{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_sha256": "97e6165a288966f94200de3a60d6d247a394ad5ff06ec845b490dba68a560510", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/03/10_01/bmtnabg_1910-03-10_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/03/10_01/bmtnabg_1910-03-10_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.1", "debut_caractere": 548, "fin_caractere_exclue": 918, "texte": "INHALT:\nROBERT SCHEU: Kanjnen aus Kirchen-\nglocken / ALFRED ÜÖBLIN: Die Tänzerin und der Leib /\nELSE KRAUS:\nPro domo et mundo / LUDWIG RUBINER: Cronimelynck/\nMÜLLER - KABüTH: Bemerkungen über Leistikow/\nGLOSbEiN: Der Aberglaube der v orurteiisiosen / Ferdinand\nHardekopf: Eines Dramatikers letzte Stunde / A. 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So liegt die suggestive Macht Rußlands,\ndie auch durch seine großen Niederlagen nur zeit-\nweilig verbleicht, in der sich aufdrängenden Vor-\nstellung, daß hier gewaltige, unverbrauchte Kraft-\nvorräte dem Tag ihrer Erlösung entgegenharren.\nIn Zeiten großer allgemeiner Krisen ist die Be-\nlastung der Volkskraft mit gewichtigen Hemmun-\ngen beinahe einem Guthaben gleichzuachten. In\ndiesem Sinne könnte man die katholischen Staaten\nals solche betrachten, die noch einer großen Ex-\npansion nach innen fähig sind, wenn sie sich ein-\nmal entschließen sollten, die gigantische Völker-\nsparbüchse, die Kirche, zu liquidieren und ihre\nSchätze auszuschütten. Sollte sich der große\nSäkularisationszauber nicht eines Tages wieder\nerneuern lassen?\nDer Geist der europäischen Staaten ist längst\nein durchaus heidnischer. Mir drängt sich immer\nlebhafter der Gedanke auf, daß die Staatsverfas-\nsungen im letzten Grunde der Ausdruck militäri-\nscher Notwendigkeiten sind. Vielleicht gelingt ein-\nmal einem gründlichen Kenner der Taktik und\nStrategie aller Zeiten der Nachweis, daß die jeweils\ngegebene Formation der Truppen im Felde eine\nbestimmte staatliche Konstitution nach sich zieht,\nbeziehungsweise von dieser bedingt ist. Der Zu-\nsammenhang von Reiterei und Rittertum tritt schon\nim Wort hervor, in dem Maße, als die Bedeutung\nder Kavallerie im Felde sinkt, büßt auch die Gentry\nan politischem Gewicht ein. Der geschlossenen\nSchlachtlinie der friederizianischen Zeit scheint\nmir der aufgeklärte Absolutismus zu entsprechen.\nDie Vorherrschaft der Artillerie ist durch das Be-\nstehen großer kapitalistischer Etablissements be-\ndingt, der Kanonenkaiser Napoleon ist der Sohn\nund Heros der bürgerlichen Revolution. Das weit-\ntragende Mannlicher zwingt zur Auflösung der\ndichten Ziele, und die heute einzig mögliche\nSchwarmlinie ist auf militärischem Gebiete etwas\nAehnliches, wie das Freilicht in der Malerei und\ndie unendliche Melodie in der Musik, die bekannt-\nlich Nietzsche als ein Echo der Demokratie erraten\nhat. Alle modernen Menschen dürfen ihre Hoff-\nnungen beruhigt der weltumwälzenden Macht der\nSchwarmlinie anvertrauen. Ich für meine Person\nbaue auf sie heilig und ziehe aus ihr den unbe-\ndingten, fast möchte ich sagen, untrüglichen\nSchluß, daß wir einem Zeitalter einer streng heid-\nnischen machtvollen Demokratie entgegengehen,\ndie gleichzeitig wieder dem Individuum eine ge-\nwisse Ampltiude garantieren wird, was ich aus dem\nAbstand der Kombattanten in der Schwarmlinie\nbeinahe ableiten könnte. Die moderne Feuerlinie —\naufgelöste Plänklerreihe — wird und muß ihr Spie-\ngelbild in der Staatsverfassung finden; denn es ist\nschlechthin unmöglich, auf Grundlage eines feuda-\nlisierenden Regimes das entsprechende Material\nfür die Schwarmlinie zu rekrutieren, geschweige\ndenn im Felde mit ihr zu manipulieren. Der orga-\nnisierte großstädtische industrielle Arbeiter ist das\nbeste und intelligenteste Infanteriematerial der\nmodernen Feuertaktik, wie übrigens jeder Gene-\nral bestätigen wird. Alle militärisch veranlagten\nKöpfe fühlen das instinktiv und sind heute im Her-\nzen demokratisch gesinnt.\nSollte zur Entkräftung dieser Theorie von dem\ninnigen Zusammenhang zwischen der Gefechts-\nformation und der Staatsverfassung etwa auf die\nTatsache hingewiesen werden, daß in einem und\ndemselben Zeitalter die verschiedensten Verfas-\nfungen nebeneinander bestehen, während die aner-\nkannte und jeweils geübte Taktik nur eine sei, so\nwürde ein genaueres Eingehen in die Geschichte\nlehren, daß die Kriege eben der Prozeß sind, durch\nden sich die Ausgleichung der Taktik vollzieht und\nim Siege der Waffe auch stets eine Ueberlegenheit\nder Staatsverfassung zum Ausdruck kam und an-\nerkannt wurde. Die nachträgliche Analyse und\nDiskussion aller kriegerischen Auseinandersetzun-\ngen erweist die Notwendigkeit und Gerechtigkeit\ndes Sieges; umgekehrt wirken Niederlagen un-\nfehlbar revolutionär, was nicht mit solcher Un-\nmittelbarkeit und Vehemenz der Fall sein könnte,\nwenn es nicht geradezu die Staatsfassung wäre,\ndie im Gefecht unterlag.\nDie europäische Opposition, gebildet aus der\nSumme aller nach Entbindungen ringenden Kräfte,\nerblickt in der Kirche und der Armee ihren ge-\nmeinsamen Feind und bekämpft die auf sie ge-\nstützte Staatsmacht, ohne sich davon Rechenschaft\nzu geben, daß die erstarkenden und gesunden\nStaatswesen von immer lebhafterer Sehnsucht er-\nfüllt werden, ihr innerliches Heidentum zu offen-\nbaren. Das immer deutlichere Einbekenntnis zu\neinem kühnen Heidentum, die Abwendung des\nStaates von der Kirche, wie sie von Paris, dem\nNabel der Erde, instradiert wird, ist das größte\nmoderne Ereignis. Allmählich fühlen sich die\nStaatswesen hinreichend entwickelt, um der An-\nlehnung an die Kirche zu entraten und zu ihrem\nhistorischen Antagonismus zurückzukehren. Die\neuropäische Opposition kämpft noch in ihrer alten\nZweifrontenstellung und befestigt dadurch künst-\nlich ein Bündnis, das nahe daran ist, aus natür-\nlichen Gründen zu zerfallen.\nArmee und Kirche sind aber innerlich ver-\nschiedene Kategorien. Die Kirche ist der imma-\nnente Feind des weltlichen Staates und Fortschrit-\ntes. Die Armee ist es nur akzidentiell, teilweise\nund durch ihre Nebenwirkungen. Die Kirche haßt\nden Staat, weil sie ein selbständiges, mit ihm riva-\nlisierendes Prinzip ist. Die Armee ist weit weniger\nherrschsüchtig, sie besitzt die Fähigkeit der Sub-\nordination und gewinnt ihr Uebergewicht wie etwa\nein hypertrophisches Glied eines Organismus, zu\ndem es aber immer noch als ein Bestandteil ge-\nhört. Die Kirche ist die Summe aller gebundenen\nGeister, sie ist selbst nichts anderes als das Prin-\nzip der Gebundenheit, die Autorität um ihrer selbst\nwillen, das mit Macht bekleidete Dogma, gleich-\ngültig, welchen Inhalts. Sie ist in letzter Linie die\nOrganisation aller Schwachen. Die Armee ist eine\nUeberzeugungssache der Gesamtheit; ohne diese\n— vielleicht irrige — Ueberzeugung von ihrer Not-\nwendigkeit könnte sie kaum einen Tag bestehen,\nIhre gesamten Einrichtungen, so drückend sie sind*\nwerden ausschließlich vom Geiste der Zweck-\nmäßigkeit diktiert, sind, den Zweck einmal zuge-\ngeben, durchaus logisch. Die Armee ist prinzipiell\nan der Volksbildung interessiert, ihre disziplinie-\nrende Leistung hat teilweise einen Kulturwert. Sie\nsteht mit der Technik im Kontakt, befeuert und\ninspiriert die Industrie und bleibt selbst in ihrer\nparasitischen Entartung eine Quelle der Zueilt-\nund Kraftsteigerung. Das militärische Prinzip der\nOffenheit, eine gewisse mechanische Handhabung\nin moralischen Dingen, im Gegensatz zum subjek-\ntiven gedankenverfolenden Raffinement der Kir-\nche, die Aufrichtigkeit in sexueller Beziehung —\nall das läßt die Armee als die Inkarnation des Hei-\ndentums erscheinen.\nKönnen wir uns in dieser Gedankenfolge mit\ndem Bestände der Armee nicht versöhnen, so kön-\nnen wir uns doch mit ihm verständigen. Anderer-\nseits nähert sich unsere Heeresverfassung ebenso\nwie die militärische Wissenschaft immer mehr der\nErkenntnis von dem Hochwert der Milizen. Der\nprätorianische Haudegen wird von der modernen\nFigur des Zivilstrategen in den Schatten gestellt.\nRekrutierung, Aufmarsch, Verpflegung, Eisenbahn,\nkurz die Militärverwaltung gewinnt an Bedeutung,\ndie Offiziere nähern sich dem Typus des Techni-\nkers. Auf Basis der Demokratisierung und Zivi-\nlisierung des Heeres überwinden wir den Milita-\nrismus sicherer und tiefer als durch gehässige\nAngriffe auf die Armee. Die Einführung des\nRechtsbegriffes in die Armee ist das nächste\ngroße, aber nicht unlösbare Problem, zu dessen\nBehandlung die einsichtigen Militärs geneigter sein\nwerden, sobald die prinzipielle Negation schwin-\ndet. Als Rekompenso für die Durchdringung der\nArmee durch das Volk winkt die Durchdringung\ndes Volkes durch die Armee, die heute noch not-\nwendige Synthese, die bei der gegebenen inter-\nnationalen Konstellation die Grundlage zur Auf-\nlösung des Militarismus bereiten wird.\nDie Abschüttelung des entsetzlichen Spesen-\ndrucks, der faux frais, ist in allen Kulturstaaten\neine brennende Lebensfrage geworden. Der mo-\nderne Staat erkennt seine Hauptaufgabe in der\nEntwicklung der Machtstellung nach außen, der\nhandelspolitischen Expansion, einer umfassenden\nSozialpolotik, im Innern, die Herstellung des\nGleichgewichts und äußersten Entbindung der pro-\nduktiveil Kräfte und der Sicherung des Konsums.\nDer heidnisch - militärisch - industriell - sozialpoli-\ntische Macht- und Handelsstaat krystallisiert sich\nmit äußerster Rapidität vor unseren Augen. Er"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 237, "texte": "findet kein gefährlicheres Hindernis, aber auch\nkein gewaltigeres Reservoir auf seinem Wege als\ndie katholische Kirche.\nAuf Grund dieses Programmes wären Kano-\nnen zu bewilligen, vorausgesetzt, daß sie aus Kir-\nchenglocken gegossen sind."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c003", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "10", "page_fin": "10", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.3", "titre_corps": "Die Tänzerin und der Leib", "titre_sommaire": "Die Tänzerin und der Leib", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.2", "debut_caractere": 239, "fin_caractere_exclue": 9231, "texte": "Die Tänzerin und der Leib\nVon Alfred Döblin\nSie wurde mit elf Jahren zur Tänzerin bestimmt.\nBei ihrer Neigung zu Qliederverrenkungen, Gri-\nmassen und bei ihrem sonderbaren Temperament\nschien sie für diesen Beruf geeignet. Läppisch bis\ndahin in jedem Schritt, lernte sie jetzt ihre federnden\nBänder, ihre zu glatten Gelenke zwingen, sie schlich\nsich behutsam und geduldig in die Zehen, die Knö-\nchel, die Kniee ein und immer wieder ein, überfiel\nhabgierig die schmalen Schultern und die Biegung\nder schlanken Arme, wachte lauernd über dem\nSpiel des straffen Leibes. Es gelang ihr, über den\nüppigsten Tanz Kälte zu sprühen.\nMit achtzehn Jahren hatte sie eine kleine seiden-\nleichte Figur, übergroße schwarze Augen. Ihr Ge-\nsicht fast knabenhaft lang und scharfgeschnitten.\nDie Stimme hell, ohne Buhlerei und Musik, ab-\ngehackt; ein rascher, ungeduldiger Gang. Sie war\nlieblos, sah klar auf die unbefähigten Kolleginnen\nund langweilte sich bei ihren Klagen.\nMit neunzehn Jahren befiel sie ein bleiches Siech-\ntum, so daß ihr Gesicht abenteuerlich fahl vor dem\nblauschwarzen Haarknoten schimmerte. Ihre Glie-\nder wurden schwer, aber sie spielte weiter. Wenn\nsie allein war, stampfte sie mit dem Fuße, drohte\nihrem Leib und mühte sich mit ihm ab. Keinem\nsprach sie von ihrer Schwäche. Sie knirschte mit\nden Zähnen über das Dumme, Kindische, das sie\neben zu besiegen gelernt hatte.\nAls Ella sich in Schmerzen auf die Lippen biß, warf\nsich die Mutter über das Sofa hin und weinte stun-\ndenlang. Nach einer Woche faßte die alte Frau\neinen Entschluß und sagte, während sie auf den Bo-\nden sah, zu ihrer Tochter, sie sollte ein Ende machen\nund ins Krankenhaus gehen. Worauf Ella kein\nWort antwortete, nur einen gehässigen Blick auf\nüas runzlige, hoffnungslose Gesicht warf.\nSie fuhr schon am nächsten Tage ins Krankenhaus.\nIm Wagen weinte sie unter ihrer Decke vor Wut.\nIhren leidenden Körper hätte sie anspeien mögen,\nbitter höhnte sie ihn; es ekelte sie vor dem schlech-\nten Fleisch, an dessen Gesellschaft sie gebunden\nwar. In leiser Angst öffnete sie die Augen, als sie\ndie Glieder betastete, die sich ihr entzogen. Wie\nmachtlos sie war, o wie machtlos sie war. Sie\nrasselten über das Pflaster des Hofes. Die Tore\ndes Krankenhauses schlössen sich hinter ihr. Die\nTänzerin sah mit Abscheu Aerzte und Kranke. Die\nSchwestern hoben sie weich ins Bett.\nNun verlernte die Tänzerin zu sprechen. Das Be-\nfehlerische ihrer Stimme hörte sie nicht mehr. Es\ngeschah alles ohne ihren Willen. Man achtete aber\nauf jede Aeußerung ihres Leibes, behandelte ihn mit\neinem maßlosen.Ernst. Täglich, fast stündlich frag-\nten sie die Tänzerin nach seinen Dingen, schrieben\nes sorgfältig in Akten auf, so daß sie erst darüber\nunwillig wurde, dann sich immer tiefer verwun-\nderte. Sie trieb bald in eine dunkle Angst und\nHaltlosigkeit hinein; ein Grauen überkam sie vor\ndiesem Leib. Sie wagte gar nicht, ihn zu berühren,\nan ihm zu wischen, starrte auf ihre Arme, ihre\nBrüste, erschauerte, als sie sich lange im Spiegel be-\nsah. Ihr Mund schluckte Medizin, die sie ihm\nzu trinken gab; sie begleitete die bitteren Tropfen,\nwie sie hinunterrannen und sann darüber nach, was\ner daraus nun machte, er der Leib, der kindische,\no der herrische, der finstere. Klein wie eine Fliege\nwurde sie; und nachts stand die Todesangst hinter\nihrem Bett. Ihre Augen, die in Unheimliches sahen,\nwurden steif. Die Spöttische mit dem Knabenge-\nsicht war nun fromm und betete vor Anbruch\nder Nacht mit den Schwestern. Die Mutter\nerschrak, als sie die Tochter besuchte. So klein-\nmütig, hilfsbedürftig war ihr Kind nie gewesen.\n„Wir stehen alle in Gottes Hand\", tröstete die Mut-\nter die Verfallene, die sich an ihr festhielt. „Ja\",\nflüsterte die Tänzerin, „wir stehen alle in Gottes\nHand.\"\nDas gleichmäßige Treiben um sie beruhigte sie wie-\nder, schnell schwand das Entsetzen, wie es herein-\ngebrochen war. Der Widerwillen gegen die Kran-\nken im Saal flackerte auf. Und die Empörung\nlungerte in den scharfen Zügen, daß man ihm\nEhrfurcht zolle, dem Verderbten, Verderbenden,\nund über sie fortsähe, als wäre sie tot. Das be-\nleidigte die Herrische. Sie sperrte den Leib ein,\nlegte ihn in Ketten. Es war nun ihr Leib, ihr Eigen-\ntum, über das sie zu verfügen hatte. Sie wohnte\nin diesem Haus; man sollte ihr Haus zufrieden\nlassen. Jeden Tag schlugen sie mit Hämmern gegen\nihre Brust und belauschten das Gespräch ihres Her-\nzens. Sie malten ihr Herz auf die Brust, so daß es\nalle sehen konnten; rissen an das Licht, das sich\ndrin versteckt hatte. O man beraubte sie. Mit je-\nder Frage trugen sie ein Stück von ihr weg. Man\ndrang mit Giften auf sie ein, die feiner waren als\nNadeln und Sonde; kamen ihr auf alle Schliche, trie-\nben sie ganz in ihren Fuchsbau zurück. Alles nah-\nmen ihr die Diebe, und so wunderte sie sich nicht,\ndaß sie täglich schwächer wurde und totblaß da-\nlag. Jetzt wurde sie erbittert und wehrte sich. Sie\nbelog die Aerzte, beantwortete ihre Fragen nicht,\nihren Schmerz verheimlichte sie. Und als man sie\nwieder befragen wollte, machte sie sich im Bette\nsteif, stieß die Schwestern zurück, ja lachte in\nplötzlich aufloderndem Hasse den Aerzten, die den\nKopf schüttelten, ins Gesicht und schnitt ihnen eine\nhöhnische Fratze.\nAber so krampfhaft tapfer konnte sie sich nicht\nlange halten. Täglich gingen ohne Unterlaß die\nweißen Mäntel durch die Säle, klopften an den Kran-\nken, schrieben alles auf. Täglich und stündlich ka-\nmen die Schwestern, brachten ihr Nahrung und\nHeiltränke: daran erlahmte die Tänzerin. Sie warf\ndas Spielzeug wieder hin; dumpf verachtend ließ\nsie mit sich geschehen. Es ging sie nichts an,\nwas geschah. Ein kindisches Wesen lag da, das\nsie elend machte; was sollte sie um ihn kämpfen,\nwas sollte sie ihn um seine Ehre beneiden? Schlaff\nruhte sie in ihrem Bett. Der Leib lag wieder, ein\nStück Aas, unter ihr; um seine Schmerzen küm-\nmerte sie sich nicht. Wenn es sie nachts stach und\nquälte, sagte sie zu ihm: „Sei ruhig bis morgen zur\nVisite; sag es den Aerzten, deinen Aerzten, laß mich\nzufrieden.\" Sie führten getrennte Wirtschaft; der\nLeib konnte sehen, wie er sich mit den Doktoren\nabfand. „Es wird schon protokolliert werden.\"\nDamit schnitt sie der Belästigung das Wort ab.\nOft empfand sie ein lächelndes Mitleid mit diesem\ndummen kranken Kindchen, das in ihrem Bette\nlag. Sie teilte ruhig und gewissenhaft mit, was\nihn drückte. Gleichgültig und leicht ironisch beob-\nachtete sie die Aerzte und konstatierte ironisch die\nErfolglosigkeit ihrer Anstrengungen. Eine Span-\nnung und Lustigkeit kam wieder über sie und\neine wild sich schüttelnde Schadenfreude über\ndas Mißgeschick der Aerzte und den Verderb des\nLeibes. Wie sie unter Gelächter ihren Mund in das\nKissen drückte, hatte sie ihren alten Hohn und ihre\nKälte wieder.\nAls am Mittag Soldaten mit klingender Marsch-\nmusik an dem Krankenhause vorüberzogen, saß die\nTänzerin jach in ihrem Bette auf, mit glühenden\nAugen, gepreßten Lippen, ganz über sich gebückt.\nNach einer Weile rief eine scharfe, wenn auch leise\nStimme die Schwester an das Bett. Die Tänzerin\nwollte sticken und begehrte Seide und Leinewand.\nMit einem Bleistift warf sie rasch auf das weiße\nTuch ein sonderbares Bild. Drei Figuren standen\nda: ein runder unförmiger Leib auf zwei Beinen,\nohne Arm und Kopf, nichts als eine zweibeinige,\ndicke Kugel. Neben ihm ragte ein sanftmütiger\ngroßer Mann mit einer Riesenbrille, der den Leib\nmit einem Thermometer streichelte. Aber wäh-\nrend er sich ernst mit dem Leib beschäftigte,\nmachte ihm auf der andern Seite ein kleines Mäd-\nchen, das auf nackten Füßen hüpfte, eine lange\nNase mit der linken Hand und stieß mit der\nrechten eine spitze Schere von unten in den Leib,\nso daß der Leib wie eine Tonne auslief in dickem\nStrahl.\nMit roten Fäden stickte die Tänzerin das Bild roh\naus und lachte lustig zwischen durch für sich.\nSie wollte wieder tanzen, tanzen.\nWie einstmals, als sie Kälte über jede Ueppigkeit\ndes Tanzens sprühte, als ihr straffer Leib wie eine\nFlamme geweht hatte, wollte sie ihren Willen wie-\nder fühlen. Sie wollte einen Walzer, einen wun-\ndersüßen, mit ihm tanzen, der ihr Herr geworden\nwar, mit dem Leib. Mit einer Bewegung ihres\nWillens konnte sie ihn noch einmal bei den Händen\nfassen, den Leib, das träge Tier, ihn hinwerfen,\nherumwerfen, und er war nicht mehr Herr über sie.\nEin triumphierender Haß wühlte sie von innen auf,\nrhcht er ging zur Rechten und sie zur Linken, son-\ndern sie, — sie sprangen mitsamt. Sie wollte ihn\nauf den Boden kollern, die Tonne das hinkende\nMännlein, Hals über Kopf es hintrudeln, ihm Sand\nins Maul stecken.\nSie rief mit einer Stimme, die urplötzlich heiser\ngeworden war, nach dem Doktor. Ueber sich ge-\nbeugt, sah sie ihm von unten ins Gesicht, wie er\nerstaunt die Stickerei betrachtete, sagte dann mit\nruhiger Stimme zu ihm auf: „Du, — Du Affe, —\nDu Affe, Du Schlappschwanz.\" Und stieß sich, die\nDecke abwerfend, die Nähschere in die linke Brust.\nEin geller Schrei stand irgendwo in einer Ecke des\nSaales. Noch im Tode hatte die Tänzerin den kal-\nten, verächtlichen Zug um den Mund. -"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "10", "page_fin": "11", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.4", "titre_corps": "Der Amokläufer", "titre_sommaire": "Der Amokläufer", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.2", "debut_caractere": 9233, "fin_caractere_exclue": 12742, "texte": "Der Amokläufer\nVon Else Lasker-Schüler\nTschandragupta ist siebenzig Jahre alt. Am\nfrühen Morgen wird ihn sein Sohn erschlagen. So\nist es Sitte im Stamm. Und vor ihren Zelten\nschreien die Weiber und ihre Söhne klatschen mit\nihren Händen einen wilden Freudentaumel. Der\nneue Häuptling zerbeißt das Genick eines Elefan-\ntenkalbes, springt dreimal über seinen Stamm, der\nsteht aufgerichtet, ein Haupt, da er trägt seines\nKönigs Dach. Und Tschandragupta, des erschlagen\ngreisen Tschandraguptas Sohn, liebt des Melechs\nTochter. Sie lockt ihn übers Meer. Und an einem\nGebettag des Jehovavolkes nimmt der junge Häupt-\nling heimlich sein V/eib, bringt es in sein heid-\nnisches Land. Und die Tochter des Melechs schenkt\nihm einen Sohn, den nennt Tschandragupta:\nTschandragupta und nach seines Weibes Vater,\ndem Melech. Und Tschandragupta, der Abtrünni-\ngen Sohn, hat Sehnsucht nach den Juden. Die\nHeidenmädchen lieben ihn, eine opfert ihm ihr\nFederkleid. Er fliegt an allen Sternen vorbei zu den\nJuden. Und die Leute von Jericho glauben, ein\nEngel sitze vor dem Tor und bringen den Schla-\nfenden auf ihren Händen in die Stadt. Gehen in\ndas Haus des obersten Priesters und holen ihn nach\ndem Hügel, worauf Jehovas Tempel steht. Denn sie\nhaben den heiligen Fremdling unter der Balsam-\nstaude auf weichem Moos gebettet, und die Tochter\ndes obersten Priesters wäscht seine Füße mit der\nQuelle. Da spaltet der Wind des Fremdlings Feder-\nkleid, — er erwacht — und die Leute sehen, daß\ner kein Gottgesandter ist und sie höhnen ihn. Aber\nein Deuter ängstigt die Enttäuschten: Der dort ist\nSchaitän. Der Oberpriester nimmt den verhöhnten\nGast in sein Haus. Der sehnt sich nach den Juden,\nbeschenkt die Männer auf den Plätzen und schlich-\ntet ihren Streit und gewinnt so der Juden Herz.\nUnd den Frauen hilft er die Rosen pflücken. Nur\nSchlöme, seines gastlichen Hauses Tochter, ge-\nwahrt er nie, und doch ist sie die früheste an den\nHecken. Und Tschandragupta schnitzt Räucher-\nbecken aus Elefantenzahn für den Altar Jehovas.\nAber der oberste Priester verschmäht sie sanft. Da\nwirdTschandraguptas traurig und mit ihm bchlöine,\ndes obersten Priesters einziges Kind. Und sie bit-\ntet ihren Vater, die fromme Gabe seines Gastes\nnicht zu verachten; der ehrwürdige Knecht Jeho-\nvas aber wendet sein Angesicht. Da geht Tschan-\ndragupta und fällt die Stämme der schwarzen\nRosen, Jehova einen Altar zu bauen, aber der\noberste Priester wehrt ihm schmerzlich. Nun weint\ndes Häuptlings Tschandraguptas Sohn und heim-\nlich in ihren Schleiern Schlöme, des treuen Knecht\nJehovas einzige Tochter. Und sie schilt ihren\nVater seines Hochmuts. In der Dämmerung bestieg\nsie den Hügel, auf dem der Tempel Gottes steht,\nEntfaltete ihr Angesicht und ließ ihre Haare spielen\nwie Eva vor dem Schöpfer. Und weil des Ober-\npriesters Tochter den Sternenvorhang, der die\nheiligen Gerätschaften bewahrt, leuchten sah, be-\ngann sie ihrem Gotte zu schmeicheln, erinnerte ihn\nan den Schmerz der Liebe, da er noch Zebaoth\nhieß und das blinde Weib im Paradies ihn hinter-\nging und da Schiömes Stirne brannte, sahen ihre\nAugen nicht, daß die Sterne des Vorhangs sich ver-\nfinsterten und ihre Gebete wurden Liebkosungen,\nund so versündigte sich des obersten Priesters ein-\nziges Kind. Den Hügel herab stieg sie, stolperte\nüber ihres Hauses Gast, der saß unter der Balsam-\nstaude und sehnte sich nach den Juden. Glieder\nwaren aus seiner Glieder Glieder gewachsen, die\nsich sehnsüchtig verschlungen hielten, wie die viel-\nartigen Götzen seiner Heimat. Seitdem Tschan-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4093, "texte": "dragupta in der Stadt weilt, bieten alte, fratzenhafte\nWeibchen in den Winkeln der Straße oder in den\nGruben hinter ihren Häusern heimlich verbotene\nSpielereien, den stillen Mädchen von Jericho feil.\nIn Urnen halten die Freundinnen Schlömes die\nkleinen Heidenliebesgötter gefangen und lächeln so\neigen im Schlaf mit ihnen. Aber Tschandragupta\nsinnt, das hartherzige Herz des Priesters zu ge-\nwinnen. Mühsam gräbt er nach Gold in den Wäl-\ndern der Oase und belegt den Hügel, auf dem der\nersehnte Gottestempel steht, mit seinem Fleiß.\nPrägt ein Stück Leben seines Nackens nach der\nedelsten Münze des Judenlandes und legt das\natmende Gold zu dem verglommenen. Und die\nLeute der Stadt sehen von ihren Dächern den\nstrahlenden Hügel. Eilen in des Oberpriesters\nHaus: „Die Sonne ist vom Himmel gefallen!\" Aber\nder weiß, wer alles die Pracht gesäet, verbirgt sein\nAngesicht; denn er hat den Fremdling lieb. Und\nSchlome hängt sich an ihres Vaters Schoß, bittet\nihn, den frommen Wunsch des Jünglings zu er-\nfüllen. Aber er sendet ungeduldig von den ehr-\nlichen Hirten zwei zu dem Hügel, daß sie sammeln\nsollen das Gold in Säcken und nicht ein Stäubchen\nverloren gehe. Ist doch die lebendige Münze aus\ngoldenem Fleisch und Blut schon abhanden ge-\nkommen. Da pocht der Deuter an das Haus des\nfürsorglichen Priesters, warnt ihn des beleidigten\nVolkes wegen: Der Enkel des Melechs wird dein\neinziges Kind töten. Aber der zuversichtliche\nPriester erinnert ihn an den Morgen, da er den\nsanften Heiden seines Hauses beschimpfte und die\nLeute beängstigte. Die sammeln sich auf den\nPlätzen in murrenden Scharen und ziehen vor ihres\nOberpriesters Haus. Die Männer reißen an seinen\nstarken Wurzeln und die Weiber springen wie\nKatzen um seine Balken. Und sie fordern von ihm,\nden friedfertigen Fremdling zu Jehova führe.\nBeschimpfen ihren obersten Priester einen Dieb an\nJehovas Gaben. Und Schlome steht auf dem Dach,\ndie Stadt sieht zum erstenmal ihr nacktes Ange-\nsicht. Wie eine lechzende Flamme seufzt ihre\nStimme und schürt das Volk gegen ihren Vater auf.\nVor seines ehrwürdigen Raumes Pforte lauscht\nTschandragupta, seine Augen sind eingesunken und\nsein Atem hungert. Da kommt über ihn das Fieber\nseines Stammes nach verlorener Schlacht. Mit ge-\nöffnetem Rachen irrt der Fremdling an die Wände\nder Häuser vorbei. Die verscheuchten Rosen der\nHecken flattern auf, sein Atem peitscht die Bäume\nund Sträucher um. Ueber die tobende Menge setzt\ner. wer wagt Schaitän zu bezwingen! Bis zu den\nKnieen waten die bebenden Hirten heimwärts ihren\nLämmern voraus, die sind von Menschensaft be-\nspritzt. Um den Hügel, worauf der Tempel steht,\nkreist Tschandragupta, ein böser Stern, ihm rinnt\ndas Blut schwarz aus den Poren. Und die Leute\ngedenken des Deuters und kriechen auf Knieen, auf\ndem Leibe kriechen sie über die Dächer und dringen\nso in des Oberpriesters Haus. Fordern sein Opfer,\nhat er doch soviel Unglück gebracht über die\nblühende S'adt. Und Schlome salbt ihre Glieder\nwie zur Hochzeit, sie hatte des Deuters Warnung\nvernommen. Und sie schwingt sich herab, eine\nzarte Wolke von der Höhe ihres Hauses und wan-\ndelt lächelnd immer näher dem tödlichen Kuß. Es\nfinstern die Sterne wie das Haupt des Häuptlings;\ndas drohte ihr unzählige Male auf dem Vorhang der\nheiligen Gerätschaften. Ueber die Namen der Wild-\nväter, die in heidnischen Zeichen und Bildern\ngeprägt sind in Tschandraguptas Fleisch, fließt\nSchlömes geweihte Süßigkeit, über seine goldenen\nLenden hinab, wie rosenfarbener Honigseim. Zwi-\nschen seinen Zähnen trägt er verzückt sein letzts\nOpfer, ihren Leib hin über Jericho. Die schmei-\nchelnde Dunkelheit beleckt die Straßen und Plätze,\ndie Brunnen bluten nicht mehr. Und aus des Ober-\npriVsters Haus, in den Schleiern Schlömes tritt\nTschandragupta wie die Frauen der Stadt. O und\nsein Wesen so liebevoll tastend, wie ein kindtra-\ngendes Weib. Zwischen den schaudernden Frauen,\nhinter den Gittern setzt er sich in den Tempel und\nseine Gebete tönen zwischen seinen Lippen,\nsanftes Gurren der Taube. Niemand hemmt den\nWandel des Melech's Enkel. Auch im ergrauten\nFeierkleid der tempelalte Knecht nicht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "11", "page_fin": "11", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.5", "titre_corps": "Pro domo et mundo", "titre_sommaire": "Pro domo et mundo", "signature_source": "Karl Kraus", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.3", "debut_caractere": 4095, "fin_caractere_exclue": 8378, "texte": "Pro domo et mundo\nVon Karl Kraus\nWas mich zum Fluch der Gesellschaft\nmacht, an deren Rain ich lebe, ist die Plötz-\nlichkeit, mit der sich Renommeen, Charaktere,\nGehirne vor mir enthüllen, ohne daß ich sie ent-\nlarven muß. Jahrelang trägt einer an seiner Be-\ndeutung, bis ich ihn in einem unvorhergesehenen\nAugenblick entlaste. Ich lasse mich täuschen, so-\nlange ich will. Menschen zu „durchschauen\" ist\nnicht meine Sache, und ich stelle mich gar nicht\ndarauf ein. Aber eines Tages greift sich ein Dumm-\nkopf an die Stirn, weiß, wer er ist, und haßt mich.\nIch halte es viel länger mit der Langeweile aus, als\nsie mit mir. Die Schwäche flieht vor mir und sagt,\nich sei unbeständig. Ich lasse die Gemütlichkeit\ngewähren, weil sie mir nicht schaden kann; einmal,\nwenns um ein ja oder nein geht, wird sie von selbst\nkaput. Ich brauche nur irgendwann Recht zu\nhaben, etwas zu tun, was nach Entscheidung\nriecht, oder mich sonstwie verdächtig zu machen,\nund automatisch enthüllt sich der Nachbar. Wenn\nes wahr ist, daß schlechte Beispiele gute Sitten ver-\nderben, so gilt das in noch viel höherem Grad von\nden guten Beispielen. Jeder, der die Kraft hat, Bei-\nspiel zu sein, bringt seine Umgebung aus der Form.\nUnd die guten Sitten, die den Lebensinhalt der\nschlechten Gesellschaft bilden, sind immer in Ge-\nfahr, verdorben zu werden.\nIch betrachte es als mein unveräußerliches\nRecht, das kleinste Schmutzstäubchen, das mich\nberührt, in die Kunstform zu fassen, die mir beliebt.\nDieses Recht ist ein dürftiges Aequivalent gegen-\nüber dem Recht des Lesers, nicht zu lesen, was\nihm nicht beliebt.\nIch habe noch nie eine Person um ihretwillen\nangegriffen, selbst dann nicht, wenn sie mit Namen\ngenannt war. Wäre ich ein Journalist, so würde\nich meinen Stolz darein setzen, einen König zu\ntadeln. Da ich aber dem Gewimmel der Kärrner\nzu Leib gehe, so ist es Größenwahn, wenn sich der\neinzelne getroffen fühlt. Nenne ich einen, so ge-\nschieht es nur, weil der Name selbst die plastische\nWirkung der Satire erhöhen kann. Meine Opfer\nsollten nach zehn Jahren künstlerischer Arbeit so\nweit geschult sein, daß sie das einsehen und das\nLamentieren endlich lassen.\nDas Verlangen, daß ein Satz zweimal gelesen\nwerde, weil erst dann ein Gedanke aufgeht, gilt\nfür anmaßend oder hirnverbrannt. So weit hat\nder Journalismus den Leser gebracht. Er kann\nsich unter der Kunst des Wortes nichts anderes\nvorstellen, als die Fähigkeit, eine Meinung zu be-\nkleiden oder eine Stimmung gesellschaftsfähig\nzu machen. Man schreibt „über4' etwas. Die An-\nstreicher haben das Gefühl für Malerei noch nicht\nso gründlich korrumpiert, wie die Journalisten\ndas Gefühl für das Schrifttum. Oder der Snobis-\nmus hilft dort und bewahrt das Publikum da-\nvor, zuzugeben, daß es auch am Gemälde nur den\nVorgang erfasse. Jeder Galopin weiß heute,\ndaß er anstandshalber zwei Minuten vor einem\nBilde stehen bleiben muß. In Wahrheit ist er auch\ndamit zufrieden, daß über etwas gemalt wird. Die\nHeuchelei, mit der die Blinden von der Farbe reden,\nist schlimm. Aber schlimmer ist die Keckheit, mit\nder die Tauben die Sprache als Instrument des\nLärms reklamieren.\nDie Entdeckung der Eitelkeit hat noch nie ein\nSchriftsteller seinem Leser leichter gemacht als\nich. Denn wenn dieser es selbst nicht merkte, daß\nich eitel bin, so erfuhr er es doch aus den wieder-\nholten Geständnissen meiner Eitelkeit und aus der\nrückhaltlosen Anerkennung, die ich diesem Laster\nzuteil werden lasse. Die lächelnde Informiertheit,\ndie eine Achillesferse entdeckt, wird also an einer\nBewußtheit zuschanden, die sie schon vorher frei-\nwillig entblößt hat. Aber sie können es nicht ver-\nstehen, daß, wer mit einer Sache verschmolzen ist,\nimmer zur Sache spricht, und am meisten, wenn er\nvon sich spricht. Sie können es nicht verstehen,\ndaß, was sie Eitelkeit nennen, jene nie beruhigte\nBescheidenheit ist, die sich am eigenen Maße mißt\nund das Maß an sich, jener demütige Wille zur\nSteigerung, der sich dem unerbittlichsten Urteil\nunterwirft, das stets sein eigenes ist. Die Welt hat\nnur eine psychologische Norm für zwei Geschlech-\nter und verwechselt die Eitelkeit eines Kopfes, die\nsich im künstlerischen Schaffen erregt und befrie-\ndigt, mit der geckischen Sorgfalt, die an einer Fri-\nsur arbeitet. Wie eitel aber ist die Frau, die nie\nin den Spiegel schaut!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "11", "page_fin": "4", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.6", "titre_corps": "Crommelynck", "titre_sommaire": "Crommelynck", "signature_source": "Ludwig Rubiner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.3", "debut_caractere": 8380, "fin_caractere_exclue": 12629, "texte": "Crommelynck\nVon Ludwig Rubiner\nCrommelynck ist ein Dichter, der derart nur\naus der Stimmung der Zeit schöpft, daß es falsch\nwäre, für sein Schaffen die Heimat Belgien verant-\nwortlich zu nennen. Hier ist ein neuer Typus des\nTalents. Man hält zuerst für seine besten Fähig-\nkeiten die des Sammlers. Sein Vers-Akt „Der\nMaskenschnitzer\" ist ein großer Wirbel, in dem\nHoffnungen, flüchtige Pläne, zaghaft formulierte\nWünsche aus den letzten Jahren der französischen\nDichtkunst als Erinnerungsblätter auffliegen. Der\nerste Eindruck ist vielleicht nicht: In diesem Stück\nist alles! — sondern: in diesem Stück bleibt nichts\nerspart! Maeterlincks frühe Puppenspiele, wenn\ndie vertrauten Menschen mit niederländischen Win-\nzigkeiten plötzlich hinter gläsernen Särgen\nsprechen, und nichts mehr an uns rührt als ein\ndumpfes Klirren verwirrenden Schalles von Stim-\nmen, die gegeneinander rangen. Verse französi-\nscher Symboldichter, in denen unwirkliche Klänge\nzu greifbar glänzenden Dingen werden. Und auch\nihr geliebtes Sinnbild und Gleichnis ist da, das in\nden Händen der Nachahmer zur leersten Farce\nwurde, die Maske. Crommelyncks Bühnenzeit ist\nein macabrer Karneval, zweifellos nur mehr ein\nRequisit einfältigster Kabaret-Symbolisten. Dies\nalles gleitet hinein in den grellen Alexandriner vom\nstrengen Klange der parnassischen Dichter. Die-\nser Alexandriner klassischer Rhetoren, farbig ge-\nbrannt in allen Feuerwerken der Romantisten, und\neinst der Parnassier stärkstes und neuestes Aus-\ndrucksmittel, erscheint heut schon als klassisch.\nKein Franzose wird je mehr Verhaerens neuen\nRhythmus vergessen können! Derart sind alle\nMittel Crommelyncks alt. Und auch die Bühnen-\nführung des Aktes ist übernommen. Es ist streng-\nste französische Theatertechnik. Jene Fertigkeit\nszenischer Attacken, deren bereiteste Repräsentan-\ntenstücke von Sardou sind.\nAlle Werkzeuge, die ein Dichter erst mit einer\nArbeit in Frucht und Taumel selbst schaffen muß,\num die Bilder des eigenen Blutes überhaupt mit-\nteilen zukönnen, nimmt Crommelynck mit einer un-\ngeheuren und rücksichtslosen Unbefangenheit von\nFremden. Stimmungsmotive, Sprache, Szenenbau\nsind das Werk anderer.\nAber aus den fremden Teilen wird etwas sehr\nEinfaches und ganz neues geschaffen. Cromme-\nlyncks Werk erscheint nicht als die Arbeit eines\ngeschmackvollen Wählers, sondern steht als Schöp-\nfung da. Die innere Struktur dieses Dramas führt\ndie maeterlinckhafte Stimmung der Symbole als\nhandelnde Wirklichkeit gegen die alte maskenhafte\nTechnik der Bühne und Crommelynk nimmt die\nunzweifelhaftesten Mittel der absoluten Bühnen-\nkunst gerade als Material, aus dem er schafft. Das\nist neu. Wie ein Bildhauer aus dem Marmor und\nein Maler aus den Farben denkt, so denkt Cromme-\nlynck aus den erprobten Wirkungen der Bühne,\nals aus einer selbstverständlichen Materialsvor-\naussetzung.\nDer Laden des Maskenschnitzers Pascal\nBernard, voll von den Kostümen und Larven des\nKarnevals. Im Nebenzimmer stirbt Pascals Weib,\nLouison. Pascals Schwägerin, Magdaleine, horcht\nauf das Stöhnen der Siechen. Sie hat ihre\nSchwester mit Pascal betrogen. Pascal, der Künst-\nler, in einem furchtbaren, starren Nichtwissen der\nWirklichkeit. Er weiß nur, wie die Sterbende aus-\nsieht, nicht daß sie stirbt. Magdaleines derbste\nBrunst nach dem Leben, wird durch jedes Stöhnen\nder Kranken in neue Angst vor dem Tode getrie-\nben. Auf jede Erinnerung fällt ein Schrei der Stöh-\nnenden. Die geräuschvollen Fetzen des Straßen-\nlärms dringen oft durch die Tür und erscheinen wie\nschreckliche Drohungen oder Antworten auf die\nMonologe dieser fiebernden Hirne. Di& furcht-\nbare Atmosphäre des hetzenden Entsetzens legt\nsich auch um Pascal, und dieselben Laute, die\nMagdaleine verstÖren, antworten auch seinen\nPhantasien der Unwirklichkeit, anders und vernich-\ntend. Niemand wagt ins Nebenzimmer zu der\nSterbenden zu gehen. Pascal muß einen Priester\nholen. Zurückgezwungen in die Grenzen seines\nReiches der Kunst, die für ihn Wirklichkeit bedeu-\nten, fragt er von der Sterbenden: „Ist sie häßlich?'4\n— Magdeleine wirft sich ihm entgegen: jetzt ge-\nrade darf er nicht fortgehen! Sie bleibt allein, ge-\nschüttelt von Angst, und aus dem Nebenzimmer\nkommen die monotonen Schreie der Sterbenden.\nHerein von der Straße stürmt ein Haufen Kostü-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5175, "texte": "mierter. Silene, Mänaden, Clowns, Gespenster;\nsie wollen Masken kaufen. Die Käufer schreien,\nBetrunkene johlen obszöne Lieder, die Masken\ntanzen wüst im kleinen Raum umher. Ein Ver-\nmummter tritt vor. Er will die trunkenen Frauen\nan sich ziehen, er spricht dunkel und verbittert, ein\nAusbruch gehemmter Räusche im Schutz der Ver-\nhüllung, und Flehen um Weiber. Plötzlich ent-\ndecken die Masken in ihm einen Leprakranken,\nden sein Kostüm verbarg. Entsetzt und schreiend\nflieht alles. Da hört Magdaleine das Stöhnen der\nSterbenden. In ihrer Angst bittet sie die Masken\nzu bleiben; umsonst. Sie fleht den Leprakranken\nan, vor dem alle fliehen; er weicht zurück. In\nwahnwitzigem Entsetzen bietet sie sich dem Aus-\nsätzigen an — er flieht voller Furcht. Pascal\nkehrt zurück, wild verzweifelt, und voll von der\nGlut der Stadt, die alle Schaffenslust in ihm ent-\nzündet. Magdaleine wird vom Ekel des Todes ge-\nschüttelt, aber Pascal, hingerissen vom Blut, ge-\nsteht ihr, dass er an der sterbenden Frau sein\nMeisterwerk vollendet hat. Magdaleine wehrt in\nungläubigem Widerwillen. Pascal, entbrannt von\nGlück und krankem Rausch, will ihr alles zeigen,\nsein ganzes Werk, sein Geheimnis, seine Wirklich-\nkeit — die Masken, in denen er nach den Zügen der\nSterbenden alle menschlichen Leidenschaften ab-\nbildete.\nPascal:\nDa hab ich Masken: Langweil und Verdrießen,\nMit welkem Aug, der Ahnung dumpfer Nacht,\nUnd Blicken, drin seit Herbst die Regen fließen.\nMasken der Liebe, aller Wunder Schacht:\nRufe aus Fenstern, wenn der Abend wacht.\nVerschlossenes Schweigen, das nur Beichtstuhl löst.\nMasken des Mißtrauns: Flucht von Sklavenhorden\nAn Mauern, deren Fahlheit tragisch stößt\nIn Himmel des Verfalls ....\nDas R öcheln im Nebenzimmer:\nOh!\nMagdeleine dem Wahnsinn nahe:\nNein . . .\nPascal:\nDu sollst sie sehn!\nMasken des Schauders, starr geschrumpft vor\nMorden!\nMasken voll Brand und Haß!\nDa s Röcheln:\nOh . . .!\nPascal :\nTrostlose Wehn!\nKummer aus Fabelzeiten, Gift geworden.\nMasken von Trotz, von Ringen und von Streit!\nIch hab sie alle!\nDas Röcheln:\nOh!\nM a g d a 1 e i ne:\nNein!\nPascal:\nUnd alle Tränen hab ich, Leid um Leid!\nGeheimste Früh. Grausamstes Mittagsbrüten.\nAbend von Elend, Untergang und Schimmel.\nDie Augen sind mir wüst von Sturm und Wüten.\nIch brauche Frieden; Wirklichkeit. Den Himmel!!\nEr sucht seine Masken, immer erregter, immer\nheißer — sie sind verschwunden. Magdaleine hat\nsie der Karnevalsmenge verkauft! Pascal wird in\njähes Entsetzen gestoßen: Das Geheimnis — die\nverborgene Kunst — preisgegeben! Den Künstler\nbefällt die Einbildung des Monomanen: die Men-\nschen wissen jetzt alles; sie haben ihn durchschaut!\nDer Priester kommt, Magdaleine führt ihn ins\nSterbezimmer. Alle Worte der Litanei im Sterbe-\nzimmer, die Töne und Gesänge der Straße werden\njetzt für Pascal eine drohend bestätigende Wirk-\nlichkeit aller Verzweiflungen. Pascal erkennt\nplötzlich, was er nie wußte: er hat sein Weib be-\ntrogen. Die Ladentür wird von der Straße plötz-\nlich aufgestoßen. Die Kostümierten der ersten\nSzenen, die Gespenster mit Pascals Larven, lär-\nmen herein. Pascals Gedanken werden lebendig —\ner hält alle für Phantome. Er fällt auf die Knie und\nbittet um Gnade. Er heult. Der letzte Aufschrei\nder sterbenden Frau — sein Weib ist tot. Er stöhnt\num Gnade. Pascal wird wahnsinnig über die Wirk-\nlichkeit, die er für Wahnsinn hielt. Die Masken\nlaufen lärmend davon, lachend und johlend über\nden Mann, den sie nur erschreckt zu haben glau-\nben: „Karneval!\"\nAuf dieser Bühne stehen Menschen, die jeder\nin ihrer Welt befangen sind. In die Wirklichkeit\nihrer Innenwelt fallen sie anderen Wirklichkeiten\nder Außenwelt wie Funken, die wilde Brände zün-\nden. Das hat noch niemand mit der Bewußtheit\nder Mache gestaltet und daraus die Wirkungen der\nSzene hergenommen. Die Laute der Sterbenden\nund die Schreie der Straße sind in ein wunderbares\nWebewerk geschlungen, zu einer scheinbar zusam-\nmenhanglosen Handlung, die doch für die beiden\nMenschen auf der Bühne in jedem Moment einen\nanderen und schrecklichen Zusammenhang hat.\nIn diesem Drama gilt es nicht als wesentlich,,\ndaß der Maskenschnitzer Pascal ein Künstler ist,,\nsondern hier agiert das reine und abgezogene schaf-\nfende Leben des Mannes vor der Körperlichkeit\ndes Weibes. Psychologeneffekte sind in diesem\nMoment zu einer Dichtung geworden. Zeitlos trotz\nder zeitlichen Szenerie und der Sprache und der\nzeitlichen Stimmungen und zeitlichen Symbole;\ntrotz der fremden Mittel aus vielerlei Moden. So\nstark ist die eigentliche Dramatik der Dichtung,\ndieses unhörbare Gegenspiel von Wirklichkeit und\nUnwirklichkeit, daß alles Fremdartige und Viel-\ngefärbte der Mittel aufgehoben scheint und alles in\nein Neues, Ganzes, noch Ungeschautes schmilzt.\nEmile Verhaeren hat dem jungen Poete et Ami\nCrommelynck eine Vorrede geschrieben, die gar\nnicht gönnerhaft ist, und von jener eingehend liebe-\nvollen und sanft trauernden Objektivität, mit der\nein großer Mann von Talenten spricht, zu denen\nihm überhaupt die Voraussetzungen fehlen.\nDie zitierten V<Tse sind vom Verfasser des Beitrags ins\nDeutsche übertragen. Bnchausgabe: F. CrommPlynck / LeSculpteur\nde Masques Symbole tragique en un acte/Bruxelles/E. Deman/\nLibraire-Editeur"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "4", "page_fin": "4", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.7", "titre_corps": "Bemerkungen über Leistikow", "titre_sommaire": "Bemerkungen über Leistikow", "signature_source": "Müller-Kaboth", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.4", "debut_caractere": 5177, "fin_caractere_exclue": 11738, "texte": "Bemerkungen über Leistikow\nVon Müller-Kaboth\nKonrad Müller-Kaboth war der begabteste unter den jungen\nKunsthistorikern. Vor der deshalb selbstverständlichen berlinischen\nPflicht, Hungers zu krepieren, bewahrte ihn (im vorigen Frühjahr,\ner feierte seine ernsthaftesten Vorschwörun?en geeen die sezes-\nsionistischen Fleischbeschauer) ein sehr gütiger Barbier, dessen\ngiftiges Messer ihm die Kehle hinreichend ritzte. Am nächsten\nTage steckte des Kunstkenners vereitertes Kinn in bösen Watte-\nbüscheln und ein paar Nächte später war er tot. Sofort erhob sich\ndas ebenso programmatische Gewinsel zahlungsfähiger Kunstredak-\nteure: „Er wäre der einzige gewesen; wir haben niemanden . .\nUnd die lieben drucklen Verse, die man man zwischen seiner Wäsche\nfand. Müller-Kaboth, der wie ein sicherer Gnom durch die Cafös\nlächelt, hatte auf der Iris des einen Auges einen grün-grauen Fleck.\nDeswegen entlarvte er unsere süssen Maler mit der Tpchnik des\nSpielers. Er hätte viele Hermen gestürzt. Aber die Satten haben\nGlück ... F. H.\nHerrn Herwarth Waiden\nSehr geehrter Herr!\nDer Schluß der Leistikow-Ausstellung, das heißt\nim Zusammenhang gesehen der Moment, der die\npietätvoll inszenierte Totenfeier eines teuren Ver-\nstorbenen unter der sichtlichen Teilnahme der\nTrauergäste zu Ende führt, gibt mir Gelegenheit,\nIhnen die folgenden Zeilen zu schicken. De mor-\ntuis nil nisi bene ... Aber nachdem unter dem fri-\nschen Eindruck des Todesfalles die Reporter ihr\neifervolles Werk getan und nebenbei gerührte\nDichter ihre schönsten Dithyramben verschwen-\ndet haben, darf der Kritiker beanspruchen, nun-\nmehr zur Sache zu reden und den Wert festzu-\nstellen, mit dem der Verstorbene in der Geschichte,\nund sei es auch nur eine Geschichte, die die\nNächstbeteiligten angeht, figurieren wird. Das ist\nder allgemeine Lauf\nIch bin nämlich überzeugt, was auch die Reporter\nund Dichter dagegen sagen mögen, daß der Ver-\nlust, der die Sezession traf, als Leistikow starb,\nmehr menschlicher als künstlerischer Art war: er\nbezog sich auf die verdienstvolle Haltung eines\nMitgliedes, das am peinlichsten auf Distanz von\nden allgemeinen Kunstgenossenschaften sah.\nLeistikow hatte die sympathische Ueberzeugungs-\ntreue aller kleinen Begabungen, die am intensiv-\nsten den propagandistischen Wert bedeutungsvol-\nler Minoritäten begreifen, weil ihr Selbsterhal-\ntungstrieb dabei engagiert ist. Er hätte nie allein\nstehen können, wie etwa Liebermann, der als Or-\nganisator jedem Kompromiß geneigt ist; und an-\ndererseits hätte er in einer Anhäufung von Mittel-\nmäßigkeiten sich nie mit dem Eklat herausheben\nkönnen, der nötig ist, um einem Künstler zu sei-\nnem besonderen Marktwert zu verhelfen. Er\nwußte, wieviel er der relativen Reinheit der At-\nmosphäre, die in dem Kreis seiner Gesinnungsge-\nnossen war und am wesentlichsten von der Aus-\ngesprochenheit ihrer Talente erhalten wurde, für\ndas innere Wachstum seiner Kunst und ihr mer-\nkantiles Prestige zu verdanken hatte: er klärte\nsich an der Deutlichkeit der Prinzipien und berei-\ncherte sich an der Mannigfaltigkeit kompromiß-\nloser Taten und fand sich in eine Umwelt künstle-\nrisch beglaubigter Impulse als einer, der mit Re-\nAktionen zu rechnen versteht und für die eigenen\nAbsichten geschickt ausbeutet. — Daß er der ma-\nlende Fontane war, wollen wir gern dahingehen\nlassen; wichtiger ist und darf betont werden, daß\ner die Natur immer ein wenig arrangiert liebte.\nEr hatte ein Verhältnis zur Natur, in dem die Sen-\ntimentalität selten ganz verschwand; und wiewohl\ner mit fast programmatischer Absichtlichkeit nie-\nmals etwas anderes als die Natur gewollt hat, ist\ner nur sehr vereinzelt ihrer ganz Herr geworden.\nEs ist kein Zufall, daß die Reproduktionen nach\nseinen Grunewaldbildern wie photographische\nAufnahmen nach der Natur wirken; er hatte in sei-\nner scheinbaren Sachlichkeit, die der Idylle ganz\nnahe zu kommen suchte, etwas, das den Atem der\nNatur immer zu kurz nahm, die Landschaft bild-\nmäßig zustutzte und der Phantasie, die über den\nBildrahmen hinaus das Um und An und die Unend-\nlichkeit der Atmosphäre zu erspüren trachtete,\nvollkommen das Spielfeld verschnitt. Trotz der\nvielgerühmten poetischen Imagination, die zwi-\nschen stillen Föhren und über träumenden Seen\nden Reiz eines leichten, lieben, grau verhängten\nLichtes zu gestalten wußte, trotz der weniger be-\nrühmten sinnlichen Farbenfreude, die Hofmanns\nphantastische Pastelltöne auf nüchtern gesehene\nNaturobjekte übertrug und die Malerei zu einem\nbedenklich kunstgewerblichen Spiel degradierte,\ndarf die Feststellung nicht als zu keck gelten,\ndaß Leistikow im Grunde eine trockene Natur\nwar. Es konnte vorerst scheinen, daß er als\nder Sohn einer weiten, kargen und schwermütigen\nEbene, mit jenem sensiblen Fühlen ausgestattet\nwar, das sich aus den Unscheinbarkeiten der Welt\nein mildes, tiefes Leid gewinnt. Aber was in sei-\nner Jugend sang, war nur wie ein kurzes Erinnern\nan die tiefen, unergründlichen Horizonte der Hei-\nmat, er tat es ab, wie etwas, das man als armselig\nempfindet und enthüllte sich als der empfäng-\nliche, vorurteilslose Gast der Erde, der die Mannig-\nfaltigkeit der Welt für ihren Reichtum nimmt und\nsich mit vergnügten Sinnen in ihr tummelt. Ueber\ndiesen Habitus eines Landschaftsreisenden ist\nLeistikow nicht recht hinausgekommen; er ent-\nwickelte eine brillante Technik, von den Dingen,\ndie er sah, zu erzählen, und bemühte sich, alles zu\nsehen, aber wie ihm das Meer dasselbe war wie\ndas Gebirge, und das Gebirge gleichgiltig wie\nWald und See, so wußte er auch nur von ihnen\ndas zu sagen, was vage an die beziehungsvolleren\nAeußerungen einfacherer und stärkerer Meister\nanklang. Er verarmte mit der Unerschöpflichkeit\nseiner Motive. Seine Virtuosität als Maler be-\nzieht sich darauf, daß er in jedem neuen Bild seine\nMittel zu variieren verstand; aber er verfügte nie\nüber soviel Mittel, um einen eigenen Vorwurf\nreich und tief zu machen. Von den Bildern, die\njüngst Cassirer versammelte, ist jedes frappant,\nweil es so wenig wie möglich dem andern zu\nähneln sich bemüht; aber nur wenige (darunter\nseine Schneebilder) sind in der Struktur so gedie-\ngen geschichtet, daß das Auge gern tiefer dringt,\nohne Furcht, auf den Grund zu kommen. Leider\nfällt bei den Schneebildern auch dem Unbefange-\nnen der Name eines gewissen Pieter Breughel\nein, der vor dreihundertfünfzig Jahren lebte und\nim Wiener Hofmuseum ein fulminantes und merk-\nwürdig ähnliches Schneebild hängen hat, und man-\ncher andere denkt vielleicht auch noch an Pissaro,\nden schwächsten der Impressionisten, der immer-\nhin gegen Leistikow gehalten, fast wie ein Genie\nwirkt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "4", "page_fin": "5", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.8", "titre_corps": "Glossen", "titre_sommaire": "Glossen", "signature_source": "Ferdinand Hardekopf ; A. 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Dieses Publikum ist wie jede Gesin-\nnungslosigkeit von Vorurteilen frei: aber ich wüßte\nnichts, was ein Mensch von Haltung sorgsamer\nkonserviert als die paar Vorurteile, die er sich ge-\ngen eine aufgeklärte Banalität zu retten gewußt"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8734, "texte": "hat. Vor diesem Parterre äußerte sich kürzlich ein\nHauptmonist, der sich früher mit der Popular-\nmystik des Unbewußten getröstet hatte, über die\nmaterielle Existenz Christi. Damit begiebt sich die\n„wissenschaftliche Theologie\" tief unter das Ni-\nveau des Heiligen Rock von Trier. Was Dogma\neines Glaubens ist, soll auf seine Toilette betastet\nwerden. Die Vernunft soll begreifen, was über-\nhaupt nur im Glauben Existenz hat.\nEin monistisches Gehirn versagt vor der Tatsache,\ndaß das Wesentliche der Religion weit über ihr\nideologisches Gerüst dieses ist: daß sie die genaue\nErgänzung des armseligen irdischen Lebens zur\nVollkommenheit ist. „Im Schlußwort betonte Pro-\nfessor Drews, man müsse die Religion befreien von\naller Geschichte und Philologie. Dazu müssen wir\nwieder an Ideen als weltbewegende Mächte glau-\nben lernen und den Indifferentismus und die Bla-\nsiertheit unserer Zeit bekämpfen. Die dringend er-\nsehnte neue Religion müsse jeder in sich selbst er-\nleben.\" Dieser fromme Liberalismus ist so im\nfrühen Drittel des achtzehnten Jahrhunderts einge-\nkapselt, daß er das glaubenssinnliche Bedürfnis\neines Volkes durch den erbaulich verdünnten kate-\ngorischen Imperativ zu befriedigen meint. So spur-\nlos gleitet die ungeheure Vergangenheit des Katho-\nlizismus an ihnen vorüber. Und keinem trieb dieses\nbärenhafte Beschnuppern die Röte in die Wangen:\neine Dame, die auf eine allzu massiv gehämmerte\nPlattheit mit hysterischen Schreien antwortete,\nvertrat die religiöse europäische Menschheit vor\ndiesem heinischen Disput. Die Ehrfurcht vor der\nTatsache! Es wird Pflicht des liberalen Waren-\nhauses, unter dieser Flagge eine religiöse Filiale zu\neröffnen. Blitzschnell trocknet die tiefe Innigkeit\neines jahrtausendlangen religiösen Lebens ein und\nwo ehemals die wundervolle Gestalt eines segnen-\nden Gottes stand, starrt gestrüppig und nackt ein\nkahler Tintensumpf. War\nEines Dramatikers letzte Stunde\nIn dem hohen, altertümlichen Büchersaale\nstand der Examinator vor seinem Schüler, der, in\nmittleren Jahren, kein Enthusiast mehr war. Dieser\nZögling trug ein Gewand von schwarzem Sam-\nmet. Ueber Schiller mochte ihn der Examinator\nheute nicht inquirieren. Er zog mürrisch ein paar\nBände aus der Bibliothek hervor: sie war wenig\ngeordnet. Neben Schiller preßte sich Casanova.\nNein! Doch da schimmerten schilfig die vier\nBände von Hebbels Tagebüchern, und der Exami-\nnator fragte: „Wo stehen die Sätze reiner, lichter\nProsa über letzte Stunde?\" Der Examinand hatte\ndie Antwort parat; behaglich-amtlich nannte er\nBand und pagina. Und um nähere Auskunft er-\nsucht, gab er Einzelheiten:\n„An einem Sommernachmittag hatte das al-\nternde junge Mädchen plötzlich heimreisen müs-\nsen in das Patrizierhaus der kleinen Stadt. Das\nHaus lag noch in seinem Garten da, in Liebe und\nRuhe. Vormittags war es sehr heiß gewesen,\nund der Garten hatte viel Sonne getrunken. Es\nwuchs darin nur eine einzige Art von Pflanzen:\nSträucher mit flachen Riesenblättern, die waren\nwie die Blätter der Wasserrosen. Jetzt, nach\nMittag, war es grau und schwül geworden, nur\nkühl noch in den steinernen Gängen des Hauses.\nNun trat auch Friedrich Hebbel in der Steingang\n(vielleicht war die Türglocke erklungen) und legte\nseinen Reisesack links von der Haustür nieder.\nEr warf einen Blick in die grüne Wirrnis da drau-\nßen. Die Sonne schien nicht mehr; aber die Blät-\nter leuchteten noch von dem Licht, das sie einge-\nfangen hatten, einige matt, andere hielten dicke\nGlühballen Leuchtens umwachsen. Da ließ sich\nHebbel nieder zum Gebet: „Ich danke Dir für\ndiese letzte Stunde, die ist voll klarer Gedanken!\"\nAus dem grauen Garten kam Kühle. Wollte ein\ngelber Blitz es tun? Hebbel empfand keine Angst.\nNur einer, der nicht in dieser Stille war (und der\nallem viel später erfuhr), dachte leise an ein\nbischen Angst. Drei Tage lang ging Friedrich\nHebbel, ohne zu essen, in den kühlen Gängen um-\nher. Er erlebte seine letzte Stunde — Stunden\ngläserner Reinheit. Drei Tage lang weilten Hebbel\nund Alice in diesem Haus, ohne um einander zu\nwissen. Zur Seite des steinernen Ganges lag ein\nGartenzimmer: das eigentliche Zimmer der letz-\nten Stunde. Obgleich es offen stand, hat Hebbel\nselbst, aus Bescheidenheit und Würde, es nie be-\ntreten. Alice dagen scheint in diesem Zimmer ge-\nwesen zu sein: von einer Frau verspürte es weni-\nDerangement. Alice war unbedeutender, aber aus\nreinerem Erdenstaff gefügt als Hebbel. Von den\nFrüchten, die im Zimmer standen, hat auch sie\nnicht genommen.\nNach drei Tagen verließen beide das Haus, in\ndem sie neben einander gekniet hatten. Die Um-\nstände, wie sie später zusammentrafen, sind frag-\nlich geblieben. Sicher ist nur das eine, daß die\nfremde Dame, die in rotgeblümtem Kleid erschien,\nmit Frau Hebbel auf eine passende Art bekannt\ngemacht wurde. Die Fremde sah sich mit all dem\nErnst aufgenommen, den diese Sachlage erfor-\nderte. .. Hebbel, sobald er nach Hause zurückge-\nkehrt war, suchte die fSätze über seine letzte\nStunde in seinen Papieren: sie fanden sich schließ-\nlich auf seiner Netzhaut. Dort glaubte er sie\nsicher —: allzusicher. Denn als man sie nach sei-\nnem Tode entdeckte, waren sie schon verwischt\nund wiesen die Unklarheiten auf, mit denen sie\nim letzten Bande der Tagebücher photographisch\nwiedergegeben sind. Uebrigens stand Hebbels\neigenes Erlebnis auf seiner linken Netzhaut und\ndas Alicens auf seiner rechten. Er selbst soll noch\ngeäußert haben: dies sei ein Beweis für die unbe-\nteiligte Seherkraft des Dichters. Das ganze Vor-\nkommnis erschien ihm wie eine Illustration des\n„media vita in morte sumus\". Friedrich Hebbel\nstarb (viele Jahre nach seiner letzten Stunde) mit\neinem Fluche auf den Lippen — einem Fluche\ngegen jene, die in der Gartenhausaffäre irgendwie\nLeid, Pathetik oder aufdringliche Stilistik finden\nwürden.\nDer Examinator mußte diese Antwort in\nvollem Maße gelten lassen. Und längst sitzt der\nZögling auf einem Lehrstuhl für visionäre Litera-\nturgeschichte.\nDas märkische Ninive\nAus dem unvermeidlichen, vielberufenen Sande\ndieser Landschaft erhebt sich, nicht gelegen nahe\neinem südlichen Meere, dem die Schaumgeborene\nentstieg, nicht tauchend in den tiefen Azur eines\ngnadenreichen Himmels, welcher Raum für un-\nzählige Götter hatte, nicht an der Brust von Pinien-\nhainen, von Oliven, ja von Palmen, sondern durch-\nflössen ganz und gar von der Spree und Panke —\nBerlin, eine sonderbare Lust- und Sündenstadt,\nunterwühlt von Eisenbahnen, mit dem Gewimmel\ngehetzter Arbeitstiere, die keine betenden Hände\nheben mögen, röchelnd aus Lungen voll giftiger Fa-\nbrikdämpfe, und statt unzähliger Götter schleichen\nunzählige Krankheiten herum und mischen sich er-\nbarmungsvoll unter das arme Volk. Dieser Him-\nmelsstrich kennt nicht die überlieferten Süßig-\nkeiten antiker Bäder, nicht die vorderasiatischen\nEkstasen, die Tanzfreuden von Korinth und Ta-\nnagra. Hier war von Anfang an alles verdorben.\nUnfromme Religionen wirtschaften, jede Art Zank,\nErwerbsneid meistert die Seelen, Durst und Durst,\nund Hunger, Hunger — man betet nur zur Gott-\nheit Zeit; unfähig, die Zeit zu erschöpfen, windet\nman sich nach Unsterblichkeit.\nAber mit malachitgrünen Lichtern äugt der Wolf\nin diesem Sande, das magere Tier der Lust,\npeitscht mit dem Schwänze die hohen Beine; seine\nKiefern malmen; er speit und bricht Schalen über\nden Boden aus. Wenn die Stadt nachts flammt,\nheult der Wolf durch die schlafenden Straßen, und\nman hört ihn durch die Provinzen schreien.\nBerlin selbst hat keine, fast keine Lustbedürf-\nnisse, auch weder Auge noch Ohr für sie. Diese\nscharfe, sehnentüchtige und gedankenvolle Stadt\nkönnte die abnormsten und verwegensten Ver-\ngnügungen erzeugen, wenn ihr Ingenium dar-\nauf gerichtet wäre. Aber man geht in ihr\nfast unter im Jahrmarktslärm, in den grellen\nFarben der Dörfler. Hier hat das Vergnügen\nkeine eigene Produktionsquelle; die Münchener,\nRixdorfer, Prenzlauer fühlen sich zu Hause. Ganz\nNorddeutsche, entwickeln die Berliner keinen\nsozialen Sinn, nichts von Volksfesten; sie halten\nsich in ihren Wohnungen, pflegen Familie,\nschmücken sich für und gegeneinander; ihr\nOeffentlichkeitssinn befriedigt sich in Zeitunglesen,\nin Kränzchen, Theater- und Paradebesuchen. Und\nso gliedert sich Berlin keine Luststadt an. Der\nFremde watet hoffnungslos in dem Sande: der\nSand ist da. doch Berlin sieht er nicht. Er sieht gi-\ngantische Dimensionen, aber nur von Banalität,\nsieht Originalität fast nur in der Massenhaftigkeit\nder Unternehmungen, statt Geist Berechnung, statt\nOrdnung Nüchternheit und dreißigmal Nüchtern-\nheit, das stillose Zusammenwürfeln als Surrogat\neiner Phantasie. Hie und da ein Licht, eine kleine\nFackel, eine Kerze.\nZuerst will ich reden von der Avantgarde der Lust,\nvon den schweifenden Priesterinnen der Venus.\nLaßt mich Atem holen.\n\nFerdinand Hardekopf\nA. D."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c009", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "5", "page_fin": "14", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.9", "titre_corps": "Kunst und Ethik", "titre_sommaire": "Kunst und Ethik", "signature_source": "Joseph August Lux", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.5", "debut_caractere": 8736, "fin_caractere_exclue": 12768, "texte": "Kunst und Ethik\nVon Joseph August Lux\nEs ist nicht zu bestreiten, daß Kunst und Ethik\neine gemeinsame Wurzel haben, wenn auch keines-\nwegs das gleiche Ziel. Die gmeinsame Wurzel\nheißt: Religiosität. Wenn in der Kunst die Ethik\nsiegt, dann ist es mit der Kunst vorbei. In diesem\nStadium befindet sich die moderne Entwicklung.\nDie künstlerische Erneuerung ging um die Mitte des\n19. Jahrhunderts von England aus, wo die Prä-\nrafaeliten den Anstoß gaben. Sie haben den dop-\npelten Beweis von der Tüchtigkeit und von der ab-\nsoluten künstlerischen Unfruchtbarkeit der engli-\nschen Rasse geliefert. Das sind Eigenschaften, die\nes hinreichend erklären, daß sie als Führer und\nBannerträger der großen, über der ganzen zivili-\nsierten Welt verbreiteten Bewegung vorangehen\nkönnten. Die Kunsturteile, die von dort abgeleitet,\ndurch John Ruskin und William Morris in Umlauf\ngesetzt und zu einer Art Weltherrschaft gebracht\nwurden, sind ethisch begründet. Die Entwicklung\nfolgte diesen Direktiven. In der Malerei, Plastik,\nArchitektur und den dekorativen Künsten, in der\nLiteratur, sehen wir auch bei uns durchaus ge-\nschickte Anwendungen, nirgends eine Offenbarung.\nEhrliche Technik, braves Naturstudium, fleißiges\nKopieren und Verarbeiten fremder Vorbilder aus\nalten Kulturen, alles sittlich einwandfrei, nachweis-\nbar, erklärbar, restlos aufzulösen wie ein Rechen-\nexempel. Originalitäten aus zweiter, dritter Hand.\nKeine Idee. Kein einziger fruchtbarer, schöpferi-\nscher Gedanke! Und selbst des Ornament, wo an-\ngeblich die größte Erfindungsfreiheit herrscht, und\nwo sich das Persönliche in bedeutsamen Zeichen\nausdrückt, entpuppt sich für den Wissenden, der\nhinter die Kulissen sieht, als aufgelegter Schwin-\ndel. Auch hier ist alles Nachahmung, Verfälschung,\nIrreführung. Es bleibt sich im Wesen gleich, ob\nman japanische oder frühitalienische Vorbilder be-\nstiehlt, orientalische Kultgedanken mißverständlich\nfür moderne Dekorationszwecke „verwertet\", oder\nob man Insektenflügel und sonstige histiologische\nErscheinungsformen abzeichnet, zurecht stilisiert\nund ornamental aneinander reiht. Keine Spur von\nneuer, eigener Erfindung! Die Fähigkeit, neue Or-\nnamente hervorzubringen, die zugleich für unsere\nZeit und für das seelische Leben irgendwie bedeut-\nsam sind, die also etwas ausdrücken, offenbaren,\nist zweifellos erloschen. Ich frage allen Ernstes,\nob nicht überhaupt das Kunstvermögen erloschen\nist? Haben wir Deutsche noch die Kraft, eine neue\ngroße Kunst ehrvorzubringen? Ich behaupte: nein!\nWir haben Sittengesetze, wir sind technisch, wirt-\nschaftlich, intellektuell voran, aber die Kunst ist tot.\nWir haben keinen einzigen Künstler, der die Zu-\nkunft verkörpert. Wir marschieren an zweiter,\ndritter Stelle, hinter der Vergangenheit einher. Wir\nhaben keinen Maler, der die letzte große Ent-\ndeckung, den Impressionismus, überholt hätte; wir\nhaben keinen Plastiker, der an den einsamen Gi-\nganten Rodin heranreichte; wir haben keinen Dra-\nmatiker, der nicht schülerhaft neben Ibsen steht;\nund den großen Architekten, der die technischen\nFortschritte zu einer neuenbaukünstlerischen Syn-\nthese zusammenfaßt, gibt es überhaupt nicht, wir\nhaben nur Ingenieure und im übrigen rückschau-\nende Heimatkünstler. Wir sind organisatorisch,\naber nicht schöpferisch; wir sind kritisch, aber nicht\nkünstlerisch; Forschende, Erkennende, Wissende,\naber nicht Gebärende. Das Wort vom 20. Jahr-\nhundert als des künstlerischen, ist eine Phrase, die\nKunst-fürs-Volk-Bewegung, der organisatorisch und\ngeschäftlich großangelegte Versuch, die Kunst in\ndie Massen zu tragen, kann über diese innere Leere\nnicht hinwegtäuschen. Was der Masse frommt,\nich meine auch die Masse der Gebildeten, ist ein\nDurchschnitt, der sich auf der mittleren Linie be-\nwegt, eine Kunst, die zu Tode erklärt ist und ver-\nstandesmäßig, intellektuell, ethisch begriffen wird.\nWas sich nicht in das Prokrustesbett der Doktri-\nnen, Definitionen, Moralanwendungen einfügt, exi-\nstiert nicht. Lebt als einsame, darbende, ungesehene\nSchönheit, als verkannte Gottheit. So erkennen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 12709, "texte": "die Ethiker in der alten Kunst nur den sterblichen\nTeil der Legende; und in der neuen Kunst? Die\nneue Kunst ist sozial, bürgerlich geworden, wohl-\nanständig, also das, was ihr am wenigsten zuträg-\nlich ist; sie muß es sich daher gefallen lassen, daß\nsie dem Sittengesetz der heutigen Gesellschaft un-\nterworfen wird. Der französische Impressionis-\nmus ist in der Boheme entstanden, in einer heidni-\nschen Freiheit; Paul Verleine, der Schöpfer un-\nsterblicher Verse, war nichts weniger als bürger-\nlich; Beethovens Uebermenschentum schuf im\nSchutze der Einsamkeit; alle wahrhaft gotterfüll-\nten Werke sind in der Menschenverlassenheit ent-\nstanden, jenseits der bürgerlichen oder gesellschaft-\nlichen Konventionen, in einer idealen Freiheit, die\nrevolutionär, fast anarchistisch erscheint. Daß bei\nunseren geordneten Zuständen nicht der Boden für\neinen solchen heidnischen Sprößling vorhanden ist,\nversteht sich von selbst. Das letzte Wort hat die\nGouvernante, der Erzieher, der Sonntagsprediger,\nder Moralist.\nDie wichtigste ethische Forderung verlangt,\ndaß die Kunst vor allem das Schöne darzustellen\nhat; sie soll das Edle in der Menschenbrust wecken,\nund dies kann angeblich nur durch das Schöne ge-\nschehen. Tatsächlich haben sich die Prärafaeliten\nüber dieses Programm wortlos geeinigt und sind,\nwas unausbleiblich ist, einer süßlichen Sentimenta-\nlität anheim gefallen. Es ist das unvermeidliche\nSchicksal aller, die das letzte Ziel ihrer Kunst in\ndem sogenannten Schönen sehen. Die Meinungen\nüber das Schöne sind bekanntlich sehr geteilt.\n~Schön wird häßlich, häßlich schön,\" singen die\nHexen in „Macbeth\". Wer wird bestimmen, was\n„richtig ist? Die Allgemeinheit. Ganz logisch:\nwenn das Kunstwerk ethisch wirken soll, so muß\nes auf die Menge wirken und die Voraussetzungen\nerfüllen, die in dieser Menge ruhen. Denn um zu\nwirken, und um schön empfunden zu werden, muß\nes gefallen, muß also der namenlosen Menge zu ge-\nfallen suchen, die, so verschiedenartig an Bildung\nund Menschlichkeit, nur einen sehr oberflächlichen\nBerührungspunkt haben kann, den Punkt, wo sich\nder niedrigste der Instinkte auslöst, der Massen-\ninstinkt. Wie hoch müsen Schöiheiturteile zu be-\nwerten ein, deren Ausgangspunkt dieser Instinkt\nist! Mit anderen Worten: der Künstler habe es als\nsittliche Forderung zu betrachten, daß er der Menge\ngefalle, daß er den niedrigsten Schönheitsbegriff zur\nRichtschnur nehme, daß er nur das zur Darstellung\nbringe, was auch dem gewöhnlichsten Manne ver-\nständlich bleibt. Die unausbleibliche Folge dieser\nethischen Forderung ist jene schamlose Verlogen-\nheit, mit der sich jede Dirne- auf der Straße ver-\nkauft. Eine Kunst der Konventionen, die, von mo-\nralischen Grundsätzen ausgehend, der Prostitution\nin die Arme läuft.\nDer Ethiker spricht weiter: die Kunst soll die\nNatur nachahmen. Was ist Natur? Ist sie etwas\naußer uns, ist sie in uns? Soll die Kunst nach-\nahmen, was überhaupt schon einmal in uner-\nreichbarer Vollendung vorhanden ist? Diese For-\nderung sit ungefähr genau so fragwürdig, wie etwa\ndaß die Religion von den Naturwissenschaften aus-\ngehen soll. Wir können auf Grund der natur-\nwissenschaftlichen Ergebnisse zu einer Art von\npragmatischer Philosophie gelangen, zu einer prak-\ntischen Weltanschauung, die das Sittengesetz neu\nformuliert. Aber wir können mit Hilfe von Philo-\nso\\ \\ie und Sittenlehre niemals eine Religion schaf-\nfen. Die Kunst ist etwas, das in der Natur nirgends\nvorkommt als im menschlichen Dasein. Und das\nGöttliche ist etwas, das in der Natur nirgends vor-\nkommt, als in der Religion. Die Kunst aber will\ndieses Göttliche, und nicht das Sittliche. Oder die-\nses letztere nur mittelbar.\nDer Ethiker läßt mit sich handeln. Er gibt zu,\ndaß die Kunst ihre Freiheit haben müsse. Aber bei\neinem Zipfel will er sie doch gängeln, weshalb er\nverlangt, daß der Künstler eine ethische Persönlich-\nkeit sei. Ich hoffe, damit leicht fertig zu werden.\nEs hat viele ethische Persönlichkeiten gegeben, die\ndurchaus keine Künstler waren, und es hat sehr\nviel unmoralische Personen gegeben, die dennoch\nim hohen Maße künstlerisch veranlagt waren und\nGroßes geschaffen haben. Die Moralisten halten\nsich viel auf Schiller zugute, der angeblich eine ethi-\nsche Persönlichkeit war. Meinetwegen! War\nLord Byron eine ethische Persönlichkeit? Und Paul\nVerlaine? Und Frans Hals, dieses Kneipgenie?\nUnd Rembrandt, der Erzieher? Der genußsüchtige,\nverschwenderische, ganz den Zügellosigkeiten sei-\nner Zeit ergebene Rembrandt, der doch auch vor\nseiner Verarmung Unsterbliches geschaffen hat?\nMan sieht also ganz leicht, wie wenig stichhaltig\ndie Phrase von der ethischen Persönlichkeit ist.\nWas will sie auch heißen? Ethische Persönlich-\nkeiten sind schließlich alle, auch der Verbrecher,\nindem er das abschreckende Beispiel der Schuld\nund das versöhnende Beispiel der Sühne gibt. Wir\nkönnen alles ethisch werten, auch die Kunst, wo-\nbei es sich lediglich um die Burteilung der ver-\nschiedenartigen Wirkungen handelt. Keinesfalls\naber handelt es sich dabei um die Ursachen. Aus\nEthik wird wiederum Ethik, nicht aber Kunst. Ethi-\nsche Kunst ist ein Unding. Die Begriffsverwirrung\nkonnte nur aus dieser Verwechslung von Ursache\nund Wirkung entstehen. Man vergißt dabei, daß\njede Art von Kunst, also natürlich auch die nicht-\nethische, und diese sogar am allerstärksten, eine\nerhebende, läuternde, ergreifende Wirkung hat.\nAlso auch die Kunst, d eidas Häßliche darstellt, das\nNiedrige, Gemeine, die Schattenseiten. Goyas Gri-\nmassen, geht von ihnen nicht eine starke künstle-\nrische Wirkung aus? Sind die Grenzen des Schö-\nnen nicht weit genug, daß sie im Sinne der geheim-\nnisvollen Hexenworte auch das Häßliche mit ein-\nschließen? Ist überhaupt der bloße Genießerstand-\npunkt maßgebend? Und schlielich, Hauptfrage:\nIst es ein Kunstziel, Gefallen erregen zu wollen?\nDie Kunst will dies alles und doch wieder nicht,\ndenn es sind Nebendinge. Ihr einziges Ziel, dem\nsie jede Rücksicht opfern muß, ist dies: dem inne-\nren Erlebnis die sichtbare Form zu geben, in einer\nsolchen Originalität, wie es nie zuvor geschehen\nund nie mehr ein zweites Mal vorkommen kann.\nDie Ausführung ist mit der Idee geboren. Ein\nMeisterwerk ist fertigend wenn es auch nur aus\nzwei Strichen besteht. Wer sich hervortun will,\nmuß auf diesen zwei Polen beruhen, auf dem der\nVollendung und dem der ursprünglichen Persön-\nlichkeit, die alles erstmalig sieht. Der Künstler ge-\nhorcht nur inneren Imperativen. Er ist ethisch,\nwenn er den Exzessen seiner Seele folgt. Wenn\nihn sein Schicksal zu dem Unerhörten, dem Anor-\nmalen, dem Ungewöhnlichen beruft. Alle Kunst,\nalles in diesem Sinne Schöne ist anormal. Eine nor-\nmale Kunst ist keine. Die Technik allein, die Rou-\ntine, die Gesinnung, sie machen es nicht aus. Aber\ngerade diese Merkmale sind es, die dem heutigen\nKunstschaffen zur Hauptaufgabe werden. Sie kön-\nnen nicht über ein gewisses Manko hinwegtäu-\nschen. Das Innerste fehlt: die Blume des Persön-\nlichen, das Unberechenbare, Unvorhergesehene,\nUeberwältigende, Unerklärliche, Göttliche. Dieses\nNicht-anders-können! Die Besessenheit! Der hei-\nlige Wahn! Alles Verstandessache, mit Betonung\nder äußeren Geschicklichkeit. Schöpfungen des\nIntellekts. Dinge, die man wegen ihrer glatten an-\ngenehmen Form hinnimmt, als Produkte des ehr-\nlichen Wollens und der technischen Fertigkeit, ohne\ndaß man sich zur Frage nach dem Urheber veran-\nlaßt fühlte. Schließlich gibt es für uns Heutigen nur\ndiese letzte Unterscheidung zwischen Werten, die\neinem gleichgiltig sind, weil sie nichts aussagen,\nund Werten, bei denen man sofort nach der Persön-\nlichkeit fragt.\nEs kommt immer darauf an, wer es gemacht\nhat!!!\nIch bilde mir ein, damit einen durchaus neuen\nund äußerst wichtigen Grundsatz aufgestellt zu\nhaben: Es kommt immer nur darauf an, wer es ge-\nmacht hat! Wie sollen wir sonst die echte von der\nfalschen Kunst unterscheiden? Die Schüler kopie-\nren ihre Lehrer, die Nachahmer und Schwindler be-\nstehlen ihre Vorbilder, an was sollte man sich hal-\nten, wenn nicht an dieses Zeugnis der Echtheit und\nUrsprünglichkeit? An das Persönliche? Warum\nkommt es bei der Wertbestimmung eines Bildes\nso sehr darauf an, daß es ein echter Tizian sei und\nkein Schulbild, und daß es ein echter Lionardo sei\nund keine sentimental nachempfundene englische\nWiedergeburt? Ist es in den anderen Kunstgat-\ntungen, der Plastik, der Dichtkunst, der Musik,\nnicht ebenso zu halten, und gerade hier, wo man\nbesonders stark auf die Finger sehen muß? Es ist\nbegreiflich, warum heute das Echte in der Kunst so\nselten zu finden ist. Echte Kunst gibt sich religiös,\nfalsche Kunst gibt sich ethisch. Das ist der Unter-\nschied.\nIch erhebe damit keine Klage. Ich stelle bloß\nTatsachen fest. Ich füge hinzu, daß es in Anbe-\ntracht gewisser Umstände nicht leicht anders sein\nkann. Wir sind praktisch, zweckmäßig, kritisch,\nerkenntnisfroh, analytisch geworden, zweifellos\nSegnungen der naturwissenschaftlichen Erziehung,\ndie das Jahrhundert bestimmt. Aber die also ent-\nwickelten Eigenschaften kommen nicht eigentlich\nder Schöpfung großen Kunst zugute. Ebenso\nwenig kommet sie dem religiösen Bedürfnis zu-\ngute. Es ist kein Geheirtinis, daß wir es in Re-\nligionsdingen und Kunstdingen mit einem unüber-\nwindlichen Indifferentismus zu tun haben. Wir\nhaben wohl ein kirchliches Leben, aber wir haben\nkein religiöses Leben. Statt Religion haben wir\nEthik. Sie genügt uns für das Praktische; und auf\ndas Praktische ist Leben und Erziehung zurecht\ngeschnitten. Wir haben noch die Formeln der Re-\nligiosität, aber es ist keine Religion mehr darinnen.\nMan sieht, daß der Himmel nicht einstürzt, wenn\nman nicht mehr Religion empfindet, und ist zufrie-\nden damit, weil man erkannt hat, daß das Himmels-\ngewölbe der Weltordnung durch das Gerüst und\nBalkenwerk der moralischen und polizeilichen\nVorschriften hinreichend gestützt ist. Hier liegt\ndie psychologische Erklärung für den Verfall der\nKunst. Es ist meine Erkenntnis, daß mit dem Auf-\nhören des religiösen Empfindens auch die Kunst\naufhören müsse. Statt Religion haben wir Wissen-\nschaft, statt Kunst haben wir technische Anwen-\ndung von Doktrinen. Zwar gehen die Seelen leer\naus, und wenn nicht alle Zeichen trügen, so erwacht\nwieder ein großes Verlangen nach den verlorenen\nQuellen. Im Einzelnen wird viel gepfuscht und\nhundertfache Versuche entstehen, eine neue Re-\nligion für „freie\" Menschen auf naturwissenschaft-\nlicher Grundlage zu bilden. Der Monismus ist\nvielleicht der umfassendste dieser Versuche, ohne\ndaß es gelungen wäre, über ein ethisches Moralge-\nbäude hinauszukommen. Aus Wissenschaft kann\nweder eine Religion entstehen, noch kann ein\nKunstwerk daraus entstehen. Es fehlt nicht an\neinem einzelnen Versuch, dieses „naturwissen-\nschaftliche Kunstwerk\" hervorzubringen; ich sehe\nsein Erscheinen mit Bangen .... Große Gelehrte,\nvorschauende Denker, wissenschaftliche Kapazi-\ntäten, sind im Grunde ihrer Seele religiös geblie-\nben, oder sinde s wieder geworden, weil über die\nletzten unerforschlichen Dinge auch die Wissen-\nschaft und die Ethik des Monismus besten Falles\nfür das Göttliche nur andere Vokabeln, aber kei-\nnen anderen Sinn aufbringen kann. Trotz des\nSuchens im Einzelnen fehlt der große Kultge-\ndanke, der der Kunst die notwendigen Seelenhin-\ntergründe liefert. Das Ornament ist heutzutage\ndeshalb ein Verbrechen, weil es keinem Kultge-\ndanken zum Ausdruck dient. Alte Volkskunst,\nethnographische Kunst, war Kultsache. Hohe\nKunst konnte in früheren Jahrhunderten gedeihen\nund Anbetung finden, weil sie mit einem religiösen\nMoment verbunden war. Das Religiöse war der\nnotwendige Schutz, den sie für ihre Freiheit\nbrauchte. Die Frage nach Kunst, die heute in so\nvielen Köpfen Verwirrung anrichtet, gab es früher\nnicht. Das Volk hatte zu verehren, anzubeten,\nnicht zu wählen, nicht zu tadeln. Die Demokratie,\nunser Ziel, ist nicht die Hüterin und Förderin der\nKünste. Auch der Kapitalismus, unsere Zeitver-\nfassung, ist es nicht. Die bildenden Künste von\nheute siechen, weil sie nichts zu bilden haben.\nKeine große Idee, die Macht über die Seelen hat.\nDas Höchste, was hohe Kunst ausdrücken kann,\nist die Ahnung des Göttlichen, ein1 Mysterium.\nAber unsere Zeit hat nur Ideen, die den Verstand\nbeherrschen, und das Göttliche, das Mysterium,\nist der heutigen Allgemeinheit fremd. Es fehlt\ndieser Zeit der große Kult, der mit dem Myste-\nrium, dem Göttlichen, den seelischen Hintergrün-\nden, in einem lebendigen Kontakt steht und die\nKunst aus diesen ewigen Quellen nährt. Offenba-\nrung, dieses Höchste, die Sichtbarmachung des\nUnsichtbaren, das erhebende und zugleich er-\nschütternde Beispiel, wie der Einzelne mit seinem\nGott ringt, diese Blutzeugenschaft des Genius,\nes fehlt uns vollständig. Religion ist immer ein\npersönlicher Fall und jede Kunst ist ein Re-\nligionsfall."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "14", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.10", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.6", "debut_caractere": 12711, "fin_caractere_exclue": 13221, "texte": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke\nAusführliche Bpsprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Fall statt\nDER ROSENGARTEN der deutschen Liebeslieder\nGesammelt und herausgegeben von Dr. Julius Zeitler\nDER VÖLKER LIEBESGARTEN / Die Liebeslyrik der\nVölker des Erdkreises / Gesammelt und heraus-\ngegeben von Paul Seliger\nVerlag Julius Zeitler, Leipzig\nPAUL SCHEERBART: Katerpoesie\nVerlag Renisch / Paris-Leipzig\nTHADDÄUS RITTNER: Unterwegs / Don Juan - Drama\nin drei Akten\nVerlag Egon Fleischel & Co., Berlin"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "15", "page_fin": "15", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 922, "texte": "Malschulen\nStudies atelier\nBerlin W. 30, Habsburgerstr. 11\nAkt-Kopf-Kostfim :: Zeichnen ::\nMalen :: Modellieren Stilleben\n:: Komposition :: Abendakt ::\nAb Juli Akt, Landschaft an der See\nProspekt durch MoritzMelzer\nMalschule\nMiiller=Schoenefeld\nAtelier Charlottenburg- 111\nSchillerstr. 3\nVormittag-: Portrat u. 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HARNISCH & Co., Berlin W57\nDR. REBAJOLI'S Italienische\nU nterrichtS'Metho de fur Schulen\nLehrbuch der italienischen Sprachc\nI. Stufe. Gebunden Mark 2,—. (Fur Anfanger)\nDiese kurzgefasste aber durchaus übcrsichtlichc Grammatik beschrSnkt\nsich darauf, von den Formen, Regeln und Vokabeln nur das zu bieten,\nwas zum alltaglichen Gespr&ch unbedingt erforderlich ist. Das kleinc\nWerk cignet sich auch besonders zum Zwecke, Damcn und Herren, die\ncine Reise nach Italien vorhaben, eine allgemeine Kenntnis der Sprache\nzu verschaffen, oder bereits erworbene Kenntnisse in kurzer Zeit auf*\nzufrischen.\n11. Stufe. Geb. Mk. 4.—. (Fur Vorgeschrittene)\nAls Fortsetzung der I. Stufe fur diejenigen Schuler gedacht, die eine\ngriindliche Kenntnis des gesamten grammatischen, syntaktischen und\nlexikalischen Sprachschatzes anstreben. Diese zweite Stufe enthalt ein\nitalienisch'deutsches und deutsch-itallenisches Worterbuch,\ndas dem Lernenden jedes weitliiufigere Lexikon vollauf ersetzen durfte\nT\n▼\n▼\n▼\nr\nv"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c023", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "3", "page_fin": "3", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.8", "debut_caractere": 2351, "fin_caractere_exclue": 2495, "texte": "FRANZ HOLZAMER BERLIN W 50\nNachodstr. 36-37 / Telephon Wilmersdorf 4070 / Bankkonto Deutsche Bank\nOO\nWerkstattfur kunstlerische Innenausstattung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c024", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "3", "page_fin": "3", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.8", "debut_caractere": 2497, "fin_caractere_exclue": 3327, "texte": "Geschaftsbucher und Kontorbedarf G. m. b. 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Familien-\nbedarf/Briefordner,Wirtschaftsbiicher, Durch-\nschreibebucher/Albumsf.Postkarten,Zeitungs-\nausschnitte, Photographien/Anfertigung von\nVisiten-u.Einladungskarten,Familienanzeigen\n:: :: :: :: SPEZIALITAT: :: :: :: ::\n-\nBlocks in alien Grossen (Manu-\nskriptblocks in Quartformat) ■ Fiill-\nfederhalter fiir die Tasche ■ Tinten-\nstifte in verschiedenen Qualitaten u.\nPreislagen ■ Sicherheits - Fullfedern\nStylographicPens-Korrespondenz-,\nJournal-, Unterschrifts- und Manu-\nskriptmappen ■ Loschmappen und\nSchreibunterlagen ■ Gesamter\nSchreib- und Schreibtisch-Bedarf\nifiißetsßaascKsaisafißßaaaMi"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c025", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "3", "page_fin": "3", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.8", "debut_caractere": 3329, "fin_caractere_exclue": 3611, "texte": "Av >\n•«r\nVerlag „Der Sturm\"\n\"V\n> y\nTair\nWir übernahmen inunsernV erlag-\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFur Gesang- u. Klavier/ 52 Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlung-en oder direkt\ndurch den Verlag- DER STURM\nHalensee / Katharinenstrasse 5\nB\ns\na\nm\nB\n9\nB\nB\nB\n8\na"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-10-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-10_01#c026", "volume": "bmtnabg_1910-03-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "3", "page_fin": "3", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.8", "debut_caractere": 3613, "fin_caractere_exclue": 3929, "texte": "Die Fackel\nHerausgeber\nKarl Kraus\nSoeben erschienen\n(Summer 296 — 297\nRus dem Inhalt: Joseph\nSchoffel von Karl Kraus =\nDie Hrbeiterzeitung und die\nTaussigclique ~Glossen:Eine\nNeuerung = Der Punkt =\nDeutsche Dichter = Das Buch\nliber Berlin — Der gordische\nKnoten von Karl Kraus\nDoppel-Nummer 50 Pfg\nOberall erhaltlidi"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nAuflage 30000 Exemplare\nDER STURM\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524. Anzeigen-Annahme\ndurch den Verlag und sämtliche Annoncen - Expeditionen\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nEinzelbezug 10 Pfennig / Vierteljahresbezug 2,00 Mark /\nHalbjahresbezug 4,00 Mark / Jahresbezug 7,00 Mark / In-\nsertionspreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfg.\nERSTER JAHRGANG\nBERLIN/DONNERSTAG/DEN 10. MÄRZ 1910/ WIEN\nNUMMER 2\n\nINHALT:\nROBERT SCHEU: Kanjnen aus Kirchen-\nglocken / ALFRED ÜÖBLIN: Die Tänzerin und der Leib /\nELSE KRAUS:\nPro domo et mundo / LUDWIG RUBINER: Cronimelynck/\nMÜLLER - KABüTH: Bemerkungen über Leistikow/\nGLOSbEiN: Der Aberglaube der v orurteiisiosen / Ferdinand\nHardekopf: Eines Dramatikers letzte Stunde / A. D.: Das\nmärkiscne Ninive / JOSEPH AUUUST LUX: Kunst und\nEtnik\n\nKanonen aus Kirchenglocken\nVon Robert Scheu\nIn der Tatsache, daß ein Staatswesen sehr\nrückständig ist, liegt in einem gewissen Sinne\nauch etwas Hoffnungsweckendes, insofern näm-\nlich, als hier ein ökonomisches und geistiges Reser-\nvoir gebundener Kräfte heimliche Energien auf-\nspeichert. So liegt die suggestive Macht Rußlands,\ndie auch durch seine großen Niederlagen nur zeit-\nweilig verbleicht, in der sich aufdrängenden Vor-\nstellung, daß hier gewaltige, unverbrauchte Kraft-\nvorräte dem Tag ihrer Erlösung entgegenharren.\nIn Zeiten großer allgemeiner Krisen ist die Be-\nlastung der Volkskraft mit gewichtigen Hemmun-\ngen beinahe einem Guthaben gleichzuachten. In\ndiesem Sinne könnte man die katholischen Staaten\nals solche betrachten, die noch einer großen Ex-\npansion nach innen fähig sind, wenn sie sich ein-\nmal entschließen sollten, die gigantische Völker-\nsparbüchse, die Kirche, zu liquidieren und ihre\nSchätze auszuschütten. Sollte sich der große\nSäkularisationszauber nicht eines Tages wieder\nerneuern lassen?\nDer Geist der europäischen Staaten ist längst\nein durchaus heidnischer. Mir drängt sich immer\nlebhafter der Gedanke auf, daß die Staatsverfas-\nsungen im letzten Grunde der Ausdruck militäri-\nscher Notwendigkeiten sind. Vielleicht gelingt ein-\nmal einem gründlichen Kenner der Taktik und\nStrategie aller Zeiten der Nachweis, daß die jeweils\ngegebene Formation der Truppen im Felde eine\nbestimmte staatliche Konstitution nach sich zieht,\nbeziehungsweise von dieser bedingt ist. Der Zu-\nsammenhang von Reiterei und Rittertum tritt schon\nim Wort hervor, in dem Maße, als die Bedeutung\nder Kavallerie im Felde sinkt, büßt auch die Gentry\nan politischem Gewicht ein. Der geschlossenen\nSchlachtlinie der friederizianischen Zeit scheint\nmir der aufgeklärte Absolutismus zu entsprechen.\nDie Vorherrschaft der Artillerie ist durch das Be-\nstehen großer kapitalistischer Etablissements be-\ndingt, der Kanonenkaiser Napoleon ist der Sohn\nund Heros der bürgerlichen Revolution. Das weit-\ntragende Mannlicher zwingt zur Auflösung der\ndichten Ziele, und die heute einzig mögliche\nSchwarmlinie ist auf militärischem Gebiete etwas\nAehnliches, wie das Freilicht in der Malerei und\ndie unendliche Melodie in der Musik, die bekannt-\nlich Nietzsche als ein Echo der Demokratie erraten\nhat. Alle modernen Menschen dürfen ihre Hoff-\nnungen beruhigt der weltumwälzenden Macht der\nSchwarmlinie anvertrauen. Ich für meine Person\nbaue auf sie heilig und ziehe aus ihr den unbe-\ndingten, fast möchte ich sagen, untrüglichen\nSchluß, daß wir einem Zeitalter einer streng heid-\nnischen machtvollen Demokratie entgegengehen,\ndie gleichzeitig wieder dem Individuum eine ge-\nwisse Ampltiude garantieren wird, was ich aus dem\nAbstand der Kombattanten in der Schwarmlinie\nbeinahe ableiten könnte. Die moderne Feuerlinie —\naufgelöste Plänklerreihe — wird und muß ihr Spie-\ngelbild in der Staatsverfassung finden; denn es ist\nschlechthin unmöglich, auf Grundlage eines feuda-\nlisierenden Regimes das entsprechende Material\nfür die Schwarmlinie zu rekrutieren, geschweige\ndenn im Felde mit ihr zu manipulieren. Der orga-\nnisierte großstädtische industrielle Arbeiter ist das\nbeste und intelligenteste Infanteriematerial der\nmodernen Feuertaktik, wie übrigens jeder Gene-\nral bestätigen wird. Alle militärisch veranlagten\nKöpfe fühlen das instinktiv und sind heute im Her-\nzen demokratisch gesinnt.\nSollte zur Entkräftung dieser Theorie von dem\ninnigen Zusammenhang zwischen der Gefechts-\nformation und der Staatsverfassung etwa auf die\nTatsache hingewiesen werden, daß in einem und\ndemselben Zeitalter die verschiedensten Verfas-\nfungen nebeneinander bestehen, während die aner-\nkannte und jeweils geübte Taktik nur eine sei, so\nwürde ein genaueres Eingehen in die Geschichte\nlehren, daß die Kriege eben der Prozeß sind, durch\nden sich die Ausgleichung der Taktik vollzieht und\nim Siege der Waffe auch stets eine Ueberlegenheit\nder Staatsverfassung zum Ausdruck kam und an-\nerkannt wurde. Die nachträgliche Analyse und\nDiskussion aller kriegerischen Auseinandersetzun-\ngen erweist die Notwendigkeit und Gerechtigkeit\ndes Sieges; umgekehrt wirken Niederlagen un-\nfehlbar revolutionär, was nicht mit solcher Un-\nmittelbarkeit und Vehemenz der Fall sein könnte,\nwenn es nicht geradezu die Staatsfassung wäre,\ndie im Gefecht unterlag.\nDie europäische Opposition, gebildet aus der\nSumme aller nach Entbindungen ringenden Kräfte,\nerblickt in der Kirche und der Armee ihren ge-\nmeinsamen Feind und bekämpft die auf sie ge-\nstützte Staatsmacht, ohne sich davon Rechenschaft\nzu geben, daß die erstarkenden und gesunden\nStaatswesen von immer lebhafterer Sehnsucht er-\nfüllt werden, ihr innerliches Heidentum zu offen-\nbaren. Das immer deutlichere Einbekenntnis zu\neinem kühnen Heidentum, die Abwendung des\nStaates von der Kirche, wie sie von Paris, dem\nNabel der Erde, instradiert wird, ist das größte\nmoderne Ereignis. Allmählich fühlen sich die\nStaatswesen hinreichend entwickelt, um der An-\nlehnung an die Kirche zu entraten und zu ihrem\nhistorischen Antagonismus zurückzukehren. Die\neuropäische Opposition kämpft noch in ihrer alten\nZweifrontenstellung und befestigt dadurch künst-\nlich ein Bündnis, das nahe daran ist, aus natür-\nlichen Gründen zu zerfallen.\nArmee und Kirche sind aber innerlich ver-\nschiedene Kategorien. Die Kirche ist der imma-\nnente Feind des weltlichen Staates und Fortschrit-\ntes. Die Armee ist es nur akzidentiell, teilweise\nund durch ihre Nebenwirkungen. Die Kirche haßt\nden Staat, weil sie ein selbständiges, mit ihm riva-\nlisierendes Prinzip ist. Die Armee ist weit weniger\nherrschsüchtig, sie besitzt die Fähigkeit der Sub-\nordination und gewinnt ihr Uebergewicht wie etwa\nein hypertrophisches Glied eines Organismus, zu\ndem es aber immer noch als ein Bestandteil ge-\nhört. Die Kirche ist die Summe aller gebundenen\nGeister, sie ist selbst nichts anderes als das Prin-\nzip der Gebundenheit, die Autorität um ihrer selbst\nwillen, das mit Macht bekleidete Dogma, gleich-\ngültig, welchen Inhalts. Sie ist in letzter Linie die\nOrganisation aller Schwachen. Die Armee ist eine\nUeberzeugungssache der Gesamtheit; ohne diese\n— vielleicht irrige — Ueberzeugung von ihrer Not-\nwendigkeit könnte sie kaum einen Tag bestehen,\nIhre gesamten Einrichtungen, so drückend sie sind*\nwerden ausschließlich vom Geiste der Zweck-\nmäßigkeit diktiert, sind, den Zweck einmal zuge-\ngeben, durchaus logisch. Die Armee ist prinzipiell\nan der Volksbildung interessiert, ihre disziplinie-\nrende Leistung hat teilweise einen Kulturwert. Sie\nsteht mit der Technik im Kontakt, befeuert und\ninspiriert die Industrie und bleibt selbst in ihrer\nparasitischen Entartung eine Quelle der Zueilt-\nund Kraftsteigerung. Das militärische Prinzip der\nOffenheit, eine gewisse mechanische Handhabung\nin moralischen Dingen, im Gegensatz zum subjek-\ntiven gedankenverfolenden Raffinement der Kir-\nche, die Aufrichtigkeit in sexueller Beziehung —\nall das läßt die Armee als die Inkarnation des Hei-\ndentums erscheinen.\nKönnen wir uns in dieser Gedankenfolge mit\ndem Bestände der Armee nicht versöhnen, so kön-\nnen wir uns doch mit ihm verständigen. Anderer-\nseits nähert sich unsere Heeresverfassung ebenso\nwie die militärische Wissenschaft immer mehr der\nErkenntnis von dem Hochwert der Milizen. Der\nprätorianische Haudegen wird von der modernen\nFigur des Zivilstrategen in den Schatten gestellt.\nRekrutierung, Aufmarsch, Verpflegung, Eisenbahn,\nkurz die Militärverwaltung gewinnt an Bedeutung,\ndie Offiziere nähern sich dem Typus des Techni-\nkers. Auf Basis der Demokratisierung und Zivi-\nlisierung des Heeres überwinden wir den Milita-\nrismus sicherer und tiefer als durch gehässige\nAngriffe auf die Armee. Die Einführung des\nRechtsbegriffes in die Armee ist das nächste\ngroße, aber nicht unlösbare Problem, zu dessen\nBehandlung die einsichtigen Militärs geneigter sein\nwerden, sobald die prinzipielle Negation schwin-\ndet. Als Rekompenso für die Durchdringung der\nArmee durch das Volk winkt die Durchdringung\ndes Volkes durch die Armee, die heute noch not-\nwendige Synthese, die bei der gegebenen inter-\nnationalen Konstellation die Grundlage zur Auf-\nlösung des Militarismus bereiten wird.\nDie Abschüttelung des entsetzlichen Spesen-\ndrucks, der faux frais, ist in allen Kulturstaaten\neine brennende Lebensfrage geworden. Der mo-\nderne Staat erkennt seine Hauptaufgabe in der\nEntwicklung der Machtstellung nach außen, der\nhandelspolitischen Expansion, einer umfassenden\nSozialpolotik, im Innern, die Herstellung des\nGleichgewichts und äußersten Entbindung der pro-\nduktiveil Kräfte und der Sicherung des Konsums.\nDer heidnisch - militärisch - industriell - sozialpoli-\ntische Macht- und Handelsstaat krystallisiert sich\nmit äußerster Rapidität vor unseren Augen. Er"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.2", "texte": "findet kein gefährlicheres Hindernis, aber auch\nkein gewaltigeres Reservoir auf seinem Wege als\ndie katholische Kirche.\nAuf Grund dieses Programmes wären Kano-\nnen zu bewilligen, vorausgesetzt, daß sie aus Kir-\nchenglocken gegossen sind.\n\nDie Tänzerin und der Leib\nVon Alfred Döblin\nSie wurde mit elf Jahren zur Tänzerin bestimmt.\nBei ihrer Neigung zu Qliederverrenkungen, Gri-\nmassen und bei ihrem sonderbaren Temperament\nschien sie für diesen Beruf geeignet. Läppisch bis\ndahin in jedem Schritt, lernte sie jetzt ihre federnden\nBänder, ihre zu glatten Gelenke zwingen, sie schlich\nsich behutsam und geduldig in die Zehen, die Knö-\nchel, die Kniee ein und immer wieder ein, überfiel\nhabgierig die schmalen Schultern und die Biegung\nder schlanken Arme, wachte lauernd über dem\nSpiel des straffen Leibes. Es gelang ihr, über den\nüppigsten Tanz Kälte zu sprühen.\nMit achtzehn Jahren hatte sie eine kleine seiden-\nleichte Figur, übergroße schwarze Augen. Ihr Ge-\nsicht fast knabenhaft lang und scharfgeschnitten.\nDie Stimme hell, ohne Buhlerei und Musik, ab-\ngehackt; ein rascher, ungeduldiger Gang. Sie war\nlieblos, sah klar auf die unbefähigten Kolleginnen\nund langweilte sich bei ihren Klagen.\nMit neunzehn Jahren befiel sie ein bleiches Siech-\ntum, so daß ihr Gesicht abenteuerlich fahl vor dem\nblauschwarzen Haarknoten schimmerte. Ihre Glie-\nder wurden schwer, aber sie spielte weiter. Wenn\nsie allein war, stampfte sie mit dem Fuße, drohte\nihrem Leib und mühte sich mit ihm ab. Keinem\nsprach sie von ihrer Schwäche. Sie knirschte mit\nden Zähnen über das Dumme, Kindische, das sie\neben zu besiegen gelernt hatte.\nAls Ella sich in Schmerzen auf die Lippen biß, warf\nsich die Mutter über das Sofa hin und weinte stun-\ndenlang. Nach einer Woche faßte die alte Frau\neinen Entschluß und sagte, während sie auf den Bo-\nden sah, zu ihrer Tochter, sie sollte ein Ende machen\nund ins Krankenhaus gehen. Worauf Ella kein\nWort antwortete, nur einen gehässigen Blick auf\nüas runzlige, hoffnungslose Gesicht warf.\nSie fuhr schon am nächsten Tage ins Krankenhaus.\nIm Wagen weinte sie unter ihrer Decke vor Wut.\nIhren leidenden Körper hätte sie anspeien mögen,\nbitter höhnte sie ihn; es ekelte sie vor dem schlech-\nten Fleisch, an dessen Gesellschaft sie gebunden\nwar. In leiser Angst öffnete sie die Augen, als sie\ndie Glieder betastete, die sich ihr entzogen. Wie\nmachtlos sie war, o wie machtlos sie war. Sie\nrasselten über das Pflaster des Hofes. Die Tore\ndes Krankenhauses schlössen sich hinter ihr. Die\nTänzerin sah mit Abscheu Aerzte und Kranke. Die\nSchwestern hoben sie weich ins Bett.\nNun verlernte die Tänzerin zu sprechen. Das Be-\nfehlerische ihrer Stimme hörte sie nicht mehr. Es\ngeschah alles ohne ihren Willen. Man achtete aber\nauf jede Aeußerung ihres Leibes, behandelte ihn mit\neinem maßlosen.Ernst. Täglich, fast stündlich frag-\nten sie die Tänzerin nach seinen Dingen, schrieben\nes sorgfältig in Akten auf, so daß sie erst darüber\nunwillig wurde, dann sich immer tiefer verwun-\nderte. Sie trieb bald in eine dunkle Angst und\nHaltlosigkeit hinein; ein Grauen überkam sie vor\ndiesem Leib. Sie wagte gar nicht, ihn zu berühren,\nan ihm zu wischen, starrte auf ihre Arme, ihre\nBrüste, erschauerte, als sie sich lange im Spiegel be-\nsah. Ihr Mund schluckte Medizin, die sie ihm\nzu trinken gab; sie begleitete die bitteren Tropfen,\nwie sie hinunterrannen und sann darüber nach, was\ner daraus nun machte, er der Leib, der kindische,\no der herrische, der finstere. Klein wie eine Fliege\nwurde sie; und nachts stand die Todesangst hinter\nihrem Bett. Ihre Augen, die in Unheimliches sahen,\nwurden steif. Die Spöttische mit dem Knabenge-\nsicht war nun fromm und betete vor Anbruch\nder Nacht mit den Schwestern. Die Mutter\nerschrak, als sie die Tochter besuchte. So klein-\nmütig, hilfsbedürftig war ihr Kind nie gewesen.\n„Wir stehen alle in Gottes Hand\", tröstete die Mut-\nter die Verfallene, die sich an ihr festhielt. „Ja\",\nflüsterte die Tänzerin, „wir stehen alle in Gottes\nHand.\"\nDas gleichmäßige Treiben um sie beruhigte sie wie-\nder, schnell schwand das Entsetzen, wie es herein-\ngebrochen war. Der Widerwillen gegen die Kran-\nken im Saal flackerte auf. Und die Empörung\nlungerte in den scharfen Zügen, daß man ihm\nEhrfurcht zolle, dem Verderbten, Verderbenden,\nund über sie fortsähe, als wäre sie tot. Das be-\nleidigte die Herrische. Sie sperrte den Leib ein,\nlegte ihn in Ketten. Es war nun ihr Leib, ihr Eigen-\ntum, über das sie zu verfügen hatte. Sie wohnte\nin diesem Haus; man sollte ihr Haus zufrieden\nlassen. Jeden Tag schlugen sie mit Hämmern gegen\nihre Brust und belauschten das Gespräch ihres Her-\nzens. Sie malten ihr Herz auf die Brust, so daß es\nalle sehen konnten; rissen an das Licht, das sich\ndrin versteckt hatte. O man beraubte sie. Mit je-\nder Frage trugen sie ein Stück von ihr weg. Man\ndrang mit Giften auf sie ein, die feiner waren als\nNadeln und Sonde; kamen ihr auf alle Schliche, trie-\nben sie ganz in ihren Fuchsbau zurück. Alles nah-\nmen ihr die Diebe, und so wunderte sie sich nicht,\ndaß sie täglich schwächer wurde und totblaß da-\nlag. Jetzt wurde sie erbittert und wehrte sich. Sie\nbelog die Aerzte, beantwortete ihre Fragen nicht,\nihren Schmerz verheimlichte sie. Und als man sie\nwieder befragen wollte, machte sie sich im Bette\nsteif, stieß die Schwestern zurück, ja lachte in\nplötzlich aufloderndem Hasse den Aerzten, die den\nKopf schüttelten, ins Gesicht und schnitt ihnen eine\nhöhnische Fratze.\nAber so krampfhaft tapfer konnte sie sich nicht\nlange halten. Täglich gingen ohne Unterlaß die\nweißen Mäntel durch die Säle, klopften an den Kran-\nken, schrieben alles auf. Täglich und stündlich ka-\nmen die Schwestern, brachten ihr Nahrung und\nHeiltränke: daran erlahmte die Tänzerin. Sie warf\ndas Spielzeug wieder hin; dumpf verachtend ließ\nsie mit sich geschehen. Es ging sie nichts an,\nwas geschah. Ein kindisches Wesen lag da, das\nsie elend machte; was sollte sie um ihn kämpfen,\nwas sollte sie ihn um seine Ehre beneiden? Schlaff\nruhte sie in ihrem Bett. Der Leib lag wieder, ein\nStück Aas, unter ihr; um seine Schmerzen küm-\nmerte sie sich nicht. Wenn es sie nachts stach und\nquälte, sagte sie zu ihm: „Sei ruhig bis morgen zur\nVisite; sag es den Aerzten, deinen Aerzten, laß mich\nzufrieden.\" Sie führten getrennte Wirtschaft; der\nLeib konnte sehen, wie er sich mit den Doktoren\nabfand. „Es wird schon protokolliert werden.\"\nDamit schnitt sie der Belästigung das Wort ab.\nOft empfand sie ein lächelndes Mitleid mit diesem\ndummen kranken Kindchen, das in ihrem Bette\nlag. Sie teilte ruhig und gewissenhaft mit, was\nihn drückte. Gleichgültig und leicht ironisch beob-\nachtete sie die Aerzte und konstatierte ironisch die\nErfolglosigkeit ihrer Anstrengungen. Eine Span-\nnung und Lustigkeit kam wieder über sie und\neine wild sich schüttelnde Schadenfreude über\ndas Mißgeschick der Aerzte und den Verderb des\nLeibes. Wie sie unter Gelächter ihren Mund in das\nKissen drückte, hatte sie ihren alten Hohn und ihre\nKälte wieder.\nAls am Mittag Soldaten mit klingender Marsch-\nmusik an dem Krankenhause vorüberzogen, saß die\nTänzerin jach in ihrem Bette auf, mit glühenden\nAugen, gepreßten Lippen, ganz über sich gebückt.\nNach einer Weile rief eine scharfe, wenn auch leise\nStimme die Schwester an das Bett. Die Tänzerin\nwollte sticken und begehrte Seide und Leinewand.\nMit einem Bleistift warf sie rasch auf das weiße\nTuch ein sonderbares Bild. Drei Figuren standen\nda: ein runder unförmiger Leib auf zwei Beinen,\nohne Arm und Kopf, nichts als eine zweibeinige,\ndicke Kugel. Neben ihm ragte ein sanftmütiger\ngroßer Mann mit einer Riesenbrille, der den Leib\nmit einem Thermometer streichelte. Aber wäh-\nrend er sich ernst mit dem Leib beschäftigte,\nmachte ihm auf der andern Seite ein kleines Mäd-\nchen, das auf nackten Füßen hüpfte, eine lange\nNase mit der linken Hand und stieß mit der\nrechten eine spitze Schere von unten in den Leib,\nso daß der Leib wie eine Tonne auslief in dickem\nStrahl.\nMit roten Fäden stickte die Tänzerin das Bild roh\naus und lachte lustig zwischen durch für sich.\nSie wollte wieder tanzen, tanzen.\nWie einstmals, als sie Kälte über jede Ueppigkeit\ndes Tanzens sprühte, als ihr straffer Leib wie eine\nFlamme geweht hatte, wollte sie ihren Willen wie-\nder fühlen. Sie wollte einen Walzer, einen wun-\ndersüßen, mit ihm tanzen, der ihr Herr geworden\nwar, mit dem Leib. Mit einer Bewegung ihres\nWillens konnte sie ihn noch einmal bei den Händen\nfassen, den Leib, das träge Tier, ihn hinwerfen,\nherumwerfen, und er war nicht mehr Herr über sie.\nEin triumphierender Haß wühlte sie von innen auf,\nrhcht er ging zur Rechten und sie zur Linken, son-\ndern sie, — sie sprangen mitsamt. Sie wollte ihn\nauf den Boden kollern, die Tonne das hinkende\nMännlein, Hals über Kopf es hintrudeln, ihm Sand\nins Maul stecken.\nSie rief mit einer Stimme, die urplötzlich heiser\ngeworden war, nach dem Doktor. Ueber sich ge-\nbeugt, sah sie ihm von unten ins Gesicht, wie er\nerstaunt die Stickerei betrachtete, sagte dann mit\nruhiger Stimme zu ihm auf: „Du, — Du Affe, —\nDu Affe, Du Schlappschwanz.\" Und stieß sich, die\nDecke abwerfend, die Nähschere in die linke Brust.\nEin geller Schrei stand irgendwo in einer Ecke des\nSaales. Noch im Tode hatte die Tänzerin den kal-\nten, verächtlichen Zug um den Mund. -\n\nDer Amokläufer\nVon Else Lasker-Schüler\nTschandragupta ist siebenzig Jahre alt. Am\nfrühen Morgen wird ihn sein Sohn erschlagen. So\nist es Sitte im Stamm. Und vor ihren Zelten\nschreien die Weiber und ihre Söhne klatschen mit\nihren Händen einen wilden Freudentaumel. Der\nneue Häuptling zerbeißt das Genick eines Elefan-\ntenkalbes, springt dreimal über seinen Stamm, der\nsteht aufgerichtet, ein Haupt, da er trägt seines\nKönigs Dach. Und Tschandragupta, des erschlagen\ngreisen Tschandraguptas Sohn, liebt des Melechs\nTochter. Sie lockt ihn übers Meer. Und an einem\nGebettag des Jehovavolkes nimmt der junge Häupt-\nling heimlich sein V/eib, bringt es in sein heid-\nnisches Land. Und die Tochter des Melechs schenkt\nihm einen Sohn, den nennt Tschandragupta:\nTschandragupta und nach seines Weibes Vater,\ndem Melech. Und Tschandragupta, der Abtrünni-\ngen Sohn, hat Sehnsucht nach den Juden. Die\nHeidenmädchen lieben ihn, eine opfert ihm ihr\nFederkleid. Er fliegt an allen Sternen vorbei zu den\nJuden. Und die Leute von Jericho glauben, ein\nEngel sitze vor dem Tor und bringen den Schla-\nfenden auf ihren Händen in die Stadt. Gehen in\ndas Haus des obersten Priesters und holen ihn nach\ndem Hügel, worauf Jehovas Tempel steht. Denn sie\nhaben den heiligen Fremdling unter der Balsam-\nstaude auf weichem Moos gebettet, und die Tochter\ndes obersten Priesters wäscht seine Füße mit der\nQuelle. Da spaltet der Wind des Fremdlings Feder-\nkleid, — er erwacht — und die Leute sehen, daß\ner kein Gottgesandter ist und sie höhnen ihn. Aber\nein Deuter ängstigt die Enttäuschten: Der dort ist\nSchaitän. Der Oberpriester nimmt den verhöhnten\nGast in sein Haus. Der sehnt sich nach den Juden,\nbeschenkt die Männer auf den Plätzen und schlich-\ntet ihren Streit und gewinnt so der Juden Herz.\nUnd den Frauen hilft er die Rosen pflücken. Nur\nSchlöme, seines gastlichen Hauses Tochter, ge-\nwahrt er nie, und doch ist sie die früheste an den\nHecken. Und Tschandragupta schnitzt Räucher-\nbecken aus Elefantenzahn für den Altar Jehovas.\nAber der oberste Priester verschmäht sie sanft. Da\nwirdTschandraguptas traurig und mit ihm bchlöine,\ndes obersten Priesters einziges Kind. Und sie bit-\ntet ihren Vater, die fromme Gabe seines Gastes\nnicht zu verachten; der ehrwürdige Knecht Jeho-\nvas aber wendet sein Angesicht. Da geht Tschan-\ndragupta und fällt die Stämme der schwarzen\nRosen, Jehova einen Altar zu bauen, aber der\noberste Priester wehrt ihm schmerzlich. Nun weint\ndes Häuptlings Tschandraguptas Sohn und heim-\nlich in ihren Schleiern Schlöme, des treuen Knecht\nJehovas einzige Tochter. Und sie schilt ihren\nVater seines Hochmuts. In der Dämmerung bestieg\nsie den Hügel, auf dem der Tempel Gottes steht,\nEntfaltete ihr Angesicht und ließ ihre Haare spielen\nwie Eva vor dem Schöpfer. Und weil des Ober-\npriesters Tochter den Sternenvorhang, der die\nheiligen Gerätschaften bewahrt, leuchten sah, be-\ngann sie ihrem Gotte zu schmeicheln, erinnerte ihn\nan den Schmerz der Liebe, da er noch Zebaoth\nhieß und das blinde Weib im Paradies ihn hinter-\nging und da Schiömes Stirne brannte, sahen ihre\nAugen nicht, daß die Sterne des Vorhangs sich ver-\nfinsterten und ihre Gebete wurden Liebkosungen,\nund so versündigte sich des obersten Priesters ein-\nziges Kind. Den Hügel herab stieg sie, stolperte\nüber ihres Hauses Gast, der saß unter der Balsam-\nstaude und sehnte sich nach den Juden. Glieder\nwaren aus seiner Glieder Glieder gewachsen, die\nsich sehnsüchtig verschlungen hielten, wie die viel-\nartigen Götzen seiner Heimat. Seitdem Tschan-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.3", "texte": "dragupta in der Stadt weilt, bieten alte, fratzenhafte\nWeibchen in den Winkeln der Straße oder in den\nGruben hinter ihren Häusern heimlich verbotene\nSpielereien, den stillen Mädchen von Jericho feil.\nIn Urnen halten die Freundinnen Schlömes die\nkleinen Heidenliebesgötter gefangen und lächeln so\neigen im Schlaf mit ihnen. Aber Tschandragupta\nsinnt, das hartherzige Herz des Priesters zu ge-\nwinnen. Mühsam gräbt er nach Gold in den Wäl-\ndern der Oase und belegt den Hügel, auf dem der\nersehnte Gottestempel steht, mit seinem Fleiß.\nPrägt ein Stück Leben seines Nackens nach der\nedelsten Münze des Judenlandes und legt das\natmende Gold zu dem verglommenen. Und die\nLeute der Stadt sehen von ihren Dächern den\nstrahlenden Hügel. Eilen in des Oberpriesters\nHaus: „Die Sonne ist vom Himmel gefallen!\" Aber\nder weiß, wer alles die Pracht gesäet, verbirgt sein\nAngesicht; denn er hat den Fremdling lieb. Und\nSchlome hängt sich an ihres Vaters Schoß, bittet\nihn, den frommen Wunsch des Jünglings zu er-\nfüllen. Aber er sendet ungeduldig von den ehr-\nlichen Hirten zwei zu dem Hügel, daß sie sammeln\nsollen das Gold in Säcken und nicht ein Stäubchen\nverloren gehe. Ist doch die lebendige Münze aus\ngoldenem Fleisch und Blut schon abhanden ge-\nkommen. Da pocht der Deuter an das Haus des\nfürsorglichen Priesters, warnt ihn des beleidigten\nVolkes wegen: Der Enkel des Melechs wird dein\neinziges Kind töten. Aber der zuversichtliche\nPriester erinnert ihn an den Morgen, da er den\nsanften Heiden seines Hauses beschimpfte und die\nLeute beängstigte. Die sammeln sich auf den\nPlätzen in murrenden Scharen und ziehen vor ihres\nOberpriesters Haus. Die Männer reißen an seinen\nstarken Wurzeln und die Weiber springen wie\nKatzen um seine Balken. Und sie fordern von ihm,\nden friedfertigen Fremdling zu Jehova führe.\nBeschimpfen ihren obersten Priester einen Dieb an\nJehovas Gaben. Und Schlome steht auf dem Dach,\ndie Stadt sieht zum erstenmal ihr nacktes Ange-\nsicht. Wie eine lechzende Flamme seufzt ihre\nStimme und schürt das Volk gegen ihren Vater auf.\nVor seines ehrwürdigen Raumes Pforte lauscht\nTschandragupta, seine Augen sind eingesunken und\nsein Atem hungert. Da kommt über ihn das Fieber\nseines Stammes nach verlorener Schlacht. Mit ge-\nöffnetem Rachen irrt der Fremdling an die Wände\nder Häuser vorbei. Die verscheuchten Rosen der\nHecken flattern auf, sein Atem peitscht die Bäume\nund Sträucher um. Ueber die tobende Menge setzt\ner. wer wagt Schaitän zu bezwingen! Bis zu den\nKnieen waten die bebenden Hirten heimwärts ihren\nLämmern voraus, die sind von Menschensaft be-\nspritzt. Um den Hügel, worauf der Tempel steht,\nkreist Tschandragupta, ein böser Stern, ihm rinnt\ndas Blut schwarz aus den Poren. Und die Leute\ngedenken des Deuters und kriechen auf Knieen, auf\ndem Leibe kriechen sie über die Dächer und dringen\nso in des Oberpriesters Haus. Fordern sein Opfer,\nhat er doch soviel Unglück gebracht über die\nblühende S'adt. Und Schlome salbt ihre Glieder\nwie zur Hochzeit, sie hatte des Deuters Warnung\nvernommen. Und sie schwingt sich herab, eine\nzarte Wolke von der Höhe ihres Hauses und wan-\ndelt lächelnd immer näher dem tödlichen Kuß. Es\nfinstern die Sterne wie das Haupt des Häuptlings;\ndas drohte ihr unzählige Male auf dem Vorhang der\nheiligen Gerätschaften. Ueber die Namen der Wild-\nväter, die in heidnischen Zeichen und Bildern\ngeprägt sind in Tschandraguptas Fleisch, fließt\nSchlömes geweihte Süßigkeit, über seine goldenen\nLenden hinab, wie rosenfarbener Honigseim. Zwi-\nschen seinen Zähnen trägt er verzückt sein letzts\nOpfer, ihren Leib hin über Jericho. Die schmei-\nchelnde Dunkelheit beleckt die Straßen und Plätze,\ndie Brunnen bluten nicht mehr. Und aus des Ober-\npriVsters Haus, in den Schleiern Schlömes tritt\nTschandragupta wie die Frauen der Stadt. O und\nsein Wesen so liebevoll tastend, wie ein kindtra-\ngendes Weib. Zwischen den schaudernden Frauen,\nhinter den Gittern setzt er sich in den Tempel und\nseine Gebete tönen zwischen seinen Lippen,\nsanftes Gurren der Taube. Niemand hemmt den\nWandel des Melech's Enkel. Auch im ergrauten\nFeierkleid der tempelalte Knecht nicht.\n\nPro domo et mundo\nVon Karl Kraus\nWas mich zum Fluch der Gesellschaft\nmacht, an deren Rain ich lebe, ist die Plötz-\nlichkeit, mit der sich Renommeen, Charaktere,\nGehirne vor mir enthüllen, ohne daß ich sie ent-\nlarven muß. Jahrelang trägt einer an seiner Be-\ndeutung, bis ich ihn in einem unvorhergesehenen\nAugenblick entlaste. Ich lasse mich täuschen, so-\nlange ich will. Menschen zu „durchschauen\" ist\nnicht meine Sache, und ich stelle mich gar nicht\ndarauf ein. Aber eines Tages greift sich ein Dumm-\nkopf an die Stirn, weiß, wer er ist, und haßt mich.\nIch halte es viel länger mit der Langeweile aus, als\nsie mit mir. Die Schwäche flieht vor mir und sagt,\nich sei unbeständig. Ich lasse die Gemütlichkeit\ngewähren, weil sie mir nicht schaden kann; einmal,\nwenns um ein ja oder nein geht, wird sie von selbst\nkaput. Ich brauche nur irgendwann Recht zu\nhaben, etwas zu tun, was nach Entscheidung\nriecht, oder mich sonstwie verdächtig zu machen,\nund automatisch enthüllt sich der Nachbar. Wenn\nes wahr ist, daß schlechte Beispiele gute Sitten ver-\nderben, so gilt das in noch viel höherem Grad von\nden guten Beispielen. Jeder, der die Kraft hat, Bei-\nspiel zu sein, bringt seine Umgebung aus der Form.\nUnd die guten Sitten, die den Lebensinhalt der\nschlechten Gesellschaft bilden, sind immer in Ge-\nfahr, verdorben zu werden.\nIch betrachte es als mein unveräußerliches\nRecht, das kleinste Schmutzstäubchen, das mich\nberührt, in die Kunstform zu fassen, die mir beliebt.\nDieses Recht ist ein dürftiges Aequivalent gegen-\nüber dem Recht des Lesers, nicht zu lesen, was\nihm nicht beliebt.\nIch habe noch nie eine Person um ihretwillen\nangegriffen, selbst dann nicht, wenn sie mit Namen\ngenannt war. Wäre ich ein Journalist, so würde\nich meinen Stolz darein setzen, einen König zu\ntadeln. Da ich aber dem Gewimmel der Kärrner\nzu Leib gehe, so ist es Größenwahn, wenn sich der\neinzelne getroffen fühlt. Nenne ich einen, so ge-\nschieht es nur, weil der Name selbst die plastische\nWirkung der Satire erhöhen kann. Meine Opfer\nsollten nach zehn Jahren künstlerischer Arbeit so\nweit geschult sein, daß sie das einsehen und das\nLamentieren endlich lassen.\nDas Verlangen, daß ein Satz zweimal gelesen\nwerde, weil erst dann ein Gedanke aufgeht, gilt\nfür anmaßend oder hirnverbrannt. So weit hat\nder Journalismus den Leser gebracht. Er kann\nsich unter der Kunst des Wortes nichts anderes\nvorstellen, als die Fähigkeit, eine Meinung zu be-\nkleiden oder eine Stimmung gesellschaftsfähig\nzu machen. Man schreibt „über4' etwas. Die An-\nstreicher haben das Gefühl für Malerei noch nicht\nso gründlich korrumpiert, wie die Journalisten\ndas Gefühl für das Schrifttum. Oder der Snobis-\nmus hilft dort und bewahrt das Publikum da-\nvor, zuzugeben, daß es auch am Gemälde nur den\nVorgang erfasse. Jeder Galopin weiß heute,\ndaß er anstandshalber zwei Minuten vor einem\nBilde stehen bleiben muß. In Wahrheit ist er auch\ndamit zufrieden, daß über etwas gemalt wird. Die\nHeuchelei, mit der die Blinden von der Farbe reden,\nist schlimm. Aber schlimmer ist die Keckheit, mit\nder die Tauben die Sprache als Instrument des\nLärms reklamieren.\nDie Entdeckung der Eitelkeit hat noch nie ein\nSchriftsteller seinem Leser leichter gemacht als\nich. Denn wenn dieser es selbst nicht merkte, daß\nich eitel bin, so erfuhr er es doch aus den wieder-\nholten Geständnissen meiner Eitelkeit und aus der\nrückhaltlosen Anerkennung, die ich diesem Laster\nzuteil werden lasse. Die lächelnde Informiertheit,\ndie eine Achillesferse entdeckt, wird also an einer\nBewußtheit zuschanden, die sie schon vorher frei-\nwillig entblößt hat. Aber sie können es nicht ver-\nstehen, daß, wer mit einer Sache verschmolzen ist,\nimmer zur Sache spricht, und am meisten, wenn er\nvon sich spricht. Sie können es nicht verstehen,\ndaß, was sie Eitelkeit nennen, jene nie beruhigte\nBescheidenheit ist, die sich am eigenen Maße mißt\nund das Maß an sich, jener demütige Wille zur\nSteigerung, der sich dem unerbittlichsten Urteil\nunterwirft, das stets sein eigenes ist. Die Welt hat\nnur eine psychologische Norm für zwei Geschlech-\nter und verwechselt die Eitelkeit eines Kopfes, die\nsich im künstlerischen Schaffen erregt und befrie-\ndigt, mit der geckischen Sorgfalt, die an einer Fri-\nsur arbeitet. Wie eitel aber ist die Frau, die nie\nin den Spiegel schaut!\n\nCrommelynck\nVon Ludwig Rubiner\nCrommelynck ist ein Dichter, der derart nur\naus der Stimmung der Zeit schöpft, daß es falsch\nwäre, für sein Schaffen die Heimat Belgien verant-\nwortlich zu nennen. Hier ist ein neuer Typus des\nTalents. Man hält zuerst für seine besten Fähig-\nkeiten die des Sammlers. Sein Vers-Akt „Der\nMaskenschnitzer\" ist ein großer Wirbel, in dem\nHoffnungen, flüchtige Pläne, zaghaft formulierte\nWünsche aus den letzten Jahren der französischen\nDichtkunst als Erinnerungsblätter auffliegen. Der\nerste Eindruck ist vielleicht nicht: In diesem Stück\nist alles! — sondern: in diesem Stück bleibt nichts\nerspart! Maeterlincks frühe Puppenspiele, wenn\ndie vertrauten Menschen mit niederländischen Win-\nzigkeiten plötzlich hinter gläsernen Särgen\nsprechen, und nichts mehr an uns rührt als ein\ndumpfes Klirren verwirrenden Schalles von Stim-\nmen, die gegeneinander rangen. Verse französi-\nscher Symboldichter, in denen unwirkliche Klänge\nzu greifbar glänzenden Dingen werden. Und auch\nihr geliebtes Sinnbild und Gleichnis ist da, das in\nden Händen der Nachahmer zur leersten Farce\nwurde, die Maske. Crommelyncks Bühnenzeit ist\nein macabrer Karneval, zweifellos nur mehr ein\nRequisit einfältigster Kabaret-Symbolisten. Dies\nalles gleitet hinein in den grellen Alexandriner vom\nstrengen Klange der parnassischen Dichter. Die-\nser Alexandriner klassischer Rhetoren, farbig ge-\nbrannt in allen Feuerwerken der Romantisten, und\neinst der Parnassier stärkstes und neuestes Aus-\ndrucksmittel, erscheint heut schon als klassisch.\nKein Franzose wird je mehr Verhaerens neuen\nRhythmus vergessen können! Derart sind alle\nMittel Crommelyncks alt. Und auch die Bühnen-\nführung des Aktes ist übernommen. Es ist streng-\nste französische Theatertechnik. Jene Fertigkeit\nszenischer Attacken, deren bereiteste Repräsentan-\ntenstücke von Sardou sind.\nAlle Werkzeuge, die ein Dichter erst mit einer\nArbeit in Frucht und Taumel selbst schaffen muß,\num die Bilder des eigenen Blutes überhaupt mit-\nteilen zukönnen, nimmt Crommelynck mit einer un-\ngeheuren und rücksichtslosen Unbefangenheit von\nFremden. Stimmungsmotive, Sprache, Szenenbau\nsind das Werk anderer.\nAber aus den fremden Teilen wird etwas sehr\nEinfaches und ganz neues geschaffen. Cromme-\nlyncks Werk erscheint nicht als die Arbeit eines\ngeschmackvollen Wählers, sondern steht als Schöp-\nfung da. Die innere Struktur dieses Dramas führt\ndie maeterlinckhafte Stimmung der Symbole als\nhandelnde Wirklichkeit gegen die alte maskenhafte\nTechnik der Bühne und Crommelynk nimmt die\nunzweifelhaftesten Mittel der absoluten Bühnen-\nkunst gerade als Material, aus dem er schafft. Das\nist neu. Wie ein Bildhauer aus dem Marmor und\nein Maler aus den Farben denkt, so denkt Cromme-\nlynck aus den erprobten Wirkungen der Bühne,\nals aus einer selbstverständlichen Materialsvor-\naussetzung.\nDer Laden des Maskenschnitzers Pascal\nBernard, voll von den Kostümen und Larven des\nKarnevals. Im Nebenzimmer stirbt Pascals Weib,\nLouison. Pascals Schwägerin, Magdaleine, horcht\nauf das Stöhnen der Siechen. Sie hat ihre\nSchwester mit Pascal betrogen. Pascal, der Künst-\nler, in einem furchtbaren, starren Nichtwissen der\nWirklichkeit. Er weiß nur, wie die Sterbende aus-\nsieht, nicht daß sie stirbt. Magdaleines derbste\nBrunst nach dem Leben, wird durch jedes Stöhnen\nder Kranken in neue Angst vor dem Tode getrie-\nben. Auf jede Erinnerung fällt ein Schrei der Stöh-\nnenden. Die geräuschvollen Fetzen des Straßen-\nlärms dringen oft durch die Tür und erscheinen wie\nschreckliche Drohungen oder Antworten auf die\nMonologe dieser fiebernden Hirne. Di& furcht-\nbare Atmosphäre des hetzenden Entsetzens legt\nsich auch um Pascal, und dieselben Laute, die\nMagdaleine verstÖren, antworten auch seinen\nPhantasien der Unwirklichkeit, anders und vernich-\ntend. Niemand wagt ins Nebenzimmer zu der\nSterbenden zu gehen. Pascal muß einen Priester\nholen. Zurückgezwungen in die Grenzen seines\nReiches der Kunst, die für ihn Wirklichkeit bedeu-\nten, fragt er von der Sterbenden: „Ist sie häßlich?'4\n— Magdeleine wirft sich ihm entgegen: jetzt ge-\nrade darf er nicht fortgehen! Sie bleibt allein, ge-\nschüttelt von Angst, und aus dem Nebenzimmer\nkommen die monotonen Schreie der Sterbenden.\nHerein von der Straße stürmt ein Haufen Kostü-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.4", "texte": "mierter. Silene, Mänaden, Clowns, Gespenster;\nsie wollen Masken kaufen. Die Käufer schreien,\nBetrunkene johlen obszöne Lieder, die Masken\ntanzen wüst im kleinen Raum umher. Ein Ver-\nmummter tritt vor. Er will die trunkenen Frauen\nan sich ziehen, er spricht dunkel und verbittert, ein\nAusbruch gehemmter Räusche im Schutz der Ver-\nhüllung, und Flehen um Weiber. Plötzlich ent-\ndecken die Masken in ihm einen Leprakranken,\nden sein Kostüm verbarg. Entsetzt und schreiend\nflieht alles. Da hört Magdaleine das Stöhnen der\nSterbenden. In ihrer Angst bittet sie die Masken\nzu bleiben; umsonst. Sie fleht den Leprakranken\nan, vor dem alle fliehen; er weicht zurück. In\nwahnwitzigem Entsetzen bietet sie sich dem Aus-\nsätzigen an — er flieht voller Furcht. Pascal\nkehrt zurück, wild verzweifelt, und voll von der\nGlut der Stadt, die alle Schaffenslust in ihm ent-\nzündet. Magdaleine wird vom Ekel des Todes ge-\nschüttelt, aber Pascal, hingerissen vom Blut, ge-\nsteht ihr, dass er an der sterbenden Frau sein\nMeisterwerk vollendet hat. Magdaleine wehrt in\nungläubigem Widerwillen. Pascal, entbrannt von\nGlück und krankem Rausch, will ihr alles zeigen,\nsein ganzes Werk, sein Geheimnis, seine Wirklich-\nkeit — die Masken, in denen er nach den Zügen der\nSterbenden alle menschlichen Leidenschaften ab-\nbildete.\nPascal:\nDa hab ich Masken: Langweil und Verdrießen,\nMit welkem Aug, der Ahnung dumpfer Nacht,\nUnd Blicken, drin seit Herbst die Regen fließen.\nMasken der Liebe, aller Wunder Schacht:\nRufe aus Fenstern, wenn der Abend wacht.\nVerschlossenes Schweigen, das nur Beichtstuhl löst.\nMasken des Mißtrauns: Flucht von Sklavenhorden\nAn Mauern, deren Fahlheit tragisch stößt\nIn Himmel des Verfalls ....\nDas R öcheln im Nebenzimmer:\nOh!\nMagdeleine dem Wahnsinn nahe:\nNein . . .\nPascal:\nDu sollst sie sehn!\nMasken des Schauders, starr geschrumpft vor\nMorden!\nMasken voll Brand und Haß!\nDa s Röcheln:\nOh . . .!\nPascal :\nTrostlose Wehn!\nKummer aus Fabelzeiten, Gift geworden.\nMasken von Trotz, von Ringen und von Streit!\nIch hab sie alle!\nDas Röcheln:\nOh!\nM a g d a 1 e i ne:\nNein!\nPascal:\nUnd alle Tränen hab ich, Leid um Leid!\nGeheimste Früh. Grausamstes Mittagsbrüten.\nAbend von Elend, Untergang und Schimmel.\nDie Augen sind mir wüst von Sturm und Wüten.\nIch brauche Frieden; Wirklichkeit. Den Himmel!!\nEr sucht seine Masken, immer erregter, immer\nheißer — sie sind verschwunden. Magdaleine hat\nsie der Karnevalsmenge verkauft! Pascal wird in\njähes Entsetzen gestoßen: Das Geheimnis — die\nverborgene Kunst — preisgegeben! Den Künstler\nbefällt die Einbildung des Monomanen: die Men-\nschen wissen jetzt alles; sie haben ihn durchschaut!\nDer Priester kommt, Magdaleine führt ihn ins\nSterbezimmer. Alle Worte der Litanei im Sterbe-\nzimmer, die Töne und Gesänge der Straße werden\njetzt für Pascal eine drohend bestätigende Wirk-\nlichkeit aller Verzweiflungen. Pascal erkennt\nplötzlich, was er nie wußte: er hat sein Weib be-\ntrogen. Die Ladentür wird von der Straße plötz-\nlich aufgestoßen. Die Kostümierten der ersten\nSzenen, die Gespenster mit Pascals Larven, lär-\nmen herein. Pascals Gedanken werden lebendig —\ner hält alle für Phantome. Er fällt auf die Knie und\nbittet um Gnade. Er heult. Der letzte Aufschrei\nder sterbenden Frau — sein Weib ist tot. Er stöhnt\num Gnade. Pascal wird wahnsinnig über die Wirk-\nlichkeit, die er für Wahnsinn hielt. Die Masken\nlaufen lärmend davon, lachend und johlend über\nden Mann, den sie nur erschreckt zu haben glau-\nben: „Karneval!\"\nAuf dieser Bühne stehen Menschen, die jeder\nin ihrer Welt befangen sind. In die Wirklichkeit\nihrer Innenwelt fallen sie anderen Wirklichkeiten\nder Außenwelt wie Funken, die wilde Brände zün-\nden. Das hat noch niemand mit der Bewußtheit\nder Mache gestaltet und daraus die Wirkungen der\nSzene hergenommen. Die Laute der Sterbenden\nund die Schreie der Straße sind in ein wunderbares\nWebewerk geschlungen, zu einer scheinbar zusam-\nmenhanglosen Handlung, die doch für die beiden\nMenschen auf der Bühne in jedem Moment einen\nanderen und schrecklichen Zusammenhang hat.\nIn diesem Drama gilt es nicht als wesentlich,,\ndaß der Maskenschnitzer Pascal ein Künstler ist,,\nsondern hier agiert das reine und abgezogene schaf-\nfende Leben des Mannes vor der Körperlichkeit\ndes Weibes. Psychologeneffekte sind in diesem\nMoment zu einer Dichtung geworden. Zeitlos trotz\nder zeitlichen Szenerie und der Sprache und der\nzeitlichen Stimmungen und zeitlichen Symbole;\ntrotz der fremden Mittel aus vielerlei Moden. So\nstark ist die eigentliche Dramatik der Dichtung,\ndieses unhörbare Gegenspiel von Wirklichkeit und\nUnwirklichkeit, daß alles Fremdartige und Viel-\ngefärbte der Mittel aufgehoben scheint und alles in\nein Neues, Ganzes, noch Ungeschautes schmilzt.\nEmile Verhaeren hat dem jungen Poete et Ami\nCrommelynck eine Vorrede geschrieben, die gar\nnicht gönnerhaft ist, und von jener eingehend liebe-\nvollen und sanft trauernden Objektivität, mit der\nein großer Mann von Talenten spricht, zu denen\nihm überhaupt die Voraussetzungen fehlen.\nDie zitierten V<Tse sind vom Verfasser des Beitrags ins\nDeutsche übertragen. Bnchausgabe: F. CrommPlynck / LeSculpteur\nde Masques Symbole tragique en un acte/Bruxelles/E. Deman/\nLibraire-Editeur\n\nBemerkungen über Leistikow\nVon Müller-Kaboth\nKonrad Müller-Kaboth war der begabteste unter den jungen\nKunsthistorikern. Vor der deshalb selbstverständlichen berlinischen\nPflicht, Hungers zu krepieren, bewahrte ihn (im vorigen Frühjahr,\ner feierte seine ernsthaftesten Vorschwörun?en geeen die sezes-\nsionistischen Fleischbeschauer) ein sehr gütiger Barbier, dessen\ngiftiges Messer ihm die Kehle hinreichend ritzte. Am nächsten\nTage steckte des Kunstkenners vereitertes Kinn in bösen Watte-\nbüscheln und ein paar Nächte später war er tot. Sofort erhob sich\ndas ebenso programmatische Gewinsel zahlungsfähiger Kunstredak-\nteure: „Er wäre der einzige gewesen; wir haben niemanden . .\nUnd die lieben drucklen Verse, die man man zwischen seiner Wäsche\nfand. Müller-Kaboth, der wie ein sicherer Gnom durch die Cafös\nlächelt, hatte auf der Iris des einen Auges einen grün-grauen Fleck.\nDeswegen entlarvte er unsere süssen Maler mit der Tpchnik des\nSpielers. Er hätte viele Hermen gestürzt. Aber die Satten haben\nGlück ... F. H.\nHerrn Herwarth Waiden\nSehr geehrter Herr!\nDer Schluß der Leistikow-Ausstellung, das heißt\nim Zusammenhang gesehen der Moment, der die\npietätvoll inszenierte Totenfeier eines teuren Ver-\nstorbenen unter der sichtlichen Teilnahme der\nTrauergäste zu Ende führt, gibt mir Gelegenheit,\nIhnen die folgenden Zeilen zu schicken. De mor-\ntuis nil nisi bene ... Aber nachdem unter dem fri-\nschen Eindruck des Todesfalles die Reporter ihr\neifervolles Werk getan und nebenbei gerührte\nDichter ihre schönsten Dithyramben verschwen-\ndet haben, darf der Kritiker beanspruchen, nun-\nmehr zur Sache zu reden und den Wert festzu-\nstellen, mit dem der Verstorbene in der Geschichte,\nund sei es auch nur eine Geschichte, die die\nNächstbeteiligten angeht, figurieren wird. Das ist\nder allgemeine Lauf\nIch bin nämlich überzeugt, was auch die Reporter\nund Dichter dagegen sagen mögen, daß der Ver-\nlust, der die Sezession traf, als Leistikow starb,\nmehr menschlicher als künstlerischer Art war: er\nbezog sich auf die verdienstvolle Haltung eines\nMitgliedes, das am peinlichsten auf Distanz von\nden allgemeinen Kunstgenossenschaften sah.\nLeistikow hatte die sympathische Ueberzeugungs-\ntreue aller kleinen Begabungen, die am intensiv-\nsten den propagandistischen Wert bedeutungsvol-\nler Minoritäten begreifen, weil ihr Selbsterhal-\ntungstrieb dabei engagiert ist. Er hätte nie allein\nstehen können, wie etwa Liebermann, der als Or-\nganisator jedem Kompromiß geneigt ist; und an-\ndererseits hätte er in einer Anhäufung von Mittel-\nmäßigkeiten sich nie mit dem Eklat herausheben\nkönnen, der nötig ist, um einem Künstler zu sei-\nnem besonderen Marktwert zu verhelfen. Er\nwußte, wieviel er der relativen Reinheit der At-\nmosphäre, die in dem Kreis seiner Gesinnungsge-\nnossen war und am wesentlichsten von der Aus-\ngesprochenheit ihrer Talente erhalten wurde, für\ndas innere Wachstum seiner Kunst und ihr mer-\nkantiles Prestige zu verdanken hatte: er klärte\nsich an der Deutlichkeit der Prinzipien und berei-\ncherte sich an der Mannigfaltigkeit kompromiß-\nloser Taten und fand sich in eine Umwelt künstle-\nrisch beglaubigter Impulse als einer, der mit Re-\nAktionen zu rechnen versteht und für die eigenen\nAbsichten geschickt ausbeutet. — Daß er der ma-\nlende Fontane war, wollen wir gern dahingehen\nlassen; wichtiger ist und darf betont werden, daß\ner die Natur immer ein wenig arrangiert liebte.\nEr hatte ein Verhältnis zur Natur, in dem die Sen-\ntimentalität selten ganz verschwand; und wiewohl\ner mit fast programmatischer Absichtlichkeit nie-\nmals etwas anderes als die Natur gewollt hat, ist\ner nur sehr vereinzelt ihrer ganz Herr geworden.\nEs ist kein Zufall, daß die Reproduktionen nach\nseinen Grunewaldbildern wie photographische\nAufnahmen nach der Natur wirken; er hatte in sei-\nner scheinbaren Sachlichkeit, die der Idylle ganz\nnahe zu kommen suchte, etwas, das den Atem der\nNatur immer zu kurz nahm, die Landschaft bild-\nmäßig zustutzte und der Phantasie, die über den\nBildrahmen hinaus das Um und An und die Unend-\nlichkeit der Atmosphäre zu erspüren trachtete,\nvollkommen das Spielfeld verschnitt. Trotz der\nvielgerühmten poetischen Imagination, die zwi-\nschen stillen Föhren und über träumenden Seen\nden Reiz eines leichten, lieben, grau verhängten\nLichtes zu gestalten wußte, trotz der weniger be-\nrühmten sinnlichen Farbenfreude, die Hofmanns\nphantastische Pastelltöne auf nüchtern gesehene\nNaturobjekte übertrug und die Malerei zu einem\nbedenklich kunstgewerblichen Spiel degradierte,\ndarf die Feststellung nicht als zu keck gelten,\ndaß Leistikow im Grunde eine trockene Natur\nwar. Es konnte vorerst scheinen, daß er als\nder Sohn einer weiten, kargen und schwermütigen\nEbene, mit jenem sensiblen Fühlen ausgestattet\nwar, das sich aus den Unscheinbarkeiten der Welt\nein mildes, tiefes Leid gewinnt. Aber was in sei-\nner Jugend sang, war nur wie ein kurzes Erinnern\nan die tiefen, unergründlichen Horizonte der Hei-\nmat, er tat es ab, wie etwas, das man als armselig\nempfindet und enthüllte sich als der empfäng-\nliche, vorurteilslose Gast der Erde, der die Mannig-\nfaltigkeit der Welt für ihren Reichtum nimmt und\nsich mit vergnügten Sinnen in ihr tummelt. Ueber\ndiesen Habitus eines Landschaftsreisenden ist\nLeistikow nicht recht hinausgekommen; er ent-\nwickelte eine brillante Technik, von den Dingen,\ndie er sah, zu erzählen, und bemühte sich, alles zu\nsehen, aber wie ihm das Meer dasselbe war wie\ndas Gebirge, und das Gebirge gleichgiltig wie\nWald und See, so wußte er auch nur von ihnen\ndas zu sagen, was vage an die beziehungsvolleren\nAeußerungen einfacherer und stärkerer Meister\nanklang. Er verarmte mit der Unerschöpflichkeit\nseiner Motive. Seine Virtuosität als Maler be-\nzieht sich darauf, daß er in jedem neuen Bild seine\nMittel zu variieren verstand; aber er verfügte nie\nüber soviel Mittel, um einen eigenen Vorwurf\nreich und tief zu machen. Von den Bildern, die\njüngst Cassirer versammelte, ist jedes frappant,\nweil es so wenig wie möglich dem andern zu\nähneln sich bemüht; aber nur wenige (darunter\nseine Schneebilder) sind in der Struktur so gedie-\ngen geschichtet, daß das Auge gern tiefer dringt,\nohne Furcht, auf den Grund zu kommen. Leider\nfällt bei den Schneebildern auch dem Unbefange-\nnen der Name eines gewissen Pieter Breughel\nein, der vor dreihundertfünfzig Jahren lebte und\nim Wiener Hofmuseum ein fulminantes und merk-\nwürdig ähnliches Schneebild hängen hat, und man-\ncher andere denkt vielleicht auch noch an Pissaro,\nden schwächsten der Impressionisten, der immer-\nhin gegen Leistikow gehalten, fast wie ein Genie\nwirkt.\n\nGlossen\n\nDer Aberglaube der Vorurteilslosen\nDer Monismus ist das billigste Mittel, das etwa\nnoch unberuhigte Gehirn endgültig zu narkotisieren.\nEr verkleidet die Furcht vor dem Denken: als\nTröstung einer aufgeklärten Gesellschaft, die ihrer\nfragwürdigen Zweibeinigkeit etwas zu vergeben\nfürchtet, wenn sie das Unerkennbare zugesteht.\nMit andern Worten: der Monismus ist das peinliche\nAufhellen dumpfer, von qualligen Wucherungen er-\nfüllter Gehirne, um die allgemeine Weltklugheit der\nabsoluten Dummheit in ihre unverjährbaren Rechte\neinzusetzen. Dieses Publikum ist wie jede Gesin-\nnungslosigkeit von Vorurteilen frei: aber ich wüßte\nnichts, was ein Mensch von Haltung sorgsamer\nkonserviert als die paar Vorurteile, die er sich ge-\ngen eine aufgeklärte Banalität zu retten gewußt"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.5", "texte": "hat. Vor diesem Parterre äußerte sich kürzlich ein\nHauptmonist, der sich früher mit der Popular-\nmystik des Unbewußten getröstet hatte, über die\nmaterielle Existenz Christi. Damit begiebt sich die\n„wissenschaftliche Theologie\" tief unter das Ni-\nveau des Heiligen Rock von Trier. Was Dogma\neines Glaubens ist, soll auf seine Toilette betastet\nwerden. Die Vernunft soll begreifen, was über-\nhaupt nur im Glauben Existenz hat.\nEin monistisches Gehirn versagt vor der Tatsache,\ndaß das Wesentliche der Religion weit über ihr\nideologisches Gerüst dieses ist: daß sie die genaue\nErgänzung des armseligen irdischen Lebens zur\nVollkommenheit ist. „Im Schlußwort betonte Pro-\nfessor Drews, man müsse die Religion befreien von\naller Geschichte und Philologie. Dazu müssen wir\nwieder an Ideen als weltbewegende Mächte glau-\nben lernen und den Indifferentismus und die Bla-\nsiertheit unserer Zeit bekämpfen. Die dringend er-\nsehnte neue Religion müsse jeder in sich selbst er-\nleben.\" Dieser fromme Liberalismus ist so im\nfrühen Drittel des achtzehnten Jahrhunderts einge-\nkapselt, daß er das glaubenssinnliche Bedürfnis\neines Volkes durch den erbaulich verdünnten kate-\ngorischen Imperativ zu befriedigen meint. So spur-\nlos gleitet die ungeheure Vergangenheit des Katho-\nlizismus an ihnen vorüber. Und keinem trieb dieses\nbärenhafte Beschnuppern die Röte in die Wangen:\neine Dame, die auf eine allzu massiv gehämmerte\nPlattheit mit hysterischen Schreien antwortete,\nvertrat die religiöse europäische Menschheit vor\ndiesem heinischen Disput. Die Ehrfurcht vor der\nTatsache! Es wird Pflicht des liberalen Waren-\nhauses, unter dieser Flagge eine religiöse Filiale zu\neröffnen. Blitzschnell trocknet die tiefe Innigkeit\neines jahrtausendlangen religiösen Lebens ein und\nwo ehemals die wundervolle Gestalt eines segnen-\nden Gottes stand, starrt gestrüppig und nackt ein\nkahler Tintensumpf. War\nEines Dramatikers letzte Stunde\nIn dem hohen, altertümlichen Büchersaale\nstand der Examinator vor seinem Schüler, der, in\nmittleren Jahren, kein Enthusiast mehr war. Dieser\nZögling trug ein Gewand von schwarzem Sam-\nmet. Ueber Schiller mochte ihn der Examinator\nheute nicht inquirieren. Er zog mürrisch ein paar\nBände aus der Bibliothek hervor: sie war wenig\ngeordnet. Neben Schiller preßte sich Casanova.\nNein! Doch da schimmerten schilfig die vier\nBände von Hebbels Tagebüchern, und der Exami-\nnator fragte: „Wo stehen die Sätze reiner, lichter\nProsa über letzte Stunde?\" Der Examinand hatte\ndie Antwort parat; behaglich-amtlich nannte er\nBand und pagina. Und um nähere Auskunft er-\nsucht, gab er Einzelheiten:\n„An einem Sommernachmittag hatte das al-\nternde junge Mädchen plötzlich heimreisen müs-\nsen in das Patrizierhaus der kleinen Stadt. Das\nHaus lag noch in seinem Garten da, in Liebe und\nRuhe. Vormittags war es sehr heiß gewesen,\nund der Garten hatte viel Sonne getrunken. Es\nwuchs darin nur eine einzige Art von Pflanzen:\nSträucher mit flachen Riesenblättern, die waren\nwie die Blätter der Wasserrosen. Jetzt, nach\nMittag, war es grau und schwül geworden, nur\nkühl noch in den steinernen Gängen des Hauses.\nNun trat auch Friedrich Hebbel in der Steingang\n(vielleicht war die Türglocke erklungen) und legte\nseinen Reisesack links von der Haustür nieder.\nEr warf einen Blick in die grüne Wirrnis da drau-\nßen. Die Sonne schien nicht mehr; aber die Blät-\nter leuchteten noch von dem Licht, das sie einge-\nfangen hatten, einige matt, andere hielten dicke\nGlühballen Leuchtens umwachsen. Da ließ sich\nHebbel nieder zum Gebet: „Ich danke Dir für\ndiese letzte Stunde, die ist voll klarer Gedanken!\"\nAus dem grauen Garten kam Kühle. Wollte ein\ngelber Blitz es tun? Hebbel empfand keine Angst.\nNur einer, der nicht in dieser Stille war (und der\nallem viel später erfuhr), dachte leise an ein\nbischen Angst. Drei Tage lang ging Friedrich\nHebbel, ohne zu essen, in den kühlen Gängen um-\nher. Er erlebte seine letzte Stunde — Stunden\ngläserner Reinheit. Drei Tage lang weilten Hebbel\nund Alice in diesem Haus, ohne um einander zu\nwissen. Zur Seite des steinernen Ganges lag ein\nGartenzimmer: das eigentliche Zimmer der letz-\nten Stunde. Obgleich es offen stand, hat Hebbel\nselbst, aus Bescheidenheit und Würde, es nie be-\ntreten. Alice dagen scheint in diesem Zimmer ge-\nwesen zu sein: von einer Frau verspürte es weni-\nDerangement. Alice war unbedeutender, aber aus\nreinerem Erdenstaff gefügt als Hebbel. Von den\nFrüchten, die im Zimmer standen, hat auch sie\nnicht genommen.\nNach drei Tagen verließen beide das Haus, in\ndem sie neben einander gekniet hatten. Die Um-\nstände, wie sie später zusammentrafen, sind frag-\nlich geblieben. Sicher ist nur das eine, daß die\nfremde Dame, die in rotgeblümtem Kleid erschien,\nmit Frau Hebbel auf eine passende Art bekannt\ngemacht wurde. Die Fremde sah sich mit all dem\nErnst aufgenommen, den diese Sachlage erfor-\nderte. .. Hebbel, sobald er nach Hause zurückge-\nkehrt war, suchte die fSätze über seine letzte\nStunde in seinen Papieren: sie fanden sich schließ-\nlich auf seiner Netzhaut. Dort glaubte er sie\nsicher —: allzusicher. Denn als man sie nach sei-\nnem Tode entdeckte, waren sie schon verwischt\nund wiesen die Unklarheiten auf, mit denen sie\nim letzten Bande der Tagebücher photographisch\nwiedergegeben sind. Uebrigens stand Hebbels\neigenes Erlebnis auf seiner linken Netzhaut und\ndas Alicens auf seiner rechten. Er selbst soll noch\ngeäußert haben: dies sei ein Beweis für die unbe-\nteiligte Seherkraft des Dichters. Das ganze Vor-\nkommnis erschien ihm wie eine Illustration des\n„media vita in morte sumus\". Friedrich Hebbel\nstarb (viele Jahre nach seiner letzten Stunde) mit\neinem Fluche auf den Lippen — einem Fluche\ngegen jene, die in der Gartenhausaffäre irgendwie\nLeid, Pathetik oder aufdringliche Stilistik finden\nwürden.\nDer Examinator mußte diese Antwort in\nvollem Maße gelten lassen. Und längst sitzt der\nZögling auf einem Lehrstuhl für visionäre Litera-\nturgeschichte.\nDas märkische Ninive\nAus dem unvermeidlichen, vielberufenen Sande\ndieser Landschaft erhebt sich, nicht gelegen nahe\neinem südlichen Meere, dem die Schaumgeborene\nentstieg, nicht tauchend in den tiefen Azur eines\ngnadenreichen Himmels, welcher Raum für un-\nzählige Götter hatte, nicht an der Brust von Pinien-\nhainen, von Oliven, ja von Palmen, sondern durch-\nflössen ganz und gar von der Spree und Panke —\nBerlin, eine sonderbare Lust- und Sündenstadt,\nunterwühlt von Eisenbahnen, mit dem Gewimmel\ngehetzter Arbeitstiere, die keine betenden Hände\nheben mögen, röchelnd aus Lungen voll giftiger Fa-\nbrikdämpfe, und statt unzähliger Götter schleichen\nunzählige Krankheiten herum und mischen sich er-\nbarmungsvoll unter das arme Volk. Dieser Him-\nmelsstrich kennt nicht die überlieferten Süßig-\nkeiten antiker Bäder, nicht die vorderasiatischen\nEkstasen, die Tanzfreuden von Korinth und Ta-\nnagra. Hier war von Anfang an alles verdorben.\nUnfromme Religionen wirtschaften, jede Art Zank,\nErwerbsneid meistert die Seelen, Durst und Durst,\nund Hunger, Hunger — man betet nur zur Gott-\nheit Zeit; unfähig, die Zeit zu erschöpfen, windet\nman sich nach Unsterblichkeit.\nAber mit malachitgrünen Lichtern äugt der Wolf\nin diesem Sande, das magere Tier der Lust,\npeitscht mit dem Schwänze die hohen Beine; seine\nKiefern malmen; er speit und bricht Schalen über\nden Boden aus. Wenn die Stadt nachts flammt,\nheult der Wolf durch die schlafenden Straßen, und\nman hört ihn durch die Provinzen schreien.\nBerlin selbst hat keine, fast keine Lustbedürf-\nnisse, auch weder Auge noch Ohr für sie. Diese\nscharfe, sehnentüchtige und gedankenvolle Stadt\nkönnte die abnormsten und verwegensten Ver-\ngnügungen erzeugen, wenn ihr Ingenium dar-\nauf gerichtet wäre. Aber man geht in ihr\nfast unter im Jahrmarktslärm, in den grellen\nFarben der Dörfler. Hier hat das Vergnügen\nkeine eigene Produktionsquelle; die Münchener,\nRixdorfer, Prenzlauer fühlen sich zu Hause. Ganz\nNorddeutsche, entwickeln die Berliner keinen\nsozialen Sinn, nichts von Volksfesten; sie halten\nsich in ihren Wohnungen, pflegen Familie,\nschmücken sich für und gegeneinander; ihr\nOeffentlichkeitssinn befriedigt sich in Zeitunglesen,\nin Kränzchen, Theater- und Paradebesuchen. Und\nso gliedert sich Berlin keine Luststadt an. Der\nFremde watet hoffnungslos in dem Sande: der\nSand ist da. doch Berlin sieht er nicht. Er sieht gi-\ngantische Dimensionen, aber nur von Banalität,\nsieht Originalität fast nur in der Massenhaftigkeit\nder Unternehmungen, statt Geist Berechnung, statt\nOrdnung Nüchternheit und dreißigmal Nüchtern-\nheit, das stillose Zusammenwürfeln als Surrogat\neiner Phantasie. Hie und da ein Licht, eine kleine\nFackel, eine Kerze.\nZuerst will ich reden von der Avantgarde der Lust,\nvon den schweifenden Priesterinnen der Venus.\nLaßt mich Atem holen.\n\nFerdinand Hardekopf\nA. D.\n\nKunst und Ethik\nVon Joseph August Lux\nEs ist nicht zu bestreiten, daß Kunst und Ethik\neine gemeinsame Wurzel haben, wenn auch keines-\nwegs das gleiche Ziel. Die gmeinsame Wurzel\nheißt: Religiosität. Wenn in der Kunst die Ethik\nsiegt, dann ist es mit der Kunst vorbei. In diesem\nStadium befindet sich die moderne Entwicklung.\nDie künstlerische Erneuerung ging um die Mitte des\n19. Jahrhunderts von England aus, wo die Prä-\nrafaeliten den Anstoß gaben. Sie haben den dop-\npelten Beweis von der Tüchtigkeit und von der ab-\nsoluten künstlerischen Unfruchtbarkeit der engli-\nschen Rasse geliefert. Das sind Eigenschaften, die\nes hinreichend erklären, daß sie als Führer und\nBannerträger der großen, über der ganzen zivili-\nsierten Welt verbreiteten Bewegung vorangehen\nkönnten. Die Kunsturteile, die von dort abgeleitet,\ndurch John Ruskin und William Morris in Umlauf\ngesetzt und zu einer Art Weltherrschaft gebracht\nwurden, sind ethisch begründet. Die Entwicklung\nfolgte diesen Direktiven. In der Malerei, Plastik,\nArchitektur und den dekorativen Künsten, in der\nLiteratur, sehen wir auch bei uns durchaus ge-\nschickte Anwendungen, nirgends eine Offenbarung.\nEhrliche Technik, braves Naturstudium, fleißiges\nKopieren und Verarbeiten fremder Vorbilder aus\nalten Kulturen, alles sittlich einwandfrei, nachweis-\nbar, erklärbar, restlos aufzulösen wie ein Rechen-\nexempel. Originalitäten aus zweiter, dritter Hand.\nKeine Idee. Kein einziger fruchtbarer, schöpferi-\nscher Gedanke! Und selbst des Ornament, wo an-\ngeblich die größte Erfindungsfreiheit herrscht, und\nwo sich das Persönliche in bedeutsamen Zeichen\nausdrückt, entpuppt sich für den Wissenden, der\nhinter die Kulissen sieht, als aufgelegter Schwin-\ndel. Auch hier ist alles Nachahmung, Verfälschung,\nIrreführung. Es bleibt sich im Wesen gleich, ob\nman japanische oder frühitalienische Vorbilder be-\nstiehlt, orientalische Kultgedanken mißverständlich\nfür moderne Dekorationszwecke „verwertet\", oder\nob man Insektenflügel und sonstige histiologische\nErscheinungsformen abzeichnet, zurecht stilisiert\nund ornamental aneinander reiht. Keine Spur von\nneuer, eigener Erfindung! Die Fähigkeit, neue Or-\nnamente hervorzubringen, die zugleich für unsere\nZeit und für das seelische Leben irgendwie bedeut-\nsam sind, die also etwas ausdrücken, offenbaren,\nist zweifellos erloschen. Ich frage allen Ernstes,\nob nicht überhaupt das Kunstvermögen erloschen\nist? Haben wir Deutsche noch die Kraft, eine neue\ngroße Kunst ehrvorzubringen? Ich behaupte: nein!\nWir haben Sittengesetze, wir sind technisch, wirt-\nschaftlich, intellektuell voran, aber die Kunst ist tot.\nWir haben keinen einzigen Künstler, der die Zu-\nkunft verkörpert. Wir marschieren an zweiter,\ndritter Stelle, hinter der Vergangenheit einher. Wir\nhaben keinen Maler, der die letzte große Ent-\ndeckung, den Impressionismus, überholt hätte; wir\nhaben keinen Plastiker, der an den einsamen Gi-\nganten Rodin heranreichte; wir haben keinen Dra-\nmatiker, der nicht schülerhaft neben Ibsen steht;\nund den großen Architekten, der die technischen\nFortschritte zu einer neuenbaukünstlerischen Syn-\nthese zusammenfaßt, gibt es überhaupt nicht, wir\nhaben nur Ingenieure und im übrigen rückschau-\nende Heimatkünstler. Wir sind organisatorisch,\naber nicht schöpferisch; wir sind kritisch, aber nicht\nkünstlerisch; Forschende, Erkennende, Wissende,\naber nicht Gebärende. Das Wort vom 20. Jahr-\nhundert als des künstlerischen, ist eine Phrase, die\nKunst-fürs-Volk-Bewegung, der organisatorisch und\ngeschäftlich großangelegte Versuch, die Kunst in\ndie Massen zu tragen, kann über diese innere Leere\nnicht hinwegtäuschen. Was der Masse frommt,\nich meine auch die Masse der Gebildeten, ist ein\nDurchschnitt, der sich auf der mittleren Linie be-\nwegt, eine Kunst, die zu Tode erklärt ist und ver-\nstandesmäßig, intellektuell, ethisch begriffen wird.\nWas sich nicht in das Prokrustesbett der Doktri-\nnen, Definitionen, Moralanwendungen einfügt, exi-\nstiert nicht. Lebt als einsame, darbende, ungesehene\nSchönheit, als verkannte Gottheit. So erkennen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.6", "texte": "die Ethiker in der alten Kunst nur den sterblichen\nTeil der Legende; und in der neuen Kunst? Die\nneue Kunst ist sozial, bürgerlich geworden, wohl-\nanständig, also das, was ihr am wenigsten zuträg-\nlich ist; sie muß es sich daher gefallen lassen, daß\nsie dem Sittengesetz der heutigen Gesellschaft un-\nterworfen wird. Der französische Impressionis-\nmus ist in der Boheme entstanden, in einer heidni-\nschen Freiheit; Paul Verleine, der Schöpfer un-\nsterblicher Verse, war nichts weniger als bürger-\nlich; Beethovens Uebermenschentum schuf im\nSchutze der Einsamkeit; alle wahrhaft gotterfüll-\nten Werke sind in der Menschenverlassenheit ent-\nstanden, jenseits der bürgerlichen oder gesellschaft-\nlichen Konventionen, in einer idealen Freiheit, die\nrevolutionär, fast anarchistisch erscheint. Daß bei\nunseren geordneten Zuständen nicht der Boden für\neinen solchen heidnischen Sprößling vorhanden ist,\nversteht sich von selbst. Das letzte Wort hat die\nGouvernante, der Erzieher, der Sonntagsprediger,\nder Moralist.\nDie wichtigste ethische Forderung verlangt,\ndaß die Kunst vor allem das Schöne darzustellen\nhat; sie soll das Edle in der Menschenbrust wecken,\nund dies kann angeblich nur durch das Schöne ge-\nschehen. Tatsächlich haben sich die Prärafaeliten\nüber dieses Programm wortlos geeinigt und sind,\nwas unausbleiblich ist, einer süßlichen Sentimenta-\nlität anheim gefallen. Es ist das unvermeidliche\nSchicksal aller, die das letzte Ziel ihrer Kunst in\ndem sogenannten Schönen sehen. Die Meinungen\nüber das Schöne sind bekanntlich sehr geteilt.\n~Schön wird häßlich, häßlich schön,\" singen die\nHexen in „Macbeth\". Wer wird bestimmen, was\n„richtig ist? Die Allgemeinheit. Ganz logisch:\nwenn das Kunstwerk ethisch wirken soll, so muß\nes auf die Menge wirken und die Voraussetzungen\nerfüllen, die in dieser Menge ruhen. Denn um zu\nwirken, und um schön empfunden zu werden, muß\nes gefallen, muß also der namenlosen Menge zu ge-\nfallen suchen, die, so verschiedenartig an Bildung\nund Menschlichkeit, nur einen sehr oberflächlichen\nBerührungspunkt haben kann, den Punkt, wo sich\nder niedrigste der Instinkte auslöst, der Massen-\ninstinkt. Wie hoch müsen Schöiheiturteile zu be-\nwerten ein, deren Ausgangspunkt dieser Instinkt\nist! Mit anderen Worten: der Künstler habe es als\nsittliche Forderung zu betrachten, daß er der Menge\ngefalle, daß er den niedrigsten Schönheitsbegriff zur\nRichtschnur nehme, daß er nur das zur Darstellung\nbringe, was auch dem gewöhnlichsten Manne ver-\nständlich bleibt. Die unausbleibliche Folge dieser\nethischen Forderung ist jene schamlose Verlogen-\nheit, mit der sich jede Dirne- auf der Straße ver-\nkauft. Eine Kunst der Konventionen, die, von mo-\nralischen Grundsätzen ausgehend, der Prostitution\nin die Arme läuft.\nDer Ethiker spricht weiter: die Kunst soll die\nNatur nachahmen. Was ist Natur? Ist sie etwas\naußer uns, ist sie in uns? Soll die Kunst nach-\nahmen, was überhaupt schon einmal in uner-\nreichbarer Vollendung vorhanden ist? Diese For-\nderung sit ungefähr genau so fragwürdig, wie etwa\ndaß die Religion von den Naturwissenschaften aus-\ngehen soll. Wir können auf Grund der natur-\nwissenschaftlichen Ergebnisse zu einer Art von\npragmatischer Philosophie gelangen, zu einer prak-\ntischen Weltanschauung, die das Sittengesetz neu\nformuliert. Aber wir können mit Hilfe von Philo-\nso\\ \\ie und Sittenlehre niemals eine Religion schaf-\nfen. Die Kunst ist etwas, das in der Natur nirgends\nvorkommt als im menschlichen Dasein. Und das\nGöttliche ist etwas, das in der Natur nirgends vor-\nkommt, als in der Religion. Die Kunst aber will\ndieses Göttliche, und nicht das Sittliche. Oder die-\nses letztere nur mittelbar.\nDer Ethiker läßt mit sich handeln. Er gibt zu,\ndaß die Kunst ihre Freiheit haben müsse. Aber bei\neinem Zipfel will er sie doch gängeln, weshalb er\nverlangt, daß der Künstler eine ethische Persönlich-\nkeit sei. Ich hoffe, damit leicht fertig zu werden.\nEs hat viele ethische Persönlichkeiten gegeben, die\ndurchaus keine Künstler waren, und es hat sehr\nviel unmoralische Personen gegeben, die dennoch\nim hohen Maße künstlerisch veranlagt waren und\nGroßes geschaffen haben. Die Moralisten halten\nsich viel auf Schiller zugute, der angeblich eine ethi-\nsche Persönlichkeit war. Meinetwegen! War\nLord Byron eine ethische Persönlichkeit? Und Paul\nVerlaine? Und Frans Hals, dieses Kneipgenie?\nUnd Rembrandt, der Erzieher? Der genußsüchtige,\nverschwenderische, ganz den Zügellosigkeiten sei-\nner Zeit ergebene Rembrandt, der doch auch vor\nseiner Verarmung Unsterbliches geschaffen hat?\nMan sieht also ganz leicht, wie wenig stichhaltig\ndie Phrase von der ethischen Persönlichkeit ist.\nWas will sie auch heißen? Ethische Persönlich-\nkeiten sind schließlich alle, auch der Verbrecher,\nindem er das abschreckende Beispiel der Schuld\nund das versöhnende Beispiel der Sühne gibt. Wir\nkönnen alles ethisch werten, auch die Kunst, wo-\nbei es sich lediglich um die Burteilung der ver-\nschiedenartigen Wirkungen handelt. Keinesfalls\naber handelt es sich dabei um die Ursachen. Aus\nEthik wird wiederum Ethik, nicht aber Kunst. Ethi-\nsche Kunst ist ein Unding. Die Begriffsverwirrung\nkonnte nur aus dieser Verwechslung von Ursache\nund Wirkung entstehen. Man vergißt dabei, daß\njede Art von Kunst, also natürlich auch die nicht-\nethische, und diese sogar am allerstärksten, eine\nerhebende, läuternde, ergreifende Wirkung hat.\nAlso auch die Kunst, d eidas Häßliche darstellt, das\nNiedrige, Gemeine, die Schattenseiten. Goyas Gri-\nmassen, geht von ihnen nicht eine starke künstle-\nrische Wirkung aus? Sind die Grenzen des Schö-\nnen nicht weit genug, daß sie im Sinne der geheim-\nnisvollen Hexenworte auch das Häßliche mit ein-\nschließen? Ist überhaupt der bloße Genießerstand-\npunkt maßgebend? Und schlielich, Hauptfrage:\nIst es ein Kunstziel, Gefallen erregen zu wollen?\nDie Kunst will dies alles und doch wieder nicht,\ndenn es sind Nebendinge. Ihr einziges Ziel, dem\nsie jede Rücksicht opfern muß, ist dies: dem inne-\nren Erlebnis die sichtbare Form zu geben, in einer\nsolchen Originalität, wie es nie zuvor geschehen\nund nie mehr ein zweites Mal vorkommen kann.\nDie Ausführung ist mit der Idee geboren. Ein\nMeisterwerk ist fertigend wenn es auch nur aus\nzwei Strichen besteht. Wer sich hervortun will,\nmuß auf diesen zwei Polen beruhen, auf dem der\nVollendung und dem der ursprünglichen Persön-\nlichkeit, die alles erstmalig sieht. Der Künstler ge-\nhorcht nur inneren Imperativen. Er ist ethisch,\nwenn er den Exzessen seiner Seele folgt. Wenn\nihn sein Schicksal zu dem Unerhörten, dem Anor-\nmalen, dem Ungewöhnlichen beruft. Alle Kunst,\nalles in diesem Sinne Schöne ist anormal. Eine nor-\nmale Kunst ist keine. Die Technik allein, die Rou-\ntine, die Gesinnung, sie machen es nicht aus. Aber\ngerade diese Merkmale sind es, die dem heutigen\nKunstschaffen zur Hauptaufgabe werden. Sie kön-\nnen nicht über ein gewisses Manko hinwegtäu-\nschen. Das Innerste fehlt: die Blume des Persön-\nlichen, das Unberechenbare, Unvorhergesehene,\nUeberwältigende, Unerklärliche, Göttliche. Dieses\nNicht-anders-können! Die Besessenheit! Der hei-\nlige Wahn! Alles Verstandessache, mit Betonung\nder äußeren Geschicklichkeit. Schöpfungen des\nIntellekts. Dinge, die man wegen ihrer glatten an-\ngenehmen Form hinnimmt, als Produkte des ehr-\nlichen Wollens und der technischen Fertigkeit, ohne\ndaß man sich zur Frage nach dem Urheber veran-\nlaßt fühlte. Schließlich gibt es für uns Heutigen nur\ndiese letzte Unterscheidung zwischen Werten, die\neinem gleichgiltig sind, weil sie nichts aussagen,\nund Werten, bei denen man sofort nach der Persön-\nlichkeit fragt.\nEs kommt immer darauf an, wer es gemacht\nhat!!!\nIch bilde mir ein, damit einen durchaus neuen\nund äußerst wichtigen Grundsatz aufgestellt zu\nhaben: Es kommt immer nur darauf an, wer es ge-\nmacht hat! Wie sollen wir sonst die echte von der\nfalschen Kunst unterscheiden? Die Schüler kopie-\nren ihre Lehrer, die Nachahmer und Schwindler be-\nstehlen ihre Vorbilder, an was sollte man sich hal-\nten, wenn nicht an dieses Zeugnis der Echtheit und\nUrsprünglichkeit? An das Persönliche? Warum\nkommt es bei der Wertbestimmung eines Bildes\nso sehr darauf an, daß es ein echter Tizian sei und\nkein Schulbild, und daß es ein echter Lionardo sei\nund keine sentimental nachempfundene englische\nWiedergeburt? Ist es in den anderen Kunstgat-\ntungen, der Plastik, der Dichtkunst, der Musik,\nnicht ebenso zu halten, und gerade hier, wo man\nbesonders stark auf die Finger sehen muß? Es ist\nbegreiflich, warum heute das Echte in der Kunst so\nselten zu finden ist. Echte Kunst gibt sich religiös,\nfalsche Kunst gibt sich ethisch. Das ist der Unter-\nschied.\nIch erhebe damit keine Klage. Ich stelle bloß\nTatsachen fest. Ich füge hinzu, daß es in Anbe-\ntracht gewisser Umstände nicht leicht anders sein\nkann. Wir sind praktisch, zweckmäßig, kritisch,\nerkenntnisfroh, analytisch geworden, zweifellos\nSegnungen der naturwissenschaftlichen Erziehung,\ndie das Jahrhundert bestimmt. Aber die also ent-\nwickelten Eigenschaften kommen nicht eigentlich\nder Schöpfung großen Kunst zugute. Ebenso\nwenig kommet sie dem religiösen Bedürfnis zu-\ngute. Es ist kein Geheirtinis, daß wir es in Re-\nligionsdingen und Kunstdingen mit einem unüber-\nwindlichen Indifferentismus zu tun haben. Wir\nhaben wohl ein kirchliches Leben, aber wir haben\nkein religiöses Leben. Statt Religion haben wir\nEthik. Sie genügt uns für das Praktische; und auf\ndas Praktische ist Leben und Erziehung zurecht\ngeschnitten. Wir haben noch die Formeln der Re-\nligiosität, aber es ist keine Religion mehr darinnen.\nMan sieht, daß der Himmel nicht einstürzt, wenn\nman nicht mehr Religion empfindet, und ist zufrie-\nden damit, weil man erkannt hat, daß das Himmels-\ngewölbe der Weltordnung durch das Gerüst und\nBalkenwerk der moralischen und polizeilichen\nVorschriften hinreichend gestützt ist. Hier liegt\ndie psychologische Erklärung für den Verfall der\nKunst. Es ist meine Erkenntnis, daß mit dem Auf-\nhören des religiösen Empfindens auch die Kunst\naufhören müsse. Statt Religion haben wir Wissen-\nschaft, statt Kunst haben wir technische Anwen-\ndung von Doktrinen. Zwar gehen die Seelen leer\naus, und wenn nicht alle Zeichen trügen, so erwacht\nwieder ein großes Verlangen nach den verlorenen\nQuellen. Im Einzelnen wird viel gepfuscht und\nhundertfache Versuche entstehen, eine neue Re-\nligion für „freie\" Menschen auf naturwissenschaft-\nlicher Grundlage zu bilden. Der Monismus ist\nvielleicht der umfassendste dieser Versuche, ohne\ndaß es gelungen wäre, über ein ethisches Moralge-\nbäude hinauszukommen. Aus Wissenschaft kann\nweder eine Religion entstehen, noch kann ein\nKunstwerk daraus entstehen. Es fehlt nicht an\neinem einzelnen Versuch, dieses „naturwissen-\nschaftliche Kunstwerk\" hervorzubringen; ich sehe\nsein Erscheinen mit Bangen .... Große Gelehrte,\nvorschauende Denker, wissenschaftliche Kapazi-\ntäten, sind im Grunde ihrer Seele religiös geblie-\nben, oder sinde s wieder geworden, weil über die\nletzten unerforschlichen Dinge auch die Wissen-\nschaft und die Ethik des Monismus besten Falles\nfür das Göttliche nur andere Vokabeln, aber kei-\nnen anderen Sinn aufbringen kann. Trotz des\nSuchens im Einzelnen fehlt der große Kultge-\ndanke, der der Kunst die notwendigen Seelenhin-\ntergründe liefert. Das Ornament ist heutzutage\ndeshalb ein Verbrechen, weil es keinem Kultge-\ndanken zum Ausdruck dient. Alte Volkskunst,\nethnographische Kunst, war Kultsache. Hohe\nKunst konnte in früheren Jahrhunderten gedeihen\nund Anbetung finden, weil sie mit einem religiösen\nMoment verbunden war. Das Religiöse war der\nnotwendige Schutz, den sie für ihre Freiheit\nbrauchte. Die Frage nach Kunst, die heute in so\nvielen Köpfen Verwirrung anrichtet, gab es früher\nnicht. Das Volk hatte zu verehren, anzubeten,\nnicht zu wählen, nicht zu tadeln. Die Demokratie,\nunser Ziel, ist nicht die Hüterin und Förderin der\nKünste. Auch der Kapitalismus, unsere Zeitver-\nfassung, ist es nicht. Die bildenden Künste von\nheute siechen, weil sie nichts zu bilden haben.\nKeine große Idee, die Macht über die Seelen hat.\nDas Höchste, was hohe Kunst ausdrücken kann,\nist die Ahnung des Göttlichen, ein1 Mysterium.\nAber unsere Zeit hat nur Ideen, die den Verstand\nbeherrschen, und das Göttliche, das Mysterium,\nist der heutigen Allgemeinheit fremd. Es fehlt\ndieser Zeit der große Kult, der mit dem Myste-\nrium, dem Göttlichen, den seelischen Hintergrün-\nden, in einem lebendigen Kontakt steht und die\nKunst aus diesen ewigen Quellen nährt. Offenba-\nrung, dieses Höchste, die Sichtbarmachung des\nUnsichtbaren, das erhebende und zugleich er-\nschütternde Beispiel, wie der Einzelne mit seinem\nGott ringt, diese Blutzeugenschaft des Genius,\nes fehlt uns vollständig. Religion ist immer ein\npersönlicher Fall und jede Kunst ist ein Re-\nligionsfall.\n\nBeachtenswerte Bücher und Tonwerke\nAusführliche Bpsprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Fall statt\nDER ROSENGARTEN der deutschen Liebeslieder\nGesammelt und herausgegeben von Dr. Julius Zeitler\nDER VÖLKER LIEBESGARTEN / Die Liebeslyrik der\nVölker des Erdkreises / Gesammelt und heraus-\ngegeben von Paul Seliger\nVerlag Julius Zeitler, Leipzig\nPAUL SCHEERBART: Katerpoesie\nVerlag Renisch / Paris-Leipzig\nTHADDÄUS RITTNER: Unterwegs / Don Juan - Drama\nin drei Akten\nVerlag Egon Fleischel & Co., Berlin\n\nVerantwortlich für die Schrift! ei hing:\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100310-01.1.7", "texte": "Malschulen\nStudies atelier\nBerlin W. 30, Habsburgerstr. 11\nAkt-Kopf-Kostfim :: Zeichnen ::\nMalen :: Modellieren Stilleben\n:: Komposition :: Abendakt ::\nAb Juli Akt, Landschaft an der See\nProspekt durch MoritzMelzer\nMalschule\nMiiller=Schoenefeld\nAtelier Charlottenburg- 111\nSchillerstr. 3\nVormittag-: Portrat u. Kostiim-\nmodell\nAb end: Dauerakt\nAtelier Berlin W / Liitzowstr. 82\nVormittag-: Akt\nNachmittag-: Portrat\nAbend: Skizzieriibungen nach\ndem Akt\n(2 Stunden 50 Pfg.)\nAnfragen nach Schillerstr. 3\nBerlin W. 35 /Poisdamerstr. 121 a\nAtelier\nClara Elisabeth Fischer\n:: MALEN :: ZEICHNEN ::\nNeu seit l. November\nPlakatkunst :: Graphik :: Eintritt\njederzeit :: Naheres Prospekte\nHANS BALUSCHEK\nMaler\n:: Schulatelier flir Damen ::\nBERLIN W., Liitzow=S{rasse 82\nAtelierhaus, linker Aufgang\nProspekte Brief-Adresse:\nSchijneberg - Berlin, Vorberg - Strasse 15\nSchule\nfur graphische Kunst\nPotsdamerstrasse\nPrivat - Strasse 121 G\n\nDEUTSCHE SMYRNA-TEPPICHE\nhandgekniipft und mechi gewebt, fertigt in EINZEL-FABRIKATION auch nach besond. Kunstler-Entwiirferi\nVEREINIGTE SMYRNATEPPICH FABRIKEMS\n........ (ZENTRALE: BERLIN C 2, BURG-STRASSE 24) in ihren Fabriken S\"\"\"!\n: s SCHMIEDEBERG i. R.« COTTBUS - HANNOVER-LINDEN ! 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Marz abends\n21 M., 16,75 M., 10,50 M , 7,90 M., 5,25 M.\nVorverk. b. Bote & Bode, H. Wertheim u. im Mozartsaal\nDa der Verein nur eine beschrankte Anzahl Karten\nijfifentlich abgibt, empfiehlt es sich, baldmoglichst zu bestellen\n\ni £\ni BUCH- UND KUNSTDRUCKEREI I\nSIEGFRIED SEEGER\n| BERLINS42,RITTERSTRASSE26 |\n■ TELEPHON AMT IV, 1045 ■■ TELEPHON AMT IV, 1045\n■\n• ILLUSTRATIONSDRUCK, SETZ- |\nS MASCHINEN, BUCHBINDEREI »\n; STEREOTYPIE, MODERNSTES ■\n■ :::: schriftenmaterial :::: •\n■ n\n■ ■\n■ ■\n■\n■ Spezialitat: Druck von Broschuren, Katalogen, 5\nS Zeitschriften, Werken, Massenauflagen ■ Buntdruck 5\n\nIn Berlin erscheinende franzosische Zeitschrift\nJOURNAL d'ALLEMAONE\nZur Vervollkommnung in der\nfranzosischen Spradie geeignet\nAbonnementspreis vierteljahrlicli Mk. 1,50\na\n\nPreis 1 Mark Preis 1 Mark\nMenthol-Malz-Dragees\n■ ■\n■ ■\nSicheresMittel gegen akuteKatarrheder Atmungs-\norgane / ermoglicht Schauspielern und Sangern\nsofortigen Gebrauch der erkrankten Organe\n»«>» ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN ■■»»»■\nZu haben in alien Apotheken und Drogerlen / Alleinige Fabrikantin\n„Pharmacia\" / Fabrik fur pharmaceutischen Bedarf / Berlln-Halensee\nWohlschmeckend Sicher wirkend\n■ ■\n\n▼\nT\n▼\nT\n▼\nVerlag F. HARNISCH & Co., Berlin W57\nDR. REBAJOLI'S Italienische\nU nterrichtS'Metho de fur Schulen\nLehrbuch der italienischen Sprachc\nI. Stufe. Gebunden Mark 2,—. (Fur Anfanger)\nDiese kurzgefasste aber durchaus übcrsichtlichc Grammatik beschrSnkt\nsich darauf, von den Formen, Regeln und Vokabeln nur das zu bieten,\nwas zum alltaglichen Gespr&ch unbedingt erforderlich ist. Das kleinc\nWerk cignet sich auch besonders zum Zwecke, Damcn und Herren, die\ncine Reise nach Italien vorhaben, eine allgemeine Kenntnis der Sprache\nzu verschaffen, oder bereits erworbene Kenntnisse in kurzer Zeit auf*\nzufrischen.\n11. Stufe. Geb. Mk. 4.—. (Fur Vorgeschrittene)\nAls Fortsetzung der I. Stufe fur diejenigen Schuler gedacht, die eine\ngriindliche Kenntnis des gesamten grammatischen, syntaktischen und\nlexikalischen Sprachschatzes anstreben. Diese zweite Stufe enthalt ein\nitalienisch'deutsches und deutsch-itallenisches Worterbuch,\ndas dem Lernenden jedes weitliiufigere Lexikon vollauf ersetzen durfte\nT\n▼\n▼\n▼\nr\nv\n\nFRANZ HOLZAMER BERLIN W 50\nNachodstr. 36-37 / Telephon Wilmersdorf 4070 / Bankkonto Deutsche Bank\nOO\nWerkstattfur kunstlerische Innenausstattung\n\nGeschaftsbucher und Kontorbedarf G. m. b. H\nDCDI IM \\\\T BEHRENSTRASSE 30\nJL>i-rfi\\JLrfilN VV ecke charaottenstr.\n■ El\na\n6\n63\nG E SCH AFTS B UCH E R-F AB RIK\nBuchdruckerei Papier- u. Schreibwaren\nFeine Briefpapiere fiir Geschafts u. 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Klavier/ 52 Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlung-en oder direkt\ndurch den Verlag- DER STURM\nHalensee / Katharinenstrasse 5\nB\ns\na\nm\nB\n9\nB\nB\nB\n8\na\n\nDie Fackel\nHerausgeber\nKarl Kraus\nSoeben erschienen\n(Summer 296 — 297\nRus dem Inhalt: Joseph\nSchoffel von Karl Kraus =\nDie Hrbeiterzeitung und die\nTaussigclique ~Glossen:Eine\nNeuerung = Der Punkt =\nDeutsche Dichter = Das Buch\nliber Berlin — Der gordische\nKnoten von Karl Kraus\nDoppel-Nummer 50 Pfg\nOberall erhaltlidi"}]}