{"numero_id": "bm-bmtnabf-1903-03-15-01", "volume": "bmtnabf_1903-03-15_01", "ocr_sha256": "01321ce53d70cc342898f68ea4cf730cb42bc3dc3c7606d0c8545152f4b943af", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabf/issues/1903/03/15_01/bmtnabf_1903-03-15_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabf/issues/1903/03/15_01/bmtnabf_1903-03-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabf-1903-03-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabf_1903-03-15_01#c004", "volume": "bmtnabf_1903-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "115", "page_fin": "115", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.2.4", "titre_corps": "Ex Libris", "titre_sommaire": "Ex Libris", "signature_source": "Josef Hoffmann OM", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 36, "texte": "Für V. 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Ein kurzes Leben, eine lange\nLaufbahn. Kein Künstler unserer Zeit, sicherlich keiner, der wie\ner nur Illustrator war, hat es zu größerer und heißumstrittenerer\nBerühmtheit gebracht. Keiner hat sich je aus so fremden Elemen-\nten heraus eine persönlichere Ursprünglichkeit des Stils geschaffen und kei-\nner hat die Kunst seiner Zeit so weitgehend beeinflußt. Er besaß den zer-\nstörenden Arbeitsdrang derer, denen es bestimmt ist, jung zu sterben, jene\nunheimliche Vollkommenheit und jenes umfassende Wissen, jene Zusam-\nmenfassung einer Lebenszeit in eine Stunde, die denen eigen ist, die sich\nbeeilen müssen, ihr Werk am Mittag zu beschließen, in der Gewißheit, daß\nsie den Abend nicht mehr erleben werden. So wurde er in den Salons als\nklavierspielendes Wunderkind gefeiert, noch ehe er eine Linie gezeichnet\nhatte. Als er mit 20 Jahren seine Berühmtheit als Zeichner erlangte,\nnahm er sich, trotz der ihm verbleibenden wenigen Jahre voll angestreng-\ntester Arbeit, die Zeit, sich planmäßig zum Schriftsteller auszubilden. Seine\nProsa war in ihrer Art ebenso originell wie seine Zeichenkunst und seine\nVerse hatten wenigstens geistreiche und eigenartige Züge. Seine Belesen-\nheit schien ungeheuer, dabei waren seine Neigungen und Abneigungen so\nausgesprochen und so scharfsinnig begründet wie nur die eines Schrift-\nstellers von Beruf. Ja er schien ein zuverlässigerer Kenner und Beurteiler\nvon Büchern zu sein als von Bildern; das tiefste Empfinden hatte er jedoch\nfür Musik. Auch seine Kunst zu unterhalten war eigenartig glänzend. Wenn\nauch verschieden in der Form, stand sie inhaltlich kaum der berühmtesten\nseiner Zeitgenossen nach, sie war dabei scharf grillenhaft-dogmatisch, eben-\nso voll von bewußtem Selbstgefühl wie von untrüglicher Scharfsichtigkeit.\nWenn er sich auch gewöhnlich in gewagten Behauptungen gefiel und diese\nmit ungestümer Begeisterung vertrat, so ließ er sich doch nie von ihnen\noder selbst von seiner Begeisterung zum Selbstbetrug verleiten, im Gegen-\nteil, er war von eisiger Sachlichkeit. © © ©\nThe Unicom Quartos\nUnicom Press\nLondon 1898\nFür V. S.\nübersetzt von Frau\nAnna Muthesius\nJänner igo3. London"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2341, "texte": "0 Ich möchte davon nicht einmal sein Urteil über sich selbst ausnehmen\ntrotz all seines krankhaften, fast komisch berührenden Selbstbewußtseins’\nso voll von der Kindlichkeit des Genies. Er dachte von sich selbst sehr\nhoch und das mit Recht; er bewunderte sich riesig; aber sein Verstand ließ\neine Täuschung über die Grenzen selbst seiner eigenen Fähigkeiten nicht\nzu. Dieser klare, von jeder Gefühlsregung unbeeinflußte Verstand machte\nihn trotz so vielseitiger Interessen mit so reichen gesellschaftlichen Ta-\nlenten zu einem Einsamen. Von Gefühl konnte man bei ihm nur in jenem\nvielleicht höchsten Sinne sprechen, wo das Gefühl fast aufhört, erkennbar\nzu sein, ein Gefühl ohne Beziehung auf Bestimmtes = für Ideen’ für Linien\nViele Leute verehrten ihn, aber ich glaube, daß er fast keinen’Freund im\neigentlichen Sinne des Wortes besaß, und ich bezweifle auch, daß es mehr\nals ein oder zwei Menschen gab, für die er irgend eine aufrichtige Zu\nneigung empfunden hätte.\n0 Obgleich er stets leidend war, besaß er doch erstaunliche NenSn\nstärke; zweifellos hat es diese seltene Eigenschaft allein vermocht ihn\ntrotz allem so lange am Leben zu erhalten. Wer weiß, ob er nicht mit\nderselben Selbstbestimmung seine Nerven und Gefühle beherrsche m;+\n<Jer ? ,tie.KHerrSChaft Üb6r K°pf ünd Hand erlanS‘ hatte- Aber diese Kraft\nder Selbstbestimmung war eine der verblüffendsten Eigenschaften seines\nsich aus Widersprüchen zusammensetzenden Temperaments\n© Eine seiner Posen, wie es die Leute nennen, das heißt in Wirklich-\nkeit eine Sache, die ihm am meisten am Herzen lag- war di© q™!\näußerlich allen Anforderungen, die Eleganz und Haltung ’ausmachen nach ’\nzukommen, die als Zwang empfundene Notwendigkeit, sich gut zu kleiden\nund nicht etwa äußerlich den Künstler zu verraten. Er verachtete hoch\nhebst sogenannte Inspirationen, ein Wort, das vielen Künstlern zwehen\nRanges so geläufig ist (ich nannte es einmal an anderer Stelle die fertige\nEingebung beim ersten Gedanken), und er haßte die äußerlich zur Schfn\ngetragenen Zeichen einer inneren Gährung und Unausgeglichenheit P=h\nlustigte ihn, über alles abzuurteilen, vor allem aber lf was Bau'\ndelaire verurteilt haben würde. Neben einem Quantum WoßenMutwUlens\nverbarg sich aber doch eine sehr ernste und erschöpfende Kunstan-\nschauung hinter seiner zersetzenden Kritik. Tiefen Sinn hatte die einst"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2241, "texte": "einem seiner Freunde gegebene Antwort auf die Frage, ob er iemals\nVisionen gehabt hätte: „Nein,” sagte er, „ich gestatte mir nicht, Visiten\nzu haben, ausgenommen auf dem Papier.” Seine ganze Kunst liegt in\ndiesem einen Satze. “\n© Von seinen vielen Wünschen erfüllte sich ganz gewiß einer vxdh\nkommen, und zwar der, den er am heißesten erstrebt und stetig- bpwnftf\nverfolgt hatte: den Ruhm des Tages zu erobern, den Ruhm des populären\nSängers oder der professionellen Schönheit, den Ruhm einer Yvette Guil\nbert oder Cleo de Merode. ®\n© Und es lag Logik in der Beharrlichkeit, mit der er darauf bestand\nm seiner Gier nach augenblicklichem und schallendem Erfolg- Andere\nmochten warten = er wußte, daß er keine Zeit zum Warten hätte p« w\ndoch schließlich für jene die ihr Leben lang ohne Anerkennung gearbeto\nhaben wenig Versöhnliches, den Ruhm der Nachwelt für sich in Aussicht\nzu haben — wenn ihnen nicht etwa die Freude und die Befriedigung die\ndie Arbeit bringt, an sich genügt. Jeder Künstler hat neben deS, auf der\nHand hegenden einen verborgenen Grund, weshalb er arbeitet So 1*™!\nes nicht die Notwendigkeit ist, die ihn antreibt, sein BroT2u verdfenen fo\n'St es gewöhnlich irgend ein Sichunglücklichfühlen oder Unzufriedensein\n™ht?6h i\" “mSeb®nden Verhältnissen, eine zu hoffnungslose oder zu ver”\nachthche Lebensauffassung. Einmal arbeitet der Mann, um einer Frau zu\ngefallen, dann arbeitet er, weil er der Frau nicht gefallen hat und dann\nweü er es satt hat. ihr zu gefallen. Arbeit muß im letzten Ende um 1h“;\nselbst willen getan werden dies gilt für Beardsley nicht weniger als iS\nBlake oder für Rossetti. Aber jener andere znfällto-e :v,n er aiS IU1\nnende Beweggrund Wa; bei ßiardsle“ wlns'Hr’seine3'na^TT\n!Hhrewauf enbli^licben Wiederhall eines lauten Ruhmes zu CTfmien\n© Wie die meisten Künstler, welche viel von PonnlarJföf u lert^llen-\nauch er eine tiefe Verachtung für das PubUkunT Und ä Ä ‘ten’ !^te\nPublikum in die Rippen zu stoßen es bewundere'\nwieder einen Fußtritt zu geben, weil es das Falsche bewunderte'od”r well\nes nicht wußte, warum es bewunderte, verleitete seinen der.vJei1\nseiner ausschreitendsten Scherze. Er handelte damit teils im Rechtsten\"\nwar er im Unrecht, denn er war wahllos in seinen Mitteln und wahllos"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2281, "texte": "sein heißt immer, teils im Recht, teils im Unrecht sein. Der Wunsch des\nepater le bourgeois ist ein natürlicher und führt, obgleich er nicht viel mit\ner Kernfrage des Schaffens zu tun hat, nicht notwendigerweise in die Irre.\nas Publikum hat natürlich keine Ahnung davon, warum es heute\nas Richtige und gestern das Falsche bewunderte. Aber es ist zu be-\ndenken, daß man, wenn man den Diener schilt, auch die Herrschaft be-\neidigt. Beardsley hatte nicht einmal das Verständnis für Achtung; das\nwar eine von seinen Unzulänglichkeiten. Und diese Unzulänglichkeit war\nverhängnisvoll, weil sie seinen Vervollkommnungsdrang beschränkte.\nTrotzdem er die Macht besaß, Schönheit zu schaffen, die immer eine reine\nSchönheit sein sollte, wandte er sich nur zu oft einer niedrigeren Sorte von\nSchönheit zu, der Schönheit der bloßen Technik innerhalb einer nichts-\nsagenden trivialen oder grotesken Komposition. © © ©\n© Er dachte; Ich kann alles, was ich will, es gibt nichts, was ich nicht\nkonnte, wenn ich wollte. Aber warum sollte ich bares Geld geben, wenn\nem Wechsel es auch tut? Ich kann zahlen, wenn Geld verlangt wird. Er\ngab sich mit dem zufrieden, was Aufsehen erregte, er führte es zwar mit\näußerster Sorgfalt aus und war aufrichtig gegen sich selbst dabei, aber er\na es mit jenem Mangel an Ehrfurcht für wahrhafte Größe, die eine der\nbezeichnendsten Grunde für die Unfruchtbarkeit unserer Zeit ist. © ©\n© Man hat etwas oberflächlich einem großen Teile der französischen\nmo ernen Kunst und der Kunst, die irgendwie mit dem modernen Frank-\nreich in Zusammenhang zu stehen scheint, das Beiwort Fin de siede ge-\ngeben. Aus der großen Kunst eines Manet, der ernsten Kunst eines Degas,\ner einsinnigen Kunst eines Whistler heraus, die alle auf so verschiedene\nWeise modern sind, ist eine neue Kunst geboren worden, sehr modern\n,von großer, ernster oder wirklich fein-\nGfl -’l6 *!f * Feld hauuPtsächlich im „Courrier Francais”, im\ntre und auf der Anschlagsäule gehabt. Man kann diese ganze\nKunst (und für die Kunst des Plakats trifft dies sicherlich zu) als Kunst\ny fÜr Leute’ die es haben. Sie tritt\nZeitungen und dem Varietetheater, sie macht sich\nhalb verächtlich populär und trotz wirklicher Verdienste und trotz eines\ngewissen Maßes guter Absicht sieht sie sich gezwungen, nach scLrfen!"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2403, "texte": "plötzlichen, bannenden Ausdrucksmitteln zu suchen. Statt reine Schönheit\nanzustreben, den Ernst und die Vornehmheit großer Kunst, wählt sie ab-\nsichtlich und für den bloßen Effekt jene Schönheit, die weniger innerlich\nüberzeugt und weniger echt ist, die in ihrer grotesken Art ganz nahe an\nHäßlichkeit, in ihrer flüchtigen Eleganz ganz nahe an Trivialität streift\nund ganz nahe auch an Roheit und an Zurschaustellung des Lasters. Die\nKunst wird dabei nicht ihrer selbst willen erstrebt, sondern der mecha-\nnische Kleinkünstler bildet sich dahin aus, einer phantastischen, genialen,\nverzwickten, etwas kunststückmäßigen Art des Sehens, die er mit Absicht\nangenommen hat, Ausdruck zu geben. Sie findet Stoff im XVIII. Jahr-\nhundert, so daß Willette eine Art verkleinerter, witziger Montmartre-\nWatteau wird; sie parodiert die Kunst der Glasmalerei mit Grasset und\nseinen Nachfolgern. Sie jongliert mit eisernen Balken und Schattenmassen\nwie Lautrec. Und in ihrem unmittelbaren Angriff auf die Nerven verschärft\nsie Ungezogenheit zur Schlüpfrigkeit, entstellt das Beobachtete in die\nKarikatur und übt die geschickte Linie und eine Wiedergabemanier so,\nwie man einen bestimmten Stoß beim Fechten übt. © (2) ©\n© Und diese Kunst, diese Tages- und Stundenkunst macht nicht nur\nGebrauch von der Zugkraft und der Allgemeinverständlichkeit der thea-\ntralischen Vorführungen, sondern arbeitet direkt mit theatralischen\nMitteln, den Mitteln der Bühnenillusion. Die Kunst des Ballets hält für\nvieles her, was unsere heutigen Zeichner als beliebte Wirkungsmittel an-\nwenden. Dies nicht deshalb allein, weil Degas Tänzerinnen gezeichnet\nhat in seiner zurückhaltenden, ausgesprochen klassischen Beherrschung\nder Form. Durch die Schnelligkeit des fliegenden Sprunges, durch die\nvogel- und blumengleichen Farbenspiele und Bewegungen, durch den\nAnruf an die Einbildungskraft, der in seiner Stummheit liegt (die Musik\nist da nur ein begleitender Schatten, so dicht, so diskret folgt sie dem Fuße\nder Tänzerin), durch seine Wirkung auf die Augen und die Sinne, durch\nseine würdige, seine feinste Künstlichkeit hat das Ballet fast jeden Zeichner\nberückt, wie auch die Varietetheater eigentümlich verführerisch gewesen\nsind mit den fabelhaften Lichteffekten, den urplötzlichen Gesten, dem\nGlanz des Flitterkrams, der phantastischen Bevölkerung. Auch die Panto-\nmime hat ihren ausgesprochenen Einfluß gehabt. In jenen rührenden"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2210, "texte": "Fröhlichkeiten Willettes, in dem Auflachen der Frivolitäten Cherets sind\nes die Maskerade, der englische Clown und Akrobat, den man im Folies\nBergeres sieht, als Marionetten geschminkte Leute, die diese Maskerade\nspielende Gesellschaft des Plakats und der illustrierten Blätter hervorge-\nbracht haben. Ihr Motto ist das Motto Pierrots: ©OO\nLe subtil genie\nDe sa malice infinie\nDe poete grimacier =,\nVerlaines Pierrot gamin. ©OO\n0 Pierrot ist ein Typus unseres Jahrhunderts, der Zeit, in der wir leben\noder vielleicht der Zeit, die wir gerade hinter uns haben. Pierrot ist leiden-\nschaftlich, aber er glaubt selbst nicht an große Leidenschaften. Er fühlt\nsich fieberkrank oder als ein noch nicht der Gefahr entronnener Gene-\nsender; denn Liebe ist eine Krankheit, der zu widerstehen oder die zu\nertragen er zu schwach ist. Er hat sein Herz so lange auf seiner Jacke\ngetragen, daß es in der kalten Luft erstarrt ist. Er weiß, daß sein Ge-\nsicht gepudert ist, deshalb vergießt er keine Tränen, wenn er weint.\nUnter der Kreide läßt sich schwer erkennen, ob die Grimasse, die seine\nMundecken verzieht, Lustigkeit oder ein Sichlustigmachen bedeutet Er\nweiß, daß er dazu verurteilt ist, stets vor dem Publikum zu stehen, daß\nGefühle außerordentlich schlecht zu seinem Kostüm passen würden; daß\ner stets aufmerken muß, phantastisch zu sein, wenn er sich nicht lächer-\nlich machen will. Und so erreicht er Vollendung in der Falschheit, am\nmeisten sich davor fürchtend, daß ein einziger Hauch der Natur ihm seine\nMaske verschieben und ihn wehrlos machen könnte. Da Einfalt bei ihm\ndas Lächerlichste von der Welt wäre, so wird er gelehrt, pervers ver-\ngeistigt seine Lust und brutalisiert seinen Geist. Seine schwarzsehe-\nrische Anschauung der Dinge wird zu einer Art grotesker Freude, welche\ner in den einzigen Ausdrucksmitteln, die ihm zu Gebote stehen, wiedergibt-\ner zieht den Zirkel Giottos mit der Eleganz seiner Pirouette. 000\n0 Und ein solcher Pierrot gamin war Beardsley mit seiner Ergebenheit\nfür Paris und für den Augenblick, die fast größer war als die des Parisers\nselbst. Er war mehr als Pierrot, aber er war Pierrot in vollem Maße Und\ndaß er es war, war ein Teil seiner französischen Schule. Es half ihm zu"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2422, "texte": "der Pose, welche ihm dazu half, sich selbst zu entdecken; ebenso wie\nBurne Jones ihm half, als er die Illustrationen zu Morte d’Arthur schuf\nwie die Kunst Japans ihm half, sich von diesem Einfluß zu befreien, wie\nEisen und Saint-Aubin ihm den Weg zeigen halfen zu seinem Lockenraub.\nEr besaß jene Originalität, die sich zwar jeder Beeinflussung hingibt, aber\nsie aufsaugt, statt sich aufsaugen zu lassen, jene Originalität, die, wenn sie\nsich auch fortwährend verschiebt, sich doch nicht von ihrem Mittelpunkt\nentfernt. Ob er von Grasset oder von Ricketts lernte, von einem 1830 er\nModeblatte oder von einem Hogarth-Stiche, ob die Szenerie von Arques-\nla-Bataille sich in seiner Seele zu einem Teppichmuster zusammenkom-\nponierte, oder ob er sich in dem Kasino in Dieppe eine Skizze machte von\ndem Arrangement eines eigentümlich aufgerafften Fenstervorhanges, er\nentnahm stets aus der geordneten Kunst oder der ungeordneten Natur\ndas, was er für sich brauchte, das, was er sich zu seinem Eigenen machen\nkonnte. Und er fand in der französischen Kunst des Tages eine freudvolle\nTraurigkeit, eine Verehrung des Gottes Mephisto, auf die sein Tempera-\nment und seine Eigenart nur gewartet hatten, um sie anzunehmen. 0 0\n© „In mehr als einer Art opfern die Menschen den rebellischen En-\ngeln,” sagt der heilige Augustin. Aber Beardsleys Opfer wie das aller\nwirklich großen dekadenten Kunst, der Kunst eines Rops oder der Kunst\neines Baudelaire ist nur scheinbar ein Opfer an die Mächte der Finsternis *\nes ist in Wahrheit ein Opfer an die ewige Schönheit. Und hier möchte ich\nbetonen, daß es mir gleichgültig ist, welche Absicht er mit seinen Bildern\nverfolgte; weder er, noch irgend jemand hätten dies mit absoluter Sicher-\nheit sagen können. Man muß sich klar darüber sein, daß die Absicht eines\nMenschen gerade darum, weil sie bewußt ist, ihn für den andern viel we-\nniger repräsentiert als die Empfindungen, welche seine Schöpfungen über-\nmitteln. So groß ist das unbewußte Element in jeder künstlerischen\nSchöpfung, daß Beardsley wahrscheinlich selbst nicht wußte, was er mit\ndiesem oder jenem bezeichnenden Werke eigentlich sagen wollte. Zuge-\ngeben aber, daß er genau über seine Absicht hätte Aufschluß p-eben\nkönnen, so wäre ich sofort bereit zu zeigen, daß er genau das Gegenteil\ndavon ausgedrückt hat. Wenn ich also ausspreche, daß er ein im tiefsten\nGrunde innerlich schaffender Künstler war und ihm doch dabei haupt-"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2387, "texte": "sächlich die äußere Darstellung am Herzen lag, oder daß er das Böse dar-\nstellte, und zwar so stark, daß es beinahe in die Selbstzüchtigung verfällt,\nund doch dabei nicht selten wenig mehr als einen Scherz oder eine kapri-\nziöse Linie ausdrücken wollte; oder daß er vor allem ein Satyriker war\n(obgleich fast gegen seinen Willen) und doch ein Satyriker der das Ideale\nerkannt hat, so behaupte ich nichts Unsinniges, nichts, was sich in Wirk-\nlichkeit widerspräche, sondern gebe nur eine einfache Analyse seiner\nArbeiten, wie sie uns vorliegen. © © 0\n© Manchmal erreicht er reine Schönheit, hat die unverfälschte Vision;\nso in den besten Zeichnungen der Salome und hie und da auch sonst\nnoch. Auf den ersten Blick ist es eine teuflische Schönheit, aber sie ist\nnoch nicht in sich selbst zwiespältig. Das Bewußtsein der Sünde ist immer\nda, aber es ist Sünde, die erst durch Schönheit verklärt und dann durch\nSchönheit offenbart wird. Sünde, die sich ihrer selbst bewußt ist, ihrer\nUnfähigkeit, vor sich selbst zu entrinnen, und die durch ihre Häßlichkeit\nanzeigt, welches Gesetz sie übertreten hat. Seine Welt ist eine Welt der\nPhantome, in welcher der Wunsch, sterbliche Gefühle zur Vollendung zu\nführen, ein Wunsch nach Unendlichkeit, die Grenzen überschritten und sie,\ndie zarten, zitternden, fiugsehnsüchtigen Gefühle in eine hoffnungslose,\nstarre Unbeweglichkeit gebannt hat. Sie haben die Empfindlichkeit des\nGeistes und jene körperliche Empfindlichkeit, die ihre Adern entleert und\nsie in die Stellung ihres üppigen Dahinträumens bannt. Sie sind zu nach-\ndenklich, um jemals wirklich natürlich zu sein, um vollkommen im Fleisch\noder im Geist aufzugehen. © © ©\n© Sie haben in der Art, wie sie zum Abgrund schreiten, nichts robustes\noder auch nur tierisches an sich. Keine überwältigende Leidenschaft treibt\nsie über sich selbst hinaus, sie übergeben sich nicht dem Feinde der Seelen\nauf offenen Angriff. Es ist die Seele in ihnen, die sündigt, widerstandslos,\nm Traurigkeit, unvermeidlich. Ihre Körper sind kraftlos und gierig nach\nLüsternheit, sie verlangen nach mehr Freuden, als sie die Welt bietet\nnach eindringenderen und ausgesuchteren Schmerzen, nach unerträg-\nlicherer, schmerzvollerer Entrücktheit. Sie haben die Last der Menschheit\nabgeschüttelt und jene Einsamkeit gewählt, welche die Ruhe für Heilige\nbedeutet, aber die Unruhe für die, die mit dem Geiste gesündigt haben."}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.19", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2410, "texte": "Sie stehen etwas tiefer als die Engel und wandeln zwischen diesen und\nden gefallenen Engeln. Sie sind ohne Anteil an der Welt. ©o©\n© Wir haben also hier eine Art von abstrakter geistiger Verderbtheit\nvor uns, offenbart in schöner Form, Sünde verklärt durch Schönheit. Und\nselbst wenn wir nicht weiter gehen wollen, haben wir es bei Beardsley\ndoch zum mindesten mit einer ausgesprochen vergeistigten Kunst zu tun,\neiner Kunst, in der das Böse sich selbst durch eigene Kraft und durch die\nsie verklärende Schönheit reinigt. Vollkommen hoffnungslos ist in dieser\nWelt nur eines: jene Mittelmäßigkeit, welche der träge Inhalt einer re-\ngungslosen Masse ist. Besser, des Bösen lebhaft gewärtig zu sein, als aus\nbloßer Schläfrigkeit alle Quellen für Gutes oder Böses verstopfen. Denn\ndas Böse selbst, bis zu einem Punkt perverser Extase getrieben, wird zu\neiner Art Gutem durch jene ihm innewohnende Energie, welche in ent-\ngegengesetzter Richtung Tugend ist und welche, wie auch immer ihre\nRichtung verändert wird, niemals verfehlen kann, etwas von ihrer ur-\nsprünglichen Eindrücklichkeit zu behalten. Der Teufel ist gerade durch\ndie Höhe, von der er fiel, Gott näher als der Durchschnittsmensch, den es\nnoch nie getrieben hat aufzujauchzen oder zerknirscht zu sein. Und so\nnähert sich eine tiefe geistige Verderbtheit, weit entfernt unmoralischer\nzu sein als etwa der grob-zotige Menschenschlag eines Hogarth oder\nRowlandson, im letzten und abstrakten Ende gerade der Moralität. Denn\nsie bedeutet den Triumph des Geistes über das Fleisch, ganz gleich zu\nwelchem Ende. Sie ist eine Form höherer Besessenheit, bei welcher die\nuntätige und materielle Seele in feurige Bewegung versetzt wird, vom\nBoden gehoben zu einer Höhe einer gewissen geistigen Freiheit. Und so\nfinden wir das Böse vor sich selbst gerechtfertigt und eine der Enthüllung\ndes Bösen dienende Kunst in gleicherweise gerechtfertigt. Seine endgül-\ntige Rechtfertigung ist die, welche von Plotinus in seiner Abhandlung:\n„Über die Natur des Guten und Bösen” dahingehend erklärt wird: „Aber\ndem Bösen ist als solches bestehen zu bleiben gestattet, allein aus der über-\nlegenen Macht und Natur des Guten, weil es notwendigerweise von überall\nher eingeschlossen und gebunden erscheint, schöne Bande wie mit gol-\ndenen Ketten gefesselte Menschen tragend, damit es für den Anblick der\nGöttlichkeit enthüllt oder damit die Menschheit seine schreckliche Gestalt"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2387, "texte": "in vollkommen nacktem Zustand stets vor Augen habe. Und so groß ist die\nsiegende Macht des Guten, daß, wenn wir auch nur einen Schimmer des\nvollkommen Bösen an uns wahrgenommen haben, augenblicklich die Er-\ninnerung an das Gute in uns wachgerufen wird durch das Bild des\nSchönen, mit dem das Böse umkleidet ist.” o©o\n0 In jenen Zeichnungen Beardsleys, welche mehr grotesk als schön\nsind, in welchen die Linien anfangen mißgestalt zu werden, liegt die mora-\nlische Berechtigung in der Flächenverteilung, in die sich jetzt alle Schön-\nheit flüchtet. Man betrachte nur die Zeichnung ~TheScarlet Pastorale”, Im\nVordergründe dicht an den Rampenlichtern, aus dem Stück, dem er dem\nRücken zudreht, heraustretend, spreizt sich ein aufgeblasener Harlequin.\nHinter ihm sind Altarlichter angesteckt, die bei einem unsichtbaren Winde\nin der Einsamkeit herunterschmelzen. Dazwischen in der schwarzen Dun-\nkelheit der Bühne ein kahlköpfiger Pierrot, der sich mit einem Rosenseil\nseinen riesigen zusammengeklappten Bauch einschnürt und sein Bein mit\ndem Bocksfuß vorzeigt, worauf Pierrette schreiend vor Entsetzen auf ihn\nmit dem Finger zeigt, während die fette Tänzerin sich dabei gleichgültig\nauf den Zehen dreht. Müssen wir noch weiter gehen, um zu zeigen, wie\nviel mehr, als Gautier meint, in dem alten Paradoxon der Mademoiselle\nde Maupin liegt, daß „Vollkommenheit der Linie Tugend ist?” Jene Linie,\nwelche die Mißbildung der pferdefüßigen Sünde abrundet, die Linie selbst\nist zugleich die Offenbarung und die Verdammung des Lasters, denn sie\nist ein Teil jener künstlerischen Logik, welche eben Moralität ist. 00\n© Beardsley ist der Satyriker einer Zeit ohne eigene Überzeugung und\ner kann nicht umhin, wie Baudelaire die Hölle zu malen, ohne auf ein als\nGegenstück vorhandenes Paradies zu weisen. Er wendet dieselben Mittel\nan wie Baudelaire, eine Art der Übertreibung, von der es unkritisch wäre,\nsie als unaufrichtig zu bezeichnen. In jener furchtbaren Verkündigung des\nBösen, die er „The Mysterious Rose-Garden” nannte, wispert der laternen-\ntragende Engel mit gefiederten Sandalen unter den herabfallenden Rosen\ngewiß von mehr als nur von „süßen Sünden”. Die verschmitzt lächelnden\nZwerge, die Affen, durch welche die Mystiker die irdischen Sünden aus-\ndrückten; diese riesigen von der Hefe der Vergnügungen angeschwollenen\nLeiber und diese bemäntelten und maskierten Gelüste, die in Gärten"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2453, "texte": "huschen und so zweideutig lächelnd vor unendlichen Toilettetischen\nsitzen, sie alle sind Teile eines Symbolismus, der sich nichts entgehen\nläßt aus Mangel an bloßem Nachdrucke. Und die eigentümliche Eindrück -\nlichkeit dieser Satyre liegt darin, daß sie so sehr eine Satyre der eigenen\nGelüste ist = ein Spott über befriedigte, ein Spott über bekämpfte Gelüste.\nWeil er die Schönheit liebt, fesselt ihn die Entwürdigung der Schönheit;\nweil er die Hoheit der Tugend so voll erfaßt, kann das Laster seiner hab-\nhaft werden. Und ganz im Gegensatz zu jenen „anständigen” Satyrikern\nunserer Zeit, deren Witz und Geist sich in der Darstellung eines Betrun-\nkenen erschöpft, der an einem Laternenpfahl lehnt, oder einer Dame, die im\nSalon ein verkehrtes Kompliment macht, ist er ein Satyriker, der das\nWesen der Dinge trifft. Es ist stets die seelische und nicht nur die kör-\nperliche Unbefriedigtheit, die aus diesen gierigen Augen spricht, diesen\nAugen, die auf alle Lüste geblickt haben, aus diesen bittern Lippen, die\nden Schmelz all ihrer Süßigkeiten gekostet haben, aus diesen Händen, die\nspielerisch für nichts gewirkt, und aus diesen Füßen, die stets Nichtig-\nkeiten nachgejagt sind. Sie blicken so tieftraurig, weil sie die Schönheit ge-\nsehen haben und weil sie von dem Wege der Schönheit abgewichen sind.\n0 Und überhaupt ist es das Geheimnis Beardsleys, daß er mehr in die\nLinie selbst legt als in die geistige Umsetzung, die die Linie ausdrücken\nsoll. Bei Beardsley lief alles auf eine Frage der Form hinaus; sein Inter-\nesse an der Arbeit begann, wenn er sein Papier vor sich und die Feder in\nder Hand hatte. Kann man auf der einen Seite sagen, daß er nie von vorn-\nherein wußte, was er tun wollte, so wußte er es auf der andern Seite nur\nzu gut. Er war innerhalb gewisser Grenzen bereit, fast alles zu tun, was\nman ihm vorschlug; geradeso wie er, sich selbst überlassen, sich damit zu-\nfrieden gab, der Laune des Augenblickes zu folgen. Einer Sache war er\nstets sicher, nämlich der Kraft, genau das zu tun, was er sich vornahm,\nmochte es nun die Salome, Belinda, Ali Baba, Rejane, Morte d’Arthur,\nRheingold oder die Liaisons dangereuses, oder mochte es der Entwurf\nfür eine Klassikerausgabe oder für das Titelblatt eines Alten-Bücher-\nKatalogs sein. Es mochte sein, daß die Zeichnung, die dabei herauskam,\nvielleicht keine Beziehung zürn Titel des Themas zu haben schien und oft\nauch wirklich keine hatte. Die Beziehung war die von Linie zu Linie"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2414, "texte": "innerhalb der Grenzlinien der Zeichnung und keine andere in der Welt.\nDeshalb konnte er fünf oder sechsmal im Laufe von ebensoviel Jahren\nseine Manier wechseln, konnte den Eindruck machen, als ob er sich\nwährend dieser Zeit sehr viel mit trivialen Vorwürfen beschäftigt hätte,\nund sich doch dabei völlig eine Originalität bewahren, die in der höchsten\nSchönheit und absoluten Sicherheit der Zeichnung lag. © © 0\n© Es war eine Zeitlang die irrige Meinung verbreitet, daß Beardsley nicht\nzeichnen könne. Er hatte aber nie die Absicht, die Linien des mensch-\nlichen Körpers so wiederzugeben, wie sie waren; und tatsächlich ist eine\nseiner letzten Zeichnungen = ein Initial zu Volpone = wohl die erste, in\nwelcher er den nackten Körper realistisch wiedergegeben hat. Aber mit\naußerordentlichem Geschick verstand er eines = und das ist doch schließ-\nlich das wesentlichste, er verstand die Linie zu zwingen, genau das zu\ntun, was er von ihr wollte; die Vorstellung von der Form auszudrücken,\ndie5 er ausdrücken wollte; und das ist’s, was der Alltagszeichner nicht\nkann. Der Alltagszeichner, wie jeder Akademieschüler, wird Linien zeich-\nnen, die die Umrisse des menschlichen Körpers genau wiedergeben; aber\nall ihre Zeichenkunst wird diese Linie nicht zu uns sprechen lassen, wird\nsie nie so ausdrucksvoll machen können, wie es z. B. in jenem kleinen,\nschlaffen Körper geschehen ist, den ein Satyr und ein Pierrot in einen\nPuderbüchsensarg legen = die Schlußvignette der Salome. ©©©\n© Und dann darf man eines nicht vergessen; Beardsley war ein deko-\nrativer Künstler und nichts anderes. Fast von Anfang an stilisierte er. Er\nsetzte sich in den Kopf, nur Flächenmuster zu sehen. Indem er mit freier\nHand nahm, was ihm die Japaner geben konnten, jene Befreiung von den\nFesseln dessen, was wir Wirklichkeit nennen, die dem einen aus tiefster\nVergeistigung, dem andern aus einem so starken Bewußtsein der Wirk-\nlichkeitsform kommt, daß sie abstrakt wird, formte er sich eine neue Welt\nin seinem Innern, als wenn diese überhaupt erst existierte, seitdem er sie\nso umgeschaffen, ja bevor er sie schwarz auf Weiß oder weiß auf Schwarz\ndargestellt hatte. Er arbeitete, wie jeder dekorative Künstler es tun muß, in\nSymbolen, die ebenso willkürlich, ebenso feststehend wie die Felder des\nSchachbrettes waren, und er fegte dabei die unzusammengehörigsten Dinge\nvon der Welt in seine Flächenkompositionen hinein, indem er sie durch"}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.26", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2397, "texte": "eine Art Musterentwicklung zur Zusammengehörigkeit verwob. Wenn\ner die Puderbüchse, den Toilettetiscb, einen Hut mit Straußenfedern mit\nvollem Bewußtsein ihrer suggestiven Wirkung in eine Zeichnung aus\ngrauer Vorzeit setzte, eine Zeichnung, die absichtlich phantastisch gehalten\nwar, so verwandte er diese Dinge zum Zweck des Schönen, weil ihm ihre\nForm gefiel und weil vielleicht seine Verteilung von Schwarz und Weiß\ngerade ein solches Linienarrangement verlangte. Sie waren die Halb- und\nViertelnoten, in denen er seine Komposition niederschrieb, sie stellten die\nMusik dar, aber sie waren nicht die Musik. ©o©\n© In der „Salome” und den meisten Zeichnungen des Yellow Book stand\ner hauptsächlich unter japanischem Einfluß, von da an und später, in seinen\nwenigen ernsten Arbeiten vermengt mit dem halb zugestandenen Einfluß\ndessen, was das Aktuellste, vielleicht das Modernste in der französischen\nKunst des Tages war. Der Pierrot gamin, als der er sich in „Salome” mit der\nrespektlosen Zeichnung des Black Cape betätigt, verwandelt sich in den\nSchöpfer der edelsten Linie in den strengen und furchtbaren Zeichnungen\ndes „Dancers Reward” und in der so reichen und leidenschaftlichen\nZeichnung „The Peacock Skirt”. Hier haben wir reine Konturen wie im\nTitelblatt; eine geheimnisvolle Wirrnis wie in der Borte um die Titelseite\nund um die Inhaltsangabe; eine paradoxe Schönheit von reiner Willkür,\naber einer Willkür, die ihren Sinn, ihre Entschuldigung, ihre malerische\nBerechtigung hat, wie in „The Toilette”. Das Yellow Book ist mit Borten\nin gleicher Manier geschmückt. Aber in der Zeit zwischen den letzten\nZeichnungen für das Yellow Book und den ersten für das Savoy wird ein\nneuer Einfluß bemerkbar, jener des französischen XVIII. Jahrhunderts.\nDieser Einfluß bringt ihn, so künstlich er auch ist, der Natur näher, wenn\nauch in etwas unsteter Weise. Zeichnungen wie die „Fruit-Bearers” in der\nersten Nummer des Savoy mit dem massigen, sorgfältigst ausgearbeiteten\nReichtum des Ornaments; oder „The Coiffing” in der dritten Nummer in\nihrer zarten, vollendeten Anmut, ihrer geistreichen Zusammenfassung der\nLinie. Zeichnungen wie die Illustrationen zum „Lockenraub” zeigen bei\ngeringerer Extravaganz und auch geringerem geistigen Inhalt eine neue\nMeisterschaft in der eleganten Form, die, nicht allzuweit vom Natürlichen\nentfernt, doch sich immer noch der dekorativen Wirkung, dem Geiste der"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.28", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2315, "texte": "Linie unterwirft. Bei den Illustrationen zu Ernst Dawsons ~Pierrot of the\nMinute” finden wir einen Augenblick lang eine entschlossenere Hingabe\nan Eisen und Saint-Aubin, aber es ringt sich auch noch eine andere Manier\ndarin durch. ©o®\n© In den bisher noch unveröffentlichten Illustrationen zu Mademoiselle\nde Maupin glaubte ich, als ich sie zuerst sah, abgesehen von einer herr-\nlichen farbigen Zeichnung, ein gewisses Nachlassen der Kraft, eine sicht-\nliche Schwäche in der Handhabung der Feder zu bemerken. Aber sie\nstellen, wie ich später fand, in ihrem nicht ganz glücklichen Streben\nnach der natürlichen Form das dar, was uns noch als Beardsleys letzte\n~Manier” zu betrachten übrig bleibt. Die vier Initialen zur Volpone, deren\nletzte er nicht ganz drei Wochen vor seinem Tode beendete, zeigen voll-\nkommen neue technische und geistige Eigenschaften. Sie sind mit Blei-\nstift gezeichnet und verlieren wie alle Bleistiftzeichnungen viel in ver-\nkleinerter Wiedergabe. Aber die Originale stehen unbedingt in rein tech-\nnischem Können auf gleicher Höhe wie das Beste aus seinen früheren\nZeiten und führen endlich = mit vollständigem Erfolg = die Naturform\nin die Flächenbehandlung ein. Und hier fließt unter fast feierlichen Um-\nständen die gebrochene Linie der Schönheit wieder zusammen. ~Die Not\nist zu Ende” und das Mühsame ist aus dieser nicht weniger phantastischen\nWelt verschwunden, in welcher Pan noch immer zwischen Bäumen von\nseiner Säule herunterlächelt, aber ohne seine alte Bosheit. © © ©\n© Menschliche und tierische Form kehren zu klarer Erkennbarkeit zu-\nrück mit einer neuen Hoheit, unter dieser neuen Achtung vor den Mög-\nlichkeiten, die sie bieten. Beardsley ist zur der Natur selbst\nübergegangen, er macht sie sich zunutze, er entnimmt ihr seine Symbole\nund stößt sie nicht länger von sich zu Gunsten einer Stilisierung voll-\nkommen eigener Prägung. Und so finden wir in seinen letzten Arbeiten,\ndie er schuf, als schon der Schatten des Todes auf ihm lastete, neue\nFingerzeige für eine Kunst, die, als reine Linie empfunden und durch das\nreine Flächenmuster hindurchgeführt, nach vielem Zaudern zu jenem\ngroßen Kompromiß übergegangen ist, zu dem die größten Künstler aller\nZeiten sich verstanden haben: dem Kompromiß zwischen den Gebilden\nunserer Gedanken und den Gebilden der Wirklichkeit. ©©©"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1903-03-15-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabf_1903-03-15_01#c007", "volume": "bmtnabf_1903-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "119", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.2.6", "titre_corps": "[Illustration sans titre]", "titre_sommaire": "[Illustration sans titre]", "signature_source": "Josef Hoffmann OM", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 36, "texte": "Für V. 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HARDTMUTH.\nEXISTIERT IN 17 HÄRTEGRADEN.\nZU HABEN IN JEDER BESSEREN\nQ Q] PAPIERHANDLUNG □ □"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1903-03-15-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabf_1903-03-15_01#c017", "volume": "bmtnabf_1903-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "142", "page_fin": "142", "image_debut": 32, "image_fin": 32, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 32, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.32", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 271, "texte": "• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• ••••••••••\nJOH. BACKHAUSEN\n& SÖHNE\n□ K. U. K. HOFLIEFERANTEN □\nFABRIKEN FÜR TEPPICHE, MÖBEL=\nSTOFFE, TISCH= UND BETTDECKEN\n□ IN WIEN UND HOHENEICH □\nNIEDERLAGE:\n□ □ WIEN, I. OPERNRING 2 □ □\n(HEINRICHSHOF)\n• ••••••••••"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1903-03-15-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabf_1903-03-15_01#c018", "volume": "bmtnabf_1903-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "143", "page_fin": "143", "image_debut": 33, "image_fin": 33, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 33, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.33", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 667, "texte": "□□□■□□□■uuueuuu\nJBUUUBUUUI\n□SB AUERLICHT. g\nQpf-j TELEPHON 1068\nnn ZENTRALE: IV. SCHLEIFMÜHLGASSE 4 □□\n■nn\nTD\nVERKAUFSSTELLEN:\n□ 1., FISCHHOF 3, Telephon Nr. 12465 □\nII TABORSTRASZE 4, Telephon Nr. 15080\n□ □ 111., HAUPTSTRASZE 23 □ □ □\nVII., ANDREASGASSE 9, Telephon Nr. 9122\n□ VIII., JOSEFSTÄDTERSTRASZE 64 □\nIX., NUSZDORFERSTR. 19, Teleph. Nr. 12797\n□ sowie bei den meisten Gasinstallateuren □\nnun\n□□l\nPHP] LAMPE exklusive Montage und Bedachung K 4.50 □■□\n~]| SPARLAMPE exkl. Montage und Bedachung K 3.90 ■{ || |\nGLÜHKÖRPER kostenfrei ins Haus gestellt Kl.— □■□\n■nn SPAR-GLÜHKÖRPER 80 Heller □ □ □ □ □\n□□■□□□■□□□■□□□■□□□■□□□■□□□■□fl\nHffHffyffMnynHnynaDBDDDBDDDBDDDB"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1903-03-15-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabf_1903-03-15_01#c019", "volume": "bmtnabf_1903-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "144", "page_fin": "144", "image_debut": 34, "image_fin": 34, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 34, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.34", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 237, "texte": "ID\nID\nD\nID\nID\nD\nID\nID\nD\nID\nID\n,□\nD\nID\nP\n□\nD\n!□\n0\n0\nR\ngcmammmnSaößGßSaSßJSjSl\nGLASMALEREI\nCARL GEYLING8 ERBEN\nGEGRÜNDET 1841\nWIEN,\nVI. WINDMÜHLGASSE\nD\nD\nD\nD\nD\nD\nS\nDH\n■■\nD\nD\nBS\nD\nD\nD\nDI\nD\nDI\nDI\nD\nDI\nDI\nD\nDI\nDI\n■DDDDDDgDDDDDyDDDDDDDDDDDgDDj"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1903-03-15-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabf_1903-03-15_01#c020", "volume": "bmtnabf_1903-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "145", "page_fin": "145", "image_debut": 35, "image_fin": 35, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 35, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.35", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 356, "texte": "nnnnmD □□□□□□□□□□□□□□□□□\nPARIS .'l9OO\n□\n□\n□\n■\n□\n.\n□\nV\n:\n«V\n□\nXi\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□ DD\n□\n/i\no . •\nERSTE ÜSTERR. fICTItN <3P\nSEILSCHAFT ZUR ERZEUGUNG\nUON n'°BELN AUS GEB°GENEn\nHOLZE\nJflC°B&JoiffKotiri\nW|I!N,L3URGRIHC3 N * 3.\nscHLflF2innEß.SPcisez.mneß\nSflL°N HS ÖEL IN MoDERHEM STILE.\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\nDDDDDDIUDDDDDDODD□□□ DO ÜOD D DD"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabf-1903-03-15-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabf_1903-03-15_01#c021", "volume": "bmtnabf_1903-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "146", "page_fin": "146", "image_debut": 36, "image_fin": 36, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 36, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.36", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 150, "texte": "E. BAKALOWITS\nSÖHNE\n□ K. U. K. HOFLIEFERANTEN □\nWIEN, I. KÄRNTNERSTRASZE 12\n□ SPIEGEL, KRISTALLÜSTER, □\n□ TRINKSERVICES, PHANTASIEr □\n□ OBJEKTE ETC. n"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.1", "texte": "MITTEILUNGEN DER VEREINIGUNG\nBILDENDER KÜNSTLER ÖSTERREICHS\n1903 HEFT 6\nVER SACRUM"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "[113]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.3", "texte": "SECESSION\nMITTEILUNG\nGENDERVER-\nEINIGUNG\nBILDENDER\nKÜN STLER\nÖSTERREICHS\nVER SACRUM\nHEFT 6\nlö. MÄRZ\n1903\nDAS REDAKTIONS-\nKOMITEE :\nMAX KURZWEIL\nKOLOMAN MOSER\nALFRED ROLLER\nLEOPOLD STOLBA"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.5", "texte": "Für V. S. gez.\nv. Josef Hoffmann OM."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.7", "texte": "AUBREY BEARDSLEY.\nVON ARTHUR SYMONS.\nÜBREY BEARDSLEY starb 26 Jahre alt in den Armen der\nKirche, anima naturaliter pagana. Ein kurzes Leben, eine lange\nLaufbahn. Kein Künstler unserer Zeit, sicherlich keiner, der wie\ner nur Illustrator war, hat es zu größerer und heißumstrittenerer\nBerühmtheit gebracht. Keiner hat sich je aus so fremden Elemen-\nten heraus eine persönlichere Ursprünglichkeit des Stils geschaffen und kei-\nner hat die Kunst seiner Zeit so weitgehend beeinflußt. Er besaß den zer-\nstörenden Arbeitsdrang derer, denen es bestimmt ist, jung zu sterben, jene\nunheimliche Vollkommenheit und jenes umfassende Wissen, jene Zusam-\nmenfassung einer Lebenszeit in eine Stunde, die denen eigen ist, die sich\nbeeilen müssen, ihr Werk am Mittag zu beschließen, in der Gewißheit, daß\nsie den Abend nicht mehr erleben werden. So wurde er in den Salons als\nklavierspielendes Wunderkind gefeiert, noch ehe er eine Linie gezeichnet\nhatte. Als er mit 20 Jahren seine Berühmtheit als Zeichner erlangte,\nnahm er sich, trotz der ihm verbleibenden wenigen Jahre voll angestreng-\ntester Arbeit, die Zeit, sich planmäßig zum Schriftsteller auszubilden. Seine\nProsa war in ihrer Art ebenso originell wie seine Zeichenkunst und seine\nVerse hatten wenigstens geistreiche und eigenartige Züge. Seine Belesen-\nheit schien ungeheuer, dabei waren seine Neigungen und Abneigungen so\nausgesprochen und so scharfsinnig begründet wie nur die eines Schrift-\nstellers von Beruf. Ja er schien ein zuverlässigerer Kenner und Beurteiler\nvon Büchern zu sein als von Bildern; das tiefste Empfinden hatte er jedoch\nfür Musik. Auch seine Kunst zu unterhalten war eigenartig glänzend. Wenn\nauch verschieden in der Form, stand sie inhaltlich kaum der berühmtesten\nseiner Zeitgenossen nach, sie war dabei scharf grillenhaft-dogmatisch, eben-\nso voll von bewußtem Selbstgefühl wie von untrüglicher Scharfsichtigkeit.\nWenn er sich auch gewöhnlich in gewagten Behauptungen gefiel und diese\nmit ungestümer Begeisterung vertrat, so ließ er sich doch nie von ihnen\noder selbst von seiner Begeisterung zum Selbstbetrug verleiten, im Gegen-\nteil, er war von eisiger Sachlichkeit. © © ©\nThe Unicom Quartos\nUnicom Press\nLondon 1898\nFür V. S.\nübersetzt von Frau\nAnna Muthesius\nJänner igo3. London"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.8", "texte": "0 Ich möchte davon nicht einmal sein Urteil über sich selbst ausnehmen\ntrotz all seines krankhaften, fast komisch berührenden Selbstbewußtseins’\nso voll von der Kindlichkeit des Genies. Er dachte von sich selbst sehr\nhoch und das mit Recht; er bewunderte sich riesig; aber sein Verstand ließ\neine Täuschung über die Grenzen selbst seiner eigenen Fähigkeiten nicht\nzu. Dieser klare, von jeder Gefühlsregung unbeeinflußte Verstand machte\nihn trotz so vielseitiger Interessen mit so reichen gesellschaftlichen Ta-\nlenten zu einem Einsamen. Von Gefühl konnte man bei ihm nur in jenem\nvielleicht höchsten Sinne sprechen, wo das Gefühl fast aufhört, erkennbar\nzu sein, ein Gefühl ohne Beziehung auf Bestimmtes = für Ideen’ für Linien\nViele Leute verehrten ihn, aber ich glaube, daß er fast keinen’Freund im\neigentlichen Sinne des Wortes besaß, und ich bezweifle auch, daß es mehr\nals ein oder zwei Menschen gab, für die er irgend eine aufrichtige Zu\nneigung empfunden hätte.\n0 Obgleich er stets leidend war, besaß er doch erstaunliche NenSn\nstärke; zweifellos hat es diese seltene Eigenschaft allein vermocht ihn\ntrotz allem so lange am Leben zu erhalten. Wer weiß, ob er nicht mit\nderselben Selbstbestimmung seine Nerven und Gefühle beherrsche m;+\n<Jer ? ,tie.KHerrSChaft Üb6r K°pf ünd Hand erlanS‘ hatte- Aber diese Kraft\nder Selbstbestimmung war eine der verblüffendsten Eigenschaften seines\nsich aus Widersprüchen zusammensetzenden Temperaments\n© Eine seiner Posen, wie es die Leute nennen, das heißt in Wirklich-\nkeit eine Sache, die ihm am meisten am Herzen lag- war di© q™!\näußerlich allen Anforderungen, die Eleganz und Haltung ’ausmachen nach ’\nzukommen, die als Zwang empfundene Notwendigkeit, sich gut zu kleiden\nund nicht etwa äußerlich den Künstler zu verraten. Er verachtete hoch\nhebst sogenannte Inspirationen, ein Wort, das vielen Künstlern zwehen\nRanges so geläufig ist (ich nannte es einmal an anderer Stelle die fertige\nEingebung beim ersten Gedanken), und er haßte die äußerlich zur Schfn\ngetragenen Zeichen einer inneren Gährung und Unausgeglichenheit P=h\nlustigte ihn, über alles abzuurteilen, vor allem aber lf was Bau'\ndelaire verurteilt haben würde. Neben einem Quantum WoßenMutwUlens\nverbarg sich aber doch eine sehr ernste und erschöpfende Kunstan-\nschauung hinter seiner zersetzenden Kritik. Tiefen Sinn hatte die einst"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.9", "texte": "Für V. S. gez.\nv. Josef Hoffmann OM."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.10", "texte": "einem seiner Freunde gegebene Antwort auf die Frage, ob er iemals\nVisionen gehabt hätte: „Nein,” sagte er, „ich gestatte mir nicht, Visiten\nzu haben, ausgenommen auf dem Papier.” Seine ganze Kunst liegt in\ndiesem einen Satze. “\n© Von seinen vielen Wünschen erfüllte sich ganz gewiß einer vxdh\nkommen, und zwar der, den er am heißesten erstrebt und stetig- bpwnftf\nverfolgt hatte: den Ruhm des Tages zu erobern, den Ruhm des populären\nSängers oder der professionellen Schönheit, den Ruhm einer Yvette Guil\nbert oder Cleo de Merode. ®\n© Und es lag Logik in der Beharrlichkeit, mit der er darauf bestand\nm seiner Gier nach augenblicklichem und schallendem Erfolg- Andere\nmochten warten = er wußte, daß er keine Zeit zum Warten hätte p« w\ndoch schließlich für jene die ihr Leben lang ohne Anerkennung gearbeto\nhaben wenig Versöhnliches, den Ruhm der Nachwelt für sich in Aussicht\nzu haben — wenn ihnen nicht etwa die Freude und die Befriedigung die\ndie Arbeit bringt, an sich genügt. Jeder Künstler hat neben deS, auf der\nHand hegenden einen verborgenen Grund, weshalb er arbeitet So 1*™!\nes nicht die Notwendigkeit ist, die ihn antreibt, sein BroT2u verdfenen fo\n'St es gewöhnlich irgend ein Sichunglücklichfühlen oder Unzufriedensein\n™ht?6h i\" “mSeb®nden Verhältnissen, eine zu hoffnungslose oder zu ver”\nachthche Lebensauffassung. Einmal arbeitet der Mann, um einer Frau zu\ngefallen, dann arbeitet er, weil er der Frau nicht gefallen hat und dann\nweü er es satt hat. ihr zu gefallen. Arbeit muß im letzten Ende um 1h“;\nselbst willen getan werden dies gilt für Beardsley nicht weniger als iS\nBlake oder für Rossetti. Aber jener andere znfällto-e :v,n er aiS IU1\nnende Beweggrund Wa; bei ßiardsle“ wlns'Hr’seine3'na^TT\n!Hhrewauf enbli^licben Wiederhall eines lauten Ruhmes zu CTfmien\n© Wie die meisten Künstler, welche viel von PonnlarJföf u lert^llen-\nauch er eine tiefe Verachtung für das PubUkunT Und ä Ä ‘ten’ !^te\nPublikum in die Rippen zu stoßen es bewundere'\nwieder einen Fußtritt zu geben, weil es das Falsche bewunderte'od”r well\nes nicht wußte, warum es bewunderte, verleitete seinen der.vJei1\nseiner ausschreitendsten Scherze. Er handelte damit teils im Rechtsten\"\nwar er im Unrecht, denn er war wahllos in seinen Mitteln und wahllos"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.11", "texte": "Für V. S. gez.\nv. Josef Hoffmann OM."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.12", "texte": "sein heißt immer, teils im Recht, teils im Unrecht sein. Der Wunsch des\nepater le bourgeois ist ein natürlicher und führt, obgleich er nicht viel mit\ner Kernfrage des Schaffens zu tun hat, nicht notwendigerweise in die Irre.\nas Publikum hat natürlich keine Ahnung davon, warum es heute\nas Richtige und gestern das Falsche bewunderte. Aber es ist zu be-\ndenken, daß man, wenn man den Diener schilt, auch die Herrschaft be-\neidigt. Beardsley hatte nicht einmal das Verständnis für Achtung; das\nwar eine von seinen Unzulänglichkeiten. Und diese Unzulänglichkeit war\nverhängnisvoll, weil sie seinen Vervollkommnungsdrang beschränkte.\nTrotzdem er die Macht besaß, Schönheit zu schaffen, die immer eine reine\nSchönheit sein sollte, wandte er sich nur zu oft einer niedrigeren Sorte von\nSchönheit zu, der Schönheit der bloßen Technik innerhalb einer nichts-\nsagenden trivialen oder grotesken Komposition. © © ©\n© Er dachte; Ich kann alles, was ich will, es gibt nichts, was ich nicht\nkonnte, wenn ich wollte. Aber warum sollte ich bares Geld geben, wenn\nem Wechsel es auch tut? Ich kann zahlen, wenn Geld verlangt wird. Er\ngab sich mit dem zufrieden, was Aufsehen erregte, er führte es zwar mit\näußerster Sorgfalt aus und war aufrichtig gegen sich selbst dabei, aber er\na es mit jenem Mangel an Ehrfurcht für wahrhafte Größe, die eine der\nbezeichnendsten Grunde für die Unfruchtbarkeit unserer Zeit ist. © ©\n© Man hat etwas oberflächlich einem großen Teile der französischen\nmo ernen Kunst und der Kunst, die irgendwie mit dem modernen Frank-\nreich in Zusammenhang zu stehen scheint, das Beiwort Fin de siede ge-\ngeben. Aus der großen Kunst eines Manet, der ernsten Kunst eines Degas,\ner einsinnigen Kunst eines Whistler heraus, die alle auf so verschiedene\nWeise modern sind, ist eine neue Kunst geboren worden, sehr modern\n,von großer, ernster oder wirklich fein-\nGfl -’l6 *!f * Feld hauuPtsächlich im „Courrier Francais”, im\ntre und auf der Anschlagsäule gehabt. Man kann diese ganze\nKunst (und für die Kunst des Plakats trifft dies sicherlich zu) als Kunst\ny fÜr Leute’ die es haben. Sie tritt\nZeitungen und dem Varietetheater, sie macht sich\nhalb verächtlich populär und trotz wirklicher Verdienste und trotz eines\ngewissen Maßes guter Absicht sieht sie sich gezwungen, nach scLrfen!"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.13", "texte": "plötzlichen, bannenden Ausdrucksmitteln zu suchen. Statt reine Schönheit\nanzustreben, den Ernst und die Vornehmheit großer Kunst, wählt sie ab-\nsichtlich und für den bloßen Effekt jene Schönheit, die weniger innerlich\nüberzeugt und weniger echt ist, die in ihrer grotesken Art ganz nahe an\nHäßlichkeit, in ihrer flüchtigen Eleganz ganz nahe an Trivialität streift\nund ganz nahe auch an Roheit und an Zurschaustellung des Lasters. Die\nKunst wird dabei nicht ihrer selbst willen erstrebt, sondern der mecha-\nnische Kleinkünstler bildet sich dahin aus, einer phantastischen, genialen,\nverzwickten, etwas kunststückmäßigen Art des Sehens, die er mit Absicht\nangenommen hat, Ausdruck zu geben. Sie findet Stoff im XVIII. Jahr-\nhundert, so daß Willette eine Art verkleinerter, witziger Montmartre-\nWatteau wird; sie parodiert die Kunst der Glasmalerei mit Grasset und\nseinen Nachfolgern. Sie jongliert mit eisernen Balken und Schattenmassen\nwie Lautrec. Und in ihrem unmittelbaren Angriff auf die Nerven verschärft\nsie Ungezogenheit zur Schlüpfrigkeit, entstellt das Beobachtete in die\nKarikatur und übt die geschickte Linie und eine Wiedergabemanier so,\nwie man einen bestimmten Stoß beim Fechten übt. © (2) ©\n© Und diese Kunst, diese Tages- und Stundenkunst macht nicht nur\nGebrauch von der Zugkraft und der Allgemeinverständlichkeit der thea-\ntralischen Vorführungen, sondern arbeitet direkt mit theatralischen\nMitteln, den Mitteln der Bühnenillusion. Die Kunst des Ballets hält für\nvieles her, was unsere heutigen Zeichner als beliebte Wirkungsmittel an-\nwenden. Dies nicht deshalb allein, weil Degas Tänzerinnen gezeichnet\nhat in seiner zurückhaltenden, ausgesprochen klassischen Beherrschung\nder Form. Durch die Schnelligkeit des fliegenden Sprunges, durch die\nvogel- und blumengleichen Farbenspiele und Bewegungen, durch den\nAnruf an die Einbildungskraft, der in seiner Stummheit liegt (die Musik\nist da nur ein begleitender Schatten, so dicht, so diskret folgt sie dem Fuße\nder Tänzerin), durch seine Wirkung auf die Augen und die Sinne, durch\nseine würdige, seine feinste Künstlichkeit hat das Ballet fast jeden Zeichner\nberückt, wie auch die Varietetheater eigentümlich verführerisch gewesen\nsind mit den fabelhaften Lichteffekten, den urplötzlichen Gesten, dem\nGlanz des Flitterkrams, der phantastischen Bevölkerung. Auch die Panto-\nmime hat ihren ausgesprochenen Einfluß gehabt. In jenen rührenden"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.14", "texte": "Fröhlichkeiten Willettes, in dem Auflachen der Frivolitäten Cherets sind\nes die Maskerade, der englische Clown und Akrobat, den man im Folies\nBergeres sieht, als Marionetten geschminkte Leute, die diese Maskerade\nspielende Gesellschaft des Plakats und der illustrierten Blätter hervorge-\nbracht haben. Ihr Motto ist das Motto Pierrots: ©OO\nLe subtil genie\nDe sa malice infinie\nDe poete grimacier =,\nVerlaines Pierrot gamin. ©OO\n0 Pierrot ist ein Typus unseres Jahrhunderts, der Zeit, in der wir leben\noder vielleicht der Zeit, die wir gerade hinter uns haben. Pierrot ist leiden-\nschaftlich, aber er glaubt selbst nicht an große Leidenschaften. Er fühlt\nsich fieberkrank oder als ein noch nicht der Gefahr entronnener Gene-\nsender; denn Liebe ist eine Krankheit, der zu widerstehen oder die zu\nertragen er zu schwach ist. Er hat sein Herz so lange auf seiner Jacke\ngetragen, daß es in der kalten Luft erstarrt ist. Er weiß, daß sein Ge-\nsicht gepudert ist, deshalb vergießt er keine Tränen, wenn er weint.\nUnter der Kreide läßt sich schwer erkennen, ob die Grimasse, die seine\nMundecken verzieht, Lustigkeit oder ein Sichlustigmachen bedeutet Er\nweiß, daß er dazu verurteilt ist, stets vor dem Publikum zu stehen, daß\nGefühle außerordentlich schlecht zu seinem Kostüm passen würden; daß\ner stets aufmerken muß, phantastisch zu sein, wenn er sich nicht lächer-\nlich machen will. Und so erreicht er Vollendung in der Falschheit, am\nmeisten sich davor fürchtend, daß ein einziger Hauch der Natur ihm seine\nMaske verschieben und ihn wehrlos machen könnte. Da Einfalt bei ihm\ndas Lächerlichste von der Welt wäre, so wird er gelehrt, pervers ver-\ngeistigt seine Lust und brutalisiert seinen Geist. Seine schwarzsehe-\nrische Anschauung der Dinge wird zu einer Art grotesker Freude, welche\ner in den einzigen Ausdrucksmitteln, die ihm zu Gebote stehen, wiedergibt-\ner zieht den Zirkel Giottos mit der Eleganz seiner Pirouette. 000\n0 Und ein solcher Pierrot gamin war Beardsley mit seiner Ergebenheit\nfür Paris und für den Augenblick, die fast größer war als die des Parisers\nselbst. Er war mehr als Pierrot, aber er war Pierrot in vollem Maße Und\ndaß er es war, war ein Teil seiner französischen Schule. Es half ihm zu"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.15", "texte": "Für V. S. gez.\nv. Josef Hoffmann OM."}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.16", "texte": "der Pose, welche ihm dazu half, sich selbst zu entdecken; ebenso wie\nBurne Jones ihm half, als er die Illustrationen zu Morte d’Arthur schuf\nwie die Kunst Japans ihm half, sich von diesem Einfluß zu befreien, wie\nEisen und Saint-Aubin ihm den Weg zeigen halfen zu seinem Lockenraub.\nEr besaß jene Originalität, die sich zwar jeder Beeinflussung hingibt, aber\nsie aufsaugt, statt sich aufsaugen zu lassen, jene Originalität, die, wenn sie\nsich auch fortwährend verschiebt, sich doch nicht von ihrem Mittelpunkt\nentfernt. Ob er von Grasset oder von Ricketts lernte, von einem 1830 er\nModeblatte oder von einem Hogarth-Stiche, ob die Szenerie von Arques-\nla-Bataille sich in seiner Seele zu einem Teppichmuster zusammenkom-\nponierte, oder ob er sich in dem Kasino in Dieppe eine Skizze machte von\ndem Arrangement eines eigentümlich aufgerafften Fenstervorhanges, er\nentnahm stets aus der geordneten Kunst oder der ungeordneten Natur\ndas, was er für sich brauchte, das, was er sich zu seinem Eigenen machen\nkonnte. Und er fand in der französischen Kunst des Tages eine freudvolle\nTraurigkeit, eine Verehrung des Gottes Mephisto, auf die sein Tempera-\nment und seine Eigenart nur gewartet hatten, um sie anzunehmen. 0 0\n© „In mehr als einer Art opfern die Menschen den rebellischen En-\ngeln,” sagt der heilige Augustin. Aber Beardsleys Opfer wie das aller\nwirklich großen dekadenten Kunst, der Kunst eines Rops oder der Kunst\neines Baudelaire ist nur scheinbar ein Opfer an die Mächte der Finsternis *\nes ist in Wahrheit ein Opfer an die ewige Schönheit. Und hier möchte ich\nbetonen, daß es mir gleichgültig ist, welche Absicht er mit seinen Bildern\nverfolgte; weder er, noch irgend jemand hätten dies mit absoluter Sicher-\nheit sagen können. Man muß sich klar darüber sein, daß die Absicht eines\nMenschen gerade darum, weil sie bewußt ist, ihn für den andern viel we-\nniger repräsentiert als die Empfindungen, welche seine Schöpfungen über-\nmitteln. So groß ist das unbewußte Element in jeder künstlerischen\nSchöpfung, daß Beardsley wahrscheinlich selbst nicht wußte, was er mit\ndiesem oder jenem bezeichnenden Werke eigentlich sagen wollte. Zuge-\ngeben aber, daß er genau über seine Absicht hätte Aufschluß p-eben\nkönnen, so wäre ich sofort bereit zu zeigen, daß er genau das Gegenteil\ndavon ausgedrückt hat. Wenn ich also ausspreche, daß er ein im tiefsten\nGrunde innerlich schaffender Künstler war und ihm doch dabei haupt-"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.17", "texte": "Für V. S. gez.\nv. Josef Hoffmann OM."}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.18", "texte": "sächlich die äußere Darstellung am Herzen lag, oder daß er das Böse dar-\nstellte, und zwar so stark, daß es beinahe in die Selbstzüchtigung verfällt,\nund doch dabei nicht selten wenig mehr als einen Scherz oder eine kapri-\nziöse Linie ausdrücken wollte; oder daß er vor allem ein Satyriker war\n(obgleich fast gegen seinen Willen) und doch ein Satyriker der das Ideale\nerkannt hat, so behaupte ich nichts Unsinniges, nichts, was sich in Wirk-\nlichkeit widerspräche, sondern gebe nur eine einfache Analyse seiner\nArbeiten, wie sie uns vorliegen. © © 0\n© Manchmal erreicht er reine Schönheit, hat die unverfälschte Vision;\nso in den besten Zeichnungen der Salome und hie und da auch sonst\nnoch. Auf den ersten Blick ist es eine teuflische Schönheit, aber sie ist\nnoch nicht in sich selbst zwiespältig. Das Bewußtsein der Sünde ist immer\nda, aber es ist Sünde, die erst durch Schönheit verklärt und dann durch\nSchönheit offenbart wird. Sünde, die sich ihrer selbst bewußt ist, ihrer\nUnfähigkeit, vor sich selbst zu entrinnen, und die durch ihre Häßlichkeit\nanzeigt, welches Gesetz sie übertreten hat. Seine Welt ist eine Welt der\nPhantome, in welcher der Wunsch, sterbliche Gefühle zur Vollendung zu\nführen, ein Wunsch nach Unendlichkeit, die Grenzen überschritten und sie,\ndie zarten, zitternden, fiugsehnsüchtigen Gefühle in eine hoffnungslose,\nstarre Unbeweglichkeit gebannt hat. Sie haben die Empfindlichkeit des\nGeistes und jene körperliche Empfindlichkeit, die ihre Adern entleert und\nsie in die Stellung ihres üppigen Dahinträumens bannt. Sie sind zu nach-\ndenklich, um jemals wirklich natürlich zu sein, um vollkommen im Fleisch\noder im Geist aufzugehen. © © ©\n© Sie haben in der Art, wie sie zum Abgrund schreiten, nichts robustes\noder auch nur tierisches an sich. Keine überwältigende Leidenschaft treibt\nsie über sich selbst hinaus, sie übergeben sich nicht dem Feinde der Seelen\nauf offenen Angriff. Es ist die Seele in ihnen, die sündigt, widerstandslos,\nm Traurigkeit, unvermeidlich. Ihre Körper sind kraftlos und gierig nach\nLüsternheit, sie verlangen nach mehr Freuden, als sie die Welt bietet\nnach eindringenderen und ausgesuchteren Schmerzen, nach unerträg-\nlicherer, schmerzvollerer Entrücktheit. Sie haben die Last der Menschheit\nabgeschüttelt und jene Einsamkeit gewählt, welche die Ruhe für Heilige\nbedeutet, aber die Unruhe für die, die mit dem Geiste gesündigt haben."}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.19", "texte": "Sie stehen etwas tiefer als die Engel und wandeln zwischen diesen und\nden gefallenen Engeln. Sie sind ohne Anteil an der Welt. ©o©\n© Wir haben also hier eine Art von abstrakter geistiger Verderbtheit\nvor uns, offenbart in schöner Form, Sünde verklärt durch Schönheit. Und\nselbst wenn wir nicht weiter gehen wollen, haben wir es bei Beardsley\ndoch zum mindesten mit einer ausgesprochen vergeistigten Kunst zu tun,\neiner Kunst, in der das Böse sich selbst durch eigene Kraft und durch die\nsie verklärende Schönheit reinigt. Vollkommen hoffnungslos ist in dieser\nWelt nur eines: jene Mittelmäßigkeit, welche der träge Inhalt einer re-\ngungslosen Masse ist. Besser, des Bösen lebhaft gewärtig zu sein, als aus\nbloßer Schläfrigkeit alle Quellen für Gutes oder Böses verstopfen. Denn\ndas Böse selbst, bis zu einem Punkt perverser Extase getrieben, wird zu\neiner Art Gutem durch jene ihm innewohnende Energie, welche in ent-\ngegengesetzter Richtung Tugend ist und welche, wie auch immer ihre\nRichtung verändert wird, niemals verfehlen kann, etwas von ihrer ur-\nsprünglichen Eindrücklichkeit zu behalten. Der Teufel ist gerade durch\ndie Höhe, von der er fiel, Gott näher als der Durchschnittsmensch, den es\nnoch nie getrieben hat aufzujauchzen oder zerknirscht zu sein. Und so\nnähert sich eine tiefe geistige Verderbtheit, weit entfernt unmoralischer\nzu sein als etwa der grob-zotige Menschenschlag eines Hogarth oder\nRowlandson, im letzten und abstrakten Ende gerade der Moralität. Denn\nsie bedeutet den Triumph des Geistes über das Fleisch, ganz gleich zu\nwelchem Ende. Sie ist eine Form höherer Besessenheit, bei welcher die\nuntätige und materielle Seele in feurige Bewegung versetzt wird, vom\nBoden gehoben zu einer Höhe einer gewissen geistigen Freiheit. Und so\nfinden wir das Böse vor sich selbst gerechtfertigt und eine der Enthüllung\ndes Bösen dienende Kunst in gleicherweise gerechtfertigt. Seine endgül-\ntige Rechtfertigung ist die, welche von Plotinus in seiner Abhandlung:\n„Über die Natur des Guten und Bösen” dahingehend erklärt wird: „Aber\ndem Bösen ist als solches bestehen zu bleiben gestattet, allein aus der über-\nlegenen Macht und Natur des Guten, weil es notwendigerweise von überall\nher eingeschlossen und gebunden erscheint, schöne Bande wie mit gol-\ndenen Ketten gefesselte Menschen tragend, damit es für den Anblick der\nGöttlichkeit enthüllt oder damit die Menschheit seine schreckliche Gestalt"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.20", "texte": "in vollkommen nacktem Zustand stets vor Augen habe. Und so groß ist die\nsiegende Macht des Guten, daß, wenn wir auch nur einen Schimmer des\nvollkommen Bösen an uns wahrgenommen haben, augenblicklich die Er-\ninnerung an das Gute in uns wachgerufen wird durch das Bild des\nSchönen, mit dem das Böse umkleidet ist.” o©o\n0 In jenen Zeichnungen Beardsleys, welche mehr grotesk als schön\nsind, in welchen die Linien anfangen mißgestalt zu werden, liegt die mora-\nlische Berechtigung in der Flächenverteilung, in die sich jetzt alle Schön-\nheit flüchtet. Man betrachte nur die Zeichnung ~TheScarlet Pastorale”, Im\nVordergründe dicht an den Rampenlichtern, aus dem Stück, dem er dem\nRücken zudreht, heraustretend, spreizt sich ein aufgeblasener Harlequin.\nHinter ihm sind Altarlichter angesteckt, die bei einem unsichtbaren Winde\nin der Einsamkeit herunterschmelzen. Dazwischen in der schwarzen Dun-\nkelheit der Bühne ein kahlköpfiger Pierrot, der sich mit einem Rosenseil\nseinen riesigen zusammengeklappten Bauch einschnürt und sein Bein mit\ndem Bocksfuß vorzeigt, worauf Pierrette schreiend vor Entsetzen auf ihn\nmit dem Finger zeigt, während die fette Tänzerin sich dabei gleichgültig\nauf den Zehen dreht. Müssen wir noch weiter gehen, um zu zeigen, wie\nviel mehr, als Gautier meint, in dem alten Paradoxon der Mademoiselle\nde Maupin liegt, daß „Vollkommenheit der Linie Tugend ist?” Jene Linie,\nwelche die Mißbildung der pferdefüßigen Sünde abrundet, die Linie selbst\nist zugleich die Offenbarung und die Verdammung des Lasters, denn sie\nist ein Teil jener künstlerischen Logik, welche eben Moralität ist. 00\n© Beardsley ist der Satyriker einer Zeit ohne eigene Überzeugung und\ner kann nicht umhin, wie Baudelaire die Hölle zu malen, ohne auf ein als\nGegenstück vorhandenes Paradies zu weisen. Er wendet dieselben Mittel\nan wie Baudelaire, eine Art der Übertreibung, von der es unkritisch wäre,\nsie als unaufrichtig zu bezeichnen. In jener furchtbaren Verkündigung des\nBösen, die er „The Mysterious Rose-Garden” nannte, wispert der laternen-\ntragende Engel mit gefiederten Sandalen unter den herabfallenden Rosen\ngewiß von mehr als nur von „süßen Sünden”. Die verschmitzt lächelnden\nZwerge, die Affen, durch welche die Mystiker die irdischen Sünden aus-\ndrückten; diese riesigen von der Hefe der Vergnügungen angeschwollenen\nLeiber und diese bemäntelten und maskierten Gelüste, die in Gärten"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.21", "texte": "Für V. S. gez.\nv. Josef Hoffmann OM."}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.22", "texte": "huschen und so zweideutig lächelnd vor unendlichen Toilettetischen\nsitzen, sie alle sind Teile eines Symbolismus, der sich nichts entgehen\nläßt aus Mangel an bloßem Nachdrucke. Und die eigentümliche Eindrück -\nlichkeit dieser Satyre liegt darin, daß sie so sehr eine Satyre der eigenen\nGelüste ist = ein Spott über befriedigte, ein Spott über bekämpfte Gelüste.\nWeil er die Schönheit liebt, fesselt ihn die Entwürdigung der Schönheit;\nweil er die Hoheit der Tugend so voll erfaßt, kann das Laster seiner hab-\nhaft werden. Und ganz im Gegensatz zu jenen „anständigen” Satyrikern\nunserer Zeit, deren Witz und Geist sich in der Darstellung eines Betrun-\nkenen erschöpft, der an einem Laternenpfahl lehnt, oder einer Dame, die im\nSalon ein verkehrtes Kompliment macht, ist er ein Satyriker, der das\nWesen der Dinge trifft. Es ist stets die seelische und nicht nur die kör-\nperliche Unbefriedigtheit, die aus diesen gierigen Augen spricht, diesen\nAugen, die auf alle Lüste geblickt haben, aus diesen bittern Lippen, die\nden Schmelz all ihrer Süßigkeiten gekostet haben, aus diesen Händen, die\nspielerisch für nichts gewirkt, und aus diesen Füßen, die stets Nichtig-\nkeiten nachgejagt sind. Sie blicken so tieftraurig, weil sie die Schönheit ge-\nsehen haben und weil sie von dem Wege der Schönheit abgewichen sind.\n0 Und überhaupt ist es das Geheimnis Beardsleys, daß er mehr in die\nLinie selbst legt als in die geistige Umsetzung, die die Linie ausdrücken\nsoll. Bei Beardsley lief alles auf eine Frage der Form hinaus; sein Inter-\nesse an der Arbeit begann, wenn er sein Papier vor sich und die Feder in\nder Hand hatte. Kann man auf der einen Seite sagen, daß er nie von vorn-\nherein wußte, was er tun wollte, so wußte er es auf der andern Seite nur\nzu gut. Er war innerhalb gewisser Grenzen bereit, fast alles zu tun, was\nman ihm vorschlug; geradeso wie er, sich selbst überlassen, sich damit zu-\nfrieden gab, der Laune des Augenblickes zu folgen. Einer Sache war er\nstets sicher, nämlich der Kraft, genau das zu tun, was er sich vornahm,\nmochte es nun die Salome, Belinda, Ali Baba, Rejane, Morte d’Arthur,\nRheingold oder die Liaisons dangereuses, oder mochte es der Entwurf\nfür eine Klassikerausgabe oder für das Titelblatt eines Alten-Bücher-\nKatalogs sein. Es mochte sein, daß die Zeichnung, die dabei herauskam,\nvielleicht keine Beziehung zürn Titel des Themas zu haben schien und oft\nauch wirklich keine hatte. Die Beziehung war die von Linie zu Linie"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.23", "texte": "Für V. S. gez.\nv. Josef Hoffmann OM."}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.24", "texte": "innerhalb der Grenzlinien der Zeichnung und keine andere in der Welt.\nDeshalb konnte er fünf oder sechsmal im Laufe von ebensoviel Jahren\nseine Manier wechseln, konnte den Eindruck machen, als ob er sich\nwährend dieser Zeit sehr viel mit trivialen Vorwürfen beschäftigt hätte,\nund sich doch dabei völlig eine Originalität bewahren, die in der höchsten\nSchönheit und absoluten Sicherheit der Zeichnung lag. © © 0\n© Es war eine Zeitlang die irrige Meinung verbreitet, daß Beardsley nicht\nzeichnen könne. Er hatte aber nie die Absicht, die Linien des mensch-\nlichen Körpers so wiederzugeben, wie sie waren; und tatsächlich ist eine\nseiner letzten Zeichnungen = ein Initial zu Volpone = wohl die erste, in\nwelcher er den nackten Körper realistisch wiedergegeben hat. Aber mit\naußerordentlichem Geschick verstand er eines = und das ist doch schließ-\nlich das wesentlichste, er verstand die Linie zu zwingen, genau das zu\ntun, was er von ihr wollte; die Vorstellung von der Form auszudrücken,\ndie5 er ausdrücken wollte; und das ist’s, was der Alltagszeichner nicht\nkann. Der Alltagszeichner, wie jeder Akademieschüler, wird Linien zeich-\nnen, die die Umrisse des menschlichen Körpers genau wiedergeben; aber\nall ihre Zeichenkunst wird diese Linie nicht zu uns sprechen lassen, wird\nsie nie so ausdrucksvoll machen können, wie es z. B. in jenem kleinen,\nschlaffen Körper geschehen ist, den ein Satyr und ein Pierrot in einen\nPuderbüchsensarg legen = die Schlußvignette der Salome. ©©©\n© Und dann darf man eines nicht vergessen; Beardsley war ein deko-\nrativer Künstler und nichts anderes. Fast von Anfang an stilisierte er. Er\nsetzte sich in den Kopf, nur Flächenmuster zu sehen. Indem er mit freier\nHand nahm, was ihm die Japaner geben konnten, jene Befreiung von den\nFesseln dessen, was wir Wirklichkeit nennen, die dem einen aus tiefster\nVergeistigung, dem andern aus einem so starken Bewußtsein der Wirk-\nlichkeitsform kommt, daß sie abstrakt wird, formte er sich eine neue Welt\nin seinem Innern, als wenn diese überhaupt erst existierte, seitdem er sie\nso umgeschaffen, ja bevor er sie schwarz auf Weiß oder weiß auf Schwarz\ndargestellt hatte. Er arbeitete, wie jeder dekorative Künstler es tun muß, in\nSymbolen, die ebenso willkürlich, ebenso feststehend wie die Felder des\nSchachbrettes waren, und er fegte dabei die unzusammengehörigsten Dinge\nvon der Welt in seine Flächenkompositionen hinein, indem er sie durch"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.25", "texte": "Für V. S. gez.\nv. Josef Hoffmann OM."}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.26", "texte": "eine Art Musterentwicklung zur Zusammengehörigkeit verwob. Wenn\ner die Puderbüchse, den Toilettetiscb, einen Hut mit Straußenfedern mit\nvollem Bewußtsein ihrer suggestiven Wirkung in eine Zeichnung aus\ngrauer Vorzeit setzte, eine Zeichnung, die absichtlich phantastisch gehalten\nwar, so verwandte er diese Dinge zum Zweck des Schönen, weil ihm ihre\nForm gefiel und weil vielleicht seine Verteilung von Schwarz und Weiß\ngerade ein solches Linienarrangement verlangte. Sie waren die Halb- und\nViertelnoten, in denen er seine Komposition niederschrieb, sie stellten die\nMusik dar, aber sie waren nicht die Musik. ©o©\n© In der „Salome” und den meisten Zeichnungen des Yellow Book stand\ner hauptsächlich unter japanischem Einfluß, von da an und später, in seinen\nwenigen ernsten Arbeiten vermengt mit dem halb zugestandenen Einfluß\ndessen, was das Aktuellste, vielleicht das Modernste in der französischen\nKunst des Tages war. Der Pierrot gamin, als der er sich in „Salome” mit der\nrespektlosen Zeichnung des Black Cape betätigt, verwandelt sich in den\nSchöpfer der edelsten Linie in den strengen und furchtbaren Zeichnungen\ndes „Dancers Reward” und in der so reichen und leidenschaftlichen\nZeichnung „The Peacock Skirt”. Hier haben wir reine Konturen wie im\nTitelblatt; eine geheimnisvolle Wirrnis wie in der Borte um die Titelseite\nund um die Inhaltsangabe; eine paradoxe Schönheit von reiner Willkür,\naber einer Willkür, die ihren Sinn, ihre Entschuldigung, ihre malerische\nBerechtigung hat, wie in „The Toilette”. Das Yellow Book ist mit Borten\nin gleicher Manier geschmückt. Aber in der Zeit zwischen den letzten\nZeichnungen für das Yellow Book und den ersten für das Savoy wird ein\nneuer Einfluß bemerkbar, jener des französischen XVIII. Jahrhunderts.\nDieser Einfluß bringt ihn, so künstlich er auch ist, der Natur näher, wenn\nauch in etwas unsteter Weise. Zeichnungen wie die „Fruit-Bearers” in der\nersten Nummer des Savoy mit dem massigen, sorgfältigst ausgearbeiteten\nReichtum des Ornaments; oder „The Coiffing” in der dritten Nummer in\nihrer zarten, vollendeten Anmut, ihrer geistreichen Zusammenfassung der\nLinie. Zeichnungen wie die Illustrationen zum „Lockenraub” zeigen bei\ngeringerer Extravaganz und auch geringerem geistigen Inhalt eine neue\nMeisterschaft in der eleganten Form, die, nicht allzuweit vom Natürlichen\nentfernt, doch sich immer noch der dekorativen Wirkung, dem Geiste der"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.27", "texte": "Für V. S. gez.\nv. Josef Hoffmann OM."}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.28", "texte": "Linie unterwirft. Bei den Illustrationen zu Ernst Dawsons ~Pierrot of the\nMinute” finden wir einen Augenblick lang eine entschlossenere Hingabe\nan Eisen und Saint-Aubin, aber es ringt sich auch noch eine andere Manier\ndarin durch. ©o®\n© In den bisher noch unveröffentlichten Illustrationen zu Mademoiselle\nde Maupin glaubte ich, als ich sie zuerst sah, abgesehen von einer herr-\nlichen farbigen Zeichnung, ein gewisses Nachlassen der Kraft, eine sicht-\nliche Schwäche in der Handhabung der Feder zu bemerken. Aber sie\nstellen, wie ich später fand, in ihrem nicht ganz glücklichen Streben\nnach der natürlichen Form das dar, was uns noch als Beardsleys letzte\n~Manier” zu betrachten übrig bleibt. Die vier Initialen zur Volpone, deren\nletzte er nicht ganz drei Wochen vor seinem Tode beendete, zeigen voll-\nkommen neue technische und geistige Eigenschaften. Sie sind mit Blei-\nstift gezeichnet und verlieren wie alle Bleistiftzeichnungen viel in ver-\nkleinerter Wiedergabe. Aber die Originale stehen unbedingt in rein tech-\nnischem Können auf gleicher Höhe wie das Beste aus seinen früheren\nZeiten und führen endlich = mit vollständigem Erfolg = die Naturform\nin die Flächenbehandlung ein. Und hier fließt unter fast feierlichen Um-\nständen die gebrochene Linie der Schönheit wieder zusammen. ~Die Not\nist zu Ende” und das Mühsame ist aus dieser nicht weniger phantastischen\nWelt verschwunden, in welcher Pan noch immer zwischen Bäumen von\nseiner Säule herunterlächelt, aber ohne seine alte Bosheit. © © ©\n© Menschliche und tierische Form kehren zu klarer Erkennbarkeit zu-\nrück mit einer neuen Hoheit, unter dieser neuen Achtung vor den Mög-\nlichkeiten, die sie bieten. Beardsley ist zur der Natur selbst\nübergegangen, er macht sie sich zunutze, er entnimmt ihr seine Symbole\nund stößt sie nicht länger von sich zu Gunsten einer Stilisierung voll-\nkommen eigener Prägung. Und so finden wir in seinen letzten Arbeiten,\ndie er schuf, als schon der Schatten des Todes auf ihm lastete, neue\nFingerzeige für eine Kunst, die, als reine Linie empfunden und durch das\nreine Flächenmuster hindurchgeführt, nach vielem Zaudern zu jenem\ngroßen Kompromiß übergegangen ist, zu dem die größten Künstler aller\nZeiten sich verstanden haben: dem Kompromiß zwischen den Gebilden\nunserer Gedanken und den Gebilden der Wirklichkeit. ©©©"}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.30", "texte": "GÜNTHER\nWAGNER’5\nPELIKAN-\nFARBEN\nFEINSTE MARKE FÜR KÜNSTLER\nGEGRÜNDET 1838. 25 AUSZEICHNUNGEN\nPREISLISTEN UND MUSTER AUF\nWUNSCH DIREKT VOM FABRIKANTEN\nGÜNTHER WAGNER, HANNOVER UND\n©© © ©© © WIEN ©© © ©© ©"}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.31", "texte": "DER BESTE ALLER BLEISTIFTE\n□ □ L IST UNBESTRITTEN □ □\n„KOH-I-NOOR”\nVON L. & C. HARDTMUTH.\nEXISTIERT IN 17 HÄRTEGRADEN.\nZU HABEN IN JEDER BESSEREN\nQ Q] PAPIERHANDLUNG □ □"}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.32", "texte": "• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• •\n• ••••••••••\nJOH. BACKHAUSEN\n& SÖHNE\n□ K. U. K. HOFLIEFERANTEN □\nFABRIKEN FÜR TEPPICHE, MÖBEL=\nSTOFFE, TISCH= UND BETTDECKEN\n□ IN WIEN UND HOHENEICH □\nNIEDERLAGE:\n□ □ WIEN, I. OPERNRING 2 □ □\n(HEINRICHSHOF)\n• ••••••••••"}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.33", "texte": "□□□■□□□■uuueuuu\nJBUUUBUUUI\n□SB AUERLICHT. g\nQpf-j TELEPHON 1068\nnn ZENTRALE: IV. SCHLEIFMÜHLGASSE 4 □□\n■nn\nTD\nVERKAUFSSTELLEN:\n□ 1., FISCHHOF 3, Telephon Nr. 12465 □\nII TABORSTRASZE 4, Telephon Nr. 15080\n□ □ 111., HAUPTSTRASZE 23 □ □ □\nVII., ANDREASGASSE 9, Telephon Nr. 9122\n□ VIII., JOSEFSTÄDTERSTRASZE 64 □\nIX., NUSZDORFERSTR. 19, Teleph. Nr. 12797\n□ sowie bei den meisten Gasinstallateuren □\nnun\n□□l\nPHP] LAMPE exklusive Montage und Bedachung K 4.50 □■□\n~]| SPARLAMPE exkl. Montage und Bedachung K 3.90 ■{ || |\nGLÜHKÖRPER kostenfrei ins Haus gestellt Kl.— □■□\n■nn SPAR-GLÜHKÖRPER 80 Heller □ □ □ □ □\n□□■□□□■□□□■□□□■□□□■□□□■□□□■□fl\nHffHffyffMnynHnynaDBDDDBDDDBDDDB"}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.34", "texte": "ID\nID\nD\nID\nID\nD\nID\nID\nD\nID\nID\n,□\nD\nID\nP\n□\nD\n!□\n0\n0\nR\ngcmammmnSaößGßSaSßJSjSl\nGLASMALEREI\nCARL GEYLING8 ERBEN\nGEGRÜNDET 1841\nWIEN,\nVI. WINDMÜHLGASSE\nD\nD\nD\nD\nD\nD\nS\nDH\n■■\nD\nD\nBS\nD\nD\nD\nDI\nD\nDI\nDI\nD\nDI\nDI\nD\nDI\nDI\n■DDDDDDgDDDDDyDDDDDDDDDDDgDDj"}, {"page_pdf": 35, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.35", "texte": "nnnnmD □□□□□□□□□□□□□□□□□\nPARIS .'l9OO\n□\n□\n□\n■\n□\n.\n□\nV\n:\n«V\n□\nXi\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□ DD\n□\n/i\no . •\nERSTE ÜSTERR. fICTItN <3P\nSEILSCHAFT ZUR ERZEUGUNG\nUON n'°BELN AUS GEB°GENEn\nHOLZE\nJflC°B&JoiffKotiri\nW|I!N,L3URGRIHC3 N * 3.\nscHLflF2innEß.SPcisez.mneß\nSflL°N HS ÖEL IN MoDERHEM STILE.\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\n□\nDDDDDDIUDDDDDDODD□□□ DO ÜOD D DD"}, {"page_pdf": 36, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.36", "texte": "E. BAKALOWITS\nSÖHNE\n□ K. U. K. HOFLIEFERANTEN □\nWIEN, I. KÄRNTNERSTRASZE 12\n□ SPIEGEL, KRISTALLÜSTER, □\n□ TRINKSERVICES, PHANTASIEr □\n□ OBJEKTE ETC. n"}, {"page_pdf": 38, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabf19030315-01.1.38", "texte": "Für die REDAKTION verantwortlich: MAX KURZWEIL in WIEN\nHerausgeber: VEREINIGUNG BILDENDER KÜNSTLER ÖSTERREICHS\nDruck von ADOLF HOLZHAUSEN, k.u.k. Hof- u.Univ.-Buchdruckcr in Wien\nZink-ClicWs von der „GRAPHISCHEN UNION\" in Wien"}]}