfassen will, ihn ekelhaft an-\ngrinst und mit entsetzlichen Worten anschnarrt,\ndass er augenblicklich in Ohnmacht fällt und sein\nbeabsichtigter Besuch unterbleibt* Als er dann"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4683, "texte": "des Archivarius Tochter Serpentina geheirathet\nhat, weiss nur er, dass das Rittergut, welches\nnach der Meinung der Leute sein Schwiegervater\ndem jungen Paare geschenkt hat, in Wahrheit das\nWunderland Atlantis ist, die Heimath des Sala-\nmanders und der Feuerlilie, wo der Einklang aller\nWesen verwirklicht ist*\nDie Komik und der Humor entstehen nun aus\ndem Zusammenstoss dieser Welt mit der der reinen\nProsa, die vertreten ist durch den Conrektor\nPaulmann mit seiner Tochter Veronika und dem\nRegistrator Heerbrand* Der Conrektor Paulmann\nist der ächte, ungetheilte, vollkommene Philister\nund als solcher in seiner skrupellosen Naivetät\nansprechend, während der Registrator Heerbrand,\num sich einen Schein höherer Bildung zu geben,\nVerständniss, ja eine gewisse Neigung für das\nWunderbare und Poetische zur Schau trägt, was\nihm aber in der That womöglich noch ferner\nliegt als jenem* Veronika dagegen, ganz jung\nund unreif, doppelt bildsam durch ihre Verliebt-\nheit in Anseimus, schwankt eine Weile zwischen\nden beiden Welten, bis eitle Sinnlichkeit den Sieg\nüber sie davonträgt, so dass sie sich begnügt, Hof-\nräthin Heerbrand zu werden*\nBewundernswürdig durchgeführt ist der lieber-\ngang aus dieser Welt in die andere, so nämlich\ndass wir ihn sich vollziehen sehen durch die Augen\ndes Studenten Anseimus und es uns freisteht wie\nder Conrektor Paulmann zu glauben, derselbe sei\nbetrunken oder wahnwitzig, oder dies sei die Art\neines poetischen Gemüthes die Dinge aufzufassen*\nDie letztere Deutung flicht Hoffmann selbst mit\nüberflüssiger Deutlichkeit [in die Geschichte ein,\ndie man aber nur im Lichte seiner, der roman-\ntischen Weltanschauung, recht versteht: dass der\nBildersprache des Dichters, des Kindes und des\nursprünglichen Menschen eine Wirklichkeit ent-\nspricht, die durch die Entwicklung des Unbewuss-\nten zum Bewusstsein in Zeit und Raum verloren,\naber ewig wahr und da sei und auch für den Men-\nschen wiedergewonnen werden müsse*\nDieselbe Idee wird in derselben Art in mehreren\nanderen Erzählungen ausgeführt* Im Klein Zaches\nist das Fräulein von Rosenschön für den Wissen-\nden die Fee Rosabelverde, die vor dem Auf-\nklärungsedikt des Fürsten Paphnutius in einem\nFräuleinstift Zuflucht suchen musste und der Dok-\ntor Prosper Albanus ein Zauberer, der bei Zoro-\naster die Weisheit erlernt hat* Aber nur Bal-\nthasar sieht die weissen Einhörner, die seinen\nMuschelwagen ziehen und den Silberfasan, der\nihn lenkt, nur er vernimmt die Himmelsmusik,\ndie in herrlichen Akkorden durch seinen Garten\nwogt; der Pöbel sieht nur ein wunderlich aufge-\nputztes Cabriolet und hört die Klänge einer ge-\nschickt angebrachten Aeolsharfe* Klein Zaches\nist das missgestaltete Kind eines armen Bauern-\nweibes, dem die Fee aus Mitleid die Gabe ver-\nliehen hat, alle Bewunderung, die andere verdienen,\nauf sich zu lenken* Aber die Kraft, die nicht\naus seinem Selbst hervorgeht und ihm nur äusser-\nlieh angeklebt ist wie ein Paar Flügel, die dem\nMenschen doch nicht zum Fluge helfen, kann\nnicht dauern: Klein Zaches geht elend zu Grunde,\naber nach seinem Tode fängt der Liebeszauber\nder guten Fee wieder zu wirken an, dass er allen\nerscheint was er niemals war: als ein vollendeter\nMensch* Auch über diesem Stiefkinde der Natur,\ndessen äussere Hässlichkeit seine innere ausdrückt,\nwaltet die erbarmende göttliche Liebe und birgt\nes tröstend in ihren geheimnissvollen Schatten* In\nwenig anderen Erzählungen zeigt sich Hoffmann\nso schön als der Humorist, der im Urdarbrunnen,\ndessen Geschichte er dem tollen Märchen von der\nPrinzessin Brambilla zu Grunde gelegt hat, sich\nund die Welt geschaut und erkannt hat* Nach\nseiner eigenen Ausdrucksweise bedeutet die Urdar-\nquelle nichts anderes als „die wunderbare, aus der\ntiefsten Anschauung der Natur geborene Kraft\ndes Gedankens, seinen eigenen ironischen Doppel-\ngänger zu machen, an dessen seltsamlichen Faxen\ner die seinigen und ich will das freche Wort\nbeibehalten die Faxen des ganzen Seins hie-\nnieden erkennt und sich daran ergötzt*” Denn\nwer sich selbst im Bilde, sich selbst als Erscheinung\nsehen kann, hat sich eben dadurch von der Schein-\nwelt gelöst und schwebt unberührt von ihrem\nJammer als freies seliges Bewusstsein über ihr*\nIm Märchen „das fremde Kind” ist der Ma-\ngister Tinte zugleich der Gnomenfcönig Pepser\nund eigentlich eine Fliege* Den Eltern seiner\nZöglinge ist im Laufe des Lebens der innere Sinn\nschon etwas stumpf geworden und sie suchen\nihren Kindern ernstlich einzureden, dass sie einen\nwürdigen, menschlichen Erzieher haben; als er\naber eines Tages seine Natur verräth, indem er\nsich summend und brummend über einen Milchnapf\nstürzt, ihn mit widrigem Rauschen ausschlürft,\ndann die nassen Rockschösse schüttelt und mit"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4632, "texte": "den dünnen Beinchen rasch darüber hinfährt, um\nsie glatt zu streichen , werden auch sie an ihm\nirre und zweifeln, ob sie den Magister Tinte oder\neine Fliege vor sich haben*\nIm Meister Floh ist Peregrinus Tyss der kind-\nliche Träumer, für den, weil er den zauberkräftigen\nKarfunkel im Herzen trägt, die Welt durchsichtig\nist und das Leben sich in ein schönes bedeutungs-\nvolles Märchen verwandelt* Wenn das Volk sich\nzu dem Flohbändiger und Taschenspieler Leuwen-\nhock drängt, bei dessen Vorstellungen als stärkste\nAnziehungskraft ein reizendes kokettes Frauen-\nzimmer, Dort je Elverdink, wirkt, zu deren ernste-\nsten und hitzigsten Verehrern der Student George\nPepusch zählt, erlebt Peregrinus in diesem alltäg-\nlichen, zum Theil gemeinen Vorkommniss wunder-\nvolle Begebenheiten; denn Dort je Elverdink ist\neigentlich die Prinzessin Gamaheh aus Famagusta,\ndie der hässliche Egelprinz totküsste und der\nplumpe Genius Thetel entführte, wodurch sie in\ndie Nachbarschaft der Distel Zeherit gerieth,\nnämlich des Studenten Pepusch, der sich auf ewig\nin sie verliebte* Zwei Magier entdecken die nicht\ngestorbene, nur verwandelte Gamaheh im Blumen-\nstaube einer Tulpe und rufen sie ms Leben zu-\nrück, aber „die wahnsinnigen Detailhändler der\nNatur, die die Natur zu erforschen trachteten,\nohne die Bedeutung ihres innersten Wesens zu\nahnen”, nützen die Entdeckung der Schönen nur\naus, um sich ihren Besitz streitig zu machen*\nSie, die der Welt in früheren Zeiten als die be-\nrühmten Naturforscher Leuwenhock und Swam-\nmerdam bekannt waren, fristen ihr Dasein jetzt\nals unrühmliche Taschenspieler und setzen ihren\nKampf um die Prinzessin fort, bis er durch die\nDazwischenfcunft des Peregrinus zu beider Un-\ngunsten entschieden wird* Den komischen Höhe-\npunkt der Geschichte bildet das optische Duell\nder beiden alten Naturforscher, die jeder ein\nFernglas aus der Tasche ziehen, es ins Auge\nsetzen und grimmig gegeneinander ausfallen, wo-\nbei sie die Waffen durch Ein- und Ausziehen\nbald verkürzen, bald verlängern*\nEine verwandte Scene ist im Klein Zaches,\nwo Prosper Albanus und die Fee Rosabelverde,\ndie ihre Geisterart gegenseitig durchschauen, sich\nzu überzaubern suchen, und in der Braut wähl,\nwo von den beiden Unheimlichen der eine schön\nausgeprägte flimmernde Goldstücke aus den Rettig-\nscheiben schlägt, die der andere jedesmal, indem\ner sie auffängt, in knisternde Funken zerstieben\nlässt*\nWas nun Anseimus, Balthasar und andere\nHoffmann'sche Lieblinge befähigt, die Wunderwelt\njenseits der Sinnenwelt zu sehen, ist der „innere\nSinn”, von dem so überaus viel in seinen Werken\ndie Rede ist; er vergleicht ihn einmal mit dem\nsogenannten sechsten Sinne, den der Anatom\nSpalanzani an der Fledermaus entdeckt haben\nwollte, der nicht nur ein Stellvertreter der übrigen\nsei, sondern mehr leiste als sie alle zusammen*\nDas wäre also dasselbe was die Beobachter som-\nnambuler Zustände damals das Gemein gefühl\nnannten, vermöge dessen die Schlafwachen und\nHellseher die Funktionen ihrer entschlafenen Sinne\nund zwar im erhöhten Grade ausübten* Mit dem\nFledermaussinn vergleicht Hoffmann die Seher-\ngabe derjenigen, die in jeder Erscheinung, wie er\nsich ausdrückt, dasjenige Excentrische schauen, zu\ndem wir im gewöhnlichen Leben keine Gleichung\nfinden und das wir daher wunderbar nennen, wo-\nraus denn wieder das Wunderliche hervorgeht*\nNicht ohne Wemuth nannte er sich selbst die\nSpalanzanische Fledermaus und allerdings starren\naus seinem Selbstbilde die grossen, weitoffenen\nAugen hervor, als ob sie ganz andere und weit\nseltsamere Dinge wahrnähmen, als die handgreif-\nliche Alltagswelt aufgestellt hat*\nDer Sinn für das Wunderbare war so stark\nausgeprägt in Hoffmann und so in seinem Wesen\nbegründet, dass es sich seiner Umgebung mit-\ntheilte und er selbst den andern als höchst wunder-\nbar und wunderlich erschien und der geringste\nVorfall, in dem er eine Rolle spielte, einen, wie\nHoffmann gesagt haben würde, exotischen Cha-\nrakter erhielt* Wenn er und sein Verleger Kunz\nauf einem Burgunderfass im Keller reitend ein-\nander gegenüber sassen und tranken, während-\ndessen ein Gewitter auf zog, ein plötzlicher Donner-\nschlag krachte und der Blitz, das dunkle Gewölbe\nerhellend, ihnen, die gerade mit den gefüllten\nGläsern anklingen wollten, ihre entsetzten Gesich-\nter zeigte, das muthet gerade so an wie eine gro-\nteske Scene aus einer Hoffmann'schen Novelle*\nEin Medium, ein eigentlicher Geisterseher, war\nHoffmann übrigens durchaus nicht* Diese sind\nmeist von robuster Gesundheit, naiv, und sehen\nihre Erscheinungen ohne Grauen, ja ohne Ver-\nwunderung; er dagegen empfand sogar das Ge-\nwöhnliche als wunderbar, dachte ihm nach, zer-"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4623, "texte": "legte es und suchte ihm auf den Grund zu kommen*\nDie romantische Philosophie war ihm wohl be-\nkannt, Schuberts J-Ansichten von der Nachtseite\nder Natur schätzte er hoch und wo ihm Gelegen-\nheit wurde, suchte er selbst Beobachtungen über\ndie Räthsel im Menschen anzustellen* Traum,\nSomnambulismus, Wahnsinn, alle die Zustände,\ndie einen Blick in die Abgründe der Innenwelt\ngewähren, hatten eine grosse Anziehungskraft für\nihn* Vom Traume, der „mit einem Kuss das\ninnere Auge weckt”, sollte die kleine Novelle\n„Der Magnetiseur”, handeln, aber er gerieth da-\nbei unversehens in noch tiefere, verstecktere Re-\ngionen, die ihn mehr lockten: auf die geheimniss-\nvolle Macht, mit der ein Geist einen andern, be-\nwusstlosen, beeinflussen kann* Der Magnetismus\nliess verborgene Kräfte ahnen, die den Menschen,\nder sie zu gebrauchen weiss, in Wirklichkeit zu\ndem Zauberer machen, von dem der Aberglaube\nvon jeher gefabelt hat* Als Träger derselben\nliess Hoffmann gern einen diabolischen Menschen\nvon überlegener Begabung auftreten, mit pech-\nschwarzen brennenden Augen und Habichtsnase,\nder seine beherrschende Willenskraft unbedenklich\nzu selbstischen Zwecken verwendet* Er übt seinen\nunwiderstehlichen Zauber auf unschuldige streb-\nsame Jünglinge und namentlich junge Mädchen\naus: der alte Baron im Magnetiseur stand in\nseiner Jugend unter der Macht des dänischen\nMajors, sein Sohn Ottmar und seine Tochter\nMaria stehen unter der Albans* Alban ist mit\nimponierenden Gaben ausgestattet, aber wie er\nseine angeborene Schönheit selbst entstellt hat\ndurch spöttisch-teuflischen Ausdruck, missbraucht\ner seinen hohen Geist, um auf anderer Kosten sich\nselbst zu erhöhen und wird so aus einem Engel\nzum Satan* Gott ist, nach seiner Lehre, der\nBrennpunkt aller psychischen Strahlen; je mehr\nSeelen es also einem gelingt in sich zu sammeln,\ndesto näher steht man Gott* Infolgedessen trach-\ntet er danach so viel Menschen als möglich unter\nseine geistige Herrschaft zu bringen und gewisser-\nmaassen auszusaugen, um sein eigenes Ich dadurch\nanzuschwellen* Maria, die einem abwesenden\nVerlobten in treuer Liebe ergeben ist, kann sich\ndoch dem übermächtigen Einfluss nicht entziehen\nund geht unter in dem Kampfe, den ihr schwaches\nSelbst mit dem Eindringling in ihrem Innern\nkämpft*\nIm „unheimlichen Gast”, der denselben Stoff\nbehandelt, wird Angelika im letzten Augenblick\nvor dem Vampyr gerettet* Im „öden Hause”\nwird der magnetische Zauber von einem Weibe\ngegen einen Mann aus geübt, was den Verlauf\nganz anders gestaltet, indem der Mann der frem-\nden Gewalt seinen Willen, seine Kenntnisse, seine\nPhilosophie entgegensetzen kann, dabei aber frei-\nlich an den Rand des Wahnsinns geräth* Im\n„Sandmann” ist der Sache dadurch eine ganz\nandere Wendung gegeben, dass Nathanael die ver-\nderbliche Macht, die von aussen her auf ihn ein-\nwirkt, eigentlich selbst erst durch die Raserei\nseiner Phantasie entzündet* Aber gerade in die-\nsem Wahnsinn, der schon in dem Kinde keimt\nund obwohl von dem Erwachsenen selbst und\nseiner liebenden Umgebung bekämpft, sich unab-\nänderlich entwickelt, von den geringfügigsten\näusseren Umständen scheinbar gefördert wird, und\nschliesslich, im Augenblick wo man ihn über-\nwunden glaubt, vernichtend losbricht, etwas ent-\nsetzliches*\nStimmungen, wo er sich wahnsinnig werden\nfühlte, hatte Hoffmann oft selbst erlebt, der\nWahnsinn war ein Lieblingsthema seiner Gedanken\nund seiner Phantasie* Aber er schildert nie, was\nich natürlichen Wahnsinn nennen möchte, son-\ndern solchen, der sich aus einem von Anfang an\nunregelmässigen Bewusstsein entwickelt, phantasie-\nvolle Personen, in denen der innere Sinn sich auf\nKosten des äusseren ausgebildet hat* Er selbst\nwürde es serapiontischen Wahnsinn nennen nach\ndem Einsiedler Serapion, von dem er erzählt, dass\ner durchaus vernünftig und logisch dachte und\nnur insofern irrte, dass er sich für den Anacho-\nreten Serapion hielt, der vor vielen Jahrhunderten\nunter Kaiser Decius lebte und den Märtyrertod\nerlitt* Diese Idee führte er aber mit einer Folge-\nrichtigkeit durch, dass es unmöglich war, eine\nLücke in der Kette seiner Wahnvorstellungen zu\nfinden, von der aus man ihn hätte widerlegen\nkönnen* Denn sein Wahnsinn bestand eigentlich\nnur darin, dass, wie Hoffmann klar und ergreifend\nsagt, irgend ein feindlicher Stern ihm die Erkennt-\nniss der Duplicität geraubt hatte, von der das ir-\ndische Dasein bedingt ist*\n„Es giebt eine innere Welt und die geistige Kraft,\nsie in volle Kraft, in dem vollendetsten Glanze des re-\ngesten Lebens zu schauen, aber es ist unser irdisches\nErbtheil, dass eben die Aussenwelt, in der wir\neingeschachtelt, als der Hebel wirkt, der jene"}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.26", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4677, "texte": "Kraft in Bewegung setzt* Die inneren Erschei-\nnungen gehen auf in dem Kreise, den die äusseren\num uns bilden, und den der Geist nur zu über-\nfliegen vermag in dunklen, geheimnissvollen\nAhnungen, die sich nie zum deutlichen Bilde ge-\nstalten* Aber du, o mein Einsiedler, statuiertest\nkeine Aussenwelt, du sahst den versteckten Hebel\nnicht, die auf dein Inneres ein wirkende Kraft;\nund wenn du mit grauenhaftem Scharfsinn be-\nhauptetest, dass es nur der Geist sei, der sehe,\nhöre, fühle, der That und Begebenheit fasse, und\ndass also auch sich wirklich das begeben was er\ndafür anerkenne, so vergassest du, dass die Aussen-\nwelt den in den Körper gebannten Geist zu jenen\nFunktionen der Wahrnehmung zwingt nach Will-\nkür* Dein Leben, lieber Anachoret, war ein steter\nTraum, aus dem du in dem Jenseits gewiss nicht\nschmerzlich erwachtest*”\nVon diesem Standpunkte aus war Hoffmann\nallerdings berechtigt zu sagen, dass „einiger Wahn-\nsinn, einige Narrheit” tief in der menschlichen\nNatur begründet sei, und vorzüglich natürlich in\nder künstlerischen* Dem Phantasten mag der-\njenige wahnsinnig erscheinen, der den wechselnden\nStrom der Erscheinungen für das Wirkliche nimmt;\nwenn dieser seinerseits die Balthasar und Anselmus\nfür Narren hält, lässt sich auch nichts dagegen\neinwenden* Der überlegene Humor Hoffmanns\nbethätigt sich eben darin, dass er über beiden\nsteht, wenn er auch natürlich für den Wahnsinn\ndes poetischen Träumers Partei nimmt* Am\nschauerlichsten versinnbildlicht er die Einsamkeit\ndes kranken Geistes inmitten seiner selbstgeschaf-\nfenen Visionen in der Leidenschaft Nathanaels im\n„Sandmann” für die Wachsfigur, die der Urheber\nfür seine Tochter Olimpia ausgiebt* Wie er ihren\nsteifen, abgemessenen Gang bewundert, entzückt\nlauscht, wenn sie mit ihrer schneidenden Glas-\nglockenstimme singt, von grausigem Todesfrost\ndurchbebt wird, wenn er die Eisfcälte ihrer Hand\nspürt, aber bald zu fühlen glaubt, dass sie in der\nseinigen warm wird, wie er mit ihr tanzt, ohne\ndie rhythmische Festigkeit, mit der sie sich dreht,\nund die alle andern als etwas unheimliches em-\npfinden, zu bemerken, wie er die höchsten Schwär-\nmereien und die Liebe seines Herzens vor ihrer\nwächsernen Unbeweglichkeit ergiesst und dabei\nnicht gewahr wird, dass der Ballsaal sich leert,\ndie Kerzen erlöschen und die letzten Töne der\nMusik verhallen, das gehört zu den schaurigsten\nBildern aus der Hoffmann'schen Zauberlaterne,\ngrade darum so entsetzlich, weil es zugleich ko-\nmisch ist*\nAuf die Mitwirkung des „inneren Sinnes”\ngründete er jedenfalls sein Kunstprincip* Was\nnicht im Innern des Verfassers auf gegangen und\nangeschaut war, zählte er nicht zur Kunst* Aber\nkeineswegs sollte diese Innenwelt ohne Zusammen-\nhang mit der Sinnenwelt schweben, vielmehr sollten\nes gerade die alltäglichsten Figuren des Lebens\nsein, die der Künstler eintauchen liess in seinen\nJungbrunnen, dass sie vergoldet und phantastisch\ngeschmückt, als reizende oder groteske Gestalten,\nje nachdem der Geisterputz ihnen anstand, daraus\nhervorgingen* Das rühmte er an den Märchen\naus Tausendundeiner Nacht, dass eben das ge-\nmeinste tägliche Leben sich dort in einer tollen\nFarbenwelt durcheinanderbewegte, und deswegen\nbewunderte er den Maler Jaques Callot so sehr,\nweil er alles seien es Bauertänze, Schlachten,\nAufzüge in „den Schimmer einer gewissen ro-\nmantischen Originalität” zu kleiden wusste und\ndabei in seinen abenteuerlich aus Mensch und\nThier zusammengesetzten Gestalten die tiefsinnige\nIronie zeigte, die des Menschen Bestimmung mit\ndes Menschen Thun halb wehmüthig, halb aus-\ngelassen scherzend vergleicht*\nEinen wesentlichen Unterschied zwischen den\nKünsten erkannte Hoffman als ächter Romantiker\nnicht an: wie er von dem Dichter verlangte, er\nmüsse innerer Musiker sein, so vom Maler, dass\ner vor allen Dingen Dichter sei* Dass Callot Fehler\nin der Vertheilung des Lichts und in der Gruppie-\nrung machte, hielt er für unwesentlich dem gegen-\nüber, dass seine Bilder Reflexe seien „aller der\nphantastischen wunderlichen Erscheinungen, die der\nZauber seiner überregen Phantasie hervorrief”*\n„Auffassung der Natur in der tiefsten Bedeutung\ndes höheren Sinns, der alle Wesen zum höheren\nLeben entzündet, das ist der heilige Zweck aller\nKunst”* Das blosse Abmalen der Natur kann\ndemnach nicht Kunst sein, wie man auch kein\nGedicht in einer fremden Sprache, die man nicht\nversteht, gut würde vortragen können* Zwar soll\nman die Natur auch im Mechanischen studieren, um\n„die Praktik der Darstellung” zu erlangen, nur\nverwechsle man die Meisterschaft in der Technik\nnicht mit der Kunst* Wer eingeweiht ist, wer\nden sechsten Sinn hat, um in die Natur hinein-\nzusehen, für den werden die Zeichen, in denen sie"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.27", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4865, "texte": "schreibt, dem Unkundigen nur tote Schnörkel, zu\nlebendigen, bedeutungsvollen Hieroglyphen, die\nsich klingend und flammend von selbst zu wunder-\nvollen Landschaften zusammenfügen*\nDie Landschaftsmaierei stellte er am höchsten\nund als die Meister derselben verehrte er Salvator\nRosa und Claude Lorrain* Er selbst, abgesehen\ndavon dass er ein geschickter Dekorationsmaler\ngewesen sein soll, hatte natürliche Begabung nur\nfür die Karrikatur, und wenn er sich ernstlich auf\ndie Malerei verlegt hätte, wäre es ihm wohl so\nergangen wie seinem Berthold in der „Jesuiter-\nkirche”, dem zwar in inneren Traumgesichten\ndas heimliche Wesen der Natur herrlich auf geht,\ndem aber die Schöpferkraft sie so darzustellen\ngebricht* Denn auch in seinen Dichterwerken\ntreffen wir ebensowenig jemals die reine schöne\nNatur wie die Liebe* Liebe hatte er lebenslang\nersehnt, aber niemals schön in sich erlebt und auch\nnicht dargestellt* An Heissblütigkeit glich er einem\nItaliener, wie er auch äusserlich, wenn er seine\nDienstuniform trug, einem italienischen oder fran-\nzösischen General ähnlich gewesen sein soll* Er\nselbst klagt, dass die Heftigkeit, vielmehr Raserei\nseiner Empfindung, stets sein Glück zerstört habe*\nMan weiss aber, dass, je sinnlicher ein Volk, desto\nniedriger die Stellung seiner Frauen und sein\nBegriff von Liebe ist, und wenn nun auch Hoff-\nmanns, als eines so aufmerksamen und idealistischen\nMannes, Begriff der Liebe ausserordentlich hoch\nwar, so war er doch nicht im Stande, ihn auf der\nErde unter wirklichen Menschen unterzubringen*\nEine Frau anders als vom geschlechtlichen Stand-\npunkte aus anzusehen war ihm unmöglich; han-\ndelte es sich auch nur um ein flüchtiges Gespräch\noder um einen Tanz, so musste er selbst für diese\nkurze Dauer wenigstens die Möglichkeit sich zu\nverlieben sehen, wenn er sich unterhalten sollte*\nEr gab zwar zu, dass eine ältere Frau, wenn sie\nGeist besitzt, das jüngste Mädchen an Anmuth\nund Reiz übertreffen könne, aber sein Temperament\nzog ihn doch immer unwiderstehlich zu diesen\njüngsten Mädchen hin, die er hernach verspottete*\nFür seine Freunde war es ein Aergemiss mit anzu-\nsehen,wenn er, als reifer Mann, sich für irgendein sech-\nzehnjähriges Mädchen aufs Aeusserste erhitzte, was\num so peinlicher war, als er sich selbst dabei lächer-\nlich vorkam und der innere Zwiespalt ihn hässlich\nverzerrte* Auch in seinen Liebesgeschichten ist die\nHeldin ein „liebesEngelskind”oder „holdes Himmels-\nbild” von sechzehn Jahren, deren Erscheinung aber\nin den meisten Fällen eine leise Ironie begleitet,\nso dass man spurt, die thonchte Verherrlichung\ngehe eigentlich nicht vom Dichter, sondern von\nseinem verblendeten Liebhaber aus, den er sogar\nzuweilen noch zu retten für gut findet. So schliesst\ndie Brautwahl damit, dass der Maler Edmund seine\nBraut Albertine, um deren Besitz sich die ganze\nErzählung gedreht hat, verlässt, um eine Kunst-\nreise nach Italien zu machen, und der Leser wird\nmit der frohen Ueberzeugung entlassen, dass er\nsich ganz von ihr losmachen und nur der Malerei\nleben wird. In der „Jesuiterkirche” wird ein ver-\nwandter Gegenstand behandelt, dass nämlich ein\nvon hoher Liebe Begeisterter, namentlich ein Künst-\nler, niemals sein Ideal als Frau heimführen und\ndadurch in den Kreis des Alltäglichen herabziehen\ndürfe. Berthold heiratet die herrliche Geliebte,\ndie ihn eigentlich zum Künstler gemacht hat, indem\ner sein Genie in der Bemühung ihr Ebenbild wieder-\nzugeben entdeckte; und von dem Augenblick an\nerlahmt seine Kraft, er sieht den überirdischen\nSchimmer nicht mehr, der sie früher umgab, der\nAufschwung, den seine Liebe ihm sonst verlieh\nund der ihn zu grossen Leistungen befähigte, stellt\nsich nicht mehr ein, er fängt an als hemmend\nzu empfinden, was ihn sonst beflügelt und seine\nFrau, trotzdem er sie innigst bemitleidet, zu hassen,\nbis er sie schliesslich in der Raserei der folternden\nQualen ermordet. Die erschütternde Tragik, die\nin dieser Verwickelung liegt, hat Hoffmann aller-\ndings nicht gestalten können. Seine Kraft liegt\nim ironischen Humor, den er im Artushof so\nallerliebst spielen lässt; dort rettet er den kunst-\nbegabten Traugott erst vor der häuslichen, ganz\nprosaischen Christine und dann vor deren Gegen-\nstück, der geheimnissvollen Felicitas, die er eigent-\nlich nur als Bild kennen und lieben lernt. Denn\nals er hört, dass das hohe Ideal, das er nie zu\ngewinnen dachte, aber auch nie verlieren zu können\nglaubte, Kammerräthin Mathesius in Marienwerder\ngeworden ist, erlöscht die Schwärmerei in seiner\nBrust, und wenn Hoffmann ihn doch noch in\neine in der Zukunft liegende Verlobung einmünden\nlässt, so ist das wohl mehr ein Zugeständniss an\ndas Publikum oder der Wunsch die Geschichte\nmit einer hübsch beleuchteten Gruppe zu schliessen.\nIm „Klein Zaches” ist man jeden Augenblick\ndarauf gefasst, dass Hoffmann seinen dichterischen\nBalthasar noch, eh es zur Hochzeit kommt, der"}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.29", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4637, "texte": "holden Candida im Triumphe entführt; wenn er\nihr diesmal sein Wohlwohlen nicht entzieht, ist\nes jedenfalls, weil er sie von Anfang an als ein\nlustiges, unbefangenes Mädchen hingestellt hat,\ndas Schiller, Goethe und Fouque zwar gelesen,\naber auch gründlich wieder vergessen hat, reichlich\nKuchen zum Thee isst und weder empfindsam\nnoch sonst gebildet ist und sein wilL Den ver-\nnichtendsten Spott hat er im „Sandmann” über\ndie Frauen und zugleich über die Gesellschaft aus-\ngegossen, wo es dem Professor Spalanzani gelingt,\neine Wachspuppe in die ästhetischen Kreise ein-\nzuführen* In höchst vernünftigen Theezirkeln hat\nsie Glück gehabt, nur einige kluge Studenten haben\nbemerkt, dass es eine eigene Bewandtniss mit ihr\nhatte* Seitdem „schlich sich ein abscheuliches\nMisstrauen gegen menschliche Figuren ein”, und\nmehrere Liebhaber verlangten von ihren Damen,\ndass sie nicht nur zuhörten, sondern auch manch-\nmal so sprächen, „dass dies Sprechen wirklich ein\nDenken und Empfinden voraussetze“* Es ist an-\nzuerkennen, dass Hoffmann hinzusetzt, es wären\nmanche Liebesbündnisse dadurch viel fester und\nanmutiger geworden*\nAehnlich wie mit der Liebe ging es Hoffmann\nmit der Natur* Wie er am schönsten die traum-\nhafte Liebe zu dem Zauberwesen Serpentina schil-\ndert, so malt er auch am liebsten und am reizend-\nsten Atlantis, das Dschirnistan seiner Sehnsucht,\ndas sich zur Natur ungefähr so verhält, wie eine\ndurch farbige Gläser geschaute Landschaft zu einer\nmit dem blossen Auge gesehenen* In seinen Gärten\nblühen Tulpen, Kaktus und Feuerlilien, exotische\nVögel mit glitzerndem Gefieder schwirren kreischend\ndarin umher* So viel er auch den Frieden des\nWaldes der Stadt gegenüber hervorhebt und gewiss\nempfunden hat, athmet uns doch nie die Natur\nselbst aus seinen Werken an, die, als etwas ein-\nmüthiges, nie komisch wirkt, wenigstens erst wo\nsie sich im Thierleben darstellt* Bei dieser Ver-\nanlagung hat die späte Leidenschaft, die der ster-\nbende Dichter für die Natur empfand, etwas\nrührendes und merkwürdiges* Auf seinem Kranken-\nlager ergriff ihn eine solche Sehnsucht nach dem\nGrün der Bäume, dass er willig die Schmerzen\nertrug, die mit einer Ausfahrt verbunden waren,\num nur den Anblick des Waldes zu gemessen und\ner pflegte von einem solchen Ausfluge, der für die\nbegleitenden Freunde um seinetwillen etwas jammer-\nvolles hatte, entzückt heimzukehren* Dieses Er-\nlebniss spiegelt sich in der fragmentarischen Novelle\n„die Genesung”, die man nicht das beste seiner\nWerke nennen kann, aber das seelenvollste*\nAuf das Unheimliche der Automaten, das wohl\njeder mitempfinden kann, der einmal ein Wachs-\nfigurenkabinet besucht und vielleicht eine Figur\nim ersten Augenblick für lebend gehalten hat, kam\nHoffmann oft zurück* Es liegt wohl darin, dass\ndie getreue Nachäffung des Lebens, das doch kein\nLeben ist, was auch den Anblick einer Leiche\noder unseres Spiegelbildes, wenn es uns unerwartet\nentgegentritt, so schreckhaft machen kann, uns\neine Anschauung unserer Doppelnatur gewährt*\nWir gewahren ein Ich, sei es nun unser eigenes\noder ein fremdes, das uns gleich und doch nur\nein Trugbild ist und zu fragen scheint: wer bist\ndu? glaubst du mehr zu sein als ich? oder: siehst\ndu nun, in welchem Irrwahn du dahingelebt und\nwie du immer das Tote für das Lebendige ge-\nnommen hast?\nDergleichen undeutliche, erschütternde Vor-\nstellungen sind am meisten mit der Erscheinung\ndes sogenannten Doppelgängers verknüpft, der bei\nHoffmann denn auch öfters auftritt* In den\n„Elixiren des Teufels” und im „Doppelgänger”\nerklärt sich allerdings das Wunder aus naher\nVerwandtschaft von zwei jungen Männern, die\ngegenseitig von ihrem Dasein keine Kenntniss\nhaben, dennoch führt die Verwickelung zu einigen\ngrausigen Scenen, wo z♦ B* dem fliehenden Me-\ndardus Nachts im Walde der wahnsinnige Doppel-\ngänger, heulend und lachend, auf den Rücken\nspringt und sich nicht abschütteln lässt, wenn\nauch Medardus in seiner Verzweiflung gegen\nBäume und Felsen mit ihm rast* Aber noch\neigentümlicher erregt es uns, wenn wir hören,\ndass Hoffmann auf einem Balle den Einfall hatte,\nsich sein Ich durch ein Vervielfältigungsglas zu\ndenken und alle Gestalten, die sich um ihn herum-\nbewegten, als seine Ichs zu sehen, über deren\nThun und Lassen er sich wie über sein eigenes\närgerte*\nDer exotischen Stimmung, in der die Seher-\ngabe erwachte, war Hoffmann nicht in jedem\nAugenblick mächtig, sie hervorzurufen oder zu\nsteigern diente ihm der Weingenuss* In je bun-\nteren, leuchtenderen Farben, in je drolligeren Ver-\nzerrungen ihm dann die Welt auf ging, desto grauer\nund kälter erschienen ihm die Stunden der Er-\nmattung, woraus sich der Drang erklärt, die exo-"}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.31", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1979, "texte": "tische Laune immer häufiger und in erhöhtem\nMasse herbeizuführen. Blieben auch die körper-\nlichen Beschwerden hernach nicht aus, so en+-\nschädigten ihn die Kobolde und Gespenster, der\ntolle Reigen, den die ganze Welt vor seinen ju-\nbelnden Augen aufführte, reichlich dafür. In fast\nallen seinen Erzählungen spielt der Wein eine\nRolle, besonders über die Scene der Punschberei-\ntung wusste er den Zauber der romantischen Be-\nhaglichkeit auszugiessen, die er selbst so oft dabei\nempfunden hatte. Sogleich setzte sich das Rad\nseiner Phantasie sanft schnurrend in Bewegung,\ndie Fledermaus begann ihren lautlosen Flug und\nder irdische Vorgang des Punschbrauens wandelte\nsich ihm in ein sichtbares Kampfspicl der Eie-\nmentargeister um. Punsch empfahl er den Mu-\nsifcern, wenn sie sich zu romantischen Compositionen\nwie seine Lieblingsoper Don Juan stimmen woll-\nten, alten Rheinwein für Kirchenmusik, für ernste\nOpern Burgunder, für komische Champagner und\nfür Lieder die feurigen Weine Italiens.\nHoffmanns Verstand heurtheilte übrigens die\nUrsachen und Folgen seiner Neigung zum Alko-\nhol mit strengster Einsicht. Geistiges Getränk,\nsagte er, befördere den regeren Umschwung der\nIdeen, die Phantasie sei wie ein Mühlrad, das der\nStrom stärker und schneller drehe, wenn man\nWein aufgiesse. „Doch überlasse ich jedem seine\nindividuelle Meinung und finde nur nöthig für\nmich selbst im Stillen zu bemerken, dass der Geist,\nder von Licht und unterirdischem Feuer geboren,\nso keck den Menschen beherrscht, gar gefährlich\nist, und man seiner Freundlichkeit nicht trauen\ndarf, da er schnell die Miene ändert und statt des\nwohlthuenden, behaglichen Freundes zum furcht-\nbaren Tyrannen wird.\" Hoffmann erzwang sich\nmittels des Weines ein intensiveres, wenn auch\nkürzeres Leben; aus der Disharmonie seines Wesens,\ndie er gewaltsam von aussen her zu heben suchte,\nging der verhängnissvolle Trieb hervor.\nMerkwürdig ist es, seine exotischen Erzählungen\nmit seinen nüchternen zu vergleichen. Zu den"}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.32", "debut_caractere": 100, "fin_caractere_exclue": 4175, "texte": "letzteren gehören z* B* „das Fräulein von Scudery”\nund „Meister Martin”, die in der Literaturgeschichte\nals seine besten und an sich vorzüglich gepriesen\nwerden* Dass sie ohne starken alkoholischen Ein-\nfluss geschrieben wurden, beweist unter anderem\nihre Verwandtschaft mit denjenigen Geschichten,\ndie Hoffmann auf seinem Kranken- und Toten-\nbette schrieb Johannes Wacht, der Feind, des\nVetters Eckfenster wo ihm der Genuss des\nWeins gänzlich untersagt war* Muss nun auch\njeder sehen, dass sie an Einheit, Straffheit und\nFasslichkeit den anderen überlegen sind, so wird\nder Liebhaber der Poesie doch immer, wie Hoff-\nmann selbst, die vorziehen, die der stärkste Ex-\ntrakt seines Wesens würzt, mögen sie sich auch\nnoch so zerfetzt und wirbelnd darstellen* Die\nSehergabe, die er in „des Vetters Eckfenster” so\nanschaulich und geistreich schildert, ist nur die\nfeine Beobachtung und rasche Verknüpfung eines\nguten, phantasiebegabten Kopfes, nicht der hell-\nseherische sechste Sinn, der den fünfsinnigen Durch-\nschnittsmenschen zeigt, was jenseits ihrer Welt\nliegt* Ob er bei besserer Verwendung seiner Kräfte\nden sechsten Sinn mit den übrigen fünfen har-\nmonisch hätte verschmelzen können, welche Ein-\nheit dann auch seinen Werken zu gute gekommen\nwäre? Einige Züge in seinen letzten Schriften\nlassen die Möglichkeit ahnen aber ob sich\nnicht da schon die nahe Auflösung geltend machte,\nähnlich der Verklärung, womit der Feenzauber\nden armen Klein Zaches nach seinem T ode\nschmückte? Er durfte ja endlich sich selber ent-\nfliehen, wozu ihm seine Phantasie, während er\nlebte, hatte dienen müssen; damit es die unmög-\nliche Aufgabe erfülle, hatte er das edle Flügel-\npferd über Vermögen angestrengt und immer\nwieder aufgepeitscht, bis es verendet mit ihm zu-\nsammenbrach*\nEinem alten Manne entsteht infolge einer\nNervenkrankheit die wahnsinnige Einbildung, die\nNatur habe den Menschen aus Zorn über ihre\nAbtrünnigkeit das Grün entzogen und damit alle\nHoffnung und Seligkeit des Lebens; kein Augen-\nschein kann ihn von diesem Wahne zurückbringen*\nNiemand wird ohne Rührung: die Scene lesen\nkönnen, wie der Alte, nach dem Rath eines jungen\nArztes, in magnetischen Schlaf versetzt und so in\neinen frühlingsgrünen Wald gebracht wird, wo\nder unerwartete Anblick des belaubten Zeltes über\nihm den Erwachenden heilt*\n„Da liess es die ewige Macht des Himmels ge-\nschehen, dass eine besonders anmuthige Gunst des\nSchicksals die Liebe des Fräuleins lohnte und die\nBemühungen des guten Doktors unterstützte* In\ndem Augenblick, als der Onkel das Wort „Grün”\nlallte, fuhr nämlich ein Vogel tirilierend durch\ndie Aeste des Baums, und von dem Flattern seines\nGefieders brach ein blühender Zweig und fiel dem\nAlten auf die Brust*”\nAber erst nachdem ein jähes Entzücken mit\nquälendem Zweifel in ihm gewechselt hat, wird\ner ruhiger und während ein Strom von Thränen\naus seinen Augen bricht, ruft er anbetend aus:\n„O Kinder, Kinder, welche Zunge singt das Lob,\nden Preis der Mutter würdig genug! O Grün!\nGrün! mein mütterliches Grün! Nein, ich allein\nwar es, der trostlos vor dem Throne des Höchsten\nlag wie hast du der Menschheit gezürnt!\nNimm mich auf in deine Arme!”\nDas mag in ihm selber vorgegangen sein, als\nder arme Körper, in dem er sich nie heimisch ge-\nfühlt hatte, sich aufzulösen begann, als das hitzige\nBlut, das ihn so sehr gepeinigt hatte, schwächer\nrollte, und der Geist, nun ihn die Furien verliessen,\naufathmend um sich schaute* Wie die drohenden\nStimmen und die verfolgenden Schritte verhallten,\nzog Frieden in seine erschöpfte Seele ein* Er\nsehnte sich nicht mehr nach dem entfernten Zauber-\nlande, da er die schönste Natur, eine versöhnte\nMutter, um sich her blühen sah* Wie er im Leben\ndas Kind geschiedener, durch unvereinbaren Zwie-\nspalt entfremdeter Eltern war, so hatte er auch\nin seinem weiteren Kreise sich niemals des gemein-\nsamen liebenden Schutzes von Geist und Natur\nerfreuen können* Mit bewundernswerther Kraft\nhatte er gegen diesen Fluch des Schicksals ge-\nkämpft und wohl verdient, als ein Genesener in\ndas Geisterreich des Jenseits hinüberzugehen*\n\nRICARDA HUCH"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1899-11-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabf_1899-11_01#c019", "volume": "bmtnabf_1899-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "31", "page_fin": "31", "image_debut": 31, "image_fin": 31, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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KOLOMAN MOSER.\nALFRED ROLLER.\n\nSTUDIE\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE.\n1893"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.2", "texte": "MÄDCHEN-\nBILDNISS\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE.\nJ886"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.3", "texte": "THÉO VAN\nRYSSELBERGHE\n\nEs könnte mich locken, mit Hintansetzung: der\nAnekdote und aller oberflächlichen Einzel-\nheiten die Natur dieses Malers direct zu\nstudieren* Leichtigkeit, Fülle, Raschheit des Ent-\nwurfes und Gewandtheit der Ausführung”, eine\nimmerwache Unmittelbarkeit und eine ganz unbe-\nstreitbare Eleganz characterisieren seinen Anfang*\nEr triumphierte im Augenblick, wo er erschien;\ndoch alsbald begreift er, dass ein solcher Triumph\ngemein ist, und sein Glück und sein Erfolg bringen\nihn, anstatt ihn zu befriedigen, zum Nachsinnen*\nSchon die erste Ueberschau seiner selbst zügelt in\nihm diese gefährliche Mühelosigkeit, alles zu malen,\nohne jemals zu missfallen* Er begiebt sich mit\nEifer an's Studium; er wird in der Zeichnung straf-\nfer; er erwirbt sich eine fast tadellose Technik*\nEr macht gute Malerei*\nEin Anderer hätte sich damit begnügt* Theo\nvan Rysselberghe thut das nicht* Da seine Leiden-\nschaft für die Kunst ihn mehr und mehr befeuert,\nsetzt er sich die Aufgabe, sein Studium des Lichtes\nund des Umrisses bis zur Spitze zu treiben* Der\nImpressionismus hatte ihn gewonnen* Er versteht\nsofort alle dessen Hilfsquellen* Zum erstenmal wird\ndas Weltall in seinem hellen, beweglichen, leben-\nden Aussehen betrachtet* Die Stunden, von denen\nman bloss das Erscheinen im Frühlicht und das\nVerschwinden in der Dämmerung kannte, sie werden\nnun eine um die andere studiert und die Atmo-\nsphäre wird in ihren tausend\nwiedergegeben*\nWas Theo van Rysselberghe an diesem neuen\nBemühen der Kunst um den aufrichtigen Ausdruck\nder Dinge gelockt hatte, das war, glauben wir,\ndie Freude* Manet, Monet, Renoir erleuchten die\nNatur und machen sie vor Lustigkeit schreien*\nTheo van Rysselberghe, indem er sich zu ihnen\nwendet, gehorcht also dem Grunde seines Wesens*\nEr hatte sich selbst schon zu sehr überwacht, um\nauf diesen neuen Weg nichts anders mitzubringen\nals nur Feuer und Flüchtigkeit* Der Impressionis-\nmus, der, nicht bei den Meistern, aber bei ihren\nNachahmern, häufig im Entwurf und der Skizze\nstecken bleibt, und nichts als unfertige und keim-\n\nSTUDIE\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE.\n1898"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.4", "texte": "hafte Seiten bietet, war für ihn nur ein Durchgang\nzu seiner heutigen Kunst. Wie einstens, unter-\nwarf er sich einer genauen Disciplin. Er hatte\nAbscheu vor dem Ungefähr, vor der losen, schnellen\nund heftigen Malerei; er beruhigte sich durch die\nMethode. Von seinen alten Gaben behielt er nichts\nals die Empfindung und besonders die Eleganz.\nGeorge Seurat, dieser grosse Maler, den der Tod\nder Weit gestohlen, hatte sich ein System gemacht,\ndas er in seiner ganzen Strenge zur Anwendung\nbrachte. Theo van Rysselberghe hört ihn an,\nund wenn er heute die Bande wieder ein bischen\nlockert, mit denen er sich freiwillig gezügelt hatte,\ngeschieht es, weil er in sich die Kraft fühlt, nichts\nvon der Freiheit zu fürchten, die er sich auferlegt,\nEine unmittelbare, glühende und lebhafte Natur,\ndie aber. Dank der Macht über sich selbst, klar\ndiscipliniert ist, so stellt sich uns Theo van\nRysselberghe dar. Er ruft die Regel an, wäre sie\nauch undankbar und schwer, und aus diesem Grund\ntreibt ihn seine Bestimmung heute, nachdem er\nsich in der Landschaft und im Porträt ausgegeben,\nzur Composition und zu den schroffen Spitzen der\nMalerei.\nSeine Laufbahn (er zählt 37 Jahre) ist sehr\nangefüllt. Seine Reisen haben ihn nach Spanien,\nnach Marokko, nach Italien, nach England, nach\nHolland, in die Provence, in den Orient geführt,\nEr hat aus jedem Land einige Schönheitsanschau-\nungen mitgebracht. Seine erste bedeutende Aus-\nstellung war jene, die er nach seiner Rückkehr\naus Tanger (1881) veranstaltete. Seine letzte\nführte Winkel des Mittelländischen Meeres vor die\nRampe. Seine Radierungen sind häufig Eindrücke,\ndie er in Volcndam, in Urfc und in Zeland ge-\nsammelt.\nUnter seinen Porträts ragen jene der Damen\nGysbrecht, Picard, Dubois (alte Manier), ferner\njene der Damen Theo van Rysselberghe, Fle, Mon-\nnom (neue Manier) hervor. Das Porträt des Malers\nPaul Signac ist das menschliche Abbild, das er\nam gewissenhaftesten und am charakteristischesten\ngemalt hat.\nSeine grosse Composition „L'Heure Embrasee”\n(die feurige Stunde) wurde in St. Tropez (Var)\nausgeführt. Es ist das eine Leinwand, auf der.\nDank dem Gegensatz der orangefarbenen und vio-\nletten Töne, Dank den mit Ueberlegung ver-\ntheilten Massen, den ruhigen, glücklich ver-\nknüpften oder ohne Anprall noch Unterbrechung\nweiter fliessenden Linien eine glühende Harmonie\nverwirklicht ist. Das ist bis heute sein offenbar-\nster Sieg.\nDiese gedrängte Uebcrsicht, aus der das stets\netwas marktschreierische Lob mit Willen verbannt\nist, hat keinen anderen Zweck, als von dem Werk\nTheo van Rysselberghe's einen allgemeinen Be-\ngriff zu gebfn und rings um seine Kunst herum\ndie Neugier zu erwecken. Was sein Leben anbe-\nlangt, so ist es dem Lärm feind; es sondert sich\nab und vergeht in der Intimität einiger auser-\nlesener Freunde.\n(Uebersetst von Marie Herzfeld.)\n\nEMILE VERHAEREN."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.5", "texte": "NACH EINER LITHOGRAPHIE VON\nTHÉO\nVAN RYSSELBERGHE\n1889"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.6", "texte": "AUGUSTE RODIN\nVon OSKAR FISCHEL\nZur Ausstellung: seiner Werke in Amsterdam\nEs war ein grosser Sprung-, wenn man am stillen Rokin in Amster-\ndam die Schwelle des Hauses „Arti et Amicitiae” überschritt,\nvon Rembrandt und Hals zu Balzac und Baudelaire, freilich\nauch zu Dante. Nach allem, was von den des Rijksmuseums\nso frisch herableuchtet, in jahrhundertlang:er Auswahl, will es nicht\nbehagen vor blendend weisse Gypse zu treten, noch dazu Ausgüsse\nscheinbar unfertiger Formen, wie sie hier als Rodin - Ausstellung das\nWerk eines Künstlers zum ersten Mal übersehen lassen sollten.\nUeberhaupt, man findet sich auf Plastik nicht eingerichtet, wenn man\nin den Niederlanden reist, und besonders, wer kunstgeschichtlich gelernt\nhat, er sei hier im Land der ausschliesslichen Malerei. Diese Weisheit\nist nur vorübergehend ein Trost, wenn man sich hülflos und etwas\nfühlt vor der überreichen plastischen Sammlung des Brüsseler\nMusee cinquentenaire und von der Grossartigkeit der modernen\nPlastik auf den öffentlichen Plätzen Brüssels und Antwerpens nimmt\nman dann schön die Beruhigung: mit, dass die Kunst sich zu ihrem\nGluck nicht immer nach der Kunstgeschichte richtet und mitunter die\ndankbare Rolle auf sich nimmt, zur kunstgeschichtlichen Regel die\nAusnahme zu liefern*\nRodln ist nun freilich in den Niederlanden nur Gast, wenn er\nauch lange in Brüssel thätig war und vielfach sogar als Carpeaux\nSchüler gilt, dessen Temperament seine vlämische Mischung nie ver-\nleugnet hat*\nWer Rodins Meister war? Sonst nennt man wohl noch Barye\nund den graziösen Carrier-Belleuse als die, deren Einfluss er erfuhr*\nWer so stürmt und drängt wie Rodln wird immer ein undankbarer\nSchüler sein, und er ist einer von denen, die die Frage nach ihrer Her-\nkunft unbeantwortet lassen* er war Lehrer und was lehrt\nes uns, dass wir Meister kennen? Man hat ihn ja\nden französischen Michelangelo genannt; der Name des Florentiners\nist schon anderswo mit weniger Recht angewandt; man verschwendet\ndoch gerne grosse Namen an kleinere Dinge und kennt sogar eine\n\nAKT - STUDIE ZU DEM\nBILDE ABENDGLÜHEN\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE.\n1897"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.7", "texte": "Sächsische Schweiz aber wer den grossen Italiener\nauf Rodln bezogt musste beide sehr wenig oder sehr\ngut gekannt haben* Michelangelo bedeutet den\nGipfel einer ganz grossen Zeitt Rodln einen Höhe-\npunkt vielleicht t oder gewiss einen suchenden\nunschlüssigen* Dass man das Tasten und die\nmangelnde Entschlossenheit seiner Zeit bei ihm\nvergisst t dass er neu und stark vor uns tritt und\nauch mit den grossen Vorgängern verglichen noch\netwas bedeutett das ist eines der Zeichen seiner selb-\nständigen Grösse* Mit Michelangelo ist ihm von\nvornherein nichts gemeint und soll er ihm denn\netwas verdankent so doch höchstens das Bewusst-\nsein jener letzten höchsten Freiheit f mehr als der\nNatur nachzuschaffent mit ihr um die Wette schaffen\nzu können* In dieser Herrschaft über den Stoff be-\ngegnen sie sich allerdingst aber liegt da nicht der\nPunktt wo alle Grossen sich berühren? Bei allem\nCitieren und Vergleichen verliert man vor dem Jahr-\nhunderte durch geschätzten und in der Schätzung\ngesicherten zu leicht den aus den Augen y dessen\nBild man gewinnen willt und Rodin giebt gerade\ngenügt um auch allein zu gelten*\nDie Ausstellung machte es wohl dem Betrachter\nnicht leicht mit ihrem weissent lichtlosen Gypst\ngerade bei ihmt der seine Schöpfungen wie kaum\neiner für ihr Material denktt Bronze und Marmor*\nDa fehlt der Glanz des Metalls f das belebende\nSpiel der Lichter neben dem tiefen Schatten t da\nverliert sich die Transparenz und Körnigkeit des\nMarmors f das schmeichelnde Fluten des Lichts\nüber die duftig behandelte wie athmende Ober-\nflächet kurz alles t was Rodin zu seiner freilich\nsouverainen Formenherrschaft noch an Mitteln\neinzusetzen hat* Und docht bei alledem trifft\nman hier auf etwas lang vermisstes* Wer seine\nKunst plastischen Impressionismus genannt hatf\ntraf nur eine Seitet die technische und Rodin's Wert\nliegt auch im grossen Wollen* Er ist ein Künst-\nler von einem Gedankenflug y wie Frankreich ihn\n\nABENDGLÜHEN\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE\n1897"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.8", "texte": "in der bildenden Kunst lange nicht besass, ein\nDichter, der die Seele in Höhen und Tiefen kennt\nund was fast mehr, auch dort wo Dunkel und\nLicht die beglückende Dämmerung weben. Sein\nGeist ist wirklich tausendfach gelaunet und der\nquellenreiche Strom unendlicher Empfindung, daran\nPlaten den Dichter gekannt sehn will, rauscht\ndurch jedes seiner Werke, von der leichten Skizze\nbis zum mühsam erarbeiteten Resultat seines eher-\nnen Fleisses.\nDenn er, der soviel kann, thut sich nicht so\nbald genug, das ist nöthig zu betonen dem Miss-\ngeschieh gegenüber, das den Künstler bei seinem\nletzten mit voller Wucht hingestellten Werk, der\nStatue Balzac's betraf. Für ihn war seine Idee\ndeutlich und er zog die Hand davon, als die\nriesige Gestalt kaum aus dem Block trat; wie\nRembrandt hielt er damit seine Arbeit gethan.\nEs war kein fertiges Werk und hätten, die es ab-\nlehnten, nicht dem trivialen Machwerk Bourgeois\nden Vorzug gegeben, man könnte ihnen keinen\nVorwurf machen. Aber die Kränkung des Künst-\nlers wird begreifen, wer die vorbereitenden Skizzen\ngesehen, die sich diesem beneidenswerth interes-\nsanten Modell von allen Seiten näherten, seine\nFormen ergründeten, wie seinen bald aufgeregt, bald\nin der Ruhe gefassten Ausdruck. Was dann der\nAusführung gefährlich wurde, darin liegt sonst ein\n\nPORTRÄT\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE.\n1886"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.9", "texte": "unmittelbarer Reiz grade seiner Porträts, der Zauber\ndes rasch aus dem Leben gerissenen, die unver-\nwischten Spuren der temparamentvollsten Arbeit,\nbei der schliesslich nicht die Flüchtigkeit, aber\nwohl die zielbewusste und sichere Hand die meiste\nBewunderung verdient* Feine Charakteristik seiner\nModelle darf man von einem Franzosen erwarten,\ndass er uns an ihrem geistigen Leben Theil nehmen\nlässt, dankt er seiner poetischen Gabe, die verein-\nzelte Züge zu diesen fast beunruhigend lebens-\nvollen Bildern sammelt* Sie alle, und es sind die\nbedeutendsten Menschen, die er vor sich sah, tragen\ndie Idee, der sie leben, vor sich, wie Sieger blicken\nsie daher als wären sie am Ziel* Es liegt viel\nromanisches in solcher Auffassung, aber sie ist den\nModellen gemäss* In der Berliner National-Gallerie\nsteht der Büste seines Mitpräsidenten bei der Societe\nNationale des Beaux-Arts Dalou der eherne Böck-\nlinkopf Hildebrandts gegenüber, und diese einfache\nNachbarschaft ist unsagbar lehrreich: Kunst, Kul-\ntur, Nationalität führen hier einen stillen Kampf*\nDen merkwürdigsten Einblick in seine Art zu\nlernen und zu forschen boten auf der Ausstellung\nseine Zeichnungen, verschieden in der Technik\nwie in ihrer Absicht* Neben echten Bildhauer-\nskizzen, deren Striche mit einer Hand hingesetzt\nsind, die eher des Meisseis als des Stifts gewöhnt\nscheint, deren Plan mehr auf Structur als auf\n\nCANAL\nIN FLANDERN\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE.\n1894"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.10", "texte": "KINDER-\nPORTRÄT.\nTHEO VAN RYSSEL-\nBERGHE.\nPASTELL\n1896"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.11", "texte": "äussere Linien des Körpers ging, gab es andere,\nbei denen ihn nur die Verkürzung, das Schwinden\nund Verklingen eines Contours im Raum beschäf-\ntigte, lose überzarte Federzüge, in der Unbestimmt-\nheit der Körper fast an die Figuren chinesischer\nHolzschnitte mahnend; aber doch welche Sicher-\nheit verlangt es, in diesen halbirrenden Contouren\ndie Bewegungen und Überschneidungen jedesmal so\nlebhaft zu treffen* Seine Modelle freilich müssen\nwenig zu beneiden sein* Er geht dem Körper nach\nbis in Stellungen, die man nur am Cadaver stu-\ndieren kann, oder wie der weiche Kinderkörper\nder ersten Jahre sie hergiebt; selbst eine Stellung:\nden Kopf unter dem Knie durch hat er, man\nweiss nicht, ob studiert aber glaubhaft gezeichnete\nSo genau kennt er den menschlichen Körper in\nseinem animalischen Leben, dass die Geberde leiden-\nschaftlicher Gestalten bei ihm oft an die bekannten,\nergreifenden Abgüsse der verschütteten Pompejaner\nerinnerte* Und hier gilt ihm, der sonst schon im\nKopf allein den ganzen Menschen zu fassen ver-\nmag, der Kopf nur als Echo des ganzen Körpers*\nEs giebt nichts zwischen Leidenschaft und leiser\nRegung, das er nicht schon im Körper auszudrücken\nwüsste* Mit Recht hat man zu seinem Lobe ge-\nmeint, jedes Fragment einer Statue würde die Stim-\nmung des Ganzen klar erkennen lassen* Man kann\ndarauf an seinen, nur theilweise vollendeten Studien\ndie Probe machen* Im Kopf eines Schreienden\nerräth man den Gestus des wilden Laufs in der\nHand Gottes die allgütige mühelos schaffende Ge-\nstalt* Seine Eva genügt, vom Rücken zu sehn,\nder unausgeführt gelassene Kopf konnte nicht mehr\nSelbstqual und Scham ausdrücken, als diese Ge-\nstalt, die am liebsten in sich verschwände* Wun-\nderbar sind in einer kleinen Studie auch als Com-\nPosition vollkommen drei Gestalten zusammenge-\ndacht: Ein junges Weib ist auf den Knien des\nMannes an seiner Brust entschlummert, ein anderer\nlegt, selbst erschüttert, den Arm um den ersten:\nAlfcestis heisst die Gruppe, sie könnte auch Lu-\ncretia bedeuten, oder sonst einen grossen Schmerz,\nder zur Ruhe kam*\nWie absichtslos bauen sich ihm leidenschaftlich\nbewegte Körper in klaren Gruppen zusammen, mit\nharmonischem und stimmungsvollem Contour, die\nkühnste wohl eine Nymphe, auf den Schultern\neines Satyrs balancierend; sie lenkt seinen wilden\nLauf mit Schenkeldruck, und so frei und organisch\ndabei sind diese Fabelwesen bewegt als hätte er\nsie erlebt* Und wie wird erst die Natur lebendig\nin jenen Oreaden, die halb neugierig, halb mitfühlend\nvon ihrem Felsen auf den toten Dichter sich herab-\nneigen, ein Zug so tiefer heiliger Naturempfindung,\nwie er bei einem Romanen überrascht*\nJede einzelne Phase der geistigen Existenz ver-\nkörpert er für das Denkmal Victor Hugo's im\nPantheon: „Nackt wie ein Gott” thront der Dich-\nter, umgeben von seinen inneren Eingebungen,\nseltsam bewegten Frauengestalten, denen man Un-\nrecht thut, sie einzeln auszustellen, weil sie nur\nals Theile einem Ganzen dienen* Der Dichter des\nHernani pathetisch gross, wie es ihm zukommt, aber\nfür uns etwas zu gallisch, der Kopf freilich ent-\nwickelt aus einer Reihe der herrlichsten Studien,\nzwei davon mit der kalten Nadel aus dem Pan\nund der Gazette des Beaux-Arts bekannt, in ihrer\nCharakteristik wahrhaft monumental*\nDie Weltausstellung wird umfangreiche Arbeiten\nvon Rodin bringen, vor allem die Thür für das Mu-\nseum der decorativen Künste, die ihn seit 15 Jahren\nbeschäftigt, hohe Reliefs aus dem Inferno* Was\nan Skizzen davon bisher in die Oeffentlichkeit kam,\nauch hier war eine Gruppe ausgestellt zeigt\nihn in den Spuren des gestaltungsreichsten Dich-\nters als selbständigen Dichter, in einer Ueberfülle\nder tiefsten poetischen und künstlerischen Gedanken*\nWie vom Geschlecht Dante's muthen auch seine\nGefangenen von Calais an: eine kleine Schaar wallt\nschleppend, von ihrem Schicksal getrieben,die Strasse\ndahin; seltsam in jeder dieser hagern, nur auf grosse\nGeberde gearbeiteten Gestalten ein anderer Cha-\nrakter, und doch die Gruppe, aus einer Stimmung,\ndem Entschluss zum letzten Aussersten bewegt! ein\nZug von Verdammten sein, Männerim Leben ver-\nstreut, nun von einem Geschick zusammen ge-\nkoppelt, wie der Florentiner sie geschaut haben\nkönnte*\nUnd diesem Meister, dem Qualen und Stürme\ndes Inferno gelingen, sind auch die „dolci pensieri”\nder Oberwelt nicht fremd* Ein Thema beschäftigt\nihn vor allem „der Kuss”* Die weiche Marmor-\ngruppe im Salon 1898 war nur eine der vielen\nLösungen seiner nicht zu ermüdenden Phantasie für\ndies Sujet, das im Laofcoon wenn nicht als niedriges\nGenre, doch als transitorisch dem undarstellbaren\nzu gerechnet würde; aber der alte Goethe hätte\ngewiss seine Freude daran, wie hier ein Künstler\nzum Ziele kam ohne „Traum” oder „Schatten-\nbild”, die er selbst ermuthigend vorschlug* Daphnis"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.12", "texte": "und Lycoenion, Adonis, die Woge und der Strand,\nin allen der gleiche Sinn, die eine Stimmung, rüh-\nrend einfach und dabei so gefährlich schön, ein neuer\nOrleans müsste ihnen wie Correggio's Leda den\nKopf nehmen, um den eignen zu behalten* An-\ndere Künste waren hier viel ungebundener* Wenn\nes wahr ist Musikalische behaupten und der\nBeifall Unmusikalischer bestätigt es dass die\nMusik um Isoldens Freudejauchzen, Lustentzücken\nErtrinken, Versinken ähnliches spann, wie es\nhier der Marmor athmet, wieviel keuscher, un-\nbescholtener ist dann in all seiner Offenheit der\nBildhauer*\nSonderbar , wie spät die Franzosen , in deren\nKunst die Frau einen so grossen Raum einnimmt,\nhinter das Geheimniss der Frau kamen* Rodin\nist gewiss einer der begnadeten darin! Was sonst\nseit der Mona Lisa bis heute nur wenigen Malern\n\nPORTRAT\nDER MME. SAENGER -\nSETHE\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE.\n1895"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.13", "texte": "und Dichtern zufiel, das gelang dem Bildhauer*\nEine kleine Gruppe, Bruder und Schwester: das\nerwachsene Mädchen reizend unbewusst unter den\nLiebkosungen des Brüderchens in dämmerige Ge-\ndanken versenkt; man denkt gern dabei an Gret-\nchen und Marianne*\nSo schliesst sich der weite Kreis von Rodin's\nKönnen lückenlos; in diesem merkwürdigen Manne\nliegt nebeneinander, was sich sonst auf einzelne\nvertheilt* Von der Hand seiner Schülerin Ca-\nmilla Claudel stand am Eingang zur Ausstellung\neine vorzügliche Porträtbüste des Meisters, der\nKatalog zeigte sein Bild: auf der nachlässig ge-\ntragenen Gestalt eines Arbeiters ein derber Kopf\nmit wirrem Bart, unter den starken Stirnknochen\nleuchten Augen, denen man glaubt, dass sie Höhen\nund Tiefen kennen und auch der herzgewinnende\nZug fehlt nicht, dem nichts menschliches fremd\nist* Für all diesen inneren Reichthum den\nleichten Ausdruck finden, das hohe Glück dankt\nRodin seiner Nationalität, er theilt es mit andern,\nin seiner Kunst verdankt er die unerhörte Herr-\nschaft über die Mittel keinem mehr als sich selbst;\naber was ihn über andere und selbst die Grenzen\nseiner Nation hinaushebt, das ist, was wir lange\ngenug vermissten, der Einklang reiner Formen mit\nreiner Schönheit der Gedanken*\n\nPORTRÄT\nDES SCHRIFT -\nSTELLERS EMILE\nVERHAEREN\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE.\n1893"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.14", "texte": "AMSTERDAM\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE\nNACH EINER RADIERUNG"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.15", "texte": "BARKEN IN VOLENDAM\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE\nNACH EINER RADIERUNG"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.16", "texte": "BILDNISS EINES JUNGEN MÄDCHENS\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE\n1898"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.17", "texte": "ÜBER E. T. A. HOFFMANN\n\nDie eigentliche Heimath des Menschen ist sein\nKörper, und ob er sich in diesem Hause\nwohl oder elend fühlt, das entscheidet über\nsein Heimathsgefühl auf der Erde* Hoffmann konnte\nmit seinem kleinen mehr possierlichen als hässlichen\nKörper nicht zufrieden sein, dem reizbaren, den das\nheisse Blut zu einer brennenden Hölle machte,\nvon dem er schon als Jüngling glaubte, er würde\nihn nicht lange mehr brauchen können, sondern\nsich empfehlen ohne ihn mitzunehmen* Bis aber\nder Tod ihm den Auszug ermöglichte, half ihm\ndie Kunst wenigstens zeitweilig die unbequeme,\ndrückende Wohnung zu verlassen* Dass er ein\ngrosser Künstler nicht war und Meisterwerke nicht\nschaffen konnte, sah sein scharfer, königsbergischer\nVerstand wohl ein; denn die Natur, sagte er, habe\nbei seiner Organisation ein neues Recept versucht,\nwelches aber misslungen sei, indem dem überreiz-\nbaren Gemüth, der bis zur zerstörenden Flamme\naufglühenden Phantasie zu wenig Phlegma beige-\nmischt und so das Gleichgewicht zerstört worden\nsei, dessen der Künstler durchaus bedürfe*\nBesonnenheit, Ruhe und Heiterkeit, die nach seiner\neigenen Aussage vom wahren Genie unzertrenn-\nlich sind, fehlten ihm; sein Wesen und seine Kunst\nberuhten auf einem in ihm selbst begründeten\nMissverhältniss, auf der Disharmonie* Der harmo-\nnische, objektive Dichter kann zwar gerade die\ninteressanten Charaktere in unerreichbarer Rein-\nheit und Anschaulichkeit herstellen, wie Goethe's\nWerther, Faust, Tasso und Meister beweisen; aber\netwas verlieren sie doch, indem sie sich in dem\nAug-e des Besonnenen spiegeln und dort eine Ganz-\nheit gewinnen, die ihnen in Wahrheit abgeht. Er\nhat die Sehnsucht, die Pein, das Unbehagen, alles\nwas den unharmonischen Dichter martert, nicht\nselbst empfunden und einzig darin liegt das was\ndieser vor jenem voraus hat. Das Schöne, das\nSeiende zu schaffen ist ihm versagt, aber wie er\nselbst etwas Interessantes, d. h. etwas Werdendes\nist, können es auch seine Werke sein, seine Sub-\njectivität macht seine Grösse aus, und je mehr wir\nihn selbst in seinen Werken antreffen mit allen\nseinen Unvollkommenheiten,desto reizvoller sind sie.\nDie Sehnsucht also war seine Muse, Sehnsucht\nnach einem Geisterlande, wo es eine so quälende\nKörperlichkeit wie die seinige nicht gäbe; ihr zur\nSeite standen ein klarer, scharfer Verstand und\neine bewundernswerthe Geisteskraft, was alles zu-\nsammengenommen erst seine Eigenart ausmacht\nund ihn wesentlich von vielen andern romantischen\nSchriftstellern unterscheidet. Der innere Zwiespalt,\ndie Einsicht in sein Wesen, die Sehnsucht sich\nüber ihn zu erheben, die Kraft es zu thun, daraus\nging sein Humor hervor, der seinen Werken, die\nsonst höchstens ein jugendliches Alter durch starke\nMittel und Seltsamkeiten eine Weile spannen\nkönnten, die Weihe giebt."}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.18", "texte": "Häufig tritt in seinen Erzählungen eine Person\nauf, die durch groteske Eigentümlichkeit der\näusseren Erscheinung und des Betragens beinahe\nwiderwärtig auffällt* Ein skurriles Lächeln, eine\nkreischende Stimme, ein stechendes Auge, ein\nGehen in seltsamen Bocksprüngen sind ihre uner-\nfreulichen Kennzeichen* So der wahnsinnige,\ndiabolisch höhnende Rath Krespel, der kleine\nObergerichtsrath Drosselmeier, der statt des rech-\nten Auges ein grosses schwarzes Pflaster und statt\nder Haare eine schöne weisse Glasperücke trug,\nder Professor in der Automate mit der unangenehm\ndissonierenden hohen Stimme, der Spieluhren und\nmusikalisch-mechanische Figuren verfertigt, der\nhagere Archivarius Lindhorst mit den grossen\nstarren Augen, die „aus den knöchernen Höhlen\ndes mageren, runzlichten Gesichtes wie aus einem\nGehäuse hervorstrahlten”, den die Schösse des\nUeberrocks, wenn der Wind hineinfährt, wie ein\nPaar grosse Flügel umflattern* Plötzlich, zu-\nweilen, verändert sich die bizarre Erscheinung, die\nVerzerrung glättet sich in sanfte Erhabenheit und\ndurch die komisch hässliche Maske scheinen ehr-\nfurchtgebietende Mienen* Dann verwandelt sich\nder weite damastene Schlafrock des Archivarius\nin einen Königsmantel, ein goldnes Diadem schlingt\nsich durch seine weissen Locken und von seinen\nanmuthigen Lippen strömt anstatt der kuriosen, un-\nverständlichen Redensarten gemüthvolle Weisheit*\nDann tritt auf das Antlitz des Professors statt des\nabschreckenden sarkastischen Lächelns ein tiefer\nmelancholischer Ernst, die grauen stechenden\nAugen blicken in seliger Verklärung himmelwärts\nund während ihn sonst das geistlose taktmässige\nGeklingel seiner Maschinen umgab, strömt jetzt,\nwo er geht wunderbare Musik aus Büschen und\nBäumen und erfüllt die Seele mit himmlischen\nAhnungen* Dass der Obergerichtsrath Drossel-\nmeier eigentlich ein guter Wundermann ist, der\nalles weiss, fühlen die Kinder, und auch den\nRath Krespel schauen sie freundlich und ehr-\nfürchtig zugleich an* In diesen Männern malte\nsich Hoffmann selbst ab, der mit seiner kleinen\nbehenden Gestalt, den feinen, zusammengepressten\nLippen, um die ein ironisches Lächeln schwebte,\nden grossen spähenden Augen unter mephisto-\nphelischen Brauen und dem grotesken Ziegenbocfcs-\nprofil wie ein Hexenmeister oder Zaubermännchen\nerschien und auf Fremde zunächst abstossend\nwirkte; der aber, wenn er in seinen Träumen von\nder Aussenwelt Abstand nahm, sich anders fühlte\nund schaute, gut, sanft und weise, wie er gewesen\nsein mochte, als er, ein kleines Kind, seiner selbst\nnoch nicht mächtig, auf dem Schosse der jungen\nTante Füsschen sass und ihrem süssen Gesänge\nzuhörte oder wenn ihn in der Neujahrsnacht die\nsanfte Musik von Clarinetten und Hörnern auf\ndem Schlossthurme weckte und er glaubte „silberne\nEngel trügen jetzt das neue Jahr einem Sterne\ngleich am blauen Himmel vorbei”, aber den Muth\nnicht hatte aufzustehn und zu sehen* Es gab für\nihn, der sich nicht eins in sich fühlte, in Wirk-\nlichkeit zwei Welten, und diese Doppelgängerei,\ndiese Bürgerschaft in zwei ganz verschiedenen\nWelten, bildet den poetisch-philosophischen Grund-\ngedanken der meisten seiner Schriften*\nAm vollkommensten ist Hoffmann die Dar-\nstellung dieser Doppelwelt im Märchen vom gol-\ndenen Topfe gelungen* Der Archivarius Lindhorst\nist ein wunderlicher Mann, der zu seinem Ver-\ngnügen chemische Experimente macht und alte\nBücher liest, viel seltene Manuscripte in fremden\nSprachen besitzt, dazu drei Töchter, mit denen er\nin einem abgelegenen Hause vor den Thoren\nDresdens wohnt* Aber für den Eingeweihten ist\ner der Salamanderfürst, entsprungen aus der Ver-\nbindung der Feuerlilie mit dem Jüngling Phos-\nphorus, seine Töchter gleiten als goldgrüne\nSchlänglein am Stamme des Hollunderbaumes, in\nder Abendsonne blitzend, auf und nieder, und die\njüngste entzündet das Herz des Studenten Ansel-\nmus, der darunter liegt und träumt, zu unend-\nlicher Liebe* In dem kleinen Garten vor dem\nThore blühen Cactus und flammende Lilien,\nrieseln krystallene Fontänen in Marmorbecfcen\nund plaudern fremde, wundervolle Vögel und die\nDecke des Zimmers, in dem Anselmus Manu-\nscripte abschreibt, ist ein azurblauer Himmel, den\ngrüne Palmensäulen tragen* Aber nur Anselmus\nsieht dies alles; nur er weiss, dass die alte Liese,\ndas Apfelweib, die Abends heimlich verbotene\nWahrsagerei treibt, der Abkömmling des Fleder-\nwischs und der Runkelrübe ist, ein teuflisches\nPrincip, das dem Salamanderfürsten nachstellt,\nweshalb sie sich auch in den bronzenen Thür-\nklopfer an seiner Hausthür verwandelt und als\nder Student ihn anfassen will, ihn ekelhaft an-\ngrinst und mit entsetzlichen Worten anschnarrt,\ndass er augenblicklich in Ohnmacht fällt und sein\nbeabsichtigter Besuch unterbleibt* Als er dann"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.19", "texte": "NACH EINER RADIERUNG\nTHÉO\nVAN RYSSELBERGHE"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.20", "texte": "DANCING\nGIRLS.\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE.\nLONDON 1896.\nNACH EINER\nRADIERUNG"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.21", "texte": "des Archivarius Tochter Serpentina geheirathet\nhat, weiss nur er, dass das Rittergut, welches\nnach der Meinung der Leute sein Schwiegervater\ndem jungen Paare geschenkt hat, in Wahrheit das\nWunderland Atlantis ist, die Heimath des Sala-\nmanders und der Feuerlilie, wo der Einklang aller\nWesen verwirklicht ist*\nDie Komik und der Humor entstehen nun aus\ndem Zusammenstoss dieser Welt mit der der reinen\nProsa, die vertreten ist durch den Conrektor\nPaulmann mit seiner Tochter Veronika und dem\nRegistrator Heerbrand* Der Conrektor Paulmann\nist der ächte, ungetheilte, vollkommene Philister\nund als solcher in seiner skrupellosen Naivetät\nansprechend, während der Registrator Heerbrand,\num sich einen Schein höherer Bildung zu geben,\nVerständniss, ja eine gewisse Neigung für das\nWunderbare und Poetische zur Schau trägt, was\nihm aber in der That womöglich noch ferner\nliegt als jenem* Veronika dagegen, ganz jung\nund unreif, doppelt bildsam durch ihre Verliebt-\nheit in Anseimus, schwankt eine Weile zwischen\nden beiden Welten, bis eitle Sinnlichkeit den Sieg\nüber sie davonträgt, so dass sie sich begnügt, Hof-\nräthin Heerbrand zu werden*\nBewundernswürdig durchgeführt ist der lieber-\ngang aus dieser Welt in die andere, so nämlich\ndass wir ihn sich vollziehen sehen durch die Augen\ndes Studenten Anseimus und es uns freisteht wie\nder Conrektor Paulmann zu glauben, derselbe sei\nbetrunken oder wahnwitzig, oder dies sei die Art\neines poetischen Gemüthes die Dinge aufzufassen*\nDie letztere Deutung flicht Hoffmann selbst mit\nüberflüssiger Deutlichkeit [in die Geschichte ein,\ndie man aber nur im Lichte seiner, der roman-\ntischen Weltanschauung, recht versteht: dass der\nBildersprache des Dichters, des Kindes und des\nursprünglichen Menschen eine Wirklichkeit ent-\nspricht, die durch die Entwicklung des Unbewuss-\nten zum Bewusstsein in Zeit und Raum verloren,\naber ewig wahr und da sei und auch für den Men-\nschen wiedergewonnen werden müsse*\nDieselbe Idee wird in derselben Art in mehreren\nanderen Erzählungen ausgeführt* Im Klein Zaches\nist das Fräulein von Rosenschön für den Wissen-\nden die Fee Rosabelverde, die vor dem Auf-\nklärungsedikt des Fürsten Paphnutius in einem\nFräuleinstift Zuflucht suchen musste und der Dok-\ntor Prosper Albanus ein Zauberer, der bei Zoro-\naster die Weisheit erlernt hat* Aber nur Bal-\nthasar sieht die weissen Einhörner, die seinen\nMuschelwagen ziehen und den Silberfasan, der\nihn lenkt, nur er vernimmt die Himmelsmusik,\ndie in herrlichen Akkorden durch seinen Garten\nwogt; der Pöbel sieht nur ein wunderlich aufge-\nputztes Cabriolet und hört die Klänge einer ge-\nschickt angebrachten Aeolsharfe* Klein Zaches\nist das missgestaltete Kind eines armen Bauern-\nweibes, dem die Fee aus Mitleid die Gabe ver-\nliehen hat, alle Bewunderung, die andere verdienen,\nauf sich zu lenken* Aber die Kraft, die nicht\naus seinem Selbst hervorgeht und ihm nur äusser-\nlieh angeklebt ist wie ein Paar Flügel, die dem\nMenschen doch nicht zum Fluge helfen, kann\nnicht dauern: Klein Zaches geht elend zu Grunde,\naber nach seinem Tode fängt der Liebeszauber\nder guten Fee wieder zu wirken an, dass er allen\nerscheint was er niemals war: als ein vollendeter\nMensch* Auch über diesem Stiefkinde der Natur,\ndessen äussere Hässlichkeit seine innere ausdrückt,\nwaltet die erbarmende göttliche Liebe und birgt\nes tröstend in ihren geheimnissvollen Schatten* In\nwenig anderen Erzählungen zeigt sich Hoffmann\nso schön als der Humorist, der im Urdarbrunnen,\ndessen Geschichte er dem tollen Märchen von der\nPrinzessin Brambilla zu Grunde gelegt hat, sich\nund die Welt geschaut und erkannt hat* Nach\nseiner eigenen Ausdrucksweise bedeutet die Urdar-\nquelle nichts anderes als „die wunderbare, aus der\ntiefsten Anschauung der Natur geborene Kraft\ndes Gedankens, seinen eigenen ironischen Doppel-\ngänger zu machen, an dessen seltsamlichen Faxen\ner die seinigen und ich will das freche Wort\nbeibehalten die Faxen des ganzen Seins hie-\nnieden erkennt und sich daran ergötzt*” Denn\nwer sich selbst im Bilde, sich selbst als Erscheinung\nsehen kann, hat sich eben dadurch von der Schein-\nwelt gelöst und schwebt unberührt von ihrem\nJammer als freies seliges Bewusstsein über ihr*\nIm Märchen „das fremde Kind” ist der Ma-\ngister Tinte zugleich der Gnomenfcönig Pepser\nund eigentlich eine Fliege* Den Eltern seiner\nZöglinge ist im Laufe des Lebens der innere Sinn\nschon etwas stumpf geworden und sie suchen\nihren Kindern ernstlich einzureden, dass sie einen\nwürdigen, menschlichen Erzieher haben; als er\naber eines Tages seine Natur verräth, indem er\nsich summend und brummend über einen Milchnapf\nstürzt, ihn mit widrigem Rauschen ausschlürft,\ndann die nassen Rockschösse schüttelt und mit"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.22", "texte": "STUDIE\nZU EINEM PORTRÄT\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE."}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.23", "texte": "den dünnen Beinchen rasch darüber hinfährt, um\nsie glatt zu streichen , werden auch sie an ihm\nirre und zweifeln, ob sie den Magister Tinte oder\neine Fliege vor sich haben*\nIm Meister Floh ist Peregrinus Tyss der kind-\nliche Träumer, für den, weil er den zauberkräftigen\nKarfunkel im Herzen trägt, die Welt durchsichtig\nist und das Leben sich in ein schönes bedeutungs-\nvolles Märchen verwandelt* Wenn das Volk sich\nzu dem Flohbändiger und Taschenspieler Leuwen-\nhock drängt, bei dessen Vorstellungen als stärkste\nAnziehungskraft ein reizendes kokettes Frauen-\nzimmer, Dort je Elverdink, wirkt, zu deren ernste-\nsten und hitzigsten Verehrern der Student George\nPepusch zählt, erlebt Peregrinus in diesem alltäg-\nlichen, zum Theil gemeinen Vorkommniss wunder-\nvolle Begebenheiten; denn Dort je Elverdink ist\neigentlich die Prinzessin Gamaheh aus Famagusta,\ndie der hässliche Egelprinz totküsste und der\nplumpe Genius Thetel entführte, wodurch sie in\ndie Nachbarschaft der Distel Zeherit gerieth,\nnämlich des Studenten Pepusch, der sich auf ewig\nin sie verliebte* Zwei Magier entdecken die nicht\ngestorbene, nur verwandelte Gamaheh im Blumen-\nstaube einer Tulpe und rufen sie ms Leben zu-\nrück, aber „die wahnsinnigen Detailhändler der\nNatur, die die Natur zu erforschen trachteten,\nohne die Bedeutung ihres innersten Wesens zu\nahnen”, nützen die Entdeckung der Schönen nur\naus, um sich ihren Besitz streitig zu machen*\nSie, die der Welt in früheren Zeiten als die be-\nrühmten Naturforscher Leuwenhock und Swam-\nmerdam bekannt waren, fristen ihr Dasein jetzt\nals unrühmliche Taschenspieler und setzen ihren\nKampf um die Prinzessin fort, bis er durch die\nDazwischenfcunft des Peregrinus zu beider Un-\ngunsten entschieden wird* Den komischen Höhe-\npunkt der Geschichte bildet das optische Duell\nder beiden alten Naturforscher, die jeder ein\nFernglas aus der Tasche ziehen, es ins Auge\nsetzen und grimmig gegeneinander ausfallen, wo-\nbei sie die Waffen durch Ein- und Ausziehen\nbald verkürzen, bald verlängern*\nEine verwandte Scene ist im Klein Zaches,\nwo Prosper Albanus und die Fee Rosabelverde,\ndie ihre Geisterart gegenseitig durchschauen, sich\nzu überzaubern suchen, und in der Braut wähl,\nwo von den beiden Unheimlichen der eine schön\nausgeprägte flimmernde Goldstücke aus den Rettig-\nscheiben schlägt, die der andere jedesmal, indem\ner sie auffängt, in knisternde Funken zerstieben\nlässt*\nWas nun Anseimus, Balthasar und andere\nHoffmann'sche Lieblinge befähigt, die Wunderwelt\njenseits der Sinnenwelt zu sehen, ist der „innere\nSinn”, von dem so überaus viel in seinen Werken\ndie Rede ist; er vergleicht ihn einmal mit dem\nsogenannten sechsten Sinne, den der Anatom\nSpalanzani an der Fledermaus entdeckt haben\nwollte, der nicht nur ein Stellvertreter der übrigen\nsei, sondern mehr leiste als sie alle zusammen*\nDas wäre also dasselbe was die Beobachter som-\nnambuler Zustände damals das Gemein gefühl\nnannten, vermöge dessen die Schlafwachen und\nHellseher die Funktionen ihrer entschlafenen Sinne\nund zwar im erhöhten Grade ausübten* Mit dem\nFledermaussinn vergleicht Hoffmann die Seher-\ngabe derjenigen, die in jeder Erscheinung, wie er\nsich ausdrückt, dasjenige Excentrische schauen, zu\ndem wir im gewöhnlichen Leben keine Gleichung\nfinden und das wir daher wunderbar nennen, wo-\nraus denn wieder das Wunderliche hervorgeht*\nNicht ohne Wemuth nannte er sich selbst die\nSpalanzanische Fledermaus und allerdings starren\naus seinem Selbstbilde die grossen, weitoffenen\nAugen hervor, als ob sie ganz andere und weit\nseltsamere Dinge wahrnähmen, als die handgreif-\nliche Alltagswelt aufgestellt hat*\nDer Sinn für das Wunderbare war so stark\nausgeprägt in Hoffmann und so in seinem Wesen\nbegründet, dass es sich seiner Umgebung mit-\ntheilte und er selbst den andern als höchst wunder-\nbar und wunderlich erschien und der geringste\nVorfall, in dem er eine Rolle spielte, einen, wie\nHoffmann gesagt haben würde, exotischen Cha-\nrakter erhielt* Wenn er und sein Verleger Kunz\nauf einem Burgunderfass im Keller reitend ein-\nander gegenüber sassen und tranken, während-\ndessen ein Gewitter auf zog, ein plötzlicher Donner-\nschlag krachte und der Blitz, das dunkle Gewölbe\nerhellend, ihnen, die gerade mit den gefüllten\nGläsern anklingen wollten, ihre entsetzten Gesich-\nter zeigte, das muthet gerade so an wie eine gro-\nteske Scene aus einer Hoffmann'schen Novelle*\nEin Medium, ein eigentlicher Geisterseher, war\nHoffmann übrigens durchaus nicht* Diese sind\nmeist von robuster Gesundheit, naiv, und sehen\nihre Erscheinungen ohne Grauen, ja ohne Ver-\nwunderung; er dagegen empfand sogar das Ge-\nwöhnliche als wunderbar, dachte ihm nach, zer-"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.24", "texte": "legte es und suchte ihm auf den Grund zu kommen*\nDie romantische Philosophie war ihm wohl be-\nkannt, Schuberts J-Ansichten von der Nachtseite\nder Natur schätzte er hoch und wo ihm Gelegen-\nheit wurde, suchte er selbst Beobachtungen über\ndie Räthsel im Menschen anzustellen* Traum,\nSomnambulismus, Wahnsinn, alle die Zustände,\ndie einen Blick in die Abgründe der Innenwelt\ngewähren, hatten eine grosse Anziehungskraft für\nihn* Vom Traume, der „mit einem Kuss das\ninnere Auge weckt”, sollte die kleine Novelle\n„Der Magnetiseur”, handeln, aber er gerieth da-\nbei unversehens in noch tiefere, verstecktere Re-\ngionen, die ihn mehr lockten: auf die geheimniss-\nvolle Macht, mit der ein Geist einen andern, be-\nwusstlosen, beeinflussen kann* Der Magnetismus\nliess verborgene Kräfte ahnen, die den Menschen,\nder sie zu gebrauchen weiss, in Wirklichkeit zu\ndem Zauberer machen, von dem der Aberglaube\nvon jeher gefabelt hat* Als Träger derselben\nliess Hoffmann gern einen diabolischen Menschen\nvon überlegener Begabung auftreten, mit pech-\nschwarzen brennenden Augen und Habichtsnase,\nder seine beherrschende Willenskraft unbedenklich\nzu selbstischen Zwecken verwendet* Er übt seinen\nunwiderstehlichen Zauber auf unschuldige streb-\nsame Jünglinge und namentlich junge Mädchen\naus: der alte Baron im Magnetiseur stand in\nseiner Jugend unter der Macht des dänischen\nMajors, sein Sohn Ottmar und seine Tochter\nMaria stehen unter der Albans* Alban ist mit\nimponierenden Gaben ausgestattet, aber wie er\nseine angeborene Schönheit selbst entstellt hat\ndurch spöttisch-teuflischen Ausdruck, missbraucht\ner seinen hohen Geist, um auf anderer Kosten sich\nselbst zu erhöhen und wird so aus einem Engel\nzum Satan* Gott ist, nach seiner Lehre, der\nBrennpunkt aller psychischen Strahlen; je mehr\nSeelen es also einem gelingt in sich zu sammeln,\ndesto näher steht man Gott* Infolgedessen trach-\ntet er danach so viel Menschen als möglich unter\nseine geistige Herrschaft zu bringen und gewisser-\nmaassen auszusaugen, um sein eigenes Ich dadurch\nanzuschwellen* Maria, die einem abwesenden\nVerlobten in treuer Liebe ergeben ist, kann sich\ndoch dem übermächtigen Einfluss nicht entziehen\nund geht unter in dem Kampfe, den ihr schwaches\nSelbst mit dem Eindringling in ihrem Innern\nkämpft*\nIm „unheimlichen Gast”, der denselben Stoff\nbehandelt, wird Angelika im letzten Augenblick\nvor dem Vampyr gerettet* Im „öden Hause”\nwird der magnetische Zauber von einem Weibe\ngegen einen Mann aus geübt, was den Verlauf\nganz anders gestaltet, indem der Mann der frem-\nden Gewalt seinen Willen, seine Kenntnisse, seine\nPhilosophie entgegensetzen kann, dabei aber frei-\nlich an den Rand des Wahnsinns geräth* Im\n„Sandmann” ist der Sache dadurch eine ganz\nandere Wendung gegeben, dass Nathanael die ver-\nderbliche Macht, die von aussen her auf ihn ein-\nwirkt, eigentlich selbst erst durch die Raserei\nseiner Phantasie entzündet* Aber gerade in die-\nsem Wahnsinn, der schon in dem Kinde keimt\nund obwohl von dem Erwachsenen selbst und\nseiner liebenden Umgebung bekämpft, sich unab-\nänderlich entwickelt, von den geringfügigsten\näusseren Umständen scheinbar gefördert wird, und\nschliesslich, im Augenblick wo man ihn über-\nwunden glaubt, vernichtend losbricht, etwas ent-\nsetzliches*\nStimmungen, wo er sich wahnsinnig werden\nfühlte, hatte Hoffmann oft selbst erlebt, der\nWahnsinn war ein Lieblingsthema seiner Gedanken\nund seiner Phantasie* Aber er schildert nie, was\nich natürlichen Wahnsinn nennen möchte, son-\ndern solchen, der sich aus einem von Anfang an\nunregelmässigen Bewusstsein entwickelt, phantasie-\nvolle Personen, in denen der innere Sinn sich auf\nKosten des äusseren ausgebildet hat* Er selbst\nwürde es serapiontischen Wahnsinn nennen nach\ndem Einsiedler Serapion, von dem er erzählt, dass\ner durchaus vernünftig und logisch dachte und\nnur insofern irrte, dass er sich für den Anacho-\nreten Serapion hielt, der vor vielen Jahrhunderten\nunter Kaiser Decius lebte und den Märtyrertod\nerlitt* Diese Idee führte er aber mit einer Folge-\nrichtigkeit durch, dass es unmöglich war, eine\nLücke in der Kette seiner Wahnvorstellungen zu\nfinden, von der aus man ihn hätte widerlegen\nkönnen* Denn sein Wahnsinn bestand eigentlich\nnur darin, dass, wie Hoffmann klar und ergreifend\nsagt, irgend ein feindlicher Stern ihm die Erkennt-\nniss der Duplicität geraubt hatte, von der das ir-\ndische Dasein bedingt ist*\n„Es giebt eine innere Welt und die geistige Kraft,\nsie in volle Kraft, in dem vollendetsten Glanze des re-\ngesten Lebens zu schauen, aber es ist unser irdisches\nErbtheil, dass eben die Aussenwelt, in der wir\neingeschachtelt, als der Hebel wirkt, der jene"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.25", "texte": "PORTRÄT DES\nSCHRIFTSTELLERS\nVERHAEREN.\nNACH EINER RADIERUNG VON\nTHÉO\nVAN RYSSELBERGHE\n1898"}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.26", "texte": "Kraft in Bewegung setzt* Die inneren Erschei-\nnungen gehen auf in dem Kreise, den die äusseren\num uns bilden, und den der Geist nur zu über-\nfliegen vermag in dunklen, geheimnissvollen\nAhnungen, die sich nie zum deutlichen Bilde ge-\nstalten* Aber du, o mein Einsiedler, statuiertest\nkeine Aussenwelt, du sahst den versteckten Hebel\nnicht, die auf dein Inneres ein wirkende Kraft;\nund wenn du mit grauenhaftem Scharfsinn be-\nhauptetest, dass es nur der Geist sei, der sehe,\nhöre, fühle, der That und Begebenheit fasse, und\ndass also auch sich wirklich das begeben was er\ndafür anerkenne, so vergassest du, dass die Aussen-\nwelt den in den Körper gebannten Geist zu jenen\nFunktionen der Wahrnehmung zwingt nach Will-\nkür* Dein Leben, lieber Anachoret, war ein steter\nTraum, aus dem du in dem Jenseits gewiss nicht\nschmerzlich erwachtest*”\nVon diesem Standpunkte aus war Hoffmann\nallerdings berechtigt zu sagen, dass „einiger Wahn-\nsinn, einige Narrheit” tief in der menschlichen\nNatur begründet sei, und vorzüglich natürlich in\nder künstlerischen* Dem Phantasten mag der-\njenige wahnsinnig erscheinen, der den wechselnden\nStrom der Erscheinungen für das Wirkliche nimmt;\nwenn dieser seinerseits die Balthasar und Anselmus\nfür Narren hält, lässt sich auch nichts dagegen\neinwenden* Der überlegene Humor Hoffmanns\nbethätigt sich eben darin, dass er über beiden\nsteht, wenn er auch natürlich für den Wahnsinn\ndes poetischen Träumers Partei nimmt* Am\nschauerlichsten versinnbildlicht er die Einsamkeit\ndes kranken Geistes inmitten seiner selbstgeschaf-\nfenen Visionen in der Leidenschaft Nathanaels im\n„Sandmann” für die Wachsfigur, die der Urheber\nfür seine Tochter Olimpia ausgiebt* Wie er ihren\nsteifen, abgemessenen Gang bewundert, entzückt\nlauscht, wenn sie mit ihrer schneidenden Glas-\nglockenstimme singt, von grausigem Todesfrost\ndurchbebt wird, wenn er die Eisfcälte ihrer Hand\nspürt, aber bald zu fühlen glaubt, dass sie in der\nseinigen warm wird, wie er mit ihr tanzt, ohne\ndie rhythmische Festigkeit, mit der sie sich dreht,\nund die alle andern als etwas unheimliches em-\npfinden, zu bemerken, wie er die höchsten Schwär-\nmereien und die Liebe seines Herzens vor ihrer\nwächsernen Unbeweglichkeit ergiesst und dabei\nnicht gewahr wird, dass der Ballsaal sich leert,\ndie Kerzen erlöschen und die letzten Töne der\nMusik verhallen, das gehört zu den schaurigsten\nBildern aus der Hoffmann'schen Zauberlaterne,\ngrade darum so entsetzlich, weil es zugleich ko-\nmisch ist*\nAuf die Mitwirkung des „inneren Sinnes”\ngründete er jedenfalls sein Kunstprincip* Was\nnicht im Innern des Verfassers auf gegangen und\nangeschaut war, zählte er nicht zur Kunst* Aber\nkeineswegs sollte diese Innenwelt ohne Zusammen-\nhang mit der Sinnenwelt schweben, vielmehr sollten\nes gerade die alltäglichsten Figuren des Lebens\nsein, die der Künstler eintauchen liess in seinen\nJungbrunnen, dass sie vergoldet und phantastisch\ngeschmückt, als reizende oder groteske Gestalten,\nje nachdem der Geisterputz ihnen anstand, daraus\nhervorgingen* Das rühmte er an den Märchen\naus Tausendundeiner Nacht, dass eben das ge-\nmeinste tägliche Leben sich dort in einer tollen\nFarbenwelt durcheinanderbewegte, und deswegen\nbewunderte er den Maler Jaques Callot so sehr,\nweil er alles seien es Bauertänze, Schlachten,\nAufzüge in „den Schimmer einer gewissen ro-\nmantischen Originalität” zu kleiden wusste und\ndabei in seinen abenteuerlich aus Mensch und\nThier zusammengesetzten Gestalten die tiefsinnige\nIronie zeigte, die des Menschen Bestimmung mit\ndes Menschen Thun halb wehmüthig, halb aus-\ngelassen scherzend vergleicht*\nEinen wesentlichen Unterschied zwischen den\nKünsten erkannte Hoffman als ächter Romantiker\nnicht an: wie er von dem Dichter verlangte, er\nmüsse innerer Musiker sein, so vom Maler, dass\ner vor allen Dingen Dichter sei* Dass Callot Fehler\nin der Vertheilung des Lichts und in der Gruppie-\nrung machte, hielt er für unwesentlich dem gegen-\nüber, dass seine Bilder Reflexe seien „aller der\nphantastischen wunderlichen Erscheinungen, die der\nZauber seiner überregen Phantasie hervorrief”*\n„Auffassung der Natur in der tiefsten Bedeutung\ndes höheren Sinns, der alle Wesen zum höheren\nLeben entzündet, das ist der heilige Zweck aller\nKunst”* Das blosse Abmalen der Natur kann\ndemnach nicht Kunst sein, wie man auch kein\nGedicht in einer fremden Sprache, die man nicht\nversteht, gut würde vortragen können* Zwar soll\nman die Natur auch im Mechanischen studieren, um\n„die Praktik der Darstellung” zu erlangen, nur\nverwechsle man die Meisterschaft in der Technik\nnicht mit der Kunst* Wer eingeweiht ist, wer\nden sechsten Sinn hat, um in die Natur hinein-\nzusehen, für den werden die Zeichen, in denen sie"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.27", "texte": "schreibt, dem Unkundigen nur tote Schnörkel, zu\nlebendigen, bedeutungsvollen Hieroglyphen, die\nsich klingend und flammend von selbst zu wunder-\nvollen Landschaften zusammenfügen*\nDie Landschaftsmaierei stellte er am höchsten\nund als die Meister derselben verehrte er Salvator\nRosa und Claude Lorrain* Er selbst, abgesehen\ndavon dass er ein geschickter Dekorationsmaler\ngewesen sein soll, hatte natürliche Begabung nur\nfür die Karrikatur, und wenn er sich ernstlich auf\ndie Malerei verlegt hätte, wäre es ihm wohl so\nergangen wie seinem Berthold in der „Jesuiter-\nkirche”, dem zwar in inneren Traumgesichten\ndas heimliche Wesen der Natur herrlich auf geht,\ndem aber die Schöpferkraft sie so darzustellen\ngebricht* Denn auch in seinen Dichterwerken\ntreffen wir ebensowenig jemals die reine schöne\nNatur wie die Liebe* Liebe hatte er lebenslang\nersehnt, aber niemals schön in sich erlebt und auch\nnicht dargestellt* An Heissblütigkeit glich er einem\nItaliener, wie er auch äusserlich, wenn er seine\nDienstuniform trug, einem italienischen oder fran-\nzösischen General ähnlich gewesen sein soll* Er\nselbst klagt, dass die Heftigkeit, vielmehr Raserei\nseiner Empfindung, stets sein Glück zerstört habe*\nMan weiss aber, dass, je sinnlicher ein Volk, desto\nniedriger die Stellung seiner Frauen und sein\nBegriff von Liebe ist, und wenn nun auch Hoff-\nmanns, als eines so aufmerksamen und idealistischen\nMannes, Begriff der Liebe ausserordentlich hoch\nwar, so war er doch nicht im Stande, ihn auf der\nErde unter wirklichen Menschen unterzubringen*\nEine Frau anders als vom geschlechtlichen Stand-\npunkte aus anzusehen war ihm unmöglich; han-\ndelte es sich auch nur um ein flüchtiges Gespräch\noder um einen Tanz, so musste er selbst für diese\nkurze Dauer wenigstens die Möglichkeit sich zu\nverlieben sehen, wenn er sich unterhalten sollte*\nEr gab zwar zu, dass eine ältere Frau, wenn sie\nGeist besitzt, das jüngste Mädchen an Anmuth\nund Reiz übertreffen könne, aber sein Temperament\nzog ihn doch immer unwiderstehlich zu diesen\njüngsten Mädchen hin, die er hernach verspottete*\nFür seine Freunde war es ein Aergemiss mit anzu-\nsehen,wenn er, als reifer Mann, sich für irgendein sech-\nzehnjähriges Mädchen aufs Aeusserste erhitzte, was\num so peinlicher war, als er sich selbst dabei lächer-\nlich vorkam und der innere Zwiespalt ihn hässlich\nverzerrte* Auch in seinen Liebesgeschichten ist die\nHeldin ein „liebesEngelskind”oder „holdes Himmels-\nbild” von sechzehn Jahren, deren Erscheinung aber\nin den meisten Fällen eine leise Ironie begleitet,\nso dass man spurt, die thonchte Verherrlichung\ngehe eigentlich nicht vom Dichter, sondern von\nseinem verblendeten Liebhaber aus, den er sogar\nzuweilen noch zu retten für gut findet. So schliesst\ndie Brautwahl damit, dass der Maler Edmund seine\nBraut Albertine, um deren Besitz sich die ganze\nErzählung gedreht hat, verlässt, um eine Kunst-\nreise nach Italien zu machen, und der Leser wird\nmit der frohen Ueberzeugung entlassen, dass er\nsich ganz von ihr losmachen und nur der Malerei\nleben wird. In der „Jesuiterkirche” wird ein ver-\nwandter Gegenstand behandelt, dass nämlich ein\nvon hoher Liebe Begeisterter, namentlich ein Künst-\nler, niemals sein Ideal als Frau heimführen und\ndadurch in den Kreis des Alltäglichen herabziehen\ndürfe. Berthold heiratet die herrliche Geliebte,\ndie ihn eigentlich zum Künstler gemacht hat, indem\ner sein Genie in der Bemühung ihr Ebenbild wieder-\nzugeben entdeckte; und von dem Augenblick an\nerlahmt seine Kraft, er sieht den überirdischen\nSchimmer nicht mehr, der sie früher umgab, der\nAufschwung, den seine Liebe ihm sonst verlieh\nund der ihn zu grossen Leistungen befähigte, stellt\nsich nicht mehr ein, er fängt an als hemmend\nzu empfinden, was ihn sonst beflügelt und seine\nFrau, trotzdem er sie innigst bemitleidet, zu hassen,\nbis er sie schliesslich in der Raserei der folternden\nQualen ermordet. Die erschütternde Tragik, die\nin dieser Verwickelung liegt, hat Hoffmann aller-\ndings nicht gestalten können. Seine Kraft liegt\nim ironischen Humor, den er im Artushof so\nallerliebst spielen lässt; dort rettet er den kunst-\nbegabten Traugott erst vor der häuslichen, ganz\nprosaischen Christine und dann vor deren Gegen-\nstück, der geheimnissvollen Felicitas, die er eigent-\nlich nur als Bild kennen und lieben lernt. Denn\nals er hört, dass das hohe Ideal, das er nie zu\ngewinnen dachte, aber auch nie verlieren zu können\nglaubte, Kammerräthin Mathesius in Marienwerder\ngeworden ist, erlöscht die Schwärmerei in seiner\nBrust, und wenn Hoffmann ihn doch noch in\neine in der Zukunft liegende Verlobung einmünden\nlässt, so ist das wohl mehr ein Zugeständniss an\ndas Publikum oder der Wunsch die Geschichte\nmit einer hübsch beleuchteten Gruppe zu schliessen.\nIm „Klein Zaches” ist man jeden Augenblick\ndarauf gefasst, dass Hoffmann seinen dichterischen\nBalthasar noch, eh es zur Hochzeit kommt, der"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.28", "texte": "PORTRAT\nDES SCHRIFTSTELLERS VERHAEREN. NACH\nEINER ZEICHNUNG\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE.\n1893"}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.29", "texte": "holden Candida im Triumphe entführt; wenn er\nihr diesmal sein Wohlwohlen nicht entzieht, ist\nes jedenfalls, weil er sie von Anfang an als ein\nlustiges, unbefangenes Mädchen hingestellt hat,\ndas Schiller, Goethe und Fouque zwar gelesen,\naber auch gründlich wieder vergessen hat, reichlich\nKuchen zum Thee isst und weder empfindsam\nnoch sonst gebildet ist und sein wilL Den ver-\nnichtendsten Spott hat er im „Sandmann” über\ndie Frauen und zugleich über die Gesellschaft aus-\ngegossen, wo es dem Professor Spalanzani gelingt,\neine Wachspuppe in die ästhetischen Kreise ein-\nzuführen* In höchst vernünftigen Theezirkeln hat\nsie Glück gehabt, nur einige kluge Studenten haben\nbemerkt, dass es eine eigene Bewandtniss mit ihr\nhatte* Seitdem „schlich sich ein abscheuliches\nMisstrauen gegen menschliche Figuren ein”, und\nmehrere Liebhaber verlangten von ihren Damen,\ndass sie nicht nur zuhörten, sondern auch manch-\nmal so sprächen, „dass dies Sprechen wirklich ein\nDenken und Empfinden voraussetze“* Es ist an-\nzuerkennen, dass Hoffmann hinzusetzt, es wären\nmanche Liebesbündnisse dadurch viel fester und\nanmutiger geworden*\nAehnlich wie mit der Liebe ging es Hoffmann\nmit der Natur* Wie er am schönsten die traum-\nhafte Liebe zu dem Zauberwesen Serpentina schil-\ndert, so malt er auch am liebsten und am reizend-\nsten Atlantis, das Dschirnistan seiner Sehnsucht,\ndas sich zur Natur ungefähr so verhält, wie eine\ndurch farbige Gläser geschaute Landschaft zu einer\nmit dem blossen Auge gesehenen* In seinen Gärten\nblühen Tulpen, Kaktus und Feuerlilien, exotische\nVögel mit glitzerndem Gefieder schwirren kreischend\ndarin umher* So viel er auch den Frieden des\nWaldes der Stadt gegenüber hervorhebt und gewiss\nempfunden hat, athmet uns doch nie die Natur\nselbst aus seinen Werken an, die, als etwas ein-\nmüthiges, nie komisch wirkt, wenigstens erst wo\nsie sich im Thierleben darstellt* Bei dieser Ver-\nanlagung hat die späte Leidenschaft, die der ster-\nbende Dichter für die Natur empfand, etwas\nrührendes und merkwürdiges* Auf seinem Kranken-\nlager ergriff ihn eine solche Sehnsucht nach dem\nGrün der Bäume, dass er willig die Schmerzen\nertrug, die mit einer Ausfahrt verbunden waren,\num nur den Anblick des Waldes zu gemessen und\ner pflegte von einem solchen Ausfluge, der für die\nbegleitenden Freunde um seinetwillen etwas jammer-\nvolles hatte, entzückt heimzukehren* Dieses Er-\nlebniss spiegelt sich in der fragmentarischen Novelle\n„die Genesung”, die man nicht das beste seiner\nWerke nennen kann, aber das seelenvollste*\nAuf das Unheimliche der Automaten, das wohl\njeder mitempfinden kann, der einmal ein Wachs-\nfigurenkabinet besucht und vielleicht eine Figur\nim ersten Augenblick für lebend gehalten hat, kam\nHoffmann oft zurück* Es liegt wohl darin, dass\ndie getreue Nachäffung des Lebens, das doch kein\nLeben ist, was auch den Anblick einer Leiche\noder unseres Spiegelbildes, wenn es uns unerwartet\nentgegentritt, so schreckhaft machen kann, uns\neine Anschauung unserer Doppelnatur gewährt*\nWir gewahren ein Ich, sei es nun unser eigenes\noder ein fremdes, das uns gleich und doch nur\nein Trugbild ist und zu fragen scheint: wer bist\ndu? glaubst du mehr zu sein als ich? oder: siehst\ndu nun, in welchem Irrwahn du dahingelebt und\nwie du immer das Tote für das Lebendige ge-\nnommen hast?\nDergleichen undeutliche, erschütternde Vor-\nstellungen sind am meisten mit der Erscheinung\ndes sogenannten Doppelgängers verknüpft, der bei\nHoffmann denn auch öfters auftritt* In den\n„Elixiren des Teufels” und im „Doppelgänger”\nerklärt sich allerdings das Wunder aus naher\nVerwandtschaft von zwei jungen Männern, die\ngegenseitig von ihrem Dasein keine Kenntniss\nhaben, dennoch führt die Verwickelung zu einigen\ngrausigen Scenen, wo z♦ B* dem fliehenden Me-\ndardus Nachts im Walde der wahnsinnige Doppel-\ngänger, heulend und lachend, auf den Rücken\nspringt und sich nicht abschütteln lässt, wenn\nauch Medardus in seiner Verzweiflung gegen\nBäume und Felsen mit ihm rast* Aber noch\neigentümlicher erregt es uns, wenn wir hören,\ndass Hoffmann auf einem Balle den Einfall hatte,\nsich sein Ich durch ein Vervielfältigungsglas zu\ndenken und alle Gestalten, die sich um ihn herum-\nbewegten, als seine Ichs zu sehen, über deren\nThun und Lassen er sich wie über sein eigenes\närgerte*\nDer exotischen Stimmung, in der die Seher-\ngabe erwachte, war Hoffmann nicht in jedem\nAugenblick mächtig, sie hervorzurufen oder zu\nsteigern diente ihm der Weingenuss* In je bun-\nteren, leuchtenderen Farben, in je drolligeren Ver-\nzerrungen ihm dann die Welt auf ging, desto grauer\nund kälter erschienen ihm die Stunden der Er-\nmattung, woraus sich der Drang erklärt, die exo-"}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.30", "texte": "AKTSTUDIE. NACH EINER LITHOGRAPHIE VON\nTHÉO VAN RYSSELBERGHE\n1897"}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.31", "texte": "tische Laune immer häufiger und in erhöhtem\nMasse herbeizuführen. Blieben auch die körper-\nlichen Beschwerden hernach nicht aus, so en+-\nschädigten ihn die Kobolde und Gespenster, der\ntolle Reigen, den die ganze Welt vor seinen ju-\nbelnden Augen aufführte, reichlich dafür. In fast\nallen seinen Erzählungen spielt der Wein eine\nRolle, besonders über die Scene der Punschberei-\ntung wusste er den Zauber der romantischen Be-\nhaglichkeit auszugiessen, die er selbst so oft dabei\nempfunden hatte. Sogleich setzte sich das Rad\nseiner Phantasie sanft schnurrend in Bewegung,\ndie Fledermaus begann ihren lautlosen Flug und\nder irdische Vorgang des Punschbrauens wandelte\nsich ihm in ein sichtbares Kampfspicl der Eie-\nmentargeister um. Punsch empfahl er den Mu-\nsifcern, wenn sie sich zu romantischen Compositionen\nwie seine Lieblingsoper Don Juan stimmen woll-\nten, alten Rheinwein für Kirchenmusik, für ernste\nOpern Burgunder, für komische Champagner und\nfür Lieder die feurigen Weine Italiens.\nHoffmanns Verstand heurtheilte übrigens die\nUrsachen und Folgen seiner Neigung zum Alko-\nhol mit strengster Einsicht. Geistiges Getränk,\nsagte er, befördere den regeren Umschwung der\nIdeen, die Phantasie sei wie ein Mühlrad, das der\nStrom stärker und schneller drehe, wenn man\nWein aufgiesse. „Doch überlasse ich jedem seine\nindividuelle Meinung und finde nur nöthig für\nmich selbst im Stillen zu bemerken, dass der Geist,\nder von Licht und unterirdischem Feuer geboren,\nso keck den Menschen beherrscht, gar gefährlich\nist, und man seiner Freundlichkeit nicht trauen\ndarf, da er schnell die Miene ändert und statt des\nwohlthuenden, behaglichen Freundes zum furcht-\nbaren Tyrannen wird.\" Hoffmann erzwang sich\nmittels des Weines ein intensiveres, wenn auch\nkürzeres Leben; aus der Disharmonie seines Wesens,\ndie er gewaltsam von aussen her zu heben suchte,\nging der verhängnissvolle Trieb hervor.\nMerkwürdig ist es, seine exotischen Erzählungen\nmit seinen nüchternen zu vergleichen. Zu den\n\nPORTRÄT\nDES MALERS PAUL\nSIGNAC\nTHEO VAN RYSSEL-\nBERGHE.\n1897"}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.32", "texte": "Für die Redaktion verantwortlich: E* A. Seemann, Leipzig.\nDruck von Ernst Hedrich Nachf*, Leipzig*\n\nletzteren gehören z* B* „das Fräulein von Scudery”\nund „Meister Martin”, die in der Literaturgeschichte\nals seine besten und an sich vorzüglich gepriesen\nwerden* Dass sie ohne starken alkoholischen Ein-\nfluss geschrieben wurden, beweist unter anderem\nihre Verwandtschaft mit denjenigen Geschichten,\ndie Hoffmann auf seinem Kranken- und Toten-\nbette schrieb Johannes Wacht, der Feind, des\nVetters Eckfenster wo ihm der Genuss des\nWeins gänzlich untersagt war* Muss nun auch\njeder sehen, dass sie an Einheit, Straffheit und\nFasslichkeit den anderen überlegen sind, so wird\nder Liebhaber der Poesie doch immer, wie Hoff-\nmann selbst, die vorziehen, die der stärkste Ex-\ntrakt seines Wesens würzt, mögen sie sich auch\nnoch so zerfetzt und wirbelnd darstellen* Die\nSehergabe, die er in „des Vetters Eckfenster” so\nanschaulich und geistreich schildert, ist nur die\nfeine Beobachtung und rasche Verknüpfung eines\nguten, phantasiebegabten Kopfes, nicht der hell-\nseherische sechste Sinn, der den fünfsinnigen Durch-\nschnittsmenschen zeigt, was jenseits ihrer Welt\nliegt* Ob er bei besserer Verwendung seiner Kräfte\nden sechsten Sinn mit den übrigen fünfen har-\nmonisch hätte verschmelzen können, welche Ein-\nheit dann auch seinen Werken zu gute gekommen\nwäre? Einige Züge in seinen letzten Schriften\nlassen die Möglichkeit ahnen aber ob sich\nnicht da schon die nahe Auflösung geltend machte,\nähnlich der Verklärung, womit der Feenzauber\nden armen Klein Zaches nach seinem T ode\nschmückte? Er durfte ja endlich sich selber ent-\nfliehen, wozu ihm seine Phantasie, während er\nlebte, hatte dienen müssen; damit es die unmög-\nliche Aufgabe erfülle, hatte er das edle Flügel-\npferd über Vermögen angestrengt und immer\nwieder aufgepeitscht, bis es verendet mit ihm zu-\nsammenbrach*\nEinem alten Manne entsteht infolge einer\nNervenkrankheit die wahnsinnige Einbildung, die\nNatur habe den Menschen aus Zorn über ihre\nAbtrünnigkeit das Grün entzogen und damit alle\nHoffnung und Seligkeit des Lebens; kein Augen-\nschein kann ihn von diesem Wahne zurückbringen*\nNiemand wird ohne Rührung: die Scene lesen\nkönnen, wie der Alte, nach dem Rath eines jungen\nArztes, in magnetischen Schlaf versetzt und so in\neinen frühlingsgrünen Wald gebracht wird, wo\nder unerwartete Anblick des belaubten Zeltes über\nihm den Erwachenden heilt*\n„Da liess es die ewige Macht des Himmels ge-\nschehen, dass eine besonders anmuthige Gunst des\nSchicksals die Liebe des Fräuleins lohnte und die\nBemühungen des guten Doktors unterstützte* In\ndem Augenblick, als der Onkel das Wort „Grün”\nlallte, fuhr nämlich ein Vogel tirilierend durch\ndie Aeste des Baums, und von dem Flattern seines\nGefieders brach ein blühender Zweig und fiel dem\nAlten auf die Brust*”\nAber erst nachdem ein jähes Entzücken mit\nquälendem Zweifel in ihm gewechselt hat, wird\ner ruhiger und während ein Strom von Thränen\naus seinen Augen bricht, ruft er anbetend aus:\n„O Kinder, Kinder, welche Zunge singt das Lob,\nden Preis der Mutter würdig genug! O Grün!\nGrün! mein mütterliches Grün! Nein, ich allein\nwar es, der trostlos vor dem Throne des Höchsten\nlag wie hast du der Menschheit gezürnt!\nNimm mich auf in deine Arme!”\nDas mag in ihm selber vorgegangen sein, als\nder arme Körper, in dem er sich nie heimisch ge-\nfühlt hatte, sich aufzulösen begann, als das hitzige\nBlut, das ihn so sehr gepeinigt hatte, schwächer\nrollte, und der Geist, nun ihn die Furien verliessen,\naufathmend um sich schaute* Wie die drohenden\nStimmen und die verfolgenden Schritte verhallten,\nzog Frieden in seine erschöpfte Seele ein* Er\nsehnte sich nicht mehr nach dem entfernten Zauber-\nlande, da er die schönste Natur, eine versöhnte\nMutter, um sich her blühen sah* Wie er im Leben\ndas Kind geschiedener, durch unvereinbaren Zwie-\nspalt entfremdeter Eltern war, so hatte er auch\nin seinem weiteren Kreise sich niemals des gemein-\nsamen liebenden Schutzes von Geist und Natur\nerfreuen können* Mit bewundernswerther Kraft\nhatte er gegen diesen Fluch des Schicksals ge-\nkämpft und wohl verdient, als ein Genesener in\ndas Geisterreich des Jenseits hinüberzugehen*\n\nRICARDA HUCH"}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf189911-01.1.33", "texte": "REDAKTION!\nFRIEDRICH KÖNIG. KOLOMAN MOSER,\nALFRED ROLLER."}]}