{"numero_id": "bm-bmtnabf-1902-01", "volume": "bmtnabf_1902_01", "ocr_sha256": "f1ec7117149f3114dfdfd4b33363adc886e9c5833170b9a88eccb825ced02526", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabf/issues/1902_01/bmtnabf_1902_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabf/issues/1902_01/bmtnabf_1902_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabf-1902-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabf_1902_01#c002", "volume": "bmtnabf_1902_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "3", "page_fin": "11", "image_debut": 3, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.2.2", "titre_corps": "DIE WIENER SECESSION UND SEINE EXCELLENZ FREIH. v. 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Die jüngst erschienene Broschüre »Die Herstellung\ndes Riesentores von St, Stephan und die Wiener Secession\" (als Manuskript\ngedruckt März 1902), die herauszugeben Seine Excellenz der geheime Rat\nFreiherr von Helfert für gut befunden hat, erweist sich als eine Sammlung all\nder bisher absichtlich und unabsichtlich verbreiteten Mißverständnisse, Unwahr'\nheiten, Entstellungen und Fälschungen.\nDas Ansehen, das der Autor in großen Kreisen der Bevölkerung genießt\nund die zweifellose bona fides, die ihn leitete, veranlassen uns, doch aus unserer\nbisher beobachteten Reserve herauszutreten. Wir sind uns klar darüber, daß\ndieser Schritt manche unserer ernsten Freunde in unangenehmes Staunen\nversetzen wird. Wir bitten sie, sich vor Augen zu halten, daß man, will man\nöffentlich wirken, der guten Sache zuliebe manchmal Dinge nicht vermeiden\nkann, die Einem sehr gegen den eigenen Geschmack gehen.\nVür können nur bedauern, daß Seine Excellenz Freiherr von Helfert, dem\ndas Hauptthema der Broschüre augenscheinlich ganz ferne liegt, als Geschieht'\nSchreiber von Fach das Quellenmaterial für seine letzte Arbeit nicht gewissem\nhafter geprüft hat und uns dadurch nötigt, offener und rückhaltloser zu ant'\nwerten, als uns in respektvoller Berücksichtigung des ehrwürdigen Alters Seiner\nExcellenz lieb ist."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2467, "texte": "Die Broschüre macht uns eingangs zum Vorwurfe, in der Frage der Re'\nstaurierung des Riesentores von St. Stephan entscheidenden Einfluß genorm\nmen und durch Ignorierung Seiner Excellenz, des Präsidenten der k. k. Zentral'\nKommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst' und historischen Bau'\ndenkmale, „unritterlich\" gehandelt zu haben, „da es Sitte ist, daß man, wenn\nman jemanden bekämpft, um nicht in den Schein zu geraten, daß es hinter dessen\nRücken geschieht, ihn in Kenntnis des gegen ihn gerichteten Angriffes setzt\".\nNun, die Ehre, die geplante Umgestaltung der mittleren West'\nfassade des Stephansdomes derzeit verhindert zu haben, kann die Wiener\nSecession leider nicht für sich in Anspruch nehmen. Als sie dem Minister die\nDenkschrift, von der Seine Excellenz spricht, überreichte, erhielt sie, wie in allen\nTagesblättern zu lesen war, die beruhigende Auskunft, daß die Sache bereits\nerledigt und der Renovierungsvorschlag abgelehnt sei. Denn in der Sitzung vom\nio. Dezember 1901 der ständigen Kunstkommission des Ministeriums für Kuh\ntus und Unterricht = auf die Gutachten dieser Kommission gestützt trifft\nnämlich der Minister seine Entscheidungen = wurde mit zehn gegen zwei\nStimmen der Beschluß gefaßt, das vom Dombaumeister Hermann vorgelegte\nund erläuterte Projekt der Umgestaltung nicht zu befürworten. Von den zwölf\nzu dieser Sitzung erschienenen Mitgliedern der Kunstkommission gehörten\nfünf der Wiener Secession an und eines dieser fünf stimmte für die Um'\ngestaltung. Die Denkschrift wurde dann im „Ver Sacrum\" vollinhaltlich abge'\ndruckt; die Tagesblätter brachten sie durchwegs auszugsweise; sonst wurden\nAbdrücke nur über direktes Ersuchen ausgefolgt oder versendet.\nSo wie der Dombauverein, der Fürsterzbischof und die ZentrahKommission\nfür das Projekt der Umgestaltung aufgetreten sind, sind wir unserer Über'\nzeugung gemäß d a g e g e n aufgetreten, und zwar bei der entscheidenden, somit\n„maßgebendsten\" Instanz, dem Unterrichtsministerium, während der Präsh\ndent der ZentrahKommission, Freiherr von Helfert, diese Instanz umgehend,\nseinen Zweck im Wege einer Audienz bei Sr. Majestät zu erreichen trachtete,\nobgleich die Entscheidung des Ministers bereits erflossen war. Darf da Frei'\nherr von Helfert uns, die wir bei unserer Aktion wohl sehr viel an den Stephans'\ndom, aber nicht einen Augenblick an die „ZentrahKommission\" dachten, den\nVorwurf der Unritterlichkeit machen? meinen, diese Beschuldigung ruhig\nzurückweisen zu können."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2313, "texte": "Die Broschüre umfaßt zehn Seiten. Zwei derselben sind der Frage des\nRiesentores von St. Stephan gewidmet, acht befassen sich mit Secessionen über'\nhaupt und der Wiener und ihren Ausstellungen im besonderen. Der Zusarm\nmenhang ist nicht ersichtlich. Daher der Titel, den wir dieser Erwiderung gaben.\nDie Behauptung der Broschüre, daß die Secession „neben Kunstwerken,\ndie jeder Galerie zur Zierde gereichen würden, auch Stücke gebracht habe, die\nauf keiner anderen Ausstellung Aufnahme gefunden hätten\", ist nachweisbar\nfalsch. Fast alle Werke ausländischer Künstler, die wir brachten, und gerade die\nam meisten umstrittenen, waren vor Wien schon in den großen Kunstaussteh\nlungen Frankreichs, Englands und Deutschlands ausgestellt gewesen, eine Tat'\nsache, die von einer Wiener Zeitschrift in letzter Zeit mit Vorliebe für ihre\nAngriffe gegen uns ausgebeutet wurde. Die Werke unserer Mitglieder, und\ngerade wieder die, die in Wien die abfälligste Kritik erfahren haben, waren\nnach den Wiener Ausstellungen in den gewähltesten künstlerischen Veram\nstaltungen von Paris, London, München und Dresden eingereiht. Die be'\ntreffenden Ausstellungskataloge, die Berichte aller Kunstzeitschriften und vieler\nTagesblätter geben hierfür ein ebenso reiches als leicht zugängliches Quellen'\nmaterial.\nDie in der Broschüre kundgegebene Anschauung über „Häßlichkeit, Ver'\nschwommenheit, Nebelhaftigkeit und unmotivierte Nudität\", die die Wiener\nSecession angeblich bevorzuge, betrachten wir als eine Kritik viel zu subjektiver\nArt, als daß wir uns veranlaßt sehen oder berechtigt fühlen würden, darauf zu\nerwidern.\nSeine Excellenz Freiherr von Helfert ermahnt ferner die Secession, sie\nmöge „inner den Grenzen bleiben, die sie sich selbst gezogen hat, und nicht in\nGebiete übergreifen, auf denen sie nichts zu schaffen hat. Eben weil sie\nsich ein neues Ziel vorgesteckt hat, soll sie die alte Kunst\nin Ruhe lassen!\"\nUnsere Vereinigung bedauert, daß Seine Excellenz über die treibenden Mo'\nmente von Kunstbewegungen so außerordentlich schlecht unterrichtet ist. Wir\nerklären: Unser Gebiet ist die Kunst!\n„Kunst,\" wie der heilige Augustin sagt, „ist, was die großen Künstler aller\nZeiten geschaffen haben.\" Das ist ein trefflicher Ausdruck für die geistige\nZusammengehörigkeit der erschaffenden, das heißt künstlerischen Tätigkeit"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2370, "texte": "aller Zeiten.Wer sollte denn heute besser geeignet sein, das Empfinden der alten\nMeister begreifen zu können, als die Künstler von heute, sie, die trotz gänzlich\nveränderter Nahziele mit jenen durch das große Verständigungsmittel der\ngleichen Arbeit und der letzten Endziele Zusammenhängen; jener Endziele,\nwelchen sie alle mit ungleicher Kraft, aber gleicher Begeisterung zustreben.\nWenn also die Broschüre die Wiener Secession einer besonderen Miß'\nachtung alter Kunst beschuldigt und „gerichtsmäßigen Beweis\" anbietet, „wie\nbahnbrechende Meister oder nachhinkende Jünger aus der Schule geschwatzt\nhaben\", so ist diese Verdächtigung nahezu ebenso unsinnig, als sie unvornehm ist.\nDie Vereinigung trägt jede Verantwortung für jede ihrer Handlungen;\naber nur für diese kann man von ihr Rechenschaft verlangen. Die Mitglieder\nauf Parolen einzuschwören, wäre einer freien Künstlervereinigung unwürdig,\naußerdem auch gar nicht durchführbar. Beweis dafür jenes oben erwähnte\nsehr angesehene Mitglied, das in der Kunstkommission für die Umgestaltung\nder Domfassadc gestimmt hat. Jeder von uns muß, da er eben volle Freiheit\nfür die Äußerung seiner persönlichen Meinung genießt, auch persönlich für\nsie einstehen; jeder wird sich gewiß auch gegen die unabsichtlichen Mißdeu'\ntungen ebenso wie gegen die absichtlichen Fälschungen seiner Worte zu\nwehren wissen.\nSeine Excellenz Freiherr von Helfert wiederholt ferner einen bereits von\nanderer Seite im Wiener Gemeinderate erstatteten Bericht über den Stand der\nmodernen Kunstbewegung im Auslande. Dieser Bericht spricht von dem\nNiedergange der modernen Kunstbewegung in allen europäischen Kultur'\nStaaten, setzt sich aber aus durchwegs falschen Daten zusammen. Im folgen'\nden eine kurze Zusammenstellung authentischer Angaben.\nAlle bestehenden Secessionen haben gemeinsame Grundgedanken: Ab'\nsonderung des ernsten künstlerischen Strebens von den Kunstjahrmärkten =\nGewährleistung der Freiheit der künstlerischen Individualität.\n1889 fand in Paris aus der „Societe des artistes fransais\" (dem „Salon\")\ndie erste Secession statt durch Gründung der „Societe nationale des Beaux'arts\",\nder sogenannten Gesellschaft des Champ de Mars. Dieselbe hat heute noch\ndie Führung im Pariser Kunstleben und benützt jetzt die ihr vom Staate\nzur Verfügung gestellten ausgedehnten Räumlichkeiten im Grand Palais zu\nihren jährlichen Ausstellungen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2383, "texte": "1891 wurde in München die erste deutsche Secession gegründet, welche,\nseinerzeit bahnbrechend wirkend, seitdem die Führung in München be'\nhauptet. Auch der Münchener Secession steht für ihre Ausstellungen jetzt ein\nStaatsgebäude zur Verfügung und bei der 1901 in München von der gesamten\nKünstlerschaft veranstalteten internationalen Ausstellung fiel der Secession das\nerste Präsidium zu. Diese Tatsachen widersprechen genügend der Behauptung,\ndaß man in München „den Zumutungen der Secession den Rücken zu kehren\nbeginnt\".\nIn London vereinigt die 1898 gegründete Secession die verschieden'\nartigsten und hervorragendsten Künstler Englands, und beschränkt sich nicht auf\ndie kleine Gruppe der sogenannten Prärafaeliten, wie man Seiner Excellenz\nFreiherrn von Helfert irrtümlicher Weise berichtet hat.\nDie Berliner Secession, 1899 gegründet, entfaltet eine überaus lebhafte\nund trotz der dort durchaus unverhüllten und aktiven Gegnerschaft der aller'\nhöchsten Kreise, sehr erfolgreiche Tätigkeit.\nDie Wiener Secession konstatiert mit Stolz, daß sie in den fünf Jahren\nihres Bestandes den kunstfreudigen Wienern die Gelegenheit geboten hat, die\nhervorragendsten Produkte des heutigen Kunstschaffens der ganzen Welt\nkennen zu lernen und daß der Kunstbesitz in Wien in dieser Zeit in bisher\nnoch nicht dagewesener Weise bereichert worden ist. Das Ansehen der Ver'\neinigung im Auslande ist seit der Pariser Weltausstellung erwiesen. Die\nKommission der Dresdener internationalen Kunstausstellung 1901 hatte\nausschließlich die Vereinigung bildender Künstler Österreichs eingeladen,\ndie österreichische Kunst zu repräsentieren. In München 1901 waren alle\nWiener Künstlervereinigungen mit ihrem Besten vertreten; die Ankäufe\nfür die bairische Staatsgalerie blieben aber auf die Werke der Secession\nbeschränkt. Daß alle ernsten Bestrebungen immer und überall nur auf die\nTeilnahme, auf das Verständnis einer kleinen Minderheit rechnen können, ist\nganz selbstverständlich; der in der Broschüre zitierte Ausspruch eines „Mün'\nebener Fachmannes\", „daß in Wien eine Species(!) von Kunst, welche in\nDeutschland im Niedergang begriffen ist, die Alleinherrschaft anstrebe\", ist\neinfach barer Unsinn. Die Wiener Secession pflegt keine Species von Kunst,\nsondern Kunst überhaupt und sie begnügt sich auch dankbarst mit dem kleinen\nKreise von Kunstfreunden, der ihren Bestrebungen ermunterndes Interesse"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2425, "texte": "bezeugt und werktätige Unterstützung zuteil werden läßt. Alle Ausstreuungen\nvon einer tatsächlichen offiziellen Bevorzugung unserer Vereinigung sind\nrichtig, was folgende Daten beweisen:\nDie Unterrichtsverwaltung, die einzige Behörde, mit der die Vereinigung\nbildender Künstler Österreichs, wie dies in der Natur der Sache liegt, in Fühlung\nist, hat seit dem Bestände unserer Vereinigung auf unseren i 3 bisherigen Aus'\nStellungen 28 Werke erworben. In der gleichen Zeit wurden durch das Unter-'\nrichtsministerium 43 Werke von Mitgliedern der Künstlergenossenschaft,\n27 Werke von Mitgliedern des Hagenbundes erworben; 3o Werke verstorbener\nKünstler wurden außerhalb der Ausstellungen angekauft.\nDen 28 Ankäufen können wir 17 Werke ausländischer Künstler gegen'\nüberstellen, die durch uns dem Staatsbesitz zugeführt worden sind, und es ist\ndie Wiener Secession die einzige Vereinigung überhaupt, die statutengemäß für\ndie Vermehrung des Staatsbesitzes an Kunstwerken tätig ist. Von den 14 Pro'\nfessoren der k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien haben sich 2 bei\nder Gründung der Secession derselben angeschlossen. Von den 17 Professoren\nder Wiener Kunstgewerbeschule sind 4 Mitglieder der Secession. Alle diese\nTatsachen führen wir widerwillig, jedoch notgedrungen an, um sehr verbreitete\nIrrtümer zu berichtigen.\nNun bliebe noch der kleine Teil der Broschüre zu beantworten, der sich\nmit der Hauptsache, der Restaurierung des Riesentores, beschäftigt. Seine Ex'\ncellenz Freiherr von Helfert glaubt in John Ruskins Werken Zitate zu finden,\ndie in strikten Gegensatz zu den Zitaten in der Denkschrift der Vereinigung\nzu stellen wären. Die in der Broschüre Freiherrn von Helferts abgedruckten\nWorte: „fette Bissen für den Architekten’', „verständnislose oder gewinn'\nsüchtige Restaurierungswut, die zu den schlimmsten Arten des Schwindels und\nder Prahlerei zählen”, bilden aber nur eine Ergänzung zu den Zitaten der\nSecession, Wenn dieselben in unserer Denkschrift weggeblieben sind, so ist\ndies unter anderem auch damit zu erklären, daß gerade diese heftigen Aus'\ndrücke = gegen die Restaurierungen im allgemeinen ausgesprochen = auf den\nFall „Stephanskirche” keine Anwendung finden können. Die Vereinigung ist\ngegen den unkünstlerischen Gedanken der vorgeschlagenen Veränderungen, ist\naber von den ehrlichsten Absichten und der größten Gewissenhaftigkeit und\nLiebe zur Sache von Seite des Herrn Dombaumeisters überzeugt."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2386, "texte": "Die Broschüre zitiert auch Beweise von Ruskins „Ehrfurcht und Begeh*\nsterung für alte Kunst\". Wie wir schon vorhin betont haben, teilt jeder wahre\nKünstler diese Begeisterung Ruskins und es ist die größte Verleumdung, ge'\nrade der Wiener Secession diese Ehrfurcht absprechen zu wollen. Die Secession\nfordert Ehrfurcht vor aller Kunst, ob alt ob neu == aber vor Kunst als Begriff\nder schöpferischen Tätigkeit. Eben aus dieser Ehrfurcht bekämpft sie jede Imi'\ntation einerlei, ob ein alter oder ein neuer Meister als Vorbild mißbraucht\nwird und bekämpft die weitverbreitete falsche Vorstellung, daß es je möglich\nsei, die Imitation dem Originalkunstwerke ebenbürtig oder gleichwertig zu\nmachen, also z. B. heute „in gotischem Stil\" bauen zu können.\nIn der Darstellung der beabsichtigten Herstellungen am Riesentore ist in\nder Broschüre außerdem ein jedesfalls unbeabsichtigter Irrtum durch Weg'\nbleiben wesentlicher Daten enthalten. Es handelt sich nicht bloß um ~Weg'\nnähme einer Meterbreite auf jeder Seite vom gotischen Mantel, der einen Teil\ndes romanischen Portales verdeckt\", sondern um volhge Umgestaltung des\nmittleren Teiles der Westfassade des Stephansdomes, um die nach Wegnahme\ndes gotischen Mantels unvermeidliche, völlige Neuherstellung der vorderen\nBogen „in romanischem Stil\", um Neuherstellung des ober dem Portale ehe'\nmals vorhandenen romanischen Bogenfrieses, um Verkleinerung des oberhalb\ndes Portales befindlichen großen gotischen Fensters.\nDie Zentral'Kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst' und\nhistorischen Denkmale hat 1882 dem jetzt wieder belebten Projekte des Dom'\nbaumeisters Schmidt zwar „im Prinzipe anerkennenswerte Berechtigung nicht\nabsprechen können, die Durchführung desselben aber = m\nNotwendigkeit = nicht befürwortet. Die Gemeinde Wien hat sich 1882 gegen\ndie geplante Restaurierung ausgesprochen, sie scheint es heute wieder zu tun\nim Gegensätze zu der Behauptung der Broschüre. Hervorragende Kunstgelehrte\nhabendi 882 gegen das Projekt gekämpft, sie haben sich auch diesmal dagegen\nwir(j gesagt. „das romanische Tor ist 100 Jahre alter\nals das gotische, hat also vor letzterem den Vorzug , „das romanische Portal\nsteht künstlerisch höher als der gotische Torbogen, daher muß der letztere\nfallen\". Ist diese Logik an sich schon sehr zweifelhaft, da sie auf der un\nwiesenen Voraussetzung der Notwendigkeit einer Änderung überhaupt fußt,"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2294, "texte": "so wird sie vollends unstichhältig, sobald nicht unterdrückt wird, daß der echte\ngotische Torbogen nicht hinweggenommen werden kann, ohne daß wir da'\nfür einen imitierten romanischen eintauschen müssen.\nSeine Excellenz Freiherr von Helfert führt für die Richtigkeit seiner Be'\nweisführung die Zustimmung „aller berufenen und berechtigten Faktoren\" an,\nnennt aber nur den Dombauverein, den Fürsterzbischof und die Zentral'\nKommission, merkwürdigerweise auch die Großkommune Wien; daß letztere\nAngabe nicht der Wahrheit entspricht, ist dadurch erwiesen, daß im Gemeinde'\nrate der Antrag für das Umgestaltungsprojekt 9, der Gegenantrag jedoch\n98 Unterschriften trägt. Von Künstlern, die für das Projekt sind, führt er nur\neinen auf und das ist gerade der Dombaumeister selbst.\nNun wir zweifeln nicht, daß sich diesem Namen leicht noch viele andere\nhätten anfügen lassen; allerdings hätte dies unsere Anschauungen nicht ge'\nändert. Denn wir erlauben uns zu bestreiten, daß die Genannten und alle jene,\ndie etwa noch für die gleichen Anschauungen zu gewinnen wären, „alle berufe'\nnen und berechtigten Faktoren\" sind, und wenden uns zum Schlüsse gegen\ndie Zentral'Kommission als „kompetente Instanz\" im besonderen.\nDie k. k, Zentral'Kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst'\nund historischen Denkmale führt in ihrem offiziellen Titel ausdrücklich das\nWort „Erhaltung\". Die Verdienste auf dem Gebiete der Erforschung zuge'\ngeben, sind denselben wenig solche auf dem Gebiete der Erhaltung gegenüber'\nzustellen.\nDas unselige Projekt der Restaurierung des Schlosses Tirol kam glück'\nlicherweise noch nicht zur Ausführung = die prächtigen Fresken im Kreuz'\ngange der Johanniskirche in Brixen sind aber durch die „Restaurierung\" um\nwiederbringlich verloren. Sollen wir abermals an die Salzburger Franziskaner'\nkirche, an die Türme von Klosterneuburg, an den Prager Veitsdom, an den\nDom und die Jakobskirche in Brünn, an das Kloster Heiligenkreuz, an die\nBurg Karlstein, an das Wiener Belvedere, an das nie genug zu beklagende\nSchloß Hof a. d. March, an die Burgen Runkelstein und Reiffenstein und an\nalle die vielen anderen, leider so zahlreichen Fälle von Vernichtung alter Kunst,\ndie eine so beißende Parodie auf den „wiedererwachten historischen Sinn\" der\nletzten Jahrzehnte bilden, erinnern ?"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1366, "texte": "Wozu haben wir also eine „Zentral'Kommission für Erforschung und Er'\nhaltung der Kunst' und historischen Denkmale”, wenn sie einerseits ignoriert\nwird und sich als machtlos erweist, Unheil zu verhindern, anderseits, wo ihr\nEinfluß eingeräumt wird, sich schwerfällig, saumselig zeigt oder selbst direkt\nunheilvoll wirkt?!\nSeine Excellenz Freiherr von Helfert beruft sich darauf, daß auch in\nDeutschland im Sinne der österreichischen Zentral'Kommission gearbeitet wird,\ndaß das badische Ministerium nicht „vor durchgreifenden Restaurierungen”\nam berühmten Schloßbau von Heidelberg zurückschreckt. Seine Excellenz\nvergißt aber beizufügen, daß sich gegen dies Vorgehen fast die gesamte deut'\nsehe Intelligenz empört hat.\nWir bedauern, daß die gewiß ausgezeichnet kunstfreundlichen Intentionen\nder Zentral'Kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst' und histO'\nrischen Denkmale sich in ihrer Betätigung in geradezu kunstfeindliche ver'\nwandeln, können daher die in der Broschüre betonte „Kompetenz” der Zentral'\nKommission in Fragen alter oder neuer Kunst nicht anerkennen und stellen\ndem Präsidenten der Kommission, Seiner Excellenz Freiherrn von Helfert,\ndas uns zugerufeneWort Gladstones zur weiteren Verwendung für die Zentral'\nKommission zurück: „hands off”.\nWien, Ostern 1902.\nDER ARBEITSAUSSCHUSS\nDER VEREINIGUNG BILDENDER KÜNSTLER ÖSTERREICHS\n(SECESSION)."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.1", "texte": "VER SACRUM\nDIE WIENER SECESSION\nUND SEINE EXCELLENZ\nFREIHERR VON HELFERT."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.3", "texte": "DIE WIENER SECESSION UND SEINE EXCELLENZ FREIH. v. 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Darf da Frei'\nherr von Helfert uns, die wir bei unserer Aktion wohl sehr viel an den Stephans'\ndom, aber nicht einen Augenblick an die „ZentrahKommission\" dachten, den\nVorwurf der Unritterlichkeit machen? meinen, diese Beschuldigung ruhig\nzurückweisen zu können."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.5", "texte": "Die Broschüre umfaßt zehn Seiten. Zwei derselben sind der Frage des\nRiesentores von St. Stephan gewidmet, acht befassen sich mit Secessionen über'\nhaupt und der Wiener und ihren Ausstellungen im besonderen. Der Zusarm\nmenhang ist nicht ersichtlich. Daher der Titel, den wir dieser Erwiderung gaben.\nDie Behauptung der Broschüre, daß die Secession „neben Kunstwerken,\ndie jeder Galerie zur Zierde gereichen würden, auch Stücke gebracht habe, die\nauf keiner anderen Ausstellung Aufnahme gefunden hätten\", ist nachweisbar\nfalsch. Fast alle Werke ausländischer Künstler, die wir brachten, und gerade die\nam meisten umstrittenen, waren vor Wien schon in den großen Kunstaussteh\nlungen Frankreichs, Englands und Deutschlands ausgestellt gewesen, eine Tat'\nsache, die von einer Wiener Zeitschrift in letzter Zeit mit Vorliebe für ihre\nAngriffe gegen uns ausgebeutet wurde. Die Werke unserer Mitglieder, und\ngerade wieder die, die in Wien die abfälligste Kritik erfahren haben, waren\nnach den Wiener Ausstellungen in den gewähltesten künstlerischen Veram\nstaltungen von Paris, London, München und Dresden eingereiht. Die be'\ntreffenden Ausstellungskataloge, die Berichte aller Kunstzeitschriften und vieler\nTagesblätter geben hierfür ein ebenso reiches als leicht zugängliches Quellen'\nmaterial.\nDie in der Broschüre kundgegebene Anschauung über „Häßlichkeit, Ver'\nschwommenheit, Nebelhaftigkeit und unmotivierte Nudität\", die die Wiener\nSecession angeblich bevorzuge, betrachten wir als eine Kritik viel zu subjektiver\nArt, als daß wir uns veranlaßt sehen oder berechtigt fühlen würden, darauf zu\nerwidern.\nSeine Excellenz Freiherr von Helfert ermahnt ferner die Secession, sie\nmöge „inner den Grenzen bleiben, die sie sich selbst gezogen hat, und nicht in\nGebiete übergreifen, auf denen sie nichts zu schaffen hat. Eben weil sie\nsich ein neues Ziel vorgesteckt hat, soll sie die alte Kunst\nin Ruhe lassen!\"\nUnsere Vereinigung bedauert, daß Seine Excellenz über die treibenden Mo'\nmente von Kunstbewegungen so außerordentlich schlecht unterrichtet ist. Wir\nerklären: Unser Gebiet ist die Kunst!\n„Kunst,\" wie der heilige Augustin sagt, „ist, was die großen Künstler aller\nZeiten geschaffen haben.\" Das ist ein trefflicher Ausdruck für die geistige\nZusammengehörigkeit der erschaffenden, das heißt künstlerischen Tätigkeit"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.6", "texte": "aller Zeiten.Wer sollte denn heute besser geeignet sein, das Empfinden der alten\nMeister begreifen zu können, als die Künstler von heute, sie, die trotz gänzlich\nveränderter Nahziele mit jenen durch das große Verständigungsmittel der\ngleichen Arbeit und der letzten Endziele Zusammenhängen; jener Endziele,\nwelchen sie alle mit ungleicher Kraft, aber gleicher Begeisterung zustreben.\nWenn also die Broschüre die Wiener Secession einer besonderen Miß'\nachtung alter Kunst beschuldigt und „gerichtsmäßigen Beweis\" anbietet, „wie\nbahnbrechende Meister oder nachhinkende Jünger aus der Schule geschwatzt\nhaben\", so ist diese Verdächtigung nahezu ebenso unsinnig, als sie unvornehm ist.\nDie Vereinigung trägt jede Verantwortung für jede ihrer Handlungen;\naber nur für diese kann man von ihr Rechenschaft verlangen. Die Mitglieder\nauf Parolen einzuschwören, wäre einer freien Künstlervereinigung unwürdig,\naußerdem auch gar nicht durchführbar. Beweis dafür jenes oben erwähnte\nsehr angesehene Mitglied, das in der Kunstkommission für die Umgestaltung\nder Domfassadc gestimmt hat. Jeder von uns muß, da er eben volle Freiheit\nfür die Äußerung seiner persönlichen Meinung genießt, auch persönlich für\nsie einstehen; jeder wird sich gewiß auch gegen die unabsichtlichen Mißdeu'\ntungen ebenso wie gegen die absichtlichen Fälschungen seiner Worte zu\nwehren wissen.\nSeine Excellenz Freiherr von Helfert wiederholt ferner einen bereits von\nanderer Seite im Wiener Gemeinderate erstatteten Bericht über den Stand der\nmodernen Kunstbewegung im Auslande. Dieser Bericht spricht von dem\nNiedergange der modernen Kunstbewegung in allen europäischen Kultur'\nStaaten, setzt sich aber aus durchwegs falschen Daten zusammen. Im folgen'\nden eine kurze Zusammenstellung authentischer Angaben.\nAlle bestehenden Secessionen haben gemeinsame Grundgedanken: Ab'\nsonderung des ernsten künstlerischen Strebens von den Kunstjahrmärkten =\nGewährleistung der Freiheit der künstlerischen Individualität.\n1889 fand in Paris aus der „Societe des artistes fransais\" (dem „Salon\")\ndie erste Secession statt durch Gründung der „Societe nationale des Beaux'arts\",\nder sogenannten Gesellschaft des Champ de Mars. Dieselbe hat heute noch\ndie Führung im Pariser Kunstleben und benützt jetzt die ihr vom Staate\nzur Verfügung gestellten ausgedehnten Räumlichkeiten im Grand Palais zu\nihren jährlichen Ausstellungen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.7", "texte": "1891 wurde in München die erste deutsche Secession gegründet, welche,\nseinerzeit bahnbrechend wirkend, seitdem die Führung in München be'\nhauptet. Auch der Münchener Secession steht für ihre Ausstellungen jetzt ein\nStaatsgebäude zur Verfügung und bei der 1901 in München von der gesamten\nKünstlerschaft veranstalteten internationalen Ausstellung fiel der Secession das\nerste Präsidium zu. Diese Tatsachen widersprechen genügend der Behauptung,\ndaß man in München „den Zumutungen der Secession den Rücken zu kehren\nbeginnt\".\nIn London vereinigt die 1898 gegründete Secession die verschieden'\nartigsten und hervorragendsten Künstler Englands, und beschränkt sich nicht auf\ndie kleine Gruppe der sogenannten Prärafaeliten, wie man Seiner Excellenz\nFreiherrn von Helfert irrtümlicher Weise berichtet hat.\nDie Berliner Secession, 1899 gegründet, entfaltet eine überaus lebhafte\nund trotz der dort durchaus unverhüllten und aktiven Gegnerschaft der aller'\nhöchsten Kreise, sehr erfolgreiche Tätigkeit.\nDie Wiener Secession konstatiert mit Stolz, daß sie in den fünf Jahren\nihres Bestandes den kunstfreudigen Wienern die Gelegenheit geboten hat, die\nhervorragendsten Produkte des heutigen Kunstschaffens der ganzen Welt\nkennen zu lernen und daß der Kunstbesitz in Wien in dieser Zeit in bisher\nnoch nicht dagewesener Weise bereichert worden ist. Das Ansehen der Ver'\neinigung im Auslande ist seit der Pariser Weltausstellung erwiesen. Die\nKommission der Dresdener internationalen Kunstausstellung 1901 hatte\nausschließlich die Vereinigung bildender Künstler Österreichs eingeladen,\ndie österreichische Kunst zu repräsentieren. In München 1901 waren alle\nWiener Künstlervereinigungen mit ihrem Besten vertreten; die Ankäufe\nfür die bairische Staatsgalerie blieben aber auf die Werke der Secession\nbeschränkt. Daß alle ernsten Bestrebungen immer und überall nur auf die\nTeilnahme, auf das Verständnis einer kleinen Minderheit rechnen können, ist\nganz selbstverständlich; der in der Broschüre zitierte Ausspruch eines „Mün'\nebener Fachmannes\", „daß in Wien eine Species(!) von Kunst, welche in\nDeutschland im Niedergang begriffen ist, die Alleinherrschaft anstrebe\", ist\neinfach barer Unsinn. Die Wiener Secession pflegt keine Species von Kunst,\nsondern Kunst überhaupt und sie begnügt sich auch dankbarst mit dem kleinen\nKreise von Kunstfreunden, der ihren Bestrebungen ermunterndes Interesse"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.8", "texte": "bezeugt und werktätige Unterstützung zuteil werden läßt. Alle Ausstreuungen\nvon einer tatsächlichen offiziellen Bevorzugung unserer Vereinigung sind\nrichtig, was folgende Daten beweisen:\nDie Unterrichtsverwaltung, die einzige Behörde, mit der die Vereinigung\nbildender Künstler Österreichs, wie dies in der Natur der Sache liegt, in Fühlung\nist, hat seit dem Bestände unserer Vereinigung auf unseren i 3 bisherigen Aus'\nStellungen 28 Werke erworben. In der gleichen Zeit wurden durch das Unter-'\nrichtsministerium 43 Werke von Mitgliedern der Künstlergenossenschaft,\n27 Werke von Mitgliedern des Hagenbundes erworben; 3o Werke verstorbener\nKünstler wurden außerhalb der Ausstellungen angekauft.\nDen 28 Ankäufen können wir 17 Werke ausländischer Künstler gegen'\nüberstellen, die durch uns dem Staatsbesitz zugeführt worden sind, und es ist\ndie Wiener Secession die einzige Vereinigung überhaupt, die statutengemäß für\ndie Vermehrung des Staatsbesitzes an Kunstwerken tätig ist. Von den 14 Pro'\nfessoren der k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien haben sich 2 bei\nder Gründung der Secession derselben angeschlossen. Von den 17 Professoren\nder Wiener Kunstgewerbeschule sind 4 Mitglieder der Secession. Alle diese\nTatsachen führen wir widerwillig, jedoch notgedrungen an, um sehr verbreitete\nIrrtümer zu berichtigen.\nNun bliebe noch der kleine Teil der Broschüre zu beantworten, der sich\nmit der Hauptsache, der Restaurierung des Riesentores, beschäftigt. Seine Ex'\ncellenz Freiherr von Helfert glaubt in John Ruskins Werken Zitate zu finden,\ndie in strikten Gegensatz zu den Zitaten in der Denkschrift der Vereinigung\nzu stellen wären. Die in der Broschüre Freiherrn von Helferts abgedruckten\nWorte: „fette Bissen für den Architekten’', „verständnislose oder gewinn'\nsüchtige Restaurierungswut, die zu den schlimmsten Arten des Schwindels und\nder Prahlerei zählen”, bilden aber nur eine Ergänzung zu den Zitaten der\nSecession, Wenn dieselben in unserer Denkschrift weggeblieben sind, so ist\ndies unter anderem auch damit zu erklären, daß gerade diese heftigen Aus'\ndrücke = gegen die Restaurierungen im allgemeinen ausgesprochen = auf den\nFall „Stephanskirche” keine Anwendung finden können. Die Vereinigung ist\ngegen den unkünstlerischen Gedanken der vorgeschlagenen Veränderungen, ist\naber von den ehrlichsten Absichten und der größten Gewissenhaftigkeit und\nLiebe zur Sache von Seite des Herrn Dombaumeisters überzeugt."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.9", "texte": "Die Broschüre zitiert auch Beweise von Ruskins „Ehrfurcht und Begeh*\nsterung für alte Kunst\". Wie wir schon vorhin betont haben, teilt jeder wahre\nKünstler diese Begeisterung Ruskins und es ist die größte Verleumdung, ge'\nrade der Wiener Secession diese Ehrfurcht absprechen zu wollen. Die Secession\nfordert Ehrfurcht vor aller Kunst, ob alt ob neu == aber vor Kunst als Begriff\nder schöpferischen Tätigkeit. Eben aus dieser Ehrfurcht bekämpft sie jede Imi'\ntation einerlei, ob ein alter oder ein neuer Meister als Vorbild mißbraucht\nwird und bekämpft die weitverbreitete falsche Vorstellung, daß es je möglich\nsei, die Imitation dem Originalkunstwerke ebenbürtig oder gleichwertig zu\nmachen, also z. B. heute „in gotischem Stil\" bauen zu können.\nIn der Darstellung der beabsichtigten Herstellungen am Riesentore ist in\nder Broschüre außerdem ein jedesfalls unbeabsichtigter Irrtum durch Weg'\nbleiben wesentlicher Daten enthalten. Es handelt sich nicht bloß um ~Weg'\nnähme einer Meterbreite auf jeder Seite vom gotischen Mantel, der einen Teil\ndes romanischen Portales verdeckt\", sondern um volhge Umgestaltung des\nmittleren Teiles der Westfassade des Stephansdomes, um die nach Wegnahme\ndes gotischen Mantels unvermeidliche, völlige Neuherstellung der vorderen\nBogen „in romanischem Stil\", um Neuherstellung des ober dem Portale ehe'\nmals vorhandenen romanischen Bogenfrieses, um Verkleinerung des oberhalb\ndes Portales befindlichen großen gotischen Fensters.\nDie Zentral'Kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst' und\nhistorischen Denkmale hat 1882 dem jetzt wieder belebten Projekte des Dom'\nbaumeisters Schmidt zwar „im Prinzipe anerkennenswerte Berechtigung nicht\nabsprechen können, die Durchführung desselben aber = m\nNotwendigkeit = nicht befürwortet. Die Gemeinde Wien hat sich 1882 gegen\ndie geplante Restaurierung ausgesprochen, sie scheint es heute wieder zu tun\nim Gegensätze zu der Behauptung der Broschüre. Hervorragende Kunstgelehrte\nhabendi 882 gegen das Projekt gekämpft, sie haben sich auch diesmal dagegen\nwir(j gesagt. „das romanische Tor ist 100 Jahre alter\nals das gotische, hat also vor letzterem den Vorzug , „das romanische Portal\nsteht künstlerisch höher als der gotische Torbogen, daher muß der letztere\nfallen\". Ist diese Logik an sich schon sehr zweifelhaft, da sie auf der un\nwiesenen Voraussetzung der Notwendigkeit einer Änderung überhaupt fußt,"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.10", "texte": "so wird sie vollends unstichhältig, sobald nicht unterdrückt wird, daß der echte\ngotische Torbogen nicht hinweggenommen werden kann, ohne daß wir da'\nfür einen imitierten romanischen eintauschen müssen.\nSeine Excellenz Freiherr von Helfert führt für die Richtigkeit seiner Be'\nweisführung die Zustimmung „aller berufenen und berechtigten Faktoren\" an,\nnennt aber nur den Dombauverein, den Fürsterzbischof und die Zentral'\nKommission, merkwürdigerweise auch die Großkommune Wien; daß letztere\nAngabe nicht der Wahrheit entspricht, ist dadurch erwiesen, daß im Gemeinde'\nrate der Antrag für das Umgestaltungsprojekt 9, der Gegenantrag jedoch\n98 Unterschriften trägt. Von Künstlern, die für das Projekt sind, führt er nur\neinen auf und das ist gerade der Dombaumeister selbst.\nNun wir zweifeln nicht, daß sich diesem Namen leicht noch viele andere\nhätten anfügen lassen; allerdings hätte dies unsere Anschauungen nicht ge'\nändert. Denn wir erlauben uns zu bestreiten, daß die Genannten und alle jene,\ndie etwa noch für die gleichen Anschauungen zu gewinnen wären, „alle berufe'\nnen und berechtigten Faktoren\" sind, und wenden uns zum Schlüsse gegen\ndie Zentral'Kommission als „kompetente Instanz\" im besonderen.\nDie k. k, Zentral'Kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst'\nund historischen Denkmale führt in ihrem offiziellen Titel ausdrücklich das\nWort „Erhaltung\". Die Verdienste auf dem Gebiete der Erforschung zuge'\ngeben, sind denselben wenig solche auf dem Gebiete der Erhaltung gegenüber'\nzustellen.\nDas unselige Projekt der Restaurierung des Schlosses Tirol kam glück'\nlicherweise noch nicht zur Ausführung = die prächtigen Fresken im Kreuz'\ngange der Johanniskirche in Brixen sind aber durch die „Restaurierung\" um\nwiederbringlich verloren. Sollen wir abermals an die Salzburger Franziskaner'\nkirche, an die Türme von Klosterneuburg, an den Prager Veitsdom, an den\nDom und die Jakobskirche in Brünn, an das Kloster Heiligenkreuz, an die\nBurg Karlstein, an das Wiener Belvedere, an das nie genug zu beklagende\nSchloß Hof a. d. March, an die Burgen Runkelstein und Reiffenstein und an\nalle die vielen anderen, leider so zahlreichen Fälle von Vernichtung alter Kunst,\ndie eine so beißende Parodie auf den „wiedererwachten historischen Sinn\" der\nletzten Jahrzehnte bilden, erinnern ?"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.11", "texte": "Wozu haben wir also eine „Zentral'Kommission für Erforschung und Er'\nhaltung der Kunst' und historischen Denkmale”, wenn sie einerseits ignoriert\nwird und sich als machtlos erweist, Unheil zu verhindern, anderseits, wo ihr\nEinfluß eingeräumt wird, sich schwerfällig, saumselig zeigt oder selbst direkt\nunheilvoll wirkt?!\nSeine Excellenz Freiherr von Helfert beruft sich darauf, daß auch in\nDeutschland im Sinne der österreichischen Zentral'Kommission gearbeitet wird,\ndaß das badische Ministerium nicht „vor durchgreifenden Restaurierungen”\nam berühmten Schloßbau von Heidelberg zurückschreckt. Seine Excellenz\nvergißt aber beizufügen, daß sich gegen dies Vorgehen fast die gesamte deut'\nsehe Intelligenz empört hat.\nWir bedauern, daß die gewiß ausgezeichnet kunstfreundlichen Intentionen\nder Zentral'Kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst' und histO'\nrischen Denkmale sich in ihrer Betätigung in geradezu kunstfeindliche ver'\nwandeln, können daher die in der Broschüre betonte „Kompetenz” der Zentral'\nKommission in Fragen alter oder neuer Kunst nicht anerkennen und stellen\ndem Präsidenten der Kommission, Seiner Excellenz Freiherrn von Helfert,\ndas uns zugerufeneWort Gladstones zur weiteren Verwendung für die Zentral'\nKommission zurück: „hands off”.\nWien, Ostern 1902.\nDER ARBEITSAUSSCHUSS\nDER VEREINIGUNG BILDENDER KÜNSTLER ÖSTERREICHS\n(SECESSION)."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.12", "texte": "Adolf Holzhauscn in Wien*"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf1902-01.1.14", "texte": "DIE WIENER SECESSION\nUND SEINE EXCELLENZ\nFREIHERR VON HELFERT."}]}