{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_sha256": "71a4e66f5948b7ffb381beb247815a25ab43c4e39e1b0d32d90c87c8072be7a1", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/04/07_01/bmtnabg_1910-04-07_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/04/07_01/bmtnabg_1910-04-07_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-07_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "41", "page_fin": "41", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.1", "debut_caractere": 558, "fin_caractere_exclue": 971, "texte": "INHALT:\nROBERT SCHEU: Das Problem der\nProvinz / OTTO SOYKA: Tugendkars / ALFRED\nDÖßLIN: Gespräche mit Kalypso über die Musik/\nPETER BAUM: Aus einem neuen Roman / KARL\nKRAUS: Aphorismen / ADOLF LOOS: Ornament und\nVerbrechen / SCHICKELE: Tivoli Vauxhall /\nELSE LASKER-SCHÜLER: Zirkuspferde / A. 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Und fühlt der Bewohner der Klein-\nStadt sich nicht beengt, eigentlich abgeschnitten?\nWunderlich genug, daß sich die Menschen dort am\nwenigsten genügen, wo sie einander am unge-\nstörtesten gehören; es ist fast ein Argument für\nden Pessimismus; es sei denn, wir müßten an-\nnehmen, daß ihnen dort irgend ein Aroma, ein\nZauber unbewußt fehlt, ein Ingrediens, dessen sie\nbedürfen, um einander schmackhaft zu sein.\nAuf der anderen Seite die Springbrunnen-\nstädte, deren Pflaster berauscht, wo die Gedanken\naus dem Boden wuchern, wie das Naphta, das auf\nden gesegneten Stätten unter elementarem Druck\naus dem Erdinnern an die Oberfläche drängt, der\nStrom des Geistes in tausend Wasserfällen don-\nnert! Ein Paris, dessen Fruchtbarkeit allstündlich\nin Flammen ausbricht oder das erhabene London,\nwo die gigantischen Werte aufeinanderprallen und\ndas Rasseln der Millionen ans Ohr schlägt; jene\nwundersamen Zentren, deren Boden in Lüsternheit\nzittert und den darauf Tretenden gleich einer\nelektrischen Platte mit Spannug ladet.\nUnsere Kuiturstimmung hängt offenbar von\nlokalen Imponderabilien ab. Darin steckt irgend\nein Geheimnis, eine Neuheit, die wir mit ver-\ngangenen Zeiten nicht teilen. Und die Provinz\nleidet! Verfolgen wir dieses geheime Siechtum, so\nnehmen wir wahr, daß die großen Handelsemporien\ndavon offenbar verschont sind. Hafenplätze, See-\nstädte, Börsenplätze — ein Venedig, Neapel, Ham-\nburg, sind immun. An den Piloten der Lagunen\nzerschellt das Gespenst. Auch Marienbad, Karls-\nbad, St. Moritz, Nizza haben davon keinen Hauch.\nDie Sommerlustorte, wie klein auch die Einwohner-\nzahl sei, tragen niemals die Spuren dieses Leidens.\nJa, das Charakteristische dieser Lustorte liegt\ndarin, daß sich von dort aus eine neue Renaissance\nausbreitet, kein Zweifel, eine große Renaissance\ndes Körpers. Der Leibesstolz, die Ritterlichkeit\nhaben sich im Widerstreit zur Nerven- und Papier-\nkultur aus den Saturnalien der geplagten Mensch-\nheit entwickelt, haben an Ausdehnung und Be-\ndeutung zugenommen, die Farbenfreude ist sieg-\nhaft erwacht — die Sommer- und Sonnenkultur\ntriumphiert!\nWir haben Sommer- und Winterfarben, Som-\nmer- und Winterfreunde, Sommer- und Winter-\nAuffassung, und unzweifelhaft neuestens auch eine\nSommer- und WTinter-Wertung.\nSport, Farbenrausch, Herrenmenschen und\nFrauenflora und das Theater bezeichnen die Pflanz-\nstätten der neuen Renaissance, und die Zeit naht\nmit Riesenschritten, wo wir unsere ganze Jahres-\neinteilung vom Sommer aus organisieren werden.\nWir erkennen aber gleichzeitig — nicht ohne\nSchrecken —, daß die Kultur und das Geistesleben\nin der Gegenwart überall an die Zentralisation von\ngroßen materiellen Gütern gebunden ist. Dies war\nsicherlich nicht zu allen Zeiten in solchem Maße\nder Fall. Die magnetische Anziehungskraft, nach\nder sich die Kulturwerte an den Stapelplätzen der\nmateriellen Güter ringartig ansetzen, die\nwachsende Schwierigkeit, abseits von diesen\nSammelstellen die Kulturstimmung zu bewahren,\nGlanz und Reichtum als Voraussetzung geistigen\nWirkens — das sind Erscheinungen, die wir uns\nnicht ohne Widerstreben . einbekennen, weil ihre\nKonsequenzen betäuben. Nach diesem neuen,\nbösen Gesetz wird nur der Mitgenießende zur\nschaffenden Gemeinde zugelassen, in diesem Zeit-\nalter der höchsten industriellen Produktivität.\nUeberall erweist sich das Erwachen der\nLebens- und Kulturstimmung, überhaupt das\nGeistesleben davon abhängig, daß mächtige Güter\nroulieren. Und wie die industrielle Monstre-Pro-\nduktion die Voraussetzung dieses gesteigerten\nKonsums bildet, so wären die frevelhaften Genüsse\nunvollkommen ohne den Hintergrund des\nstädtischen Proletariats, dieser kupferroten Wolke,\ndie sich, der Explosion harrend, auf dem Horizonte\ntürmt. Im Vordergrund dieser blendenden\nFinsternis steigt und rauscht der silberne Spring-\nbrunnen des Reichtums mit seinem stimulierenden,\nagassierenden, teuflischen Reiz.\nDer einzelne wird immer rücksichtsloser ge-\nmahnt, daß die Ausübung geistiger Fähigkeiten vom\nBesitz unzertrennlich wird. Ein großer nervöser\nReisedrang verschärft die Situation, peitscht\ndespotisch zur Konzentration der Genüsse. Ein\ndonnerndes „Get money\" durchhallt die Welt.\nDie großen Investitionen, die der Industrie kaum\nnoch gestatten, ihre Gewinne zu realisieren, finden\nihr Spiegelbild im geistigen Leben. Teure Sporte,\nals Quelle von Einsichten und Sensationen, die zum\nBildungsbestand gehören, von denen man sich nicht\nohne Gefahr rapider Verarmung abschließen kann,\nsteigern die Sehnsucht nach Besitz. Ein bewußtes\nAbseitsleben würde zu dem Resultat führen, daß\nwir infolge unserer Papierkultur von der Welt der\nmateriellen Kräfte abgeschnitten blieben, ohne\neinen Ersatz durch ein naives Naturleben einzu-\ntauschen. Der Moment der körperlichen Gefahr\nbeispielsweise, das uns durch die Bureau-Kultür\nentrissen wurde, läßt sich in edler Form auf den\nZinnen der Gletscher wiederherstellen. Die kom-\nmerzielle Abhängigkeit mit ihrer Unterdrückung\nder Affekte bedarf dringend der Erlösung durch\ndas Theater, um jene Reinigung herbeizuführen,\ndie schon Aristoteles zur Hygiene der Seele\nrechnete. Als Gegengewicht gegen die Boden- und\nHeimatlosigkeit unserer kulturmischenden Zeit\npflegen wir das künstlerische Heim. Auch hier\naber sind kulturell wertvolle Gefühle an den Besitz\ngeknüpft. Nehmen wir Alles in Allem, so läßt sich\nsagen, daß die natürliche urwüchsige Ausstrahlung\nder Seelenkräfte und Spannungen von der Kultur\nschrittweise ausgeschaltet wird. Die hierfür er-\nfundenen, bis zur Vollkommenheit gesteigerten\nErsatzmittel sind aber durchwegs — teuer.\n0 alte Weisheit von der einfachen genügsamen\nLebensweise, wie unhaltbar wirst du in diesem\npositiven Zeitalter, das in hoher Erleuchtung der\nGenuß als wichtigstes Erfahrungsmittel erkannt\nhat, in einem Zeitalter, das den Edelwert der Lust\nfestgestellt hat und die Machtgefühle turmhoch\nwertet! Diese Machtgefühle, die immer schwerer\nvom Besitz zu trennen sind, weil ohne die ma-\nterielle Unabhängigkeit die Lauterkeit der Ge-\nsinnung, die Tapferkeit des Auftretens kaum noch\naufrecht zu erhalten sind, wenn sie nicht geradezu\nlächerlich werden. Seien wir aufrichtig, diese Zeit"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1686, "texte": "lacht über die Märtyrer, weil sie alles Martyrium\nin materielle Formen umzumünzen wußte und die\nRomantik bei den Millionen ist. Der Mangel an\nBesitz ist eine sichere Promesse auf Beiseite-\nschiebung, über die man auf die Dauer nicht er-\nhaben sein kann. Unter dem Passatwind ist es\neine Geschmackssache, ob man mit oder ohne Besitz\nleben will. Uns Kulturmenschen ist kaum mehr\ndie Wahl gelassen, weil die Abwehr der Unfreiheit\nimmer kostspieliger wird, weil die Armut immer\ngewisser mit Unredlichkeit und Einfalt ver-\nknüpft ist.\nWer ermißt die Tragweite dieses Umsturzes?\nWerden wir uns anpassen, werden uns neue Kräfte\nzuwachsen, werden wir in der wilden Jagd ver-\ndursten? Oder wird sich endlich ein Gleich-\ngewicht einstellen, oder die Besinnung siegen?\nKönnen — wollen wir überhaupt noch zurück?\nInzwischen gewinnt unter dem Eindruck dieser\nalarmierenden Erkenntnis der Kampf ums Gold an\nSchärfe und Bitterkeit. Die Spannung ist recht\nunerträglich geworden, seitdem auch die geistigen\nMenschen ihr Erbteil so dringend reklamieren.\nJene großen Zentren sind der Schauplatz der gol-\ndenen Schlacht, ziehen alle Güter an sich, aber auch\ndie Mehrzahl der qualifizierten Menschen. Schön-\nheit und Genie spielen ihre Trümpfe aus — ein\ngigantisches Werben! Inzwischen entblößen sich\ndie Mittelstationen. Daraus erklärt es sich, daß\ndie Provinz an Luxuserscheinungen verarmt, weil\neine heimliche Auslese sie wegzieht. Frauen-\npracht, hohe Blüte der Kunst und der Ruhm sam-\nmeln sich auf der Wahlstatt der höchsten Chance.\nDie Provinz hat ihren autochthonen Bestand abge-\ngeben und füttert damit beständig jenen geheimnis-\nvollen Moloch, in dessen smaragdenen Gärten alle\nRegenbogen flammen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-07_01#c003", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "42", "page_fin": "42", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.2.3", "titre_corps": "Tugendkurs", "titre_sommaire": "Tugendkurs", "signature_source": "Otto Soyka", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.2", "debut_caractere": 1688, "fin_caractere_exclue": 6166, "texte": "Tugendkurs\nVon Otto Soyka\nDie Einschätzung menschlicher Fähigkeiten\nwechselt; auch die Tugend hat ihren Kurswert.\nUnd dieses Kursblatt, das öffentliche Meinung ge-\nnannt wird, zeigt starke Schwankungen in der No-\ntierung des menschlichen Tuns.\nDie dominierende Tugend des Altertums war\nphysische Kraft; sie wurde gepriesen, ihre Besitzer\nhatten das Heldentum monopolisiert. Heute? Kraft\nist ein Gebrauchsartikel geworden, der aus der\nSpannung des Dampfes, der Elektrizität im ge-\nwaltigen Strome fließt. Das bißchen Menschenkraft\nimponiert nicht mehr. Wer je einen Dampfhammer\nbei der Arbeit gesehen hat, kann schwerlich von\nhomerischen Hieben schwärmen. Einen Türken in\nzwei Teile spalten, die exakt zur Rechten und zur\nLinken niedersinken — eine Kleinigkeit! Das macht\nbei entsprechender Einrichtung ein winziger Dy-\nnamo. Die speziell menschliche Kraft besitzt ja\nnoch ihren Raritätenwert; bei Sportwettkämpfen\noder im Zirkus; aber im allgemeinen hat sie nach\nder letzten Volksschulklasse aufgehört, für den Zeit-\ngenossen von Bedeutung zu sein.\nHeute besteht im Reiche der Vorzüge eine\nmerkwürdige Doppelherrschaft. Die geistigen\nFähigkeiten, Intelligenz und Talent, haben eine Art\nScheinkönigtum. Erst ihr offizielles Siegel liefert\neinen Menschen der hergebrachten Verehrung und\ndem unausweichlichen Nachstreben aus — aber\nwirklich regierende Tugend ist zweifellos das Geld.\nUnd mit Recht. Es trägt alle Lasten, erfüllt alle\nPflichten einer Tugend; es schützt seinen Besitzer\nvor schlechten Situationen, gibt dessen Anhänger-\nschaft Sicherheit und Macht, es ist selber reine\nMacht, Macht zum täglichen Gebrauche. Mit all\ndiesen Leistungen ist es vollständig an die Stelle ge-\ntreten, die früher von den Beuge- und Streck-\nmuskeln der Arme und Schenkel eingenommen\nwurde. Aber noch steht es in der Anerkennung\nhinter diesen zurück. Geld ist eine offiziell nicht an-\nerkannte, eine arme Titulartugend ohne moralisches\nEinkommen. Der praktische Respekt, den es er-\nzwingt, wird mit Vorbehalt gegeben. Ehrlich ein-\nbekannte Verehrung, Jugendbegeisterung, beide erst\nder eigentliche Purpur herrschender Tugenden, wird\nihm vorenthalten.\nUnd hier läßt sich ein Wandel prophezeien.\nAuch die Geistesverfassungsfragen einer Zeit sind\nin letzter Linie Machtfragen. Die Macht der Vor-\nzüge des Geldes wird sich alle Rechte dieser Vor-\nZüge erzwingen. Der Name Tugend ist ein solches\nRecht. Das Geld wird die Jugendverehrung und\ndie dichterische Verherrlichung erobern, wie Tapfer-\nkeit, Kraft und Größe der Leidenschaft sie erobert\nhaben.\nDie sind ein letztes Honorar der Mitwelt für eine\npraktische Leistung, für gewährten Schutz und Vor-\nteil. Das Geld wird seinen moralischen Rang er-\nzwingen; es ist die verherrlichungsreife Tugend von\nmorgen.\nVom Standpunkt des persönlichen Verdienstes\nist wenig einzuwenden. Selbsterworbenes Geld ist\nIntelligenz, umgesetzte, kinetische Intelligenz. Und\nNichterworbenes? Die vielgepriesene Kraft eines\nAchilles war sicher kein größeres Verdienst, als die\nvielmißgönnte der Erben eines Vanderbilt.\nEs wird eine verläßliche Tugend sein, eine,\nderen Vererbungstheorie nicht angreifbar ist, so-\nlange sie das bürgerliche Gesetzbuch schützt. —\nDie letzte Aenderung im Range des Reichtums\nvollzieht sich unmerklich. Die Phrasen und Rede-\nwendungen, die kleine Münze des täglichen Ver-\nkehres, sie tragen ohnehin das Bild des wirklichen\nRegenten im Bereiche menschlicher Achtung: Klin-\ngende Münze ist ein Anerkennungswort auf allen\nGebieten, Gold ist der ehrendste Vergleich für\nStimmen, Sonnen, Sterne, Weine, Schatz ist eine\nselbstverständliche Bezeichnung für die geliebte\nPerson. Nun wird man mit derselben Selbstver-\nständlichkeit dem wirklichen Geldschatze die Liebe\nzuerkennen. Im Worte Geldaristokratie verliert\ndie erste Silbe die Betonung. Nicht mehr die Mütter\nwerden rühmen, nein, die Töchter werden\nschwärmen. Das ist stets ihre Betätigung gewesen,\ngegenüber der letzten Neuheit am Tugendmarkt.\nDas war noch eben das Genie, das wird in kurzem\nder Reichtum sein. Bald werden sich die Attribute\nsüß, entzückend, herrlich an den Besitzer des Geldes\nknüpfen. Auf eine Erbschaft zu warten wird ein ge-\nachteter bürgerlicher Beruf bleiben, Erben ein\nangebeteter.\nDie Höchstachtung der Menschheit hat schon\neinen weiten Weg, den von der physischen Kraft\nzur geistigen, zurückgelegt. Er ist kaum kleiner als\nder von der Persönlichkeit zu ihrem nicht-\norganischen Besitz. 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Eine Sänfte, über-\nwölbt vom dunkelblauen Baldachin, taucht hinter\neinem Hügel auf, bewegt sich sehr langsam\ngegen das graugrüne Meer zu. Die Stangen der\nBahre ruhen auf den Rücken von vier Riesenschild-\nkröten, die sich gemächlich fortschieben. Auf der\nDecke des Baldachins sitzt ein weißbärtiger, greiser\nPavian, lenkt mit zwei goldenen Ketten die vor-\nderen Schildkröten. In der Sänfte liegt ein Weib,\nhalb aufgesetzt, die Hände hinter der schweren\nHaarpracht des Kopfes gefaltet. Volle regelmäßige\nkalte Züge; ernster leerer Blick, elfenbeinfarbene\nHaut. Unter der blauen Tunika, die breit mit\nschwarzer Seide durchwirkt ist, tritt die Reife des\nLeibes hervor. Um den bloßen Hals hängen Perlen-\nschnüre, deren Weiße der starblinder Augen\ngleicht. Goldgelbe Sandalen der Füße; eine Kette\num den Knöchel des linken Fußes. Dies ist Kalypso\nA'.a ö-saujv. Hinter der Sänfte taumelt ein Mann,\nzerlumptes Maskenkostüm, vielleicht hellenisch;\nstumpfer Gesichtsausdruck, verwildertes Haar,\nhängender Schurrbart. Durch die Nase ein Eisen-\nring, daran hängt frei bis auf den Boden ein Strick.\nVon dem Vogelvolk folgen einige mit Flöten. Lange\nauf- und absteigende Flötentöne; bisweilen eine\nArt Abschluß mit Triller. Sie sind dicht am Wellen-\nschlag. Kalypso klatscht in die Hände. Die Sänfte\nhält. Die Schildkröten ziehen sich in ihre Schale\nzurück. Die übrigen hüpfen zur Seite, legen sich\nhinter Balken und Sandhaufen. Der Mann, der Mu-\nsiker, bleibt unbeweglich, ohne aufzusehen stehn.)\nKalypso:\nihn betrachtend, lächelt.) Wie nennst Du Dich?\nMusiker:\n(Unbewegt, schweigt.)\nKalypso:\nSprich doch zu mir.\nMusiker:\nWo ist meine blonde Freundin? Wo sind meine\nFreunde?\nKalypso:\nIch kenne sie nicht.\nMusiker:\n(Steht wieder abwesend da.)\nKalypso:\n(Nimmt den Strick lächelnd in die Hand, spielt\nmit ihm.)\nMusiker:\n(Zuckt, beißt die Zähne zusammen; vor sich hin-\nsprechend.) Ich frage nichts, ich will es ja gut\nmeinen mit meinem Kopf; ich will es ja gut —\nmeinen.\nKalypso:\n(Dozierend.) Unser Strand ist ein weitoffenes Maul.\nWas ihm zufällig nah kommt, schlürft er ein. Sind\nes Menschen, so drehen wir ihnen teils den Hals um,\nteils plaudern wir vorher mit ihnen.\nMusiker:\n(Stürzt sich aufglühend auf sie, die ihn gewähren\nläßt, ihn mit halboffenen Augen kalt beobachtet.)\nKalypso:\nNun leg Dich wieder in den Sand.\nMusiker:\n(Verzweifelt.) Ich will es gut meinen mit meinem\nKopf.\nKalypso:\nNun? Du bist auf der Insel der Kalypso.\nMusiker:\nLaß mich heim, ich fleh' Dich an. Wenn nur ein\nHauch von Mitleid in Deiner Brust weht, Du Unbe-\ngreifliche, laß mich fort von Deiner Insel. Du fühlst\nnicht, was mir geschah. Laß mich fort, jetzt oder\nbald, bald. Ich will geduldig warten, was Du über\nmich verhängst.\nKalypso:\n(Aufbrausend.) Geduld Du? Oh ich will Dich\nschweigen lehren. (Klatschend, laut rufend) Ho, ho!\nIn die Tore. Du kommst, ich schone Dich, und schon\nwimmerst Du? Hund, Hund. (Die Vogelleute auf-\ngescheucht, machen sich an einer niedrigen Klippe\nzu schaffen, an der ein schwarzes Eisentor ange-\nbracht ist. Sie flüstern sich zu: — „verspielt.\nGönn' es ihm. Ist brav, Freundchen, gehst hinein,\nhüpfst hinaus. —\") An der Qual sollst Du Dein\nHeimweh stillen. Deine Mutter, die Pein und\nAngst, soll Dich streicheln. (Schüttelt ihn mit\nbitterem Munde. Aus dem offenen Tor dringt nun\nschwerer Qualm. Der Musiker wirft sich auf die\nErde. Die Vogelleute, einige mit schmerzlichem\nMurren, andere mit höhnischem Grinsen,\nzerren ihn, binden ihn auf den Rücken einer Schild-\nkröte fest, die ihn bis an das Tor trägt. Kurz vor\ndem Tor reißt er sich los und folgt aufrecht Kalypso.\nDie Tiere und Begleiter sträuben sich am Eingang,\nstellen sich auf, werfen sich halb erstickt an dem\nTore hin, bleiben dort liegen. Kalypso geht hinein,\ndas Seil des Mannes um den rechten Arm ge-\nwunden. Die Flöten blasen von neuem. Ein kurzes\nSchreien aus dem Tore verstummt bald.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-07_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "42", "page_fin": "44", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.2.5", "titre_corps": "Aus einem neuen Roman : Das erste Kapitel", "titre_sommaire": "Aus einem neuen Roman : Das erste Kapitel", "signature_source": "Peter Baum", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.2", "debut_caractere": 10145, "fin_caractere_exclue": 11135, "texte": "Aus einem neuen Roman\nDas erste Kapitel\nVon Peter Baum\nKeiner wußte etwas Näheres über die plötz-\nliche Schwermut und den jäh darauf erfolgten Tod\ndes Grafen Ariman. Als er eines Tages in den\nihm zugetanen Kreis trat, war sein Gesicht wie\nSchneewehen. Seine Worte, die treffend, wie ge-\nwöhnlich, einsetzten, wankten, bis sie die Krücken\nfortwarfen und schluchzend zusammenstürzten.\nMan erfuhr dann ferner kurz darauf, daß er sich\nvergiftet hatte. Der Diener fand das zierliche Glas\nmit der gänzlich berauschenden Flüssigkeit neben\nder Leiche. Mit einer ihm unwürdigen Rücksichts-\nlosigkeit gegen seine Gemahlin benutzte der Graf\neinen den Körper indiskret zeichnenden Trank, so\ndaß auch der Arzt die Selbsttötung bestätigen\nmußte. Der Leichenzug glänzte violette Seide und\nweißen Atlas in die Sonne.\nIn der Kirche, in der man den Toten beisetzte,\nwurde viel geflüstert. Man lächelte und blickte\ngleich wieder traurig. — Graf Ariman war ein\nDichter. 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Als die\nWeihrauchfässer geschwungen wurden, mußte von\nEstorff ein wenig niesen, worauf er sein Gesicht\nwieder in die ernsten Falten zurechtrückte.\nDie Gemahlin, deren blasse, vornehmwiichsige\nSchlankheit man bewundernd mit den Augen um-\ngab, zitterte mehrmals, am meisten, als der Sarg\nin die kalten Steine hinabsank. Ihre Wimpern waren\ntief über das bleichbepuderte Antlitz gesenkt, das\nkeine Tränenperle verunzierte. Man hatte sie ver-\ngebens gemahnt, der angreifenden Zeremonie fern-\nzubleiben. Sie wollte bis zum letzten Augenblick\nin der Nähe ihres geliebten Freundes zubringen.\nSie zitterte wieder, als sie nachher aus dem\nWagen stieg und die Treppe hinaufwankte. Der\nAnblick ihres Heimes ergriff sie ebenso, wie der\noffene Rachen des Grabes vorher.\nDes Abends fanden sich einige Freunde, welche\nJunggesellen waren, zusammen. Bei Herrn Estorff,\nder an der Reihe war, wurde diniert. Er war zu-\nvorkommend, jedoch von einer leichten Trauer be-\nschattet. Als der Wein das gedämpfte Gespräch zu\nlauterem Hall anfachte, blieb er von einer sanften\nGemessenheit.\nEs war ein schöngeistiger, etwas frivoler\nKreis. Immer wieder kam er auf den Toten zurück,\nauf seine kleinen Schwächen. Wenn er um die\nMittagszeit einen Ehemann in ein Kaffeehaus gehen\nsah, erzählte er nachher die Geschichte eines zer-\nstörten Bundes. Weiterschreitend dachte er es sich\ndann motivierend und erfindend aus. Und so waren\nunzählige Mären aus seinem Munde im Umlauf. —\nMan war ungewiß, wer ihn gehörnt hatte, denn die\nTatsache schloß man aus seinem Tode. Herr von\nEstorff machte ein verwundertes Gesicht, daß man\nso leichtsinnig über einen teuren Toten reden\nmochte. Er errötete zornig, indem er sagte, die\nvornehm gesinnte Frau sei über jeden solchen Ver-\ndacht erhaben. „Keiner weiß, wann ihn der Wahn-\nwitz überfällt und ob er dann genug Edelsinn behält,\ndie Hand nur gegen sich selbst zu richten.\" — Ueber\ndiese Rede mußten einige lächeln, denn sie konnten\neinen edlen nicht mit einem gestörten Sinn zu-\nsammenreimen.\nAls die Gäste die Treppe heruntergegangen\nwaren, blieb er eine Weile versunken imSaale stehen.\nDie Diener, die abdecken wollten, schickte er zu\nBett. Langsam, zwischen versonnenen Pausen,\nlöschte er die Kerzen. Ans Fenster tretend, schaute\ner hinaus. Das Licht gegenüber, zu Lebzeiten Ari-\nmans ein Signal, war auch heute, nachdem die\nLeiche das Haus verlassen, ausgeblieben. Er\nschaute an dem dunklen Hause hinauf und fand es\nganz natürlich, daß eine Pause im Liebesspiel ein-\ntrete.\nAls die Gräfin frühmorgens ihr Zimmer vor\nsich aufdämmern sah, rief sie leise nach ihrem\nSohn. Er schlief, damit sie nicht allein sei, im selben\nZimmer. Als er sich nicht rührte, legte sie ergeben\ndie Hände unter ihren Kopf und erschrak von neuem\nvor der Tatsache des Todes. Es beruhigte sie\nübrigens etwas, daß er nichts erfahren haben\nkonnte. Immer von neuem rief sie sich dies ins Ge-\ndächtnis zurück. — Da rührte sich der Knabe. Sie rief\nihn zu sich ins Bett; der Knabe schlang die Arme\num ihren Körper und sie fingen beide an zu weinen,\nindem sie sich immer von neuem umarmten. Oft,\nwenn sie sich fürchtete vor irgend einem gesell-\nschaftlichen Netz, das eine intrigante Freundin ihr\ngelegt hatte, oder vor dem einstigen Tode oder vor\nUnbestimmtem, hielt sie so ihren Mann in den Armen.\nKeckere Wünsche von ihm, hätte sie dann als\nPlumpheit empfunden, als ein nicht Versenken in\nihre seelische Flucht zu ihm. — Nun ist er kopf-\nschüttelnd von ihr gegangen. Sie wird keine Ruhe\nmehr finden. — „Wir werden keine Reisen mehr\nmachen, dies Haus nie mehr verlassen, wo unser\nteurer Vater lebte,\" schluchzte sie. Der Knabe\nbrach von neuem in ein verzweifeltes Weinen aus.\nAls es ganz hell gewordenwar, hatte sie nach der\nKinderfrau geklingelt und ihr ihren Sohn übergeben.\nDann überließ sie sich der Zofe, welche zuerst ihre\nTränen auslöschte und unter ihrer Anweisung aus\nihr das Kunstwerk machte, welches das Symbol\ndes Grams und zugleich eine Lockung zur Sünde\nwar. Als sie vor den Spiegel trat und den Kopf\ngramvoll zurücklegte, lächelte sie ein wenig zufrie-\nden über ihren Anblick und mußte sich dann zu-\nsammennehmen, nicht wieder zu weinen. — Nachher\nerschien sie im Salon und hörte mit gesenktem Ge-\nsicht die Tröstungen, welche man ihr hersagte.\nMan fand es groß, daß sie so viel Fassung be-\nwahrte. Insbesonders die Männer waren gerührt\nvon soviel melancholischer Anmut.\nEstorff stand ernst und steif unter ihnen. Früh-\nmorgens hatte er einen Brief erhalten. In dem\nstand: „Mein Gott, wenn Sie so bald wie möglich\nmein Haus meiden, werde ich Ihnen ewig dankbar\nsein. Der Vergessenheit, wenn Sie das trösten wird,\nkönnen Sie nicht anheimfallen. So ewig, wie an\nmeine Schuld, ist mein Gedenken an Sie. Ich\nwünschte, ich könnte mit meinem Schmerz ihn,\ndessen ich nie würdig war, trösten. Ich vertraue\nauf Ihr gefühlvolles und edles Herz. Meiden Sie\nunter irgend einem Vorwand den Ort unserer\nSünde, an dem ich in Buße ausharren muß.\"\nDiesen Brief war sie ihrem verstorbenen Ge-\nmahl schuldig gewesen.\n*\nDie folgende Zeit blieb sie allein in ihren\nweiten Räumen, auch verweilte sie in Verstecken\ndes Parkes. Nach Monaten schrieb sie wieder an\nihrem Tagebuch. Sie füllte es mit Erinnerungen an\nden Toten. Nie hatten andere Gefühle als an ihn\nihr Herz bewegt. Auf diesen Blättern lebte der un-\ngetrübte Zusammenhang zweier Menschen, der jäh\nzerrissen wurde. Als blicke der Tote über ihre\nSchulter, so vorsichtig wog sie die Zeilen, als\nspähe er nach Schuld in ihrer Seele, so sorgsam\nordnete sie ihre Gedanken:\nDie Liebesgötter stehen traurig über dem Ka-\nmin. Nie wird mehr das Feuer unter ihnen ent-\nzündet, damit er mich in die Arme schließt. Ich\nliege auf der Erde, und kein Schritt naht, mich auf-\nzurichten. Keiner zieht mir die Hände von den ver-\nweinten Augen. Auch er klagte mir, wenn er litt\nvon der schlimmen Luft draußen, denn er\nhielt mich für seine beste Gefährtin. — Was\nbewog ihn, mich allein zu lassen. Zwei Tage\nvor seinem Hingang sagte er zu mir: Du hast\nmir alles gegeben, was Götter schenken. Wahr-\nlich, ein Geist der Wirrnis war über ihn gekom-\nmen. Seine Stirne wußte nichts von der Hand, die\nsich gegen sie erhob, sonst hätte er mich mitge-\nnommen in das Land der Schemen.\n*\nEinmal bildete er sich ein, die kleine Marion\nzu lieben. Um ihn zu überzeugen, daß er sich irrte,\näffte ich ihr Tag und Nacht Gang und Stimme nach.\nEs ekelte ihn nachher, sie zu hören. — So ist die Ur-\nsache unseres Begehrens oft nur ein zu flüchtiges\nHinsehen.\n*\nEr wollte nichts davon hören, daß wir wegen\nunserer Räume und Kunstwerke bewundert wer-\nden. Er beschämte mich da, indem ich klein vor\nihm stand. Nachher, als er von der Reise seines\nBruders erzählte, sagte ich, er rühme sich immer\nseiner Familie. Es war rührend, wie er sich ver-\nteidigte. Er merkte nicht, daß meine Worte ein\nRückschlag waren.\n*\nEr verzieh mir, weil es ein Beweis meiner\nLiebe zu ihm war, daß ich aus dem Porträt seiner\nCousine die Hände ausgeschnitten hatte. Es waren in\nder Tat, ich muß es gestehen, bewunderungswür-\ndige Hände. Seine Cousine schrie oft in meinen\nArmen und wollte sich losreißen, wenn ich zärtlich\nzu ihr war. Auch sie sah beim Begräbnis gramvoll\naus. Mir war es, als warf sie mir haßerfüllte Blicke\nzu. Wo wir beide so viel verloren, sollte sie liebe-\nvoller empfinden. — Ich verzeihe ihr alle Künste,\nwomit sie ihn versuchte, wenn sie lateinisch sprach,\nvon dem ich nichts verstehe. — Er war so\nsorglos und ließ sich von so vielen umstricken.\nImmer mußte ich über ihn wachen. Und die kleine\nCorella mit ihrem verbrannten Gesicht. Alles ver-\nzieh er mir, weil ich sein treuer Page war.\n❖\nEr sagte, ich liebe die sich unähnlichsten Men-\nschen, die sich einander nie nähern können. Von\nStern zu Stern möchte ich mein Lager aufschlagen.\nAber daß meine Gefährten zusammenkommen\nmüssen, ... so werde ich von den Jungfrauen,\nFrauen und Mädchen zerrissen.\n♦\nAls er einmal zum Duell ging, sagte er:\nHoffentlich wird man das Blutgeschwür von Eitel-\nkeit, dem man meinen Namen gibt, aufstechen. Ich\nsagte ihm: Wenn man es bei mir versuchte, würde\nich doch schreien.\n*\nEr war wie eine Reliquie in gläsernem\nSchrein, vo allen Seiten zu sehen und selbst von\ndurchscheinender Haut. Die Geheimnisse, die er\nbewahrte, trank ich Nacht für Nacht von seinem\nMunde. Da war keine Falte seines Herzens, die\nich nicht lüftete. Als ich ihn kennen lernte, hielt\nich ihn für verschlossen und wahrhaftig. Nachher\nwußte ich, daß er log und leicht zu durchschauen\nwar. Seine Liebe zu mir fraß ihm den Geist. Er\nwar töricht vor mir, wie sehr er vor den anderen\nbrillierte. „Schade,\" sagte ich ihm, als er das Garn\nhielt, „ohne deinen Geist wärest du erst ganz du\nselbst.\" Er ist mir nicht mehr böse wegen dieses\nScherzes. Er verlor oft alle Fassung vor mir.\n*\nEr konnte bei seinen Freunden nichts von mir\nverbergen, so daß sie den Gewändern meines\nLagers und den Netzen, den Verschränkungen\nmeiner Liebkosungen nachsannen, so daß ich je\nihrer aller Dirne wurde; deshalb löste ich mich\nnach und nach aus seinen Armen. Ich blieb ihm\nsein getreuer Traumgespiel, der fraute, abendliche\nKamerad seiner Gitarre. Er schien mich selbst seit\nder Zeit noch zarter zu lieben.\n*\nSchrecklich ist es, wenn mich ein gutes, liebes\nErlebnis mit ihm als gegenwärtig überfällt.\n*\nEr war von erschütternder Güte. Ganze\nNächte konnte er bei mir sitzen und meine Hand\nhalten, wenn ich Angst hatte. Er ging nicht zur\nAudienz zum König, weil ich ihn bat bei mir zu\nbleiben und verlor daher seinen Rang. Aber wenn\ner mit seinem Bruder eine Absprache hatte, ent-\nfernte er sich, sollte ich selbst im Sterben liegen.\nAls er morgens zurückgeeilt war, weinte er, weil\nes mir schlechter ging. Er hat mich immer sehr\ngeliebt.\n*\nDu bist kalt und klar, sagte er zu mir. Aber\ndann konnte ich mich klein machen auf seinem\nSchoß. Er erzählte mir seine Gefühle. Sie waren\nschleichend wie Schlangen, feige, wie Hirsche und\nwechselnd, wie Katzen. Nur über seiner Liebe zu\nmir stieß er immer ins Horn. Konnte ich etwas da-\nfür, daß er mir selbst die Fährten und Dachsteige\nseiner Träume lehrte. Ja, oft, wenn er vor mir\nkniete, hätte er die Erde für mich geopfert. Dann\nbegehrte ich, daß wir beide unter den Sternen allein\nseien. Aber er klammerte sich an seinen Bruder,\nseinen Freund. Da ließ ich ihn fahren, und er wollte\nmich nicht lassen; so waren wir oft sehr verzwei-\nfelt — Viel Eigenwillen gäbe ich dahin, ihn noch\neinmal neben mir zu sehen. Das ist das traurige*\nlebten wir auf einem neuen Stern wieder auf, wäre\nes wie im alten Jahr.\n*\nKomm! Mich selbst auslöschen! Aber er hätte\nauch im Jenseits Gefährten.\n*\nMeinen lieben Jungen. Wie oft habe ich ihn\ngestraft, weil er mich an seinen Vater erinnerte.\nDieser anhängliche Blick; und die Flucht vor mir,\nwenn seine Kameraden kommen. Seit er starb,\nwaren wir sehr zärtlich miteinander. Der Tod ist\nein Zurückholen von leider Verbrauchtem. Ein\nRückerleben, ein Wertwiederhersteller, ein uner-\nbittlicher Zertrümmerer von Glück, das auch vor-\nher nicht mehr zu heilen war.\n*\nAuch wieder diese Lügen. Gestern sagte er\nmir, er habe mich am aller-allerliebsten auf der\nWelt. Dabei dieses beleidigte Erröten, wenn sie\nihn ein Muttersöhnchen nennen.\n*\nEr fühlt sich über seinen Hofmeister erhaben,\nwie etwa ein Gott schon in der Kindheit über den\nMenschen thront. Er hingegen fühlt ein kamerad-\nschaftliches Wohlgefallen an dem leicht auffassen-\nden Knaben, dessen Zurückhaltung er für kindliche\nScheu hält, die er zu überwinden trachtet."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2233, "texte": "Und eines Tages kamen wieder einzelne\nFreunde von ihr und saßen erwärmend am Kamin.\nSie hatten den Geist des Verstorbenen so sehr be-\nwundert, sein Genie und seine Freundschaftsfähig-\nkeit geliebt. Man wunderte sich, daß er, wenn auch\nAusgezeichnetes, so doch wenig gesungen hatte. —\nSie lächelte wehmütig: „Er war sehr lange gefühl-\nvoll über dem, was ihm einfiel. Daher kam er\nimmer erst spät dazu, an etwas Neuem zu sinnen.\"\nIhr Sohn wurde hereingeführt. Die Damen um-\narmten ihn flüchtig. Sie machte darauf aufmerk-\nsam, wie sehr seine aufgeworfenen Lippen an den\nVater erinnerten. Auch vom Dichter hatte er eben-\nfalls etwas. Gestern meinte er, „die Mauern des\nSchlosses sind so dick, daß Zwerge in den Schieß-\nscharten Schlachten führen können.\"\nEine junge Frau, die vom Grafen einmal bei\neinem Fest in ein verlassenes Zimmer und in einen\nArmstuhl gelockt worden, zog ihn auf ihren Schoß\nund umarmte ihn heftig, nicht auf die Zerknitterung\nihres Kleides achtend. Er aber hielt sorgfältig\nseinen kleinen Degen in die Höhe. Als sie ihn her-\nunter ließ, machte er eine artige Verbeugung und\nlehnte sich dann an die Mutter.\nSie beäugte die zärtliche Freundin durch ein\nLorgnon, und erzählte einige Fälle, wo sie sich über\ndes Grafen Geschmack gewundert habe. Einmal\nhatten sie gemeinschaftlich ein Mädchen verfolgt,\nnur weil es einen kleinen Buckel hatte. „Das be-\ngeisterte ihn so.\" — Die Herren lachten.\nMutter und Sohn hielten sich umschlungen und\nflüsterten. Er sagte, daß die Störche die kleinen\nKinder am Nabel aufgespießt trügen. — Die Damen\nkicherten darüber hinter ihren Fächern.\nAls man aufbrach, senkte sie den Blick und\nklagte, wie sehr sie unter ihrer Verlassenheit leide.\nMan versprach ihr tröstend, oft zu kommen. Sie\nschüttelte traurig den Kopf. Sie weile am liebsten\nallein. Dann fühle sie noch manchmal seine Nähe.\nNur die Dame, die den Jungen so zärtlich ge-\nküßt hatte, verabschiedete sich kühl, weil sie keine\ngewürzte Erwiderung gefunden hatte. Der Kleine\nhingegen küßte und drückte innig ihre Hand.\nAuf der Treppe meinten die Damen, daß sie\nihren Gemahl doch oft sehr gequält haben müsse.\nDie Herren jedoch behaupteten, sie sei sehr gefühl-\nvoll. — Man hatte jetzt aber bald genug über den\nGrafen gesprochen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-07_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "44", "page_fin": "44", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.2.6", "titre_corps": "Aphorismen", "titre_sommaire": "Aphorismen", "signature_source": "Karl Kraus", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.4", "debut_caractere": 2235, "fin_caractere_exclue": 5794, "texte": "Aphorismen\nVon Karl Kraus\nEs kommt nur darauf an, sich zu konzen-\ntrieren, dann findet man das Beste. Man kann aus\ndem Kaffeesatz weissagen, ja man kann sogar im\nAnblick einer Frau auf Gedanken kommen.\n*\nPhilosophie ist oft nicht mehr als der Mut, in\neinen Irrgarten einzutreten. Wer dann aber auch\ndie Eingangspforte vergißt, kann sehr leicht in den\nRuf eines selbständigen Denkers geraten.\n*\nWer von Berufswegen über die Gründe des\nSeins nachdenkt, muß nicht einmal soviel zustande\nbringen, um seine Füße daran zu wärmen. Aber\nbeim Schuhflicken ist manch einer den Gründen\ndes Seins nahegekommen.\n*\nBildung ist das, was die meisten empfangen,\nviele weitergeben und wenige haben.\n*\nMoral ist die Tendenz, das Bad mit dem Kinde\nauszuschütten.\n*\nDaß Hunger und Liebe die Wirtschaft der Welt\nbesorgen, will sie noch immer nicht rückhaltlos zu-\ngeben. Denn sie läßt wohl die Köchin das große\nWort führen, aber das Freudenmädchen nimmt\nsie nur als Aushilfsperson ins Haus.\n*\nDie Kinder würden es nicht verstehen, warum\ndie Erwachsenen sich gegen die Lust wehren; und\ndie Greise verstehen es wieder nicht.\n*\nWenn sich die Sünde vorwagt, wird sie von\nder Polizei verboten. Wenn sie sich verkriecht,\nwird ihr ein Erlaubnisschein erteilt.\nIch kannte einen Don Juan der Enthaltsamkeit,\ndessen Leporello nicht einmal imstande war, eine\nListe der unnahbaren Weiber zusammenzustellen.\nWenn ein Denker mit der Aufstellung eines\nIdeals beginnt, dann fühlt sich jeder gern getroffen.\nIch habe den Untermenschen beschrieben; wer\nsollte da mitgehen?\n*\nVielwisser dürften in dem Glauben leben, daß\nes bei der Tischlerarbeit auf die Gewinnung von\nHobelspänen ankommt.\n*\nDa ich las, wie ein Nachahmer das Original\npries, war es mir, als ob eine Qualle ans Land ge-\nkommen wäre, um sich über den Aufenthalt im\nOzean günstig zu äußern.\n*\nEr hatte so eine Art, sich in den Hintergrund\nzu drängen, daß es allgemein Aergernis erregte.\n*\nAls die Mieter erfahren hatten, daß die Haus-\nbesitzerin eine Kupplerin sei, wollten sie alle kün-\ndigen. Sie blieben aber, als jene ihnen versicherte,\ndaß sie ihr Geschäft verändert habe und nur mehr\nWucher treibe.\n«r.\nWenn einer keine Jungfrau bekommen hat, ist\ner ein gefallener Mann, er ist fürs ganze Leben\nluiniert und hat mindestens Anspruch auf Alimente.\n*\nEin modernes Kind lacht den Vater aus, der\nihm von Drachen erzählt. Es ist notwendig, daß\ndas Gruseln ein obligater Gegenstand wird; sonst\nleinen sie es nie.\n♦\nEs tut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, daß\nder Nutzen des Verrats an mir geringer ist als der\nSchaden meiner Verbindung.\nSchein hat mehr Buchstaben als Sein.\n*\nFrage deinen Nächsten nur über Dinge, die du\nselbst besser weißt. Dann könnte sein Rat wert-\nvoll sein.\n*\nDer Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt,\ndaß er die Menschen schlechter machen kann.\n'112\nEin Gedankenstrich ist oft ein Strich durch\nden Gedanken.\nEin Plagiator sollte zur Strafe den Autor\nhundertmal abschreiben müssen.\n«JL*\nW7er Aphorismen schreiben kann, sollte sich\nnicht in Aufsätzen zersplittern.\n*\nDie Sprache sei die Wünschelrute, die gedank-\nliche Quellen findet.\n*\nDer Ekel findet mich unerträglich. Aber wir\nwerden erst auseinandergehen, wenn auch ich von\nihm genug bekomme.\n*\nAls man dieser schnarchenden Gegenwart zu-\nrief, daß einer zehn Jahre nicht geschlafen habe,\nlegte sie sich aufs andere Ohr.\n*\nIch strebe inbrünstig nach jener seelischen\nKondition, in der ich, frei von aller Verantwortung,\ndie Dummheit der Welt als Schicksal empfinden\nwerde.\n♦\nEs muß einmal in der Welt eine unbefleckte\nEmpfängnis der Wollust gegeben haben!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-07_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "44", "page_fin": "44", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.2.7", "titre_corps": "Ornament und Verbrechen", "titre_sommaire": "Ornament und Verbrechen", "signature_source": "Adolf Loos", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.4", "debut_caractere": 5796, "fin_caractere_exclue": 6340, "texte": "Ornament und Verbrechen\nAdolf Loos\nIn der letzten Nummer des Ulk ist eine Glosse,\n„Der Ornamentenfeind\", erschienen, der sich\nmit dem Vortrag des Unterzeichneten, „Ornament\nund Verbrechen\", befasst. Ulk lässt ihn darin\nin Form eines Interviews sagen: Die Barbaren\n(die Anhänger des Ornaments) müssen lebens-\nlänglich eingesperrt werden — in weissgetünchte\nZellen.\nLieber Ulk!\nUnd ich sage Dir, es wird die Zeit kommen, in\nder die Einrichtung einer Zelle vom Hoftapezierer\nSchulze oder Professor Van de Velde als Straf-\nverschärfung gelten wird."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-07_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "44", "page_fin": "44", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.2.8", "titre_corps": "Tivoli = Vauxhall", "titre_sommaire": "Tivoli = Vauxhall", "signature_source": "René Schickele", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.4", "debut_caractere": 6342, "fin_caractere_exclue": 9216, "texte": "Tivoli = Vauxhall\nVon René Schickele\nZu Paris, der Stadt der Menschheitswehn,\ndes ewigen Anfangs, in Tivoli-Vauxhall,\nstanden dreitausend Menschen dichtgedrängt.\nEs roch nach Hunger, Krankheit und Begehren.\nWie durch trübe Dämpfe starrten in der Luft\nhinauf zur rotbehangenen Tribüne\nbrennende, todblasse und zerfressne Mannsgesichter\nund, in ihrem wilden Haar, halbirre Frauenköpfe,\nBlicke, die sich streiften, schienen aneinander\naufzuglühn. Sie schauderten und wollten sich um-\narmen.\nHeißer Atem blies in jeden Nacken. Man war\neingepreßt in andre Leiber, die sich atmend\nauseinander drängten und zusammenzogen.\nDas war ein apokalyptisch Tier, zum Flug bereit\nund riesenhaft, mit tausend Herzen glühend.\nDie Stimme der im Trüben rotgeflammten Ferne\nsprach:\n„. . keine Lügen . . kein Erbarmen . . Recht\ndes Stärkern, der die Arbeit in der Welt verrichtet.\nMir gehört mein Werk . .\nKein Mitleid und kein Herzerweichen.\nEs lebe der Krieg! . .\nBlut muß Gott geopfert sein: unserm Geist\nund dem unsrer Kinder. Alle Menschen verbluten\ntäglich, langsam, in den Freuden, in den Schmerzen,\nWir werden unsre Signale haben,\ndie langen Märsche, die Zusammenstöße,\nwo der Mensch seinen heimlichen größern Geist\ngebärt,\nseinen Gott, den uralten, in den Gewittern\nschreienden Gott! . .\nEs wird unser Krieg sein\nund unser eignes ehrgeiziges Werk.\nKeine Traurigkeit! . .\nMenschen müssen als Helden sterben,\ndamit andre in ihrem hohen Schatten wachsen,\nder Notdurft entwachsen und Gott, dem Geiste\nzu, für den wir die großen Worte fanden,\ndie großen Bilder\nin jahrtausend alter Sehnsucht . .\nSo kommt in ewigen Minuten\nunser eignes Bild sieghaft uns entgegen.\nAlles Fleisch muß untergehn,\ndoch dies ist unser Geist. .\n. . Es lebe die Freiheit,\ndie des einen Kräfte\nan die des andern bindet,\ndaß ein jed Geschlecht\nim freien Wettbewerb\nsein Parthenon errichte . .\nFreiheit; allen Ehrgeiz weckende,\nkraftentzückende,\nkrafterfüllende,\nsehnsuchtreckende\nnach der Vollendung dieser unsrer Hände,\ndieses unsres Herzens . .\n. . EslebedieSchönheit,\ndie aus der Sehnsucht nach Vollendung steigt,\nwie ein Stern aus Abendnebeln . .\nSeht, die Schönheit ist ja nichts,\nals die sich lächelnd spiegelnde Natürlichkeit.\nEs lächelt, wer sein Werk verichten kann.\nDas weiß ein jeder,\nder einmal über seiner Arbeit sann . .\nEs lebe der Ehrgeiz, dem Geiste zu\ndienen.\nVerflucht sei, wer beherrschen will . .\nDie Sklaven befreien sich!\nEs sind Könige genug in ihrer Mitte,\nsehnsüchtige Schönheit, Glauben, Sitte\nund die Gerechtigkeit, die unsre Kränze flicht . .\nIn u n s r e r Arbeit werden wir unsre Herren sein,\nherztoll und heiter.\nBlickt der eine dem andern ins Gesicht,\nspiegeln wir einander: die Menschen .\nZu Paris, der Stadt der Menschheitswehn,\ndes ewigen Anfangs, in Tivoli-Vauxhall\nstanden dreitausend Menschen dichtgedrängt.\nDie Stimme in der Ferne brach.\nDreitausend Menschen schrien und weinten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-07_01#c009", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "45", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.2.9", "titre_corps": "Zirkuspferde", "titre_sommaire": "Zirkuspferde", "signature_source": "Else Lasker – Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3386, "texte": "Zirkuspferde\nElse Lasker - Schüler\nDer Tempel der Pferde ist der Zirkus,\nich meine, jedes Pferd will spielen und das\nheißt auf die Sprache des Wieherns, beten; alle Tiere\nwollen spielen, aber welche Tieraugen brennen vor\nBegeisterung so tief wie die des Rappen; die Schim-\nmel sind fromme Pilger oder Heilige; Päpstinnen,\nwie Santa Anna, Leo ritt auf ihren unbefleckten,\nweißen Rücken zwischen fromme Hecken seiner\npäpstlichen Gärten. Ich gehe jeden Monat in den\ngroßen Zirkustempel Busch, zu jedem Feiertag der\nPferde, zu ihrem Galadienst. Am liebsten sind mir\nihre Feier ohne vielerlei Aeußerlichkeiten, wenn sie\nungesattelt ohne Reiter oder Reiterinnen sich\ntanzend im Kreise bewegen, ihr eigenes Blut feiern\nnach Herzenslust. Gefallen lasse ich mir die drei\nGeschwister Fillis im Zirkus Busch, des berühmten,\nfranzösischen Reiters Reitlinge. Die stören den\nRhytus des Pferdespiels nicht; ihre Gestalten sind\nselbst schlankgeweiht dem Ritt. Mademoiselle Filis,\ndie Schwester der beiden jungen Chevaliers ist ver-\nwachsen, wie ihre Brüder, mit dem Rücken ihres\nwiehernden Priesters. — Mein Vater und meine\nMutter ritten durch die Akazienchausseen meiner\nHeimat; meiner Mutter Edelstute wallfahrtet oft\ndurch meine Erinnerung und trägt mir dichterische\nGedanken zu und meines Vaters Hengst setzt über\nmein Blut und läßt es aufschäumen. Ich liebe euch,\nihr Pferde mit den langen Seidenschweifen, Atlas\nist eure Haut und feuerfarbener Samt eure Augen.\nSolche Schönheit ist die Frömmigkeit der Pferde,\ngezüchtet, spielfähig und buntgebenedeit. Ich\nwüßte keine andere Stätte, die den Namen Tempel\nder Pferde verdiente, wie den Zirkus. Etwa der\nRennstall? Prostituiertes Pferdepriestertum.\n„Beten\" heißt „Spielen\" der Pferde und gibt es\neinen lustigeren, weihevolleren Sandtempel, als der\nZirkus. — Hochmütig ihrer Zucht bewußt, schütteln\ndie Herrenpferde ihre Mähnen, kehren verächtlich\ndem Liebesäugeln einer dreisten Lastpferdin oder\neiner brünstigen Dickschenkelin ihres Pferdevolkes\nden Rücken. Sie gehen keine Mesalliance ein.\nGlücklich macht mich der Anblick eines Reiters,\npaßt er sich dem Denken seines Trägers an.\nWie denkt sein Pferd, sein wohlgepflegtes Pferd?\nI rabweise, sprungweise, gallopierend, immer in\nGedanken, treu seiner Bewegung. Und das\nüberträgt sich dem Kavalier und seiner Dame,\nHalbpriester der da oben, Halbpriesterin, die auf des\nPferdes Rücken. Voll Spiellust sind die Füllen;\njeden Morgen wartete ungeduldig so ein Nimmer-\nmüdes auf mich und meine Schulkameradin. Ueber\nden Zaun auf seine Wiese sprangen wir schul-\nvergessend — wer von uns Drei wohl am liebsten\nZeck spielte! Darum empfinde ich schmerzlich jede\nMißhandlung der Karrenpferde. Bang wie Regen\nfließen die dunklen Lider über ihre trüben Augen.\nWie denkt so ein Pferd? Kummer bedrückt sein\nHerz und beugt seinen verhärmten Kopf. Manchmal\ntröstet der Braune den Schwarzen oder der Apfel-\nschimmel die müde Apfelschimmelin. — Wie futter-\nfreudig hingegen an ihren fetten Trog denken die\nmarkigen Erntepferde; an den Seiten des\nKopfes tragen sie den blanken Messingschmuck.\nZwei, vier Kinderhände, vom reichen Schulzen\ndie Buben, halten sich an den Strähnen der\nMähne des schnaubenden vierbeinigen Bauern fest\nund einige Plumssäcke liegen auf dem Hinterviertel\nseines stampfenden, drallen Pferdeweibs. Ich liebe\neuch alle ihr Pferde, auch die Zwergpferdchen aus\nGullivers Zwerglande im Zirkus Busch."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-07_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "45", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.2.10", "titre_corps": "Christentum mit Posaunen", "titre_sommaire": "Christentum mit Posaunen", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.5", "debut_caractere": 3388, "fin_caractere_exclue": 5551, "texte": "Christentum mit Posaunen\nAlfred Döblin\nIm Zirkus Busch fand am Charfreitag eine reli-\ngiöse Versammlung statt, welche die Berliner Stadt-\nmission einberufen hatte. Zwei Pfarrer und ein\nForstmeister sprachen; unter Posaunenschall\nsangen alle fromme Lieder. Es ist gegen die Ver-\nwendung von Posaunen zur Einleitung religiöser\nBewegungen nichts zu bemerken; ich habe gehört,\ndaß die Botokuden bei ähnlichen Gelegenheiten\ndünne Hölzchen in die Nase stecken und durch ab-\nwechselndes Zuhalten und Oeffnen der Nasenlöcher\nbedeutende Effekte erzielen. Und schwerlich wird\nman den Zirkus bemängeln dürfen; er bietet Platz\ngenug für seelische Erhebungen im luftleeren\nRäume, für Uebungen im Augenverdrehen (sechzig\nUmdrehungen in einer Minute!); und wo gestern\nDompteure Eisbären haben tanzen lassen, treiben\nheute Pastoren ihre Lämmer zu Paaren. Aber als er-\nfreulichen Fortschritt bemerkt der Christ, dass man\njetzt Volksbewegungen mit faulen Witzen einleitet.\nBesonders die Wendung: man werde in Deutsch-\nland ob seines Christentums verhöhnt und verfolgt,\nerregte allseitige — religiöse Begeisterung. Wir\nwissen ja zu gut, daß Heiden, Juden und ähnliche\nSozialdemokraten die leitenden Stellen in Heer,\nMarine und Regierung innehaben, daß das christ-\nliche Glaubensbekenntnis den Zutritt auch zur\nbloßen Reserveoffizierstelle versperrt, daß man in\nBerlin oft dreißig bis fünfunddreißig Schritt gehen\nmuß, ehe mau eine Kirche trifft. Eine Großmutter\nsoll sterbend gesagt haben, sie habe in den letzten\nzehn Jahren von ihrem Fenster aus keine einzige\nKirchenglocke in Berlin gehört; — sie soll allerdings\nseit zehn Jahren taub gewesen sein. Die religiöse\nNot unserer Tage ist groß, aber diese Zustände sind\nhimmelschreiend. Ich möchte bei der Gelegenheit\ndie Blicke der Gläubigen auf die Kamelkämpfe in\nKairuan im südlichen Tunis hinlenken. Ganz Afrika\nwandert dorthin, die Luft ist frischer als im Zirkus\nBusch, das Amüsement groß. Besonders die Stadt-\nmission wird dort auf ihre Kosten kommen. Denn\ndie Kamele fressen mit Vorliebe die trockenen\nSchrippen, welche die Mission in Berlin nicht los\nwird, und sie verschont dann Berlin mit ihren auf-\ngeweichten Redensarten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-07_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "45", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.2.11", "titre_corps": "Faule Ostereier", "titre_sommaire": "Faule Ostereier", "signature_source": "Bimini", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.5", "debut_caractere": 5553, "fin_caractere_exclue": 8725, "texte": "Faule Ostereier\nBimini\nWenn der Berliner Lokalanzeiger seine lite-\nrarische Osterkollekte veranstaltet, lassen sich jene\nnicht lumpen, die sich im Geiste dieses Blattes für\nberühmt halten dürfen. Von Oscar Blumenthal über\nOtto Sommerstorff, den Erholungspoeten meines\nFriseurs, bis zu Robert Steidl. Eine liebliche Ver-\nsammlung! Die führenden Geister der deutschen\nNation! Der Weltgeist bleibt intakt, weil niemand\nim Lokalanzeiger Ostersprüche von Heinrich Mann\noder Alfred Monibert suchen wird, oder von anderen\nMännern, die der Kunst oder der Kultur gedient\nhaben. Aber der deutsche Menschenverstand ist\nwieder mal durch die Lieblinge des Volkes blamiert\nworden.\nIn dem Wetteifer der großen dramatischen\nNationalkitscher Blumenthal und Fulda, ihre ge-\nsammelten Primitivitäten zu unterbieten, bleibt\ndieses Mal Fulda Sieger.\nOstern — Auferstehungstag\nDessen, was erstorben lag.\nKünstler, statt nach Ruhm zu haschen\nDurch erklügelt Ueberraschen,\nLern* im Buch des Frühlings lesen,\nDer sich selber ewig treu,\nAlles ist schon dagewesen,\nAber dennoch wieder neu.\nDienstboten und Hausdiener Deutschlands! Ihr,,\nan deren Adresse diese Anstrengung gerichtet ist\nschöpft Trost aus dieser Trostlosigkeit.\nKassenboten und Aufwaschfrauen Deutschlands,\nverzichtet auf die Verse Georg Engels, denn er hat\nnoch schlechtere Stücke geschrieben als Fulda.\nVergeudet nicht Eure Andacht an den Strophen\nAnna Ritters, die Eure Brotherrn ihren Gattinnen\nauf den Weihnachtstisch legen. Erbaut Euch lieber\nan dem, was BrunoWille zu Ostern einge-\nfallen ist.\nGestorbene gibt's mit atmendem Leibe,\nSie suchen das Leben im Zeitvertreibe.\nDoch hilft nicht Theater, nicht Ostseebad,\nDer Sekt wird schal, zum Ekel der Skat.\nSie schleifen mit sich ihr Leichentuch.\nO Heiland, löse den Hexenfluch!\nWo steckt die Hexe? In Dir, in Dir!\nDu tötest Dich selber, Gewohnheitstier.\nPhilister! Wärest Du jung geblieben!\nVersuche mal kindlich zu staunen, zu lieben!\nUnd die grämliche Welt — nur aufgeschaut! —\nIst zauberhaft neu, eine junge Braut.\nNur aufgeschaut, all ihr grämlichen Logen-\nschließer, ihr Oberschweizer und Kuhmägde. Zu\nEuch spricht der Poet des Lokalanzeigers, Euch\ntröstet der Gütige, an Euch denkt Paul Meyerheim,\nwenn er sagt:\nIch wollte, dass die deutsche Kunst\nAuch wieder käme hoch in Gunst,\nDass der Geschmack, der arg verhunzt,\nNicht länger schwel' in blauem Dunst.\nJa, ja, ja, ja, ja! Leset nicht die letzte Zeile\ndieses geharnischten Gelalles, letzte aller Prosti-\ntuierten, lest sie nicht! Befleckt nicht Euer Scham-\ngefühl: hier ward die deutsche Sprache von einem\nSenilen genotzüchtigt. Aber sonst hat er Recht, der\naime alte Mann —, der Geschmack scheint wirklich\narg verhunzt zu sein. Schade, daß der Dichter\nselbst außer der Malkunst nun auch die Dichtkunst\ndarin stört, in Gunst zu kommen.\nAm heiligen Ostersonntag, bei Morgenkaffee\nund Sandtorte liest der Berliner Normalfamilienvater\nden Seinigen die Ostereiersprüche des Lokal-\nanzeigers vor: Weisheiten und Wahrheiten derer,\ndie nie begreifen werden, daß die deutsche Sprache\nkein Freiwild und die Kunst keine Hure ist. Und in\nden dünnen Duft des Familienkaffees mischt sich\nder erstickende Atem verfaulter Ostersymbole."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-07_01#c012", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "46", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.2.12", "titre_corps": "Fortschritt!", "titre_sommaire": "Fortschritt!", "signature_source": "Progreb", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.5", "debut_caractere": 8727, "fin_caractere_exclue": 11996, "texte": "Fortschritt!\n\nWie sich der Fortschritt kleidet\nDie Zeitschrift „Frauen - Fortschritt\" ver-\nöffentlichte folgende Briefkastennotiz :\nAn mehrere Einsenderinnen. Sie beschweren\nsich darüber, daß der „Frauen-Fortschritt\" in seinem\nInseratenteil eine Korsettanzeige bringt. Auch\nwir sind ganz der Ansicht, daß der Fortschritt der\nFrau eine gesundheitlich und künstlerisch ein-\nwandfreie Kleidung bringen muß, wir werden in\nunserm Text stets nur unter hygienischen und\nästhetischen Gesichtspunkten die Mode beleuchten.\nUebrigens sind schon viele erste Korsettfirmen mit\nErfolg dazu übergegangen, die Fabrikation von\nwirklich gutem Korsettersatz zu betreiben, der\nWille des kaufenden Publikums kann, wenn es sich\nstark genug Bahn bricht, allmählich die gesamte\nIndustrie in dieser Richtung beeinflussen. Eine\nMöglichkeit, unsern prinzipiellen Standpunkt\nim Inseratenteil des Blattes zum Ausdruck zu\nbringen, steht uns leider nicht zu.\nKorsettersatz, Kaffee-Ersatz, — Ersatz,\n— Ersatz usw. Nicht weniger interessant\nwirkt aber in derselben Zeitschrift folgendes\nInserat:\nLebensgefährtin ins Ausland gesucht.\nSuche gesunde Dame, furchtlos, entschlossen, geistig und wirt-\nschaftlich selbständig und unabhängig. Entwickelte Persönlich-\nkeit mit Verständnis für Menschen, Natur-, Kunst- nnd Sprachen-\nkenntnissen.3\nWir haben hier offenbar eine der bekannten\nMädchenhändler-Anzeigen, an der nur erstaunlich\nist, dass ihr sein Autor ersichtlich auch unter den An-\nhängern des „Korsett-Ersatzes\" passende Ware für\ndie Häuser von Marseille oder Rio de Janeiro\nvermutet.\nIm Dienste der Wissenschaft\nDas angeblich „wissenschaftliche Institut\" der\nUrania zu Berlin behauptet durch seinen Titel in\ndem Dienste irgendeiner „Wissenschaft\" zu stehen.\nWelcher, war von jeher unklar. Das Institut wurde\nvon dem bekannten Unfugs-Astronomen Wilhelm\nM. Meyer gegründet, der in seinen Büchern mehr\nPopular-Unsinn quatscht, als ein ganzes Schock\nwirklicher Gelehrter je träumen kann. Die Urania\nführte lange Jahre unter der Marke „Wissenschaft\"\nnette Wandelbilder vor, die vor Jahren einmal ganz\ngut in die Mode der Zeit paßten. Als das nicht mehr\nzog, kamen die epochemachenden „wissenschaft-\nlichen\" Vorträge mit — kolorierten! — Lichtbildern\nheran, wie zum Beispiel „Rügen,\" oder gar „Rom\nund die Campagna.\" Neben dem wissenschaft-\nlichen Theater\" liegen die „Demonstrations-Säle\",\ndas heißt Räume, die vollgestopft sind mit Modellen\nvon physikalischen Apparaten, welche dem\nWissenden garnichts Neues, dem Laien aber auch\nnicht die Spur von theoretischer Erkenntnis\nbringen, sondern nur den plumpsten Spielfrieb be-\nfriedigen, In diesem Hause nun lässt ein Oberlehrer\nDr. Driesen einen Vortrag „Der Kinematograph im\nDienste der Wissenschaft\" halten. Es soll gezeigt\nwerden, wie das Programm verheißt, was der Kine-\nmatograph in der Wissenschaft und Kunst leisten\nkann. Unter dem Begriff „Wissenschaft\" müssen\nBilder rangieren, wie Baumwoll-Ernte, Shackietons\nSüdpolarexpedition: Aufnahmen in dem seit Jahren\nbekannten Kientopp-Stil. Dann eine Operation, bei\nder gerade nur das amüsante Beiwerk aufge-\nnommen ist, und die offenbar nur der Eitelkeit des\nbetreffenden Operateurs dienen soll. Der Kine-\nmatograph „im Dienste der Kunst\" aber zeigt —\nman sollte es doch nicht für möglich halten — jene"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4163, "texte": "olle, geschmacklose Freilicht-Aufnahme „Die\nStunden\" der Pariser Firma Gaumont, deren öde\nLangeweile heute kein Berliner Vorstadt-Kino mehr\nzu bieten wagt. Dieses letzte Bild also, das mit\nKunst gar nichts zu tun hat, stellt einfach eine Irre-\nführung des bedauernswerten Publikums von\nVoiksschullehrern dar, die doch nun zu der Ueber-\nzeugung gelangen müssen: wenn ein richtiger\nOberlehrer sagt, das da ist Kunst, dann wird es\nwohl irgendwo in der Welt unter gebildeten Leuten\nals Kunst gelten!\nDie Schulbehörden sind selbst aus so denk-\nunfähigen Elementen zusammengesetzt, daß von\ndieser Seite niemand den „wissenschaftlichen\"\nKientop-Oberlehrer zurechtweisen dürfte. Hat der\nHerr vielleicht einmal Gelegenheit gehabt zu lernen,\ndass die Griechen nicht nur die Vokabeln tu*™\n(ich teile Ohrfeigen aus) und xaifrcuo) (ich schreibe\nschlechte Zensuren) sondern auch sogenannte Kunst\nhinterlassen haben, von der man sich heute noch,\nEintritt vollständig frei, überzeugen kann. Oder\nkann ein Schulrat dem Herrn am Ende begreiflich\nmachen, daß die Engländer nicht nur die alt-\nenglische Grammatik, sondern auch die induktive\nWissenschaft (ohne Baumwollernten und Shackle-\nton) fabriziert haben? Ach, die oben erfragte Ge-\nlegenheit hat der Herr wohl ebensowenig wie seine\nKollegen gefunden, und was kann wohl ein Schul-\nrat anders als irgend eine Medaille für fremde\nDienste in Empfang nehmen und sie Sonntags an\nseinem Holzbein spazieren führen. Denn das weiß\nman ja längst: ~Pädagogen\" werden heutzutage\nmeistens nur jene Müdesten und Unbegabtesten,\ndie in der Wissenschaft oder in der Kunst endgültig\nSchiffbruch erleiden.\nDie Urania ist ein Institut, das seinen harm-\nlosen Besuchern den Glauben beibringen will, wenn\nsie Maulaffen feil hielten, genössen sie wissenschaft-\nliche Belehrung. Wer dieses Bestreben durch an-\ngeblich wissenschaftliche Vorträge von der oben\ncharakterisierten Art runterstü112 und der Sache\nnoch durch volle Nennung seines pseudowissen-\nschaftlichen Titels vor dem Namen den nachdrück-\nlichen Eindruck des Ernstzunehmenden zu verleihen\nsucht, dem muß einmal öffentlich in sein Fort-\nschritts-Handwerk hineingeredet werden!\nWer war Jesus?\nOder:\nDie Unterschicht und die Volksberührung\nDie Frage wird schon im Voraus erschöpfend\nbeantwortet durch einen Prospekt mit Photo-\ngraphie, der den Montags-Zeitungen beilag. Auf\ndem Bilde sieht man einen pausbäckigen Herrn mit\ngestutztem Schnurrbart und gepflegtem Henri-\nquarte, dessen Bonhommie auf einen Weißbierwirt,\ndessen lange Haare aber auf einen Künstler\nschließen lassen. Wer ist das? Es ist Dr. Max\nMaurenbrecher, wie sein Prospekt sagt, „der\nSohn des bekannten Leipziger Geschichts-\nprofessors. Er, der vielgenannte sozialdemo-\nkratische Schriftsteller . . .\" Er „hat ,\" wie sein Pro-\nspekt sagt, „schon in jungen Jahren die Aufmerk-\nsamkeit der Oeffentlichkeit auf sich gelenkt. Ohne\nZweifel ist er ein Redner mit eigenen starken Ge-\ndanken.\" Ferner bekennt der Prospekt von dem\nDr. Max Maurenbrecher ebenso bescheiden wie\naristokratisch überlegen:\n„Durch seine sozialpolitische Tätigkeit im\nnationalsozialen Verein und innerhalb der sozial-\ndemokratischen Partei hat er eine tüchtige Kennt-\nnis der Gefühlswelt der Unterschicht bekommen\nund ist darum auch imstande, den sozialen Cha-\nrakter des Urchristentums schärfer zu erkennen\nals Gelehrte, denen die Volksberührung fehlt. Er\nspricht klar und offen und verschleiert niemals.\nSeine Vorträge, die bei aller wissenschaftlichen\nObjektivität oft von dem leidenschaftlichen Pathos\neiner aus schweren Kämpfen gewordenen Ueber-\nzeugung durchglüht sind, sind darum auch für den\nGegner ein ästhetischer Genuss. Auch mit seinen\nreligions-historisch-kritischen Arbeiten hat Mauren-\nbrecher auf die Kreise der theologischen Fach-\ngelehrten in allen Lagern und auf die Gebildeten\nin dem mchtkirchlieh interessierten Publikum\ngrossen Eindruck gemacht.\" —\nHailoh, Ihr Boys aus der Unterschicht! Hailoh\nold Billy, dem die Volksberührung fehlt! Kommt\nalle rein, jeder Hörer nimmt vollständig umsonst\nentgegen ein Beefsteak mit zwei Kartoffeln. Außer-\ndem redet der schönste Mann des Jahrhunderts;\nMänner und Frauen! Karten bei Wertheim !\n\nProgreb"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-07-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-07_01#c013", "volume": "bmtnabg_1910-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "46", "page_fin": "46", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.2.13", "titre_corps": "Ehrengerichte", "titre_sommaire": "Ehrengerichte", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.6", "debut_caractere": 4165, "fin_caractere_exclue": 6851, "texte": "Ehrengerichte\nSeinem neuesten Laster, der literarischen\nSelbstbefleckung, frönt der Herausgeber der Schau-\nbühne jetzt auch in der Lessing-Lublinski-Affäre,\nmit der er seiner literarischen Konstitution bereits\nurbekömmlich viel zugemutet hat. Seine Gewissen-\nlosigkeit grinst vergnügt dazu, wie Theodor Lessing\nin einer dilettierten Reimsache dreiunddreißig Au-\ntoren, unter denen sich mehrere Mitarbeiter der\nSchaubühne befinden, Esel nennt. Die dreiund-\ndreißig Autoren hatten in der Schaubühne erklärt:\nDie Unterzeichneten drücken gelegentlich des\nArtikels „Samuel zieht die Bilanz\" von Theodor\nL essing in Nr. 3 der Schaubühne ihr Bedauern\ndarüber aus, daß es keine Ehrengerichte für Jour-\nnalisten gibt.\nDieser lauwarme Guß wirkt freilich nicht er-\nquickend. Aber man weiß, es gibt vorsichtige Au-\ntoren, die es mit Verlegern nicht gerne verderben.\nEin mildes, unverbindliches Protestchen dagegen\nwird gerne unterschrieben (so eine liebe deutsche\nHarmlosigkeit, worin man Jemanden einen Schurken\nnennt, aber vor Zeilenschluß dem Manne im\nübrigen seine Hochachtung nicht versagt). Die For-\nmulierung der literarischen Anstandsforderung muß\nmit Massen In Szene gehen, unter denen die Naivität\nauch Pseudoberühmtheiten nicht entbehren zu\nkönnen glaubt. Welch niederschmetternder Ein-\ndruck, wenn selbst Ferdinand Avenarius unter-\nschreibt. Was für ein Verbrechen muß begangen\nsein, daß auch notorisch konnivente Herren unter-\nzeichnen. Und mit den gangbaren Namen der Be-\ndächtigen wächst die Gier nach Unterschriften und\nmanscht mitten unter die Namen ernsthafter Schrift-\nsteller einen Haufen über alle Zweifel erhabene\nKitscher, die künstlerisch noch unter Theodor\nL.essing und Siegfried Jacobsohn rangieren. Jenen\naber traue ich zu, daß sie auch dieses unterschrie-\nqen hätten.\nDie Unterzeichneten erklären den Artikel:\n, Samuel zieht die Bilanz\" von Theodor Lessing in\nNr. 3 der „Schaubühne\" für eine geistlose und un-\nwitzige Anhäufung von Schimpfworten ohne kriti-\nschen und satirischen Wert. Sie stellen fest, daß\nHerr Theodor Lessing kein künstlerisches Ehrge-\nfühl besitzt und keine menschliche Scham empfin-\ndet, und unwürdig ist, sogar in solchen Zeitungen\nund Zeitschriften gedruckt zu werden, in denen der\nkünstlerische Einwand und die literarische Fehde\ndurch hämische Verhöhnungen des äußeren Men-\nschen und seiner Lebensart ersetzt sind. Immer\nhaben Gassenjungen durch Johlen und Kotwerfen\nzu erkennen gegeben, daß sie einen soignierten Voll-\nbart jeder geistigen Potenz vorziehen.\nDie Unterzeichneten legen, soweit sie Mitarbei-\nter der Schaubühne sind, ihre Mitarbeit nieder und\nbedauern, daß es kein Ehrengericht gegen den Her-\nausgeber von Schaubühnen gibt. 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Er rechtfertigte sich mir gegen-\nüber mit der Einwendung, man müsse sich be-\nweisen, daß man nicht bloß aus Gutmütigkeit bei\nder Stange bleibe. „Du sollst nicht töten,\" sprach\nich zu ihm mit väterlicher Stimme. Siehe da! er\nfiel mir zu Füßen, zog aus seiner inneren Rock-\ntasche ein braunes seidenes Tuch, darin lagen wohl\neingewickelt mehrere Revolver, ein Fläschchen\nGift, ein Strick, ein Döschen Pfeffer, kurz lauter\nSachen, die Argwohn erregten. „Ich soll nicht,\"\nschluchzte mein Sohn, „allein ich muß es erst\nkönnen\". Er tat die Sachen wieder in seinen Rock\nund vollführte einen Freudensprung. Bald darauf\nermordete er meine Frau, eine schöne Matrone,\ndie ihn mir geboren hatte. Ich machte ihm ernst-\nliche Vorwürfe. Aber mein Sohn, bei aller Zartheit\nein harter Charakter, mißhandelte mich auf das\nRoheste, so daß ich zum bösen Spiel gute Miene\nmachte. Versteht sich, daß mein Sohn dem Gericht\njedesmal ein Schnippchen schlägt. 810 ß mir hat er\nes angeboten, daß ich der Mitwisser seiner Schänd-\nlichkeiten sei; und schließlich muß ein rechter\nVater seinem Kinde auch ein paar Mal durch die\nFinger sehen können. Ich billigte seine eigentüm-\nliche Methode, sich zu einem gesitteten Menschen\nzu erziehen, keineswegs: aber sie imponierte mir.\nEs genügt'e, daß er jemanden liebte, alsbald sann\ner auf die grausamsten Mittel, Partei gegen sich\nzu nehmen: er zwang sich zur Ermordung aller\nTriebe und Gegenstände seines Herzens. „Nur so,\"\naigumentierte er, „bekommt man sich in eigene\nGewalt.\" Bei diesen Worten weinte ich laut auf:\n~Du liebst mich nicht, mein Sohn,\" stöhnte ich,\n„denn ich lebe noch.\" „Hoho!\" lachte er: „Ich be-\ndarf eines Mitwissenden, es ist eine Schwäche —\nwer weiß, Du hast etwa Hoffnung.\" Am vorigen\nMittwoch ertränkte mein Sohn seine Braut, er\nteilte mir es brühwarm mit: „Ich kann darüber\nweinen oder lachen — wie ich eben will,\" frohlockte\ner, „ich habe eine vollkommene Freiheit über alle\nBewegungen meines Gemütes erlangt.\" „Dann\nlaß es doch endlich!\" raunte ich ungeduldig.\n„Jetzt,\" sagte er, „wo es mir Spiel geworden ist,\nein liebliches Spiel der Selbstfolterung, nicht zu\nvergessen, wie es Dich quält, Papa? — Geduld,\nalter Herr! Du bist noch nicht an der Reihe.\" —\nHierauf schoß er mir unversehens mit dem Re-\nvolver meinen Nasenknorpel weg und schickte\nunsere Dienstmagd zum Arzt. Ich tröstete mich\nmit einem Rückschluß auf die Stärke seiner\nSohnesliebe. In der folgenden Nacht erdrosselte\ner meine Lieblingstochter Angelika. „Das räche\nder Himmel!\" rief ich aus, ich verlor alle Selbst-\nbeherrschung, mir graute. Lehmann wurde mir\nvollkommen unheimlich. War dieses Ungeheuer\nwirklich mein Sohn? „Alterchen, Du bist ein\ndrolliger Kerl,\" amüsierte er sich. „Ich gebe\nübrigens zu, daß die Möglichkeit des Todes\nschrecklich ist: aber wie, wann, wo wir sterben, ist\nrecht sehr — Nebensache und sollte niemanden\nernstlich aufregen.\" „Du bist irrsinnig,\" schrie ich\nihn an, „Deine Vernunft ist beim Teufel; wenn Du\njetzt kein Ende mit Deinen Mordübungen machst,\ngeh ich zum Gericht, ich hätte es schon beim Tode\nDeiner Mama tun sollen.\" — „Vater,\" sagte mein\nSohn und sah mich auf eine unbeschreibliche Weise\nan, „Sie werden sofort Gift kriegen. Zuvor jedoch\ntöte ich Ihre alberne Logik, welche die unendliche\nVernünftigkeit des Wahnsinns lästert.\" Er gab\nmir, so viel ich weiß, einen furchtbaren Klaps auf\ndie Schädelkapsel.- „Jetzt schweige, Idiot, der Du\nnun bist,\" brüllte er, rauchte, in meiner Stube hin\nund her gehend, eine Zigarre, und entfernte sich\nverdrossen. Inzwischen kam ich wieder zur Be-\nsinnung, in meinem Speisezimmer fand ich die\nDienstmagd in Gestalt einer Leiche, ein Anblick,\nder, trotzdem ich durch meinen Sohn abgehärtet\ndagegen war, mir doch dermaßen zusetzte, daß ich\nzu pfeifen aufhörte, ich hatte gerade eine Verdische\nArie zwischen den Lippen gehabt. Ich kam mehr\nund mehr in eine wehmütige Stimmung. Plötzlich\ngeriet mein Herzschlag in immer rasenderen\nGalopp, zugleich machte mir das Atmen Schwierig-\nkeiten, und glühende Nadelspitzen stachen in\nmeinen ganzen Körper. Kein Zweifel! Ich war\nwährend meiner Geistesabwesenheit vergiftet\nworden. Mit dem letzten Aufgebot meiner Kraft\nnahm ich ein Brechmittel, es wirkte, und ich be-\ngann, mich zu erholen. Da kehrte mein Sohn\nzurück. Du lebst?\" fragte er ungläubig lächelnd.\n„Ich lebe,\" antwortete ich fest und würdig. Das\nschien ihn nicht einzuschüchtern. Er zog ein Blatt\naus der Tasche und rechnete einige Minuten.\n„Vater,\" verkündete er mir sein Resultat, „Du hast\ndie Lebenskraft von vier Rossen. Theoretisch\nbist Du tot, und moralisch bist Du es für mich\nlängst. 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Fischer, Diede-\nrichs u. a. zwecks Herausgabe\nkiinstlerisch ausgestatteter Klas-\nsiker begriindet haben, beginnen\njetzt die ersten Bande zu er-\nscheinen, von Goethe die Wahl-\nverwandschaften und Kleinere\nErzahlungen sowie der Faust\nund Urfaust, von der Kleist-\nAusgabe die vier Bande der\nWerke, von der Heine-Aus-\ngabe die Gedichte und die Tra-\ngodien in zwei Banden. In der\nWeißfraktur und in der gleich-\nfalls von dem beriihmten Buch-\nkiinstler E. R. Weifi besorgten\nGesamt-Ausstattung zeichnen\nsich die Ausgaben durch Ge-\ndiegenheit und Vollkommen-\nheit aus. Als Einzelausgaben\nprasentieren sich die Bande\nebenfalls sehr vorteilhaft. □\nJederßandkostet: Inmodernem\nenglischen Leinenband M 3.—.\nIn Halblederband im Stil der\nZeit M 3.75. 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Wenn Sie\naber durchaus die Bereitung von Sauglingsnahrung im\nHaushalt selbst vornehmen wollen, so raten wir Ihnen\ndringend, dazu den bewahrten 1 I T~l\nNutricia-Nahrzucker\n(Maltosana) zu nehmen, der auch von den Aerzten\ndem bisher üblichen Milchzucker vorgezogen wird.\nSie verabreichen dadurch gleichzeitig einen Kraft-\nnahrungszusatz. 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Rhein PJfi w 8 BERLIN w 8\n■ HOHE STRASSE 51 LEIPZIGER STR. 36\ni:: SPEZIAL-GESCHAFT ::\ni Seide :: Wolle :: Baumwolle\n| Spitzen Garnituren Besatze\nSI VERLANGEN SIE MUSTER UND KATALOGE\na\ngg\ngg 2 Saison-Kataloge, Spezial-Katalog* fur Spitzen u. 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Schreibwaren\nFeine Briefpapiere fUr Geschafts u. Familien-\nbedarf/Briefordaer,Wirtschaftsbiic!ier, Durch-\nschreibebucher/Albumsf.Postkarten,Zeitungs-\nausschnitte, Photographien/Anfertigung von\nVisiten-u.Einladungskarten.Familienanzeigen\n:: :: :: :: SPEZIALITAT: :: :: :: ::\n-\nBlocks in alien Grossen (Manu-\nskriptblocks in Quartformat) ■ Fiill-\nfederhalter fur die Tasche »Tinten-\nstifle in verschiedenen Qualitaten u.\nPreislagen ■ Sicherheits - Fiillfedern\nStylographic Pens »Korrespondenz-,\nJournal-, Unterschrifts- und Manu-\nskriptmappen ■ Loschmappen und\nSchreibunterlagen » Gesamter\nSchreib- und Schreibtisch-Bedarf\nass"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.1", "texte": "Erscheinungstag: Mittwoch\nEinzelbezug: 10' Pfennig\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524. Anzeigen-Annahme und\nGeschäftsstelle: Berlin W 35, Potsdamerstr. 111 / Amt VI 3444\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark / Halbjahresbezug 2,50 Mark/\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nERSTER JAHRGANG\nBERLIN/DONNERSTAG/DEN 7. APRIL 1910/ WIEN\nNUMMER 6\n\nINHALT:\nROBERT SCHEU: Das Problem der\nProvinz / OTTO SOYKA: Tugendkars / ALFRED\nDÖßLIN: Gespräche mit Kalypso über die Musik/\nPETER BAUM: Aus einem neuen Roman / KARL\nKRAUS: Aphorismen / ADOLF LOOS: Ornament und\nVerbrechen / SCHICKELE: Tivoli Vauxhall /\nELSE LASKER-SCHÜLER: Zirkuspferde / A. D.:\nChristentum mit Posaunen / BIMINI: Faule Ostereier/\nPROGRESS: Fortschritt / TRUST: Ehrengerichte /\nMYNONA: Mein Sohn\n\nDas Problem der Provinz\nVon Robert Scheu\nDie Menschen in der Kleinstadt, ohne Zweifel,\n— leiden.\nDiese Städte bisweilen mit größerer Ein-\nwohnerzahl, als das klassische Athen sich ihrer\nrühmen konnte, durch alle Verkehrsmittel unter-\neinander und mit den großen Zentren der Welt ver-\nknüpft, mit einem ununterbrochenen Strom von\nNachrichten versorgt, von Telegraphenfäden\ndurchsponnen, von lachenden Gärten umfriedet,\nmit den köstlichen Vorbedingungen des Wohlbe-\nhagens und der geistigen Selbstvertiefung ausge-\nstattet, und dennoch ihres Friedens nicht froh, ohne\nLeidenschaft und Schwungkraft, voll seltsamer\nTrauer liegen sie in ihren schönen grünen Tälern.\nMan sollte meinen, daß die behagliche Ruhe gleich\neinem Palmenhaus ihre edlen Gewächse ausblühen\nließe; daß die Menschlichkeit sich dort intensiver\nund lustvoller genießen mußte, wo sie in begrenzten\nBezirken, in durchsichtigen Verhältnissen sich\nleicht durchschaut, und alle Beziehungen dazu be-\nstimmt erscheinen, sich zu vertiefen, zu ver-\ninnigen; sollte meinen, daß, abgelegen vom nerven-\naufzehrenden Verkehr die innere Sammlung gerade\ndie Voraussetzung höherer und reinerer Leistungen\nbildete, daß nicht nur ein größeres Bedürfnis,\nsondern auch ein größeres Vermögen zum\ngeistigen Austausch den Verkehr veredelte, ver-\nklärte.\nIm Gegenteil ist es eine Tatsache, daß die\nProvinz in den Lebensformen, Manieren, in den\nDingen des Geschmacks, aber auch in der höheren\nProduktivität mit den großen Zentren nicht wett-\neifern kann; daß es — zu unseren Zeiten — keiner\nKleinstadt mehr gelingen kann, die geistige Führung\nan sich zu reißen oder zur Beachtung zu gelangen.\nWie soll man es erklären, daß künstlerische und\nliterarische Schöpfungen, sobald sie von einem\nProvinzort von Stapel gehen, nicht nur ihren Weg\nnicht machen, sondern der Geburtsort sich gerade-\nzu als eine Verrammelung der Karriere erweist\nund trotz allen Schlagworten von Bodenständig-\nkeit, Erdgeruch, Heimatkunst jenes Mißtrauen nicht\nzu besiegen ist, sei es nun gerecht oder ungerecht?\nIm Grunde genommen beweisen diese periodisch\nsich wiederholenden „Entdeckungen der Provinz\"\nnur die große heimliche Verwunderung ob des\nRätsels, daß diesem gewaltigen Reservoir der\nNation die gebührende Fruchtbarkeit nicht zu ent-\nlocken ist. Und fühlt der Bewohner der Klein-\nStadt sich nicht beengt, eigentlich abgeschnitten?\nWunderlich genug, daß sich die Menschen dort am\nwenigsten genügen, wo sie einander am unge-\nstörtesten gehören; es ist fast ein Argument für\nden Pessimismus; es sei denn, wir müßten an-\nnehmen, daß ihnen dort irgend ein Aroma, ein\nZauber unbewußt fehlt, ein Ingrediens, dessen sie\nbedürfen, um einander schmackhaft zu sein.\nAuf der anderen Seite die Springbrunnen-\nstädte, deren Pflaster berauscht, wo die Gedanken\naus dem Boden wuchern, wie das Naphta, das auf\nden gesegneten Stätten unter elementarem Druck\naus dem Erdinnern an die Oberfläche drängt, der\nStrom des Geistes in tausend Wasserfällen don-\nnert! Ein Paris, dessen Fruchtbarkeit allstündlich\nin Flammen ausbricht oder das erhabene London,\nwo die gigantischen Werte aufeinanderprallen und\ndas Rasseln der Millionen ans Ohr schlägt; jene\nwundersamen Zentren, deren Boden in Lüsternheit\nzittert und den darauf Tretenden gleich einer\nelektrischen Platte mit Spannug ladet.\nUnsere Kuiturstimmung hängt offenbar von\nlokalen Imponderabilien ab. Darin steckt irgend\nein Geheimnis, eine Neuheit, die wir mit ver-\ngangenen Zeiten nicht teilen. Und die Provinz\nleidet! Verfolgen wir dieses geheime Siechtum, so\nnehmen wir wahr, daß die großen Handelsemporien\ndavon offenbar verschont sind. Hafenplätze, See-\nstädte, Börsenplätze — ein Venedig, Neapel, Ham-\nburg, sind immun. An den Piloten der Lagunen\nzerschellt das Gespenst. Auch Marienbad, Karls-\nbad, St. Moritz, Nizza haben davon keinen Hauch.\nDie Sommerlustorte, wie klein auch die Einwohner-\nzahl sei, tragen niemals die Spuren dieses Leidens.\nJa, das Charakteristische dieser Lustorte liegt\ndarin, daß sich von dort aus eine neue Renaissance\nausbreitet, kein Zweifel, eine große Renaissance\ndes Körpers. Der Leibesstolz, die Ritterlichkeit\nhaben sich im Widerstreit zur Nerven- und Papier-\nkultur aus den Saturnalien der geplagten Mensch-\nheit entwickelt, haben an Ausdehnung und Be-\ndeutung zugenommen, die Farbenfreude ist sieg-\nhaft erwacht — die Sommer- und Sonnenkultur\ntriumphiert!\nWir haben Sommer- und Winterfarben, Som-\nmer- und Winterfreunde, Sommer- und Winter-\nAuffassung, und unzweifelhaft neuestens auch eine\nSommer- und WTinter-Wertung.\nSport, Farbenrausch, Herrenmenschen und\nFrauenflora und das Theater bezeichnen die Pflanz-\nstätten der neuen Renaissance, und die Zeit naht\nmit Riesenschritten, wo wir unsere ganze Jahres-\neinteilung vom Sommer aus organisieren werden.\nWir erkennen aber gleichzeitig — nicht ohne\nSchrecken —, daß die Kultur und das Geistesleben\nin der Gegenwart überall an die Zentralisation von\ngroßen materiellen Gütern gebunden ist. Dies war\nsicherlich nicht zu allen Zeiten in solchem Maße\nder Fall. Die magnetische Anziehungskraft, nach\nder sich die Kulturwerte an den Stapelplätzen der\nmateriellen Güter ringartig ansetzen, die\nwachsende Schwierigkeit, abseits von diesen\nSammelstellen die Kulturstimmung zu bewahren,\nGlanz und Reichtum als Voraussetzung geistigen\nWirkens — das sind Erscheinungen, die wir uns\nnicht ohne Widerstreben . einbekennen, weil ihre\nKonsequenzen betäuben. Nach diesem neuen,\nbösen Gesetz wird nur der Mitgenießende zur\nschaffenden Gemeinde zugelassen, in diesem Zeit-\nalter der höchsten industriellen Produktivität.\nUeberall erweist sich das Erwachen der\nLebens- und Kulturstimmung, überhaupt das\nGeistesleben davon abhängig, daß mächtige Güter\nroulieren. Und wie die industrielle Monstre-Pro-\nduktion die Voraussetzung dieses gesteigerten\nKonsums bildet, so wären die frevelhaften Genüsse\nunvollkommen ohne den Hintergrund des\nstädtischen Proletariats, dieser kupferroten Wolke,\ndie sich, der Explosion harrend, auf dem Horizonte\ntürmt. Im Vordergrund dieser blendenden\nFinsternis steigt und rauscht der silberne Spring-\nbrunnen des Reichtums mit seinem stimulierenden,\nagassierenden, teuflischen Reiz.\nDer einzelne wird immer rücksichtsloser ge-\nmahnt, daß die Ausübung geistiger Fähigkeiten vom\nBesitz unzertrennlich wird. Ein großer nervöser\nReisedrang verschärft die Situation, peitscht\ndespotisch zur Konzentration der Genüsse. Ein\ndonnerndes „Get money\" durchhallt die Welt.\nDie großen Investitionen, die der Industrie kaum\nnoch gestatten, ihre Gewinne zu realisieren, finden\nihr Spiegelbild im geistigen Leben. Teure Sporte,\nals Quelle von Einsichten und Sensationen, die zum\nBildungsbestand gehören, von denen man sich nicht\nohne Gefahr rapider Verarmung abschließen kann,\nsteigern die Sehnsucht nach Besitz. Ein bewußtes\nAbseitsleben würde zu dem Resultat führen, daß\nwir infolge unserer Papierkultur von der Welt der\nmateriellen Kräfte abgeschnitten blieben, ohne\neinen Ersatz durch ein naives Naturleben einzu-\ntauschen. Der Moment der körperlichen Gefahr\nbeispielsweise, das uns durch die Bureau-Kultür\nentrissen wurde, läßt sich in edler Form auf den\nZinnen der Gletscher wiederherstellen. Die kom-\nmerzielle Abhängigkeit mit ihrer Unterdrückung\nder Affekte bedarf dringend der Erlösung durch\ndas Theater, um jene Reinigung herbeizuführen,\ndie schon Aristoteles zur Hygiene der Seele\nrechnete. Als Gegengewicht gegen die Boden- und\nHeimatlosigkeit unserer kulturmischenden Zeit\npflegen wir das künstlerische Heim. Auch hier\naber sind kulturell wertvolle Gefühle an den Besitz\ngeknüpft. Nehmen wir Alles in Allem, so läßt sich\nsagen, daß die natürliche urwüchsige Ausstrahlung\nder Seelenkräfte und Spannungen von der Kultur\nschrittweise ausgeschaltet wird. Die hierfür er-\nfundenen, bis zur Vollkommenheit gesteigerten\nErsatzmittel sind aber durchwegs — teuer.\n0 alte Weisheit von der einfachen genügsamen\nLebensweise, wie unhaltbar wirst du in diesem\npositiven Zeitalter, das in hoher Erleuchtung der\nGenuß als wichtigstes Erfahrungsmittel erkannt\nhat, in einem Zeitalter, das den Edelwert der Lust\nfestgestellt hat und die Machtgefühle turmhoch\nwertet! Diese Machtgefühle, die immer schwerer\nvom Besitz zu trennen sind, weil ohne die ma-\nterielle Unabhängigkeit die Lauterkeit der Ge-\nsinnung, die Tapferkeit des Auftretens kaum noch\naufrecht zu erhalten sind, wenn sie nicht geradezu\nlächerlich werden. Seien wir aufrichtig, diese Zeit"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.2", "texte": "lacht über die Märtyrer, weil sie alles Martyrium\nin materielle Formen umzumünzen wußte und die\nRomantik bei den Millionen ist. Der Mangel an\nBesitz ist eine sichere Promesse auf Beiseite-\nschiebung, über die man auf die Dauer nicht er-\nhaben sein kann. Unter dem Passatwind ist es\neine Geschmackssache, ob man mit oder ohne Besitz\nleben will. Uns Kulturmenschen ist kaum mehr\ndie Wahl gelassen, weil die Abwehr der Unfreiheit\nimmer kostspieliger wird, weil die Armut immer\ngewisser mit Unredlichkeit und Einfalt ver-\nknüpft ist.\nWer ermißt die Tragweite dieses Umsturzes?\nWerden wir uns anpassen, werden uns neue Kräfte\nzuwachsen, werden wir in der wilden Jagd ver-\ndursten? Oder wird sich endlich ein Gleich-\ngewicht einstellen, oder die Besinnung siegen?\nKönnen — wollen wir überhaupt noch zurück?\nInzwischen gewinnt unter dem Eindruck dieser\nalarmierenden Erkenntnis der Kampf ums Gold an\nSchärfe und Bitterkeit. Die Spannung ist recht\nunerträglich geworden, seitdem auch die geistigen\nMenschen ihr Erbteil so dringend reklamieren.\nJene großen Zentren sind der Schauplatz der gol-\ndenen Schlacht, ziehen alle Güter an sich, aber auch\ndie Mehrzahl der qualifizierten Menschen. Schön-\nheit und Genie spielen ihre Trümpfe aus — ein\ngigantisches Werben! Inzwischen entblößen sich\ndie Mittelstationen. Daraus erklärt es sich, daß\ndie Provinz an Luxuserscheinungen verarmt, weil\neine heimliche Auslese sie wegzieht. Frauen-\npracht, hohe Blüte der Kunst und der Ruhm sam-\nmeln sich auf der Wahlstatt der höchsten Chance.\nDie Provinz hat ihren autochthonen Bestand abge-\ngeben und füttert damit beständig jenen geheimnis-\nvollen Moloch, in dessen smaragdenen Gärten alle\nRegenbogen flammen.\n\nTugendkurs\nVon Otto Soyka\nDie Einschätzung menschlicher Fähigkeiten\nwechselt; auch die Tugend hat ihren Kurswert.\nUnd dieses Kursblatt, das öffentliche Meinung ge-\nnannt wird, zeigt starke Schwankungen in der No-\ntierung des menschlichen Tuns.\nDie dominierende Tugend des Altertums war\nphysische Kraft; sie wurde gepriesen, ihre Besitzer\nhatten das Heldentum monopolisiert. Heute? Kraft\nist ein Gebrauchsartikel geworden, der aus der\nSpannung des Dampfes, der Elektrizität im ge-\nwaltigen Strome fließt. Das bißchen Menschenkraft\nimponiert nicht mehr. Wer je einen Dampfhammer\nbei der Arbeit gesehen hat, kann schwerlich von\nhomerischen Hieben schwärmen. Einen Türken in\nzwei Teile spalten, die exakt zur Rechten und zur\nLinken niedersinken — eine Kleinigkeit! Das macht\nbei entsprechender Einrichtung ein winziger Dy-\nnamo. Die speziell menschliche Kraft besitzt ja\nnoch ihren Raritätenwert; bei Sportwettkämpfen\noder im Zirkus; aber im allgemeinen hat sie nach\nder letzten Volksschulklasse aufgehört, für den Zeit-\ngenossen von Bedeutung zu sein.\nHeute besteht im Reiche der Vorzüge eine\nmerkwürdige Doppelherrschaft. Die geistigen\nFähigkeiten, Intelligenz und Talent, haben eine Art\nScheinkönigtum. Erst ihr offizielles Siegel liefert\neinen Menschen der hergebrachten Verehrung und\ndem unausweichlichen Nachstreben aus — aber\nwirklich regierende Tugend ist zweifellos das Geld.\nUnd mit Recht. Es trägt alle Lasten, erfüllt alle\nPflichten einer Tugend; es schützt seinen Besitzer\nvor schlechten Situationen, gibt dessen Anhänger-\nschaft Sicherheit und Macht, es ist selber reine\nMacht, Macht zum täglichen Gebrauche. Mit all\ndiesen Leistungen ist es vollständig an die Stelle ge-\ntreten, die früher von den Beuge- und Streck-\nmuskeln der Arme und Schenkel eingenommen\nwurde. Aber noch steht es in der Anerkennung\nhinter diesen zurück. Geld ist eine offiziell nicht an-\nerkannte, eine arme Titulartugend ohne moralisches\nEinkommen. Der praktische Respekt, den es er-\nzwingt, wird mit Vorbehalt gegeben. Ehrlich ein-\nbekannte Verehrung, Jugendbegeisterung, beide erst\nder eigentliche Purpur herrschender Tugenden, wird\nihm vorenthalten.\nUnd hier läßt sich ein Wandel prophezeien.\nAuch die Geistesverfassungsfragen einer Zeit sind\nin letzter Linie Machtfragen. Die Macht der Vor-\nzüge des Geldes wird sich alle Rechte dieser Vor-\nZüge erzwingen. Der Name Tugend ist ein solches\nRecht. Das Geld wird die Jugendverehrung und\ndie dichterische Verherrlichung erobern, wie Tapfer-\nkeit, Kraft und Größe der Leidenschaft sie erobert\nhaben.\nDie sind ein letztes Honorar der Mitwelt für eine\npraktische Leistung, für gewährten Schutz und Vor-\nteil. Das Geld wird seinen moralischen Rang er-\nzwingen; es ist die verherrlichungsreife Tugend von\nmorgen.\nVom Standpunkt des persönlichen Verdienstes\nist wenig einzuwenden. Selbsterworbenes Geld ist\nIntelligenz, umgesetzte, kinetische Intelligenz. Und\nNichterworbenes? Die vielgepriesene Kraft eines\nAchilles war sicher kein größeres Verdienst, als die\nvielmißgönnte der Erben eines Vanderbilt.\nEs wird eine verläßliche Tugend sein, eine,\nderen Vererbungstheorie nicht angreifbar ist, so-\nlange sie das bürgerliche Gesetzbuch schützt. —\nDie letzte Aenderung im Range des Reichtums\nvollzieht sich unmerklich. Die Phrasen und Rede-\nwendungen, die kleine Münze des täglichen Ver-\nkehres, sie tragen ohnehin das Bild des wirklichen\nRegenten im Bereiche menschlicher Achtung: Klin-\ngende Münze ist ein Anerkennungswort auf allen\nGebieten, Gold ist der ehrendste Vergleich für\nStimmen, Sonnen, Sterne, Weine, Schatz ist eine\nselbstverständliche Bezeichnung für die geliebte\nPerson. Nun wird man mit derselben Selbstver-\nständlichkeit dem wirklichen Geldschatze die Liebe\nzuerkennen. Im Worte Geldaristokratie verliert\ndie erste Silbe die Betonung. Nicht mehr die Mütter\nwerden rühmen, nein, die Töchter werden\nschwärmen. Das ist stets ihre Betätigung gewesen,\ngegenüber der letzten Neuheit am Tugendmarkt.\nDas war noch eben das Genie, das wird in kurzem\nder Reichtum sein. Bald werden sich die Attribute\nsüß, entzückend, herrlich an den Besitzer des Geldes\nknüpfen. Auf eine Erbschaft zu warten wird ein ge-\nachteter bürgerlicher Beruf bleiben, Erben ein\nangebeteter.\nDie Höchstachtung der Menschheit hat schon\neinen weiten Weg, den von der physischen Kraft\nzur geistigen, zurückgelegt. Er ist kaum kleiner als\nder von der Persönlichkeit zu ihrem nicht-\norganischen Besitz. Eine neue Tugend ist im An-\nmarsch, und auch diese wird niemand aufhalten.\n\nGespräche mit Kalypso\nZweites Gespräch: Flötentöne und\nGeschrei\nUeber die Musik\nVon Alfred Döblin\n(Flötentöne hinter der Düne. Eine Sänfte, über-\nwölbt vom dunkelblauen Baldachin, taucht hinter\neinem Hügel auf, bewegt sich sehr langsam\ngegen das graugrüne Meer zu. Die Stangen der\nBahre ruhen auf den Rücken von vier Riesenschild-\nkröten, die sich gemächlich fortschieben. Auf der\nDecke des Baldachins sitzt ein weißbärtiger, greiser\nPavian, lenkt mit zwei goldenen Ketten die vor-\nderen Schildkröten. In der Sänfte liegt ein Weib,\nhalb aufgesetzt, die Hände hinter der schweren\nHaarpracht des Kopfes gefaltet. Volle regelmäßige\nkalte Züge; ernster leerer Blick, elfenbeinfarbene\nHaut. Unter der blauen Tunika, die breit mit\nschwarzer Seide durchwirkt ist, tritt die Reife des\nLeibes hervor. Um den bloßen Hals hängen Perlen-\nschnüre, deren Weiße der starblinder Augen\ngleicht. Goldgelbe Sandalen der Füße; eine Kette\num den Knöchel des linken Fußes. Dies ist Kalypso\nA'.a ö-saujv. Hinter der Sänfte taumelt ein Mann,\nzerlumptes Maskenkostüm, vielleicht hellenisch;\nstumpfer Gesichtsausdruck, verwildertes Haar,\nhängender Schurrbart. Durch die Nase ein Eisen-\nring, daran hängt frei bis auf den Boden ein Strick.\nVon dem Vogelvolk folgen einige mit Flöten. Lange\nauf- und absteigende Flötentöne; bisweilen eine\nArt Abschluß mit Triller. Sie sind dicht am Wellen-\nschlag. Kalypso klatscht in die Hände. Die Sänfte\nhält. Die Schildkröten ziehen sich in ihre Schale\nzurück. Die übrigen hüpfen zur Seite, legen sich\nhinter Balken und Sandhaufen. Der Mann, der Mu-\nsiker, bleibt unbeweglich, ohne aufzusehen stehn.)\nKalypso:\nihn betrachtend, lächelt.) Wie nennst Du Dich?\nMusiker:\n(Unbewegt, schweigt.)\nKalypso:\nSprich doch zu mir.\nMusiker:\nWo ist meine blonde Freundin? Wo sind meine\nFreunde?\nKalypso:\nIch kenne sie nicht.\nMusiker:\n(Steht wieder abwesend da.)\nKalypso:\n(Nimmt den Strick lächelnd in die Hand, spielt\nmit ihm.)\nMusiker:\n(Zuckt, beißt die Zähne zusammen; vor sich hin-\nsprechend.) Ich frage nichts, ich will es ja gut\nmeinen mit meinem Kopf; ich will es ja gut —\nmeinen.\nKalypso:\n(Dozierend.) Unser Strand ist ein weitoffenes Maul.\nWas ihm zufällig nah kommt, schlürft er ein. Sind\nes Menschen, so drehen wir ihnen teils den Hals um,\nteils plaudern wir vorher mit ihnen.\nMusiker:\n(Stürzt sich aufglühend auf sie, die ihn gewähren\nläßt, ihn mit halboffenen Augen kalt beobachtet.)\nKalypso:\nNun leg Dich wieder in den Sand.\nMusiker:\n(Verzweifelt.) Ich will es gut meinen mit meinem\nKopf.\nKalypso:\nNun? Du bist auf der Insel der Kalypso.\nMusiker:\nLaß mich heim, ich fleh' Dich an. Wenn nur ein\nHauch von Mitleid in Deiner Brust weht, Du Unbe-\ngreifliche, laß mich fort von Deiner Insel. Du fühlst\nnicht, was mir geschah. Laß mich fort, jetzt oder\nbald, bald. Ich will geduldig warten, was Du über\nmich verhängst.\nKalypso:\n(Aufbrausend.) Geduld Du? Oh ich will Dich\nschweigen lehren. (Klatschend, laut rufend) Ho, ho!\nIn die Tore. Du kommst, ich schone Dich, und schon\nwimmerst Du? Hund, Hund. (Die Vogelleute auf-\ngescheucht, machen sich an einer niedrigen Klippe\nzu schaffen, an der ein schwarzes Eisentor ange-\nbracht ist. Sie flüstern sich zu: — „verspielt.\nGönn' es ihm. Ist brav, Freundchen, gehst hinein,\nhüpfst hinaus. —\") An der Qual sollst Du Dein\nHeimweh stillen. Deine Mutter, die Pein und\nAngst, soll Dich streicheln. (Schüttelt ihn mit\nbitterem Munde. Aus dem offenen Tor dringt nun\nschwerer Qualm. Der Musiker wirft sich auf die\nErde. Die Vogelleute, einige mit schmerzlichem\nMurren, andere mit höhnischem Grinsen,\nzerren ihn, binden ihn auf den Rücken einer Schild-\nkröte fest, die ihn bis an das Tor trägt. Kurz vor\ndem Tor reißt er sich los und folgt aufrecht Kalypso.\nDie Tiere und Begleiter sträuben sich am Eingang,\nstellen sich auf, werfen sich halb erstickt an dem\nTore hin, bleiben dort liegen. Kalypso geht hinein,\ndas Seil des Mannes um den rechten Arm ge-\nwunden. Die Flöten blasen von neuem. Ein kurzes\nSchreien aus dem Tore verstummt bald.)\n\nAus einem neuen Roman\nDas erste Kapitel\nVon Peter Baum\nKeiner wußte etwas Näheres über die plötz-\nliche Schwermut und den jäh darauf erfolgten Tod\ndes Grafen Ariman. Als er eines Tages in den\nihm zugetanen Kreis trat, war sein Gesicht wie\nSchneewehen. Seine Worte, die treffend, wie ge-\nwöhnlich, einsetzten, wankten, bis sie die Krücken\nfortwarfen und schluchzend zusammenstürzten.\nMan erfuhr dann ferner kurz darauf, daß er sich\nvergiftet hatte. Der Diener fand das zierliche Glas\nmit der gänzlich berauschenden Flüssigkeit neben\nder Leiche. Mit einer ihm unwürdigen Rücksichts-\nlosigkeit gegen seine Gemahlin benutzte der Graf\neinen den Körper indiskret zeichnenden Trank, so\ndaß auch der Arzt die Selbsttötung bestätigen\nmußte. Der Leichenzug glänzte violette Seide und\nweißen Atlas in die Sonne.\nIn der Kirche, in der man den Toten beisetzte,\nwurde viel geflüstert. Man lächelte und blickte\ngleich wieder traurig. — Graf Ariman war ein\nDichter. Seine klangvollen Verse hatten nur einen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.3", "texte": "Inhalt: die Eifersucht. Man erinnerte sich, daß er\ngesagt hatte, nur die Gewißheit der unwandelbaren\nTreue seiner strahlenden Frau mache es ihm\nmöglich, so gefährlich über ihr zu träumen. Diese\nüberraschend abgebrochene, glückliche Träumerei\nwirkte heiter trotz dem Angesichte des Todes.\nInmitten der leichttrauernden Schar stand der\nangegraute Estorff ernst und würdig, ohne sein Ohr\nder Umgebung zu leihen. Auch als der Geistliche\nvon der rätselhaft hereingebrochenen Geistesver-\nwirrung über eine begnadete Stirn sprach, war kein\nleisestes Zucken seiner feierlich gesenkten Brauen\nbemerkbar. — Die Beschwörungsworte des Prie-\nsters bannten die böseii Geister aus dem Dunst-\nkreise des Leibes und der Seele des Toten. Als die\nWeihrauchfässer geschwungen wurden, mußte von\nEstorff ein wenig niesen, worauf er sein Gesicht\nwieder in die ernsten Falten zurechtrückte.\nDie Gemahlin, deren blasse, vornehmwiichsige\nSchlankheit man bewundernd mit den Augen um-\ngab, zitterte mehrmals, am meisten, als der Sarg\nin die kalten Steine hinabsank. Ihre Wimpern waren\ntief über das bleichbepuderte Antlitz gesenkt, das\nkeine Tränenperle verunzierte. Man hatte sie ver-\ngebens gemahnt, der angreifenden Zeremonie fern-\nzubleiben. Sie wollte bis zum letzten Augenblick\nin der Nähe ihres geliebten Freundes zubringen.\nSie zitterte wieder, als sie nachher aus dem\nWagen stieg und die Treppe hinaufwankte. Der\nAnblick ihres Heimes ergriff sie ebenso, wie der\noffene Rachen des Grabes vorher.\nDes Abends fanden sich einige Freunde, welche\nJunggesellen waren, zusammen. Bei Herrn Estorff,\nder an der Reihe war, wurde diniert. Er war zu-\nvorkommend, jedoch von einer leichten Trauer be-\nschattet. Als der Wein das gedämpfte Gespräch zu\nlauterem Hall anfachte, blieb er von einer sanften\nGemessenheit.\nEs war ein schöngeistiger, etwas frivoler\nKreis. Immer wieder kam er auf den Toten zurück,\nauf seine kleinen Schwächen. Wenn er um die\nMittagszeit einen Ehemann in ein Kaffeehaus gehen\nsah, erzählte er nachher die Geschichte eines zer-\nstörten Bundes. Weiterschreitend dachte er es sich\ndann motivierend und erfindend aus. Und so waren\nunzählige Mären aus seinem Munde im Umlauf. —\nMan war ungewiß, wer ihn gehörnt hatte, denn die\nTatsache schloß man aus seinem Tode. Herr von\nEstorff machte ein verwundertes Gesicht, daß man\nso leichtsinnig über einen teuren Toten reden\nmochte. Er errötete zornig, indem er sagte, die\nvornehm gesinnte Frau sei über jeden solchen Ver-\ndacht erhaben. „Keiner weiß, wann ihn der Wahn-\nwitz überfällt und ob er dann genug Edelsinn behält,\ndie Hand nur gegen sich selbst zu richten.\" — Ueber\ndiese Rede mußten einige lächeln, denn sie konnten\neinen edlen nicht mit einem gestörten Sinn zu-\nsammenreimen.\nAls die Gäste die Treppe heruntergegangen\nwaren, blieb er eine Weile versunken imSaale stehen.\nDie Diener, die abdecken wollten, schickte er zu\nBett. Langsam, zwischen versonnenen Pausen,\nlöschte er die Kerzen. Ans Fenster tretend, schaute\ner hinaus. Das Licht gegenüber, zu Lebzeiten Ari-\nmans ein Signal, war auch heute, nachdem die\nLeiche das Haus verlassen, ausgeblieben. Er\nschaute an dem dunklen Hause hinauf und fand es\nganz natürlich, daß eine Pause im Liebesspiel ein-\ntrete.\nAls die Gräfin frühmorgens ihr Zimmer vor\nsich aufdämmern sah, rief sie leise nach ihrem\nSohn. Er schlief, damit sie nicht allein sei, im selben\nZimmer. Als er sich nicht rührte, legte sie ergeben\ndie Hände unter ihren Kopf und erschrak von neuem\nvor der Tatsache des Todes. Es beruhigte sie\nübrigens etwas, daß er nichts erfahren haben\nkonnte. Immer von neuem rief sie sich dies ins Ge-\ndächtnis zurück. — Da rührte sich der Knabe. Sie rief\nihn zu sich ins Bett; der Knabe schlang die Arme\num ihren Körper und sie fingen beide an zu weinen,\nindem sie sich immer von neuem umarmten. Oft,\nwenn sie sich fürchtete vor irgend einem gesell-\nschaftlichen Netz, das eine intrigante Freundin ihr\ngelegt hatte, oder vor dem einstigen Tode oder vor\nUnbestimmtem, hielt sie so ihren Mann in den Armen.\nKeckere Wünsche von ihm, hätte sie dann als\nPlumpheit empfunden, als ein nicht Versenken in\nihre seelische Flucht zu ihm. — Nun ist er kopf-\nschüttelnd von ihr gegangen. Sie wird keine Ruhe\nmehr finden. — „Wir werden keine Reisen mehr\nmachen, dies Haus nie mehr verlassen, wo unser\nteurer Vater lebte,\" schluchzte sie. Der Knabe\nbrach von neuem in ein verzweifeltes Weinen aus.\nAls es ganz hell gewordenwar, hatte sie nach der\nKinderfrau geklingelt und ihr ihren Sohn übergeben.\nDann überließ sie sich der Zofe, welche zuerst ihre\nTränen auslöschte und unter ihrer Anweisung aus\nihr das Kunstwerk machte, welches das Symbol\ndes Grams und zugleich eine Lockung zur Sünde\nwar. Als sie vor den Spiegel trat und den Kopf\ngramvoll zurücklegte, lächelte sie ein wenig zufrie-\nden über ihren Anblick und mußte sich dann zu-\nsammennehmen, nicht wieder zu weinen. — Nachher\nerschien sie im Salon und hörte mit gesenktem Ge-\nsicht die Tröstungen, welche man ihr hersagte.\nMan fand es groß, daß sie so viel Fassung be-\nwahrte. Insbesonders die Männer waren gerührt\nvon soviel melancholischer Anmut.\nEstorff stand ernst und steif unter ihnen. Früh-\nmorgens hatte er einen Brief erhalten. In dem\nstand: „Mein Gott, wenn Sie so bald wie möglich\nmein Haus meiden, werde ich Ihnen ewig dankbar\nsein. Der Vergessenheit, wenn Sie das trösten wird,\nkönnen Sie nicht anheimfallen. So ewig, wie an\nmeine Schuld, ist mein Gedenken an Sie. Ich\nwünschte, ich könnte mit meinem Schmerz ihn,\ndessen ich nie würdig war, trösten. Ich vertraue\nauf Ihr gefühlvolles und edles Herz. Meiden Sie\nunter irgend einem Vorwand den Ort unserer\nSünde, an dem ich in Buße ausharren muß.\"\nDiesen Brief war sie ihrem verstorbenen Ge-\nmahl schuldig gewesen.\n*\nDie folgende Zeit blieb sie allein in ihren\nweiten Räumen, auch verweilte sie in Verstecken\ndes Parkes. Nach Monaten schrieb sie wieder an\nihrem Tagebuch. Sie füllte es mit Erinnerungen an\nden Toten. Nie hatten andere Gefühle als an ihn\nihr Herz bewegt. Auf diesen Blättern lebte der un-\ngetrübte Zusammenhang zweier Menschen, der jäh\nzerrissen wurde. Als blicke der Tote über ihre\nSchulter, so vorsichtig wog sie die Zeilen, als\nspähe er nach Schuld in ihrer Seele, so sorgsam\nordnete sie ihre Gedanken:\nDie Liebesgötter stehen traurig über dem Ka-\nmin. Nie wird mehr das Feuer unter ihnen ent-\nzündet, damit er mich in die Arme schließt. Ich\nliege auf der Erde, und kein Schritt naht, mich auf-\nzurichten. Keiner zieht mir die Hände von den ver-\nweinten Augen. Auch er klagte mir, wenn er litt\nvon der schlimmen Luft draußen, denn er\nhielt mich für seine beste Gefährtin. — Was\nbewog ihn, mich allein zu lassen. Zwei Tage\nvor seinem Hingang sagte er zu mir: Du hast\nmir alles gegeben, was Götter schenken. Wahr-\nlich, ein Geist der Wirrnis war über ihn gekom-\nmen. Seine Stirne wußte nichts von der Hand, die\nsich gegen sie erhob, sonst hätte er mich mitge-\nnommen in das Land der Schemen.\n*\nEinmal bildete er sich ein, die kleine Marion\nzu lieben. Um ihn zu überzeugen, daß er sich irrte,\näffte ich ihr Tag und Nacht Gang und Stimme nach.\nEs ekelte ihn nachher, sie zu hören. — So ist die Ur-\nsache unseres Begehrens oft nur ein zu flüchtiges\nHinsehen.\n*\nEr wollte nichts davon hören, daß wir wegen\nunserer Räume und Kunstwerke bewundert wer-\nden. Er beschämte mich da, indem ich klein vor\nihm stand. Nachher, als er von der Reise seines\nBruders erzählte, sagte ich, er rühme sich immer\nseiner Familie. Es war rührend, wie er sich ver-\nteidigte. Er merkte nicht, daß meine Worte ein\nRückschlag waren.\n*\nEr verzieh mir, weil es ein Beweis meiner\nLiebe zu ihm war, daß ich aus dem Porträt seiner\nCousine die Hände ausgeschnitten hatte. Es waren in\nder Tat, ich muß es gestehen, bewunderungswür-\ndige Hände. Seine Cousine schrie oft in meinen\nArmen und wollte sich losreißen, wenn ich zärtlich\nzu ihr war. Auch sie sah beim Begräbnis gramvoll\naus. Mir war es, als warf sie mir haßerfüllte Blicke\nzu. Wo wir beide so viel verloren, sollte sie liebe-\nvoller empfinden. — Ich verzeihe ihr alle Künste,\nwomit sie ihn versuchte, wenn sie lateinisch sprach,\nvon dem ich nichts verstehe. — Er war so\nsorglos und ließ sich von so vielen umstricken.\nImmer mußte ich über ihn wachen. Und die kleine\nCorella mit ihrem verbrannten Gesicht. Alles ver-\nzieh er mir, weil ich sein treuer Page war.\n❖\nEr sagte, ich liebe die sich unähnlichsten Men-\nschen, die sich einander nie nähern können. Von\nStern zu Stern möchte ich mein Lager aufschlagen.\nAber daß meine Gefährten zusammenkommen\nmüssen, ... so werde ich von den Jungfrauen,\nFrauen und Mädchen zerrissen.\n♦\nAls er einmal zum Duell ging, sagte er:\nHoffentlich wird man das Blutgeschwür von Eitel-\nkeit, dem man meinen Namen gibt, aufstechen. Ich\nsagte ihm: Wenn man es bei mir versuchte, würde\nich doch schreien.\n*\nEr war wie eine Reliquie in gläsernem\nSchrein, vo allen Seiten zu sehen und selbst von\ndurchscheinender Haut. Die Geheimnisse, die er\nbewahrte, trank ich Nacht für Nacht von seinem\nMunde. Da war keine Falte seines Herzens, die\nich nicht lüftete. Als ich ihn kennen lernte, hielt\nich ihn für verschlossen und wahrhaftig. Nachher\nwußte ich, daß er log und leicht zu durchschauen\nwar. Seine Liebe zu mir fraß ihm den Geist. Er\nwar töricht vor mir, wie sehr er vor den anderen\nbrillierte. „Schade,\" sagte ich ihm, als er das Garn\nhielt, „ohne deinen Geist wärest du erst ganz du\nselbst.\" Er ist mir nicht mehr böse wegen dieses\nScherzes. Er verlor oft alle Fassung vor mir.\n*\nEr konnte bei seinen Freunden nichts von mir\nverbergen, so daß sie den Gewändern meines\nLagers und den Netzen, den Verschränkungen\nmeiner Liebkosungen nachsannen, so daß ich je\nihrer aller Dirne wurde; deshalb löste ich mich\nnach und nach aus seinen Armen. Ich blieb ihm\nsein getreuer Traumgespiel, der fraute, abendliche\nKamerad seiner Gitarre. Er schien mich selbst seit\nder Zeit noch zarter zu lieben.\n*\nSchrecklich ist es, wenn mich ein gutes, liebes\nErlebnis mit ihm als gegenwärtig überfällt.\n*\nEr war von erschütternder Güte. Ganze\nNächte konnte er bei mir sitzen und meine Hand\nhalten, wenn ich Angst hatte. Er ging nicht zur\nAudienz zum König, weil ich ihn bat bei mir zu\nbleiben und verlor daher seinen Rang. Aber wenn\ner mit seinem Bruder eine Absprache hatte, ent-\nfernte er sich, sollte ich selbst im Sterben liegen.\nAls er morgens zurückgeeilt war, weinte er, weil\nes mir schlechter ging. Er hat mich immer sehr\ngeliebt.\n*\nDu bist kalt und klar, sagte er zu mir. Aber\ndann konnte ich mich klein machen auf seinem\nSchoß. Er erzählte mir seine Gefühle. Sie waren\nschleichend wie Schlangen, feige, wie Hirsche und\nwechselnd, wie Katzen. Nur über seiner Liebe zu\nmir stieß er immer ins Horn. Konnte ich etwas da-\nfür, daß er mir selbst die Fährten und Dachsteige\nseiner Träume lehrte. Ja, oft, wenn er vor mir\nkniete, hätte er die Erde für mich geopfert. Dann\nbegehrte ich, daß wir beide unter den Sternen allein\nseien. Aber er klammerte sich an seinen Bruder,\nseinen Freund. Da ließ ich ihn fahren, und er wollte\nmich nicht lassen; so waren wir oft sehr verzwei-\nfelt — Viel Eigenwillen gäbe ich dahin, ihn noch\neinmal neben mir zu sehen. Das ist das traurige*\nlebten wir auf einem neuen Stern wieder auf, wäre\nes wie im alten Jahr.\n*\nKomm! Mich selbst auslöschen! Aber er hätte\nauch im Jenseits Gefährten.\n*\nMeinen lieben Jungen. Wie oft habe ich ihn\ngestraft, weil er mich an seinen Vater erinnerte.\nDieser anhängliche Blick; und die Flucht vor mir,\nwenn seine Kameraden kommen. Seit er starb,\nwaren wir sehr zärtlich miteinander. Der Tod ist\nein Zurückholen von leider Verbrauchtem. Ein\nRückerleben, ein Wertwiederhersteller, ein uner-\nbittlicher Zertrümmerer von Glück, das auch vor-\nher nicht mehr zu heilen war.\n*\nAuch wieder diese Lügen. Gestern sagte er\nmir, er habe mich am aller-allerliebsten auf der\nWelt. Dabei dieses beleidigte Erröten, wenn sie\nihn ein Muttersöhnchen nennen.\n*\nEr fühlt sich über seinen Hofmeister erhaben,\nwie etwa ein Gott schon in der Kindheit über den\nMenschen thront. Er hingegen fühlt ein kamerad-\nschaftliches Wohlgefallen an dem leicht auffassen-\nden Knaben, dessen Zurückhaltung er für kindliche\nScheu hält, die er zu überwinden trachtet."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.4", "texte": "Und eines Tages kamen wieder einzelne\nFreunde von ihr und saßen erwärmend am Kamin.\nSie hatten den Geist des Verstorbenen so sehr be-\nwundert, sein Genie und seine Freundschaftsfähig-\nkeit geliebt. Man wunderte sich, daß er, wenn auch\nAusgezeichnetes, so doch wenig gesungen hatte. —\nSie lächelte wehmütig: „Er war sehr lange gefühl-\nvoll über dem, was ihm einfiel. Daher kam er\nimmer erst spät dazu, an etwas Neuem zu sinnen.\"\nIhr Sohn wurde hereingeführt. Die Damen um-\narmten ihn flüchtig. Sie machte darauf aufmerk-\nsam, wie sehr seine aufgeworfenen Lippen an den\nVater erinnerten. Auch vom Dichter hatte er eben-\nfalls etwas. Gestern meinte er, „die Mauern des\nSchlosses sind so dick, daß Zwerge in den Schieß-\nscharten Schlachten führen können.\"\nEine junge Frau, die vom Grafen einmal bei\neinem Fest in ein verlassenes Zimmer und in einen\nArmstuhl gelockt worden, zog ihn auf ihren Schoß\nund umarmte ihn heftig, nicht auf die Zerknitterung\nihres Kleides achtend. Er aber hielt sorgfältig\nseinen kleinen Degen in die Höhe. Als sie ihn her-\nunter ließ, machte er eine artige Verbeugung und\nlehnte sich dann an die Mutter.\nSie beäugte die zärtliche Freundin durch ein\nLorgnon, und erzählte einige Fälle, wo sie sich über\ndes Grafen Geschmack gewundert habe. Einmal\nhatten sie gemeinschaftlich ein Mädchen verfolgt,\nnur weil es einen kleinen Buckel hatte. „Das be-\ngeisterte ihn so.\" — Die Herren lachten.\nMutter und Sohn hielten sich umschlungen und\nflüsterten. Er sagte, daß die Störche die kleinen\nKinder am Nabel aufgespießt trügen. — Die Damen\nkicherten darüber hinter ihren Fächern.\nAls man aufbrach, senkte sie den Blick und\nklagte, wie sehr sie unter ihrer Verlassenheit leide.\nMan versprach ihr tröstend, oft zu kommen. Sie\nschüttelte traurig den Kopf. Sie weile am liebsten\nallein. Dann fühle sie noch manchmal seine Nähe.\nNur die Dame, die den Jungen so zärtlich ge-\nküßt hatte, verabschiedete sich kühl, weil sie keine\ngewürzte Erwiderung gefunden hatte. Der Kleine\nhingegen küßte und drückte innig ihre Hand.\nAuf der Treppe meinten die Damen, daß sie\nihren Gemahl doch oft sehr gequält haben müsse.\nDie Herren jedoch behaupteten, sie sei sehr gefühl-\nvoll. — Man hatte jetzt aber bald genug über den\nGrafen gesprochen.\n\nAphorismen\nVon Karl Kraus\nEs kommt nur darauf an, sich zu konzen-\ntrieren, dann findet man das Beste. Man kann aus\ndem Kaffeesatz weissagen, ja man kann sogar im\nAnblick einer Frau auf Gedanken kommen.\n*\nPhilosophie ist oft nicht mehr als der Mut, in\neinen Irrgarten einzutreten. Wer dann aber auch\ndie Eingangspforte vergißt, kann sehr leicht in den\nRuf eines selbständigen Denkers geraten.\n*\nWer von Berufswegen über die Gründe des\nSeins nachdenkt, muß nicht einmal soviel zustande\nbringen, um seine Füße daran zu wärmen. Aber\nbeim Schuhflicken ist manch einer den Gründen\ndes Seins nahegekommen.\n*\nBildung ist das, was die meisten empfangen,\nviele weitergeben und wenige haben.\n*\nMoral ist die Tendenz, das Bad mit dem Kinde\nauszuschütten.\n*\nDaß Hunger und Liebe die Wirtschaft der Welt\nbesorgen, will sie noch immer nicht rückhaltlos zu-\ngeben. Denn sie läßt wohl die Köchin das große\nWort führen, aber das Freudenmädchen nimmt\nsie nur als Aushilfsperson ins Haus.\n*\nDie Kinder würden es nicht verstehen, warum\ndie Erwachsenen sich gegen die Lust wehren; und\ndie Greise verstehen es wieder nicht.\n*\nWenn sich die Sünde vorwagt, wird sie von\nder Polizei verboten. Wenn sie sich verkriecht,\nwird ihr ein Erlaubnisschein erteilt.\nIch kannte einen Don Juan der Enthaltsamkeit,\ndessen Leporello nicht einmal imstande war, eine\nListe der unnahbaren Weiber zusammenzustellen.\nWenn ein Denker mit der Aufstellung eines\nIdeals beginnt, dann fühlt sich jeder gern getroffen.\nIch habe den Untermenschen beschrieben; wer\nsollte da mitgehen?\n*\nVielwisser dürften in dem Glauben leben, daß\nes bei der Tischlerarbeit auf die Gewinnung von\nHobelspänen ankommt.\n*\nDa ich las, wie ein Nachahmer das Original\npries, war es mir, als ob eine Qualle ans Land ge-\nkommen wäre, um sich über den Aufenthalt im\nOzean günstig zu äußern.\n*\nEr hatte so eine Art, sich in den Hintergrund\nzu drängen, daß es allgemein Aergernis erregte.\n*\nAls die Mieter erfahren hatten, daß die Haus-\nbesitzerin eine Kupplerin sei, wollten sie alle kün-\ndigen. Sie blieben aber, als jene ihnen versicherte,\ndaß sie ihr Geschäft verändert habe und nur mehr\nWucher treibe.\n«r.\nWenn einer keine Jungfrau bekommen hat, ist\ner ein gefallener Mann, er ist fürs ganze Leben\nluiniert und hat mindestens Anspruch auf Alimente.\n*\nEin modernes Kind lacht den Vater aus, der\nihm von Drachen erzählt. Es ist notwendig, daß\ndas Gruseln ein obligater Gegenstand wird; sonst\nleinen sie es nie.\n♦\nEs tut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, daß\nder Nutzen des Verrats an mir geringer ist als der\nSchaden meiner Verbindung.\nSchein hat mehr Buchstaben als Sein.\n*\nFrage deinen Nächsten nur über Dinge, die du\nselbst besser weißt. Dann könnte sein Rat wert-\nvoll sein.\n*\nDer Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt,\ndaß er die Menschen schlechter machen kann.\n'112\nEin Gedankenstrich ist oft ein Strich durch\nden Gedanken.\nEin Plagiator sollte zur Strafe den Autor\nhundertmal abschreiben müssen.\n«JL*\nW7er Aphorismen schreiben kann, sollte sich\nnicht in Aufsätzen zersplittern.\n*\nDie Sprache sei die Wünschelrute, die gedank-\nliche Quellen findet.\n*\nDer Ekel findet mich unerträglich. Aber wir\nwerden erst auseinandergehen, wenn auch ich von\nihm genug bekomme.\n*\nAls man dieser schnarchenden Gegenwart zu-\nrief, daß einer zehn Jahre nicht geschlafen habe,\nlegte sie sich aufs andere Ohr.\n*\nIch strebe inbrünstig nach jener seelischen\nKondition, in der ich, frei von aller Verantwortung,\ndie Dummheit der Welt als Schicksal empfinden\nwerde.\n♦\nEs muß einmal in der Welt eine unbefleckte\nEmpfängnis der Wollust gegeben haben!\n\nOrnament und Verbrechen\nAdolf Loos\nIn der letzten Nummer des Ulk ist eine Glosse,\n„Der Ornamentenfeind\", erschienen, der sich\nmit dem Vortrag des Unterzeichneten, „Ornament\nund Verbrechen\", befasst. Ulk lässt ihn darin\nin Form eines Interviews sagen: Die Barbaren\n(die Anhänger des Ornaments) müssen lebens-\nlänglich eingesperrt werden — in weissgetünchte\nZellen.\nLieber Ulk!\nUnd ich sage Dir, es wird die Zeit kommen, in\nder die Einrichtung einer Zelle vom Hoftapezierer\nSchulze oder Professor Van de Velde als Straf-\nverschärfung gelten wird.\n\nTivoli = Vauxhall\nVon René Schickele\nZu Paris, der Stadt der Menschheitswehn,\ndes ewigen Anfangs, in Tivoli-Vauxhall,\nstanden dreitausend Menschen dichtgedrängt.\nEs roch nach Hunger, Krankheit und Begehren.\nWie durch trübe Dämpfe starrten in der Luft\nhinauf zur rotbehangenen Tribüne\nbrennende, todblasse und zerfressne Mannsgesichter\nund, in ihrem wilden Haar, halbirre Frauenköpfe,\nBlicke, die sich streiften, schienen aneinander\naufzuglühn. Sie schauderten und wollten sich um-\narmen.\nHeißer Atem blies in jeden Nacken. Man war\neingepreßt in andre Leiber, die sich atmend\nauseinander drängten und zusammenzogen.\nDas war ein apokalyptisch Tier, zum Flug bereit\nund riesenhaft, mit tausend Herzen glühend.\nDie Stimme der im Trüben rotgeflammten Ferne\nsprach:\n„. . keine Lügen . . kein Erbarmen . . Recht\ndes Stärkern, der die Arbeit in der Welt verrichtet.\nMir gehört mein Werk . .\nKein Mitleid und kein Herzerweichen.\nEs lebe der Krieg! . .\nBlut muß Gott geopfert sein: unserm Geist\nund dem unsrer Kinder. Alle Menschen verbluten\ntäglich, langsam, in den Freuden, in den Schmerzen,\nWir werden unsre Signale haben,\ndie langen Märsche, die Zusammenstöße,\nwo der Mensch seinen heimlichen größern Geist\ngebärt,\nseinen Gott, den uralten, in den Gewittern\nschreienden Gott! . .\nEs wird unser Krieg sein\nund unser eignes ehrgeiziges Werk.\nKeine Traurigkeit! . .\nMenschen müssen als Helden sterben,\ndamit andre in ihrem hohen Schatten wachsen,\nder Notdurft entwachsen und Gott, dem Geiste\nzu, für den wir die großen Worte fanden,\ndie großen Bilder\nin jahrtausend alter Sehnsucht . .\nSo kommt in ewigen Minuten\nunser eignes Bild sieghaft uns entgegen.\nAlles Fleisch muß untergehn,\ndoch dies ist unser Geist. .\n. . Es lebe die Freiheit,\ndie des einen Kräfte\nan die des andern bindet,\ndaß ein jed Geschlecht\nim freien Wettbewerb\nsein Parthenon errichte . .\nFreiheit; allen Ehrgeiz weckende,\nkraftentzückende,\nkrafterfüllende,\nsehnsuchtreckende\nnach der Vollendung dieser unsrer Hände,\ndieses unsres Herzens . .\n. . EslebedieSchönheit,\ndie aus der Sehnsucht nach Vollendung steigt,\nwie ein Stern aus Abendnebeln . .\nSeht, die Schönheit ist ja nichts,\nals die sich lächelnd spiegelnde Natürlichkeit.\nEs lächelt, wer sein Werk verichten kann.\nDas weiß ein jeder,\nder einmal über seiner Arbeit sann . .\nEs lebe der Ehrgeiz, dem Geiste zu\ndienen.\nVerflucht sei, wer beherrschen will . .\nDie Sklaven befreien sich!\nEs sind Könige genug in ihrer Mitte,\nsehnsüchtige Schönheit, Glauben, Sitte\nund die Gerechtigkeit, die unsre Kränze flicht . .\nIn u n s r e r Arbeit werden wir unsre Herren sein,\nherztoll und heiter.\nBlickt der eine dem andern ins Gesicht,\nspiegeln wir einander: die Menschen .\nZu Paris, der Stadt der Menschheitswehn,\ndes ewigen Anfangs, in Tivoli-Vauxhall\nstanden dreitausend Menschen dichtgedrängt.\nDie Stimme in der Ferne brach.\nDreitausend Menschen schrien und weinten."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.5", "texte": "Zirkuspferde\nElse Lasker - Schüler\nDer Tempel der Pferde ist der Zirkus,\nich meine, jedes Pferd will spielen und das\nheißt auf die Sprache des Wieherns, beten; alle Tiere\nwollen spielen, aber welche Tieraugen brennen vor\nBegeisterung so tief wie die des Rappen; die Schim-\nmel sind fromme Pilger oder Heilige; Päpstinnen,\nwie Santa Anna, Leo ritt auf ihren unbefleckten,\nweißen Rücken zwischen fromme Hecken seiner\npäpstlichen Gärten. Ich gehe jeden Monat in den\ngroßen Zirkustempel Busch, zu jedem Feiertag der\nPferde, zu ihrem Galadienst. Am liebsten sind mir\nihre Feier ohne vielerlei Aeußerlichkeiten, wenn sie\nungesattelt ohne Reiter oder Reiterinnen sich\ntanzend im Kreise bewegen, ihr eigenes Blut feiern\nnach Herzenslust. Gefallen lasse ich mir die drei\nGeschwister Fillis im Zirkus Busch, des berühmten,\nfranzösischen Reiters Reitlinge. Die stören den\nRhytus des Pferdespiels nicht; ihre Gestalten sind\nselbst schlankgeweiht dem Ritt. Mademoiselle Filis,\ndie Schwester der beiden jungen Chevaliers ist ver-\nwachsen, wie ihre Brüder, mit dem Rücken ihres\nwiehernden Priesters. — Mein Vater und meine\nMutter ritten durch die Akazienchausseen meiner\nHeimat; meiner Mutter Edelstute wallfahrtet oft\ndurch meine Erinnerung und trägt mir dichterische\nGedanken zu und meines Vaters Hengst setzt über\nmein Blut und läßt es aufschäumen. Ich liebe euch,\nihr Pferde mit den langen Seidenschweifen, Atlas\nist eure Haut und feuerfarbener Samt eure Augen.\nSolche Schönheit ist die Frömmigkeit der Pferde,\ngezüchtet, spielfähig und buntgebenedeit. Ich\nwüßte keine andere Stätte, die den Namen Tempel\nder Pferde verdiente, wie den Zirkus. Etwa der\nRennstall? Prostituiertes Pferdepriestertum.\n„Beten\" heißt „Spielen\" der Pferde und gibt es\neinen lustigeren, weihevolleren Sandtempel, als der\nZirkus. — Hochmütig ihrer Zucht bewußt, schütteln\ndie Herrenpferde ihre Mähnen, kehren verächtlich\ndem Liebesäugeln einer dreisten Lastpferdin oder\neiner brünstigen Dickschenkelin ihres Pferdevolkes\nden Rücken. Sie gehen keine Mesalliance ein.\nGlücklich macht mich der Anblick eines Reiters,\npaßt er sich dem Denken seines Trägers an.\nWie denkt sein Pferd, sein wohlgepflegtes Pferd?\nI rabweise, sprungweise, gallopierend, immer in\nGedanken, treu seiner Bewegung. Und das\nüberträgt sich dem Kavalier und seiner Dame,\nHalbpriester der da oben, Halbpriesterin, die auf des\nPferdes Rücken. Voll Spiellust sind die Füllen;\njeden Morgen wartete ungeduldig so ein Nimmer-\nmüdes auf mich und meine Schulkameradin. Ueber\nden Zaun auf seine Wiese sprangen wir schul-\nvergessend — wer von uns Drei wohl am liebsten\nZeck spielte! Darum empfinde ich schmerzlich jede\nMißhandlung der Karrenpferde. Bang wie Regen\nfließen die dunklen Lider über ihre trüben Augen.\nWie denkt so ein Pferd? Kummer bedrückt sein\nHerz und beugt seinen verhärmten Kopf. Manchmal\ntröstet der Braune den Schwarzen oder der Apfel-\nschimmel die müde Apfelschimmelin. — Wie futter-\nfreudig hingegen an ihren fetten Trog denken die\nmarkigen Erntepferde; an den Seiten des\nKopfes tragen sie den blanken Messingschmuck.\nZwei, vier Kinderhände, vom reichen Schulzen\ndie Buben, halten sich an den Strähnen der\nMähne des schnaubenden vierbeinigen Bauern fest\nund einige Plumssäcke liegen auf dem Hinterviertel\nseines stampfenden, drallen Pferdeweibs. Ich liebe\neuch alle ihr Pferde, auch die Zwergpferdchen aus\nGullivers Zwerglande im Zirkus Busch.\n\nChristentum mit Posaunen\nAlfred Döblin\nIm Zirkus Busch fand am Charfreitag eine reli-\ngiöse Versammlung statt, welche die Berliner Stadt-\nmission einberufen hatte. Zwei Pfarrer und ein\nForstmeister sprachen; unter Posaunenschall\nsangen alle fromme Lieder. Es ist gegen die Ver-\nwendung von Posaunen zur Einleitung religiöser\nBewegungen nichts zu bemerken; ich habe gehört,\ndaß die Botokuden bei ähnlichen Gelegenheiten\ndünne Hölzchen in die Nase stecken und durch ab-\nwechselndes Zuhalten und Oeffnen der Nasenlöcher\nbedeutende Effekte erzielen. Und schwerlich wird\nman den Zirkus bemängeln dürfen; er bietet Platz\ngenug für seelische Erhebungen im luftleeren\nRäume, für Uebungen im Augenverdrehen (sechzig\nUmdrehungen in einer Minute!); und wo gestern\nDompteure Eisbären haben tanzen lassen, treiben\nheute Pastoren ihre Lämmer zu Paaren. Aber als er-\nfreulichen Fortschritt bemerkt der Christ, dass man\njetzt Volksbewegungen mit faulen Witzen einleitet.\nBesonders die Wendung: man werde in Deutsch-\nland ob seines Christentums verhöhnt und verfolgt,\nerregte allseitige — religiöse Begeisterung. Wir\nwissen ja zu gut, daß Heiden, Juden und ähnliche\nSozialdemokraten die leitenden Stellen in Heer,\nMarine und Regierung innehaben, daß das christ-\nliche Glaubensbekenntnis den Zutritt auch zur\nbloßen Reserveoffizierstelle versperrt, daß man in\nBerlin oft dreißig bis fünfunddreißig Schritt gehen\nmuß, ehe mau eine Kirche trifft. Eine Großmutter\nsoll sterbend gesagt haben, sie habe in den letzten\nzehn Jahren von ihrem Fenster aus keine einzige\nKirchenglocke in Berlin gehört; — sie soll allerdings\nseit zehn Jahren taub gewesen sein. Die religiöse\nNot unserer Tage ist groß, aber diese Zustände sind\nhimmelschreiend. Ich möchte bei der Gelegenheit\ndie Blicke der Gläubigen auf die Kamelkämpfe in\nKairuan im südlichen Tunis hinlenken. Ganz Afrika\nwandert dorthin, die Luft ist frischer als im Zirkus\nBusch, das Amüsement groß. Besonders die Stadt-\nmission wird dort auf ihre Kosten kommen. Denn\ndie Kamele fressen mit Vorliebe die trockenen\nSchrippen, welche die Mission in Berlin nicht los\nwird, und sie verschont dann Berlin mit ihren auf-\ngeweichten Redensarten.\n\nFaule Ostereier\nBimini\nWenn der Berliner Lokalanzeiger seine lite-\nrarische Osterkollekte veranstaltet, lassen sich jene\nnicht lumpen, die sich im Geiste dieses Blattes für\nberühmt halten dürfen. Von Oscar Blumenthal über\nOtto Sommerstorff, den Erholungspoeten meines\nFriseurs, bis zu Robert Steidl. Eine liebliche Ver-\nsammlung! Die führenden Geister der deutschen\nNation! Der Weltgeist bleibt intakt, weil niemand\nim Lokalanzeiger Ostersprüche von Heinrich Mann\noder Alfred Monibert suchen wird, oder von anderen\nMännern, die der Kunst oder der Kultur gedient\nhaben. Aber der deutsche Menschenverstand ist\nwieder mal durch die Lieblinge des Volkes blamiert\nworden.\nIn dem Wetteifer der großen dramatischen\nNationalkitscher Blumenthal und Fulda, ihre ge-\nsammelten Primitivitäten zu unterbieten, bleibt\ndieses Mal Fulda Sieger.\nOstern — Auferstehungstag\nDessen, was erstorben lag.\nKünstler, statt nach Ruhm zu haschen\nDurch erklügelt Ueberraschen,\nLern* im Buch des Frühlings lesen,\nDer sich selber ewig treu,\nAlles ist schon dagewesen,\nAber dennoch wieder neu.\nDienstboten und Hausdiener Deutschlands! Ihr,,\nan deren Adresse diese Anstrengung gerichtet ist\nschöpft Trost aus dieser Trostlosigkeit.\nKassenboten und Aufwaschfrauen Deutschlands,\nverzichtet auf die Verse Georg Engels, denn er hat\nnoch schlechtere Stücke geschrieben als Fulda.\nVergeudet nicht Eure Andacht an den Strophen\nAnna Ritters, die Eure Brotherrn ihren Gattinnen\nauf den Weihnachtstisch legen. Erbaut Euch lieber\nan dem, was BrunoWille zu Ostern einge-\nfallen ist.\nGestorbene gibt's mit atmendem Leibe,\nSie suchen das Leben im Zeitvertreibe.\nDoch hilft nicht Theater, nicht Ostseebad,\nDer Sekt wird schal, zum Ekel der Skat.\nSie schleifen mit sich ihr Leichentuch.\nO Heiland, löse den Hexenfluch!\nWo steckt die Hexe? In Dir, in Dir!\nDu tötest Dich selber, Gewohnheitstier.\nPhilister! Wärest Du jung geblieben!\nVersuche mal kindlich zu staunen, zu lieben!\nUnd die grämliche Welt — nur aufgeschaut! —\nIst zauberhaft neu, eine junge Braut.\nNur aufgeschaut, all ihr grämlichen Logen-\nschließer, ihr Oberschweizer und Kuhmägde. Zu\nEuch spricht der Poet des Lokalanzeigers, Euch\ntröstet der Gütige, an Euch denkt Paul Meyerheim,\nwenn er sagt:\nIch wollte, dass die deutsche Kunst\nAuch wieder käme hoch in Gunst,\nDass der Geschmack, der arg verhunzt,\nNicht länger schwel' in blauem Dunst.\nJa, ja, ja, ja, ja! Leset nicht die letzte Zeile\ndieses geharnischten Gelalles, letzte aller Prosti-\ntuierten, lest sie nicht! Befleckt nicht Euer Scham-\ngefühl: hier ward die deutsche Sprache von einem\nSenilen genotzüchtigt. Aber sonst hat er Recht, der\naime alte Mann —, der Geschmack scheint wirklich\narg verhunzt zu sein. Schade, daß der Dichter\nselbst außer der Malkunst nun auch die Dichtkunst\ndarin stört, in Gunst zu kommen.\nAm heiligen Ostersonntag, bei Morgenkaffee\nund Sandtorte liest der Berliner Normalfamilienvater\nden Seinigen die Ostereiersprüche des Lokal-\nanzeigers vor: Weisheiten und Wahrheiten derer,\ndie nie begreifen werden, daß die deutsche Sprache\nkein Freiwild und die Kunst keine Hure ist. Und in\nden dünnen Duft des Familienkaffees mischt sich\nder erstickende Atem verfaulter Ostersymbole.\n\nFortschritt!\n\nWie sich der Fortschritt kleidet\nDie Zeitschrift „Frauen - Fortschritt\" ver-\nöffentlichte folgende Briefkastennotiz :\nAn mehrere Einsenderinnen. Sie beschweren\nsich darüber, daß der „Frauen-Fortschritt\" in seinem\nInseratenteil eine Korsettanzeige bringt. Auch\nwir sind ganz der Ansicht, daß der Fortschritt der\nFrau eine gesundheitlich und künstlerisch ein-\nwandfreie Kleidung bringen muß, wir werden in\nunserm Text stets nur unter hygienischen und\nästhetischen Gesichtspunkten die Mode beleuchten.\nUebrigens sind schon viele erste Korsettfirmen mit\nErfolg dazu übergegangen, die Fabrikation von\nwirklich gutem Korsettersatz zu betreiben, der\nWille des kaufenden Publikums kann, wenn es sich\nstark genug Bahn bricht, allmählich die gesamte\nIndustrie in dieser Richtung beeinflussen. Eine\nMöglichkeit, unsern prinzipiellen Standpunkt\nim Inseratenteil des Blattes zum Ausdruck zu\nbringen, steht uns leider nicht zu.\nKorsettersatz, Kaffee-Ersatz, — Ersatz,\n— Ersatz usw. Nicht weniger interessant\nwirkt aber in derselben Zeitschrift folgendes\nInserat:\nLebensgefährtin ins Ausland gesucht.\nSuche gesunde Dame, furchtlos, entschlossen, geistig und wirt-\nschaftlich selbständig und unabhängig. Entwickelte Persönlich-\nkeit mit Verständnis für Menschen, Natur-, Kunst- nnd Sprachen-\nkenntnissen.3\nWir haben hier offenbar eine der bekannten\nMädchenhändler-Anzeigen, an der nur erstaunlich\nist, dass ihr sein Autor ersichtlich auch unter den An-\nhängern des „Korsett-Ersatzes\" passende Ware für\ndie Häuser von Marseille oder Rio de Janeiro\nvermutet.\nIm Dienste der Wissenschaft\nDas angeblich „wissenschaftliche Institut\" der\nUrania zu Berlin behauptet durch seinen Titel in\ndem Dienste irgendeiner „Wissenschaft\" zu stehen.\nWelcher, war von jeher unklar. Das Institut wurde\nvon dem bekannten Unfugs-Astronomen Wilhelm\nM. Meyer gegründet, der in seinen Büchern mehr\nPopular-Unsinn quatscht, als ein ganzes Schock\nwirklicher Gelehrter je träumen kann. Die Urania\nführte lange Jahre unter der Marke „Wissenschaft\"\nnette Wandelbilder vor, die vor Jahren einmal ganz\ngut in die Mode der Zeit paßten. Als das nicht mehr\nzog, kamen die epochemachenden „wissenschaft-\nlichen\" Vorträge mit — kolorierten! — Lichtbildern\nheran, wie zum Beispiel „Rügen,\" oder gar „Rom\nund die Campagna.\" Neben dem wissenschaft-\nlichen Theater\" liegen die „Demonstrations-Säle\",\ndas heißt Räume, die vollgestopft sind mit Modellen\nvon physikalischen Apparaten, welche dem\nWissenden garnichts Neues, dem Laien aber auch\nnicht die Spur von theoretischer Erkenntnis\nbringen, sondern nur den plumpsten Spielfrieb be-\nfriedigen, In diesem Hause nun lässt ein Oberlehrer\nDr. Driesen einen Vortrag „Der Kinematograph im\nDienste der Wissenschaft\" halten. Es soll gezeigt\nwerden, wie das Programm verheißt, was der Kine-\nmatograph in der Wissenschaft und Kunst leisten\nkann. Unter dem Begriff „Wissenschaft\" müssen\nBilder rangieren, wie Baumwoll-Ernte, Shackietons\nSüdpolarexpedition: Aufnahmen in dem seit Jahren\nbekannten Kientopp-Stil. Dann eine Operation, bei\nder gerade nur das amüsante Beiwerk aufge-\nnommen ist, und die offenbar nur der Eitelkeit des\nbetreffenden Operateurs dienen soll. Der Kine-\nmatograph „im Dienste der Kunst\" aber zeigt —\nman sollte es doch nicht für möglich halten — jene"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.6", "texte": "olle, geschmacklose Freilicht-Aufnahme „Die\nStunden\" der Pariser Firma Gaumont, deren öde\nLangeweile heute kein Berliner Vorstadt-Kino mehr\nzu bieten wagt. Dieses letzte Bild also, das mit\nKunst gar nichts zu tun hat, stellt einfach eine Irre-\nführung des bedauernswerten Publikums von\nVoiksschullehrern dar, die doch nun zu der Ueber-\nzeugung gelangen müssen: wenn ein richtiger\nOberlehrer sagt, das da ist Kunst, dann wird es\nwohl irgendwo in der Welt unter gebildeten Leuten\nals Kunst gelten!\nDie Schulbehörden sind selbst aus so denk-\nunfähigen Elementen zusammengesetzt, daß von\ndieser Seite niemand den „wissenschaftlichen\"\nKientop-Oberlehrer zurechtweisen dürfte. Hat der\nHerr vielleicht einmal Gelegenheit gehabt zu lernen,\ndass die Griechen nicht nur die Vokabeln tu*™\n(ich teile Ohrfeigen aus) und xaifrcuo) (ich schreibe\nschlechte Zensuren) sondern auch sogenannte Kunst\nhinterlassen haben, von der man sich heute noch,\nEintritt vollständig frei, überzeugen kann. Oder\nkann ein Schulrat dem Herrn am Ende begreiflich\nmachen, daß die Engländer nicht nur die alt-\nenglische Grammatik, sondern auch die induktive\nWissenschaft (ohne Baumwollernten und Shackle-\nton) fabriziert haben? Ach, die oben erfragte Ge-\nlegenheit hat der Herr wohl ebensowenig wie seine\nKollegen gefunden, und was kann wohl ein Schul-\nrat anders als irgend eine Medaille für fremde\nDienste in Empfang nehmen und sie Sonntags an\nseinem Holzbein spazieren führen. Denn das weiß\nman ja längst: ~Pädagogen\" werden heutzutage\nmeistens nur jene Müdesten und Unbegabtesten,\ndie in der Wissenschaft oder in der Kunst endgültig\nSchiffbruch erleiden.\nDie Urania ist ein Institut, das seinen harm-\nlosen Besuchern den Glauben beibringen will, wenn\nsie Maulaffen feil hielten, genössen sie wissenschaft-\nliche Belehrung. Wer dieses Bestreben durch an-\ngeblich wissenschaftliche Vorträge von der oben\ncharakterisierten Art runterstü112 und der Sache\nnoch durch volle Nennung seines pseudowissen-\nschaftlichen Titels vor dem Namen den nachdrück-\nlichen Eindruck des Ernstzunehmenden zu verleihen\nsucht, dem muß einmal öffentlich in sein Fort-\nschritts-Handwerk hineingeredet werden!\nWer war Jesus?\nOder:\nDie Unterschicht und die Volksberührung\nDie Frage wird schon im Voraus erschöpfend\nbeantwortet durch einen Prospekt mit Photo-\ngraphie, der den Montags-Zeitungen beilag. Auf\ndem Bilde sieht man einen pausbäckigen Herrn mit\ngestutztem Schnurrbart und gepflegtem Henri-\nquarte, dessen Bonhommie auf einen Weißbierwirt,\ndessen lange Haare aber auf einen Künstler\nschließen lassen. Wer ist das? Es ist Dr. Max\nMaurenbrecher, wie sein Prospekt sagt, „der\nSohn des bekannten Leipziger Geschichts-\nprofessors. Er, der vielgenannte sozialdemo-\nkratische Schriftsteller . . .\" Er „hat ,\" wie sein Pro-\nspekt sagt, „schon in jungen Jahren die Aufmerk-\nsamkeit der Oeffentlichkeit auf sich gelenkt. Ohne\nZweifel ist er ein Redner mit eigenen starken Ge-\ndanken.\" Ferner bekennt der Prospekt von dem\nDr. Max Maurenbrecher ebenso bescheiden wie\naristokratisch überlegen:\n„Durch seine sozialpolitische Tätigkeit im\nnationalsozialen Verein und innerhalb der sozial-\ndemokratischen Partei hat er eine tüchtige Kennt-\nnis der Gefühlswelt der Unterschicht bekommen\nund ist darum auch imstande, den sozialen Cha-\nrakter des Urchristentums schärfer zu erkennen\nals Gelehrte, denen die Volksberührung fehlt. Er\nspricht klar und offen und verschleiert niemals.\nSeine Vorträge, die bei aller wissenschaftlichen\nObjektivität oft von dem leidenschaftlichen Pathos\neiner aus schweren Kämpfen gewordenen Ueber-\nzeugung durchglüht sind, sind darum auch für den\nGegner ein ästhetischer Genuss. Auch mit seinen\nreligions-historisch-kritischen Arbeiten hat Mauren-\nbrecher auf die Kreise der theologischen Fach-\ngelehrten in allen Lagern und auf die Gebildeten\nin dem mchtkirchlieh interessierten Publikum\ngrossen Eindruck gemacht.\" —\nHailoh, Ihr Boys aus der Unterschicht! Hailoh\nold Billy, dem die Volksberührung fehlt! Kommt\nalle rein, jeder Hörer nimmt vollständig umsonst\nentgegen ein Beefsteak mit zwei Kartoffeln. Außer-\ndem redet der schönste Mann des Jahrhunderts;\nMänner und Frauen! Karten bei Wertheim !\n\nProgreb\n\nEhrengerichte\nSeinem neuesten Laster, der literarischen\nSelbstbefleckung, frönt der Herausgeber der Schau-\nbühne jetzt auch in der Lessing-Lublinski-Affäre,\nmit der er seiner literarischen Konstitution bereits\nurbekömmlich viel zugemutet hat. Seine Gewissen-\nlosigkeit grinst vergnügt dazu, wie Theodor Lessing\nin einer dilettierten Reimsache dreiunddreißig Au-\ntoren, unter denen sich mehrere Mitarbeiter der\nSchaubühne befinden, Esel nennt. Die dreiund-\ndreißig Autoren hatten in der Schaubühne erklärt:\nDie Unterzeichneten drücken gelegentlich des\nArtikels „Samuel zieht die Bilanz\" von Theodor\nL essing in Nr. 3 der Schaubühne ihr Bedauern\ndarüber aus, daß es keine Ehrengerichte für Jour-\nnalisten gibt.\nDieser lauwarme Guß wirkt freilich nicht er-\nquickend. Aber man weiß, es gibt vorsichtige Au-\ntoren, die es mit Verlegern nicht gerne verderben.\nEin mildes, unverbindliches Protestchen dagegen\nwird gerne unterschrieben (so eine liebe deutsche\nHarmlosigkeit, worin man Jemanden einen Schurken\nnennt, aber vor Zeilenschluß dem Manne im\nübrigen seine Hochachtung nicht versagt). Die For-\nmulierung der literarischen Anstandsforderung muß\nmit Massen In Szene gehen, unter denen die Naivität\nauch Pseudoberühmtheiten nicht entbehren zu\nkönnen glaubt. Welch niederschmetternder Ein-\ndruck, wenn selbst Ferdinand Avenarius unter-\nschreibt. Was für ein Verbrechen muß begangen\nsein, daß auch notorisch konnivente Herren unter-\nzeichnen. Und mit den gangbaren Namen der Be-\ndächtigen wächst die Gier nach Unterschriften und\nmanscht mitten unter die Namen ernsthafter Schrift-\nsteller einen Haufen über alle Zweifel erhabene\nKitscher, die künstlerisch noch unter Theodor\nL.essing und Siegfried Jacobsohn rangieren. Jenen\naber traue ich zu, daß sie auch dieses unterschrie-\nqen hätten.\nDie Unterzeichneten erklären den Artikel:\n, Samuel zieht die Bilanz\" von Theodor Lessing in\nNr. 3 der „Schaubühne\" für eine geistlose und un-\nwitzige Anhäufung von Schimpfworten ohne kriti-\nschen und satirischen Wert. Sie stellen fest, daß\nHerr Theodor Lessing kein künstlerisches Ehrge-\nfühl besitzt und keine menschliche Scham empfin-\ndet, und unwürdig ist, sogar in solchen Zeitungen\nund Zeitschriften gedruckt zu werden, in denen der\nkünstlerische Einwand und die literarische Fehde\ndurch hämische Verhöhnungen des äußeren Men-\nschen und seiner Lebensart ersetzt sind. Immer\nhaben Gassenjungen durch Johlen und Kotwerfen\nzu erkennen gegeben, daß sie einen soignierten Voll-\nbart jeder geistigen Potenz vorziehen.\nDie Unterzeichneten legen, soweit sie Mitarbei-\nter der Schaubühne sind, ihre Mitarbeit nieder und\nbedauern, daß es kein Ehrengericht gegen den Her-\nausgeber von Schaubühnen gibt. Trust\n\nMein Sohn\nVon Mynona\nMein Sohn, ein gewisser Herr Lehmann, dem\nich vom Tage seiner Geburt an ein mir verwunder-\nliches Interesse gewidmet hatte, ist heute ein\ndicker, melancholischer Mann von rund dreißig\nJahren, der mir unsympathisch ist, weil er unge-\nsetzlich verfährt. Er rechtfertigte sich mir gegen-\nüber mit der Einwendung, man müsse sich be-\nweisen, daß man nicht bloß aus Gutmütigkeit bei\nder Stange bleibe. „Du sollst nicht töten,\" sprach\nich zu ihm mit väterlicher Stimme. Siehe da! er\nfiel mir zu Füßen, zog aus seiner inneren Rock-\ntasche ein braunes seidenes Tuch, darin lagen wohl\neingewickelt mehrere Revolver, ein Fläschchen\nGift, ein Strick, ein Döschen Pfeffer, kurz lauter\nSachen, die Argwohn erregten. „Ich soll nicht,\"\nschluchzte mein Sohn, „allein ich muß es erst\nkönnen\". Er tat die Sachen wieder in seinen Rock\nund vollführte einen Freudensprung. Bald darauf\nermordete er meine Frau, eine schöne Matrone,\ndie ihn mir geboren hatte. Ich machte ihm ernst-\nliche Vorwürfe. Aber mein Sohn, bei aller Zartheit\nein harter Charakter, mißhandelte mich auf das\nRoheste, so daß ich zum bösen Spiel gute Miene\nmachte. Versteht sich, daß mein Sohn dem Gericht\njedesmal ein Schnippchen schlägt. 810 ß mir hat er\nes angeboten, daß ich der Mitwisser seiner Schänd-\nlichkeiten sei; und schließlich muß ein rechter\nVater seinem Kinde auch ein paar Mal durch die\nFinger sehen können. Ich billigte seine eigentüm-\nliche Methode, sich zu einem gesitteten Menschen\nzu erziehen, keineswegs: aber sie imponierte mir.\nEs genügt'e, daß er jemanden liebte, alsbald sann\ner auf die grausamsten Mittel, Partei gegen sich\nzu nehmen: er zwang sich zur Ermordung aller\nTriebe und Gegenstände seines Herzens. „Nur so,\"\naigumentierte er, „bekommt man sich in eigene\nGewalt.\" Bei diesen Worten weinte ich laut auf:\n~Du liebst mich nicht, mein Sohn,\" stöhnte ich,\n„denn ich lebe noch.\" „Hoho!\" lachte er: „Ich be-\ndarf eines Mitwissenden, es ist eine Schwäche —\nwer weiß, Du hast etwa Hoffnung.\" Am vorigen\nMittwoch ertränkte mein Sohn seine Braut, er\nteilte mir es brühwarm mit: „Ich kann darüber\nweinen oder lachen — wie ich eben will,\" frohlockte\ner, „ich habe eine vollkommene Freiheit über alle\nBewegungen meines Gemütes erlangt.\" „Dann\nlaß es doch endlich!\" raunte ich ungeduldig.\n„Jetzt,\" sagte er, „wo es mir Spiel geworden ist,\nein liebliches Spiel der Selbstfolterung, nicht zu\nvergessen, wie es Dich quält, Papa? — Geduld,\nalter Herr! Du bist noch nicht an der Reihe.\" —\nHierauf schoß er mir unversehens mit dem Re-\nvolver meinen Nasenknorpel weg und schickte\nunsere Dienstmagd zum Arzt. Ich tröstete mich\nmit einem Rückschluß auf die Stärke seiner\nSohnesliebe. In der folgenden Nacht erdrosselte\ner meine Lieblingstochter Angelika. „Das räche\nder Himmel!\" rief ich aus, ich verlor alle Selbst-\nbeherrschung, mir graute. Lehmann wurde mir\nvollkommen unheimlich. War dieses Ungeheuer\nwirklich mein Sohn? „Alterchen, Du bist ein\ndrolliger Kerl,\" amüsierte er sich. „Ich gebe\nübrigens zu, daß die Möglichkeit des Todes\nschrecklich ist: aber wie, wann, wo wir sterben, ist\nrecht sehr — Nebensache und sollte niemanden\nernstlich aufregen.\" „Du bist irrsinnig,\" schrie ich\nihn an, „Deine Vernunft ist beim Teufel; wenn Du\njetzt kein Ende mit Deinen Mordübungen machst,\ngeh ich zum Gericht, ich hätte es schon beim Tode\nDeiner Mama tun sollen.\" — „Vater,\" sagte mein\nSohn und sah mich auf eine unbeschreibliche Weise\nan, „Sie werden sofort Gift kriegen. Zuvor jedoch\ntöte ich Ihre alberne Logik, welche die unendliche\nVernünftigkeit des Wahnsinns lästert.\" Er gab\nmir, so viel ich weiß, einen furchtbaren Klaps auf\ndie Schädelkapsel.- „Jetzt schweige, Idiot, der Du\nnun bist,\" brüllte er, rauchte, in meiner Stube hin\nund her gehend, eine Zigarre, und entfernte sich\nverdrossen. Inzwischen kam ich wieder zur Be-\nsinnung, in meinem Speisezimmer fand ich die\nDienstmagd in Gestalt einer Leiche, ein Anblick,\nder, trotzdem ich durch meinen Sohn abgehärtet\ndagegen war, mir doch dermaßen zusetzte, daß ich\nzu pfeifen aufhörte, ich hatte gerade eine Verdische\nArie zwischen den Lippen gehabt. Ich kam mehr\nund mehr in eine wehmütige Stimmung. Plötzlich\ngeriet mein Herzschlag in immer rasenderen\nGalopp, zugleich machte mir das Atmen Schwierig-\nkeiten, und glühende Nadelspitzen stachen in\nmeinen ganzen Körper. Kein Zweifel! Ich war\nwährend meiner Geistesabwesenheit vergiftet\nworden. Mit dem letzten Aufgebot meiner Kraft\nnahm ich ein Brechmittel, es wirkte, und ich be-\ngann, mich zu erholen. Da kehrte mein Sohn\nzurück. Du lebst?\" fragte er ungläubig lächelnd.\n„Ich lebe,\" antwortete ich fest und würdig. Das\nschien ihn nicht einzuschüchtern. Er zog ein Blatt\naus der Tasche und rechnete einige Minuten.\n„Vater,\" verkündete er mir sein Resultat, „Du hast\ndie Lebenskraft von vier Rossen. Theoretisch\nbist Du tot, und moralisch bist Du es für mich\nlängst. Hierauf schickte er zum Arzt. „Herr\nDoktor, erklärte er diesem, „mein Papa, der alte\nHerr, den Sie dort pfeifen hören, ist vor etwa einer\nhalben Stunde gestorben; bitte konstatieren Sie\ndas und fertigen Sie einen Schein aus.\"\n\nBeachtenswerte Bücher und Tonwerke\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Fall statt\nRENE SCHICKELE: Der Fremde/Roman\nMorgenverlag, G. m. b. H., Berlin\nPETER BAUM: Gott. Und die Träume / Gedichte\nAxel Juncker. Verlag, Berlin\nKARL KRAUS: Sittlichkeit und Kriminalität\nVerlag Rosner, Wien\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100407-01.1.7", "texte": "Ausliefert!!?!? fSr Österreteh-lJsigaFfi A. Möfelhans-Siiiital Wies IX / Verantwortlich fir die Sctariftleftimg In östcrriich-Uofsrn: Otto Soyks\n\nMALSCHULEN\nStudien-Atelier\nBerlin W. 30, Habsburgerstr. 11\nAkt-Kopf-Kostum :: Zeichnen ::\nMalen :: Modellieren Stilleben\n:: Komposition :: Abendakt ::\nAb juli Akt, Landschaft an der See\nProspekt durch Moritz Melzer\nMalschule\nMulier=Schoenefeld\nAtelier Charlottenburg 111\nSchillerstr. 3\nVormittag: Portrat u. Kostum-\nmodell\nAbend: Dauerakt\nAtelier Berlin W / Liitzowstr. 82\nVormittag-: Akt\nNachmittag: Portrat\nAbend: Skizzieriibungen nach\ndem Akt\n(2 Stunden 50 Pfg.)\nAnfragen nach Schillerstr. 3\nBerlin W. 3S / Pofsdamerstr. 121 a\nAtelier\nClara Elisabeth Fischer\n:: MALEN :: ZEICHNEN ::\nNeu seit l. November\nPlakatkunst :: Graphik :: Eintritt\njederzeit :: Naheres Prospekte\nHANS BALUSCHEK\nMaler\n:: Schulatelier fiir Damen ::\nBERLIN W., Liilzov/=Strasse 82\nAtelierhaus, linker Aufgang\nProspekte Brief-Adresse:\nSchonefaerg - Berlin, Vorberg - Strasse 15\nSchule 112 iir graphische Kunst\na a\nPotsdamer Strasse\nPrivatstrasse 121 G\nMALSCHULE\nSystem L.v. Kunowski\nAKT / KOPF / STILLEBEN\nHeinrich Richter\nEisenacher Strasse 103\nSprechstunden 12—1 Uhr\n\nMM\nZEICHNUNGEN und ENTWURFE\n■ ZU WIRKSAMEN ANNONCEN Ifi DIE-\nSER ZEITSCHRIFT GRATIS DURCH DAS\nAMNOriCEti-BUREAU A. 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Fischer, Diede-\nrichs u. a. zwecks Herausgabe\nkiinstlerisch ausgestatteter Klas-\nsiker begriindet haben, beginnen\njetzt die ersten Bande zu er-\nscheinen, von Goethe die Wahl-\nverwandschaften und Kleinere\nErzahlungen sowie der Faust\nund Urfaust, von der Kleist-\nAusgabe die vier Bande der\nWerke, von der Heine-Aus-\ngabe die Gedichte und die Tra-\ngodien in zwei Banden. In der\nWeißfraktur und in der gleich-\nfalls von dem beriihmten Buch-\nkiinstler E. R. Weifi besorgten\nGesamt-Ausstattung zeichnen\nsich die Ausgaben durch Ge-\ndiegenheit und Vollkommen-\nheit aus. Als Einzelausgaben\nprasentieren sich die Bande\nebenfalls sehr vorteilhaft. □\nJederßandkostet: Inmodernem\nenglischen Leinenband M 3.—.\nIn Halblederband im Stil der\nZeit M 3.75. In Einzelausgabe\nin Halblederband M 3.75. □\n\n_MALUTENSILIEN\nMai- und Zeichenbedarf\nW. & J. 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Die Pfund-Dose kostet 1,50 Mk.\nZu haben in alien Apotheken und Drogerien.\n888888888\n\nVerlag „Der Sturm\"\nWir übernahmen inunsernV erlag\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFur Gesangu.Klavier/52Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch den Verlag- DER STURM\nHalensee / Katharinenstrasse 5\n\nBBBBBBBBBBBBBBBBBaBBBBEBBBBEBBBBB\n| :: VERSANDHAUS FUR ::\n■ DAMENKLEIDERSTOFFE\nj GUSTAV CORDS\n| COLN a. Rhein PJfi w 8 BERLIN w 8\n■ HOHE STRASSE 51 LEIPZIGER STR. 36\ni:: SPEZIAL-GESCHAFT ::\ni Seide :: Wolle :: Baumwolle\n| Spitzen Garnituren Besatze\nSI VERLANGEN SIE MUSTER UND KATALOGE\na\ngg\ngg 2 Saison-Kataloge, Spezial-Katalog* fur Spitzen u. 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Aastigeatoil: öiftther Haaie / Verlag; Öer Stürm* Homeyer, Berfte«H?*iei?sse / üe»Ghift«gttJte and AasdfeO'AtjjMhsi«; Btrli« W33 / Dreck v» Sfe.jgfrM Berlin S4l\n\nm\nIP\nHERRMANN HOFFMANN\nSW 68 - BERLIN ■ SW 68\nFRIEDRICHSTRASSE 50-51\nlaaae\nElegante Herrenmoden\nmwiwiigmjaa\n■B I\n\nGegeniiber\nPichelswerder Grundstiicke\nan der Havel idyllisch gelegen, nahe der Doberitzer\nHeerstrasse (Kaiserdamm), preiswert ver-\nkauflich. 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In Apoth. u. Dreg.\nEES\ntaa\n\nDie Fackel\nlierausgeber\nKarl Kraas\nHummer dreihundert\nsoeben erschienen\n: Preis 30 Pfg.:\nOberall erhSltiich\nWerbeband der Fackel 50 Pfg.\n210 Seiten stark\n\nHO H ENZOLLERN\nKunstgewerbehaus\nFriedmann & Weber\nHOFLIEFERANT IHRER MAJESTAT\nDER KAISERIN UND KONIGIN\nm\nWB-BERLIN-W8\nLeipzigerstrasse 13\nWOHNUNGSEINRICHTUNGEN\nfl n KUNSTGEWERBE D=ZD\nANTIQUITATEN UND STOFFE\n\nWeltverein Teppiche\nJedem niitzlich\nKc i n e Aufnahmegebiihr\nProspekte gegen Einsen-\ndung einer 10 Pfennig-\nMarke franko von der\nZentrale des Weltvereins\nMunchen, Auerstr. 641\nPrachtstUcke3,75, 6,-,l()bis300M.\nGardinen, Portieren, Mobelstoffe,\nSteppdpcken uaw.\nbilimKSt Spezialhaus Oranicnstrasse 158\nKatalog (450 Illustr.) gratis a. fr.\nEMIL LEFfcVRE\n\nGeschaftsbiicher und Kontorbedarf G.m.b.H.\nRPDI 1M \\\\r BEHRENSTRASSE 30\n13 l—flxL<l 1 N VV ECKE CHARLOTTENSTR.\ninisi\nli£B\nG E SCHAFTS B UCH E R-FAB RIK\nBuchdruckerei Papier- a. 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