{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_sha256": "9fb9b52a8880afb695c2c027b4b89509ae77d6ef97c992daeb8936279a9cf13c", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/03/17_01/bmtnabg_1910-03-17_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/03/17_01/bmtnabg_1910-03-17_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "17", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.1", "debut_caractere": 557, "fin_caractere_exclue": 1058, "texte": "INHALT:\nSTEFAN WRONSKI: Ein Neugieriger/\nKARL KRAUS: Das Ehrenkreuz / THADDÄUS RITTNER:\nVegetation / ARNOLD OPPEL: Zwei Gedichte/ADOLF\nLANTZ: Die Hochzeit des Gilles de Rais / FERDINAND\nHARDEKOPF: Nymphenburg / ADOLF LOOS: Der Sattler-\nmeister / FELIX STÖSSINGER: Die neu inszenierte\nTheatermoral / THEATER SIEGMUND KALISCHER: Ins-\nbesondere „Judith\" / ELSE LASKER-SCHÜLER: Der\nEisenbahnräuber / MYNONA: Von der Wolke, welche\nso gern hätte regnen mögen / ALFRED DÖBLIN: Glossen\nTRUST: Unsere Lieblinge"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c002", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "17", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.2", "titre_corps": "Ein Neugieriger", "titre_sommaire": "Ein Neugieriger", "signature_source": "Stefan Wronski", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.1", "debut_caractere": 1060, "fin_caractere_exclue": 5724, "texte": "Ein Neugieriger\nVon Stefan Wronski\nDem primitiven Herrn, der es Neugier nennt,\nwenn man eine politische Straßendemonstration zu\nbeobachten wünscht, ist von einigen Seiten das\nErforderliche gesagt worden. Als ob es nicht ge-\nrade den aristokratischen Enthusiasten der Schön-\nheit reizen müßte, das Volk in Bewegung zu sehen,\nin Geistigkeit, im Aufflammen für ein Ziel, von dem\nes (naiver und rührender Weise) ein bißchen mehr\nMenschenwürde erhofft! Natürlich ist es eine\nlächerliche Chimere, von irgendeinem preußischen\nWahlrecht, von einem noch so demokratischen\nParlamentarismus etwas für die anständige Ent-\nwicklung deutscher Dinge erwarten zu wollen.\nHat sich etwa der Geist je durchgesetzt in Deutsch-\nland? Ach, er schlägt nur mit den Flügeln und fällt\nentseelt zu Boden. Sind etwa die Klassiker in\nunserer heutigen Kultur lebendig? Lassalle hat\nRecht: nur wie ein ferner Kranichschwarm sind sie\nüber die bürgerliche Gesellschaft dahingezogen ...\nAber die Volksmassen, die jetzt auf den Straßen\npreußischer Städte demonstrieren, glauben an\nein politisches Ideal, an die Möglichkeit geistiger\nWirkung, an den Erfolg behaglich organisierter und\ngedämpfter Tribünenreden... Und — wer wreiß?\n— indem sie sich für diese Idee in Trott setzen:\nvielleicht werden diese Kleinbürger schön? Viel-\nleicht flammt in diesen beruhigten, enregistrieiten\nHerzen ein Hauch von Glut, von Religion auf?\nIst's nicht Pflicht und Reiz, das zu erkunden? Wer\ndarf eine so ekstatische und oft enttäuschte Hoff-\nnung als „Neugier\" erledigen wollen, ohne sich\nselbst zu entlarven?... Man mag Francesco Fer-\nrer lieben, hassen oder gleichgültig finden: das Volk\nvon Paris, als es zu Hunderttausenden gegen die,\ndie ihn getötet hatten, demonstrierte, war schön ...\nEine Schlange ringelte sich zischend über die Bou-\nlevards. Diese wüsten Gesichter, diese heiseren\nVerwünschungsschreie, diese fanatischen Gesten —\nsie waren schön, wie das milde Todeslächeln der\nEleonora Duse schön ist...\nDie sozialistische Presse, wenn sie ein bißchen\nGeist hätte, sollte jetzt hervorsuchen, wie die Pa-\nriser „Intellektuellen\" durch die Straßendemonstra-\ntionen von 1848 fasziniert wurden. Da wurde ein\nsolcher Verächter populärer Instinkte, w?e es\nCharles Baudelaire war, von der Inbrunst\ndieser Volkskundgebungen hingerissen. Er bewun-\nderte Wronski und Blanqui, ohne übrigens dabei\nseinen höhnischen Dandysmus, seine Abneigung\ngegen alle demokratischen Phraseure einzubüßen.\nUnd für seine fast widerwilligen humanen Sympa-\nthien fand er die böse Formulierung: „Wir haben\nalle den republikanischen Geist in den Adern, wie\ndie Lustseuche in den Knochen. Wir sind demo-\nkratisiert und syphilisiert.\" Aber er stieg herab\naus seinem Elfenbeinturm, in den Februartagen, er\nging auf die Straße und mischte sich unter das\nV01k...\nBaudelaire bei der Insurrektion! Baudelaire\nbei den Elenden der Barrikaden! Eine Haltung, die\ndoch keinen überraschen darf, dem in den „Fleurs\ndu mar4, diesem größten lyrischen Buche der Welt-\nliteratur, das tiefe, tiefe Mitleid mit den Leiden der\nVerdammtere Her Ausgestoßenen, der Literaten und\nDirnen nicht entgangen ist. Noch drei Jahre nach\nder Revolution schrieb Baudelaire für die „Chan-\nsons\" des Pierre Dupont eine Vorrede, in der die\nachtundvierziger Erschütterung in diesen Sätzen\nweitergrollt:\n„Als ich das Lied der Arbeiter hörte, diesen\nwundervollen Schrei aus Schmerz und Melancho-\nlie, war ich betäubt und zärtlich berührt. Wie lange\nhatten wir gewartet auf ein bißchen starke und\nwahre Poesie! Welcher Partei man auch angehöre,\nmit welchen Vorurteilen man genährt sein mag:\nes ist unmöglich, nicht gerührt zu sein von dem\nSchauspiel dieser kranken Menge, die da atmet den\nStaub der Werkstätten, Baumwolle schluckt, sich\nvergiftet an Bleiweiß und Quecksilber und allen\nGiften, mit denen man Meisterwerke schafft —;\ndieser Menge, die da schläft im Ungeziefer tief in\nden Stadtteilen, wo die elendesten und die erhaben-\nsten Tugenden hausen neben den verstocktesten\nLastern und den Schleimfetzen der Eingekerkerten;\n— dieser Menge, die da seufzet und hinsiecht, und\nder die Erde ihre Wunder verdankt; die\nein wildes Purpurblut durch ihre Adern rollen fühlt;\ndie einen langen, trauerschweren Blick wirft auf\ndie Sonne und auf die schattigen Alleen der großen\nParks, und die, als Trost und Erholung für das\nalles, aus vollem Halse nur immer in ihren Heilands-\nruf ausbricht: Wir wollen uns untereinander\nlieben!\"\n. . . Gewiß, dies Fieber hielt nicht an. Das\nVolk, entmutigt und banalisiert, ward für Baudelaire\nwieder uninteressant. Aber es hatte ihm doch eine\ngroße, herrliche Erregung geschenkt, ihm, dem\nDandy, dem einsamen Empörer: ihm, dem „Neu-\ngierigen\" . . ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c003", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "18", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.3", "titre_corps": "Das Ehrenkreuz", "titre_sommaire": "Das Ehrenkreuz", "signature_source": "Karl Kraus", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.1", "debut_caractere": 5726, "fin_caractere_exclue": 9137, "texte": "Das Ehrenkreuz\nVon Karl Kraus\nIn Oesterreich gibt es für junge Mädchen, die\nsich dem Laster in die Arme werfen, eine Klimax\nder Strafbarkeit. Man unterscheidet Mädchen, die\nsich der unbefugten Ausübung der Prostitution\nschuldig machen, Mädchen, die fälschlich angeben,\ndaß sie unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehen,\nund schließlich Mädchen, die zwar zur Ausübung\nder Prostitution, jedoch nicht zur Tragung eines\nEhrenkreuzes befugt sind. Diese Einteilung wirkt\nauf den ersten Blick verwirrend, entspricht aber\ndurchaus den tatsächlichen Verhältnissen. Ein\nMädchen, das einem Detektiv bedenklich schien\n— nichts scheint einem Detektiv bedenklicher als\nein Mädchen —, gab an, sie stehe unter sittenpoli-\nzeilicher Kontrolle. Sie hatte sich nur einen Scherz\nerlaubt; aber man ging der Sache nach. Da sich\nihre Angabe als unrichtig herausstellte, wurde sie\nwegen unbefugter Ausübung der Prostitution in\npolizeiliche Untersuchung gezogen. Da sich aber\nauch dieser Verdacht als ungerechtfertigt erwies\nund sich demnach herausstellte, daß das Mädchen\nüberhaupt keine Prostitution ausübe, so erhob die\nStaatsanwaltschaft die Anklage wegen Falschmel-\ndung. Das Mädchen hatte sich, wie es in der An-\nklage hieß, „gegenüber dem Detektiv eine soziale\nStellung angemaßt, die ihr nicht zukam'4. Sie.\ntrieb weder erlaubte noch unerlaubte Prostitution,\nsie war also eine Schwindlerin, und nur weil sie bei\nder Verhandlung auf die Frage des Richters, was\nsie sich dabei gedacht habe, die Antwort gab:\n„Nichts\", entging sie der Verurteilung. Um also\nzu rekapitulieren: Sie hatte behauptet, sie stehe\nunter sittenpolizeilicher Kontrolle. Weil dies eine\nUnwahrheit war, wurde sie unter dem Verdachte\ndes unsittlichen Lebenswandels in Untersuchung\ngezogen. Sie konnte nun zwar beweisen, daß sie\nnicht unsittlich genug sei, um einen unsittlichen Le-\nbenswandel zu führen, aber sie konnte doch wieder\nnicht beweisen, daß sie sittlich genug sei, um unter\nsittenpolizeilicher Kontrolle zu stehen. So blieb\nnichts übrig, als sie wegen Falschmeldung anzu-\nklagen, wegen deren ja schließlich auch die Mör-\nder in Oesterreich verurteilt werden, wenn man\nihnen den Mord nicht beweisen kann. Jetzt gehen\nwir einen Schritt weiter. Wenn ein Mädchen zur\nAusübung der Prostitution befugt ist, so könnte es\nvorkommen, daß sie es verschweigt und schwindel-\nhafterweise angibt, sie sei zur Ausübung der Pro-\nstitution nicht befugt. Sie würde sich also einen\nunsittlichen Lebenswandel anmaßen, den sie nicht\ndeshalb führt, weil sie dazu befugt ist, sondern den\nsie führt, wiewohl sie dazu nicht befugt ist, wäh-\nrend sie in Wahrheit bloß befugt ist, einen unsitt-\nlichen Lebenswandel zu führen, den zu führen sie\nbefugt ist. Solche Fälle kommen in der Praxis\nselten vor, und die Judikatur des Obersten Ge-\nrichtshofes ist schwankend. Am schwierigsten ist\naber der Fall, der sich kürzlich in Wiener-Neustadt\nzugetragen hat. In einem dortigen Freudenhause\nlebt ein Mädchen, das zur Ausübung der Prostitu-\ntion befugt ist und bisher noch keinen Anstand ge-\nhabt hat. Sie hat sich nie einen unsittlichen Le-\nbenswandel angemaßt, den sie nicht führt, und es\nist ihr noch nicht einmal\" nachgewiesen worden,\ndaß sie fälschlich angegeben hat, eine Prostitution\nnicht auszuüben, zu der sie befugt ist. Aber der\nTeufel reitet das bisher unbescholtene Mädchen,\nund sie geht eines Abends im Salon des Hauses mit\neinem Militärjubüäumaelirenkreuz an der Brust"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2385, "texte": "herum. „Dadurch erregte sie bei den Gästen —\"\nja, was glaubt man, hat sie dadurch bei den\nGästen erregt? Nicht das, was man glaubt, son-\ndern im Gegenteil: Aergernis. Und wenn ein Freu-\ndenmädchen bei den Gästen eines Freudenhauses\nAergernis erregt, dann ist es wohl höchste Zeit,\ndaß die Staatsanwaltschaft einschreitet. Tatsäch-\nlich wurde das Mädchen wegen einer Erregung, zu\nder sie nicht befugt war, angeklagt. Der erste\nRichter sprach sie frei. Er sagte, das Militärjubi-\nläumsehrenkreuz sei kein Orden und das Aerger-\nnis sei bloß ein solches Aergernis, das von der Po-\nlizei zu ahnden sei. Damit gab er freilich zu, daß\ndas Mädchen schuldig gewesen wäre, wenn sie\netwa den Takowaorden getragen hätte. Es liegt\nnun zwar auf der Hand, daß das unbefugte Tragen\neines Ordens vielleicht einen Journalisten, aber nie\neine Prostituierte strafbar machen kann. In Wiener-\nNeustadt jedoch scheint die Frauenbewegung be-\nreits derartige Fortschritte gemacht zu haben, daß\nman dort beide Geschlechter in gleichem Maße der\nOrdensstreberei für fähig hält. Immerhin sagte der\nerste Richter, ein Jubiläumskreuz sei kein Orden.\nAber der Staatsanwalt war anderer Ansicht, er be-\nrief, und das Landesgericht verurteilte die Angeklagte\nzu zwanzig Kronen Geldstrafe. Ein Jubiläums-\nkreuz, sagte das Landesgericht, sei als Ehren-\nzeichen jedem Orden gleichzustellen. Und als be-\nsonders erschwerend nahm der Gerichtshof „das\nTragen des Kreuzes im Freudenhause\" an. Als\ndie Angeklagte gefragt wurde, was sie sich dabei\ngedacht habe, gab sie zur Antwort: „Nichts\". Aber\ndiesmal nützte die Antwort nichts. Denn eher noch\ndürfte sich ein anständiges Mädchen die Prostitu-\ntion anmaßen als eine Prostituierte das Ehren-\nkreuz. Welche Entschuldigung hatte sie? Ein\nZivilist, sagte sie, habe es ihr geschenkt. Er war\nnobel und gab ihr das Ehrenzeichen als Schandlohn.\nAber dann hätte sie es eben in den Strumpf stecken\nsollen. Das Tragen eines Ehrenzeichens im Freu-\ndenhause steht nur dessen Gästen zu, und wenn sie\ndadurch das Aergernis der Mädchen erregen soll-\nten, so würden sich die Mädchen einer strafbaren\nHandlung schuldig machen. Gibt aber ein Gast\neinem Mädchen statt zwanzig Kronen ein Ehren-\nkreuz, so darf sie das Ehrenkreuz nicht tragen oder\nmuß die zwanzig Kronen dem Gericht geben. Denn\ndie Justiz ist eine Hure, die sich nicht blitzen läßt\nund selbst von der Armut den Schandlohn einhebt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "18", "page_fin": "19", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.4", "titre_corps": "Vegetation", "titre_sommaire": "Vegetation", "signature_source": "Thaddäus Rittner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.2", "debut_caractere": 2387, "fin_caractere_exclue": 10497, "texte": "Vegetation\nVon Thaddäus Rittner\n1\nKoko aß die scharlachrote Frucht ohne Namen\n(die mir vor zwei Monaten so imponiert hatte) und\nwar ganz bei der Sache. Ich erzählte ihm fieber-\nhaft von den lokalen Eigentümlichkeiten; er schaute\nmich gar nicht an. Er spuckte mit aufregender\nRoutine die Kerne aus.\nSo war er.\n„Der Ort ist eigentlich nicht entdeckt —\" sagte\nich, um den brutalen Kerl außer sich zu bringen.\nAber er war nicht zu betäuben.\n„Die Engländer sind überall,\" bemerkte er, und\nsein wurstiger Ton entjungferte gleichsam das\nLand.\nJa, die Engländer waren da. Wir befanden uns\nin einem Cafe und rasierte Kellner bedienten.\n„Wir schwimmen einsam im Stillen Ozean,\"\nsagte ich noch.\nIch haßte ihn.\n„Alter Knabe,\" lächelte ich verlegen und schlug\nihm gleichsam gerührfauf die Schultern.\nIch tat, als wäre ich überglücklich, daß ich ihn\nhatte. Schließlich war ich ja sein Freund.\nDie eingeborenen Mädchen wußten alle, daß\nKoko mein Freund war — und sie freuten sich auch,\ndaß ich ihn hatte.\n2\nIch war schon zwei Monate auf der Insel;\nKoko erst einen Tag. Aber er war besser infor-\nmiert. Das war vorauszusehen.\n„Hier sind zwei Cafes,\" stellte er fest, „und du\nkennst natürlich das schlechtere.\"\nSo gingen wir gleich in das bessere.\n„Du darfst nicht glauben, daß ich dein Cafe\nnicht gekannt habe,\" sagte ich mißgestimmt.\nJetzt spazierten die feinsten wilden Mädchen\nvorüber, und Koko nahm sie mit den Augen.\n„Das haben sie nicht gern,\" ermahnte ich ihn.\n„Kii — lij — ankja — thi — hej,\" sagte eine und\nlachte mich an.\nSie ging ganz nahe an Koko vorbei, aber ihn\ntraute sie sich nicht anzulachen (weil er erst einen\nTag hier war). Sie schielte bloß ein wenig nach\nihm.\n„Donnerwetter,\" seufzte Koko; er betrachtete\nsie ruhig, ohne sie etwa zu kneifen.\nDas fiel mir auf.\nIch bemerkte, daß die Kleine zu den Dunkel-\nroten gehörte, zu der Sorte, die man hier „die süße\"\nnennt.\nKoko schnupperte mit der Nase ( ich selbst\nhatte Schnupfen) und sah mich fragend an.\n„Das ist nichts,\" murmelte ich, „man hat hier\nso ein Parfüm.\"\nKoko schüttelte den Kopf.\n„Nein — kein Parfüm. Sie selbst sind es. Sie\nriechen wie Birnen oder Pflaumen.\"\nDas war das Wort. Wie Birnen oder Pflaumen.\n„Das ist auch so eine lokale Eigentümlichkeit,\"\nsagte ich.\nIch haßte ihn.\n3\nKoko ist faul. Das Land ist noch unentdeckt,\nund man sollte wissenschaftliche Forschungen\nmachen. Ich fange auch tatsächlich Schmetterlinge\nund dergleichen. Aber Koko sitzt in dem besseren\nCafehaus.\nNein — sage ich mir — Koko ist keine höhere\nIntelligenz. Obwohl er so lebhafte Augen hat und\nviel größer ist als ich. Es ist nicht wahr, daß er\nalles weiß.\nVorläufig hat er nur das bessere Cafähaus und\nden Lotoswein entdeckt. Aber er hat zum Beispiel\nkeine Ahnung von der „süßen\" Mädchensorte. Auch\nich hab's ihm verheimlicht, daß ich eine Freundin\nhabe.\nDagegen hat er mich zum Trunk verleitet.\n„Ich fühle mich hier wie zu Hause,\" prahlt er\nund schenkt mir immerfort ein.\"\nSein Prahlen macht mich krank.\n„Du darfst die Insel nicht so leicht nehmen,\"\nsage ich, „du kennst sie noch lange nicht . . Weißt\ndu zum Beispiel, daß es hier zwei Arten Mädchen\ngibt?\"\nDas hat er schon heraus. Verfluchter Kerl. Ei-\nweiß, daß die einen helles und die anderen dunkel-\nrotes Fleisch haben.\n„Ja, aber — was weiter? Was weißt du über\ndie dunkelroten?\"\nEr schweigt. Nichts weiß er. Jetzt werde ich\nihn betäuben.\nIch flüsterte langsam:\n„Die dunkelroten sind eßbar.\"\nDas hat eingeschlagen. Koko erblaßte.\n„Wie? Man kann hier Mädchen essen?\nIch überstürzte mich vor Aufregung.\n„Nur die dunkelroten, weißt du. Man nennt sie\ndie süße Sorte. Zum Unterschied von den anderen,\ndie nur so genießbar sind, wie zum Beispiel euro-\npäische Weiber. Die süße Sorte ist sonst nirgends\nauf der Welt zu finden. Nur hier . . .\"\nKoko seufzte bewegt:\n„Und ich hab's mir gedacht!\"\nSeine Freude war geradezu erschreckend. Aber\nbald fragte er schon nach Details:\n„Man ißt sie roh?\"\n„Natürlich,\" erklärte ich, „wie Pfirsiche. Wie\nZuckerbohnen.\"\nAuf einmal bin ich deprimiert. Sein hungriges\nInteresse beunruhigt mich.\nEr fragt:\n„Hast du sie schon gekostet?\"\n„Nein,\" sage ich.\n„Na. . ja,\" machte Koko und grinste.\n4\nMeine Freundin La kann englisch. Und sie ist\nvon der süßen Sorte. Der Gedanke, daß ich jeden\nAugenblick ein Mädchen aufessen könnte, das eng-\nlisch spricht, ist mir ganz sonderbar. Darin liegt\nein aufregender Gegensatz.\n„Hat dir dein Bruder nicht erlaubt, mich zu be-\nsuchen?\"\n„Wer ist mein Bruder?\" frage ich.\nDann komme ich darauf, wen sie meint. Und\nich ärgere mich ein bißchen. In der Hütte summen\ndie Fliegen.\n„Es ist heiß,\" sage ich.\nLa geht nackt herum. Sie bereitet irgend ein\nGetränk. Es riecht wie in einer Obstkammer.\n„Ich liebe dich,\" sage ich»\nIch hatte mich schmerzlich nach ihr gesehnt.\nWie nach Tabak.\nDie Fliegen summen.\nSie küßt mich mit geschlossenen Augen. Nach\neiniger Zeit schaut sie ängstlich durch die langen\nWimpern, wie um zu wissen, ob sie noch lebe.\n„Ah — ich lebe!\" seufzt sie.\nDie Sonne scheint auf das Bett. Sie richtet\nsich auf und zittert wie vor Kälte.\n„Wie heißt dein Bruder?\" fragt sie.\n„Er ist gar nicht mein Bruder,\" antworte ich\nungeduldig.\nSie denkt nach.\n'Oh — das ist wahr,\" bemerkt sie, „er ist viel\ngrößer als du und — gar nicht kränklich.\"\nIch ärgere mich wieder ein bißchen.\nSie spricht wehmütig:\n„Moa war erst zehn Jahre alt. Und man hat\nsie schon aufgegessen.\"\nDie Fliegen summen.\n„Ja — beneidest du Moa?\"\nSie schaut mich ängstlich an und schüttelt den\nKopf.\n„Dort brennt die Sonne,\" spreche ich zu ihr,\n„aber Moa sieht die Sonne nicht mehr.\"\n„0, daran liegt gar nichts,\" meint sie.\nDie Sonne ist ihr gleichgültig.\n„Ich wäre gerne gestern und vorgestern zu dir\ngekommen,\" spreche ich zärtlich, „aber ich mußte\nSchmetterlinge fangen.\"\n„O — das ist wahr,\" nickt sie ernsthaft.\nIhr Blick brennt ruhig und dunkel.\n5\nKoko ist gewissenlos und jeden Tag berauscht.\nEr ist schon so gut informiert, daß man mit ihm\nnicht mehr verkehren kann.\nIch habe seit einer Woche auf ihn verzichtet.\nUnd auch meine Freundin habe ich fünf Tage\nnicht besucht. Damit nicht Koko mir nachspüre und\nLa entdecke.\nAber das war doch zu traurig. Den sechsten\nAbend konnte ich es nicht mehr aushalten.\nIch öffnete zitternd die Tür ihrer Hütte. Auf\ndem Boden saß ein nackter, ziegelfarbiger Greis mit\ntriefenden Augen. Wohl ihr Großvater. Neben\nihm spielten zwei Kinder mit Roßknödeln.\nEs roch nicht mehr wie in einer Obstkammer.\n„Wo ist La?'4 frage ich die Gesellschaft.\nKeine Antwort.\nIch durchsuche umsonst das Haus.\n„Wo ist La?\" frage ich den Herrn Großvater.\nEr lächelt wie beleidigt und wendet sich ab.\nIch laufe im ganzen Dorf herum und suche La.\nDa kommt ein Jüngling auf mich zu.\n„Dein Bruder ist krank,\" teilt er mit, „und du\nsollst zu ihm.\"\nHol der Teufel meinen Bruder, denke ich, La\nist mir wichtiger. Aber schließlich siegt mein gutes\nHerz. Ich gehe zu Koko.\nEr ist wirklich krank, liegt im Bett.\n„Ich bin krank,\" erklärt er mit einem milden\nLächeln. „Nämlich — der Lotoswein steigt einem\nentsetzlich zu Kopf. Und wenn sich alles um mich\ndreht, so kann ich nicht mehr so fein zwischen hell-\nroten und dunkelroten Mädchen unterscheiden . . .\nHübsch sind sie ja alle ... Ich muß mich ein biß-\nchen vergriffen haben. Das ist es . . .\"\nTrotz angeblicher Schmerzen ist er wie ver-\nklärt. Er lächelt glücklich und preist das Leben.\n„Hübsch sind sie alle,\" wiederholt er.\nIch werde rasend.\n„Ich kann La nicht finden,\" schreie ich. „Meine\nFreundin La ist verloren gegangen ... Ich werde\nmich erschießen.\"\n„Wieso erschießen?\" fragt er erstaunt-höflich.\n„Du mochtest sie ja nicht. Du hast sie stehen\nlassen.\"\nDer Ausdruck „stehen lassen\" verwundet mein\nInnerstes. Ein Blitz durchleuchtet plötzlich mein\nGehirn.\n„Tier!\" keuche ich, „du hast sie aufgegessen..\nGeraubt und aufgegessen . . .\"\nEr schüttelt den Kopf mit dem Ausdruck be-\nleidigter Würde.\n„Ich habe sie nicht geraubt. Sie ist selbst zu\nmir gekommen.\"\n„Du lügst!\"\n„Mein Ehrenwort. Sie ist selbst gekommen\nund hat mich flehentlich um die kleine Gefälligkeit\ngebeten. Was sollte ich tun? Ich habe mich er-\nbarmt. Das arme Ding war schon ganz anämisch\nvor lauter Sehnsucht nach dem Aufgegessen-\nwerden.\"\nIch schluchzte."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 310, "texte": "„. . Und ich habe sie aus Liebe verschont. Ich\nhabe mich mit übermenschlicher Kraft zurückge-\nhalten . . . Um sie lange, lange zu besitzen . . .\"\nEr lächelt.\n„Lange besitzen,\" wiederholt er verächtlich.\n„In der Liebe gibts kein Sparen . . . Die Weiber\nwollen nicht auf Prozente angelegt werden.\"\nIch hasse ihn."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "19", "page_fin": "19", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.5", "titre_corps": "Zwei Gedichte", "titre_sommaire": "Zwei Gedichte", "signature_source": "Arnold Oppel", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.3", "debut_caractere": 312, "fin_caractere_exclue": 1408, "texte": "Zwei Gedichte\nVon Arnold Oppel\n\nTerracottafigur eines jungen Mädchens\nSie stand noch zitternd; noch nicht so gereift,\ndie Luft rings zu ertragen, die zu schwer\nauf ihren Schultern lag. Und wie zur Wehr\nhob sie die Hand und hielt sie an die Braue.\nUnd wie ein junges Reh zur Waldesaue\nAm Abend scheu sich wagt, so war ihr Schritt. . .\nDer Leib hielt kaum, und schwankte leicht und litt,\nals hätte Gott mit guter, greiser Hand\nnoch ungeschickt und rührend ihn versucht,\nbevor der erste Mensch aus ihm erstand . . .\nEr formte ihn so biegsam und so schmal,\ndaß jeder Windzug war wie Sturmeswucht,\nund drohte ihm mit zeitigem Verfall . . .\n\nBange Nacht\nRiefst Du mich nicht, Schwester? Bist Du denn\nSo allein? Oh, komm doch her und sag mir:\nV/o ist Deine Hand und Deine Heimat,\nda ich so verlassen bin.\nNichts mehr kann ich fassen oder finden\nUnd kein Ding ergründen.\nUnd ich fühle: jetzt\nbin ich so von mir allein gelassen,\ndaß mir bangt, ich könnte morgen tot sein . . .\nBist Du denn nicht da,\nSchwester?\nWohin soll ich gehn, wenn Du nicht da bist?\nSieh, ich suche Dich:\nWo bist Du, Schwester? . . ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "19", "page_fin": "19", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.5.1", "titre_corps": "Terracottafigur eines jungen Mädchens", "titre_sommaire": "Terracottafigur eines jungen Mädchens", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.3", "debut_caractere": 344, "fin_caractere_exclue": 946, "texte": "Terracottafigur eines jungen Mädchens\nSie stand noch zitternd; noch nicht so gereift,\ndie Luft rings zu ertragen, die zu schwer\nauf ihren Schultern lag. 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Selbiger ward\nin den ersten Stunden des sechsundzwanzigsten\nOktober anno domini MCDXL durch das Hoch-\ngericht auf dem Scheiterhaufen lebendigen Leibes\ndem Flammentod überliefert, zur Strafe für Raub\nvon etlichen hundert unschuldigen Kindlein und\ngrauenvoll an ihnen verübten, wollüstigen Mord.\nDavon an acht Jahre Dörfer und Gehöfte in der\nBretagne mit Jammern und Klagen trostloser\nEltern erfüllt waren, zumal niemand wußte, wel-\nche Hexe oder Würgeengel Gottes die plötzlich\nund geheimnisvoll Verschwundenen entführet. Bis\ndaß der geistliche Gerichshof den vom Satanas\nBesessenen entdeckte und gefangen setzte. Worauf\nvor allem Volk im heiligen Namen des angerufenen\nChristus die obersten Richter, Jean de Malestroit,\nBischof von Nantes, wie auch Bruder Jean Blouyn,\nBaccalaureus in unseren heiligen Schriften, diesen\nBaron Gilles de Rais, Marschall von Frankreich,\nnach seinem öffentlich vorgebrachten Geständnis\nschimpflich der Apostasie, Häresie, Beschwörung\nder Dämonen, der Verbrechen des Sakrilegs, der\nSodomie und der Schändung kirchlicher Immuni-\ntäten für schuldig und überwiesen erklärten sowie\nanheimgefallen dem Spruch der Exkommunikation.\nWelche aber wieder von ihm genommen ward auf\nsein zerknirschtes Flehen und demütiges Bitten,\nworauf ihn die heilige Kirche, unsere Mutter, sich\nabermalen einverleibte, auf daß ihm seine in-\nbrünstige Sehnsucht, durch irdische Reue und Sühne\nGottes ewige, allbarmherzige Gnade zu erlangen,\nnicht gänzlich verwehrt bleibe, Deren jeglicher\nSünder teilhaftig werden möge zum Heil seiner\nSeele, im Namen unseres Herrn Jesus Christus,\nAmen.\nSeit zwo Nächten und zween Tagen lag der\nBüßende in Gebeten vor dem Konterfei des Ge-\nkreuzigten in der Nische des Verließes, bald auf\nden Knien, bald hingestreckt in Reue, die Stirn\ngen das steinerne Getäfel des Bodens schlagend,\nSpeise und Trank sich verwehrend, rastlos, ohne\nSchlaf. War von ganz unheimlicher Gewalt, wenn\ndas dumpfe Gemurmel des Bekennens sich stei-\ngerte bis zu heiseren, durch gehetzten Atem zer-\nhackten Schreien, so oft die blutigen Ströme der\nVerbrechen in wilder Beichte sich verlebendigten,\ndie Ekstasen von Inbrunst und Zerknirschung die\nGnade der Erlösung, ein sichtbarlich Zeichen vom\nHeiland selbst erflehten.\nDunkeltönend läuteten die Glocken von Nan-\ntes den Abend-Angelus ein, müd und feierlich\nschläferte ihr Klang die dunstschwere Luft, der\ntiefen Dämmerung schwarzes Bahrtuch im weiten\nBogen über die Stadt ziehend. Es war Nacht\nworden.\n„Angelus Dei \" glitt es leise, ehrfürch-\ntiglich über meine Lippen. „Angelus Dei \"\nwiederholte die Stimme des Büßers aus dem\nWinkel, laut und voll, als hübe ein Choral an. Sank\naber nach wenigen Worten zum Gemurmel herab,\ndas den Raum durchrann, die Wände entlang\nschwebte, von einer zur andern sich warf, zur\nDecke steigend, herniederfallend und ins Irre rol-\nlend. In roter Glasmuschel blakte gelblich zu den\ndurchbohrten Füßen des Dorngekrönten das ewige\nLicht. Zusammengekrümmt, ein geklumpter Schat-\nten, lag das Verbrechen unter ihm.\nDerweilen wir noch beteten, nahten dumpf-\nwuchtende Schritte in den Bogengewölben der\nGänge. Schloß und Riegel, mächtig gerüttelt, fie-\nlen klirrend, die eisengepanzerte Tür knarrte in\nden rostigen Angeln. Prasselnd sprangen gierig\netliche gelbfunkige Fackelflammen in die Finster-\nnis und verschlangen sie zuckend. Düster und\nfeierlich standen die Bewaffneten, über Gesicht und\nmetallne Rüstungen flackerte das gefräßige Licht,\nleckte am Stahl der Fußschienen, zitternde Zungen\nüber den Boden nach der Nische hinstreckend. Un-\nbeweglich, gen die Wand gekehrt, kniete der\nBetende. Stumm harrten die Knechte. Klirrte an-\njetzt kein Stahlringlein am Harnisch. Selbst die\nzüngelnden, sprühenden Feuerblitze schlängelten\nsich scheu verängstigt übers gekörnte Gemäuer,\nmit leisem Knistern das Schweigen unheimlich ver-\ngrößernd.\nPlötzlich erbebte die Gestalt im Winkel des\nGelasses. Der Leib beugte sich weit zurück, die\nArme breiteten sich, die Handflächen waren ge-\nöffnet, als empfingen sie eine Gabe, das empor-\nschauende Haupt sank tief in den Nacken. In sol-\ncher Haltung, gleich einem, der an einem Früh-\nlingstag auf grünendem Feld, die Kniee in Blüten\nund Düfte gebettet, sich in die blauende Unend-\nlichkeit verzückt, vom Licht der Sonne gnaden-\nreich überströmt, schlug da der Gefangene mit er-\nstickt jubelndem „In Ewigkeit, Amen!\" das Zeichen\ndes Kreuzes — und dann wandte er sich. Wandte\nzum ersten Mal seit zwo Nächten und zween Tagen\nsein Angesicht. Ein Gottgezeichneter, so war er\nanzusehen. Getroffen vom fahlen Schein der\nFackeln schloß ihm ein Krampf die tränenverwüste-\nten, gehöhlten Augen. Wie zerknitterte Polster\nauf schwarzem Grund, also lagerten die blassen,\ngedunsenen Lider auf dunkeln Schatten. Zerfurcht\nund rissig klebte die Haut überm geschwollenen,\nfalben Fleisch der Wangen. Weit ausgreifend ins\nLeere tappten die blutlosen Hände, mühseliglich\nschob sich der Körper an der Wand um ein Weni-\nges empor. Die entkräfteten Knie versagten. Halb\naufgereckt und halb in sich zusammengebrochen\nlehnte der Leib, die Arme wagerecht am Gemäuer,\ngleich als wäre er gekreuzigt. Mit toten Augen,\nvertrockneten, gedörrten Lippen, verschwollenen\nGelenken, fiebrigem Gehirn, aber dennoch ein selig\nErlöstes im verzerrten Antlitz, so wandte sich\njener von seinem über alle Maßen erflehten Gott zu\nden Menschen.\nDer Größte unter den Männern, im Schuppen-\npanzer und breiten Schwert, den blanken Helm tief\nins schwarzbärtig finstere Gesicht gedrückt, trat\nvor. Er löste das Siegel eines gefalteten Schrei-\nbens, das Siegel Johanns des Fünften, Herzogs der\nBretagne. Aus rauher Kehle rollte wie ferner\nDonner die Verkündigung, daß nächsten Morgen\nvom weltlichen Gericht die irdische Sühne voll-\nzogen werde an Gilles de Rais durch Verbrennen\nbei lebendigem Leibe.\nDie dumpfwuchtenden Schritte entfernten sich\nwieder in den Bogengewölben der Gänge. Die\nWache warf die Riegel ins eiserne Schloß. Wir\nwaren allein. In roter Glasmuschel blakte das\newige Licht, der Rauch des Oels schwebte im Ge-\nlaß. Ein seltsam Schauerndes drang in mich ein.\nKönnte auch nie vergessen, und würde ich älter\ndenn Methusalem, wie mir zu Mut gewesen in der\nZeit des Schweigens, derweilen die Schritte ver-\nhallten. Nicht geängstigt war ich etwan ob des\nZusammenseins mit dem Furchtbaren, in dessen\nSeele und Leib Satanas sich eingenistet und dar-\ninnen gehaust bis vor wenigen Tagen, sintemalen\nich doch wußte, daß der Böse vertrieben und nur\nmehr Mensch und Mensch im Gelaß verweilten.\nAber war durch und durch erschüttert im Innersten\nvor der Gewalt des Irdischen, davon zum ersten\nMal in eng verlebten fünfundzwanzig Jahren ein\nganz und plötzlich vollendet Gefühl in mir gereift.\nWard mir auf eine nie vorher geschehene Art die\nSchwere bewußt, darein geistliche Pflicht mich ge-\nbannt, allda ich mich Gott geweiht, und ward mir\nklar erleuchtet in Gehirn und Herz, wie ich noch\nnie so recht empfunden irdische Qual oder ein\ngroßes Schicksal oder die tausendfältig ver-\nschlungenen Pfade irdischer Lust. Und bedünkte\nmich, daß auch daran Teil zu haben, ein Stück\nEwigkeit in sich bergen müßte, so Gott wie Welt,\nUnzeitlichkeit und Zeitlichkeit. Daß man zu Gott\ngelangen könne auf zweierlei Wegen, durch das\nGute und durch das Böse hindurch. Denn der\nHerr thronet über beidem. den Weg nicht prüfend,\nsondern allein das Herz, so ihn erkennt und lob-\npreist. Schauderte mir zwar davor, den Pfad des\nBüßers vor mir zu gehen, dem da Vergangenheit\nund Zukunft auf Erden greifbar scheint und be-\nwußt, nicht aber irdische Gegenwart. Diese ist ja\ndes Gottgeweihten Teil, der sie im Gebet besitzt\nund die Nähe des Ewigen darin. Aber schauderte\nhinwiederum davor — ein Sünder in meinen Ge-\ndanken, wofür ich viel Buße getan — mich heiligend\nbis zum Tod Gegenwart zu sein, ein lebendig\nGebet, ohne Erinnerung, welche Vergangenheit be-\ndeutet und weltlich Erleben, und ohne Hoffen auf\ndas Glück der Erde, welches irdische Zukunft ein-\nschließt. Bin ja auch in Wahrheit seit damaliger\nNacht, da mich aus unserem Orden das Los ge-\ntroffen, als tröstender Bruder mit dem zerknirsch-\nten Sünder zu beten, nie mehr aus den Mauern des\nKlosters gegangen denn mit den Brüdern in feier-\nlichen Prozessionen. Habe mich nach wie vor den\nstrengsten Satzungen unseres Ordens ergeben als\nda sind Bußen und Fasten und Kasteiung des wider-\nspänstigen, jungen Leibes. Verbrachte die übrige\nZeit, manch heiligen und weisen Mannes Schriften\nfein säuberlich zu kopieren, worin meine Fertigkeit\ntüchtig gebildet, auch sehr veranlagt. Wird aber\ndieses das einzige Büchlein sein, so ich selber zu\nverfassen gewillt. Sintemalen ich nichts wüßte,\nwas nicht Fürtreffliche bereits verzeichnet, uns\ndaran zu erbauen, zu belehren und zu läutern. Muß\nes wohl bei diesem sein Bewenden haben, dieweilen\nes ja gewißlich meine einzige Erinnerung bewahrt,\nso mir geworden und fürder bleiben möge, auf daß\nich nicht abirre von meinem Weg. Woraus sich\njeder von euch sein Teil ziehen möge, ihr Brüder in\nder Welt, die ihr ohne den wahrhaft beseligenden\nFrieden bewußter und greifbarer Gegenwart, erst am\nvergangenen wie künftigen Augenblick euer Dasein\nerkennend genießet, ihr ewig Begehrlichen! Aber\nvergesset nicht, daß auch ich einst über ein Kurzes\nan euerm vom Ewigen eingesetzten Leben Anteil\nerfuhr — und betet, auf daß mir die Sünde vergeben\nsei — nämlich zuerst in jener Nacht und dann, so\noftmalen diese einzige Erinnerung die als ein welt-\nlich Erleben in mir ist, mich in Gedanken sündhaft\nwerden ließ, wie auch jetzo, derweilen ich für eure\nEinkehr und euch zum Exempel Schriftzeichen\nneben Schriftzeichen gar mühseliglich auf dem\nPergamente male.\n„Bruder\"-, sagte ich und fühlte, wie eine\nStimme aus einer Gegend meines Innern quoll, von\nwannen alles Gütige, Reine, Tröstende, Gottähn-\nliche strömt, „Bruder, ich bin bei dir.\" Und trat\nganz dicht an ihn heran, dass ich den Schimmer\ndes ewigen Lichtes über dem Gesicht spürte.\nZwei bebende Arme unmschlangen meine Knie.\nDa zog ich, niedersinkend, jenen an meine Brust."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6749, "texte": "„0 Ueberstrom der Gnade\" flüsterte er über-\nwältigt, derweilen er sich an mir barg, „der mir\neinen Menschen gibt! Nach gottschauender Selig-\nkeit die Wärme eines Menschen!\"\n„Wunderbar, Bruder, ist der Wille des Herrn.\nWir wollen ihn loben.\"\n„Der Heiland selbst hat sich mir geneigt, mein\nBruder! Lag gekrümmt wie ein staubfressender\nWurm, zutiefst mich erniedrigend, Tag und Nacht\nvor ihm. Er aber, der tausendfach von mir Ge-\nschändete, wandte sich. Ich aber lechzte und\nschrie nach seinem Blick. Nicht durch seinen\nPriester allein wollte ich erlöst meiner Schuld mich\nwissen, das Wunder seiner Erscheinung musste\nmich begnadigen. So schlug ich denn die Stirn\nmir blutig am harten Stein für jede Hostie, so ich\nentweiht. Trank die Bitternis der Galle, wenn mich\ndürstete. Rief den himmlischen Vater, mir seliger\nSchänke zu sein, rief Jesum, mir Becher zu sein,\nden Heiligen Geist, Wein mir zu sein. Aber der\nströmende Kelch der Heiligen Dreifaltigkeit ver-\nsiegte vor meinen brennenden Lippen. Also gieng\nNacht und Tag und Nacht und Tag, zum Abend-\nAngelus läuteten die Glocken. Als sich die Tür\naufschloss, der Schimmer der Fackeln auf den Ge-\nkreuzigten fiel, da plötzlich, Bruder, ward ich wun-\nderbar entzücket. Der Heiland wandte mir sein\nAntlitz zu. Und wie sein göttlich Auge milde auf\nmir ruhte, nahm er die Schuld von mir und ver-\nhieß mir die ewige Gnade.\"\nSchluchzend, aufgelöst, so lag er in meinen\nArmen. Eine Ohnmacht entrückte ihn. Meinem\npochenden Zeichen gehorchte der Wächter. Hieng\nseine Fackel in den eisernen Ring, eilte geschäftig,\ndie Schläfen und Lippen des Bewußtlosen mit\nstarkem Wein zu netzen.\nKam da große Freude über mich, als er die\nLider erhob, sein ferner Blick mich verwundert\ntraf, es wie ein Hauch über seine Lippen glitt:\n„Strömender Kelch! Heilige Dreifaltigkeit.\" Hieß\nihn freundlich mit zuredenden Worten Speise neh-\nmen und karfunkelnden Wein, davon er zu Kräften\nkam. Teilte auch sein Mahl, trank aus seinem\nBecher und tat gar wohl seiner armen Seele.\nHub er an zu sprechen vom nahenden Ende\nseiner Tage, ohne jegliche Furcht, voll des Glau-\nbens an das Paradies. Da erstaunte ich ob seiner\ngroßen Frömmigkeit, die in ihm war auch in seinem\nbösesten Tun, als Satanas alles in ihm verdrehte\nwider die Satzungen Gottes. Und fand viel Gutes\nin ihm und begriff wohl, daß man ihm hätte Freund\nsein können, wie es denn auch etliche gegeben, die\nihn sehr geliebt haben.\nv „Mein Leib sehnt sich nach der Flamme, auf\ndaß er vernichtet werde zu Staub und Asche. Ich\nkenne den Tod, liebte seinen Anblick, dieweil er\nvoll Rätsel ist. Viel Sterben ersah ich. Noch ein\nKind, ward ich ans Lager meines Vaters geführt,\nder weiß und wächsern mit geschlossenen Augen\nruhte. Mußte ihn küssen zum letzten Mal, drückte\ndie Lippen auf seinen Mund, der wie kalter Stein\nwar. Verlor sich dieser Todeskuß nie mehr aus\nmeinem Gefühl. Oft wenn ich im Winter über\nSchneefelder ritt, den Blick in mich sargte, die\nLippen in die Luft wölbte, spürte ich auf ihnen den\nAbdruck von meines Vaters eisigem Mund, ersah\nzugleich das weihrauchduftende Gemach, die hohen\nKerzen, meine Mutter, die mich an der Hand hielt.\nKaum zwanzig, auf weißem Roß mit güldge-\nfranzter Schabrake, ein kostbar Seidenwams un-\nter der Rüstung, so sprengte ich in die Schlacht.\nSah, wie Einer, vom Bolzen durchbohrt, dicht ne-\nben mir lautlos vom Pferde sank. Stierte sein ver-\nglasendes Auge in die Wolken, der Mund stand\noffen wie zu erstaunter Frage. War eine Grimasse\nwie sie bei Possenreißern zu sehen, worüber man\nherzhaftes Lachen erhebt, aber war darin der uner-\ngründliche Ernst der Plötzlichkeit, davon einem die\nBegier überkam, das Geheimnis dieser Maske zu\nerforschen. Schaut so seltsam der Tod, dacht ich,\ndann will ich seiner gewahr werden. Suchte mir\nden einzelnen Feind als giengs zum Turnei, sieghaf-\nten Muts. Rannte wider einen, der sich mir stellte,\nwarf ihn. Tief drang die Lanze durchs aufge-\nklappte Visier, das Haupt an die Erde heftend.\nHatte nicht Zeit, ihn zu betrachten, mußte ins\ndichte Getümmel,.vom Kampf berauscht, hin zur\nJungfrau, welche die Fahne trug, das weiße Ban-\nner mit heiligem Bildnis. Trieben wir allda vor der\nBegeisterten die Engelländer her wie der Sturm-\nwind wirbelnd Staub und Sand über die Ebene\njagt. Einmal übers andre trug ich das Schwert\nbluttriefend aus der Schlacht. Stand dafür auch\nmit zweiundzwanzig als Marschall neben der Jung«\nFrau, als zu Rheims im Dome König Karl gekrönt\nward. Sah daselbst, wie Einer, dem der Feind\nalles geraubt, jetzo in Gewißheit des wunderbaren\nSiegs, vom Anblick des königlichen Prunks, dem\nüberirdischen Klang der Glocken, den Düften des\nRäucherwerks, den Farben der Gewänder betäubt\nund hingerissen, im Ueberschwang des Jauchzens\nvor der Jungfrau sterbend zusammenstürzte,\nröchelnd, gierig nach Atem, die Luft wie einen\nKörper mit gekrampften Fingern packend. Bis daß\ndie Augen aus den Höhlen springen gewollt, sein\nBlick sich brach. Erschien mir aber im gräßlich\nverzerrten Gesicht ganz deutlich ein Uebermaß\nvon Seligkeit, daß sich mir wieder zum ersten\nSchrecken das Geheimnis eines Ausdrucks ge-\nsellte, davon ich gern mehr gewußt als das Auge\nschaute.\nReizte mich schon dumpf als Knabe, da ich\nelf Jahre zählte, alles, was dunkel und verborgen\nschien, mit Unergründlichem belastet. Liebte über\ndie Maßen modrig duftende Schriften, in einer\nKammer des väterlichen Schlosses gehäuft, mit\nfremden Zeichen fremder Sprache. Ruhte denn\nauch nicht, bis daß ich sie zu erkennen vermocht\nund lingua Latina mir war wie meine Mutter-\nsprache, kein Wort ein verschlossenes Sigel.\nKonnte mich im Anschauen des Glanzes und der\nschillernden Farben von Edelsteinen völlig ver-\nlieren und übte mancher gar böse Kräfte an mir.\nWars nicht der Dräuende mit der Sense, der\nmirs zur Lust werden ließ, im jähen Galopp hart\nam Abgrund hinzureiten, lockte er nicht aus dem\nschäumenden Strudel, ihn zu ergründen, daß ich\nden Renner zum Sprung spornte? Jenseits starr-\nten die Knechte mit offenen Mäulern hinterdrein,\nden Schrei des Entsetzens in die verzagte Brust ge-\npreßt. Konnte mir aber nicht Rede stehen, was es\nmit mir in jenem Augenblick gewesen, da mit ge-\nblähten Nüstern und funkelnden Augen das Roß wie\nein Teil meiner selbst unter mir hinüberschnellte.\nO Bruder! Dreien Geheimnissen forschte ich\nnach und wollte mich vermessen, sie zu ergründen.\nDiese aber sind: die Liebe, so. aus allem\nströmt, was uns als Schönheit bedünkt, der Tod,\nvon dem mir Satanas predigte, daß er die letzte\nNacktheit von Liebe und Schönheit enthülle, und\nzum dritten die Gewalt des Bösen. Werde nun-\nmehr morgen in meinem sechsunddreißigsten Jahr\nin Flammen aus dieser Zeitlichkeit gehen, aber\nhabe nicht vermocht zu erforschen bis zur letzten\nNacktheit, was meine Seele und nicht, was mein\nGeist gesucht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c009", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "20", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.7", "titre_corps": "Nymphenburg", "titre_sommaire": "Nymphenburg", "signature_source": "Ferdinand Hardekopf", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.4", "debut_caractere": 6772, "fin_caractere_exclue": 8381, "texte": "Nymphenburg\nVon Ferdinand Hardekopf\nEin Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und\nTaumeln der Brust, taucht in graugedehnte,\nrasengrüne Parkavenuen.\nEs war eine Beschwörung: die Qifttapete berste,\nDie mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete)\ndie lichte Scheidekraft verstellt.\nEs quoll ein grünes Auge;\nIn Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen\nEisenbahnschienen,\nRäkelte sich Pierrot, der klügste, katholischste\nAmerikaner,\nGrau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar,\nknisternd dem Weinlaub, dem Lorbeer und\nFrauen-Nägeln.\nAus Lackschuhen, glänzendster Eremitage, plät-\nscherten die weißblauen, wolkenzarten Adern\neines sehr hellen Nervenbeins\n(Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärt-\nlichkeit!).\nEin dunkler Mund zerteilte höflich den behutsamen\nDampf.\nUnd es wurde Orphisches doziert.\nIch versank — lächelnd, vergiftet.\nDa wußte ich meine heiteren Gefahren,\nUnd, edlerer Bürde nun gewürdigt, erschloß ich mir\ndas volkgemiedne Land.\n... Schon formt sich in der Stachelhülle,\nWas schmelz-duftig, nebelreif-atmend die kältere\nErde grüßen wird;\nPrunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbäume,\nweite, bergige, spitzfindige wie die Lust (.. die\nLust ...),\nEine weiße Fontäne zischelt Medisance, Marquise\nin gepuderter Wellen-Perücke,\nDie Marmorgötter lauschen und kichern und\nschmiegen sich lächelnd aus ihren Gewändern\n(Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine\nDianens?),\nUnd, jenseits des Königsschlosses, lassen die Spie-\ngelleiber heiliger Teiche,\nSchwäne sind ihre Brüste,\nBrüste,\nSich einbetten in Festungswälle,\nRitterlich wehrende, mit galant abfallenden Schul-\ntern, Pagenschultern."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "20", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.8", "titre_corps": "Der Sattlermeister", "titre_sommaire": "Der Sattlermeister", "signature_source": "Adolf Loos", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.4", "debut_caractere": 8383, "fin_caractere_exclue": 11081, "texte": "Der Sattlermeister\nVon Adolf Loos\nEs war einmal ein Sattlermeister. Ein tüchti-\nger, guter Meister. Der machte Sättel, die so ge-\nformt waren, daß sie mit den Sätteln früherer\nJahrhunderte nichts gemein hatten. Auch nicht mit\ntürkischen oder japanischen. Also moderne Sättel.\nEr aber wußte das nicht. Er wußte nur, daß er\nSättel machte. So gut, wie er konnte.\nDa kam in die Stadt eine merkwürdige Bewe-\ngung. Man nannte sie die Sezession. Die verlangte,\ndaß man nur moderne Gebrauchsgegenstände er-\nzeuge.\nAls der Sattlermeister das hörte, nahm er einen\nseiner besten Sättel und ging damit zu einem der\nFührer der Sezession. Und sagte zu ihm: Herr\nProfessor — denn das war der Mann, da die Füh-\nrer dieser Bewegung sofort zu Professoren ge-\nmacht wurden —, Herr Professor! Ich habe von\nIhren Forderungen gehört. Auch ich bin ein mo-\nderner Mensch. Auch ich möchte modern arbeiten.\nSagen Sie mir: Ist dieser Sattel modern? Der\nProfessor besah den Sattel und hielt dem Meister\neinen langen Vortrag, aus dem er immer nur die\nWorte „Kunst im Handwerk\", „Individualität\",\n„Moderne\", „Hermann Bahr\", „Ruskin\", „ange-\nwandte Kunst\" usw. usw. heraushörte. Das Fazit\naber war: Nein, das ist kein moderner Sattel.\nGanz beschämt ging der Meister davon. Und\ndachte nach, arbeitete, und dachte wieder. Aber so\nsehr er sich anstrengte, den hohen Forderungen\ndes Professors nachzukommen, er brachte immer\nwieder seinen alten Sattel heraus.\nBetrübt ging er wieder zu dem Professor,\nklagte ihm sein Leid. Der Professor besah sich die\nVersuche des Mannes und sprach: Lieber Meister,\nSie besitzen eben keine Phantasie.\nJa, das war's. Die besaß er offenbar nicht.\nPhantasie! Aber er hatte gar nicht gewußt, daß\ndie zum Sättelerzeugen notwendig sei. Hätte er\nsie, so wäre er sicher Maler oder Bildhauer gewor-\nden. Oder Dichter oder Komponist.\nDer Professor aber sagte: Kommen Sie mor-\ngen wieder. Wir sind ja da, um das Gewerbe zu\nfördern und mit neuen Ideen zu befruchten. Ich\nwill sehen, was sich für Sie tun lässt.\nUnd in seiner Klasse schrieb er folgende Kon-\nkurrenz aus: Entwurf für einen Sattel.\nAm nächsten Tage kam der Sattlermeister\nwieder. Der Professor konnte ihm neunundvierzig\nEntwürfe für Sättel vorweisen. Denn er hatte zwar\nnur vierundvierzig Schüler, aber fünf Entwürfe\nhatte er selbst angefertigt. Die sollten ins „Studio\".\nDenn es steckte Stimmung in ihnen.\nLange besah sich der Meister die Zeichnungen\nund seine Augen wurden heller und heller.\nDann sagte er: Herr Professor! Wenn ich so\nwenig vom Reiten, vom Pferde, vom Leder und\nvon der Arbeit verstehen würde wie Sie, dann hätte\nich auch Ihre Phantasie!\nUnd lebt nun glücklich und zufrieden.\nUnd macht Sättel. Moderne? Er weiß es nicht.\nSättel."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "21", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.9", "titre_corps": "Die neu inszenierte Theatermoral", "titre_sommaire": "Die neu inszenierte Theatermoral", "signature_source": "Felix Stössinger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.4", "debut_caractere": 11083, "fin_caractere_exclue": 11606, "texte": "Die neu inszenierte Theatermoral\nVon Felix Stössinger\nDa Herr Nissen konsequent den Kampf der\ndeutschen Schauspieler um materielle Güter durch\ndas Pathos des Moralisten diskreditiert, sind einige\nabwehrende Worte notwendig. Sie bekämpfen ihn,\naber auch die Don-Quijoterie der Frauen und\n„freien\" Studenten, die, statt Sturm gegen einen\ndemagogischen Moralisten zu laufen, mit ihm ins\nFeld ziehen, die Unmoral auszurotten. Die\nWorte gehen also gegen den Geist, nicht gegen das\nnotwendige und wünschenswerte Ziel derßewegung."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6376, "texte": "Natürlich ist es ein Zeichen des Fortschritts,\ndaß die Schauspieler den Wirtschaftssinn der Zeit\nerkannt haben. Sie leben außerhalb des Gesetzes\nund sind der frechsten Willkür ihrer Lohnherren\nausgesetzt. Sie werden miserabel bezahlt und\nmüssen ihren Idealismus noch billiger als deutsche\nSchriftsteller verkaufen. Sie sind zur Bühne ge-\ngangen, daß dort alles von ihnen abfalle, und der\nKörper frei und streng auf der wogenden Fläche\nihrer Gefühle stehe, und bekommen nun nicht ge-\nnug, diesen Körper zu ernähren.\nDoch fortan sollen sie diesen Körper auch nicht\nmehr frei verwalten dürfen.\nEs ist reaktionär, genossenschaftlichen Geist\nzu verachten. Aber fortschrittlich ist es, den Geist\ndieser Genossenschaft zu verhöhnen. Die bürger-\nliche Existenz hat Goethe nicht gehindert, den\n„Faust\" zu beendigen, aber die Not ließ Mozart\nHungers sterben, und seiner kalten Hand entfiel die\nFeder, die das Lacrymosa schrieb. Die bürger-\nliche Existenz sichert das geistige Leben. Sie ver-\nnichtet es nie. Sie vermindert nur den Ruhm\njener, die auch ohne den Hunger nichts geleistet\nhätten. Der Hunger rettet unter allen Umständen\ndie Gloriole. Deswegen wird er meistens ge-\npriesen.\nDie Genossenschaft verlangt natürlich mehr,\nals sie braucht. Den Schauspielern geben, was sie\nwollen, hieße die Direktoren vernichten. Ohne\nUmsturz unserer Gesellschaftsordnung würde es\nnicht gehen. Herr Nissen will aber vorläufig nur\ndie Unordnung zwischen den Geschlechtern be-\nheben.\nIn diesen geschickt inszenierten Kämpfen um\nmaterielle Hebung des Standesgefühls wurde das\nSchlagwort Prostitution am lautesten erhoben.\nWenn wir Bürger werden wollen, dachte sich\nNissen, müssen wir die Bürger gewinnen. Und\nschlafen die sozialen Instinkte, so wachen doch die\nmoralischen.\nHerr Nissen ruft also die Moral zur Besserung\nder Gagen auf. Er bekämpft die niedrigen Gagen,\nweil sonst die Moral verdirbt. Eine Hand wäscht\ndie andere.\nHerr Nissen will zunächst verhindern, daß eine\nSchauspielerin ihre Liebe verkauft, um leben zu\nkönnen. Herr Nissen will verhindern, daß eine\nSchauspielerin aus dem Golde ihrer gebenedeiten\nSchönheit Gold schlägt, um schönere Kostüme\nbesitzen zu können. Herr Nissen will verhindern,\ndaß eine dem Direktor gefällige Schauspielerin\nbessere Rollen spielt als die ihm ungefällige. Herr\nNissen will verhindern, daß der Direktor nur ein\nMensch ist und will ihm verbieten, sich von einer\nFrau, mit der er täglich in Berührung kommt, ver-\nführen zu lassen.\nHerr Nissen will mit einem Wort die Weltord-\nnung umstürzen. Er hatte zwar die Frauen als\nNächstbeteiligte bisher gar nicht gefragt, ob die\nProstitution abgeschafft werden soll. Aber er hat\nsich ihre Antwort wohl denken können. Die häß-\nliche Majorität, die gegenüber der schönen Minori-\ntät einfach nicht mitkam, hätte zugestimmt und die\nweniger wahrheitsmutige Minderheit hätte nicht\ndie einzig aufrichtige Antwort gegeben: Wir wollen\ndas Ding, aber nicht den Namen, der es ver-\nschandelt.\nEs ist wahr, daß viele Schauspielerinnen früher\nvon der Not als vom Temperament der Liebe zu-\ngeführt werden. Deren Liebe ist allerdings Prosti-\ntution. Aber ihr Mangel an, Feuer macht sie für\nihren Beruf ebenso ungeeignet wie für die Liebe.\nSie weichen vor der rohen Gewalt des Lebens ins\nHimmelreich des Liebens und erleiden die Alltags-\ntragik einer unglücklichen Berufswahl. Für sie\nallein wird von Nissen gekämpft: für die Moral der\nUeberflüssigen; gegen die Prostitution der Ueber-\nflüssigen.\nDenn das muß man Herrn Nissen eindringlich\nwiederholen: solange es Frauenarbeit gibt, wird es\n„Prostitution\" geben. Solange die Frau den Beruf\nmit Männern teilt, und solange Frauen Frauen und\nMänner Männer sind, wird sich das Geschäftsleben\nnie ganz vom Geschlechtsleben trennen lassen.\nHat die Natur der Frau geschenkt, zu geben und zu\nversagen, so wird die Frau ihr Vorrecht der Schön-\nheit immer im freien Körperwettbewerb gegen die\nreizlosere Frau ausspielen. Und ist ihre Hingabe\naus Ehrgeiz an einen ungeliebten Mann nicht wah-\nrer Idealismus? Wohl ist es ein gemeines Macht-\nmittel des Direktors, die Rolle dem Leib zu ver-\nkaufen. Aber das freiwillige Angebot der Frau\nkommt ihm, gepanzert gegen das eigene Ge-\nschlecht, mit einer Waffe entgegen, die sich die\nSchönere nie entreißen lassen wird. Sagen hundert\nniedrige Männer: „Sie wollen die Rolle! Wohl-\nan, hier ist mein Schlafzimmer\", so sagen hundert\nehrgeizige Frauen: „Hier ist mein Schlafzimmer!\"\nUnd denken, „nun muß er mir doch die Rolle\ngeben!\" Aber Herr Nissen sieht das nicht ein,\nverlangt von den Direktoren in solcher Notlage\nschlimmstenfalls Zechprellerei und rechnet auf De-\nnunzianten und Hysterikerinnen, die ihm schon\nSchuldige zuschanzen werden.\nHerr Nissen hätte also zunächst nicht den Di-\nrektoren die Nachfrage, sondern den Schau-\nspielerinnen das Angebot zu verbieten. Wenn\nmanches arme Mädchen vor soviel Macht, so ist\nmancher arme Direktor vor soviel Schönheit wehr-\nlos, und in diesem Konkurrenzkampf um Rolle und\nLiebe wird immer das entscheiden, was Nissen und\ndie Pfeiffer nach seiner Flöte schamloserweise\nProstitution nennen.\nAber Herr Nissen bekämpft nicht nur die Prosti-\ntution wegen zu kleiner Rollen, sondern auch die\nProstitution wegen zu kleiner Gagen, und hier be-\nginnt er, einem Komödiendichter großen Stiles\ndankbare Stoffe vorzuspielen. Er kompromittiert\ndas gute Schauspielerrecht auf bessere Behandlung\nmit einer Moral, die nicht aus dem Wölken-\nkuckucksheim, sondern einfach aus Böotien\nstammt, und will uns einreden, daß die Direktoren\nüberhaupt soviel zahlen können, daß diese soge-\nnannte Prostitution überflüssig werden wird. Wenn\ner es bisher glaubte, so wird er nun, nach dem am\neigenen Leib erlebten Bankerott, selbst zu zwei-\nfeln beginnen. Aber was kümmert das uns? Seine\nMoralphrasen fälschen die großen Züge der Bewe-\ngung und schaffen der Führung, nicht dem Ziel des\nKampfes Feinde. Deswegen müssen sich alle\nFreunde der guten Schauspielersache gegen ihn und\nseine Anhänger verbünden. Eine Staubwolke auf-\ngewirbelter Unsittlichkeiten umhüllt den entrüste-\nten Weltverbesserer und aus ihr tönt seine Stimme,\ndie den Schauspielerinnen die Not begehrlich\nmachen will, die beten lehrt. Eine liebe Stimme\nund rührende Harmonie aus Bellamys zweitem\nJahrtausend. Aber bis dahin werden sich die be-\ndürftigen und schönen Frauen des Theaters und\naller anderen Berufe noch immer für die Not, die\nheben lehrt, entscheiden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c012", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "21", "page_fin": "22", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.10", "titre_corps": "Theater", "titre_sommaire": "Theater", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.5", "debut_caractere": 6378, "fin_caractere_exclue": 12587, "texte": "Theater\n\nInsbesondere „Judith“\nEs steht heute fest: Die Vollendung Hebbels\nsind nicht die Hebbel-Fortsetzer, die Vollendung\nHebbels ist Jbsen. Genie ist nicht mehr (oder nicht\nnur) Objektivität, sondern Intensität. Ibsen hat den\nWeg des Psychologen Hebbel beschritten und auf\ndiesem Wege als erster Dramen, genauer Theater-\nstücke gedichtet. Er hat die undramatische, anti-\ntheatralische Charakterisierung der handelnden Per-\nsonen und die (ebenso undramatische) Motivierung\nihrer Taten in den geheimsten Falten des Dramas\nversteckt, und die Handlung — freilich eine ganz\nneue Art Handlung — auf die Oberfläche gebracht.\nEr hat den Monolog ermordet und die nahen Ver-\nwandten des Monologs, den Vertrauten und das\nBeiseitesprechen verbannt und er hat seinen Ge-\nschöpfen verboten, ihre Mitgefühle zu charakteri-\nsieren, wenn sie damit nicht gleichzeitig der Hand-\nlung dienten.\nWill man nun Ibsen nicht aufführen, will man\nein literarhistorisches Experiment machen und\nHebbel oder seinen verstorbenen und lebenden Epi-\ngonen (pardon: Fortsetzern) durchaus auf die Bühne\nhelfen, so muß man ihre toten Psychologismen in\nDialogform durch Zurückdrängung der Elemente,\ndie der große Theatraliker Ibsen beseitigt hat, und\ndurch kraftvolles Vorschieben der Handlung — bei\nHebbel selbst im Sinne Ibsens — mit dramatischem\nLeben zu erfüllen versuchen.\nMan braucht nicht erst Hebbels Tagebücher zu\nlesen, um zu erfahren, daß gerade Judith ein völlig\nphantasiearmes Stück berechnender Psychologie ist.\nWem erbebte nicht das Herz vor Mitleid, wenn er\ndie Hilflosigkeit sieht, mit der im ersten Akt Holo-\nfernes durch kleine Episoden und große Monologe\nsich selbst charakterisiert, um die Tat der Jüdin\nnotwendig zu machen:\n„Ich bin Mene-Laus der Gute, Laus der Gute,\nLaus der Gute . .\nWenn im zweiten Akt Judith vortritt und er-\nklärt: Da ich den Holofernes im Schlußakt, nachdem\ner Herr meines Leibes gewesen, ermorden muß, so\njmuß ich Jungfrau sein, denn „nur aus einer jung-\nfräulichen Seele kann ein Mut hervorgehen, der sich\ndem Ungeheuersten gewachsen fühlt'4 (Tagebücher\nBd. II Nr. 1872); „Aber — eine jungfräuliche Seele\nkann alles opfern, nur nicht sich selbst\" (ebendort),\ndeshalb muß ich zwischen Jungfrau und Weib in der\nMitte stehen und erlaube mir, die Geschichte meiner\nseltsamen Ehe zu erzählen. Endlich die Volks-\nscenen im dritten und fünften Akt, die dem Drama\nnicht weiter nützen, als darin, daß sie Darstellungen\nder Volksstimmung geben — seit Ibsen unerlaubt,\ndaher auf der Bühne heute ungewohnt —, in die\nJudith an den verkehrtesten Stellen eingreift.\nMax Reinhardt mußte diese Judith reizen.\nWenn auch eine Unzahl fachunverständiger En-\nthusiasten Reinhardts Schöpfungen über die Maßen\npriesen, sechsunddreißig Stunden nach jeder Pre-\nmiere des deutschen Theaters brachte es die Sonne\n(verzeihen Sie, Herr Doktor, die grobe\nSchmeichelei) in den „Tag\": „Direktor Reinhardt\nversteht nichts vom Komödie-Spielen.\" Und auch\nwir zwei oder drei weniger genannten Kritiker er-\nhoben unsere Stimmen und erklärten: Direktor\nReinhardt versteht nichts vom Komödie-Spielen.\nUebermenschliche Arbeit kann ohne das konzen-\ntrierende Genie kein Kunstwerk schaffen; der Auf-\nwand an Dekorationen, mögen die Entwerfenden\nnoch so gut ausgesucht sein, kann den völligen\nMangel an Innenregie nicht verdecken.\nMax Reinhardt konnte diese Judith reizen.\nHier mußte er zeigen, daß er nicht nur der In-\nspizient seines Theaters sei. Bei der Judith stand\nund fiel alles mit der Innenregie. Und alles fiel.\nEs war seit Reinhardts Faust die unerhörteste Zu-\nmutung für den kritischen Zuschauer. Im Faust\nkonnte man entschuldigen: das Interesse an der\nNeuartigkeit der Ausstattung, der schwere erfolg-\nlose Kampf gegen die Statisterie nahm die Kraft des\nRegisseurs so in Anspruch, daß er darüber vergaß,\nden Faust zu inscenieren. Aber worüber will er\ndie armseligen drei dramatischen Momente der\nJudith vergessen haben? Etwa über den modernen\nInletstoffen, die das gnädige Fräulein angeblich\ngewebt hatte? Oder über den drei farbenarmen\nTeppichen aus dem Kaufhaus des Westens, in dem\nim teppichreichen Osten gelegenen Zelte des\nHolofernes?\nEs gibt nämlich eine Art, wie man jedes mög-\nliche Leben, das aus der blutlosen Gedankenfülle\nund psychologischen Unerbittlichkeit dieses dra-\nmatischen Zwitterwesens emporächzt, im Mutter-\nleibe töten kann: Man nimmt seiner Seele Kriegs-\nlärm, seinem Körper die dritte Dimension. Also\nwird es am schnellsten eine groteske Karikatur\nseiner selbst. Um dies zu erreichen, strebte Rein-\nhardt nach möglichster Annäherung an die Wir-\nkungen der Reliefbühne. Er ignoriert zum Beispiel\ndie wichtige Vorschrift des ersten Aktes: „Das\nLager des Holofernes. Vorn, zur rechten Hand, das -\nZelt des Feldhauptmanns. Zelte. Kriegs-\nvolk und Getümmel. Den Hintergrund\nschließt ein Gebirge, worin eine Stadt sichtbar ist.\"\nWie kann man die Sinnlosigkeit rechtfertigen, auf\ndas Soldatenmilieu und auf das Kriegsgetümmel zu\nverzichten? Worin sollen denn die Reden des\nHolofernes sonst untergehen? Im zweiten Akt\nsitzen Judith und Mirza nicht am Webstuhl, sondern\nlaufen umher und wechseln angstvoll die Plätze, als\nob sie im Augenblick etwas ganz anderes vorhätten,\nals sich Geschichten zu erzählen. Und wie anders\nsoll die gute Rezitation der Durieux dramatisch\nmöglich gemacht werden, als durch die Einförmig-\nkeit der Arbeit des Webens? Nie aber sah noch\nmein Auge oder meine Phantasie ein vor Hunger,\nDurst und Angst fast wahnsinniges Volk so sinn-\nund zwecklos, so unbekümmert um die Darsteller\nder Sprechrollen die Kulissen mit so spiralförmig\nverbogenen Armen durchschlafen wie bei dieser\nSchandkomödie im ersten Theater Berlins.\nUnd wiederum konnte man mit dem immer\ndeutlicheren Bewußtsein diesen Tempel der Kunst\nverlassen, daß man aus dem Hause eines reichen\nMannes ging, der seine eigene trostlose Leere in der\nEinrichtung seiner Zimmer, die er sich von Pro-\nfessor Bruno Paul entwerfen ließ, zu ertränken\nsucht. Sigmund Kalischer\nDer Eisenbahnräuber\nVielleicht gehe ich selbst noch einmal in den\nSchwank, sein Humor hat doppelte Lebenskraft,\nman kann sich zweimal totlachen. Es fällt mir gar\nnicht ein, den Inhalt des kleinen Lustspiels zu ver-\nraten, nur möchte ich seinen famosen Darstellern"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1591, "texte": "für den schönen Abend und vor allen Dingen den\nAutor Fritz Gräbert für den lustigen Streich dan-\nken. Arthur Winckler spielte den ehemaligen\nBäckermeister August Pickenbach mit Ro-\nsinen und Korinthen und allen außergewöhnlichen\nZutaten. Emmy Dittmar, allerdings eine Schul-\nreiterin, in die man sich verlieben kann. Frau\nMeyer (Rosa Schäffel), man soll sich noch so eine\ngute Wirtin suchen! Es war ein lachendes Zusam-\nmenspiel, ein Tanz, leichtfüßig, ein Walzer: An der\nblauen Donau, wenn auch der erste Aufzug in Ost-\nende an der Nordsee spielt und der Herr Rentier\nBäckermeister Pickenbach auf Berliner mir und\nmich der neuen Bekanntschaft beim Sekt sein Mehl-\nherz ausschüttet. Man kommt nicht aus dem Lachen\nheraus, der traurigen Jungfrau Sentimentalität ist\nder Eintritt verboten, der Autor hat die banale\nTochter zu Hause gelassen, er ironisiert selbst den\nKuß. Er mag nicht eines Kusses wegen\neinen Augenblick Lachen einbüßen. „Skool!\" ruft\nmein Nachbar. Er ist Schwede. Ein Liebespaar,\nzwei Turteltauben, stehn doch sonst immerwo im\ndritten Akt, gefüllt oder ungefüllt, am Nischenfen-\nster und girren im frischesten Lustspiel geheuchelte\nSehnsucht. Meine Angst war also hier vergebens.\nUnd mich belustigt ungestört der ungeschlachte,\nwollige Liebhaber Maler Hans Wegemann (Carl\nWessel), es blieb ihm jedes Wort im Hals stecken,\nbis er zum beißenden Hammel ausreifte unter der\nLeitung seiner Backfischbraut Marie, der Tochter\nPickenbachs (Grete Kroll). Die vielen Hände, die\neinen Wirbel klatschten, waren nicht zu übersehen.\nAufführung im Bernhard Rose-Theater\n\nElse Lasker-Schüler"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c013", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "22", "page_fin": "22", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.11", "titre_corps": "Von der Wolke, welche so gern hätte regnen mögen", "titre_sommaire": "Von der Wolke, welche so gern hätte regnen mögen", "signature_source": "Mynona", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.6", "debut_caractere": 1593, "fin_caractere_exclue": 6854, "texte": "Von der Wolke, welche so gern\nhätte regnen mögen\nVon Mynona\nAch! Wie zufrieden war die Welt. Gelber Son-\nnenschein lag wie Eiersauce überall ausgegossen.\nDie Kühe grasten, der Himmel war ein einziges\nbreites Lachen. Eine Menge Rosenlauben plau-\nderten mit der leichten Luft ins Gelage hinein.\nGreise wandelten mit sanften grauen Köpfen. Alte\nFrauen falteten die Hände überm Schoß und saßen\nda wie aus Lebkuchen gebacken. Und ein ganz\nkleines, unschuldiges Kind nieste in einer so aller-\nliebsten Weise, daß ein Huhn in die Höhe flog und\nnervös zu gackern begann, alles war im Einklang,\nselbst ein Trunkener, der hin und her torkelte,\nwirkte so verzeihlich, so glücklich, so idyllisch,\ndaß ohne ihn an allem noch das Beste gefehlt hätte.\nDa zog hinterm Berge leise und langsam, wie\nsich selber besinnend und halb zögernd, von einem\nzahmen Winde getrieben, eine lose hellgraue Wolke\nauf. Sie warf ihren matten Schatten über alle die\nfröhlichen Dinge unmerklich mißmutig hin, und mit\ndiesem Schatten dachte sie selbst über das ganze\nGlück dieser schönen Gegend nach. Ihre Gedanken\nliefen aber alle darauf hinaus: Wo könnte ich am\npassendsten niedergehen? Mit gleichgültiger\nTrauer in ihrem suchenden Blick streifte sie über\nalles weg; der Wind stieß sie aufreizend an und\nblies in ihre hohlen Ohren: hier, hier, hier! Aber\nsie ließ sieh nicht beirren, sondern suchte, suchte.\nSelten gab es eine so zweifelnde, so überaus ge-\nwissenhaft abwägende Wolke. Soll ich oder soll\nich nicht, schwankte sie fortwährend und wurde\nbald dünner, bald dichter. Unten streckte Rentner\nLebehoch seine kluge Hand aus und rief dem\nBäcker Dudelsack mit wohlsituierter Stimme zu:\nHerr Nachbar, das gibt keinen Zuckerguß. Die\nWolke versuchte, wie man an ihrem Schatten\nmerkte, flüchtig zu lächeln; sie putzte gerade der\nSonne die herrliche Nase; wobei die Sonne mit den\nAugen blinzte, so daß die ganze Gegend mit einem\nMale aussah, wie wenn sie einen geistreichen Ein-\nfall hätte; bald darauf war sie wieder glücklich wie\ndas Schlaraffenland. Nur unglücklich fühlte sich\ndie Wolke mit ihrem zaudernden Willen, niederzu-\nregnen. Eine nachdenkliche Wolke ist sehr selten.\nDas ganze Geheimnis, zu regnen, besteht ja eben\nbloß darin, daß man resolut, so stark man gerade\nkann, niederregnet, ohne sich — das ist die Haupt-\nsache! — aus der Wirkung auf das zu Beregnende\netwas anderes zu machen als eine lustige Kurz-\nweil oder einen lustigen Zorn. Gekitzelt wurde\nwohl die Wolke zu jenem, gestachelt zu diesem;\naber mit ihrem Schatten alles Untere zart berüh-\nrend und prüfend, erhielt sie sich in ihrem gräm-\nliehen Gleichgewicht. Weder die glatten, schim-\nmernden Rücken der Kühe, die sie sonst mit ihrem\nDämmer streichelte, noch das kleine Kindchen im\nWagen, dem sie die helle Stirn ein wenig trübte,\nnoch Pastor Blotegel, der stets ein wahrer Fest-\nschmaus für hungrige Wolken war, lockten sie zur\nAuflösung. Sondern, angesteckt vom allgemeinen\nFrieden, begann die Wolke sentimental zu werden:\nsie genoß und sog in sich ein dieses ganze Idylli-\nsche allenthalben und empfand als den einzigen\nStörenfried allein nur sich. Sie sah die Kuh Klau-\ndine und erschrak bei dem bloßen Gedanken, die-\nsem ehrwürdigen Tier die Douche geben zu sollen.\nDer Wind, der Mephistopheles der Wolken, war\naußer sich: Gemüt bei einer Wolke, zischelte er,\nist wie Käse in Form eines Maiglöckchens. Die\narme Wolke wurde düster und ließ aus Zerstreut-\nheit dem Blotegel einen Tropfen auf die Nase\nfallen, so daß dieser aufsah und salbungsvoll\nsprach:\n„Oh himmlisches Naß, verschone noch deinen\nDiener, bis daß er den Fußsteig über den Bach zu\nseinem Hause zurückgelegt!\"\nSie ließ ihn hinübergehen und stand eine Weile\nstill, ein kleiner Blitz fuhr in ihr Auge und ver-\nschwand, sanftmütig setzte sie ihren trostlosen\nWeg fort. Man glaubt ja immer, die Sonne küm-\nmere sich um nichts und lasse ihr Licht leuchten,\nohne sich viel Gedanken darüber zu machen, wo-\nhin es falle. Das ist ein Aberglaube. Zum Beispiel\ndie Wolken kennt die Sonne alle beim Namen. Wie\noft macht sie sich ein Vergnügen daraus, sie an den\nHaaren zu sich emporzuheben, sie zu küssen, um\nsich an ihrm Naß den Durst zu löschen und sie dann\nwieder loszulassen. Die Sonne, die sich heute be-\nsonders wohl fühlte, faßte die Wolke zart an, aber\ndurch diese ging ein Schauern, sie schmiegte sich\ndicht an sie an und bat: liebste Tante, du bist viel-\nleicht mit daran interessiert, daß ich diese glück-\nliche Gegend unten nicht einmansche. Bitte, darf\nich ausnahmsweise einmal nach oben regnen?\nDa lächelte die Sonne so sehr, daß der Wind\nseine Flügel faltete und still wie eine Eule am Tage\ndasaß. Und holte aus ihrer Tasche einen strahlen-\nden Kamm: Frisiert mußt du werden, mein Töch-\nterchen, ehe du in den Himmel hinaufgehst. Und\nsie kräuselte ihr das feuchte Haar in zierlich rie-\nselnde Wellen, streute auch das feinste Flimmern\ndarauf aus, von unten war es so schön anzusehen,\ndaß alle Schulkinder die Nasen sehr hoch hoben:\ndies war der letzte Anblick, den die Wolke hatte,\nder sie auch zu Tränen rührte: so geriet sie denn\nin immer tieferes Weinen, löste sich ganz darin auf,\ntat noch einen himmlischen Atemzug und floß in\ndiesem durch das Sonnenlicht ganz verklärt in den\nblauesten Himmel hinauf. — Wolken sind sehr\nselten so gefühlvoll."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c014", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "22", "page_fin": "22", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.12", "titre_corps": "Glossen", "titre_sommaire": "Glossen", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.6", "debut_caractere": 6856, "fin_caractere_exclue": 10274, "texte": "Glossen\nAlfred Döblin\nMenagerie Richard Strauss\nDie Londoner Blätter berichten über die von\nRichard Strauß geleitete Probe zur Elektra: „Bis\nzur letzten Note preßte er die Musiker aus, so daß\nsie endlich erschöpft und mit Schweißtropfen auf der\nStirn in ihre Stühle zurücksanken. Dann fragte\nStrauß, ob sie jetzt zu Mittag essen wollten, aber\ndie Leute hatten Feuer gefangen und erklärten, mit\neiner zehn Minuten langen Pause zufrieden zu sein.\nEr soll bei einer nicht stürmisch genug gespielten\nStelle den Musikern zugerufen haben: Spielen Sie\ndas nicht wie Gentlemen, sondern wie rasende\nTiere. — Den Trompetern, — es waren vier, —\nließ er durch seinen Dolmetscher sagen, sie sollten\nwie vierhundert Mann blasen. Sie bliesen, aber\nStrauß rief ihnen zu, das seien nur zweihundert.\nSie bliesen wieder, sie bliesen, wie sie nie zuvor ge-\nblasen hatten.\" Es berechnen bekanntlich auch\nsonst die Musiker den Wert der Musik wesentlich\nnach ihrer schweißtreibenden Kraft, und nach An-\ngabe unserer Kapazitäten soll besonders Straußsche\nKunst wesentlich geeignet sein zur Behandlung\nder Fettsucht und Harnverhaltung. Aber be-\ndenklich macht doch ihre appetitschädigende Wir-\nkung. Ich weiß nicht, ob diese Wirkung dadurch\nausgeglichen wird, daß sie scheinbar nur bei anti-\nnationalen Engländern hervortritt; (— ist Strauß\nvom Flottenverein geschickt? —) Uebrigens wird\nuns etwras mitgeteilt, was das Genie unseres\nMeisters doch in hellem Lichte zeigt: er ist nun-\nmehr mit Hagenbeck in Verbindung getreten und\nbeabsichtigt, seine Aufführungen in Zukunft in\nMenagerien abzuhalten. Aus dem sensationellen\nWaschzettel ziehen wir aus:\n1. Die wilden Weiber oder griechisch-syrischer\nBauchtanz mit Krampfzuständen der Becken-\nmuskulatur. 2. Akute Lungenblähung, Ballade aus\nCovent Garden mit Rentenverfahren. ' 3. Der musi-\nkalische Schweißfuß. 4. Vier Gentlemen als zwei-\nhundert Seelöwen. 5. Vier Gentlemen als vier-\nhundert Seelöwen. 6. Vier Gentlemen als acht-\nhundert Brüllaffen. Verwandlung (erstaunlich!)\nSchlußchor: „Wie oder was blasen die Trom-\npeten?\" aus „Tod und Verblödung.\"\nSchaufensterbelustigung\nDer Verband Berliner Spezialgeschäfte beab-\nsichtigt eine höhere Fachschule für Schaufenster-\ndekoration einzurichten. Damit wird etwas einge-\nführt, was wir schon immer erhofften und was als\nletzten Zweck hat den Ersatz des Zweckmäßigen\ndurch das Wohlgefällige. Nachdem man endlich\ndavon abgegangen ist, plump seine Verkaufsgegen-\nstände vorzuführen, kommt unser Standpunkt zur\nGeltung mit der Devise: Die Kunst im Leben des\nButtergeschäfts. Einige Geschäfte planen kine-\nmatographische Darbietungen aus der Prärie und\nUmgegend; die großen Warenhäuser wollen Ring-\nkämpfe bieten; ein Käsegeschäft bringt: der kleine\nJacobsohn, sein Gedächtnis, sein Anhang und die\nMaulsperre. Um die Illusion zu vollenden, wollen\ndie einzelnen Geschäfte ihre Schilder vertauschen\nund zwar wöchentlich in einem bestimmten Turnus.\nMan bezweckt damit auch, das Publikum in Ge-\nschäfte zu führen, in welchen es nichts zu suchen\nhat; es belehrt sich dabei und kommt aus dem\nWundern nicht heraus.\nDer Verband Berliner Spezialgeschäfte erhofft\nsich, wie er uns in einem Comunique mitteilt, von\ndieser Neuerung eine bedeutende Belebung des\nVerkaufsbetriebes und wird sie, auch bei fehlendem\nEntgegenkommen des Publikums, eventuell unter\nSperrung der Geschäftsräume durchführen, ein\nPlan, in welchem ihn Herr Jagow sicher unter-\nstützen wird."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c015", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "22", "page_fin": "22", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.13", "titre_corps": "Unsere Lieblinge : I / Verse des Herrn Doktor Rudolf Lothar", "titre_sommaire": "Unsere Lieblinge : I / Verse des Herrn Doktor Rudolf Lothar", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.6", "debut_caractere": 10276, "fin_caractere_exclue": 11960, "texte": "Unsere Lieblinge\nI / Verse des Herrn Doktor Rudolf Lothar\nDie sehr komische Oper „Das Tai der Liebe\"\nhat die Erde ohne grosse Austrengung mit sanftem\nBeben verschlungen. Doch den Text spie sie\nentsetzt wieder aus. Einiges Unkraut habe ich\naufgelesen.\nDie Markgräfin, als sie in einem Grenadier den\nGeliebten derjugend, einen Schweinehirten wieder-\nerkennt:\nAllein in meinem Herzen drin,\nDa höre ich noch früh und spat\nDie Lieder der Kinderzeit.\nIch seh' mich noch in kurzem Kleid,\nIch seh' dich noch mit nackten Beinen\nMit deinen Schweinen.\nLisbeth, eine Amme, die dem verschollenen Gelieb-\nten nachtrauert:\nMein Hans allein, der kam noch nicht,\nMein Hans, der kam nicht wieder.\nVergessen hat er Lieb' und Pflicht,\nVergessen unsre Lieder.\nDiese Lieder lernt man leider nicht kennen. Sie\nliegen ihr aber sehr am Herzen. Als ihr Geliebter\ngefangen fortgeführt wird, bemerkt sie:\nUnd muss es nun geschieden sein,\nMein Hans, du kehrst ja wieder,\nUnd bleib' mir treu, gedenke mein,\nGedenke unsrer Lieder.\nVergiss im Schloss dein Mädel nicht,\nZu eng wird mir das Mieder!\nIch habe die starke Vermutung, daß Lisbeth nur aus\nReimnot so auf die Lieder versessen ist. Ich mache\ndaher Herrn Doktor Lothar vorläufig auf die Worte\nGefieder, bieder und Seifensieder aufmerksam.\nDer Hymnus auf die Tätigkeit der Ammen sollte\naber Gemeingut des deutschen Volkes werden.\nHier stehe er zum Auswendiglernen:\nWir speisen und tränken\nDas Menschengeschlecht,\nDrum soll niemand kränken\nDer Ammen Recht.\nDie Liebe schuf\nUnseren Beruf. —\nUnd für Freunde der Klapphornpoesie seien zum\nguten Ende noch zwei Verse hingesetzt:\nAn meinen Schultern lehnt' dein Köpfchen,\nDa küssf ich dich aufs blonde Zöpfchen.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c016", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "23", "page_fin": "23", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.7", "debut_caractere": 133, "fin_caractere_exclue": 447, "texte": "Malschulen\nf'- • ■ M|nmmi|Mlm Hlf—lM 1 mil IHHHBIIIIMMII Will ■■■HIWIIIH MlHlimiJl -L.LIH.U-LIMIM-IJLIHI .._L\nStudien=Atelier\nBerlin W. 30, Habsburgerstr. 11\nAkt-Kopf-Kostiim :: Zeichnen ::\nMalen :: Modellieren Stilleben\n:: Komposition :: Abendakt ::\nAb Juli Akt, Landschaft an der See\nProspekt durch Moritz Melzer"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c017", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "23", "page_fin": "23", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.7", "debut_caractere": 449, "fin_caractere_exclue": 733, "texte": "Malschule\nMuller-Schoenefeld\nAtelier Charlottenburg* 111\nSchillerstr. 3\nVormittag: Portrat u. 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Kiinstler-Entwurfen\nVEREINIGTE SM YRN ATEPPICH FABRIKEN i\n........ (ZENTRALE: BERLIN C 2, BURG-STRASSE 24) in ihren Fabriken\ni 5 SCHMIEDEBERG i. R. - COTTBUS - HANNOVER-LINDEN I I\nB ■ a\n■■■■■■■■ aus selbstgesponnenen reinen Garnen, in luft- und lichtechtesten Farben i\nMechanisch gewebte hochflorige Smyrna-Teppiche\n:: :: :: :: :: :: nahtlose Breite bis zu 6 Meter bei beliebig-er Lange und Farbenstellung :: :: :: :: :: ::\nKNUPFTEPPICHE Metr Haargarn-Lauferstoffe\nIN JEDER STILART, FORM U. FARBENSTELLUNG :: :: :: :: bis zu 1,30 Meter breit :: :: :: ::\nNEUHEIT! Deutsch-orientalischer Kniipfteppich „IRAN\" D. 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AMLER\nCharlottenburg\nSTEINPLATZ 2\nTelephon 1839 Telephon 1839"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c023", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "23", "page_fin": "23", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.2.21", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.7", "debut_caractere": 2073, "fin_caractere_exclue": 2141, "texte": "LEOPOLD HESS\nspezialgeschAft\nfur Kunstmaterialien\nBERLIN W 35 S£21nS"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-17-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-17_01#c024", "volume": "bmtnabg_1910-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "23", "page_fin": "23", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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REBAJOLI'S Italienische\nU nterrichtS'Metho de fur Schulen\nLehrbuch der italienischen Sprache\nL Stufe. Gebunden Mark 2,—. (Fur Anfanger)\nDiese kurzgefasste aber durchaus übersichtliche Grammatik beschr&nkt\nsich darauf, von den Formen, Regcln und Vokabcln nur das zu bieten,\nwas zum alltaglichen GesprSch unbedingt crforderlich ist. Das kleine\nWerk eignet sich auch besondcrs zum Zwecke, Damen und Herren, die\neinc Rcisc nach Italien vorhaben, eine allgemeine Kenntnis der Sprache\nzu verschaffen, oder bereits erworbene Kenntnisse in kurzer Zeit auf--\nzufrischen.\n11. Stufe* Get. Mfc. 4»—♦ (Fur Vorgeschrittene)\nAls Fortsetzung der I. Stufe fur diejenigen Schuler gedacht, die eine\ngrundliche Kenntnis des gesamten grammatischen, syntaktischen und\nlexikalischen Sprachschatzes anstreben. 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H.\nI GESCHAFTSBUCHER-FABRIK\nBuchdruckerei Papier- u. Schreibwaren\nFeine Briefpapiere fur GeschSfts u. Familien-\nbedarf/Briefordner,Wirtschaftsbucher,Durch-\nschreibebticher/Albumsf.Postkarten,Zeitungs-\nausschnitte, Photographien/Anfertigung von\nVisiten-u.Einladungskarten,Familienanzeigen\n:: :: :: :: SPEZIALITAT: :: :: :: ::\nHreil- und Manuskriptpapiere\nBlocks in alien Grossen (Manu-\nskriptblocks in Quartformat) ■ Fiill-\nfederhalter fur die Tasche «Tinten-\nstifte in verschiedenen Qualitaten u.\nPreislagen - Sicherheits - Fullfedern\nStylographic Pens -Korrespondenz-,\nJournal-, Unterschrifts- und Manu-\nskriptmappen » Loschmappen und\nSchreibunterlagen ■ Gesamter\nSchreib- und Schreibtisch-Bedarf\nRFPT IN W behrenstrasse so\nVV ECKE CHARLOTTENSTR."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.1", "texte": "Erscheinungstag: Mittwoch\nEinzeibezug: 10 Pfennig\nDER STURM\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524. Anzeigen-Annahme\ndurch den Verlag und sämtliche Annoncen - Expeditionen\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark / Halbjahresbezug 2,50 Mark /\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nERSTER JAHRGANG\nBERLIN/DONNERSTAG/DEN 17. MÄRZ 1910/ WIEN\nNUMMER 3\n\nINHALT:\nSTEFAN WRONSKI: Ein Neugieriger/\nKARL KRAUS: Das Ehrenkreuz / THADDÄUS RITTNER:\nVegetation / ARNOLD OPPEL: Zwei Gedichte/ADOLF\nLANTZ: Die Hochzeit des Gilles de Rais / FERDINAND\nHARDEKOPF: Nymphenburg / ADOLF LOOS: Der Sattler-\nmeister / FELIX STÖSSINGER: Die neu inszenierte\nTheatermoral / THEATER SIEGMUND KALISCHER: Ins-\nbesondere „Judith\" / ELSE LASKER-SCHÜLER: Der\nEisenbahnräuber / MYNONA: Von der Wolke, welche\nso gern hätte regnen mögen / ALFRED DÖBLIN: Glossen\nTRUST: Unsere Lieblinge\n\nEin Neugieriger\nVon Stefan Wronski\nDem primitiven Herrn, der es Neugier nennt,\nwenn man eine politische Straßendemonstration zu\nbeobachten wünscht, ist von einigen Seiten das\nErforderliche gesagt worden. Als ob es nicht ge-\nrade den aristokratischen Enthusiasten der Schön-\nheit reizen müßte, das Volk in Bewegung zu sehen,\nin Geistigkeit, im Aufflammen für ein Ziel, von dem\nes (naiver und rührender Weise) ein bißchen mehr\nMenschenwürde erhofft! Natürlich ist es eine\nlächerliche Chimere, von irgendeinem preußischen\nWahlrecht, von einem noch so demokratischen\nParlamentarismus etwas für die anständige Ent-\nwicklung deutscher Dinge erwarten zu wollen.\nHat sich etwa der Geist je durchgesetzt in Deutsch-\nland? Ach, er schlägt nur mit den Flügeln und fällt\nentseelt zu Boden. Sind etwa die Klassiker in\nunserer heutigen Kultur lebendig? Lassalle hat\nRecht: nur wie ein ferner Kranichschwarm sind sie\nüber die bürgerliche Gesellschaft dahingezogen ...\nAber die Volksmassen, die jetzt auf den Straßen\npreußischer Städte demonstrieren, glauben an\nein politisches Ideal, an die Möglichkeit geistiger\nWirkung, an den Erfolg behaglich organisierter und\ngedämpfter Tribünenreden... Und — wer wreiß?\n— indem sie sich für diese Idee in Trott setzen:\nvielleicht werden diese Kleinbürger schön? Viel-\nleicht flammt in diesen beruhigten, enregistrieiten\nHerzen ein Hauch von Glut, von Religion auf?\nIst's nicht Pflicht und Reiz, das zu erkunden? Wer\ndarf eine so ekstatische und oft enttäuschte Hoff-\nnung als „Neugier\" erledigen wollen, ohne sich\nselbst zu entlarven?... Man mag Francesco Fer-\nrer lieben, hassen oder gleichgültig finden: das Volk\nvon Paris, als es zu Hunderttausenden gegen die,\ndie ihn getötet hatten, demonstrierte, war schön ...\nEine Schlange ringelte sich zischend über die Bou-\nlevards. Diese wüsten Gesichter, diese heiseren\nVerwünschungsschreie, diese fanatischen Gesten —\nsie waren schön, wie das milde Todeslächeln der\nEleonora Duse schön ist...\nDie sozialistische Presse, wenn sie ein bißchen\nGeist hätte, sollte jetzt hervorsuchen, wie die Pa-\nriser „Intellektuellen\" durch die Straßendemonstra-\ntionen von 1848 fasziniert wurden. Da wurde ein\nsolcher Verächter populärer Instinkte, w?e es\nCharles Baudelaire war, von der Inbrunst\ndieser Volkskundgebungen hingerissen. Er bewun-\nderte Wronski und Blanqui, ohne übrigens dabei\nseinen höhnischen Dandysmus, seine Abneigung\ngegen alle demokratischen Phraseure einzubüßen.\nUnd für seine fast widerwilligen humanen Sympa-\nthien fand er die böse Formulierung: „Wir haben\nalle den republikanischen Geist in den Adern, wie\ndie Lustseuche in den Knochen. Wir sind demo-\nkratisiert und syphilisiert.\" Aber er stieg herab\naus seinem Elfenbeinturm, in den Februartagen, er\nging auf die Straße und mischte sich unter das\nV01k...\nBaudelaire bei der Insurrektion! Baudelaire\nbei den Elenden der Barrikaden! Eine Haltung, die\ndoch keinen überraschen darf, dem in den „Fleurs\ndu mar4, diesem größten lyrischen Buche der Welt-\nliteratur, das tiefe, tiefe Mitleid mit den Leiden der\nVerdammtere Her Ausgestoßenen, der Literaten und\nDirnen nicht entgangen ist. Noch drei Jahre nach\nder Revolution schrieb Baudelaire für die „Chan-\nsons\" des Pierre Dupont eine Vorrede, in der die\nachtundvierziger Erschütterung in diesen Sätzen\nweitergrollt:\n„Als ich das Lied der Arbeiter hörte, diesen\nwundervollen Schrei aus Schmerz und Melancho-\nlie, war ich betäubt und zärtlich berührt. Wie lange\nhatten wir gewartet auf ein bißchen starke und\nwahre Poesie! Welcher Partei man auch angehöre,\nmit welchen Vorurteilen man genährt sein mag:\nes ist unmöglich, nicht gerührt zu sein von dem\nSchauspiel dieser kranken Menge, die da atmet den\nStaub der Werkstätten, Baumwolle schluckt, sich\nvergiftet an Bleiweiß und Quecksilber und allen\nGiften, mit denen man Meisterwerke schafft —;\ndieser Menge, die da schläft im Ungeziefer tief in\nden Stadtteilen, wo die elendesten und die erhaben-\nsten Tugenden hausen neben den verstocktesten\nLastern und den Schleimfetzen der Eingekerkerten;\n— dieser Menge, die da seufzet und hinsiecht, und\nder die Erde ihre Wunder verdankt; die\nein wildes Purpurblut durch ihre Adern rollen fühlt;\ndie einen langen, trauerschweren Blick wirft auf\ndie Sonne und auf die schattigen Alleen der großen\nParks, und die, als Trost und Erholung für das\nalles, aus vollem Halse nur immer in ihren Heilands-\nruf ausbricht: Wir wollen uns untereinander\nlieben!\"\n. . . Gewiß, dies Fieber hielt nicht an. Das\nVolk, entmutigt und banalisiert, ward für Baudelaire\nwieder uninteressant. Aber es hatte ihm doch eine\ngroße, herrliche Erregung geschenkt, ihm, dem\nDandy, dem einsamen Empörer: ihm, dem „Neu-\ngierigen\" . . .\n\nDas Ehrenkreuz\nVon Karl Kraus\nIn Oesterreich gibt es für junge Mädchen, die\nsich dem Laster in die Arme werfen, eine Klimax\nder Strafbarkeit. Man unterscheidet Mädchen, die\nsich der unbefugten Ausübung der Prostitution\nschuldig machen, Mädchen, die fälschlich angeben,\ndaß sie unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehen,\nund schließlich Mädchen, die zwar zur Ausübung\nder Prostitution, jedoch nicht zur Tragung eines\nEhrenkreuzes befugt sind. Diese Einteilung wirkt\nauf den ersten Blick verwirrend, entspricht aber\ndurchaus den tatsächlichen Verhältnissen. Ein\nMädchen, das einem Detektiv bedenklich schien\n— nichts scheint einem Detektiv bedenklicher als\nein Mädchen —, gab an, sie stehe unter sittenpoli-\nzeilicher Kontrolle. Sie hatte sich nur einen Scherz\nerlaubt; aber man ging der Sache nach. Da sich\nihre Angabe als unrichtig herausstellte, wurde sie\nwegen unbefugter Ausübung der Prostitution in\npolizeiliche Untersuchung gezogen. Da sich aber\nauch dieser Verdacht als ungerechtfertigt erwies\nund sich demnach herausstellte, daß das Mädchen\nüberhaupt keine Prostitution ausübe, so erhob die\nStaatsanwaltschaft die Anklage wegen Falschmel-\ndung. Das Mädchen hatte sich, wie es in der An-\nklage hieß, „gegenüber dem Detektiv eine soziale\nStellung angemaßt, die ihr nicht zukam'4. Sie.\ntrieb weder erlaubte noch unerlaubte Prostitution,\nsie war also eine Schwindlerin, und nur weil sie bei\nder Verhandlung auf die Frage des Richters, was\nsie sich dabei gedacht habe, die Antwort gab:\n„Nichts\", entging sie der Verurteilung. Um also\nzu rekapitulieren: Sie hatte behauptet, sie stehe\nunter sittenpolizeilicher Kontrolle. Weil dies eine\nUnwahrheit war, wurde sie unter dem Verdachte\ndes unsittlichen Lebenswandels in Untersuchung\ngezogen. Sie konnte nun zwar beweisen, daß sie\nnicht unsittlich genug sei, um einen unsittlichen Le-\nbenswandel zu führen, aber sie konnte doch wieder\nnicht beweisen, daß sie sittlich genug sei, um unter\nsittenpolizeilicher Kontrolle zu stehen. So blieb\nnichts übrig, als sie wegen Falschmeldung anzu-\nklagen, wegen deren ja schließlich auch die Mör-\nder in Oesterreich verurteilt werden, wenn man\nihnen den Mord nicht beweisen kann. Jetzt gehen\nwir einen Schritt weiter. Wenn ein Mädchen zur\nAusübung der Prostitution befugt ist, so könnte es\nvorkommen, daß sie es verschweigt und schwindel-\nhafterweise angibt, sie sei zur Ausübung der Pro-\nstitution nicht befugt. Sie würde sich also einen\nunsittlichen Lebenswandel anmaßen, den sie nicht\ndeshalb führt, weil sie dazu befugt ist, sondern den\nsie führt, wiewohl sie dazu nicht befugt ist, wäh-\nrend sie in Wahrheit bloß befugt ist, einen unsitt-\nlichen Lebenswandel zu führen, den zu führen sie\nbefugt ist. Solche Fälle kommen in der Praxis\nselten vor, und die Judikatur des Obersten Ge-\nrichtshofes ist schwankend. Am schwierigsten ist\naber der Fall, der sich kürzlich in Wiener-Neustadt\nzugetragen hat. In einem dortigen Freudenhause\nlebt ein Mädchen, das zur Ausübung der Prostitu-\ntion befugt ist und bisher noch keinen Anstand ge-\nhabt hat. Sie hat sich nie einen unsittlichen Le-\nbenswandel angemaßt, den sie nicht führt, und es\nist ihr noch nicht einmal\" nachgewiesen worden,\ndaß sie fälschlich angegeben hat, eine Prostitution\nnicht auszuüben, zu der sie befugt ist. Aber der\nTeufel reitet das bisher unbescholtene Mädchen,\nund sie geht eines Abends im Salon des Hauses mit\neinem Militärjubüäumaelirenkreuz an der Brust"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.2", "texte": "herum. „Dadurch erregte sie bei den Gästen —\"\nja, was glaubt man, hat sie dadurch bei den\nGästen erregt? Nicht das, was man glaubt, son-\ndern im Gegenteil: Aergernis. Und wenn ein Freu-\ndenmädchen bei den Gästen eines Freudenhauses\nAergernis erregt, dann ist es wohl höchste Zeit,\ndaß die Staatsanwaltschaft einschreitet. Tatsäch-\nlich wurde das Mädchen wegen einer Erregung, zu\nder sie nicht befugt war, angeklagt. Der erste\nRichter sprach sie frei. Er sagte, das Militärjubi-\nläumsehrenkreuz sei kein Orden und das Aerger-\nnis sei bloß ein solches Aergernis, das von der Po-\nlizei zu ahnden sei. Damit gab er freilich zu, daß\ndas Mädchen schuldig gewesen wäre, wenn sie\netwa den Takowaorden getragen hätte. Es liegt\nnun zwar auf der Hand, daß das unbefugte Tragen\neines Ordens vielleicht einen Journalisten, aber nie\neine Prostituierte strafbar machen kann. In Wiener-\nNeustadt jedoch scheint die Frauenbewegung be-\nreits derartige Fortschritte gemacht zu haben, daß\nman dort beide Geschlechter in gleichem Maße der\nOrdensstreberei für fähig hält. Immerhin sagte der\nerste Richter, ein Jubiläumskreuz sei kein Orden.\nAber der Staatsanwalt war anderer Ansicht, er be-\nrief, und das Landesgericht verurteilte die Angeklagte\nzu zwanzig Kronen Geldstrafe. Ein Jubiläums-\nkreuz, sagte das Landesgericht, sei als Ehren-\nzeichen jedem Orden gleichzustellen. Und als be-\nsonders erschwerend nahm der Gerichtshof „das\nTragen des Kreuzes im Freudenhause\" an. Als\ndie Angeklagte gefragt wurde, was sie sich dabei\ngedacht habe, gab sie zur Antwort: „Nichts\". Aber\ndiesmal nützte die Antwort nichts. Denn eher noch\ndürfte sich ein anständiges Mädchen die Prostitu-\ntion anmaßen als eine Prostituierte das Ehren-\nkreuz. Welche Entschuldigung hatte sie? Ein\nZivilist, sagte sie, habe es ihr geschenkt. Er war\nnobel und gab ihr das Ehrenzeichen als Schandlohn.\nAber dann hätte sie es eben in den Strumpf stecken\nsollen. Das Tragen eines Ehrenzeichens im Freu-\ndenhause steht nur dessen Gästen zu, und wenn sie\ndadurch das Aergernis der Mädchen erregen soll-\nten, so würden sich die Mädchen einer strafbaren\nHandlung schuldig machen. Gibt aber ein Gast\neinem Mädchen statt zwanzig Kronen ein Ehren-\nkreuz, so darf sie das Ehrenkreuz nicht tragen oder\nmuß die zwanzig Kronen dem Gericht geben. Denn\ndie Justiz ist eine Hure, die sich nicht blitzen läßt\nund selbst von der Armut den Schandlohn einhebt.\n\nVegetation\nVon Thaddäus Rittner\n1\nKoko aß die scharlachrote Frucht ohne Namen\n(die mir vor zwei Monaten so imponiert hatte) und\nwar ganz bei der Sache. Ich erzählte ihm fieber-\nhaft von den lokalen Eigentümlichkeiten; er schaute\nmich gar nicht an. Er spuckte mit aufregender\nRoutine die Kerne aus.\nSo war er.\n„Der Ort ist eigentlich nicht entdeckt —\" sagte\nich, um den brutalen Kerl außer sich zu bringen.\nAber er war nicht zu betäuben.\n„Die Engländer sind überall,\" bemerkte er, und\nsein wurstiger Ton entjungferte gleichsam das\nLand.\nJa, die Engländer waren da. Wir befanden uns\nin einem Cafe und rasierte Kellner bedienten.\n„Wir schwimmen einsam im Stillen Ozean,\"\nsagte ich noch.\nIch haßte ihn.\n„Alter Knabe,\" lächelte ich verlegen und schlug\nihm gleichsam gerührfauf die Schultern.\nIch tat, als wäre ich überglücklich, daß ich ihn\nhatte. Schließlich war ich ja sein Freund.\nDie eingeborenen Mädchen wußten alle, daß\nKoko mein Freund war — und sie freuten sich auch,\ndaß ich ihn hatte.\n2\nIch war schon zwei Monate auf der Insel;\nKoko erst einen Tag. Aber er war besser infor-\nmiert. Das war vorauszusehen.\n„Hier sind zwei Cafes,\" stellte er fest, „und du\nkennst natürlich das schlechtere.\"\nSo gingen wir gleich in das bessere.\n„Du darfst nicht glauben, daß ich dein Cafe\nnicht gekannt habe,\" sagte ich mißgestimmt.\nJetzt spazierten die feinsten wilden Mädchen\nvorüber, und Koko nahm sie mit den Augen.\n„Das haben sie nicht gern,\" ermahnte ich ihn.\n„Kii — lij — ankja — thi — hej,\" sagte eine und\nlachte mich an.\nSie ging ganz nahe an Koko vorbei, aber ihn\ntraute sie sich nicht anzulachen (weil er erst einen\nTag hier war). Sie schielte bloß ein wenig nach\nihm.\n„Donnerwetter,\" seufzte Koko; er betrachtete\nsie ruhig, ohne sie etwa zu kneifen.\nDas fiel mir auf.\nIch bemerkte, daß die Kleine zu den Dunkel-\nroten gehörte, zu der Sorte, die man hier „die süße\"\nnennt.\nKoko schnupperte mit der Nase ( ich selbst\nhatte Schnupfen) und sah mich fragend an.\n„Das ist nichts,\" murmelte ich, „man hat hier\nso ein Parfüm.\"\nKoko schüttelte den Kopf.\n„Nein — kein Parfüm. Sie selbst sind es. Sie\nriechen wie Birnen oder Pflaumen.\"\nDas war das Wort. Wie Birnen oder Pflaumen.\n„Das ist auch so eine lokale Eigentümlichkeit,\"\nsagte ich.\nIch haßte ihn.\n3\nKoko ist faul. Das Land ist noch unentdeckt,\nund man sollte wissenschaftliche Forschungen\nmachen. Ich fange auch tatsächlich Schmetterlinge\nund dergleichen. Aber Koko sitzt in dem besseren\nCafehaus.\nNein — sage ich mir — Koko ist keine höhere\nIntelligenz. Obwohl er so lebhafte Augen hat und\nviel größer ist als ich. Es ist nicht wahr, daß er\nalles weiß.\nVorläufig hat er nur das bessere Cafähaus und\nden Lotoswein entdeckt. Aber er hat zum Beispiel\nkeine Ahnung von der „süßen\" Mädchensorte. Auch\nich hab's ihm verheimlicht, daß ich eine Freundin\nhabe.\nDagegen hat er mich zum Trunk verleitet.\n„Ich fühle mich hier wie zu Hause,\" prahlt er\nund schenkt mir immerfort ein.\"\nSein Prahlen macht mich krank.\n„Du darfst die Insel nicht so leicht nehmen,\"\nsage ich, „du kennst sie noch lange nicht . . Weißt\ndu zum Beispiel, daß es hier zwei Arten Mädchen\ngibt?\"\nDas hat er schon heraus. Verfluchter Kerl. Ei-\nweiß, daß die einen helles und die anderen dunkel-\nrotes Fleisch haben.\n„Ja, aber — was weiter? Was weißt du über\ndie dunkelroten?\"\nEr schweigt. Nichts weiß er. Jetzt werde ich\nihn betäuben.\nIch flüsterte langsam:\n„Die dunkelroten sind eßbar.\"\nDas hat eingeschlagen. Koko erblaßte.\n„Wie? Man kann hier Mädchen essen?\nIch überstürzte mich vor Aufregung.\n„Nur die dunkelroten, weißt du. Man nennt sie\ndie süße Sorte. Zum Unterschied von den anderen,\ndie nur so genießbar sind, wie zum Beispiel euro-\npäische Weiber. Die süße Sorte ist sonst nirgends\nauf der Welt zu finden. Nur hier . . .\"\nKoko seufzte bewegt:\n„Und ich hab's mir gedacht!\"\nSeine Freude war geradezu erschreckend. Aber\nbald fragte er schon nach Details:\n„Man ißt sie roh?\"\n„Natürlich,\" erklärte ich, „wie Pfirsiche. Wie\nZuckerbohnen.\"\nAuf einmal bin ich deprimiert. Sein hungriges\nInteresse beunruhigt mich.\nEr fragt:\n„Hast du sie schon gekostet?\"\n„Nein,\" sage ich.\n„Na. . ja,\" machte Koko und grinste.\n4\nMeine Freundin La kann englisch. Und sie ist\nvon der süßen Sorte. Der Gedanke, daß ich jeden\nAugenblick ein Mädchen aufessen könnte, das eng-\nlisch spricht, ist mir ganz sonderbar. Darin liegt\nein aufregender Gegensatz.\n„Hat dir dein Bruder nicht erlaubt, mich zu be-\nsuchen?\"\n„Wer ist mein Bruder?\" frage ich.\nDann komme ich darauf, wen sie meint. Und\nich ärgere mich ein bißchen. In der Hütte summen\ndie Fliegen.\n„Es ist heiß,\" sage ich.\nLa geht nackt herum. Sie bereitet irgend ein\nGetränk. Es riecht wie in einer Obstkammer.\n„Ich liebe dich,\" sage ich»\nIch hatte mich schmerzlich nach ihr gesehnt.\nWie nach Tabak.\nDie Fliegen summen.\nSie küßt mich mit geschlossenen Augen. Nach\neiniger Zeit schaut sie ängstlich durch die langen\nWimpern, wie um zu wissen, ob sie noch lebe.\n„Ah — ich lebe!\" seufzt sie.\nDie Sonne scheint auf das Bett. Sie richtet\nsich auf und zittert wie vor Kälte.\n„Wie heißt dein Bruder?\" fragt sie.\n„Er ist gar nicht mein Bruder,\" antworte ich\nungeduldig.\nSie denkt nach.\n'Oh — das ist wahr,\" bemerkt sie, „er ist viel\ngrößer als du und — gar nicht kränklich.\"\nIch ärgere mich wieder ein bißchen.\nSie spricht wehmütig:\n„Moa war erst zehn Jahre alt. Und man hat\nsie schon aufgegessen.\"\nDie Fliegen summen.\n„Ja — beneidest du Moa?\"\nSie schaut mich ängstlich an und schüttelt den\nKopf.\n„Dort brennt die Sonne,\" spreche ich zu ihr,\n„aber Moa sieht die Sonne nicht mehr.\"\n„0, daran liegt gar nichts,\" meint sie.\nDie Sonne ist ihr gleichgültig.\n„Ich wäre gerne gestern und vorgestern zu dir\ngekommen,\" spreche ich zärtlich, „aber ich mußte\nSchmetterlinge fangen.\"\n„O — das ist wahr,\" nickt sie ernsthaft.\nIhr Blick brennt ruhig und dunkel.\n5\nKoko ist gewissenlos und jeden Tag berauscht.\nEr ist schon so gut informiert, daß man mit ihm\nnicht mehr verkehren kann.\nIch habe seit einer Woche auf ihn verzichtet.\nUnd auch meine Freundin habe ich fünf Tage\nnicht besucht. Damit nicht Koko mir nachspüre und\nLa entdecke.\nAber das war doch zu traurig. Den sechsten\nAbend konnte ich es nicht mehr aushalten.\nIch öffnete zitternd die Tür ihrer Hütte. Auf\ndem Boden saß ein nackter, ziegelfarbiger Greis mit\ntriefenden Augen. Wohl ihr Großvater. Neben\nihm spielten zwei Kinder mit Roßknödeln.\nEs roch nicht mehr wie in einer Obstkammer.\n„Wo ist La?'4 frage ich die Gesellschaft.\nKeine Antwort.\nIch durchsuche umsonst das Haus.\n„Wo ist La?\" frage ich den Herrn Großvater.\nEr lächelt wie beleidigt und wendet sich ab.\nIch laufe im ganzen Dorf herum und suche La.\nDa kommt ein Jüngling auf mich zu.\n„Dein Bruder ist krank,\" teilt er mit, „und du\nsollst zu ihm.\"\nHol der Teufel meinen Bruder, denke ich, La\nist mir wichtiger. Aber schließlich siegt mein gutes\nHerz. Ich gehe zu Koko.\nEr ist wirklich krank, liegt im Bett.\n„Ich bin krank,\" erklärt er mit einem milden\nLächeln. „Nämlich — der Lotoswein steigt einem\nentsetzlich zu Kopf. Und wenn sich alles um mich\ndreht, so kann ich nicht mehr so fein zwischen hell-\nroten und dunkelroten Mädchen unterscheiden . . .\nHübsch sind sie ja alle ... Ich muß mich ein biß-\nchen vergriffen haben. Das ist es . . .\"\nTrotz angeblicher Schmerzen ist er wie ver-\nklärt. Er lächelt glücklich und preist das Leben.\n„Hübsch sind sie alle,\" wiederholt er.\nIch werde rasend.\n„Ich kann La nicht finden,\" schreie ich. „Meine\nFreundin La ist verloren gegangen ... Ich werde\nmich erschießen.\"\n„Wieso erschießen?\" fragt er erstaunt-höflich.\n„Du mochtest sie ja nicht. Du hast sie stehen\nlassen.\"\nDer Ausdruck „stehen lassen\" verwundet mein\nInnerstes. Ein Blitz durchleuchtet plötzlich mein\nGehirn.\n„Tier!\" keuche ich, „du hast sie aufgegessen..\nGeraubt und aufgegessen . . .\"\nEr schüttelt den Kopf mit dem Ausdruck be-\nleidigter Würde.\n„Ich habe sie nicht geraubt. Sie ist selbst zu\nmir gekommen.\"\n„Du lügst!\"\n„Mein Ehrenwort. Sie ist selbst gekommen\nund hat mich flehentlich um die kleine Gefälligkeit\ngebeten. Was sollte ich tun? Ich habe mich er-\nbarmt. Das arme Ding war schon ganz anämisch\nvor lauter Sehnsucht nach dem Aufgegessen-\nwerden.\"\nIch schluchzte."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.3", "texte": "„. . Und ich habe sie aus Liebe verschont. Ich\nhabe mich mit übermenschlicher Kraft zurückge-\nhalten . . . Um sie lange, lange zu besitzen . . .\"\nEr lächelt.\n„Lange besitzen,\" wiederholt er verächtlich.\n„In der Liebe gibts kein Sparen . . . Die Weiber\nwollen nicht auf Prozente angelegt werden.\"\nIch hasse ihn.\n\nZwei Gedichte\nVon Arnold Oppel\n\nTerracottafigur eines jungen Mädchens\nSie stand noch zitternd; noch nicht so gereift,\ndie Luft rings zu ertragen, die zu schwer\nauf ihren Schultern lag. Und wie zur Wehr\nhob sie die Hand und hielt sie an die Braue.\nUnd wie ein junges Reh zur Waldesaue\nAm Abend scheu sich wagt, so war ihr Schritt. . .\nDer Leib hielt kaum, und schwankte leicht und litt,\nals hätte Gott mit guter, greiser Hand\nnoch ungeschickt und rührend ihn versucht,\nbevor der erste Mensch aus ihm erstand . . .\nEr formte ihn so biegsam und so schmal,\ndaß jeder Windzug war wie Sturmeswucht,\nund drohte ihm mit zeitigem Verfall . . .\n\nBange Nacht\nRiefst Du mich nicht, Schwester? Bist Du denn\nSo allein? Oh, komm doch her und sag mir:\nV/o ist Deine Hand und Deine Heimat,\nda ich so verlassen bin.\nNichts mehr kann ich fassen oder finden\nUnd kein Ding ergründen.\nUnd ich fühle: jetzt\nbin ich so von mir allein gelassen,\ndaß mir bangt, ich könnte morgen tot sein . . .\nBist Du denn nicht da,\nSchwester?\nWohin soll ich gehn, wenn Du nicht da bist?\nSieh, ich suche Dich:\nWo bist Du, Schwester? . . .\n\nDie Hochzeit des Gilles de Rais\nVon Adolf Lantz\nIch, Bruder Franciscus, der ich einer der\nSchweigsamsten und Abgesondertsten bin im Pre-\ndigerorden von Nantes, beginne heute, den sechs-\nundzwanzigsten Oktober MCDL, an einem frösteln-\nden Herbsttag, im fünfunddreißigsten Jahr meines\nLebens, so ich dem Herrn geweiht, die Erinnerung\nan jene Nacht niederzuschreiben, welche ich in Ge-\nhorsam meiner Pflicht vor genau zehn Jahren, vom\nfünfundzwanzigsten zum sechsundzwanzigsten des-\nselben Monats, im Verließ des Schlosses von la\nTour Neuve mit Baron Gilles de Rais, Marschall\nvon Frankreich, verbracht habe. Selbiger ward\nin den ersten Stunden des sechsundzwanzigsten\nOktober anno domini MCDXL durch das Hoch-\ngericht auf dem Scheiterhaufen lebendigen Leibes\ndem Flammentod überliefert, zur Strafe für Raub\nvon etlichen hundert unschuldigen Kindlein und\ngrauenvoll an ihnen verübten, wollüstigen Mord.\nDavon an acht Jahre Dörfer und Gehöfte in der\nBretagne mit Jammern und Klagen trostloser\nEltern erfüllt waren, zumal niemand wußte, wel-\nche Hexe oder Würgeengel Gottes die plötzlich\nund geheimnisvoll Verschwundenen entführet. Bis\ndaß der geistliche Gerichshof den vom Satanas\nBesessenen entdeckte und gefangen setzte. Worauf\nvor allem Volk im heiligen Namen des angerufenen\nChristus die obersten Richter, Jean de Malestroit,\nBischof von Nantes, wie auch Bruder Jean Blouyn,\nBaccalaureus in unseren heiligen Schriften, diesen\nBaron Gilles de Rais, Marschall von Frankreich,\nnach seinem öffentlich vorgebrachten Geständnis\nschimpflich der Apostasie, Häresie, Beschwörung\nder Dämonen, der Verbrechen des Sakrilegs, der\nSodomie und der Schändung kirchlicher Immuni-\ntäten für schuldig und überwiesen erklärten sowie\nanheimgefallen dem Spruch der Exkommunikation.\nWelche aber wieder von ihm genommen ward auf\nsein zerknirschtes Flehen und demütiges Bitten,\nworauf ihn die heilige Kirche, unsere Mutter, sich\nabermalen einverleibte, auf daß ihm seine in-\nbrünstige Sehnsucht, durch irdische Reue und Sühne\nGottes ewige, allbarmherzige Gnade zu erlangen,\nnicht gänzlich verwehrt bleibe, Deren jeglicher\nSünder teilhaftig werden möge zum Heil seiner\nSeele, im Namen unseres Herrn Jesus Christus,\nAmen.\nSeit zwo Nächten und zween Tagen lag der\nBüßende in Gebeten vor dem Konterfei des Ge-\nkreuzigten in der Nische des Verließes, bald auf\nden Knien, bald hingestreckt in Reue, die Stirn\ngen das steinerne Getäfel des Bodens schlagend,\nSpeise und Trank sich verwehrend, rastlos, ohne\nSchlaf. War von ganz unheimlicher Gewalt, wenn\ndas dumpfe Gemurmel des Bekennens sich stei-\ngerte bis zu heiseren, durch gehetzten Atem zer-\nhackten Schreien, so oft die blutigen Ströme der\nVerbrechen in wilder Beichte sich verlebendigten,\ndie Ekstasen von Inbrunst und Zerknirschung die\nGnade der Erlösung, ein sichtbarlich Zeichen vom\nHeiland selbst erflehten.\nDunkeltönend läuteten die Glocken von Nan-\ntes den Abend-Angelus ein, müd und feierlich\nschläferte ihr Klang die dunstschwere Luft, der\ntiefen Dämmerung schwarzes Bahrtuch im weiten\nBogen über die Stadt ziehend. Es war Nacht\nworden.\n„Angelus Dei \" glitt es leise, ehrfürch-\ntiglich über meine Lippen. „Angelus Dei \"\nwiederholte die Stimme des Büßers aus dem\nWinkel, laut und voll, als hübe ein Choral an. Sank\naber nach wenigen Worten zum Gemurmel herab,\ndas den Raum durchrann, die Wände entlang\nschwebte, von einer zur andern sich warf, zur\nDecke steigend, herniederfallend und ins Irre rol-\nlend. In roter Glasmuschel blakte gelblich zu den\ndurchbohrten Füßen des Dorngekrönten das ewige\nLicht. Zusammengekrümmt, ein geklumpter Schat-\nten, lag das Verbrechen unter ihm.\nDerweilen wir noch beteten, nahten dumpf-\nwuchtende Schritte in den Bogengewölben der\nGänge. Schloß und Riegel, mächtig gerüttelt, fie-\nlen klirrend, die eisengepanzerte Tür knarrte in\nden rostigen Angeln. Prasselnd sprangen gierig\netliche gelbfunkige Fackelflammen in die Finster-\nnis und verschlangen sie zuckend. Düster und\nfeierlich standen die Bewaffneten, über Gesicht und\nmetallne Rüstungen flackerte das gefräßige Licht,\nleckte am Stahl der Fußschienen, zitternde Zungen\nüber den Boden nach der Nische hinstreckend. Un-\nbeweglich, gen die Wand gekehrt, kniete der\nBetende. Stumm harrten die Knechte. Klirrte an-\njetzt kein Stahlringlein am Harnisch. Selbst die\nzüngelnden, sprühenden Feuerblitze schlängelten\nsich scheu verängstigt übers gekörnte Gemäuer,\nmit leisem Knistern das Schweigen unheimlich ver-\ngrößernd.\nPlötzlich erbebte die Gestalt im Winkel des\nGelasses. Der Leib beugte sich weit zurück, die\nArme breiteten sich, die Handflächen waren ge-\nöffnet, als empfingen sie eine Gabe, das empor-\nschauende Haupt sank tief in den Nacken. In sol-\ncher Haltung, gleich einem, der an einem Früh-\nlingstag auf grünendem Feld, die Kniee in Blüten\nund Düfte gebettet, sich in die blauende Unend-\nlichkeit verzückt, vom Licht der Sonne gnaden-\nreich überströmt, schlug da der Gefangene mit er-\nstickt jubelndem „In Ewigkeit, Amen!\" das Zeichen\ndes Kreuzes — und dann wandte er sich. Wandte\nzum ersten Mal seit zwo Nächten und zween Tagen\nsein Angesicht. Ein Gottgezeichneter, so war er\nanzusehen. Getroffen vom fahlen Schein der\nFackeln schloß ihm ein Krampf die tränenverwüste-\nten, gehöhlten Augen. Wie zerknitterte Polster\nauf schwarzem Grund, also lagerten die blassen,\ngedunsenen Lider auf dunkeln Schatten. Zerfurcht\nund rissig klebte die Haut überm geschwollenen,\nfalben Fleisch der Wangen. Weit ausgreifend ins\nLeere tappten die blutlosen Hände, mühseliglich\nschob sich der Körper an der Wand um ein Weni-\nges empor. Die entkräfteten Knie versagten. Halb\naufgereckt und halb in sich zusammengebrochen\nlehnte der Leib, die Arme wagerecht am Gemäuer,\ngleich als wäre er gekreuzigt. Mit toten Augen,\nvertrockneten, gedörrten Lippen, verschwollenen\nGelenken, fiebrigem Gehirn, aber dennoch ein selig\nErlöstes im verzerrten Antlitz, so wandte sich\njener von seinem über alle Maßen erflehten Gott zu\nden Menschen.\nDer Größte unter den Männern, im Schuppen-\npanzer und breiten Schwert, den blanken Helm tief\nins schwarzbärtig finstere Gesicht gedrückt, trat\nvor. Er löste das Siegel eines gefalteten Schrei-\nbens, das Siegel Johanns des Fünften, Herzogs der\nBretagne. Aus rauher Kehle rollte wie ferner\nDonner die Verkündigung, daß nächsten Morgen\nvom weltlichen Gericht die irdische Sühne voll-\nzogen werde an Gilles de Rais durch Verbrennen\nbei lebendigem Leibe.\nDie dumpfwuchtenden Schritte entfernten sich\nwieder in den Bogengewölben der Gänge. Die\nWache warf die Riegel ins eiserne Schloß. Wir\nwaren allein. In roter Glasmuschel blakte das\newige Licht, der Rauch des Oels schwebte im Ge-\nlaß. Ein seltsam Schauerndes drang in mich ein.\nKönnte auch nie vergessen, und würde ich älter\ndenn Methusalem, wie mir zu Mut gewesen in der\nZeit des Schweigens, derweilen die Schritte ver-\nhallten. Nicht geängstigt war ich etwan ob des\nZusammenseins mit dem Furchtbaren, in dessen\nSeele und Leib Satanas sich eingenistet und dar-\ninnen gehaust bis vor wenigen Tagen, sintemalen\nich doch wußte, daß der Böse vertrieben und nur\nmehr Mensch und Mensch im Gelaß verweilten.\nAber war durch und durch erschüttert im Innersten\nvor der Gewalt des Irdischen, davon zum ersten\nMal in eng verlebten fünfundzwanzig Jahren ein\nganz und plötzlich vollendet Gefühl in mir gereift.\nWard mir auf eine nie vorher geschehene Art die\nSchwere bewußt, darein geistliche Pflicht mich ge-\nbannt, allda ich mich Gott geweiht, und ward mir\nklar erleuchtet in Gehirn und Herz, wie ich noch\nnie so recht empfunden irdische Qual oder ein\ngroßes Schicksal oder die tausendfältig ver-\nschlungenen Pfade irdischer Lust. Und bedünkte\nmich, daß auch daran Teil zu haben, ein Stück\nEwigkeit in sich bergen müßte, so Gott wie Welt,\nUnzeitlichkeit und Zeitlichkeit. Daß man zu Gott\ngelangen könne auf zweierlei Wegen, durch das\nGute und durch das Böse hindurch. Denn der\nHerr thronet über beidem. den Weg nicht prüfend,\nsondern allein das Herz, so ihn erkennt und lob-\npreist. Schauderte mir zwar davor, den Pfad des\nBüßers vor mir zu gehen, dem da Vergangenheit\nund Zukunft auf Erden greifbar scheint und be-\nwußt, nicht aber irdische Gegenwart. Diese ist ja\ndes Gottgeweihten Teil, der sie im Gebet besitzt\nund die Nähe des Ewigen darin. Aber schauderte\nhinwiederum davor — ein Sünder in meinen Ge-\ndanken, wofür ich viel Buße getan — mich heiligend\nbis zum Tod Gegenwart zu sein, ein lebendig\nGebet, ohne Erinnerung, welche Vergangenheit be-\ndeutet und weltlich Erleben, und ohne Hoffen auf\ndas Glück der Erde, welches irdische Zukunft ein-\nschließt. Bin ja auch in Wahrheit seit damaliger\nNacht, da mich aus unserem Orden das Los ge-\ntroffen, als tröstender Bruder mit dem zerknirsch-\nten Sünder zu beten, nie mehr aus den Mauern des\nKlosters gegangen denn mit den Brüdern in feier-\nlichen Prozessionen. Habe mich nach wie vor den\nstrengsten Satzungen unseres Ordens ergeben als\nda sind Bußen und Fasten und Kasteiung des wider-\nspänstigen, jungen Leibes. Verbrachte die übrige\nZeit, manch heiligen und weisen Mannes Schriften\nfein säuberlich zu kopieren, worin meine Fertigkeit\ntüchtig gebildet, auch sehr veranlagt. Wird aber\ndieses das einzige Büchlein sein, so ich selber zu\nverfassen gewillt. Sintemalen ich nichts wüßte,\nwas nicht Fürtreffliche bereits verzeichnet, uns\ndaran zu erbauen, zu belehren und zu läutern. Muß\nes wohl bei diesem sein Bewenden haben, dieweilen\nes ja gewißlich meine einzige Erinnerung bewahrt,\nso mir geworden und fürder bleiben möge, auf daß\nich nicht abirre von meinem Weg. Woraus sich\njeder von euch sein Teil ziehen möge, ihr Brüder in\nder Welt, die ihr ohne den wahrhaft beseligenden\nFrieden bewußter und greifbarer Gegenwart, erst am\nvergangenen wie künftigen Augenblick euer Dasein\nerkennend genießet, ihr ewig Begehrlichen! Aber\nvergesset nicht, daß auch ich einst über ein Kurzes\nan euerm vom Ewigen eingesetzten Leben Anteil\nerfuhr — und betet, auf daß mir die Sünde vergeben\nsei — nämlich zuerst in jener Nacht und dann, so\noftmalen diese einzige Erinnerung die als ein welt-\nlich Erleben in mir ist, mich in Gedanken sündhaft\nwerden ließ, wie auch jetzo, derweilen ich für eure\nEinkehr und euch zum Exempel Schriftzeichen\nneben Schriftzeichen gar mühseliglich auf dem\nPergamente male.\n„Bruder\"-, sagte ich und fühlte, wie eine\nStimme aus einer Gegend meines Innern quoll, von\nwannen alles Gütige, Reine, Tröstende, Gottähn-\nliche strömt, „Bruder, ich bin bei dir.\" Und trat\nganz dicht an ihn heran, dass ich den Schimmer\ndes ewigen Lichtes über dem Gesicht spürte.\nZwei bebende Arme unmschlangen meine Knie.\nDa zog ich, niedersinkend, jenen an meine Brust."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.4", "texte": "„0 Ueberstrom der Gnade\" flüsterte er über-\nwältigt, derweilen er sich an mir barg, „der mir\neinen Menschen gibt! Nach gottschauender Selig-\nkeit die Wärme eines Menschen!\"\n„Wunderbar, Bruder, ist der Wille des Herrn.\nWir wollen ihn loben.\"\n„Der Heiland selbst hat sich mir geneigt, mein\nBruder! Lag gekrümmt wie ein staubfressender\nWurm, zutiefst mich erniedrigend, Tag und Nacht\nvor ihm. Er aber, der tausendfach von mir Ge-\nschändete, wandte sich. Ich aber lechzte und\nschrie nach seinem Blick. Nicht durch seinen\nPriester allein wollte ich erlöst meiner Schuld mich\nwissen, das Wunder seiner Erscheinung musste\nmich begnadigen. So schlug ich denn die Stirn\nmir blutig am harten Stein für jede Hostie, so ich\nentweiht. Trank die Bitternis der Galle, wenn mich\ndürstete. Rief den himmlischen Vater, mir seliger\nSchänke zu sein, rief Jesum, mir Becher zu sein,\nden Heiligen Geist, Wein mir zu sein. Aber der\nströmende Kelch der Heiligen Dreifaltigkeit ver-\nsiegte vor meinen brennenden Lippen. Also gieng\nNacht und Tag und Nacht und Tag, zum Abend-\nAngelus läuteten die Glocken. Als sich die Tür\naufschloss, der Schimmer der Fackeln auf den Ge-\nkreuzigten fiel, da plötzlich, Bruder, ward ich wun-\nderbar entzücket. Der Heiland wandte mir sein\nAntlitz zu. Und wie sein göttlich Auge milde auf\nmir ruhte, nahm er die Schuld von mir und ver-\nhieß mir die ewige Gnade.\"\nSchluchzend, aufgelöst, so lag er in meinen\nArmen. Eine Ohnmacht entrückte ihn. Meinem\npochenden Zeichen gehorchte der Wächter. Hieng\nseine Fackel in den eisernen Ring, eilte geschäftig,\ndie Schläfen und Lippen des Bewußtlosen mit\nstarkem Wein zu netzen.\nKam da große Freude über mich, als er die\nLider erhob, sein ferner Blick mich verwundert\ntraf, es wie ein Hauch über seine Lippen glitt:\n„Strömender Kelch! Heilige Dreifaltigkeit.\" Hieß\nihn freundlich mit zuredenden Worten Speise neh-\nmen und karfunkelnden Wein, davon er zu Kräften\nkam. Teilte auch sein Mahl, trank aus seinem\nBecher und tat gar wohl seiner armen Seele.\nHub er an zu sprechen vom nahenden Ende\nseiner Tage, ohne jegliche Furcht, voll des Glau-\nbens an das Paradies. Da erstaunte ich ob seiner\ngroßen Frömmigkeit, die in ihm war auch in seinem\nbösesten Tun, als Satanas alles in ihm verdrehte\nwider die Satzungen Gottes. Und fand viel Gutes\nin ihm und begriff wohl, daß man ihm hätte Freund\nsein können, wie es denn auch etliche gegeben, die\nihn sehr geliebt haben.\nv „Mein Leib sehnt sich nach der Flamme, auf\ndaß er vernichtet werde zu Staub und Asche. Ich\nkenne den Tod, liebte seinen Anblick, dieweil er\nvoll Rätsel ist. Viel Sterben ersah ich. Noch ein\nKind, ward ich ans Lager meines Vaters geführt,\nder weiß und wächsern mit geschlossenen Augen\nruhte. Mußte ihn küssen zum letzten Mal, drückte\ndie Lippen auf seinen Mund, der wie kalter Stein\nwar. Verlor sich dieser Todeskuß nie mehr aus\nmeinem Gefühl. Oft wenn ich im Winter über\nSchneefelder ritt, den Blick in mich sargte, die\nLippen in die Luft wölbte, spürte ich auf ihnen den\nAbdruck von meines Vaters eisigem Mund, ersah\nzugleich das weihrauchduftende Gemach, die hohen\nKerzen, meine Mutter, die mich an der Hand hielt.\nKaum zwanzig, auf weißem Roß mit güldge-\nfranzter Schabrake, ein kostbar Seidenwams un-\nter der Rüstung, so sprengte ich in die Schlacht.\nSah, wie Einer, vom Bolzen durchbohrt, dicht ne-\nben mir lautlos vom Pferde sank. Stierte sein ver-\nglasendes Auge in die Wolken, der Mund stand\noffen wie zu erstaunter Frage. War eine Grimasse\nwie sie bei Possenreißern zu sehen, worüber man\nherzhaftes Lachen erhebt, aber war darin der uner-\ngründliche Ernst der Plötzlichkeit, davon einem die\nBegier überkam, das Geheimnis dieser Maske zu\nerforschen. Schaut so seltsam der Tod, dacht ich,\ndann will ich seiner gewahr werden. Suchte mir\nden einzelnen Feind als giengs zum Turnei, sieghaf-\nten Muts. Rannte wider einen, der sich mir stellte,\nwarf ihn. Tief drang die Lanze durchs aufge-\nklappte Visier, das Haupt an die Erde heftend.\nHatte nicht Zeit, ihn zu betrachten, mußte ins\ndichte Getümmel,.vom Kampf berauscht, hin zur\nJungfrau, welche die Fahne trug, das weiße Ban-\nner mit heiligem Bildnis. Trieben wir allda vor der\nBegeisterten die Engelländer her wie der Sturm-\nwind wirbelnd Staub und Sand über die Ebene\njagt. Einmal übers andre trug ich das Schwert\nbluttriefend aus der Schlacht. Stand dafür auch\nmit zweiundzwanzig als Marschall neben der Jung«\nFrau, als zu Rheims im Dome König Karl gekrönt\nward. Sah daselbst, wie Einer, dem der Feind\nalles geraubt, jetzo in Gewißheit des wunderbaren\nSiegs, vom Anblick des königlichen Prunks, dem\nüberirdischen Klang der Glocken, den Düften des\nRäucherwerks, den Farben der Gewänder betäubt\nund hingerissen, im Ueberschwang des Jauchzens\nvor der Jungfrau sterbend zusammenstürzte,\nröchelnd, gierig nach Atem, die Luft wie einen\nKörper mit gekrampften Fingern packend. Bis daß\ndie Augen aus den Höhlen springen gewollt, sein\nBlick sich brach. Erschien mir aber im gräßlich\nverzerrten Gesicht ganz deutlich ein Uebermaß\nvon Seligkeit, daß sich mir wieder zum ersten\nSchrecken das Geheimnis eines Ausdrucks ge-\nsellte, davon ich gern mehr gewußt als das Auge\nschaute.\nReizte mich schon dumpf als Knabe, da ich\nelf Jahre zählte, alles, was dunkel und verborgen\nschien, mit Unergründlichem belastet. Liebte über\ndie Maßen modrig duftende Schriften, in einer\nKammer des väterlichen Schlosses gehäuft, mit\nfremden Zeichen fremder Sprache. Ruhte denn\nauch nicht, bis daß ich sie zu erkennen vermocht\nund lingua Latina mir war wie meine Mutter-\nsprache, kein Wort ein verschlossenes Sigel.\nKonnte mich im Anschauen des Glanzes und der\nschillernden Farben von Edelsteinen völlig ver-\nlieren und übte mancher gar böse Kräfte an mir.\nWars nicht der Dräuende mit der Sense, der\nmirs zur Lust werden ließ, im jähen Galopp hart\nam Abgrund hinzureiten, lockte er nicht aus dem\nschäumenden Strudel, ihn zu ergründen, daß ich\nden Renner zum Sprung spornte? Jenseits starr-\nten die Knechte mit offenen Mäulern hinterdrein,\nden Schrei des Entsetzens in die verzagte Brust ge-\npreßt. Konnte mir aber nicht Rede stehen, was es\nmit mir in jenem Augenblick gewesen, da mit ge-\nblähten Nüstern und funkelnden Augen das Roß wie\nein Teil meiner selbst unter mir hinüberschnellte.\nO Bruder! Dreien Geheimnissen forschte ich\nnach und wollte mich vermessen, sie zu ergründen.\nDiese aber sind: die Liebe, so. aus allem\nströmt, was uns als Schönheit bedünkt, der Tod,\nvon dem mir Satanas predigte, daß er die letzte\nNacktheit von Liebe und Schönheit enthülle, und\nzum dritten die Gewalt des Bösen. Werde nun-\nmehr morgen in meinem sechsunddreißigsten Jahr\nin Flammen aus dieser Zeitlichkeit gehen, aber\nhabe nicht vermocht zu erforschen bis zur letzten\nNacktheit, was meine Seele und nicht, was mein\nGeist gesucht.\n\nSchluss in Nummer 4\n\nNymphenburg\nVon Ferdinand Hardekopf\nEin Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und\nTaumeln der Brust, taucht in graugedehnte,\nrasengrüne Parkavenuen.\nEs war eine Beschwörung: die Qifttapete berste,\nDie mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete)\ndie lichte Scheidekraft verstellt.\nEs quoll ein grünes Auge;\nIn Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen\nEisenbahnschienen,\nRäkelte sich Pierrot, der klügste, katholischste\nAmerikaner,\nGrau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar,\nknisternd dem Weinlaub, dem Lorbeer und\nFrauen-Nägeln.\nAus Lackschuhen, glänzendster Eremitage, plät-\nscherten die weißblauen, wolkenzarten Adern\neines sehr hellen Nervenbeins\n(Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärt-\nlichkeit!).\nEin dunkler Mund zerteilte höflich den behutsamen\nDampf.\nUnd es wurde Orphisches doziert.\nIch versank — lächelnd, vergiftet.\nDa wußte ich meine heiteren Gefahren,\nUnd, edlerer Bürde nun gewürdigt, erschloß ich mir\ndas volkgemiedne Land.\n... Schon formt sich in der Stachelhülle,\nWas schmelz-duftig, nebelreif-atmend die kältere\nErde grüßen wird;\nPrunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbäume,\nweite, bergige, spitzfindige wie die Lust (.. die\nLust ...),\nEine weiße Fontäne zischelt Medisance, Marquise\nin gepuderter Wellen-Perücke,\nDie Marmorgötter lauschen und kichern und\nschmiegen sich lächelnd aus ihren Gewändern\n(Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine\nDianens?),\nUnd, jenseits des Königsschlosses, lassen die Spie-\ngelleiber heiliger Teiche,\nSchwäne sind ihre Brüste,\nBrüste,\nSich einbetten in Festungswälle,\nRitterlich wehrende, mit galant abfallenden Schul-\ntern, Pagenschultern.\n\nDer Sattlermeister\nVon Adolf Loos\nEs war einmal ein Sattlermeister. Ein tüchti-\nger, guter Meister. Der machte Sättel, die so ge-\nformt waren, daß sie mit den Sätteln früherer\nJahrhunderte nichts gemein hatten. Auch nicht mit\ntürkischen oder japanischen. Also moderne Sättel.\nEr aber wußte das nicht. Er wußte nur, daß er\nSättel machte. So gut, wie er konnte.\nDa kam in die Stadt eine merkwürdige Bewe-\ngung. Man nannte sie die Sezession. Die verlangte,\ndaß man nur moderne Gebrauchsgegenstände er-\nzeuge.\nAls der Sattlermeister das hörte, nahm er einen\nseiner besten Sättel und ging damit zu einem der\nFührer der Sezession. Und sagte zu ihm: Herr\nProfessor — denn das war der Mann, da die Füh-\nrer dieser Bewegung sofort zu Professoren ge-\nmacht wurden —, Herr Professor! Ich habe von\nIhren Forderungen gehört. Auch ich bin ein mo-\nderner Mensch. Auch ich möchte modern arbeiten.\nSagen Sie mir: Ist dieser Sattel modern? Der\nProfessor besah den Sattel und hielt dem Meister\neinen langen Vortrag, aus dem er immer nur die\nWorte „Kunst im Handwerk\", „Individualität\",\n„Moderne\", „Hermann Bahr\", „Ruskin\", „ange-\nwandte Kunst\" usw. usw. heraushörte. Das Fazit\naber war: Nein, das ist kein moderner Sattel.\nGanz beschämt ging der Meister davon. Und\ndachte nach, arbeitete, und dachte wieder. Aber so\nsehr er sich anstrengte, den hohen Forderungen\ndes Professors nachzukommen, er brachte immer\nwieder seinen alten Sattel heraus.\nBetrübt ging er wieder zu dem Professor,\nklagte ihm sein Leid. Der Professor besah sich die\nVersuche des Mannes und sprach: Lieber Meister,\nSie besitzen eben keine Phantasie.\nJa, das war's. Die besaß er offenbar nicht.\nPhantasie! Aber er hatte gar nicht gewußt, daß\ndie zum Sättelerzeugen notwendig sei. Hätte er\nsie, so wäre er sicher Maler oder Bildhauer gewor-\nden. Oder Dichter oder Komponist.\nDer Professor aber sagte: Kommen Sie mor-\ngen wieder. Wir sind ja da, um das Gewerbe zu\nfördern und mit neuen Ideen zu befruchten. Ich\nwill sehen, was sich für Sie tun lässt.\nUnd in seiner Klasse schrieb er folgende Kon-\nkurrenz aus: Entwurf für einen Sattel.\nAm nächsten Tage kam der Sattlermeister\nwieder. Der Professor konnte ihm neunundvierzig\nEntwürfe für Sättel vorweisen. Denn er hatte zwar\nnur vierundvierzig Schüler, aber fünf Entwürfe\nhatte er selbst angefertigt. Die sollten ins „Studio\".\nDenn es steckte Stimmung in ihnen.\nLange besah sich der Meister die Zeichnungen\nund seine Augen wurden heller und heller.\nDann sagte er: Herr Professor! Wenn ich so\nwenig vom Reiten, vom Pferde, vom Leder und\nvon der Arbeit verstehen würde wie Sie, dann hätte\nich auch Ihre Phantasie!\nUnd lebt nun glücklich und zufrieden.\nUnd macht Sättel. Moderne? Er weiß es nicht.\nSättel.\n\nDie neu inszenierte Theatermoral\nVon Felix Stössinger\nDa Herr Nissen konsequent den Kampf der\ndeutschen Schauspieler um materielle Güter durch\ndas Pathos des Moralisten diskreditiert, sind einige\nabwehrende Worte notwendig. Sie bekämpfen ihn,\naber auch die Don-Quijoterie der Frauen und\n„freien\" Studenten, die, statt Sturm gegen einen\ndemagogischen Moralisten zu laufen, mit ihm ins\nFeld ziehen, die Unmoral auszurotten. Die\nWorte gehen also gegen den Geist, nicht gegen das\nnotwendige und wünschenswerte Ziel derßewegung."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.5", "texte": "Natürlich ist es ein Zeichen des Fortschritts,\ndaß die Schauspieler den Wirtschaftssinn der Zeit\nerkannt haben. Sie leben außerhalb des Gesetzes\nund sind der frechsten Willkür ihrer Lohnherren\nausgesetzt. Sie werden miserabel bezahlt und\nmüssen ihren Idealismus noch billiger als deutsche\nSchriftsteller verkaufen. Sie sind zur Bühne ge-\ngangen, daß dort alles von ihnen abfalle, und der\nKörper frei und streng auf der wogenden Fläche\nihrer Gefühle stehe, und bekommen nun nicht ge-\nnug, diesen Körper zu ernähren.\nDoch fortan sollen sie diesen Körper auch nicht\nmehr frei verwalten dürfen.\nEs ist reaktionär, genossenschaftlichen Geist\nzu verachten. Aber fortschrittlich ist es, den Geist\ndieser Genossenschaft zu verhöhnen. Die bürger-\nliche Existenz hat Goethe nicht gehindert, den\n„Faust\" zu beendigen, aber die Not ließ Mozart\nHungers sterben, und seiner kalten Hand entfiel die\nFeder, die das Lacrymosa schrieb. Die bürger-\nliche Existenz sichert das geistige Leben. Sie ver-\nnichtet es nie. Sie vermindert nur den Ruhm\njener, die auch ohne den Hunger nichts geleistet\nhätten. Der Hunger rettet unter allen Umständen\ndie Gloriole. Deswegen wird er meistens ge-\npriesen.\nDie Genossenschaft verlangt natürlich mehr,\nals sie braucht. Den Schauspielern geben, was sie\nwollen, hieße die Direktoren vernichten. Ohne\nUmsturz unserer Gesellschaftsordnung würde es\nnicht gehen. Herr Nissen will aber vorläufig nur\ndie Unordnung zwischen den Geschlechtern be-\nheben.\nIn diesen geschickt inszenierten Kämpfen um\nmaterielle Hebung des Standesgefühls wurde das\nSchlagwort Prostitution am lautesten erhoben.\nWenn wir Bürger werden wollen, dachte sich\nNissen, müssen wir die Bürger gewinnen. Und\nschlafen die sozialen Instinkte, so wachen doch die\nmoralischen.\nHerr Nissen ruft also die Moral zur Besserung\nder Gagen auf. Er bekämpft die niedrigen Gagen,\nweil sonst die Moral verdirbt. Eine Hand wäscht\ndie andere.\nHerr Nissen will zunächst verhindern, daß eine\nSchauspielerin ihre Liebe verkauft, um leben zu\nkönnen. Herr Nissen will verhindern, daß eine\nSchauspielerin aus dem Golde ihrer gebenedeiten\nSchönheit Gold schlägt, um schönere Kostüme\nbesitzen zu können. Herr Nissen will verhindern,\ndaß eine dem Direktor gefällige Schauspielerin\nbessere Rollen spielt als die ihm ungefällige. Herr\nNissen will verhindern, daß der Direktor nur ein\nMensch ist und will ihm verbieten, sich von einer\nFrau, mit der er täglich in Berührung kommt, ver-\nführen zu lassen.\nHerr Nissen will mit einem Wort die Weltord-\nnung umstürzen. Er hatte zwar die Frauen als\nNächstbeteiligte bisher gar nicht gefragt, ob die\nProstitution abgeschafft werden soll. Aber er hat\nsich ihre Antwort wohl denken können. Die häß-\nliche Majorität, die gegenüber der schönen Minori-\ntät einfach nicht mitkam, hätte zugestimmt und die\nweniger wahrheitsmutige Minderheit hätte nicht\ndie einzig aufrichtige Antwort gegeben: Wir wollen\ndas Ding, aber nicht den Namen, der es ver-\nschandelt.\nEs ist wahr, daß viele Schauspielerinnen früher\nvon der Not als vom Temperament der Liebe zu-\ngeführt werden. Deren Liebe ist allerdings Prosti-\ntution. Aber ihr Mangel an, Feuer macht sie für\nihren Beruf ebenso ungeeignet wie für die Liebe.\nSie weichen vor der rohen Gewalt des Lebens ins\nHimmelreich des Liebens und erleiden die Alltags-\ntragik einer unglücklichen Berufswahl. Für sie\nallein wird von Nissen gekämpft: für die Moral der\nUeberflüssigen; gegen die Prostitution der Ueber-\nflüssigen.\nDenn das muß man Herrn Nissen eindringlich\nwiederholen: solange es Frauenarbeit gibt, wird es\n„Prostitution\" geben. Solange die Frau den Beruf\nmit Männern teilt, und solange Frauen Frauen und\nMänner Männer sind, wird sich das Geschäftsleben\nnie ganz vom Geschlechtsleben trennen lassen.\nHat die Natur der Frau geschenkt, zu geben und zu\nversagen, so wird die Frau ihr Vorrecht der Schön-\nheit immer im freien Körperwettbewerb gegen die\nreizlosere Frau ausspielen. Und ist ihre Hingabe\naus Ehrgeiz an einen ungeliebten Mann nicht wah-\nrer Idealismus? Wohl ist es ein gemeines Macht-\nmittel des Direktors, die Rolle dem Leib zu ver-\nkaufen. Aber das freiwillige Angebot der Frau\nkommt ihm, gepanzert gegen das eigene Ge-\nschlecht, mit einer Waffe entgegen, die sich die\nSchönere nie entreißen lassen wird. Sagen hundert\nniedrige Männer: „Sie wollen die Rolle! Wohl-\nan, hier ist mein Schlafzimmer\", so sagen hundert\nehrgeizige Frauen: „Hier ist mein Schlafzimmer!\"\nUnd denken, „nun muß er mir doch die Rolle\ngeben!\" Aber Herr Nissen sieht das nicht ein,\nverlangt von den Direktoren in solcher Notlage\nschlimmstenfalls Zechprellerei und rechnet auf De-\nnunzianten und Hysterikerinnen, die ihm schon\nSchuldige zuschanzen werden.\nHerr Nissen hätte also zunächst nicht den Di-\nrektoren die Nachfrage, sondern den Schau-\nspielerinnen das Angebot zu verbieten. Wenn\nmanches arme Mädchen vor soviel Macht, so ist\nmancher arme Direktor vor soviel Schönheit wehr-\nlos, und in diesem Konkurrenzkampf um Rolle und\nLiebe wird immer das entscheiden, was Nissen und\ndie Pfeiffer nach seiner Flöte schamloserweise\nProstitution nennen.\nAber Herr Nissen bekämpft nicht nur die Prosti-\ntution wegen zu kleiner Rollen, sondern auch die\nProstitution wegen zu kleiner Gagen, und hier be-\nginnt er, einem Komödiendichter großen Stiles\ndankbare Stoffe vorzuspielen. Er kompromittiert\ndas gute Schauspielerrecht auf bessere Behandlung\nmit einer Moral, die nicht aus dem Wölken-\nkuckucksheim, sondern einfach aus Böotien\nstammt, und will uns einreden, daß die Direktoren\nüberhaupt soviel zahlen können, daß diese soge-\nnannte Prostitution überflüssig werden wird. Wenn\ner es bisher glaubte, so wird er nun, nach dem am\neigenen Leib erlebten Bankerott, selbst zu zwei-\nfeln beginnen. Aber was kümmert das uns? Seine\nMoralphrasen fälschen die großen Züge der Bewe-\ngung und schaffen der Führung, nicht dem Ziel des\nKampfes Feinde. Deswegen müssen sich alle\nFreunde der guten Schauspielersache gegen ihn und\nseine Anhänger verbünden. Eine Staubwolke auf-\ngewirbelter Unsittlichkeiten umhüllt den entrüste-\nten Weltverbesserer und aus ihr tönt seine Stimme,\ndie den Schauspielerinnen die Not begehrlich\nmachen will, die beten lehrt. Eine liebe Stimme\nund rührende Harmonie aus Bellamys zweitem\nJahrtausend. Aber bis dahin werden sich die be-\ndürftigen und schönen Frauen des Theaters und\naller anderen Berufe noch immer für die Not, die\nheben lehrt, entscheiden.\n\nTheater\n\nInsbesondere „Judith“\nEs steht heute fest: Die Vollendung Hebbels\nsind nicht die Hebbel-Fortsetzer, die Vollendung\nHebbels ist Jbsen. Genie ist nicht mehr (oder nicht\nnur) Objektivität, sondern Intensität. Ibsen hat den\nWeg des Psychologen Hebbel beschritten und auf\ndiesem Wege als erster Dramen, genauer Theater-\nstücke gedichtet. Er hat die undramatische, anti-\ntheatralische Charakterisierung der handelnden Per-\nsonen und die (ebenso undramatische) Motivierung\nihrer Taten in den geheimsten Falten des Dramas\nversteckt, und die Handlung — freilich eine ganz\nneue Art Handlung — auf die Oberfläche gebracht.\nEr hat den Monolog ermordet und die nahen Ver-\nwandten des Monologs, den Vertrauten und das\nBeiseitesprechen verbannt und er hat seinen Ge-\nschöpfen verboten, ihre Mitgefühle zu charakteri-\nsieren, wenn sie damit nicht gleichzeitig der Hand-\nlung dienten.\nWill man nun Ibsen nicht aufführen, will man\nein literarhistorisches Experiment machen und\nHebbel oder seinen verstorbenen und lebenden Epi-\ngonen (pardon: Fortsetzern) durchaus auf die Bühne\nhelfen, so muß man ihre toten Psychologismen in\nDialogform durch Zurückdrängung der Elemente,\ndie der große Theatraliker Ibsen beseitigt hat, und\ndurch kraftvolles Vorschieben der Handlung — bei\nHebbel selbst im Sinne Ibsens — mit dramatischem\nLeben zu erfüllen versuchen.\nMan braucht nicht erst Hebbels Tagebücher zu\nlesen, um zu erfahren, daß gerade Judith ein völlig\nphantasiearmes Stück berechnender Psychologie ist.\nWem erbebte nicht das Herz vor Mitleid, wenn er\ndie Hilflosigkeit sieht, mit der im ersten Akt Holo-\nfernes durch kleine Episoden und große Monologe\nsich selbst charakterisiert, um die Tat der Jüdin\nnotwendig zu machen:\n„Ich bin Mene-Laus der Gute, Laus der Gute,\nLaus der Gute . .\nWenn im zweiten Akt Judith vortritt und er-\nklärt: Da ich den Holofernes im Schlußakt, nachdem\ner Herr meines Leibes gewesen, ermorden muß, so\njmuß ich Jungfrau sein, denn „nur aus einer jung-\nfräulichen Seele kann ein Mut hervorgehen, der sich\ndem Ungeheuersten gewachsen fühlt'4 (Tagebücher\nBd. II Nr. 1872); „Aber — eine jungfräuliche Seele\nkann alles opfern, nur nicht sich selbst\" (ebendort),\ndeshalb muß ich zwischen Jungfrau und Weib in der\nMitte stehen und erlaube mir, die Geschichte meiner\nseltsamen Ehe zu erzählen. Endlich die Volks-\nscenen im dritten und fünften Akt, die dem Drama\nnicht weiter nützen, als darin, daß sie Darstellungen\nder Volksstimmung geben — seit Ibsen unerlaubt,\ndaher auf der Bühne heute ungewohnt —, in die\nJudith an den verkehrtesten Stellen eingreift.\nMax Reinhardt mußte diese Judith reizen.\nWenn auch eine Unzahl fachunverständiger En-\nthusiasten Reinhardts Schöpfungen über die Maßen\npriesen, sechsunddreißig Stunden nach jeder Pre-\nmiere des deutschen Theaters brachte es die Sonne\n(verzeihen Sie, Herr Doktor, die grobe\nSchmeichelei) in den „Tag\": „Direktor Reinhardt\nversteht nichts vom Komödie-Spielen.\" Und auch\nwir zwei oder drei weniger genannten Kritiker er-\nhoben unsere Stimmen und erklärten: Direktor\nReinhardt versteht nichts vom Komödie-Spielen.\nUebermenschliche Arbeit kann ohne das konzen-\ntrierende Genie kein Kunstwerk schaffen; der Auf-\nwand an Dekorationen, mögen die Entwerfenden\nnoch so gut ausgesucht sein, kann den völligen\nMangel an Innenregie nicht verdecken.\nMax Reinhardt konnte diese Judith reizen.\nHier mußte er zeigen, daß er nicht nur der In-\nspizient seines Theaters sei. Bei der Judith stand\nund fiel alles mit der Innenregie. Und alles fiel.\nEs war seit Reinhardts Faust die unerhörteste Zu-\nmutung für den kritischen Zuschauer. Im Faust\nkonnte man entschuldigen: das Interesse an der\nNeuartigkeit der Ausstattung, der schwere erfolg-\nlose Kampf gegen die Statisterie nahm die Kraft des\nRegisseurs so in Anspruch, daß er darüber vergaß,\nden Faust zu inscenieren. Aber worüber will er\ndie armseligen drei dramatischen Momente der\nJudith vergessen haben? Etwa über den modernen\nInletstoffen, die das gnädige Fräulein angeblich\ngewebt hatte? Oder über den drei farbenarmen\nTeppichen aus dem Kaufhaus des Westens, in dem\nim teppichreichen Osten gelegenen Zelte des\nHolofernes?\nEs gibt nämlich eine Art, wie man jedes mög-\nliche Leben, das aus der blutlosen Gedankenfülle\nund psychologischen Unerbittlichkeit dieses dra-\nmatischen Zwitterwesens emporächzt, im Mutter-\nleibe töten kann: Man nimmt seiner Seele Kriegs-\nlärm, seinem Körper die dritte Dimension. Also\nwird es am schnellsten eine groteske Karikatur\nseiner selbst. Um dies zu erreichen, strebte Rein-\nhardt nach möglichster Annäherung an die Wir-\nkungen der Reliefbühne. Er ignoriert zum Beispiel\ndie wichtige Vorschrift des ersten Aktes: „Das\nLager des Holofernes. Vorn, zur rechten Hand, das -\nZelt des Feldhauptmanns. Zelte. Kriegs-\nvolk und Getümmel. Den Hintergrund\nschließt ein Gebirge, worin eine Stadt sichtbar ist.\"\nWie kann man die Sinnlosigkeit rechtfertigen, auf\ndas Soldatenmilieu und auf das Kriegsgetümmel zu\nverzichten? Worin sollen denn die Reden des\nHolofernes sonst untergehen? Im zweiten Akt\nsitzen Judith und Mirza nicht am Webstuhl, sondern\nlaufen umher und wechseln angstvoll die Plätze, als\nob sie im Augenblick etwas ganz anderes vorhätten,\nals sich Geschichten zu erzählen. Und wie anders\nsoll die gute Rezitation der Durieux dramatisch\nmöglich gemacht werden, als durch die Einförmig-\nkeit der Arbeit des Webens? Nie aber sah noch\nmein Auge oder meine Phantasie ein vor Hunger,\nDurst und Angst fast wahnsinniges Volk so sinn-\nund zwecklos, so unbekümmert um die Darsteller\nder Sprechrollen die Kulissen mit so spiralförmig\nverbogenen Armen durchschlafen wie bei dieser\nSchandkomödie im ersten Theater Berlins.\nUnd wiederum konnte man mit dem immer\ndeutlicheren Bewußtsein diesen Tempel der Kunst\nverlassen, daß man aus dem Hause eines reichen\nMannes ging, der seine eigene trostlose Leere in der\nEinrichtung seiner Zimmer, die er sich von Pro-\nfessor Bruno Paul entwerfen ließ, zu ertränken\nsucht. Sigmund Kalischer\nDer Eisenbahnräuber\nVielleicht gehe ich selbst noch einmal in den\nSchwank, sein Humor hat doppelte Lebenskraft,\nman kann sich zweimal totlachen. Es fällt mir gar\nnicht ein, den Inhalt des kleinen Lustspiels zu ver-\nraten, nur möchte ich seinen famosen Darstellern"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.6", "texte": "für den schönen Abend und vor allen Dingen den\nAutor Fritz Gräbert für den lustigen Streich dan-\nken. Arthur Winckler spielte den ehemaligen\nBäckermeister August Pickenbach mit Ro-\nsinen und Korinthen und allen außergewöhnlichen\nZutaten. Emmy Dittmar, allerdings eine Schul-\nreiterin, in die man sich verlieben kann. Frau\nMeyer (Rosa Schäffel), man soll sich noch so eine\ngute Wirtin suchen! Es war ein lachendes Zusam-\nmenspiel, ein Tanz, leichtfüßig, ein Walzer: An der\nblauen Donau, wenn auch der erste Aufzug in Ost-\nende an der Nordsee spielt und der Herr Rentier\nBäckermeister Pickenbach auf Berliner mir und\nmich der neuen Bekanntschaft beim Sekt sein Mehl-\nherz ausschüttet. Man kommt nicht aus dem Lachen\nheraus, der traurigen Jungfrau Sentimentalität ist\nder Eintritt verboten, der Autor hat die banale\nTochter zu Hause gelassen, er ironisiert selbst den\nKuß. Er mag nicht eines Kusses wegen\neinen Augenblick Lachen einbüßen. „Skool!\" ruft\nmein Nachbar. Er ist Schwede. Ein Liebespaar,\nzwei Turteltauben, stehn doch sonst immerwo im\ndritten Akt, gefüllt oder ungefüllt, am Nischenfen-\nster und girren im frischesten Lustspiel geheuchelte\nSehnsucht. Meine Angst war also hier vergebens.\nUnd mich belustigt ungestört der ungeschlachte,\nwollige Liebhaber Maler Hans Wegemann (Carl\nWessel), es blieb ihm jedes Wort im Hals stecken,\nbis er zum beißenden Hammel ausreifte unter der\nLeitung seiner Backfischbraut Marie, der Tochter\nPickenbachs (Grete Kroll). Die vielen Hände, die\neinen Wirbel klatschten, waren nicht zu übersehen.\nAufführung im Bernhard Rose-Theater\n\nElse Lasker-Schüler\n\nVon der Wolke, welche so gern\nhätte regnen mögen\nVon Mynona\nAch! Wie zufrieden war die Welt. Gelber Son-\nnenschein lag wie Eiersauce überall ausgegossen.\nDie Kühe grasten, der Himmel war ein einziges\nbreites Lachen. Eine Menge Rosenlauben plau-\nderten mit der leichten Luft ins Gelage hinein.\nGreise wandelten mit sanften grauen Köpfen. Alte\nFrauen falteten die Hände überm Schoß und saßen\nda wie aus Lebkuchen gebacken. Und ein ganz\nkleines, unschuldiges Kind nieste in einer so aller-\nliebsten Weise, daß ein Huhn in die Höhe flog und\nnervös zu gackern begann, alles war im Einklang,\nselbst ein Trunkener, der hin und her torkelte,\nwirkte so verzeihlich, so glücklich, so idyllisch,\ndaß ohne ihn an allem noch das Beste gefehlt hätte.\nDa zog hinterm Berge leise und langsam, wie\nsich selber besinnend und halb zögernd, von einem\nzahmen Winde getrieben, eine lose hellgraue Wolke\nauf. Sie warf ihren matten Schatten über alle die\nfröhlichen Dinge unmerklich mißmutig hin, und mit\ndiesem Schatten dachte sie selbst über das ganze\nGlück dieser schönen Gegend nach. Ihre Gedanken\nliefen aber alle darauf hinaus: Wo könnte ich am\npassendsten niedergehen? Mit gleichgültiger\nTrauer in ihrem suchenden Blick streifte sie über\nalles weg; der Wind stieß sie aufreizend an und\nblies in ihre hohlen Ohren: hier, hier, hier! Aber\nsie ließ sieh nicht beirren, sondern suchte, suchte.\nSelten gab es eine so zweifelnde, so überaus ge-\nwissenhaft abwägende Wolke. Soll ich oder soll\nich nicht, schwankte sie fortwährend und wurde\nbald dünner, bald dichter. Unten streckte Rentner\nLebehoch seine kluge Hand aus und rief dem\nBäcker Dudelsack mit wohlsituierter Stimme zu:\nHerr Nachbar, das gibt keinen Zuckerguß. Die\nWolke versuchte, wie man an ihrem Schatten\nmerkte, flüchtig zu lächeln; sie putzte gerade der\nSonne die herrliche Nase; wobei die Sonne mit den\nAugen blinzte, so daß die ganze Gegend mit einem\nMale aussah, wie wenn sie einen geistreichen Ein-\nfall hätte; bald darauf war sie wieder glücklich wie\ndas Schlaraffenland. Nur unglücklich fühlte sich\ndie Wolke mit ihrem zaudernden Willen, niederzu-\nregnen. Eine nachdenkliche Wolke ist sehr selten.\nDas ganze Geheimnis, zu regnen, besteht ja eben\nbloß darin, daß man resolut, so stark man gerade\nkann, niederregnet, ohne sich — das ist die Haupt-\nsache! — aus der Wirkung auf das zu Beregnende\netwas anderes zu machen als eine lustige Kurz-\nweil oder einen lustigen Zorn. Gekitzelt wurde\nwohl die Wolke zu jenem, gestachelt zu diesem;\naber mit ihrem Schatten alles Untere zart berüh-\nrend und prüfend, erhielt sie sich in ihrem gräm-\nliehen Gleichgewicht. Weder die glatten, schim-\nmernden Rücken der Kühe, die sie sonst mit ihrem\nDämmer streichelte, noch das kleine Kindchen im\nWagen, dem sie die helle Stirn ein wenig trübte,\nnoch Pastor Blotegel, der stets ein wahrer Fest-\nschmaus für hungrige Wolken war, lockten sie zur\nAuflösung. Sondern, angesteckt vom allgemeinen\nFrieden, begann die Wolke sentimental zu werden:\nsie genoß und sog in sich ein dieses ganze Idylli-\nsche allenthalben und empfand als den einzigen\nStörenfried allein nur sich. Sie sah die Kuh Klau-\ndine und erschrak bei dem bloßen Gedanken, die-\nsem ehrwürdigen Tier die Douche geben zu sollen.\nDer Wind, der Mephistopheles der Wolken, war\naußer sich: Gemüt bei einer Wolke, zischelte er,\nist wie Käse in Form eines Maiglöckchens. Die\narme Wolke wurde düster und ließ aus Zerstreut-\nheit dem Blotegel einen Tropfen auf die Nase\nfallen, so daß dieser aufsah und salbungsvoll\nsprach:\n„Oh himmlisches Naß, verschone noch deinen\nDiener, bis daß er den Fußsteig über den Bach zu\nseinem Hause zurückgelegt!\"\nSie ließ ihn hinübergehen und stand eine Weile\nstill, ein kleiner Blitz fuhr in ihr Auge und ver-\nschwand, sanftmütig setzte sie ihren trostlosen\nWeg fort. Man glaubt ja immer, die Sonne küm-\nmere sich um nichts und lasse ihr Licht leuchten,\nohne sich viel Gedanken darüber zu machen, wo-\nhin es falle. Das ist ein Aberglaube. Zum Beispiel\ndie Wolken kennt die Sonne alle beim Namen. Wie\noft macht sie sich ein Vergnügen daraus, sie an den\nHaaren zu sich emporzuheben, sie zu küssen, um\nsich an ihrm Naß den Durst zu löschen und sie dann\nwieder loszulassen. Die Sonne, die sich heute be-\nsonders wohl fühlte, faßte die Wolke zart an, aber\ndurch diese ging ein Schauern, sie schmiegte sich\ndicht an sie an und bat: liebste Tante, du bist viel-\nleicht mit daran interessiert, daß ich diese glück-\nliche Gegend unten nicht einmansche. Bitte, darf\nich ausnahmsweise einmal nach oben regnen?\nDa lächelte die Sonne so sehr, daß der Wind\nseine Flügel faltete und still wie eine Eule am Tage\ndasaß. Und holte aus ihrer Tasche einen strahlen-\nden Kamm: Frisiert mußt du werden, mein Töch-\nterchen, ehe du in den Himmel hinaufgehst. Und\nsie kräuselte ihr das feuchte Haar in zierlich rie-\nselnde Wellen, streute auch das feinste Flimmern\ndarauf aus, von unten war es so schön anzusehen,\ndaß alle Schulkinder die Nasen sehr hoch hoben:\ndies war der letzte Anblick, den die Wolke hatte,\nder sie auch zu Tränen rührte: so geriet sie denn\nin immer tieferes Weinen, löste sich ganz darin auf,\ntat noch einen himmlischen Atemzug und floß in\ndiesem durch das Sonnenlicht ganz verklärt in den\nblauesten Himmel hinauf. — Wolken sind sehr\nselten so gefühlvoll.\n\nGlossen\nAlfred Döblin\nMenagerie Richard Strauss\nDie Londoner Blätter berichten über die von\nRichard Strauß geleitete Probe zur Elektra: „Bis\nzur letzten Note preßte er die Musiker aus, so daß\nsie endlich erschöpft und mit Schweißtropfen auf der\nStirn in ihre Stühle zurücksanken. Dann fragte\nStrauß, ob sie jetzt zu Mittag essen wollten, aber\ndie Leute hatten Feuer gefangen und erklärten, mit\neiner zehn Minuten langen Pause zufrieden zu sein.\nEr soll bei einer nicht stürmisch genug gespielten\nStelle den Musikern zugerufen haben: Spielen Sie\ndas nicht wie Gentlemen, sondern wie rasende\nTiere. — Den Trompetern, — es waren vier, —\nließ er durch seinen Dolmetscher sagen, sie sollten\nwie vierhundert Mann blasen. Sie bliesen, aber\nStrauß rief ihnen zu, das seien nur zweihundert.\nSie bliesen wieder, sie bliesen, wie sie nie zuvor ge-\nblasen hatten.\" Es berechnen bekanntlich auch\nsonst die Musiker den Wert der Musik wesentlich\nnach ihrer schweißtreibenden Kraft, und nach An-\ngabe unserer Kapazitäten soll besonders Straußsche\nKunst wesentlich geeignet sein zur Behandlung\nder Fettsucht und Harnverhaltung. Aber be-\ndenklich macht doch ihre appetitschädigende Wir-\nkung. Ich weiß nicht, ob diese Wirkung dadurch\nausgeglichen wird, daß sie scheinbar nur bei anti-\nnationalen Engländern hervortritt; (— ist Strauß\nvom Flottenverein geschickt? —) Uebrigens wird\nuns etwras mitgeteilt, was das Genie unseres\nMeisters doch in hellem Lichte zeigt: er ist nun-\nmehr mit Hagenbeck in Verbindung getreten und\nbeabsichtigt, seine Aufführungen in Zukunft in\nMenagerien abzuhalten. Aus dem sensationellen\nWaschzettel ziehen wir aus:\n1. Die wilden Weiber oder griechisch-syrischer\nBauchtanz mit Krampfzuständen der Becken-\nmuskulatur. 2. Akute Lungenblähung, Ballade aus\nCovent Garden mit Rentenverfahren. ' 3. Der musi-\nkalische Schweißfuß. 4. Vier Gentlemen als zwei-\nhundert Seelöwen. 5. Vier Gentlemen als vier-\nhundert Seelöwen. 6. Vier Gentlemen als acht-\nhundert Brüllaffen. Verwandlung (erstaunlich!)\nSchlußchor: „Wie oder was blasen die Trom-\npeten?\" aus „Tod und Verblödung.\"\nSchaufensterbelustigung\nDer Verband Berliner Spezialgeschäfte beab-\nsichtigt eine höhere Fachschule für Schaufenster-\ndekoration einzurichten. Damit wird etwas einge-\nführt, was wir schon immer erhofften und was als\nletzten Zweck hat den Ersatz des Zweckmäßigen\ndurch das Wohlgefällige. Nachdem man endlich\ndavon abgegangen ist, plump seine Verkaufsgegen-\nstände vorzuführen, kommt unser Standpunkt zur\nGeltung mit der Devise: Die Kunst im Leben des\nButtergeschäfts. Einige Geschäfte planen kine-\nmatographische Darbietungen aus der Prärie und\nUmgegend; die großen Warenhäuser wollen Ring-\nkämpfe bieten; ein Käsegeschäft bringt: der kleine\nJacobsohn, sein Gedächtnis, sein Anhang und die\nMaulsperre. Um die Illusion zu vollenden, wollen\ndie einzelnen Geschäfte ihre Schilder vertauschen\nund zwar wöchentlich in einem bestimmten Turnus.\nMan bezweckt damit auch, das Publikum in Ge-\nschäfte zu führen, in welchen es nichts zu suchen\nhat; es belehrt sich dabei und kommt aus dem\nWundern nicht heraus.\nDer Verband Berliner Spezialgeschäfte erhofft\nsich, wie er uns in einem Comunique mitteilt, von\ndieser Neuerung eine bedeutende Belebung des\nVerkaufsbetriebes und wird sie, auch bei fehlendem\nEntgegenkommen des Publikums, eventuell unter\nSperrung der Geschäftsräume durchführen, ein\nPlan, in welchem ihn Herr Jagow sicher unter-\nstützen wird.\n\nUnsere Lieblinge\nI / Verse des Herrn Doktor Rudolf Lothar\nDie sehr komische Oper „Das Tai der Liebe\"\nhat die Erde ohne grosse Austrengung mit sanftem\nBeben verschlungen. Doch den Text spie sie\nentsetzt wieder aus. Einiges Unkraut habe ich\naufgelesen.\nDie Markgräfin, als sie in einem Grenadier den\nGeliebten derjugend, einen Schweinehirten wieder-\nerkennt:\nAllein in meinem Herzen drin,\nDa höre ich noch früh und spat\nDie Lieder der Kinderzeit.\nIch seh' mich noch in kurzem Kleid,\nIch seh' dich noch mit nackten Beinen\nMit deinen Schweinen.\nLisbeth, eine Amme, die dem verschollenen Gelieb-\nten nachtrauert:\nMein Hans allein, der kam noch nicht,\nMein Hans, der kam nicht wieder.\nVergessen hat er Lieb' und Pflicht,\nVergessen unsre Lieder.\nDiese Lieder lernt man leider nicht kennen. Sie\nliegen ihr aber sehr am Herzen. Als ihr Geliebter\ngefangen fortgeführt wird, bemerkt sie:\nUnd muss es nun geschieden sein,\nMein Hans, du kehrst ja wieder,\nUnd bleib' mir treu, gedenke mein,\nGedenke unsrer Lieder.\nVergiss im Schloss dein Mädel nicht,\nZu eng wird mir das Mieder!\nIch habe die starke Vermutung, daß Lisbeth nur aus\nReimnot so auf die Lieder versessen ist. Ich mache\ndaher Herrn Doktor Lothar vorläufig auf die Worte\nGefieder, bieder und Seifensieder aufmerksam.\nDer Hymnus auf die Tätigkeit der Ammen sollte\naber Gemeingut des deutschen Volkes werden.\nHier stehe er zum Auswendiglernen:\nWir speisen und tränken\nDas Menschengeschlecht,\nDrum soll niemand kränken\nDer Ammen Recht.\nDie Liebe schuf\nUnseren Beruf. —\nUnd für Freunde der Klapphornpoesie seien zum\nguten Ende noch zwei Verse hingesetzt:\nAn meinen Schultern lehnt' dein Köpfchen,\nDa küssf ich dich aufs blonde Zöpfchen.\nTrust\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung: Herwarth Waiden/Berlin-Halensee"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100317-01.1.7", "texte": "Auslieferung för Österreich-Ungarn M. Braunschweig Wien IX / Verantwortlich für die Scbriftleitung in Österreich-Ungarn; Otto Soyka\n\nMalschulen\nf'- • ■ M|nmmi|Mlm Hlf—lM 1 mil IHHHBIIIIMMII Will ■■■HIWIIIH MlHlimiJl -L.LIH.U-LIMIM-IJLIHI .._L\nStudien=Atelier\nBerlin W. 30, Habsburgerstr. 11\nAkt-Kopf-Kostiim :: Zeichnen ::\nMalen :: Modellieren Stilleben\n:: Komposition :: Abendakt ::\nAb Juli Akt, Landschaft an der See\nProspekt durch Moritz Melzer\n\nMalschule\nMuller-Schoenefeld\nAtelier Charlottenburg* 111\nSchillerstr. 3\nVormittag: Portrat u. Kostlim-\nmodell\nAb end: Dauerakt\nAtelier Berlin W / Liitzowstr. 82\nVormittag-: Akt\nNachmittag': Portrat\nAb end: Skizzieriibungen nach\ndem Akt\n(2 Stunden 50 Pfg.)\nAnfragen nach Schillerstr. 3\n\nBerlin W. 35 / Potsdamerstr. 121 a\nAtelier\nClara Elisabeth Fischer\n:: MALEN :: ZEICHNEN ::\nNeu seit l. November\nPlakatkunst :: Graphik :: Eintritt\njederzeit :: Naheres Prospekte\n\nHANS BALUSCHEK\nMaler\n:: Schulatelier fur Damen ::\nBERLIN W., Liitzow=Strasse 82\nAtelierhaus, linker Aufgang\nProspekte Brief-Adresse:\nSchoneberg - Berlin, Vorberg - Strasse 15\n\n:: Schule fur ::\ngraphische Kunst\nPotsdamerstrasse\nPrivat - Strasse 121 G\n\nDEUTSCHE SMYRNA-TEPPICHE\nhandgekniipft und mech. gewebt, fertigt in EINZEL-FABRIKATION auch nach besond. Kiinstler-Entwurfen\nVEREINIGTE SM YRN ATEPPICH FABRIKEN i\n........ (ZENTRALE: BERLIN C 2, BURG-STRASSE 24) in ihren Fabriken\ni 5 SCHMIEDEBERG i. R. - COTTBUS - HANNOVER-LINDEN I I\nB ■ a\n■■■■■■■■ aus selbstgesponnenen reinen Garnen, in luft- und lichtechtesten Farben i\nMechanisch gewebte hochflorige Smyrna-Teppiche\n:: :: :: :: :: :: nahtlose Breite bis zu 6 Meter bei beliebig-er Lange und Farbenstellung :: :: :: :: :: ::\nKNUPFTEPPICHE Metr Haargarn-Lauferstoffe\nIN JEDER STILART, FORM U. FARBENSTELLUNG :: :: :: :: bis zu 1,30 Meter breit :: :: :: ::\nNEUHEIT! Deutsch-orientalischer Kniipfteppich „IRAN\" D. R.-Patent\nBesonders dichte, niedrig florige Qualitat ECHTFARBIG AUS BESTEM KAMMGARN\n\nMalutensilien\nMai- und Zeichenbedarf\nW. & J. 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Marz abends\n21 M., 16,75 M., M , 7,90 M., 5,25 M.\nVorverk. b. Bote & Bock, R. Wertheim u. im Mozartsaal\nIPP\"* Da der Verein nur eine beschrankte Anzahl Karten\noffentlich abgibt, empfiehlt es sich, baldmoglichst zu besteilen\n\na\nBUCH- UND KUNSTDRUCKEREI\nSIEGFRIED SEEGER\nBERLIN S 42, RITTERSTRASSE 26\nTELEPHON AMT IV, 1045 ■■ TELEPHON AMT IV, 1045\nILLUSTRATIONSDRUCK, SETZ-\nMASCHINEN, BUCHBINDEREI\nSTEREOTYPIE, MODERNSTES\n:::: schriften material ::::\nSpezialitat: Druck von Broschiiren, Katalogen,\nZeitschriften, Werken, Massenauflagen ■ Buntdruck\n\nIn Berlin erscheinende\nfranzosische Zeitschrift\nJODRNiL d'iLLEHAGIE\nZur Vervollkommnung\nin der franzosischen\nSprache gut geeignet\nAbonnementspreis vierteljahrlich 1,50 M\n\nBBBaaaHaaßßHßsaeaaßßßHHaaßaaaf\nDER DEMOKRAT\nWochenschrift fur freiheitliche\nPolitik / Kunst und Wissenschaft\nErscheint jeden Mittwoch\nNummer 10 Pf. / Quartal M 1\nProbenummern frei d. den Verlag\nGr.-Lichterfelde, Manteuffelstr. 16\nIBIiaiIBIBMBHRaBBBBIIHaiBBRII\n\nPreis 1 Mark Preis 1 Mark\nenthol-Malz-Dragees\nSicheresMittel gegen akuteKatarrheder Atmungs-\norgane / ermoglicht Schauspielern und Sangern\nsofortigen Gebrauch der erkrankten Organe\n■■■■■■ ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN »■■■■•\nhabcn in alien Apotheken und Drogerien / Alleinige Fabrikantin\n„ Pharmacia\" / Fabrik fur pharmaceutischen Bedarf / Berlin-Halensee\nWohlschmeckend Sicher wirkend\n\nVerlag F* HARNISCH & Co., Berlin W57\n▼\n▼\n▼\n▼\n▼\nDR. REBAJOLI'S Italienische\nU nterrichtS'Metho de fur Schulen\nLehrbuch der italienischen Sprache\nL Stufe. Gebunden Mark 2,—. (Fur Anfanger)\nDiese kurzgefasste aber durchaus übersichtliche Grammatik beschr&nkt\nsich darauf, von den Formen, Regcln und Vokabcln nur das zu bieten,\nwas zum alltaglichen GesprSch unbedingt crforderlich ist. Das kleine\nWerk eignet sich auch besondcrs zum Zwecke, Damen und Herren, die\neinc Rcisc nach Italien vorhaben, eine allgemeine Kenntnis der Sprache\nzu verschaffen, oder bereits erworbene Kenntnisse in kurzer Zeit auf--\nzufrischen.\n11. Stufe* Get. Mfc. 4»—♦ (Fur Vorgeschrittene)\nAls Fortsetzung der I. Stufe fur diejenigen Schuler gedacht, die eine\ngrundliche Kenntnis des gesamten grammatischen, syntaktischen und\nlexikalischen Sprachschatzes anstreben. Diese zweite Stufe enth2lt ein\nund deutsch'italienisches Worterbuch,\ndas dem Lernenden jedes weitlSufigere Lezikon vollauf ersetzen dtirfte.\n\nFRANZ HOLZAMER BERLIN W 50\nNachodstr. 36-37 / Telephon Wilmersdorf 4070 / Bankkonto Deutsche Bank\n/\noo\nWerkstatt fur kunstlerische Innenausstattung\nIRIIBHIIIIIIIIISSBBBBSRIBBIBaiBIBaiBSIBIBIIIIIIB\n\nBBBSB\nVerlag „Der Sturm\"\nWiriibernahmeninunsernVerlag-\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFur Gesang u. 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