{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-03-31-01", "volume": "bmtnabg_1910-03-31_01", "ocr_sha256": "aaf7946af0c6fd1518b8cddc33397d36df3d67ac60a1cf00ea15b436be5f47fe", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/03/31_01/bmtnabg_1910-03-31_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/03/31_01/bmtnabg_1910-03-31_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-31-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-31_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-03-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "33", "page_fin": "33", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.1", "debut_caractere": 564, "fin_caractere_exclue": 886, "texte": "INHALT:\nOTTO STÖSSL: Kameraderie / CHAM-\nMAY PINSKY: Nacht/ALFRED DÖBLIN: Gespräche\nmit Kalypso über die Musik/ADOLF LANTZ: Die\nHochzeit des Gilles de Rais / FERDINAND HARDE-\nKOPF: Puppen und heilige Damen /ALBERT EHREN-\nSTEIN: Parasiten der Parasiten / BERNHARD IH-\nRINGER: Eduard Engel und seine Opfer/MYNONA:\nGute Nacht"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-31-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-31_01#c002", "volume": "bmtnabg_1910-03-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "33", "page_fin": "34", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.2.2", "titre_corps": "Kameraderie", "titre_sommaire": "Kameraderie", "signature_source": "Otto Stössl", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.1", "debut_caractere": 888, "fin_caractere_exclue": 9253, "texte": "Kameraderie\nVon Otto Stössl\nGemeine Menschen machen selbst eine aus-\nnahmsweise edle Handlung gemein, während der\nHohe sogar Böses adelt, das er verüben muß. Den\nMaßstab für die sittliche Beurteilung gibt nicht die\nTat, nur der Täter. Deshalb hält der vulgäre Irr-\ntum sich gerade an die deutliche, in ihren Folgen\nscheinbar leicht zu messende Tat. Er stellt dem be-\nstimmenden Wesen der handelnden Charaktere,\ndas er nicht ohne weiteres enträtseln wilL noch\nkann, eine Mauer moralischer Majoritätsbeschlüsse\ngegenüber.\nDieses Mißtrauen der Gemeinheit belauert\ndoppelt wachsam jeden Versuch einer freien geisti-\ngen Organisation und lügt dem unbekümmerten\nTrieb den niedrigsten Zweck an, weil es die natür-\nliche Feindschaft höherer Menschenvereinigungen\nwittert und fürchtet. Ein typisches Beispiel hier-\nfür möchte der gehässige Sinn der Formel „Kame-\nraderie\" abgeben. Das Wort ist die Verhöhnung\neines an sich edlen Instinkts: der Freundschaft,\nder Hilfsbereitschaft innerlich Verwandter, geistig\nZugehöriger, eine so unvorsichtige Verdächtigung,\ndaß man billig fragen könnte, warum nicht jede\nSammlung von Menschen zu bestimmten Hand-\nlungen und Pflichten schon mit ihrem Namen ihren\nSpott, ihre sittliche Verneinung aussagt, warum\nsich nicht schon an wreit umfassendere Bindungen\nvon Anbeginn an die gerechtere Gehässigkeit\nknüpft, etwa an den Staat, die Kirche, Armee, Ge-\nwerk- und Konsumvereine. Müßte dann von\nRechtswegen nicht jeder Beruf schon mit seinem\nNamen alles Ueble anschuldigen, das er enthalten\nund gelegentlich ausbilden mag? Außer dem\nWort „Pfaffe\" bekommt nicht leicht eines den Ge-\nburtsfehler so üblen Nebensinnes mit, wie die\n„Kameraderie\". Die Sprache, welche immerhin\nein tieferes Gewissen der schaffenden Mensch-\nlichkeit bedeutet und wahrt, versagt sich mit Recht\nsolcher Verallgemeinerung, es widerstrebt ihr, das\nWort „Freundschaft\" durch eine schielende Ver-\ndächtigung zu entstellen, so muß ein fremdes er-\nborgt werden, um für den Instinkt der Gemeinheit,\nder sein Ebenbild und Gleichnis in allem Tun\nwittert, einen Ausdruck herzugeben, worin alle\nAbsichten engerer Verknüpfung von Menschen\nunter Einem als bösartig angezeigt werden. Was\nsich in Berufen zu bestimmten, sichtbaren Wir-\nkungen, zu Machtorganistationen mit offenkundi-\ngen Zwecken verdichtet, entgeht dem Unglimpf,\nwas seine wahren oder vorgeblichen Motive auf\nder Stirne geschrieben trägt, braucht ihre Miß-\ndeutung nicht zu fürchten, wenn es sie gleich hun-\ndertmal in aller Gelassenheit verkehrt. Sofort\naber stürzt sich das Uebelwollen der Masse und\nmit unfehlbarer Gewalt auf Verhältnisse, die, un-\nabhängig von äußeren Gründen durch innere Not-\nwendigkeit zustande gebracht, inneren Gesetzen,\nden Willensrichtungen und Gemütsforderungen ge-\nhorchen und nach verschiedenen Seiten gleichsam\neine Ausstrahlung geistiger Kräfte entsenden, die\nnach der Art der Genossen fruchtbar oder ver-\nderblich, immer aber von äußeren Bedingungen\nhalbwegs befreit, ihre Wirkung ausüben. Der ge-\nheimnisvollen Anziehung, Gewandtheit und Macht\nsolcher Wahlgemeinschaften begegnet die große\nMasse, der das Argument nicht gehört, mit Hohn,\neinerlei, ob sie das beste Gewächs ausrottet, das\nihr Boden trägt, oder das geile Unkraut. Dem an-\ngeblichen Urteil der Menge setzt der Einzelne\nbillig sein Vorurteil gegenüber, ihr Vorurteil kann er\nnur mit der Klarheit des Urteils erwidern.\nEs ist die tiefste Weisheit der Natur, daß sie\nihre Gebilde durch den Kampf, ihre Fruchtbarkeit\ndurch das stete Widerspiel erhält, worin jede Be-\nwegung ihren Gegensatz zugleich entfesselt und\nbesiegt, erzeugt und braucht, sich in ihm auflöst\nund neu gebiert. So läßt sie dem Machtinstinkt\ndes Ichs ein tiefes, seelisches Gemeinschaftsbe-\ndürfnis, den groben Zweckvereinigungen der Ge-\nsellschaft zarte, willkürliche Wahlgemeinschaften\nantworten: Freundschaft, Liebe.\nDie substilste Wahlgemeinschaft, die Freund-\nschaft, wird in ihrem Gefühlswert ganz durch die\nAuslese des Genossen bestimmt, ihr Zweck bleibt\nverinnerlicht. Darum sind alle Handlungen, die\nder Freundschaft entspringen, so recht unmeßbar\nund fragwürdig. Jeder Selbstbetrug bringt zer-\nstörende Folgen. Das Vertrauen wird allzu leicht\nenttäuscht, die Kraft des Gefühls erschwert die\nDauer, seine Besonderheit und Willkür läßt keine\nallgemeine Glaubwürdigkeit zu. Gibt es eine\nzartere Harmonie, ein feineres Gleichgewicht?\nMan wendet das Wort Kameraderie an, wo\nsolche seelische Verbindungen über das engste\nMaß individueller Zugehörigkeit hinausgreifen,\neinen ganzen Ring von Gleichgesinnten erfassen\nund ihre Kräfte dem Ziele gegenseitiger Er-\nhöhung dienstbar machen. Was dem Einzelnen\ngern zugestanden wird, daß er nach allem Vermö-\ngen schlecht und recht auf seinen Vorteil bedacht\nsei, bleibt der Kameradschaft verübelt. Sie bringt\nnämlich dieses mit sich: der Kreis ihrer Zugehöri-\ngen schätzt das Gemeinsame so inständig, daß er\nselbst die widersprechenden individuellen Hem-\nmungen überwindet, er mißt jedem Einzelnen so\nviel Wert bei, daß er dessen Anerkennung wie\nseine eigene empfindet und zur eigenen Sache\nmacht, jeder handelt in unbewußter oder absicht-\nlicher Uebereinstimmung mit den übrigen so, daß\ner jedem Genossen dieser Wahlgemeinschaft das\nbeste Gelingen seiner persönlichen Bestrebungen\nmit allen Mitteln zu ermöglichen sucht, nicht ohne\nein Gleiches von ihm vorauszusetzen, zu ver-\nlangen, zu erreichen. Jeder ist jedem in diesem\nVerhältnis zugleich unter- und übergeordnet.\nEin geheimnisvoller Zusammenhang scheinbar\nunabhängiger Menschen übt seine Macht spontan\naus, er wirkt nach allen Richtungen, wirbt Teil-\nnehmer selbst ohne es zu wissen, das Beispiel ver-\nlockt Unschlüssige, reizt zur Nachahmung, zu-\nsehends entwickelt sich eine bestimmende Be-\nwegung.\nEs ist das rechte Beispiel für die Gewalt des\nPersönlichen, das, Verwandtes an sich ziehend, die\neigene Art potenziert. Die Gefahr der Verallge-\nmeinerung solcher, ursprünglich individuell beding-\nter und gefärbter Zugehörigkeiten ist erheblich,\ndenn mit der Verbreitung tritt eine Verflachung\nder Ideen, eine Vergröberung der Zwecke und\nMittel ein, es entwickeln sich Meinungs-, Ge-\nschmackskonventionen, kurz die Masse schleicht\nsich in den Kreis ein, den sie vorerst geschmäht,\nsie löst ihn auf; indem sie ihm den Schafsgehorsam\nzollt, macht sie ihn selbst zum Leithammel. Die\nNahrung, die sie solcher neuen schöpferischen\nOrganisation dankt, verschlingt sie gierig, trotz-\ndem sie sie durch Mißtrauen, Verleumdung und\nHohn beschmutzt hat.\nAber um diese unvermeidliche Entwicklung\nbraucht sich der ursprüngliche Trieb nicht zu\nkümmern, der sein höheres Recht wahren darf.\nDer Spott, der die Einzelnen treffen soll, fällt auf\ndie Menge zurück, die von ihnen besiegt wird,\nEs gilt, den Instinkt selbst zu erwägen und\ndienstbar zu machen, die Notwendigkeit zur Frei-\nheit zu erheben und vor sich selbst zu rechtferti-\ngen. Die Masse, die sich der verächtlichen Kame-\nraderie nicht erwehren kann, mag der gerechten\nruhig unterworfen werden. Aber die Kameraderie\nsollte sich auf sich selbst besinnen, sich zu sich\nselbst bekennen: es ist die vornehmste Eigen-\nschaft des Geistes, allenthalben den Geist zu ahnen,\ndas Bedeutende wie mit einer Springwurzel aus\ndem Versteck aufzuspüren und unter Tausenden\nsein Zeichen zu erkennen. Es ist Beruf und Pflicht\ndes Geistes, dem Geist anzugehören und zu hel-\nfen und dabei sich selbst die höchste Rechtferti-\ngung zu gewinnen. Es ist nahezu das einzige zu-\nverlässige Zeugnis für eines Mannes Wert, wenn\ner mit dem Bewußtsein der eigenen auch das frem-\nder Bedeutung vereinigt, wenn er neben dem ein-\nfachen Instinkt der Icherhaltung den feineren, sel-\nteneren einer gerechten Würdigung des fremden,\nedlen Selbst bewahrt. Es bleibt die einzige Auf-\ngabe, die ein unabhängiger, schöpferischer Mensch\nanerkennen mag, der gleichgültigen Zwangsge-\nsellschaft ringsum eine absichtsvolle, freie aus un-\nabhängiger Wahl aneinandergeschlossene, durch-\ngeformte und bestimmte Vereinigung entgegenzu-\nbilden, die durch sich selbst eine höhere Art er-\nwirkt, welche den Einzelnen über sein gegebenes\nMaß hinaushebt. Es ist die einzige Entwicklung,\ndie ihren Mann verdient. Freilich gehört ein ge-\nwisser Mut dazu, soviel Zutrauen nicht bloß zu\nsich, sondern zu fremden Menschen, Ideen, Lei-\nstungen zu haben, nichts kann tiefer erschüttern,\nals ein Irrtum in dieser Grundfrage. Aber Geist\nist eben Mut schlechthin."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3920, "texte": "Die Rechtfertigung des eigenen Wesens durch\nsolche Wahlgemeinschaft bedeutet einen Gewinn,\nder selbst mit Enttäuschungen nicht zu teuer be-\nzahlt wird. Ueberhaupt welche Angst vor bösen\nErfahrungen! Als wären sie nicht die einzige\nWährung, mit der wir die Launen, Abenteuer,\nZügellosigkeiten, Genüsse, all die Jahreszeiten-\nwechsel, den Sternenhimmel unserer Geistigkeit\nbezahlen müssen!\nDas Vertrauen zu Menschen, die Ehrerbietung\nvor solchen, die ich als groß erkenne, mein unbe-\nirrtes Zeugnis für sie, erhebt mich selbst, dagegen\nschränkt mich die Unfähigkeit der Hingabe an\nfremde Ideen und fremden Wert, die Feigheit,\nmich in mich selbst und zwar in die leerste, küm-\nmerlichste Sekurität der ungestörten Existenz zu\nflüchten, auf engste ein. Den Gemeinschaftsin-\nstinkt zu einer Freiheit und Sicherheit der Wahl\nauszubilden, ist die einzige Pflicht eben des indivi-\nduellen Geistes und das einzige gerechte Maß sei-\nner Beurteilung. Das hat natürlich nichts mit der\nnotwendigen und selbstgerechten Einsamkeit zu\nschaffen, in der jeder lebt, auch ohne sie erst be-\nwußt zu erwirken, denn es gibt Zustände und\nHandlungen, Absichten und Aeußerungen auch des\ngeistigen Lebens, die schlechthin und notwendig\nsozial sind, Beziehungen verlangen und erzeugen,\nwährend nebenher, darüberhin der ganze unge-\nminderte Horizont der Einsamkeit sich wölbt.\nDiese eigentümliche Notwendigkeit innerer\nBeziehungen, einer willkürlichen Sozialität befreit\nden Einzelnen selbst bei übernommener Bindung.\nIrgendwie ist seine Leistung der von ihm bejahten,\naufgesuchten, geförderten, verwandt. Was einer\ndraußen irgendwo entdeckt, an sich zieht, liebt,\nwird seine Ergänzung und sein Triumph.\nNichts Böses und Widerwärtiges liegt in der\nNatur solcher Gemeinschaftsbildungen und Aeuße-\nrungen, die erst durch Einzelne und ihren Unwert\nverdächtig, schlecht werden können. Alle großen\nMenschen haben Verwandte vereinigt, mit unver-\ngleichlicher Gabe der Anziehung festgehalten und\njedem sein Aeußerstes und Bestes entlockt, so daß\njeder dem Genie zumindest mit einem Strahl des\nGenies erwiderte. Durch die Kameraderie Richard\nWagners ist Nietzsches Geist entbunden worden,\ndessen Freiheit eben den Gemeinschaftsinstinkt\nheiligte, da er ihn überwand. Die Welt einfacherer\nSitten hat solche Wahlorganisationen selbstver-\nständlich gefunden und geachtet, nicht verleumdet.\nMan lese etwa die ehrerbietige Schilderung der\ngermanischen Gefolgschaft bei Tacitus. Die Sage,\ndie den geheimnisvollen Grundcharakter mensch-\nlicher Zusammenhänge durch längstvergangene,\nvom Glanz der Ewigkeit umleuchtete Begebenhei-\nten vergegenwärtigt, hat alle schöpferischen Ge-\nstalten der Geschichte in einen Kreis gleichge-\nsinnter, hilfreicher Gefährten gestellt und die Ein-\nsamkeit jedes Großen erst recht vertieft, indem sie\nsein Maß an der Gemeinschaft der Besten zeigt.\nWir wollen den Mut haben, uns ebensowohl\nzu uns selbst, wie zu denen zu bekennen, die wir\nwie uns selbst bejahen, zu fördern, was wir dessen\nfür würdig halten, wie auch ein gleiches anzu-\nnehmen.\nWas die tägliche Gemeinheit in aller Unschuld\nund Schuld selbstverständlich verübt, ohne jegliche\nSkrupel, ja nicht einmal durch ein schlichtes Ge-\nfühl gerechtfertigt, aus niedrigstem Trieb, das un-\nwürdigste, auch nur, was ihr gleicht und gemäß\nist, durchzusetzen, wird dem strengen, unabhängi-\ngen Urteil, der gewissenhaften Einsicht, der Frei-\nheit des Einzelnen zur Pflicht. Der Feindschaft,\nRoheit und Unfähigkeit zu begegnen gewärtig,\nsollte er der immer bereiten Organisation der\nDummheit nicht die naive und stolze Wahlgemein-\nschaft der Begabung, des reinsten Willens ent-\ngegensetzen? Er sollte nicht getrost seine Kame-\nraderie mit dem Werte der Kameraden begründen?\nUnsere Handlungen sind genau soviel wert, wie\nwir selbst. Wir müssen ihnen vertrauen, denn der\nMaßstab für unser Tun liegt in uns. Wir dürfen\nihn nicht aus der Hand geben.\nIhr sollt unsere Taten an uns erkennen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-31-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-31_01#c003", "volume": "bmtnabg_1910-03-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "34", "page_fin": "34", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.2.3", "titre_corps": "Die Nacht", "titre_sommaire": "Die Nacht", "signature_source": "Chammay Pinsky", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.2", "debut_caractere": 3922, "fin_caractere_exclue": 4957, "texte": "Die Nacht\nVon Chammay Pinsky\nDie Nacht war eine Insel in dem Meere\nUnseres heißen Blutes.\nAls trügen Engel unser Zelt\nDurch ferne Wellenländer\nDurch schwarze Ewigkeiten\nUnd schleuderten es plötzlich in die Mitte\nDer Nacht . . .\nDie schwarze Schöpferin der Leidenschaften\nSie sah die großen Wunder unsrer Leiber\nUnd gierig trank sie unsre heiigen Sünden\nUnd wir — als ständen wir vor einem Blutfall\nWir knieten vor dem Blute\nUnd wir tranken . . .\nDie Nacht war eine Insel in dem Meere\nUnsres heißen Blutes.\nWir blühten, zwei junge rote Rosen\nDort zwischen welken schwarzen Urgewächsen\nWir sahen uns nicht selber,\nWir vergaßen\nDie Grenzen unsrer Leiber\nZwei Ewigkeiten\nVereinigt\nIm Unendlichen.\nDie Nacht war eine Insel in dem Meere\nUnsres heißen Blutes.\nEs war als trügen Engel unser Zelt\nDurch ferne Wellenländer\nDurch blasse Ewigkeiten\nUnd stellten es behutsam zu den Füßen\nDes Morgens . . .\nUnd wir erkannten uns beim ersten Schimmer —\nGeschwister einer Nacht.\nWir lagen blaß und müde vor dem Morgen\nUnd ahnten was die Nacht uns tat."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-31-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-31_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-03-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "34", "page_fin": "36", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.2.4", "titre_corps": "Erstes Gespräch: Die Verzauberten unter sich : Ueber die Musik", "titre_sommaire": "Erstes Gespräch: Die Verzauberten unter sich : Ueber die Musik", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.2", "debut_caractere": 4959, "fin_caractere_exclue": 10793, "texte": "Gespräche mit Kalypso\nErstes Gespräch: Die Verzauberten\nunter sich\nUeber die Musik\nVon Alfred Döblin\n(Strand einer Insel, darauf gelbes kraftvolles Son-\nnenlicht vom dunkelblauen Himmel. Der Morgen-\nwind reibt die leichten Steinchen an einander, fegt\nsie von den Dünenerhebungen herunter, klatscht\ndas Meerwasser gegen die weit vorspringenden\nKlippen. Das graugrüne Meer, draußen mit zahl-\nlosen purpurnen Lichtblitzen, vor dem Gestade\nmit brillantener Gischt, rollt satt. Oefter züngeln\nWellen mit Surren weit über den Sand, belecken\nrasch die braunen Schiffstrümmer, die Türen,\nMasten, Blöcke, Balken, Tonnen, Seile, die das\nMeer erbrochen hat. Zwischen dem Gewirr sprin-\ngen zwerghafte Männer und Frauen, vom Leib ab-\nwärts Vogelkörper mit schwarzem, struppigen Ge-\nfieder und sehnigen Klauen, spitze gelbbraune Ge-\nsichter, schwarzäugig mit Flügelstümpfen am\nRücken; schleppen die Trümmer auseinander,\nhüpfen in die Tonnen, daß oft nur ihr strähniges\nSchwarzhaar herlugt. Das Volk, bald kreischend,\nbald lautlos tätig, hat verbissene faltige Fratzen;\nihre unruhigen Glieder sind von gieriger Mager-\nkeit. Sie schnarren Menschensprache.)\nEin Alter\n(sich auf einen Balken setzend): Wir finden nichts\nmehr.\nEin Anderer:\nEr ist satt, er hat genug.\nEin Dritter:\nEs ist nichts mehr; lauter Plunder.\nDer Alte:\nKinder, laßt gut sein; es ist nichts mehr da. Wir\nwollen heim vor der Glut. (Das Volk schlägt noch\nHolz zusammen, belädt sich mit Körben. Während\nsie sich sammeln und landeinwärts ziehen, gegen\ndas Meer gewendet, bitter, für sich.) Ich möchte\neinen von diesen gesehen haben. Sie trugen\nKettchen, Amulette, seltene Steine mit sich, Vasen,\ngeschnitzte Truhen, Seidenstoffe, zart geknüpfte\nDecken; Zithern, Lauten und Schellen hatten sie\nauf dem Schiff; wie zur Hochzeit sind sie ausge-\nfahren. Von meinem Lande müssen sie gewesen\nsein. Aber das Wasser schluckt jedes, jedes\nherunter, das dickwanstige Ungeheuer, wie wenn\nnichts leben dürfte als das Meer.\nEin Jüngerer\n(Volles, nur leicht braunes Gesicht; geht mit\nTränen neben den Alten.) Wurdest Du so alt und\nhast noch nichts vergessen?\nDer Alte:\nDu quälst Dich schon?\nDer Junge:\nBald ertrag ich es nicht.\nDer Alte:\nMein Kind, es gibt Krankheiten, die wie Ratten am\nMark unserer Glieder nagen. Denk Dir einen so\nkranken Menschen, dem die Glieder immer wieder\nwachsen, die ihm abgefressen sind von jenen\nRatten, und dann kennst Du uns. Du bist hier auf\nder Hochschule für Sentimentalität.\nDer Junge:\nEs wächst ein Kraut, das heißt Mord. Damit speis'\nich sie, wenn anders ich Hände hab'.\n.Der Alte:\n(Lacht gutmütig, fährt ihm über das Haar). Was\nschwatzt Du? Ich dulde, was in den Knieen der\nGöttin ruht. Keiner unter uns, der nicht eines\nNachts mit berauschtem Hirn aufgestanden, in ihre\nGrotte geschlichen wäre und den Dolch an ihren\nHals gesetzt hätte. Sie ist unsterblich. Kaum,\ndaß sie eine Schramme hat, so brennt der Dolch\nauf, wie ein Stück Zunder, von ihrem Blute ange-\nsteckt; und mit Blasen in Händen und Gesicht\nlaufen sie fort von ihr, jammernd von ihr, die nicht\neinmal aufgewacht ist und kühlen sich die Wunden\nund weinen vor Bitternis und Schmerz. Ein Weib\nwollte sie einmal erwürgen, die der Göttin dienen\nmußte; ihre langen Zöpfe schnürte sie der Göttin\num die Kehle; es war hier am hellen Strande. Von\nhinten sprang die Bestie an und warf die Unsterb-\nliche auf die Stirn, während wir jubelten. Aber die\nHaut der Unsterblichen rollt und biegt sich elastisch\nwie Stahl. Kalypso richtete sich langsam auf,\nnahm die Kreischende in die Arme, löste der Ge-\nfangenen langsam die Zöpfe auf und wies sie von\nsich fort; aber von dem Kopfe der Aermsten\nklapperten von da ab Eisenkettchen herab, eins um\ndas andere, jedes Haar ein Kettchen, das auf den\nRücken und die Schultern peitscht. Man erzählt\nsich: Ein Tollkopf, wie Du, wollte sie in Schande\nstürzen, sie, während sie schlief, vergewaltigen.\nSie wehrte sich gar nicht, während er bei ihr lag;\nsie genoß seiner in Ruhe, er gefiel ihr. Aber man\nsah ihn nicht wieder; eine Schildkröte kroch am\nMorgen aus ihrer Grotte, schläfrig die Lider\nsenkend, auf der sie mittags sitzt, wenn sie ins Bad\nsteigt.\nDer Junge:\nNimm mir etwas ab.\nDer Alte:\n(Packt sich von dem Holz des Jüngeren auf; sie\ngehen stumm nebeneinander.)\nDer Junge:\nMeine Eltern warten auf mich; ich habe Vogel-\nklauen! — Dies ist unglaublich, ist unglaublich.\nIch hatte die Besinnung verloren, als unser Bremer\nSchiff brach; seit diesem Augenblick bin ich nicht,\nnicht, nicht erwacht, sag' ich, — ich träume. Ich\nbin untergegangen, faule auf dem Meeresboden.\nDer Alte:\n(stumm nickend): Ja, ja, es ist ein Geheimnis um\nuns. Glaub' mir, ich habe schon oft zu Kalypso ge-\nbetet und ihr gedankt, daß sie mich dieses Geheim-\nnisvolle lehrte. Aber auch um die Göttliche ist\nein finsteres Rätsel. Sie soll, als die alten Götter\nstarben, die leichtherzigen, verschwenderischen\nOlympier, vergessen sein; der eine neue Gott, der\ndie andern alle unter Felsen und Bergen begrub,\nvergaß sie in seiner Siegeswonne, die hier flötend\nund leise singend, umging auf einem Inselchen im\nWeltmeere. Nun ist die Welt so glatt und blank\ngeworden, überall und an jedem Ende, — nur hier\nverfinstert es sich, brausen unheimliche blaue und\ngraue Schatten auf, wird noch einmal hinter stillen\nMauern der entsetzliche Zorn der Götterschlacht\naufzucken, bis auch sie vertilgt ist. (Flüsternd):\nSie wird sterben, wir mit ihr. Kindisch und\nschwach wird sie, mehr von Tag zu Tag. Die\nsüße Versonnene gärt jetzt von Haß und Ekel; sie\nweiß, ihre Tage sind gezählt. Einen Mann schleppt\nsie mit sich, der aus dem Hochzeitsschiff sich ge-\nrettet hat; sie pflegt ihn, schwatzt mit ihm. Nur\nBlumen und Flöten waren sonst ihre Gespielen; ja\nsie ist krank.\nDer Junge:\nIch will zu Gott beten; meine Not ist arg.\nDer Alte:\nHilft nichts; kein Gebet dringt zu Gott durch; leg\nDich schlafen, mein Kind."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-31-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-31_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-03-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "35", "page_fin": "36", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.2.4.2", "titre_corps": "Die Hochzeit des Gilles de Rais", "titre_sommaire": "Die Hochzeit des Gilles de Rais", "signature_source": "Adolf Lantz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 12823, "texte": "Die Hochzeit des Gilles de Rais\nVon Adolf Lantz\nAnfänglich jagte ich nur so hin, daß oft-\nmalen ein niedrig wachsender Zweig mir ins\nGesicht schlug. An zwo Stunden raste ich wie im\nWahnsinn durch das Land. Am Seeufer erst ritt\nich mäßiger, den Kopf gesenkt. Das edle Tier\npfauchte mit gebäumtem Haupt verschnaufend\ndurch die geblähten Nüstern. Nebel stieg aus dem\nWasser auf, als ich flüchtig das Auge wandte, die\nSonne brach hindurch, matt glänzte die Fläche.\nWarf die Kleider ab, tauchte unter und schwamm\nin langen, kraftvollen Stößen in den See hinaus, bis\ndaß ich ermattete, der Frost mich schüttelte.\nNackend schwang ich mich aufs Pferd, die Kleider\nunterm Sattel bergend, trieb es zum Galopp,\ntrocknete den Leib an der Luft. Steigerte sowohl\nBad wie Ritt zur äußersten Anstrengung, das\nDenken gewaltsam zu ersticken. Wagte kein\nGebet, wagte auch nicht gen Himmel aufzusehn.\nErschien mir für Augenblicke alles wie ein\ndumpfschwüler Traum, das Erlebte so wenig wahr-\nhaftig wie dieses Hinjagen ohne Ziel, und würde\ndavon sicherlich auf gewohntem Lager erwachen,\nzur Morgenandacht in die Kapelle zu gehen. Ein\nfriedlich beseeligend Gefühl durchwärmte mich.\nBlondes, duftendes Haar fiel über mein Gesicht, die\nLippen wölbten sich zu nachgeriießenden Küssen,\ndie Zügel schwellten in den hohlen, greifenden\nHänden zu zarten, festen Brüsten, von deren Be-\nrührung michs verwirrend überrieselte. Bis daß\nplötzlich, wie ich mich in der Eregung verlor, der\nblutende Leib des Mädchens vor dem Pferd hin-\nglitt. Ohn Willkür preßten sich allda die Fersen\nin die Flanken des Tieres, daß es in jähen Sätzen\naufschreckte gleich meinem Pulsschlag. Und\nstieß wieder gesenkten Hauptes in die Landschaft\nhinein, Dorf und Gehöft im weiten Bogen um-\nkreisend. Also betäubte ich mein Gehirn bis zur\nErschöpfung.\nIm dichten Walde war's, daß mich die starken\nWurzeln über dem Boden sowie die Wirrnis der\nStämme zu verlangsamtem Traben gezwungen.\nDa ordneten sich denn die Gedanken von selbst,\nden Sturm des Blutes bemeisternd. Fiel mir jetzo\nein, was ich bis zu dieser Nacht von Geschlecht-\nlichkeit gewußt, erahnt und zuweilen ersonnen.\nWie oftmalen im Traum eine Magd im Streit mit\nmir gewesen, bis daß ich sie gefaßt und ihren Leib\ngespürt mit ähnlicher Lust in den Fingern als\nwühlten sie im weichen Pelz des Hermelin. Schob\nsich der Rock von ihren Beinen, stieß der Fuß, bis\nans Knie entblößt, nach mir und traf mich gut,\ndavon ich entzundnen Blutes erwachte. Oder wie\nich mit Gleichaltrigem kämpfend, die Kraft zu\nstählen, im Ringen Leib an Leib gepreßt, Erregung\nempfand, heimlich das Gesicht mit küssendem\nMund an seinen Körper drückte. War auch vom\nMagister in mancherlei unterwiesen, davon er\nernsthaft gesprochen, streng und finster, daß ich\nmir kein Fragen getraute. Hatte wie ein Wissender\nlachend den lüsternen Reden der Knechte ge-\nlauscht, in dunklen Nischen die Mägde geschreckt,\ndiese und jene stürmisch an die Mauer gepreßt,\nihre Formen im Necken betastet, als Kind mich ge-\nberdend. Und jene wehrten mirs nicht, erduldeten\ndie Berührung, als würden sie der ernsten Spiele\ndes Knaben nicht gewahr oder gefielen sich gar\ndarinnen. Hatte auch die Lust des Hengstes ge-\nschaut wie des Stieres, und der Hunde, woran der\nMagister viel große Worte über die Natur und\nGott geknüpft. War denn auch der Strom meiner\nKraft nichts Neues, so mich erschreckt und aufge-\nwühlt, daß ich jetzo weitab von Schloß und\nMenschen in die Einsamkeit reiten gemußt. Son-\ndern wars vielmehr, daß ich vermeinte, gemordet\nzu haben, solchermaßen meditierend: hatte gar\ngern und viel die Armbrust auf den fliegenden\nVogel gerichtet, den Bolzen auf Rehe und Hirsche\ngesandt. Auch den Speer so Eber wie Wildschwein\nwuchtig ins Fleisch gejagt, stolz und in jubelnder\nLust, wann das Gewaffen fest saß. Hatte gesehen,\nwie jegliches Tier an blutender Wunde, so das\nEisen gefurcht, verendete. Aber hatte nie geahnt,\ndaß mein eigener Leib, ein Teil meines Fleisches,\nalso verwunden könne wie Stahl und spitzer Pfeil,\nso in selbiger Nacht geschehen. Davon ein\nMädchen lag gleich dem verendenden Reh, mit\nzuckendem Körper und brechendem Auge. Und\nhatte das Ungeheure nicht erfaßt, daß es ein Aus-\ndruck der Liebe und des Lebens gewesen, was mir\nein Sterben schien.\nEntflossen da gar reichlich Tränen meinen\nAugen, beteuerte Gott mit heißen Worten,\nwie sehr ich mein Weib liebte, wie ich sie\ngewißlich nicht so grausam verwunden gewollt,\nmichs meiner bösen Leidenschaftlichkeit reute.\nUnd flehte ihn gar herzzerreißend an, sie vom Tod\nzu erwecken, mich nicht als ihren Mörder zu ver-\ndammen. Davon ich mich verzweifelnd sehnte,\nbei ihr zu sein, Vergebung zu erlangen. Plötzlich\nstraffte ein scharf aufspringender Gedanke in jähem\nRuck die Zügel, daß mein Roß angewurzelt stand.\nWie, wenn sie noch lebte? Wenn Gott ein Wunder\ngetan, sie nicht verbluten ließ, sich unsrer erbarmt\nin seiner Gnade, uns beide retten gewollt? Jach\nriß ich den Renner herum, den Weg zurück.\nMittag war's. In fiebriger Hast strebte ich an-\njetzt aus dem Wald. Zu den Hügeln, die fern am\nHorizont ein Streifen waren, dehnte sich das ebene\nLand. Von Neuem abgeschüttelt war jegliche\nMüdigkeit, kaum berührte das Pferd mit den Hufen\nden Boden, also flog es in weiten Sprüngen, im\nSchweiß dampfend, dahin, zurück zum Schloß\nMachecoul. Die Sonne sank und mit ihr der Nebel\nauf den See, an dessen Ufer der Weg gieng. Aus-\ngedörrt, gleich einem Gelähmten hieng ich im\nSattel, immer den einen Gedanken fest ins Hirn\ngebohrt, daß noch Leben in ihr sein müsse, mir zu\nverzeihen. Wollte das Pferd schier zusammen-\nbrechen unter mir, konnte ihm keine Rast ver-\ngönnen. Riß im Vorübersausen einen Ast aus\njungem Birkenstamm. Mit solcher Peitsche\nspornte ich das Tier, schlug blutige Striemen in\ndas Weiß der schaumbedeckten Haut. Schon\nstand schattenhaft in die Dämmerung ragend das\nSchloß Machecoul vor dem getrübten Blick, da\nstürzte das Roß. Ließ es am Wege, schleppte mich\nvorwärts. Schlug mit dem Birkenast auf mich ein,\nwollt ich niedersinken, meiner Kraft erschöpft.\nNacht wars, da langte ich an, staubbedeckt,\nschweißtriefend mit aufgerissenem Wams, die blaue\nSeiden schwarz und grau überspült, das gold-\ngestickte Wappen befleckt und zerrissen. Mit zer-\nschundnem Gesicht und offenen Händen, einem\nFlüchtling gleich, vom Feind gehetzt, kehrte ich\nheim. Die Knechte stoben durchs Schloß, die\nMägde schrien auf, bekreuzigten sich. Durch sie\nhindurch gieng mein Blick, er traf sie nicht. Auf\nallen Vieren kroch ich die Treppe hinauf, schwankte\ndurch die finstern Gänge, stand endlich vor dem\nGemach, als könnte sie nirgend anders sein als\ndort, wo ich sie verlassen.\nDie Tür war offen. Vom Licht der Ampel\nüberschimmert, ruhte im geschnitzten Armstuhl\nmein Weib und lebte. Mein Haupt bettete ich\nwortlos in ihrem Schoß. Und fühlte jetzo wie\nschlanke Hände im bestaubten, feuchten Haar\nzärtlich kosten, eine helle Stimme gar lieblich\nsprach, davon mich ein schluchzendes Entzücken\nfaßte. Lag so, in Seligkeit und Müde aufgelöst, bis\ndaß sie den Pokal mit Wein an meine glühenden\nLippen setzte, davon ich gierig trank. Auch\nduldete sie weder Knecht noch Magd noch Anver-\nwandte im Gemach, als hätte sie begriffen und\nmit mir empfunden, daß wir heut nicht dem Anblick\nder Menschen taugten.\nDreimalen schlürfte ich noch aus dem Pokal,\ndann fiel ich wie ich war aufs Lager, das bewußte\nLeben dieses Tages im Fieberschlaf und Fieber-\ntraum endigend. «\nSah mich auf feurigem Rappen im sonnen-\nblitzenden Harnisch, viel Haufen Kriegsvolk um\nmich her. Schmetterten die Fanfaren und Drom-\nmeten aufreizend zur Schlacht, die Pferde tänzelten\nungeduldig und bissen ins Zaumzeug. Bolzen\nsausten durch die Luft, schwirrten vorbei, prallten\nam Panzer ab, streckten etliche aus dem Fußvolk\nzu Boden. Hoch auf sprangen wiehernd getroffene\nRosse, fielen in die Knie der Vorderbeine, blut-\nberieselt. Raste über das Feld vom Feind herüber\nein wildgewordener Renner. Sein Reiter hieng\nkopfabwärts im Bügel, das Geschoß ins Auge ge-\nbohrt, und schleifte am Boden. Gerade auf mich\nzu gieng sein windschneller Lauf. Ich legte die\nLanze ein, wandte stracks, bohrte mit Wucht die\nSpitze durch und durch ins Fleisch, fühlte wohlig\nim ganzen Körper, wie der Schaft in den Leib des\nTieres tiefer und tiefer drang. Sprühte im hohen\nBogen gleich entfesseltem Felsenquell ein Blut-\nstrahl auf mich, den Harnisch färbend, durch die\nRitzen des Visiers das Gesicht bespülend, mit\nbittersüßlichem Geschmack auf den Lippen haftend.\nGieng mein eigen Pferd unter mir durch, riß die\nandern mit sich, waren wir wie der Blitz mitten\nunterm Feind. Hieb mit gezücktem Schwert\nblindlings ins Getümmel, schlug klaffende Wunden\nmit jedem Streich, die Augen geschlossen, die\nZähne krampfig aufeinander gepreßt. Erlahmte\nplötzlich mein ermüdeter Arm. War eine gräßliche\nQual, wie ich ihn nicht mehr zu heben vermocht,\nwehrlos geworden. Wimmelten jetzo vor mir in\ngroßen Haufen durcheinander hunderte schreiende\nWunden, gelapptes Fleisch, vom purpurnen Saft\ntriefend. Wandte nach links: wogte allda ein un-\nübersehbares Feld abgehauener Köpfe auf mich\nein. Aus den Höhlen ausgeronnener Augen\nströmte es dickflüssig und rot. Auch meines\nWeibes Kopf war unter ihnen, der war schneeweiß\nund sein Mund stöhnte. Wandte entsetzt nach\nrechts: wuchsen gleich einer Pallisade tausend ge-\nspreizte Schenkel aus erdvergrabenen Rümpfen,\nvom Stahl unterm Knie gestumpft, die Männlichkeit\nzerschmettert und schwertdurchstochen, gar\nfurchtbar anzusehen. Wollte rückwärts ent-\nfliehen: waren so Wunden wie Köpfe und Schenkel\ndurcheinander gemengt, klatschte schwer vom\nglühenden Himmel aus riesigen Blutstropfen kar-\nfunkelnder Regen nieder, wälzte sich zäh-\nflüssig gleich fauligem Sumpfwasser heran,\ndie Brüder hinabschlingend, daß ich, allein inmitten\nder Qräuel, immer toller den Rappen um mich\nselbst kreisen ließ bis es mir war, als säße ich auf\nschwarzer, rollender Kugel mitten in einem Meer\nvon Flammen. Wollte aufschreien mit aller Kraft,\nkam aber kein Laut aus der erstickenden Brust.\n„Gilles! Gilles!\" weckte mich eine ängstliche\nStimme. „Was ist dir, Gilles?\"\n„Hab arg geträumt\" rief ich, emporfahrend.\nFiel schwer zurück, von kaltem Schweiß bedeckt,\ndumpfen Hirns, Blei in den Gliedern, wälzte mich\nauf dem Lager, dann schlief ich abermalen in\nTräume hinüber.\nSah mich im finstern Wald nackend zwischen\nden Stämmen hinreiten, einen Weg ins Freie\nsuchend, kreuz und quer, kehrte aber wie ver-\nzaubert immer zur selbigen Stelle zurück, zur\nhohen, breitstämmigen Buche. Selbige wandelte\nsich vor meinen Augen in einen Riesen. Der grub\nsich mit dem Kopf in den Boden ein, daraus liefen\ndie dicken Haarsträhne gleich Wurzeln über die\nErde. Die gigantischen, nackten Beine streckte er\nwie mich zu höhnen gen Himmel auseinander, an\njener Stelle, an der ich noch augenblicklich vorher\nden gegabelten Stamm der Buche gesehen. Ueber\nsolchen Schabernack und Spuk erbost, ergriff ich\nmein blankes Schwert, so quer vor mir auf dem\nRücken des Pferdes lag und hieb ihm eins hart\nunter die höhnisch gespreizten Schenkel. Kaum\nberührt, war er auch schon rückgewandelt zum\nBaum, von welchem dicht unter der Gabelung der\nletzte Stumpf eines abgebrochenen Astes, vom\nSchwert getroffen, niederfiel. Als hätte er damit\ndie Standkraft eingebüßt, wankte er knarrend und\naufstöhnend, dann stürzte er krachend vornüber\nauf seinen Nachbar. Dieser, vom unerwarteten\nStoß überrumpelt, ächzte auf von den Wurzeln bis\nzur belaubten Krone und fiel, mit weit aus-\ngreifendem Gezweig wie mit hundert Armen in die\numstehenden Wipfel sich klammernd. Diese bogen\nsich knarrend und knirschend, durch die Gewalt der\nUmarmung gefällt, rissen neben und vor ihnen Ge-\nwachsene ins Verderben. Worauf denn immer\nmehr und mehr Stämme im wilden Brudermord\ngen einander schlugen. Ueber die Leichen der\nBäume stolperte das Pferd, rings umher hallte Ge-\nkrach und Getöse. Die Erde war aufgewühlt und\nzitterte, ekles Gewürm wand sich aus ihr hervor.\nHirsche, Rehe, Füchse und viel andres Getier flohen\nin dichten Haufen vor dem stürzenden Wald. Aber\ngleich der Meeresflut schwoll die Vernichtung\nimmer rascher und mächtiger, bis daß sie die zu\nRudeln Gedrängten erreichte, die Leiber zer-\nschmetternd und zermalmend. Im breiten Blut-\nstrom watend bespritzten die stampfenden Hufe\ndes Pferdes meinen nackten Körper, davon er\ndunkelrot überströmt ward, wie gebadet darin.\nErstarrte das Blut zu erhärtender Kruste, daß ich\nin Purpur angetan war, von Schwärmen nest-\nvertriebener Vögel kreischend überflattert, Satanas\nvergleichbar, der hinter dem Verderben einher-\nschreitet, daran sich zu weiden. Verfolgte denn\nauch das schauerlich schöne Schauspiel der Selbst-\nzerstörung mit nicht anderer Empfindung als man\nvor dem Anblick eines gewaltigen Gewitters hat,\nwann eitergelber Strahl aus getürmten Wolken\ngrell aufzuckt, die Donner überm Haupt in die Un-\nendlichkeit rollen, wovon man im Gemüt gar"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3416, "texte": "prächtig erhoben wird. Endlich brach sich das\nwütige Schlachten am Ufer des Sees, der sich mir\nbot wie jener, in dem ich tags zuvor mich gereinigt.\nWeithin peitschten ihn jetzo die letzten, in ihn\nstürzenden Bäume, mächtig rauschten die Wogen.\nMit schnellenden Sprüngen wie in die Freiheit raste\ndas Roß in den See. Und wie die Wasser an\nmeinen Leib schlugen, ward ich mir des blutigen\nGewandes bewußt, darein ich gleich einem Panzer\ngeschmiedet, und schwellten die Sinne in Lust der\nReinigung. Mit Jauchzen empfing ich die heran-\nspülende Woge, so mich vom eklen Harnisch be-\nfreien sollte. Riß eine Strömung das Pferd unter\nmir fort, derweilen ich mit ausgestreckten Armen\nin eine Woge gegriffen, sie an mich zu drücken, und\nso ohne Halt war. Wälzte mich mit Seligkeit in\nden Wellen, welche mit tiefem Entzücken auch\ndann noch anhielt, als mich die Schwere des Blut-\npanzers ins Bodenlose hinabzog, die Wasser erst\nmeinen Mund, drauf Nase, Augen und Stirn\ndeckten, jetzo über mir zusammenschlugen, mich\nmit Wollust gleich wild lastendem Kuß er-\nstickten.\nDa erwachte ich mit zurückgehaltenem Atem,\nvon Schweiß durchnäßt. Der erste Morgen graute\nübermüdet ins Gemach. Mein Kopf lehnte an\nzarten, jungfräulichen Brüsten, so sich wie das\nAuf und Nieder friedlicher Wellen im Gleichmaß\nhoben und senkten. Im Nachtgewand aus blaß-\nleuchtender Seiden schlummerte mein junges Weib.\nStieg mir diese himmlische Erlösung aus bösen\nTräumen mit solchem Glück und solcher Seligkeit\nins Herz empor, daß davon Tränen in den Augen\nperlten. Wie ich mit dem Rücken der Hand sie von\nder Wange trocknen gewollt, spüre ich grieslig\nund kratzig festklebende Staubkruste an der Haut,\nvoll Sand auch mein Haar, strähnig durch ge-\ntrockneten Schweiß. Und wie ich jetzt an mir mich\naufrichtend hinabschaue, seh ich die unreine Brust\ndurchs aufgerissene Wams, die zerfetzte Seide der\nGewänder, vom Unrat der Wege über und über\nbesprengt. Sehe von Ekel erfüllt die zerkratzten,\nzerschundenen Hände, blutgekrustet und schwielig,\nund auf dem Lager, durch das Gewicht meines\nKörpers vertieft, neben der blaßleuchtenden kind-\nhaften Frau, wie in einer Rinne aufgefangen, im\nbreiten, dunkeln Streifen, als Abdruck meiner selbst\nvon mir geschabten und gebröckelten\nSchmutz —\"\nNach einem Augenblick schweigender Ge-\nbrochenheit fuhr der Gefangene aus seiner ver-\ngrabenen Haltung jäh empor.\nDraußen durch die Bogengewölbe der Gänge\nvon la Tour Neuve nahten dumpfdröhnende Tritte\nwaffenklirrender Männer. Schloß und Riegel,\nmächtig gerüttelt, fielen rasselnd. Die Pforte\nknarrte in den rostigen Angeln. Im Flackerlicht der\nFackeln, standen die Gewappneten vor der Tür.\nDurchs vergitterte Fenster aber graute die frühe\nDämmerung.\nDer mit dem Schuppenpanzer, der Schwarz-\nbärtige, trat ins Verließ:\n„Gilles de Rais! Die irdische Sühne erwartet\nEuch. Wir sind kommen, Euch zum Geleit. Ehr-\nwürdiger Bruder, hier endet Euer Amt. Uebergebt\nden Gefangenen in mir dem weltlichen Gericht.\"\nDa wandte sich jener mit aufleuchtendem\nBlick mir zu: „Ich gehe, mich loszukaufen von den\newigen Flammen. Tragt dieses Leben in Geduld!\nIn der großen Freude des Paradieses werden wir\nuns wiedersehen!\"\n„Will inbrünstig für Dich beten, mein Bruder,\"\nrief ich mit segnender Gebärde, „derweilen Deine\nreuige Seele von hinnen fährt. Knie in Glauben\nund Hoffnung auf die ewige Gnade ruhig hin vor\nunseres Vaters Tron. 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Das gibt ihr etwas Entrücktes, Mär-\nchenfernes. Die Beschauer sitzen korrekt und\nneurasthenisch im zwanzigsten Jahrhundert, die\nPuppen (so raffiniert sie konstruiert sind, so\nelektrisch immer bestrahlt) haben ihre Abenteuer\nin uralter romantischer Zeit. Wie aus einem Al-\nkoven zirpen ihre Nöte, ihre Hopser, ihre Verren-\nkungen hervor. Am schönsten ist's, wenn die Pup-\npen singen, Mozartsche Musik (und wenn die\nSchwedin Karin Lindholm, wann war ein Frauen-\nname lieblicher?, es für sie übernimmt). In des\nGrafen Franz Pocci romantischem Märchendrama:\n„Die Zaubergeige\" wird nicht genug musiziert.\nAber diese Geschichte ist spannend und konven-\ntionell. Kasperl, arm und faul, erhält für seine Gut-\nmütigkeit vom Kupfergott eine Zaubergeige, durch\ndie er berühmt wird. Am Hofe des Herzogs macht\nihn der Glanz halbtoll. Er will die Prinzessin Ama-\nlie verführen, ihr Strumfband interessiert ihn, und\nwird zum Galgen geschickt. Letzter Gefahr rettet\nihn die Geige. Und nun wieder ruppig und ordinär\nbekommt er die treue Grete. Der Kupfergott de-\nklamiert: „Das Unzulängliche, hier wirds Ereig-\nnis \" Liebes, liebes Münchener Märchen.\nFür Kinder. Erwachsene, wenn sie darauf dres-\nsiert sind, finden an zwei, drei Stellen Anspielungen\naus der Geschlechtsgegend. Man hatte auch po-\nlitische Couplets hineinverpackt — o so naive!\nNiemanden sollten sie verletzen. . . .\nVor mir, in der ersten Parkettreihe, glomm\naschblond der Dutt eines jungen Mädchens. Von\nder Stirn und von den Schläfen strömten drei innige\nWellen nach hinten und verschlangen sich zum\ntiefen etwas unordentlichen Knoten. Die jungen\nSchultern froren unter einem durchbrochenem\nTuch, besetz mit ganz zarten silbernen Flitter-\nblättchen. Der Rock war nicht sorgfältig genug\ngeschlossen. Was machte den Sinn dieser jungen\nDame wirr und ihre Hand lässig? Manchmal bog\nsie den Kopf zurück und spähte in die murmelnde\nDämmerung des Saals. Schaute sie „vers l'infini\"?\nIhr Antlitz, zu rührend schmalem Kinn verschmach-\ntend, war blaß und süchtig. Brauchte diese Grete\neinen Kasperl, einen ordinären? .... Ach, allen\nGlanzaugen der Jünglinge wich die Scheue aus!\n. . . Jetzt aber, in der Rapidität, da ein Wunsch\nerwächst, schoß heiße Gier in den Spalt zwischen\nihren tiefgewölbten, stahlblauen Lidern. Ich, dem\nZiele jener gehässigen Gier folgend, ersah jenseits\nall der Reihen, ein junges Mädchen, das sich\ndehnte ....\nIn diesem Augenblick waren der helle Saal\nund die brav plärrende Marionettenwirtschaft ver-\nschwunden —: weithin eine braune Landschaft\nletzter Zerrissenheit. Zwischen den beiden König-\nreichen, dem des Mannes und dem der Frau,\nschäumte der graue Strom des Hasses, der einst\nStrom der Liebe hieß. Und eine Stimme, höflich\nerklärend, dröhnte die Strophe des Romantikers\nAlfred de Vigny:\nBientöt, se retirant dans un hideux royaume,\nLa femme aura Gomorrhe, et Phomme aura Sodome;\nEt, se jetant de loin un regard irrit£,\nLes deux sexes mourront ehacun de son cöt£.\n. . . Als der Vorhang zum letzten Male da\nwar, nunmehr endgültig, taumelte die Aschblonde\nwie trunken dem Ausgange zu. Ihre Glieder wa-\nren von Blei. Ihre Augen waren aus den Höhlen\ngetreten, wie bei Absynthtrinkerinnen. Die Wan-\ngen, wächsern, brannten in hektischer Hitze. Die-\nses junge Mädchen, auf der hoffnungslosen Suche\nnach dem häßlichen, namenlos gnadenreichen\nKönigreiche Gomorrha, entschwand . . .\nAuf einem Bilde des Malers Rebel, an der\nWand dieses Saales, entdeckte ich sie wieder. Sie\nstammte aus der Zeit, da Rebel die Titelblätter zu\nStanislaw Przybyszewskis Rbmanjtrilogie: „Homo\nsapiens\" zeichnete. Ein ekstatischer Wille hatte\ndiesen (polnischen) Gliedern eine fließende, zer-\ngehende, verwesende Schönheit gegeben — eine\nHerrlichkeit, die Tränen rief und Wut., Alles\nKleinliche, Schlimme, Bedachte war hier über-\nwunden; das Träumen dieser Frau war eine An-\nbetung ohne Grenzen, ein Erschauern ewiger Hin-\ngebung. In polnischer Erde war diese Ekstase\nerwachsen. Pola — DU Auserwählte eines aus-\nerwählten Volkes —: in DIR erkannte ich all die\nheiligen Frauen des Jahres neunzehnhundertund-\nzehn wieder. 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Namentlich für den Sohn eines Aristo-\nkraten oder einen Hofratsstämmling, der hiezu ein\nReisestipendium bekäme, das zwar den Besuch\nPariser oder Berliner Nachtlokale dieszwecks nicht\ndirekt vorschriebe, aber immerhin wesentlich er-\nleichtern würde . . . Die Umwälzungen, welche die\nkleinen Naschkatzen im Büfett hervorriefen, blie-\nben ohnehin die einzigen durch das Frauenstudium\nan der Universität heraufbeschworenen. Denn in\nder Wissenschaft, mein Gott, die Mäderln be-\nherrschten ja gewöhnlich mehr fremde Sprachen\nals ihre Kollegen. Sie hatten mehr Sitzfleisch,\nsomatisch und geistig. Zweifelsohne! Nicht ge-\nschwächt durch Bacchus, Venus, Merkur und schon\ngar nicht durch Saturn entwickelten diese Jung-\nfrauen einen horrenden Fleiß. Handelte es sich aber\num selbständiges Vorgehen, dann standen sie hilf-\nlos da und fabrizierten Nudeln. Geologische Nu-\ndeln, mathematische Nudeln, philosophische Nu-\ndeln . . . Sie saßen geduldig alle Vorlesungen ab,\ndie sie inskribiert hatten, sie schrieben jedes Wort\nnach, das so ein ahnungsloser Professor aus-\nsprach und lernten jeden Schmarren auswendig,\nkramten ihr Wissen bei den unpassendsten Ge-\nlegenheiten aus — mit jeder Eigenheit der Diktion\ndes Vortragenden — die reinsten Phonographen.\nChinesisch hätten sie mit derselben Wonne gelernt\nwie deutsche Literaturgeschichte. Aber schöpfe-\nrische Arbeit? Sympathischer waren sie mir trotz-\ndem als ihre Herren Kollegen. Dummheit, sagen\nwir es weniger brüsk: Beschränktheit, gemildert\ndurch ein liebes Gesichterl — das war so die For-\nmel für die Studentinnen, immer noch vorzuziehen\nden männlichen Reinkulturen von Roheit und Bor-\nniertheit, Deutschtümelei und Unbildung. Die wür-\nden wieder etwas zu grinsen haben, wenn der Pro-\nfessor Edlmann, wie das vorige Mal, meine An-\nsichten mit überlegener Ironie behandeln sollte.\nAber wart nur: mitten in einem seiner Ausfälle\nwerd ich nach simulierter Heiserkeit geräuschvoll\nund nonchalant eines der dicszwecks mitgebrach-\nten Salmiakzeltchen zu mir nehmen . . . Zwar\nunser eleganter Herr Hofrat war ein ausgezeich-\nnetter Causeur. Wer konnte es ihm da im Grunde\nverargen, wenn er zufälligerweise meine armselige\nKompilation zum Objekt seiner geistreichen Be-\nmerkungen machte. Das war wohl tragisch für\nmich, den Studiosus der Geschichte, aber ich — der\nNichthistoriker — brachte für die Spöttereien des\nGelehrten einiges Verständnis auf und bedauerte\nnur hie und da, keinen einzigen Hieb ein bißchen\nparieren zu dürfen. Endlich durfte man ja von\neinem Unterrichtsbeamten, der sich bei einer nicht\ndurch ihn erfolgenden herben Kritik der Dynastie\nnie darauf besann, daß er vom Staate und nicht\nvon der Firma Habsburg-Lothringen bezahlt wurde,\nman konnte von ihm nicht verlangen, daß er —\nman bedenke: ein Hofrat — ruhig zuhörte, wie ein\nunreifer Mensch dem Paradestückel der Habs-\nburger dem Volke gegenüber, dem Kaiser Josef,\nfixe Ideen vorwarf, ihn einen verworrenen Nach-\nahmer Friedrich des Großen nannte und überhaupt\nradikaler Witzbold, ja Anarchist genug war, Maria\nTheresia den einzigen Mann in der langen Reihe\nder Chefs der österreichischen Linie dieses Hauses\nzu nennen. Diesmal hatte ich nichts dergleichen auf\nLager — wenigstens meiner Ansicht nach. Und im\nNotfall, wenn es doch zum Krach kommen sollte,\nging ich einfach mit meiner Dissertation um ein\nHaus weiter zu dem Professor a non habendo. So\nnannten wir nämlich unter uns den andern Instituts-\nvorstand, den Hofrat Geist Im Seminar, wo\nschon die Lampen brannten, neckte sich gerade eine\nDame in Trauer mit dem kleinen Bibliothekar her-\num, der wie gewöhnlich seinen räudigen Miniatur-\nschnurrbart liebkoste und seine winzigen Beinchen\nmit so steifer Würde hierin und dorthin lenkte, wie\ndas nur ein neugebackener Doktor zu tun vermag.\nEr war auch in der Tat weniger ein mit einem\nSchnurrbart versehener Doktor, als der Besitzer\neines Doktorates und Schnurrbartes. Von den all-\nwissenden Archivwürmern war Gott sei Dank\nkeiner vorhanden. Viele neue Gesichter erfrisch-\nten mich, Gesichter schadenfroher Leutchen, die\nallerdings nicht zu diesem Zwecke sich eingefun-\nden hatten, sondern sich an der Fortsetzung meiner\nalso schon bekannt gewordenen Abschlachtung\nweiden wollten. Vorderhand aber betrachtete ich\ndie Physiognomien der seltenen Gäste mir genauer,\ndie, wie ich bald heraus hatte — die Herrschaften\nsprachen etwas laut — durch eine Eigenheit die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 13484, "texte": "Phantasien kühnster Mythologen übertrafen. Denn\ndie Gegenstücke vielleibiger Riesen, Phorkyaden\nwie Gorgaden, begnügten sich, manchen Tieren\noder Staaten ähnelnd, mit zusammen einem Zahn\nund Auge. Laut der Mitteilung eines ziemlich apo-\nkryphen alexandrinischen Grammatikers- sollen\ndiese Kommunistinnen auch allerhand andere Kör-\nperteile in einem gemeinsamen Exemplar besessen,\nund wie ein womöglich noch apokrypherer gelehr-\nter, aber mit der klassischen Walpurgisnacht un-\nbekannter Kommentator des fabelhaften Alexan-\ndriners versichert, damit auch ausgekommen sein.\nJa nicht einmal für dies Pflichtexemplar Verwen-\ndung gefunden haben. Meine Kollegen schlugen\nden Rekord dieser antiken Freaks noch um ein be-\nträchtliches, denn ihrer zwanzig hatten zusammen\nnicht annähernd ein einziges Gehirn . . . Der Hof-\nrat trat ein. Der Bronchialkatarh des Gewaltigen\nmußte sich seit dem letzten Male bedeutend ge-\nbessert haben, denn der Professor war, wie ich so-\nfort freudig konstatierte, bei weitem nicht so „gran-\ntig\" wie damals. Der unbewölkte Zeus lachte zwar\nnoch Fange nicht, im Gegenteil, es setzte ein Don-\nnerwetter, aber es entlud sich nicht über mich. Die\nerste, den wirklichen Seminarmitgliedern reser-\nvierte Tischreihe war wieder einmal leer, der\nBibliothekar allein repräsentierte die Blüte der zu-\nkünftigen österreichischen Geschichtsforschung.\nDie anderen schwarzrotgoldenen Bänder waren —\nvermutlich aus Antipathie gegen den altliberalen\nHerrn — knapp vor viertel sechs in Irgend eines\nder so bequem bei der Universität gelegenen Cafe-\nhäuser ausgerückt, allwo sie, wie es sich in Oester-\nreich für teutschvölkische Studenten geziemet,\nskatspielend an ihren Stammtischen saßen. Wobei\nes öfters vorgekommen sein soll, daß die Herren\naufbrechend ohne treudeutschen Heilgruß vonein-\nander Abschied nahmen, weil, ganz abgesehen von\ndem Kassastand der Verlierenden, die meist ohne-\nhin nur ein paar Heller betragenden Spielschulden\nnichtsdestoweniger von manchem unter ihnen prin-\nzipiell nicht beglichen wurden, mit den Worten:\n„Man zahlt nur, wenn man gewinnt!\" . . . Etwas\nverschnupft über die abermalige Absenz dieser\nHerrschaften zog der Hofrat sein ebenso putziges\nals gefürchtetes Notizbüchlein hervor. Auf die\nschüchterne Einwendung des Bibliothekars hin, die\nmeisten der fehlenden Seminaristen befänden sich\ngegenwärtig im Stadium der Lehramtsprüfung, er-\nkundigte er sich teilnahmsvoll nach dem Lose der\nübrigen. Daß diese Herren an heftigen Hals-\nschmerzen litten oder gar an Influenza erkrankt\nwaren, schien ihn aufrichtig zu betrüben, doch be-\nhielt er trotz seiner innigen Trauer hinreichend\nFassung zu bemerken, er verzeichne die Namen\nder Bedauernswerten nur, um festzustellen, ob in\nihrer Abwesenheit nicht System liege, eine gewisse\nGesetzmäßigkeit, deren Walten in den Geschichte\nmachenden Kräften auch sonst nicht zu verkennen\nsei! ... „Kommen Sie mir um Gotteswillen nicht\nmit dem Chaos des Geschehens,\" fuhr er den armen\nBibliothekar an, dem vor Schreck das Doktorat\nund sozusagen auch der Schnurrbart abfiel. „Die\nordentlichen Mitglieder setzen sich einfach über die\nTeilnahme an den Seminarübungen mit Hilfe einer\nsonst raren Art von Arbeitsteilung hinweg, indem\ndie Herren abwechselnd sich in einem überaus aku-\nten Stadium der Lehramtsprüfungen zu befinden\nvorschützen, aus dem sie übrigens kurioserweise\nnie herauskommen, abwechselnd werden sie von\nnicht genug zu beklagenden Erschütterungen ihrer\nGesundheit heimgesucht . . . Für ihre mit dem\nKausalitätsprinzip schwer vereinbare, mehr fata-\nlistische Geschichtsauffassung, Herr Bibliothekar,\nbleibt noch immer genug Raum. Denn wenn die\nbetreffenden Herren dereinst zur Prüfung erschei-\nnen sollten, ich gebe es zu: nichts anderes als eine\nans Wunderbare grenzende Häufung widriger Zu-\nfälle wird an gewissen Ergebnissen Schuld tragen.\"\nDer Bibliothekar sank irgendwo unter den Tisch.\nDann fragte der Hofrat, wie immer vor Beginn des\nReferates, ob nicht endlich doch eines der von ihm\ngestellten Themen Gegenliebe gefunden habe. Das\nwar nun absolut nicht der Fall: der Professor war\nein Greuel in den Augen meiner biederen Germa-\nnen. Er war etwas zu rigoros. Namentlich liebten\nsie ihn nicht, weil der Bösewicht soviel Aufhebens\nmachte, wenn ein armer Teufel von Student einen\nund den anderen Geschichtsschreiber aus Versehen\nohne Anführungszeichen zitierte. Verstimmter er-\nkundigte sich der Hofrat bei den wenigen Damen\nund Herren, die es mit ihm gewagt hatten, wie weit\nsie in den übernommenen Arbeiten gekommen\nseien. Und als das Gräßliche zutage kam, daß eine\nDame, die kurz zuvor noch anscheinend außer-\nordentlich lustige Dinge ihrer Nachbarin zugezwit-\nschert hatte, frevelhafterweise noch kein einziges\nder für ihr Elaborat nötigen Bücher gelesen hatte\nund dabei noch lachte, da erklärte der Wüterich\ndezidiert, es sei fern von ihm, auf ihrer weiteren\nAnwesenheit zu bestehen. Hierauf lud er mich mit\nden verbindlichsten Worten ein, meinen interessan-\nten Vortrag fortzusetzen. Ob solcher Umschwung\nin der Behandlung meiner Wenigkeit bloß Beloh-\nnung des mir in diesem Momente wie auch bei\nder Zusammenstellung der Arbeit entströmten\nSchweißes sei, oder gar einer Art Reue entstamme,\nmich früher ein klein wenig „gehunzt\" zu haben,\ndarüber grübelte ich noch, als ich schon zu meiner\neigenen Ueberraschung mitteilte, diesmal alle übri-\ngen Punkte erschöpfen und nur die Schilderung der\nreligiösen Streitigkeiten mir auf die nächste Stunde\naufsparen zu wollen. Mit Müh und Not verhinderte\nich meine schnell üppig gewordene Zunge hinzuzu-\nfügen, daß ich infolge einiger persönlicher Erleb-\nnisse außerstande sei, die in derlei Dingen unum-\ngänglich nötige Objektivität aufzubringen. Ja, ich\ngewann es sogar über mich, den prachtvollen Rat\nder Jesuiten: „Ungarn ist zuerst elend, dann katho-\nsich, schließlich deutsch zu machen\" zu erwähnen,\nohne diese von dem damaligen Landesvater, Leo-\npold 1., im dritten Punkte nicht befolgte Taktik\netwa gehässig zu kritisieren, weil der Held einer\nmeiner Skizzen von einem Vehikel, in dem ein\nJesuit saß, über und über mit Kot bedeckt worden\nwar. . . Das waren die „persönlichen Erlebnisse\"!\nMeine anfängliche Bestürzung über diese selten,\nsonst aber gleich gründlich in Erscheinung tretende\nUnbeherrschtheit, vielleicht Unabhängigkeit meiner\nSprechwerkzeuge legte sich, ich stotterte zwar\neinige Zeit noch beim Vorlesen, doch das hatte eher\nin jenem gewissen wissenschaftlichen Stil seinen\nGrund, den nicht imitiert zu haben ich sonst mein\nLebtag bedauert hätte. Uebrigens: hätte ich mich\nin meiner durch ihre Länge ausgezeichneten Arbeit\nnicht ihr kongenialer Satzungetüme bedient, son-\ndern mich eines mehr mitreißenden Stiles beflissen,\nwäre mir sicherlich „Journalismus\" zum Vorwurf\ngemacht worden. Dabei jedoch, mitten unter\nSchachtelsätzen, in einem Deutsch aneinander-\ngekoppelt, so schlecht, wie ich es nie gehofft hatte,\nwaren, nur um so wirkungsvoller, da und dort\nRosinen eingesprengt, Atemstationen für mich,\nkurze, meist nur scheinbare Witzworte, in denen\nauf vieldeutig unverfängliche Art meine ketzeri-\nschen Ansichten geborgen waren. An einer Stelle,\nwo ich mir die aber schon mehr eindeutige, harm-\nlose Bemerkung gestattete, jeglicher Systemwech-\nsel, jeder Wechsel republikanischer Regierungs-\nformen mit aristokratischen sei belanglos, irrele-\nvant, da ja das, worauf es einzig ankomme, die\nTechnik des Regierens, wohl infolge des sich gleich\ngebliebenen Materials, seit der Zeit der Pharaonen\nsich nicht verändert habe — an dieser Stelle unter-\nbrach mich Seine Majestät mit einem erstaunten\n„diese Ansicht ist originell\", worauf die geräusch-\nlose Flucht um ihren Genuß gekommener Kollegen\neinsetzte. Von Salmiakzeltchen war keine Rede\nmehr — eher war es möglich, daß ich die Kragen-\nfasson des Professors akzeptierte, schon weil heut-\nzutage kein Mensch mehr Vatermörder trug, und\nmir außerdem einen so geistreichen Spitzbart\nwachsen ließ, wie der Hofrat einen sein Eigen\nnannte. Und da der Gelehrte, nun darauf aufmerk-\nsam geworden, daß ihm hier keine gewöhnliche\nKompilation vorlag, sondern auch geistreiche\nWorte, wie er meinte, geistreichelnde, wie ein Un-\nerbittlicher in mir feststellte, kritisierte er nicht\nmehr, sondern konversierte aufs freundlichste mit\nmir. Ich schämte mich des unverdienten Lobes,\ndenn das Ding, das ich da vorlas, gehörte nicht\nganz mir. Draufkommen konnte mir allerdings\nnicht so leicht einer. Weil ich auf Grund desselben\nMaterials, das meinen Vorgängern, die ich aus-\nschrieb, den verschiedenen Professoren und Hof-\nräten zur Verfügung stand, prinzipiell zu vollkom-\nmen entgegengesetzten Resultaten kam. Schließlich\nkonnte es aber gar nichts anderes werden als eine\nKompilation, da keine noch nicht verwerteten Do-\nkumente auffindbar gewesen waren . . . Als mir\nder Hofrat einen „unschuldigen\" Zitatendiebstahl\nnur mir erkennbar leise vorwarf, errötete ich glück-\nlich (er meinte vor Empörung über diese Verdäch-\ntigung), und von da ab hatte ich gewonnenes Spiel\nbei ihm. Um sechs Uhr, eine Stunde vor Schluß,\nbefand sich nur mehr ein Viertel der ursprünglichen\nZuhörer im Saale. Sie schlichen sich erst gegen\ndreiviertel sieben wieder ein, um sich die Testuren\nund eventuell die Seminarzeugnisse zu holen, muß-\nten aber noch vernehmen, wie der Hofrat mich er-\nmunterte, die Arbeit zu veröffentlichen. Die älte-\nsten Seminarmitglieder konnten sich ähnlicher\nSanftmut und derartigen Lobes nicht entsinnen,\n„der Alte hat heut einen guten Tag gehabt,4' ora-\nkelten sie, und dabei sah ihnen der Neid aus den\nAugen, sie hatten einen fürchterlichen „Qizi\". Ich\nwar nämlich nicht besonders beliebt bei ihnen. Wenn\nihrer einer mich mit „Heil Ihnen\" oder „Heil dir\"\ngrüßte, hatte ich die unangenehme Gewohnheit,\n„Guten Morgen\" zu danken, wenn es kohlraben-\nschwarze Nacht war und umgekehrt. Und das\nkonnten sie nicht ausstehen. So und jetzt stellte\nsich mir noch ein Doktor mit einem wohlassortier-\nten schwarzen Spitzbart vor, ein gewisser Herr\nLöbl. Ah! Der war auch ein Dichter. Wenigstens\ntrug er eine flatternde Krawatte. Das Dichten aber\nüberließ er wohl, wie viele, der deutschen Sprache.\nEr gratulierte mir zu meinem seltenen Erfolge.\n„Selten\" — das war zweideutig, aber — alle Ach-\ntung, er hatte schon die grausliche Lehramtsprü-\nfung hinter sich und war seit ein paar Jahren\nSupplent, also ein halber Professor! Hut ab. Und\nder gratulierte mir. Ich kam mir wie ein Hoch-\nstapler vor. — Wir gingen miteinander. Die Nischen\nund Gänge der Universität waren schon voll von\nschmelzenden Liebespaaren, die wie gewöhnlich\ndes Abends Säle und Aula als feineren Rendez-\nvousort und bessere Wärmstube benützten. „Er\"\nals Kommis selbstverständlich im Stadtpelz, „sie\"\nmeist mit unschuldig-verworfenem Gesicht,\nschwimmenden Augen. Und mir stand ein wissen-\nschaftliches Gespräch bevor: Alle Schuld rächt sich\nauf Erden!\nVor ein paar Stunden noch hatte ich an mein\nTagebuch die Frage gerichtet, ob nicht die Erde ein\nLebewesen sei und die Bäume und Gräser eine\nKrankheit der Epidermis, eine geringfügige Haut-\nkrankheit, wir Menschen und Tiere aber nichts als\nSchmarotzer und Parasiten, ganz gewöhnliche Ba-\nzillen! Dann wieder auf die Lobesworte des Pro-\nfessors hin war alle Demut fortgeflogen, meine\nSeele besah sich wohlgefällig im Spiegel und war\ndabei großmf.tig genug, die fremden Federn zu\nignorieren, mit denen ich mich geschmückt hatte.\nJetzt aber nahte das Verderben, ich selbst mußte\nbeliebig oft den Mund öffnen, damit der Mann der\nWissenschaft Gelegenheit habe, mir auf den Zahn\nzu fühlen. Vorderhand zwar schritten wir gewal-\ntig die Stiegen hinab, und es ergab sich, daß ich\ndem schnell vertraulich Werdenden nachgebend,\nder lauten Alserstraße aus dem Weg zu gehen be-\nschloß. Hierauf spazierten wir und unsere Schatten\nein wenig unter den Arkaden herum, um später auf\ndie Florianigasse loszusteuern. Ausbeugend fragte\nich, v/as der Edlmann mit dem Veröffentlichen ge-\nmeint habe, in der stillen Hoffnung, es werde\nmeinem Referat ein ruhmvoller Abdruck in einer\nunserer renommiertesten Historikerzeitungen\nblühen. Die Phrase war nicht mehr als eine Auf-\nforderung gewesen, meine Arbeit auszuführen und\nals Dissertation einzureichen. Das hätte ich mir\nauch denken können, doch was konnte man\nmachen . . .? Und sei es eine Stunde, nachdem\nsie gesprochen wurden: alle Worte sind Orakel und\nnehmen in der Erinnerung immer Färbungen an,\ndie zu der Stimmung passen, in welcher man ge-\nrade herumplätschert. Was sagte der Herr Löbl\nnoch? Sechs bis acht Monate ernster Arbeit in\nallen möglichen Archiven wären erforderlich, wenn\nman das Herz des Professors halbwegs rühren\nwolle. Grauenhaft! Dann allerdings ginge er einem\nin jeder Beziehung an die Hand, bringe seine\nSchützlinge gut durch die Prüfungen und verschaffe\nihnen Supplentenstellen oder gar Dozenturen. Von\nder Aussicht, in den diversen Hof- und Staatskanz-\nleien als Aktenstaubschlucker funktionieren zu\nmüssen, war ich nicht enthusiasmiert. Aber wel-\ncher anständige Student ist am Ende nicht jeden\nAbend davon überzeugt, daß er vom nächsten Mor-\ngen ab einen geradezu märchenhaften Fleiß ent-\nwickeln werde? Und gar wenn solche Ziele vor\nAugen standen! Ich sah mich schon als Dozent,\naußerordentlicher Professor, Hofrat, und ich muß\nes gestehen: ich behandelte meine Schüler mit über-\nlegener Ironie. ... In diesen Träumen störte mich\nmein Begleiter, als wir von der Schlösselgasse in\ndie Laudongasse einbogen, „schon um diesen be-\nrühmten Feldherrn dadurch zu verherrlichen,\" wie\ner über seinen eigenen Witz lachend meinte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-31-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-31_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-03-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "38", "page_fin": "38", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.2.7", "titre_corps": "Eduard Engel und seine Opfer", "titre_sommaire": "Eduard Engel und seine Opfer", "signature_source": "Bernhard Ihringer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7020, "texte": "Eduard Engel und seine Opfer\nVon Bernhard Ihringer\nVor nicht zu langer Zeit gab der Berliner\nFeuilletonist, Parlamentsstenograph und Kritiker,\nProfessor Doktor Eduard Engel eine Literatur-\ngeschichte heraus. Sie wurde von der Tages-\nkritik gelobt, durch Abdruck des Waschzettels\n(zum Beispiel vom Hamburger Korrespondenten,\nder nach diesem Faktum merkwürdigerweise noch\nimmer ernst genommen werden will). Das\nPublikum kaufte pflichtschuldigst. Kaufte so gut,\ndass sich der Verfasser zu Grösserem hingerissen\nfühlte und unabgeschreckt durch die bitteren\nPillen, die ihm von manchen Kritikern einge-\ngeben wurden, zu Weihnachten 1909 den deutschen\nLesern ein dickes Buch darbot, auf dem also ge-\nschrieben steht: Eduard Engel: Goethe, der\nMann und das Werk.\nAber noch bevor dieses Opus sich bei dem\ndeutschen Bildungsphilister „eingeheimt\" hatte —\num das genial geprägte Wort des vermeintlichen\nNeutöners zu gebrauchen, — hatte besagter Autor\ndurch einige Aufsätze im Sonntagsblatt der Vos-\nsischen Zeitung des Pudels Kern enthüllt. Er\nbewährte sich als selbständiger Forscher, indem\ner „der Stein\" die Maske vom Gesicht riss und\n~die Steinu in ihrer wahren „Minderwertigkeit\"\nbeleuchtete. In bengalischer Beleuchtung er-\nstrahlte aber die gute Christiane, die bisher von\nden bösen Forschern „in Bezug auf\" ihre intellek-\ntuellen Fähigkeiten als quantit£ n£gligeable be-\nhandelt worden war. Ihr gebührte die Palme,\nnicht der hochmütigen Aristokratin, die der Demo-\nkrat Professor Eduard Engel mit dem Hass des\nVolksmanns verfolgt. Und wenn auch Goethe\nihr die schönsten Briefe schrieb, wenn er immer\nzu ihr empor sah, als zu der einzigen ganz\ngrossen Liebe seines Lebens: Professor Engel\nkennt das: „Reichere Lebenserfahrung hat ihn\"\n— Professor Eduard Engel — „die Möglichkeit\ngelehrt, dass Männer und Frauen, selbst die\nedelsten, selbst die klügsten, sich vollkommen\nübereinander täuschen; dass die feinsten Reiz-\nschwingungen zwischen den Geschlechtern die\nMacht haben, Schleier zu breiten über tief auf-\nklaffende Seelenabgründe; Einbildungen zu ver-\nwandeln in wirkliche Leistungen; kluges aber\nleeres Zuhören und Schweigen verwechseln zu\nlassen mit vollem Wesenseinklang.\" Das lehrt\nHerr Eduard Engel Goethe.\nIst es nicht eigentlich zum Weinen lustig,\nwenn ein Buch, in dem auch nicht ein tüchtiger,\nselbständiger Gedanke steckt, die geschickte\nMache eines mit Zettelkastenweisheit um sich\nwerfenden, geschäftigen Vielschreibers in kürze-\nster Zeit vier Auflagen erlebt? Wobei noch zu\nfragen wäre, wieviele Tausend Exemplare jede\nAuflage umfasst. Das Wundern über die Seicht-\nheit des literarischen Urteils hat man sich längst\nabgewöhnt. Wenn sich aber auch noch herostra-\ntische Gelüste regen? Wenn der, dessen Streben\nes sonst nur war, der Menge zu gefallen, mit\nein paar Fechterkunststückchen und einigen aus\ndem Zusammenhang gerissenen Zitaten die be-\ngründete Ansicht fast eines Jahrhunderts auf den\nKopf stellen will? Dann ist es nötig, mit aller\nkritischen Schärfe vorzugehen und einem popu-\nlären Werke, das das Urteil des Volkes bestimmen\nwill, doppelt und dreifach schwer anzukreiden,\nwas man bei einer akademisch-sachlichen Unter-\nsuchung nicht tragisch nehmen würde.\nil| f,,Wie vieles,\" seufzt Eduard Engel ~in\nGoethes geheimsten Herzensleben bleibt uns un-\nverständlich, wo er selbst zu schweigen beliebte.\"\nAch hätte der Herr Professor doch die Konse-\nquenz gezogen und selbst über Manches ge-\nschwiegen. Mit der Entdecknngswut des Philisters\nund der Detektivpose des Literaturhistorikers stürzt\ner sich auf einige Briefe Charlottens an ihren\nSohn, auf Aeusserungen, die im Scherz geschrie-\nben wurden» Er beweist aus dem Umstand, dass\n~die Stein\" ~den kläglichen Roman Agnes von\nLilien der Karoline von Wolzogen\" mit Begeiste-\nrung las, den Tiefstand ihres literarischen Ur-\nteils und weiss offenbar nicht, dass die geist-\nreichsten Zeitgenossen hinter dem Modebuch\nSchiller selbst vermuteten. Er sucht ihr aus\nihrer Anerkennung Kotzebues einen Strick zu\ndrehen und weiss nicht, dass Goethe als Theater-\nleiter noch ganz anderes auf der Weimarer Bühne\nduldete, dass eine internationale Grösse wie\nFrau von Stael den Vielgeschmähten warm ver-\nteidigte. Er verdreht ein paar offenbar mühsam\nzusammengesuchte Scherzworte über intime Ver-\nhältnisse des Goetheschen Haushalts, um schliess-\nlich im Brustton der Ueberzeugung auszurufen:\n„Fürwahr, von allen Frauen, für die Goethes Herz\ngeschlagen(l), war Charlotte von Stein die wert-\nloseste, die einer solchen Lebensweihe unwür-\ndigste.4< Warum setzt er nicht noch hinzu:\nWelch ein Dummkopf war eigentlich dieser Goethe,\nsich so angeln zu lassen!\nZum Vergleich Engels Urteil über eine andere\nGoethe nahestehende Frau. Ich meine Bettina,\ndas „Kind Goethes\", sie, der wir eigentlich das\nschönste und innigste Goethebuch, „Goethes Brief-\nwechsel mit einem Kinde\" verdanken. Man höre\ndie profunde Weisheit, die auf Seite 412 zu lesen\nist: „Näher als Clemens trat ihm dessen Schwester\nBettina (1785—1859) die Gattin des märkischen\nDichterjunkers Arnim. Sie drängte sich Goethen\nmit einem Gemisch aus echter Bewunderung und\nkrankhafter Anbetung auf und wurde ihm schliess-\nlich lästig. Als sie mit neununddreissig Jahren\nGoethen gegenüber den verliebten Backfisch\nspielen wollte, schaffte er sich die Anempfinderin,\ndie obendrein gegen Christiane Roheiten beging,\nvom Halse . . Wenn man dieses verständ-\nnislose Gesalbader liest, hat man von Herrn\nEduard Engel definitiv genug. Zunächst: Der\nBruch mit Goethe erfolgte 1811, also Bettina war\ndamals sechsundzwanzig und nicht neunund-\ndreissig Jahre alt. Aus den Engeischen Phrasen\nwird ferner mit keinem Wort ersichtlich, wie viel\nBettini für Goethe lange Zeit bedeutete, dass er\nihr allein in jener Zeit vertraute Briefe schrieb\nund sie in Wahrheit als ein Kind seines Geistes\nstets anerkannte. Wenn es dann bei Engel\nweiter heisst: „Nach Goethes Tod hat sie aus\neinigen wirklichen Briefen Goethes und Brief-\nstellen der Frau Rath einen durch frei erfundene\nZusätze erweiterten Roman gemacht: Goethes\nBriefwechsel mit einem Kinde (1835). Darin be-\nzog sie Gedichte Goethes, die unzweifelhaft an\nMinna Herzlieb gerichtet waren, wider besseres\nWissen auf sich\" — so ist da eigentlich jedes\nWort eine Entstellung. Engel, dem seine aus-\ngedehnte Beteiligung auf allen Gebieten zu gründ-\nlichen Studien wohl keine Zeit lässt, weiss na-\ntürlich nicht, welche Wandlung das Urteil über\nBettinas Briefsammlung seit der Ausgabe des\nBerner Privatdozenten Jonas Fränkel erfahren hat.\nVielteicht ergänzt er seine Zettelsammlung einmal\nnach dieser Richtung, um bei künftigen ähnlichen\nArbeiten nicht abermals mit solcher „Sachkenntnis\"\nzu glänzen. Den Ausdruck „märkischer Dichter-\njunker\" muss man Engel zu gut halten. Er hatte\neben vergessen, dass er an einer Goethebiographie\nund nicht an einer Volksversammlungsrede ar-\nbeitete.\nMag nun das arme Opfer Charlotte von Stein,\nBettina Brentano oder irgend-sonstwie heissen:\nes wird gerädert, wenn es nicht in Engels Zungen\nredet. 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Denn\nder Essigmann denkt natürlich über Honig anders\nals der Bienenzüchter.\n„Gute Nacht, Herr,\" sagte Wilhelm, als er\nging, und ging. Auf jenen Blick war dies der Ton.\nDas soll heißen, jener Fertigkeit des Herrn, einen\nDiener so anzublicken, daß er ging, entsprach eine\nVirtuosität des Dieners, seinen Herrn so anzu-\ntönen, daß er — doch hier, düstre Natur,, laß den\nZauber deiner Unbegreiflichkeiten spielen; diesen\nZauber, der einen Blick, einen Ton zum Verhängnis\nganzer Lebensläufe machen kann!\n„Gute Nacht!\" Zunächst ein Mal legte\nWilhelm in diese paar Silben so viel Wehmut wie\ndie ganze Lyrik Lenaus sie nicht nur nicht enthält —\nLenau würde sich frivol dagegen ausnehmen. Das\nOhr des Fabrikanten, auf Essig und Humanität ab-\ngestimmt, mußte durch und durch erschüttert\nwerden — aller Essig wurde einfach ausgeschaltet,\ndas Ohr, gänzlich human geworden, würde, wenri\nes ein Auge gewesen wäre, sofort getränt haben;\naber es gibt ja für Ohren etwas Aehnliches. Beim\nFabrikanten, dem so meuchlings durch einen Ton\nder Essig entzogen wurde, der, also wehrlos ge-\nworden — es gibt nichts Ungesunderes — bloß noch\nhuman reagierte, brach keine kleine Gemütskrank-\nheit aus: akute Melancholie, zwei Sekunden Irren-\nhaus. Wäre Wilhelms Ton blos wehmütig ge-\nwesen, so hätte der zermatschte Humanerich ihm\nreuig eine neue Livree anmessen lassen — basta.\nJedoch, Wilhelm legte in diese Wehmut noch\netwas, eine unbestimmte, aber unendliche, ge-\nladezu geisterhafte Angst einflößendes, eine ge-\nheimnisvolle Drohung. Das Ohr, weich gebuttert,\nwar für diese Drohung dermaßen durchdringlich\ngeworden, daß irgend ein kalter Dolchstoß hin-\ndurchzugehen schien. Der Essigsaure erschrak,\nwar entsetzt, entfärbte sich und jappte nach Luft.\nAber nun war da noch etwas im Ton, vielleicht das\nAllerwirksamste von allem: Sowohl in der Weh-\nmut als in der Drohung lag und lauerte eine tiefe\nund inbrünstige Moralität; so etwa: „Ich, Wil-\nhelm, ungerecht verletzt, weiß, daß Dich den\nEssignen das Gericht ereilen muß!\" Damit erst\nwar der Ton sanktioniert: von aller dienerhaften\nImpertinenz völlig staubfrei gemacht, schien er\nätherisch und schleuderte aus himmlischer Höhe\nden Wehmütiggeschundenen in den eigenen bren-\nnendsten Essig hinein, hinunter. Schließlich —\naber das war Wilhelm's Triumph — bezauberte\nder Ton durch das mächtigste, saftvollste Glücks-\nangebot: Was Lenau! Was Unrecht, Rache, Zer-\nmatschtheit! Was bloßer Humanitätsdusel! Nein\nes gilt etwas Heroisches — noch, noch, noch ist es\nmöglich, nur noch eine Sekunde: Ich Wilhelm\nkönnte — vergeben, ich will es aber nicht, nie, nie,\nniemals — gute Nacht — es ist aus, zu spät —\nvorbei — gute Nacht! —\nWilhelm ging, aber der Ton hallte nach wie\nDonnerton in Gebirgsschluchten, wie das Röcheln\ngemordeter Engel, hallte nach, wollte sich nicht\naus dem Ohr verlieren, suchte sich ewig seinen\nWeg zu Hirn und Herzen des Essigmenschen. Es\nist so leicht verständlich, daß der Sentimentale die\nSentimentalität verträgt; hingegen der Stoiker, der\nCharakterfels, vom leisesten Hauch der Rührung\nangeweht, stürzt wie vom Blitz getroffen in sich\nzusammen.\nEs sind auch nicht etwa die eigentlich Gemüt-\nlosen, welche.diesen Zusammenbruch zu besorgen\nhaben: sondern die Kalten, die mit dem Feuer der\nMenschenliebe nur humanitätsduselig spielen: sie\nhäufen so viel Werg und Zunder um ihr dürres\nHerz, daß schließlich ein Funke, eine zündende\nSilbe, ein elektrisches „Gute Nacht\" zur Flamme\nund Asche macht, was im Grunde danach gierte.\nDiener Wilhelm's „Gute Nacht\" warf den Essig-\nverfertiger über den Haufen: ihm war nicht mehr\nzu helfen. Gegen diese flagrante Melancholie,\ndiesen galoppierenden Verfolgungswahn half kein\nSanatorium der Mitwelt. Der Essigne goß Essig\nin seine Badewanne, schindete sich mit einem\nReibeisen die Haut wund, sprang in die Wanne,\nraste mit tosenden Schmerzensrufen heraus: und,\num Auskunft gefragt, starb er mit dem Höllen-\nschrei: „Gute Nacht!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-31-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-31_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-03-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "38", "page_fin": "38", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.2.9", "titre_corps": "Berichtigung", "titre_sommaire": "Berichtigung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.6", "debut_caractere": 11470, "fin_caractere_exclue": 11806, "texte": "Berichtigung\nIn dem Beitrag Sti 1\" von Karl Kraus (Nummer 4)\nsind in der zweiten Spalte, 28. Zeile von unten, die Worte:\nunterm Weidemond in Anführungszeichen zu\nlesen; in der 10. Zeile von unten statt: Lenzmismus\nLenzmimus; in derdritten Spalte, 13.Zeile von oben statt:\ndaß das; in der 28. 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Kostiim-\nmodell\nAbend: Dauerakt\nAtelier Berlin W / Liitzowstr. 82\nVormittag: Akt\nNachmittag1: Portrat\nAb end: Skizzieriibungen nach\ndem Akt\n(2 Stunden 50 Pfg.)\nAnfragen nach Schillerstr. 3\nBerlin W. 35 / Potsdamerstr. 121 a\nAtelier\nClara Elisabeth Fischer\n:: MALEN :: ZEICHNEN ::\nNeu seit i. November\nPlakatkunst :: Graphik :: Eintritt\njederzeit :: Naheres Prospekte\nHANS BALUSCHEK\nMaler\n:: Schulatelier fur Damen ::\nBERLIN W., Lutzow=Strasse 82\nAtelierhaus, linker Aufgang\nProspekte Brief-Adresse:\nSchoneberg - Berlin, Vorberg - Strasse 15\nSchule fur graphische Kunst\n■ ■\nPotsdamer Strasse\nPrivatstrasse 121 G\nMALSCHULE\nSystem L.v. 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Fischer, Diede-\nrichs u. a. zwecks Herausgabe\nkiinstlerisch ausg-estatteter Klas-\nsiker begriindet haben, beginnen\njetzt die ersten Bande zu er-\nscheinen, von Goethe dieWahl-\nverwandschaften und Kleinere\nErzahlungen sowie der Faust\nund Urfaust, von der Kleist-\nAusg-abe die vier Bande der\nWerke, von der Heine-Aus-\ng-abe die Gedichte und dieTra-\ng-odien in zwei Banden. In der\nWeififraktur und in der g-leich-\nfalls von dem beriihmten Buch-\nkiinstler E. R. Weifi besorg-ten\nGesamt-Ausstattung- zeichnen\nsich die Ausg-aben durch Ge-\ndiegenheit und Vollkommen-\nheit aus. Als Einzelausg-aben\nprasentieren sich die Bande\nebenfalls sehr vorteilhaft. ■■\nJederßandkostet: Inmodernem\nenglischen Leinenband M 3.—.\nIn Halblederband im Stil der\nZeit M 3.75. 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Wenn Sie\naber durchaus die Bereitung von Sauglingsnahrung im\nHaushalt selbst vornehmen wollen, so raten wir Ihnen\ndringend dazu, den bewahrte Kinder-Nahrzucker\nMALTOSANA\n(Nutricia-Nahrzucker) zu nehmen, der auch von\nden Aerzten dem bisher üblichen Milchzucker vor-\ngezogen wird. Sie verabreichen dadurch gleichzeitig\neinen Kraftnahrungszusatz. Die Pfund-Dose kostet\n1,50 Mk. Zu haben in alien Apotheken u. 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Die Backbaiismllcli entspricht in physio-\nlogischer und hygienischer Hinsicht dem Vorbild, wie es uns die Frauenmilch\ndarbietet und ermdglicht, wie diese, eine regelmaßige, von außeren Storungen\nunabhangige Entwickelung des gesunden Kindes. — Dann aber stellt sie im Falle\nvon Magen- und Darmkrankheiten des Sauglings ein Diatetikum von entschiedener\nHeilkraft dar, welches die Behandlung mit Medikamenten wesentlich unterstiitzt,\nja manchmal ganz entbehrlich macht. — Sie bildet, als das ausschliessliche\nNahrungsmittel wahrend der ersten 9-10 Monate, ein durch kein anderes\nPraparat mit gleicher Sicherheit zu ersetzendes Vorbeugungsmittel gegen die\nso ungemein verderblichen und haufigen Brechdurchfalle. Vielfache Versuche\nan Kliniken, Krankenhausern etc. haben Vorstehendes zur Geniige erhartet.\nDr. Friedel Nachf. — Heilbronn, Herbststr. 26: Ferd. Marx — Kaiserslautern: Emil Andre, Dampfmolkerei.' — Kolna.Rh.,\nHansaring 81: Hupertz & Schurmann Nachf. — Krefeld, Inratherstr. 191: H. Bogelmann. — Leipzig: Nutricia, Johannis-\nplatz 4,5. — Magdeburg: Magdeburger Molkerei. — Vohwinkel: Nutricia, Otto Volkmann. — YViesb ~ ' '\nWiesbadener Molkerei.\nWiesbaden, Bleichstr. 26:\ninn as\nIJ"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-31-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-31_01#c021", "volume": "bmtnabg_1910-03-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "39", "page_fin": "39", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 136, "texte": "Auslieferung ISr Osterrelch-Uogarn A, Miihlhans»SmJtal Wicn IX / Verantwortlich Iflr die Schriftleiteng in Ssterreich-Uegsm s Otto Soyka"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-31-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-31_01#c022", "volume": "bmtnabg_1910-03-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "40", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN ......\nZu haben In alien Apotheken und Drogerien / Alleinige Fabrikantin\n/ Fabrlk fur pharmaceutischcn Bedarf / Berlin-Halensee\nWoklschmeckend Sicker wirkend\n. .\n. ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-03-31-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-03-31_01#c027", "volume": "bmtnabg_1910-03-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "40", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.8", "debut_caractere": 1518, "fin_caractere_exclue": 1761, "texte": "Verlag „Der Sturm\"\n> /\nWir iibernahmen inunsernVerlag-\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFiir Gesang- u. 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Familien-\nbedarf / Briefordner,Wirtschaftsbiicher, Durch-\nschreibebucher/Albumsf.Postkarten,Zeitungs-\nausschnitte, Photographien/Anfertigung von\nVisiten-u.Einladungskarten.Familienanzeigen\n:: :: :: :: SPEZIALITAT: :: :: :: ::\nB\na\nB\na\na\na\na\na\na\na\na\nB\na\na\nB\na\na\na\nB\n-\nBlocks in alien Grossen (Manu-\nskriptblocks in Quartformat) ■ Fiill-\nfederhalter fiir die Tasche ■ Tinten-\nstifte in verschiedenen Qualitaten u.\nPreislagen ■ Sicherheits - Fiillfedern\nStylographicPens-Korrespondenz-,\nJournal-, Unterschrifts- und Manu-\nskriptmappen ■ Loschmappen und\nSchreibunterlagen ■ Gesamter\nSchreib- und Schreibtisch-Bedarf\na\na\na\nB\na\na\na\na\nB\na\nB\na\na\na\na\na\nB\nB\na\n8"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.1", "texte": "Erscheinungstag: Mittwoch\nEinzelbezug: 10 Pfennig\nDER STURM\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524. Anzeigen-Annahme und\nGeschäftsstelle: BeilinW3s, Potsdamerstr. 111 /AmtV1,3444\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark / Halbjahresbezug 2,50 Mark /\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nERSTER JAHRGANG\nBERLIN/DONNERSTAG/DEN 31. MÄRZ 1910/ WIEN\nNUMMER 5\n\nINHALT:\nOTTO STÖSSL: Kameraderie / CHAM-\nMAY PINSKY: Nacht/ALFRED DÖBLIN: Gespräche\nmit Kalypso über die Musik/ADOLF LANTZ: Die\nHochzeit des Gilles de Rais / FERDINAND HARDE-\nKOPF: Puppen und heilige Damen /ALBERT EHREN-\nSTEIN: Parasiten der Parasiten / BERNHARD IH-\nRINGER: Eduard Engel und seine Opfer/MYNONA:\nGute Nacht\n\nKameraderie\nVon Otto Stössl\nGemeine Menschen machen selbst eine aus-\nnahmsweise edle Handlung gemein, während der\nHohe sogar Böses adelt, das er verüben muß. Den\nMaßstab für die sittliche Beurteilung gibt nicht die\nTat, nur der Täter. Deshalb hält der vulgäre Irr-\ntum sich gerade an die deutliche, in ihren Folgen\nscheinbar leicht zu messende Tat. Er stellt dem be-\nstimmenden Wesen der handelnden Charaktere,\ndas er nicht ohne weiteres enträtseln wilL noch\nkann, eine Mauer moralischer Majoritätsbeschlüsse\ngegenüber.\nDieses Mißtrauen der Gemeinheit belauert\ndoppelt wachsam jeden Versuch einer freien geisti-\ngen Organisation und lügt dem unbekümmerten\nTrieb den niedrigsten Zweck an, weil es die natür-\nliche Feindschaft höherer Menschenvereinigungen\nwittert und fürchtet. Ein typisches Beispiel hier-\nfür möchte der gehässige Sinn der Formel „Kame-\nraderie\" abgeben. Das Wort ist die Verhöhnung\neines an sich edlen Instinkts: der Freundschaft,\nder Hilfsbereitschaft innerlich Verwandter, geistig\nZugehöriger, eine so unvorsichtige Verdächtigung,\ndaß man billig fragen könnte, warum nicht jede\nSammlung von Menschen zu bestimmten Hand-\nlungen und Pflichten schon mit ihrem Namen ihren\nSpott, ihre sittliche Verneinung aussagt, warum\nsich nicht schon an wreit umfassendere Bindungen\nvon Anbeginn an die gerechtere Gehässigkeit\nknüpft, etwa an den Staat, die Kirche, Armee, Ge-\nwerk- und Konsumvereine. Müßte dann von\nRechtswegen nicht jeder Beruf schon mit seinem\nNamen alles Ueble anschuldigen, das er enthalten\nund gelegentlich ausbilden mag? Außer dem\nWort „Pfaffe\" bekommt nicht leicht eines den Ge-\nburtsfehler so üblen Nebensinnes mit, wie die\n„Kameraderie\". Die Sprache, welche immerhin\nein tieferes Gewissen der schaffenden Mensch-\nlichkeit bedeutet und wahrt, versagt sich mit Recht\nsolcher Verallgemeinerung, es widerstrebt ihr, das\nWort „Freundschaft\" durch eine schielende Ver-\ndächtigung zu entstellen, so muß ein fremdes er-\nborgt werden, um für den Instinkt der Gemeinheit,\nder sein Ebenbild und Gleichnis in allem Tun\nwittert, einen Ausdruck herzugeben, worin alle\nAbsichten engerer Verknüpfung von Menschen\nunter Einem als bösartig angezeigt werden. Was\nsich in Berufen zu bestimmten, sichtbaren Wir-\nkungen, zu Machtorganistationen mit offenkundi-\ngen Zwecken verdichtet, entgeht dem Unglimpf,\nwas seine wahren oder vorgeblichen Motive auf\nder Stirne geschrieben trägt, braucht ihre Miß-\ndeutung nicht zu fürchten, wenn es sie gleich hun-\ndertmal in aller Gelassenheit verkehrt. Sofort\naber stürzt sich das Uebelwollen der Masse und\nmit unfehlbarer Gewalt auf Verhältnisse, die, un-\nabhängig von äußeren Gründen durch innere Not-\nwendigkeit zustande gebracht, inneren Gesetzen,\nden Willensrichtungen und Gemütsforderungen ge-\nhorchen und nach verschiedenen Seiten gleichsam\neine Ausstrahlung geistiger Kräfte entsenden, die\nnach der Art der Genossen fruchtbar oder ver-\nderblich, immer aber von äußeren Bedingungen\nhalbwegs befreit, ihre Wirkung ausüben. Der ge-\nheimnisvollen Anziehung, Gewandtheit und Macht\nsolcher Wahlgemeinschaften begegnet die große\nMasse, der das Argument nicht gehört, mit Hohn,\neinerlei, ob sie das beste Gewächs ausrottet, das\nihr Boden trägt, oder das geile Unkraut. Dem an-\ngeblichen Urteil der Menge setzt der Einzelne\nbillig sein Vorurteil gegenüber, ihr Vorurteil kann er\nnur mit der Klarheit des Urteils erwidern.\nEs ist die tiefste Weisheit der Natur, daß sie\nihre Gebilde durch den Kampf, ihre Fruchtbarkeit\ndurch das stete Widerspiel erhält, worin jede Be-\nwegung ihren Gegensatz zugleich entfesselt und\nbesiegt, erzeugt und braucht, sich in ihm auflöst\nund neu gebiert. So läßt sie dem Machtinstinkt\ndes Ichs ein tiefes, seelisches Gemeinschaftsbe-\ndürfnis, den groben Zweckvereinigungen der Ge-\nsellschaft zarte, willkürliche Wahlgemeinschaften\nantworten: Freundschaft, Liebe.\nDie substilste Wahlgemeinschaft, die Freund-\nschaft, wird in ihrem Gefühlswert ganz durch die\nAuslese des Genossen bestimmt, ihr Zweck bleibt\nverinnerlicht. Darum sind alle Handlungen, die\nder Freundschaft entspringen, so recht unmeßbar\nund fragwürdig. Jeder Selbstbetrug bringt zer-\nstörende Folgen. Das Vertrauen wird allzu leicht\nenttäuscht, die Kraft des Gefühls erschwert die\nDauer, seine Besonderheit und Willkür läßt keine\nallgemeine Glaubwürdigkeit zu. Gibt es eine\nzartere Harmonie, ein feineres Gleichgewicht?\nMan wendet das Wort Kameraderie an, wo\nsolche seelische Verbindungen über das engste\nMaß individueller Zugehörigkeit hinausgreifen,\neinen ganzen Ring von Gleichgesinnten erfassen\nund ihre Kräfte dem Ziele gegenseitiger Er-\nhöhung dienstbar machen. Was dem Einzelnen\ngern zugestanden wird, daß er nach allem Vermö-\ngen schlecht und recht auf seinen Vorteil bedacht\nsei, bleibt der Kameradschaft verübelt. Sie bringt\nnämlich dieses mit sich: der Kreis ihrer Zugehöri-\ngen schätzt das Gemeinsame so inständig, daß er\nselbst die widersprechenden individuellen Hem-\nmungen überwindet, er mißt jedem Einzelnen so\nviel Wert bei, daß er dessen Anerkennung wie\nseine eigene empfindet und zur eigenen Sache\nmacht, jeder handelt in unbewußter oder absicht-\nlicher Uebereinstimmung mit den übrigen so, daß\ner jedem Genossen dieser Wahlgemeinschaft das\nbeste Gelingen seiner persönlichen Bestrebungen\nmit allen Mitteln zu ermöglichen sucht, nicht ohne\nein Gleiches von ihm vorauszusetzen, zu ver-\nlangen, zu erreichen. Jeder ist jedem in diesem\nVerhältnis zugleich unter- und übergeordnet.\nEin geheimnisvoller Zusammenhang scheinbar\nunabhängiger Menschen übt seine Macht spontan\naus, er wirkt nach allen Richtungen, wirbt Teil-\nnehmer selbst ohne es zu wissen, das Beispiel ver-\nlockt Unschlüssige, reizt zur Nachahmung, zu-\nsehends entwickelt sich eine bestimmende Be-\nwegung.\nEs ist das rechte Beispiel für die Gewalt des\nPersönlichen, das, Verwandtes an sich ziehend, die\neigene Art potenziert. Die Gefahr der Verallge-\nmeinerung solcher, ursprünglich individuell beding-\nter und gefärbter Zugehörigkeiten ist erheblich,\ndenn mit der Verbreitung tritt eine Verflachung\nder Ideen, eine Vergröberung der Zwecke und\nMittel ein, es entwickeln sich Meinungs-, Ge-\nschmackskonventionen, kurz die Masse schleicht\nsich in den Kreis ein, den sie vorerst geschmäht,\nsie löst ihn auf; indem sie ihm den Schafsgehorsam\nzollt, macht sie ihn selbst zum Leithammel. Die\nNahrung, die sie solcher neuen schöpferischen\nOrganisation dankt, verschlingt sie gierig, trotz-\ndem sie sie durch Mißtrauen, Verleumdung und\nHohn beschmutzt hat.\nAber um diese unvermeidliche Entwicklung\nbraucht sich der ursprüngliche Trieb nicht zu\nkümmern, der sein höheres Recht wahren darf.\nDer Spott, der die Einzelnen treffen soll, fällt auf\ndie Menge zurück, die von ihnen besiegt wird,\nEs gilt, den Instinkt selbst zu erwägen und\ndienstbar zu machen, die Notwendigkeit zur Frei-\nheit zu erheben und vor sich selbst zu rechtferti-\ngen. Die Masse, die sich der verächtlichen Kame-\nraderie nicht erwehren kann, mag der gerechten\nruhig unterworfen werden. Aber die Kameraderie\nsollte sich auf sich selbst besinnen, sich zu sich\nselbst bekennen: es ist die vornehmste Eigen-\nschaft des Geistes, allenthalben den Geist zu ahnen,\ndas Bedeutende wie mit einer Springwurzel aus\ndem Versteck aufzuspüren und unter Tausenden\nsein Zeichen zu erkennen. Es ist Beruf und Pflicht\ndes Geistes, dem Geist anzugehören und zu hel-\nfen und dabei sich selbst die höchste Rechtferti-\ngung zu gewinnen. Es ist nahezu das einzige zu-\nverlässige Zeugnis für eines Mannes Wert, wenn\ner mit dem Bewußtsein der eigenen auch das frem-\nder Bedeutung vereinigt, wenn er neben dem ein-\nfachen Instinkt der Icherhaltung den feineren, sel-\nteneren einer gerechten Würdigung des fremden,\nedlen Selbst bewahrt. Es bleibt die einzige Auf-\ngabe, die ein unabhängiger, schöpferischer Mensch\nanerkennen mag, der gleichgültigen Zwangsge-\nsellschaft ringsum eine absichtsvolle, freie aus un-\nabhängiger Wahl aneinandergeschlossene, durch-\ngeformte und bestimmte Vereinigung entgegenzu-\nbilden, die durch sich selbst eine höhere Art er-\nwirkt, welche den Einzelnen über sein gegebenes\nMaß hinaushebt. Es ist die einzige Entwicklung,\ndie ihren Mann verdient. Freilich gehört ein ge-\nwisser Mut dazu, soviel Zutrauen nicht bloß zu\nsich, sondern zu fremden Menschen, Ideen, Lei-\nstungen zu haben, nichts kann tiefer erschüttern,\nals ein Irrtum in dieser Grundfrage. Aber Geist\nist eben Mut schlechthin."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.2", "texte": "Die Rechtfertigung des eigenen Wesens durch\nsolche Wahlgemeinschaft bedeutet einen Gewinn,\nder selbst mit Enttäuschungen nicht zu teuer be-\nzahlt wird. Ueberhaupt welche Angst vor bösen\nErfahrungen! Als wären sie nicht die einzige\nWährung, mit der wir die Launen, Abenteuer,\nZügellosigkeiten, Genüsse, all die Jahreszeiten-\nwechsel, den Sternenhimmel unserer Geistigkeit\nbezahlen müssen!\nDas Vertrauen zu Menschen, die Ehrerbietung\nvor solchen, die ich als groß erkenne, mein unbe-\nirrtes Zeugnis für sie, erhebt mich selbst, dagegen\nschränkt mich die Unfähigkeit der Hingabe an\nfremde Ideen und fremden Wert, die Feigheit,\nmich in mich selbst und zwar in die leerste, küm-\nmerlichste Sekurität der ungestörten Existenz zu\nflüchten, auf engste ein. Den Gemeinschaftsin-\nstinkt zu einer Freiheit und Sicherheit der Wahl\nauszubilden, ist die einzige Pflicht eben des indivi-\nduellen Geistes und das einzige gerechte Maß sei-\nner Beurteilung. Das hat natürlich nichts mit der\nnotwendigen und selbstgerechten Einsamkeit zu\nschaffen, in der jeder lebt, auch ohne sie erst be-\nwußt zu erwirken, denn es gibt Zustände und\nHandlungen, Absichten und Aeußerungen auch des\ngeistigen Lebens, die schlechthin und notwendig\nsozial sind, Beziehungen verlangen und erzeugen,\nwährend nebenher, darüberhin der ganze unge-\nminderte Horizont der Einsamkeit sich wölbt.\nDiese eigentümliche Notwendigkeit innerer\nBeziehungen, einer willkürlichen Sozialität befreit\nden Einzelnen selbst bei übernommener Bindung.\nIrgendwie ist seine Leistung der von ihm bejahten,\naufgesuchten, geförderten, verwandt. Was einer\ndraußen irgendwo entdeckt, an sich zieht, liebt,\nwird seine Ergänzung und sein Triumph.\nNichts Böses und Widerwärtiges liegt in der\nNatur solcher Gemeinschaftsbildungen und Aeuße-\nrungen, die erst durch Einzelne und ihren Unwert\nverdächtig, schlecht werden können. Alle großen\nMenschen haben Verwandte vereinigt, mit unver-\ngleichlicher Gabe der Anziehung festgehalten und\njedem sein Aeußerstes und Bestes entlockt, so daß\njeder dem Genie zumindest mit einem Strahl des\nGenies erwiderte. Durch die Kameraderie Richard\nWagners ist Nietzsches Geist entbunden worden,\ndessen Freiheit eben den Gemeinschaftsinstinkt\nheiligte, da er ihn überwand. Die Welt einfacherer\nSitten hat solche Wahlorganisationen selbstver-\nständlich gefunden und geachtet, nicht verleumdet.\nMan lese etwa die ehrerbietige Schilderung der\ngermanischen Gefolgschaft bei Tacitus. Die Sage,\ndie den geheimnisvollen Grundcharakter mensch-\nlicher Zusammenhänge durch längstvergangene,\nvom Glanz der Ewigkeit umleuchtete Begebenhei-\nten vergegenwärtigt, hat alle schöpferischen Ge-\nstalten der Geschichte in einen Kreis gleichge-\nsinnter, hilfreicher Gefährten gestellt und die Ein-\nsamkeit jedes Großen erst recht vertieft, indem sie\nsein Maß an der Gemeinschaft der Besten zeigt.\nWir wollen den Mut haben, uns ebensowohl\nzu uns selbst, wie zu denen zu bekennen, die wir\nwie uns selbst bejahen, zu fördern, was wir dessen\nfür würdig halten, wie auch ein gleiches anzu-\nnehmen.\nWas die tägliche Gemeinheit in aller Unschuld\nund Schuld selbstverständlich verübt, ohne jegliche\nSkrupel, ja nicht einmal durch ein schlichtes Ge-\nfühl gerechtfertigt, aus niedrigstem Trieb, das un-\nwürdigste, auch nur, was ihr gleicht und gemäß\nist, durchzusetzen, wird dem strengen, unabhängi-\ngen Urteil, der gewissenhaften Einsicht, der Frei-\nheit des Einzelnen zur Pflicht. Der Feindschaft,\nRoheit und Unfähigkeit zu begegnen gewärtig,\nsollte er der immer bereiten Organisation der\nDummheit nicht die naive und stolze Wahlgemein-\nschaft der Begabung, des reinsten Willens ent-\ngegensetzen? Er sollte nicht getrost seine Kame-\nraderie mit dem Werte der Kameraden begründen?\nUnsere Handlungen sind genau soviel wert, wie\nwir selbst. Wir müssen ihnen vertrauen, denn der\nMaßstab für unser Tun liegt in uns. Wir dürfen\nihn nicht aus der Hand geben.\nIhr sollt unsere Taten an uns erkennen.\n\nDie Nacht\nVon Chammay Pinsky\nDie Nacht war eine Insel in dem Meere\nUnseres heißen Blutes.\nAls trügen Engel unser Zelt\nDurch ferne Wellenländer\nDurch schwarze Ewigkeiten\nUnd schleuderten es plötzlich in die Mitte\nDer Nacht . . .\nDie schwarze Schöpferin der Leidenschaften\nSie sah die großen Wunder unsrer Leiber\nUnd gierig trank sie unsre heiigen Sünden\nUnd wir — als ständen wir vor einem Blutfall\nWir knieten vor dem Blute\nUnd wir tranken . . .\nDie Nacht war eine Insel in dem Meere\nUnsres heißen Blutes.\nWir blühten, zwei junge rote Rosen\nDort zwischen welken schwarzen Urgewächsen\nWir sahen uns nicht selber,\nWir vergaßen\nDie Grenzen unsrer Leiber\nZwei Ewigkeiten\nVereinigt\nIm Unendlichen.\nDie Nacht war eine Insel in dem Meere\nUnsres heißen Blutes.\nEs war als trügen Engel unser Zelt\nDurch ferne Wellenländer\nDurch blasse Ewigkeiten\nUnd stellten es behutsam zu den Füßen\nDes Morgens . . .\nUnd wir erkannten uns beim ersten Schimmer —\nGeschwister einer Nacht.\nWir lagen blaß und müde vor dem Morgen\nUnd ahnten was die Nacht uns tat.\n\nGespräche mit Kalypso\nErstes Gespräch: Die Verzauberten\nunter sich\nUeber die Musik\nVon Alfred Döblin\n(Strand einer Insel, darauf gelbes kraftvolles Son-\nnenlicht vom dunkelblauen Himmel. Der Morgen-\nwind reibt die leichten Steinchen an einander, fegt\nsie von den Dünenerhebungen herunter, klatscht\ndas Meerwasser gegen die weit vorspringenden\nKlippen. Das graugrüne Meer, draußen mit zahl-\nlosen purpurnen Lichtblitzen, vor dem Gestade\nmit brillantener Gischt, rollt satt. Oefter züngeln\nWellen mit Surren weit über den Sand, belecken\nrasch die braunen Schiffstrümmer, die Türen,\nMasten, Blöcke, Balken, Tonnen, Seile, die das\nMeer erbrochen hat. Zwischen dem Gewirr sprin-\ngen zwerghafte Männer und Frauen, vom Leib ab-\nwärts Vogelkörper mit schwarzem, struppigen Ge-\nfieder und sehnigen Klauen, spitze gelbbraune Ge-\nsichter, schwarzäugig mit Flügelstümpfen am\nRücken; schleppen die Trümmer auseinander,\nhüpfen in die Tonnen, daß oft nur ihr strähniges\nSchwarzhaar herlugt. Das Volk, bald kreischend,\nbald lautlos tätig, hat verbissene faltige Fratzen;\nihre unruhigen Glieder sind von gieriger Mager-\nkeit. Sie schnarren Menschensprache.)\nEin Alter\n(sich auf einen Balken setzend): Wir finden nichts\nmehr.\nEin Anderer:\nEr ist satt, er hat genug.\nEin Dritter:\nEs ist nichts mehr; lauter Plunder.\nDer Alte:\nKinder, laßt gut sein; es ist nichts mehr da. Wir\nwollen heim vor der Glut. (Das Volk schlägt noch\nHolz zusammen, belädt sich mit Körben. Während\nsie sich sammeln und landeinwärts ziehen, gegen\ndas Meer gewendet, bitter, für sich.) Ich möchte\neinen von diesen gesehen haben. Sie trugen\nKettchen, Amulette, seltene Steine mit sich, Vasen,\ngeschnitzte Truhen, Seidenstoffe, zart geknüpfte\nDecken; Zithern, Lauten und Schellen hatten sie\nauf dem Schiff; wie zur Hochzeit sind sie ausge-\nfahren. Von meinem Lande müssen sie gewesen\nsein. Aber das Wasser schluckt jedes, jedes\nherunter, das dickwanstige Ungeheuer, wie wenn\nnichts leben dürfte als das Meer.\nEin Jüngerer\n(Volles, nur leicht braunes Gesicht; geht mit\nTränen neben den Alten.) Wurdest Du so alt und\nhast noch nichts vergessen?\nDer Alte:\nDu quälst Dich schon?\nDer Junge:\nBald ertrag ich es nicht.\nDer Alte:\nMein Kind, es gibt Krankheiten, die wie Ratten am\nMark unserer Glieder nagen. Denk Dir einen so\nkranken Menschen, dem die Glieder immer wieder\nwachsen, die ihm abgefressen sind von jenen\nRatten, und dann kennst Du uns. Du bist hier auf\nder Hochschule für Sentimentalität.\nDer Junge:\nEs wächst ein Kraut, das heißt Mord. Damit speis'\nich sie, wenn anders ich Hände hab'.\n.Der Alte:\n(Lacht gutmütig, fährt ihm über das Haar). Was\nschwatzt Du? Ich dulde, was in den Knieen der\nGöttin ruht. Keiner unter uns, der nicht eines\nNachts mit berauschtem Hirn aufgestanden, in ihre\nGrotte geschlichen wäre und den Dolch an ihren\nHals gesetzt hätte. Sie ist unsterblich. Kaum,\ndaß sie eine Schramme hat, so brennt der Dolch\nauf, wie ein Stück Zunder, von ihrem Blute ange-\nsteckt; und mit Blasen in Händen und Gesicht\nlaufen sie fort von ihr, jammernd von ihr, die nicht\neinmal aufgewacht ist und kühlen sich die Wunden\nund weinen vor Bitternis und Schmerz. Ein Weib\nwollte sie einmal erwürgen, die der Göttin dienen\nmußte; ihre langen Zöpfe schnürte sie der Göttin\num die Kehle; es war hier am hellen Strande. Von\nhinten sprang die Bestie an und warf die Unsterb-\nliche auf die Stirn, während wir jubelten. Aber die\nHaut der Unsterblichen rollt und biegt sich elastisch\nwie Stahl. Kalypso richtete sich langsam auf,\nnahm die Kreischende in die Arme, löste der Ge-\nfangenen langsam die Zöpfe auf und wies sie von\nsich fort; aber von dem Kopfe der Aermsten\nklapperten von da ab Eisenkettchen herab, eins um\ndas andere, jedes Haar ein Kettchen, das auf den\nRücken und die Schultern peitscht. Man erzählt\nsich: Ein Tollkopf, wie Du, wollte sie in Schande\nstürzen, sie, während sie schlief, vergewaltigen.\nSie wehrte sich gar nicht, während er bei ihr lag;\nsie genoß seiner in Ruhe, er gefiel ihr. Aber man\nsah ihn nicht wieder; eine Schildkröte kroch am\nMorgen aus ihrer Grotte, schläfrig die Lider\nsenkend, auf der sie mittags sitzt, wenn sie ins Bad\nsteigt.\nDer Junge:\nNimm mir etwas ab.\nDer Alte:\n(Packt sich von dem Holz des Jüngeren auf; sie\ngehen stumm nebeneinander.)\nDer Junge:\nMeine Eltern warten auf mich; ich habe Vogel-\nklauen! — Dies ist unglaublich, ist unglaublich.\nIch hatte die Besinnung verloren, als unser Bremer\nSchiff brach; seit diesem Augenblick bin ich nicht,\nnicht, nicht erwacht, sag' ich, — ich träume. Ich\nbin untergegangen, faule auf dem Meeresboden.\nDer Alte:\n(stumm nickend): Ja, ja, es ist ein Geheimnis um\nuns. Glaub' mir, ich habe schon oft zu Kalypso ge-\nbetet und ihr gedankt, daß sie mich dieses Geheim-\nnisvolle lehrte. Aber auch um die Göttliche ist\nein finsteres Rätsel. Sie soll, als die alten Götter\nstarben, die leichtherzigen, verschwenderischen\nOlympier, vergessen sein; der eine neue Gott, der\ndie andern alle unter Felsen und Bergen begrub,\nvergaß sie in seiner Siegeswonne, die hier flötend\nund leise singend, umging auf einem Inselchen im\nWeltmeere. Nun ist die Welt so glatt und blank\ngeworden, überall und an jedem Ende, — nur hier\nverfinstert es sich, brausen unheimliche blaue und\ngraue Schatten auf, wird noch einmal hinter stillen\nMauern der entsetzliche Zorn der Götterschlacht\naufzucken, bis auch sie vertilgt ist. (Flüsternd):\nSie wird sterben, wir mit ihr. Kindisch und\nschwach wird sie, mehr von Tag zu Tag. Die\nsüße Versonnene gärt jetzt von Haß und Ekel; sie\nweiß, ihre Tage sind gezählt. Einen Mann schleppt\nsie mit sich, der aus dem Hochzeitsschiff sich ge-\nrettet hat; sie pflegt ihn, schwatzt mit ihm. Nur\nBlumen und Flöten waren sonst ihre Gespielen; ja\nsie ist krank.\nDer Junge:\nIch will zu Gott beten; meine Not ist arg.\nDer Alte:\nHilft nichts; kein Gebet dringt zu Gott durch; leg\nDich schlafen, mein Kind."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.3", "texte": "Die Hochzeit des Gilles de Rais\nVon Adolf Lantz\nAnfänglich jagte ich nur so hin, daß oft-\nmalen ein niedrig wachsender Zweig mir ins\nGesicht schlug. An zwo Stunden raste ich wie im\nWahnsinn durch das Land. Am Seeufer erst ritt\nich mäßiger, den Kopf gesenkt. Das edle Tier\npfauchte mit gebäumtem Haupt verschnaufend\ndurch die geblähten Nüstern. Nebel stieg aus dem\nWasser auf, als ich flüchtig das Auge wandte, die\nSonne brach hindurch, matt glänzte die Fläche.\nWarf die Kleider ab, tauchte unter und schwamm\nin langen, kraftvollen Stößen in den See hinaus, bis\ndaß ich ermattete, der Frost mich schüttelte.\nNackend schwang ich mich aufs Pferd, die Kleider\nunterm Sattel bergend, trieb es zum Galopp,\ntrocknete den Leib an der Luft. Steigerte sowohl\nBad wie Ritt zur äußersten Anstrengung, das\nDenken gewaltsam zu ersticken. Wagte kein\nGebet, wagte auch nicht gen Himmel aufzusehn.\nErschien mir für Augenblicke alles wie ein\ndumpfschwüler Traum, das Erlebte so wenig wahr-\nhaftig wie dieses Hinjagen ohne Ziel, und würde\ndavon sicherlich auf gewohntem Lager erwachen,\nzur Morgenandacht in die Kapelle zu gehen. Ein\nfriedlich beseeligend Gefühl durchwärmte mich.\nBlondes, duftendes Haar fiel über mein Gesicht, die\nLippen wölbten sich zu nachgeriießenden Küssen,\ndie Zügel schwellten in den hohlen, greifenden\nHänden zu zarten, festen Brüsten, von deren Be-\nrührung michs verwirrend überrieselte. Bis daß\nplötzlich, wie ich mich in der Eregung verlor, der\nblutende Leib des Mädchens vor dem Pferd hin-\nglitt. Ohn Willkür preßten sich allda die Fersen\nin die Flanken des Tieres, daß es in jähen Sätzen\naufschreckte gleich meinem Pulsschlag. Und\nstieß wieder gesenkten Hauptes in die Landschaft\nhinein, Dorf und Gehöft im weiten Bogen um-\nkreisend. Also betäubte ich mein Gehirn bis zur\nErschöpfung.\nIm dichten Walde war's, daß mich die starken\nWurzeln über dem Boden sowie die Wirrnis der\nStämme zu verlangsamtem Traben gezwungen.\nDa ordneten sich denn die Gedanken von selbst,\nden Sturm des Blutes bemeisternd. Fiel mir jetzo\nein, was ich bis zu dieser Nacht von Geschlecht-\nlichkeit gewußt, erahnt und zuweilen ersonnen.\nWie oftmalen im Traum eine Magd im Streit mit\nmir gewesen, bis daß ich sie gefaßt und ihren Leib\ngespürt mit ähnlicher Lust in den Fingern als\nwühlten sie im weichen Pelz des Hermelin. Schob\nsich der Rock von ihren Beinen, stieß der Fuß, bis\nans Knie entblößt, nach mir und traf mich gut,\ndavon ich entzundnen Blutes erwachte. Oder wie\nich mit Gleichaltrigem kämpfend, die Kraft zu\nstählen, im Ringen Leib an Leib gepreßt, Erregung\nempfand, heimlich das Gesicht mit küssendem\nMund an seinen Körper drückte. War auch vom\nMagister in mancherlei unterwiesen, davon er\nernsthaft gesprochen, streng und finster, daß ich\nmir kein Fragen getraute. Hatte wie ein Wissender\nlachend den lüsternen Reden der Knechte ge-\nlauscht, in dunklen Nischen die Mägde geschreckt,\ndiese und jene stürmisch an die Mauer gepreßt,\nihre Formen im Necken betastet, als Kind mich ge-\nberdend. Und jene wehrten mirs nicht, erduldeten\ndie Berührung, als würden sie der ernsten Spiele\ndes Knaben nicht gewahr oder gefielen sich gar\ndarinnen. Hatte auch die Lust des Hengstes ge-\nschaut wie des Stieres, und der Hunde, woran der\nMagister viel große Worte über die Natur und\nGott geknüpft. War denn auch der Strom meiner\nKraft nichts Neues, so mich erschreckt und aufge-\nwühlt, daß ich jetzo weitab von Schloß und\nMenschen in die Einsamkeit reiten gemußt. Son-\ndern wars vielmehr, daß ich vermeinte, gemordet\nzu haben, solchermaßen meditierend: hatte gar\ngern und viel die Armbrust auf den fliegenden\nVogel gerichtet, den Bolzen auf Rehe und Hirsche\ngesandt. Auch den Speer so Eber wie Wildschwein\nwuchtig ins Fleisch gejagt, stolz und in jubelnder\nLust, wann das Gewaffen fest saß. Hatte gesehen,\nwie jegliches Tier an blutender Wunde, so das\nEisen gefurcht, verendete. Aber hatte nie geahnt,\ndaß mein eigener Leib, ein Teil meines Fleisches,\nalso verwunden könne wie Stahl und spitzer Pfeil,\nso in selbiger Nacht geschehen. Davon ein\nMädchen lag gleich dem verendenden Reh, mit\nzuckendem Körper und brechendem Auge. Und\nhatte das Ungeheure nicht erfaßt, daß es ein Aus-\ndruck der Liebe und des Lebens gewesen, was mir\nein Sterben schien.\nEntflossen da gar reichlich Tränen meinen\nAugen, beteuerte Gott mit heißen Worten,\nwie sehr ich mein Weib liebte, wie ich sie\ngewißlich nicht so grausam verwunden gewollt,\nmichs meiner bösen Leidenschaftlichkeit reute.\nUnd flehte ihn gar herzzerreißend an, sie vom Tod\nzu erwecken, mich nicht als ihren Mörder zu ver-\ndammen. Davon ich mich verzweifelnd sehnte,\nbei ihr zu sein, Vergebung zu erlangen. Plötzlich\nstraffte ein scharf aufspringender Gedanke in jähem\nRuck die Zügel, daß mein Roß angewurzelt stand.\nWie, wenn sie noch lebte? Wenn Gott ein Wunder\ngetan, sie nicht verbluten ließ, sich unsrer erbarmt\nin seiner Gnade, uns beide retten gewollt? Jach\nriß ich den Renner herum, den Weg zurück.\nMittag war's. In fiebriger Hast strebte ich an-\njetzt aus dem Wald. Zu den Hügeln, die fern am\nHorizont ein Streifen waren, dehnte sich das ebene\nLand. Von Neuem abgeschüttelt war jegliche\nMüdigkeit, kaum berührte das Pferd mit den Hufen\nden Boden, also flog es in weiten Sprüngen, im\nSchweiß dampfend, dahin, zurück zum Schloß\nMachecoul. Die Sonne sank und mit ihr der Nebel\nauf den See, an dessen Ufer der Weg gieng. Aus-\ngedörrt, gleich einem Gelähmten hieng ich im\nSattel, immer den einen Gedanken fest ins Hirn\ngebohrt, daß noch Leben in ihr sein müsse, mir zu\nverzeihen. Wollte das Pferd schier zusammen-\nbrechen unter mir, konnte ihm keine Rast ver-\ngönnen. Riß im Vorübersausen einen Ast aus\njungem Birkenstamm. Mit solcher Peitsche\nspornte ich das Tier, schlug blutige Striemen in\ndas Weiß der schaumbedeckten Haut. Schon\nstand schattenhaft in die Dämmerung ragend das\nSchloß Machecoul vor dem getrübten Blick, da\nstürzte das Roß. Ließ es am Wege, schleppte mich\nvorwärts. Schlug mit dem Birkenast auf mich ein,\nwollt ich niedersinken, meiner Kraft erschöpft.\nNacht wars, da langte ich an, staubbedeckt,\nschweißtriefend mit aufgerissenem Wams, die blaue\nSeiden schwarz und grau überspült, das gold-\ngestickte Wappen befleckt und zerrissen. Mit zer-\nschundnem Gesicht und offenen Händen, einem\nFlüchtling gleich, vom Feind gehetzt, kehrte ich\nheim. Die Knechte stoben durchs Schloß, die\nMägde schrien auf, bekreuzigten sich. Durch sie\nhindurch gieng mein Blick, er traf sie nicht. Auf\nallen Vieren kroch ich die Treppe hinauf, schwankte\ndurch die finstern Gänge, stand endlich vor dem\nGemach, als könnte sie nirgend anders sein als\ndort, wo ich sie verlassen.\nDie Tür war offen. Vom Licht der Ampel\nüberschimmert, ruhte im geschnitzten Armstuhl\nmein Weib und lebte. Mein Haupt bettete ich\nwortlos in ihrem Schoß. Und fühlte jetzo wie\nschlanke Hände im bestaubten, feuchten Haar\nzärtlich kosten, eine helle Stimme gar lieblich\nsprach, davon mich ein schluchzendes Entzücken\nfaßte. Lag so, in Seligkeit und Müde aufgelöst, bis\ndaß sie den Pokal mit Wein an meine glühenden\nLippen setzte, davon ich gierig trank. Auch\nduldete sie weder Knecht noch Magd noch Anver-\nwandte im Gemach, als hätte sie begriffen und\nmit mir empfunden, daß wir heut nicht dem Anblick\nder Menschen taugten.\nDreimalen schlürfte ich noch aus dem Pokal,\ndann fiel ich wie ich war aufs Lager, das bewußte\nLeben dieses Tages im Fieberschlaf und Fieber-\ntraum endigend. «\nSah mich auf feurigem Rappen im sonnen-\nblitzenden Harnisch, viel Haufen Kriegsvolk um\nmich her. Schmetterten die Fanfaren und Drom-\nmeten aufreizend zur Schlacht, die Pferde tänzelten\nungeduldig und bissen ins Zaumzeug. Bolzen\nsausten durch die Luft, schwirrten vorbei, prallten\nam Panzer ab, streckten etliche aus dem Fußvolk\nzu Boden. Hoch auf sprangen wiehernd getroffene\nRosse, fielen in die Knie der Vorderbeine, blut-\nberieselt. Raste über das Feld vom Feind herüber\nein wildgewordener Renner. Sein Reiter hieng\nkopfabwärts im Bügel, das Geschoß ins Auge ge-\nbohrt, und schleifte am Boden. Gerade auf mich\nzu gieng sein windschneller Lauf. Ich legte die\nLanze ein, wandte stracks, bohrte mit Wucht die\nSpitze durch und durch ins Fleisch, fühlte wohlig\nim ganzen Körper, wie der Schaft in den Leib des\nTieres tiefer und tiefer drang. Sprühte im hohen\nBogen gleich entfesseltem Felsenquell ein Blut-\nstrahl auf mich, den Harnisch färbend, durch die\nRitzen des Visiers das Gesicht bespülend, mit\nbittersüßlichem Geschmack auf den Lippen haftend.\nGieng mein eigen Pferd unter mir durch, riß die\nandern mit sich, waren wir wie der Blitz mitten\nunterm Feind. Hieb mit gezücktem Schwert\nblindlings ins Getümmel, schlug klaffende Wunden\nmit jedem Streich, die Augen geschlossen, die\nZähne krampfig aufeinander gepreßt. Erlahmte\nplötzlich mein ermüdeter Arm. War eine gräßliche\nQual, wie ich ihn nicht mehr zu heben vermocht,\nwehrlos geworden. Wimmelten jetzo vor mir in\ngroßen Haufen durcheinander hunderte schreiende\nWunden, gelapptes Fleisch, vom purpurnen Saft\ntriefend. Wandte nach links: wogte allda ein un-\nübersehbares Feld abgehauener Köpfe auf mich\nein. Aus den Höhlen ausgeronnener Augen\nströmte es dickflüssig und rot. Auch meines\nWeibes Kopf war unter ihnen, der war schneeweiß\nund sein Mund stöhnte. Wandte entsetzt nach\nrechts: wuchsen gleich einer Pallisade tausend ge-\nspreizte Schenkel aus erdvergrabenen Rümpfen,\nvom Stahl unterm Knie gestumpft, die Männlichkeit\nzerschmettert und schwertdurchstochen, gar\nfurchtbar anzusehen. Wollte rückwärts ent-\nfliehen: waren so Wunden wie Köpfe und Schenkel\ndurcheinander gemengt, klatschte schwer vom\nglühenden Himmel aus riesigen Blutstropfen kar-\nfunkelnder Regen nieder, wälzte sich zäh-\nflüssig gleich fauligem Sumpfwasser heran,\ndie Brüder hinabschlingend, daß ich, allein inmitten\nder Qräuel, immer toller den Rappen um mich\nselbst kreisen ließ bis es mir war, als säße ich auf\nschwarzer, rollender Kugel mitten in einem Meer\nvon Flammen. Wollte aufschreien mit aller Kraft,\nkam aber kein Laut aus der erstickenden Brust.\n„Gilles! Gilles!\" weckte mich eine ängstliche\nStimme. „Was ist dir, Gilles?\"\n„Hab arg geträumt\" rief ich, emporfahrend.\nFiel schwer zurück, von kaltem Schweiß bedeckt,\ndumpfen Hirns, Blei in den Gliedern, wälzte mich\nauf dem Lager, dann schlief ich abermalen in\nTräume hinüber.\nSah mich im finstern Wald nackend zwischen\nden Stämmen hinreiten, einen Weg ins Freie\nsuchend, kreuz und quer, kehrte aber wie ver-\nzaubert immer zur selbigen Stelle zurück, zur\nhohen, breitstämmigen Buche. Selbige wandelte\nsich vor meinen Augen in einen Riesen. Der grub\nsich mit dem Kopf in den Boden ein, daraus liefen\ndie dicken Haarsträhne gleich Wurzeln über die\nErde. Die gigantischen, nackten Beine streckte er\nwie mich zu höhnen gen Himmel auseinander, an\njener Stelle, an der ich noch augenblicklich vorher\nden gegabelten Stamm der Buche gesehen. Ueber\nsolchen Schabernack und Spuk erbost, ergriff ich\nmein blankes Schwert, so quer vor mir auf dem\nRücken des Pferdes lag und hieb ihm eins hart\nunter die höhnisch gespreizten Schenkel. Kaum\nberührt, war er auch schon rückgewandelt zum\nBaum, von welchem dicht unter der Gabelung der\nletzte Stumpf eines abgebrochenen Astes, vom\nSchwert getroffen, niederfiel. Als hätte er damit\ndie Standkraft eingebüßt, wankte er knarrend und\naufstöhnend, dann stürzte er krachend vornüber\nauf seinen Nachbar. Dieser, vom unerwarteten\nStoß überrumpelt, ächzte auf von den Wurzeln bis\nzur belaubten Krone und fiel, mit weit aus-\ngreifendem Gezweig wie mit hundert Armen in die\numstehenden Wipfel sich klammernd. Diese bogen\nsich knarrend und knirschend, durch die Gewalt der\nUmarmung gefällt, rissen neben und vor ihnen Ge-\nwachsene ins Verderben. Worauf denn immer\nmehr und mehr Stämme im wilden Brudermord\ngen einander schlugen. Ueber die Leichen der\nBäume stolperte das Pferd, rings umher hallte Ge-\nkrach und Getöse. Die Erde war aufgewühlt und\nzitterte, ekles Gewürm wand sich aus ihr hervor.\nHirsche, Rehe, Füchse und viel andres Getier flohen\nin dichten Haufen vor dem stürzenden Wald. Aber\ngleich der Meeresflut schwoll die Vernichtung\nimmer rascher und mächtiger, bis daß sie die zu\nRudeln Gedrängten erreichte, die Leiber zer-\nschmetternd und zermalmend. Im breiten Blut-\nstrom watend bespritzten die stampfenden Hufe\ndes Pferdes meinen nackten Körper, davon er\ndunkelrot überströmt ward, wie gebadet darin.\nErstarrte das Blut zu erhärtender Kruste, daß ich\nin Purpur angetan war, von Schwärmen nest-\nvertriebener Vögel kreischend überflattert, Satanas\nvergleichbar, der hinter dem Verderben einher-\nschreitet, daran sich zu weiden. Verfolgte denn\nauch das schauerlich schöne Schauspiel der Selbst-\nzerstörung mit nicht anderer Empfindung als man\nvor dem Anblick eines gewaltigen Gewitters hat,\nwann eitergelber Strahl aus getürmten Wolken\ngrell aufzuckt, die Donner überm Haupt in die Un-\nendlichkeit rollen, wovon man im Gemüt gar\n\nSchluß"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.4", "texte": "prächtig erhoben wird. Endlich brach sich das\nwütige Schlachten am Ufer des Sees, der sich mir\nbot wie jener, in dem ich tags zuvor mich gereinigt.\nWeithin peitschten ihn jetzo die letzten, in ihn\nstürzenden Bäume, mächtig rauschten die Wogen.\nMit schnellenden Sprüngen wie in die Freiheit raste\ndas Roß in den See. Und wie die Wasser an\nmeinen Leib schlugen, ward ich mir des blutigen\nGewandes bewußt, darein ich gleich einem Panzer\ngeschmiedet, und schwellten die Sinne in Lust der\nReinigung. Mit Jauchzen empfing ich die heran-\nspülende Woge, so mich vom eklen Harnisch be-\nfreien sollte. Riß eine Strömung das Pferd unter\nmir fort, derweilen ich mit ausgestreckten Armen\nin eine Woge gegriffen, sie an mich zu drücken, und\nso ohne Halt war. Wälzte mich mit Seligkeit in\nden Wellen, welche mit tiefem Entzücken auch\ndann noch anhielt, als mich die Schwere des Blut-\npanzers ins Bodenlose hinabzog, die Wasser erst\nmeinen Mund, drauf Nase, Augen und Stirn\ndeckten, jetzo über mir zusammenschlugen, mich\nmit Wollust gleich wild lastendem Kuß er-\nstickten.\nDa erwachte ich mit zurückgehaltenem Atem,\nvon Schweiß durchnäßt. Der erste Morgen graute\nübermüdet ins Gemach. Mein Kopf lehnte an\nzarten, jungfräulichen Brüsten, so sich wie das\nAuf und Nieder friedlicher Wellen im Gleichmaß\nhoben und senkten. Im Nachtgewand aus blaß-\nleuchtender Seiden schlummerte mein junges Weib.\nStieg mir diese himmlische Erlösung aus bösen\nTräumen mit solchem Glück und solcher Seligkeit\nins Herz empor, daß davon Tränen in den Augen\nperlten. Wie ich mit dem Rücken der Hand sie von\nder Wange trocknen gewollt, spüre ich grieslig\nund kratzig festklebende Staubkruste an der Haut,\nvoll Sand auch mein Haar, strähnig durch ge-\ntrockneten Schweiß. Und wie ich jetzt an mir mich\naufrichtend hinabschaue, seh ich die unreine Brust\ndurchs aufgerissene Wams, die zerfetzte Seide der\nGewänder, vom Unrat der Wege über und über\nbesprengt. Sehe von Ekel erfüllt die zerkratzten,\nzerschundenen Hände, blutgekrustet und schwielig,\nund auf dem Lager, durch das Gewicht meines\nKörpers vertieft, neben der blaßleuchtenden kind-\nhaften Frau, wie in einer Rinne aufgefangen, im\nbreiten, dunkeln Streifen, als Abdruck meiner selbst\nvon mir geschabten und gebröckelten\nSchmutz —\"\nNach einem Augenblick schweigender Ge-\nbrochenheit fuhr der Gefangene aus seiner ver-\ngrabenen Haltung jäh empor.\nDraußen durch die Bogengewölbe der Gänge\nvon la Tour Neuve nahten dumpfdröhnende Tritte\nwaffenklirrender Männer. Schloß und Riegel,\nmächtig gerüttelt, fielen rasselnd. Die Pforte\nknarrte in den rostigen Angeln. Im Flackerlicht der\nFackeln, standen die Gewappneten vor der Tür.\nDurchs vergitterte Fenster aber graute die frühe\nDämmerung.\nDer mit dem Schuppenpanzer, der Schwarz-\nbärtige, trat ins Verließ:\n„Gilles de Rais! Die irdische Sühne erwartet\nEuch. Wir sind kommen, Euch zum Geleit. Ehr-\nwürdiger Bruder, hier endet Euer Amt. Uebergebt\nden Gefangenen in mir dem weltlichen Gericht.\"\nDa wandte sich jener mit aufleuchtendem\nBlick mir zu: „Ich gehe, mich loszukaufen von den\newigen Flammen. Tragt dieses Leben in Geduld!\nIn der großen Freude des Paradieses werden wir\nuns wiedersehen!\"\n„Will inbrünstig für Dich beten, mein Bruder,\"\nrief ich mit segnender Gebärde, „derweilen Deine\nreuige Seele von hinnen fährt. Knie in Glauben\nund Hoffnung auf die ewige Gnade ruhig hin vor\nunseres Vaters Tron. Dir wird vergeben sein, um\nChristi Wunden willen, Amen!\"\n\nPuppen und heilige Damen\nEine Theaterkritik\nFerdinand Hardekopf\nDie Marionettenbühne des Münchener Schrift-\nstellers Paul Brannist im großen Bildersaal von\nKeller und Reiner, wie ein Wandschrank (placard)\nhineingebaut. Das gibt ihr etwas Entrücktes, Mär-\nchenfernes. Die Beschauer sitzen korrekt und\nneurasthenisch im zwanzigsten Jahrhundert, die\nPuppen (so raffiniert sie konstruiert sind, so\nelektrisch immer bestrahlt) haben ihre Abenteuer\nin uralter romantischer Zeit. Wie aus einem Al-\nkoven zirpen ihre Nöte, ihre Hopser, ihre Verren-\nkungen hervor. Am schönsten ist's, wenn die Pup-\npen singen, Mozartsche Musik (und wenn die\nSchwedin Karin Lindholm, wann war ein Frauen-\nname lieblicher?, es für sie übernimmt). In des\nGrafen Franz Pocci romantischem Märchendrama:\n„Die Zaubergeige\" wird nicht genug musiziert.\nAber diese Geschichte ist spannend und konven-\ntionell. Kasperl, arm und faul, erhält für seine Gut-\nmütigkeit vom Kupfergott eine Zaubergeige, durch\ndie er berühmt wird. Am Hofe des Herzogs macht\nihn der Glanz halbtoll. Er will die Prinzessin Ama-\nlie verführen, ihr Strumfband interessiert ihn, und\nwird zum Galgen geschickt. Letzter Gefahr rettet\nihn die Geige. Und nun wieder ruppig und ordinär\nbekommt er die treue Grete. Der Kupfergott de-\nklamiert: „Das Unzulängliche, hier wirds Ereig-\nnis \" Liebes, liebes Münchener Märchen.\nFür Kinder. Erwachsene, wenn sie darauf dres-\nsiert sind, finden an zwei, drei Stellen Anspielungen\naus der Geschlechtsgegend. Man hatte auch po-\nlitische Couplets hineinverpackt — o so naive!\nNiemanden sollten sie verletzen. . . .\nVor mir, in der ersten Parkettreihe, glomm\naschblond der Dutt eines jungen Mädchens. Von\nder Stirn und von den Schläfen strömten drei innige\nWellen nach hinten und verschlangen sich zum\ntiefen etwas unordentlichen Knoten. Die jungen\nSchultern froren unter einem durchbrochenem\nTuch, besetz mit ganz zarten silbernen Flitter-\nblättchen. Der Rock war nicht sorgfältig genug\ngeschlossen. Was machte den Sinn dieser jungen\nDame wirr und ihre Hand lässig? Manchmal bog\nsie den Kopf zurück und spähte in die murmelnde\nDämmerung des Saals. Schaute sie „vers l'infini\"?\nIhr Antlitz, zu rührend schmalem Kinn verschmach-\ntend, war blaß und süchtig. Brauchte diese Grete\neinen Kasperl, einen ordinären? .... Ach, allen\nGlanzaugen der Jünglinge wich die Scheue aus!\n. . . Jetzt aber, in der Rapidität, da ein Wunsch\nerwächst, schoß heiße Gier in den Spalt zwischen\nihren tiefgewölbten, stahlblauen Lidern. Ich, dem\nZiele jener gehässigen Gier folgend, ersah jenseits\nall der Reihen, ein junges Mädchen, das sich\ndehnte ....\nIn diesem Augenblick waren der helle Saal\nund die brav plärrende Marionettenwirtschaft ver-\nschwunden —: weithin eine braune Landschaft\nletzter Zerrissenheit. Zwischen den beiden König-\nreichen, dem des Mannes und dem der Frau,\nschäumte der graue Strom des Hasses, der einst\nStrom der Liebe hieß. Und eine Stimme, höflich\nerklärend, dröhnte die Strophe des Romantikers\nAlfred de Vigny:\nBientöt, se retirant dans un hideux royaume,\nLa femme aura Gomorrhe, et Phomme aura Sodome;\nEt, se jetant de loin un regard irrit£,\nLes deux sexes mourront ehacun de son cöt£.\n. . . Als der Vorhang zum letzten Male da\nwar, nunmehr endgültig, taumelte die Aschblonde\nwie trunken dem Ausgange zu. Ihre Glieder wa-\nren von Blei. Ihre Augen waren aus den Höhlen\ngetreten, wie bei Absynthtrinkerinnen. Die Wan-\ngen, wächsern, brannten in hektischer Hitze. Die-\nses junge Mädchen, auf der hoffnungslosen Suche\nnach dem häßlichen, namenlos gnadenreichen\nKönigreiche Gomorrha, entschwand . . .\nAuf einem Bilde des Malers Rebel, an der\nWand dieses Saales, entdeckte ich sie wieder. Sie\nstammte aus der Zeit, da Rebel die Titelblätter zu\nStanislaw Przybyszewskis Rbmanjtrilogie: „Homo\nsapiens\" zeichnete. Ein ekstatischer Wille hatte\ndiesen (polnischen) Gliedern eine fließende, zer-\ngehende, verwesende Schönheit gegeben — eine\nHerrlichkeit, die Tränen rief und Wut., Alles\nKleinliche, Schlimme, Bedachte war hier über-\nwunden; das Träumen dieser Frau war eine An-\nbetung ohne Grenzen, ein Erschauern ewiger Hin-\ngebung. In polnischer Erde war diese Ekstase\nerwachsen. Pola — DU Auserwählte eines aus-\nerwählten Volkes —: in DIR erkannte ich all die\nheiligen Frauen des Jahres neunzehnhundertund-\nzehn wieder. Denn die heiligen Frauen dieser Zeit\ngleichen sich und erkennen sich — an den Schmer-\nzensfalten um ihre verblutenden Lippen, an ihrer\ntodeswunden Raserei ....\n\nDie Parasiten der Parasiten\nVon Albert Ehrenstein\nImmer, wenn man so ein Mädl sah, aß sie einen\nIndianerkrapfen! „Der Einfluß des Frauenstudiums\nauf die Zusammensetzung des Universitätsbüfetts\"\n— das wäre ein sehr lohnendes Dissertations-\nthema . . . Namentlich für den Sohn eines Aristo-\nkraten oder einen Hofratsstämmling, der hiezu ein\nReisestipendium bekäme, das zwar den Besuch\nPariser oder Berliner Nachtlokale dieszwecks nicht\ndirekt vorschriebe, aber immerhin wesentlich er-\nleichtern würde . . . Die Umwälzungen, welche die\nkleinen Naschkatzen im Büfett hervorriefen, blie-\nben ohnehin die einzigen durch das Frauenstudium\nan der Universität heraufbeschworenen. Denn in\nder Wissenschaft, mein Gott, die Mäderln be-\nherrschten ja gewöhnlich mehr fremde Sprachen\nals ihre Kollegen. Sie hatten mehr Sitzfleisch,\nsomatisch und geistig. Zweifelsohne! Nicht ge-\nschwächt durch Bacchus, Venus, Merkur und schon\ngar nicht durch Saturn entwickelten diese Jung-\nfrauen einen horrenden Fleiß. Handelte es sich aber\num selbständiges Vorgehen, dann standen sie hilf-\nlos da und fabrizierten Nudeln. Geologische Nu-\ndeln, mathematische Nudeln, philosophische Nu-\ndeln . . . Sie saßen geduldig alle Vorlesungen ab,\ndie sie inskribiert hatten, sie schrieben jedes Wort\nnach, das so ein ahnungsloser Professor aus-\nsprach und lernten jeden Schmarren auswendig,\nkramten ihr Wissen bei den unpassendsten Ge-\nlegenheiten aus — mit jeder Eigenheit der Diktion\ndes Vortragenden — die reinsten Phonographen.\nChinesisch hätten sie mit derselben Wonne gelernt\nwie deutsche Literaturgeschichte. Aber schöpfe-\nrische Arbeit? Sympathischer waren sie mir trotz-\ndem als ihre Herren Kollegen. Dummheit, sagen\nwir es weniger brüsk: Beschränktheit, gemildert\ndurch ein liebes Gesichterl — das war so die For-\nmel für die Studentinnen, immer noch vorzuziehen\nden männlichen Reinkulturen von Roheit und Bor-\nniertheit, Deutschtümelei und Unbildung. Die wür-\nden wieder etwas zu grinsen haben, wenn der Pro-\nfessor Edlmann, wie das vorige Mal, meine An-\nsichten mit überlegener Ironie behandeln sollte.\nAber wart nur: mitten in einem seiner Ausfälle\nwerd ich nach simulierter Heiserkeit geräuschvoll\nund nonchalant eines der dicszwecks mitgebrach-\nten Salmiakzeltchen zu mir nehmen . . . Zwar\nunser eleganter Herr Hofrat war ein ausgezeich-\nnetter Causeur. Wer konnte es ihm da im Grunde\nverargen, wenn er zufälligerweise meine armselige\nKompilation zum Objekt seiner geistreichen Be-\nmerkungen machte. Das war wohl tragisch für\nmich, den Studiosus der Geschichte, aber ich — der\nNichthistoriker — brachte für die Spöttereien des\nGelehrten einiges Verständnis auf und bedauerte\nnur hie und da, keinen einzigen Hieb ein bißchen\nparieren zu dürfen. Endlich durfte man ja von\neinem Unterrichtsbeamten, der sich bei einer nicht\ndurch ihn erfolgenden herben Kritik der Dynastie\nnie darauf besann, daß er vom Staate und nicht\nvon der Firma Habsburg-Lothringen bezahlt wurde,\nman konnte von ihm nicht verlangen, daß er —\nman bedenke: ein Hofrat — ruhig zuhörte, wie ein\nunreifer Mensch dem Paradestückel der Habs-\nburger dem Volke gegenüber, dem Kaiser Josef,\nfixe Ideen vorwarf, ihn einen verworrenen Nach-\nahmer Friedrich des Großen nannte und überhaupt\nradikaler Witzbold, ja Anarchist genug war, Maria\nTheresia den einzigen Mann in der langen Reihe\nder Chefs der österreichischen Linie dieses Hauses\nzu nennen. Diesmal hatte ich nichts dergleichen auf\nLager — wenigstens meiner Ansicht nach. Und im\nNotfall, wenn es doch zum Krach kommen sollte,\nging ich einfach mit meiner Dissertation um ein\nHaus weiter zu dem Professor a non habendo. So\nnannten wir nämlich unter uns den andern Instituts-\nvorstand, den Hofrat Geist Im Seminar, wo\nschon die Lampen brannten, neckte sich gerade eine\nDame in Trauer mit dem kleinen Bibliothekar her-\num, der wie gewöhnlich seinen räudigen Miniatur-\nschnurrbart liebkoste und seine winzigen Beinchen\nmit so steifer Würde hierin und dorthin lenkte, wie\ndas nur ein neugebackener Doktor zu tun vermag.\nEr war auch in der Tat weniger ein mit einem\nSchnurrbart versehener Doktor, als der Besitzer\neines Doktorates und Schnurrbartes. Von den all-\nwissenden Archivwürmern war Gott sei Dank\nkeiner vorhanden. Viele neue Gesichter erfrisch-\nten mich, Gesichter schadenfroher Leutchen, die\nallerdings nicht zu diesem Zwecke sich eingefun-\nden hatten, sondern sich an der Fortsetzung meiner\nalso schon bekannt gewordenen Abschlachtung\nweiden wollten. Vorderhand aber betrachtete ich\ndie Physiognomien der seltenen Gäste mir genauer,\ndie, wie ich bald heraus hatte — die Herrschaften\nsprachen etwas laut — durch eine Eigenheit die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.5", "texte": "Phantasien kühnster Mythologen übertrafen. Denn\ndie Gegenstücke vielleibiger Riesen, Phorkyaden\nwie Gorgaden, begnügten sich, manchen Tieren\noder Staaten ähnelnd, mit zusammen einem Zahn\nund Auge. Laut der Mitteilung eines ziemlich apo-\nkryphen alexandrinischen Grammatikers- sollen\ndiese Kommunistinnen auch allerhand andere Kör-\nperteile in einem gemeinsamen Exemplar besessen,\nund wie ein womöglich noch apokrypherer gelehr-\nter, aber mit der klassischen Walpurgisnacht un-\nbekannter Kommentator des fabelhaften Alexan-\ndriners versichert, damit auch ausgekommen sein.\nJa nicht einmal für dies Pflichtexemplar Verwen-\ndung gefunden haben. Meine Kollegen schlugen\nden Rekord dieser antiken Freaks noch um ein be-\nträchtliches, denn ihrer zwanzig hatten zusammen\nnicht annähernd ein einziges Gehirn . . . Der Hof-\nrat trat ein. Der Bronchialkatarh des Gewaltigen\nmußte sich seit dem letzten Male bedeutend ge-\nbessert haben, denn der Professor war, wie ich so-\nfort freudig konstatierte, bei weitem nicht so „gran-\ntig\" wie damals. Der unbewölkte Zeus lachte zwar\nnoch Fange nicht, im Gegenteil, es setzte ein Don-\nnerwetter, aber es entlud sich nicht über mich. Die\nerste, den wirklichen Seminarmitgliedern reser-\nvierte Tischreihe war wieder einmal leer, der\nBibliothekar allein repräsentierte die Blüte der zu-\nkünftigen österreichischen Geschichtsforschung.\nDie anderen schwarzrotgoldenen Bänder waren —\nvermutlich aus Antipathie gegen den altliberalen\nHerrn — knapp vor viertel sechs in Irgend eines\nder so bequem bei der Universität gelegenen Cafe-\nhäuser ausgerückt, allwo sie, wie es sich in Oester-\nreich für teutschvölkische Studenten geziemet,\nskatspielend an ihren Stammtischen saßen. Wobei\nes öfters vorgekommen sein soll, daß die Herren\naufbrechend ohne treudeutschen Heilgruß vonein-\nander Abschied nahmen, weil, ganz abgesehen von\ndem Kassastand der Verlierenden, die meist ohne-\nhin nur ein paar Heller betragenden Spielschulden\nnichtsdestoweniger von manchem unter ihnen prin-\nzipiell nicht beglichen wurden, mit den Worten:\n„Man zahlt nur, wenn man gewinnt!\" . . . Etwas\nverschnupft über die abermalige Absenz dieser\nHerrschaften zog der Hofrat sein ebenso putziges\nals gefürchtetes Notizbüchlein hervor. Auf die\nschüchterne Einwendung des Bibliothekars hin, die\nmeisten der fehlenden Seminaristen befänden sich\ngegenwärtig im Stadium der Lehramtsprüfung, er-\nkundigte er sich teilnahmsvoll nach dem Lose der\nübrigen. Daß diese Herren an heftigen Hals-\nschmerzen litten oder gar an Influenza erkrankt\nwaren, schien ihn aufrichtig zu betrüben, doch be-\nhielt er trotz seiner innigen Trauer hinreichend\nFassung zu bemerken, er verzeichne die Namen\nder Bedauernswerten nur, um festzustellen, ob in\nihrer Abwesenheit nicht System liege, eine gewisse\nGesetzmäßigkeit, deren Walten in den Geschichte\nmachenden Kräften auch sonst nicht zu verkennen\nsei! ... „Kommen Sie mir um Gotteswillen nicht\nmit dem Chaos des Geschehens,\" fuhr er den armen\nBibliothekar an, dem vor Schreck das Doktorat\nund sozusagen auch der Schnurrbart abfiel. „Die\nordentlichen Mitglieder setzen sich einfach über die\nTeilnahme an den Seminarübungen mit Hilfe einer\nsonst raren Art von Arbeitsteilung hinweg, indem\ndie Herren abwechselnd sich in einem überaus aku-\nten Stadium der Lehramtsprüfungen zu befinden\nvorschützen, aus dem sie übrigens kurioserweise\nnie herauskommen, abwechselnd werden sie von\nnicht genug zu beklagenden Erschütterungen ihrer\nGesundheit heimgesucht . . . Für ihre mit dem\nKausalitätsprinzip schwer vereinbare, mehr fata-\nlistische Geschichtsauffassung, Herr Bibliothekar,\nbleibt noch immer genug Raum. Denn wenn die\nbetreffenden Herren dereinst zur Prüfung erschei-\nnen sollten, ich gebe es zu: nichts anderes als eine\nans Wunderbare grenzende Häufung widriger Zu-\nfälle wird an gewissen Ergebnissen Schuld tragen.\"\nDer Bibliothekar sank irgendwo unter den Tisch.\nDann fragte der Hofrat, wie immer vor Beginn des\nReferates, ob nicht endlich doch eines der von ihm\ngestellten Themen Gegenliebe gefunden habe. Das\nwar nun absolut nicht der Fall: der Professor war\nein Greuel in den Augen meiner biederen Germa-\nnen. Er war etwas zu rigoros. Namentlich liebten\nsie ihn nicht, weil der Bösewicht soviel Aufhebens\nmachte, wenn ein armer Teufel von Student einen\nund den anderen Geschichtsschreiber aus Versehen\nohne Anführungszeichen zitierte. Verstimmter er-\nkundigte sich der Hofrat bei den wenigen Damen\nund Herren, die es mit ihm gewagt hatten, wie weit\nsie in den übernommenen Arbeiten gekommen\nseien. Und als das Gräßliche zutage kam, daß eine\nDame, die kurz zuvor noch anscheinend außer-\nordentlich lustige Dinge ihrer Nachbarin zugezwit-\nschert hatte, frevelhafterweise noch kein einziges\nder für ihr Elaborat nötigen Bücher gelesen hatte\nund dabei noch lachte, da erklärte der Wüterich\ndezidiert, es sei fern von ihm, auf ihrer weiteren\nAnwesenheit zu bestehen. Hierauf lud er mich mit\nden verbindlichsten Worten ein, meinen interessan-\nten Vortrag fortzusetzen. Ob solcher Umschwung\nin der Behandlung meiner Wenigkeit bloß Beloh-\nnung des mir in diesem Momente wie auch bei\nder Zusammenstellung der Arbeit entströmten\nSchweißes sei, oder gar einer Art Reue entstamme,\nmich früher ein klein wenig „gehunzt\" zu haben,\ndarüber grübelte ich noch, als ich schon zu meiner\neigenen Ueberraschung mitteilte, diesmal alle übri-\ngen Punkte erschöpfen und nur die Schilderung der\nreligiösen Streitigkeiten mir auf die nächste Stunde\naufsparen zu wollen. Mit Müh und Not verhinderte\nich meine schnell üppig gewordene Zunge hinzuzu-\nfügen, daß ich infolge einiger persönlicher Erleb-\nnisse außerstande sei, die in derlei Dingen unum-\ngänglich nötige Objektivität aufzubringen. Ja, ich\ngewann es sogar über mich, den prachtvollen Rat\nder Jesuiten: „Ungarn ist zuerst elend, dann katho-\nsich, schließlich deutsch zu machen\" zu erwähnen,\nohne diese von dem damaligen Landesvater, Leo-\npold 1., im dritten Punkte nicht befolgte Taktik\netwa gehässig zu kritisieren, weil der Held einer\nmeiner Skizzen von einem Vehikel, in dem ein\nJesuit saß, über und über mit Kot bedeckt worden\nwar. . . Das waren die „persönlichen Erlebnisse\"!\nMeine anfängliche Bestürzung über diese selten,\nsonst aber gleich gründlich in Erscheinung tretende\nUnbeherrschtheit, vielleicht Unabhängigkeit meiner\nSprechwerkzeuge legte sich, ich stotterte zwar\neinige Zeit noch beim Vorlesen, doch das hatte eher\nin jenem gewissen wissenschaftlichen Stil seinen\nGrund, den nicht imitiert zu haben ich sonst mein\nLebtag bedauert hätte. Uebrigens: hätte ich mich\nin meiner durch ihre Länge ausgezeichneten Arbeit\nnicht ihr kongenialer Satzungetüme bedient, son-\ndern mich eines mehr mitreißenden Stiles beflissen,\nwäre mir sicherlich „Journalismus\" zum Vorwurf\ngemacht worden. Dabei jedoch, mitten unter\nSchachtelsätzen, in einem Deutsch aneinander-\ngekoppelt, so schlecht, wie ich es nie gehofft hatte,\nwaren, nur um so wirkungsvoller, da und dort\nRosinen eingesprengt, Atemstationen für mich,\nkurze, meist nur scheinbare Witzworte, in denen\nauf vieldeutig unverfängliche Art meine ketzeri-\nschen Ansichten geborgen waren. An einer Stelle,\nwo ich mir die aber schon mehr eindeutige, harm-\nlose Bemerkung gestattete, jeglicher Systemwech-\nsel, jeder Wechsel republikanischer Regierungs-\nformen mit aristokratischen sei belanglos, irrele-\nvant, da ja das, worauf es einzig ankomme, die\nTechnik des Regierens, wohl infolge des sich gleich\ngebliebenen Materials, seit der Zeit der Pharaonen\nsich nicht verändert habe — an dieser Stelle unter-\nbrach mich Seine Majestät mit einem erstaunten\n„diese Ansicht ist originell\", worauf die geräusch-\nlose Flucht um ihren Genuß gekommener Kollegen\neinsetzte. Von Salmiakzeltchen war keine Rede\nmehr — eher war es möglich, daß ich die Kragen-\nfasson des Professors akzeptierte, schon weil heut-\nzutage kein Mensch mehr Vatermörder trug, und\nmir außerdem einen so geistreichen Spitzbart\nwachsen ließ, wie der Hofrat einen sein Eigen\nnannte. Und da der Gelehrte, nun darauf aufmerk-\nsam geworden, daß ihm hier keine gewöhnliche\nKompilation vorlag, sondern auch geistreiche\nWorte, wie er meinte, geistreichelnde, wie ein Un-\nerbittlicher in mir feststellte, kritisierte er nicht\nmehr, sondern konversierte aufs freundlichste mit\nmir. Ich schämte mich des unverdienten Lobes,\ndenn das Ding, das ich da vorlas, gehörte nicht\nganz mir. Draufkommen konnte mir allerdings\nnicht so leicht einer. Weil ich auf Grund desselben\nMaterials, das meinen Vorgängern, die ich aus-\nschrieb, den verschiedenen Professoren und Hof-\nräten zur Verfügung stand, prinzipiell zu vollkom-\nmen entgegengesetzten Resultaten kam. Schließlich\nkonnte es aber gar nichts anderes werden als eine\nKompilation, da keine noch nicht verwerteten Do-\nkumente auffindbar gewesen waren . . . Als mir\nder Hofrat einen „unschuldigen\" Zitatendiebstahl\nnur mir erkennbar leise vorwarf, errötete ich glück-\nlich (er meinte vor Empörung über diese Verdäch-\ntigung), und von da ab hatte ich gewonnenes Spiel\nbei ihm. Um sechs Uhr, eine Stunde vor Schluß,\nbefand sich nur mehr ein Viertel der ursprünglichen\nZuhörer im Saale. Sie schlichen sich erst gegen\ndreiviertel sieben wieder ein, um sich die Testuren\nund eventuell die Seminarzeugnisse zu holen, muß-\nten aber noch vernehmen, wie der Hofrat mich er-\nmunterte, die Arbeit zu veröffentlichen. Die älte-\nsten Seminarmitglieder konnten sich ähnlicher\nSanftmut und derartigen Lobes nicht entsinnen,\n„der Alte hat heut einen guten Tag gehabt,4' ora-\nkelten sie, und dabei sah ihnen der Neid aus den\nAugen, sie hatten einen fürchterlichen „Qizi\". Ich\nwar nämlich nicht besonders beliebt bei ihnen. Wenn\nihrer einer mich mit „Heil Ihnen\" oder „Heil dir\"\ngrüßte, hatte ich die unangenehme Gewohnheit,\n„Guten Morgen\" zu danken, wenn es kohlraben-\nschwarze Nacht war und umgekehrt. Und das\nkonnten sie nicht ausstehen. So und jetzt stellte\nsich mir noch ein Doktor mit einem wohlassortier-\nten schwarzen Spitzbart vor, ein gewisser Herr\nLöbl. Ah! Der war auch ein Dichter. Wenigstens\ntrug er eine flatternde Krawatte. Das Dichten aber\nüberließ er wohl, wie viele, der deutschen Sprache.\nEr gratulierte mir zu meinem seltenen Erfolge.\n„Selten\" — das war zweideutig, aber — alle Ach-\ntung, er hatte schon die grausliche Lehramtsprü-\nfung hinter sich und war seit ein paar Jahren\nSupplent, also ein halber Professor! Hut ab. Und\nder gratulierte mir. Ich kam mir wie ein Hoch-\nstapler vor. — Wir gingen miteinander. Die Nischen\nund Gänge der Universität waren schon voll von\nschmelzenden Liebespaaren, die wie gewöhnlich\ndes Abends Säle und Aula als feineren Rendez-\nvousort und bessere Wärmstube benützten. „Er\"\nals Kommis selbstverständlich im Stadtpelz, „sie\"\nmeist mit unschuldig-verworfenem Gesicht,\nschwimmenden Augen. Und mir stand ein wissen-\nschaftliches Gespräch bevor: Alle Schuld rächt sich\nauf Erden!\nVor ein paar Stunden noch hatte ich an mein\nTagebuch die Frage gerichtet, ob nicht die Erde ein\nLebewesen sei und die Bäume und Gräser eine\nKrankheit der Epidermis, eine geringfügige Haut-\nkrankheit, wir Menschen und Tiere aber nichts als\nSchmarotzer und Parasiten, ganz gewöhnliche Ba-\nzillen! Dann wieder auf die Lobesworte des Pro-\nfessors hin war alle Demut fortgeflogen, meine\nSeele besah sich wohlgefällig im Spiegel und war\ndabei großmf.tig genug, die fremden Federn zu\nignorieren, mit denen ich mich geschmückt hatte.\nJetzt aber nahte das Verderben, ich selbst mußte\nbeliebig oft den Mund öffnen, damit der Mann der\nWissenschaft Gelegenheit habe, mir auf den Zahn\nzu fühlen. Vorderhand zwar schritten wir gewal-\ntig die Stiegen hinab, und es ergab sich, daß ich\ndem schnell vertraulich Werdenden nachgebend,\nder lauten Alserstraße aus dem Weg zu gehen be-\nschloß. Hierauf spazierten wir und unsere Schatten\nein wenig unter den Arkaden herum, um später auf\ndie Florianigasse loszusteuern. Ausbeugend fragte\nich, v/as der Edlmann mit dem Veröffentlichen ge-\nmeint habe, in der stillen Hoffnung, es werde\nmeinem Referat ein ruhmvoller Abdruck in einer\nunserer renommiertesten Historikerzeitungen\nblühen. Die Phrase war nicht mehr als eine Auf-\nforderung gewesen, meine Arbeit auszuführen und\nals Dissertation einzureichen. Das hätte ich mir\nauch denken können, doch was konnte man\nmachen . . .? Und sei es eine Stunde, nachdem\nsie gesprochen wurden: alle Worte sind Orakel und\nnehmen in der Erinnerung immer Färbungen an,\ndie zu der Stimmung passen, in welcher man ge-\nrade herumplätschert. Was sagte der Herr Löbl\nnoch? Sechs bis acht Monate ernster Arbeit in\nallen möglichen Archiven wären erforderlich, wenn\nman das Herz des Professors halbwegs rühren\nwolle. Grauenhaft! Dann allerdings ginge er einem\nin jeder Beziehung an die Hand, bringe seine\nSchützlinge gut durch die Prüfungen und verschaffe\nihnen Supplentenstellen oder gar Dozenturen. Von\nder Aussicht, in den diversen Hof- und Staatskanz-\nleien als Aktenstaubschlucker funktionieren zu\nmüssen, war ich nicht enthusiasmiert. Aber wel-\ncher anständige Student ist am Ende nicht jeden\nAbend davon überzeugt, daß er vom nächsten Mor-\ngen ab einen geradezu märchenhaften Fleiß ent-\nwickeln werde? Und gar wenn solche Ziele vor\nAugen standen! Ich sah mich schon als Dozent,\naußerordentlicher Professor, Hofrat, und ich muß\nes gestehen: ich behandelte meine Schüler mit über-\nlegener Ironie. ... In diesen Träumen störte mich\nmein Begleiter, als wir von der Schlösselgasse in\ndie Laudongasse einbogen, „schon um diesen be-\nrühmten Feldherrn dadurch zu verherrlichen,\" wie\ner über seinen eigenen Witz lachend meinte."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.6", "texte": "Eduard Engel und seine Opfer\nVon Bernhard Ihringer\nVor nicht zu langer Zeit gab der Berliner\nFeuilletonist, Parlamentsstenograph und Kritiker,\nProfessor Doktor Eduard Engel eine Literatur-\ngeschichte heraus. Sie wurde von der Tages-\nkritik gelobt, durch Abdruck des Waschzettels\n(zum Beispiel vom Hamburger Korrespondenten,\nder nach diesem Faktum merkwürdigerweise noch\nimmer ernst genommen werden will). Das\nPublikum kaufte pflichtschuldigst. Kaufte so gut,\ndass sich der Verfasser zu Grösserem hingerissen\nfühlte und unabgeschreckt durch die bitteren\nPillen, die ihm von manchen Kritikern einge-\ngeben wurden, zu Weihnachten 1909 den deutschen\nLesern ein dickes Buch darbot, auf dem also ge-\nschrieben steht: Eduard Engel: Goethe, der\nMann und das Werk.\nAber noch bevor dieses Opus sich bei dem\ndeutschen Bildungsphilister „eingeheimt\" hatte —\num das genial geprägte Wort des vermeintlichen\nNeutöners zu gebrauchen, — hatte besagter Autor\ndurch einige Aufsätze im Sonntagsblatt der Vos-\nsischen Zeitung des Pudels Kern enthüllt. Er\nbewährte sich als selbständiger Forscher, indem\ner „der Stein\" die Maske vom Gesicht riss und\n~die Steinu in ihrer wahren „Minderwertigkeit\"\nbeleuchtete. In bengalischer Beleuchtung er-\nstrahlte aber die gute Christiane, die bisher von\nden bösen Forschern „in Bezug auf\" ihre intellek-\ntuellen Fähigkeiten als quantit£ n£gligeable be-\nhandelt worden war. Ihr gebührte die Palme,\nnicht der hochmütigen Aristokratin, die der Demo-\nkrat Professor Eduard Engel mit dem Hass des\nVolksmanns verfolgt. Und wenn auch Goethe\nihr die schönsten Briefe schrieb, wenn er immer\nzu ihr empor sah, als zu der einzigen ganz\ngrossen Liebe seines Lebens: Professor Engel\nkennt das: „Reichere Lebenserfahrung hat ihn\"\n— Professor Eduard Engel — „die Möglichkeit\ngelehrt, dass Männer und Frauen, selbst die\nedelsten, selbst die klügsten, sich vollkommen\nübereinander täuschen; dass die feinsten Reiz-\nschwingungen zwischen den Geschlechtern die\nMacht haben, Schleier zu breiten über tief auf-\nklaffende Seelenabgründe; Einbildungen zu ver-\nwandeln in wirkliche Leistungen; kluges aber\nleeres Zuhören und Schweigen verwechseln zu\nlassen mit vollem Wesenseinklang.\" Das lehrt\nHerr Eduard Engel Goethe.\nIst es nicht eigentlich zum Weinen lustig,\nwenn ein Buch, in dem auch nicht ein tüchtiger,\nselbständiger Gedanke steckt, die geschickte\nMache eines mit Zettelkastenweisheit um sich\nwerfenden, geschäftigen Vielschreibers in kürze-\nster Zeit vier Auflagen erlebt? Wobei noch zu\nfragen wäre, wieviele Tausend Exemplare jede\nAuflage umfasst. Das Wundern über die Seicht-\nheit des literarischen Urteils hat man sich längst\nabgewöhnt. Wenn sich aber auch noch herostra-\ntische Gelüste regen? Wenn der, dessen Streben\nes sonst nur war, der Menge zu gefallen, mit\nein paar Fechterkunststückchen und einigen aus\ndem Zusammenhang gerissenen Zitaten die be-\ngründete Ansicht fast eines Jahrhunderts auf den\nKopf stellen will? Dann ist es nötig, mit aller\nkritischen Schärfe vorzugehen und einem popu-\nlären Werke, das das Urteil des Volkes bestimmen\nwill, doppelt und dreifach schwer anzukreiden,\nwas man bei einer akademisch-sachlichen Unter-\nsuchung nicht tragisch nehmen würde.\nil| f,,Wie vieles,\" seufzt Eduard Engel ~in\nGoethes geheimsten Herzensleben bleibt uns un-\nverständlich, wo er selbst zu schweigen beliebte.\"\nAch hätte der Herr Professor doch die Konse-\nquenz gezogen und selbst über Manches ge-\nschwiegen. Mit der Entdecknngswut des Philisters\nund der Detektivpose des Literaturhistorikers stürzt\ner sich auf einige Briefe Charlottens an ihren\nSohn, auf Aeusserungen, die im Scherz geschrie-\nben wurden» Er beweist aus dem Umstand, dass\n~die Stein\" ~den kläglichen Roman Agnes von\nLilien der Karoline von Wolzogen\" mit Begeiste-\nrung las, den Tiefstand ihres literarischen Ur-\nteils und weiss offenbar nicht, dass die geist-\nreichsten Zeitgenossen hinter dem Modebuch\nSchiller selbst vermuteten. Er sucht ihr aus\nihrer Anerkennung Kotzebues einen Strick zu\ndrehen und weiss nicht, dass Goethe als Theater-\nleiter noch ganz anderes auf der Weimarer Bühne\nduldete, dass eine internationale Grösse wie\nFrau von Stael den Vielgeschmähten warm ver-\nteidigte. Er verdreht ein paar offenbar mühsam\nzusammengesuchte Scherzworte über intime Ver-\nhältnisse des Goetheschen Haushalts, um schliess-\nlich im Brustton der Ueberzeugung auszurufen:\n„Fürwahr, von allen Frauen, für die Goethes Herz\ngeschlagen(l), war Charlotte von Stein die wert-\nloseste, die einer solchen Lebensweihe unwür-\ndigste.4< Warum setzt er nicht noch hinzu:\nWelch ein Dummkopf war eigentlich dieser Goethe,\nsich so angeln zu lassen!\nZum Vergleich Engels Urteil über eine andere\nGoethe nahestehende Frau. Ich meine Bettina,\ndas „Kind Goethes\", sie, der wir eigentlich das\nschönste und innigste Goethebuch, „Goethes Brief-\nwechsel mit einem Kinde\" verdanken. Man höre\ndie profunde Weisheit, die auf Seite 412 zu lesen\nist: „Näher als Clemens trat ihm dessen Schwester\nBettina (1785—1859) die Gattin des märkischen\nDichterjunkers Arnim. Sie drängte sich Goethen\nmit einem Gemisch aus echter Bewunderung und\nkrankhafter Anbetung auf und wurde ihm schliess-\nlich lästig. Als sie mit neununddreissig Jahren\nGoethen gegenüber den verliebten Backfisch\nspielen wollte, schaffte er sich die Anempfinderin,\ndie obendrein gegen Christiane Roheiten beging,\nvom Halse . . Wenn man dieses verständ-\nnislose Gesalbader liest, hat man von Herrn\nEduard Engel definitiv genug. Zunächst: Der\nBruch mit Goethe erfolgte 1811, also Bettina war\ndamals sechsundzwanzig und nicht neunund-\ndreissig Jahre alt. Aus den Engeischen Phrasen\nwird ferner mit keinem Wort ersichtlich, wie viel\nBettini für Goethe lange Zeit bedeutete, dass er\nihr allein in jener Zeit vertraute Briefe schrieb\nund sie in Wahrheit als ein Kind seines Geistes\nstets anerkannte. Wenn es dann bei Engel\nweiter heisst: „Nach Goethes Tod hat sie aus\neinigen wirklichen Briefen Goethes und Brief-\nstellen der Frau Rath einen durch frei erfundene\nZusätze erweiterten Roman gemacht: Goethes\nBriefwechsel mit einem Kinde (1835). Darin be-\nzog sie Gedichte Goethes, die unzweifelhaft an\nMinna Herzlieb gerichtet waren, wider besseres\nWissen auf sich\" — so ist da eigentlich jedes\nWort eine Entstellung. Engel, dem seine aus-\ngedehnte Beteiligung auf allen Gebieten zu gründ-\nlichen Studien wohl keine Zeit lässt, weiss na-\ntürlich nicht, welche Wandlung das Urteil über\nBettinas Briefsammlung seit der Ausgabe des\nBerner Privatdozenten Jonas Fränkel erfahren hat.\nVielteicht ergänzt er seine Zettelsammlung einmal\nnach dieser Richtung, um bei künftigen ähnlichen\nArbeiten nicht abermals mit solcher „Sachkenntnis\"\nzu glänzen. Den Ausdruck „märkischer Dichter-\njunker\" muss man Engel zu gut halten. Er hatte\neben vergessen, dass er an einer Goethebiographie\nund nicht an einer Volksversammlungsrede ar-\nbeitete.\nMag nun das arme Opfer Charlotte von Stein,\nBettina Brentano oder irgend-sonstwie heissen:\nes wird gerädert, wenn es nicht in Engels Zungen\nredet. Denn eine andere Sprache darf es nicht\ngeben.\n\nGute Nacht\nVon Mynona\nEin Essigwarenfabrikant mit humanen An-\nschauungen glotzte eines Tages seinen Diener\nWilhelm so bärbeißig an, daß dieser gekränkt um\nseine Verabschiedung einkam.\n„Herr,\" seufzte er, „es war freilich nur ein\nBlick, aber ein essigsaurer — hätten Sie mich doch\nlieber angeschnauzt!\"\nA tempo ward Wilhelm entlassen, weil der Fa-\nbrikant sein Ehrgefühl just im Essig sitzen hatte,\nweil in des Dieners Wilhelm Urteil das als Tadel\ngeschätzt war, was der Fabrikant, als solcher, als\ndas höchste Lob anzusehen gewohnt war. Denn\nder Essigmann denkt natürlich über Honig anders\nals der Bienenzüchter.\n„Gute Nacht, Herr,\" sagte Wilhelm, als er\nging, und ging. Auf jenen Blick war dies der Ton.\nDas soll heißen, jener Fertigkeit des Herrn, einen\nDiener so anzublicken, daß er ging, entsprach eine\nVirtuosität des Dieners, seinen Herrn so anzu-\ntönen, daß er — doch hier, düstre Natur,, laß den\nZauber deiner Unbegreiflichkeiten spielen; diesen\nZauber, der einen Blick, einen Ton zum Verhängnis\nganzer Lebensläufe machen kann!\n„Gute Nacht!\" Zunächst ein Mal legte\nWilhelm in diese paar Silben so viel Wehmut wie\ndie ganze Lyrik Lenaus sie nicht nur nicht enthält —\nLenau würde sich frivol dagegen ausnehmen. Das\nOhr des Fabrikanten, auf Essig und Humanität ab-\ngestimmt, mußte durch und durch erschüttert\nwerden — aller Essig wurde einfach ausgeschaltet,\ndas Ohr, gänzlich human geworden, würde, wenri\nes ein Auge gewesen wäre, sofort getränt haben;\naber es gibt ja für Ohren etwas Aehnliches. Beim\nFabrikanten, dem so meuchlings durch einen Ton\nder Essig entzogen wurde, der, also wehrlos ge-\nworden — es gibt nichts Ungesunderes — bloß noch\nhuman reagierte, brach keine kleine Gemütskrank-\nheit aus: akute Melancholie, zwei Sekunden Irren-\nhaus. Wäre Wilhelms Ton blos wehmütig ge-\nwesen, so hätte der zermatschte Humanerich ihm\nreuig eine neue Livree anmessen lassen — basta.\nJedoch, Wilhelm legte in diese Wehmut noch\netwas, eine unbestimmte, aber unendliche, ge-\nladezu geisterhafte Angst einflößendes, eine ge-\nheimnisvolle Drohung. Das Ohr, weich gebuttert,\nwar für diese Drohung dermaßen durchdringlich\ngeworden, daß irgend ein kalter Dolchstoß hin-\ndurchzugehen schien. Der Essigsaure erschrak,\nwar entsetzt, entfärbte sich und jappte nach Luft.\nAber nun war da noch etwas im Ton, vielleicht das\nAllerwirksamste von allem: Sowohl in der Weh-\nmut als in der Drohung lag und lauerte eine tiefe\nund inbrünstige Moralität; so etwa: „Ich, Wil-\nhelm, ungerecht verletzt, weiß, daß Dich den\nEssignen das Gericht ereilen muß!\" Damit erst\nwar der Ton sanktioniert: von aller dienerhaften\nImpertinenz völlig staubfrei gemacht, schien er\nätherisch und schleuderte aus himmlischer Höhe\nden Wehmütiggeschundenen in den eigenen bren-\nnendsten Essig hinein, hinunter. Schließlich —\naber das war Wilhelm's Triumph — bezauberte\nder Ton durch das mächtigste, saftvollste Glücks-\nangebot: Was Lenau! Was Unrecht, Rache, Zer-\nmatschtheit! Was bloßer Humanitätsdusel! Nein\nes gilt etwas Heroisches — noch, noch, noch ist es\nmöglich, nur noch eine Sekunde: Ich Wilhelm\nkönnte — vergeben, ich will es aber nicht, nie, nie,\nniemals — gute Nacht — es ist aus, zu spät —\nvorbei — gute Nacht! —\nWilhelm ging, aber der Ton hallte nach wie\nDonnerton in Gebirgsschluchten, wie das Röcheln\ngemordeter Engel, hallte nach, wollte sich nicht\naus dem Ohr verlieren, suchte sich ewig seinen\nWeg zu Hirn und Herzen des Essigmenschen. Es\nist so leicht verständlich, daß der Sentimentale die\nSentimentalität verträgt; hingegen der Stoiker, der\nCharakterfels, vom leisesten Hauch der Rührung\nangeweht, stürzt wie vom Blitz getroffen in sich\nzusammen.\nEs sind auch nicht etwa die eigentlich Gemüt-\nlosen, welche.diesen Zusammenbruch zu besorgen\nhaben: sondern die Kalten, die mit dem Feuer der\nMenschenliebe nur humanitätsduselig spielen: sie\nhäufen so viel Werg und Zunder um ihr dürres\nHerz, daß schließlich ein Funke, eine zündende\nSilbe, ein elektrisches „Gute Nacht\" zur Flamme\nund Asche macht, was im Grunde danach gierte.\nDiener Wilhelm's „Gute Nacht\" warf den Essig-\nverfertiger über den Haufen: ihm war nicht mehr\nzu helfen. Gegen diese flagrante Melancholie,\ndiesen galoppierenden Verfolgungswahn half kein\nSanatorium der Mitwelt. Der Essigne goß Essig\nin seine Badewanne, schindete sich mit einem\nReibeisen die Haut wund, sprang in die Wanne,\nraste mit tosenden Schmerzensrufen heraus: und,\num Auskunft gefragt, starb er mit dem Höllen-\nschrei: „Gute Nacht!\"\n\nBerichtigung\nIn dem Beitrag Sti 1\" von Karl Kraus (Nummer 4)\nsind in der zweiten Spalte, 28. Zeile von unten, die Worte:\nunterm Weidemond in Anführungszeichen zu\nlesen; in der 10. Zeile von unten statt: Lenzmismus\nLenzmimus; in derdritten Spalte, 13.Zeile von oben statt:\ndaß das; in der 28. Zeile von oben statt: Zeugnissen\nZeugnissen.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.7", "texte": "Auslieferung ISr Osterrelch-Uogarn A, Miihlhans»SmJtal Wicn IX / Verantwortlich Iflr die Schriftleiteng in Ssterreich-Uegsm s Otto Soyka\n\nMalschulen\nStudien=Atelier\nBerlin W. 30, Habsburgerstr. 11\nAkt-Kopf-Kostiim :: Zeichnen ::\nMai en :: Modellieren Stilleben\n:: Komposition :r Abendakt ::\nAb Juli Akt, Landschaft an der See\nProspekt durch Moritz Melzer\nMalschule\nMiiller=Schoenefeld\nAtelier Charlottenburg 111\nSchillerstr. 3\nVormittag: Portrat u. Kostiim-\nmodell\nAbend: Dauerakt\nAtelier Berlin W / Liitzowstr. 82\nVormittag: Akt\nNachmittag1: Portrat\nAb end: Skizzieriibungen nach\ndem Akt\n(2 Stunden 50 Pfg.)\nAnfragen nach Schillerstr. 3\nBerlin W. 35 / Potsdamerstr. 121 a\nAtelier\nClara Elisabeth Fischer\n:: MALEN :: ZEICHNEN ::\nNeu seit i. November\nPlakatkunst :: Graphik :: Eintritt\njederzeit :: Naheres Prospekte\nHANS BALUSCHEK\nMaler\n:: Schulatelier fur Damen ::\nBERLIN W., Lutzow=Strasse 82\nAtelierhaus, linker Aufgang\nProspekte Brief-Adresse:\nSchoneberg - Berlin, Vorberg - Strasse 15\nSchule fur graphische Kunst\n■ ■\nPotsdamer Strasse\nPrivatstrasse 121 G\nMALSCHULE\nSystem L.v. Kunowski\nAKT / KOPF / STILLEBEN\nHeinrich Richter\nEisenacher Strasse 103\nSprechstunden111 Uhr\n\nHANSE HERRMANN\nKUNSTLERISCHE LICHT-\nBILDER - HEIMAUFNAHMEN\nBERLIN W / POTSDAMER STRASSE 134 A\nNAHE POTSDAMER PLATZ/TELEPHON AMT VI, 14967\n\n:: Permanente Gemalde-::\nAusstellung erster Meister\nBilderrahmen - Fabrik\nSpezialitat im Zusammen-\nstellen und Abtonen der\nRahmen :: Lieferant der\n:: grofiten Kiinstler ::\nHUMBERT CYBULSKI\nEingetragene Handelsfirma\nBerlin W., Joachimsthalerstr. 12\nBahnhof Zoologischer Garten\n\nSchone Klassiker-\nAusgaben If JemPe|-\n2 V eriag\" in\nLeipzig-, den S. Fischer, Diede-\nrichs u. a. zwecks Herausgabe\nkiinstlerisch ausg-estatteter Klas-\nsiker begriindet haben, beginnen\njetzt die ersten Bande zu er-\nscheinen, von Goethe dieWahl-\nverwandschaften und Kleinere\nErzahlungen sowie der Faust\nund Urfaust, von der Kleist-\nAusg-abe die vier Bande der\nWerke, von der Heine-Aus-\ng-abe die Gedichte und dieTra-\ng-odien in zwei Banden. In der\nWeififraktur und in der g-leich-\nfalls von dem beriihmten Buch-\nkiinstler E. R. Weifi besorg-ten\nGesamt-Ausstattung- zeichnen\nsich die Ausg-aben durch Ge-\ndiegenheit und Vollkommen-\nheit aus. Als Einzelausg-aben\nprasentieren sich die Bande\nebenfalls sehr vorteilhaft. ■■\nJederßandkostet: Inmodernem\nenglischen Leinenband M 3.—.\nIn Halblederband im Stil der\nZeit M 3.75. In Einzelausg-abe\nin Halblederband M 3.75. ■■\n\nMalutensilien\nMai- und Zeichenbedarf\nW. & J. AMLER\nCharlottenburg\nSTEINPLATZ 2\nTelephon 1839 Telephon 1839\n\nLEOPOLD HESS\nS PEZIALGESCH AFT\nfur Kunstmaterialien\nBERLIN W 35 \\STS\n\n8888888888888888888888888888888\nStillen Sie Ihr Baby\nselbst oder geben Sie ihm Backhausmilch, d. i. trink-\nfertige Kindermilch nach Prof. Dr. Backhaus in Einzel-\nportionflaschen, (dies sind die zwei besten Arten der\nSauglingsernahrung, die es überhaupt gibt), dann hat\ndas Nachfolgende fur Sie kein Interesse. Wenn Sie\naber durchaus die Bereitung von Sauglingsnahrung im\nHaushalt selbst vornehmen wollen, so raten wir Ihnen\ndringend dazu, den bewahrte Kinder-Nahrzucker\nMALTOSANA\n(Nutricia-Nahrzucker) zu nehmen, der auch von\nden Aerzten dem bisher üblichen Milchzucker vor-\ngezogen wird. Sie verabreichen dadurch gleichzeitig\neinen Kraftnahrungszusatz. Die Pfund-Dose kostet\n1,50 Mk. Zu haben in alien Apotheken u. Drogerien.\nmm\n\nm\ni»©\n/\nfrinKfertise Kinder\nMflch\nDiit* RarbhaiiGmilrh /s* d,e beste, vom ersten Lebenstage\nLSIV LiaLK/faUZfn/ILr/ an bekbmmliche Sauglingsnahrung.\n: : Die Herren Arzte werden gebeten, Proben und Literatur zu verlangen von folgenden ::\n===== Backhaus-Milchanstalten ============\n\"l>\nZur Bekampfung der\n»Hindeisterblichkeit«\nEine der Hauptursachen der iibergrossen Sterblichkeit im ersten Lebensjahre\nliegt in der Mangelhaftigkeit einer angemessenen Ernahrung der Sauglinge, —\nUnter den vielen Ersatzinitteln der Mutterbrust hat in letzter Zeit eines immer\nmehr und mehr infolge seiner hervorragenden Eigenschaften die Aufmerksamkeit\nder Aerzte und Laien auf sich gezogen und behauptet heute den ersten Rang\nunter denjenigen Sauglings-Nahrmitteln, welche aus frischer Kuhmilch hergestellt\nwerden: die Backhaasmilcli. Die Backbaiismllcli entspricht in physio-\nlogischer und hygienischer Hinsicht dem Vorbild, wie es uns die Frauenmilch\ndarbietet und ermdglicht, wie diese, eine regelmaßige, von außeren Storungen\nunabhangige Entwickelung des gesunden Kindes. — Dann aber stellt sie im Falle\nvon Magen- und Darmkrankheiten des Sauglings ein Diatetikum von entschiedener\nHeilkraft dar, welches die Behandlung mit Medikamenten wesentlich unterstiitzt,\nja manchmal ganz entbehrlich macht. — Sie bildet, als das ausschliessliche\nNahrungsmittel wahrend der ersten 9-10 Monate, ein durch kein anderes\nPraparat mit gleicher Sicherheit zu ersetzendes Vorbeugungsmittel gegen die\nso ungemein verderblichen und haufigen Brechdurchfalle. Vielfache Versuche\nan Kliniken, Krankenhausern etc. haben Vorstehendes zur Geniige erhartet.\nDr. Friedel Nachf. — Heilbronn, Herbststr. 26: Ferd. Marx — Kaiserslautern: Emil Andre, Dampfmolkerei.' — Kolna.Rh.,\nHansaring 81: Hupertz & Schurmann Nachf. — Krefeld, Inratherstr. 191: H. Bogelmann. — Leipzig: Nutricia, Johannis-\nplatz 4,5. — Magdeburg: Magdeburger Molkerei. — Vohwinkel: Nutricia, Otto Volkmann. — YViesb ~ ' '\nWiesbadener Molkerei.\nWiesbaden, Bleichstr. 26:\ninn as\nIJ"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100331-01.1.8", "texte": "Veraafwortl. f. d. Anielcentells Günther Haase / Verla«: Der Sturm, Hameyer, Berllo-Haleaiee / Geschäftsstelle und Anwiien-Annabme; Berlin W 3S / Druck v. Siegfried Seeger, Berlin S 42\n\nI Mill II 111 I\njf \\ i\n8\n■\n■\n■\n■\n■\ni\n■\n■\nHERRMANN HOFFMANN\nSW 68-BERLIN-SW 68\nFRIEDRICHSTRASSE 50-51\nElegante Herrenmoden\nH\n\ns BUCH- UND KUNSTDRUCKEREI s\nSIEGFRIED SEEGER\n[ BERLINS42,RITTERSTRASSE26 j\n■ TELEPHON AMT IV, 1045 as TELEPHON AMT IV, 1045 a\n■ B\na a\n| ILLUSTRATIONSDRUCK, SETZ- ■\n■ MASCHINEN, BUCHBINDEREI •\ng STEREOTYPIE, MODERNSTES •\n■ :::s schriften material :::: «\na a\na a\na a\na a\na Spezialitat: Druck von Broschiiren, Katalogen, S\nS Zeitschriften, Werken, Massenauflagen ■ Buntdruck 3\n£3\n\nweaaaaßaaaasßßßaaaaßaaaaaaaaßßi\na\nIn Berlin erscheinende\nfranzosische Zeitschrift\n| JOURNAL d'iLLEUGHE\nZur Vervollkommnung\nSin der franzosischen\nSprache gut geeignet\nAbonnementsprefs vterteljahflich 1,50 M\nlaßaaaaaaaaaaaaaßeaaaaßßaßaaßß\n\nDER DEMOKRAT\nWochenschrift fur freiheitliche\nPolitik / Kunst und Wissenschaft\nErscheint jeden Mittwoch\nNummer 10 Pf. / Quartal M 1\nProbenummern frei d. den Verlag-\nGr.-Lichterfelde, Manteuffelstr. 16\n\nPreis 1 Mark Preis 1 Mark\nMenthol-Malz-Dragees\n■ ■\n■ ■\nSicheresMittel gegen akuteKatarrheder Atmungs-\norgane / ermoglicht Schauspielern und Sangern\nsofortigen Gebrauch der erkrankten Organe\n...... 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Tesar: Oskar\nKokoschka / Karl Kraus: Die\nWochen des Todes und andere\nGlossen\nDoppel-Nummer 50 Pfg\nOberall erhaitlich\nWerbeband der Fackel 50 Pfg.\n210 Seiten stark\n\nHO H ENZOLLERN\nKunstgewerbehaus\nFriedmann & Weber\nHOFLIEFERANT IHRER MAJESTAT\nDER KAISERIN UND KONIGIN\n90\nV\nWB-BERLIN-W 8\nLeipzigerstrasse 13\nWOHNUNGSEINRICHTUNGEN\nn n KUNSTGEWERBEII T1\nANTIQUITATEN UND STOFFE\n\nGeschaftsbucher und Kontorbedarf G. m. b. H.\nDCDT I\\T \\\\T BEHRENSTRASSE 30\nIN VV ECKE CHARLOTTENSTR.\nI8BEB8BB8(&B8BBBBBBBBBB8\nG E SCH AFTS B OCH E R-F A B RIK\nBuchdruckerei Papier- u. Schreibwaren\nFeine Briefpapiere flir Gesch&fts u. 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