{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_sha256": "f9dc2e7ef67376664ce8afcc5a449244799bf2a801b2c69837936aefdafc872b", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/04/14_01/bmtnabg_1910-04-14_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/04/14_01/bmtnabg_1910-04-14_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "49", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.1", "debut_caractere": 568, "fin_caractere_exclue": 947, "texte": "INHALT:\nELSE LASKER-SCHÜLER: Zur Kinder-\ntragödie in Kopenhagen / ROBERT SCHEU: Der Sozial-\nanwalt / ALFRED DÖBLIN: Gespräche mit Kalypso\nüber die Musik /JULES LAFORGUE: Gedichte/\nST EFAN TÖMÖRKENY: Der Kampf mit dem Soldaten/\nOSKAR BAUM: Fanatismus der Verachtung / DIE\nFACKEL / PROGRESS: Fortschritt/MINIMAX: Der\nrote Sonntag /R. 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Der Stations-\narzt hat ihm das Tor des Todes verriegelt, sein\nHerz, das Ingeborgs Namen trägt, kann nicht zu ihr\nins Himmelreich. Nun wird das Kinderspiel erst\neine Kindertragödie. Die Beiden wollten ja nur zum\nTod, weil der einen Himmel besitzt in dem sie sich\nvor allen Engeln ohne Furcht vor Strafe herzen\nkönnten. Nicht diese Heimlichkeiten der Freude,\nihre Gesichter schienen durch die Spalte der Türen\ndurch das Eisen der Tore. Immer bauten sie auf\nihren Händen gläserne Schlösser, darin sie sich\ntausendbunt spiegelten bis ans Ende der Welt, wo\nder Himmel anfängt. Dort wohnt der Tod.\nJohann Hansen hob Ingeborg mit seinen Knaben-\naimen die Treppe zum Einlaß des Todes empor.\nDer öffnete und ließ die kleine Königin ein, Johann\nstolperte rücklings ins Leben zurück. Diese beiden\nfeinen Kinder ergreifen meine Seele. Das Leben ließ\nsie aus der Haft, der Tod schmückte ihnen rosig sein\nTor. Ich möchte der Engel aus Andersens Märchen\nkäme und trüge den verwundeten Knaben zu Inge-\nborg ins Himmelreich. Wie bösmütig sind die\nMenschen, die immer helfen wollen ins Leben zu be-\nfördern. Es ist Nacht, überall blüht ein Stern. An der\nDecke im Krankensaal stehen viele Sterne, rot-\ngoldene, süßgelbe, wie Honig, und auch matt-\nfunkelnde Immortellen. Alle pflückt der kleine,\nheldenmütige Bräutigam für seine Braut, wenn er im\nHimmel mit ihr Hochzeit feiert. Auf einmal schlägt\ner die Augen auf: „Ingeborg, ich halte mein Wort!\"\nHast du es gehört, großer Engel aus Andersens\nMärchen? Oder soll er aufwachen aus seinem\nTraum des Himmels — und die Erde ist wieder da,\ndas Himmelreich verschwunden wie fortgezaubert\nund Ingeborg liegt im Grabe. Ein Keller wird dann\ndie Welt sein, kahl, viel kahler wie seines Hauses\nKeller. Alt ist er, wenn er aufwacht, jung, wenn\nseine Augen sich schließen. Was bietet das Leben?\nNicht das Kind braucht den Eltern dankbar sein;\nwie können die Eltern aber das Nichtgeborensein\ndem Kinde ersetzen!!? Solch zwei Kindern vor\nallen Dingen, zwei Engel, die nicht auf die wankel-\nmütige Erde gehören. Flügel wuchsen ihnen; die\nPistole, die sich der Knabe vom Erlös seiner Geige\nkaufte, war Vortäuschung. Denn es geschah hier\nein Todes wunder. Nicht mehr wäre ich überrascht\ngewesen, wenn dieselben Kinder anstatt für ewig\nzu schlummern, auferstanden wären aus einem\nGrabe. Wie will der Lazarus, der den Knaben auf-\nerweckt, ihm ein Himmelreich ersetzen? Es werden\nkeine Landeserholungsheime die „festgestellte\" Neu-\nrose (Edelneurose) fortkurieren. Aber ich denke an\nSelma Lagerlöf die herrliche Menschin, an Karin\nMichaelis das liebe große Kind, sie könnten dem\nKnaben den himmelblauen Verlust ersetzen. Sie\ntragen die Bilder des Himmels in ihren Dichterinnen-\nherzen — halten sie zwischen ihren Händen. Ich\nbin keineswegs sentimental, ich bin traurig. Man\nvergleiche nur nicht die unaufgeblühte Liebe dieser\nEngel mit den Tändeleien koketter Schulmädchen\nund greisenhafter Zwerge auf den Spazierwegen am\nSonntagmittage. Diese beiden Kinder ergreifen\nmeine Seele, ihre Lippen sind Himmelsschlüsselchen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c003", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "50", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.3", "titre_corps": "Der Sozialanwalt", "titre_sommaire": "Der Sozialanwalt", "signature_source": "Robert Scheu", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.1", "debut_caractere": 4251, "fin_caractere_exclue": 9138, "texte": "Der Sozialanwalt\nVon Robert Scheu\nTolstois der Wissenschaft zugeschleudertes\nHohnwort, daß sie auf alle wirklich das Herz be-\nwegenden Fragen die Antwort schuldig bleibe, hat\nwohl keinen Ewigkeitswert, aber es trifft viel-\nleicht zu, wenn man damit den genügsamen\nBetrieb geißelt, der an den Pforten aller großen\nProbleme stehen bleibt. Am aufreizendsten\nwirkt diese Lebensfremdheit bei den Hilfs-\nwissenschaften der Staatskunst, weil deren ganze\nRechtfertigung auf ihrer Umsetzbarkeit in Tat, ihrer\nVerwertbarkeit beruht. So entspringt eine\ngewisse geheime Abneigung gegen die Juristerei\ndem Bewußtsein, daß alle Kenntnis und feinste Aus-\ngestaltung der Rechtsbegriffe nicht über die tiefe\nErniedrigung trösten kann, der das Recht im wirk-\nlichen Leben unterliegt. Es fordert den Wider-\nwillen heraus, zu sehen, wie sich die Professoren\nin der Verfeinerung und Verästelung der Theorie\nnicht genug tun können, indes die Rechtsdurch-\nsetzung eine Chimäre bleibt. Man müßte meinen,\ndaß es gar keinen Reiz besitzen könne, das Recht\ntheoretisch auszugestalten, solange die Kunst noch\nnicht erfunden ist, den Menschen zu ihrem Rechte\nzu verhelfen.\nDie Abneigung richtet sich also nicht gegen die\nWissenschaft, sondern gegen die Richtung, die der\ngeistigen Arbeit gegeben wird, gegen das Ver-\nsäumen des Dringenden, das alle Kräfte auf sich\nlenken müßte. Qegen diese Forderung wird freilich\neingewendet, daß dies Sache der Verwaltung sei\nund die Wissenschaft nichts angehe. Aber es wäre\nerst zu untersuchen, ob die mangelhafte Rechts-\ndurchsetzung nicht der materiellen Rechtsordnung\nzur Last fällt, insofern diese von einem geträumten\nZustand ausgeht und deshalb eine lebendige Hand-\nhabung nicht gestattet. Mit diesem Verdacht also\nhätte sich die Wissenschaft auseinanderzusetzen.\nDas Recht hat ein dreifaches Antlitz. Die\nSatzung ist wirkliches Recht unter gleich Starken.\nSie ist ein Werkzeug der Tyrannei in der Hand des\nStarken gegen den Schwachen; Maske der Macht,\nwie Ihering sagte. Sie ist drittens ein Irrlicht, eine\nIllusion, wenn sichs der Schwache einfallen läßt,\nsich ihrer gegen den Starken zu bedienen. Unter\ngleich Starken ist das Recht ein wertvolles Instru-\nment der Verständigung, ein vorausbestimmter\nVertragstext. Es ist eine schreckliche Waffe in der\nHand des ohnehin Mächtigen und ein Popanz in der\nHand des Unterdrückten. In der Mitte liegt wohl\ndas Recht, aber rechts und links ragen zwei Felsen,\nan denen es zerschellt: Rechtshohn und Rechts-\nmißbrauch.\nRechtshohn und Rechtsmißbrauch sind die\nbeiden Pole, zwischen denen das Recht oscilliert.\nIch habe dich zu Boden geschmettert und be-\nsiegt. IchJkniee auf deiner Brust, du bist in meiner\nGewalt. Dieser Zustand ist auch mir, dem Sieger,\nauf die Dauer unbehaglich ... Ich gestatte dir,\ndich unter gewissen Bedingungen zu erheben, damit\nich von meinem Siege ausruhen kann und nicht so\nbald eine Umwälzung der Situation zu befürchten\nhabe. Das ist die eine Grundform des Rechts. Wir\nhaben wiederholt miteinander gerungen mit\nwechselndem Glück, mit einem unverhältnis-\nmäßigen Aufwand von Kraft. Wir beschließen\ndaher, uns zu einigen; wir kleiden unsere Interessen\nin Satzungen. Das ist die andere Grundform des\nRechts.\nDie wissenschaftliche Jurisprudenz befaßt sich\nmit dieser Form allein. Sie blickt über die Klassen-\nunterschiede hinweg, unbekümmert darum, was\ndiese aus ihren heiligen Regeln machen, oder sie\nüberläßt die Ordnung dieser Widersprüche der\nSozialpolitik und der Staatskunst. Die Jurisprudenz\ngleicht einer Mutter, die ein Kind in die Welt setzt\naber für die Erhaltung des Kindes nichts fürderhin\ntun will, es dem Zufall oder der Mildtätigkeit\nanderer überliefert. Sie ist eine Erzstiefmutter\nihres Kindes.\nIndem sie es verschmäht, dem eigentlichen Pro-\nblem näherzutreten, offenbart sie auch ihre Gleich-\ngiltigkeit gegen das Klassenschicksal, sie abstrahiert\ndavon, sie verleugnet es, und wird dadurch sogar\neinfältig. Die Einfalt liegt darin, daß sie verkennt,\nwie auch innerhalb einer Klasse ihre Absichten nicht\nzum Durchbruch kommen, weil der Zustand der\nStärke und Schwäche auch unter Ebenbürtigen zu-\nfallsweise wechselt und der Rechtsmißbraucher wie\nder Rechtsverhöhner häufig solche Individuen sind,\ndie nur eine Augenblickschance in die Position des\nStärkeren rückt. So schützt die Rechtsordnung\nz. B. den Wucherer auch dann, wenn er zufällig\ngerade jener Gesellschaftsklasse angehört, die\ngrundsätzlich unterdrückt werden möchte.\nRechtsmißbrauch ist die Ausbeutung eines\nRechtes zu Zwecken, die außerhalb der Absichten\nder Rechtsordnung liegen und der Sittlichkeit\nwidersprechen. Der Typus dafür ist der Wucher.\nAber jede wie immer geartete Position kann\nwucherisch ausgenützt werden, der Wucher ist\nnicht allein auf das Verhältnis Arm und Reich be-\nschränkt, sondern jedes auch vorübergehende Ab-\nhängigkeitsverhältnis, jede Monopolstellung kann\nAusgangspunkt eines wucherischen Angriffs"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5594, "texte": "werden. Wenn die Rechtsordnung dem Wucher\nnicht beikommt, so rächt sich darin ihre Kurz-\nsichtigkeit: daß sie es gar nicht für ihre Aufgabe\nhalten will, der ökonomischen Unterlage ihrer Ge-\nbilde auf den Grund zu gehen. Erst durch die Ein-\nbeziehung dieser Materie in die Zivilrecfitsordnung,\ndurch die Nichtigerklärung wucherischer An-\nsprüche, beziehungsweise gewisser Verpflichtungen,\nalso durch Umwandlung sozialpolitischer Forde-\nrungen in materielles Recht wird der Seuche\nernstlich an den Leib gerückt.\nWie steht es aber mit dem Rechtshohn? Unter\nRechtshohn, iniuria, ist zu verstehen das einfache\nIgnorieren des Rechts aus Uebermut und Bosheit,\nrechtsfeindlicher Gesinnung, die aus der Sicherheit\nentspringt, daß der Gegner sein Recht nicht ver-\nfolgen kann. Ihm steht die Rechtsvernachlässigung\nnahe, die gleichsam eine chronische Erkrankung\ndes Rechtsbewußtseins darstellt und einem peren-\nnierenden Selbstmord nicht unähnlich ist. Die Ver-\nfolgung eines Rechts kann ebenso durch ökono-\nmische Schwäche und Verzweiflung an der Justiz,\nals auch durch eine zufälige Konstellation gestört\nsein. Etwa dadurch, daß irgend ein Rechts-\ngeschäft nicht genügend gesichert wurde.\nNehmen wir zum Beispiel an, jemand ver-\npflichte sich, etwas zu leisten, und empfange dafür\ndas Versprechen der anderen Partei, daß sie in\neinem spätem Zeitpunkt eine Handlung setzen\nwerde, die nur an diesem einen Tage einen Wert\nhat. Jener Teil leistet das Seine und erwartet die\nGegenleistung. Der andere Teil läßt nun den\nTermin herankommen und versäumt böswillig die\nLeistung. Die Leistung kann nicht mehr eingeklagt\nwerden, da der entscheidende Tag vorüber ist, und\nwenn aus Vertrauen auf die Anständigkeit keine\nKonventionalstrafe festgesetzt wurde, so kann kein\nGerichtshof der Erde Genugtuung schaffen. Es liegt\ndann unsühnbarer Rechtshohn vor, der ohne Ver-\nschiedenheit der ökonomischen Lage durch eine\nbrutal ausgenützte Konstellation möglich war.\nIn der Regel aber sind die wirtschaftlich\nSchwachen das Opfer permanenten Rechtshohns\nund ihrer eigenen Rechtsvernachläsigung. Der\nArme darf es gar nicht wagen, sein Recht geltend zu\nmachen, weil sein Kontrahent in der Regel sein\nBrotherr ist.\nDem Rechtshohn ist noch schwerer beizu-\nkommen als dem Rechtsmißbrauch. Dieser springt\ndeutlich in die Augen, wird sichtbar; er hat die Er-\nfindungskraft der Sozialpolitiker gereizt. Der\nWucher hat immerhin die Aufmerksamkeit auf sich\ngezogen. Aber der schweigende Rechtsverzicht —\ndie Ausbeutung, das stumme Einverständnis des\nOpfers, das den Monopolherrn nicht reizen darf\nund bedingungslos in seiner Gewalt bleibt — wird\nkaum entdeckt, geschweige denn gesühnt.\nWäre es nicht Aufgabe der Jurisprudenz, sich\nmit dieser am Volksmark zehrenden Krankheit zu\nbefassen? Auch hier wieder drängt sich die Frage\nauf, ob das Laster des Rechtsverzichts nicht die\nFolge einer grobmaschigen, undurchdachten mate-\nriellen Rechtsordnung, ob nicht das Zivilrecht unzu-\nreichend sei.\nDas vollendete und wahrhaft erhabene Zivil-\nrecht wird jenes sein, das die Rechtsverfolgung, die\nRechtsdurchsetzung in seinen materiellen Inhalt\naufgesogen hat, das die Ungleichheit aus sich selbst\nheraus balanziert, den Prozeß, bevor es dazu\nkommt, zu gunsten der wahren Gerechtigkeit ent-\nscheidet. Bis zu jenem Zeitpunkt, wo diese Auf-\ngabe erkannt ist, und bis zu jenem ferneren Zeit-\npunkt, wo sie gelöst sein wird, muß durch Errich-\ntung neuer Institutionen, die das Unrecht wenig-\nstens einigermaßen korrigieren, Ersatz geschaffen\nwerden.\nDem Wucher suchen das Strafgesetz und der\nStaatsanwalt beizukommen. Dem Rechtshohn tritt\nbislang keine Institution entgegen. Hier bedarf es\neiner Neuschöpfung. Die Repression muß durch\neine geregelte systematische Intervention ergänzt\nwerden. Wird der Rechtsmißbrauch vom Staats-\nanwalt verfolgt, so muß der Rechtshohn, die Rechts-\nvernachlässigung vom Sozialanwalt aufgegriffen\nund zurückgewiesen werden. Notwendig ist das\nspontane Einschreiten der die Gesellschaft ver-\ntretenden Gewalt, die das auf dem Boden liegen-\ngelassene Recht ohne Rücksicht auf die Zustim-\nmung des Verletzten aufnimmt und von amtswegen\nverfolgt. Die Gesellschaft wird einst erkennen, daß\nes nicht in ihrem Interesse liegt, wenn auf ihre ge-\nsatzten Rechte verzichtet wird. Der Sozialanwalt\nhat überall einzuschreiten, wo Rechte geknickt\nwerden, wo krasse Ausbeutung und Menschen-\nschändung durch privatrechtliche Gewalt geübt\nwird, gegen die der Verletzte sich nicht verteidigen\nkann. Der Sozialgerichtshof hätte dann auszu-\nsprechen, daß eine unsittliche Rechtsverhöhnung,\ndiffamierende Ausbeutung oder gesellschafts-\nfeindliche Ausnützung eines Monopols vorliegt.\nDaß der moderne Wohlfahrtsstaat, der seinen\nArm dem Begüterten leiht und ihm seine Allgewalt\nselbst dort zur Verfügung stellt, wo er zähne-\nknirschend das Widerliche der Ansprüche durch-\nschaut, daß dieser Wohlfahrtsstaat eigentlich eine\nsolche ergänzende Macht braucht, ist einleuchtend.\nUnd wenn wir unseren Blick durch die Zeiten\nschweifen lassen, so finden wir, daß es bereits\nStaatswesen gegeben hat, die für die positiven sitt-\nlichen Pflichten der Bürger ihr eigenes Er-\nmunterungsorgan besaßen, nämlich die antiken\nStaaten mit ihrer Zensur, deren Wiederaufleben im\nZeitalter der ökonomischen Notzucht ganz außer-\nordentlich segensreich wäre. Vielleicht könnte eine\nnach großen Gesichtspunkten gebildete Wohlfahrts-\nbehörde dann so viel Material und Einsicht vorbe-\nreiten, daß jene höhere Rechtslehre, von der wir\nträumen, zu jenem erhabenen Zivilrecht den Weg\nfände, in dessen materiellem Inhalt alle Unzuläng-\nlichkeit und Lüge aufgelöst ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "50", "page_fin": "51", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.4", "titre_corps": "Drittes Gespräch: Auf purpurnen Decken / Von der Frage der Musik : Ueber die Musik", "titre_sommaire": "Drittes Gespräch: Auf purpurnen Decken / Von der Frage der Musik : Ueber die Musik", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.2", "debut_caractere": 5596, "fin_caractere_exclue": 11438, "texte": "Gespräche mit Kalypso\nDrittes Gespräch: Auf purpurnen Decken / Von\nder Frage der Musik\nUeber die Musik\nVon Alfred Döblin\n(Die Grotte der Kalypso. Ein bläuliches Schim-\nmern und Aufleuchten. Der Boden feine Stein-\nmosaik. Dicht am hohen, aber sehr engen Eingang\nein brennender Altar. In einer seitlichen Vertiefung\nder Grotte zwei Ruhelager, purpurbedeckt; davor\nein niedriger Tisch. Neben dem Altar Hörner,\nFlöten, Trommeln, Lauten. Vor ihm betet\nKalypso, die Hehre der Göttinnen, in den\nSchnee der Priesterin gehüllt, mit breiter\nStirnspange und Gehängen, verbrennt mur-\nmelnd Fleisch, betrachtet die Eingeweide. Weiß-\nbekleidete Vogelfrauen bedienen sie. Nun geht Ka-\nlypso langsam zur Nische hinüber, an das Lager,\ngegenüber dem des Musikers. Ihn umhüllt eine\nschwere, altgriechische Tracht, schwarzblau und\nohne Schmuck. Sie ruhen stumm gegenüber.)\nKalypso:\nDu sagst, Du seiest Musiker. Erzähl mir von der\nMusik.\nMusiker:\nWir feierten ein heiteres bräutliches Spiel auf un-\nserem Schiff. In meiner Trunkenheit nannte ich\nmich Odysseus, der nach Kalypsos Gestaden fort-\nverlangte, wollte den reichsten Kranz von ihren\nHänden. O unsrer Lustfahrt, unsrer Wehfahrt!\nIch hasse Dich, daß Du mich nicht verstehst. Wir\nhaben nichts gemein. Sieh, dies muß ich dulden,\ndaß viele Dinge Herr über mich sind, aber daß Dir\nmeine Seele verfallen will —\nKalypso:\n(Gleichgiltig.) Du wolltest von Musik sprechen.\nMusiker:\nIch verachte sie. Es gibt viele Arten des Todes wie\ndes Sterbens. Aber daß Du, auf der der starrste\nTod liegt —\nKalypso:\n(Klatscht in die Hände.) Feuer schüren!\nMusiker:\n(Beißt sich auf die Lippe.) Mißversteh' mich nicht,\nKalypso.\nKalypso:\n(Lächelt.) Ich verstehe Dich. (Pause.)\nMusiker:\n— Du wolltest von der Musik hören.\nKalypso:\nOft wollen wir von ihr sprechen. Du sollst mir\nalles von ihr sagen, was Du weißt. —\nMusiker:\n—Es spricht sich schwer von ihr. Sie ist, fast\nscheint mir, eine Brücke zwischen Sein und Nicht-\nsein. — Sie ist auch mehr etwas Unnennbares, Un-\nwirkliches, als irgend etwas anderes Wirkliches.\nEs läßt sich schwer begreifen, wenn man einen\nStein, einen Baumstamm, einen Tierleib sieht, was\nsein Leben ist — wie dies lebt, was bewirkt, daß\nes lebt, die Augen öffnet, wächst. An der Musik\nbegreift man es vielleicht. Das formlos Regsame,\ndas Unsichtbare, Durchsichtige, Blasse ist — sie\nselbst.\nWirklicher, wirksamer ist sie, als etwas Wirk-\nliches. Ein Mensch kann schlafen, erstarren, ster-\nben; sie schwimmt dahin, unablässig, wird nim-\nmer etwas als schäumen, schimmern, glimmern.\nSie zeigt, was Unsterblichkeit ist. — Willst Du\nmir gefällig sein?\nKalypso:\nNein.\nMusiker:\nLaß Deine Flötenbläser kommen.\nKalypso:\n— Wenn mein Lehrer mir grollt, fahre ich fort.\nMusiker:\nIch aber will Dich fragen: Was lockt Dich zur\nMusik? Lockt Dich etwas zu ihr?\nKalypso:\nSieh, ich denke gern an Musik. Wir sind hier ein-\nsam, „wir\", „der starrste Tod\". Und es ist, wie\nDu sagst. Sie ist mehr wirklich, als irgend etwas\nWirkliches. Ich kann an einer Bildsäule vorüber-\ngehen, eine farbige Wand nicht beachten; aber die\nMusik ist aufdringlicher, sie verlangt mich, sie\nwill. Sie faßt mich bei den Händen und wühlt sich\nin mein Haar ein. Das Gehör muß ein geselligerer\nSinn sein, als das Gesicht; kürzer mag der Weg\nzur Seele sein durch das Ohr, als durch das Auge.\nUnd so macht Stille die Einsamkeit einsamer als\nLeere. Wo Musik ist, erfüllt sie die Gegenwart,\ndaß ein lachendes Bild zur blöden Grimasse wird\nvor einem Trauergesang; sie kann alles zur Lüge\nmachen und zaubert wahrhaft, daß ich Eifersucht\nfühle. Sie verdunkelt jede Landschaft, verteilt\nGewitter, ist Herrin über Sonne, Mond und Ge-\nstirne. Und eine fürstliche Kunst ist sie. Ich muß\ndie Schweigsamkeit lieben, aber wenn es mich\nnach einer Stimme verlangt, zu wem soll ich\nsprechen, wer soll zu mir sprechen?\nIch lasse die Menschen nur in der Musik an mich\nherankommen. Sie redet in großem, feierlichen\nTon von ihnen, ohne Umschweif, sachlich, streng\nüberlegen, ohne Wort für das Bestimmte, Klein-\nliche, Peinliche. Ein vielsagendes Mienenspiel geht\nüber ihr Gesicht.\nMusiker:\n(Schweigt.) — — Ich bitte Dich um Verzeihung,\nwenn ich Dich im Stillen unterschätzte.\nKalypso:\n(Lacht.) Ihr betet zu einem Gott, einem einzigen,\nIhr Sparsamen, der die Kraft besessen hätte, glaubt\nIhr, die ganze Unermeßlichkeit der Welt zu schaf-\nfen, die doch von Urbeginn war und keines Schöp-\nfers bedurfte. Nun, was sich Euer Meistergott am\nköstlichen Vorabend des ersten Schöpfungstages\ndachte — der dunkle Plan der Schöpfung — das\nBrüten über dem Riesenei — mag wohl von Art\nder Musik gewesen sein —.\nMusiker:\nDu redest so fein. — Aber Du redest in Bildern,\nKalypso. (Kalypso sieht ihn an.) — Ich sage, dies\nist eine rätselvolle Kunst und ein Land, dessen\nSchluchten und Pfade keiner kennt, mag er auch\nwochenlang vom Morgen bis zum Abend drin ge-\nwandert sein.\nKalypso:\nWir wandern viel, aber immer führt uns ein Weg\nund immer der Weg.\nMusiker:\nDoch träumen wir zuviel, wir lassen unsern Geist\nin Bildern sprechen. — Wie ist dies möglich, wie ist\ndie Musik gleichsam wirklichkeitsschwanger, wie\nkann sie gleichsam sprechen, die keines Wortes\nmächtig ist? Töne gehen hin und her. Wie saugt\nsie sich schwellend voll mit Leben, daß sie als Vor-\nform der Welt erscheint und als Mutter und zeu-\ngender Gott? Dieses „Gleichsam\" ist eine Schlucht,\nin die ich oft gestiegen bin.\nKalypso:\nSetz Dich zu mir. — Sollen meine Flöten blasen?\nMusiker:\nBitte. — Ich frage nicht ins Leere hinein. Die\nMusik ist wohl die freieste aller Künste. In jeder\nKunst wachsen Pflanzen, die nicht in der Erde wur-\nzeln, schlagen Kobolde, die keine Mutter gebar,\neinen Purzelbaum. Wirres Fabeltier waltet da,\nverschlungene Begebenheiten, die dämonisch durch\ngeballte Nebel fratzen. Man nennt die Herrichter\nsolcher Werke Phantasten und schilt sie, daß sie\nsündigen Umgang mit Wolken trieben. Gibt es ein"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1871, "texte": "Tier, das so wirr gestaltet, ohne Gleichnis wäre,\nwie ein Lied? Ist ein Phantast so phantastisch\nwie ein Musiker? Seine Arbeit spottet der Wirk-\nlichkeit und ihres Reichtums. Du kennst die\nFreunde der Weisheit, die Herrlichen, die Dein\nLand einmal trug. Einer unter ihnen nannte die\nNachahmung die nährende Erde der Kunst. Viele\ndachten seine Gedanken nach. Die Kunst sollte\ndie Natur nicht treffen, sondern übertreffen. Allen\nirdischen Dingen sollte im Künstler eine zweite\nHebeamme erstehen. Er sollte ihr Wesen, ihr\nhalb von der Umwelt erdrücktes Wesen ans Licht\nheben.\nKalypso:\nIch bin nicht stolz auf sie, meine allzuklugen Lan-\ndesleute, die naseweisen. Sie hielten unsere Erde\nfür ein Krüppelhaus. Nichts auf Erden verirrt und\nverfehlt sich, denk ich. Die Trauer, die Armut,\ndie Schwäche täuscht sich damit.\nMusiker:\nNun möchte ich Deine anmaßlichen Weltweisen\nfragen, — sie wissen auf vieles eine Antwort, zum\nwenigsten ein Wort und können auch Hohn ertra-\ngen —: Welcher Natur spielt Musik, die gleich-\nnislose, beispiellose, die hilfreiche Freundin in den\nGeburtswehen? Ist Musik dann noch Kunst in\nihrem Sinn und nicht vielmehr weniger oder ganz\nanderes als Kunst? Die Musiker haben sich stolz\ndie Werkzeuge selbst gerichtet; eigenherrlich wan-\ndeln die Töne ab. Nun stimmt die Musik mit nichts\nüberein.\nWoher, wenn sie prahlend über die Wirklichkeit\nhaust, nimmt die Musik den Sinn und bleibt nicht,\nwas sie ist, ein krankes Auf und Ab? Sie saugt\nsich schwellend voll mit Leben? Was macht sie\nzu diesem Gleichsam fähig? Oder ist das Gleich-\nsam geträumt? Und doch will, wie Du fühlst, die-\nses Wirrste des Wirren einen Hellblick in die Welt\nund unter ihren Boden tun, begreifender als die\nSprache, gebärdet sich gar als Auftakt der Schöp-\nfung.\nNun siehst Du, Kalvso, die beiden Punkte, die ich\nmale. — .... --\nKalypso: , /\nFast auch die Linie zwischen ihnen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "51", "page_fin": "51", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.5", "titre_corps": "Jules Laforgue / Gedichte", "titre_sommaire": "Jules Laforgue / Gedichte", "signature_source": "Deutsch von Max Brod", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.3", "debut_caractere": 1873, "fin_caractere_exclue": 6978, "texte": "Jules Laforgue / Gedichte\nDeutsch von Max Brod\n\nBeklagung: der Pianos\ndie man in den wohlhabenden Stadtvierteln hört\nNun leitet die von Wissenschaft genährte Seele, ihr\nPianos, o Pianos, in das reiche Stadtquartier!\nDer Abend sinkt. Und dies Spazieren ohne Paletot\nSchmeichelt den Klagen meiner unverstandnen\nNerven so.\nDie Mädchen, wovon träumen sie\nZu ihrer faden Melodie?\n— „Mein Heiland ach\nIm Schlafgemach!\nDu gehst weg und läßt uns da,\nLäßt uns da und gehst vom Haus\nUnd wir flechten unser Haar,\nSticken ewig Deckchen aus.\"\nFesch oder träumend? Traurig oder klug? Noch un-\nentstellt?\nO Tage, mir ist alles gleich? oder, ich will die Welt?\nJungfrau noch oder wohlbewußt, daß auch der\nreinste Mann\nSein Liebeslied in feiste Zoten münden lassen kann?\nMein Himmel, wovon träumen sie?\nVom Bett, von Rolandspoesie?\n— „Herz im Verließ,\nO Zeit, verfließ!\nDu gehst weg und läßt uns da,\nLäßt uns da und gehst davon!\nChor der Bräute, Klosterschar,\nDer die kleinen Brüstlein lohn.\"\nSchlüssel des Daseins, eines schönen Tags ist alles\noffen;\nErblicher Gährungsstoff, bei allen pünktlich einge-\ntroffen,\nIm wilden Tanzfest unsrer sonderbaren Gassen;\nAh! Pensionate, Zeitungsblätter, Bühnen, Bücher-\nmassen!\nAde, furchtlose Melodie,\nBös ist die Welt und schmeichelt nie.\n— „Der Vorhang auf,\nNun nimmt's den Lauf?\nDu gehst weg und läßt uns da,\nLäßt uns da und gehst uns fort\nUnd den frischen Rosen nah\nIst der Herbst! O komm, sofort . .\nGeduld, er kommt! Ihr werdet alle, kranke Herzen\ndroben\nUnd gleichfalls ihr, die wohlerzogen-stillen, euch\nverloben,\nUnd Gram, die bodenlose Vase, wird im Kopf euch\nsitzen\nUnd stetig ein Gewirr, beflaggt mit Ehrbarkeit und\nSpitzen.\nUnsinn, wahrscheinlich sticken sie\nSchuhe für Tante Melanie.\n— „Uns fehlt die Ruh!\nO wüßtest Du!\nDu gehst weg und läßt uns da,\nLäßt uns da und gehst so weit,\nDoch du kommst geschwind, nicht wahr?\nHeilst mein Weh zur rechten Zeit.\"\nJa, das ist wahr! Sie alle schweifen nach dem Ideal;\nAuch hier im reichen Stadtquartier blüht der\nBoheme Qual.\nDoch kommt das Leben; und der lebensfrischen\nTropfen Glut\nIst bald getauft, wie sich's gehört, von tüchtger\nRegenflut.\nUnd bald genug geraten sie\nIn die exakte Melodie.\n— „Zu Haus war's nett!\nAllein im Bett!\nDu gehst weg und läßt uns da,\nLäßt uns da und gehst im Spott.\nWär ich doch vor dem Altar\nUmgesunken, lieber Gott!\"\n\nO, käme eine ...\nOh! käme eine, ganz von selbst an einem schönen\nTag,\nDie nur an meinen Lippen trinken oder sterben\nmag! . . .\nOh, Taufen!\nOh! Taufen meiner Art, zu sein!\nWenn eine dieses „Ich bin dein!\"\nMir sagte\nUnd an mein Fenster her im Laufen\nDurch Menschen und durch Götterhaufen ,\nSich mit gesenkten Augen wagte!\nO käme sie, oh wie der Blitzstrahl zum Magnet,\nUnd unter meinem Himmel, der im Sturm zergeht,\nUnd dann die reinigende Wolkenbrüchen durch die\nNacht\nUnd Regenniederplätschern und des Morgens\nPracht!\n0 käme sie, gesenkt des Blickes Helle,\nUnd stäubte ihre Schuhe an der Schwelle\nUnsrer Kapelle,\nO seht, des Mitleids Priester ihr, —\nUnd sagte mir:\n„Für mich bist du nicht wie die andern Leute,\nDas sind so Herrn, dich brachten Engel heute.\nVor deinem Mund senk ich den Blick\nUnd deine Haltung hält mir mein Geschick\nUnd ich entdecke meines Herzens Schätze!\nUnd weiß, dies macht mein Schicksal aus,\n(O ich bin hier bei dir schon wie zu Haus!)\nUnd weiß, ich muß dir folgen, bis Du mir zum Schluß\nErlaubst zu sagen, daß ich dich anbeten muß.\nNur dieses Sinnen hegend bleib ich eingehegt\nIn Zärtlichkeiten meines Herzens, das nur schlägt\nUm dir zu sagen, daß ich nachts mit nassen Wangen\nDasitze, daß die Schwestern für mein Leben bangen,\nDaß ich im Winkel weine, nichts mir lustig scheint;\nOh, Sonntag hab ich in der Kirche so geweint!\nDu fragst, warum nur Du es bist, ein andrer nicht.\nAch, laß nur, eben du bists und ein andrer nicht.\nUnd dessen bin ich so gewiß wie meiner Nichtigkeit\nUnd deines sterblichen Gesichts, zu jedem Spott\nbereit.\"\nSo käme Sie, entflohn habtot, mit irrem Rufe\nUnd fiele auf die Matte, die zu dem Behufe\nVor meiner Türe liegt. So käme sie, wie toll\nDen Blick, mit dem sie mir für immer folgen soll.\n\nMondschein\nDaß ich immer nur auf der Erde steh,\nTut mir manchmal wie ein Rippenstoß weh.\nAh! alles für dich, Mond, wenn sich still\nDein Augustnachtzauber zeigen will!\nEntmastet rollst du, behäbig durch Meer\nUnd schwarze Brandung der Wolken her!\nO steigen, verloren an deinem Becken\nBeglückender Taufen mich niederstrecken!\nDu blinder Stern, Leuchtturm, den Scharen\nKlagender Ikarusse gewahren!\nWie Selbstmord unfruchtbares Augentor,\nWir sind der Kongreß der Schwachen, sitz vor;\nEisschädel, verspotte die Kahlköpfigkeit\nUnserer heillos büreaukratischen Zeit;\nEndgiltiger Lethargien Pille,\nO unsre harten Gehirne stille!\nDiana im dorischesten Gewand,\nDie Liebe kühlt aus, nimm den Bogen zur Hand\nUnd impfe uns mit deinem Pfeil\nDen guten Willen ins Herz, das Heil!\nGestirn, von Sündfluten reingemacht,\nO könnt ich in meinem Bett heute Nacht\nKeusch einen deiner Strahlen erhaschen,\nIch will mir die Hände vom Leben waschen!\nAus dem Buch: Jules Laforgue: Pierrot, der Spassvogel\nDeutsch von Franz Blei und Max Brod/Verlag Axe! 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Erstens interessierten ihn\ndie Marktpreise, dann hatte er auch ein paar Klei-\nnigkeiten einzukaufen. Er brauchte nämlich einen\nRing, den er dem Ferkel durch die Nase ziehen\nwollte, dann einen Ring für die Pendeluhr — von\ndort stehlen ihn die Kinder immer wieder herab —,\nund endlich wollte er auch Steuer zahlen.\nDieses besorgte er zuerst, und bereichert ver-\nläßt er eben das Steueramt. Er hatte nämlich zu\nHause beschlossen, zehn Gulden zu bezahlen, in\nWirklichkeit aber nur fünf gezahlt. So fühlte er\nsich jetzt finanziell bereichert, was immer ein sehr\nvergnügter Zustand ist. Nun konnte er also nach\nden Ringen sehen. Bald fand er zwei sehr schöne.\nDer eine paßte gerade für die Uhr, der andere\nschien ihm für die Nase des Ferkels ein wenig groß\n— aber schließlich wächst ja das Ferkel und die\nNase wächst mit. Damit wäre er jetzt ganz fertig und\nkönnte wieder heimwärts, als ihm einfällt, seinem\nBuben ein billiges Notizbuch zu kaufen. Soll er\nlieber da hinein kritzeln, als auf die Wände!\nDas war ganz vernünftig. Jänos geht also in\neine Spielwarenhandlung, besieht sich die ausge-\nstellten Gegenstände und kauft dann um ein paar\nKreuzer ein kleines Notizbuch. Es ist nichtsdesto-\nweniger sehr schön, ja sein Rücken ist fast so ver-\ngoldet, wie der auf der Bibel. — Wollen schaun,\nwas der Bub da hineinschreibt!, meint er mit ver-\ntraulichem Lächeln zum Verkäufer. Sie werden\ndafür verantwortlich sein! — So gehen sie ausein-\n, I-.-V ISg«\nander.\nWie aber Jänos die Börse mit dem Kleingeld\nin die Tasche zurückstecken will, fällt sie zu Boden.\nEs ist nämlich gar nicht so leicht, sich in dem\nschweren Schafspelz zu bewegen, wie man glau-\nben könnte.\nJänos bückt sich, und wie er die Börse auf-\nheben will, fällt sein Blick auf eine kleine bunte\nGestalt. Es war ein Spielsoldat, mit blauem Rock\nund roten Beinen, der mit seinem Holzarm stramm\nsalutierte. Der unglückliche kleine Krieger lag auf\nder Erde, sein Czäko stieß an eine Fußkante des\nPulttisches; aber auch so liegend, hörte er nicht\nauf zu salutieren. Als Jänos ihn erblickte, schoß\nes ihm blitzschnell durch den Kopf, daß er seinem\nBuben mit dem Notizbuch ganz gut auch die kleine\nPuppe nach Hause bringen könnte."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6863, "texte": "Rasch greift er danach, preßt den Soldaten an\ndie Börse und schließt beide in die Faust. Dann\nrichtet er sich auf und steckt die Faust in die\ninnere Tasche. Dort läßt er Börse und Soldaten\nlos und zieht die Hand offen wieder zurück. So\ndas wäre in Ordnung. Er empfiehlt sich end-\ngültig vom Verkäufer und hüllt sich auf der Straße\nwohlgelaunt fest in seinen Rock.\nEr vermeidet es, auch nur ein einziges Mal in\ndie Tasche zu greifen, ehe er sein Gehöft er-\nreicht hat.\nEs ist niemand zu Hause. Der Bub in der\nSchule, die Frau drüben in der Nachbarschaft, wo\nman irgend eine Gasterei vorbereitet.\nEr spannt also die Pferde aus, sucht den\nSchlüssel hervor und geht ins Haus. Hier ist es\nangenehm warm. Jänos stampft ein paar Mal fest\nauf und geht auf und ab. Dann überlegt er. Soll\ner der Frau nachgehen oder lieber dem Ferkel den\nRing anlegen?\nDabei fällt ihm das Notizbuch und der Soldat\nein. Heraus damit! Er fährt in die Tasche, nimmt\nbeides hervor und legt es auf den Tisch. Dann\ngeht er zum Fenster, blickt auf die stille Landschaft\nund auf den Weg hinaus, ob der Bub noch nicht\nkäme. Nein, er kommt noch nicht.\nJänos wendet sich wieder dem Zimmer zu,\nund wie jetzt sein Blick auf den Tisch fällt, tritt er\nbetroffen einen Schritt zurück.\nDas Notizbuch liegt auf dem Tisch, der Soldat\naber, den er doch auch hingelegt hatte, liegt nicht,\nsondern steht aufrecht da und hält die Hand hoch\nerhoben.\n— Hm, hm — sagt Jänos.\nDann geht er langsam hin und legt ihn nieder.\nSo wie er aber die Hand fortzieht, springt der\nSoldat wieder auf, schüttelt sich nach rechts und\nlinks, als ob er sehr zornig wäre, und bleibt dann\nkerzengerade stehen, den Blick starr auf Jänos ge-\nrichtet. Und nicht um eine Welt ließe er die Hand\nherabsinken.\nNo — meint Jänos und beginnt den rot-blauen\nkleinen Mann genauer zu betrachten. Er war aus\nHolz. Aus ganz gewöhnlichem Holz. Wenigstens\nsah es so aus. Wie kommt es aber, daß er sich\ndoch bewegt?\nWieder legt er ihn fest nieder, drückt ihn auch\nJln wenig gegen die Tischplatte, damit er~*ur sicher\nliegen bleibe. Und er bleibt auch. Unter der star-\nken Hand rührt er sich nicht.\nKaum aber läßt die Hand nach, so springt er\nNieder empor, schwanKt ein wenig und steht aufs\nneue da, die gemalten Augen auf Jänos gerichtet.\n— Daß dich der Blitz ! ruft Jänos und\nschlägt ihn zornig wieder nieder.\nDiesmal wird er schlau zu Werke gehen. Er\nwird die Hand nicht rasch abheben, sondern ganz\nlangsam, vorsichtig wegziehen. Er versucht dies\nauch — und was geschieht? So wie er behutsam\ndie Finger fortnimmt, erhebt sich nach und nach\nauch der Soldat, bis er wieder gerade dasteht und\ndrohend den Arm hebt.\n— Mir droh nicht! — sagt Jänos und geht vom\nTisch weg bis in die Ecke des Zimmers.\nVon dort sieht er ihn mißtrauisch an. Im Zim-\nmer und auch draußen herrscht Totenstille. Es\nbeginnt zu dämmern und auf die Puszta senken\nsich die bleiernen Schleier des Winterabends.\nNichts regt sich. Nur im großen, bauchigen Ofen\nfallen manchmal die Glutstücke hörbar zusammen\nund schlagen dumpf gegen die Wand. Das Notiz-\nbuch liegt auf dem Tisch. Jänos sitzt auf der\nOfenbank, der Soldat steht drüben und sieht un-\nausgesetzt Jänos an. Keiner rührt sich.\nJänos wird immer schwächer und schließlich\nschlägt er vor dem starren Blick des Soldaten die\nAugen nieder.\n— Ich hab dich nicht gestohlen — verteidigt\ner sich leise — du bist auf dem Boden gelegen.\nWarum konntest du damals liegen? . . . Weil du\neingequetscht warst? Bedank dich, daß ich dich\naufgehoben hab! Das ist kein Diebstahl. Ein\nAnderer hätt dich auch genommen. Und mich\nschau nicht so an, das sag' ich dir, sonst schlag ich\ndich nieder! Hörst du?\nUnd er sammelt Kraft und geht drohend auf\nihn zu. Schon hebt er die Faust, als ihm ein neuer\nGedanke kommt. Auf dem Tisch steht ein Wasser-\nkrug und rings um ihn ist das Holz naß. Rasch\nnimmt er den Soldaten und preßt ihn mit dem\nKopf in das Wasser. Da hast du's! — Hund! —\nächzt er, während auf seiner Stirne kalte Schweiß-\ntropfen hervorperlen.\nWie er die Hand losläßt, schreit er laut auf.\nDer Soldat steht nicht mehr auf, sondern bleibt\ndort im Wasser liegen.\nJänos sieht frohlockend zu. — Na — das hast\ndu jetzt davon! Jetzt rühr dich — wenn du kannst\n— Hundsfott!\nUnd er rührt sich. Mit Schrecken gewahrt es\nder größere der beiden Gegner. Das Wasser ver-\nmochte ihn nicht ganz an die grüne Farbe des\nTisches anzukleben. Er beginnt sich zu bewegen\nund Hopp! steht er wieder Habt Acht! da und hebt\nden Arm.\nWenn das keine absichtliche Drohung ist, so\ngibt es überhaupt keine Drohung auf der Welt.\nJänos ist erst verblüfft, schlägt wuchtig aufs Bett\nund zischt vor Wut. — Warum hab' ich dich nur\nhergebracht! — schreit er. — Mich laß in Ruh!\nMich rieht nicht zu Grund! Ich schlag dich in\nStücke!\nEr nimmt auch den Stock aus der Ecke, bleibt\naber in gehöriger Entfernung und versucht den\nSoldaten mit dem Stock niederzudrücken. Es\ngeht nicht. Er weiß immer auszuweichen, und je\nkräftiger Jänos hinfährt, um so heftiger droht er.\nJänos wischt sich den Angstschweiß von der\nStirn. Was soll er nur tun? Was soll da ge-\nschehen? Ach was — einmal stirbt jeder. Er\ndrückt sich gewandt um den Tisch herum, um zum\nFenster zu gelangen, das er mit zitternder Hand\nöffnet. Dann wendet er sich entschlossen zurück\nund ergreift mit der großen Hand den kleinen\nMann, der in der Faust ganz verschwindet.\n— Kaspar . . . Melchior . . . Balthasar . . .\nsagt er und schleudert den Soldaten zum Fenster\nhinaus.\nEr fliegt ein Stückchen, dann fällt er zwischen\ndie gefrorenen Erdhaufen und schwankt hin\nund her.\n— Huh! stöhnt plötzlich Jänos auf.\nDort, auf der Spitze eines Schneehäufleins\nsteht der Soldat schon wieder, schwankt, winkt,\nhebt den Arm, und aus seinem Blick spricht eine\ngräßliche Anklage.\n— Dieb, Dieb, Dieb . . .\nJänos glaubt die Worte zu hören und eine\nnamenlose Angst schnürt ihm das Herz zusammen.\nUnd — Verderben über Verderben! — gerade\njetzt kommt sein Kind aus der Schule. Er ken~112\nes schon von weitem auf der Straße. Jetzt kommt\nes immer näher und er möchte ihm gern zurufen:\n— Geh ihm aus dem Weg! Weich ihm aus! Aber\ner kann nicht, und ermattet muß er sehen, wie der\nBub den Soldaten bemerkt, aufhebt und triumphie\nrend ins Haus bringt.\nSchon bei der Tür ruft er freudig:\n— Schau Vater, was ich gefunden hab!\nDer Vater springt auf und streckt abwehrend\ndie Hand aus:\n— Nicht bring ihn herein! Ich will ihn nicht\nsehen! Gerade jetzt hab ich mit ihm gekämpft...\nDer Kleine versteht von all dem kein Wort.\nEr sieht den Soldaten liebevoll an und ruft dann\nlachend:\n— Schau doch Vater, da unten ist Blei drin.\nWenn ich ihn niederleg, springt er von selbst auf!\nSo schau doch her!\nVon Jänos weicht plötzlich alle Mattigkeit,\naller Schreck, und der innere Sturm legt sich.\n— O! seufzt er erleichtert — Blei ist drin?!\nUnd dann, wie um sein sonderbares Benehmen\nvon vorhin zu erklären, setzt er zögernd hinzu:\n— Ich hab schon geglaubt — Seele."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "52", "page_fin": "53", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.7", "titre_corps": "Fanatismus der Verachtung", "titre_sommaire": "Fanatismus der Verachtung", "signature_source": "Oskar Baum", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.4", "debut_caractere": 6865, "fin_caractere_exclue": 11674, "texte": "Fanatismus der Verachtung\nVon Oskar Baum\nEr, der Berühmte, schrieb und dachte, schrieb\nund dachte und blieb dieser Aufeinanderfolge treu\nbis in den Tod. Unermüdlich rollte er in seinen\nWerken die ewigen Fragen der Menschheit auf und\nso wurde ihm unvergänglicher Ruhm. In allen\nliterarischen Schlachten war er ein gefürchteter\nRosselenker und er erfand alljährlich ein paar\noriginelle Titel nebst den dazu notwendigen\nBüchern. Auch kritisierte er da und da, aber nur\num Schauspieler und Theaterdirektoren in Furcht\nund Gehorsam zu erhalten, denn seine Muse ging\nauch häufig über die Bretter, die das Geld bedeuten.\nDie größte Freude machte er seinem Verleger,\nwenn er das Blut der Liebeswunden in die Feder\nfließen ließ. Es entstanden dann natürlich nicht —\npardon — Verse, sondern appetitanregende Ro-\nmane, voll indiskret umhüllter Heimlichkeiten.\nVor diesem geistigen Mittelpunkt seiner Nation\nstand eines Vormittags ein schlanker junger Mann\nmit keckem Hut, lachender Krawatte und erheb-\nlicher Unbescheidenheit, die aber imponierend ruhig\nund bewußt war.\nDer Berühmte sah von seinem Papier fast gar\nnicht auf; den breiten Gruß des Eingetretenen hatte\ner mit höflichem Murmeln erwidert, und die Feder\nraschelte unbeirrt und eilig auch als der Besuch\nschon neben dem Schreibtisch stand.\n„Verzeihen Sie,\" begann schließlich ungehalten\nder junge Mann, „es tut mir leid, daß ich Ihre Stim-\nmung durchreiße. Man merkt auf der Straße nicht,\nob Sie gerade arbeiten.\"\nEin paar höfliche Notwendigkeiten mußten nun\nabgewickelt werden, ehe der Fremde saß und von\ndem begann, was ihn hergeleitet hatte.\n„Die Frauen sind äußerlich und ihre Eitelkeit\nist heikler, als die eines Schauspielers. Meine\nFreundin, in deren Namen ich hier bin, ist zwar aucn\nin diesem Punkt ungewöhnlich, aber weiblich bleibt\nsie ja doch.\"\nDer Hausherr markierte seine Ungeduld, und\nder kühle junge Mann weidete sich daran.\n„Vielleicht haben Sie meinen Namen als einen\nder vielen erkannt, die Sie kritisierten, womit ich\nIhrem Gedächtnis aber zu viel zumute? Nun,\ngleichviel! in derselben Nummer Ihres Blattes\nhaben Sie auch meiner Freundin, die unter dem\nPseudonym The .... schreibt, wegen ihres letzten\nBuches eine Lobhymne gesungen.\"\n„Ja, ich schrieb es in aufrichtiger Freude\nüber \"\n„Es macht Ihrem Verständnis mehr Ehre, als\nich ihm je zugesprochen hätte. Sie haben eben\nmanchmal, — weiß der Teufel durch welchen Zufall\n— einen so unverdient glücklichen Griff, daß man\nsich einreden könnte, Sie hätten wirklich eine\nAhnung von geistigen Werten, aber ihre Werke\nund Ihr Stil und Ihr allgemeiner Geschmack\nna, ich habe es ja seinerzeit ziemlich bald ver-\nwunden, daß Sie es waren, der meinen Namen so\nmächtig in die Welt posaunte. Ich ging sogar in\nmeiner Indifferenz so weit, nie gegen Sie zu\nsprechen oder zu schreiben aber meine Freundin ist\neben weiblich! Ihr bereitet noch jede Herabsetzung\nSchmerz, sie gibt noch viel auf die Meinung der\nWelt und so bin ich hier, um Sie zu bitten, Ihr Lob\nzurückzunehmen, oder besser, es in einen ver-\nnichtenden Tadel zu verwandeln.\"\nDer Dramatiker, Epiker und Lyriker hatte\nlängst zu schreiben aufgehört, hielt die Feder, die\neben in das Tintenfaß getaucht worden war, hoch\nin die Luft, und starrte den kühnen Besucher\nimmer ängstlicher und erschrockener an. Anfangs\nwollte er ihn öfters unterbrechen, war aber sprach-\nlos, als jener zu schweigen begann. Er zog die\nHaare seines Schnurrbartes zwischen die Zähne,\nbis ihn die Lippe schmerzte und preßte die\nlinke Hand gegen eine scharfe Ecke des Schreib-\ntisches, um zu untersuchen, ob er träume. Aber er\nfühlte, daß er wach war. Dieser Ausweg war also\nverschlossen; verzweifelt rieb er sich die Schläfen.\nEin wirres Gedankenchaos wollte ihn In Untiefen\nreißen.\nVon ihm erbat jemand, daß er, der täglich\nhunderte von schwärmerischen und demütigen An-\nbeterbriefen erhielt, dem ein Buch zu widmen schon\nein Glück bedeutete, dem die hochmütigsten\nDichter und die vornehmsten Denker schmeichelten,\nden die Gefürchtetsten fürchteten, von ihm ver-\nlangte man einen Tadel!\nDa rettet ihn ein Einfall: Der Junge Mensch\nmuß verrückt sein!\nDio Züore des Berühmten glätteten sich und er\nfragte mitleidig, in weichem Ton: ~So? Das also\nwünscht Ihre Freundin? Und warum kam sie denn\nnicht selbst? Ich hätte mich gefreut, sie kennen\nzu lernen.\"\nDa fuhr ein scharfer Blick von dem Fremden\nherüber: „Sie müssen und zwar binnen einer\nWoche,\" sagte er mit schneidender Stimme.\n..längstens binnen einer Woche veröffentlichen, daß\nSie jenes Lob in einer Laune geschrieben haben, die\ndurch einen — durch ein gutes Mittagsmahl, durch\nden Mißerfolg eines Konkurrenten oder durch das\nErscheinen der 87. Auflage eines Ihrer Bücher un-\nerhört fröhlich war und Sie, wie ein Rausch zu gut-\nmütigem Vergehen wider die eigene Ueberzengung\nverführte. Sie müssen!! Sollten Sie sich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4068, "texte": "sträuben, sieht sich meine Freundin gezwungen,\neine energische Verwahrung gegen Ihr Lob vor das\nPublikum zu bringen.\"\nTiefes Dunkel wälzte sich von allen Seiten in\nungeheuren Wellen dem Kritiker entgegen und ver-\nschlang die Welt vor seinen Augen.\nSeiner Rechten entfiel die Feder, rollte, rollte —\nhinterließ eine schwarzblaue Spur auf dem halb-\nbeschriebenen Papier, stieß an einen Bleistift, rollte\nihn vor sich her und fiel mit ihm leise hinab auf den\ndicken Teppich.\n„Sie wissen, wie eine solche Verwahrung Ihren\nNamen gefährden würde,\" fügte der Fremde un-\nbeirrt hinzu.\n„Kampf!!\" schrie es da dem Kritiker ins Ohr:\n„Herr!\" keuchte er, und sein Gesicht war verzerrt,\n„ich habe Waffen und Freunde.\nIch könnte Euch übel zurichten, wenn Ihr so\netwas wagen solltet!\"\nDer junge Fremde lachte hell auf: „So tun\nSie doch das, bevor wir Sie angreifen! Wir\nverlangen ja nichts weiter.\"\nDer Berühmte hatte sich unter dem Lachen\ngeduckt, gekrümmt und war dann in den Sessel zu-\nrückgesunken wie ein Schwerverwundeter. Seine\nschlaffen Hände pendelten willenlos an der Lehne\nhin und her.\n„Sie wollen etwas, das ist klar,\" sagte er laut\nund langsam vor sich hin, um die Gedanken\nförmlich greifbar zu machen. „Sagen Sie doch,\nbitte, was Sie wollen! Ich bin gerne bereit, Ihr\nTalent mit der Feder oder in jeder andern Form zu\nunterstützen, in jeder, bitte, bis zu welcher Höhe\nSie wollen.\"\nDer Besuch zog ein wenig die Augenbrauen zu-\nsammen und griff nach dem Hut:\n„Ich glaube nicht, daß ich die Zeit haben werde,\nso lange hier zu sitzen, bis Sie meine Forderung\nrichtig begriffen haben.\"\n„Bleiben Sie doch! Wir müssen ins Reine\nkommen!\"\nDer Hausherr sagte das halblaut und zitterte\nund sah den Mann, der mit seiner ruhigen Kälte eine\nsolche Gewalt über ihn hatte, wie ein getretener\nHund an.\nDer junge Mann blieb zur Antwort mit dem Hut\nin der Hand zögernd stehen und wartete: „Nun?\"\nDa geriet der Kritiker in fieberhafte Aufregung:\nJa, was wollte er was sollte er denn sagen?\nRasch, rasch! sonst wartete der schreckliche\nMensch nicht länger. „Ihre Freundin wird ja bald\nwieder ein Buch schreiben, natürlich! Sicher ein\nebenso gutes, besseres als \"\n„Und?\"\n„Darüber kann ich dann schimpfen, wie und\nwas Sie wünschen.\"\nDer Fremde machte eine resolute Bewegung\nzur Tür. „Na, Sie verstehen das nicht. Ich sehe\nschon, es ist Ihrem Gehirn einfach physisch un-\nmöglich, einem solchen Gedankengang zu folgen.\"\n„Oh, oh, ich verstehe alles!\" flüsterte der Be-\nrühmte und nickte minutenlang heftig mit dem\nKopfe: „Ich schimpfe auf ihr Buch, das bald er-\nscheinen wird.\"\n„Also müssen wir uns selbst helfen!\"\n„Halt!\" Der Hausherr sprang ihm in den Weg\nund fuchtelte mit der Faust vor dem Gesicht des\nFremden hin und her: „Warum wollen Sie das\nnicht, warum nicht?\"\n„Glauben Sie, wir können den Schimpf auf dem\nersten sitzen lassen?\"\n„Wie? — Schimpf auf dem zweiten? . . . ersten\nnicht? Ersten nicht?!\"\nDie Fäuste hatten sich gelöst und sanken; mit\nverglasten Augen stierte er um sich und lallte:\n„Zweiten Schimpf? ersten doch? zweiten . . .\ndas -\"\nDer schlanke Besuch erzwang sich die Tür\nund lief.\n„Noch ein Wort, Herr . . .\"\nDer Kritiker wollte ihm nach, aber er ging nur\nlangsam; seine Kniee zitterten und knickten und\nsein Kopf nickte unaufhörlich, rasch und heftig. Er\nwollte zum Korridor hinaus, erwischte aber die\nKüchentür und schleppte sich gedankenvoll zum\nHerd, wo er müde niedersank, als wäre die glühende\nPlatte ein Fauteuil . . Die Frau und die Köchin\nstarrten entsetzt auf ihren Herrn, der plötzlich mit\nrotem Gesicht zu schreien begann: „Wer hat das\nSofa angezündet? Wie? Ihr wollt nicht, daß ich\nEuch lobe?! Ich werde Euch nie mehr loben, das\nschwöre ich! Aber wehe, Ihr, Ihr — Pack! wehe\nEuch, wenn ich noch einmal jemanden lobe!\"\nEr stürzte mit gefletschten Zähnen auf die\nbleiche Frau los; sie schickte um den Arzt.\nAm Nachmittag schrieb sie einer Freundin in\nstolzer Melancholie:\n. Mein Mann ist im Sanatorium.* Das\nist das Los der hellsten Tage! Die Nacht ist nei-\ndisch und die Reihe der Opfer wächst: Hölderlin,\nSchumann, Lenau, Donizetti, Nietzsche und mein\narmer \""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "53", "page_fin": "53", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.8", "titre_corps": "Die Fackel : Mein lieber Freund!", "titre_sommaire": "Die Fackel : Mein lieber Freund!", "signature_source": "An Karl Kraus ; Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.5", "debut_caractere": 4070, "fin_caractere_exclue": 5810, "texte": "Die Fackel\nMein lieber Freund!\nAn Karl Kraus\nHerwarth Walden\nIch habe lange gezögert, wen ich um einen Bei-\ntrag über die Fackel bitten sollte, die nun drei-\nhundertmal durch Ihre Kraft leuchtete. DaßihrFeuer\nnicht auch Deutschland in Brand setzte, hat zwei\nGründe. Die Menschen hier (und anderswo)\nkönnen nicht mehr sehen und fühlen. Sie\nwollen alles durchaus „verstehen\". Auch ihr Tod\nmuß ihnen noch durch Kommentare plausibel\ngemacht werden. Die äußeren Sinne versiegen und\nder innere Sinn der Phantasie quillt ihnen nicht.\nDer Rest ist Reden (und Schreiben). So suchen sie\nbei sich vergeblich das Organ für „Unverständ-\nliches.\" Und stutzen oder lachen, wenn man es\nihnen zeigt. Um so mehr, wenn es von Wien aus\ngeschieht. Das ist der zweite Grund. Wien ist von\neiner chinesischen Mauer umschlossen, die sich\nnur von außen übersteigen läßt. Die Mäuse\nfreilich kriechen unten durch und piepsen in der\nWelt über Wien. Auf diese Weise kann man von\nIhnen, lieber Freund, natürlich nichts erfahren.\nDaß ich mich Ihren Freund nennen darf, würde\nmich nicht hindern, über Sie zu schreiben. Ich bin\nfür „Kameraderie.\" Und zahle obendrein noch gern\nmit Zinsen die Prozente, die mir Schaubühnen-\nherausgeber und Genossenschaftspräsidenten bei\ndiesem Unterfangen nachrechnen würden. Diese\nHerren sind sicher gutgläubig: Für den K aufmann\npaßt der kommerzielle Standpunkt. Aber ich\nversage mir diese Freude, weil größere Wort-\nkünstler, weil Dichter über Sie hier sprechen\nmüßten. Ich kenne in Deutschland niemanden,\nder heute Sie so kennt und Ihnen zugleich eben-\nbürtig ist, daß ich ihn darum bitten möchte.\nMir bleibt die Hoffnung, daß kein ferner, u n -\nfestlicher Tag mir das bringen wird, was ich jetzt\nnur der Gelegenheit zu danken hätte.\nIhr"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c012", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "53", "page_fin": "54", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.9", "titre_corps": "Fortschritt!", "titre_sommaire": "Fortschritt!", "signature_source": "Progreß", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.5", "debut_caractere": 5812, "fin_caractere_exclue": 11577, "texte": "Fortschritt!\n\nDokumente des Fortschritts\nSo heißt eine Zeitschrift, die seit einiger Zeit\nin Berlin erscheint. Sie bietet in mehrerlei Sprachen\nwohl das Großartigste an absoluter Ahnungslosigkeit\nunserer Zeit gegenüber, das sich der Bildungs-\ndünkel des Schmocktums bisher geleistet hat. Wir\nwollen auf dieses wundervolle Organ, das sich mit\nseiner letzten Spezialnummer, dem sogenannten\nLiteraturheft, einen ebenso unfreiwilligen wie vor-\nmärzlichen Aprilscherz geleistet hat, noch zurück-\nkommen. Für heute sei nur bemerkt, daß dieses\nOrgan den Reklamerummel für den ordinären Kol-\nportageroman „Aus Sturmeszeit\" der russischen\nGartenlaube-Schriftstellerin Werbizkaja eingeleitet.\nDie Lärmtrompeter für das plumpe Sensationsbuch\nhaben übrigens weder eigene Mühe noch Kosten\nanderer zugunsten ihres jämmerlichen Schund-\nschützlings gespart.\nEin Journalist konnte es sich sogar in einem\nOrgan der Berliner Tagespresse nicht verkneifen,\nin begeistertem Somnambulismus Verse von Stefan\nGeorge auf den Hintertreppenroman der Dame\nWerbizkaja zu zitieren. Man soll gewiß die\nSchundliteratur nicht unterschätzen. Jeder normale\nMensch wird sich sagen, daß der bisher so unbe-\nachtete Literaturzweig der „bunten\" Hefte und Kri-\nminalromane doch irgendwelche Qualitäten haben\nmuß, da Schulbehörden und Traktätchen-Ministerien\neinen derartig lauten „Kampf\" gegen ihn aufnehmen.\nVielleicht ist dies seine Bedeutung: die Befruch-\ntung mancher Literaten aus den längst versunkenen\nUrzeiten einer patzig plumpen Zeitungsschmierer-\nZunft, die heute um jeden Preis als modern er-\nscheinen wollen. Registrieren wir nichts anderes,\nals daß auch Herr Eugen Zabel, der in den letzten\nMonaten sonderbarerweise aus einem (auch von\nuns) wohlverdienten Barbarossaschlaf erwacht zu\nsein scheint, für die Küchentisch-Dichtung der Wer-\nbizkaja leviathangleich ein Blümchen pflückt. —\nImmerhin sei man der Gelegenheit dankbar, die\nes gestattet ein ehernes Gesetz wieder von neuem\nfestzustellen: Sowie einmal ein rechtschaffen\nschlechtes Buch erscheint, dann kriechen aus allen\nKellerluken die Leute hervor, die auch rechtschaffen\nnichts können und schlagen enthusiastisch ihre\nTinte ab.\nDer Sieg der Minderheit\nWer auf die Scharen von in Freiheit dis-\nziplinierten Demonstranten mit polizeilichem Eini-\ngungskuß Wert legt, wird der „Demokratischen Ver-\neinigung\" Dank wissen, die durch ihr ebenso ent-\ngegenkommendes wie offenherziges Benehmen die\nBehörde von der Harmlosigkeit eines wohlge-\nordneten Demonstrantenjauchzens überzeugt hat.\nDer Polizeipräsident hatte bekanntlich eine be-\nabsichtigte Versammlung der „Demokraten\" unter\nfreiem Himmel nicht zulassen wollen, mit dem Be-\ndenken, der in Aussicht genommene Berliner Platz\nkönne die zu erwartende Zahl von 50 000 bis 60 000\nTeilnehmern nicht fassen. Aber nach den Zeitungs-\nmeldungen wußte der betreffende Verhandlungs-\nleiter den Polizeipräsidenten ohne weiteres davon\nzu überzeugen, daß von 50 000 Menschen gar keine\nRede sein könne. Zu den Versammlungen der be-\ntreffenden politischen Gruppe kämen doch höchstens\n2000 Menschen angerückt!\nWir halten diese Taktik für eine ganz neue und\nglänzende Erfindung politisch Bemühter. Es ist, mit\neinem kurzen Wort, Wirkung durch d a s M i t-\n-1 e i d. Sicherlich ist es für jemanden, der die breiten\nMassen zu sich hinüberziehen will, ein unerhört\nwirksames Agitationsmittel, zu seinem Gegner zu\nsagen: „Vor uns brauchen Sie keine Angst zu\nhaben. Sie überschätzen uns — zu uns kommt ja\ndoch niemand!\" Wenn wir nicht irren, so war ein\nähnliches Verfahren bisher nur üblich bei Verlegern\nsogenannter „unsittlicher\" Schriften, die vor Gericht,\nimmer den Beweis zu führen suchen, daß ihre Ge-\nschäfte ja riui einige wenige Subskribenten etwas\nangingen. — Durch diesen Triumph der „Viel-\nzuwenigen\" sind überhaupt ganz neue und er-\nschrecklich tiefe Probleme angeschnitten worden.\nZum Beispiel: „Gibt es also einen Sieg der\nMinderheit durch den die siegende Minderheit\nschäbig dasteht?\" oder eine rein mathematische An-\ngelegenheit: „Wenn ein politischer Klub Rechte\nverlangt, weil er wenig Mitglieder hat, würde er\ndann nicht mehr erlangen, wenn er noch weniger\nhat?\" Oder — noch mathematischer: „Ueberhaupt\nalles, wenn er gar keine Mitglieder hat?\"\nVielleicht findet sich aber jemand, der einem\nManne, der absolut keine Ahnung hat, wozu poli-\ntische Routine gut ist, eine ganz einfache, ja be-\nscheiden vorgebrachte Frage beantwortet. Es ist\ndiese: Welches Ziel haben sogenannte Demonstra-\ntionen von Leuten, die kasernenmäßig gedrillt nach\nArt ägyptischer Hieroglyphenfiguren im Gänse-\nmarsch angeschart werden, um durch Handaufheben\neine sogenannte „Resolution\" (?) zu bekräftigen,\nderen Text schon v o r h e r in der Presse veröffent-\nlich wurde? Ist es eigentlich zu glauben, daß man\ngroße Massen in der Ordnung von Schuljungen um-\nherführt, um jede Spontanität des Gefühls zu er-\nmorden, jeden Enthusiasmus säuberlich durch Ab-\nlesen von einem gedruckten Zeitungswisch zu ver-\ntuschen? Welche Wirkung kann sich in Wahrheit\nirgend ein gesund gewachsenes Gehirn von einem\nauf Druckpapier präparierten (und durch die Post\nversandfähigen) Entrüstungssturm versprechen?\nDiese wackere, gesetzlich geschützte Demonstration\noffenbart zu klar den tiefsten Grund dieses Hurrah-\nBvzantinismus von der Gegenpartei: Es ist def\nSchrei nach dem Zeitungspapier.\nPapst-Reklame\nDer Kölner Männergesangverein hat eine\nTtalienfahrt unternommen und meldete seinen Be-\nsuch, ganz und gar ohne eingeladen zu sein, beim\nPapst an. Der Papst hat den Besuch der Vereins-\nbrüder abgelehnt, und darüber ist der Verein in gro-\nßer Aufregung. Man stellt fest, daß doch auch Ka-\ntholiken Vereinsmitglieder seien, und man ruft das\nMitleid der ganzen Welt wach, indem man erzählt,\nwie viel Zuwendungen der Verein schon dem"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4542, "texte": "Vatikan gemächt habe — während man gleichzeitig\nauf vornehme Art die Drohung nur halb ausspricht,\ndiese Zuwendungen würden jetzt ihr Ende haben.\nEs ist schrecklich, in welche Aufregung die\n„sonderbare\" Affäre die ganze Tag-espresse stürzt.\nDa ruht ja kein Telegraphendraht! Es ist eine hoch-\npolitische Aktion. Denn, wie niemand auf den Ge-\ndanken kam, der Papst, bekanntlich ein sehr feiner\nMusiker, habe es nicht nötig, in seinem Hause so\netwas gräßlich Ordinäres und tief Antimusikali-\nsches wie einen Männergesangverein empfangen zu\nmüssen — so kam auch der entrüstete Kölner Män-\nnergesangverein gewiß nie auf den Gedanken, den\n„Empfang bei Sr. Heiligkeit dem Papst Pius X.!!!\"\nals ganz gewöhnliche Reklame zu verwenden. Nein.\nDas fortschrittliche Kneipzimmer\nEine Berliner Tageszeitung empfiehlt auch in\ndie Gemütlichkeit den modernen Fortschritt ein-\nzuführen :\n„Das Kneipzimmer. Es ist noch nicht sehr lange\nher, da war ein besonderer Weinkeller ein Luxus,\nden sich nur die Villen und Palais reichbegüterter\nFamilien leisteten. Im Laufe des letzten Menschen-\nalters (wenn man diesen etwas unbestimmten Zeit-\nraum auf die üblichen 30 Jahre rechnet) hat sich\naber die Lebensführung auch der bürgerlichen Kreise\nso gehoben, daß jede größere und bessere Wohnung\nauf diesen ebenso nützlichen wie angenehmen\nKellerraum Anspruch macht. Aber ein damit eng\nzusammenhängendes, besonders in Hamburger Häu-\nsern gepflegtes Buen Retiro hat sich bei uns, in der\nmärkischen Architektur, noch recht wenig einge-\nbürgert: es ist das urgemütliche, eigens zu diesem\nZweck geschaffene Kneipzimmer. Dieser köst-\nliche Raum findet seinen Platz am besten im Keller\nselbst, unweit des Flaschenlagers, oder doch im\nErdgeschoß; er ist dann mit dem Weinkeller sowohl\nwie mit den Familien- und Gesellschaftsräumen\ndurch je eine besondere Treppe verbunden. Seine\nAusführung und Ausstattung muß den feinen Takt\ndes Besitzers zeigen; das ganze darf nichts Ueber-\nladenes bieten, sondern muß eher etwas einfach-\nderbes, landsknechtsmäßiges haben, das etwa, was\nalte erfahrene Zecher als „saufsam und seßhaft\" be-\nzeichnen. Eine gewölbte Decke, am besten ein\nniedrig ansetzendes Kreuz- oder Tonnengewölbe,\ngehört zum Charakter. Dunkles Holzwerk, Täfe-\nlung und eisenbeschlagene Türen vermitteln die\nrechte Stimmung. Das Hauptmöbel ist natürlich\nder große Kneiptisch in der Mitte mit Holzstühlen.\nMit ihm hat sich die moderne Innendekoration schon\neingehend beschäftigt und die übliche, aber etwas\neintönige kreisförmige oder rechteckige Form durch\nVerwendung des Ovals und unregelmäßig verteilte\nAusbuchtungen für die Kneipanten abwechslungs-\nreicher gestaltet. Man kann auch eine Einrichtung\nnach Art der Bauernstuben wählen: in der Ecke\nneben dem Kachelofen eine Wandbank und ein in\ndie Ecke geschobener Tisch. Ein solider Kredenz-\nschrank birgt die Trinkgefäße aus Zinn und Glas;\nZinngeräte werden überhaupt vorteilhaft bei der\nAusstattung des Raumes eine große Rolle spielen.\nIm übrigen sei man mit dekorativen Elementen, vor\nallem Bildern und Sprüchen, sparsam — „es kann,\"\nwie ein feinsinniger Beurteiler betont, „vor einer\nUebertreibung dieses Schmuckes, wie es in fast\nallen „altdeutschen Kneipen\" zu rügen ist, nicht ge-\nnug gewarnt werden. Ebenso wenig wie im Speise-\nzimmer durch bedeutenden Bilderschmuck die Auf-\nmerksamkeit von den kulinarischen Genüssen ab-\ngelenkt werden darf, ebenso wenig soll auch im\nKneipzimmer der Blick durch Sprüche angezogen\nwerden, bei denen man nur die Wahl hat, daß sie\nentweder Gemeinplätze sind, oder der augenblick-\nlichen Stimmung Gewalt antun\". Das Fenster\nschließlich erhält natürlich Butzenscheiben, die hier\nwirklich einmal am Platz sind; neben ihm oder in\neiner Ecke, jedenfalls in geheimnisvolles Halbdunkel\ngehüllt, findet eine lustige „Wandapotheke\" ihre\nStätte, deren Likörschätze nicht zu knapp bemessen\nsein dürfen. So ausgestattet, dürfte das Kneip/im-\nmer sicherlich eine Bereicherung des modernen\nWohnungsbaues darstellen.\"\nIn einer Posse von Johann Nestroy (aus der\nnebenbei jener englische Schwank, der zur Zeit im\nNeuen Theater aufgeführt wird, ziemlich glatt ge-\nstohlen ist) versucht ein moderner Mensch, der in\ndie alte Ritterzeit versetzt wird, sich mit seiner Um-\ngebung durch die „Ritter\"-Worte: „baß, „stracks\"\nund „traun\" zu verständigen. O wie unrecht hatte\nNestroys Satire, wie unrecht hatte doch alle Puber-\ntäts-Entrüstung gegen die Butzenscheiben-Kon-\nserven! Denn siehe, herauf zieht die Modernität\neiner liberal wählenden mittelalterlichen Kunst mit\nDiaphanien für Junggesellen.\n\nProgreß"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c013", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "54", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.10", "titre_corps": "Der rote Sonntag", "titre_sommaire": "Der rote Sonntag", "signature_source": "Minimax", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.6", "debut_caractere": 4544, "fin_caractere_exclue": 6028, "texte": "Der rote Sonntag\nMinimax\nEcho der himmlischen Heerscharen\nDie himmlischen Heerscharen waren am\nSonntag erstaunt, als sie den „Vorwärts\" lasen und\nbald darauf tatsächlich massenhaft rote Versamm-\nlungen unter freiem Himmel sich abspielen sahen.\nBeim Anblick einer Berliner Festwiese aber brachen\nsie in helles Gelächter aus. Sie bemerkten nämlich\ndort ein kleines Hündchen, das sich hundemäßig an\neiner Pappel erging, und sie erkannten in ihm gleich\nden Geist des entschlafenen Liberalismus, welcher\nauch jetzt nicht den Mut zu einer menschenmäßigen\nInkarnation gefunden hatte, aber doch nicht fehlen\nwollte.\nDie gute Disziplin\nAls in Treptow um 723 Uhr die Abstimmung\nüber die verlesene Resolution erfolgte, erhoben alle\nbegeistert die Hände. An Tribüne I aber kletterte ein\nPhotograph auf den rotbehangenen Rednerwagen,\nund auf seinen Zuruf verharrte die Menge noch fast\neine Minute lang mit erhobenen Händen in Em-\npörung über das Dreiklassenwahlrecht. —\nUnter den Heiligen\nAls sich die Versammlungen zerstreuten, stand\nder heilige Antonius von Padua auf, ging in seinen\nPantoffeln hin und her, seufzend: „Sogar den\nluftigen Himmel verpesten sie jetzt mit ihren\nPhrasen. Und nichts um der Seele willen, und alles\num den Bauch.\" Da klopfte ihn der greise Fran-\nziskus auf die Schulter: „Beim heiligen Gehorsam,\nlaß das Jammern. Sie lieben den Himmel und die\nFreiheit, und sie haben den starren Mut und Hunger.\nEin einziger unter ihnen ist mir lieber als hundert\nDeiner „Gerechten\". —"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c014", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "54", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.11", "titre_corps": "Aus dem Lumpensack", "titre_sommaire": "Aus dem Lumpensack", "signature_source": "R. 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Bei seinen Beobach-\ntungen Berliner Schauspiellebens soll ein kleiner\nKritiker, ein wahrhaft klauender Siegfried, in\ndankenswerter Weise verunglückt sein. Er wid-\nmete in letzter Zeit auch der Darmperistaltik\nder Schauspieler seine Aufmerksamkeit und stu-\ndierte gespannt die Mimik der rückwärtsigen\nMuskulatur, analysierte die Flatus und Exkrete.\nEr soll aber dabei einer grossen Schauspielerin\nzu nahe gekommen sein, rasch erfasst und in\nunglaublich schneller Zeit zu Darmexkret assimi-\nliert — der demnach wohl als sein Urzustand an-\nzusprechen ist — zum Teil aber noch erkennbar\nausgestoßen sein. Der Arzt agnostiziert ihn als\nauf unrechtem Wege entleerte Mißgeburt (embryo\nfoecalis Jacobi). Man plant nunmehr in Schau-\nspielerkreisen, auch sein Blatt in größerem Um-\nfange zu solchen medizinischen und verwandten\nZwecken heranzuziehen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c015", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "54", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.12", "titre_corps": "Herr Lippowitz", "titre_sommaire": "Herr Lippowitz", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.6", "debut_caractere": 7465, "fin_caractere_exclue": 11985, "texte": "Herr Lippowitz\nDem Sturm ist das Glück widerfahren, daß\ner vom „Neuen Wiener Journal\" nicht bestohlen,\nsondern beschimpft wurde. Da uns aber die\nSchere des weit über die Grenzen Oesterreichs\nbekannten Diebsblattes noch immer mehr impo-\nniert als seine Feder, so wollen wir uns mit dieser\ngar nicht einlassen und uns ausschliesslich an\njene halten. Es ist die weitaus schneidigste Schere,\ndie man in der deutschen Publizistik jetzt hat.\nUngemein anerkennend hat sich einmal die „Frank-\nfurter Zeitung\" über sie geäußert:\nApachenjournalistik. Im ersten Morgen-\nblatt vom 8. März dieses Jahres brachten wir unter\ndem Titel „Eine Seelenleserin\" einen Artikel\nunserer Pariser Mitarbeiterin Anne Jules Case.\nAm 14. März erhielten wir von Frau Jules Case\nfolgenden Brief: „Der Zufall spielt mir einliegenden\nwiderrechtlichen Abdruck meines Artikels in die\nHände, ohne Quellenangabe, ohne meinen Namen\nzu nennen. Das ist doch unerhört! Wollen Sie\nmich wissen lassen, was ich zu tun habe, oder ob\ndie „Frankfurter Zeitung\" für mich eintritt. Das\nist ja geradezu Apachenjournalistik!\". Das Blatt,\ndas diesen widerrechtlichen Abdruck gebracht\nhatte, war das „Neue Wiener Journal\" (Heraus-\ngeber J. Lippowitz). Wir protestierten in einer\nZuschrift an diesen Herrn energisch gegen das\nunserer Mitarbeiterin zugefügte Unrecht und er-\nhielten zu unserem Erstaunen am 25. März von\nHerrn Lippowitz ein Antwortschreiben, das neben\neiner ausfälligen Bemerkung über den „unkollegi-\nalen\" Ton unserer Zuschrift folgende Stelle ent-\nhält: „Im vorliegenden Falle handelt es sich um\neine Arbeit unserer ständigen Pariser Korre-\nspondentin Anne Jules Case, welche uns den be-\ntreffenden Artikel „Die Seelenleserin\" selbst\nüberwiesen hat. Wir haben also allen Grund,\nuns darüber zu wundern, dass uns unsere Korre-\nspondentin einen Artikel, der ihr noch dazu\nals Originalartikel honoriert wird, anbietet, nach-\ndem diese Arbeit vorher in der „Frankfurter\nZeitung\" zum Abdruck gelangt ist.\" Nach dieser\n„Aufklärung\" hätte also Frau Case sich bei uns\nüber einen widerrechtlichen Nachdruck beschwert\nund unsere Hilfe gegen diese Art von Apachen-\njournalistik angerufen, gleichzeitig aber den frag-\nlichen Artikel zum Originalpreise dem „Neuen\nWiener Journal\" überwiesen. Einige Kenntnis\nunserer Pappenheimer hat uns vor einer verfrühten\nEntrüstung über Frau Case geschützt. Wir sandten\nder Dame' den Bief des Herrn J Lippowitz mit\nder Bitte um Rückäußerung ein und erhielten am\n30. März folgende Antwort: „Nein, das geht doch\nwirklich über aUe Erwartungen. Ich bin starr!\nDiese dreiste Lüge ist geradezu empörend!\nHier haben Sie meine feierliche Erklärung über\nden wahren Tatbestand der Es\nist mir gar nicht eingefallen, dem „Neuen Wiener\nJournal\" den für die „Frankfurter Zeitung\" als\nOriginalartikel eingesandten Beitrag „Eine Seelen-\nleserin\" anzubieten. Dergleichen „journalistische\"\nStreiche liegen mir fern und gehören nicht zu der\nSchule, aus der ich stamme. Als schlagender Be-\nweis aber für meine Korrek heit in dieser An-\ngelegenheit dient doch die Tatsache, daß ich selber\nIhre Aufmerksamkeit auf diese Angelegenheit lenkte.\"\nWir haben auch keinen Moment an der Korrektheit\nvon Frau Case gezweifelt, wohl aber war es uns\nvon vornherein klar, daß Herr Lippowitz mit seiner\nBehauptung verblüffen wollte, wohl unter der\nVorraussetzung, daß Frau Case als gelegentliche\nMitarbeiterin des „Neuen Wiener Journal\" nicht\nden Mut haben werde, ihre Ehre zu verteidigen\nund ihren „Brotgeber\" öffentlich zu überführen.\nHerr Lippowitz hat sich in dieser Annahme geirrt.\nWir übergeben den ganzen Akt der Oeffentlichkeit\nund erklären damit Herrn Lippowitz als für uns\nerledigt.\nViel peinlicher sind freilich jene seltenen\nFälle, in denen das Neue Wiener Journal sich\ndazu hinreißen läßt, einer anständigen Scheeren-\nleistung eine selbständige Meinung anzuschließen.\nEinen Nachdruck aus dem „Sturm\" würden wir\nschließlich hingehen lassen; wenn es sein muß,\nin Gottesnamen auch ohne Quellenangabe. Aber\nnur keine Originalansicht! Sonst muß der Herr\nLippowitz es sich gefallen lassen, daß man sie\nihm nachdruckt. Und durch die ganze deutsche\nPresse ist kürzlich die folgende Originalgemeinheit\ndes „Neuen Wiener Journals\" gegangen:\nDr. Sigwart Graf zu Eulenburg\nHelene Gräfin zu Eulenburg\ngeb. Staegemann\nVermählte\nLiebenberg • Den 21. September 1909 • Leipzig\nWir müssen gestehen, daß Fräulein Staege-\nmann ziemlich vorurteilslos und kouragiert ist,\nwenn sie es riskiert, in die etwas anrüchig ge-\nwordene Familie des Liebenbergers hineinzu-\nheiraten. 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Fischer, Diede-\nrichs u. a. zwecks Herausgabe\nkiinstlerisch ausgestatteter Klas-\nsiker begriindethaben,beginnen\njetzt die ersten Bande zu er-\nscheinen, vonGoethe dieWahl-\nverwandschaften und Kleinere\nErzahlungen sowie der Faust\nund Urfaust, von der Kleist-\nAusgabe die vier Bande der\nWerke, von der Heine-Aus-\ngabe die Gedichte und die Tra-\ngodien in zwei Banden. In der\nWeififraktur und in der gleich-\nfalls von dem beriihmten Buch-\nkiinstler E. R. Weifi besorgten\nGesamt-Ausstattung zeichnen\nsich die Ausgaben durch Ge-\ndiegenheit und Vollkommen-\nheit aus. Als Einzelausgaben\nprasentieren sich die Bande\nebenfalls sehr vorteilhaft. □\nJederßandkostet: Inmodernem\nenglischen Leinenband M 3.—.\nIn Halblederband im Stil der\nZeit M 3.75. 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Besatze B\n■ Kataloge, Muster und Auftrage liber 10 Mark postfrei a\n9 GEGRUNDET 1874 :: Teleg-r.-Adr. fiir beide Hauser: STOFFCORDS 9\n1 ■\nBBBiiHßßDSßßßllflflißlilflSßSlflßHißilß"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c023", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "55", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.7", "debut_caractere": 2846, "fin_caractere_exclue": 3291, "texte": "I\n1\nzur Zeit einzlges Mittel, binnen 10 Tagen eine blendend «\nreine rosige Haul zu erhalten. Im Gebrauch bei den ersten\nKreisen! Grosse Tube mit den 7 goldenen Schonheits-\ni poLaleto.82\" J. Neugarten, Essen=R. Lindenallee 82 I\nJ Rheingold\ni\nBBBBBBllllii HBBHliiiilli HiSilBBBllEiBBIsBBIlB^iiBBSlliliSl!\nFRANZ HOLZAMER BERLIN W 50\nNachodstr. 36-37 / Telephon Wilmersdorf 4070 / Bankkonto Deutsche Bank\nWerkstatt fur kunstlerische Innenausstattung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c024", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "55", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.2.21", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.7", "debut_caractere": 3293, "fin_caractere_exclue": 3825, "texte": "Akustik-Sprechmaschinen\no\nvon der einfachsten bis zur vornehmsten Ausstattung in kulanter und dunhaus\ndiskreter Bequeme Zahlweise, geringe Anzahlung,\nWeise : dill i CllZiCtlilUllJi Rest in wochentlichen oder Monatsraten\nProvisionsreiseiide nnd Vertreter gesucht ::\nI l Hoher Nebenverdienst I I\nfur Personen jeden Standes durch Vertrieb oder Nacnweis von Kaufern\nAkustik-Sprechmaschinenwerke Berlin W 66\nMauerstrasse 86—88 :: Fahrstuhl :: Tel.: I, 7497\nSpezialitat: Akuslophone. 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Familien-\nbedarf/Briefardtier,Wirtschaftsbiicher, Durch-\nschreibebucher/Albumsf.Postkarten,Zeitungs-\nausschnitte, Photographien/Anfertigung von\nVisiten-u.Einladungskarten.Familienanzeigen\n:: :: :: :: SPEZIALITAT: :: :: :: ::\nB\na\na\nB\na\na\na\na\nB\nB\n9\n8t\nB\na\nB\nB\n8\n»\nH\nB\na\na\nB\nB\ne\nB\nB\nBlocks in alien Grossen (Manu-\nskriptblocks in Quartformat)» Fiill-\nfederhalter fiir die Tasche ■ Tinten-\nstifte in verschiedenen Qualitaten u.\nPreislagen ■ Sicherheits - Fiillfedern\nStylographic Pens -Korrespondenz-,\nJournal-, Unterschrifts- und Manu-\nskriptmappen ■ Loschmappen und\nSchreibunterlagen ■ Gesamter\nSchreib- und Schreibtisch-Bedarf\nB\na\nIBSBBIBBBaBBaaSBSBBaaaBBBBEBBaBB"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-04-14-01-c033", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-04-14_01#c033", "volume": "bmtnabg_1910-04-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "56", "page_fin": "56", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Anzeigen-Annahme und\nGeschäftsstelle: Berlin W35, Potsdamerstr. 111 / Amt VI 3444\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark / Halbjahresbezug 2,50 Mark /\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nERSTER JAHRGANG\nBERLIN/DONNERSTAG/DEN 14. APRIL 1910/ WIEN\nNUMMER 7\n\nINHALT:\nELSE LASKER-SCHÜLER: Zur Kinder-\ntragödie in Kopenhagen / ROBERT SCHEU: Der Sozial-\nanwalt / ALFRED DÖBLIN: Gespräche mit Kalypso\nüber die Musik /JULES LAFORGUE: Gedichte/\nST EFAN TÖMÖRKENY: Der Kampf mit dem Soldaten/\nOSKAR BAUM: Fanatismus der Verachtung / DIE\nFACKEL / PROGRESS: Fortschritt/MINIMAX: Der\nrote Sonntag /R. R.: Aus dem Lumpensack /T R UST:\nHerr Lippowitz\n\nJohann Hansen und Ingeborg\nColdstrup\nZur Kindertragödie in Kopenhagen\nVon Else Lasker-Schüler\nIngeborg, seine kleine Königin ist tot — Johann\nHansen lebt noch; an seinem Bettchen sitzt eine\nbarmherzige Schwester und betet, daß der arme,\nverirrte Knabe bald genesen möge. Der Stations-\narzt hat ihm das Tor des Todes verriegelt, sein\nHerz, das Ingeborgs Namen trägt, kann nicht zu ihr\nins Himmelreich. Nun wird das Kinderspiel erst\neine Kindertragödie. Die Beiden wollten ja nur zum\nTod, weil der einen Himmel besitzt in dem sie sich\nvor allen Engeln ohne Furcht vor Strafe herzen\nkönnten. Nicht diese Heimlichkeiten der Freude,\nihre Gesichter schienen durch die Spalte der Türen\ndurch das Eisen der Tore. Immer bauten sie auf\nihren Händen gläserne Schlösser, darin sie sich\ntausendbunt spiegelten bis ans Ende der Welt, wo\nder Himmel anfängt. Dort wohnt der Tod.\nJohann Hansen hob Ingeborg mit seinen Knaben-\naimen die Treppe zum Einlaß des Todes empor.\nDer öffnete und ließ die kleine Königin ein, Johann\nstolperte rücklings ins Leben zurück. Diese beiden\nfeinen Kinder ergreifen meine Seele. Das Leben ließ\nsie aus der Haft, der Tod schmückte ihnen rosig sein\nTor. Ich möchte der Engel aus Andersens Märchen\nkäme und trüge den verwundeten Knaben zu Inge-\nborg ins Himmelreich. Wie bösmütig sind die\nMenschen, die immer helfen wollen ins Leben zu be-\nfördern. Es ist Nacht, überall blüht ein Stern. An der\nDecke im Krankensaal stehen viele Sterne, rot-\ngoldene, süßgelbe, wie Honig, und auch matt-\nfunkelnde Immortellen. Alle pflückt der kleine,\nheldenmütige Bräutigam für seine Braut, wenn er im\nHimmel mit ihr Hochzeit feiert. Auf einmal schlägt\ner die Augen auf: „Ingeborg, ich halte mein Wort!\"\nHast du es gehört, großer Engel aus Andersens\nMärchen? Oder soll er aufwachen aus seinem\nTraum des Himmels — und die Erde ist wieder da,\ndas Himmelreich verschwunden wie fortgezaubert\nund Ingeborg liegt im Grabe. Ein Keller wird dann\ndie Welt sein, kahl, viel kahler wie seines Hauses\nKeller. Alt ist er, wenn er aufwacht, jung, wenn\nseine Augen sich schließen. Was bietet das Leben?\nNicht das Kind braucht den Eltern dankbar sein;\nwie können die Eltern aber das Nichtgeborensein\ndem Kinde ersetzen!!? Solch zwei Kindern vor\nallen Dingen, zwei Engel, die nicht auf die wankel-\nmütige Erde gehören. Flügel wuchsen ihnen; die\nPistole, die sich der Knabe vom Erlös seiner Geige\nkaufte, war Vortäuschung. Denn es geschah hier\nein Todes wunder. Nicht mehr wäre ich überrascht\ngewesen, wenn dieselben Kinder anstatt für ewig\nzu schlummern, auferstanden wären aus einem\nGrabe. Wie will der Lazarus, der den Knaben auf-\nerweckt, ihm ein Himmelreich ersetzen? Es werden\nkeine Landeserholungsheime die „festgestellte\" Neu-\nrose (Edelneurose) fortkurieren. Aber ich denke an\nSelma Lagerlöf die herrliche Menschin, an Karin\nMichaelis das liebe große Kind, sie könnten dem\nKnaben den himmelblauen Verlust ersetzen. Sie\ntragen die Bilder des Himmels in ihren Dichterinnen-\nherzen — halten sie zwischen ihren Händen. Ich\nbin keineswegs sentimental, ich bin traurig. Man\nvergleiche nur nicht die unaufgeblühte Liebe dieser\nEngel mit den Tändeleien koketter Schulmädchen\nund greisenhafter Zwerge auf den Spazierwegen am\nSonntagmittage. Diese beiden Kinder ergreifen\nmeine Seele, ihre Lippen sind Himmelsschlüsselchen.\n\nDer Sozialanwalt\nVon Robert Scheu\nTolstois der Wissenschaft zugeschleudertes\nHohnwort, daß sie auf alle wirklich das Herz be-\nwegenden Fragen die Antwort schuldig bleibe, hat\nwohl keinen Ewigkeitswert, aber es trifft viel-\nleicht zu, wenn man damit den genügsamen\nBetrieb geißelt, der an den Pforten aller großen\nProbleme stehen bleibt. Am aufreizendsten\nwirkt diese Lebensfremdheit bei den Hilfs-\nwissenschaften der Staatskunst, weil deren ganze\nRechtfertigung auf ihrer Umsetzbarkeit in Tat, ihrer\nVerwertbarkeit beruht. So entspringt eine\ngewisse geheime Abneigung gegen die Juristerei\ndem Bewußtsein, daß alle Kenntnis und feinste Aus-\ngestaltung der Rechtsbegriffe nicht über die tiefe\nErniedrigung trösten kann, der das Recht im wirk-\nlichen Leben unterliegt. Es fordert den Wider-\nwillen heraus, zu sehen, wie sich die Professoren\nin der Verfeinerung und Verästelung der Theorie\nnicht genug tun können, indes die Rechtsdurch-\nsetzung eine Chimäre bleibt. Man müßte meinen,\ndaß es gar keinen Reiz besitzen könne, das Recht\ntheoretisch auszugestalten, solange die Kunst noch\nnicht erfunden ist, den Menschen zu ihrem Rechte\nzu verhelfen.\nDie Abneigung richtet sich also nicht gegen die\nWissenschaft, sondern gegen die Richtung, die der\ngeistigen Arbeit gegeben wird, gegen das Ver-\nsäumen des Dringenden, das alle Kräfte auf sich\nlenken müßte. Qegen diese Forderung wird freilich\neingewendet, daß dies Sache der Verwaltung sei\nund die Wissenschaft nichts angehe. Aber es wäre\nerst zu untersuchen, ob die mangelhafte Rechts-\ndurchsetzung nicht der materiellen Rechtsordnung\nzur Last fällt, insofern diese von einem geträumten\nZustand ausgeht und deshalb eine lebendige Hand-\nhabung nicht gestattet. Mit diesem Verdacht also\nhätte sich die Wissenschaft auseinanderzusetzen.\nDas Recht hat ein dreifaches Antlitz. Die\nSatzung ist wirkliches Recht unter gleich Starken.\nSie ist ein Werkzeug der Tyrannei in der Hand des\nStarken gegen den Schwachen; Maske der Macht,\nwie Ihering sagte. Sie ist drittens ein Irrlicht, eine\nIllusion, wenn sichs der Schwache einfallen läßt,\nsich ihrer gegen den Starken zu bedienen. Unter\ngleich Starken ist das Recht ein wertvolles Instru-\nment der Verständigung, ein vorausbestimmter\nVertragstext. Es ist eine schreckliche Waffe in der\nHand des ohnehin Mächtigen und ein Popanz in der\nHand des Unterdrückten. In der Mitte liegt wohl\ndas Recht, aber rechts und links ragen zwei Felsen,\nan denen es zerschellt: Rechtshohn und Rechts-\nmißbrauch.\nRechtshohn und Rechtsmißbrauch sind die\nbeiden Pole, zwischen denen das Recht oscilliert.\nIch habe dich zu Boden geschmettert und be-\nsiegt. IchJkniee auf deiner Brust, du bist in meiner\nGewalt. Dieser Zustand ist auch mir, dem Sieger,\nauf die Dauer unbehaglich ... Ich gestatte dir,\ndich unter gewissen Bedingungen zu erheben, damit\nich von meinem Siege ausruhen kann und nicht so\nbald eine Umwälzung der Situation zu befürchten\nhabe. Das ist die eine Grundform des Rechts. Wir\nhaben wiederholt miteinander gerungen mit\nwechselndem Glück, mit einem unverhältnis-\nmäßigen Aufwand von Kraft. Wir beschließen\ndaher, uns zu einigen; wir kleiden unsere Interessen\nin Satzungen. Das ist die andere Grundform des\nRechts.\nDie wissenschaftliche Jurisprudenz befaßt sich\nmit dieser Form allein. Sie blickt über die Klassen-\nunterschiede hinweg, unbekümmert darum, was\ndiese aus ihren heiligen Regeln machen, oder sie\nüberläßt die Ordnung dieser Widersprüche der\nSozialpolitik und der Staatskunst. Die Jurisprudenz\ngleicht einer Mutter, die ein Kind in die Welt setzt\naber für die Erhaltung des Kindes nichts fürderhin\ntun will, es dem Zufall oder der Mildtätigkeit\nanderer überliefert. Sie ist eine Erzstiefmutter\nihres Kindes.\nIndem sie es verschmäht, dem eigentlichen Pro-\nblem näherzutreten, offenbart sie auch ihre Gleich-\ngiltigkeit gegen das Klassenschicksal, sie abstrahiert\ndavon, sie verleugnet es, und wird dadurch sogar\neinfältig. Die Einfalt liegt darin, daß sie verkennt,\nwie auch innerhalb einer Klasse ihre Absichten nicht\nzum Durchbruch kommen, weil der Zustand der\nStärke und Schwäche auch unter Ebenbürtigen zu-\nfallsweise wechselt und der Rechtsmißbraucher wie\nder Rechtsverhöhner häufig solche Individuen sind,\ndie nur eine Augenblickschance in die Position des\nStärkeren rückt. So schützt die Rechtsordnung\nz. B. den Wucherer auch dann, wenn er zufällig\ngerade jener Gesellschaftsklasse angehört, die\ngrundsätzlich unterdrückt werden möchte.\nRechtsmißbrauch ist die Ausbeutung eines\nRechtes zu Zwecken, die außerhalb der Absichten\nder Rechtsordnung liegen und der Sittlichkeit\nwidersprechen. Der Typus dafür ist der Wucher.\nAber jede wie immer geartete Position kann\nwucherisch ausgenützt werden, der Wucher ist\nnicht allein auf das Verhältnis Arm und Reich be-\nschränkt, sondern jedes auch vorübergehende Ab-\nhängigkeitsverhältnis, jede Monopolstellung kann\nAusgangspunkt eines wucherischen Angriffs"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.2", "texte": "werden. Wenn die Rechtsordnung dem Wucher\nnicht beikommt, so rächt sich darin ihre Kurz-\nsichtigkeit: daß sie es gar nicht für ihre Aufgabe\nhalten will, der ökonomischen Unterlage ihrer Ge-\nbilde auf den Grund zu gehen. Erst durch die Ein-\nbeziehung dieser Materie in die Zivilrecfitsordnung,\ndurch die Nichtigerklärung wucherischer An-\nsprüche, beziehungsweise gewisser Verpflichtungen,\nalso durch Umwandlung sozialpolitischer Forde-\nrungen in materielles Recht wird der Seuche\nernstlich an den Leib gerückt.\nWie steht es aber mit dem Rechtshohn? Unter\nRechtshohn, iniuria, ist zu verstehen das einfache\nIgnorieren des Rechts aus Uebermut und Bosheit,\nrechtsfeindlicher Gesinnung, die aus der Sicherheit\nentspringt, daß der Gegner sein Recht nicht ver-\nfolgen kann. Ihm steht die Rechtsvernachlässigung\nnahe, die gleichsam eine chronische Erkrankung\ndes Rechtsbewußtseins darstellt und einem peren-\nnierenden Selbstmord nicht unähnlich ist. Die Ver-\nfolgung eines Rechts kann ebenso durch ökono-\nmische Schwäche und Verzweiflung an der Justiz,\nals auch durch eine zufälige Konstellation gestört\nsein. Etwa dadurch, daß irgend ein Rechts-\ngeschäft nicht genügend gesichert wurde.\nNehmen wir zum Beispiel an, jemand ver-\npflichte sich, etwas zu leisten, und empfange dafür\ndas Versprechen der anderen Partei, daß sie in\neinem spätem Zeitpunkt eine Handlung setzen\nwerde, die nur an diesem einen Tage einen Wert\nhat. Jener Teil leistet das Seine und erwartet die\nGegenleistung. Der andere Teil läßt nun den\nTermin herankommen und versäumt böswillig die\nLeistung. Die Leistung kann nicht mehr eingeklagt\nwerden, da der entscheidende Tag vorüber ist, und\nwenn aus Vertrauen auf die Anständigkeit keine\nKonventionalstrafe festgesetzt wurde, so kann kein\nGerichtshof der Erde Genugtuung schaffen. Es liegt\ndann unsühnbarer Rechtshohn vor, der ohne Ver-\nschiedenheit der ökonomischen Lage durch eine\nbrutal ausgenützte Konstellation möglich war.\nIn der Regel aber sind die wirtschaftlich\nSchwachen das Opfer permanenten Rechtshohns\nund ihrer eigenen Rechtsvernachläsigung. Der\nArme darf es gar nicht wagen, sein Recht geltend zu\nmachen, weil sein Kontrahent in der Regel sein\nBrotherr ist.\nDem Rechtshohn ist noch schwerer beizu-\nkommen als dem Rechtsmißbrauch. Dieser springt\ndeutlich in die Augen, wird sichtbar; er hat die Er-\nfindungskraft der Sozialpolitiker gereizt. Der\nWucher hat immerhin die Aufmerksamkeit auf sich\ngezogen. Aber der schweigende Rechtsverzicht —\ndie Ausbeutung, das stumme Einverständnis des\nOpfers, das den Monopolherrn nicht reizen darf\nund bedingungslos in seiner Gewalt bleibt — wird\nkaum entdeckt, geschweige denn gesühnt.\nWäre es nicht Aufgabe der Jurisprudenz, sich\nmit dieser am Volksmark zehrenden Krankheit zu\nbefassen? Auch hier wieder drängt sich die Frage\nauf, ob das Laster des Rechtsverzichts nicht die\nFolge einer grobmaschigen, undurchdachten mate-\nriellen Rechtsordnung, ob nicht das Zivilrecht unzu-\nreichend sei.\nDas vollendete und wahrhaft erhabene Zivil-\nrecht wird jenes sein, das die Rechtsverfolgung, die\nRechtsdurchsetzung in seinen materiellen Inhalt\naufgesogen hat, das die Ungleichheit aus sich selbst\nheraus balanziert, den Prozeß, bevor es dazu\nkommt, zu gunsten der wahren Gerechtigkeit ent-\nscheidet. Bis zu jenem Zeitpunkt, wo diese Auf-\ngabe erkannt ist, und bis zu jenem ferneren Zeit-\npunkt, wo sie gelöst sein wird, muß durch Errich-\ntung neuer Institutionen, die das Unrecht wenig-\nstens einigermaßen korrigieren, Ersatz geschaffen\nwerden.\nDem Wucher suchen das Strafgesetz und der\nStaatsanwalt beizukommen. Dem Rechtshohn tritt\nbislang keine Institution entgegen. Hier bedarf es\neiner Neuschöpfung. Die Repression muß durch\neine geregelte systematische Intervention ergänzt\nwerden. Wird der Rechtsmißbrauch vom Staats-\nanwalt verfolgt, so muß der Rechtshohn, die Rechts-\nvernachlässigung vom Sozialanwalt aufgegriffen\nund zurückgewiesen werden. Notwendig ist das\nspontane Einschreiten der die Gesellschaft ver-\ntretenden Gewalt, die das auf dem Boden liegen-\ngelassene Recht ohne Rücksicht auf die Zustim-\nmung des Verletzten aufnimmt und von amtswegen\nverfolgt. Die Gesellschaft wird einst erkennen, daß\nes nicht in ihrem Interesse liegt, wenn auf ihre ge-\nsatzten Rechte verzichtet wird. Der Sozialanwalt\nhat überall einzuschreiten, wo Rechte geknickt\nwerden, wo krasse Ausbeutung und Menschen-\nschändung durch privatrechtliche Gewalt geübt\nwird, gegen die der Verletzte sich nicht verteidigen\nkann. Der Sozialgerichtshof hätte dann auszu-\nsprechen, daß eine unsittliche Rechtsverhöhnung,\ndiffamierende Ausbeutung oder gesellschafts-\nfeindliche Ausnützung eines Monopols vorliegt.\nDaß der moderne Wohlfahrtsstaat, der seinen\nArm dem Begüterten leiht und ihm seine Allgewalt\nselbst dort zur Verfügung stellt, wo er zähne-\nknirschend das Widerliche der Ansprüche durch-\nschaut, daß dieser Wohlfahrtsstaat eigentlich eine\nsolche ergänzende Macht braucht, ist einleuchtend.\nUnd wenn wir unseren Blick durch die Zeiten\nschweifen lassen, so finden wir, daß es bereits\nStaatswesen gegeben hat, die für die positiven sitt-\nlichen Pflichten der Bürger ihr eigenes Er-\nmunterungsorgan besaßen, nämlich die antiken\nStaaten mit ihrer Zensur, deren Wiederaufleben im\nZeitalter der ökonomischen Notzucht ganz außer-\nordentlich segensreich wäre. Vielleicht könnte eine\nnach großen Gesichtspunkten gebildete Wohlfahrts-\nbehörde dann so viel Material und Einsicht vorbe-\nreiten, daß jene höhere Rechtslehre, von der wir\nträumen, zu jenem erhabenen Zivilrecht den Weg\nfände, in dessen materiellem Inhalt alle Unzuläng-\nlichkeit und Lüge aufgelöst ist.\n\nGespräche mit Kalypso\nDrittes Gespräch: Auf purpurnen Decken / Von\nder Frage der Musik\nUeber die Musik\nVon Alfred Döblin\n(Die Grotte der Kalypso. Ein bläuliches Schim-\nmern und Aufleuchten. Der Boden feine Stein-\nmosaik. Dicht am hohen, aber sehr engen Eingang\nein brennender Altar. In einer seitlichen Vertiefung\nder Grotte zwei Ruhelager, purpurbedeckt; davor\nein niedriger Tisch. Neben dem Altar Hörner,\nFlöten, Trommeln, Lauten. Vor ihm betet\nKalypso, die Hehre der Göttinnen, in den\nSchnee der Priesterin gehüllt, mit breiter\nStirnspange und Gehängen, verbrennt mur-\nmelnd Fleisch, betrachtet die Eingeweide. Weiß-\nbekleidete Vogelfrauen bedienen sie. Nun geht Ka-\nlypso langsam zur Nische hinüber, an das Lager,\ngegenüber dem des Musikers. Ihn umhüllt eine\nschwere, altgriechische Tracht, schwarzblau und\nohne Schmuck. Sie ruhen stumm gegenüber.)\nKalypso:\nDu sagst, Du seiest Musiker. Erzähl mir von der\nMusik.\nMusiker:\nWir feierten ein heiteres bräutliches Spiel auf un-\nserem Schiff. In meiner Trunkenheit nannte ich\nmich Odysseus, der nach Kalypsos Gestaden fort-\nverlangte, wollte den reichsten Kranz von ihren\nHänden. O unsrer Lustfahrt, unsrer Wehfahrt!\nIch hasse Dich, daß Du mich nicht verstehst. Wir\nhaben nichts gemein. Sieh, dies muß ich dulden,\ndaß viele Dinge Herr über mich sind, aber daß Dir\nmeine Seele verfallen will —\nKalypso:\n(Gleichgiltig.) Du wolltest von Musik sprechen.\nMusiker:\nIch verachte sie. Es gibt viele Arten des Todes wie\ndes Sterbens. Aber daß Du, auf der der starrste\nTod liegt —\nKalypso:\n(Klatscht in die Hände.) Feuer schüren!\nMusiker:\n(Beißt sich auf die Lippe.) Mißversteh' mich nicht,\nKalypso.\nKalypso:\n(Lächelt.) Ich verstehe Dich. (Pause.)\nMusiker:\n— Du wolltest von der Musik hören.\nKalypso:\nOft wollen wir von ihr sprechen. Du sollst mir\nalles von ihr sagen, was Du weißt. —\nMusiker:\n—Es spricht sich schwer von ihr. Sie ist, fast\nscheint mir, eine Brücke zwischen Sein und Nicht-\nsein. — Sie ist auch mehr etwas Unnennbares, Un-\nwirkliches, als irgend etwas anderes Wirkliches.\nEs läßt sich schwer begreifen, wenn man einen\nStein, einen Baumstamm, einen Tierleib sieht, was\nsein Leben ist — wie dies lebt, was bewirkt, daß\nes lebt, die Augen öffnet, wächst. An der Musik\nbegreift man es vielleicht. Das formlos Regsame,\ndas Unsichtbare, Durchsichtige, Blasse ist — sie\nselbst.\nWirklicher, wirksamer ist sie, als etwas Wirk-\nliches. Ein Mensch kann schlafen, erstarren, ster-\nben; sie schwimmt dahin, unablässig, wird nim-\nmer etwas als schäumen, schimmern, glimmern.\nSie zeigt, was Unsterblichkeit ist. — Willst Du\nmir gefällig sein?\nKalypso:\nNein.\nMusiker:\nLaß Deine Flötenbläser kommen.\nKalypso:\n— Wenn mein Lehrer mir grollt, fahre ich fort.\nMusiker:\nIch aber will Dich fragen: Was lockt Dich zur\nMusik? Lockt Dich etwas zu ihr?\nKalypso:\nSieh, ich denke gern an Musik. Wir sind hier ein-\nsam, „wir\", „der starrste Tod\". Und es ist, wie\nDu sagst. Sie ist mehr wirklich, als irgend etwas\nWirkliches. Ich kann an einer Bildsäule vorüber-\ngehen, eine farbige Wand nicht beachten; aber die\nMusik ist aufdringlicher, sie verlangt mich, sie\nwill. Sie faßt mich bei den Händen und wühlt sich\nin mein Haar ein. Das Gehör muß ein geselligerer\nSinn sein, als das Gesicht; kürzer mag der Weg\nzur Seele sein durch das Ohr, als durch das Auge.\nUnd so macht Stille die Einsamkeit einsamer als\nLeere. Wo Musik ist, erfüllt sie die Gegenwart,\ndaß ein lachendes Bild zur blöden Grimasse wird\nvor einem Trauergesang; sie kann alles zur Lüge\nmachen und zaubert wahrhaft, daß ich Eifersucht\nfühle. Sie verdunkelt jede Landschaft, verteilt\nGewitter, ist Herrin über Sonne, Mond und Ge-\nstirne. Und eine fürstliche Kunst ist sie. Ich muß\ndie Schweigsamkeit lieben, aber wenn es mich\nnach einer Stimme verlangt, zu wem soll ich\nsprechen, wer soll zu mir sprechen?\nIch lasse die Menschen nur in der Musik an mich\nherankommen. Sie redet in großem, feierlichen\nTon von ihnen, ohne Umschweif, sachlich, streng\nüberlegen, ohne Wort für das Bestimmte, Klein-\nliche, Peinliche. Ein vielsagendes Mienenspiel geht\nüber ihr Gesicht.\nMusiker:\n(Schweigt.) — — Ich bitte Dich um Verzeihung,\nwenn ich Dich im Stillen unterschätzte.\nKalypso:\n(Lacht.) Ihr betet zu einem Gott, einem einzigen,\nIhr Sparsamen, der die Kraft besessen hätte, glaubt\nIhr, die ganze Unermeßlichkeit der Welt zu schaf-\nfen, die doch von Urbeginn war und keines Schöp-\nfers bedurfte. Nun, was sich Euer Meistergott am\nköstlichen Vorabend des ersten Schöpfungstages\ndachte — der dunkle Plan der Schöpfung — das\nBrüten über dem Riesenei — mag wohl von Art\nder Musik gewesen sein —.\nMusiker:\nDu redest so fein. — Aber Du redest in Bildern,\nKalypso. (Kalypso sieht ihn an.) — Ich sage, dies\nist eine rätselvolle Kunst und ein Land, dessen\nSchluchten und Pfade keiner kennt, mag er auch\nwochenlang vom Morgen bis zum Abend drin ge-\nwandert sein.\nKalypso:\nWir wandern viel, aber immer führt uns ein Weg\nund immer der Weg.\nMusiker:\nDoch träumen wir zuviel, wir lassen unsern Geist\nin Bildern sprechen. — Wie ist dies möglich, wie ist\ndie Musik gleichsam wirklichkeitsschwanger, wie\nkann sie gleichsam sprechen, die keines Wortes\nmächtig ist? Töne gehen hin und her. Wie saugt\nsie sich schwellend voll mit Leben, daß sie als Vor-\nform der Welt erscheint und als Mutter und zeu-\ngender Gott? Dieses „Gleichsam\" ist eine Schlucht,\nin die ich oft gestiegen bin.\nKalypso:\nSetz Dich zu mir. — Sollen meine Flöten blasen?\nMusiker:\nBitte. — Ich frage nicht ins Leere hinein. Die\nMusik ist wohl die freieste aller Künste. In jeder\nKunst wachsen Pflanzen, die nicht in der Erde wur-\nzeln, schlagen Kobolde, die keine Mutter gebar,\neinen Purzelbaum. Wirres Fabeltier waltet da,\nverschlungene Begebenheiten, die dämonisch durch\ngeballte Nebel fratzen. Man nennt die Herrichter\nsolcher Werke Phantasten und schilt sie, daß sie\nsündigen Umgang mit Wolken trieben. Gibt es ein"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.3", "texte": "Tier, das so wirr gestaltet, ohne Gleichnis wäre,\nwie ein Lied? Ist ein Phantast so phantastisch\nwie ein Musiker? Seine Arbeit spottet der Wirk-\nlichkeit und ihres Reichtums. Du kennst die\nFreunde der Weisheit, die Herrlichen, die Dein\nLand einmal trug. Einer unter ihnen nannte die\nNachahmung die nährende Erde der Kunst. Viele\ndachten seine Gedanken nach. Die Kunst sollte\ndie Natur nicht treffen, sondern übertreffen. Allen\nirdischen Dingen sollte im Künstler eine zweite\nHebeamme erstehen. Er sollte ihr Wesen, ihr\nhalb von der Umwelt erdrücktes Wesen ans Licht\nheben.\nKalypso:\nIch bin nicht stolz auf sie, meine allzuklugen Lan-\ndesleute, die naseweisen. Sie hielten unsere Erde\nfür ein Krüppelhaus. Nichts auf Erden verirrt und\nverfehlt sich, denk ich. Die Trauer, die Armut,\ndie Schwäche täuscht sich damit.\nMusiker:\nNun möchte ich Deine anmaßlichen Weltweisen\nfragen, — sie wissen auf vieles eine Antwort, zum\nwenigsten ein Wort und können auch Hohn ertra-\ngen —: Welcher Natur spielt Musik, die gleich-\nnislose, beispiellose, die hilfreiche Freundin in den\nGeburtswehen? Ist Musik dann noch Kunst in\nihrem Sinn und nicht vielmehr weniger oder ganz\nanderes als Kunst? Die Musiker haben sich stolz\ndie Werkzeuge selbst gerichtet; eigenherrlich wan-\ndeln die Töne ab. Nun stimmt die Musik mit nichts\nüberein.\nWoher, wenn sie prahlend über die Wirklichkeit\nhaust, nimmt die Musik den Sinn und bleibt nicht,\nwas sie ist, ein krankes Auf und Ab? Sie saugt\nsich schwellend voll mit Leben? Was macht sie\nzu diesem Gleichsam fähig? Oder ist das Gleich-\nsam geträumt? Und doch will, wie Du fühlst, die-\nses Wirrste des Wirren einen Hellblick in die Welt\nund unter ihren Boden tun, begreifender als die\nSprache, gebärdet sich gar als Auftakt der Schöp-\nfung.\nNun siehst Du, Kalvso, die beiden Punkte, die ich\nmale. — .... --\nKalypso: , /\nFast auch die Linie zwischen ihnen.\n\nJules Laforgue / Gedichte\nDeutsch von Max Brod\n\nBeklagung: der Pianos\ndie man in den wohlhabenden Stadtvierteln hört\nNun leitet die von Wissenschaft genährte Seele, ihr\nPianos, o Pianos, in das reiche Stadtquartier!\nDer Abend sinkt. Und dies Spazieren ohne Paletot\nSchmeichelt den Klagen meiner unverstandnen\nNerven so.\nDie Mädchen, wovon träumen sie\nZu ihrer faden Melodie?\n— „Mein Heiland ach\nIm Schlafgemach!\nDu gehst weg und läßt uns da,\nLäßt uns da und gehst vom Haus\nUnd wir flechten unser Haar,\nSticken ewig Deckchen aus.\"\nFesch oder träumend? Traurig oder klug? Noch un-\nentstellt?\nO Tage, mir ist alles gleich? oder, ich will die Welt?\nJungfrau noch oder wohlbewußt, daß auch der\nreinste Mann\nSein Liebeslied in feiste Zoten münden lassen kann?\nMein Himmel, wovon träumen sie?\nVom Bett, von Rolandspoesie?\n— „Herz im Verließ,\nO Zeit, verfließ!\nDu gehst weg und läßt uns da,\nLäßt uns da und gehst davon!\nChor der Bräute, Klosterschar,\nDer die kleinen Brüstlein lohn.\"\nSchlüssel des Daseins, eines schönen Tags ist alles\noffen;\nErblicher Gährungsstoff, bei allen pünktlich einge-\ntroffen,\nIm wilden Tanzfest unsrer sonderbaren Gassen;\nAh! Pensionate, Zeitungsblätter, Bühnen, Bücher-\nmassen!\nAde, furchtlose Melodie,\nBös ist die Welt und schmeichelt nie.\n— „Der Vorhang auf,\nNun nimmt's den Lauf?\nDu gehst weg und läßt uns da,\nLäßt uns da und gehst uns fort\nUnd den frischen Rosen nah\nIst der Herbst! O komm, sofort . .\nGeduld, er kommt! Ihr werdet alle, kranke Herzen\ndroben\nUnd gleichfalls ihr, die wohlerzogen-stillen, euch\nverloben,\nUnd Gram, die bodenlose Vase, wird im Kopf euch\nsitzen\nUnd stetig ein Gewirr, beflaggt mit Ehrbarkeit und\nSpitzen.\nUnsinn, wahrscheinlich sticken sie\nSchuhe für Tante Melanie.\n— „Uns fehlt die Ruh!\nO wüßtest Du!\nDu gehst weg und läßt uns da,\nLäßt uns da und gehst so weit,\nDoch du kommst geschwind, nicht wahr?\nHeilst mein Weh zur rechten Zeit.\"\nJa, das ist wahr! Sie alle schweifen nach dem Ideal;\nAuch hier im reichen Stadtquartier blüht der\nBoheme Qual.\nDoch kommt das Leben; und der lebensfrischen\nTropfen Glut\nIst bald getauft, wie sich's gehört, von tüchtger\nRegenflut.\nUnd bald genug geraten sie\nIn die exakte Melodie.\n— „Zu Haus war's nett!\nAllein im Bett!\nDu gehst weg und läßt uns da,\nLäßt uns da und gehst im Spott.\nWär ich doch vor dem Altar\nUmgesunken, lieber Gott!\"\n\nO, käme eine ...\nOh! käme eine, ganz von selbst an einem schönen\nTag,\nDie nur an meinen Lippen trinken oder sterben\nmag! . . .\nOh, Taufen!\nOh! Taufen meiner Art, zu sein!\nWenn eine dieses „Ich bin dein!\"\nMir sagte\nUnd an mein Fenster her im Laufen\nDurch Menschen und durch Götterhaufen ,\nSich mit gesenkten Augen wagte!\nO käme sie, oh wie der Blitzstrahl zum Magnet,\nUnd unter meinem Himmel, der im Sturm zergeht,\nUnd dann die reinigende Wolkenbrüchen durch die\nNacht\nUnd Regenniederplätschern und des Morgens\nPracht!\n0 käme sie, gesenkt des Blickes Helle,\nUnd stäubte ihre Schuhe an der Schwelle\nUnsrer Kapelle,\nO seht, des Mitleids Priester ihr, —\nUnd sagte mir:\n„Für mich bist du nicht wie die andern Leute,\nDas sind so Herrn, dich brachten Engel heute.\nVor deinem Mund senk ich den Blick\nUnd deine Haltung hält mir mein Geschick\nUnd ich entdecke meines Herzens Schätze!\nUnd weiß, dies macht mein Schicksal aus,\n(O ich bin hier bei dir schon wie zu Haus!)\nUnd weiß, ich muß dir folgen, bis Du mir zum Schluß\nErlaubst zu sagen, daß ich dich anbeten muß.\nNur dieses Sinnen hegend bleib ich eingehegt\nIn Zärtlichkeiten meines Herzens, das nur schlägt\nUm dir zu sagen, daß ich nachts mit nassen Wangen\nDasitze, daß die Schwestern für mein Leben bangen,\nDaß ich im Winkel weine, nichts mir lustig scheint;\nOh, Sonntag hab ich in der Kirche so geweint!\nDu fragst, warum nur Du es bist, ein andrer nicht.\nAch, laß nur, eben du bists und ein andrer nicht.\nUnd dessen bin ich so gewiß wie meiner Nichtigkeit\nUnd deines sterblichen Gesichts, zu jedem Spott\nbereit.\"\nSo käme Sie, entflohn habtot, mit irrem Rufe\nUnd fiele auf die Matte, die zu dem Behufe\nVor meiner Türe liegt. So käme sie, wie toll\nDen Blick, mit dem sie mir für immer folgen soll.\n\nMondschein\nDaß ich immer nur auf der Erde steh,\nTut mir manchmal wie ein Rippenstoß weh.\nAh! alles für dich, Mond, wenn sich still\nDein Augustnachtzauber zeigen will!\nEntmastet rollst du, behäbig durch Meer\nUnd schwarze Brandung der Wolken her!\nO steigen, verloren an deinem Becken\nBeglückender Taufen mich niederstrecken!\nDu blinder Stern, Leuchtturm, den Scharen\nKlagender Ikarusse gewahren!\nWie Selbstmord unfruchtbares Augentor,\nWir sind der Kongreß der Schwachen, sitz vor;\nEisschädel, verspotte die Kahlköpfigkeit\nUnserer heillos büreaukratischen Zeit;\nEndgiltiger Lethargien Pille,\nO unsre harten Gehirne stille!\nDiana im dorischesten Gewand,\nDie Liebe kühlt aus, nimm den Bogen zur Hand\nUnd impfe uns mit deinem Pfeil\nDen guten Willen ins Herz, das Heil!\nGestirn, von Sündfluten reingemacht,\nO könnt ich in meinem Bett heute Nacht\nKeusch einen deiner Strahlen erhaschen,\nIch will mir die Hände vom Leben waschen!\nAus dem Buch: Jules Laforgue: Pierrot, der Spassvogel\nDeutsch von Franz Blei und Max Brod/Verlag Axe! Juncker-Berlin\n\nDer Kampf mit dem Soldaten\nVon Stefan Tömörkény\nJänos war aus mehreren Gründen vom Gehöft\nin die Stadt gekommen. Erstens interessierten ihn\ndie Marktpreise, dann hatte er auch ein paar Klei-\nnigkeiten einzukaufen. Er brauchte nämlich einen\nRing, den er dem Ferkel durch die Nase ziehen\nwollte, dann einen Ring für die Pendeluhr — von\ndort stehlen ihn die Kinder immer wieder herab —,\nund endlich wollte er auch Steuer zahlen.\nDieses besorgte er zuerst, und bereichert ver-\nläßt er eben das Steueramt. Er hatte nämlich zu\nHause beschlossen, zehn Gulden zu bezahlen, in\nWirklichkeit aber nur fünf gezahlt. So fühlte er\nsich jetzt finanziell bereichert, was immer ein sehr\nvergnügter Zustand ist. Nun konnte er also nach\nden Ringen sehen. Bald fand er zwei sehr schöne.\nDer eine paßte gerade für die Uhr, der andere\nschien ihm für die Nase des Ferkels ein wenig groß\n— aber schließlich wächst ja das Ferkel und die\nNase wächst mit. Damit wäre er jetzt ganz fertig und\nkönnte wieder heimwärts, als ihm einfällt, seinem\nBuben ein billiges Notizbuch zu kaufen. Soll er\nlieber da hinein kritzeln, als auf die Wände!\nDas war ganz vernünftig. Jänos geht also in\neine Spielwarenhandlung, besieht sich die ausge-\nstellten Gegenstände und kauft dann um ein paar\nKreuzer ein kleines Notizbuch. Es ist nichtsdesto-\nweniger sehr schön, ja sein Rücken ist fast so ver-\ngoldet, wie der auf der Bibel. — Wollen schaun,\nwas der Bub da hineinschreibt!, meint er mit ver-\ntraulichem Lächeln zum Verkäufer. Sie werden\ndafür verantwortlich sein! — So gehen sie ausein-\n, I-.-V ISg«\nander.\nWie aber Jänos die Börse mit dem Kleingeld\nin die Tasche zurückstecken will, fällt sie zu Boden.\nEs ist nämlich gar nicht so leicht, sich in dem\nschweren Schafspelz zu bewegen, wie man glau-\nben könnte.\nJänos bückt sich, und wie er die Börse auf-\nheben will, fällt sein Blick auf eine kleine bunte\nGestalt. Es war ein Spielsoldat, mit blauem Rock\nund roten Beinen, der mit seinem Holzarm stramm\nsalutierte. Der unglückliche kleine Krieger lag auf\nder Erde, sein Czäko stieß an eine Fußkante des\nPulttisches; aber auch so liegend, hörte er nicht\nauf zu salutieren. Als Jänos ihn erblickte, schoß\nes ihm blitzschnell durch den Kopf, daß er seinem\nBuben mit dem Notizbuch ganz gut auch die kleine\nPuppe nach Hause bringen könnte."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.4", "texte": "Rasch greift er danach, preßt den Soldaten an\ndie Börse und schließt beide in die Faust. Dann\nrichtet er sich auf und steckt die Faust in die\ninnere Tasche. Dort läßt er Börse und Soldaten\nlos und zieht die Hand offen wieder zurück. So\ndas wäre in Ordnung. Er empfiehlt sich end-\ngültig vom Verkäufer und hüllt sich auf der Straße\nwohlgelaunt fest in seinen Rock.\nEr vermeidet es, auch nur ein einziges Mal in\ndie Tasche zu greifen, ehe er sein Gehöft er-\nreicht hat.\nEs ist niemand zu Hause. Der Bub in der\nSchule, die Frau drüben in der Nachbarschaft, wo\nman irgend eine Gasterei vorbereitet.\nEr spannt also die Pferde aus, sucht den\nSchlüssel hervor und geht ins Haus. Hier ist es\nangenehm warm. Jänos stampft ein paar Mal fest\nauf und geht auf und ab. Dann überlegt er. Soll\ner der Frau nachgehen oder lieber dem Ferkel den\nRing anlegen?\nDabei fällt ihm das Notizbuch und der Soldat\nein. Heraus damit! Er fährt in die Tasche, nimmt\nbeides hervor und legt es auf den Tisch. Dann\ngeht er zum Fenster, blickt auf die stille Landschaft\nund auf den Weg hinaus, ob der Bub noch nicht\nkäme. Nein, er kommt noch nicht.\nJänos wendet sich wieder dem Zimmer zu,\nund wie jetzt sein Blick auf den Tisch fällt, tritt er\nbetroffen einen Schritt zurück.\nDas Notizbuch liegt auf dem Tisch, der Soldat\naber, den er doch auch hingelegt hatte, liegt nicht,\nsondern steht aufrecht da und hält die Hand hoch\nerhoben.\n— Hm, hm — sagt Jänos.\nDann geht er langsam hin und legt ihn nieder.\nSo wie er aber die Hand fortzieht, springt der\nSoldat wieder auf, schüttelt sich nach rechts und\nlinks, als ob er sehr zornig wäre, und bleibt dann\nkerzengerade stehen, den Blick starr auf Jänos ge-\nrichtet. Und nicht um eine Welt ließe er die Hand\nherabsinken.\nNo — meint Jänos und beginnt den rot-blauen\nkleinen Mann genauer zu betrachten. Er war aus\nHolz. Aus ganz gewöhnlichem Holz. Wenigstens\nsah es so aus. Wie kommt es aber, daß er sich\ndoch bewegt?\nWieder legt er ihn fest nieder, drückt ihn auch\nJln wenig gegen die Tischplatte, damit er~*ur sicher\nliegen bleibe. Und er bleibt auch. Unter der star-\nken Hand rührt er sich nicht.\nKaum aber läßt die Hand nach, so springt er\nNieder empor, schwanKt ein wenig und steht aufs\nneue da, die gemalten Augen auf Jänos gerichtet.\n— Daß dich der Blitz ! ruft Jänos und\nschlägt ihn zornig wieder nieder.\nDiesmal wird er schlau zu Werke gehen. Er\nwird die Hand nicht rasch abheben, sondern ganz\nlangsam, vorsichtig wegziehen. Er versucht dies\nauch — und was geschieht? So wie er behutsam\ndie Finger fortnimmt, erhebt sich nach und nach\nauch der Soldat, bis er wieder gerade dasteht und\ndrohend den Arm hebt.\n— Mir droh nicht! — sagt Jänos und geht vom\nTisch weg bis in die Ecke des Zimmers.\nVon dort sieht er ihn mißtrauisch an. Im Zim-\nmer und auch draußen herrscht Totenstille. Es\nbeginnt zu dämmern und auf die Puszta senken\nsich die bleiernen Schleier des Winterabends.\nNichts regt sich. Nur im großen, bauchigen Ofen\nfallen manchmal die Glutstücke hörbar zusammen\nund schlagen dumpf gegen die Wand. Das Notiz-\nbuch liegt auf dem Tisch. Jänos sitzt auf der\nOfenbank, der Soldat steht drüben und sieht un-\nausgesetzt Jänos an. Keiner rührt sich.\nJänos wird immer schwächer und schließlich\nschlägt er vor dem starren Blick des Soldaten die\nAugen nieder.\n— Ich hab dich nicht gestohlen — verteidigt\ner sich leise — du bist auf dem Boden gelegen.\nWarum konntest du damals liegen? . . . Weil du\neingequetscht warst? Bedank dich, daß ich dich\naufgehoben hab! Das ist kein Diebstahl. Ein\nAnderer hätt dich auch genommen. Und mich\nschau nicht so an, das sag' ich dir, sonst schlag ich\ndich nieder! Hörst du?\nUnd er sammelt Kraft und geht drohend auf\nihn zu. Schon hebt er die Faust, als ihm ein neuer\nGedanke kommt. Auf dem Tisch steht ein Wasser-\nkrug und rings um ihn ist das Holz naß. Rasch\nnimmt er den Soldaten und preßt ihn mit dem\nKopf in das Wasser. Da hast du's! — Hund! —\nächzt er, während auf seiner Stirne kalte Schweiß-\ntropfen hervorperlen.\nWie er die Hand losläßt, schreit er laut auf.\nDer Soldat steht nicht mehr auf, sondern bleibt\ndort im Wasser liegen.\nJänos sieht frohlockend zu. — Na — das hast\ndu jetzt davon! Jetzt rühr dich — wenn du kannst\n— Hundsfott!\nUnd er rührt sich. Mit Schrecken gewahrt es\nder größere der beiden Gegner. Das Wasser ver-\nmochte ihn nicht ganz an die grüne Farbe des\nTisches anzukleben. Er beginnt sich zu bewegen\nund Hopp! steht er wieder Habt Acht! da und hebt\nden Arm.\nWenn das keine absichtliche Drohung ist, so\ngibt es überhaupt keine Drohung auf der Welt.\nJänos ist erst verblüfft, schlägt wuchtig aufs Bett\nund zischt vor Wut. — Warum hab' ich dich nur\nhergebracht! — schreit er. — Mich laß in Ruh!\nMich rieht nicht zu Grund! Ich schlag dich in\nStücke!\nEr nimmt auch den Stock aus der Ecke, bleibt\naber in gehöriger Entfernung und versucht den\nSoldaten mit dem Stock niederzudrücken. Es\ngeht nicht. Er weiß immer auszuweichen, und je\nkräftiger Jänos hinfährt, um so heftiger droht er.\nJänos wischt sich den Angstschweiß von der\nStirn. Was soll er nur tun? Was soll da ge-\nschehen? Ach was — einmal stirbt jeder. Er\ndrückt sich gewandt um den Tisch herum, um zum\nFenster zu gelangen, das er mit zitternder Hand\nöffnet. Dann wendet er sich entschlossen zurück\nund ergreift mit der großen Hand den kleinen\nMann, der in der Faust ganz verschwindet.\n— Kaspar . . . Melchior . . . Balthasar . . .\nsagt er und schleudert den Soldaten zum Fenster\nhinaus.\nEr fliegt ein Stückchen, dann fällt er zwischen\ndie gefrorenen Erdhaufen und schwankt hin\nund her.\n— Huh! stöhnt plötzlich Jänos auf.\nDort, auf der Spitze eines Schneehäufleins\nsteht der Soldat schon wieder, schwankt, winkt,\nhebt den Arm, und aus seinem Blick spricht eine\ngräßliche Anklage.\n— Dieb, Dieb, Dieb . . .\nJänos glaubt die Worte zu hören und eine\nnamenlose Angst schnürt ihm das Herz zusammen.\nUnd — Verderben über Verderben! — gerade\njetzt kommt sein Kind aus der Schule. Er ken~112\nes schon von weitem auf der Straße. Jetzt kommt\nes immer näher und er möchte ihm gern zurufen:\n— Geh ihm aus dem Weg! Weich ihm aus! Aber\ner kann nicht, und ermattet muß er sehen, wie der\nBub den Soldaten bemerkt, aufhebt und triumphie\nrend ins Haus bringt.\nSchon bei der Tür ruft er freudig:\n— Schau Vater, was ich gefunden hab!\nDer Vater springt auf und streckt abwehrend\ndie Hand aus:\n— Nicht bring ihn herein! Ich will ihn nicht\nsehen! Gerade jetzt hab ich mit ihm gekämpft...\nDer Kleine versteht von all dem kein Wort.\nEr sieht den Soldaten liebevoll an und ruft dann\nlachend:\n— Schau doch Vater, da unten ist Blei drin.\nWenn ich ihn niederleg, springt er von selbst auf!\nSo schau doch her!\nVon Jänos weicht plötzlich alle Mattigkeit,\naller Schreck, und der innere Sturm legt sich.\n— O! seufzt er erleichtert — Blei ist drin?!\nUnd dann, wie um sein sonderbares Benehmen\nvon vorhin zu erklären, setzt er zögernd hinzu:\n— Ich hab schon geglaubt — Seele.\n\nFanatismus der Verachtung\nVon Oskar Baum\nEr, der Berühmte, schrieb und dachte, schrieb\nund dachte und blieb dieser Aufeinanderfolge treu\nbis in den Tod. Unermüdlich rollte er in seinen\nWerken die ewigen Fragen der Menschheit auf und\nso wurde ihm unvergänglicher Ruhm. In allen\nliterarischen Schlachten war er ein gefürchteter\nRosselenker und er erfand alljährlich ein paar\noriginelle Titel nebst den dazu notwendigen\nBüchern. Auch kritisierte er da und da, aber nur\num Schauspieler und Theaterdirektoren in Furcht\nund Gehorsam zu erhalten, denn seine Muse ging\nauch häufig über die Bretter, die das Geld bedeuten.\nDie größte Freude machte er seinem Verleger,\nwenn er das Blut der Liebeswunden in die Feder\nfließen ließ. Es entstanden dann natürlich nicht —\npardon — Verse, sondern appetitanregende Ro-\nmane, voll indiskret umhüllter Heimlichkeiten.\nVor diesem geistigen Mittelpunkt seiner Nation\nstand eines Vormittags ein schlanker junger Mann\nmit keckem Hut, lachender Krawatte und erheb-\nlicher Unbescheidenheit, die aber imponierend ruhig\nund bewußt war.\nDer Berühmte sah von seinem Papier fast gar\nnicht auf; den breiten Gruß des Eingetretenen hatte\ner mit höflichem Murmeln erwidert, und die Feder\nraschelte unbeirrt und eilig auch als der Besuch\nschon neben dem Schreibtisch stand.\n„Verzeihen Sie,\" begann schließlich ungehalten\nder junge Mann, „es tut mir leid, daß ich Ihre Stim-\nmung durchreiße. Man merkt auf der Straße nicht,\nob Sie gerade arbeiten.\"\nEin paar höfliche Notwendigkeiten mußten nun\nabgewickelt werden, ehe der Fremde saß und von\ndem begann, was ihn hergeleitet hatte.\n„Die Frauen sind äußerlich und ihre Eitelkeit\nist heikler, als die eines Schauspielers. Meine\nFreundin, in deren Namen ich hier bin, ist zwar aucn\nin diesem Punkt ungewöhnlich, aber weiblich bleibt\nsie ja doch.\"\nDer Hausherr markierte seine Ungeduld, und\nder kühle junge Mann weidete sich daran.\n„Vielleicht haben Sie meinen Namen als einen\nder vielen erkannt, die Sie kritisierten, womit ich\nIhrem Gedächtnis aber zu viel zumute? Nun,\ngleichviel! in derselben Nummer Ihres Blattes\nhaben Sie auch meiner Freundin, die unter dem\nPseudonym The .... schreibt, wegen ihres letzten\nBuches eine Lobhymne gesungen.\"\n„Ja, ich schrieb es in aufrichtiger Freude\nüber \"\n„Es macht Ihrem Verständnis mehr Ehre, als\nich ihm je zugesprochen hätte. Sie haben eben\nmanchmal, — weiß der Teufel durch welchen Zufall\n— einen so unverdient glücklichen Griff, daß man\nsich einreden könnte, Sie hätten wirklich eine\nAhnung von geistigen Werten, aber ihre Werke\nund Ihr Stil und Ihr allgemeiner Geschmack\nna, ich habe es ja seinerzeit ziemlich bald ver-\nwunden, daß Sie es waren, der meinen Namen so\nmächtig in die Welt posaunte. Ich ging sogar in\nmeiner Indifferenz so weit, nie gegen Sie zu\nsprechen oder zu schreiben aber meine Freundin ist\neben weiblich! Ihr bereitet noch jede Herabsetzung\nSchmerz, sie gibt noch viel auf die Meinung der\nWelt und so bin ich hier, um Sie zu bitten, Ihr Lob\nzurückzunehmen, oder besser, es in einen ver-\nnichtenden Tadel zu verwandeln.\"\nDer Dramatiker, Epiker und Lyriker hatte\nlängst zu schreiben aufgehört, hielt die Feder, die\neben in das Tintenfaß getaucht worden war, hoch\nin die Luft, und starrte den kühnen Besucher\nimmer ängstlicher und erschrockener an. Anfangs\nwollte er ihn öfters unterbrechen, war aber sprach-\nlos, als jener zu schweigen begann. Er zog die\nHaare seines Schnurrbartes zwischen die Zähne,\nbis ihn die Lippe schmerzte und preßte die\nlinke Hand gegen eine scharfe Ecke des Schreib-\ntisches, um zu untersuchen, ob er träume. Aber er\nfühlte, daß er wach war. Dieser Ausweg war also\nverschlossen; verzweifelt rieb er sich die Schläfen.\nEin wirres Gedankenchaos wollte ihn In Untiefen\nreißen.\nVon ihm erbat jemand, daß er, der täglich\nhunderte von schwärmerischen und demütigen An-\nbeterbriefen erhielt, dem ein Buch zu widmen schon\nein Glück bedeutete, dem die hochmütigsten\nDichter und die vornehmsten Denker schmeichelten,\nden die Gefürchtetsten fürchteten, von ihm ver-\nlangte man einen Tadel!\nDa rettet ihn ein Einfall: Der Junge Mensch\nmuß verrückt sein!\nDio Züore des Berühmten glätteten sich und er\nfragte mitleidig, in weichem Ton: ~So? Das also\nwünscht Ihre Freundin? Und warum kam sie denn\nnicht selbst? Ich hätte mich gefreut, sie kennen\nzu lernen.\"\nDa fuhr ein scharfer Blick von dem Fremden\nherüber: „Sie müssen und zwar binnen einer\nWoche,\" sagte er mit schneidender Stimme.\n..längstens binnen einer Woche veröffentlichen, daß\nSie jenes Lob in einer Laune geschrieben haben, die\ndurch einen — durch ein gutes Mittagsmahl, durch\nden Mißerfolg eines Konkurrenten oder durch das\nErscheinen der 87. Auflage eines Ihrer Bücher un-\nerhört fröhlich war und Sie, wie ein Rausch zu gut-\nmütigem Vergehen wider die eigene Ueberzengung\nverführte. Sie müssen!! Sollten Sie sich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.5", "texte": "sträuben, sieht sich meine Freundin gezwungen,\neine energische Verwahrung gegen Ihr Lob vor das\nPublikum zu bringen.\"\nTiefes Dunkel wälzte sich von allen Seiten in\nungeheuren Wellen dem Kritiker entgegen und ver-\nschlang die Welt vor seinen Augen.\nSeiner Rechten entfiel die Feder, rollte, rollte —\nhinterließ eine schwarzblaue Spur auf dem halb-\nbeschriebenen Papier, stieß an einen Bleistift, rollte\nihn vor sich her und fiel mit ihm leise hinab auf den\ndicken Teppich.\n„Sie wissen, wie eine solche Verwahrung Ihren\nNamen gefährden würde,\" fügte der Fremde un-\nbeirrt hinzu.\n„Kampf!!\" schrie es da dem Kritiker ins Ohr:\n„Herr!\" keuchte er, und sein Gesicht war verzerrt,\n„ich habe Waffen und Freunde.\nIch könnte Euch übel zurichten, wenn Ihr so\netwas wagen solltet!\"\nDer junge Fremde lachte hell auf: „So tun\nSie doch das, bevor wir Sie angreifen! Wir\nverlangen ja nichts weiter.\"\nDer Berühmte hatte sich unter dem Lachen\ngeduckt, gekrümmt und war dann in den Sessel zu-\nrückgesunken wie ein Schwerverwundeter. Seine\nschlaffen Hände pendelten willenlos an der Lehne\nhin und her.\n„Sie wollen etwas, das ist klar,\" sagte er laut\nund langsam vor sich hin, um die Gedanken\nförmlich greifbar zu machen. „Sagen Sie doch,\nbitte, was Sie wollen! Ich bin gerne bereit, Ihr\nTalent mit der Feder oder in jeder andern Form zu\nunterstützen, in jeder, bitte, bis zu welcher Höhe\nSie wollen.\"\nDer Besuch zog ein wenig die Augenbrauen zu-\nsammen und griff nach dem Hut:\n„Ich glaube nicht, daß ich die Zeit haben werde,\nso lange hier zu sitzen, bis Sie meine Forderung\nrichtig begriffen haben.\"\n„Bleiben Sie doch! Wir müssen ins Reine\nkommen!\"\nDer Hausherr sagte das halblaut und zitterte\nund sah den Mann, der mit seiner ruhigen Kälte eine\nsolche Gewalt über ihn hatte, wie ein getretener\nHund an.\nDer junge Mann blieb zur Antwort mit dem Hut\nin der Hand zögernd stehen und wartete: „Nun?\"\nDa geriet der Kritiker in fieberhafte Aufregung:\nJa, was wollte er was sollte er denn sagen?\nRasch, rasch! sonst wartete der schreckliche\nMensch nicht länger. „Ihre Freundin wird ja bald\nwieder ein Buch schreiben, natürlich! Sicher ein\nebenso gutes, besseres als \"\n„Und?\"\n„Darüber kann ich dann schimpfen, wie und\nwas Sie wünschen.\"\nDer Fremde machte eine resolute Bewegung\nzur Tür. „Na, Sie verstehen das nicht. Ich sehe\nschon, es ist Ihrem Gehirn einfach physisch un-\nmöglich, einem solchen Gedankengang zu folgen.\"\n„Oh, oh, ich verstehe alles!\" flüsterte der Be-\nrühmte und nickte minutenlang heftig mit dem\nKopfe: „Ich schimpfe auf ihr Buch, das bald er-\nscheinen wird.\"\n„Also müssen wir uns selbst helfen!\"\n„Halt!\" Der Hausherr sprang ihm in den Weg\nund fuchtelte mit der Faust vor dem Gesicht des\nFremden hin und her: „Warum wollen Sie das\nnicht, warum nicht?\"\n„Glauben Sie, wir können den Schimpf auf dem\nersten sitzen lassen?\"\n„Wie? — Schimpf auf dem zweiten? . . . ersten\nnicht? Ersten nicht?!\"\nDie Fäuste hatten sich gelöst und sanken; mit\nverglasten Augen stierte er um sich und lallte:\n„Zweiten Schimpf? ersten doch? zweiten . . .\ndas -\"\nDer schlanke Besuch erzwang sich die Tür\nund lief.\n„Noch ein Wort, Herr . . .\"\nDer Kritiker wollte ihm nach, aber er ging nur\nlangsam; seine Kniee zitterten und knickten und\nsein Kopf nickte unaufhörlich, rasch und heftig. Er\nwollte zum Korridor hinaus, erwischte aber die\nKüchentür und schleppte sich gedankenvoll zum\nHerd, wo er müde niedersank, als wäre die glühende\nPlatte ein Fauteuil . . Die Frau und die Köchin\nstarrten entsetzt auf ihren Herrn, der plötzlich mit\nrotem Gesicht zu schreien begann: „Wer hat das\nSofa angezündet? Wie? Ihr wollt nicht, daß ich\nEuch lobe?! Ich werde Euch nie mehr loben, das\nschwöre ich! Aber wehe, Ihr, Ihr — Pack! wehe\nEuch, wenn ich noch einmal jemanden lobe!\"\nEr stürzte mit gefletschten Zähnen auf die\nbleiche Frau los; sie schickte um den Arzt.\nAm Nachmittag schrieb sie einer Freundin in\nstolzer Melancholie:\n. Mein Mann ist im Sanatorium.* Das\nist das Los der hellsten Tage! Die Nacht ist nei-\ndisch und die Reihe der Opfer wächst: Hölderlin,\nSchumann, Lenau, Donizetti, Nietzsche und mein\narmer \"\n\nDie Fackel\nMein lieber Freund!\nAn Karl Kraus\nHerwarth Walden\nIch habe lange gezögert, wen ich um einen Bei-\ntrag über die Fackel bitten sollte, die nun drei-\nhundertmal durch Ihre Kraft leuchtete. DaßihrFeuer\nnicht auch Deutschland in Brand setzte, hat zwei\nGründe. Die Menschen hier (und anderswo)\nkönnen nicht mehr sehen und fühlen. Sie\nwollen alles durchaus „verstehen\". Auch ihr Tod\nmuß ihnen noch durch Kommentare plausibel\ngemacht werden. Die äußeren Sinne versiegen und\nder innere Sinn der Phantasie quillt ihnen nicht.\nDer Rest ist Reden (und Schreiben). So suchen sie\nbei sich vergeblich das Organ für „Unverständ-\nliches.\" Und stutzen oder lachen, wenn man es\nihnen zeigt. Um so mehr, wenn es von Wien aus\ngeschieht. Das ist der zweite Grund. Wien ist von\neiner chinesischen Mauer umschlossen, die sich\nnur von außen übersteigen läßt. Die Mäuse\nfreilich kriechen unten durch und piepsen in der\nWelt über Wien. Auf diese Weise kann man von\nIhnen, lieber Freund, natürlich nichts erfahren.\nDaß ich mich Ihren Freund nennen darf, würde\nmich nicht hindern, über Sie zu schreiben. Ich bin\nfür „Kameraderie.\" Und zahle obendrein noch gern\nmit Zinsen die Prozente, die mir Schaubühnen-\nherausgeber und Genossenschaftspräsidenten bei\ndiesem Unterfangen nachrechnen würden. Diese\nHerren sind sicher gutgläubig: Für den K aufmann\npaßt der kommerzielle Standpunkt. Aber ich\nversage mir diese Freude, weil größere Wort-\nkünstler, weil Dichter über Sie hier sprechen\nmüßten. Ich kenne in Deutschland niemanden,\nder heute Sie so kennt und Ihnen zugleich eben-\nbürtig ist, daß ich ihn darum bitten möchte.\nMir bleibt die Hoffnung, daß kein ferner, u n -\nfestlicher Tag mir das bringen wird, was ich jetzt\nnur der Gelegenheit zu danken hätte.\nIhr\n\nFortschritt!\n\nDokumente des Fortschritts\nSo heißt eine Zeitschrift, die seit einiger Zeit\nin Berlin erscheint. Sie bietet in mehrerlei Sprachen\nwohl das Großartigste an absoluter Ahnungslosigkeit\nunserer Zeit gegenüber, das sich der Bildungs-\ndünkel des Schmocktums bisher geleistet hat. Wir\nwollen auf dieses wundervolle Organ, das sich mit\nseiner letzten Spezialnummer, dem sogenannten\nLiteraturheft, einen ebenso unfreiwilligen wie vor-\nmärzlichen Aprilscherz geleistet hat, noch zurück-\nkommen. Für heute sei nur bemerkt, daß dieses\nOrgan den Reklamerummel für den ordinären Kol-\nportageroman „Aus Sturmeszeit\" der russischen\nGartenlaube-Schriftstellerin Werbizkaja eingeleitet.\nDie Lärmtrompeter für das plumpe Sensationsbuch\nhaben übrigens weder eigene Mühe noch Kosten\nanderer zugunsten ihres jämmerlichen Schund-\nschützlings gespart.\nEin Journalist konnte es sich sogar in einem\nOrgan der Berliner Tagespresse nicht verkneifen,\nin begeistertem Somnambulismus Verse von Stefan\nGeorge auf den Hintertreppenroman der Dame\nWerbizkaja zu zitieren. Man soll gewiß die\nSchundliteratur nicht unterschätzen. Jeder normale\nMensch wird sich sagen, daß der bisher so unbe-\nachtete Literaturzweig der „bunten\" Hefte und Kri-\nminalromane doch irgendwelche Qualitäten haben\nmuß, da Schulbehörden und Traktätchen-Ministerien\neinen derartig lauten „Kampf\" gegen ihn aufnehmen.\nVielleicht ist dies seine Bedeutung: die Befruch-\ntung mancher Literaten aus den längst versunkenen\nUrzeiten einer patzig plumpen Zeitungsschmierer-\nZunft, die heute um jeden Preis als modern er-\nscheinen wollen. Registrieren wir nichts anderes,\nals daß auch Herr Eugen Zabel, der in den letzten\nMonaten sonderbarerweise aus einem (auch von\nuns) wohlverdienten Barbarossaschlaf erwacht zu\nsein scheint, für die Küchentisch-Dichtung der Wer-\nbizkaja leviathangleich ein Blümchen pflückt. —\nImmerhin sei man der Gelegenheit dankbar, die\nes gestattet ein ehernes Gesetz wieder von neuem\nfestzustellen: Sowie einmal ein rechtschaffen\nschlechtes Buch erscheint, dann kriechen aus allen\nKellerluken die Leute hervor, die auch rechtschaffen\nnichts können und schlagen enthusiastisch ihre\nTinte ab.\nDer Sieg der Minderheit\nWer auf die Scharen von in Freiheit dis-\nziplinierten Demonstranten mit polizeilichem Eini-\ngungskuß Wert legt, wird der „Demokratischen Ver-\neinigung\" Dank wissen, die durch ihr ebenso ent-\ngegenkommendes wie offenherziges Benehmen die\nBehörde von der Harmlosigkeit eines wohlge-\nordneten Demonstrantenjauchzens überzeugt hat.\nDer Polizeipräsident hatte bekanntlich eine be-\nabsichtigte Versammlung der „Demokraten\" unter\nfreiem Himmel nicht zulassen wollen, mit dem Be-\ndenken, der in Aussicht genommene Berliner Platz\nkönne die zu erwartende Zahl von 50 000 bis 60 000\nTeilnehmern nicht fassen. Aber nach den Zeitungs-\nmeldungen wußte der betreffende Verhandlungs-\nleiter den Polizeipräsidenten ohne weiteres davon\nzu überzeugen, daß von 50 000 Menschen gar keine\nRede sein könne. Zu den Versammlungen der be-\ntreffenden politischen Gruppe kämen doch höchstens\n2000 Menschen angerückt!\nWir halten diese Taktik für eine ganz neue und\nglänzende Erfindung politisch Bemühter. Es ist, mit\neinem kurzen Wort, Wirkung durch d a s M i t-\n-1 e i d. Sicherlich ist es für jemanden, der die breiten\nMassen zu sich hinüberziehen will, ein unerhört\nwirksames Agitationsmittel, zu seinem Gegner zu\nsagen: „Vor uns brauchen Sie keine Angst zu\nhaben. Sie überschätzen uns — zu uns kommt ja\ndoch niemand!\" Wenn wir nicht irren, so war ein\nähnliches Verfahren bisher nur üblich bei Verlegern\nsogenannter „unsittlicher\" Schriften, die vor Gericht,\nimmer den Beweis zu führen suchen, daß ihre Ge-\nschäfte ja riui einige wenige Subskribenten etwas\nangingen. — Durch diesen Triumph der „Viel-\nzuwenigen\" sind überhaupt ganz neue und er-\nschrecklich tiefe Probleme angeschnitten worden.\nZum Beispiel: „Gibt es also einen Sieg der\nMinderheit durch den die siegende Minderheit\nschäbig dasteht?\" oder eine rein mathematische An-\ngelegenheit: „Wenn ein politischer Klub Rechte\nverlangt, weil er wenig Mitglieder hat, würde er\ndann nicht mehr erlangen, wenn er noch weniger\nhat?\" Oder — noch mathematischer: „Ueberhaupt\nalles, wenn er gar keine Mitglieder hat?\"\nVielleicht findet sich aber jemand, der einem\nManne, der absolut keine Ahnung hat, wozu poli-\ntische Routine gut ist, eine ganz einfache, ja be-\nscheiden vorgebrachte Frage beantwortet. Es ist\ndiese: Welches Ziel haben sogenannte Demonstra-\ntionen von Leuten, die kasernenmäßig gedrillt nach\nArt ägyptischer Hieroglyphenfiguren im Gänse-\nmarsch angeschart werden, um durch Handaufheben\neine sogenannte „Resolution\" (?) zu bekräftigen,\nderen Text schon v o r h e r in der Presse veröffent-\nlich wurde? Ist es eigentlich zu glauben, daß man\ngroße Massen in der Ordnung von Schuljungen um-\nherführt, um jede Spontanität des Gefühls zu er-\nmorden, jeden Enthusiasmus säuberlich durch Ab-\nlesen von einem gedruckten Zeitungswisch zu ver-\ntuschen? Welche Wirkung kann sich in Wahrheit\nirgend ein gesund gewachsenes Gehirn von einem\nauf Druckpapier präparierten (und durch die Post\nversandfähigen) Entrüstungssturm versprechen?\nDiese wackere, gesetzlich geschützte Demonstration\noffenbart zu klar den tiefsten Grund dieses Hurrah-\nBvzantinismus von der Gegenpartei: Es ist def\nSchrei nach dem Zeitungspapier.\nPapst-Reklame\nDer Kölner Männergesangverein hat eine\nTtalienfahrt unternommen und meldete seinen Be-\nsuch, ganz und gar ohne eingeladen zu sein, beim\nPapst an. Der Papst hat den Besuch der Vereins-\nbrüder abgelehnt, und darüber ist der Verein in gro-\nßer Aufregung. Man stellt fest, daß doch auch Ka-\ntholiken Vereinsmitglieder seien, und man ruft das\nMitleid der ganzen Welt wach, indem man erzählt,\nwie viel Zuwendungen der Verein schon dem"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.6", "texte": "Vatikan gemächt habe — während man gleichzeitig\nauf vornehme Art die Drohung nur halb ausspricht,\ndiese Zuwendungen würden jetzt ihr Ende haben.\nEs ist schrecklich, in welche Aufregung die\n„sonderbare\" Affäre die ganze Tag-espresse stürzt.\nDa ruht ja kein Telegraphendraht! Es ist eine hoch-\npolitische Aktion. Denn, wie niemand auf den Ge-\ndanken kam, der Papst, bekanntlich ein sehr feiner\nMusiker, habe es nicht nötig, in seinem Hause so\netwas gräßlich Ordinäres und tief Antimusikali-\nsches wie einen Männergesangverein empfangen zu\nmüssen — so kam auch der entrüstete Kölner Män-\nnergesangverein gewiß nie auf den Gedanken, den\n„Empfang bei Sr. Heiligkeit dem Papst Pius X.!!!\"\nals ganz gewöhnliche Reklame zu verwenden. Nein.\nDas fortschrittliche Kneipzimmer\nEine Berliner Tageszeitung empfiehlt auch in\ndie Gemütlichkeit den modernen Fortschritt ein-\nzuführen :\n„Das Kneipzimmer. Es ist noch nicht sehr lange\nher, da war ein besonderer Weinkeller ein Luxus,\nden sich nur die Villen und Palais reichbegüterter\nFamilien leisteten. Im Laufe des letzten Menschen-\nalters (wenn man diesen etwas unbestimmten Zeit-\nraum auf die üblichen 30 Jahre rechnet) hat sich\naber die Lebensführung auch der bürgerlichen Kreise\nso gehoben, daß jede größere und bessere Wohnung\nauf diesen ebenso nützlichen wie angenehmen\nKellerraum Anspruch macht. Aber ein damit eng\nzusammenhängendes, besonders in Hamburger Häu-\nsern gepflegtes Buen Retiro hat sich bei uns, in der\nmärkischen Architektur, noch recht wenig einge-\nbürgert: es ist das urgemütliche, eigens zu diesem\nZweck geschaffene Kneipzimmer. Dieser köst-\nliche Raum findet seinen Platz am besten im Keller\nselbst, unweit des Flaschenlagers, oder doch im\nErdgeschoß; er ist dann mit dem Weinkeller sowohl\nwie mit den Familien- und Gesellschaftsräumen\ndurch je eine besondere Treppe verbunden. Seine\nAusführung und Ausstattung muß den feinen Takt\ndes Besitzers zeigen; das ganze darf nichts Ueber-\nladenes bieten, sondern muß eher etwas einfach-\nderbes, landsknechtsmäßiges haben, das etwa, was\nalte erfahrene Zecher als „saufsam und seßhaft\" be-\nzeichnen. Eine gewölbte Decke, am besten ein\nniedrig ansetzendes Kreuz- oder Tonnengewölbe,\ngehört zum Charakter. Dunkles Holzwerk, Täfe-\nlung und eisenbeschlagene Türen vermitteln die\nrechte Stimmung. Das Hauptmöbel ist natürlich\nder große Kneiptisch in der Mitte mit Holzstühlen.\nMit ihm hat sich die moderne Innendekoration schon\neingehend beschäftigt und die übliche, aber etwas\neintönige kreisförmige oder rechteckige Form durch\nVerwendung des Ovals und unregelmäßig verteilte\nAusbuchtungen für die Kneipanten abwechslungs-\nreicher gestaltet. Man kann auch eine Einrichtung\nnach Art der Bauernstuben wählen: in der Ecke\nneben dem Kachelofen eine Wandbank und ein in\ndie Ecke geschobener Tisch. Ein solider Kredenz-\nschrank birgt die Trinkgefäße aus Zinn und Glas;\nZinngeräte werden überhaupt vorteilhaft bei der\nAusstattung des Raumes eine große Rolle spielen.\nIm übrigen sei man mit dekorativen Elementen, vor\nallem Bildern und Sprüchen, sparsam — „es kann,\"\nwie ein feinsinniger Beurteiler betont, „vor einer\nUebertreibung dieses Schmuckes, wie es in fast\nallen „altdeutschen Kneipen\" zu rügen ist, nicht ge-\nnug gewarnt werden. Ebenso wenig wie im Speise-\nzimmer durch bedeutenden Bilderschmuck die Auf-\nmerksamkeit von den kulinarischen Genüssen ab-\ngelenkt werden darf, ebenso wenig soll auch im\nKneipzimmer der Blick durch Sprüche angezogen\nwerden, bei denen man nur die Wahl hat, daß sie\nentweder Gemeinplätze sind, oder der augenblick-\nlichen Stimmung Gewalt antun\". Das Fenster\nschließlich erhält natürlich Butzenscheiben, die hier\nwirklich einmal am Platz sind; neben ihm oder in\neiner Ecke, jedenfalls in geheimnisvolles Halbdunkel\ngehüllt, findet eine lustige „Wandapotheke\" ihre\nStätte, deren Likörschätze nicht zu knapp bemessen\nsein dürfen. So ausgestattet, dürfte das Kneip/im-\nmer sicherlich eine Bereicherung des modernen\nWohnungsbaues darstellen.\"\nIn einer Posse von Johann Nestroy (aus der\nnebenbei jener englische Schwank, der zur Zeit im\nNeuen Theater aufgeführt wird, ziemlich glatt ge-\nstohlen ist) versucht ein moderner Mensch, der in\ndie alte Ritterzeit versetzt wird, sich mit seiner Um-\ngebung durch die „Ritter\"-Worte: „baß, „stracks\"\nund „traun\" zu verständigen. O wie unrecht hatte\nNestroys Satire, wie unrecht hatte doch alle Puber-\ntäts-Entrüstung gegen die Butzenscheiben-Kon-\nserven! Denn siehe, herauf zieht die Modernität\neiner liberal wählenden mittelalterlichen Kunst mit\nDiaphanien für Junggesellen.\n\nProgreß\n\nDer rote Sonntag\nMinimax\nEcho der himmlischen Heerscharen\nDie himmlischen Heerscharen waren am\nSonntag erstaunt, als sie den „Vorwärts\" lasen und\nbald darauf tatsächlich massenhaft rote Versamm-\nlungen unter freiem Himmel sich abspielen sahen.\nBeim Anblick einer Berliner Festwiese aber brachen\nsie in helles Gelächter aus. Sie bemerkten nämlich\ndort ein kleines Hündchen, das sich hundemäßig an\neiner Pappel erging, und sie erkannten in ihm gleich\nden Geist des entschlafenen Liberalismus, welcher\nauch jetzt nicht den Mut zu einer menschenmäßigen\nInkarnation gefunden hatte, aber doch nicht fehlen\nwollte.\nDie gute Disziplin\nAls in Treptow um 723 Uhr die Abstimmung\nüber die verlesene Resolution erfolgte, erhoben alle\nbegeistert die Hände. An Tribüne I aber kletterte ein\nPhotograph auf den rotbehangenen Rednerwagen,\nund auf seinen Zuruf verharrte die Menge noch fast\neine Minute lang mit erhobenen Händen in Em-\npörung über das Dreiklassenwahlrecht. —\nUnter den Heiligen\nAls sich die Versammlungen zerstreuten, stand\nder heilige Antonius von Padua auf, ging in seinen\nPantoffeln hin und her, seufzend: „Sogar den\nluftigen Himmel verpesten sie jetzt mit ihren\nPhrasen. Und nichts um der Seele willen, und alles\num den Bauch.\" Da klopfte ihn der greise Fran-\nziskus auf die Schulter: „Beim heiligen Gehorsam,\nlaß das Jammern. Sie lieben den Himmel und die\nFreiheit, und sie haben den starren Mut und Hunger.\nEin einziger unter ihnen ist mir lieber als hundert\nDeiner „Gerechten\". —\n\nAus dem Lumpensack\nR. R.\nNoch einmal Herrn Richard Strauss: Liebes\nModejournal, Musik soll tief sein bis zum Unsinn,\naber Ihre Musik ragt in die geistigen Höhen des\n2X2 —4. Werter Bacchant, Sie haben die Be-\ngeisterung jenes hinkenden Gauls, dem man\nPfeffer unter den Schwanz gerieben hat.\n*\nEm Professor tadelte das Tendenziöse in der\nKunst, das Exotische, Praktische, Parteiische et\ncetera. Als ein Schüler dies hörte, zog er gläubig\nder Kunst solche Gewänder ab, und zurückblieb\nzu seinem Schrecken — der Professor.\n*\nDoch ist Kunst nicht identisch mit Gynäkologie.\n*\nMedizinische Kuriosa. Bei seinen Beobach-\ntungen Berliner Schauspiellebens soll ein kleiner\nKritiker, ein wahrhaft klauender Siegfried, in\ndankenswerter Weise verunglückt sein. Er wid-\nmete in letzter Zeit auch der Darmperistaltik\nder Schauspieler seine Aufmerksamkeit und stu-\ndierte gespannt die Mimik der rückwärtsigen\nMuskulatur, analysierte die Flatus und Exkrete.\nEr soll aber dabei einer grossen Schauspielerin\nzu nahe gekommen sein, rasch erfasst und in\nunglaublich schneller Zeit zu Darmexkret assimi-\nliert — der demnach wohl als sein Urzustand an-\nzusprechen ist — zum Teil aber noch erkennbar\nausgestoßen sein. Der Arzt agnostiziert ihn als\nauf unrechtem Wege entleerte Mißgeburt (embryo\nfoecalis Jacobi). Man plant nunmehr in Schau-\nspielerkreisen, auch sein Blatt in größerem Um-\nfange zu solchen medizinischen und verwandten\nZwecken heranzuziehen.\n\nHerr Lippowitz\nDem Sturm ist das Glück widerfahren, daß\ner vom „Neuen Wiener Journal\" nicht bestohlen,\nsondern beschimpft wurde. Da uns aber die\nSchere des weit über die Grenzen Oesterreichs\nbekannten Diebsblattes noch immer mehr impo-\nniert als seine Feder, so wollen wir uns mit dieser\ngar nicht einlassen und uns ausschliesslich an\njene halten. Es ist die weitaus schneidigste Schere,\ndie man in der deutschen Publizistik jetzt hat.\nUngemein anerkennend hat sich einmal die „Frank-\nfurter Zeitung\" über sie geäußert:\nApachenjournalistik. Im ersten Morgen-\nblatt vom 8. März dieses Jahres brachten wir unter\ndem Titel „Eine Seelenleserin\" einen Artikel\nunserer Pariser Mitarbeiterin Anne Jules Case.\nAm 14. März erhielten wir von Frau Jules Case\nfolgenden Brief: „Der Zufall spielt mir einliegenden\nwiderrechtlichen Abdruck meines Artikels in die\nHände, ohne Quellenangabe, ohne meinen Namen\nzu nennen. Das ist doch unerhört! Wollen Sie\nmich wissen lassen, was ich zu tun habe, oder ob\ndie „Frankfurter Zeitung\" für mich eintritt. Das\nist ja geradezu Apachenjournalistik!\". Das Blatt,\ndas diesen widerrechtlichen Abdruck gebracht\nhatte, war das „Neue Wiener Journal\" (Heraus-\ngeber J. Lippowitz). Wir protestierten in einer\nZuschrift an diesen Herrn energisch gegen das\nunserer Mitarbeiterin zugefügte Unrecht und er-\nhielten zu unserem Erstaunen am 25. März von\nHerrn Lippowitz ein Antwortschreiben, das neben\neiner ausfälligen Bemerkung über den „unkollegi-\nalen\" Ton unserer Zuschrift folgende Stelle ent-\nhält: „Im vorliegenden Falle handelt es sich um\neine Arbeit unserer ständigen Pariser Korre-\nspondentin Anne Jules Case, welche uns den be-\ntreffenden Artikel „Die Seelenleserin\" selbst\nüberwiesen hat. Wir haben also allen Grund,\nuns darüber zu wundern, dass uns unsere Korre-\nspondentin einen Artikel, der ihr noch dazu\nals Originalartikel honoriert wird, anbietet, nach-\ndem diese Arbeit vorher in der „Frankfurter\nZeitung\" zum Abdruck gelangt ist.\" Nach dieser\n„Aufklärung\" hätte also Frau Case sich bei uns\nüber einen widerrechtlichen Nachdruck beschwert\nund unsere Hilfe gegen diese Art von Apachen-\njournalistik angerufen, gleichzeitig aber den frag-\nlichen Artikel zum Originalpreise dem „Neuen\nWiener Journal\" überwiesen. Einige Kenntnis\nunserer Pappenheimer hat uns vor einer verfrühten\nEntrüstung über Frau Case geschützt. Wir sandten\nder Dame' den Bief des Herrn J Lippowitz mit\nder Bitte um Rückäußerung ein und erhielten am\n30. März folgende Antwort: „Nein, das geht doch\nwirklich über aUe Erwartungen. Ich bin starr!\nDiese dreiste Lüge ist geradezu empörend!\nHier haben Sie meine feierliche Erklärung über\nden wahren Tatbestand der Es\nist mir gar nicht eingefallen, dem „Neuen Wiener\nJournal\" den für die „Frankfurter Zeitung\" als\nOriginalartikel eingesandten Beitrag „Eine Seelen-\nleserin\" anzubieten. Dergleichen „journalistische\"\nStreiche liegen mir fern und gehören nicht zu der\nSchule, aus der ich stamme. Als schlagender Be-\nweis aber für meine Korrek heit in dieser An-\ngelegenheit dient doch die Tatsache, daß ich selber\nIhre Aufmerksamkeit auf diese Angelegenheit lenkte.\"\nWir haben auch keinen Moment an der Korrektheit\nvon Frau Case gezweifelt, wohl aber war es uns\nvon vornherein klar, daß Herr Lippowitz mit seiner\nBehauptung verblüffen wollte, wohl unter der\nVorraussetzung, daß Frau Case als gelegentliche\nMitarbeiterin des „Neuen Wiener Journal\" nicht\nden Mut haben werde, ihre Ehre zu verteidigen\nund ihren „Brotgeber\" öffentlich zu überführen.\nHerr Lippowitz hat sich in dieser Annahme geirrt.\nWir übergeben den ganzen Akt der Oeffentlichkeit\nund erklären damit Herrn Lippowitz als für uns\nerledigt.\nViel peinlicher sind freilich jene seltenen\nFälle, in denen das Neue Wiener Journal sich\ndazu hinreißen läßt, einer anständigen Scheeren-\nleistung eine selbständige Meinung anzuschließen.\nEinen Nachdruck aus dem „Sturm\" würden wir\nschließlich hingehen lassen; wenn es sein muß,\nin Gottesnamen auch ohne Quellenangabe. Aber\nnur keine Originalansicht! Sonst muß der Herr\nLippowitz es sich gefallen lassen, daß man sie\nihm nachdruckt. Und durch die ganze deutsche\nPresse ist kürzlich die folgende Originalgemeinheit\ndes „Neuen Wiener Journals\" gegangen:\nDr. Sigwart Graf zu Eulenburg\nHelene Gräfin zu Eulenburg\ngeb. Staegemann\nVermählte\nLiebenberg • Den 21. September 1909 • Leipzig\nWir müssen gestehen, daß Fräulein Staege-\nmann ziemlich vorurteilslos und kouragiert ist,\nwenn sie es riskiert, in die etwas anrüchig ge-\nwordene Familie des Liebenbergers hineinzu-\nheiraten. Trust\n\nBeachtenswerte Bücher und Tonwerke\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Fall statt\nHEINRICH MANN: Die Jagd nach Liebe /Roman\nAlbert Langen, Verlag, München\nEMILE VERHAEREN: Gedichte\nAxel Juncker, Verlag, Berlin\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung: Herwarth Waiden/ Berlin-Halense^"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.7", "texte": "Anlieferung für Österreich-Ungar q A. Möhlhans-Smital Wien IX / Verantwortlich ffir die Scfariftleltnnc in Österreich-Ungarn * Otto Spvka\n\nSchone Klassiker\nAusgaben 'in jempei-\n2 V erlag in\nLeipzig, den S. Fischer, Diede-\nrichs u. a. zwecks Herausgabe\nkiinstlerisch ausgestatteter Klas-\nsiker begriindethaben,beginnen\njetzt die ersten Bande zu er-\nscheinen, vonGoethe dieWahl-\nverwandschaften und Kleinere\nErzahlungen sowie der Faust\nund Urfaust, von der Kleist-\nAusgabe die vier Bande der\nWerke, von der Heine-Aus-\ngabe die Gedichte und die Tra-\ngodien in zwei Banden. In der\nWeififraktur und in der gleich-\nfalls von dem beriihmten Buch-\nkiinstler E. R. Weifi besorgten\nGesamt-Ausstattung zeichnen\nsich die Ausgaben durch Ge-\ndiegenheit und Vollkommen-\nheit aus. Als Einzelausgaben\nprasentieren sich die Bande\nebenfalls sehr vorteilhaft. □\nJederßandkostet: Inmodernem\nenglischen Leinenband M 3.—.\nIn Halblederband im Stil der\nZeit M 3.75. In Ein7,elausgabe\nin Halblederband M 3.75. □\n\nHANSE HERRMANN\nKUNSTLERISCHE LICHT-\nBILDER - HEIMAUFNAHMEN\nBERLIN W / POTSDAMER STRASSE 134 A\nNAHE POTSDAMER PLATZ/TELEPHON AMT VI, 14967\nLandeserziehungsheim SchlofJ Drebkau u J\nZwei Stunden von Berlin\nErziehung* und Unterricht nach modernen Crundsatzen\nAufnahme von Knaben und Madchen jederzeit\nGrofier Park Turn- und Tennisplatz\n\nEDMUND MEYER\nBuchhandler und Antiquar\n§§3gi§g BERLIN W 35 §§§£§§\nAnkauf einzelner Werke\nund ganzer Bibliotheken\nSoeben erschien: Katalog XVIII: Literatur\nGeschichte, Kunstgeschichte, illustrierte\nWerke in deutscher, englischer, fran-\nzos. 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November\nPlakatkunst :: Graphik :: Eintritt\njederzeit :: Naheres Prospekte\nHANS BALUSCHEK\nMaler\n:: Schulatelier filr Damen ::\nBERLIN W., Liitzow=Strasse 82\nAtelierhaus, linker Aufgang\nProspekte Brief-Adresse:\nSchoneberg - Berlin, Vorberg - Strasse 15\nSchule 112 iir graphische Kunst\n■ ■\nPotsdamer Strasse\nPrivatstrasse 121 G\nMALSCHULE\nSystem L.v. Kunowski\nAKT / KOPF / STILLEBEN\nHeinrich Richter\nEisenacher Strasse 103\nSprechstunden 12—1 Uhr\n\nselbst oder geben Sie ihm Backhausmilch, d. i. trink-\nfertige Kindermilch nach Prof. Dr. Backhaus in Einzel-\nportionsflaschen, (dies sind die zwei besten Arten der\nSauglingsernahrung, die es iiberhaupt gibt), dann hat\ndas Nachfolgende fiir Sie kein Interesse. Wenn Sie\naber durchaus die Bereitung von Sauglingsnahrung im\nHaushalt selbst vornehmen wollen, so raten wir Ihnen\ndringend, dazu den bewahrten 11 T1\n■■■■■■■■■■■laißaiiaiiinaiiiißißßiiiiiiiißiiiiiiiiaiiHiß\nNutricia-Nahrzucker\n(Maltosana) zu nehmen, der auch von den Aerzten\ndem bisher iiblichen Milchzucker vorgezogen wird.\nSie verabreichen dadurch gleichzeitig einen Kraft-\nnahrungszusatz. Die Pfund-Dose kostet 1,50 Mk.\nZu haben in alien Apotheken und Drogerien."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100414-01.1.8", "texte": "'/erasfwortl. 112, ä* Anzeigenteil; Gunther Haase / Verlag? De? Starau Homeyer, BerUo-lUleniee / Geschäftsstelle und Anzeigen-Annahme: Berlin W 35 / Druck v, Siegfried Seester« Berlin S 41\n\nBUCH- UND KUNSTDRUCKEREI !\nSIEGFRIED SEEGER\nBERLIN 542, RITTERSTRASSE 26\nTELEPHON AMT IV, 1045 ■■ TELEPKON AMT IV, 1045\nILLUSTRATIONSDRUCK, SETZ-\nMASCHINEN, BUCHBINDEREI\nSTEREOTYPIE, MODERNSTES\n:::: schrifte n material ::::\nSpezialitat: Drack von Broschuren, Katalogen,\nZeitschriften, Werken, Massenauflagen » Buntdruck\n\nsasseig'atteifc.xai-EaaaßaQa sesasaaasas*\n■\nIn Berlin erscheinende\nfranzosische Zeitschrift\n[ JODRNiL (IlLMtj\nZur Vervollkommnung-\nin der franzosischen 2\nSprache gut geeignet\n■ Abonncmentspreis vierteljahrlich 1,50 M «\nBRiaaaiiHßßasßßaaaßßagßiHßaßßaßßß\n\n88888888888 38888898 BBBBBB3SS8&&\nDER DEMOKRAT |\nWochenschrift fur freiheitliche i\nPolitik / Kunst und Wissenschaft ■\nErscheint jeden Mittwoch\n35\n8\nNummer 10 Pf. / Quartal Ml j\nProbenummern frei d. den Verlag g\nGr.-Lichterfelde, Manteuffelstr. 16 ■\n83888\n\nPreis 1 Mark Preis 1 Mark\nMenthol-Malz-Dragees\n■ ■\n■ ■\nSicheres Mittel gegen akuteKatarrhe der Atmungs-\norgane / ermoglicht Schauspielern und Sangern\nsofortigen Gebrauch der erkrankten Organe\n■■■■■■ ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN oi»»\nZu haben in alien Apotheken und Drogerien / Alleinige Fabrikantfn\n„Pharmacia\" / Fabrik ffir pharmaceutischen Bedarf / Berlin-Halensee |\nWohlsckmeckend Sicker wirkead I J\n\nGeschaftsbiicher und Kontorbedarf G. m. b. 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