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In Deutschland könne so etwas nicht\nvorkommen, wie der Millionenbetrug des „Liqui-\ndators'1 Duez, brüsten sie sich; und der Pharisäer-\ndank, daß man nicht sei wie jene, schwält übelduftig\ndurch unseren Blätterwald. Im Reichstag hat ein\nelsässischer Abgeordneter sogar sein Bekenntnis\nzur Monarchie darauf gegründet, daß nur in Re-\npubliken solche Riesenkorruption möglich sei. (Der\nHerr hat übrigens die Wirklichkeit zierlich dahin\nkorrigiert: Frankreich sei eine sozialistische\nRepublik. Als ob Herr Aristide Briand nicht mit\nvollen Segeln in den Haien der Bourgeoisie einge-\nlenkt wäre; und als ob irgend ein Staat mehr den\nCharakter kapitalistischer Souveränität tragen\nkönnte, wie eben Frankreich!) Gewiß, Herr Duez\nhat viel unterschlagen. Aber er scheint es sehr ge-\nschickt gemacht zu haben. Jedenfalls liegt hier\neine geistige Potenz vor (die körperliche dieses\nLiquidators wurde von einer rachsüchtigen Gelieb-\nten, bei ihrer Vernehmung vor dem Untersuchungs-\nrichter, ein bißchen angezweifelt). Und dann hat\nHerr Duez all die Millionen der frommen Mönche\nund Nonnen, anstatt sie der Republik zuzuführen,\ngalanten Frauen geopfert. Kann ein Diebstahl zu\nmenschlicheren Zwecken begangen werden? Herr\nDuez brauchte Frauen, und die Frauen brauchten\nGeld ... Da nun infolge Briands Separation de\nl'etat et de l'eglise gerade diesem Herrn Duez der\nPosten eines Flüssigmachers riesiger Mönchsver-\nmögen zufiel —: konnte die Entwicklung noch zwei-\nfelhaft bleiben? . . Natürlich unterschlug Herr Duez\nim Duezformat und nicht im Duodezformat. Aber\ner hat wirklich jegliche Milderung für sich: denn in-\ndem er, wie es scheint, klerikale Kreise in seine\nKorruption hineinzog, nahm er, falls die Sache zum\nKlappen käme, der antiministeriellen Opposition\nvon vornherein alle Stoßkraft und machte es\nHerrn Briand leicht, in der Kammer die Deputier-\ntenerregung zu glätten.\nHerr Duez ist korrumpiert. Vielfach, in frühe-\nren Skandalen, hat sich gezeigt, daß es in Frank-\nreich Korruption, Bestechlichkeit gibt — in großem\nMaßstabe, Korruption mit allen Ingredienzien. Bei\nuns kommt das nicht vor. Unsere Beamten sind\nweder bestechend noch bestechlich. Von Zeit zu\nZeit singt irgend ein Kanzler oder Staatssekretär\nihrer Pflichttreue eine Generalhymne (die für alle\nim Dienst Befindlichen gelten soll). Aber sollte\ndiese nie versuchte Tugend gar so entzückend sein?\nWen niemand zu bestechen wünscht, der kann\nleicht „anständig\" bleiben. (Daß man in Deutsch-\nland solche Selbstverständlichkeiten ausbrüllen\nmuß!) Natürlich werden nur Leute von Qeist und\nTatkraft bestochen. Der Käufer wirft doch sein\nGeld nicht weg. Und man erinnert sich des Stoß-\nseufzers eines deutschen Professors der National-\nökonomie auf dem letzten Kongreß des Vereins für\nSozialpolitik: „Wenn nur unsere Beamten etwas\nbestechlicher und dafür auch etwas interessanter\nund tüchtiger sein wollten! 4 Also diese deutsche\nTugendhaftigkeit bedeutet nichts. Bei uns begreift\nman nicht einmal die erfrischenden geistigen Werte\nder Korruption. Erfordert sie nicht höchste Um-\nsicht, Wachsamkeit, Raubtier-Bereitschaft und un-\nbürgerlichen Mut?! Wer, wie ich, in der Kor-\nruption ein achtungswertes Präzisionssystem der\nSelbstsucht sieht: das logische Röhren werk, in\ndessen Qeheimgänge alle großzügige Genußfähig-\nkeit durch die moderne Kontrolle gepreßt wird —,\nder wird den Korrumpierten dankbar sein dafür,\ndaß sie sind, daß sie ihre nervenpeitschenden Rol-\nlen aufrecht erhalten, ihre verdammten Dramen\nagieren und uns schillernde Bilder von Gefahren,\nstarren Blicken, wilden Griffen bieten. Und er\nwird den Ländern dankbar sein, in denen die Kor-\nruption Größe, Stil, Wurf hat. Nur die subalterne\nVerderbnis ist schlimm. Die große Korruption ist\nein wertvoller Bestandteil geistiger Kultur — eine\nkunstvoll organisierte List, eine Verschwörung, die\n— Frankreichs Geschichte hat's bewiesen — häufig\nzur Operette und bisweilen zur revolutionären Tra-\ngödie führt. Der Tugendhafte ist faul; der Kor-\nrumpierte tätig —, auf gefährlichem Gelände tätig,\nbeglückt und ruiniert —; welcher von beiden wird\nuns mehr interessieren, tiefer bereichern? Bei den\nUnterschlagungen des Herrn Duez könnte der Fall\neintreten: daß die Belustigung, die dieser Skandal\nein paar Genießern brächte, mehr wert wäre, als\ndie dicken Millionen, die der Staatskasse der fran-\nzösischen Republik entgangen sind"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-24-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-24_01#c003", "volume": "bmtnabg_1910-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "26", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.2.3", "titre_corps": "Bildung", "titre_sommaire": "Bildung", "signature_source": "Robert Scheu", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.1", "debut_caractere": 5402, "fin_caractere_exclue": 9286, "texte": "Bildung\nVon Robert Scheu\nDer Schmerz, den die heutige Schule in uns\nerzeugt, ist der Wiederschein eines tieferen unbe-\nkannten Leidens, einer konstitutionellen Krankheit,\ndie unseren ganzen gesellschaftlichen Körper in allen\nTeilen durchdringt. In der Schule drängt sich nur\ndas Gewissen der Zeit zusammen. Es wird dort\ndas Leiden offenbar, während die Schuld verbor-\ngen bleibt. Besitzen wir überhaupt eine geistig-\nökonomische Gliederung, die imstande ist eine Bil-\ndung zu schaffen?\nDie unsere Zeitbildung beherrschende und ge-\nnießende Klasse will Bildung ohne Kultur. Um sich\nden Unterschied zwischen Bildung und Kultur\ndeutlich zu machen, versuche man sich auszu-\ndenken, was für eine Figur etwa Dante in unserer\nZeit machen würde, wenn er unversehens aus dem\nGrabe auferstünde. Er wäre nach unseren Begriffen\nungebildet. Dennoch repräsentiert er eine der\nhöchsten Kulturen, die man je gesehen hat.\nwird geltend machen, er habe die Bildung seines\nZeitalters besessen. Aber auch so, wie er ist, in\nunsere Zeit hineingestellt, wäre er uns durch seine\npersönliche Kultur und Geistigkeit überlegen, ein-\nfach darum, weil seine Bildung in Persönlichkeit\numgesetzt und restlos aufgegangen ist. Bildung,\ndie keine Lebenshaltung und Würde gibt, nicht in\nBlut und Rasse übergeht, keine Weltanschauung\nproduziert, ist kulturlos und geradezu kultur-\nfeindlich.\nUnsere Zeit, richtiger: die Privilegierten un*\nserer Zeit möchten den geistigen Besitz auf einen\nSchlag in Bausch und Bogen, möglichst billig, an-\nstrengungslos und in der Schulzeit zusammen-\ngedrängt bekommen. Es soll auch geistig ein ar-\nbeitsloses Einkommen geben. Sie sagen: So und\nsoviel gebe ich für meine Bildung aus; aber damit\ngenug; damit will ich mir ein für allemal meinen\ngeistigen und gesellschaftlichen Rang sichern.\nDas Bürgertum steht zur Schule in einem ver-\nwandten Verhältnis, wie zur Prostitution. Die Pro-\nstitution soll der Abzugskanal der ganzen Gemein-\nheit und Roheit sein, um darauf als Ueberbau die\nintangible Ehe, den Idealismus der Ehe zu er-\nrichten. Umgekehrt soll die Schule die Sammel-\nstelle des ganzen Idealismus bilden, um von diesem\ndas übrige Leben zu entlasten und es desto unbe-\nkümmerter dem Geschäfte widmen zu können.\nDarum wird von der Schule eine möglichst fertige\nallgemeine Bildung gefordert, die sich möglichst\nbegriffmäßig, das heißt unverlierbar gedächtnis-\nmäßig überliefern lassen soll.\nStatt dessen erntet das Bürgertum Willens-\nschwäche und Trivialität. Hier kommen wir zu der\nmerkwürdigen Erscheinung der Trivialität, die all-\nmählich zu einer Landplage wird und die Aufmerk-\nsamkeit aller feiner organisierten Menschen auf\nsich zieht. Die moderne, alles überwuchernde Tri-\nvialität ist eine Folge unseres Bildungsbetriebes.\nWeininger hat Genialität für eine Pflicht er-\nklärt. Genialität können und wollen wir nicht all-\ngemein fordern, wohl aber Abbild der Genia-\nlität, ihr Miniaturbild: Individualität. Wir fordern\ndie Individualität als eine Pflicht. Wir würden ein\nDasein für möglich und erreichbar halten, in dem\njeder Lebende zugleich eine In. ividualuät wäre, und\ndie Palette der Natur in unerschöpflichen Farben\nerglühte. Die Ahnung davon, daß die Natur reich\ngenug wäre, Individualitäten in unbegrenzter Qua-\nlität und Quantität zu erzeugen, gibt unserm ganzen\nErdenstreben seine Berechtigung, seinen Elan.\nDiese Ueberzeugung ist die Seele der Freigeisterei.\nSie macht uns in unseren Anforderungen gebiete-\nrisch, sie berechtigt uns zur Satire, sie gibt den pur-\npurnen Untergrund unserer Leiden, unseres Pathos,\nunserer politischen Schwungkraft. Die Zuversicht\nzur Differenzierbarkeit des Menschengeschlechts\nist unser letzter Optimismus, unser höchster\nGlaube.\nNun trägt allerdings schon der Menschheitsroh-\nstoff alle Zeichen der Trivialität und Banalität an\nsich. Aber erst durch die Bildung werden sie zur\nKalamität. Der ungebildete Mensch ist trivial ver-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7297, "texte": "möge seiner rohen Sinne, seiner trüben Wahrneh-\nmung, seines dumpfen Gedächtnisses. Die Mehrzahl\nder Menschen sieht nur verschwommene Umrisse,\nverwechselt, hört schlecht, insbesondere fehlen die\nQualitäts- und Quantitätsmaßstäbe. Zu sehen, daß\nMenschen nicht sehen können, erbittert. Gleich-\nwohl ist dies die verbreitetste menschliche Eigen-\nschaft. Das Generalisieren, das überstürzte Ur-\nteilen, blind-mechanische Reagieren auf alle Reize,\ndie hemmungslose Torheit, — das sind die Geißeln\ndes menschlichen Verkehrs.\nDer triviale Mensch denkt statt in Elementen,\nin groben Komplexen. Wundt behandelt einmal die\nFrage, ob die Tiere denken, und kommt zu dem\nResultat, daß nicht einmal die Menschen regel-\nmäßig denken. Belauscht man die Gespräche alter\nBetschwestern, so wird man gewahr, daß sie ganze\nSätze sagen, die man schon anderswo gehört hat,\ndaß sie Gespräche aus fertigen Sätzen bilden, die\nSprachbestandteile geworden sind. Sie konver-\nsieren sozusagen in lauter Sprichwörtern. Es ist\nunzerlegtes Denken. Ihre Gehirne gleichen den\nKinderbaukasten, die fertige Fenster, Türen und\nTore enthalten, woraus das Kind nur eine be-\nschränkte Anzahl von Kombinationen bilden kann.\nEine falsche Psychologie hält das Einfache für\ndas Aeltere, das Zusammengesetzte für das spä-\ntere, baut darauf Sprachlehre, Sprachunterricht\nund ähnliche Disziplinen. Noch unsere Urteils-\nlehre krankte bis vor kurzem darunter. Jetzt er-\nkennt man immer deutlicher, daß Urteilen gleich-\nbedeutend ist mit Zerlegen, Herausholen der Ele-\nmente aus dem Inhalt des Zusammengesetzten.\nDie Trivialität entsteht nun dadurch, daß die\ntrüben Intellekte, so wie sie in der Anschauung mit\nganzen Umrissen operieren, auch begrifflich und im\nEmpfindungsleben zurückbleiben, in ganzen Kom-\nplexen statt in Elementen denken. Insofern dies ein\nZurückbleiben in der Differenzierung, der höchsten\nethischen Pflicht ist, empfinden wir trivale Men-\nschen als widerlich, abstoßend und schädlich.\nEs ist offenbar, daß die Trivialität durch alles\nbegünstigt wird, wodurch größere unzerlegbare\nDenkkomplexe bereit gestellt werden.\nDas tut aber die kulturlose Bildung ganz all-\ngemein. Der gebildete Mensch offenbart seine in-\nnere Trivialität viel aufdringlicher als der Unge-\nbildete, beziehungsweise, Bildung kann geradezu\ntrivial machen, indem sie ganze Komplexe von An-\nschauungen, Kenntnissen, Parteimeinungen, an die\nHand gibt, die unberührt ins Bewußtsein eingehen.\nDer Gebildete verfügt außerdem noch über ein\ngerütteltes Maß Begriffstrivialität und wird dadurch\nzu einem Schrecken der Schrecken, zum enfant\nterrible der Bildung.\nDas Bürgertum züchtet diese Trivialität in der\nSchule. Es braucht sie, weil es den Bildungsschein\nals soziale Versicherungsprämie zahlt.\nDas offenbart sich besonders eklatant in der\nsogenannten Frauenbildung. Frauen werden durch\nunseren Bildungstrieb besonders gern ins Rationa-\nlistisch-Triviale verschoben. Soll man daraus\nschließen, daß die Frauen in ihrem Wesen trivial\nsind? Ehe wir diesen verzweifelten Gedanken\nfassen, wollen wir lieber annehmen, daß die Bildung\nihr wahres Wesen verschleiert und ihnen eine\nMaske aufzwingt; oder aber, daß sich echte und\nwirklich tiefe Frauenwesen gegen derartige Bil-\ndung instinktiv wehren und lieber aus ihrem Fa-\nmilienleben, Geschäft, Schauspielerberuf und der-\ngleichen zu ihrer Bildung gelangen, die zugleich\nzweckmäßig und kulturvoll ist. Das Vorurteil\ngegen gelehrte Frauen ist wahrhaftig nicht Eifer-\nsucht der Männer, sondern gerade die besten und\nvon Frauenwert durchdrungensten fühlen sich\ndurch die Beobachtung betrübt, daß die Frauen in\nder Bildung verflachen oder ihre inmanente Flach-\nheit offenbaren.\nAlle zwecklose und kulturlose Bildung rächt\nsich als Trivialität, untergräbt die Anschauungs-\nkraft, zerbricht das Rückgrat der Willensenergie.\nDaher umgekehrt bedeutende Menschen oft wider-\nstrebend und mühsam lernen, weil sie ihre Bildung\norganisch erleben wollen. Die schmerzvoll emp-\nfundene Unwissenheit, wie wir sie etwa beim\nProletariat finden, hat kulturell als treibender\nFaktor einen höheren Wert als die blasierte Sattheit\ndes planlos überfütterten Philisters.\nKlassenherrschaft und hohe kulturelle Bildung\nwäre im Prinzip nicht unvereinbar. Aber eben des-\nwegen, weil es theoretisch möglich ist, beweist die\nSchulkrise auch eine ständische Schwäche und\nZersetzung der Herrschaftsinstinkte. Unsere ge-\nbildeten Klassen wagen es gar nicht, die Schule\nernst zu nehmen, weil sie mit ihrer sonstigen ver-\nfehlten Oekonomie in Konflikt gerieten. Das Klas-\nsenprivileg muß beispielsweise auf dem Prüfungs-\nwissen bestehen, weil die Prüfungen die Assekuranz-\nprämien sind, durch die bestimmte Stellungen ga-\nrantiert werden. Wie könnten sich beispielsweise\nMilitärprivilegien halten lassen, wie könnte man\neine Hierarchie der Vorrechte aufbauen, wenn man\nandererseits Individualitäten, Persönlichkeiten er-\nziehen wollte?\nDie hart angegriffenen Gymnasial-Professoren\nüben allerdings Gamaschendienst. Aber das ist ihr\nZweck, das Bürgertum kann einen Dippold nicht\nentbehren, so wenig wie seine Gendarmerie, seine\nPolizei, die ihm allerdings zeitweilig lästig werden,\ndie es gelegentlich bewitzelt,,, aber im Bedarfs-\nfalle doch immer wieder ruft. Das Gymnasium ist\ndie systematische Selbstschwächung der Bour-\ngeoisie, die unbewußte Rache, die sie an sich selbst\nübt, geängstigt von der Doppelfurcht vor dem Ge-\nschlecht und dem Genie.\nDie soziale Ordnung zittert vor dem Ge-\nschlecht als jener Gewalt, die die gesatzte Ordnung\nam rücksichtslosesten durchbricht. Darum muß das\nGeschlechtsleben schon in der Schule als unsittlich\ngebrandmarkt und verdumpft werden. Eine zu\nreiner Geschlechtlichkeit erzogene Jugend möchte\nalle Hierarchien sprengen und die Prostitutions-\nordnung hinwegfegen. Noch mehr wird das Genie\ngefürchtet, der Todfeind aller privilegierten Mittel-\nmäßigkeit, der geborene Bedränger der Korruption\nund Pfründen. Die Genialität zu brechen, ist daher\nder leitende Gedanke des Gymnasiums, seine stän-\ndige Wachsamkeit. Alle Anstalten sind darauf ge-\nrichtet, es rechtzeitig zu erkennen, um es recht-\nzeitig zu zermürben.\nDer Spießer, der das Genie im Leben nieder-\ntritt und es aushungert, warum sollte er es in der\nErziehung freigeben? Wie soll das Bürgertum,\ndas sich am liberalen Leitartikel berauscht, im-\nstande sein, eine Schule zu schaffen, die zur Pro-\nduktivität erzieht?\nDer gesunde und starke Standpunkt eines Bür-\ngertums wäre der, daß es sich zutraute, das Ge-\nschlechtsleben und die Genialität in sich aufzusaugen\nund diesen Mächten seinen Platz einzuräumen.\nDann wäre es allerdings gerechtfertigt und gerettet.\nWir sehen aber, daß es diese Kräfte verleugnet,\nfürchtet und mit allen Mitteln zu Tode peinigt.\nWas es dabei eintauscht, ist die Korruption.\nWären die privilegierten Klassen imstande, Bildung\nin Kultur umzuwerten, wäre sie imstande, mit\ndem Genie Frieden zu machen und dem Ge-\nschlechtsleben ohne Lüge und Tartufferie gegen-\nüber zu treten, dann dürften sie allerdings auch\njene Rekrutierung der Lehrer und Schüler wagen,\ndie zur Gesundung der Schule erforderlich ist. Die\nwahre Reform der Schulen müßte damit beginnen,\ndaß wir die törichte Furcht vor den erhabensten\nNaturgewalten über Bord werfen und gleichzeitig\ndie Korruption unseres ganzen sozialen Lebens mit\nFeuer und Schwert bekriegen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-24-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-24_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "26", "page_fin": "27", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.2.4", "titre_corps": "Stil", "titre_sommaire": "Stil", "signature_source": "Karl Kraus", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.2", "debut_caractere": 7299, "fin_caractere_exclue": 12888, "texte": "Stil\nVon Karl Kraus\nMan kann nicht leugnen,daß dem Schriftsteller\nBildung zustatten kommt. Wie schöne Gleichnisse\nlassen sich nicht gestalten, wenn man die Termini\nder verschiedenen Wissengebiete bei der Hand\nhat! Es kommt also darauf an, sich dieses Material\nzu beschaffen. Wahrlich, man braucht es fast so\nnotwendig wie Papier und Tinte. Aber haben Pa-\npier und Tinte einen schöpferischen Anteil am\nWerk? Bin ich kein Schriftsteller, wenn ich die\nVergleichswelten nicht selbst bereist habe? Bin ich\nnicht imstande, den Gedanken durch Beziehung auf\neinen chemischen Vorgang zu erhellen, weil ich\ndiese Beziehung bloß ahne und mir der Fachaus-\ndruck fehlt? Ich frage einen Gelehrten oder ich\nfrage ein Buch. Aber in solchem Falle leistet auch\ndas Fremdwörterbuch alle Dienste. Eine Kenner-\nschaft, die ich mir aus einem Fachwerk holte,\nwürde die künstlerische Fügung sprengen und dem\nSchein der Erudition den Vorrang lassen. Es wäre\ndie höchstaplerische Erschleichung eines Makels.\nDie Nahrung des Witzes ist eine landläufige Ration\nvon Kenntnissen; Es darf ihm nicht mehr vorge-\nsetzt werden, als er verdauen kann, und unmäßiges\nWissen läßt die Kunst von Kräften kommen. Sie setzt\nFett an. Nun gibt es Literaten, denen es eben\ndarum zu tun ist. Ihnen ist die Bildung nicht\nMaterial, sondern Selbstzweck. Sie wollen be-\nweisen, daß sie auch Chemiker sind, wenngleich\nsie es nicht sind; denn Schriftsteller sind sie\nbestimmt nicht. Das Material kann man sich\nbeschaffen wie man will, ohne der geistigen\nEhrlichkeit etwas zu vergeben; die schöpferische\nArbeit besteht in seiner Verwendung, in der Ver-\nknüpfung der Sphären, in der Ahnung des Zusam-\nmenhanges. Wer schreibt, um Bildung zu zeigen,\nmuß Gedächtnis haben; dann ist er bloß ein Esel.\nWenn er die Fachwissenschaft oder den Zettel-\nkasten benützt, ist er auch ein Schwindler. Ich\nkenne einen Publizisten, der sich lieber die fünf\nSchreibefinger abhacken ließe, ehe er in einem po-\nlitischen Leitartikel, der jene dürrste Tatsächlich-\nkeit der Welt behandelt, die der Welt leider unent-\nbehrlich ist, das Wort „Balkanwirren'4 gebrauchte.\nEr muß „Hämuskomödie\" sagen. Und solche Gei-\nstesschweinerei findet im heutigen Deutschland\nAnklang! Eine typische Figur der Lokalchronik ist\njener „Unhold\", der vor Schulen den heraus-\nströmenden Mädchen Dinge zeigt, die sie in diesem\nAlter noch nicht sehen sollen. Was bedeutet aber\nseine Schädlichkeit gegenüber einem Treiben, mit\ndem die Schulweisheit vor dem Leben exhibitio-\nniert? Die unerhörte Zumutung, uns bei Bespre-\nchung der verworrensten Balkanfragen auch noch\nin die klassische Geographie verwickeln zu lassen,\nempfinden heute die wenigsten als Plage. Wäre es\nselbst kein Defekt, mit dem hier geprotzt wird,\nwäre der Anblick der Elephantiasis eines Gedächt-\nnisses nicht abscheuerregend, so bliebe der Zustand\nnoch immer als jene ästhetisierende Sucht be-\nklagenswert, die der Fluch unserer Tage ist. Denn\ndie Erörterung von Balkanwirren ist eine Angele-\ngenheit des täglichen Hausbrauches und hat mit\nder Kunst, also auch mit der Literatur als der Kunst\ndes Wortes, nicht das geringste zu schaffen. Der\nVerschweinung des praktischen Lebens durch das\nOrnament, wie sie Adolf Loos nachweist,\nentspricht jene Durchsetzung des Journalismus\nmit Geistelementen, die zu einer katastrophalen Ver-\nwirrung geführt hat. Die Phrase ist das Ornament\ndes Geistes. Anstatt nun die Presse geistig trocken\nzu legen und die Säfte wieder der Literatur zuzu-\nführen, aus der sie „gepresst\", der sie erpresst\nwurden, steuert die demokratische Welt auf eine\nRenovierung des geistigen Zierrats hin. Die Phrase\nwird nicht abgeschafft, sondern in den Wiener\nWerkstätten des Geistes modernisiert. Feuilleton,\nStimmungsbericht, Schmucknotiz — dem Pöbel\nbringt die Devise „Schmücke dein Heim'4 auch\ndie poetischen Schnörkel ins Haus. Ein halbes\nJahrhundert lebten sie von Heine, aber dieser\nZauberer, der der Unbegabung zum Talent verhalf,\nsteht nicht zu hoch über der Entwicklung, die er\nverschuldet hat. Jetzt münzen sie Peter Altenberg\nin Zeilenhonorar um (ohne daß er etwas davon\nhat).\nEin Ornamentiker auf eigene Faust lebt nun in\nBerlin; wenn er seinen Namen nennen soll, sagt er\nschlicht: „Der im Grunewald\". Geboren ist er nicht\nim Mai, sondern unterm Weidemond. Sein Kampf\ngilt nicht dem Kaiser, sondern einem „Zollernsproß\"\nDer nicht in Korfu manchmal weilt, sondern in Kory-\npho. Als Politiker ist unser Mann kein Chamäleon,\nsondern er gleicht dem „Tier mit den zwei Pigment-\nschichten unter der Chagrinhaut.44 Er enthüllt nicht\ndas homosexuelle Vorleben seiner Gegner, sondern\n„er spreitet die Spinatgartenschande aus44; aber seine\nGegner haben es sich selbst zuzuschreiben, denn\nsie haben zwar nicht den Verdacht päderastischen\nUmgangs erregt, aber „der Ruch der Männer-\nminne haftet an ihnen44. Sein Rechtsanwalt, der\nschlicht Bernstein heißt, kehrt nach dem Prozeß\nnicht nach München zurück, sondern „der Antaios\nringt wieder auf heimischem Boden.44 Sonst ist aus\ndem Leben unseres Künstlers noch zu erzählen,\ndaß er Karlsruhe nicht kennt, wohl aber die\n„Fächerstraßenstadt44; das Schauspiel „Frühlings-\nerwachen44 noch nicht gelesen hat, aber den „Lenz-\nmismus\", dessen Inhalt „das Männern der Knaben,\ndas BÖckeln der Mädchen\" ist; Sherlock Holmes\nnicht auf der Bühne gesehen hat, aber den „Ram-\npendoyle\" kennt; Hurenwohnungen meidet, aber\nein „Tarif eden\" empfiehlt; von der Existenz\nShakespeares nichts weiß, aber den „braven Bill\"\nzitiert; die Sitte des Interviews mißbilligt, aber „der\nInterview\" das Wort spricht. Wir hören seinen Aus-\nruf „Freut euch und strählt die Miauzer!\" Welche"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5269, "texte": "Sprache ist das? Er will sagen, Matkowsky, der\nletzte Löwe ist tot, die andern seien bloß Katzen.\n„Streichelt eure Katzen!\" dem Publikum zuzurufen:\ndazu langt das Temperament nicht; darum muß das\nOrnament helfen. „Strählt die Miauzer!\" Es\nwird als Schlagwort bleiben. Ein stilistischer\nMiauzer preist die Löwenkraft, ein Artist lite-\nrarischer Mätzchen beschreibt die Urgewalt des\nTragöden, ein publizistischer Kainz beklagt\nden Tod Matkowskys. Nun, sein eigentlicher Beruf\nist ein sozialer: er will die Reichsfassade rein-\nfegen. Aber sein Arbeitskittel ist ein wallendes Ge-\nwand, daß Van de Velde entworfen hat, der\nBesen ist von Olbrich und die Hände tragen\nSchmuck von Lalique. Da geht denn die Arbeit\nnur schwer vonstatten, und sie gleicht eigentlich\nauch mehr jenem langwierigen Gastmahl des Tri-\nmalchio, in dessen Beschreibung es heißt: „Nun\nfolgte ein Gang, welcher unserer Erwartung nicht\nentsprach; doch zog er durch seine Neuheit aller\nAugen auf sich.\" Da gab es „einen runden Auf-\nsatz, in welchem die zwölf himmlischen Zeichen in\neinem Kreis geordnet waren, auf deren jedes der\nKünstler eine Speise gelegt hatte, die ihm zukam.\"\nDa gab es „einen Mischmasch von einem Span-\nferkel und anderem Fleische, und einen' Hasen\nmit Flügeln, damit er dem Pegasus gleiche.\"\nUnd „in den Ecken des Aufsatzes vier Faune, aus\nderen Schläuchen Brühe, welche aus den Einge-\nweiden verschiedener Fische wohl zubereitet war,\nauf die Fische herunterfloß, die in einem Meeres-\nstrudel schwammen\". „Dazu erscholl eine Sym-\nphonie, und in der Mitte der Tafel stand ein ge-\nbackener Priap, der mit allerlei Arten von Obst\nund Trauben verziert war. Die Kuchen gössen\neinen balsamischen Duft aus, und die Gäste\n„glaubten, daß etwas Heiliges darunter verborgen\nsei\", erhoben sich „und wünschten Glück dem er-\nhabenen Vater des Vaterlandes.\" Stimmt alles.\nVon dem Koch aber hieß es, er sei der kostbarste\nKerl von der Welt. „Wenn ihr es verlangt, so\nmacht er aus einem Saumagen einen Fisch, aus\nSpeck einen Baum, aus dem Schinken eine Turtel-\ntaube aus den Eingeweiden eine Henne\". Heiliger\nPetronius — so arbeiten ja die Ornamentiker aller\nZeiten und aller Gebiete! Und wir haben heute in\nDeutschland eine geistige Küche, von deren Er-\nzeugnissen das Auge satt wird. Siehe, ein Bildungs-\nkünstler preßt die Leckerbissen von zehn Welten\nin eine Wurst! . . Nun muß gesagt sein, daß diese\nArt, das Leben zu umschreiben oder um das Leben\nherumzuschreiben, immerhin einer Anschauung\ndienen könnte. Diese Umständlichkeit wäre Ver-\nkürzung oder die Verkürzung wäre sinnvoll, wenn\ndie für die Dinge gesetzten Chiffren zugleich den\nInhalt brächten, der von den Dingen ausgesagt\nwerden soll, oder die Beziehung, in welche die\nDinge gestellt werden sollen. Es ist also erträglich\nzu lesen, daß einem Schauspieler die Darstellung\ndes „Junkers von Corioli\" oder von „Kleopatras\nmüdem Freund\" gelungen sei. Das Ornament ist\nhier ein Mittel, nicht ein Zweck. Aber dann ist es\neben eine Krücke, die vorwärts bringt, und die\nPlastik, die der Autor erreicht, bleibt doch immer die\nPlastik einer Geschwulst. Die gehobene Sprache\nhebt den Sinn, den das Temperament zu heben\nnicht imstande war. Die Schönheit geht vollends\nflöten, wenn das Pathos sich zu einer Telegramm-\nadresse wie „Rampendoyle\" oder „Tarifeden\" zu-\nsammenballt oder in einer ausführlicheren Geheim-\nschrift sich verästelt, deren Dechiffrierung den Leser\nzwar reizt, aber nicht befriedigt. Niemand wird\ndem Autor die Lückenlosigkeit seiner Technik be-\nstreiten und die Fleckenlosigkeit seines Materials.\nAber den durchaus artifiziellen Charakter dieser\nGestaltung enthüllt er selbst, wenn er die Feder\nhinlegt, um den Mund aufzumachen. Kostüm und\nSchmuck sind abgetan, die Hieratik ist zum Teufel,\nund fern aller Weitwendigkeit spricht ein Agitator,\nder die Pfiffe des Metiers kennt, ganz wie dem zu-\nhörenden Pack der Schnabel gewachsen ist. Der\neben noch an der sprachlichen Beulenpest dar-\nniederlag, steht gesund vor uns, freut sich und —\nstreichelt die Katzen. Der kostbarste Kerl von der\nWelt; am andern Tag macht er wieder aus einem\nSaumagen einen Fisch und preßt die Leckerbissen\nvon zehn Welten in eine Wurst... Ach, meinem Stil\nwird nachgesagt, daß sich hart im Räume die Ge-\ndanken stoßen, während die Sachen doch so leicht\nbeieinander wohnen. Und wer von mir Aufschluß\nüber die Sachen erwartet, hat sicherlich recht, aus\ndem Gedankenpferch zu fliehen. Verweilt er aber,\num ihn zu besehen, so wird er eine Architektonik\ngewahren, in der um keine Linie zu viel, um keinen\nStein zu wenig ist Man muß nachdenken; das ist\neine harte Forderung, meist unerfüllbar. Aber die\nForderung, die der Berliner Bildungsornamentiker\nstellt, ist bloß lächerlich: man muß Spezialist in\nallen Fächern sein oder zum Verständnis eines\nSatzes zehn Bände eines Konversationslexikon«*\nwälzen. Der eine schlägt auf den Fels der nüch-\nternsten Prosa, und Gedanken brechen hervor. Der\nandere schwelgt im Ziergarten seiner Lesefrüchte\nund in der üppigen Vegetation seiner Tropen.\nHätte ich mein Leben damit verbracht, mir die\nBildung anzueignen, die der andere zu haben vorgibt,\nich wüßte vor lauter Hilfsquellen nicht, wie ich mir\nhelfen soll. Ein Kopf, ein Schreibzeug und etwa\nnoch ein Fremdwörterbuch — wer mehr braucht,\nhat den Kopf nicht nötig!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-24-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-24_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "27", "page_fin": "27", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.2.5", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.3", "debut_caractere": 5271, "fin_caractere_exclue": 7967, "texte": "Gedichte\nVon Else Lasker-Schüler\n\nEin Trauerlied\nEine schwarze Taube ist die Nacht\n. . . Du denkst so sanft an mich.\nIch weiß, dein Herz ist still,\nMein Name steht auf seinem Saum.\nDie Leiden, die dir gehören\nKommen zu mir.\nDie Seligkeiten, die dich suchen\nSammele ich unberührt.\nSo trage ich die Blüten deines Lebens\nWeiter fort.\nUnd möchte doch mit dir stille stehn;\nZwei Zeiger auf dem Zifferblatt.\nO, alle Küsse sollen schweigen\nAuf beschienenen Lippen liebentlang.\nNiemehr soll es früh werden,\nDa man deine Jugend brach.\nIn deiner Schläfe\nStarb ein Paradies.\nMögen sich die Traurigen\nDie Sonne in den Tag malen.\nUnd die Trauernden\nSchimmer auf ihre Wangen legen.\nIm schwarzen Wolkenkelche\nSteht die Mondknospe.\n. . . Du denkst so sanft an mich.\n\nMein Liebeslied\nAuf deinen Wangen liegen\nGoldene Tauben.\nAber dein Herz ist ein Wirbelwind,\nDein Blut rauscht, wie mein Blut —\nSüß\nAn Himbeersträuchern vorbei.\nO, ich denke an dich\nDie Nacht frage nur.\nNiemand kann so schön\nMit deinen Händen spielen,\nSchlösser bauen, wie ich\nAus Goldfinger;\nBurgen mit hohen Türmen!\nStrandräuber sind wir dann.\nWenn du da bist,\nBin ich immer reich.\nDu nimmst mich so zu dir,\nIch sehe dein Herz Sternen.\nSchillernde Eidechsen\nSind deine Geweide.\nDu bist ganz aus Gold —\nAlle Lippen halten den Atem an.\n\nPharao und Joseph\nPharao verstößt seine blühenden Weiber,\nSie duften nach den Gärten Amons.\nSein Königskopf ruht auf meiner Schulter,\nDie strömt Korngeruch aus.\nPharao ist von Gold.\nSeine Augen gehen und kommen\nWie schillernde Nilwellen.\nSein Herz aber liegt in meinem Blut.\nZehn Wölfe gingen an meine Tränke,\nImmer denkt Pharao\nAn meine Brüder,\nDie mich in die Grube warfen.\nSäulen werden im Schlaf seine Arme\nUnd drohen.\nAber sein träumerisch Herz\nRauscht auf meinem Grund.\nDarum dichten meine Lippen\nGroße Süßigkeiten,\nIm Weizen unseres Morgens.\n\nDavid und Jonathan\nIn der Bibel stehn wir geschrieben\nBuntumschlungen.\nAber unsere Knabenspiele\nLeben weiter im Stern.\nIch bin David,\nDu mein Spielgefährte. <\n0, wir färbten\nUnsere weißen Widderherzen rot;\nWie die Knospen an den Liebespsalmen\nUnter Feiertagshimmel.\nDeine Abschiedsaugen aber —\nImmer nimmst du still im Kusse Abschied.\nUnd was soll dein Herz\nNoch-ohne meines —\nDeine Süßnacht 1\nOhne meine Lieder.\n\nIch bin traurig. . . .\nDeine Küsse dunkeln, auf meinem Mund.\nDu hast mich nicht mehr lieb.\nUnd wie du kamst — !\nBlau vor Paradies.\nUm deinen süsesten Brunnen\nGaukelte mein Herz.\nNun will ich es schminken,\nWie die Freudenmädchen\nDie welke Rose ihrer Lende röten.\nUnsere Augen sind halb geschlossen,\nWie sterbende Himmel —\nAlt ist der Mond geworden.\nDie Nacht wird nicht mehr wach.\nDu erinnerst dich meiner kaum.\nWo soll ich mit meinem Herzen hin?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-24-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-24_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "27", "page_fin": "27", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.2.5.1", "titre_corps": "Ein Trauerlied", "titre_sommaire": "Ein Trauerlied", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.3", "debut_caractere": 5305, "fin_caractere_exclue": 6020, "texte": "Ein Trauerlied\nEine schwarze Taube ist die Nacht\n. . . 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Feierlich habe ich vor Gott und Menschen\nabgeschworen Verbrechen jeglicher Art, Irrtümer\nwie auch Beschwörungen, alle Taten, so ich getan,\ndas Böse kennen zu lernen. Mit meinem Qott bin\nich versöhnt. Noch einmal in die Erinnerung mei-\nnes Lebens hinabzuschürfen, bleibt mir geringe\nFrist. Diese aber will ich nützen.\nSpringt mir just jener Tag ins Gedächtnis, da\nder Vater meiner Mutter, Jean de Craon, ein Mann\nvon hohem Alter, mich, den Vierzehnjährigen, ver-\nmählte."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 12365, "texte": "Sehe noch deutlich die Kapelle vor mir, kerzen-\nerleuchtet, den Priester vor dem Altar im goldenen\nMeßgewand. Sehe auch die blütengeschmückte\nHalle, das Gelage, die funkelnden Pokale, die spei-\nsenbeladene Tafel, von würzigen Gerüchen dam-\npfend. Hatte ein neu blauseiden Wams, goldge-\nsticktes Wappen meines Vaters Guy-Montmo-\nrency-Laval darauf. Die Braut, kaum dreizehn,\ngewaltsam fraulich gekleidet, war eingehüllt in\nweißseidenen Stoff, blau bestickt, eng ans Mieder\ngeschmiegt das geschlitzte Leibchen, durch einen\nGürtel begrenzt, goldgeschmiedet, drin eingefügt\ngar kunstvoll Karfunkel und Opal. Die lange\nSchleppe, pelzverbrämt, lieh der Gestalt, die kind-\nhaft zierlich, unpassenden, feierlichen Pomp. Der\nUeberwurf aus zartestem Gewebe von byzanti-\nnischem Damast war wie eine Schar ruhender\nSchmetterlinge lilafarben um sie gehangen. Ein\nBand von milchblassen Gemmen umschloß den\nHals. Das lange, blonde Haar fiel aufgelöst. Da-\nmalen wars, daß ich das Weib erkannte, davon das\nunerforschliche Geheimnis von Liebe wie Lust\ngleich einem Abgrund sich tief in meine Seele\nschleuderte. Schon nach halbem Jahr starb —\nmir zum Unheil — dieses mein erstes Weib und\nhatte die Dreizehn eben erst vollendet. Von mir\nzu bösem Ritt gestachelt, schlug sie unter dem\nstürzenden Pferd häuptlings an einen kantigen\nStein. Auf dem kindlichen Gesicht, gar blaß und\nvon heller Zartheit, war muskelgespannt der er-\nstarrte Ausdruck eingefangen, wie sie in atemloser\nSchnelligkeit kühn auf fliegendem Renner hinein-\nsprengte in den Tau des Morgens.\nSolchermaßen der ersten stürmischen Liebe\nvon großer Heftigkeit und Kraft beraubt, wollt ich\nmich in frühem Gram verzehren. Aber der Vater\nmeiner Mutter stachelte mich an, aufs Neue die\nLiebe za suchen, geleitete meine Jugend, daß ich\nsie fand. War denn auch anfänglich glücktrunken\nmit meinem zweiten Ehgemahl. Noch eh ich Be-\nsinnung gewonnen oder zu entscheiden vermocht,\nob wir einander mehr denn Träger fleischlicher\nLust, gieng sie am ungebornen Kind unter großen\nSchmerzen zu Gott ein. War auf ihrem Gesicht\nder Tod wie der Schlaf, als ruhte sie erschöpft von\nden Qualen, so den nunmehr sich glättenden Mund\nverkrampft, wäre auch völlig von ihnen erlöst\ngleichwie von der Bürde ihres Leibes, wenn sie\naugenblicks erwachte. Was höchst seltsam sich\nmir ins Gehirn eingrägte, so daß ich davon träumte,\nsie wäre wieder geweckt.\nUnd suchte nach etlichen Monden abermalen\ndie Liebe, fand sie auch rasch und unbedenklich in\nmeinem dritten Ehgemahl, von reichem Adelsge-\nschlecht stammend. Mit Siebzehn vereinigte mich\nderselbige Priester mit mir in selbiger Kapelle wie\nzweimalen vorher, im festen Schloß von Mache-\ncoul, durch das heilige Sakrament. Lebten glück-\nlich über zwei Jahre lang. Vergrub mich in aller-\nlei Schriften und Wissenschaften, zog mit Arm-\nbrust, Speer und Falken auf die Jagd, hatte das\nbrausende Leben der Welt zurückgestellt auf spä-\ntere Zeit, versah mich keiner Argheit.\nGeschah mir eines Tages folgendermaßen eine\nBegegnung. Riß der Sattelgurt meines Rosses, als\nich weitab vom Schloß allein über die Felder ritt,\nnach Recht und Ordnung zu sehen. Mußte den\nSattel vor mich hinlegen und auf dem heißen,\nnackten Rücken des Tieres durch glühenden Som-\nmermittag ins nächste Dorf. Im leichten Trab\ngiengs über holprigen Weg in den Wald hinein,\nim Gleichmaß warf sich mein Körper auf dem war-\nmen, festen Fleisch des Pferdes. Spürte plötzlich\neine Erregung über mich gekommen, davon mir\ndas Blut fiebrig in die Augen stieg. Nicht lange in\nsolch dumpfer Begierde, erreich ich das Ufer des\nSees. Von ohngefähr hinblickend, erspähte ich\nein Leuchtendes unter den schattiggrünen Baum-\nkronen. Ein nackendes Mädchen wars, dem Bad\nentstiegen, vom nahenden Hufschlag erschreckt.\nTrabte das Roß grad auf sie zu, war bei ihr, eh ich\nes hinderte, wollte dicht vorbei. Griff ich wie von\neiner Macht beherrscht nieder mit entschlossener\nHand und hob im Bogen während des Reitens mit\nfreudigem Jagdruf die leichte Gestalt zu mir,\npochenden Herzens Spät am Nachmittag\nwars, als wir zurück zur Stelle kamen, allwo die\nKleider im Gras geblieben. Traf gar oft in den\nnächsten Wochen des Bauern Tochter, eine Lust\nnach ihr in den Sinnen, anders als jene geartet, so\nich zu meinen Frauen aus adliger Zucht verspürt\nund von unergründbarem Stachel. Als aber der\nSommer zur Rüste gieng, fand ich sie nicht mehr.\nDa ich nun heimlich nach ihr forschen ließ, ward\nmir bekannt, daß sie im Wald ermordet ward,\nwußte keiner, von wem. Kam mir ein gar böser\nVerdacht über mein Weib, das scheu und mit argen\nMienen daheim saß. Haßte sie grimmig, ließ sie\noftmalen mit wilden Worten an, davon sie aber\nganz unterwürfig ward, von stärkerer Liebe zu\nmir erfüllt, wie mich's erstaunend bedünkte.\nVom großen Turnei in Nantes zog ich als\nSieger heim. Qäste brachte ich mit in großer Zahl\nzu Jagd und Fröhlichkeit. Die Herolde posaunten\ndurchs Land, daß Baron Gilles de Rais die Zug-\nbrücke des Schlosses Machecoul herabgelassen für\njeden, so edlen Standes war. Viel adliges Volk\nquartierte in den Gemächern, ihre Knechte füllten\ndie Kammern, Kaufleute wanderten herbei, brei-\nteten ihre Schätze aus, Spielleute schlugen ihre\nZelte auf, war ein Lärmen und Treiben in der Ge-\ngend wie nie zuvor, davon mir das Leben neu und\nglänzend erschien. Auch eine Frau Herzogin, aus\nEngland drüben flüchtig, allwo ihr Mann geächtet\nund ermordet ward, hielt ihren Einzug. Eine gar\nstolze Frau, sehr in der Gnade des Königs, von\nauserlesener Schönheit und Herrlichkeit. Erfaßte\nmein Blut ein tolles Fieber nach ihr. Merkte bald,\ndaß ihre Begehrlichkeit nach mir sich entflammte.\nErfand ihre Liebe und Wollust erfahrener denn die\nmeine. Und glaubte nicht anders, daß dies die\nLiebe war, nach der mein Suchen ausgegangen,\ndarüber hinaus nichts Gewaltigeres an Rausch und\nVerzückung zu finden sei. Darein völlig versunken,\nerschien mir die Welt vollendet. Lernte Erlösung\nschlürfen aus fieberndem Fleisch mit vergrabenen\nZähnen, aus Schmerzen den Genuß saugen, den\nTaumel der Macht aus wilder Bewegung, aus ver-\nzückten Schreien trinken. Ein anderer, ein Ent-\nfesselter, ward ich über Nacht. Später erst er-\nkannte ich, daß sie eine jener Seltenen war, die\nzwar jedem sich gab, der sie entflammte, aber\nkeinem um ein Geringeres an Kraft und Beseeltheit\nder Gefühle gehörte wie den andern zuvor. Wo\nfie ruhte, wurden ihrem Körper Spiegel gebaut\nund eine königliche Lagerstatt. Tausend Hände\nrührten sich geschäftig, ihr zu dienen. Mit ihr ritt\nich an den Hof des Königs. Als ich sie an andre\nverlor, riß mich im Schmerz die Ueppigkeit der\nSinne wirblig fort. Erfuhr gesteigerte Lust, davon\nich noch nichts geahnt, erstaunte atemlos, wie ihr\nGeheimnis schier unerschöpflich immer neue Lüste\nbarg, wie selbstverständlich ihr Genuß sich mir\ngab. Wie der Rausch gegenwärtiger Verzückung\nVollendung vortäuschte, in der Raserei der nächsten\ndie Unvollkommenheit der vergangenen sich ent-\nschleierte. Da entbrannte es in mir: „Gott, der\ndu vollkommen bist, auch solcher Art in der Liebe\nthronst, welche ist die, deren Lust die letzte ist und\nsich völlig enthüllt, daß mein Sinn sie erkennt und\nmir Erlösung wird?\"\nIn das lodernde Licht der Fackel drang sein\nfragender, dunkler Blick. In die Flamme schauend\nwie in Unbestimmbares, in einen fernen, blutenden\nHorizont, schloß er jetzo aufstöhnend die Augen.\n„Die da Gott auf Erden vertreten, die Ge-\nweihten des Herrn, und die da irdische Gerechtig-\nkeit vertreten, die Richter im Eid des Herzogs, und\ndas Volk, in dessen Samen ich würgend gewühlt,\nsie haben vernommen, was ich getan. Daß die\nFlammen an meinem Leib wären, das Gehirn\nfräßen, auf daß die Erinnerung von mir genommen,\ndas Bild der purpurgefärbten Fliesen, der ge-\nmordeten Leiber. Daß meine Augen verglommen\nlägen, auf daß sie den Stahl nicht mehr gleissen\nsehen an entblößten Hälsen, das vertrauende\nLächeln der Knaben, die ich auf meinem Schoß\ntröstend gewiegt, dieweilen die Hand hinterrücks\nob dem Nacken den Dolch einsetzte ins junge\nFleisch! Laß es Tag werden, barmherziger\nChristus, daß dieser Körper im Feuer zerfalle, der\nden Deinen lebendampfenden, blutenden Gefäßen\nentnahm. Feierlich zelebrierte der Priester die\nschändliche Messe, Todsünde begehend, weihte\nDich mit falschem Segen auf dem Altar aufge-\nrissener Eingeweide, darein die Lüste unbegreiflich\nlockend sich gebettet. Da lag dein heiliger, fleisch-\ngewordener Leib und ich, der Verworfne, stand\ntrunken davor, fühlend eine Gewalt über Natur und\nLebendiges, Gewalt selbst über Dich, o Herr, ein\nMittler Satans, ein Papst der Hölle, die Kirche\nalles Bösen der Welt, die Hostie, darein der Leib-\nhaftige eingekörpert. Da ward mir nun Anblick\nund Besitz von Liebe und Lust, Tod und Schönheit\nund Gewalt des Bösen. In eine Stunde, an\neinen Ort, in ein einziges, gigantisches, atem-\nraubendes Gefühl waren sie alle teuflisch be-\nschworen. Aber da ich nun im Triumph stand,\nmich übermächtig wähnend jetzo die Vernunft in\ndie Geheimnisse einbohren gewollt, sie endlich zu\nerkennen, da brauste das Chaos der Sinne in mir\nund Nacht verschlang den Sinn. In meiner Ohn-\nmacht hinstürzend, dem Bösen gräßlich fluchend,\nrief ich von Neuem den Qott, der da ins Chaos den\nSinn gepflanzt, derweilen er rief: „Es werde\nLicht!\"\nIngrimmig knisternd verlosch der letzte\nStumpf der Fackel, fiel dumpf aus dem eisernen\nRing auf den Boden herab. Daß der stickige Rauch\nsich verzöge, stiess ich das Fenster auf. Er-\nquicklich wehte die feuchte Nachtluft ins Verließ.\nDer Gefangene schauerte auf, atmete die reine\nKühle ein, die war, als käme sie nicht aus dieser\nWelt. Und schwieg lange, derweilen der wehende\nWind über mich glitt, gleich einem Strom klaren,\nsanften Gewässers.\nDa erhob sich die Stimme des Gefangenen\nwieder, leise und zögernd, gleichsam die Ver-\ngangenheit aus dem Gedächtnis rückholend, daß sie\nein Gegenwärtiges werde:\n„Seltsam gefügte Kette der Stunden! —\nWandelt Euch jetzo zurück, auf daß diese letzten\ndurch die Erinnerung zu jenen ersten werden, in\ndenen ich zum Mann ward! — Mondlicht war im\nGemach, gedämpft durch buntfarbige, kreisrunde\nScheiben, Frühling über dem bräutlichen Lager,\ndarauf noch kein Körper geruht. Rot schimmerte\ndie Ampel. Zur Nacht gekleidet in wallendes Ge-\nwand blaßleuchtender Seide, so geleiteten die\nMägde die Braut zur Blumenpforte des Gelasses.\nFast noch Kinder, eins geängstet vor dem andern\nin seiner Keuschheit, scheu, neugierig und zu-\ntraulich zugleich, standen wir, Mann und Weib.\nSprachen beide erst kein Wort, klopften unsre\nHerzen gar beklommen. Bis daß ich, um zu reden,\nfragte, ob sie es liebe, bei offnem Fenster zu\nschlafen. Die Luft täte gar wohl dem Schlum-\nmernden und scheuche böse Träume. Auch wärs\nlustig, früh vom Lärmen der Vögel draußen sich\nwecken lassen. Stiegen wir also die Stufen in den\nErker hinauf, standen daselbst dicht beieinander,\nden Duft des Frühlings auf uns. Erzählte ich von\nmeinen großen Taten auf der Jagd. Später dann,\nwie ad exemplum meiner Kraft, hob ich sie empor,\ntrug sie zur Ampel, daß sie in Angst aufschrie, sich\nzu verbrennen. Ueberschüttete mich ihr Haar und\ndeckte mein Gesicht. Brachte sie jetzt aufs\nLager, mutig und sehr verwirrt zugleich. Da riß\nder Gürtel, als sie sich kratzend rächen gewollt.\nStritten und balgten uns, durch Nähe und Be-\nrührung der Körper erregt. Nach unerfahrener\nNacht, Getändel, hitziger Wirrnis, Halbschlaf, im\nersten Morgengrauen, als vereinzelt Vogelgetriller\ndas Licht des Tages rief, da plötzlich, von Unent-\nrinnbarem geleitet, in blinder Wucht, unter\nwütenden Küssen, ward sie mein. Achtete der\nSchreie nicht im besinnungslosen Kampf, nicht\nmeiner selbst.\nJetzo aber, kaum mir wiedergegeben, liegt\ndicht vor mir ihr totenblasses Gesicht, das\nbrechende Auge, jäher Atem keucht über halb-\ngeöffnete Lippen, krampfhaftes Zucken schüttelt\nden Körper, der mich umklammert hält. Erschreckt\nreiß ich mich aus der Umarmung. Und starr auf\nBlut. Aus offner Wunde ihres Leibes rieselt Blut\nund auch an mir selbst ist Blut. Da peitscht es\nmich fort. In die Kleider hetze ich mich, stürme\ndurch die Tür, rufe die Mägde aus der Kammer\nwach und stürze drauf gradwegs über den Burg-\nhof zum Stall. Dem schlaftrunknen Knecht ein\nStoß zur Seite, das Sattelzeug über das stampfende\nRoß, und fort gehts barhäuptig, die Zugbrücke\nüberpolternd, hinab ins Tal. Nicht rückschauend\nnach dem Schloß Machecoul, gleich einem Mörder,\nso floh ich vor mir selbst im ersten Strahl der\nFrühsonne."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-24-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-24_01#c012", "volume": "bmtnabg_1910-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "28", "page_fin": "29", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.2.7", "titre_corps": "Karl Lueger", "titre_sommaire": "Karl Lueger", "signature_source": "Robert Scheu", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.4", "debut_caractere": 12388, "fin_caractere_exclue": 12794, "texte": "Karl Lueger\nVon Robert Scheu\nEr mußte irgend einmal geboren werden und\ner wurde geboren, der Mann, der das Wesen der\nWiener zur künstlerisch vollkommenen Erschei-\nnung verdichtete. Er war nach ihrem Herzen, wie\nwohl keiner zuvor, und wohl keiner nach ihm sein\nwird, in ihm erkannten sie sich wieder, die Kleinen\nund die Großen. Der Wiener ist derjenige Men-\nschentypus, der die Forderung nach Gemütlichkeit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5184, "texte": "bis zur äußersten Konsequenz ausgestaltet hat.\nJedes Ding, jeder Mensch, jedes Ereignis soll au-\nßerdem, was es sonst ist, auch noch überdies ge-\nmütlich sein. So verlangt es der kategorische Im-\nperativ von Wien. Der Wiener anerkennt nicht, daß\nes auch rein praktische, nüchterne Dinge, daß es\ngrausame Konstellationen gibt, daß ein Konflikt\nMenschen von Menschen, Klasse von Klasse reißt,\ner will nicht die Kante, den Bruch, die scharfe Flä-\nche, er will keine Tragödie. Alles und jedes Ding\nsoll und muß irgendwie zum Gefühl sprechen, auch\ndie trockenste Zweckhandlung soll in einem ge-\nfälligen Rahmen erscheinen, alles soll irgendwie\nleicht gemacht werden, selbst die Mathematik und\nder Tod sollen im Feuilletonstil auftreten.\nDer entzückt sie, der ihnen beweist, daß\nkeine Materie so spröde, so ernst, so hanebüchen\nist, daß sie nicht „leger\" erledigt werden könnte.\nNirgends auf der Welt ist die Abstraktion so ver-\nhaßt, nirgends sind strikte Abmachungen so anti-\npathisch, nirgends sind Programme so verachtet.\nWenn nun ein tatkräftiger Mann solide Arbeit so\nhervorbringt, daß ihre rauhe Seite gar nicht fühlbar\nwird, wenn er reale Leistungen mit Spaß guirlan-\ndiert, dann ist er ein Held und Abgott. Die Sache,\njewede Sache soll nur der Anlaß, das notwendige\nUebel sein, um eine Gefühlssentaion auszulösen und\netwas Persönliches zur Erscheinung zu bringen.\nDie Gemütlichkeit hat eine Schwester, die Aus-\ngelassenheit. Ausgelassenheit ist die zum Selbst-\nzweck erhobene exzessive Erholung. Der Oester-\nreicher erholt sich gern, er erholt sich nach großen,\naber auch nach kleinen Leistungen, manchmal\nsogar vor künftigen Leistungen. Arbeit in Form\nvon Erholung, das ist des Wieners seligster Traum.\nDas hat ihm Lueger geboten, und weil er dabei\nsogar etwas Reales zuwege gebracht hat und ein\ngroßer Administrator war, so ist jetzt den Wienern\nder Beweis geliefert, daß es also doch geht, daß\nman auch fidel ans Ziel kommen kann. Sein Evan-\ngelium ist nunmehr bewiesen.\nWovon erholt sich der Wiener jahraus, jahrein?\nIch denke, von der psycho-physischen Arbeit der\nRassen- und Völkermischung. Völkerverdauungs-\nmüdigkeit. Vielleicht erholt er sich auch von einem\nihm aufgezwungenen Liberalismus, vom großstäd-\ntischen Industrialismus, von den Komplikationen\ndes modernen Verkehrs? Wien ist und bleibt noch\neinige Zeit die Stadt der kleinen Gewerbe, der be-\nquemen Sinekuren, der Herrschaftsdiener und Fi-\naker. Halber Süden. Das exakte Denken der mo-\ndernen Volkswirtschaft will nicht in Fleisch und\nBlut übergehen. Eine Zeit lang war die Masse\nliberal, aber es war eine fremde Tracht, ein steifes\n* Kleid, der Tag mußte kommen, wo die falsche\nMaske abgeworfen wurde. Lueger war der Be-\nfreier, der dem Volk erlaubte, sich so zu geben, wie\nes ist, ohne sich zu genieren. Dafür unendlicher\nheißer Dank.\nMan hat ihm vorgeworfen, daß er seine Gesin-\nnung unzählige Male geändert habe. Aber im Kar-\ndinalpunkt bewahrte er die Treue. Er hat sich\nvon der sogenannten demokratischen Partei ge-\ntrennt, aber nur, um auf einem andern Wege die\nDemokratie erst recht zum Siege zu führen. Die\nDemokratie eines Landes ist soviel wert, wie das\nVolk des betreffenden Landes. Er hat schließlich\ndoch den Mittelstand, den Kleingewerbler zum\nHerren von Oesterreich gemacht. Das hat er von\nAnfang an gewollt. Das hat er auch durchgeführt.\nEmporgekommen, bewahrte er diese Gesinnung,\nschraubte sich nie zu etwas anderm hinauf. Er\nschraubte sich nie zu etwas anderem hinauf. Das\nSchönste am Wiener ist die leidenschaftliche Ab-\nneigung gegen jedwede Pose. So war auch Lueger.\nEr gab sich immer natürlich, allzu natürlich. Er\nlegte der Wissenschaft, der Bureaukratie, der\nPresse, dem Hofe das Joch seines Volkes auf,\nEr genoß seinen persönlichsten Triumph, wenn er in\njeder Versammlung, war es nun die Akademie der\nWissenschaften, das Parlament oder eine Schiller-\nfeier — immer und überall die eine Sprache re-\ndete, wie sie das Volk hören wollte und verstand.\nIst das nicht echt demokratische Gesinnung?\nImmer wieder erneuerte er seinen Sieg über die\nexakte Form, über die logischen Forderungen, über\ndie Gesellschafts- und Klassengliederung. Immer\nwieder führte er in Ausdrucksweise und Taten den\nBeweis, daß die inkarnierte Volkspersönlichkeit,\nohne Zuhilfenahme von Prinzipien alle diese Dinge\nebensogut treffe, und besser. Er spielte immer\nwieder den Menschen gegen die Politik, gegen\ndie Struktur der Gesellschaft aus. Daß es ihm\ngelang, ist wunderbar und gibt zu denken. Die\nSozialdemokratie verhöhnte seine Partei wegen\nihres bunten Gefüges, wegen der Verknäuelung\nder widersprechendsten Interessen. Aber daß es\nglückte, diesen bunten Haufen zusammenzuhalten\nund als geschlossene Macht zu politischen Zielen\nzu führen, das war ja Luegers höchster Triumph,\ndas wars ja, was er beweisen wollte. Nun ist er\ntot, und wenn die Partei wirklich ihren Schöpfer\nnicht überleben sollte, so wäre dies ein Beweis\nmehr für die These seines Lebens: Wien ist ein\nWesen für sich, allen Abtraktionen überlegen, und\nLueger seine Offenbarung. — Seine Persönlichkeit\nbezeichnet übrigens die Grenze zwischen Wien und\nOesterreich. Das Reich zu repräsentieren, war ihm\nversagt. Er war Stadtmann, nicht Staatsmann."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-24-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-24_01#c013", "volume": "bmtnabg_1910-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "29", "page_fin": "30", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.2.8", "titre_corps": "Berliner Zukunftsopern", "titre_sommaire": "Berliner Zukunftsopern", "signature_source": "Wilhelm Altmann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.5", "debut_caractere": 5186, "fin_caractere_exclue": 12983, "texte": "Berliner Zukunftsopern\nVon Wilhelm Altmann\nDas rapide Wachsen Berlins in den letzten\ndreißig Jahren, die Tatsache, daß die Zweimillionen-\nstadt an Vergnügungssucht selbst London und\nParis überflügelt, scheint in gewissen Kreisen eine\nArt Größenwahn hervorgerufen zu haben. Man\nglaubt, die Zahl der Theater noch immer ver-\nmehren zu müssen, obwohl die meisten nur mit\nHilfe von sogenannten „Vereinsbillets\" notdürftig\ngefüllt werden. An Opernhäusern war freilich bis-\nher kein Ueberfluß.\nLange Zeit hat das Königliche Opernhaus allein\ndominiert; auch jetzt ist es noch in der glücklichen\nLage durch das ihm allein zustehende Aufführungs-\nrecht der Wagnerschen Werke (um nur diese anzu-\nführen) volle Häuser zu erzielen und anderen\nOpernbühnen dadurch die Lebenskraft zu unter-\nbinden.\nDies wird sich allerdings mit dem ersten\nJanuar 1914 ändern, da, trotz aller Bestrebungen,\ndie bisherige Schutzfrist von dreißig Jahren auf\nfünfzig zu erhöhen, an eine Aenderung der Gesetz-\ngebung von den ausschlaggebenden Faktoren nicht\ngedacht wird. Wenn neuerdings die Gründung von\nOpernhäusern betrieben wird, so geschieht es ganz\noffenbar in der Hoffnung, die Wagnerschen Werke\nbald ausschlachten zu können. Alle bösen Er-\nfahrungen, die bisher mit Operngründungen gemacht\nwurden, scheinen nicht abschreckend zu wirken.\nMan denke an jene früheren Versuche, dem\nKöniglichen Opernhaus Konkurrenz zu machen.\nRecht aussichtsvoll begann die Oper im Theater\ndes Westens im Jahre 1898. Trotz mancher\nguten Leistungen, trotz mancher wirkungsvollen\nneuen Werke blieb das Publikum zu oft aus. Mehr-\nfacher Direktorenwechsel wurde nötig. Unter\nAlois Prasch, der ohne genügende Geldmittel das\nTheater übernommen hatte und zudem nicht zu\nwirtschaften verstand, kam es zur Katastrophe;\nein kurzes Direktorat seines gar zu optimistischen\nNachfolgers überlieferte das schöne Haus im Jahre\n1908 endgiltig der Operette.\nVerheißungsvoll erschien auch die Gründung\ndes National-Theaters im Jahre 1905.\nAllein der Direktor wurde von Unglücksfällen fort-\nwährend heimgesucht, auch mißfiel das recht\nabseits liegende stallähnliche Haus. Nach einer\nSpielzeit waren die Mittel aufgebraucht und das Ge-\nbäude, in dem unter anderen eine recht gute\nFidelio-Aufführung stattgefunden hatte, wurde in\nein Variete umgewandelt.\nErst Herrn Gregor war es vorbehalten, in\nseiner im November 1906 eröffneten Komischen\nO p e r ein würdiges zweites Opernunternehmen zu\nschaffen und fortzuführen. Aber auch er hat mit\nvielen Schwierigkeiten, vor allem im Repertoir, zu\nkämpfen; selbst die größten künstlerischen Er-\nfolge zogen nicht immer das Publikum heran. Es\nstößt sich zum Teil an den hohen Eintrittspreisen,\ndie durch den kolossalen künstlerischen Apparat\nund die Kleinheit des Hauses bedingt sind. Leider\nwird Berlin in zwei Jahren Herrn Gregor verlieren,\nder zum Intendanten der vereinigten Stadttheater\nin Frankfurt am Main ausersehen ist. Dort stehen\nihm fast unbeschränkte Mittel zur Verfügung, um\ngroßartige künstlerische Pläne durchführen zu\nkönnen. Mit seinem Scheiden dürfte die Komische\nOper wohl zur Operettenbühne herabsinken.\nWenn von einer finanzkräftigen Gruppe allen\nErnstes daran gegangen wird, am Kurfürstendamm\neine „Große Oper\" im Herbst 1911 zu eröffnen,\nso hätte meines Erachtens nichts näher gelegen, als\nzum Leiter Herrn Gregor zu berufen, dessen Insze-\nnierungskunst vorbildlich gewirkt hat. Statt dessen\nwählte man unter vierundzwanzig Bewerbern\nHerrn Angelo N e u m a n n. Er ist sicher einer\nder fähigsten Opernleiter und ein gewiegter Ge-\nschäftsmann, dessen Name in die Geschichte der\nOper eingetragen ist. Ich kann ihm den Schmerz\nnachfühlen, daß er sich nach seinen Triumphzügen\nmit dem reisenden Richard Wagner-\nTheater mit der Leitung der Opern in Bremen\nund später in Prag begnügen mußte. Aber Angelo\nNeumann ist in letzter Zeit oft und schwer krank\ngewesen und wird, wenn er seinen hiesigen Amts-\nantritt überhaupt noch erlebt, gerade das drei-\nundsiebzigste Lebensjahr vollendet haben. Ein\nAlter, in dem er kaum imstande sein wird, sich auf\ndem ihm fremden Berliner Terrain zurechtzufinden\nund ein neues Unternehmen ruhmvoll zu in-\naugurieren. In Prag soll er ständig alles im alten\nOpernschlendrian gehen lassen. Es soll ihm hier in\nBerlin ein Gehalt von 60 000 Mark sowie Tan-\ntieme ausgesetzt sein. Daß diese überhaupt er-\nzielt werden können, ist ziemlich ausgeschlossen.\nMit welchem horrenden Zuschuß arbeitet das\nKönigliche Opernhaus! Auch bei der „Großen\nOper\", die in erster Linie wohl der Bauspekulation\nihr Leben verdankt, dürften die Unterhaltungs-\nkosten nicht viel geringer ausfallen als beim\nKöniglichen Opernhaus, vorausgesetzt daß diesem\nwirklich ernstlich Konkurrenz gemacht werden soll.\nAuch können die Eintrittsgelder dann nicht\nwesentlich billiger angesetzt v/erden. Es liest sich\nja schön auf dem Papier, daß in der „Großen Oper\"\nfünfundzwanzighundert Personen Platz finden\nsollen, allein es gehört ein riesiger Optimismus dazu,\nauch nur zu glauben, daß täglich die Hälfte nach\njener von dem Verkehrszentrum recht entfernten\nGegend hinauswandern wird. Sehr bedenklich\nerscheint die Bezeichnung „Große Oper\". Soll\netwa auch jene „große Oper\" der Meyerbeer und\nGenossen gepflegt werden, die, wie wir meinten,\nRichard Wagner doch endgültig erledigt hat.\nWie leichtgläubig waren jene Leute, die\nglaubten, von Jahresbeiträgen zu vier Mark eine\nneue Oper gründen und unterhalten zu können.\nDieser sogenannte „Große Opernverein\" sollte der\nHandlanger einer Aktien-Gesellschaft werden, die\nein Richard Wagner-Theater erbauen\nwill. Es soll auch „gesichert\" sein, wenigstens\nlas man in den Zeitungen, daß Hermann Gura\nseine Hamburger Stellung aufgibt, um Direktor des\nRichard Wagner-Theaters zu werden. Ob er der\nrichtige Mann dafür ist, kann nach seinen recht an-\nfechtbaren Experimenten des letzten Sommers in\ndem von ihm gepachteten Neuen Königlichen\nOperntheater zweifelhaft sein. Die Aufführungen\nwaren meist nicht die in Aussicht gestellten Muster-\nvorstellungen nach Münchener oder gar nach\nBayreuther Art. Regie, Orchester und Chor, sowie\ndie Besetzung der kleinen Rollen ließen oft zu\nwünschen. Die exorbitant hohen Preise standen\n•»\njedenfalls in keinem Verhältnis zu dem Gebotenen.\nImmerhin hat Herr Gura in diesem Sommer an der-\nselben Stelle Gelegenheit, die Scharten des Vor-\njahres auszuwetzen. Wie ich höre, soll er sich\nneuerdings bemühen, ohne Anschluß an jene Aktien-\nGesellschaft eine neue Gesellschaft für ein auf\nvolkstümlicher Grundlage am Schiffbauerdamm zu\ngründendes Richard Wagner-Theater zusammen-\nzubringen, während jene Aktien-Gesellschaft mit\nHerrn Gregeor, wohl aber vergeblich, in Unter-\nhandlungen getreten ist. Wir hätten demnach außer\nder Großen Oper sogar zwei Richard Wagner-\nTheater zu erwarten.\nNicht ohne Bedeutung für das Berliner Musik-\nleben ist die im alten Belle-Alliance-Theater be-\nfindliche Volksoper, die Fortsetzung der\nLortzing-Oper. Der Direktor Doktor A 1 112 i e r i ver-\nsteht offenbar weit mehr als sein Vorgänger und\nbesitzt auch künstlerischen Ehrgeiz. Er nimmt sich\nneuer Werke an und hat namentlich durch die Auf-\nführung der „Cleopatra\" von August Enna sein In-\nstitut zu Ehren gebracht. Wenn es ihm wirklich\ngelingt, das durchaus nötige neue Haus zu bauen,\njenen „Großen Opernverein\" zu beleben und seinen\nZwecken dienstbar zu machen, dann erhalten wir\ndurch ihn vielleicht eine in gewissem Sinne ideale\nVolksoper, für die Publikum reichlich vorhanden ist.\nAn eine Konkurrenz mit den großen alten und neuen\nOpernbühnen darf er natürlich nie denken.\nWir können abwarten, was die „Große Oper\"\nund die „Richard Wagner-Theater\" bieten werden.\nIn der Hauptsache sicher eine Ausschlachtung der\nWerke Wagners, die auch bei mangelhafter Aus-\nführung ein großes Publikum anlocken. Was fehlt,\nwas auch das gegen ausländische Komponisten viel"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 449, "texte": "zu liebenswürdige Königliche Opernhaus nicht\nbietet, ein Institut, das planmäßig Opern der\nlebenden deutschen Tondichter aufführt, „die\ndeutsche Oper\", das werden jene Neugrün-\ndungen nicht sein, die lediglich aus reinen geschäft-\nlichen Gründen erfolgen.\nMöchten sich doch einmal Mäcene finden, die\nuns diese „Deutsche Oper\" schenkten und sie so\nversorgten, daß sie unbekümmert um den Zuspruch\ndes Publikums neuen Talenten ihre Pforten öffnen\nkann."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-24-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-24_01#c014", "volume": "bmtnabg_1910-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "30", "page_fin": "30", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.2.9", "titre_corps": "Höfliches Bekenntnis", "titre_sommaire": "Höfliches Bekenntnis", "signature_source": "Stefan Wronski", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.6", "debut_caractere": 451, "fin_caractere_exclue": 2657, "texte": "Höfliches Bekenntnis\nStefan Wronski\nHans Jäger, der Verfasser der „Christiania-\nBoheme\", ist kürzlich gestorben. Die Feuilleton-\nBureaukraten haben ihm ein paar lexikographische\nSätze nachgestammelt. Sie wußten nichts von der\naufreizenden Analyse dieses Boheme-Romans, des\nbesten, der je geschrieben worden ist. Als neulich\nder gute Alkohol-Dilettant Bierbaum das Zeit-\nschriftliche segnete, da traten die Feuilletons aus\nihren Spalten vor Tränenjauche all der Schmierer,\ndie sich gar zu jählings verlassen fühlten. Ihr Evan-\ngelium war der „Stilpe\" gewesen, dies bohemische\nKochbuch, dieser kandierte Totentanz, diese Be-\ntrunkenheit aus der Wurzener Gosen-Perspektive.\nEs war genau das Buch, das, wild geworden, der\nSohn der „Waldschänke\" zu Connewitz bei Leip-\nzig schreiben mußte. Daß Bierbaums Bedeutung\nim Sozialen gelegen hatte, in der Arbeitgeberrolle,\ndie er als Herausgeber des „Pan\" und der „Insel\"\ngespielt, das notierte keine jener skrophulösen Zei-\nlenschindmähren . . . Wir aber wollen wenigstens\nbekennen, wie wir diesen H. Jäger geliebt haben;\nihn, den norwegischen Parlamentsstenographen,\nden sein Buch um den idiotischen Erwerb brachte;\nden ehrlichsten aller Dekadents; ihn, der uns im\nregenfeuchten, geheimnisbergenden Radmantel vor\nAugen steht, wie ihn Münch gemalt, im Cafe, beim\nAbsynth . . . Hübsch ist's auch, an jene Szene der\n„Christiania-Boheme\" zu erinnern, darin Björn-\nstjörne Björnson, der Großmeister zeitgemäßer Fen-\nchel-Honig-Phraseologie, sich so namenlos peinlich\nbenimmt. Der Held des Romans, in schlimmsten\nsexuellen Nöten, geht zu Björnson. Von diesem\nskandinavischen Beicht- und Altvater erhofft er\nRat. Und Björnson, ängstlich, bürgerlich, dennoch\nprall-würdig um derf Schein der Freigeistigkeit\nbemüht, weiß dem Armen kaum ein einziges arm-\nseliges, menschliches Wort zu sagen. Eine bour-\ngeoise Gänsehaut breitet sich hier aus. Seitdem\nJäger diese Seiten schrieb, ist Björnson für die Bo-\nhemes tot (für die Bohemes, über die heute jedes\nsumpfige Normalhirn ein paar verächtliche Cliches\nparat liegen hat; über die jenen Blödianern das ge-\nringste zu verraten nicht lohnt; die aber in zeitlose\nHeiterkeit fallen, so oft einer jener Wische ihren\nBlick passiert)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-24-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-24_01#c015", "volume": "bmtnabg_1910-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "30", "page_fin": "30", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.2.10", "titre_corps": "Der rote Dalai Lama", "titre_sommaire": "Der rote Dalai Lama", "signature_source": "R. 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Aus Mangel an Anklang in\nEuropa zogen sie gemeinsam nach Sibirien, wo sie\naber unter ihren Armbändern, die an die Beine ver-\nrutscht waren, und unter dem Berliner Lokal-An-\nzeiger, welcher in Schnipseln regnete, sehr zu lei-\nden hatten. Da die Herrschaften, von dem langen\nWege beschmutzt, nicht freiwillig baden wollten,\nso entschloß sich die Regierung zu einem Gewalt-\nstreich. Nach Absperrung des Treptower Parkes\nließ sie das Publikum „Stille Nacht, heilige Nacht\"\nsingen, drängte es dann unversehens auf eine rasch\naufgebaute Rutschbahn, und, dem Trieb gehor-\nchend, nicht der eigenen Not, flogen sie hinab, nach-\ndem sie rasch mit sechs Eisbären ein Schutz- und\nRutschbündnis, eine Art Eis-Block, abgeschlossen\nhatten. Das Eis der Eisbären schmolz aber in der\nWärme des Bades, die Bären liefen weg, und so\nwar das Volk wieder mal allein. 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Homer, Euripides, Pindar und Dante werden\nin einer neuen deutschen Form geboten, Verse von\nSchröder und Borchardt, ein Essay von diesem\nüber Stefan George schließen sich an. Dieser\nEssay ist ein Beginn, der mit bedeutender Haltung\nund gelehrter Pedanterie zugleich versucht, die\ngewaltige, fruchtbare Erscheinung des zeitgenössi-\nschen Lyrikers, in die deutsche Entwicklung einzu-\nreihen, der versucht, in dem beherrschten Pathos\neines männlichen, sich seiner Nation verantwort-\nlich fühlenden Geistes die im tiefsten Sinne gesell-\nschaftliche Bedeutung des willig Vereinsamten dar-\nzustellen. Die Architektur dieser Prosa scheint mir\ndas Bedeutendste zu sein, was seit Jacob Grimms\n„Kleinen Schriften\" in ähnlichem Tonfall in Deutsch-\nland publiziert worden ist. Und der gleiche Schrift-\nsteller reicht in seiner „Ode mit dem Granatapfel\"\neinem Unterirdischen mit so unsäglich verdeut-\nlichender Gebärde die Hand, so unwirkliche, einer\ntiefen Wiedererinnerung sich entringenden Töne\nquellen hervor: daß man bestürzt auf eine neue\nFeinheit des Hörens sich einstellt. Ich schweige\nvon dem Euripides Hofmannsthal, ich schweige\nauch von Schröders Fragment einer Homerüber-\ntragung für das Erste. Aber die Tatsache, daß der\nName Rudolf Borchardt in diese sichtbare Form\ngestellt wird, der abseits nur einem Gespräch (iber\nphilologische Gegenstände (das mehr benutzt als\ngenannt wurde), einer Rede über einen Dichter, einem\ndünnen Versbuch unterzeichnet war, verleiht dem\nHesperus Jahrbuch eine Bedeutung, die es aus den\ngewöhnlichen Erscheinungen weit heraushebt. Sein\nBesitz gehört zu den Verpachtungen der Bücher-\nleser, die ein Interesse an der Literatur vorgeben.\nEine andere Neuausgabe des Insel-Verlags\nsind die „Nachtwachen des Bonaventura\", deren\nVerfasser — seit Jahren ein beliebtes Streitobjekt\ngelehrter Detektivlust — nunmehr in einem ganz\nganz Abseitigen von Heines nie begriffenen Lob\nsekundenlang belichteten Zigeuner von Franz\nSchulz entdeckt worden ist Die spöttischen, von\nbunten Lichtern, Alkoholdunst und grinsendem\nWahnsinn zärtlich umkreisten Träume des peripa-\nthetischen Nachtwächters, in denen Haß und selbst-\nironische Vergeistigung zu einem geschwinden\nRankenspiel sich kräuselt, sind in dieser schönen,\nwohltuend gedruckten Ausgabe jedem Freunde\nspätromantischer Künste zu empfehlen.\n„Mercks Schriften und Briefe\" von\nKurt Wolff ausgewählt, zeichnen das Profil eines\nglatten, sorgfältig auf seine Haltung bedachten\nHöflings, dessen vielstimmige Flöte Echo zu jeder\nFrage gibt. Und unter dieser spiegelnden Gewandt-\nheit die Bitterkeit des Bewußtseins einer ruinierten\nExistenz — ein Bewußtsein, das sich in dem bösen\nDrang zu desillusionieren Ausdruck schafft. Die\nhausbackene Klugheit des Schriftstellers entspricht\ndem Bild eines treuen Familienhauptes, das wir in\ndieser Zeit von jedem Gatten zu erwarten haben.\nAlles Sonderliche einer von vielen Magneten abge-\nlenkten Existenz flüchtet sich in das essentielle\nLeben halb vertraulicher, halb für die Leser ge-\nschriebener Briefe — und gern erleben wir Wie-\nlands begeisterte Freundschaft, Goethes stürmi-\nsche Hingabe. Die Gelegenheit, Goethe in seiner\nreichsten, strahlendsten Zeit in unmittelbarer\nFrische sich Ausdruck geben zu sehen; Wielands\nbedachtsame Bereitwilligkeit in den hellen Farben\neiner innigen Freundschaft lebhafter rinnen zu\nsehen, die Klugheit des angenehmsten Lebensphilo-\nsophen ohne die gezierte Ueberlegenheit seiner ge-\ndruckten Lebensweisheit spielend sich ergießen zu\nfühlen — wer wäre ein Freund jener Zeit, der an\ndieser Merck-Auswahl vorüberginge.\nIm Verlag Albert Langen München ist Rabe-\nlais Gargantua erschienen. Die billige Rabelais-\nAusgabe von Gelbcke leidet an mancher steifen Pe-\ndanterie, an einer zu ängstlichen Nähe des Origi-\nnals, die dieser derben, kraftvoll berstenden Sprache\neine gewisse matte Gedämpftheit, die lautlose Stille\nder Grammatikstunde gab. Regis' gelehrtenhaft\nkünstelnde, archaistisch in tauben Spielereien er-\nstarrte Verdeutschung ist nur in einer Luxusaus-\ngabe zu haben. Jetzt können wir die heitere Weis-\nheit des Pfarrers von Meudon, die brutal laute\nAtmosphäre betrunkener Tischgespräche, die doch\neiner innigen Menschlichkeit voll sind, in dieser\nfreien Umdichtung von Dr. Owlglaß und Engelbert\nHegaur hören. Fröhlich hat man auf philologische\nKünste verzichtet, genießerischer Takt bildet nach,\nwas eben heiter an Rabelais empfunden wurde, der\nnun __ als ein Standbild — nach Stunden guter Hin-\ngabe an pantagruelische und panurgische Humore\nvor unseren Augen sich erhebt: roh und mensch-\nlich, derb und kühn, ein weiser Mönch und lachen-\nder Bacchusdiener. Und nicht geringeres Lob ver-\ndient Hegaurs Erneuerung des Simplizissimus, die\nmit kennerischer Schonung den Tonfall des renche-\nner Schultheiß um eine Nuance dem modernen\nSchriftdeutsch annähert, ohne die innig hingegebene\nNaivität, die Weltfremdheit und Glaubenstreue\nSimplizii zu zerstören. Wenn es eine Aufgabe war\n— es ist eine — dem deutschen Volk eines seiner\nherrlichsten Güter zugänglich zu machen, so ist sie\ngelöst; und es bleibt nur übrig, das Wagnis des\nVerlags anzuerkennen, ein so umfangreiches Buch\nin würdiger Form für geringes Geld herauszugeben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-24-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-24_01#c018", "volume": "bmtnabg_1910-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "30", "page_fin": "30", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.2.13", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.6", "debut_caractere": 10865, "fin_caractere_exclue": 11965, "texte": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Fall statt\nMAX BROD: Ein tschechisches Dienstmädchen\nVerlag Axel Juncker, Berlin\nJAKOB MICHAEL REINHOLD LENZ: Dramen/Band I\nder Neuausgabe der gesammelten Werke\nVerlag Paul Cassirer, Berlin\nBRJUSSOFF, VALERIUS: Erduntergang\nVerlag Hans von Weber, München\nCLAUDEL PAUL: Mittagswende / Drama\nVerlag Hans von Weber, München\nHEINRICH MANN: Die kleine Stadt/Roman\nLeipzig Inselverlag\nSHAKESPEARE IN DEUTSCHER SPRACHE / Heraus-\ngeben und zum Teil übersetzt von Friedrich Gun-\ndolf/ Gesamte Ausstattung von MelchiorLechter\nErster Band: Die Römerdramen\nPETER BAUM: Im alten Schloss/Novellen\nBerlin Verlag Paul Cassirer\nELSE LASKER-SCHÜLER: Die Wupper/Drama\nBerlin Verlag Erich Oesterheld & Co.\nGegen Ende des Monats erscheint die drei-\nhundertste Nummer der Zeitschrift Die Fackel, Her-\nausgeber Karl Kraus. 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Kiinstler-Entwiirfen\nVEREINIGTE SMYRNATEPPICH-FABRIKEN!:\n........ (ZENTRALE: BERLIN C 2, BURG-STRASSE 24) in ihren Fabriken\n[ ISCHMIEDEBERG i. R. - COTTBUS ■ HANNOVER-LINDEN S\n■ ■ B ■\n■■■■■■■■ aus selbstgesponnenen reinen Garnen, in luft- und lichtechtesten Farben !■■■■■■■\nMechanisch gewebte hochflorige Smyrna-Teppiche\n:: :: :: :: :: :: nahtlose Breite bis zu 6 Meter bei beliebiger Lange und Farbenstellung :: :: :: :: :: ::\nKNOPFTEPPICHE Haargarn-Lauferstoffe\nIN JEDER STILART, FORM U. FARBENSTELLUNG :: :: :: :: bis zu 1,30 Meter breit :: :: :: ::\nNEUHEIT! Deutsch-orientalischer Knupfteppich „IRAN\" D. 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HARISTiSCH & Co., Berlin W57\nDR. REBAJOLI'S Italienische\nUnterrichtS\"Methode fur Schulen\n_ -jsk ..x* *a\nLehrbuch der italienischen Sprache\nL Stufe. Gebunden Mark 2,—♦ (Fur Anfanger)\nDicse kurzgefasste abcr durchaus übersichtliche Grammatik beschrlnkt\nsich darauf, von den Formen, Regeln und Vokabcln nur das zu bieten,\nwas zum allt2glichen GesprMch unbedingt erforderlich ist. Das kleine\nWerk eignet sich auch besonders zum Zwecke, Damen und Herren, die\ncinc Reise nach Italien vorhaben, cine allgemeine Kenntnis dcr Sprache\nzu verschaffen, oder bereits erworbene Kenntnisse in kurzer Zeit auf*\nzufrischen.\nIL Stufe. Geb. Mk. 4.—♦ (Fur Vorgeschrittene)\nFortsetzung der I. Stufe ftir diejenigen Schtiler gedacht, die eine\ngrundliche Kenntnis des gesamten grammatischen, syntaktischen und\nlexikalischen Sprachschatzes anstreben. Diese zweite Stufe enth&lt ein\nitalienisch-deutsches und deutsch'ital ienisches Worterbuch,\ndas dem Lernenden jedes weitlHufigere Lezikon yollauf ersetzen durfte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-24-01-c033", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-24_01#c033", "volume": "bmtnabg_1910-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "32", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.2.28", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.8", "debut_caractere": 2660, "fin_caractere_exclue": 2843, "texte": "■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■I\nFRANZ HOLZAMER BERLIN W 50\nNachodstr. 36-37 / 1 elephon Wilmersdorf 4070 / Bankkonto Deutsche Bank\noo\nWerkstatt furkunstlerische Innenausstattung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-24-01-c034", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-24_01#c034", "volume": "bmtnabg_1910-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "32", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.2.29", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.8", "debut_caractere": 2845, "fin_caractere_exclue": 3080, "texte": "Verlag „Der Sturm\"\nWirubernahmeninunsernVerlag-\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFiir Gesang u. 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H.\nG E SCH AFTS B OCH E R-F AB RIK\nBuchdruckerei Papier- a. Schreibwaren\nFeine Briefpapiere fiir GeschSfts u. Familien-\nbedarf/Briefordner,WirtschaftsbUcher,Durch-\nschreibebiicher/Albumsf.Postkarten,Zeitungs-\nausschnitte, Photographien/Anfertigung von\nVisiten-u.Einladungskarten.Familienanzeigen\n:: :: :: :: SPEZIALITAT: :: :: :: ::\nHreil- und Manuskriptpapiere\nBlocks in alien Grossen (Manu-\nskriptblocks in Quartformat) ■ Fiill-\nfederhalter fiir die Tasche ■ Tinten-\nstifte in verschiedenen Qualitaten u.\nPreislagen ■ Sicherheits - Fiillfedern\nStylographic Pens «Korrespondenz-,\nJournal-, Unterschrifts- und Manu-\nskriptmappen ■ Loschmappen und\nSchreibunterlagen ■ Gesamter\nSchreib- und Schreibtisch-Bedarf\nRFPI IN W behrenstrasse 30\nVV ECKE CHARLOTTENSTR."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.1", "texte": "Erscheinungstag: Mittwoch\nEinzelbezug: 10 Pfennig\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜN TE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524. Anzeigen-Annahme\ndurch den Verlag und sämtliche Annoncen - Expeditionen\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark / Halbjahresbezug 2\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Fix-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile t ig\nERSTER JAHRGANG\nBERLIN / DONNERSTAG / DEN 24. MÄRZ 1910/ WIEN\nNUMMER 4\n\nINHALT:\nSTEFAN WRONSKI: Lob der Korrup-\ntion / ROBERT SCHEU: Bildung / KARL KRAUS:\nStil/ELSE LASKER-SCHÜLER: Gedichte/ ADOLF\nLANTZ: Die Hochzeit des Gilles de Rais /ROBERT\nSCHEU: Karl Lueger / WILHELM ALTMANN:\nBerliner Zukunftsopern / ST. W.: Höfliches Bekenntnis /\nR. R.: Der Dalai-Lama/ ALFRED DÖBLIN: Zirkuspanto-\nmime/ RUDOLF KURTZ: Neue Bücher / Beachtens-\nwerte Bücher und Tonwerke\n\nLob der Korruption\nVon Stefan Wronski\nUnsere lieben Nationalisten flammen in heller\nSchadenfreude über den neuesten Skandal von\nWelschland. In Deutschland könne so etwas nicht\nvorkommen, wie der Millionenbetrug des „Liqui-\ndators'1 Duez, brüsten sie sich; und der Pharisäer-\ndank, daß man nicht sei wie jene, schwält übelduftig\ndurch unseren Blätterwald. Im Reichstag hat ein\nelsässischer Abgeordneter sogar sein Bekenntnis\nzur Monarchie darauf gegründet, daß nur in Re-\npubliken solche Riesenkorruption möglich sei. (Der\nHerr hat übrigens die Wirklichkeit zierlich dahin\nkorrigiert: Frankreich sei eine sozialistische\nRepublik. Als ob Herr Aristide Briand nicht mit\nvollen Segeln in den Haien der Bourgeoisie einge-\nlenkt wäre; und als ob irgend ein Staat mehr den\nCharakter kapitalistischer Souveränität tragen\nkönnte, wie eben Frankreich!) Gewiß, Herr Duez\nhat viel unterschlagen. Aber er scheint es sehr ge-\nschickt gemacht zu haben. Jedenfalls liegt hier\neine geistige Potenz vor (die körperliche dieses\nLiquidators wurde von einer rachsüchtigen Gelieb-\nten, bei ihrer Vernehmung vor dem Untersuchungs-\nrichter, ein bißchen angezweifelt). Und dann hat\nHerr Duez all die Millionen der frommen Mönche\nund Nonnen, anstatt sie der Republik zuzuführen,\ngalanten Frauen geopfert. Kann ein Diebstahl zu\nmenschlicheren Zwecken begangen werden? Herr\nDuez brauchte Frauen, und die Frauen brauchten\nGeld ... Da nun infolge Briands Separation de\nl'etat et de l'eglise gerade diesem Herrn Duez der\nPosten eines Flüssigmachers riesiger Mönchsver-\nmögen zufiel —: konnte die Entwicklung noch zwei-\nfelhaft bleiben? . . Natürlich unterschlug Herr Duez\nim Duezformat und nicht im Duodezformat. Aber\ner hat wirklich jegliche Milderung für sich: denn in-\ndem er, wie es scheint, klerikale Kreise in seine\nKorruption hineinzog, nahm er, falls die Sache zum\nKlappen käme, der antiministeriellen Opposition\nvon vornherein alle Stoßkraft und machte es\nHerrn Briand leicht, in der Kammer die Deputier-\ntenerregung zu glätten.\nHerr Duez ist korrumpiert. Vielfach, in frühe-\nren Skandalen, hat sich gezeigt, daß es in Frank-\nreich Korruption, Bestechlichkeit gibt — in großem\nMaßstabe, Korruption mit allen Ingredienzien. Bei\nuns kommt das nicht vor. Unsere Beamten sind\nweder bestechend noch bestechlich. Von Zeit zu\nZeit singt irgend ein Kanzler oder Staatssekretär\nihrer Pflichttreue eine Generalhymne (die für alle\nim Dienst Befindlichen gelten soll). Aber sollte\ndiese nie versuchte Tugend gar so entzückend sein?\nWen niemand zu bestechen wünscht, der kann\nleicht „anständig\" bleiben. (Daß man in Deutsch-\nland solche Selbstverständlichkeiten ausbrüllen\nmuß!) Natürlich werden nur Leute von Qeist und\nTatkraft bestochen. Der Käufer wirft doch sein\nGeld nicht weg. Und man erinnert sich des Stoß-\nseufzers eines deutschen Professors der National-\nökonomie auf dem letzten Kongreß des Vereins für\nSozialpolitik: „Wenn nur unsere Beamten etwas\nbestechlicher und dafür auch etwas interessanter\nund tüchtiger sein wollten! 4 Also diese deutsche\nTugendhaftigkeit bedeutet nichts. Bei uns begreift\nman nicht einmal die erfrischenden geistigen Werte\nder Korruption. Erfordert sie nicht höchste Um-\nsicht, Wachsamkeit, Raubtier-Bereitschaft und un-\nbürgerlichen Mut?! Wer, wie ich, in der Kor-\nruption ein achtungswertes Präzisionssystem der\nSelbstsucht sieht: das logische Röhren werk, in\ndessen Qeheimgänge alle großzügige Genußfähig-\nkeit durch die moderne Kontrolle gepreßt wird —,\nder wird den Korrumpierten dankbar sein dafür,\ndaß sie sind, daß sie ihre nervenpeitschenden Rol-\nlen aufrecht erhalten, ihre verdammten Dramen\nagieren und uns schillernde Bilder von Gefahren,\nstarren Blicken, wilden Griffen bieten. Und er\nwird den Ländern dankbar sein, in denen die Kor-\nruption Größe, Stil, Wurf hat. Nur die subalterne\nVerderbnis ist schlimm. Die große Korruption ist\nein wertvoller Bestandteil geistiger Kultur — eine\nkunstvoll organisierte List, eine Verschwörung, die\n— Frankreichs Geschichte hat's bewiesen — häufig\nzur Operette und bisweilen zur revolutionären Tra-\ngödie führt. Der Tugendhafte ist faul; der Kor-\nrumpierte tätig —, auf gefährlichem Gelände tätig,\nbeglückt und ruiniert —; welcher von beiden wird\nuns mehr interessieren, tiefer bereichern? Bei den\nUnterschlagungen des Herrn Duez könnte der Fall\neintreten: daß die Belustigung, die dieser Skandal\nein paar Genießern brächte, mehr wert wäre, als\ndie dicken Millionen, die der Staatskasse der fran-\nzösischen Republik entgangen sind\n\nBildung\nVon Robert Scheu\nDer Schmerz, den die heutige Schule in uns\nerzeugt, ist der Wiederschein eines tieferen unbe-\nkannten Leidens, einer konstitutionellen Krankheit,\ndie unseren ganzen gesellschaftlichen Körper in allen\nTeilen durchdringt. In der Schule drängt sich nur\ndas Gewissen der Zeit zusammen. Es wird dort\ndas Leiden offenbar, während die Schuld verbor-\ngen bleibt. Besitzen wir überhaupt eine geistig-\nökonomische Gliederung, die imstande ist eine Bil-\ndung zu schaffen?\nDie unsere Zeitbildung beherrschende und ge-\nnießende Klasse will Bildung ohne Kultur. Um sich\nden Unterschied zwischen Bildung und Kultur\ndeutlich zu machen, versuche man sich auszu-\ndenken, was für eine Figur etwa Dante in unserer\nZeit machen würde, wenn er unversehens aus dem\nGrabe auferstünde. Er wäre nach unseren Begriffen\nungebildet. Dennoch repräsentiert er eine der\nhöchsten Kulturen, die man je gesehen hat.\nwird geltend machen, er habe die Bildung seines\nZeitalters besessen. Aber auch so, wie er ist, in\nunsere Zeit hineingestellt, wäre er uns durch seine\npersönliche Kultur und Geistigkeit überlegen, ein-\nfach darum, weil seine Bildung in Persönlichkeit\numgesetzt und restlos aufgegangen ist. Bildung,\ndie keine Lebenshaltung und Würde gibt, nicht in\nBlut und Rasse übergeht, keine Weltanschauung\nproduziert, ist kulturlos und geradezu kultur-\nfeindlich.\nUnsere Zeit, richtiger: die Privilegierten un*\nserer Zeit möchten den geistigen Besitz auf einen\nSchlag in Bausch und Bogen, möglichst billig, an-\nstrengungslos und in der Schulzeit zusammen-\ngedrängt bekommen. Es soll auch geistig ein ar-\nbeitsloses Einkommen geben. Sie sagen: So und\nsoviel gebe ich für meine Bildung aus; aber damit\ngenug; damit will ich mir ein für allemal meinen\ngeistigen und gesellschaftlichen Rang sichern.\nDas Bürgertum steht zur Schule in einem ver-\nwandten Verhältnis, wie zur Prostitution. Die Pro-\nstitution soll der Abzugskanal der ganzen Gemein-\nheit und Roheit sein, um darauf als Ueberbau die\nintangible Ehe, den Idealismus der Ehe zu er-\nrichten. Umgekehrt soll die Schule die Sammel-\nstelle des ganzen Idealismus bilden, um von diesem\ndas übrige Leben zu entlasten und es desto unbe-\nkümmerter dem Geschäfte widmen zu können.\nDarum wird von der Schule eine möglichst fertige\nallgemeine Bildung gefordert, die sich möglichst\nbegriffmäßig, das heißt unverlierbar gedächtnis-\nmäßig überliefern lassen soll.\nStatt dessen erntet das Bürgertum Willens-\nschwäche und Trivialität. Hier kommen wir zu der\nmerkwürdigen Erscheinung der Trivialität, die all-\nmählich zu einer Landplage wird und die Aufmerk-\nsamkeit aller feiner organisierten Menschen auf\nsich zieht. Die moderne, alles überwuchernde Tri-\nvialität ist eine Folge unseres Bildungsbetriebes.\nWeininger hat Genialität für eine Pflicht er-\nklärt. Genialität können und wollen wir nicht all-\ngemein fordern, wohl aber Abbild der Genia-\nlität, ihr Miniaturbild: Individualität. Wir fordern\ndie Individualität als eine Pflicht. Wir würden ein\nDasein für möglich und erreichbar halten, in dem\njeder Lebende zugleich eine In. ividualuät wäre, und\ndie Palette der Natur in unerschöpflichen Farben\nerglühte. Die Ahnung davon, daß die Natur reich\ngenug wäre, Individualitäten in unbegrenzter Qua-\nlität und Quantität zu erzeugen, gibt unserm ganzen\nErdenstreben seine Berechtigung, seinen Elan.\nDiese Ueberzeugung ist die Seele der Freigeisterei.\nSie macht uns in unseren Anforderungen gebiete-\nrisch, sie berechtigt uns zur Satire, sie gibt den pur-\npurnen Untergrund unserer Leiden, unseres Pathos,\nunserer politischen Schwungkraft. Die Zuversicht\nzur Differenzierbarkeit des Menschengeschlechts\nist unser letzter Optimismus, unser höchster\nGlaube.\nNun trägt allerdings schon der Menschheitsroh-\nstoff alle Zeichen der Trivialität und Banalität an\nsich. Aber erst durch die Bildung werden sie zur\nKalamität. Der ungebildete Mensch ist trivial ver-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.2", "texte": "möge seiner rohen Sinne, seiner trüben Wahrneh-\nmung, seines dumpfen Gedächtnisses. Die Mehrzahl\nder Menschen sieht nur verschwommene Umrisse,\nverwechselt, hört schlecht, insbesondere fehlen die\nQualitäts- und Quantitätsmaßstäbe. Zu sehen, daß\nMenschen nicht sehen können, erbittert. Gleich-\nwohl ist dies die verbreitetste menschliche Eigen-\nschaft. Das Generalisieren, das überstürzte Ur-\nteilen, blind-mechanische Reagieren auf alle Reize,\ndie hemmungslose Torheit, — das sind die Geißeln\ndes menschlichen Verkehrs.\nDer triviale Mensch denkt statt in Elementen,\nin groben Komplexen. Wundt behandelt einmal die\nFrage, ob die Tiere denken, und kommt zu dem\nResultat, daß nicht einmal die Menschen regel-\nmäßig denken. Belauscht man die Gespräche alter\nBetschwestern, so wird man gewahr, daß sie ganze\nSätze sagen, die man schon anderswo gehört hat,\ndaß sie Gespräche aus fertigen Sätzen bilden, die\nSprachbestandteile geworden sind. Sie konver-\nsieren sozusagen in lauter Sprichwörtern. Es ist\nunzerlegtes Denken. Ihre Gehirne gleichen den\nKinderbaukasten, die fertige Fenster, Türen und\nTore enthalten, woraus das Kind nur eine be-\nschränkte Anzahl von Kombinationen bilden kann.\nEine falsche Psychologie hält das Einfache für\ndas Aeltere, das Zusammengesetzte für das spä-\ntere, baut darauf Sprachlehre, Sprachunterricht\nund ähnliche Disziplinen. Noch unsere Urteils-\nlehre krankte bis vor kurzem darunter. Jetzt er-\nkennt man immer deutlicher, daß Urteilen gleich-\nbedeutend ist mit Zerlegen, Herausholen der Ele-\nmente aus dem Inhalt des Zusammengesetzten.\nDie Trivialität entsteht nun dadurch, daß die\ntrüben Intellekte, so wie sie in der Anschauung mit\nganzen Umrissen operieren, auch begrifflich und im\nEmpfindungsleben zurückbleiben, in ganzen Kom-\nplexen statt in Elementen denken. Insofern dies ein\nZurückbleiben in der Differenzierung, der höchsten\nethischen Pflicht ist, empfinden wir trivale Men-\nschen als widerlich, abstoßend und schädlich.\nEs ist offenbar, daß die Trivialität durch alles\nbegünstigt wird, wodurch größere unzerlegbare\nDenkkomplexe bereit gestellt werden.\nDas tut aber die kulturlose Bildung ganz all-\ngemein. Der gebildete Mensch offenbart seine in-\nnere Trivialität viel aufdringlicher als der Unge-\nbildete, beziehungsweise, Bildung kann geradezu\ntrivial machen, indem sie ganze Komplexe von An-\nschauungen, Kenntnissen, Parteimeinungen, an die\nHand gibt, die unberührt ins Bewußtsein eingehen.\nDer Gebildete verfügt außerdem noch über ein\ngerütteltes Maß Begriffstrivialität und wird dadurch\nzu einem Schrecken der Schrecken, zum enfant\nterrible der Bildung.\nDas Bürgertum züchtet diese Trivialität in der\nSchule. Es braucht sie, weil es den Bildungsschein\nals soziale Versicherungsprämie zahlt.\nDas offenbart sich besonders eklatant in der\nsogenannten Frauenbildung. Frauen werden durch\nunseren Bildungstrieb besonders gern ins Rationa-\nlistisch-Triviale verschoben. Soll man daraus\nschließen, daß die Frauen in ihrem Wesen trivial\nsind? Ehe wir diesen verzweifelten Gedanken\nfassen, wollen wir lieber annehmen, daß die Bildung\nihr wahres Wesen verschleiert und ihnen eine\nMaske aufzwingt; oder aber, daß sich echte und\nwirklich tiefe Frauenwesen gegen derartige Bil-\ndung instinktiv wehren und lieber aus ihrem Fa-\nmilienleben, Geschäft, Schauspielerberuf und der-\ngleichen zu ihrer Bildung gelangen, die zugleich\nzweckmäßig und kulturvoll ist. Das Vorurteil\ngegen gelehrte Frauen ist wahrhaftig nicht Eifer-\nsucht der Männer, sondern gerade die besten und\nvon Frauenwert durchdrungensten fühlen sich\ndurch die Beobachtung betrübt, daß die Frauen in\nder Bildung verflachen oder ihre inmanente Flach-\nheit offenbaren.\nAlle zwecklose und kulturlose Bildung rächt\nsich als Trivialität, untergräbt die Anschauungs-\nkraft, zerbricht das Rückgrat der Willensenergie.\nDaher umgekehrt bedeutende Menschen oft wider-\nstrebend und mühsam lernen, weil sie ihre Bildung\norganisch erleben wollen. Die schmerzvoll emp-\nfundene Unwissenheit, wie wir sie etwa beim\nProletariat finden, hat kulturell als treibender\nFaktor einen höheren Wert als die blasierte Sattheit\ndes planlos überfütterten Philisters.\nKlassenherrschaft und hohe kulturelle Bildung\nwäre im Prinzip nicht unvereinbar. Aber eben des-\nwegen, weil es theoretisch möglich ist, beweist die\nSchulkrise auch eine ständische Schwäche und\nZersetzung der Herrschaftsinstinkte. Unsere ge-\nbildeten Klassen wagen es gar nicht, die Schule\nernst zu nehmen, weil sie mit ihrer sonstigen ver-\nfehlten Oekonomie in Konflikt gerieten. Das Klas-\nsenprivileg muß beispielsweise auf dem Prüfungs-\nwissen bestehen, weil die Prüfungen die Assekuranz-\nprämien sind, durch die bestimmte Stellungen ga-\nrantiert werden. Wie könnten sich beispielsweise\nMilitärprivilegien halten lassen, wie könnte man\neine Hierarchie der Vorrechte aufbauen, wenn man\nandererseits Individualitäten, Persönlichkeiten er-\nziehen wollte?\nDie hart angegriffenen Gymnasial-Professoren\nüben allerdings Gamaschendienst. Aber das ist ihr\nZweck, das Bürgertum kann einen Dippold nicht\nentbehren, so wenig wie seine Gendarmerie, seine\nPolizei, die ihm allerdings zeitweilig lästig werden,\ndie es gelegentlich bewitzelt,,, aber im Bedarfs-\nfalle doch immer wieder ruft. Das Gymnasium ist\ndie systematische Selbstschwächung der Bour-\ngeoisie, die unbewußte Rache, die sie an sich selbst\nübt, geängstigt von der Doppelfurcht vor dem Ge-\nschlecht und dem Genie.\nDie soziale Ordnung zittert vor dem Ge-\nschlecht als jener Gewalt, die die gesatzte Ordnung\nam rücksichtslosesten durchbricht. Darum muß das\nGeschlechtsleben schon in der Schule als unsittlich\ngebrandmarkt und verdumpft werden. Eine zu\nreiner Geschlechtlichkeit erzogene Jugend möchte\nalle Hierarchien sprengen und die Prostitutions-\nordnung hinwegfegen. Noch mehr wird das Genie\ngefürchtet, der Todfeind aller privilegierten Mittel-\nmäßigkeit, der geborene Bedränger der Korruption\nund Pfründen. Die Genialität zu brechen, ist daher\nder leitende Gedanke des Gymnasiums, seine stän-\ndige Wachsamkeit. Alle Anstalten sind darauf ge-\nrichtet, es rechtzeitig zu erkennen, um es recht-\nzeitig zu zermürben.\nDer Spießer, der das Genie im Leben nieder-\ntritt und es aushungert, warum sollte er es in der\nErziehung freigeben? Wie soll das Bürgertum,\ndas sich am liberalen Leitartikel berauscht, im-\nstande sein, eine Schule zu schaffen, die zur Pro-\nduktivität erzieht?\nDer gesunde und starke Standpunkt eines Bür-\ngertums wäre der, daß es sich zutraute, das Ge-\nschlechtsleben und die Genialität in sich aufzusaugen\nund diesen Mächten seinen Platz einzuräumen.\nDann wäre es allerdings gerechtfertigt und gerettet.\nWir sehen aber, daß es diese Kräfte verleugnet,\nfürchtet und mit allen Mitteln zu Tode peinigt.\nWas es dabei eintauscht, ist die Korruption.\nWären die privilegierten Klassen imstande, Bildung\nin Kultur umzuwerten, wäre sie imstande, mit\ndem Genie Frieden zu machen und dem Ge-\nschlechtsleben ohne Lüge und Tartufferie gegen-\nüber zu treten, dann dürften sie allerdings auch\njene Rekrutierung der Lehrer und Schüler wagen,\ndie zur Gesundung der Schule erforderlich ist. Die\nwahre Reform der Schulen müßte damit beginnen,\ndaß wir die törichte Furcht vor den erhabensten\nNaturgewalten über Bord werfen und gleichzeitig\ndie Korruption unseres ganzen sozialen Lebens mit\nFeuer und Schwert bekriegen.\n\nStil\nVon Karl Kraus\nMan kann nicht leugnen,daß dem Schriftsteller\nBildung zustatten kommt. Wie schöne Gleichnisse\nlassen sich nicht gestalten, wenn man die Termini\nder verschiedenen Wissengebiete bei der Hand\nhat! Es kommt also darauf an, sich dieses Material\nzu beschaffen. Wahrlich, man braucht es fast so\nnotwendig wie Papier und Tinte. Aber haben Pa-\npier und Tinte einen schöpferischen Anteil am\nWerk? Bin ich kein Schriftsteller, wenn ich die\nVergleichswelten nicht selbst bereist habe? Bin ich\nnicht imstande, den Gedanken durch Beziehung auf\neinen chemischen Vorgang zu erhellen, weil ich\ndiese Beziehung bloß ahne und mir der Fachaus-\ndruck fehlt? Ich frage einen Gelehrten oder ich\nfrage ein Buch. Aber in solchem Falle leistet auch\ndas Fremdwörterbuch alle Dienste. Eine Kenner-\nschaft, die ich mir aus einem Fachwerk holte,\nwürde die künstlerische Fügung sprengen und dem\nSchein der Erudition den Vorrang lassen. Es wäre\ndie höchstaplerische Erschleichung eines Makels.\nDie Nahrung des Witzes ist eine landläufige Ration\nvon Kenntnissen; Es darf ihm nicht mehr vorge-\nsetzt werden, als er verdauen kann, und unmäßiges\nWissen läßt die Kunst von Kräften kommen. Sie setzt\nFett an. Nun gibt es Literaten, denen es eben\ndarum zu tun ist. Ihnen ist die Bildung nicht\nMaterial, sondern Selbstzweck. Sie wollen be-\nweisen, daß sie auch Chemiker sind, wenngleich\nsie es nicht sind; denn Schriftsteller sind sie\nbestimmt nicht. Das Material kann man sich\nbeschaffen wie man will, ohne der geistigen\nEhrlichkeit etwas zu vergeben; die schöpferische\nArbeit besteht in seiner Verwendung, in der Ver-\nknüpfung der Sphären, in der Ahnung des Zusam-\nmenhanges. Wer schreibt, um Bildung zu zeigen,\nmuß Gedächtnis haben; dann ist er bloß ein Esel.\nWenn er die Fachwissenschaft oder den Zettel-\nkasten benützt, ist er auch ein Schwindler. Ich\nkenne einen Publizisten, der sich lieber die fünf\nSchreibefinger abhacken ließe, ehe er in einem po-\nlitischen Leitartikel, der jene dürrste Tatsächlich-\nkeit der Welt behandelt, die der Welt leider unent-\nbehrlich ist, das Wort „Balkanwirren'4 gebrauchte.\nEr muß „Hämuskomödie\" sagen. Und solche Gei-\nstesschweinerei findet im heutigen Deutschland\nAnklang! Eine typische Figur der Lokalchronik ist\njener „Unhold\", der vor Schulen den heraus-\nströmenden Mädchen Dinge zeigt, die sie in diesem\nAlter noch nicht sehen sollen. Was bedeutet aber\nseine Schädlichkeit gegenüber einem Treiben, mit\ndem die Schulweisheit vor dem Leben exhibitio-\nniert? Die unerhörte Zumutung, uns bei Bespre-\nchung der verworrensten Balkanfragen auch noch\nin die klassische Geographie verwickeln zu lassen,\nempfinden heute die wenigsten als Plage. Wäre es\nselbst kein Defekt, mit dem hier geprotzt wird,\nwäre der Anblick der Elephantiasis eines Gedächt-\nnisses nicht abscheuerregend, so bliebe der Zustand\nnoch immer als jene ästhetisierende Sucht be-\nklagenswert, die der Fluch unserer Tage ist. Denn\ndie Erörterung von Balkanwirren ist eine Angele-\ngenheit des täglichen Hausbrauches und hat mit\nder Kunst, also auch mit der Literatur als der Kunst\ndes Wortes, nicht das geringste zu schaffen. Der\nVerschweinung des praktischen Lebens durch das\nOrnament, wie sie Adolf Loos nachweist,\nentspricht jene Durchsetzung des Journalismus\nmit Geistelementen, die zu einer katastrophalen Ver-\nwirrung geführt hat. Die Phrase ist das Ornament\ndes Geistes. Anstatt nun die Presse geistig trocken\nzu legen und die Säfte wieder der Literatur zuzu-\nführen, aus der sie „gepresst\", der sie erpresst\nwurden, steuert die demokratische Welt auf eine\nRenovierung des geistigen Zierrats hin. Die Phrase\nwird nicht abgeschafft, sondern in den Wiener\nWerkstätten des Geistes modernisiert. Feuilleton,\nStimmungsbericht, Schmucknotiz — dem Pöbel\nbringt die Devise „Schmücke dein Heim'4 auch\ndie poetischen Schnörkel ins Haus. Ein halbes\nJahrhundert lebten sie von Heine, aber dieser\nZauberer, der der Unbegabung zum Talent verhalf,\nsteht nicht zu hoch über der Entwicklung, die er\nverschuldet hat. Jetzt münzen sie Peter Altenberg\nin Zeilenhonorar um (ohne daß er etwas davon\nhat).\nEin Ornamentiker auf eigene Faust lebt nun in\nBerlin; wenn er seinen Namen nennen soll, sagt er\nschlicht: „Der im Grunewald\". Geboren ist er nicht\nim Mai, sondern unterm Weidemond. Sein Kampf\ngilt nicht dem Kaiser, sondern einem „Zollernsproß\"\nDer nicht in Korfu manchmal weilt, sondern in Kory-\npho. Als Politiker ist unser Mann kein Chamäleon,\nsondern er gleicht dem „Tier mit den zwei Pigment-\nschichten unter der Chagrinhaut.44 Er enthüllt nicht\ndas homosexuelle Vorleben seiner Gegner, sondern\n„er spreitet die Spinatgartenschande aus44; aber seine\nGegner haben es sich selbst zuzuschreiben, denn\nsie haben zwar nicht den Verdacht päderastischen\nUmgangs erregt, aber „der Ruch der Männer-\nminne haftet an ihnen44. Sein Rechtsanwalt, der\nschlicht Bernstein heißt, kehrt nach dem Prozeß\nnicht nach München zurück, sondern „der Antaios\nringt wieder auf heimischem Boden.44 Sonst ist aus\ndem Leben unseres Künstlers noch zu erzählen,\ndaß er Karlsruhe nicht kennt, wohl aber die\n„Fächerstraßenstadt44; das Schauspiel „Frühlings-\nerwachen44 noch nicht gelesen hat, aber den „Lenz-\nmismus\", dessen Inhalt „das Männern der Knaben,\ndas BÖckeln der Mädchen\" ist; Sherlock Holmes\nnicht auf der Bühne gesehen hat, aber den „Ram-\npendoyle\" kennt; Hurenwohnungen meidet, aber\nein „Tarif eden\" empfiehlt; von der Existenz\nShakespeares nichts weiß, aber den „braven Bill\"\nzitiert; die Sitte des Interviews mißbilligt, aber „der\nInterview\" das Wort spricht. Wir hören seinen Aus-\nruf „Freut euch und strählt die Miauzer!\" Welche"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.3", "texte": "Sprache ist das? Er will sagen, Matkowsky, der\nletzte Löwe ist tot, die andern seien bloß Katzen.\n„Streichelt eure Katzen!\" dem Publikum zuzurufen:\ndazu langt das Temperament nicht; darum muß das\nOrnament helfen. „Strählt die Miauzer!\" Es\nwird als Schlagwort bleiben. Ein stilistischer\nMiauzer preist die Löwenkraft, ein Artist lite-\nrarischer Mätzchen beschreibt die Urgewalt des\nTragöden, ein publizistischer Kainz beklagt\nden Tod Matkowskys. Nun, sein eigentlicher Beruf\nist ein sozialer: er will die Reichsfassade rein-\nfegen. Aber sein Arbeitskittel ist ein wallendes Ge-\nwand, daß Van de Velde entworfen hat, der\nBesen ist von Olbrich und die Hände tragen\nSchmuck von Lalique. Da geht denn die Arbeit\nnur schwer vonstatten, und sie gleicht eigentlich\nauch mehr jenem langwierigen Gastmahl des Tri-\nmalchio, in dessen Beschreibung es heißt: „Nun\nfolgte ein Gang, welcher unserer Erwartung nicht\nentsprach; doch zog er durch seine Neuheit aller\nAugen auf sich.\" Da gab es „einen runden Auf-\nsatz, in welchem die zwölf himmlischen Zeichen in\neinem Kreis geordnet waren, auf deren jedes der\nKünstler eine Speise gelegt hatte, die ihm zukam.\"\nDa gab es „einen Mischmasch von einem Span-\nferkel und anderem Fleische, und einen' Hasen\nmit Flügeln, damit er dem Pegasus gleiche.\"\nUnd „in den Ecken des Aufsatzes vier Faune, aus\nderen Schläuchen Brühe, welche aus den Einge-\nweiden verschiedener Fische wohl zubereitet war,\nauf die Fische herunterfloß, die in einem Meeres-\nstrudel schwammen\". „Dazu erscholl eine Sym-\nphonie, und in der Mitte der Tafel stand ein ge-\nbackener Priap, der mit allerlei Arten von Obst\nund Trauben verziert war. Die Kuchen gössen\neinen balsamischen Duft aus, und die Gäste\n„glaubten, daß etwas Heiliges darunter verborgen\nsei\", erhoben sich „und wünschten Glück dem er-\nhabenen Vater des Vaterlandes.\" Stimmt alles.\nVon dem Koch aber hieß es, er sei der kostbarste\nKerl von der Welt. „Wenn ihr es verlangt, so\nmacht er aus einem Saumagen einen Fisch, aus\nSpeck einen Baum, aus dem Schinken eine Turtel-\ntaube aus den Eingeweiden eine Henne\". Heiliger\nPetronius — so arbeiten ja die Ornamentiker aller\nZeiten und aller Gebiete! Und wir haben heute in\nDeutschland eine geistige Küche, von deren Er-\nzeugnissen das Auge satt wird. Siehe, ein Bildungs-\nkünstler preßt die Leckerbissen von zehn Welten\nin eine Wurst! . . Nun muß gesagt sein, daß diese\nArt, das Leben zu umschreiben oder um das Leben\nherumzuschreiben, immerhin einer Anschauung\ndienen könnte. Diese Umständlichkeit wäre Ver-\nkürzung oder die Verkürzung wäre sinnvoll, wenn\ndie für die Dinge gesetzten Chiffren zugleich den\nInhalt brächten, der von den Dingen ausgesagt\nwerden soll, oder die Beziehung, in welche die\nDinge gestellt werden sollen. Es ist also erträglich\nzu lesen, daß einem Schauspieler die Darstellung\ndes „Junkers von Corioli\" oder von „Kleopatras\nmüdem Freund\" gelungen sei. Das Ornament ist\nhier ein Mittel, nicht ein Zweck. Aber dann ist es\neben eine Krücke, die vorwärts bringt, und die\nPlastik, die der Autor erreicht, bleibt doch immer die\nPlastik einer Geschwulst. Die gehobene Sprache\nhebt den Sinn, den das Temperament zu heben\nnicht imstande war. Die Schönheit geht vollends\nflöten, wenn das Pathos sich zu einer Telegramm-\nadresse wie „Rampendoyle\" oder „Tarifeden\" zu-\nsammenballt oder in einer ausführlicheren Geheim-\nschrift sich verästelt, deren Dechiffrierung den Leser\nzwar reizt, aber nicht befriedigt. Niemand wird\ndem Autor die Lückenlosigkeit seiner Technik be-\nstreiten und die Fleckenlosigkeit seines Materials.\nAber den durchaus artifiziellen Charakter dieser\nGestaltung enthüllt er selbst, wenn er die Feder\nhinlegt, um den Mund aufzumachen. Kostüm und\nSchmuck sind abgetan, die Hieratik ist zum Teufel,\nund fern aller Weitwendigkeit spricht ein Agitator,\nder die Pfiffe des Metiers kennt, ganz wie dem zu-\nhörenden Pack der Schnabel gewachsen ist. Der\neben noch an der sprachlichen Beulenpest dar-\nniederlag, steht gesund vor uns, freut sich und —\nstreichelt die Katzen. Der kostbarste Kerl von der\nWelt; am andern Tag macht er wieder aus einem\nSaumagen einen Fisch und preßt die Leckerbissen\nvon zehn Welten in eine Wurst... Ach, meinem Stil\nwird nachgesagt, daß sich hart im Räume die Ge-\ndanken stoßen, während die Sachen doch so leicht\nbeieinander wohnen. Und wer von mir Aufschluß\nüber die Sachen erwartet, hat sicherlich recht, aus\ndem Gedankenpferch zu fliehen. Verweilt er aber,\num ihn zu besehen, so wird er eine Architektonik\ngewahren, in der um keine Linie zu viel, um keinen\nStein zu wenig ist Man muß nachdenken; das ist\neine harte Forderung, meist unerfüllbar. Aber die\nForderung, die der Berliner Bildungsornamentiker\nstellt, ist bloß lächerlich: man muß Spezialist in\nallen Fächern sein oder zum Verständnis eines\nSatzes zehn Bände eines Konversationslexikon«*\nwälzen. Der eine schlägt auf den Fels der nüch-\nternsten Prosa, und Gedanken brechen hervor. Der\nandere schwelgt im Ziergarten seiner Lesefrüchte\nund in der üppigen Vegetation seiner Tropen.\nHätte ich mein Leben damit verbracht, mir die\nBildung anzueignen, die der andere zu haben vorgibt,\nich wüßte vor lauter Hilfsquellen nicht, wie ich mir\nhelfen soll. Ein Kopf, ein Schreibzeug und etwa\nnoch ein Fremdwörterbuch — wer mehr braucht,\nhat den Kopf nicht nötig!\n\nGedichte\nVon Else Lasker-Schüler\n\nEin Trauerlied\nEine schwarze Taube ist die Nacht\n. . . Du denkst so sanft an mich.\nIch weiß, dein Herz ist still,\nMein Name steht auf seinem Saum.\nDie Leiden, die dir gehören\nKommen zu mir.\nDie Seligkeiten, die dich suchen\nSammele ich unberührt.\nSo trage ich die Blüten deines Lebens\nWeiter fort.\nUnd möchte doch mit dir stille stehn;\nZwei Zeiger auf dem Zifferblatt.\nO, alle Küsse sollen schweigen\nAuf beschienenen Lippen liebentlang.\nNiemehr soll es früh werden,\nDa man deine Jugend brach.\nIn deiner Schläfe\nStarb ein Paradies.\nMögen sich die Traurigen\nDie Sonne in den Tag malen.\nUnd die Trauernden\nSchimmer auf ihre Wangen legen.\nIm schwarzen Wolkenkelche\nSteht die Mondknospe.\n. . . Du denkst so sanft an mich.\n\nMein Liebeslied\nAuf deinen Wangen liegen\nGoldene Tauben.\nAber dein Herz ist ein Wirbelwind,\nDein Blut rauscht, wie mein Blut —\nSüß\nAn Himbeersträuchern vorbei.\nO, ich denke an dich\nDie Nacht frage nur.\nNiemand kann so schön\nMit deinen Händen spielen,\nSchlösser bauen, wie ich\nAus Goldfinger;\nBurgen mit hohen Türmen!\nStrandräuber sind wir dann.\nWenn du da bist,\nBin ich immer reich.\nDu nimmst mich so zu dir,\nIch sehe dein Herz Sternen.\nSchillernde Eidechsen\nSind deine Geweide.\nDu bist ganz aus Gold —\nAlle Lippen halten den Atem an.\n\nPharao und Joseph\nPharao verstößt seine blühenden Weiber,\nSie duften nach den Gärten Amons.\nSein Königskopf ruht auf meiner Schulter,\nDie strömt Korngeruch aus.\nPharao ist von Gold.\nSeine Augen gehen und kommen\nWie schillernde Nilwellen.\nSein Herz aber liegt in meinem Blut.\nZehn Wölfe gingen an meine Tränke,\nImmer denkt Pharao\nAn meine Brüder,\nDie mich in die Grube warfen.\nSäulen werden im Schlaf seine Arme\nUnd drohen.\nAber sein träumerisch Herz\nRauscht auf meinem Grund.\nDarum dichten meine Lippen\nGroße Süßigkeiten,\nIm Weizen unseres Morgens.\n\nDavid und Jonathan\nIn der Bibel stehn wir geschrieben\nBuntumschlungen.\nAber unsere Knabenspiele\nLeben weiter im Stern.\nIch bin David,\nDu mein Spielgefährte. <\n0, wir färbten\nUnsere weißen Widderherzen rot;\nWie die Knospen an den Liebespsalmen\nUnter Feiertagshimmel.\nDeine Abschiedsaugen aber —\nImmer nimmst du still im Kusse Abschied.\nUnd was soll dein Herz\nNoch-ohne meines —\nDeine Süßnacht 1\nOhne meine Lieder.\n\nIch bin traurig. . . .\nDeine Küsse dunkeln, auf meinem Mund.\nDu hast mich nicht mehr lieb.\nUnd wie du kamst — !\nBlau vor Paradies.\nUm deinen süsesten Brunnen\nGaukelte mein Herz.\nNun will ich es schminken,\nWie die Freudenmädchen\nDie welke Rose ihrer Lende röten.\nUnsere Augen sind halb geschlossen,\nWie sterbende Himmel —\nAlt ist der Mond geworden.\nDie Nacht wird nicht mehr wach.\nDu erinnerst dich meiner kaum.\nWo soll ich mit meinem Herzen hin?\n\nDie Hochzeit des Gilles de Rais\nVon Adolf Lantz\nVerschließe nicht dein Ohr, o Bruder, diesen\nletzten Meditationen und sei also in Wahrheit bei\nmir. Feierlich habe ich vor Gott und Menschen\nabgeschworen Verbrechen jeglicher Art, Irrtümer\nwie auch Beschwörungen, alle Taten, so ich getan,\ndas Böse kennen zu lernen. Mit meinem Qott bin\nich versöhnt. Noch einmal in die Erinnerung mei-\nnes Lebens hinabzuschürfen, bleibt mir geringe\nFrist. Diese aber will ich nützen.\nSpringt mir just jener Tag ins Gedächtnis, da\nder Vater meiner Mutter, Jean de Craon, ein Mann\nvon hohem Alter, mich, den Vierzehnjährigen, ver-\nmählte.\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.4", "texte": "Sehe noch deutlich die Kapelle vor mir, kerzen-\nerleuchtet, den Priester vor dem Altar im goldenen\nMeßgewand. Sehe auch die blütengeschmückte\nHalle, das Gelage, die funkelnden Pokale, die spei-\nsenbeladene Tafel, von würzigen Gerüchen dam-\npfend. Hatte ein neu blauseiden Wams, goldge-\nsticktes Wappen meines Vaters Guy-Montmo-\nrency-Laval darauf. Die Braut, kaum dreizehn,\ngewaltsam fraulich gekleidet, war eingehüllt in\nweißseidenen Stoff, blau bestickt, eng ans Mieder\ngeschmiegt das geschlitzte Leibchen, durch einen\nGürtel begrenzt, goldgeschmiedet, drin eingefügt\ngar kunstvoll Karfunkel und Opal. Die lange\nSchleppe, pelzverbrämt, lieh der Gestalt, die kind-\nhaft zierlich, unpassenden, feierlichen Pomp. Der\nUeberwurf aus zartestem Gewebe von byzanti-\nnischem Damast war wie eine Schar ruhender\nSchmetterlinge lilafarben um sie gehangen. Ein\nBand von milchblassen Gemmen umschloß den\nHals. Das lange, blonde Haar fiel aufgelöst. Da-\nmalen wars, daß ich das Weib erkannte, davon das\nunerforschliche Geheimnis von Liebe wie Lust\ngleich einem Abgrund sich tief in meine Seele\nschleuderte. Schon nach halbem Jahr starb —\nmir zum Unheil — dieses mein erstes Weib und\nhatte die Dreizehn eben erst vollendet. Von mir\nzu bösem Ritt gestachelt, schlug sie unter dem\nstürzenden Pferd häuptlings an einen kantigen\nStein. Auf dem kindlichen Gesicht, gar blaß und\nvon heller Zartheit, war muskelgespannt der er-\nstarrte Ausdruck eingefangen, wie sie in atemloser\nSchnelligkeit kühn auf fliegendem Renner hinein-\nsprengte in den Tau des Morgens.\nSolchermaßen der ersten stürmischen Liebe\nvon großer Heftigkeit und Kraft beraubt, wollt ich\nmich in frühem Gram verzehren. Aber der Vater\nmeiner Mutter stachelte mich an, aufs Neue die\nLiebe za suchen, geleitete meine Jugend, daß ich\nsie fand. War denn auch anfänglich glücktrunken\nmit meinem zweiten Ehgemahl. Noch eh ich Be-\nsinnung gewonnen oder zu entscheiden vermocht,\nob wir einander mehr denn Träger fleischlicher\nLust, gieng sie am ungebornen Kind unter großen\nSchmerzen zu Gott ein. War auf ihrem Gesicht\nder Tod wie der Schlaf, als ruhte sie erschöpft von\nden Qualen, so den nunmehr sich glättenden Mund\nverkrampft, wäre auch völlig von ihnen erlöst\ngleichwie von der Bürde ihres Leibes, wenn sie\naugenblicks erwachte. Was höchst seltsam sich\nmir ins Gehirn eingrägte, so daß ich davon träumte,\nsie wäre wieder geweckt.\nUnd suchte nach etlichen Monden abermalen\ndie Liebe, fand sie auch rasch und unbedenklich in\nmeinem dritten Ehgemahl, von reichem Adelsge-\nschlecht stammend. Mit Siebzehn vereinigte mich\nderselbige Priester mit mir in selbiger Kapelle wie\nzweimalen vorher, im festen Schloß von Mache-\ncoul, durch das heilige Sakrament. Lebten glück-\nlich über zwei Jahre lang. Vergrub mich in aller-\nlei Schriften und Wissenschaften, zog mit Arm-\nbrust, Speer und Falken auf die Jagd, hatte das\nbrausende Leben der Welt zurückgestellt auf spä-\ntere Zeit, versah mich keiner Argheit.\nGeschah mir eines Tages folgendermaßen eine\nBegegnung. Riß der Sattelgurt meines Rosses, als\nich weitab vom Schloß allein über die Felder ritt,\nnach Recht und Ordnung zu sehen. Mußte den\nSattel vor mich hinlegen und auf dem heißen,\nnackten Rücken des Tieres durch glühenden Som-\nmermittag ins nächste Dorf. Im leichten Trab\ngiengs über holprigen Weg in den Wald hinein,\nim Gleichmaß warf sich mein Körper auf dem war-\nmen, festen Fleisch des Pferdes. Spürte plötzlich\neine Erregung über mich gekommen, davon mir\ndas Blut fiebrig in die Augen stieg. Nicht lange in\nsolch dumpfer Begierde, erreich ich das Ufer des\nSees. Von ohngefähr hinblickend, erspähte ich\nein Leuchtendes unter den schattiggrünen Baum-\nkronen. Ein nackendes Mädchen wars, dem Bad\nentstiegen, vom nahenden Hufschlag erschreckt.\nTrabte das Roß grad auf sie zu, war bei ihr, eh ich\nes hinderte, wollte dicht vorbei. Griff ich wie von\neiner Macht beherrscht nieder mit entschlossener\nHand und hob im Bogen während des Reitens mit\nfreudigem Jagdruf die leichte Gestalt zu mir,\npochenden Herzens Spät am Nachmittag\nwars, als wir zurück zur Stelle kamen, allwo die\nKleider im Gras geblieben. Traf gar oft in den\nnächsten Wochen des Bauern Tochter, eine Lust\nnach ihr in den Sinnen, anders als jene geartet, so\nich zu meinen Frauen aus adliger Zucht verspürt\nund von unergründbarem Stachel. Als aber der\nSommer zur Rüste gieng, fand ich sie nicht mehr.\nDa ich nun heimlich nach ihr forschen ließ, ward\nmir bekannt, daß sie im Wald ermordet ward,\nwußte keiner, von wem. Kam mir ein gar böser\nVerdacht über mein Weib, das scheu und mit argen\nMienen daheim saß. Haßte sie grimmig, ließ sie\noftmalen mit wilden Worten an, davon sie aber\nganz unterwürfig ward, von stärkerer Liebe zu\nmir erfüllt, wie mich's erstaunend bedünkte.\nVom großen Turnei in Nantes zog ich als\nSieger heim. Qäste brachte ich mit in großer Zahl\nzu Jagd und Fröhlichkeit. Die Herolde posaunten\ndurchs Land, daß Baron Gilles de Rais die Zug-\nbrücke des Schlosses Machecoul herabgelassen für\njeden, so edlen Standes war. Viel adliges Volk\nquartierte in den Gemächern, ihre Knechte füllten\ndie Kammern, Kaufleute wanderten herbei, brei-\nteten ihre Schätze aus, Spielleute schlugen ihre\nZelte auf, war ein Lärmen und Treiben in der Ge-\ngend wie nie zuvor, davon mir das Leben neu und\nglänzend erschien. Auch eine Frau Herzogin, aus\nEngland drüben flüchtig, allwo ihr Mann geächtet\nund ermordet ward, hielt ihren Einzug. Eine gar\nstolze Frau, sehr in der Gnade des Königs, von\nauserlesener Schönheit und Herrlichkeit. Erfaßte\nmein Blut ein tolles Fieber nach ihr. Merkte bald,\ndaß ihre Begehrlichkeit nach mir sich entflammte.\nErfand ihre Liebe und Wollust erfahrener denn die\nmeine. Und glaubte nicht anders, daß dies die\nLiebe war, nach der mein Suchen ausgegangen,\ndarüber hinaus nichts Gewaltigeres an Rausch und\nVerzückung zu finden sei. Darein völlig versunken,\nerschien mir die Welt vollendet. Lernte Erlösung\nschlürfen aus fieberndem Fleisch mit vergrabenen\nZähnen, aus Schmerzen den Genuß saugen, den\nTaumel der Macht aus wilder Bewegung, aus ver-\nzückten Schreien trinken. Ein anderer, ein Ent-\nfesselter, ward ich über Nacht. Später erst er-\nkannte ich, daß sie eine jener Seltenen war, die\nzwar jedem sich gab, der sie entflammte, aber\nkeinem um ein Geringeres an Kraft und Beseeltheit\nder Gefühle gehörte wie den andern zuvor. Wo\nfie ruhte, wurden ihrem Körper Spiegel gebaut\nund eine königliche Lagerstatt. Tausend Hände\nrührten sich geschäftig, ihr zu dienen. Mit ihr ritt\nich an den Hof des Königs. Als ich sie an andre\nverlor, riß mich im Schmerz die Ueppigkeit der\nSinne wirblig fort. Erfuhr gesteigerte Lust, davon\nich noch nichts geahnt, erstaunte atemlos, wie ihr\nGeheimnis schier unerschöpflich immer neue Lüste\nbarg, wie selbstverständlich ihr Genuß sich mir\ngab. Wie der Rausch gegenwärtiger Verzückung\nVollendung vortäuschte, in der Raserei der nächsten\ndie Unvollkommenheit der vergangenen sich ent-\nschleierte. Da entbrannte es in mir: „Gott, der\ndu vollkommen bist, auch solcher Art in der Liebe\nthronst, welche ist die, deren Lust die letzte ist und\nsich völlig enthüllt, daß mein Sinn sie erkennt und\nmir Erlösung wird?\"\nIn das lodernde Licht der Fackel drang sein\nfragender, dunkler Blick. In die Flamme schauend\nwie in Unbestimmbares, in einen fernen, blutenden\nHorizont, schloß er jetzo aufstöhnend die Augen.\n„Die da Gott auf Erden vertreten, die Ge-\nweihten des Herrn, und die da irdische Gerechtig-\nkeit vertreten, die Richter im Eid des Herzogs, und\ndas Volk, in dessen Samen ich würgend gewühlt,\nsie haben vernommen, was ich getan. Daß die\nFlammen an meinem Leib wären, das Gehirn\nfräßen, auf daß die Erinnerung von mir genommen,\ndas Bild der purpurgefärbten Fliesen, der ge-\nmordeten Leiber. Daß meine Augen verglommen\nlägen, auf daß sie den Stahl nicht mehr gleissen\nsehen an entblößten Hälsen, das vertrauende\nLächeln der Knaben, die ich auf meinem Schoß\ntröstend gewiegt, dieweilen die Hand hinterrücks\nob dem Nacken den Dolch einsetzte ins junge\nFleisch! Laß es Tag werden, barmherziger\nChristus, daß dieser Körper im Feuer zerfalle, der\nden Deinen lebendampfenden, blutenden Gefäßen\nentnahm. Feierlich zelebrierte der Priester die\nschändliche Messe, Todsünde begehend, weihte\nDich mit falschem Segen auf dem Altar aufge-\nrissener Eingeweide, darein die Lüste unbegreiflich\nlockend sich gebettet. Da lag dein heiliger, fleisch-\ngewordener Leib und ich, der Verworfne, stand\ntrunken davor, fühlend eine Gewalt über Natur und\nLebendiges, Gewalt selbst über Dich, o Herr, ein\nMittler Satans, ein Papst der Hölle, die Kirche\nalles Bösen der Welt, die Hostie, darein der Leib-\nhaftige eingekörpert. Da ward mir nun Anblick\nund Besitz von Liebe und Lust, Tod und Schönheit\nund Gewalt des Bösen. In eine Stunde, an\neinen Ort, in ein einziges, gigantisches, atem-\nraubendes Gefühl waren sie alle teuflisch be-\nschworen. Aber da ich nun im Triumph stand,\nmich übermächtig wähnend jetzo die Vernunft in\ndie Geheimnisse einbohren gewollt, sie endlich zu\nerkennen, da brauste das Chaos der Sinne in mir\nund Nacht verschlang den Sinn. In meiner Ohn-\nmacht hinstürzend, dem Bösen gräßlich fluchend,\nrief ich von Neuem den Qott, der da ins Chaos den\nSinn gepflanzt, derweilen er rief: „Es werde\nLicht!\"\nIngrimmig knisternd verlosch der letzte\nStumpf der Fackel, fiel dumpf aus dem eisernen\nRing auf den Boden herab. Daß der stickige Rauch\nsich verzöge, stiess ich das Fenster auf. Er-\nquicklich wehte die feuchte Nachtluft ins Verließ.\nDer Gefangene schauerte auf, atmete die reine\nKühle ein, die war, als käme sie nicht aus dieser\nWelt. Und schwieg lange, derweilen der wehende\nWind über mich glitt, gleich einem Strom klaren,\nsanften Gewässers.\nDa erhob sich die Stimme des Gefangenen\nwieder, leise und zögernd, gleichsam die Ver-\ngangenheit aus dem Gedächtnis rückholend, daß sie\nein Gegenwärtiges werde:\n„Seltsam gefügte Kette der Stunden! —\nWandelt Euch jetzo zurück, auf daß diese letzten\ndurch die Erinnerung zu jenen ersten werden, in\ndenen ich zum Mann ward! — Mondlicht war im\nGemach, gedämpft durch buntfarbige, kreisrunde\nScheiben, Frühling über dem bräutlichen Lager,\ndarauf noch kein Körper geruht. Rot schimmerte\ndie Ampel. Zur Nacht gekleidet in wallendes Ge-\nwand blaßleuchtender Seide, so geleiteten die\nMägde die Braut zur Blumenpforte des Gelasses.\nFast noch Kinder, eins geängstet vor dem andern\nin seiner Keuschheit, scheu, neugierig und zu-\ntraulich zugleich, standen wir, Mann und Weib.\nSprachen beide erst kein Wort, klopften unsre\nHerzen gar beklommen. Bis daß ich, um zu reden,\nfragte, ob sie es liebe, bei offnem Fenster zu\nschlafen. Die Luft täte gar wohl dem Schlum-\nmernden und scheuche böse Träume. Auch wärs\nlustig, früh vom Lärmen der Vögel draußen sich\nwecken lassen. Stiegen wir also die Stufen in den\nErker hinauf, standen daselbst dicht beieinander,\nden Duft des Frühlings auf uns. Erzählte ich von\nmeinen großen Taten auf der Jagd. Später dann,\nwie ad exemplum meiner Kraft, hob ich sie empor,\ntrug sie zur Ampel, daß sie in Angst aufschrie, sich\nzu verbrennen. Ueberschüttete mich ihr Haar und\ndeckte mein Gesicht. Brachte sie jetzt aufs\nLager, mutig und sehr verwirrt zugleich. Da riß\nder Gürtel, als sie sich kratzend rächen gewollt.\nStritten und balgten uns, durch Nähe und Be-\nrührung der Körper erregt. Nach unerfahrener\nNacht, Getändel, hitziger Wirrnis, Halbschlaf, im\nersten Morgengrauen, als vereinzelt Vogelgetriller\ndas Licht des Tages rief, da plötzlich, von Unent-\nrinnbarem geleitet, in blinder Wucht, unter\nwütenden Küssen, ward sie mein. Achtete der\nSchreie nicht im besinnungslosen Kampf, nicht\nmeiner selbst.\nJetzo aber, kaum mir wiedergegeben, liegt\ndicht vor mir ihr totenblasses Gesicht, das\nbrechende Auge, jäher Atem keucht über halb-\ngeöffnete Lippen, krampfhaftes Zucken schüttelt\nden Körper, der mich umklammert hält. Erschreckt\nreiß ich mich aus der Umarmung. Und starr auf\nBlut. Aus offner Wunde ihres Leibes rieselt Blut\nund auch an mir selbst ist Blut. Da peitscht es\nmich fort. In die Kleider hetze ich mich, stürme\ndurch die Tür, rufe die Mägde aus der Kammer\nwach und stürze drauf gradwegs über den Burg-\nhof zum Stall. Dem schlaftrunknen Knecht ein\nStoß zur Seite, das Sattelzeug über das stampfende\nRoß, und fort gehts barhäuptig, die Zugbrücke\nüberpolternd, hinab ins Tal. Nicht rückschauend\nnach dem Schloß Machecoul, gleich einem Mörder,\nso floh ich vor mir selbst im ersten Strahl der\nFrühsonne.\n\nSchluss In Nummer 5\n\nKarl Lueger\nVon Robert Scheu\nEr mußte irgend einmal geboren werden und\ner wurde geboren, der Mann, der das Wesen der\nWiener zur künstlerisch vollkommenen Erschei-\nnung verdichtete. Er war nach ihrem Herzen, wie\nwohl keiner zuvor, und wohl keiner nach ihm sein\nwird, in ihm erkannten sie sich wieder, die Kleinen\nund die Großen. Der Wiener ist derjenige Men-\nschentypus, der die Forderung nach Gemütlichkeit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.5", "texte": "bis zur äußersten Konsequenz ausgestaltet hat.\nJedes Ding, jeder Mensch, jedes Ereignis soll au-\nßerdem, was es sonst ist, auch noch überdies ge-\nmütlich sein. So verlangt es der kategorische Im-\nperativ von Wien. Der Wiener anerkennt nicht, daß\nes auch rein praktische, nüchterne Dinge, daß es\ngrausame Konstellationen gibt, daß ein Konflikt\nMenschen von Menschen, Klasse von Klasse reißt,\ner will nicht die Kante, den Bruch, die scharfe Flä-\nche, er will keine Tragödie. Alles und jedes Ding\nsoll und muß irgendwie zum Gefühl sprechen, auch\ndie trockenste Zweckhandlung soll in einem ge-\nfälligen Rahmen erscheinen, alles soll irgendwie\nleicht gemacht werden, selbst die Mathematik und\nder Tod sollen im Feuilletonstil auftreten.\nDer entzückt sie, der ihnen beweist, daß\nkeine Materie so spröde, so ernst, so hanebüchen\nist, daß sie nicht „leger\" erledigt werden könnte.\nNirgends auf der Welt ist die Abstraktion so ver-\nhaßt, nirgends sind strikte Abmachungen so anti-\npathisch, nirgends sind Programme so verachtet.\nWenn nun ein tatkräftiger Mann solide Arbeit so\nhervorbringt, daß ihre rauhe Seite gar nicht fühlbar\nwird, wenn er reale Leistungen mit Spaß guirlan-\ndiert, dann ist er ein Held und Abgott. Die Sache,\njewede Sache soll nur der Anlaß, das notwendige\nUebel sein, um eine Gefühlssentaion auszulösen und\netwas Persönliches zur Erscheinung zu bringen.\nDie Gemütlichkeit hat eine Schwester, die Aus-\ngelassenheit. Ausgelassenheit ist die zum Selbst-\nzweck erhobene exzessive Erholung. Der Oester-\nreicher erholt sich gern, er erholt sich nach großen,\naber auch nach kleinen Leistungen, manchmal\nsogar vor künftigen Leistungen. Arbeit in Form\nvon Erholung, das ist des Wieners seligster Traum.\nDas hat ihm Lueger geboten, und weil er dabei\nsogar etwas Reales zuwege gebracht hat und ein\ngroßer Administrator war, so ist jetzt den Wienern\nder Beweis geliefert, daß es also doch geht, daß\nman auch fidel ans Ziel kommen kann. Sein Evan-\ngelium ist nunmehr bewiesen.\nWovon erholt sich der Wiener jahraus, jahrein?\nIch denke, von der psycho-physischen Arbeit der\nRassen- und Völkermischung. Völkerverdauungs-\nmüdigkeit. Vielleicht erholt er sich auch von einem\nihm aufgezwungenen Liberalismus, vom großstäd-\ntischen Industrialismus, von den Komplikationen\ndes modernen Verkehrs? Wien ist und bleibt noch\neinige Zeit die Stadt der kleinen Gewerbe, der be-\nquemen Sinekuren, der Herrschaftsdiener und Fi-\naker. Halber Süden. Das exakte Denken der mo-\ndernen Volkswirtschaft will nicht in Fleisch und\nBlut übergehen. Eine Zeit lang war die Masse\nliberal, aber es war eine fremde Tracht, ein steifes\n* Kleid, der Tag mußte kommen, wo die falsche\nMaske abgeworfen wurde. Lueger war der Be-\nfreier, der dem Volk erlaubte, sich so zu geben, wie\nes ist, ohne sich zu genieren. Dafür unendlicher\nheißer Dank.\nMan hat ihm vorgeworfen, daß er seine Gesin-\nnung unzählige Male geändert habe. Aber im Kar-\ndinalpunkt bewahrte er die Treue. Er hat sich\nvon der sogenannten demokratischen Partei ge-\ntrennt, aber nur, um auf einem andern Wege die\nDemokratie erst recht zum Siege zu führen. Die\nDemokratie eines Landes ist soviel wert, wie das\nVolk des betreffenden Landes. Er hat schließlich\ndoch den Mittelstand, den Kleingewerbler zum\nHerren von Oesterreich gemacht. Das hat er von\nAnfang an gewollt. Das hat er auch durchgeführt.\nEmporgekommen, bewahrte er diese Gesinnung,\nschraubte sich nie zu etwas anderm hinauf. Er\nschraubte sich nie zu etwas anderem hinauf. Das\nSchönste am Wiener ist die leidenschaftliche Ab-\nneigung gegen jedwede Pose. So war auch Lueger.\nEr gab sich immer natürlich, allzu natürlich. Er\nlegte der Wissenschaft, der Bureaukratie, der\nPresse, dem Hofe das Joch seines Volkes auf,\nEr genoß seinen persönlichsten Triumph, wenn er in\njeder Versammlung, war es nun die Akademie der\nWissenschaften, das Parlament oder eine Schiller-\nfeier — immer und überall die eine Sprache re-\ndete, wie sie das Volk hören wollte und verstand.\nIst das nicht echt demokratische Gesinnung?\nImmer wieder erneuerte er seinen Sieg über die\nexakte Form, über die logischen Forderungen, über\ndie Gesellschafts- und Klassengliederung. Immer\nwieder führte er in Ausdrucksweise und Taten den\nBeweis, daß die inkarnierte Volkspersönlichkeit,\nohne Zuhilfenahme von Prinzipien alle diese Dinge\nebensogut treffe, und besser. Er spielte immer\nwieder den Menschen gegen die Politik, gegen\ndie Struktur der Gesellschaft aus. Daß es ihm\ngelang, ist wunderbar und gibt zu denken. Die\nSozialdemokratie verhöhnte seine Partei wegen\nihres bunten Gefüges, wegen der Verknäuelung\nder widersprechendsten Interessen. Aber daß es\nglückte, diesen bunten Haufen zusammenzuhalten\nund als geschlossene Macht zu politischen Zielen\nzu führen, das war ja Luegers höchster Triumph,\ndas wars ja, was er beweisen wollte. Nun ist er\ntot, und wenn die Partei wirklich ihren Schöpfer\nnicht überleben sollte, so wäre dies ein Beweis\nmehr für die These seines Lebens: Wien ist ein\nWesen für sich, allen Abtraktionen überlegen, und\nLueger seine Offenbarung. — Seine Persönlichkeit\nbezeichnet übrigens die Grenze zwischen Wien und\nOesterreich. Das Reich zu repräsentieren, war ihm\nversagt. Er war Stadtmann, nicht Staatsmann.\n\nBerliner Zukunftsopern\nVon Wilhelm Altmann\nDas rapide Wachsen Berlins in den letzten\ndreißig Jahren, die Tatsache, daß die Zweimillionen-\nstadt an Vergnügungssucht selbst London und\nParis überflügelt, scheint in gewissen Kreisen eine\nArt Größenwahn hervorgerufen zu haben. Man\nglaubt, die Zahl der Theater noch immer ver-\nmehren zu müssen, obwohl die meisten nur mit\nHilfe von sogenannten „Vereinsbillets\" notdürftig\ngefüllt werden. An Opernhäusern war freilich bis-\nher kein Ueberfluß.\nLange Zeit hat das Königliche Opernhaus allein\ndominiert; auch jetzt ist es noch in der glücklichen\nLage durch das ihm allein zustehende Aufführungs-\nrecht der Wagnerschen Werke (um nur diese anzu-\nführen) volle Häuser zu erzielen und anderen\nOpernbühnen dadurch die Lebenskraft zu unter-\nbinden.\nDies wird sich allerdings mit dem ersten\nJanuar 1914 ändern, da, trotz aller Bestrebungen,\ndie bisherige Schutzfrist von dreißig Jahren auf\nfünfzig zu erhöhen, an eine Aenderung der Gesetz-\ngebung von den ausschlaggebenden Faktoren nicht\ngedacht wird. Wenn neuerdings die Gründung von\nOpernhäusern betrieben wird, so geschieht es ganz\noffenbar in der Hoffnung, die Wagnerschen Werke\nbald ausschlachten zu können. Alle bösen Er-\nfahrungen, die bisher mit Operngründungen gemacht\nwurden, scheinen nicht abschreckend zu wirken.\nMan denke an jene früheren Versuche, dem\nKöniglichen Opernhaus Konkurrenz zu machen.\nRecht aussichtsvoll begann die Oper im Theater\ndes Westens im Jahre 1898. Trotz mancher\nguten Leistungen, trotz mancher wirkungsvollen\nneuen Werke blieb das Publikum zu oft aus. Mehr-\nfacher Direktorenwechsel wurde nötig. Unter\nAlois Prasch, der ohne genügende Geldmittel das\nTheater übernommen hatte und zudem nicht zu\nwirtschaften verstand, kam es zur Katastrophe;\nein kurzes Direktorat seines gar zu optimistischen\nNachfolgers überlieferte das schöne Haus im Jahre\n1908 endgiltig der Operette.\nVerheißungsvoll erschien auch die Gründung\ndes National-Theaters im Jahre 1905.\nAllein der Direktor wurde von Unglücksfällen fort-\nwährend heimgesucht, auch mißfiel das recht\nabseits liegende stallähnliche Haus. Nach einer\nSpielzeit waren die Mittel aufgebraucht und das Ge-\nbäude, in dem unter anderen eine recht gute\nFidelio-Aufführung stattgefunden hatte, wurde in\nein Variete umgewandelt.\nErst Herrn Gregor war es vorbehalten, in\nseiner im November 1906 eröffneten Komischen\nO p e r ein würdiges zweites Opernunternehmen zu\nschaffen und fortzuführen. Aber auch er hat mit\nvielen Schwierigkeiten, vor allem im Repertoir, zu\nkämpfen; selbst die größten künstlerischen Er-\nfolge zogen nicht immer das Publikum heran. Es\nstößt sich zum Teil an den hohen Eintrittspreisen,\ndie durch den kolossalen künstlerischen Apparat\nund die Kleinheit des Hauses bedingt sind. Leider\nwird Berlin in zwei Jahren Herrn Gregor verlieren,\nder zum Intendanten der vereinigten Stadttheater\nin Frankfurt am Main ausersehen ist. Dort stehen\nihm fast unbeschränkte Mittel zur Verfügung, um\ngroßartige künstlerische Pläne durchführen zu\nkönnen. Mit seinem Scheiden dürfte die Komische\nOper wohl zur Operettenbühne herabsinken.\nWenn von einer finanzkräftigen Gruppe allen\nErnstes daran gegangen wird, am Kurfürstendamm\neine „Große Oper\" im Herbst 1911 zu eröffnen,\nso hätte meines Erachtens nichts näher gelegen, als\nzum Leiter Herrn Gregor zu berufen, dessen Insze-\nnierungskunst vorbildlich gewirkt hat. Statt dessen\nwählte man unter vierundzwanzig Bewerbern\nHerrn Angelo N e u m a n n. Er ist sicher einer\nder fähigsten Opernleiter und ein gewiegter Ge-\nschäftsmann, dessen Name in die Geschichte der\nOper eingetragen ist. Ich kann ihm den Schmerz\nnachfühlen, daß er sich nach seinen Triumphzügen\nmit dem reisenden Richard Wagner-\nTheater mit der Leitung der Opern in Bremen\nund später in Prag begnügen mußte. Aber Angelo\nNeumann ist in letzter Zeit oft und schwer krank\ngewesen und wird, wenn er seinen hiesigen Amts-\nantritt überhaupt noch erlebt, gerade das drei-\nundsiebzigste Lebensjahr vollendet haben. Ein\nAlter, in dem er kaum imstande sein wird, sich auf\ndem ihm fremden Berliner Terrain zurechtzufinden\nund ein neues Unternehmen ruhmvoll zu in-\naugurieren. In Prag soll er ständig alles im alten\nOpernschlendrian gehen lassen. Es soll ihm hier in\nBerlin ein Gehalt von 60 000 Mark sowie Tan-\ntieme ausgesetzt sein. Daß diese überhaupt er-\nzielt werden können, ist ziemlich ausgeschlossen.\nMit welchem horrenden Zuschuß arbeitet das\nKönigliche Opernhaus! Auch bei der „Großen\nOper\", die in erster Linie wohl der Bauspekulation\nihr Leben verdankt, dürften die Unterhaltungs-\nkosten nicht viel geringer ausfallen als beim\nKöniglichen Opernhaus, vorausgesetzt daß diesem\nwirklich ernstlich Konkurrenz gemacht werden soll.\nAuch können die Eintrittsgelder dann nicht\nwesentlich billiger angesetzt v/erden. Es liest sich\nja schön auf dem Papier, daß in der „Großen Oper\"\nfünfundzwanzighundert Personen Platz finden\nsollen, allein es gehört ein riesiger Optimismus dazu,\nauch nur zu glauben, daß täglich die Hälfte nach\njener von dem Verkehrszentrum recht entfernten\nGegend hinauswandern wird. Sehr bedenklich\nerscheint die Bezeichnung „Große Oper\". Soll\netwa auch jene „große Oper\" der Meyerbeer und\nGenossen gepflegt werden, die, wie wir meinten,\nRichard Wagner doch endgültig erledigt hat.\nWie leichtgläubig waren jene Leute, die\nglaubten, von Jahresbeiträgen zu vier Mark eine\nneue Oper gründen und unterhalten zu können.\nDieser sogenannte „Große Opernverein\" sollte der\nHandlanger einer Aktien-Gesellschaft werden, die\nein Richard Wagner-Theater erbauen\nwill. Es soll auch „gesichert\" sein, wenigstens\nlas man in den Zeitungen, daß Hermann Gura\nseine Hamburger Stellung aufgibt, um Direktor des\nRichard Wagner-Theaters zu werden. Ob er der\nrichtige Mann dafür ist, kann nach seinen recht an-\nfechtbaren Experimenten des letzten Sommers in\ndem von ihm gepachteten Neuen Königlichen\nOperntheater zweifelhaft sein. Die Aufführungen\nwaren meist nicht die in Aussicht gestellten Muster-\nvorstellungen nach Münchener oder gar nach\nBayreuther Art. Regie, Orchester und Chor, sowie\ndie Besetzung der kleinen Rollen ließen oft zu\nwünschen. Die exorbitant hohen Preise standen\n•»\njedenfalls in keinem Verhältnis zu dem Gebotenen.\nImmerhin hat Herr Gura in diesem Sommer an der-\nselben Stelle Gelegenheit, die Scharten des Vor-\njahres auszuwetzen. Wie ich höre, soll er sich\nneuerdings bemühen, ohne Anschluß an jene Aktien-\nGesellschaft eine neue Gesellschaft für ein auf\nvolkstümlicher Grundlage am Schiffbauerdamm zu\ngründendes Richard Wagner-Theater zusammen-\nzubringen, während jene Aktien-Gesellschaft mit\nHerrn Gregeor, wohl aber vergeblich, in Unter-\nhandlungen getreten ist. Wir hätten demnach außer\nder Großen Oper sogar zwei Richard Wagner-\nTheater zu erwarten.\nNicht ohne Bedeutung für das Berliner Musik-\nleben ist die im alten Belle-Alliance-Theater be-\nfindliche Volksoper, die Fortsetzung der\nLortzing-Oper. Der Direktor Doktor A 1 112 i e r i ver-\nsteht offenbar weit mehr als sein Vorgänger und\nbesitzt auch künstlerischen Ehrgeiz. Er nimmt sich\nneuer Werke an und hat namentlich durch die Auf-\nführung der „Cleopatra\" von August Enna sein In-\nstitut zu Ehren gebracht. Wenn es ihm wirklich\ngelingt, das durchaus nötige neue Haus zu bauen,\njenen „Großen Opernverein\" zu beleben und seinen\nZwecken dienstbar zu machen, dann erhalten wir\ndurch ihn vielleicht eine in gewissem Sinne ideale\nVolksoper, für die Publikum reichlich vorhanden ist.\nAn eine Konkurrenz mit den großen alten und neuen\nOpernbühnen darf er natürlich nie denken.\nWir können abwarten, was die „Große Oper\"\nund die „Richard Wagner-Theater\" bieten werden.\nIn der Hauptsache sicher eine Ausschlachtung der\nWerke Wagners, die auch bei mangelhafter Aus-\nführung ein großes Publikum anlocken. Was fehlt,\nwas auch das gegen ausländische Komponisten viel"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.6", "texte": "zu liebenswürdige Königliche Opernhaus nicht\nbietet, ein Institut, das planmäßig Opern der\nlebenden deutschen Tondichter aufführt, „die\ndeutsche Oper\", das werden jene Neugrün-\ndungen nicht sein, die lediglich aus reinen geschäft-\nlichen Gründen erfolgen.\nMöchten sich doch einmal Mäcene finden, die\nuns diese „Deutsche Oper\" schenkten und sie so\nversorgten, daß sie unbekümmert um den Zuspruch\ndes Publikums neuen Talenten ihre Pforten öffnen\nkann.\n\nHöfliches Bekenntnis\nStefan Wronski\nHans Jäger, der Verfasser der „Christiania-\nBoheme\", ist kürzlich gestorben. Die Feuilleton-\nBureaukraten haben ihm ein paar lexikographische\nSätze nachgestammelt. Sie wußten nichts von der\naufreizenden Analyse dieses Boheme-Romans, des\nbesten, der je geschrieben worden ist. Als neulich\nder gute Alkohol-Dilettant Bierbaum das Zeit-\nschriftliche segnete, da traten die Feuilletons aus\nihren Spalten vor Tränenjauche all der Schmierer,\ndie sich gar zu jählings verlassen fühlten. Ihr Evan-\ngelium war der „Stilpe\" gewesen, dies bohemische\nKochbuch, dieser kandierte Totentanz, diese Be-\ntrunkenheit aus der Wurzener Gosen-Perspektive.\nEs war genau das Buch, das, wild geworden, der\nSohn der „Waldschänke\" zu Connewitz bei Leip-\nzig schreiben mußte. Daß Bierbaums Bedeutung\nim Sozialen gelegen hatte, in der Arbeitgeberrolle,\ndie er als Herausgeber des „Pan\" und der „Insel\"\ngespielt, das notierte keine jener skrophulösen Zei-\nlenschindmähren . . . Wir aber wollen wenigstens\nbekennen, wie wir diesen H. Jäger geliebt haben;\nihn, den norwegischen Parlamentsstenographen,\nden sein Buch um den idiotischen Erwerb brachte;\nden ehrlichsten aller Dekadents; ihn, der uns im\nregenfeuchten, geheimnisbergenden Radmantel vor\nAugen steht, wie ihn Münch gemalt, im Cafe, beim\nAbsynth . . . Hübsch ist's auch, an jene Szene der\n„Christiania-Boheme\" zu erinnern, darin Björn-\nstjörne Björnson, der Großmeister zeitgemäßer Fen-\nchel-Honig-Phraseologie, sich so namenlos peinlich\nbenimmt. Der Held des Romans, in schlimmsten\nsexuellen Nöten, geht zu Björnson. Von diesem\nskandinavischen Beicht- und Altvater erhofft er\nRat. Und Björnson, ängstlich, bürgerlich, dennoch\nprall-würdig um derf Schein der Freigeistigkeit\nbemüht, weiß dem Armen kaum ein einziges arm-\nseliges, menschliches Wort zu sagen. Eine bour-\ngeoise Gänsehaut breitet sich hier aus. Seitdem\nJäger diese Seiten schrieb, ist Björnson für die Bo-\nhemes tot (für die Bohemes, über die heute jedes\nsumpfige Normalhirn ein paar verächtliche Cliches\nparat liegen hat; über die jenen Blödianern das ge-\nringste zu verraten nicht lohnt; die aber in zeitlose\nHeiterkeit fallen, so oft einer jener Wische ihren\nBlick passiert).\n\nDer rote Dalai Lama\nR. R.\nDer Qalai Lama ist aus Tibet vor den Chine-\nsen geflohen; er ist nach Kalkutta gegangen. Als\ner um Hilfe bat, haben ihm die Engländer zwar\nnicht sein Land, aber unumschränkte Gewalt über\nalle Tapetenmuster gegeben; er darf jetzt in einem\ngelben Hause wohnen und soviel Gebetmühlen\ndrehen lassen, wie nur ein Esel treiben kann. —\nDas niedere preußische Volk wandert, aus dem\nHause seiner Wahl Vertretung vertrieben, auf dem\nWege der Sozis; es darf in einem roten Hause woh-\nnen und soviel Versammlungen abhalten, soviel\nblutige Fahnen schwenken, wie die farbenblinde\nLuft verträgt; es darf auch in den Tiergarten spa-\nzieren, sich heiser schreien und blutige Köpfe\nholen. Aber nach Tibet, nach Tibet wird es nicht\nziehen. Denn der echte Deutsche kommt immer,\nwenn er nach Tibet will, durch die Stadt Hornberg.\n\nZirkuspantomime\nAlfred Döblin\nAuch ich war zu „Marja\". Es ist ein wahrhaft\ninteressantes Stück. Als darin nämlich ein Fürst\neine unbemittelte Jungfrau in edelster Absicht an\nsich pressen will, hält auch sie seine körperliche\nUntersuchung für opportun und prüft die Klopfemp-\nEndlichkeit seines Schädels mit einem Säbel. Was\nder Säbel krumm nahm, den Fürsten aber be-\nstimmte, seine große Mütze aufzusetzen und Tän-\nzerinnen kommen zu lassen. Diese vertraten den\nGrundsatz: „Jeder seine eigene Qroßmama\"; nach\nGenerationen konzentrisch geordnet, besangen sie\nihn mit dem Liede: „Schnürsenkel,. Urenkel, Hen-\nkell-Trocken und Rindfleisch in einem Zirkus bei-\nsammen sind, oh Fürst'4. Ihr Busen imitierte patrio-\ntisch das heimatliche Flachland, doch hob er sich\nzuweilen gummigekräftigt, wie eine Blähung von\nHarden. Sie trugen Stulpenstiefel aus demselben\nLeder, aus dem Bab seine Aufsätze für ein Theater-\nblättchen schneidet. Aus Mangel an Anklang in\nEuropa zogen sie gemeinsam nach Sibirien, wo sie\naber unter ihren Armbändern, die an die Beine ver-\nrutscht waren, und unter dem Berliner Lokal-An-\nzeiger, welcher in Schnipseln regnete, sehr zu lei-\nden hatten. Da die Herrschaften, von dem langen\nWege beschmutzt, nicht freiwillig baden wollten,\nso entschloß sich die Regierung zu einem Gewalt-\nstreich. Nach Absperrung des Treptower Parkes\nließ sie das Publikum „Stille Nacht, heilige Nacht\"\nsingen, drängte es dann unversehens auf eine rasch\naufgebaute Rutschbahn, und, dem Trieb gehor-\nchend, nicht der eigenen Not, flogen sie hinab, nach-\ndem sie rasch mit sechs Eisbären ein Schutz- und\nRutschbündnis, eine Art Eis-Block, abgeschlossen\nhatten. Das Eis der Eisbären schmolz aber in der\nWärme des Bades, die Bären liefen weg, und so\nwar das Volk wieder mal allein. Entrüstet sang es\ndie zweite Strophe von „Stille Nacht, heilige Nacht\".\nBegeistert fiel die Polizei mit Säbelhieben ein, und\nso hatten wir Berliner wieder einen genußreichen\nTag in Sibirien verlebt.\n\nNeue Bücher\nVon Rudolf Kurtz\nDer Insel-Verlag in Leipzig hat ein „Hesperus\nJahrbuch\" herausgegeben, das aus unveröffentlich-\nten Arbeiten von Hofmannsthal, Rudolf Borchardt\nund Rudolf Alexander Schröder zusammengestellt\nist. Homer, Euripides, Pindar und Dante werden\nin einer neuen deutschen Form geboten, Verse von\nSchröder und Borchardt, ein Essay von diesem\nüber Stefan George schließen sich an. Dieser\nEssay ist ein Beginn, der mit bedeutender Haltung\nund gelehrter Pedanterie zugleich versucht, die\ngewaltige, fruchtbare Erscheinung des zeitgenössi-\nschen Lyrikers, in die deutsche Entwicklung einzu-\nreihen, der versucht, in dem beherrschten Pathos\neines männlichen, sich seiner Nation verantwort-\nlich fühlenden Geistes die im tiefsten Sinne gesell-\nschaftliche Bedeutung des willig Vereinsamten dar-\nzustellen. Die Architektur dieser Prosa scheint mir\ndas Bedeutendste zu sein, was seit Jacob Grimms\n„Kleinen Schriften\" in ähnlichem Tonfall in Deutsch-\nland publiziert worden ist. Und der gleiche Schrift-\nsteller reicht in seiner „Ode mit dem Granatapfel\"\neinem Unterirdischen mit so unsäglich verdeut-\nlichender Gebärde die Hand, so unwirkliche, einer\ntiefen Wiedererinnerung sich entringenden Töne\nquellen hervor: daß man bestürzt auf eine neue\nFeinheit des Hörens sich einstellt. Ich schweige\nvon dem Euripides Hofmannsthal, ich schweige\nauch von Schröders Fragment einer Homerüber-\ntragung für das Erste. Aber die Tatsache, daß der\nName Rudolf Borchardt in diese sichtbare Form\ngestellt wird, der abseits nur einem Gespräch (iber\nphilologische Gegenstände (das mehr benutzt als\ngenannt wurde), einer Rede über einen Dichter, einem\ndünnen Versbuch unterzeichnet war, verleiht dem\nHesperus Jahrbuch eine Bedeutung, die es aus den\ngewöhnlichen Erscheinungen weit heraushebt. Sein\nBesitz gehört zu den Verpachtungen der Bücher-\nleser, die ein Interesse an der Literatur vorgeben.\nEine andere Neuausgabe des Insel-Verlags\nsind die „Nachtwachen des Bonaventura\", deren\nVerfasser — seit Jahren ein beliebtes Streitobjekt\ngelehrter Detektivlust — nunmehr in einem ganz\nganz Abseitigen von Heines nie begriffenen Lob\nsekundenlang belichteten Zigeuner von Franz\nSchulz entdeckt worden ist Die spöttischen, von\nbunten Lichtern, Alkoholdunst und grinsendem\nWahnsinn zärtlich umkreisten Träume des peripa-\nthetischen Nachtwächters, in denen Haß und selbst-\nironische Vergeistigung zu einem geschwinden\nRankenspiel sich kräuselt, sind in dieser schönen,\nwohltuend gedruckten Ausgabe jedem Freunde\nspätromantischer Künste zu empfehlen.\n„Mercks Schriften und Briefe\" von\nKurt Wolff ausgewählt, zeichnen das Profil eines\nglatten, sorgfältig auf seine Haltung bedachten\nHöflings, dessen vielstimmige Flöte Echo zu jeder\nFrage gibt. Und unter dieser spiegelnden Gewandt-\nheit die Bitterkeit des Bewußtseins einer ruinierten\nExistenz — ein Bewußtsein, das sich in dem bösen\nDrang zu desillusionieren Ausdruck schafft. Die\nhausbackene Klugheit des Schriftstellers entspricht\ndem Bild eines treuen Familienhauptes, das wir in\ndieser Zeit von jedem Gatten zu erwarten haben.\nAlles Sonderliche einer von vielen Magneten abge-\nlenkten Existenz flüchtet sich in das essentielle\nLeben halb vertraulicher, halb für die Leser ge-\nschriebener Briefe — und gern erleben wir Wie-\nlands begeisterte Freundschaft, Goethes stürmi-\nsche Hingabe. Die Gelegenheit, Goethe in seiner\nreichsten, strahlendsten Zeit in unmittelbarer\nFrische sich Ausdruck geben zu sehen; Wielands\nbedachtsame Bereitwilligkeit in den hellen Farben\neiner innigen Freundschaft lebhafter rinnen zu\nsehen, die Klugheit des angenehmsten Lebensphilo-\nsophen ohne die gezierte Ueberlegenheit seiner ge-\ndruckten Lebensweisheit spielend sich ergießen zu\nfühlen — wer wäre ein Freund jener Zeit, der an\ndieser Merck-Auswahl vorüberginge.\nIm Verlag Albert Langen München ist Rabe-\nlais Gargantua erschienen. Die billige Rabelais-\nAusgabe von Gelbcke leidet an mancher steifen Pe-\ndanterie, an einer zu ängstlichen Nähe des Origi-\nnals, die dieser derben, kraftvoll berstenden Sprache\neine gewisse matte Gedämpftheit, die lautlose Stille\nder Grammatikstunde gab. Regis' gelehrtenhaft\nkünstelnde, archaistisch in tauben Spielereien er-\nstarrte Verdeutschung ist nur in einer Luxusaus-\ngabe zu haben. Jetzt können wir die heitere Weis-\nheit des Pfarrers von Meudon, die brutal laute\nAtmosphäre betrunkener Tischgespräche, die doch\neiner innigen Menschlichkeit voll sind, in dieser\nfreien Umdichtung von Dr. Owlglaß und Engelbert\nHegaur hören. Fröhlich hat man auf philologische\nKünste verzichtet, genießerischer Takt bildet nach,\nwas eben heiter an Rabelais empfunden wurde, der\nnun __ als ein Standbild — nach Stunden guter Hin-\ngabe an pantagruelische und panurgische Humore\nvor unseren Augen sich erhebt: roh und mensch-\nlich, derb und kühn, ein weiser Mönch und lachen-\nder Bacchusdiener. Und nicht geringeres Lob ver-\ndient Hegaurs Erneuerung des Simplizissimus, die\nmit kennerischer Schonung den Tonfall des renche-\nner Schultheiß um eine Nuance dem modernen\nSchriftdeutsch annähert, ohne die innig hingegebene\nNaivität, die Weltfremdheit und Glaubenstreue\nSimplizii zu zerstören. Wenn es eine Aufgabe war\n— es ist eine — dem deutschen Volk eines seiner\nherrlichsten Güter zugänglich zu machen, so ist sie\ngelöst; und es bleibt nur übrig, das Wagnis des\nVerlags anzuerkennen, ein so umfangreiches Buch\nin würdiger Form für geringes Geld herauszugeben.\n\nBeachtenswerte Bücher und Tonwerke\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Fall statt\nMAX BROD: Ein tschechisches Dienstmädchen\nVerlag Axel Juncker, Berlin\nJAKOB MICHAEL REINHOLD LENZ: Dramen/Band I\nder Neuausgabe der gesammelten Werke\nVerlag Paul Cassirer, Berlin\nBRJUSSOFF, VALERIUS: Erduntergang\nVerlag Hans von Weber, München\nCLAUDEL PAUL: Mittagswende / Drama\nVerlag Hans von Weber, München\nHEINRICH MANN: Die kleine Stadt/Roman\nLeipzig Inselverlag\nSHAKESPEARE IN DEUTSCHER SPRACHE / Heraus-\ngeben und zum Teil übersetzt von Friedrich Gun-\ndolf/ Gesamte Ausstattung von MelchiorLechter\nErster Band: Die Römerdramen\nPETER BAUM: Im alten Schloss/Novellen\nBerlin Verlag Paul Cassirer\nELSE LASKER-SCHÜLER: Die Wupper/Drama\nBerlin Verlag Erich Oesterheld & Co.\nGegen Ende des Monats erscheint die drei-\nhundertste Nummer der Zeitschrift Die Fackel, Her-\nausgeber Karl Kraus. Das Werk des kühnen Mannes\nund großen Wortkünstlers wird noch immer in Deutsch-\nland nicht genügend gewürdigt. Es sei daher an dieser\nStelle nachdrücklich und eindringlich auf die Fackel\nhingewiesen.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100324-01.1.7", "texte": "Auslieferung ffir Österreich-Ungarn M. Brannschweig Wien IX / Verantwortlich fßr die Schriftleitung in Österreich-Ungarn: Otto Soyka\n\nMalschulen\nStudien-Atelier\nBerlin W. 30, Habsburgerstr. 11\nAkt-Kopf-Kostum :: Zeichnen ::\nMalen :: Modellieren Stilleben\n:: (Composition :: Abendakt ::\nAb Juli Akt, Landschaft an der See\nProspekt durch MoritzMelzer\nMalschule\nMiiller=Schoenefeld\nAtelier Charlottenburg' 111\nSchillerstr. 3\nVormittag: Portrat u. Kostiim-\nmodell\nAbend: Dauerakt\nAtelier Berlin W / Liitzowstr. 82\nVormittag: Akt\nNachmittag: Portrat\nAbend: Skizzieriibungen nach\ndem Akt\n(2 Stunden 50 Pfg.)\nAnfragen nach Schillerstr. 3\nBerlin W. 35 / Potsdamerstr. 121 a\nAtelier\nClara Elisabeth Fischer\n:: MALEN :: ZEICHNEN ::\nNeu seit I. November\nPlakatkunst :: Graphik :: Eintritt\njederzeit :: Naheres Prospekte\nHANS BALUSCHEK\nMaler\nSchul atelier fiir Damen ::\nBERLIN W., Lutxow-Strasse 82\nAtelierhaus, linker Aufgang\nProspekte Brief-Adresse:\nSchbneberg • Berlin, Vorberfl - Strasse 15\nSchulefurgraphische Kunst\nPotsdamer Strasse\nPrivatstrasse 121 G\nMALSCHULE\nSystem L.v. Kunowski\nAKT / KOPF / STILLEBEN\nHeinrich Richter\nEisenacher Strasse 103\nSprechstunden111 Uhr\n\nDEUTSCHE SMYRNA-TEPPICHE\nhandgeknupft und mech. gewebt, fertigt in EINZEL-FABRIKATION auch nach besond. Kiinstler-Entwiirfen\nVEREINIGTE SMYRNATEPPICH-FABRIKEN!:\n........ (ZENTRALE: BERLIN C 2, BURG-STRASSE 24) in ihren Fabriken\n[ ISCHMIEDEBERG i. R. - COTTBUS ■ HANNOVER-LINDEN S\n■ ■ B ■\n■■■■■■■■ aus selbstgesponnenen reinen Garnen, in luft- und lichtechtesten Farben !■■■■■■■\nMechanisch gewebte hochflorige Smyrna-Teppiche\n:: :: :: :: :: :: nahtlose Breite bis zu 6 Meter bei beliebiger Lange und Farbenstellung :: :: :: :: :: ::\nKNOPFTEPPICHE Haargarn-Lauferstoffe\nIN JEDER STILART, FORM U. FARBENSTELLUNG :: :: :: :: bis zu 1,30 Meter breit :: :: :: ::\nNEUHEIT! Deutsch-orientalischer Knupfteppich „IRAN\" D. R.-Patent\nBesonders dichte, niedrig* florige Qualitat ECHTFARBIG AUS BESTEM KAMMGARN\n\nMalutensilien\nMai- und Zeichenbedarf\nW. & J. 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Der Sturm, Homeyer, Berlln-Halensee / Druck von Siegfried Seeger, Berlin S. 42\n\nVerein der Theater- und Konzertfreunde\nim Mozart-Saal M im Mozart-Saal\nCelebritaten=Abende\nPreise der Piatze: 4M, 3 M., 2 M., 1,50 M., I M.,\nim Abonnement (alle 7 Abende) bis 1. Marz abends\n21 M., 16,75 M., 10)50 M , 7,90 M., 5,25 M.\nVorverk. b. Bote & Bock, R. Wertheim u. im Mozartsaal\nmr Da der Verein nur eine beschrankte Anzahl Karten\nBffentlich abgibt, empfiehlt es sich, baldmoglichst zu bestellen\n\n■ BUCH- UND KUNSTDRUCKEREI s\nSIEGFRIED SEEGER\ni BERLIN S42,RITTERSTRASSE 26 |\n■ TELEPHON AMT IV, 1045 ■■ TELEPHON AMT IV, 1045\n■ 5\n| ILLUSTRATIONSDRUCK, SETZ- j\ng MASCHINEN, BUCHBINDEREI J\n■ STEREOTYPIE, MODERNSTES ■\nI SSSS SCHRIFTENMATERIAL SKS ■\n■ ■\n■ Spezialitat: Druck von Broschiiren, Katalogen,\nS Zeitschriften, Werken, Massenauflagen ■ Buntdruck ■\n\nIn Berlin erscheinende\nfranzosische Zeitschrift\nJOURNAL d'ILIMH\nZur Vervollkommnung-\nin der franzosischen\nSprache gut geeignet\nAbonnementspreis vierteljShrlich 1,50 M\n\nDER DEMOKRAT\nWochenschrift fur freiheitliche\nPolitik / Kunst und Wissenschaft\nErscheint jeden Mittwoch\nNummer 10 Pf. / Quartal M 1\nProbenummern frei d. den Verlag-\nGr.-Lichterfelde, Manteuffelstr. 16\n\nPreis 1 Mark Preis 1 Mark\nMenthol-Malz-Dragees\n■ ■\nSicheresMittel gegen akuteKatarrheder Atmungs-\norgane / ermoglicht Schauspielern und Sangern\nsofortigen Gebrauch der erkrankten Organe\n■■■■■■ ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN huh\nZu haben In alien Apotheken und Drogerlen / AUeinige Fabrikantin\n/ Fabrik ffir pharmaceutischen Bedarf / Berlin-Halensee\nWohlschmeckend Sicher wirkend\n\n¥\nV\nT\n112\n?\nVerlag F. 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Diese zweite Stufe enth&lt ein\nitalienisch-deutsches und deutsch'ital ienisches Worterbuch,\ndas dem Lernenden jedes weitlHufigere Lezikon yollauf ersetzen durfte.\n\n■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■I\nFRANZ HOLZAMER BERLIN W 50\nNachodstr. 36-37 / 1 elephon Wilmersdorf 4070 / Bankkonto Deutsche Bank\noo\nWerkstatt furkunstlerische Innenausstattung\n\nVerlag „Der Sturm\"\nWirubernahmeninunsernVerlag-\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFiir Gesang u. Klavier / 52 Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch den Verlag DER STURM\nHalensee / Katharinenstrasse 5\n\nDie Fackel\nHerausgeber\nKarl Kraus\nSoeben erschienen\nNummer 298 — 299\nAus dem Inhalt: Karl Kraus:\nProzeß Kolischer / Zwei Bei-\nMge von Ferdinand Kiirn-\nberger / Joseph Schoffel: Zwei\nBriefe / L. E. 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