{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_sha256": "456476c019957cb95ed57b3bd1dbf83ac406bde66729dc53d6017cfdeb8fed4d", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/03/03_01/bmtnabg_1910-03-03_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/03/03_01/bmtnabg_1910-03-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-03_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.1", "debut_caractere": 539, "fin_caractere_exclue": 940, "texte": "INHALT:\nKARL KRAUS: Die Operette/RUDOLF\nKURTZ: Programmatisches / GLOSSEN: Liberale Rebellen\nSchmock Triumphator Insektenpulver! Insektenpulver!\nDer Unfug des Redens Federvieh-Menuett/ ADOLF LOOS;\nVom armen reichen Mann / RENE SCHICKELE: Berlin/\nFELIX STÖSSINGER: Einheitliche Konzerte / ELSE\nLASKER-SCHÜLER: Peter Baum / S. 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Man bedenke, daß die charmante\nPracht einer Offenbachschen Welt versunken ist,\nund daß sie einst mit allen ihren Wundern nicht\ndas Entzücken verbreitet hat, das heute ein\nbosniakanischer Gassenhauer findet, den ein Musik-\nreldwebel geschickt instrumentiert, oder selbst nur\nder Tonfall, mit dem ein humorloser Komiker die\nWorte „Njegus, Geliebter, komm her!\" spricht. Mail\nbedenke, daß die Anmut Johann Strauß'scher Wal-\nzer nicht bühnenfremder war als die Kitschigkeit\nihrer Nachahmungen. Man sage sich, daß die lieb-\nlichen Werke der Lecoque, Audran, Planquette,\nSullivan, Suppe heute durchfallen, wenn sie neu in\nSzene gehen; daß kein Direktor es wagt, jene\nguten Theaterstücke Millöckers, „Apajune\", „Gas-\nparone\", den „Vize-Admiral\", im Repertoire zu hal-\nten, die doch schon durch einen gewissen Mehl-\nzusatz dem musikalischen Geschmack des heu-\ntigen Wienertums entgegenkamen. . . . Kein Zwei-\nfel, diese Fülle von Wohlklang, Grazie und Humor\nhat sich überlebt. Wir mögen es glauben, daß die\nZeit noch kommen wird, in der de~r Freudengenius\neines Offenbach an die Seite Mozarts tritt; heute\nsehen wir ihn von dem dürftigsten Walzerspe-\nkulanten verdrängt; und daß kein Ton jener Heiter-\nkeit aufkomme, die einst von den tarnen Orpheus,\nHelena, Blaubart, Gerolstein und Trapezunt in un-\nsere Herzen schlug, dafür lassen wir Herrn Victor\nLeon sorgen. Man vergleiche nicht „Pariser Leben\"\nmit der „Lustigen Witwe\"; man höre nur ein paar\nTakte aus einer der unberühmten, stets verstoße-\nnen Operetten am Klavier, etwa das Lied vom hei-\nligen Chrysostomus aus Offenbachs „Schönrös-\nchen\", und wenn man solchen Schimmer von den\nReichtümern empfangen hat, die ehedem mit dem\nTage verschüttet wurden, frage man sich, warum\nwir unsere Armut so hoch in Ehren halten .... Der\nGrund von all dem: Die Welt wird vernünftiger\nmit jedem Tag, wodurch naturgemäß ihre Blöd-\nsinnigkeit immer mehr zur Geltung kommt. Sie\nbeschnuppert die Kunst auf ihren Wahrscheinlich-\nkeitsgehalt und wünscht ihn von allen Symbolen\nentkleidet. Darum hat sie das Märchen und die\nOperette iii die Kiiifipdiiiuiiiiici\nworfen.\nDie Funktion der Musik: den Krampf des Lebens\nzu lösen, dem Verstand Erholung zu schaffen und\ndie gedankliche Tätigkeit entspannend wieder anzu-\nregen. Diese Funktion mit der Bühnenwirkung ver-\nschmolzen, macht die Operette, und sie hat sich\nmit dem Theatralischen ausschliesslich in dieser\nKunstform vertragen. Denn die Operette setzt eine\nWeit voraus, in welcher die Ursächlichkeit aufge-\nhoben ist, nach den Gesetzen des Chaos, aus dem\ndie andere Welt erschaffen wurde, munter fortge-\nlebt wird und der Gesang als Verständigungsmit-\ntel plausibel ist. Vereinigt sich die lösende Wir-\nkung der Musik mit einer verantwortungslosen\nHeiterkeit, die in diesem Wirrsal ein Bild unserer\nrealen Verkehrtheiten ahnen läßt, so erweist sich\ndie Operette als die einzige dramatische Form, die\nden theatralischen Möglichkeiten vollkommen ange-\nmessen ist. Das Schauspiel kann immer nur trotz\noder entgegen dem Gedanken seine Bühnenhaftig-\nkeit durchsetzen, und die Oper führt durch die In-\nkongruenz eines menschenmöglichen Ernstes mit\nder wunderlichen Gewohnheit des Singens sich\nselbst ad absurdum. In der Operette ist die Ab-\nsurdität vorweg gegeben. Hier klafft kein Ab-\ngrund, in dem der Verstand versinkt; die Bühnen-\nwirkung deckt sich mit dem geistigen Inhalt. Im\nSchauspiel siegt das Schauspielerische auf Kosten\ndes Dichterischen, denn um uns zu Tränen zu rüh-\nren, ist es ganz gleichgültig, ob Shakespeare oder\nWildenbruch die Gelegenheit bietet; in der Oper\nspottet das Musikalische des Theatralischen, und die\nnatürliche Parodie, die im Nebeneinander zweier\nFormen entsteht, macht auch den tatkräftigsten\nVorsatz zu einem „Gesamtkunstwerk\" lächerlich.\nDas Theater ist die Profanierung des unmittelbaren\ndichterischen Gedankens und des sich selbst be-\ndeutenden musikalischen Ernstes; es ist der Hemm-\nschuh jedes Wirkens, das eine „Sammlung\" bean-\nsprucht, anstatt sie durch die sogenannte „Zerstreu-\nung\" erst herbeizuführen. Aeschylos wird an dem\nAusbreitungsbedürfnis des letzten Komödianten zu\nSchanden, und die Andachtsübungen einer Wagner-\noper sind ein theatralischer Nonsens. Zu einem Ge-\nsamtkunstwerk im harmonischen Geiste aber ver-\nmögen Aktion und Gesang in der Operette zu ver-\nschmelzen, die eine Welt als gegeben nimmt, in der\nsich der Unsinn von selbst versteht und in der er\nnie die Reaktion der Vernunft herausfordert. Offen-\nbach hat in seinen Reichen phantasiebelebender Un-\nvernunft auch für die geistvollste Parodierung des\nOpernwesens Raum: die souveräne Planlosigkeit\nder Operette kehrte sich bewußt gegen die\nLächerlichkeit einer Kunstform, die im Rahmen\neiner planvollen Handlung den Unsinn erst zu Ehren\nbringt. Daß Operetten\nnatürlich, aber die Opern ve r schwör ei-\nnen es ernst und schädigen den Ernst ihres Vor-\nhabens durch die Ünmotiviertheit jhres Singens.\nWenn nun der Gesang der Öperettenverschwörer\nzugleich das Treiben der Opern verschwör er pa-\nrodiert, so ergibt sich jene doppelte Vollkommen-\nheit der Theaterwirkung, die den Werken Öfter!\nBachs ihren Zauber erhält, weit über die Dauer\npolitischen Anzüglichkeiten hinaus, auf we>1, ! '\nNichtversteher seines Wesens den grö!\nlegen. An der Reg( M.osigkeit mit der : !\n~ ••• S . - • : '\nOov Ali W - v VWA/..VÜ i* . I y. ' A - i i'i iiV'.t\nein verrationalisiertes Theaterpublikum Anstoß. De;\nGedanke der Operette ist Rausch, aus dem Ge-\ndanken geboren werden; die Nüchternheit geht\nleer aus. Dieses anmutige Wegspülen aller logi-\nschen Einwände, und dies Entrücken in eine Kon-\nvention übereinander purzelnder Begebenheiten,\nin der das Schicksal des Einzelnen bei einem\nChorus von Passanten die unwahrscheinlichste\nTeilnahme dies Aufheben aller sozia-\nlen Unterschiede zum Zwreck der musikalischen,\nEintracht, und diese Promptheit, mit der de£\nVorsatz eines Abenteuerlustigen: „Ich stürz mich\nin den Strudel, Strudel hinein\" von den Unbe-\nteiligten bestätigt und neidlos unterstützt wird, so\ndaß die Devise: „Er stürzt sich in den\nStrudel hinein\" lauffeuerartig zu einem Bekenntni\nder Allgemeinheit wird — diese Summe von heiterer\nUnmöglichkeit bedeutet jenen reizvollen Anlaß,\nuns von den trostlosen Möglichkeiten des Leuens zü\nerholen. Indem aber die Grazie das künstlerische\nMaß dieser Narrheitist, darf dem Operettenunsinn\nein beträchtlicher erzieherischer Wert zugesprochen\nwerden. Ich kann mir denken, daß ein junger\nMensch von den Werken Offenbachs, die er in einem\nSommertheater zu sehen bekommt, entscheidendere'\nEindrücke empfängt, als von jenen Klassikern, zu\nderen verständnisloser Empfängnis ihn die Pädago-\ngik antreibt. Vielleicht könnte ihm das Zerr-\nbild der Götter den wahren Olymp erschließen.\nVielleicht wird seine Phantasie zu der Bewältigung\nder Fleißaufgabe gespornt, sich aus der „Schönen\nHelena\" jenes Bild der Heroen zu formen, das ihm\ndie liias noch vorenthält. Und er zieht aus der bu-\nkolischen Posse, die die Wunderwelt des Blaubart\neinleitet, mehr lyrische Stimmung, von dem spaßi-\ngen Frauenniord mehr echtes Grauen und Roman-\ntik, als ihm Dichter bieten können, die es darauf\nabgesehen haben. Von dem Entree eines Aleaden,\nden zwei Dorfschönen um seine Perücke herum-\ndrehen, mag ihm das Bild der lächerlichen Hilflosig-\nkeit in Erinnerung bleiben, wenn sich ihm einst die\nKluft zwischen Gesetz und Leben öffnet, und\nalle Ungebühr in Politik und Verwaltung offenbart\nsich ihm schmerzlos in der Verwirrung, welche die\nStaatsaktionen der Operette zur Folge haben.\nEine Gesellschaft aber, die aas Lachen geistig an-\nstrengt und die gefunden hat, daß sich mit dem"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5123, "texte": "Ernst des Lebens bessere Geschälte machen lassen*\nhat den blühenden Unsinn der Operette zum Wel-\nken gebracht. Sie imponierte sich mit ihrer Pfiffig-\nkeit, als sie die Unwahrscheinlichkeit einer Operet-\ntenhandlung entdeckte. Wie sollte es auch möglich\nsein, den im Verdienerleben unaufhörlich tätigen\nVerstand für einen ganzen Abend auszuschalten?\nZudem ist der Feuilletonlektüre eine vordem nie ge-\nahnte Ausbreitung der Bildung gelungen, und diese\nläßt sich mit Schäferspielen und märchenblauen\nUnmöglichkeiten nicht mehr abspeisen. Der auf-\ngeweckte Verstand hat den Unsinn entlarvt und\nseine Rationalisierung durchgesetzt. Was geschieht?\nDer Unsinn, der früher das Element war, aus dem\nKunst geboren wurde, brüllt losgebunden auf der\nSzene. Unter dem Protektorat der Vernunft ent-\nfaltet sich eine Gehirnschande, welche die dank-\nbaren Dulder ärger prostituiert, als die speku-\nlativen Täter. Die alten Operettenformen, die\nan die Bedingung des Unsinns geknüpft bleiben,\nwerden mit neuer Logik ausgestopft, und der Effekt\nlaßt sich etwa so an, als ob jetzt die opernhafte\nLächerlichkeit einer Bande entfesselter Toll-\nhäusler demonstriert würde. Die Forderung, daß\ndie Operette vor der reinen Vernunft bestehe, ist die\nUrheberin des reinen Operettenblödsinns. Der Ko-\nmiker, der keine Komik hat und sein Lied schlecht\nsingt, muß freilich „ein Menschenschicksal darstel-\nlen\"; wer aber ein Menschenschicksal darstellt,\nmacht die Narrheit, dabei zu singen, erst komplett,\nund das Gedudel im Orchester setzt den Respekt\nvor einem Seelendrama wie der „Lustigen Witwe\"\nherab. Doch die ernstgenommene Sinn-\nlosigkeit auf der Bühne entspricht durchaus der\n(Lebensauffassung einer Gesellschaft, die auf ihre\n| alten Tage Vernunft bekommen hat und dadurch\n< ihren Schwachsinn erst bloßstellte. Und ihren\nj Blößen die Stoffe zurechtzumachen, ist eine Legion\n| talentloser Flickschneider am Werke. Der Drang,\ndas Leben der musikalischen Burleske zu verifi-\nzieren, hat die Gräßlichkeiten der Salonoperette er-\nschaffen, die von der Höhe der „Fledermaus\" — des\nUebels Urquell — über die Mittelmäßigkeit des\n,Opernballs\" in die Niederung der „Lusti-\ngen Witwe\" führen. Von der natürlichen Erkennt-\nverlassen, daß ein phantastisches oder exoti-\nMnd jedenfalls ein der Kontrolle entrücktes\nist, um das Singen in allen\nglaubhaft zu lr chen, und ohne Ah-\nnung, daß einsingender Kommis im Smoking eine\nGesellschaftsplage sei, wagt die neue Industrie das\nAeußerste.\nAber sie darf es wagen. Denn ihrem Publikum\ndient die heutige Operette bloß als ein Vorwort\nzu den gröhlenden Freuden des Nachtlebens. Auf\ndie weit aufgesperrten Mäuler der Volkssänger, die\nder Champagnerwurzen das Vergnügen durch den\nTrost: „Es rnuaß ja net der letzte sein\" erhöhen, will\nman durch den Theatergesang schonend vorbereitet\nwerden. Und vielleicht erklärt uns ein Feuilletonist\nauch diesen protzigen Mangel an Genußfähigkeit als\ntiefere Bedeutung. Wir vermöchten sonst in dem\nI Tasten nach einer roheren Gegenständlichkeit der\nmusikalischen Genüsse nur jenen vollbusigen Ge-\nschmack wiederzuerkennen, und jene Kolatschen-\nweltanschauung, die jetzt mit dem Stolz der kultu-\nrellen Ueberlegenheit getragen wird. Die Wiener\nOperette hat sich mit dem Geist des Drahrertums\nverbündet und verzichtet auf das Opfer der Phan-\ntasie, das sie einst ihren Genießern zugemutet\nhat. Ihre Entartung ins Volkssängerische, ihre neue\nTendenz, dem niedrigsten Nachtlokalpatriotismus\nzu\" schmeicheln und die Welt als einen großen Gu-\ngelhupf aufzufassen, mit der Wienerstadt als dem\neinzigen Weinberl darin, ihre Anbiederung an den\nStefansturm, auf dessen Spitze Herr Gabor Steiner\ngedacht wird, wie er eine Schenkelparade der\nhimmlischen Heerschaaren inszeniert: diese ganze\nEntwicklung der Operette ins Walzerische und\nDrahrerische würde wieder ihre Satire in einer mu-\nsikalischen Burleske verdienen, wie sie Offenbach\naus der Lächerlichkeit der opernhaften Gebärde\ngeschaffen hat. Der Spott ergäbe sich um so mühe-\nloser, als die neue Operette auf der Höhe ihrer Ver-\nknödelung sich selbst des Operngestus bedient und\neinen Fünfkreuzertanz mit einem Posaunenfest der\nInstrumentation beschließt. Die Satire, die hier ein-\nzusetzen hätte, wäre eine vollkommene Rehabili-\ntierung des wahren Kunstwertes der Gattung.\nSie dürfte nicht den „Operettenblödsinn\" treffen,\nsondern das blödsinnige Streben der Operette, sich\neinen Sinn beizulegen, der den Blödsinn ins Un-\nmittelbare rückt, ihren Eifer, den Mangel an Ko-\nmik durch Logik wettzumachen, und die Stelle, auf\nder ein Sänger stehen sollte, mit einem Psycho-\nlogen zu besetzen. Konsequenz der Charak-\ntere und Realität der Begebenheiten sind Vorzüge,\n✓\nlii deneii nicht erst Musik gemacht werden muß.\nDaß ein schlafendes Liebespaar von einem Poli-\nzistenchor nicht gestört wird, ist in der Welt der\nmusikalischen Unberechenbarkeit durchaus mög-\nlich. Die Wahrscheinlichkeit, daß es im Leben\ngeschieht, wäre die wertlose Erkenntnis einer ratio-\nnalistischen Satire, die sich nicht zu hoch über das\nNiveau jener Intelligenz erhebt, der die beglaubigte\nAlbernheit der modernen Operette ihre spottwürdi-\ngen Triumphe verdankt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-03_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "2", "page_fin": "3", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.2.4", "titre_corps": "Programmatisches", "titre_sommaire": "Programmatisches", "signature_source": "Rudolf Kurtz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.2", "debut_caractere": 5125, "fin_caractere_exclue": 13519, "texte": "Programmatisches\nVon Rudolf Kurtz\nDie Tatsache einer neuen Zeitschrift mag ein Be-\nmühen um Verständlichkeit entschuldigen, das\nselbst vor der Zerrüttung des eigenen Gehirns\nnicht zurückschreckt. Ich erkläre, daß ich mit pein-\nlichstem Unbehagen durch eine Unzahl von Zeilen\nflösse, was in aer biegung eines gutgericiue-\nten Nebensatzes einen kleinen Farbeneffekt erzielen\nkönnte. Aber wir haben es dem Publikum so leicht\ngemacht, uns mißzuverstehen, daß es ein erlaubter\nScherz ist, zu dem Niveau einer behaglich freund-\nwilligen Unterhaltung herabzusteigen, wo hand-\nfeste Worte massive Gesinnungen illustrieren. Denn\nes gilt, ihre trägen Sinne von dem Dasein eines\nWillens zu unterrichten, wo sie im Glanz der bunten\nFeuerwerke schmunzelnd die Absicht zu unter-\nhalten wittern. Es ist ein Irrtum. Wir wollen sie\nnicht unterhalten. Wir wollen ihnen ihr bequemes\nemst-erhabenes Weltbild tückisch demolieren. Denn\nwir halten ihren Ernst für Lebensträgheit, Hinter-\nwaldler-Dumpfneit, deren Psychologie Nietzsche\nlängst geschrieben hat.\nAls vor einiger Zeit ein paar provokante Notizen\nvon mir einem gewichtigen Handwerksmeister vor\ndie massive Stirn sprangen, sammelte sich seine bie-\ndere Empörung in diesem Wort: Unreife. Und ob-\nschon das Pathos seiner Entrüstung durch keinen\nVersuch einer Widerlegung gehemmt war, hypno-\ntisierte er seine Leser mit diesem Wort: Unreife.\nDas ist es, was aus tausend triefenden Mäulern auf\nuns herabgespieen wird. Die Moral der brutalen\nUnempfindlichkeit, die in einem schnellgleitenden\nParadox ihre monumentale Haltung gefährdet sieht.\nAls ich vor einem halben Jahrzehnt mit behäbigem\nPathos einige Stichflammen unter dem Gesäß eines\nallzubequemen Literarhistorikers anzündete, stieß\nder Trommelwirbel jedem das Wort in den ach-\ntungsvoll geöllneten bcmunü zurück. Das kritische\nEmpfinden der Zeitgenossen mißt die ver-\nbrauchte Lungenkraft und antwortet nur auf die\nkunstvoll gerunzelte Stirn. Ihr Gefühl von Reife\nbestimmt sich durch Merkmale dieser Art: daß\nwohlperidiosierte Sätze in ernstem Trott über die\nZeilen schleichen. Sie propagieren ein Ideal der\nMännlichkeit, das wetteifernd mit dem Tischler-\ngewerbe um den Kranz der energischsten Transpi-\nration streitet. Sie begreifen nicht, daß es aus der\nNot eines von der Fülle des Daseins überwältigten\nLebens geschieht, wenn spitze Ironien den dunklen\nSpalt zwischen Schicksal und Welt überbrücken.\nIhr Gehirn ruht zu unbewegt in dieser Kruste von\nLebensernst, als daß sie spürten, wie sich in einer\nsorgsam von allen Sprachresten befreiten Anti-\nthese, die wie ein leichtsinniger Flügelschlag empor-\nflattert, ein Schmerz befreit, der zu fieberhaft von\nallen Kräften des Lebens zittert, um in einer ache-\nrontischen Vereisung seines Sachgehalts erschöpft\nzu sein. Die deutsche Intelligenz ahnt nichts von\nder Leidenschaft des Schriftstellers, Musik zu wer-\nden, Sinn und Traum im Anschlag eines Wortes zu\nhören, das leicht und frei sich von der Erde löst\nIhr grober Sinn übersieht, wie Haß und Erbitterung\naus der spielerisch geschnellten Kurve eines Rela-\ntivsatzes in tödlicher Verdichtung aufblitzen kann,\nwie in einer heiteren Gebärde ein Wille seine be-\nfreiteste Form gefunden hat, der schmerzhaft und\ndumpf im Gestrüpp dunkler Vorstellungen vege-\ntierte.\nNie hat die Kunst sie berührt. Ihr Verständnis ist\nganz erfüllt von dem Ernst der Aufgabe: nie kom-\nmen sie über diese Sphäre hinaus zu jener Freiheit\nder Bewegung, die sie dumpfen Herzens als „Un-\nreife\", „Spielerei\" ablehnen. In jener glücklichen\nEpoche deutschen Daseins, als logische Begeiste-\nrung mit einer tiefen ästhetischen Intuition sich\ndurchdrang, spiegelte sich dieses Gefühl in dem\nBegriff der Ironie und einer der wenigen ebenbür-\ntigen Nachfahren jenes Geschlechts, Nietzsche, pre-\ndigte einem dumpfen Ernst zwecklos die frohe\nfootseüäjl ues „Tanzes14. Die deutsche luteliigäitg\nist sich längst klar — soweit sie Snobismus oder\nfachliches Interesse nicht zu einem anderen Urteile\nbewegt — daß dies alles Dilettantismus ist.\nSie werden es nie anders begreifen. Nie wird ihr\nQehirn ein Strahl des Gefühls erhellen, daß jenes\nSchweben über den Dingen, jene romantische Ironie\nnicht dilettantischer Hochmut ist,.sondern ein wol-\nlüstiges Qefühl der unendlichen Fülle des Daseins;\ndaß es heiter macht, diese Atmosphäre innig zu\natmen, in einem Augenaufschlag den Reichtum der\nLandschaft polarisch zu umfassen, Bewegung und\nLicht der Sterne. (Und hier, aus einem tiefen Emp-\nfinden des Beschenktseins: unser Dank an Alfred\nKerr.)\nMit gereizter Würde wehrt man ab, den Enthusias-\nmus für Dinge zu begreifen, die nicht im Brenn-\npunkt der bürgerlichen Moral stehen. Der gelähmte\nInstinkt versagt vor der Erkenntnis, daß es begei-\nsterte Hingabe an die Fülle der Gesichte ist, eine\nreizbare Verfeinerung und Steigerung des Daseins-\ngefühls, das neue Möglichkeiten in der Aufhebung\nder Schwerkraft durch japanische Akrobaten, der\nCharme einer durch behutsame Technik erfahrenen\nSexualität einer Tänzerin, dem ungeheuren Tappen\ndes Nilpferdes anschauend erlebt.\nAn Deutschlands Küsten wuchert fahlgrün und\naigenhaft das Würde-Infusor. Blinder Intellektua-\nlismus vergewaltigt die Wirklichkeit, Eine Kunst\nsoll gezüchtet werden, in der der konstitutive Fak-\ntor der Anschauung bis auf ein Minimum ge-\nschwächt ist. Die deutschen Kunstbestrebungen,\nsoweit sie einer Formulierung fähig sind, bewegen\nsich in den gleichen Gegensätzen wie zur Zeit der\nRomantik. Noch gilt die Polemik dieser Zeit gegen\ndie Dramatik Schillers. Die Kunst stellt Entfaltung\nder Individualität dar: jeder dieser Zustände be-\ndeutet zugleich einen Zustand der Menschheit. Ob-\njekt der Kunst ist nicht eine von ihrer Gebunden-\nheit befreite Möglichkeit, sondern die gerade in\ndieser Bestimmtheit zu tiefst erschaute Wirklich-\nkeit, die Schiller entmaterialisiert: „Der Dichter\nleiht der Welt eine Vollkommenheit, in der sie nie\nexistiert hat/4 Den Romantikern aber istuie Wirk-\nlichkeit schon das Kunstwerk, daß zu seiner Voll-\nkommenheit in der Kunst wohl künstlerische Kran,\naber nicht Erweiterung bedarf. „Alle heiligen\nSpiele der Kunst sind nur ferne Nachbildungen von\ndem unendlichen Spiele der Welt, dem ewig sich\nselbst bildenden Kunstwerk.\" (Friedrich Schlegel.)\nUnd diese Unfähigkeit, das Gesetz vom Objekt zu\nempfangen (wie zitiert wird), beherrscht die zeit-\ngenössische Kultur. Wohl drängt ein Wille zur\nForm, aber er wird trivialisiert durch die oberfläch-\nliche Unterordnung des Objekts unter ein willkür-\nlich erfühltes Schema — sei es auf Grund einer\nempirischen Täuschung errichtet, sei es die ent-\nartete Fortbildung einer ehemals gerechtfertigten\nGesetzlichkeit. Die Organe sind geschwächt, der\nInstinkt ohne Schwungkraft. Einmal war es in\nneuester Zeit denkbar, daß eine Epoche aufge-\nwühlter Menschlichkeit z\\s Vorfrühling späterer\nBlüte sich entfaltete: dir-; war, als Nietzsche seine\nBücher schrieb und es galt, sie in die dichterische\nPraxis aufzunehmen. Aber die Zeitgenossen wehr-\nten den Impuls mit einer geradezu welthistorischen\nBanalität ab und brachten ihr Bedürfnis auf das\nengste, beschränkteste, widerspruchsvollste Bild:\nden Naturalismus.\nDas Signal unserer Zeit ist der wohltemperierte\nLiberalismus. Man will aufbauen, wo die Basis\nvon jedem Fingerdruck in ein schwammiges Ge-\nwebe zerrissen wird. Der Intellektualismus kann\nnur gedämpft werden von der lärmvollen Betonung\nder Instinkte, der dunklen Kräfte, die er organisie-\nrend im Dienst des Lebens stellen sollte und zu\ndenen er längst alle Beziehungen verloren hat. Der\nIntellektualismus genügt seinem Stilbedürfnis, in-\ndem er das Leben einer vereinfachenden Schablone\nunterordnet. Die Sehschärfe des Auges ist ge-\nlähmt: es genügt die begriffliche Signatur der Dinge.\n(Und die Anschauungen füllt eine zweifelhafte, stil-\nlose Erinnerung hinein.) Ueber die Breite der deut-\nschen Literatur kreist dieser perverse Stilbegriff:\nvon der klassischen Gebärde Neuweimars bis zu\nder pragwienerischen Verklärung der Bügelfalte.\nDie Revision dieses lebensfernen Stilbegriffs wird\nuns Gelegenheit zu anmutigen Scherzen geben. Mit\nder provokantesten Geste werden wir jede Aeuße-\nrung dieser Kultur verhöhnen, die statt auf Aua-\nschöpfung des Lebens auf Erhaltung ihrer Konven-\ntionen abzielt. Jede liberale Schüchternheit, inhalt-\nlose Gebräuche zu erhalten, werden wir mit radi-\nkaler Sorgfalt ausrupfen. Denn wir erleben das\nwelthistorische Schauspiel einer Epoche, in der das"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 530, "texte": "Mittel, die Kräfte des Lebens zum vollendetsten\nAusdruck zu bringen, von der allgemeinen Banalität\ngespeist, zu einer selbständigen Gestaltung sich\nauswächst und endlich dem Leben seine Kräfte ent-\nzieht, um seine nutzlosen, an sich leeren Dogmen\nzu erhalten.\nWir gedenken nicht, meine Herren, dieser arm-\nseligen Komödie nur als Zuschauer beizuwohnen.\nDurch diesen Beitrag werden nicht Meinung und Absicht der Mit-\narbeiter charakterisiert. Diese Sätze treffen nur mich und die\nwenigen mir persönlich nahestehenden Freunde. R. 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Un-\nter dieser Voraussetzung ist der deutsche Libera-\nlismus das denkbar aussichtsloseste Gechäft. Füh-\nrer, die bald nach oben, bald nach unten revo-\nluzzen müssen, Anhänger, die ihre Weltanschau-\nung je nach Lage ihrer geschäftlichen Interessen\nbald nach rechts, bald nach links korrigieren\nmüssen: wie soll in dieser ewig aufgeregten Be-\ngeisterung sich ein solides Geschäftsinteresse\ndurchsetzen. Der Liberalismus ist die Partei der\nUeberzeugungslosen, die immer erst den Augen-\nblick abwarten müssen, um zu wissen, was sie\nglauben — um liberal zu sein, genügt es, politisch\nund kulturell uninteressiert zu sein. Es ist das\nberühmte politische Neutrum. In den Ostmarken\nhat sich die allgemeine Haltlosigkeit der Liberalen\nin einem ergötzlichen Fall gezeigt. Nationallibe-\nrale haben die für das Deutschtum, das ja zu ihren\nProgrammartikeln gehört, gefährlichste Torheit\nbegangen, in einem von großpolnischer Agitation\naufgestachelten Lande die deutschen Stimmen\ndurch Aufstellung nationalliberaler Kandidaten zu\nzerstückeln. Statt sich im parlamentarischen Kuh-\nhandel — der übrigens das Symbol der liberalen\nGesinnung ist — auf einen Kandidaten zu eini-\ngen, wünschen sie ihren politische Individualität zu\nbewahren: eine Borniertheit, die wiederum nur in\ndas Programm der radikalen Parteien gehört. Ein\nSchulbeispiel des haltlosen Kulturdilettantismus,\ndas Haus mit der Nuancierung der Fronten zu be-\nginnen. Die Behörden haben die zwei gesinnungs-\ntreuen Professoren „gemaßregelt\" — eine Tor-\nheit, die den politischen Dilettantismus mit der\nMärtyrergloriole verklärt. Warum versetzt man\ndie Herren nicht stillschweigend in Landstriche,\nwo sie ohne Schaden Politik treiben können?\nAber ich will mich nicht um das ergötzliche Schau-\nspiel bringen, wie deutsche Professoren in ihrer\nmannhaften Gesichtlosigkeit zur Destruierung\ndessen beitragen, was sie dem Schüler mit begei-\nsterter Beredsamkeit für lange verekeln: den\ndeutschen Furor, der aus ganz anderen Quellen\nkommen muß, um erträglich zu sein. Als prakti-\nsche Verwüster dieses peinlichsten Enthusiasmus\n— als Lobrede eines Systems von mittelmäßiger\nKlugheit und formloser Verwirrung sollen uns\nauch die nationalliberalen Professoren willkom-\nmen sein: zumal mich die angenehme Vorstellung\nlockt, wie sie gesträubten Haares und gerungener\nHände gegen solches Ansinnen protestieren wer-\nden.\nSchmock Triumphator\nDie Raffinements der gefährlichsten Giftmischer\nverblassen vor der dämonischen Sicherheit\nSchmocks, der den Zeitgenossen mit einer höchst\ndifferenzierten Technik eine Mischung von Syrup,\nVanille und Lebertran in die Adern spritzt. Mit\nunheimlicher Schnelligkeit lagern sich die Gehirn-\nmoleküle des Befallenen um, der Blutkreislauf\nschleicht träge, in den höheren Stadien umgibt ihn\neine Atmosphäre, die mit Vanille, Syrup und Leber-\ntran auf drei Meter tötlich wirkt. Alle Gefahren\ndes Morphiums entlarven sich lächelnd als harm-\nlos beglückende Befreiung von dieser fragwürdigen\nErdoberfläche, und wenigstens gewährt das Mor-\nphium reelle Genüsse, um die diese Seuche ihre\nSklaven auch noch betrügt. Wie eine fressende\nPestilenz senkt sich der Kultus des Schmocks auf\ndas besiedelte Europa. In der Schweiz verläßt,\neine junge Frau unter Mitnahme ihres Geliebten\ndas Leben. Dafür bleibt ein Tagebuch, das\nSchmock als „romantisch\" seinen Lesern eiligst\ns'erviert. Niemand sieht das grauenvoll Sympto-\nmatische der Angelegenheit. Eine Dame, die end-\nlich Gelegenheit hat, sich unter Ausschaltung lästi-\nGer Beteiligter ihren Wünschen überlassen zu dür-\nfen, notiert die Kurven ihrer Leidenschaft in einem\nTagebuch, verzeichnet die spirituellen Gipfel ihres\nGlücks. Nicht einmal die Freuden ersehnter Nächte\nverhelfen der Dame zu einem reflexionslosen\nGlück, ihr genügt die Tatsache eines mühevoll er-\nrungenen Hotelzimmers keineswegs: sie wünscht\ndem allen durch Zusatz von Vanille, Syrup und\nLebertran einen stechenderen Geruch zu geben.\nIn diese peinliche Unsicherheit der Gefühle bringt\nSchmock die Menschheit. Die begehrtesten Um-\narmungen befriedigen nicht mehr: man wünscht\ndieser Tatsache schriftlichen Ausdruck zu geben.\nDas Wesentliche erotischer Beziehungen gipfelt\nnicht mehr im Schlafzimmer, sondern in einem ge-\nfühlvollen Briefwechsel, in dem der Beischlaf als\nanregendes Motiv Verwendung findet. Und nie\nwar diese Frau durch Druckerschwärze gereizt\nworden — wer hätte nicht das Günstigste von ihr\ngeglaubt, nachdem die Gattin ihres Geliebten nur\nvon ihr zu sagen wußte, daß sie eine wahre Sirene\ngewesen sei (und Sirene bedeutet im Munde der\ngekränkten Ehefrau ein dämonisches Etwas, das\njeden Mann zu den verwegensten Träumen be-\nrechtigt). — Die Versetzung der Weltgeschichte\nmit Lebertran ist in Permanenz getreten. Ueber\ndie Erde, der ein fader Dunst von Syrup entsteigt,\nreckt sich die gigantisch gegen den Horizont ge-\nneigte Gestalt Schmocks, der geschäftig und un-\naufhaltsam bedrucktes Papier in das dunkle Ge-\nwimmel schleudert.\nInsektenpulver! Insektenpulver!\nSeit Monaten wird mein Gehirn nur noch von die-\nser Frage verwüstet: wird Björnson auch diesmal\nden längst beendeten Nekrologen widerstehen?\nDie neue Matratzengruft in Paris ist die Wall-\nfahrtsstätte aller Reporter, die das Absterben\njedes Prominenten mit lyrischer Wehmut zu um-\nwölken wünschen. Beflügelte Federn weben an\neiner Aureole, die im Augenblicke des Todes sich\ngleißend über sein Haupt erheben wird. Recken-\nhafte Lebensfreude wird, was der wütende Opti-\nmismus eines in eine größere Breite gestellten\nidyllischen Pfarrerslebens war, urvölkische Be-\ngeisterung, was ungestörte Lungenkraft dem In-\nhalt seiner Werke voraus hatte. Und die liebens-\nwürdige Pointe, für die das Schicksal so bereit-\nwillig gesorgt hatte: der friedliche Abend des\nGreises, an dem der junge Wein blüht. Ah! Wie\nmußte der Alte die Vorfreude dieser Begeisterung\nspüren! Zentimeterweise schlachteten ihn die all-\nzu impressionistischen Schmöcke ab. Jede Ver-\ndauungsstörung wird ihnen Anlaß zu einem seeli-\nschen Interieur. Man spürt die quälende Sehn-\nsucht, uns mitzuteilen, wie sich der große Nor-\nweger mit gewissen körperlichen Verrichtungen\nabfindet: und nur Schmocks empfindliche Scham\nbleibt bei dieser wehmütigen Feststellung stehen:\n„Besondere Schwierigkeiten macht jede Verände-\nrung der Körperlage\". Ein Heer von Zecken hat\nsich an ihm festgesaugt, gegen die jede Salbe ver-\nsagt. Sie observieren ihn mit der gleichen Nach-\ndrücklichkeit, die wir bei fürstlichen Beilagern ge-\nwohnt sind: wo Schmock sich in jedes Insekt ver-\nwandeln würde, um sich nur keinen Moment des\ninteressanten Nachspiels im Schlafzimmer entgehen\nzu lassen. Das Verlöschen eines immerhin groß\ngedachten Lebens wird von einer Herde von Re-\nportern für den Familientisch hergerichtet; um das\nSeelenleben des Bürgers von seinen Verdauungs-\nschwierigkeiten abzulenken, wird er mit tränen-\ndurchzitterter Stimme über das stufenweise Ab-\nleben des Greises unterrichtet. Wo etwas Unter-\nhaltsames herauszuschinden ist, lüftet Schmock die\nBettvorhänge und zeigt die Agonien des Halbge-\nlähmten einem schaulüsternen Parterre. Die\nAnekdote ergreift Besitz von dem geistigen Leben\ndes alten Europa. Mit feinem Lächeln überwindet\nsie den Tod. „Eine Wärterin des Hotels, eine re-\nsolute Wienerin, verstand es bisher noch am\nehesten, ihn zum Essen zu bewegen. Wenn sie\nmit den Worten zu ihm kam ,Nun, Herr Professor,\nwie geht es uns denn heut? Ein weng papperln?'\nDann lächelte der Kranke und ließ sich ein Kaviar-\nbrötchen oder anderes aufschwatzen. Jetzt weist\ner auch diese Frau ab.\" Der Gestank der Wan-\nzen verpestet die Totenzimmer. Keiner hat den\nMut, zum Insektenpulver zu greifen. Wir kom-\nmen um. Wir werden mit lauwarmem Seifen-\nschaum erstickt. Die Wände unseres Hauses\nwerden durchsichtig, wir leben hinfort vor den\nBlicken des zeitunglesenden Europas. Unzählige\nKiefern zerschroten unser Gehirn zu Drucker-\nschwärze. Insektenpulver! Insektenpulver!\nDer Unfug des Redens\nDie Volksvertreter hatten ihre wohleinstudierten\nLeitartikel mit zündender Beredsamkeit improvi-\nsiert, da kam die Rede an einen, der wirklich von\nder Situation gereizt war und nicht einfach seine\nMeinung an dem Vorredner vorbeizünden lassen\nwollte. Die unbegreifliche Anteilnahme des Herrn\nvon Oldenburg rächte sich schwer. Der unerfah-\nrene Parlamentarier hatte die Situation ernst ge-\nnommen und auf einige mit respektvoller Kühn-\nheit geäußerte Bedenken der Herren grob gesagt:\ndaß sie letzten Endes Gäste des Kaisers seien und\nder Hausherr gegebenenfalls von seinem Haus-\nrecht Gebrauch machen könnte. „Der König von\nPreußen muß jeden Augenblick imstande sein, zu\neinem Leutnant zu sagen: Nehmen Sre zehn Mann\nund schließen Sie den Reichstag\". Rücksichtslos\nan dieser wohlgemeinten Warnung ist nur das\nMißtrauensvotum, das mit zehn Mann die gesunde\nVolkskraft der linken Parteien kompromittiert.\nAber warum dieser hitzig versetzten Ohrfeige an-\ndere Sensationen entlocken? Warum der Wort-\nschwall einer Versammlung, deren Getöse durch\neinen Federstrich gedämpft werden kann? Aber\nman ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, das\ngereizte Verantwortlichkeitsgefühl im Schein völ-\nkischer Empörung strahlen zu lassen. Ein Toben\nbricht aus, der Präsident verliert die Haltung, aus\ndem Schwall zischt es: ist denn kein Tierarzt da?\nMit tiefgekränkter Miene naht der Protestchorus\nder Volksvertreter und über das Haupt des ver-\ndutzten Bundesbruders reichen sich mittlere und\nlinke Parteien ernst die Hände. Feierlich taucht\nder alte Singer mit der Geschäftsordnung aus der\nVersenkung auf — und verbeugt sich tief vor\neinem plötzlich angeflogenen Gefühl von Kom-\nment, daß den Volkstribunen nur sein ernstes\nPost6rieur zu bewundern übrig bleibt. Erschüt-\ntert blickt der Herr von Oldenburg in den Kampf\nder Geister, er weiß nicht, ob er schweigen oder\ngrob werden soll. Aber er vermag sich dem sug-3\ngestiven Einfluß der Tribünen nicht zu entziehen\n— und redet. Er stiehlt seiner gesunden Brutali-\ntät die Pointe. Hier galt es für ihn, breit lachei\ndie empörte Loyalität sich aussprudeln zu lassen\nund mit aller Selb\" rschung dem brennend\nDrang auszuweichen, dessen Komik er selbst mft\nso angenehmer Faßlichkeit formuliert hatte: dein\nDrang zu reden, reden, reden.\nFedervieh=Menuett\nDie arg zerschundene Sprachknnst Alfred Holz-\nbocks ist frisch aafgefärbt. Das ergiebige Schmalz\nseiner schwärmerischen Verliebtheit — der Holz—\nbock muß in alles verliebt sein, was ihm sein Mei-\nster aufzusuchen heißt — fließt zärtlich um die\nArrangeure des Presseballes, deren gemütvolle\nKollegialität heute alle Oesinnungsdifferenzen\nüberbrückt. VorslöhtTg begleiten wir ihn in den\nSaal wo junge Leutnants in der anmutigen weib-\nlichen Jugend freudige Partnerinnen finden, und\nstellen befriedigt fest, daß es wiederum manche\nkostbaren Toiletten gibt, die den luxuriösen Cha-\nrakter, sowie schlichte, die den gediegenen Cha-\nrakter des Balles offenbaren. In respektvoller\nEntfernung blicken wir verstohlen auf die Galerie\nder Prominenten, denen unser salbenstrahlender\nFührer vertraulich die Hände schüttelt, aber ach,\ndie Armen! sie müssen schon von zehn Uhr ah\ngeistreiche Einfälle zum besten geben, und zwar\nauf den kleinen Autographenfächern, die den\nDamen überreicht werden. Und wenn sein schil-\nlernder Stift uns noch an den exotischen Reizen\ndes Festes teilnehmen läßt, ah, dann wissen wir,\ner war wieder von gesellschaftlicher Vornehm-\nheit, der Presseball von gestern, aber diese Vor-\nnehmheit beeinträchtigte nicht die Entwickelung\neiner Frohstimmung, und daß dieses Fest distin-\nguiert und fröhlich ist, das gibt ihm in all unse-\nren Gesellschaftskreisen seinen Reiz und Wert.\nHoldrio.\nAber der distinguierte Geist dieser vornehmen At-\nmosphäre findet seinen Niederschlag erst in dem\n„Musenalmanach 1910'% der als Erinnerung ge-\nspendet wurde. Blättern wir ein wenig in dem\neleganten Büchlein. Hier entledigt sich seiner\nLyrik, wer sie sonst nur in Kursberichten und Ge-\nsellschaftsskizzen als zarten Unterton anklingen\nlassen darf. Und natürlich fehlen nicht die Ver-\nklärer des deutschen Heims, die zeitungsfähigen\nDichter und Denker. Ludwig Fuldas Esprit spitzt\nsich zu jener kaum wahrnehmbaren Feinheit, die\nmich an diesem raffinierten Geist immer gereizt\nhat: ,Ich schrieb ein Stück in des Frühlings Mit-\nten, Und als es über die Bühne geschritten, Da"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 896, "texte": "fegte der Herbstwind die Bäume leer — Die Blät-\nter fielen über mich her.\" Die Blätter ... ah Sie\nscherzen ja, Sie verstehen schon längst. Ein lie-\nbenswürdiger Veteran der Feder und des Schwer-\ntes äußert sich: „Wie hoch steht doch selbstge-\nwollte Weiblichkeit — inmitten der Gotteswelt be-\nwährt — über der nie versuchten Klostertugend\".\nNatürlich. Ueber der nie versuchten Kloster-\ntugend. Der älteste Herr kann noch im spätesten\nAlter mit solcher reifen Weisheit sich mühelos die\nZeit vertreiben. Und mit aufdringlicher Eleganz\ndrängt sich zartgeblümter Kitsch aus dem elegan-\nten und zierlichen Büchlein, in dem eine meist\nfragwürdige Literatur ihren Schreibtisch von un-\nverkäuflichem Ballast befreit hat. 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Der Mann hatte Geld und Gut, ein treues\nWeib, das ihm die Sorgen, die das Geschäft mit\nsich brachte, von der Stirn küßte, einen Kreis von\nKindern, um die ihn der Aemste seiner Arbeiter be-\nneidet hätte. Seine Freunde liebten ihn, denn was\ner angriff, gedieh. Aber heute ist das ganz anders\ngeworden. Und das kam so.\nEines Tages sagte sich dieser Mann: Ich habe Geld\nund Gut, ein treues Weib und Kinder, um die mich\nder ärmste Arbeiter beneidet. Aber bin ich denn\nglücklich, wirklich ganz glücklich? Es gibt Men-\nschen, denen alles fehlt, worum man mich beneidet.\nAber ihre Sorgen werden hinweggescheucht durch\neine ?roPe Zauberin, die Kunst. Und was ist mir\n| die Kunst? Ich kenne sie nicht einmal dem Namen\n;:;nach. Jeder Protz kann seine Visitenkarte bei mir\n; abgeben, und mein Diener reißt den Flügel auf.\nAber die Kunst habe ich noch nicht bei mir emp-\nfaugen. Ich weiß wohl, sie kommt nicht. Aber ich\nwerde sie n. Wie eine Königin soll sie bei\nmir einziehen und bei mir wohnen.\nEr w?.r ein kraftvoller Mann, was er anpackte,\nwurde mir En' >ede ausgeführt. Das war man im-\nmer bei seinen :Schäften gewohnt. Und so ging\ner noch selbe i: Fages zu einem berühmten Archi-\ntekten uvi im: „Bringen Sie mir Kunst, die\nKunst in meine vier Pfähle! Kostenpunkt Neben-\nsache.\"\nDer Architekt Heß sich das nicht zweimal sagen.\nEr ging zu dem reichen Manne hin, warf alle seine\nMöhe! binaus, ließ ein Heer von Parkettierern,\nLackierern Tapezierern, Maurern, Anstreichern,\nTischlern, Installateuren, Schlossern, Töpfern,\nTeppichspannern, Malern und Bildhauern einziehen\nund hui, hast du nicht gesehen, war die Kunst ein-\ngefangen, wohlverwahrt in den vier Pfählen des\nreichen Mannes.\nDer reiche Mann war überglücklich. Ueberglück-\nlich ging er durch die neuen Räume. Wo er hin-\nsah, war Kunst. Kunst in allem und jedem. Er\ngriff in Kunst, wenn er eine Klinke ergriff, er setzte\n.sich auf Kunst, wenn er sich in einem Sessel nieder-\nließ, er vergrub sein Haupt in Kunst, wenn er es\nermüdet in die Kissen vergrub, sein Fuß versank\nin Kunst, wenn er über die Teppiche schritt. Mit\neiner ungeheuren Inbrunst schwelgte er in Kunst;\nseitdem auch sein Teller mit artistischem Decor\nversehen war, schnitt er sein Boeuf ä l'Oignon\nnoch einmal so fest enzwei.\nMan pries ihn, man beneidete ihn. Die Kunstschrif-\nten verherrlichten seinen Namen als einen der\nersten in der Reihe der Mäcene, seine Zimmer wur-\nden zum Vorbild und zur Darnachachtung abge-\nbildet, erläutert und erklärt.\nAber sie verdienten es auch. Jeder Raum bildete\neine abgeschlossene Farbensymphonie. Wand,\nMöbel und Stoffe waren in der raffiniertesten Weise\nzusammengestimmt. Jedes Gerät hatte seinen be-\nstimmten Platz und war mit den anderen zu den\nwunderbarsten Kombinationen verbunden. Nichts,\ngar nichts hatte der Architekt vergessen. Zigarren-\nabschneider, Bestecke, Lichtauslöscher, alles, alles\nwar von ihm komponiert worden. Aber es waren\nnicht die landläufigen Architektenkünste, nein, in\njedem Ornamente, in jeder Form, in jedem Nagel\nwar die Individualität des Besitzers ausgedrückt.\nEine psychologische Arbeit, deren Schwierigkeit\njedermann einleuchten wird.\nDer reiche Mann war überglücklich. Einen großen\nTeil seiner Zeit widmete er von nun an dem Stu-\ndium seiner Wohnung. Denn das mußte gelernt\nsein, das sah er wohl bald. Da gab es gar viel zu\nmerken. Jedes Gerät hatte einen bestimmten Platz.\nDer Architekt hatte es gar zu gut mit ihm gemeint.\nAn alles hatte er schon vorher gedacht. Für das\nkleinste Dingelchen gab es einen bestimmten Platz,\nder gerade dafür gemacht war.\nBequem war die Wohnung, aber den Kopf strengte\nsie gar sehr an. Der Architekt überwachte daher\nin den ersten Wochen das Wohnen, damit sich kein\nFehler einschleiche. Der reiche Mann gab sich alle\nMühe. Aber es geschah doch, daß er ein Buch aus\nder Hand legte und es in Gedanken in jenes Fach\nschob, das für die Zeitungen angefertigt war. Oder\ndaß er die Asche seiner Zigarre in jene Vertiefung\ndes Tisches abstrich, die für den Leuchter be-\nstimmt war. Hatte man einmal einen Gegenstand\nin die Hand genommen, so war des Ratens und\nVersuchens nach dem alten Platze kein Ende, und\nmanchmal mußte der Architekt die Detailzeichnun-\ngen aufrollen, um den Platz für die Züridholzschach-\ntel wieder zu entdecken.\nWo die angewandte Kunst solche Triumphe feierte,\ndurfte die angewandte Musik nicht zurückbleiben.\nDiese Idee beschäftigte den reichen Mann sehr. Er\nmachte eine Eingabe an die Tramwaygesellschaft,\nin der er ersuchte, die Kondukteure anzuweisen,\nsich vor seinem Hause statt des sinnlosen Läutens\ndes „Parsifar'-Glockenmotivs zu bedienen. Allein\ner fand bei der Gesellschaft kein Entgegenkommen.\nDort war man für moderne Ideen noch nicht ge-\nnug empfänglich. Dafür wurde ihm gestattet, die\nPflasterung vor seinem Hause auf seine eigenen\nKosten ausführen zu lassen, wodurch jedes Fuhr-\nwerk gezwungen wurde, im Rhytmus des Ra-\ndetzky-Marsches vorbeizurollen. Auch die elek-\ntrischen Läutewerke in seinem Hause erhielten\nWagner- und Beethovenmotive, und alle berufe-\nnen Kunstkritiker waren voll des Lobes über den\nMann, der der „Kunst im Gebrauchsgegenstande\"\nein neues Gebiet eröffnet hatte.\nMan kann sich vorstellen, daß alle diese Verbesse-\nrungen den Mann noch glücklicher machten.\nEs darf aber nicht verschwiegen werden, daß er es\nvorzog, möglichst wenig zu Hause zu sein. Nun,\nvon soviel Kunst will man sich auch hier und da\nerholen. Oder könnten Sie in einer Bildergalerie\nwohnen? Oder monatelang in „Tristan und Isolde\"\nsitzen? Nun also! Wer wollte es ihm verdenken,\nwenn er neue Kräfte im Caf6, im Restaurant oder\nbei Freunden und Bekannten für seine Wohnung\nsammelte. Er hatte sich das anders gedacht. Aber\nder Kunst müssen Opfei gebracht werden. Er hatte\ndoch schon so viele gebracht. Sein Auge wurde\nfeucht. Er dachte vieler alter Dinge, die er so lieb\ngehabt hatte, und die er doch manchmal vermißte.\nDer große Lehnstuhl! Sein Vater hatte schon im-\nmer sein Nachmittagsschläfchen darin gemacht.\nUnd die alte Uhr! Und die Bilder! Aber die Kunst\nverlangt es! Nur nicht weich werden!\nEinmal geschah es, daß er seinen Geburtstag fei-\nerte. Seine Frau und Kinder hatten ihn reich be-\nschenkt — Sachen, die ihm herzliche Freude berei-\nteten. Denn sie gefielen ihm ausnehmend. Bald\ndarauf aber kam der Architekt, um nach dem Rech-\nten zu sehen und Entscheidungen in schwierigen\nFragen zu treffen. Er trat in das Zimmer. Der\nHausherr kam ihm freudig entgegen, denn er hatte\nvieles auf dem Herzen. Aber der Architekt sah\nnicht die Freudigkeit des Hausherrn. Er hatte\netwas ganz anderes entdeckt. Er erbleichte. „Was\nhaben Sie denn für Hausschuhe an,\" stieß er müh-\nsam hervor.\nDer Hausherr besah sich seine gestickten Schuhe.\nAber er atmete erleichtert auf. Diesmal fühlte er\nsich ganz unschuldig. Die Schuhe waren nämlich\nnach dem Originalentwurfe des Architekten gear-\nbeitet worden. Er antwortete daher überlegen:\n„Aber Herr Architekt, haben Sie schon vergessen?\nDie Schuhe haben Sie ja selbst gezeichnet!\"\n„Gewiß,\" donnerte der Architekt, „aber für das\nSchlafzimmer. Sie aber zerreißen mit diesen zwei\nunmöglichen Farbflecken die ganze Stimmung.\nSehen Sie denn das gar nicht ein?\"\nDer Hausherr sah wohl ein. Er zog rasch die Schuhe\naus und war froh, daß der Architekt nicht auch\nseine Strümpfe unmöglich fand. Sie gingen nach\ndem Schlafzimmer, wo der reiche Mann wiedei\nseine Schuhe anziehen durfte.\n„Ich habe,\" begann er hier zaghaft, „gestern mei-\nnen Geburtstag gefeiert. Meine Lieben haben mich\nmit Geschenken förmlich überschüttet. Ich habe\nSie rufen lassen, lieber Herr Architekt, damit Sie\nuns Ratschläge geben, wie wir die Sachen am\nbesten aufstellen können.\"\nDas Gesicht des Architekten verlängerte sich zu-\nsehends. Dann brach er los:\n„Wie kommen Sie dazu, sich etwas schenken zu\nlassen! Habe ich Ihnen nicht alles gezeichnet?\nHabe ich nicht auf alles Rücksicht genommen? Sie\nbrauchen nichts mehr, Sie sind komplett.\"\n„Aber,u erlaubte sich der Hausherr zu erwidern,\n„ich werde mir doch noch etwas kaufen dürfen?\"\n„Nein, das dürfen Sie nicht. Nie und niemals! Das\nfehlte mir noch, Sachen, die nicht von mir gezeich-\nnet sind!\"\n„Aber wenn mir mein Enkelchen eine Kindergarten-\narbeit schenkt?\"\n„Dann dürfen Sie sie nicht nehmen.\"\nDer Hausherr war vernichtet. Aber noch hatte\ner nicht verloren. Eine Idee, jawohl eine Idee!\n„Und wenn ich mir in der Sezession ein Bild kau-\nfen wollte?\" fragte er triumphierend.\n„Dann versuchen Sie doch, es irgendwo aufzuhän-\ngen. Sehen Sie denn nicht, daß für nichts mehr\nPlatz ist? Sehen Sie denn nicht, daß ich für jedes\nBild, das ich Ihnen aufgehängt habe, auch einen\nRahmen auf der Wand, auf der Mauer dazu kom-\nponiert habe? Nicht einmal rücken können Sie mit\neinem Bilde. Probieren Sie doch, ein neues Bild\nunterzubringen!\"\nDa vollzog sich in dem reichen, reichen Manne eine\nWandlung. Der Glückliche fühlte sich plötzlich\ntief, tief unglücklich. Er sah sein zukünftiges Leben.\nNiemand durfte ihm mehr eine Freude bereiten.\nWunschlos mußte er an den Verkaufsläden dieser\nStadt vorübergehen; für ihn wurde nichts mehr er-\nzeugt. Keines seiner Lieben durfte ihm sein Bild\nschenken, für ihn gab es keine Maler mehr, keine\nKünstler, keine Handwerker. Er war ausgeschal-\ntet aus dem künftigen Leben und Streben, Werben\nund Wünschen. Er fühlte: jetzt heißt es lernen,\nmit dem eigenen Leichnam herumzugehen. Ja-\nwohl: Er ist fertig! Er ist komplett.\nWir führen mit diesem Beitrag den Berlinern einen neuen Mann\nvor. In seiner engeren Heimat, Wien, ist Adolf Loos wohl bekannt.\nJulius Meier-Graefe n?nnt ihn in seiner Entwicklungsgeschichte\nder modernen Kunst einen Künstler und Architekten, Schriftsteller\nund Denker. Loos trat schon vor vierzehn Jahren, zu der Zeit, als\ndie moderne ornamentale Bewegung einsetzte, als ihr schärfster\nGegner auf. Anfangs verspottet und verlacht haben aber die Wiener\nKunstgewerbler bald seine Ideen zu den ihren gemacht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-03_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "4", "page_fin": "5", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.2.7", "titre_corps": "Berlin : Ballade von unserer lieben Frau im Coupé", "titre_sommaire": "Berlin : Ballade von unserer lieben Frau im Coupé", "signature_source": "René Schickele", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.4", "debut_caractere": 10835, "fin_caractere_exclue": 11966, "texte": "Berlin\nBallade von unserer lieben Frau im Coupé\nVon René Schickele\nAuf der Stadtbahn\nEs hält ein Zug, der, wohin Du willst, nicht geht,\nSolang er hält, sprich, Wandrer, ein Gebet.\nLiebe Frau im Coupe.\nEure Augen tun weh\nwie Haß. Ihr seid verhärmt,\nes schmerzt Euer schiefer Mund,\nund Eure Schultern träumen,\nIch schwöre, schlief der Hund,\nder Eure Füße wärmt,\ninbrünstig würd ich Euch den Gram vom Antlitz\nblasen,\nIhr solltet nimmer säumen.\nEure Pulse müßten laufen wie zwei Hasen\nbis vor die Stadt und zusammenprallend in einem\n■ >usch verschwinden.\nDort möcht ich Euch ernsthaft lächelnd mit ge-\nwölbtem Munde wiederfinden.\nSchlag, Wandrer, das Zeichen des Kreuzes nach\ndem Gebet.\nEs fährt ein Zug, der, wohin Du willst, nicht geht.\nVorortballade\nUm seine Villa beneidet der eine den andern, um\ndas Leuchten des Wannsees,\num seine Terrasse mit geflochtenen Stühlen, um\ndas Segelboot „Ramses\".\nUm seinen Hühnerhof auch und den schattigen\nGarten,\nwo e r in vielen Nächten verdammt war zu warten,\nbis eine Dame kam mit hellem Haar und dem\nSchlüssel zum Auslug.\nIhr Haar fiel, und sie lachte leis, bis die erste\nLerche im Tau schlug."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3191, "texte": "Nun aber möchte er Starkästen bauen, mit kleinen\nHunden spielen,\nDem Wetter vertrauen und im Schatten nach\nglitzernden Möven zielen,\ndas Bot „Ramses\" besteigen, in Himmel und Wol-\nken baden!\nVor allem wünschte er sehr, seine Freunde zum\nEssen zu laden.\nWogegen der andre mit Schnaken kämpfte im\nschattigen Qarten,\nverdammt in vielen Nächten zu stehn und lange zu\nwarten,\nbis eine Dame käme, mit hellem Haar und dem\nSchlüssel zum Auslug.\nIhr Haar fiel, und sie lachte leis, bis die erste\nLerche im Tau schlug.\nBerliner Abende\nI\nIch geh eine ganz vergoldete Straße entlang.\nDer Himmel zerfließt im Sonnenuntergang.\nDa kommen Frauen, märchenschön,\nund bleiben vor glitzernden Läden stehn.\nIn Blüten schwimmt der Potsdamerplatz,\ner träumt vom Mond, dem Qötterschatz.\nII\nAn der Ecke steht ein Mann\nmit verklärtem Gesicht.\nDu stößt ihn an,\ner merkt es nicht.\nStarrt empor mit blassem Blick,\nschlaff die Arme herunter.\nTiefer gestaltet sich sein Geschick\nund der Himmel hunter.\nPrinzessin fahren aus\nKann ich dir denn im offnen Wagen\nvor allen Blicken wiedersagen,\nwas du ja schon lange weißt?\nDarf ich denn meiner Hände Segen\nso auf das wilde Herz dir legen,\ndaß du still und fröhlich seist?\nDa! alle Leute sehn uns an,\nals fragten höhnend sie: wie, wann\nmag dies Schicksal sich entscheiden?\nIch denke doch, wir wollen nicht\nvor jedem dummen Tropf und Wicht\nunsre schönen Schmerzen leiden?\nPrinzessin in der Theaterloge\nDein ist die Hand, die diesen Fächer hält\nund dein bin ich, auch hier.\nErlischt das Licht, wend ich mich rasch zu dir\nund nochmals, wenn der Vorhang fällt,\nund du erinnerst dich, nicht wahr? . .\nund weißt, ich bin sehr schön!\nIch fächle den geliebten Duft dir zu,\nich will in deine Arme wehn!\nJa, manchmal schließe ich die Augen, du . .\nso bin ich dein, kannst du das sehn?\nund ganz, wie ich es heut und gestern war.\nAbschied von Berlin\nHurra! Der Strudel hat mich ausgespieen.\nFiebernd blicke ich und stammle Fluchgesänge,\nDer D-Zug fährt noch zwischen Häusern hin.\nUnd ich bete, daß die Befreiung mir gelänge\naus dem Wüsten, Wilden, wie es Qott gefällt,\nüber dem nassen Tiergarten seh ich die Wolken\nziehn,\n„Zoologischer Garßen\". Dies war meine Welt.\nAber in Qeierfängen entflieh ich dir, Berlin!\nNein, ich bliebe nicht, selbst wenn sie mich um-\nschlänge\nund aus ihrem wunderschönen Mund sich ränge\nherzerschütternd Liebesglut und Angstgebet.\nPrinzeß, adieu! Jetzt trinkt Ihr wohl Kaffee,\nim Garten, vor dem besonnten, roten Tulpenbeet,\ndas Eurer schwarzen Schönheit ebensogut steht,\nwie etwa das Feuer im Kamin Eures dunkeln\nZimmers.\nWie liebe ich die zuckende Wildheit seines Schim-\nmers\nauf Euerrn braunen Leib, worin das Auge dunkelnd\ndie Nacht der Nächte offen hält,\nin Wiederschein von tanzenden, roten Lichtern\nfunkelnd,\nund heiß, als schmolz darin die Welt.\nIhr Abendschönheit, rote Lilie, glühender Schnee\nund Buchengold um den entflammten Höhensee.\nO spiegelt Euer schmal Gesicht im braunen\nKaffee!\nPrinzeß, wenn im Herbst die Abende erkalten,\nwill ich es wieder in den Händen halten.\nIhr biegt Euch wieder in meinen Armen und lacht\nein Lachen, das uns von den Menschen scheidet.\nDoch bitte, bitte, nehmt Euch dann in acht\nund seht, daß Ihr nicht an Migräne leidet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-03_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "5", "page_fin": "5", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.2.8", "titre_corps": "Einheitliche Konzerte", "titre_sommaire": "Einheitliche Konzerte", "signature_source": "Felix Stössinger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.5", "debut_caractere": 3193, "fin_caractere_exclue": 10315, "texte": "Einheitliche Konzerte\nVon Felix Stössinger\nEinheitlich ist ein Konzert, das sich organisch ent-\nwickelt. Es gibt hundert Gesichtspunkte, nach\ndenen die Programme gebaut werden können.\nEine geringe Verschiebung der Vortragsordnung\nzerstört schon die Bildung und trägt einen frem-\nden Keim in das Gemüt des Zuhörers. Wenn\nirgend etwas auf seine Stimmung einwirkt, ist es\nder vorsichtige Gebrauch seiner Nervenkräfte.\nEin großer Künstler kann die fremdesten Dinge\nneben einander stellen. Sein Genie reißt uns mit\nund wir lächeln und zittern nach seinem\nWillen. Aber wie jämmerlich zerzaust ist unsere\nVerfassung. Wir sind beglückt und unbefrie-\ndigt, erhoben und gestört und kennen den\nGrund unserer Unruhe nicht. Die Einheitlichkeit\ndes Programmes ist deswegen notwendig. Man\nhat diesen Gedanken, besonders im „Kunstwart\"\nbegriffen, aber unbeholfen ausgeführt. Alle Vor-\nschläge für substanzielle Einheitlichkeit sind Un-\nfug. An einem Abend den Winter und Sommer,\nam nächsten Ritter, Tod und Teufel zu besingen,\nist höchstens äußerlich interessant. Die wahre\nEinheit liegt in der inneren Folgerichtigkeit und im\nVermeiden krasser Kontraste.\nUeber drei Konzerte ist heute zu referieren, die\neine zufällige und beabsichtigte Einheitlichkeit\nauszeichnet. Ein Fräulein Dubois hat französische\nKlaviermusik von Couperin bis Debussy vorge-\nspielt, Artur und Therese Schnabel gaben einen\nSchubert-Abend und im sechsten Philharmonischen\nKonzert waren drei verwandte Naturen nur durch\nzwei fremde von einander getrennt. Bei Nikisch\nist das schon ein Ereignis.\nDie inneren Zusammenhänge sind bei der Dubois\ndie Rassenmerkrr;ale der Komponisten; bei den\nSchnabelischen die edle Harmonie eines großen\nKünstlers; bei Nikisch die Wahlverwandtschaft\nzwischen Mendelssohn, Vieuxtemps und Piotr\nTschaikowsky.\n„Aber ich bitte Sie\" rufen die Abonnenten.\nMan könnte einen Rückschluß ziehen und sagen:\nMendelssohn wird von Nikisch ebenso gut diri-\ngiert wie Tschaikowsky. Zwei Größen, die auf\neinen Dritten gleich wirken, sind auch unter ein-\nander gleich. Aber der Beweis, den man mir nach\nGefühl und Instinkt und Verständnis glaube, oder\nnicht glaube, führt an: Mendelssohn und Tschai-\nkowsky vertonen oberflächliche Gefühle. Beide sind\nvon Haus aus Melodiker und erst Symphoniker aus\nzweiter Hand. Mendelssohn ist als Künstler ein\nkultivierter Spießer und infolge seiner Abstammung\nsentimentaler als erlaubt. Tschaikowsky ist letz-\nten Endes eine kleine Natur: Ein Genießer des\nNegativen und Empfinder des Vergänglichen. Er\nliebt die vorüberschwebenden Gefühle. Er strei-\nchelt die Schwermut. Er ist ein Künstler, weil er\nsein Innenleben ausdrücken kann. Aber es ist das\nInnenleben eines Kleinbürgers. Auch er ist wie\nMendelssohn Heimatskünstler. Das Nationale\nnährt und stärkt seine Kunst. Das russische Kolo-\nrit ist matt und traurig. Es färbt die gleichfarbige\nNatur eines sanften Menschen und verdickt seine\nKunst. Das verwandte Volkstum Tschaikowrskys\nist kräftiger als das Mendelssohns. Deswegen ist\nTschaikowsky auch absolut bedeutender. Die\nVoraussetzung für eine erträgliche Musik Men-\ndelssohnschen Charakters ist ein russischer Ge-\nburtsschein.\nZwischen beiden wurde der Zauberlehrling von\nDukas gespielt. Eine auch ohne Goethe wirksame\nund reizvolle Musik, deren behlliches Fagottthema\nrhytmische Vorstellungen hinterläßt. Auch Vival-\ndis g-Konzert ist eine rhytmische Erinnerung.\nAber was Dukas lobt, tadelt Vivaldi, weil die Phra-\nseologie des Zeitgeschmackes die menschlichen\nEigenheiten übertönt und der schöne Charakter\ndieser alten Violinmusik nicht spezifischen Vivaldi-\nschen Ursprunges ist. Doch ihre rhytmische,\ndurch Intervalle wirkende Großzügigkeit machte\nbeim Spiel Ysayes Vollendung aus. Die Elfentöne\nseiner Geige entzaubert eine impulsive und male-\nrische Bogenführung.\nHistorische Assoziationen verbinden mit Vivaldis\nViolinkonzert den Klavierabend von Marie Dubois.\nAuf Scarlatti geht Vivaldis Form zurück und da-\nmit auf die ersten Komponisten des Klaviers. Cou-\nperin und Rameau sind Stammgäste in Klavierkon-\nzerten und heute ebenso frisch wie vielleicht auch\ndie Daquin, Dagincourt, Dandrien. Das Spiel\nder Dubois hat die Stilunterschiede vorge-\nstellt. Man liest, daß Rameau früher als Couperin\nwirkte, ihn aber, überlebend, steigerte. Diese\nauch sonst Haydn und Mozart parallele Entwicke-\nlung wurde hier lebendig. Noch deutlicher aber\nzeigte sich die natürliche Entwiekelung der fran-\nzösischen Klaviermusik. Debussy, Thome und\nWidor sind wie ihre Ahnherren wieder Miniatur-\nmaler und Programmatiker. Die Steigerung des\nTanzes zur Klaviermusik reicht nun von Charn-\nbonniere bis Saint-Saens und Pierne.\nFräulein Dubois ist sicher fleißig gewesen. Sic\nspielt technisch und geistig vortrefflich. Die\nHärte ihres Anschlages ist nicht hart genug, um\ncharakteristisch sein zu können. Man erschrickt\ndavor, sie nicht recht loben zu dürfen. Wie hoch\nist doch das Niveau, wenn erst soviel Können in\nden guten Durchschnitt eingereiht wird.\nDas Konzert von Artur Schnabel und Therese Behr\nzählt zu den Erlebnissen auf meinen diesjährigen\nWinterreisen. Welch eine Entwiekelung hat die-\nser Mann seit einem Jahr durchlaufen. Er schlug\nauf das Klavier wie mit Basalt auf Qranit. Jetzt\nhat er eine spielende, aber nicht spielerische\nLeichtigkeit in den Fingern. Er ist nicht mit An-\nsorge oder Busoni in eine Klasse zu ordnen. Ihm\nfehlt noch die letzte Bedeutung, wenn auch nicht\ndie Kraft, sie zu gewinnen. Ueber alles Hebe ich an\nihm seine innere Schwerfälligkeit. Wrie arbeitet\nder ganze Mensch. Die Musik ringt sich aus sei-\nner Brust und stöhnend schafft er auf* neue. Sein\nAnblick läßt die Leichtigkeit des Spiels nicht recht\nbegreifen. Sehenswert ist das Phänomen, wie\nmännliche Anmut aus männlicher Kraft geschöpft\nwird. Artur Schnabel ist im besten Sinne ein\nKlavierschauspieler.\nTherese Behr ist reine Sängerin und gehört zu den\nwenigen durchaus harmonischen Künstlernaturen.\nWenn sie ihre Gefühle nur ängstlich und verhalten\naufdeckt, so kann diese Keuschheit durch ihre ge-\nringen Stimmittel erklärt werden. Aber vor dem\nWunder gleicher Körperlichkeit erscheint diese Er-\nklärung nur als Ausflucht. Während der Körper der\nMusikanten mehr oder weniger irrelevant ist, er-\nscheint er bei Therese Behr als Ausdruck der\nSeele. Diese für das Pack nichtssagende Steifheit\nder Glieder ist von Innigkeit erwärmt, die nur nicht\nsichtbar zur Geltung kommt. Und die gleiche In-\nnigkeit atmet der müde, schmalbrüstige Gesang.\nDie Stimme ist sehr milde, von geringem Umfang\nund noch nicht vollkommen ausgebeutet. In den\nhöheren Lagen fühlt man die technische Arbeit und\ndie Schwierigkeiten des Vortrages. Aber wie rüh-\nrend quellen die Gefühle auf und wie treibt der\nniedergehaltene Schmerz, besonders in den Lie-\ndern: „Der Lindenbaum\" und die „Nebensonnen44\ndie Tränen gegen Kehle und Wimperen. Diese\nliebe Frau ist keine ganz große Künstlerin, weil\nsie nicht das Leid des verlassenen Burschen zu\ntypischer Tragik steigern kann. Doch wie sie ist,\nist Harmonie der Reiz ihres Wesens. Monumen-\ntalität und reicheres Stimmaterial würde die Ein-\nheit und Schönheit dieses echten Menschentums5\nnur auflösen und zerstören."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-03_01#c009", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "5", "page_fin": "6", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.2.9", "titre_corps": "Peter Baum", "titre_sommaire": "Peter Baum", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.5", "debut_caractere": 10317, "fin_caractere_exclue": 10730, "texte": "Peter Baum\nVon Else Lasker-Schüler\nEr versäumt den Tag, und die Dunkelheit erreicht\ner, wenn es zu spät ist. Aber er träumt noch\nschnell unter dem verschwindenden Mond. Einmal\nkam Peter Baum barhäuptig im Januar ins Theater\ngegangen, draußen waren 15 Qrad Zer—fahren-\nheit. Einmal steckte er seine brennende Zigarre in\ndie Hosentasche, später meinte Peter Baum — daß\nes nicht die Kartoffeln auf dem Feld gegenüber"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1321, "texte": "wären, aber daß seine Lende versenge. Und doch\nhat St. Peter Hille einmal gesagt: Peter Baum sei\nder sensibelste Mensch, den er je kennen gelernt\nhabe. Peter Baum ist ganz blau. Das heißt über-\nsetzt: Er ist ein Dichter. Sternenpsalme hat er\ngedichtet für die Harfe Davids, für das Herz Salo-\nmes, des Dichterkönigs von Juda. Und doch ist\nPeter Baum der leibliche Sohn und Erbe des Evan-\ngeliums. Seine Väter waren die Herren von Elber-\nfeld im Wupper-Muckertale. Sie beteten zu Luther\nund wachten auf in Sonntagsfrühe beim ersten\nSchrei des Kirchenhahns. Manchmal erscheinen sie\nihrem Urenkel im Schlafe, weniger der jüdischen\nPsalme, aber seines abtrünnigen Romans „Spuk\"\nwegen. Es ist ein Roman im Kaleidoskop; die Bil-\nder kommen buntartig und schwinden blendend wie\nteuflische Spiegel. Ein flackerndes Fleckenspiel\nhinter geschlossenen Augen. O, und seine wunder-\nvollen Novellen „Im alten Schloss\" brachte er mir\neines Abends, seine große Tannengestalt erschien\nmir noch eine Krone höher, so aufwärts wie der\nGraf seines Buches, ein wetternder Weihnachts-\nbaum, der seinen Schmuck abgeschüttelt hat. Die\nWochenschrift „Sturm\" wird Peter Baums neuestes\nWerk bringen, das spielt zur Rokokozeit und ist in\ngeblümter Seidensprache geschrieben. Wie tief\nseine Dichtungen doch ihn erleben und er sich an\nihnen verwandelt!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-03_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "6", "page_fin": "6", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.2.10", "titre_corps": "Ausgelachte Lyrik", "titre_sommaire": "Ausgelachte Lyrik", "signature_source": "S. Friedlaender", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.6", "debut_caractere": 1323, "fin_caractere_exclue": 5843, "texte": "Ausgelachte Lyrik\nVon S. Friedlaender\nIch habe einige Gedichte von mir unter dem Titel\n„Durch blaue Schleier\" veröffentlicht und zu mei-\nner Genugtuung sind zwei davon (die übrigens\nnicht zu den besten gehören) von der versammel-\nten Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger\nherzlich belacht worden. Ich bin durchdrungen\nvon der Gewißheit, daß erstens meine Gedichte\nkeineswegs auf dem Niveau jener Genossenschaft\nstehen; daß zweitens auch mein allerschlechtestes\nGedicht jenes Niveau überragen muß; daß endlich\nvon Klassenintelligenz an alles, was nicht auf ih-\nrem Niveau ist, stets in dem Sinne verlacht wer-\nden .wird, wie wenn es unter ihm wäre. Denn\ndieses ist immer der Unterschied des gemeinen\nLachens vom edlen und vornehmen gewesen, daß\njenes auch das Erhabene noch in den Staub unter\nseinen Füßen zieht; hingegen dieses adelt auch\nnoch den Staub. Das Lachen des Vornehmen über\nden Geringen hat einen gewissen himmlischen und\nreinen Klang, der das Geringe harmonisch mitklin-\ngen läßt. Wo aber Gemeinheit (d. h. „Durch-\nschnitt\" und Tieferes) über Edleres lacht oder, was\nganz genau dasselbe besagt, Theodor „Lessing\"\nüber Samuel Lublinski; desgl. Hermann Nissen\nüber Salomo Friedlaender; der kranke und „ge-\nsunde\" Menschenverstand über den übergesunden\n— dieses rohe Gelächter stumpfsinniger Verständ-\nnislosigkeit schändet, entehrt, vernichtet bloß sein\nObjekt; es ist nicht auch schöpferisch. Muß ich\ndiese Eule nach Athen tragen? — Man prüfe das\nLachen! Ich versichere, daß ich genau so sehr\nüber meine Gedichte, über Lublinski und Waiden\nlache, wie Nissen, „Lessing\" und Konsorten: Aber\nanders, anders! Denn seit wann, heillose Ein-\nfalt, ist das Lachen nicht mehr weit verräteri-\nscher für den Lachenden als für den Ausgelachten?\nEs ist leicht, zu lachen. Alles kälbert gern, vom\nJüngling bis zum Nordpolentdecker, das Lachen\nist aber eine angenehme Verrichtung. Es ist leicht,\nüberhaupt zu lachen; allein weise zu lachen: so zu\nlachen, daß man alle Lacher, auch den Ausgelach-\nten auf seiner Seite hat, befreiend, erlösend, auf-\nklärend zu lachen, vermögen (außer Nietzsche-\nZarathustra) nur wenige Menschen, nur Lessinge,\ndie nicht Theodor heißen. Dieser Heiterling Theo-\ndor nimmt sich und George verzweifelt ernst, mei-\nnen Lublinski höllisch lustig: Das ist der netteste\nBeweis für die unglaublich alberne Leichtfertig-\nkeit der flachen und rohen Lache, die er tierisch\naufschlägt. Je gründlicher, weiser und göttlicher\njemand lacht, desto weiter wird der Umkreis des\nVerlachten, bis er zuletzt die Welt und den Lacher\nmit in sich einbezieht. Wer sich bis in das Mark\nder Knochen hinein Kraft nimmt, kommt aus dem\nLachen über sich nicht mehr heraus. Es ist dieses\ndas ganze Geheimnis des Ernstes, daß das\nLachen mit in sein Wesen hineingehört. Wie\ndumm lacht so ein Kerl, der aus seines Ernstes\nsicherem Hafen lacht! Wie ordinär macht Lessing\nvon dem vermeintlichen Privileg, nicht Lublinski\nzu sein, Gebrauch! Wir kennen dieses mensch-\nlich-allzumenschliche Gelächter, das heute ihre\nehemaligen Kreuzigungen und Verbrennungen\nmehr als ersetzt! Es gibt eine Rangordnung des\nGelächters, und sie beruht auf einem Gegensatz,\nUm rund herauszukommen, muß ein Gelächter\nBosheit mit Güte konsonieren lassen, Vernichtung\nmit Schöpfung. Was wäre eine Logik der bloßen\nNegation? — Vernichtende Kritiken, die nicht\nebenso schöpferisch sind, vernichten auch nur\nhalbwegs. Wer wie der sogenannte „Lessing\"\nverzerrt, ohne zu rechnen, daß nur Ideale verzerrt\nwerden können; daß seinem von ihm und von der\nNatur so häßlich verzerrten Lublinski — für\nLessings flache Sinne unempfindbar — das herr-\nliche Wesen Lublinskis noch deutlich erkennbar\nuntergelegt ist, der gibt klärlich zu verstehen, daß\ner die Dinge auch nur halb ernst nehmen kann; daß\nauch seine Verehrungen flache Hügel sind, daß er\nden Diameter seines Lachens nur als Halbmesser\nkennt. Lachen ist, wenn es mehr sein möchte als\nein albernes Gekälber, die schwerst erlernbare\nKunst, der vollendete Triumph aller Welt. Nur\ndie Gerechtigkeit dürfte lachen. Das infernalische\nGelächter „Lessings\" sollte Herr Lublinski olym-\npisch beantworten: mit welcher wundervollen un-\nsichtbaren Schönheit verklärt er seine sichtbaren\nVerrenkungen. Wenn also überhaupt gelacht wer-\nden soll, so lache man unisono und gegenseitig.\nEin Mann wie Scheerbart gar lacht über alle Ge-\nnissen- und Genossenschaften der Weltangehöri-\ngen so sehr, daß ich wünschte, es wirkte allgemein\nansteckend. Ich zerreiße jedes edle lyrische Ge-\ndicht, über das Nissen usw. nicht lacht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-03_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "6", "page_fin": "6", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.2.11", "titre_corps": "Offener Brief : Lieber Herr Walden!", "titre_sommaire": "Offener Brief : Lieber Herr Walden!", "signature_source": "Samuel Lublinski", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.6", "debut_caractere": 5845, "fin_caractere_exclue": 7414, "texte": "Offener Brief\nLieber Herr Walden!\nSamuel Lublinski\nSie fragen mich, ob ich nicht dem sogenannten\nzweiten Lessing persönlich erwidern will. Doch\ndazu ist mein Zorn gegen den Ehrenmann nicht\ngroß genug, obwohl freilich, wie ich zugeben muß,\nsein jüngstes Produkt nach dem Gegenteil von\nEau de Cologne riecht. Aber die dicke Komik, in\nder dieser Brave förmlich eingewickelt liegt, muß\nmich entwaffnen.\nSehen Sie sich doch nur, bitte, diesen judenfresse-\nrischen Semiten an, der nach eigenem Geständnis\nan Halluzinationen leidet! Da rast, tobt und\nschäumt er wider etwas, das er „esprit-jüdisch\"\nnennt, und merkt dabei gar nicht, daß sein eigener\nArtikel in seiner geistreichelnden Roheit als die\nduftigste Blüte der von ihm gekennzeichneten\nLiteraturgattung erscheint. Eine solche Ahnungs-\nlosigkeit müßte eigentlich zwerchfellerschütternd\nwirken, wenn nur nicht ein gewisser Ekel wäre,\nso daß man nach dem Riechfläschchen greift.\nImmerhin hat diese Groteske mich schon vor dem\nKampf entwaffnet, und ich gelange mehr und mehr\nzur Einsicht jener alten Stoiker, denen Gottes Güte\nund Weisheit nicht zum wenigsten durch die\nExistenz gewisser kleiner Lebewesen bewiesen\nwurde. Darum sei es fern von mir, dem unzwei-\nfelhaft menschlichen Lebewesen Theodor Lessing\ndas Recht zum Dasein abzusprechen. Ich lasse\ndiesen Judenfresser semitischer Abstammung ruhig\nlaufen, wie ich auch die unverfälscht arischen Anti-\nsemiten zumeist laufen ließ, und Gottes Weisheit\npries, der in unergründlichem Erbarmen auch noch\ndiesen Geschöpfen zum Licht der Sonne verhalf.\nMit freundlichem Gruß"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-03_01#c012", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "6", "page_fin": "6", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.2.12", "titre_corps": "Erklärung", "titre_sommaire": "Erklärung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.6", "debut_caractere": 7416, "fin_caractere_exclue": 11967, "texte": "Erklärung\nZu Herrn Herwarth Waiden, den wir durch\nunsere Mitarbeiterschaft zu wiederholten Malen in\nden Augen der Halbkultivierten kompromittiert\nhaben, kommen zwei Kaufleute und fordern ihn\nauf, die Chefredaktion einer dem französischen „Le\nTheatre\" nachgebildeten Zeitschrift zu übernehmen.\nHerr Waiden setzt den Herren auseinander, daß er\nsich zu einer derartigen illustrierten Zeitschrift nur\ndann verstehen könne, wenn sie in einer streng\nkünstlerischen und durchaus vornehmen Form ge-\nhalten sei, legt ihnen zahlreiche Nummern der\nfrüher von ihm geleiteten Zeitschriften vor, deren\nTon und Inhalt die Herren als für die neue Zeit-\nschrift maßgebend anerkennen. Zum Ueberfluß\nmacht Herr Waiden die Herren mit dem skanda-\nlösen Benehmen bekannt, das die Genossenschaft\ndeutscher Bühnenangehöriger seiner streng künst-\nlerischen Haltung wegen ihm gegenüber an den\nTag gelegt hat. So auf das Genaueste informiert,\nengagieren die beiden Kaufleute Herrn Herwarth\nWaiden auf mehrere Jahre unkündbar als Chef-\nredakteur. Darauf versieht er die Herren, die zu-\nnächst nicht viel mehr wußten, als daß sie eine\nTheaterzeitschrift haben wollten, mit Ideen und\nAnregungen. Die neue Zeitschrift, die auf Herrn\nWaldens Vorschlag den Titel „Das Theater\" erhält,\nerscheint vom 1. September 1909 ab als Halb-\nmonatsschrift, findet im In- und Ausland eine große\nVerbreitung und genießt den Beifall der maßgeben-\nden künstlerischen Kreise.\nAber schon am ersten Tage stellt sich heraus, daß\ndie Herren Kaufleute Neigung haben, sich nach be-\nkanntem Muster, jedoch mit vermehrtem Eifer, in\ndie redaktionellen Angelegenheiten einzumischen.\nSie erlauben sich Kritiken über unsere Mitarbeiter-\nschaft und geben immer deutlicher zu verstehen,\ndaß sie die Zeitschrift im Geschmack eines Fami-\nlienblattes gehalten wünschen. Sie gebärden sich\nganz so wie Leute, die es nicht länger erwarten\nkönnen, daß die Redaktion Bilder gegen Bezahlung\nveröffentlicht und die Nennung von Konfektions-\nfirmen gegen pekuniäre Leistung einführt, was ja\nschließlich vom Standpunkte der Kaufleute einen\nreellen Handel und keine Korruption bedeutet.\nSchließlich gehen die Herren soweit, daß sie ihren\nRedakteur anweisen, er möge seine Mitarbeiter zu\neinem dem Fassungsvermögen der Verleger ange-\npaßten Stil anhalten. Als sich Herr Waiden auch\nin diesem Falle gänzlich abgeneigt zeigt, entschlie-\nßen sich die Kaufleute, die inzwischen in Berlin —\ndie Herren waren fremd am Platze — Fühlung mit\nden verständnisvollen und gefügigen Literaten be-\nkommen haben, eben jenen Kontraktbruch zu be-\ngehen, den die Genossenschaft deutscher Bühnen-\nangehöriger ihnen so schön vorgemacht hat, und\nentlassen den unbequemen Redakteur. Sie ent-\nlassen ihn, nicht ohne ihm vorher einen Artikel\nzensuriert und dafür seinen Herausgebernamen\nmit einer Schneidereklame und ähnlichen Beiträgen\nin Verbindung gebracht zu haben. Der Fall ist eine\nautorrechtliche Novität; aber sie wußten bereits,\ndaß sie des Beifalls und des „Ahas\" aller jener ge-\nwiß sein würden, denen wir Mitarbeiter von jeher\nfatal waren. Wir stellen in diesem Ereignis die\nLogik der Zeitläufte fest. Es kann gar nicht anders\nsein, als daß Konfektionäre sich in die Angelegen-\nheiten der Kunst und Literatur einmischen. Und\nwenn diese Herren, die einen Redakteur mit einem\nKommis verwechseln, weil sie geistige Stoffe nicht\nmit der Elle messen können, von uns verlangen,\nwir möchten so schreiben, daß wir sogar ihnen\nverständlich sind, so wollen wir uns wenigstens\neinmal so ausdrücken, daß sie nicht im Zweifel\nüber das sind, was wir meinen. Wir sagen also:\nAuf diesen Abschluß brauchen sich die Herren\nKaufleute nichts einzubilden. Er ist unlauterer\nWettbewerb mit Herrn Nissen. Aber auch auf die\nZufriedenheit der Kundschaft, die wir bekämpft\nhaben und weiter bekämpfen werden, brauchen sie\nsich nichts zugute zu tun. Solche Späße werden\nwir noch öfter erleben, und dabei die notwendige,\nwenn auch lästige Bekanntschaft einer Sorte von\nMenschen machen, die glauben, sie könnten uns\ndazu benutzen, für den schlechtesten Teil des\nPublikums Pofelware zu liefern. Auf den Kontrakt-\nbruch dieser Prinzipale, die vor jedem Schmock\nund Rekordlibrettisten zittern, waren wir von der\nersten Nummer an gefaßt. Ein Dutzend in Freiheit\nredigierter Nummern — wenn das der biedere\nNissen erlebt hätte, — der nur bis drei zählen\nkonnte!\nDr.Ru d o 1 112 Blümner Dr. Alfred Döb-\n1i n Dr. S. Friedl a e n d e r Ferdinand\nHardekopf Dr. Siegmund Kalis c h e r\nRudolf Kurtz Else Lasker-Schüler\nLudwig Rubi n e r Rene Schic k e 1 e\nMario Spiro Felix Stössinger."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-03_01#c013", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "6", "page_fin": "6", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.2.13", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.6", "debut_caractere": 11969, "fin_caractere_exclue": 12332, "texte": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke\nHERMANN BANG: Menschen und Masken\nVerlag Hans Bondy, Berlin\nKARL KRAUS: Sprüche und Widersprüche\nVerlag Albert Langen, München\nLUDWIG HATVANY: Ich und die Bücher\nVerlag Paul Cassirer, Berlin\nJOSEPH SCHÖFFEL: Erinnerungen aus meinem Leben\nVerlag Jahoda & Siegel, Wien\nROBERT SCHEU: Karl Kraus / Essay\nVerlag Jahoda & Siegel, Wien"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-03_01#c014", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "7", "page_fin": "7", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 459, "texte": "Malschiile\nmOller-schoenefelo\nAtelier Charlottenburg- 111,\nSchillerstr. 3:\nVormittag: Portrat u. 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HARNISCH & Co-, Berlin W57\nDR. REBAJOLI'S Italienischc\nU fur Schulen\nLehrbuch der italienischen Sprache\nI. Stufe. Gebunden Mark 2,—. (Fur Anfanger)\nDiese kurzgefasste aber durchaus tibersichtliche Grammatik beschrSnkt\nsich darauf, von den Formen, Rcgeln und Vokabeln nur das zu bieten,\nwas zum alltaglichen Gesprach unbedingt erforderlich ist. Das kleine\nWerk eignet sich auch besonders zum Zwecke, Damen und Herren, die\neine Reise nach Italien vorhaben, eine allgemeine Kenntnis der Sprache\nzu verschaffen, oder bereits erworbene Kenntnisse in kurzer Zeit auf-\nzufrischen.\n11. Stufe. Geb. Mk. 4.—. (Fur Vorgeschrittene)\nAls Fortsetzung der I. Stufe fur diejenigen Schtiler gedacht, die eine\ngrundliche Kenntnis des gesamten grammatischen, syntaktischen und\nlexikalischen Sprachschatzes anstreben. Diese zweite Stufe enthalt ein\nitalienisch-deutsches und de utsch~itallenisches Worterbuch,\ndas dem Lernenden jedes weitlSufigere Lexikon vollauf ersetzen diirfte.\n„Spielend\"lernt man Sprachen durch\nDr. Rebajoli's Autodidakt\nA. Italienisch, elegant gebunden Mk. 10\nB. Franzosisch, elegant gebunden Mk. 10\n„Ein monumentales WerK, das jedem, der es ernst nimmt mit\ndemLernen einer Sprache, den Stoff zu intensiver Durchdringung\nund zur voliigen Beherrschung des Sprachschatzes in an'\nsprechender Form und in methodischem Fortschritt bietet.\"\nSelbstunterrichtS'Methode mit Hiilfe des Grammophons.\nJeder Lehrer, jede Lehrerin, Jedermann muss Dr. Rebajoli's Autodidakt\ngebrauchen um leicht und grtindlich Fremdsprachen zu lernen.\nDie darin enthaltenen 33 fremdsprachlichen Gesprache sindauf 33doppel-\nseitige MOdeon\"-Schallplatten von unubertroffener Fiille und Kiarheit der\nStimme durch den Autor tibertragen worden.\nWiedergabe der Aussprache in hochster Vollendung. Vorfuhrung auf\nWunsch beim Autor oder im Verlag. Einzelne Unterrichtsbriefe 50 Pf.,\nPlatte dazu M3. Preis der 33 Platten mit Lehrbuch ,AutodidaKt' nur M ICO\nZur Wiedergabe der Gesprache eignet sich jedes, auch das kleinste\nGrammophon; jedoch hat der Verlag hierzu eine trichterlose „Autodidakt\"«*\nSprechmaschine konstruierenlassen, die sich durch besonders deutliche\nWiedergabe auszeichnet. 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T adel-\nlose, beste Papiere, dauerhafte EinbSnde in soli-\nder und Susserst geschmackvoller Ausfiihrung\nunter Verwendung nur zweckentsprechender und\nsorgsam gepriifter Materialien zeichnen die Fabri-\nkate der Julius Rosenthal'schen Geschaftsbticherfabrik\n□ seit deren Bestehen aus. □\nAls Spezialitat eines guten und dennoch Musserst\nbiiligen Kontobuches in bekannt guter Berliner\nArbeit, starkem Papier und solider Ausfiihrung\n□ offerieren wir neuerdings das □\nKontobuch „Komet(<\nin Gross-Polio-Pormat, 21 cm auf 33 cm, oder in Lang-\nPolio-Format, 16 cm auf 42 cm, mit 380 Seiten Inhalt\nftir nur MARK 3\nBitte NUR unter MARKE „KQMET\" zu bestellen\nJulius Rosenthal Julius Rosenthal Filiale\nGeschaftsbiicherfabrik GESCHAFTSBUCHHR UND\nBERLIN SO 16 kontorbedarf g. m. b. h.\nRUNQESTRASSE 22 Behrenstr. 30, Ecke Charlottenstr.\n5398"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-03-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-03_01#c025", "volume": "bmtnabg_1910-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "8", "page_fin": "8", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.8", "debut_caractere": 4174, "fin_caractere_exclue": 4360, "texte": "Verein fur Kunst\nSalon Cassirer ■ Viktoriastr. 55\nbonnerstag, den 3. 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Anzeigen-Annahme\ndurch den Verlag und sämtliche Annoncen - Expeditionen\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nEinzelbezug 10 Pfennig / Vierteljahresbezug 2,00 Mark /\nHalbjahresbezug 4,00 Mark / Jahresbezug 7,00 Mark / In-\nsertionspreis für die fünfgespaltene liezeile 60 Pfg.\nERSTER JAHRGANG\nBERLIN/DONNERSTAG/DEN 3. MÄRZ 1910/ WIEN\nNUMMER 1\n\nINHALT:\nKARL KRAUS: Die Operette/RUDOLF\nKURTZ: Programmatisches / GLOSSEN: Liberale Rebellen\nSchmock Triumphator Insektenpulver! Insektenpulver!\nDer Unfug des Redens Federvieh-Menuett/ ADOLF LOOS;\nVom armen reichen Mann / RENE SCHICKELE: Berlin/\nFELIX STÖSSINGER: Einheitliche Konzerte / ELSE\nLASKER-SCHÜLER: Peter Baum / S. FRIEDLAENDER:\nAusgelachte Lyrik / SAMUEL LUBLINSKI: Offener Brief/\nERKLÄRUNG\n\nZwei Worte\nZum vierten Male treten wir mit einer neuen Zeit-\nschrift in die Oeffentlichkeit. Dreimal versuchte\nman, mit gröbsten Vertragsbrüchen unsere Tätig-\nkeit ,'.ll verhindern, die von den Vielzuvielen pein-\nlich empfunden wird. Wir haben uns entschlossen,\nunsere eigenen Verleger zu sein. Denn wir sind\nnoch immer so glücklich, glauben zu können, daß\nan die Stelle des Journalismus und des Feuilletonis-\nmus wieder Kultur und die Künste treten können.\nDie Schriftleitung der\nWochenschrift DER STURM\nBerlin im Februar 1910\n\nDie Operette\nVon Karl Kraus\nWelche Elemente sind es wohl, die die unaus-\nsprechliche Gemeinheit dieses neuen Operetten-\nwesens zusammensetzen, und was bewirkt im\nGrunde jene tobsüchtige Begeisterung in allen Kul-\nturzentren, auf welche die Erde mit einem Beben\nantwortet? Man bedenke, daß die charmante\nPracht einer Offenbachschen Welt versunken ist,\nund daß sie einst mit allen ihren Wundern nicht\ndas Entzücken verbreitet hat, das heute ein\nbosniakanischer Gassenhauer findet, den ein Musik-\nreldwebel geschickt instrumentiert, oder selbst nur\nder Tonfall, mit dem ein humorloser Komiker die\nWorte „Njegus, Geliebter, komm her!\" spricht. Mail\nbedenke, daß die Anmut Johann Strauß'scher Wal-\nzer nicht bühnenfremder war als die Kitschigkeit\nihrer Nachahmungen. Man sage sich, daß die lieb-\nlichen Werke der Lecoque, Audran, Planquette,\nSullivan, Suppe heute durchfallen, wenn sie neu in\nSzene gehen; daß kein Direktor es wagt, jene\nguten Theaterstücke Millöckers, „Apajune\", „Gas-\nparone\", den „Vize-Admiral\", im Repertoire zu hal-\nten, die doch schon durch einen gewissen Mehl-\nzusatz dem musikalischen Geschmack des heu-\ntigen Wienertums entgegenkamen. . . . Kein Zwei-\nfel, diese Fülle von Wohlklang, Grazie und Humor\nhat sich überlebt. Wir mögen es glauben, daß die\nZeit noch kommen wird, in der de~r Freudengenius\neines Offenbach an die Seite Mozarts tritt; heute\nsehen wir ihn von dem dürftigsten Walzerspe-\nkulanten verdrängt; und daß kein Ton jener Heiter-\nkeit aufkomme, die einst von den tarnen Orpheus,\nHelena, Blaubart, Gerolstein und Trapezunt in un-\nsere Herzen schlug, dafür lassen wir Herrn Victor\nLeon sorgen. Man vergleiche nicht „Pariser Leben\"\nmit der „Lustigen Witwe\"; man höre nur ein paar\nTakte aus einer der unberühmten, stets verstoße-\nnen Operetten am Klavier, etwa das Lied vom hei-\nligen Chrysostomus aus Offenbachs „Schönrös-\nchen\", und wenn man solchen Schimmer von den\nReichtümern empfangen hat, die ehedem mit dem\nTage verschüttet wurden, frage man sich, warum\nwir unsere Armut so hoch in Ehren halten .... Der\nGrund von all dem: Die Welt wird vernünftiger\nmit jedem Tag, wodurch naturgemäß ihre Blöd-\nsinnigkeit immer mehr zur Geltung kommt. Sie\nbeschnuppert die Kunst auf ihren Wahrscheinlich-\nkeitsgehalt und wünscht ihn von allen Symbolen\nentkleidet. Darum hat sie das Märchen und die\nOperette iii die Kiiifipdiiiuiiiiici\nworfen.\nDie Funktion der Musik: den Krampf des Lebens\nzu lösen, dem Verstand Erholung zu schaffen und\ndie gedankliche Tätigkeit entspannend wieder anzu-\nregen. Diese Funktion mit der Bühnenwirkung ver-\nschmolzen, macht die Operette, und sie hat sich\nmit dem Theatralischen ausschliesslich in dieser\nKunstform vertragen. Denn die Operette setzt eine\nWeit voraus, in welcher die Ursächlichkeit aufge-\nhoben ist, nach den Gesetzen des Chaos, aus dem\ndie andere Welt erschaffen wurde, munter fortge-\nlebt wird und der Gesang als Verständigungsmit-\ntel plausibel ist. Vereinigt sich die lösende Wir-\nkung der Musik mit einer verantwortungslosen\nHeiterkeit, die in diesem Wirrsal ein Bild unserer\nrealen Verkehrtheiten ahnen läßt, so erweist sich\ndie Operette als die einzige dramatische Form, die\nden theatralischen Möglichkeiten vollkommen ange-\nmessen ist. Das Schauspiel kann immer nur trotz\noder entgegen dem Gedanken seine Bühnenhaftig-\nkeit durchsetzen, und die Oper führt durch die In-\nkongruenz eines menschenmöglichen Ernstes mit\nder wunderlichen Gewohnheit des Singens sich\nselbst ad absurdum. In der Operette ist die Ab-\nsurdität vorweg gegeben. Hier klafft kein Ab-\ngrund, in dem der Verstand versinkt; die Bühnen-\nwirkung deckt sich mit dem geistigen Inhalt. Im\nSchauspiel siegt das Schauspielerische auf Kosten\ndes Dichterischen, denn um uns zu Tränen zu rüh-\nren, ist es ganz gleichgültig, ob Shakespeare oder\nWildenbruch die Gelegenheit bietet; in der Oper\nspottet das Musikalische des Theatralischen, und die\nnatürliche Parodie, die im Nebeneinander zweier\nFormen entsteht, macht auch den tatkräftigsten\nVorsatz zu einem „Gesamtkunstwerk\" lächerlich.\nDas Theater ist die Profanierung des unmittelbaren\ndichterischen Gedankens und des sich selbst be-\ndeutenden musikalischen Ernstes; es ist der Hemm-\nschuh jedes Wirkens, das eine „Sammlung\" bean-\nsprucht, anstatt sie durch die sogenannte „Zerstreu-\nung\" erst herbeizuführen. Aeschylos wird an dem\nAusbreitungsbedürfnis des letzten Komödianten zu\nSchanden, und die Andachtsübungen einer Wagner-\noper sind ein theatralischer Nonsens. Zu einem Ge-\nsamtkunstwerk im harmonischen Geiste aber ver-\nmögen Aktion und Gesang in der Operette zu ver-\nschmelzen, die eine Welt als gegeben nimmt, in der\nsich der Unsinn von selbst versteht und in der er\nnie die Reaktion der Vernunft herausfordert. Offen-\nbach hat in seinen Reichen phantasiebelebender Un-\nvernunft auch für die geistvollste Parodierung des\nOpernwesens Raum: die souveräne Planlosigkeit\nder Operette kehrte sich bewußt gegen die\nLächerlichkeit einer Kunstform, die im Rahmen\neiner planvollen Handlung den Unsinn erst zu Ehren\nbringt. Daß Operetten\nnatürlich, aber die Opern ve r schwör ei-\nnen es ernst und schädigen den Ernst ihres Vor-\nhabens durch die Ünmotiviertheit jhres Singens.\nWenn nun der Gesang der Öperettenverschwörer\nzugleich das Treiben der Opern verschwör er pa-\nrodiert, so ergibt sich jene doppelte Vollkommen-\nheit der Theaterwirkung, die den Werken Öfter!\nBachs ihren Zauber erhält, weit über die Dauer\npolitischen Anzüglichkeiten hinaus, auf we>1, ! '\nNichtversteher seines Wesens den grö!\nlegen. An der Reg( M.osigkeit mit der : !\n~ ••• S . - • : '\nOov Ali W - v VWA/..VÜ i* . I y. ' A - i i'i iiV'.t\nein verrationalisiertes Theaterpublikum Anstoß. De;\nGedanke der Operette ist Rausch, aus dem Ge-\ndanken geboren werden; die Nüchternheit geht\nleer aus. Dieses anmutige Wegspülen aller logi-\nschen Einwände, und dies Entrücken in eine Kon-\nvention übereinander purzelnder Begebenheiten,\nin der das Schicksal des Einzelnen bei einem\nChorus von Passanten die unwahrscheinlichste\nTeilnahme dies Aufheben aller sozia-\nlen Unterschiede zum Zwreck der musikalischen,\nEintracht, und diese Promptheit, mit der de£\nVorsatz eines Abenteuerlustigen: „Ich stürz mich\nin den Strudel, Strudel hinein\" von den Unbe-\nteiligten bestätigt und neidlos unterstützt wird, so\ndaß die Devise: „Er stürzt sich in den\nStrudel hinein\" lauffeuerartig zu einem Bekenntni\nder Allgemeinheit wird — diese Summe von heiterer\nUnmöglichkeit bedeutet jenen reizvollen Anlaß,\nuns von den trostlosen Möglichkeiten des Leuens zü\nerholen. Indem aber die Grazie das künstlerische\nMaß dieser Narrheitist, darf dem Operettenunsinn\nein beträchtlicher erzieherischer Wert zugesprochen\nwerden. Ich kann mir denken, daß ein junger\nMensch von den Werken Offenbachs, die er in einem\nSommertheater zu sehen bekommt, entscheidendere'\nEindrücke empfängt, als von jenen Klassikern, zu\nderen verständnisloser Empfängnis ihn die Pädago-\ngik antreibt. Vielleicht könnte ihm das Zerr-\nbild der Götter den wahren Olymp erschließen.\nVielleicht wird seine Phantasie zu der Bewältigung\nder Fleißaufgabe gespornt, sich aus der „Schönen\nHelena\" jenes Bild der Heroen zu formen, das ihm\ndie liias noch vorenthält. Und er zieht aus der bu-\nkolischen Posse, die die Wunderwelt des Blaubart\neinleitet, mehr lyrische Stimmung, von dem spaßi-\ngen Frauenniord mehr echtes Grauen und Roman-\ntik, als ihm Dichter bieten können, die es darauf\nabgesehen haben. Von dem Entree eines Aleaden,\nden zwei Dorfschönen um seine Perücke herum-\ndrehen, mag ihm das Bild der lächerlichen Hilflosig-\nkeit in Erinnerung bleiben, wenn sich ihm einst die\nKluft zwischen Gesetz und Leben öffnet, und\nalle Ungebühr in Politik und Verwaltung offenbart\nsich ihm schmerzlos in der Verwirrung, welche die\nStaatsaktionen der Operette zur Folge haben.\nEine Gesellschaft aber, die aas Lachen geistig an-\nstrengt und die gefunden hat, daß sich mit dem"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.2", "texte": "Ernst des Lebens bessere Geschälte machen lassen*\nhat den blühenden Unsinn der Operette zum Wel-\nken gebracht. Sie imponierte sich mit ihrer Pfiffig-\nkeit, als sie die Unwahrscheinlichkeit einer Operet-\ntenhandlung entdeckte. Wie sollte es auch möglich\nsein, den im Verdienerleben unaufhörlich tätigen\nVerstand für einen ganzen Abend auszuschalten?\nZudem ist der Feuilletonlektüre eine vordem nie ge-\nahnte Ausbreitung der Bildung gelungen, und diese\nläßt sich mit Schäferspielen und märchenblauen\nUnmöglichkeiten nicht mehr abspeisen. Der auf-\ngeweckte Verstand hat den Unsinn entlarvt und\nseine Rationalisierung durchgesetzt. Was geschieht?\nDer Unsinn, der früher das Element war, aus dem\nKunst geboren wurde, brüllt losgebunden auf der\nSzene. Unter dem Protektorat der Vernunft ent-\nfaltet sich eine Gehirnschande, welche die dank-\nbaren Dulder ärger prostituiert, als die speku-\nlativen Täter. Die alten Operettenformen, die\nan die Bedingung des Unsinns geknüpft bleiben,\nwerden mit neuer Logik ausgestopft, und der Effekt\nlaßt sich etwa so an, als ob jetzt die opernhafte\nLächerlichkeit einer Bande entfesselter Toll-\nhäusler demonstriert würde. Die Forderung, daß\ndie Operette vor der reinen Vernunft bestehe, ist die\nUrheberin des reinen Operettenblödsinns. Der Ko-\nmiker, der keine Komik hat und sein Lied schlecht\nsingt, muß freilich „ein Menschenschicksal darstel-\nlen\"; wer aber ein Menschenschicksal darstellt,\nmacht die Narrheit, dabei zu singen, erst komplett,\nund das Gedudel im Orchester setzt den Respekt\nvor einem Seelendrama wie der „Lustigen Witwe\"\nherab. Doch die ernstgenommene Sinn-\nlosigkeit auf der Bühne entspricht durchaus der\n(Lebensauffassung einer Gesellschaft, die auf ihre\n| alten Tage Vernunft bekommen hat und dadurch\n< ihren Schwachsinn erst bloßstellte. Und ihren\nj Blößen die Stoffe zurechtzumachen, ist eine Legion\n| talentloser Flickschneider am Werke. Der Drang,\ndas Leben der musikalischen Burleske zu verifi-\nzieren, hat die Gräßlichkeiten der Salonoperette er-\nschaffen, die von der Höhe der „Fledermaus\" — des\nUebels Urquell — über die Mittelmäßigkeit des\n,Opernballs\" in die Niederung der „Lusti-\ngen Witwe\" führen. Von der natürlichen Erkennt-\nverlassen, daß ein phantastisches oder exoti-\nMnd jedenfalls ein der Kontrolle entrücktes\nist, um das Singen in allen\nglaubhaft zu lr chen, und ohne Ah-\nnung, daß einsingender Kommis im Smoking eine\nGesellschaftsplage sei, wagt die neue Industrie das\nAeußerste.\nAber sie darf es wagen. Denn ihrem Publikum\ndient die heutige Operette bloß als ein Vorwort\nzu den gröhlenden Freuden des Nachtlebens. Auf\ndie weit aufgesperrten Mäuler der Volkssänger, die\nder Champagnerwurzen das Vergnügen durch den\nTrost: „Es rnuaß ja net der letzte sein\" erhöhen, will\nman durch den Theatergesang schonend vorbereitet\nwerden. Und vielleicht erklärt uns ein Feuilletonist\nauch diesen protzigen Mangel an Genußfähigkeit als\ntiefere Bedeutung. Wir vermöchten sonst in dem\nI Tasten nach einer roheren Gegenständlichkeit der\nmusikalischen Genüsse nur jenen vollbusigen Ge-\nschmack wiederzuerkennen, und jene Kolatschen-\nweltanschauung, die jetzt mit dem Stolz der kultu-\nrellen Ueberlegenheit getragen wird. Die Wiener\nOperette hat sich mit dem Geist des Drahrertums\nverbündet und verzichtet auf das Opfer der Phan-\ntasie, das sie einst ihren Genießern zugemutet\nhat. Ihre Entartung ins Volkssängerische, ihre neue\nTendenz, dem niedrigsten Nachtlokalpatriotismus\nzu\" schmeicheln und die Welt als einen großen Gu-\ngelhupf aufzufassen, mit der Wienerstadt als dem\neinzigen Weinberl darin, ihre Anbiederung an den\nStefansturm, auf dessen Spitze Herr Gabor Steiner\ngedacht wird, wie er eine Schenkelparade der\nhimmlischen Heerschaaren inszeniert: diese ganze\nEntwicklung der Operette ins Walzerische und\nDrahrerische würde wieder ihre Satire in einer mu-\nsikalischen Burleske verdienen, wie sie Offenbach\naus der Lächerlichkeit der opernhaften Gebärde\ngeschaffen hat. Der Spott ergäbe sich um so mühe-\nloser, als die neue Operette auf der Höhe ihrer Ver-\nknödelung sich selbst des Operngestus bedient und\neinen Fünfkreuzertanz mit einem Posaunenfest der\nInstrumentation beschließt. Die Satire, die hier ein-\nzusetzen hätte, wäre eine vollkommene Rehabili-\ntierung des wahren Kunstwertes der Gattung.\nSie dürfte nicht den „Operettenblödsinn\" treffen,\nsondern das blödsinnige Streben der Operette, sich\neinen Sinn beizulegen, der den Blödsinn ins Un-\nmittelbare rückt, ihren Eifer, den Mangel an Ko-\nmik durch Logik wettzumachen, und die Stelle, auf\nder ein Sänger stehen sollte, mit einem Psycho-\nlogen zu besetzen. Konsequenz der Charak-\ntere und Realität der Begebenheiten sind Vorzüge,\n✓\nlii deneii nicht erst Musik gemacht werden muß.\nDaß ein schlafendes Liebespaar von einem Poli-\nzistenchor nicht gestört wird, ist in der Welt der\nmusikalischen Unberechenbarkeit durchaus mög-\nlich. Die Wahrscheinlichkeit, daß es im Leben\ngeschieht, wäre die wertlose Erkenntnis einer ratio-\nnalistischen Satire, die sich nicht zu hoch über das\nNiveau jener Intelligenz erhebt, der die beglaubigte\nAlbernheit der modernen Operette ihre spottwürdi-\ngen Triumphe verdankt.\n\nProgrammatisches\nVon Rudolf Kurtz\nDie Tatsache einer neuen Zeitschrift mag ein Be-\nmühen um Verständlichkeit entschuldigen, das\nselbst vor der Zerrüttung des eigenen Gehirns\nnicht zurückschreckt. Ich erkläre, daß ich mit pein-\nlichstem Unbehagen durch eine Unzahl von Zeilen\nflösse, was in aer biegung eines gutgericiue-\nten Nebensatzes einen kleinen Farbeneffekt erzielen\nkönnte. Aber wir haben es dem Publikum so leicht\ngemacht, uns mißzuverstehen, daß es ein erlaubter\nScherz ist, zu dem Niveau einer behaglich freund-\nwilligen Unterhaltung herabzusteigen, wo hand-\nfeste Worte massive Gesinnungen illustrieren. Denn\nes gilt, ihre trägen Sinne von dem Dasein eines\nWillens zu unterrichten, wo sie im Glanz der bunten\nFeuerwerke schmunzelnd die Absicht zu unter-\nhalten wittern. Es ist ein Irrtum. Wir wollen sie\nnicht unterhalten. Wir wollen ihnen ihr bequemes\nemst-erhabenes Weltbild tückisch demolieren. Denn\nwir halten ihren Ernst für Lebensträgheit, Hinter-\nwaldler-Dumpfneit, deren Psychologie Nietzsche\nlängst geschrieben hat.\nAls vor einiger Zeit ein paar provokante Notizen\nvon mir einem gewichtigen Handwerksmeister vor\ndie massive Stirn sprangen, sammelte sich seine bie-\ndere Empörung in diesem Wort: Unreife. Und ob-\nschon das Pathos seiner Entrüstung durch keinen\nVersuch einer Widerlegung gehemmt war, hypno-\ntisierte er seine Leser mit diesem Wort: Unreife.\nDas ist es, was aus tausend triefenden Mäulern auf\nuns herabgespieen wird. Die Moral der brutalen\nUnempfindlichkeit, die in einem schnellgleitenden\nParadox ihre monumentale Haltung gefährdet sieht.\nAls ich vor einem halben Jahrzehnt mit behäbigem\nPathos einige Stichflammen unter dem Gesäß eines\nallzubequemen Literarhistorikers anzündete, stieß\nder Trommelwirbel jedem das Wort in den ach-\ntungsvoll geöllneten bcmunü zurück. Das kritische\nEmpfinden der Zeitgenossen mißt die ver-\nbrauchte Lungenkraft und antwortet nur auf die\nkunstvoll gerunzelte Stirn. Ihr Gefühl von Reife\nbestimmt sich durch Merkmale dieser Art: daß\nwohlperidiosierte Sätze in ernstem Trott über die\nZeilen schleichen. Sie propagieren ein Ideal der\nMännlichkeit, das wetteifernd mit dem Tischler-\ngewerbe um den Kranz der energischsten Transpi-\nration streitet. Sie begreifen nicht, daß es aus der\nNot eines von der Fülle des Daseins überwältigten\nLebens geschieht, wenn spitze Ironien den dunklen\nSpalt zwischen Schicksal und Welt überbrücken.\nIhr Gehirn ruht zu unbewegt in dieser Kruste von\nLebensernst, als daß sie spürten, wie sich in einer\nsorgsam von allen Sprachresten befreiten Anti-\nthese, die wie ein leichtsinniger Flügelschlag empor-\nflattert, ein Schmerz befreit, der zu fieberhaft von\nallen Kräften des Lebens zittert, um in einer ache-\nrontischen Vereisung seines Sachgehalts erschöpft\nzu sein. Die deutsche Intelligenz ahnt nichts von\nder Leidenschaft des Schriftstellers, Musik zu wer-\nden, Sinn und Traum im Anschlag eines Wortes zu\nhören, das leicht und frei sich von der Erde löst\nIhr grober Sinn übersieht, wie Haß und Erbitterung\naus der spielerisch geschnellten Kurve eines Rela-\ntivsatzes in tödlicher Verdichtung aufblitzen kann,\nwie in einer heiteren Gebärde ein Wille seine be-\nfreiteste Form gefunden hat, der schmerzhaft und\ndumpf im Gestrüpp dunkler Vorstellungen vege-\ntierte.\nNie hat die Kunst sie berührt. Ihr Verständnis ist\nganz erfüllt von dem Ernst der Aufgabe: nie kom-\nmen sie über diese Sphäre hinaus zu jener Freiheit\nder Bewegung, die sie dumpfen Herzens als „Un-\nreife\", „Spielerei\" ablehnen. In jener glücklichen\nEpoche deutschen Daseins, als logische Begeiste-\nrung mit einer tiefen ästhetischen Intuition sich\ndurchdrang, spiegelte sich dieses Gefühl in dem\nBegriff der Ironie und einer der wenigen ebenbür-\ntigen Nachfahren jenes Geschlechts, Nietzsche, pre-\ndigte einem dumpfen Ernst zwecklos die frohe\nfootseüäjl ues „Tanzes14. Die deutsche luteliigäitg\nist sich längst klar — soweit sie Snobismus oder\nfachliches Interesse nicht zu einem anderen Urteile\nbewegt — daß dies alles Dilettantismus ist.\nSie werden es nie anders begreifen. Nie wird ihr\nQehirn ein Strahl des Gefühls erhellen, daß jenes\nSchweben über den Dingen, jene romantische Ironie\nnicht dilettantischer Hochmut ist,.sondern ein wol-\nlüstiges Qefühl der unendlichen Fülle des Daseins;\ndaß es heiter macht, diese Atmosphäre innig zu\natmen, in einem Augenaufschlag den Reichtum der\nLandschaft polarisch zu umfassen, Bewegung und\nLicht der Sterne. (Und hier, aus einem tiefen Emp-\nfinden des Beschenktseins: unser Dank an Alfred\nKerr.)\nMit gereizter Würde wehrt man ab, den Enthusias-\nmus für Dinge zu begreifen, die nicht im Brenn-\npunkt der bürgerlichen Moral stehen. Der gelähmte\nInstinkt versagt vor der Erkenntnis, daß es begei-\nsterte Hingabe an die Fülle der Gesichte ist, eine\nreizbare Verfeinerung und Steigerung des Daseins-\ngefühls, das neue Möglichkeiten in der Aufhebung\nder Schwerkraft durch japanische Akrobaten, der\nCharme einer durch behutsame Technik erfahrenen\nSexualität einer Tänzerin, dem ungeheuren Tappen\ndes Nilpferdes anschauend erlebt.\nAn Deutschlands Küsten wuchert fahlgrün und\naigenhaft das Würde-Infusor. Blinder Intellektua-\nlismus vergewaltigt die Wirklichkeit, Eine Kunst\nsoll gezüchtet werden, in der der konstitutive Fak-\ntor der Anschauung bis auf ein Minimum ge-\nschwächt ist. Die deutschen Kunstbestrebungen,\nsoweit sie einer Formulierung fähig sind, bewegen\nsich in den gleichen Gegensätzen wie zur Zeit der\nRomantik. Noch gilt die Polemik dieser Zeit gegen\ndie Dramatik Schillers. Die Kunst stellt Entfaltung\nder Individualität dar: jeder dieser Zustände be-\ndeutet zugleich einen Zustand der Menschheit. Ob-\njekt der Kunst ist nicht eine von ihrer Gebunden-\nheit befreite Möglichkeit, sondern die gerade in\ndieser Bestimmtheit zu tiefst erschaute Wirklich-\nkeit, die Schiller entmaterialisiert: „Der Dichter\nleiht der Welt eine Vollkommenheit, in der sie nie\nexistiert hat/4 Den Romantikern aber istuie Wirk-\nlichkeit schon das Kunstwerk, daß zu seiner Voll-\nkommenheit in der Kunst wohl künstlerische Kran,\naber nicht Erweiterung bedarf. „Alle heiligen\nSpiele der Kunst sind nur ferne Nachbildungen von\ndem unendlichen Spiele der Welt, dem ewig sich\nselbst bildenden Kunstwerk.\" (Friedrich Schlegel.)\nUnd diese Unfähigkeit, das Gesetz vom Objekt zu\nempfangen (wie zitiert wird), beherrscht die zeit-\ngenössische Kultur. Wohl drängt ein Wille zur\nForm, aber er wird trivialisiert durch die oberfläch-\nliche Unterordnung des Objekts unter ein willkür-\nlich erfühltes Schema — sei es auf Grund einer\nempirischen Täuschung errichtet, sei es die ent-\nartete Fortbildung einer ehemals gerechtfertigten\nGesetzlichkeit. Die Organe sind geschwächt, der\nInstinkt ohne Schwungkraft. Einmal war es in\nneuester Zeit denkbar, daß eine Epoche aufge-\nwühlter Menschlichkeit z\\s Vorfrühling späterer\nBlüte sich entfaltete: dir-; war, als Nietzsche seine\nBücher schrieb und es galt, sie in die dichterische\nPraxis aufzunehmen. Aber die Zeitgenossen wehr-\nten den Impuls mit einer geradezu welthistorischen\nBanalität ab und brachten ihr Bedürfnis auf das\nengste, beschränkteste, widerspruchsvollste Bild:\nden Naturalismus.\nDas Signal unserer Zeit ist der wohltemperierte\nLiberalismus. Man will aufbauen, wo die Basis\nvon jedem Fingerdruck in ein schwammiges Ge-\nwebe zerrissen wird. Der Intellektualismus kann\nnur gedämpft werden von der lärmvollen Betonung\nder Instinkte, der dunklen Kräfte, die er organisie-\nrend im Dienst des Lebens stellen sollte und zu\ndenen er längst alle Beziehungen verloren hat. Der\nIntellektualismus genügt seinem Stilbedürfnis, in-\ndem er das Leben einer vereinfachenden Schablone\nunterordnet. Die Sehschärfe des Auges ist ge-\nlähmt: es genügt die begriffliche Signatur der Dinge.\n(Und die Anschauungen füllt eine zweifelhafte, stil-\nlose Erinnerung hinein.) Ueber die Breite der deut-\nschen Literatur kreist dieser perverse Stilbegriff:\nvon der klassischen Gebärde Neuweimars bis zu\nder pragwienerischen Verklärung der Bügelfalte.\nDie Revision dieses lebensfernen Stilbegriffs wird\nuns Gelegenheit zu anmutigen Scherzen geben. Mit\nder provokantesten Geste werden wir jede Aeuße-\nrung dieser Kultur verhöhnen, die statt auf Aua-\nschöpfung des Lebens auf Erhaltung ihrer Konven-\ntionen abzielt. Jede liberale Schüchternheit, inhalt-\nlose Gebräuche zu erhalten, werden wir mit radi-\nkaler Sorgfalt ausrupfen. Denn wir erleben das\nwelthistorische Schauspiel einer Epoche, in der das"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.3", "texte": "Mittel, die Kräfte des Lebens zum vollendetsten\nAusdruck zu bringen, von der allgemeinen Banalität\ngespeist, zu einer selbständigen Gestaltung sich\nauswächst und endlich dem Leben seine Kräfte ent-\nzieht, um seine nutzlosen, an sich leeren Dogmen\nzu erhalten.\nWir gedenken nicht, meine Herren, dieser arm-\nseligen Komödie nur als Zuschauer beizuwohnen.\nDurch diesen Beitrag werden nicht Meinung und Absicht der Mit-\narbeiter charakterisiert. Diese Sätze treffen nur mich und die\nwenigen mir persönlich nahestehenden Freunde. R. K.\n\nGlossen\nLiberale Rebellen\nPolitische Ideale bedeuten Gestaltungen des Welt-\nmarkts, in der die Mitglieder einer Partei die\nbesten Geschäfte machen zu können hoffen. Un-\nter dieser Voraussetzung ist der deutsche Libera-\nlismus das denkbar aussichtsloseste Gechäft. Füh-\nrer, die bald nach oben, bald nach unten revo-\nluzzen müssen, Anhänger, die ihre Weltanschau-\nung je nach Lage ihrer geschäftlichen Interessen\nbald nach rechts, bald nach links korrigieren\nmüssen: wie soll in dieser ewig aufgeregten Be-\ngeisterung sich ein solides Geschäftsinteresse\ndurchsetzen. Der Liberalismus ist die Partei der\nUeberzeugungslosen, die immer erst den Augen-\nblick abwarten müssen, um zu wissen, was sie\nglauben — um liberal zu sein, genügt es, politisch\nund kulturell uninteressiert zu sein. Es ist das\nberühmte politische Neutrum. In den Ostmarken\nhat sich die allgemeine Haltlosigkeit der Liberalen\nin einem ergötzlichen Fall gezeigt. Nationallibe-\nrale haben die für das Deutschtum, das ja zu ihren\nProgrammartikeln gehört, gefährlichste Torheit\nbegangen, in einem von großpolnischer Agitation\naufgestachelten Lande die deutschen Stimmen\ndurch Aufstellung nationalliberaler Kandidaten zu\nzerstückeln. Statt sich im parlamentarischen Kuh-\nhandel — der übrigens das Symbol der liberalen\nGesinnung ist — auf einen Kandidaten zu eini-\ngen, wünschen sie ihren politische Individualität zu\nbewahren: eine Borniertheit, die wiederum nur in\ndas Programm der radikalen Parteien gehört. Ein\nSchulbeispiel des haltlosen Kulturdilettantismus,\ndas Haus mit der Nuancierung der Fronten zu be-\nginnen. Die Behörden haben die zwei gesinnungs-\ntreuen Professoren „gemaßregelt\" — eine Tor-\nheit, die den politischen Dilettantismus mit der\nMärtyrergloriole verklärt. Warum versetzt man\ndie Herren nicht stillschweigend in Landstriche,\nwo sie ohne Schaden Politik treiben können?\nAber ich will mich nicht um das ergötzliche Schau-\nspiel bringen, wie deutsche Professoren in ihrer\nmannhaften Gesichtlosigkeit zur Destruierung\ndessen beitragen, was sie dem Schüler mit begei-\nsterter Beredsamkeit für lange verekeln: den\ndeutschen Furor, der aus ganz anderen Quellen\nkommen muß, um erträglich zu sein. Als prakti-\nsche Verwüster dieses peinlichsten Enthusiasmus\n— als Lobrede eines Systems von mittelmäßiger\nKlugheit und formloser Verwirrung sollen uns\nauch die nationalliberalen Professoren willkom-\nmen sein: zumal mich die angenehme Vorstellung\nlockt, wie sie gesträubten Haares und gerungener\nHände gegen solches Ansinnen protestieren wer-\nden.\nSchmock Triumphator\nDie Raffinements der gefährlichsten Giftmischer\nverblassen vor der dämonischen Sicherheit\nSchmocks, der den Zeitgenossen mit einer höchst\ndifferenzierten Technik eine Mischung von Syrup,\nVanille und Lebertran in die Adern spritzt. Mit\nunheimlicher Schnelligkeit lagern sich die Gehirn-\nmoleküle des Befallenen um, der Blutkreislauf\nschleicht träge, in den höheren Stadien umgibt ihn\neine Atmosphäre, die mit Vanille, Syrup und Leber-\ntran auf drei Meter tötlich wirkt. Alle Gefahren\ndes Morphiums entlarven sich lächelnd als harm-\nlos beglückende Befreiung von dieser fragwürdigen\nErdoberfläche, und wenigstens gewährt das Mor-\nphium reelle Genüsse, um die diese Seuche ihre\nSklaven auch noch betrügt. Wie eine fressende\nPestilenz senkt sich der Kultus des Schmocks auf\ndas besiedelte Europa. In der Schweiz verläßt,\neine junge Frau unter Mitnahme ihres Geliebten\ndas Leben. Dafür bleibt ein Tagebuch, das\nSchmock als „romantisch\" seinen Lesern eiligst\ns'erviert. Niemand sieht das grauenvoll Sympto-\nmatische der Angelegenheit. Eine Dame, die end-\nlich Gelegenheit hat, sich unter Ausschaltung lästi-\nGer Beteiligter ihren Wünschen überlassen zu dür-\nfen, notiert die Kurven ihrer Leidenschaft in einem\nTagebuch, verzeichnet die spirituellen Gipfel ihres\nGlücks. Nicht einmal die Freuden ersehnter Nächte\nverhelfen der Dame zu einem reflexionslosen\nGlück, ihr genügt die Tatsache eines mühevoll er-\nrungenen Hotelzimmers keineswegs: sie wünscht\ndem allen durch Zusatz von Vanille, Syrup und\nLebertran einen stechenderen Geruch zu geben.\nIn diese peinliche Unsicherheit der Gefühle bringt\nSchmock die Menschheit. Die begehrtesten Um-\narmungen befriedigen nicht mehr: man wünscht\ndieser Tatsache schriftlichen Ausdruck zu geben.\nDas Wesentliche erotischer Beziehungen gipfelt\nnicht mehr im Schlafzimmer, sondern in einem ge-\nfühlvollen Briefwechsel, in dem der Beischlaf als\nanregendes Motiv Verwendung findet. Und nie\nwar diese Frau durch Druckerschwärze gereizt\nworden — wer hätte nicht das Günstigste von ihr\ngeglaubt, nachdem die Gattin ihres Geliebten nur\nvon ihr zu sagen wußte, daß sie eine wahre Sirene\ngewesen sei (und Sirene bedeutet im Munde der\ngekränkten Ehefrau ein dämonisches Etwas, das\njeden Mann zu den verwegensten Träumen be-\nrechtigt). — Die Versetzung der Weltgeschichte\nmit Lebertran ist in Permanenz getreten. Ueber\ndie Erde, der ein fader Dunst von Syrup entsteigt,\nreckt sich die gigantisch gegen den Horizont ge-\nneigte Gestalt Schmocks, der geschäftig und un-\naufhaltsam bedrucktes Papier in das dunkle Ge-\nwimmel schleudert.\nInsektenpulver! Insektenpulver!\nSeit Monaten wird mein Gehirn nur noch von die-\nser Frage verwüstet: wird Björnson auch diesmal\nden längst beendeten Nekrologen widerstehen?\nDie neue Matratzengruft in Paris ist die Wall-\nfahrtsstätte aller Reporter, die das Absterben\njedes Prominenten mit lyrischer Wehmut zu um-\nwölken wünschen. Beflügelte Federn weben an\neiner Aureole, die im Augenblicke des Todes sich\ngleißend über sein Haupt erheben wird. Recken-\nhafte Lebensfreude wird, was der wütende Opti-\nmismus eines in eine größere Breite gestellten\nidyllischen Pfarrerslebens war, urvölkische Be-\ngeisterung, was ungestörte Lungenkraft dem In-\nhalt seiner Werke voraus hatte. Und die liebens-\nwürdige Pointe, für die das Schicksal so bereit-\nwillig gesorgt hatte: der friedliche Abend des\nGreises, an dem der junge Wein blüht. Ah! Wie\nmußte der Alte die Vorfreude dieser Begeisterung\nspüren! Zentimeterweise schlachteten ihn die all-\nzu impressionistischen Schmöcke ab. Jede Ver-\ndauungsstörung wird ihnen Anlaß zu einem seeli-\nschen Interieur. Man spürt die quälende Sehn-\nsucht, uns mitzuteilen, wie sich der große Nor-\nweger mit gewissen körperlichen Verrichtungen\nabfindet: und nur Schmocks empfindliche Scham\nbleibt bei dieser wehmütigen Feststellung stehen:\n„Besondere Schwierigkeiten macht jede Verände-\nrung der Körperlage\". Ein Heer von Zecken hat\nsich an ihm festgesaugt, gegen die jede Salbe ver-\nsagt. Sie observieren ihn mit der gleichen Nach-\ndrücklichkeit, die wir bei fürstlichen Beilagern ge-\nwohnt sind: wo Schmock sich in jedes Insekt ver-\nwandeln würde, um sich nur keinen Moment des\ninteressanten Nachspiels im Schlafzimmer entgehen\nzu lassen. Das Verlöschen eines immerhin groß\ngedachten Lebens wird von einer Herde von Re-\nportern für den Familientisch hergerichtet; um das\nSeelenleben des Bürgers von seinen Verdauungs-\nschwierigkeiten abzulenken, wird er mit tränen-\ndurchzitterter Stimme über das stufenweise Ab-\nleben des Greises unterrichtet. Wo etwas Unter-\nhaltsames herauszuschinden ist, lüftet Schmock die\nBettvorhänge und zeigt die Agonien des Halbge-\nlähmten einem schaulüsternen Parterre. Die\nAnekdote ergreift Besitz von dem geistigen Leben\ndes alten Europa. Mit feinem Lächeln überwindet\nsie den Tod. „Eine Wärterin des Hotels, eine re-\nsolute Wienerin, verstand es bisher noch am\nehesten, ihn zum Essen zu bewegen. Wenn sie\nmit den Worten zu ihm kam ,Nun, Herr Professor,\nwie geht es uns denn heut? Ein weng papperln?'\nDann lächelte der Kranke und ließ sich ein Kaviar-\nbrötchen oder anderes aufschwatzen. Jetzt weist\ner auch diese Frau ab.\" Der Gestank der Wan-\nzen verpestet die Totenzimmer. Keiner hat den\nMut, zum Insektenpulver zu greifen. Wir kom-\nmen um. Wir werden mit lauwarmem Seifen-\nschaum erstickt. Die Wände unseres Hauses\nwerden durchsichtig, wir leben hinfort vor den\nBlicken des zeitunglesenden Europas. Unzählige\nKiefern zerschroten unser Gehirn zu Drucker-\nschwärze. Insektenpulver! Insektenpulver!\nDer Unfug des Redens\nDie Volksvertreter hatten ihre wohleinstudierten\nLeitartikel mit zündender Beredsamkeit improvi-\nsiert, da kam die Rede an einen, der wirklich von\nder Situation gereizt war und nicht einfach seine\nMeinung an dem Vorredner vorbeizünden lassen\nwollte. Die unbegreifliche Anteilnahme des Herrn\nvon Oldenburg rächte sich schwer. Der unerfah-\nrene Parlamentarier hatte die Situation ernst ge-\nnommen und auf einige mit respektvoller Kühn-\nheit geäußerte Bedenken der Herren grob gesagt:\ndaß sie letzten Endes Gäste des Kaisers seien und\nder Hausherr gegebenenfalls von seinem Haus-\nrecht Gebrauch machen könnte. „Der König von\nPreußen muß jeden Augenblick imstande sein, zu\neinem Leutnant zu sagen: Nehmen Sre zehn Mann\nund schließen Sie den Reichstag\". Rücksichtslos\nan dieser wohlgemeinten Warnung ist nur das\nMißtrauensvotum, das mit zehn Mann die gesunde\nVolkskraft der linken Parteien kompromittiert.\nAber warum dieser hitzig versetzten Ohrfeige an-\ndere Sensationen entlocken? Warum der Wort-\nschwall einer Versammlung, deren Getöse durch\neinen Federstrich gedämpft werden kann? Aber\nman ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, das\ngereizte Verantwortlichkeitsgefühl im Schein völ-\nkischer Empörung strahlen zu lassen. Ein Toben\nbricht aus, der Präsident verliert die Haltung, aus\ndem Schwall zischt es: ist denn kein Tierarzt da?\nMit tiefgekränkter Miene naht der Protestchorus\nder Volksvertreter und über das Haupt des ver-\ndutzten Bundesbruders reichen sich mittlere und\nlinke Parteien ernst die Hände. Feierlich taucht\nder alte Singer mit der Geschäftsordnung aus der\nVersenkung auf — und verbeugt sich tief vor\neinem plötzlich angeflogenen Gefühl von Kom-\nment, daß den Volkstribunen nur sein ernstes\nPost6rieur zu bewundern übrig bleibt. Erschüt-\ntert blickt der Herr von Oldenburg in den Kampf\nder Geister, er weiß nicht, ob er schweigen oder\ngrob werden soll. Aber er vermag sich dem sug-3\ngestiven Einfluß der Tribünen nicht zu entziehen\n— und redet. Er stiehlt seiner gesunden Brutali-\ntät die Pointe. Hier galt es für ihn, breit lachei\ndie empörte Loyalität sich aussprudeln zu lassen\nund mit aller Selb\" rschung dem brennend\nDrang auszuweichen, dessen Komik er selbst mft\nso angenehmer Faßlichkeit formuliert hatte: dein\nDrang zu reden, reden, reden.\nFedervieh=Menuett\nDie arg zerschundene Sprachknnst Alfred Holz-\nbocks ist frisch aafgefärbt. Das ergiebige Schmalz\nseiner schwärmerischen Verliebtheit — der Holz—\nbock muß in alles verliebt sein, was ihm sein Mei-\nster aufzusuchen heißt — fließt zärtlich um die\nArrangeure des Presseballes, deren gemütvolle\nKollegialität heute alle Oesinnungsdifferenzen\nüberbrückt. VorslöhtTg begleiten wir ihn in den\nSaal wo junge Leutnants in der anmutigen weib-\nlichen Jugend freudige Partnerinnen finden, und\nstellen befriedigt fest, daß es wiederum manche\nkostbaren Toiletten gibt, die den luxuriösen Cha-\nrakter, sowie schlichte, die den gediegenen Cha-\nrakter des Balles offenbaren. In respektvoller\nEntfernung blicken wir verstohlen auf die Galerie\nder Prominenten, denen unser salbenstrahlender\nFührer vertraulich die Hände schüttelt, aber ach,\ndie Armen! sie müssen schon von zehn Uhr ah\ngeistreiche Einfälle zum besten geben, und zwar\nauf den kleinen Autographenfächern, die den\nDamen überreicht werden. Und wenn sein schil-\nlernder Stift uns noch an den exotischen Reizen\ndes Festes teilnehmen läßt, ah, dann wissen wir,\ner war wieder von gesellschaftlicher Vornehm-\nheit, der Presseball von gestern, aber diese Vor-\nnehmheit beeinträchtigte nicht die Entwickelung\neiner Frohstimmung, und daß dieses Fest distin-\nguiert und fröhlich ist, das gibt ihm in all unse-\nren Gesellschaftskreisen seinen Reiz und Wert.\nHoldrio.\nAber der distinguierte Geist dieser vornehmen At-\nmosphäre findet seinen Niederschlag erst in dem\n„Musenalmanach 1910'% der als Erinnerung ge-\nspendet wurde. Blättern wir ein wenig in dem\neleganten Büchlein. Hier entledigt sich seiner\nLyrik, wer sie sonst nur in Kursberichten und Ge-\nsellschaftsskizzen als zarten Unterton anklingen\nlassen darf. Und natürlich fehlen nicht die Ver-\nklärer des deutschen Heims, die zeitungsfähigen\nDichter und Denker. Ludwig Fuldas Esprit spitzt\nsich zu jener kaum wahrnehmbaren Feinheit, die\nmich an diesem raffinierten Geist immer gereizt\nhat: ,Ich schrieb ein Stück in des Frühlings Mit-\nten, Und als es über die Bühne geschritten, Da"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.4", "texte": "fegte der Herbstwind die Bäume leer — Die Blät-\nter fielen über mich her.\" Die Blätter ... ah Sie\nscherzen ja, Sie verstehen schon längst. Ein lie-\nbenswürdiger Veteran der Feder und des Schwer-\ntes äußert sich: „Wie hoch steht doch selbstge-\nwollte Weiblichkeit — inmitten der Gotteswelt be-\nwährt — über der nie versuchten Klostertugend\".\nNatürlich. Ueber der nie versuchten Kloster-\ntugend. Der älteste Herr kann noch im spätesten\nAlter mit solcher reifen Weisheit sich mühelos die\nZeit vertreiben. Und mit aufdringlicher Eleganz\ndrängt sich zartgeblümter Kitsch aus dem elegan-\nten und zierlichen Büchlein, in dem eine meist\nfragwürdige Literatur ihren Schreibtisch von un-\nverkäuflichem Ballast befreit hat. Oder in dem\nsich einfach ganz ruppiges, derbes Federvieh\nspreizt, das mit Transtiefeln und genagelten Soh-\nlen sich eines gewählten und preziösen Menuetts\nzu entledigen wünscht. war\n*\n\nVom armen reichen Mann\nVon Adolf Loos\nVon einem armen reichen Mann will ich euch er-\nzählen. Der Mann hatte Geld und Gut, ein treues\nWeib, das ihm die Sorgen, die das Geschäft mit\nsich brachte, von der Stirn küßte, einen Kreis von\nKindern, um die ihn der Aemste seiner Arbeiter be-\nneidet hätte. Seine Freunde liebten ihn, denn was\ner angriff, gedieh. Aber heute ist das ganz anders\ngeworden. Und das kam so.\nEines Tages sagte sich dieser Mann: Ich habe Geld\nund Gut, ein treues Weib und Kinder, um die mich\nder ärmste Arbeiter beneidet. Aber bin ich denn\nglücklich, wirklich ganz glücklich? Es gibt Men-\nschen, denen alles fehlt, worum man mich beneidet.\nAber ihre Sorgen werden hinweggescheucht durch\neine ?roPe Zauberin, die Kunst. Und was ist mir\n| die Kunst? Ich kenne sie nicht einmal dem Namen\n;:;nach. Jeder Protz kann seine Visitenkarte bei mir\n; abgeben, und mein Diener reißt den Flügel auf.\nAber die Kunst habe ich noch nicht bei mir emp-\nfaugen. Ich weiß wohl, sie kommt nicht. Aber ich\nwerde sie n. Wie eine Königin soll sie bei\nmir einziehen und bei mir wohnen.\nEr w?.r ein kraftvoller Mann, was er anpackte,\nwurde mir En' >ede ausgeführt. Das war man im-\nmer bei seinen :Schäften gewohnt. Und so ging\ner noch selbe i: Fages zu einem berühmten Archi-\ntekten uvi im: „Bringen Sie mir Kunst, die\nKunst in meine vier Pfähle! Kostenpunkt Neben-\nsache.\"\nDer Architekt Heß sich das nicht zweimal sagen.\nEr ging zu dem reichen Manne hin, warf alle seine\nMöhe! binaus, ließ ein Heer von Parkettierern,\nLackierern Tapezierern, Maurern, Anstreichern,\nTischlern, Installateuren, Schlossern, Töpfern,\nTeppichspannern, Malern und Bildhauern einziehen\nund hui, hast du nicht gesehen, war die Kunst ein-\ngefangen, wohlverwahrt in den vier Pfählen des\nreichen Mannes.\nDer reiche Mann war überglücklich. Ueberglück-\nlich ging er durch die neuen Räume. Wo er hin-\nsah, war Kunst. Kunst in allem und jedem. Er\ngriff in Kunst, wenn er eine Klinke ergriff, er setzte\n.sich auf Kunst, wenn er sich in einem Sessel nieder-\nließ, er vergrub sein Haupt in Kunst, wenn er es\nermüdet in die Kissen vergrub, sein Fuß versank\nin Kunst, wenn er über die Teppiche schritt. Mit\neiner ungeheuren Inbrunst schwelgte er in Kunst;\nseitdem auch sein Teller mit artistischem Decor\nversehen war, schnitt er sein Boeuf ä l'Oignon\nnoch einmal so fest enzwei.\nMan pries ihn, man beneidete ihn. Die Kunstschrif-\nten verherrlichten seinen Namen als einen der\nersten in der Reihe der Mäcene, seine Zimmer wur-\nden zum Vorbild und zur Darnachachtung abge-\nbildet, erläutert und erklärt.\nAber sie verdienten es auch. Jeder Raum bildete\neine abgeschlossene Farbensymphonie. Wand,\nMöbel und Stoffe waren in der raffiniertesten Weise\nzusammengestimmt. Jedes Gerät hatte seinen be-\nstimmten Platz und war mit den anderen zu den\nwunderbarsten Kombinationen verbunden. Nichts,\ngar nichts hatte der Architekt vergessen. Zigarren-\nabschneider, Bestecke, Lichtauslöscher, alles, alles\nwar von ihm komponiert worden. Aber es waren\nnicht die landläufigen Architektenkünste, nein, in\njedem Ornamente, in jeder Form, in jedem Nagel\nwar die Individualität des Besitzers ausgedrückt.\nEine psychologische Arbeit, deren Schwierigkeit\njedermann einleuchten wird.\nDer reiche Mann war überglücklich. Einen großen\nTeil seiner Zeit widmete er von nun an dem Stu-\ndium seiner Wohnung. Denn das mußte gelernt\nsein, das sah er wohl bald. Da gab es gar viel zu\nmerken. Jedes Gerät hatte einen bestimmten Platz.\nDer Architekt hatte es gar zu gut mit ihm gemeint.\nAn alles hatte er schon vorher gedacht. Für das\nkleinste Dingelchen gab es einen bestimmten Platz,\nder gerade dafür gemacht war.\nBequem war die Wohnung, aber den Kopf strengte\nsie gar sehr an. Der Architekt überwachte daher\nin den ersten Wochen das Wohnen, damit sich kein\nFehler einschleiche. Der reiche Mann gab sich alle\nMühe. Aber es geschah doch, daß er ein Buch aus\nder Hand legte und es in Gedanken in jenes Fach\nschob, das für die Zeitungen angefertigt war. Oder\ndaß er die Asche seiner Zigarre in jene Vertiefung\ndes Tisches abstrich, die für den Leuchter be-\nstimmt war. Hatte man einmal einen Gegenstand\nin die Hand genommen, so war des Ratens und\nVersuchens nach dem alten Platze kein Ende, und\nmanchmal mußte der Architekt die Detailzeichnun-\ngen aufrollen, um den Platz für die Züridholzschach-\ntel wieder zu entdecken.\nWo die angewandte Kunst solche Triumphe feierte,\ndurfte die angewandte Musik nicht zurückbleiben.\nDiese Idee beschäftigte den reichen Mann sehr. Er\nmachte eine Eingabe an die Tramwaygesellschaft,\nin der er ersuchte, die Kondukteure anzuweisen,\nsich vor seinem Hause statt des sinnlosen Läutens\ndes „Parsifar'-Glockenmotivs zu bedienen. Allein\ner fand bei der Gesellschaft kein Entgegenkommen.\nDort war man für moderne Ideen noch nicht ge-\nnug empfänglich. Dafür wurde ihm gestattet, die\nPflasterung vor seinem Hause auf seine eigenen\nKosten ausführen zu lassen, wodurch jedes Fuhr-\nwerk gezwungen wurde, im Rhytmus des Ra-\ndetzky-Marsches vorbeizurollen. Auch die elek-\ntrischen Läutewerke in seinem Hause erhielten\nWagner- und Beethovenmotive, und alle berufe-\nnen Kunstkritiker waren voll des Lobes über den\nMann, der der „Kunst im Gebrauchsgegenstande\"\nein neues Gebiet eröffnet hatte.\nMan kann sich vorstellen, daß alle diese Verbesse-\nrungen den Mann noch glücklicher machten.\nEs darf aber nicht verschwiegen werden, daß er es\nvorzog, möglichst wenig zu Hause zu sein. Nun,\nvon soviel Kunst will man sich auch hier und da\nerholen. Oder könnten Sie in einer Bildergalerie\nwohnen? Oder monatelang in „Tristan und Isolde\"\nsitzen? Nun also! Wer wollte es ihm verdenken,\nwenn er neue Kräfte im Caf6, im Restaurant oder\nbei Freunden und Bekannten für seine Wohnung\nsammelte. Er hatte sich das anders gedacht. Aber\nder Kunst müssen Opfei gebracht werden. Er hatte\ndoch schon so viele gebracht. Sein Auge wurde\nfeucht. Er dachte vieler alter Dinge, die er so lieb\ngehabt hatte, und die er doch manchmal vermißte.\nDer große Lehnstuhl! Sein Vater hatte schon im-\nmer sein Nachmittagsschläfchen darin gemacht.\nUnd die alte Uhr! Und die Bilder! Aber die Kunst\nverlangt es! Nur nicht weich werden!\nEinmal geschah es, daß er seinen Geburtstag fei-\nerte. Seine Frau und Kinder hatten ihn reich be-\nschenkt — Sachen, die ihm herzliche Freude berei-\nteten. Denn sie gefielen ihm ausnehmend. Bald\ndarauf aber kam der Architekt, um nach dem Rech-\nten zu sehen und Entscheidungen in schwierigen\nFragen zu treffen. Er trat in das Zimmer. Der\nHausherr kam ihm freudig entgegen, denn er hatte\nvieles auf dem Herzen. Aber der Architekt sah\nnicht die Freudigkeit des Hausherrn. Er hatte\netwas ganz anderes entdeckt. Er erbleichte. „Was\nhaben Sie denn für Hausschuhe an,\" stieß er müh-\nsam hervor.\nDer Hausherr besah sich seine gestickten Schuhe.\nAber er atmete erleichtert auf. Diesmal fühlte er\nsich ganz unschuldig. Die Schuhe waren nämlich\nnach dem Originalentwurfe des Architekten gear-\nbeitet worden. Er antwortete daher überlegen:\n„Aber Herr Architekt, haben Sie schon vergessen?\nDie Schuhe haben Sie ja selbst gezeichnet!\"\n„Gewiß,\" donnerte der Architekt, „aber für das\nSchlafzimmer. Sie aber zerreißen mit diesen zwei\nunmöglichen Farbflecken die ganze Stimmung.\nSehen Sie denn das gar nicht ein?\"\nDer Hausherr sah wohl ein. Er zog rasch die Schuhe\naus und war froh, daß der Architekt nicht auch\nseine Strümpfe unmöglich fand. Sie gingen nach\ndem Schlafzimmer, wo der reiche Mann wiedei\nseine Schuhe anziehen durfte.\n„Ich habe,\" begann er hier zaghaft, „gestern mei-\nnen Geburtstag gefeiert. Meine Lieben haben mich\nmit Geschenken förmlich überschüttet. Ich habe\nSie rufen lassen, lieber Herr Architekt, damit Sie\nuns Ratschläge geben, wie wir die Sachen am\nbesten aufstellen können.\"\nDas Gesicht des Architekten verlängerte sich zu-\nsehends. Dann brach er los:\n„Wie kommen Sie dazu, sich etwas schenken zu\nlassen! Habe ich Ihnen nicht alles gezeichnet?\nHabe ich nicht auf alles Rücksicht genommen? Sie\nbrauchen nichts mehr, Sie sind komplett.\"\n„Aber,u erlaubte sich der Hausherr zu erwidern,\n„ich werde mir doch noch etwas kaufen dürfen?\"\n„Nein, das dürfen Sie nicht. Nie und niemals! Das\nfehlte mir noch, Sachen, die nicht von mir gezeich-\nnet sind!\"\n„Aber wenn mir mein Enkelchen eine Kindergarten-\narbeit schenkt?\"\n„Dann dürfen Sie sie nicht nehmen.\"\nDer Hausherr war vernichtet. Aber noch hatte\ner nicht verloren. Eine Idee, jawohl eine Idee!\n„Und wenn ich mir in der Sezession ein Bild kau-\nfen wollte?\" fragte er triumphierend.\n„Dann versuchen Sie doch, es irgendwo aufzuhän-\ngen. Sehen Sie denn nicht, daß für nichts mehr\nPlatz ist? Sehen Sie denn nicht, daß ich für jedes\nBild, das ich Ihnen aufgehängt habe, auch einen\nRahmen auf der Wand, auf der Mauer dazu kom-\nponiert habe? Nicht einmal rücken können Sie mit\neinem Bilde. Probieren Sie doch, ein neues Bild\nunterzubringen!\"\nDa vollzog sich in dem reichen, reichen Manne eine\nWandlung. Der Glückliche fühlte sich plötzlich\ntief, tief unglücklich. Er sah sein zukünftiges Leben.\nNiemand durfte ihm mehr eine Freude bereiten.\nWunschlos mußte er an den Verkaufsläden dieser\nStadt vorübergehen; für ihn wurde nichts mehr er-\nzeugt. Keines seiner Lieben durfte ihm sein Bild\nschenken, für ihn gab es keine Maler mehr, keine\nKünstler, keine Handwerker. Er war ausgeschal-\ntet aus dem künftigen Leben und Streben, Werben\nund Wünschen. Er fühlte: jetzt heißt es lernen,\nmit dem eigenen Leichnam herumzugehen. Ja-\nwohl: Er ist fertig! Er ist komplett.\nWir führen mit diesem Beitrag den Berlinern einen neuen Mann\nvor. In seiner engeren Heimat, Wien, ist Adolf Loos wohl bekannt.\nJulius Meier-Graefe n?nnt ihn in seiner Entwicklungsgeschichte\nder modernen Kunst einen Künstler und Architekten, Schriftsteller\nund Denker. Loos trat schon vor vierzehn Jahren, zu der Zeit, als\ndie moderne ornamentale Bewegung einsetzte, als ihr schärfster\nGegner auf. Anfangs verspottet und verlacht haben aber die Wiener\nKunstgewerbler bald seine Ideen zu den ihren gemacht.\n\nBerlin\nBallade von unserer lieben Frau im Coupé\nVon René Schickele\nAuf der Stadtbahn\nEs hält ein Zug, der, wohin Du willst, nicht geht,\nSolang er hält, sprich, Wandrer, ein Gebet.\nLiebe Frau im Coupe.\nEure Augen tun weh\nwie Haß. Ihr seid verhärmt,\nes schmerzt Euer schiefer Mund,\nund Eure Schultern träumen,\nIch schwöre, schlief der Hund,\nder Eure Füße wärmt,\ninbrünstig würd ich Euch den Gram vom Antlitz\nblasen,\nIhr solltet nimmer säumen.\nEure Pulse müßten laufen wie zwei Hasen\nbis vor die Stadt und zusammenprallend in einem\n■ >usch verschwinden.\nDort möcht ich Euch ernsthaft lächelnd mit ge-\nwölbtem Munde wiederfinden.\nSchlag, Wandrer, das Zeichen des Kreuzes nach\ndem Gebet.\nEs fährt ein Zug, der, wohin Du willst, nicht geht.\nVorortballade\nUm seine Villa beneidet der eine den andern, um\ndas Leuchten des Wannsees,\num seine Terrasse mit geflochtenen Stühlen, um\ndas Segelboot „Ramses\".\nUm seinen Hühnerhof auch und den schattigen\nGarten,\nwo e r in vielen Nächten verdammt war zu warten,\nbis eine Dame kam mit hellem Haar und dem\nSchlüssel zum Auslug.\nIhr Haar fiel, und sie lachte leis, bis die erste\nLerche im Tau schlug."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.5", "texte": "Nun aber möchte er Starkästen bauen, mit kleinen\nHunden spielen,\nDem Wetter vertrauen und im Schatten nach\nglitzernden Möven zielen,\ndas Bot „Ramses\" besteigen, in Himmel und Wol-\nken baden!\nVor allem wünschte er sehr, seine Freunde zum\nEssen zu laden.\nWogegen der andre mit Schnaken kämpfte im\nschattigen Qarten,\nverdammt in vielen Nächten zu stehn und lange zu\nwarten,\nbis eine Dame käme, mit hellem Haar und dem\nSchlüssel zum Auslug.\nIhr Haar fiel, und sie lachte leis, bis die erste\nLerche im Tau schlug.\nBerliner Abende\nI\nIch geh eine ganz vergoldete Straße entlang.\nDer Himmel zerfließt im Sonnenuntergang.\nDa kommen Frauen, märchenschön,\nund bleiben vor glitzernden Läden stehn.\nIn Blüten schwimmt der Potsdamerplatz,\ner träumt vom Mond, dem Qötterschatz.\nII\nAn der Ecke steht ein Mann\nmit verklärtem Gesicht.\nDu stößt ihn an,\ner merkt es nicht.\nStarrt empor mit blassem Blick,\nschlaff die Arme herunter.\nTiefer gestaltet sich sein Geschick\nund der Himmel hunter.\nPrinzessin fahren aus\nKann ich dir denn im offnen Wagen\nvor allen Blicken wiedersagen,\nwas du ja schon lange weißt?\nDarf ich denn meiner Hände Segen\nso auf das wilde Herz dir legen,\ndaß du still und fröhlich seist?\nDa! alle Leute sehn uns an,\nals fragten höhnend sie: wie, wann\nmag dies Schicksal sich entscheiden?\nIch denke doch, wir wollen nicht\nvor jedem dummen Tropf und Wicht\nunsre schönen Schmerzen leiden?\nPrinzessin in der Theaterloge\nDein ist die Hand, die diesen Fächer hält\nund dein bin ich, auch hier.\nErlischt das Licht, wend ich mich rasch zu dir\nund nochmals, wenn der Vorhang fällt,\nund du erinnerst dich, nicht wahr? . .\nund weißt, ich bin sehr schön!\nIch fächle den geliebten Duft dir zu,\nich will in deine Arme wehn!\nJa, manchmal schließe ich die Augen, du . .\nso bin ich dein, kannst du das sehn?\nund ganz, wie ich es heut und gestern war.\nAbschied von Berlin\nHurra! Der Strudel hat mich ausgespieen.\nFiebernd blicke ich und stammle Fluchgesänge,\nDer D-Zug fährt noch zwischen Häusern hin.\nUnd ich bete, daß die Befreiung mir gelänge\naus dem Wüsten, Wilden, wie es Qott gefällt,\nüber dem nassen Tiergarten seh ich die Wolken\nziehn,\n„Zoologischer Garßen\". Dies war meine Welt.\nAber in Qeierfängen entflieh ich dir, Berlin!\nNein, ich bliebe nicht, selbst wenn sie mich um-\nschlänge\nund aus ihrem wunderschönen Mund sich ränge\nherzerschütternd Liebesglut und Angstgebet.\nPrinzeß, adieu! Jetzt trinkt Ihr wohl Kaffee,\nim Garten, vor dem besonnten, roten Tulpenbeet,\ndas Eurer schwarzen Schönheit ebensogut steht,\nwie etwa das Feuer im Kamin Eures dunkeln\nZimmers.\nWie liebe ich die zuckende Wildheit seines Schim-\nmers\nauf Euerrn braunen Leib, worin das Auge dunkelnd\ndie Nacht der Nächte offen hält,\nin Wiederschein von tanzenden, roten Lichtern\nfunkelnd,\nund heiß, als schmolz darin die Welt.\nIhr Abendschönheit, rote Lilie, glühender Schnee\nund Buchengold um den entflammten Höhensee.\nO spiegelt Euer schmal Gesicht im braunen\nKaffee!\nPrinzeß, wenn im Herbst die Abende erkalten,\nwill ich es wieder in den Händen halten.\nIhr biegt Euch wieder in meinen Armen und lacht\nein Lachen, das uns von den Menschen scheidet.\nDoch bitte, bitte, nehmt Euch dann in acht\nund seht, daß Ihr nicht an Migräne leidet.\n\nEinheitliche Konzerte\nVon Felix Stössinger\nEinheitlich ist ein Konzert, das sich organisch ent-\nwickelt. Es gibt hundert Gesichtspunkte, nach\ndenen die Programme gebaut werden können.\nEine geringe Verschiebung der Vortragsordnung\nzerstört schon die Bildung und trägt einen frem-\nden Keim in das Gemüt des Zuhörers. Wenn\nirgend etwas auf seine Stimmung einwirkt, ist es\nder vorsichtige Gebrauch seiner Nervenkräfte.\nEin großer Künstler kann die fremdesten Dinge\nneben einander stellen. Sein Genie reißt uns mit\nund wir lächeln und zittern nach seinem\nWillen. Aber wie jämmerlich zerzaust ist unsere\nVerfassung. Wir sind beglückt und unbefrie-\ndigt, erhoben und gestört und kennen den\nGrund unserer Unruhe nicht. Die Einheitlichkeit\ndes Programmes ist deswegen notwendig. Man\nhat diesen Gedanken, besonders im „Kunstwart\"\nbegriffen, aber unbeholfen ausgeführt. Alle Vor-\nschläge für substanzielle Einheitlichkeit sind Un-\nfug. An einem Abend den Winter und Sommer,\nam nächsten Ritter, Tod und Teufel zu besingen,\nist höchstens äußerlich interessant. Die wahre\nEinheit liegt in der inneren Folgerichtigkeit und im\nVermeiden krasser Kontraste.\nUeber drei Konzerte ist heute zu referieren, die\neine zufällige und beabsichtigte Einheitlichkeit\nauszeichnet. Ein Fräulein Dubois hat französische\nKlaviermusik von Couperin bis Debussy vorge-\nspielt, Artur und Therese Schnabel gaben einen\nSchubert-Abend und im sechsten Philharmonischen\nKonzert waren drei verwandte Naturen nur durch\nzwei fremde von einander getrennt. Bei Nikisch\nist das schon ein Ereignis.\nDie inneren Zusammenhänge sind bei der Dubois\ndie Rassenmerkrr;ale der Komponisten; bei den\nSchnabelischen die edle Harmonie eines großen\nKünstlers; bei Nikisch die Wahlverwandtschaft\nzwischen Mendelssohn, Vieuxtemps und Piotr\nTschaikowsky.\n„Aber ich bitte Sie\" rufen die Abonnenten.\nMan könnte einen Rückschluß ziehen und sagen:\nMendelssohn wird von Nikisch ebenso gut diri-\ngiert wie Tschaikowsky. Zwei Größen, die auf\neinen Dritten gleich wirken, sind auch unter ein-\nander gleich. Aber der Beweis, den man mir nach\nGefühl und Instinkt und Verständnis glaube, oder\nnicht glaube, führt an: Mendelssohn und Tschai-\nkowsky vertonen oberflächliche Gefühle. Beide sind\nvon Haus aus Melodiker und erst Symphoniker aus\nzweiter Hand. Mendelssohn ist als Künstler ein\nkultivierter Spießer und infolge seiner Abstammung\nsentimentaler als erlaubt. Tschaikowsky ist letz-\nten Endes eine kleine Natur: Ein Genießer des\nNegativen und Empfinder des Vergänglichen. Er\nliebt die vorüberschwebenden Gefühle. Er strei-\nchelt die Schwermut. Er ist ein Künstler, weil er\nsein Innenleben ausdrücken kann. Aber es ist das\nInnenleben eines Kleinbürgers. Auch er ist wie\nMendelssohn Heimatskünstler. Das Nationale\nnährt und stärkt seine Kunst. Das russische Kolo-\nrit ist matt und traurig. Es färbt die gleichfarbige\nNatur eines sanften Menschen und verdickt seine\nKunst. Das verwandte Volkstum Tschaikowrskys\nist kräftiger als das Mendelssohns. Deswegen ist\nTschaikowsky auch absolut bedeutender. Die\nVoraussetzung für eine erträgliche Musik Men-\ndelssohnschen Charakters ist ein russischer Ge-\nburtsschein.\nZwischen beiden wurde der Zauberlehrling von\nDukas gespielt. Eine auch ohne Goethe wirksame\nund reizvolle Musik, deren behlliches Fagottthema\nrhytmische Vorstellungen hinterläßt. Auch Vival-\ndis g-Konzert ist eine rhytmische Erinnerung.\nAber was Dukas lobt, tadelt Vivaldi, weil die Phra-\nseologie des Zeitgeschmackes die menschlichen\nEigenheiten übertönt und der schöne Charakter\ndieser alten Violinmusik nicht spezifischen Vivaldi-\nschen Ursprunges ist. Doch ihre rhytmische,\ndurch Intervalle wirkende Großzügigkeit machte\nbeim Spiel Ysayes Vollendung aus. Die Elfentöne\nseiner Geige entzaubert eine impulsive und male-\nrische Bogenführung.\nHistorische Assoziationen verbinden mit Vivaldis\nViolinkonzert den Klavierabend von Marie Dubois.\nAuf Scarlatti geht Vivaldis Form zurück und da-\nmit auf die ersten Komponisten des Klaviers. Cou-\nperin und Rameau sind Stammgäste in Klavierkon-\nzerten und heute ebenso frisch wie vielleicht auch\ndie Daquin, Dagincourt, Dandrien. Das Spiel\nder Dubois hat die Stilunterschiede vorge-\nstellt. Man liest, daß Rameau früher als Couperin\nwirkte, ihn aber, überlebend, steigerte. Diese\nauch sonst Haydn und Mozart parallele Entwicke-\nlung wurde hier lebendig. Noch deutlicher aber\nzeigte sich die natürliche Entwiekelung der fran-\nzösischen Klaviermusik. Debussy, Thome und\nWidor sind wie ihre Ahnherren wieder Miniatur-\nmaler und Programmatiker. Die Steigerung des\nTanzes zur Klaviermusik reicht nun von Charn-\nbonniere bis Saint-Saens und Pierne.\nFräulein Dubois ist sicher fleißig gewesen. Sic\nspielt technisch und geistig vortrefflich. Die\nHärte ihres Anschlages ist nicht hart genug, um\ncharakteristisch sein zu können. Man erschrickt\ndavor, sie nicht recht loben zu dürfen. Wie hoch\nist doch das Niveau, wenn erst soviel Können in\nden guten Durchschnitt eingereiht wird.\nDas Konzert von Artur Schnabel und Therese Behr\nzählt zu den Erlebnissen auf meinen diesjährigen\nWinterreisen. Welch eine Entwiekelung hat die-\nser Mann seit einem Jahr durchlaufen. Er schlug\nauf das Klavier wie mit Basalt auf Qranit. Jetzt\nhat er eine spielende, aber nicht spielerische\nLeichtigkeit in den Fingern. Er ist nicht mit An-\nsorge oder Busoni in eine Klasse zu ordnen. Ihm\nfehlt noch die letzte Bedeutung, wenn auch nicht\ndie Kraft, sie zu gewinnen. Ueber alles Hebe ich an\nihm seine innere Schwerfälligkeit. Wrie arbeitet\nder ganze Mensch. Die Musik ringt sich aus sei-\nner Brust und stöhnend schafft er auf* neue. Sein\nAnblick läßt die Leichtigkeit des Spiels nicht recht\nbegreifen. Sehenswert ist das Phänomen, wie\nmännliche Anmut aus männlicher Kraft geschöpft\nwird. Artur Schnabel ist im besten Sinne ein\nKlavierschauspieler.\nTherese Behr ist reine Sängerin und gehört zu den\nwenigen durchaus harmonischen Künstlernaturen.\nWenn sie ihre Gefühle nur ängstlich und verhalten\naufdeckt, so kann diese Keuschheit durch ihre ge-\nringen Stimmittel erklärt werden. Aber vor dem\nWunder gleicher Körperlichkeit erscheint diese Er-\nklärung nur als Ausflucht. Während der Körper der\nMusikanten mehr oder weniger irrelevant ist, er-\nscheint er bei Therese Behr als Ausdruck der\nSeele. Diese für das Pack nichtssagende Steifheit\nder Glieder ist von Innigkeit erwärmt, die nur nicht\nsichtbar zur Geltung kommt. Und die gleiche In-\nnigkeit atmet der müde, schmalbrüstige Gesang.\nDie Stimme ist sehr milde, von geringem Umfang\nund noch nicht vollkommen ausgebeutet. In den\nhöheren Lagen fühlt man die technische Arbeit und\ndie Schwierigkeiten des Vortrages. Aber wie rüh-\nrend quellen die Gefühle auf und wie treibt der\nniedergehaltene Schmerz, besonders in den Lie-\ndern: „Der Lindenbaum\" und die „Nebensonnen44\ndie Tränen gegen Kehle und Wimperen. Diese\nliebe Frau ist keine ganz große Künstlerin, weil\nsie nicht das Leid des verlassenen Burschen zu\ntypischer Tragik steigern kann. Doch wie sie ist,\nist Harmonie der Reiz ihres Wesens. Monumen-\ntalität und reicheres Stimmaterial würde die Ein-\nheit und Schönheit dieses echten Menschentums5\nnur auflösen und zerstören.\n\nPeter Baum\nVon Else Lasker-Schüler\nEr versäumt den Tag, und die Dunkelheit erreicht\ner, wenn es zu spät ist. Aber er träumt noch\nschnell unter dem verschwindenden Mond. Einmal\nkam Peter Baum barhäuptig im Januar ins Theater\ngegangen, draußen waren 15 Qrad Zer—fahren-\nheit. Einmal steckte er seine brennende Zigarre in\ndie Hosentasche, später meinte Peter Baum — daß\nes nicht die Kartoffeln auf dem Feld gegenüber"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.6", "texte": "wären, aber daß seine Lende versenge. Und doch\nhat St. Peter Hille einmal gesagt: Peter Baum sei\nder sensibelste Mensch, den er je kennen gelernt\nhabe. Peter Baum ist ganz blau. Das heißt über-\nsetzt: Er ist ein Dichter. Sternenpsalme hat er\ngedichtet für die Harfe Davids, für das Herz Salo-\nmes, des Dichterkönigs von Juda. Und doch ist\nPeter Baum der leibliche Sohn und Erbe des Evan-\ngeliums. Seine Väter waren die Herren von Elber-\nfeld im Wupper-Muckertale. Sie beteten zu Luther\nund wachten auf in Sonntagsfrühe beim ersten\nSchrei des Kirchenhahns. Manchmal erscheinen sie\nihrem Urenkel im Schlafe, weniger der jüdischen\nPsalme, aber seines abtrünnigen Romans „Spuk\"\nwegen. Es ist ein Roman im Kaleidoskop; die Bil-\nder kommen buntartig und schwinden blendend wie\nteuflische Spiegel. Ein flackerndes Fleckenspiel\nhinter geschlossenen Augen. O, und seine wunder-\nvollen Novellen „Im alten Schloss\" brachte er mir\neines Abends, seine große Tannengestalt erschien\nmir noch eine Krone höher, so aufwärts wie der\nGraf seines Buches, ein wetternder Weihnachts-\nbaum, der seinen Schmuck abgeschüttelt hat. Die\nWochenschrift „Sturm\" wird Peter Baums neuestes\nWerk bringen, das spielt zur Rokokozeit und ist in\ngeblümter Seidensprache geschrieben. Wie tief\nseine Dichtungen doch ihn erleben und er sich an\nihnen verwandelt!\n\nAusgelachte Lyrik\nVon S. Friedlaender\nIch habe einige Gedichte von mir unter dem Titel\n„Durch blaue Schleier\" veröffentlicht und zu mei-\nner Genugtuung sind zwei davon (die übrigens\nnicht zu den besten gehören) von der versammel-\nten Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger\nherzlich belacht worden. Ich bin durchdrungen\nvon der Gewißheit, daß erstens meine Gedichte\nkeineswegs auf dem Niveau jener Genossenschaft\nstehen; daß zweitens auch mein allerschlechtestes\nGedicht jenes Niveau überragen muß; daß endlich\nvon Klassenintelligenz an alles, was nicht auf ih-\nrem Niveau ist, stets in dem Sinne verlacht wer-\nden .wird, wie wenn es unter ihm wäre. Denn\ndieses ist immer der Unterschied des gemeinen\nLachens vom edlen und vornehmen gewesen, daß\njenes auch das Erhabene noch in den Staub unter\nseinen Füßen zieht; hingegen dieses adelt auch\nnoch den Staub. Das Lachen des Vornehmen über\nden Geringen hat einen gewissen himmlischen und\nreinen Klang, der das Geringe harmonisch mitklin-\ngen läßt. Wo aber Gemeinheit (d. h. „Durch-\nschnitt\" und Tieferes) über Edleres lacht oder, was\nganz genau dasselbe besagt, Theodor „Lessing\"\nüber Samuel Lublinski; desgl. Hermann Nissen\nüber Salomo Friedlaender; der kranke und „ge-\nsunde\" Menschenverstand über den übergesunden\n— dieses rohe Gelächter stumpfsinniger Verständ-\nnislosigkeit schändet, entehrt, vernichtet bloß sein\nObjekt; es ist nicht auch schöpferisch. Muß ich\ndiese Eule nach Athen tragen? — Man prüfe das\nLachen! Ich versichere, daß ich genau so sehr\nüber meine Gedichte, über Lublinski und Waiden\nlache, wie Nissen, „Lessing\" und Konsorten: Aber\nanders, anders! Denn seit wann, heillose Ein-\nfalt, ist das Lachen nicht mehr weit verräteri-\nscher für den Lachenden als für den Ausgelachten?\nEs ist leicht, zu lachen. Alles kälbert gern, vom\nJüngling bis zum Nordpolentdecker, das Lachen\nist aber eine angenehme Verrichtung. Es ist leicht,\nüberhaupt zu lachen; allein weise zu lachen: so zu\nlachen, daß man alle Lacher, auch den Ausgelach-\nten auf seiner Seite hat, befreiend, erlösend, auf-\nklärend zu lachen, vermögen (außer Nietzsche-\nZarathustra) nur wenige Menschen, nur Lessinge,\ndie nicht Theodor heißen. Dieser Heiterling Theo-\ndor nimmt sich und George verzweifelt ernst, mei-\nnen Lublinski höllisch lustig: Das ist der netteste\nBeweis für die unglaublich alberne Leichtfertig-\nkeit der flachen und rohen Lache, die er tierisch\naufschlägt. Je gründlicher, weiser und göttlicher\njemand lacht, desto weiter wird der Umkreis des\nVerlachten, bis er zuletzt die Welt und den Lacher\nmit in sich einbezieht. Wer sich bis in das Mark\nder Knochen hinein Kraft nimmt, kommt aus dem\nLachen über sich nicht mehr heraus. Es ist dieses\ndas ganze Geheimnis des Ernstes, daß das\nLachen mit in sein Wesen hineingehört. Wie\ndumm lacht so ein Kerl, der aus seines Ernstes\nsicherem Hafen lacht! Wie ordinär macht Lessing\nvon dem vermeintlichen Privileg, nicht Lublinski\nzu sein, Gebrauch! Wir kennen dieses mensch-\nlich-allzumenschliche Gelächter, das heute ihre\nehemaligen Kreuzigungen und Verbrennungen\nmehr als ersetzt! Es gibt eine Rangordnung des\nGelächters, und sie beruht auf einem Gegensatz,\nUm rund herauszukommen, muß ein Gelächter\nBosheit mit Güte konsonieren lassen, Vernichtung\nmit Schöpfung. Was wäre eine Logik der bloßen\nNegation? — Vernichtende Kritiken, die nicht\nebenso schöpferisch sind, vernichten auch nur\nhalbwegs. Wer wie der sogenannte „Lessing\"\nverzerrt, ohne zu rechnen, daß nur Ideale verzerrt\nwerden können; daß seinem von ihm und von der\nNatur so häßlich verzerrten Lublinski — für\nLessings flache Sinne unempfindbar — das herr-\nliche Wesen Lublinskis noch deutlich erkennbar\nuntergelegt ist, der gibt klärlich zu verstehen, daß\ner die Dinge auch nur halb ernst nehmen kann; daß\nauch seine Verehrungen flache Hügel sind, daß er\nden Diameter seines Lachens nur als Halbmesser\nkennt. Lachen ist, wenn es mehr sein möchte als\nein albernes Gekälber, die schwerst erlernbare\nKunst, der vollendete Triumph aller Welt. Nur\ndie Gerechtigkeit dürfte lachen. Das infernalische\nGelächter „Lessings\" sollte Herr Lublinski olym-\npisch beantworten: mit welcher wundervollen un-\nsichtbaren Schönheit verklärt er seine sichtbaren\nVerrenkungen. Wenn also überhaupt gelacht wer-\nden soll, so lache man unisono und gegenseitig.\nEin Mann wie Scheerbart gar lacht über alle Ge-\nnissen- und Genossenschaften der Weltangehöri-\ngen so sehr, daß ich wünschte, es wirkte allgemein\nansteckend. Ich zerreiße jedes edle lyrische Ge-\ndicht, über das Nissen usw. nicht lacht.\n\nOffener Brief\nLieber Herr Walden!\nSamuel Lublinski\nSie fragen mich, ob ich nicht dem sogenannten\nzweiten Lessing persönlich erwidern will. Doch\ndazu ist mein Zorn gegen den Ehrenmann nicht\ngroß genug, obwohl freilich, wie ich zugeben muß,\nsein jüngstes Produkt nach dem Gegenteil von\nEau de Cologne riecht. Aber die dicke Komik, in\nder dieser Brave förmlich eingewickelt liegt, muß\nmich entwaffnen.\nSehen Sie sich doch nur, bitte, diesen judenfresse-\nrischen Semiten an, der nach eigenem Geständnis\nan Halluzinationen leidet! Da rast, tobt und\nschäumt er wider etwas, das er „esprit-jüdisch\"\nnennt, und merkt dabei gar nicht, daß sein eigener\nArtikel in seiner geistreichelnden Roheit als die\nduftigste Blüte der von ihm gekennzeichneten\nLiteraturgattung erscheint. Eine solche Ahnungs-\nlosigkeit müßte eigentlich zwerchfellerschütternd\nwirken, wenn nur nicht ein gewisser Ekel wäre,\nso daß man nach dem Riechfläschchen greift.\nImmerhin hat diese Groteske mich schon vor dem\nKampf entwaffnet, und ich gelange mehr und mehr\nzur Einsicht jener alten Stoiker, denen Gottes Güte\nund Weisheit nicht zum wenigsten durch die\nExistenz gewisser kleiner Lebewesen bewiesen\nwurde. Darum sei es fern von mir, dem unzwei-\nfelhaft menschlichen Lebewesen Theodor Lessing\ndas Recht zum Dasein abzusprechen. Ich lasse\ndiesen Judenfresser semitischer Abstammung ruhig\nlaufen, wie ich auch die unverfälscht arischen Anti-\nsemiten zumeist laufen ließ, und Gottes Weisheit\npries, der in unergründlichem Erbarmen auch noch\ndiesen Geschöpfen zum Licht der Sonne verhalf.\nMit freundlichem Gruß\n\nErklärung\nZu Herrn Herwarth Waiden, den wir durch\nunsere Mitarbeiterschaft zu wiederholten Malen in\nden Augen der Halbkultivierten kompromittiert\nhaben, kommen zwei Kaufleute und fordern ihn\nauf, die Chefredaktion einer dem französischen „Le\nTheatre\" nachgebildeten Zeitschrift zu übernehmen.\nHerr Waiden setzt den Herren auseinander, daß er\nsich zu einer derartigen illustrierten Zeitschrift nur\ndann verstehen könne, wenn sie in einer streng\nkünstlerischen und durchaus vornehmen Form ge-\nhalten sei, legt ihnen zahlreiche Nummern der\nfrüher von ihm geleiteten Zeitschriften vor, deren\nTon und Inhalt die Herren als für die neue Zeit-\nschrift maßgebend anerkennen. Zum Ueberfluß\nmacht Herr Waiden die Herren mit dem skanda-\nlösen Benehmen bekannt, das die Genossenschaft\ndeutscher Bühnenangehöriger seiner streng künst-\nlerischen Haltung wegen ihm gegenüber an den\nTag gelegt hat. So auf das Genaueste informiert,\nengagieren die beiden Kaufleute Herrn Herwarth\nWaiden auf mehrere Jahre unkündbar als Chef-\nredakteur. Darauf versieht er die Herren, die zu-\nnächst nicht viel mehr wußten, als daß sie eine\nTheaterzeitschrift haben wollten, mit Ideen und\nAnregungen. Die neue Zeitschrift, die auf Herrn\nWaldens Vorschlag den Titel „Das Theater\" erhält,\nerscheint vom 1. September 1909 ab als Halb-\nmonatsschrift, findet im In- und Ausland eine große\nVerbreitung und genießt den Beifall der maßgeben-\nden künstlerischen Kreise.\nAber schon am ersten Tage stellt sich heraus, daß\ndie Herren Kaufleute Neigung haben, sich nach be-\nkanntem Muster, jedoch mit vermehrtem Eifer, in\ndie redaktionellen Angelegenheiten einzumischen.\nSie erlauben sich Kritiken über unsere Mitarbeiter-\nschaft und geben immer deutlicher zu verstehen,\ndaß sie die Zeitschrift im Geschmack eines Fami-\nlienblattes gehalten wünschen. Sie gebärden sich\nganz so wie Leute, die es nicht länger erwarten\nkönnen, daß die Redaktion Bilder gegen Bezahlung\nveröffentlicht und die Nennung von Konfektions-\nfirmen gegen pekuniäre Leistung einführt, was ja\nschließlich vom Standpunkte der Kaufleute einen\nreellen Handel und keine Korruption bedeutet.\nSchließlich gehen die Herren soweit, daß sie ihren\nRedakteur anweisen, er möge seine Mitarbeiter zu\neinem dem Fassungsvermögen der Verleger ange-\npaßten Stil anhalten. Als sich Herr Waiden auch\nin diesem Falle gänzlich abgeneigt zeigt, entschlie-\nßen sich die Kaufleute, die inzwischen in Berlin —\ndie Herren waren fremd am Platze — Fühlung mit\nden verständnisvollen und gefügigen Literaten be-\nkommen haben, eben jenen Kontraktbruch zu be-\ngehen, den die Genossenschaft deutscher Bühnen-\nangehöriger ihnen so schön vorgemacht hat, und\nentlassen den unbequemen Redakteur. Sie ent-\nlassen ihn, nicht ohne ihm vorher einen Artikel\nzensuriert und dafür seinen Herausgebernamen\nmit einer Schneidereklame und ähnlichen Beiträgen\nin Verbindung gebracht zu haben. Der Fall ist eine\nautorrechtliche Novität; aber sie wußten bereits,\ndaß sie des Beifalls und des „Ahas\" aller jener ge-\nwiß sein würden, denen wir Mitarbeiter von jeher\nfatal waren. Wir stellen in diesem Ereignis die\nLogik der Zeitläufte fest. Es kann gar nicht anders\nsein, als daß Konfektionäre sich in die Angelegen-\nheiten der Kunst und Literatur einmischen. Und\nwenn diese Herren, die einen Redakteur mit einem\nKommis verwechseln, weil sie geistige Stoffe nicht\nmit der Elle messen können, von uns verlangen,\nwir möchten so schreiben, daß wir sogar ihnen\nverständlich sind, so wollen wir uns wenigstens\neinmal so ausdrücken, daß sie nicht im Zweifel\nüber das sind, was wir meinen. Wir sagen also:\nAuf diesen Abschluß brauchen sich die Herren\nKaufleute nichts einzubilden. Er ist unlauterer\nWettbewerb mit Herrn Nissen. Aber auch auf die\nZufriedenheit der Kundschaft, die wir bekämpft\nhaben und weiter bekämpfen werden, brauchen sie\nsich nichts zugute zu tun. Solche Späße werden\nwir noch öfter erleben, und dabei die notwendige,\nwenn auch lästige Bekanntschaft einer Sorte von\nMenschen machen, die glauben, sie könnten uns\ndazu benutzen, für den schlechtesten Teil des\nPublikums Pofelware zu liefern. Auf den Kontrakt-\nbruch dieser Prinzipale, die vor jedem Schmock\nund Rekordlibrettisten zittern, waren wir von der\nersten Nummer an gefaßt. Ein Dutzend in Freiheit\nredigierter Nummern — wenn das der biedere\nNissen erlebt hätte, — der nur bis drei zählen\nkonnte!\nDr.Ru d o 1 112 Blümner Dr. Alfred Döb-\n1i n Dr. S. Friedl a e n d e r Ferdinand\nHardekopf Dr. Siegmund Kalis c h e r\nRudolf Kurtz Else Lasker-Schüler\nLudwig Rubi n e r Rene Schic k e 1 e\nMario Spiro Felix Stössinger.\n\nBeachtenswerte Bücher und Tonwerke\nHERMANN BANG: Menschen und Masken\nVerlag Hans Bondy, Berlin\nKARL KRAUS: Sprüche und Widersprüche\nVerlag Albert Langen, München\nLUDWIG HATVANY: Ich und die Bücher\nVerlag Paul Cassirer, Berlin\nJOSEPH SCHÖFFEL: Erinnerungen aus meinem Leben\nVerlag Jahoda & Siegel, Wien\nROBERT SCHEU: Karl Kraus / Essay\nVerlag Jahoda & Siegel, Wien\n\nVerantwortlich für die Schrittleitung:\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.7", "texte": "Malschiile\nmOller-schoenefelo\nAtelier Charlottenburg- 111,\nSchillerstr. 3:\nVormittag: Portrat u. Kostiim-\nmodell;\nAbend: Dauerakt\nAtelier Berlin W., Lutzowstr. 82\nVormittag: Akt\nNachmittag: Portrat\nAbend: Skizzieriibungen nach\ndem Akt\n(2 Stunden 50 Pfg.)\nAnfragen nach Schillerstr. 3.\nBERLIN W. 35\nPotsdamerstrasse 121 a\nAtelier\nClara Elisabeth Fiseher\nMALEN :: ZEICHNEN\nNeu seit 1. November:\nPlakatkunst Qraphik.\n:: Eintritt jederzeit ::\nN&heres Prospekte ::\n\nDEUTSCHE SMYRNA-TEPPICHE\nhandgeknupft und mech. g-ewebt, fertig-t in EINZEL-FABRIKATION auch nach besond. Kiinstler^Entwurfen\nVEREIN1GTE SMYRNATEPPICH FABRIKEN\n• ! (ZENTRALE: BERLIN C 2, BURG-STRASSE 24) in ihren Fabriken\ns s SCHMIEDEBERG i. R. - COTTBUS - HANNOVER-LINDEN i S\n■■■■■■■■ aus selbstgesponnenen reinen Garnen, in luft- und lichtechtesten Farben *«■■«■«£\nMechanisch gewebte, hocfaflorige Smyrna *Teppiche\n:: :: :: :: nahtiose Breite bis zu 6 Meter, bei beliebiger Lange und Farbenstellung :: :: :: :: :: ::\nKNOPFTEPPICHE bis'zu ie2 Meter Haargarn - Lauf erstoff e\nIN JEDER STILART, FORM U. FARBENSTELLUNG :: :: :: :: bis zu 1,30 Meter breit :: ::\nNEUHEIT! Deutsch-orientalischer Kniipfteppich „IRAN\" D. R.-Patent\nBesonders dichte, niedrig florige Qualitat ECHTFARBIG AUS BESTEM KAMMGARN\n\nPermaoenle Demai - jiisslellynii ersler |ejter\n:: Bilderrahmen - Fabrik ::\nSpezialist im Zusammenstellen und\nAbtsnen der Rahmen ■ Lieferant\n■ der grossten Kiinstler ■\nHUMBERT CYBULSKI • BERLIN W\nEingetrag-ene Handelsfirma\nJoaehimsthalerstr. 12 ■ Bahnhof Zoologischer Garten\n\nStudien - Atelier\nBERLIN-W. 30, Habsburgerstrafie 11\nAkt-Kopf-Kostum Zeichnen ::\nMalen :: Modellieren ;: Stilleben\n:: Komposition :: Abendakt ::\nAb Juli Akt, Landschaft an der See\nProspekt durch MORITZ MELZER\n\nMai- und\nZeichenbedarf\nW. & J. AMLER\nCHARLOTTENBURG\nSTEINPLATZ 2\nTELEPHON 1839\n\nHERMANN HOFFMANN\nELEGANTE HERRENMODEN\nBerlin vSW 68 Friedrichstr. 50-51"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100303-01.1.8", "texte": "Verein der Theater- und Konzertfreunde\nim MozarUSaal im Mozart-Saal\nCelebritaten=Abende\nPreise der Piatze: 4M, 3 M., 2 M., 1,50 M., I M.,\nim Abonnement (alle 7 Abende) bis 1. M&rz abends\n21 M., 16,75 M., 10,50 M , 7,90 M., 5,25 M.\nVorverk. b. Bote & Bock, A. Wertheim u. im Alozartsaal\nIPPs*\"5*\" Da der Verein nur eine beschrankte Anzahi Karten\nbffentlich abgibt, empfiehlt es sich, baldmoglichst zu bestellen\n\nVerlag F. HARNISCH & Co-, Berlin W57\nDR. REBAJOLI'S Italienischc\nU fur Schulen\nLehrbuch der italienischen Sprache\nI. Stufe. Gebunden Mark 2,—. (Fur Anfanger)\nDiese kurzgefasste aber durchaus tibersichtliche Grammatik beschrSnkt\nsich darauf, von den Formen, Rcgeln und Vokabeln nur das zu bieten,\nwas zum alltaglichen Gesprach unbedingt erforderlich ist. Das kleine\nWerk eignet sich auch besonders zum Zwecke, Damen und Herren, die\neine Reise nach Italien vorhaben, eine allgemeine Kenntnis der Sprache\nzu verschaffen, oder bereits erworbene Kenntnisse in kurzer Zeit auf-\nzufrischen.\n11. Stufe. Geb. Mk. 4.—. (Fur Vorgeschrittene)\nAls Fortsetzung der I. Stufe fur diejenigen Schtiler gedacht, die eine\ngrundliche Kenntnis des gesamten grammatischen, syntaktischen und\nlexikalischen Sprachschatzes anstreben. Diese zweite Stufe enthalt ein\nitalienisch-deutsches und de utsch~itallenisches Worterbuch,\ndas dem Lernenden jedes weitlSufigere Lexikon vollauf ersetzen diirfte.\n„Spielend\"lernt man Sprachen durch\nDr. Rebajoli's Autodidakt\nA. Italienisch, elegant gebunden Mk. 10\nB. Franzosisch, elegant gebunden Mk. 10\n„Ein monumentales WerK, das jedem, der es ernst nimmt mit\ndemLernen einer Sprache, den Stoff zu intensiver Durchdringung\nund zur voliigen Beherrschung des Sprachschatzes in an'\nsprechender Form und in methodischem Fortschritt bietet.\"\nSelbstunterrichtS'Methode mit Hiilfe des Grammophons.\nJeder Lehrer, jede Lehrerin, Jedermann muss Dr. Rebajoli's Autodidakt\ngebrauchen um leicht und grtindlich Fremdsprachen zu lernen.\nDie darin enthaltenen 33 fremdsprachlichen Gesprache sindauf 33doppel-\nseitige MOdeon\"-Schallplatten von unubertroffener Fiille und Kiarheit der\nStimme durch den Autor tibertragen worden.\nWiedergabe der Aussprache in hochster Vollendung. Vorfuhrung auf\nWunsch beim Autor oder im Verlag. Einzelne Unterrichtsbriefe 50 Pf.,\nPlatte dazu M3. Preis der 33 Platten mit Lehrbuch ,AutodidaKt' nur M ICO\nZur Wiedergabe der Gesprache eignet sich jedes, auch das kleinste\nGrammophon; jedoch hat der Verlag hierzu eine trichterlose „Autodidakt\"«*\nSprechmaschine konstruierenlassen, die sich durch besonders deutliche\nWiedergabe auszeichnet. Preis derselben nur 50 MarK\n\n2\nWHW-NPjl\nS BUCH- UND KUNSTDRUCKEREI i\nSIEGFRIED SEEGER\ni\nS BERLIN S 42, RITTERSTRASSE 26 |\nTELEPHON AMT IV, 1045 cm TELEPHON AMT IV, 1045\nILLUSTRATIONSDRUCK, SETZ-\nMASCHINEN, BUCHBINDEREI\nSTEREOTYPIE, MODERNSTES\n:::: schriften material ::::\nSpezialitat: Drack vori Broschuren, Katalogen,\nZeitschriften, Werken, Massenauflagen ■ Buntdruck\na\na\n\nIn Berlin emheinende iranzOsisobe Zeilsetiriit\nJOURNAL OLLIM\nZur Vervollkomninung in der\nfranzosischen Sprache geeignet\nflbormementspreis vierteijahrlich ITlk, 1,50\n\nenthal\nGESCHAFTSBUCHER-FABRIK\n1815, also vor 95 Jahren / gegrundet und seit 1851,\nalso seit 59 Jahren / unter der jetzigen Firmabestehend\nBSBi\nDas Renommee unserer Fabrikate beruht auf deren\nhervorragender Qualitat u. Preiswiirdigkeit. T adel-\nlose, beste Papiere, dauerhafte EinbSnde in soli-\nder und Susserst geschmackvoller Ausfiihrung\nunter Verwendung nur zweckentsprechender und\nsorgsam gepriifter Materialien zeichnen die Fabri-\nkate der Julius Rosenthal'schen Geschaftsbticherfabrik\n□ seit deren Bestehen aus. □\nAls Spezialitat eines guten und dennoch Musserst\nbiiligen Kontobuches in bekannt guter Berliner\nArbeit, starkem Papier und solider Ausfiihrung\n□ offerieren wir neuerdings das □\nKontobuch „Komet(<\nin Gross-Polio-Pormat, 21 cm auf 33 cm, oder in Lang-\nPolio-Format, 16 cm auf 42 cm, mit 380 Seiten Inhalt\nftir nur MARK 3\nBitte NUR unter MARKE „KQMET\" zu bestellen\nJulius Rosenthal Julius Rosenthal Filiale\nGeschaftsbiicherfabrik GESCHAFTSBUCHHR UND\nBERLIN SO 16 kontorbedarf g. m. b. h.\nRUNQESTRASSE 22 Behrenstr. 30, Ecke Charlottenstr.\n5398\n\nVerein fur Kunst\nSalon Cassirer ■ Viktoriastr. 55\nbonnerstag, den 3. MMrz\nabends 8 Cihr ::\nAdolf Loos\nOrnamentundVerbrectien\nVorirag\nGastkarten zu Mark 2 und i\n== an der Rbendkasse =\n£2=\n\nDie Fackel\nHerausgebert\nKarl Kraus\nSoeben erschienen\nNummer 296 — 297\nRus dem Inhalt: Joseph\nSdi6ffel von Karl Kraus =\nDie Arbeiterzeitung und die\nTaussigclique — Glossen:Eine\nNeuerung = Der Punkt =\nDeutsche Dichter — Das Budi\nfiber Berlin — Der gordisdie\nKnoten von Karl Kraus\nDoppel-Nummer 50 Pfg\nOberall erhaltlich"}]}