{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_sha256": "cf72b53fac1e79aabf71a2d24f311f3058a5560053dfe77761c16a4bb1a6e56b", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/05/12_01/bmtnabg_1910-05-12_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/05/12_01/bmtnabg_1910-05-12_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "81", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.1", "debut_caractere": 559, "fin_caractere_exclue": 909, "texte": "INHALT:\nR. LAUDON: Ein deutsches Dankgebet/\nKARL HAUER: Weltbild / PAUL LEPP1N: Daniel\nJesus / Roman / ALFRED DÖBLIN: Gespräche mit\nKalypso über die Musik/LUDWIG RUBINER: Sollo-\ngub/RUDOLF KURTZ: Offener Brief an Karl May/\nPROGRESS: Fortschritt/ELSE LASKER-SCHÜLER:\nTigerin. Affe und Kuckuck/MINIMAX: Berliner Sen-\nsationen /KARIKATUR: Rektor Schmidt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c002", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "81", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.2", "titre_corps": "Ein deutsches Dankgebet", "titre_sommaire": "Ein deutsches Dankgebet", "signature_source": "R. 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Vor einiger Zeit hörte ich von\neiner peinlichen Szene bei einer bürgerlichen Be-\nerdigung: Die Angehörigen waren in der Leichen-\nhalle versammelt, der Prediger sagte seinen Spruch\nher, da erhob sich ein junger Mensch aus der vor-\ndersten Reihe, der sich für einen Moment nach\nhinten umgewandt hatte, stieß totblaß seinen Stuhl\num, packte einen älteren Herrn aus der Menge vorn\nan den Rockknöpfen und drängte ihn wortlos gegen\ndie Tür hin. Als der sich wehrte, schlug der junge\nMensch ihm mehrmals schallend ins Qesicht, hob\nihn mit beiden Armen auf, warf ihn vor der Türe\ndraußen an die Erde und blieb mit dem Rücken\ngegen die Türe außerhalb der Halle so lange stehen,\nbis der Gottesdienst vorbei war.\nWem steigt nicht die Qalle ins Blut und wer\nhätte nicht Lust zu tun wie dieser junge Mensch\nangesichts der Gegenwart eines deutschen Abge-\nsandten bei der Beerdigung Björnsons? Wie immer\nman auch Björnsons Dichtung berurteilen möge,\nwie immer man seine politischen Einzelziele be-\nwerten möge, so ist in ihm ein freiheitlich gesinnter\nMann, ein harter und rücksichtsloser Vertreter\nseiner Anschauungen, ein leidenschaftlicher Vor-\nkämpfer für Menschheits- und Kultursachen dahin-\ngegangen. Es. gibt genug, die seine Art nicht\nbilligen, aber jeder dient Gott auf seine Weise.\nWas aber hat bei der Beisetzung eines solchen\nMannes ein Vertreter Deutschlands zu suchen?\nDas ist ein scheinheiliges heuchlerisches Vorgehen,\ndas sich nicht entblödet, in einer ernsten schmerz-\nergriffenen Stunde die Fratze des Beileids zu\nschneiden, wo es am liebsten verächtlich heraus-\nlachen möchte. Dies ist schlimmer bösartiger Spott\nund grenzt an Gräberschändung. Ein Land, das in\nParademärschen» Indianertänzen und Apotheosen\nvon der Originalität der Tapetenmuster den Höhe-\nPunkt seiner künstlerischen Kultur erblickt, hätte,\nstark wie es doch ist, den Mut zu seiner Barbarei\nhaben müssen.\nAber man wundere sich nicht immer wieder,\nwenn, so viele Orte es auch gibt und'so viele feine\nKöpfe leben, nirgendwo und niemals vaterländisch\ndeutsche Werte entstehen wollen. Hier können\nvorbildliche Museen, Institute, Kasernen wachsen,\ndie Industrie kann blühen, aber der schaffende Geist\nsucht vergeblich in diesem Lande Quellen für seinen\nDurst. Raum für alle hat diese Erde nicht; bei uns\ngenießt nur das Glück offizieller Sonne, wer Patrio-\ntismus in Verherrlichung der Dynastie, wer Fort-\nschritt in Beschlüssen der Regierung, wer soziale\nVervollkommnung in der Entwicklung einer Militär-\nkaste sieht. Von diesem Deutschland wendet sich\nab, was geistige, „zivile\" Schwungkraft und Selb-\nständigkeit hat; derselbe Widerwille ist in den freien\nKöpfen gegen die offizielle „Nation\" wach, den das\neinzelne Süddeutschland oft gegen das führende\nPreußen äußert. Wir lasen alle die bitteren An-\nklagen, die Gerhart Hauptmann, Deutschlands\ngrößter Dramatiker, der bis in den Kern hinein sich\ndeutsch fühlt, gegen sein Land erhob, — er könnte\nwie kein anderer und wie wenige anderer Nationen\neine strahlende Heimatsdichtung singen; ihm ist die\nKehle zugeschnürt. Hier bilden Offiziere und was\nihnen verbündet ist, eine höhnende Großmacht, die\noffen über jegliches Konstitutionelle und Parla-\nmentarische lacht, die mit Plan dem Lande den\nRücken kehrt und in der Dynastie ihren einzigen\nRichtpunkt sieht. Wer möchte einem solchen sehr\nstarken und sehr rohen Staat seine Kraft zuwenden,\ndie ihm nie gedankt wird? Wer schüttelt noch den\nKopf über eine heimatlose und zerfahrene Dichtung\nund Kunst ohne Tradition, ohne Vergangenheit und\nZukunft?\nWer glaubt, daß ein offizieller deutscher Ver-\ntreter an der Leiche eines fremden Freiheits-\nkämpfers und Dichters etwas anderes betet, als\nDank, daß der Mann von hinnen gegangen ist, und\ndie Bitte, daß bald die Stunde kommen möge, an der\ner dasselbe Dankgebet sprechen könne für alle die-\njenigen, welche dem Fremdling ähneln oder ihn ver-\nehren?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c003", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "82", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.3", "titre_corps": "Weltbild", "titre_sommaire": "Weltbild", "signature_source": "Karl Hauer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.1", "debut_caractere": 5350, "fin_caractere_exclue": 9136, "texte": "Weltbild\nVon Karl Hauer\nZwei Triebe lenken die Bahnen und Schicksale\nder Gestirne: ein vereinsamender, nach innen\nziehender, zentripetaler — und ein auflösender, ins\nWeite schweifender, zentrifugaler. Vom Stern zum\nKosmos und vom Kosmos zum Stern flutet der\ngroße und ewige Kreislauf der Kraft, die in Wahr-\nheit niemals ruht. Sie sammelt sich um ein Zen-\ntrum, kreist um eine Sonne, verdichtet sich und\nfließt im Moment der höchsten Spannung wieder\nins Meer der* Allkraft über. Jede gebundene, zen-\ntralisierte Kraft strebt nach Erlösung und Wieder-\nvereinigung mit der Allkraft. In Bindung und\nLösung der Kräfte besteht das Spiel des Lebens.\nOhne die zentralisierenden Triebe, ohne das prin-\ncipium individuationis wäre die Welt ein totes, un-\nbewegliches Meer, „ruhende Kraft\", Nirwana.\nOhne die zentrifugalen, auflösenden Triebe wäre\ndie Welt eine Wüste erstarrter Sonnen und toter\nAtome. In beiden Fällen wäre sie ein Grab ihrer\nselbst, ein erfülltes Nichts. Erst im Widerspiel\nzweier Triebe, eines abgrenzenden, einschließenden\nund eines verbindenden, überfließenden, eines\natomisierenden und eines kosmischen, eines\nindividuellen und eines genialen, erst im Wider-\nspiel dieser Triebe gebiert sich das Leben. Stern\nund All, Welt und Ich sind die Angeln dieses Spiels\n— und all unser Denken und Tun ist dieses Spieles\nunbewußter Mittler, in meinem Tun denkt die Erde,\nim Denken der Erde wirkt das All . . .\nDas Streben des Individuums ist es, „sich\" aus\ndem Zusammenhange des Ganzen loszulösen und\nder „Welt\" als abgeschlossenen Teil entgegen-\nzustellen. Zwischen dem Individuum und der Welt\nsteht trennend und schützend die Haut. Welt und\nZelle sind durch die Zellwand geschieden.\nDurch die Poren dieser Wand aber findet jenes\nRingen statt, das wir das Leben nennen. Die Po-\nrosität ihrer Membran gestattet der Zelle, Kräfte\naus ihrer Umgebung an sich zu ziehen, sich zu\nnähren. Die Festigkeit und Dehnbarkeit der\nMembran ermöglicht es der Zelle, den Raub an der\nWelt in sich festzuhalten, zu wachsen. In der Los-\nlösung und Einhäutung, in Isolation und In-\nkrustation, betätigt sich der individualisierende\nTrieb der Zelle. In der Einverleibung und Assimi-\nlation der Außenwelt offenbart sich ihr geniales\nWesen, ihr Zusammenhang mit dem All; denn indem\nsie die Welt sich einverleibt und wächst, — wächst\nauch die Anziehungskraft der Welt und lockt sie, in\nihr sich aufzulösen. Wenn nämlich die Haut im\nweitesten Sinne (als Summe aller zentripetalen\nKräfte) und die von ihr umschlossenen assimilieren-\nden, mehr und mehr zentrifugal wirkenden Kräfte\ndas Maximum von Spannung und Druck erreicht\nhaben, dann ist die Lebensfähigkeit der Zelle als\nsolcher erschöpft — und das Ich ist von der Welt\nüberwunden. In der Kulmination seiner Entfaltung\nverliert das Individuum seine ursprünglichen\nTriebe. Der Trieb zur Isolierung weicht dem Trieb\nder Auflösung und der Trieb der Assimilation poten-\nziert sich zum Trieb der teilenden Zeugung. Unter\ndem Drucke der sprengenden, zentrifugalen Kräfte\ngibt das Individuum sein Selbst preis und teilt sich\nin zwei Zentren. Das Mutterindividuum hat sich\nim Genieakte der Zeugung verbraucht und ist —\nunsterblich in seinem genialen Wesen — ohne\nHinterlassung eines Leichnams gestorben. Und in\nzwei neuen Individuen ist die gelöste Kraft neuer-\ndings gebunden ... In der Auflösung der Mutter-\nzelle wirkte ihre geniale Kraft, in der Abschnürung\nder Zwillingszelle und Inkrustation der Tochter-\nzellen wirkten wieder die isolierenden, um ein\nZentrum kreisenden Instinkte des Individuums.\nAuf dieser Polarität der Triebe beruht die Er-\noberung der unorganischen Welt durch die organi-\nsierte, die Einverleibung und Belebung des Toten\ndurch das Lebendige.\nSein zweites Wunder wirkt der geniale Trieb\nder Auflösung und teilenden Zeugung in der Schöp-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10030, "texte": "fung der Individuen höherer Ordnung, der Zellver-\nbände, die im neuen Wechselspiel der individuali-\nsierenden und genialen Triebe zu immer höheren\nIndividualkomplexen fortschreiten. Die teilende\nZeugung entwickelt sich zur geschlechtlichen, der\ngeniale Trieb wird ein sexueller und endlich — in\nder Schaffung der Gesellschaftsverbände — ein\nsozialer. Je höher organisiert aber das Individuum\nist, desto mächtiger sind (der gleichfalls stärkeren\nzentrifugalen Triebe wegen) die Instinkte des In-\ndividuums in ihm, desto kunstvoller wird die\nKruste, in die es sich einschließt. Die Haut erhält\nBewegungs- und Schutzorgane, Greifwerkzeuge,\nStacheln, Haare, Giftdrüsen, Nägel, Krallen, Hufe\nund Zähne. Aber auch die Sensibilität raffiniert\nsich. Die Haut erhält immer mehr und immer\nfeinere Sinnesorgane, sie wird fühlend, schmeckend,\nriechend, hörend und sehend. Und als Intellekt\nendlich wird sie ein geistiger Schutzpanzer, der den\nkörperlichen ergänzt und künstlich vollenden hilft.\nKleidung und Wohnung, Wall und Graben, die\nchinesische Mauer, die Festungsgürtel, die die\nReiche umschließen, sind künstliche Haut. Unsere\nWerkzeuge und Waffen sind künstliche Hautorgane,\ndie Bahnen sind künstliche Beine, die Schiffe sind\nkünstliche Flossen, die Luftschiffe sind künstliche\nFlügel, die Telegraphen und Telephone sind künst-\nliche Augen und Ohren . . .\nDer Intellekt ist nur gesteigerte Haut-\nsensibilität. Er spiegelt die Welt nach der Optik\ndes Individuums und gibt diesem das Bewußtsein\ndes abgeschlossenen Ichs. Mit dem Ich-Bewußt-\nsein aber ist die Inkrustation des Individuums voll-\nendet. Der Intellekt schließt das Ich vom Nicht-Ich,\nvon der Welt, hermetisch ab. Und alle Reflexion\nund Wissenschaft ist auch eine Bestätigung des\nIchs und Isolation des Individuums vom unmittel-\nbaren Zusammenhang des Ganzen. „Ich denke, —\nalso bin Ich!\" Die Intellektualität ist der letzte\nTriumph des Atoms über das Universum. „Der\nVerstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur,\nsondern schreibt sie dieser vor\", sagt Kant mit an-\nerkennenswerter Kühnheit — und stellt damit die\nWelt buchstäblich auf den Kopf.\nIn Wahrheit jedoch ist der Intellekt ein Kerker\nund das Individuum ein Gefangener im eigenen Ich.\nGenie aber ist das Durchbrechen und Zertrümmern\nder Individual-Intellektualität, Preisgebung des\nIchs, Gehorsam gegen unbewußte Gewalten und\nVerbrauch und Auflösung des Individuums im Leben\ndes Ganzen. Genie ist — bildlich gesprochen —\ndas Individuum ohne Haut. Sein Wesen ist un-\nmittelbar an die Welt angeschlossen und das Leben\nder Welt flutet ungehindert hindurch. Während\ndas Individuum einen isolierten Teil der allgemeinen\nKraft darstellen will, ist das Genie bereit, dem\nGanzen zurückzugeben, was des Ganzen ist.\nEmerson nennt das Genie „eine Substanz von un-\nendlichen Affinitäten\". Mit allem verwandt, wird\nes von allem gelenkt und ist ohne Selbst. Selbst-\nlosigkeit (natürlich nicht im Sinne ethischer Güte)\nist das Merkmal aller genialen Naturen. Alle, die\nwir so gerne „Individualitäten\" nennen, waren und\nsind von dem Empfinden erfüllt, daß sie von Ge-\nwalten gemeistert werden, die nicht in ihnen als\nIndividuen sind. Immer finden wir den genialen\nMenschen im Dienste einer „höheren Macht\".\nDiese höhere Macht zu erklären, ist die Velleität\nseiner Individual-Eitelkeit. Moses und Mahomet\nsind Sprachrohre Gottes, Dante ist der Visionär\nsupranaturaler Gesichte, Dichter und Künstler\nlauschen den Musen und inneren Stimmen, Sokrates\ngehorcht dem Daimonion, Napoleon wird von\nseinem Stern geführt, Wallenstein von den Ge-\nstirnen, Cromwell kommt am weitesten, „wenn er\nnicht weiß, wohin er geht\", Ulrich von Lichtenstein\nkämpft und leidet für Frau Venus, Robespierre für\ndie Gerechtigkeit, Galilei für die Wahrheit,\nWashington für die Freiheit. Jeder nahm im\nDrange, sich zu verbrauchen, die Aufgabe auf sich,\ndie die Umstände ihm zuwiesen. Das Individuum\nin allen großen Männern ist uninteressant und der\n„intime\" Napoleon bietet dem Psychologen weniger\nals vielleicht der intime Kunz oder Müller. Alle\n„Ausnahmsmenschen\" sind nur Beispiele für die\nVerleugnung des Individuums unter dem Drucke\neiner stärkeren Kraft. Casanova verführte die\nWeiber und ward selbst verführt vom Weibe.\n„Das Weib\" wurde seine höhere Macht, und indem\ner sich im Dienste des Weibes verbrauchte, erfüllte\ner seine „Bestimmung\" und gab sich dem All\nzurück. Jede Selbstverleugnung ist in gewissem\nSinne Genialität und der Mensch der Passion gehört\nnicht minder zum Typus des genialen Menschen als\nder Mensch der Produktion. Der eine wie der\nandere erfüllt im gleichen Maße seine einzige Be-\nstimmung, die im Individuum gebundene Kraft zu\nlösen. Das Individuum sammelt und bindet die\nKräfte, das Genie löst und verwandelt sie. Indi-\nvidualität und Genialität sind die beiden Phasen des\nLebens, die beiden Seiten desselben Phänomens.\nDas Individuum ist die Voraussetzung und Vor-\nstufe des Genies. Es ist der Akkumulator der\nKräfte, die später — nach Generationen — im\nGenie wirksam werden. Das Individuum ist latente\nElektrizität, Genie ist Blitz und Entladung, das In-\ndividuum ist das Kapital des Lebens, Genie ist\nVerbrauch.\nDie Aufeinanderfolge der Individuen in der ge-\nschlechtlichen Zeugung ist ein System verzweigter\nEvolution und das Genie ist die Unsterblichkeit der\nIndividuen. Was vom Individuum stirbt, ist nur die\nHaut, die Hülle im weitesten Sinne: das Ich. Nur\ndie dem einzelindividuellen Leben dienenden\nZellen des Individualkomplexes sind a priori dem\nTode geweiht. Jene Zellen jedoch, die zur Fort-\npflanzung des Individuums bestimmt sind, gehen\nwohl in ungeheurer Majorität durch äußere Ein-\nflüsse zugrunde, sind aber mit Unsterblichkeits-\nmöglichkeit ausgestattet. Die konjugierenden Ei-\nund Spermazellen schließen die sukzedierenden In-\ndividuen zu einer organischen Kette. Und durch\ndiese Kette der Individuen läuft die erworbene und\ngebundene Kraft wachsend und schwellend dem\nMeere zu, in das sie sich verlieren will. Das Genie\nist als solches das letzte Glied einer Kette und der\nErbe alles Erworbenen. Für das Genie arbeiteten\ndie Individuen, das Genie selbst erwirbt nichts und\narbeitet nicht. „In unseren höchsten Augenblicken\narbeiten wir nicht,\" sagt Nietzsche, „Arbeit ist nur\nein Mittel zu diesen höchsten Augenblicken.\" Im\nGenie verschwendet sich der Fleiß der Gene-\nrationen, in ihm ist alles reife Frucht . . .\nAlles ist verkettet. Es gibt in Wirklichkeit\nkeine Isolierung, kein Individuum. Das voll-\nkommene, in sich abgeschlossene Individuum ist\nein theoretisches Schema, das nur im Individual-\nbewußtsein existiert (und seinen exaktesten theo-\nretischen Ausdruck im Fichte'schen Solipsismus\nund in Stirner's „Einzigem\" gefunden hat). Durch\ndie Poren jedes Individuums sickert das Geschehen\nder Welt und in jedem ist die ganze Vergangenheit\nseiner Antezedenten lebendig und wirksam. Nur\ndie sterblichen Hüllen wurden von seinen Vor-\ngängern abgestreift, die unsterbliche Kraft aber\nwanderte von einem ins andere — und in jedem In-\ndividuum reift etwas zur Frucht, was in anderen\nnur Keim, Knospe oder Blüte war, und in jedem\nsind Keime, Knospen und Blüten, die in anderen\nFrüchte werden können, in jedem ist ein Ver-\nsprechen und eine Erfüllung. Aller Sinn des Lebens\nliegt in der Kette und erfüllt sich an einem ihrer\nvielen Enden, — denn jedes Glied der Kette (aus-\ngenommen das erste und das letzte) ist Anfang und\nEnde zugleich . . .\nVom Standpunkt des Individuums aus gesehen,\nhat das Leben keinen Sinn. Es erscheint sodann als\ngrausame und unlogische Farce. Der Leidende\nweiß nicht, warum und wozu er leidet, der Glück-\nliche weiß nicht, warum sein Glück endet. Schmerz\nund Tod sind für das Individuum die beiden großen\nWidersprüche des Lebens. In der Einverleibung\nin die sozialen Gebilde findet das Individuum zuerst\neine Lösung dieser Widersprüche. Die Unter-\nordnung des Einzelnen unter das Wohl des Ganzen\nals des höheren Individuums erklärt zum Teil die\nNotwendigkeit des Leidens, und je fester das Ge-\nmeingefühl (der Egoismus des höheren Indi-\nviduums) sich ausprägt, desto mehr schwindet der\nSchutz- und Machttrieb des Einzelnen. Im Paro-\nxysmus patriotischer Begeisterung geht das Indi-\nviduum sogar freudig in den Tod. Das höhere In-\ndividuum— die Polis — folgt seinen Individual-\nund Genietrieben auf Kosten des Einzelnen; es\nschützt sich, wächst, erobert und teilt sich mit dem\nerreichten möglichen Machtmaximum durch Zer-\nsplitterung oder Kolonisation.\nDennoch aber wird der Einzelne durch die Polis\nnicht so völlig absorbiert, daß nicht immer wieder\njene Widersprüche sich geltend machten. Reli-\ngionen und Philosophien unternahmen es, diese\nWidersprüche radikal zu lösen. Der Trost, den sie\ndem Individuum spenden wollten, bestand stets\ndarin, daß sie den Einzelnen an die Kette oder das\nAll anschlössen. In der ältesten aller Religionen,\nim Ahnenkultus, liegt die Unterordnung des In-\ndividuums unter das Leben der Kette. Das\nSchicksal des Einzelnen erklärt sich darin aus ver-\ngangener, ererbter Schuld oder aus vergangenem,\nererbtem Verdienst und der Tod erscheint durch\ndie Nachkommenschaft besiegt. Im Glauben an den\nUebermenschen — der jüngsten aller Religionen —\nwird das Individuum zum bewußten Kettenschmied\nund lebt dem Enkelkultus. Das „tat-twam-asi\" der\nalten Inder — die tiefste aller Religionen — lehrt\nden Zusammenhang des Individuums mit dem All-\nEinen . . . Daß der Sinn des Lebens in der Kette\nsich offenbart, und daß die Kette in das All mündet,\ndies ist der esoterische Inhalt aller Religion und\nPhilosophie. Das egozentrische Denken des In-\ndividuums aber deutet diesen Inhalt in seinem Sinne\num und versteht unter der Ewigkeit des Seins die\n— Personalunsterblichkeit. Gerade das Sterb-\nlichste an ihm, seinen Hautsinn, das Ichbewußtsein\nwill das Individuum als „unsterbliche Seele\" vor\ndem Tode retten. Diese Seele aber stirbt in Wahr-\nheit schneller als der Leib, der noch viele Stunden\nzu leben vermag, wenn bereits jede Spur des per-\nsönlichen Bewußtseins entflohen ist . . .\nAus einer Essaysammlung, die im Herbst bei Jahoda & Siegel, Wien,\nerscheint"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "82", "page_fin": "83", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.4", "titre_corps": "Daniel Jesus : Roman", "titre_sommaire": "Daniel Jesus : Roman", "signature_source": "Paul Leppin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.2", "debut_caractere": 10032, "fin_caractere_exclue": 12953, "texte": "Daniel Jesus\nRoman\nVon Paul Leppin\nBaron von Sterben war ein sehr guter und auch\nein schlechter Mensch. Er wußte nichts davon.\nIn ihm tat das Gute alle jene edeln Capricen und\nFeinheiten, die er selbst zuweilen an sich liebte, und\ndas Schlechte wurde gemein und schmutzig in seiner\nSeele mit einer gewissen nachdrücklichen Besonder-\nheit, die er oft nicht begreifen konnte. Er selbst\nrührte keinen Finger zu dem allen. Er wehrte sich\nnicht gegen das Arge in ihm und tat dem Schönen\nkeinen Gefallen. Er war zwanzig Jahre alt und hatte\ndem Leben bis auf den steinernen Grund gesehn.\nUnd nun machte er eben alles mit, was eine eigene\nund einsame Gebärde hatte, jedes Abenteuer, wenn\nes kostspielig war, jede Sünde, die ihn noch schauern\nmachte. Das heißt, er war es gar nicht, der das\nalles tat, es waren die Dinge selber, die ihr Leben\ndurch das seine trugen und durch ihn hindurch-\ngingen wie durch eine offne Tür. Seine Seele tat\nmanchmal etwas, seine Hand oder ein Fremder.\nAber niemals er selbst, den er verloren zu haben\nglaubte in den ungesunden Träumen seiner Knaben-\njahre. Er war ein passiver Mensch, mit dem die\nTage machten, was sie gerade wollten.\nEr liebte Hagar, die junge Zigeunerin. Auf\neinem Jahrmarkt vor der Stadt hatte er sie vor\neinigen Wochen gefunden, wie sie den Leuten für\nbraunes Kupfergeld kindische Kapriolen schenkte.\nSie hatte ihm gefallen, weil sie mit bloßen Füßen\ntanzte und klein und mager war wie eine Wildkatze.\nUnd als er ihr eine Viertelstunde zugesehn hatte, da\nschüttelte ihn schon der Frost, und er wußte nun,\ndaß alles vergebens war und daß ihn sein armer, von\nder Liebe gefolterter Leib zwingen werde, sie zu\nbesitzen. Sie hatte große und schmale Goldringe in\nden Ohren, über die das Haar wie ein dunkler Vor-\nhang fiel. Diese großen, dünnen Ringe bei blassen\nFrauengesichtern waren sein Fetisch schon seit\nJahren. Es kam ein wilder, verregneter Vor-\nfrühlingstag, und seine Zähne schlugen im Taumel\naneinander. Er fühlte leise und hoffnungslos, daß\nGefahrvolles und Böses in den Augen Hagars lauerte,\nund daß sein junges Leben darunter büßen werde\nwie unter einer Rute. Aber eben das war ein\nschwerer, siegender Zauber für ihn, dem er nicht\nentrinnen konnte.\nSo wurde Hagar die Maitresse des Barons.\nStumm und staunend war sie damals mit ihm\ngegangen. Sie begriff nicht recht, was sie mit ihm\nbeginnen sollte, der sie mit zuckendem Munde an-\nsprach und über dessen verlebtes Gesicht das\nFieber wie der Wind über die Felder ging. Er\nfreute sich darüber, daß sie Hagar hieß, er hatte\ndiesen Namen schon in der Schule sehr lieb gehabt,\nund das Schicksal dieses Weibes hatte ihn immer\ngerührt wie das seiner Mutter. Jetzt war sie seine\nGeliebte geworden, und er führte sie in sein Haus.\nFür hundert silberne Gulden hatte er sie einem\nschmutzigen Komödianten abgekauft, der sie wohl\nfür zwanzig auch gegeben hätte, denn er war\nhungrig und hatte schon seit Tagen kein Fleisch\ngegessen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6045, "texte": "Sie ging still und folgsam mit ihm durch die\nStraßen, wo die Leute sich umsahn und lächelnd\nden Baron erkannten. Sie trug ein dunkelrotes,\nverschossnes Kleid und hatte bloße Füße. Da-\nheim nahm er sie in seine Arme und sang eine\nkleine, ein bischen ironische Melodie, die er einmal\nvon einer Frau in einer seltsamen Stunde gehört\nhatte. Mit der Spitze seines Lackschuhs stieß er\neine wunderschöne breite Tür auf und legte die\nstumme Hagar in sein seidnes Bett. Ein tiefblaues\nund trauriges kostbares Kopfkissen schob er ihr\nunter den braunen Hals, und dann kniete er nieder\nvor dem Bett und begann sie Stück um Stück\nlangsam atmend zu entkleiden.\nHagar wandte ihren Kopf zu ihm und sah\nihn an. Und dann sagte sie etwas, das wie eine\nLiebkosung über sein heißes Gesicht flog. Er schrie\nauf und küßte sie mit der kranken Inbrunst\nseines Leibes, den die Liebe zerbrach. Er küßte sie,\nbis ihr das Blut von den Lippen auf das weiße Eis-\nbärenfell niederrann, auf dem er kniete, und da nahm\ner sie mit beiden Händen und riß ihr das Hemd über\nder keuchenden Brust vom Leibe, daß sie nackt vor\nihm da lag und ganz sein war.\nNun hatte sie ihn schon viele Wochen mit ihrer\nLiebe gequält und ihn zum Sklaven ihres\nkleinen, mageren Körpers gemacht, an dem er zu\nGrunde ging. Hagar war gnadenlos und ohne Er-\nbarmen. Sie grub ihre braunen, zitternden Finger\nin sein weiches Fleisch und biß ihm die Brust wund\nwie eine Katze. Ihre heischende und zuchtlose\nLiebe umgab ihn wie ein schwerer Traum, aus dem\ner nicht erwachen konnte.\nBis eines Tages Daniel Jesus kam und sie mit\nder Peitsche aus dem Hause des Barons Sterben\njagte. Er wollte nicht, daß sein junger Freund\ndieser verkommnen Hexe erliege. Es war etwas\nGroßes und Phantastisches in dem Herzen des\nBarons, das er ihm bewahren wollte und das ihm\ndie Zigeunerin stahl, in jeder Nacht, In der er ver-\nzweifelt mit ihrem Leibe kämpfte wie mit einem\nTier.\nErst schrie er auf und wollte Daniel Jesus die\nPeitsche entreißen, dann warf er sich auf den Boden\nund hüllte den Teppich um seinen Kopf und ließ ihn\ngewähren.\nHagar kam wieder, aber sie marterte ihn\nnicht mehr. Sie saß am Tage schweigend und fin-\nster in einer Ecke, und in der Nacht sprach sie mit\nihren Träumen. Einmal bat sie ihn, er solle ihr aus\neinem alten, rostfleckigen Buche etwas vorlesen, und\nda las er mit Verwunderung Gebete und Sprüche\nund Lieder darin und eine uralte Litanei zu einem\nlange vergessenen Heiligen. Es war eine starre\nund blinde Brunst in diesen Liedern, eine wüste\nSehnsucht und so etwas wie eine letzte mit dem\nKreuze gezeichnete Station.\nEr fragte.\nDa sagte sie trotzig, daß sie jetzt zum Schuster\nAnton gehe, zu dem heiligen Mann, der draußen\nhinter dem Bahnsteig wohne, in der langen Straße\nmit den hundert Laternen. Sie sei eine Sünderin\nund müsse beten, stundenlang und alle Tage, damit\nGott ihr verzeihe und sie den Frieden finde.\nDen Frieden? Das Wort machte ihn betroffen.\nDen Frieden? Verspricht den der Schuster?\nJa.\nUnd jetzt sprach sie eine Stunde lang von dem\nMessias. Wie er groß und mächtig sei und wie ein\nKönig unter allen Leuten. Wie neben seiner Stimme\njede Sünde fällt. Wie hoch seine Hände zu Gott\nemporreichen. Und wie er das tausendjährige Reich\nverkündet. Die Menschen sollen fliehen vor ein-\nander, denn die Gemeinsamkeit ist die Sünde. Und\nwo zwei neben einander stehn, da sei Gott mitten\nzwischen ihnen, daß sie ihre nackten Augen nicht\nsehn und sich nicht schämen müssen. Damit wir\nnicht arm und gehetzt sind wie heute und mit uns\nselber kämpfen und mit dem Leben. Damit wir\nnicht in Krämpfen und Begierde unterliegen. Daß\nwir keine Sehnsucht mehr haben, außer Gott. Und\nkeinen Wunsch außer ihn. Fluch aller Liebe, die\nan Gott vorbei will. Ihr nimmt er das Bewußtsein\nund macht sie irre. Daß sie am Ende nur ihre eigene\nMarter lallen kann.\nSie hatte sich heiß geredet, und ihre Wangen\nbrannten. Ihr Haar war aufgegangen und fiel ihr\nins Gesicht. Sie war schön in dieser Stunde, die\nZigeunerin. Er nahm sie um den Leib und\nwollte sie küssen. Seit jenem Tage, da Daniel\nJesus sie mit der Peitsche schlug, hatte er sie nicht\nberührt. Die Gier erwachte in ihm, und er schau-\nerte wieder wie damals, als er sie zum ersten Male\ngesehn hatte an jenem wilden, verregneten Früh-\nlingstag, als sie mit nackten Füßen vor ihm tanzte.\nHagar — stockte er und wollte sie küssen.\nAber sie wandte sich ab und stieß ihn zurück.\nUnd als er ihren Leib faßte, schrie sie wie im\nSchrecken. Da kam eine leuchtende, hellrote Welle\nvon Blut, die ging durch sein Gehirn wie ein Eisen-\nbahnzug und brauste. Er nahm die Zigeunerin bei\nden Füßen und warf sie zur Erde. Dann setzte er\ndas Knie auf ihren bäumenden Leib und wollte ihr\nwie damals das Kleid über der Brust zerreißen. Doch\nsie hob die Hand und schlug ihm ins Gesicht, hart,\nblind, drei-, viermal. Er gab sie frei und sah entsetzt\nund bleich zu ihr hin — wie zu einem Tier.\nDann lachte er auf und höhnte:\nDu bist in deinen Schuster verliebt und magst\nmich nicht mehr. Geh hin, er ist stark und groß,\nund sein Bett ist breit, dort kannst du beten.\nSie lag noch immer auf dem Boden.\nDas ist nicht wahr! schrie sie laut. Und da\nkam eine Pause, in der sie sich ansahn und beide\ndas Blut des andern flüstern hörten. Ein Moment,\nwo ihre Augen groß und schmerzhaft wurden mit\nvielen Tränen, in denen noch der traurige Schimmer\nihrer verwundeten Seele leuchtete.\nDas ist nicht wahr! heulte sie noch einmal wie\nein Hund, und dann warf sie den Kopf auf die Erde\nund weinte.\nEs war ihr eben ein Glück genommen worden,\nan das sie viele Tage geglaubt hatte. Das war in\nihr zusammengebrochen und stand nie mehr auf.\nSie wußte mit einem Male, daß sie niemals nach\nGott gesucht hatte in diesen Stunden. Daß es doch\nwahr sei und daß sie den Schuster liebte und nach\nihm begehrte und daß sie es vordem nur nicht ge-\nwußt hatte. Aber jetzt war es ihr plötzlich deut-\nlich, daß sie nach seinem großen und stolzen Leibe\nlechzte und nach dem häßlichen Mund mit den\nbrennenden Narben. Und er war von Gott und\nwürde sie zertreten, wenn sie zu ihm käme.\nDarum weinte die Zigeunerin."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "83", "page_fin": "84", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.5", "titre_corps": "Sechstes Gespräch: Hohn und Schwermut der Verliebten / Von der Rhythmik : Ueber die Musik", "titre_sommaire": "Sechstes Gespräch: Hohn und Schwermut der Verliebten / Von der Rhythmik : Ueber die Musik", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.3", "debut_caractere": 6066, "fin_caractere_exclue": 12031, "texte": "Gespräche mit Kalypso\nSechstes Gespräch: Hohn und Schwermut der\nVerliebten / Von der Rhythmik\nUeber die Musik\nVon Alfred Döblin\n(Die Felsenwanderung. Kalypso und der Musiker\ngehen unbegleitet die steilen Wege. Sie verweilen\nmanchmal ruhend auf einer Höhe. Die weichen\nZüge des Musikers sind völlig schlaff und willenlos,\nöfter in Ueberdruß und Haß sich verhärtend.)\nKalypso:\n(Betrachtet ihn rasch von der Seite, mit spöttischem\nLächeln.) Welche furchtbaren Entschlüsse mein\nFreund in der Brust wälzt. (Musiker starrt vor\nsich hin.) Man erzählte mir einmal, als ich unter\nden Menschen deiner Zeit lustwandeln ging, im Ge-\nwand einer jungen Fürstin, daß Ihr keine Erfindung\nEurer erfindungsreichen Zeit so schätztet als jene,\ndie Ihr Liebe heißt. Ich wußte nicht, was sie ist,\naber mir fällt sie ein, wo ich Dich betrachte, mein\narmer Freund und Qebieter.\nMusiker:\nKalypso, ich habe mit Dir nichts zu tun, — und\nbin ich krank, so ist es meine Krankheit.\nKalypso:\nIhr Sonderbaren. Ueberall hin schleppt Ihr Eure\nTorheiten. Ihr laßt, wie die Hunde, keine Ecke un-\nbenäßt.\nMusiker:\nO stürztest Du doch von der Klippe und zerschell-\ntest gleich meinen toten Freunden.\nKalypso:\nBrüderlein, sei gut und sanft. Was braucht Ihr da\nstolze Namen für so unwürdige Dinge? (Sie sitzen\nauf einem bankartigen Felsenvorsprung in einer\nNische der Klippen.) Bändige ich Dich, singe ich\nDich wie eine Amme ein. Den Fischen hast Du\nso oft gepredigt; will mein Lehrer seines Amtes\ngegen mich vergessen? (Sie hält den Kopf des\nMusikanten im Schoß und wiegt ihn; singt und\nsummt eintönig.) Bald schläfst Du ein und\ndann schwindet der Trotz. (Sie lächelt immer, singt\nnicht mehr, nur ihr Gewand rauscht in den Wiege-\nbewegungen.) Bald schläfst Du ein; das Hin und\nHer ermüdet Dich; das Gleichmaß des Rauschens\nermüdet Dich. — Lachst Du nicht über Deine\nKunst? Ja, sie ist eine große Kunst, sie schläfert\nein. Lach nicht, lach nicht; so tut alle Lehre und\nKunst: hier erwecken, dort einschläfern. Der\nSchlaf begleitet unser Leben, und auch das Wachen\numhüllt ein tiefer Schlaf. Eine stumme Macht ist\nder Schlaf, stumm, weil nur das Wachen der\nSprache bedarf. Und viele preisen auch die Tu-\ngend des Schlafes, doch nennen sie ihn anders.\nMusiker:\n(Murmelt) Kalypso, o Kalypso.\nKalypso:\nDas Gleichmaß führt das Wachen in den Schlaf,\nführt das Bitterste in den Schlaf, das Schwächste\nin den starken Schlaf. Des Gleichmaßes Herrin ist\ndie Kunst. Wir suchen Leben zu messen, wir ver-\ngleichen; und so heißt dies: vergessen wollen,\nschlafen. Zwischen dem Ungeordneten, Fremden\ntanzt und irrt das Wachsein und seufzt nach dem\nWiederkehrenden, Wohlbekannten, Gleichen, immer\nGleichen. Schlafe, was willst Du mehr? Oh wie\nflötet die Kunst zu diesem Tanze!\nMusiker:\nAch, gib mir von ihm. Bang macht mich das Leben.\nIn der Fremde irrt mein Wachsein und seufzt nach\ndem Wohlbekannten.\nKalypso:\nSie ist die Herrin des Gleichmaßes, die Kunst; sie\nist von Ammenart, lullt ein. Kaum stützt sich eine\nKunst so schwer auf diesen Pfeiler, als Deine, die\nZeitkunst ist; mit einem Stoffe wie ein Nichts, ein\nHauch, — und so gedrängt und befähigt, die fast\nreine Zeit, das Wirklichste zu meistern. In ihren\nHänden ruht Gewalt, wie in wenigen. Wo\nimmer Du Gewalt in den Künsten findest, stößt Du\nauf Eintönigkeit, auf Ebenmaß. Die Herrichter der\nWerke bannen durch einfaches, so einfaches Rech-\nnen. Sie rauben Dich Dir, wecken da, schläfern\nhier. Zwiefach ist die Art des Großen, Gewalti-\ngen; zu bannen und lähmen, zu spannen und\nschlaffen, und so schließlich jedes Wirkenden. Dicht\nwohnt bei der Gewalt die Langeweile. Und\nwo die Künste Schrecknis mit sich führen, zieht der\nSchrecken auch aus dem Gleichmaß seine Nahrung;\ndenn Stille und Schrecknis sind sich nicht fremd,\ndie Lähmung und Bannung sich nicht fremd. So\natmet die Kunst, und ihre Atemnot heißt „Zufall\";\ndenn er kehrt nicht wieder, ist unmeßbar, er, der\nbesser Abfall hieße. —\nNimm Deine Harfe und singe. Laß mich Dir\nsagen, mein schwermütiger Freund, der so ängst-\nlich dem Schlafe naht: Du verlierst Dich nicht, ver-\ngißt Dich nicht in Deiner Kunst; wohl raubt sie Dir,\nwas Du Dein Wachsein nennst, aber Du gehst nicht\nauf im Wachsein. Das Wohlbekannte, Wiederkeh-\nrende, Gleiche, immer Gleiche, hält auch Dich um-\nfaßt. Tief ist die Schlaftrunkenheit der Welt.\nNichts raubt einer Dir. Ich leide Tod? Ich tue\nTod. Ich bin Tod. Nimm Deine Harfe und spiele.\nVerlierst Dich, gewinnst Dich in der Welt, sehn-\nsuchtgestillt, denn die Kunst strömt hin, eintönig,\ngewaltig bannend und rätsellos wie die Welt, und\nbist selber von dieser Welt. „Mutter\" sagst Du,\nwenn Du singst.\nMusiker:\n(Richtet sich auf, sieht ihr eine Weile in die Augen,\nsitzt neben ihr, still.) Ach ich will mich versenken\nund verlieren. Schwer fasse ich meine eigene\nWeisheit „ich leide nichts\", ich, leidgefüllt bis an\nden Rand. Was sind Wünsche und Lüste und\nOhnmacht? Der Schmerz ist ein Irrtum, ja er tut,\nals wäre ich schon und verlöre mich. Doch er ist,\n— was kümmert es ihn, wie er heißt! Und Schmer-\nzen und Lüste weisen über mein Jetzt hinaus: und\ndarum lügen sie nicht, noch irren sie; flüstern und\nbrummen: „Du leidest, komm, Du bist noch nicht;\ndie Welt ist nicht vollendet, sie wächst über Dich\nhinweg.\"\nIch soll nicht glauben, daß hinter dieser Welt\nnoch eine andere sich versteckt; ich darf es nicht\nglauben. Dann ist — Recht hast Du — das Gleich-\nmaß, in das meine Augen die Welt geschlagen\nsehen, Zusammenhang der Dinge; dann tritt aber\nein Wunderbares hervor in den Zusammenhängen,\nGesetzen, Formen, ein Fertiges, Bestimmtes, Vor-\nhandenes, ein Inhalt der Welt. Das Blech klingt\nanders als das Holz, es macht nichts aus, ob der\nOlympier darauf geprägt ist oder ein Veilchen.\nSchlaftrunken liegt sie da, sagst Du, Kalypso, die\nWelt; sie wirft sich ruhelos und gähnt; sie lodert\nauf und verbrennt nicht gleich dem Olympier. So\nist sie doch fertig, oder drängt auf Vollendung. So\nmuß sie doch ein Ende haben, ein Ziel! Eine Satt-\nheit, eine leidlose, lustlose Stille!"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2830, "texte": "Kalypso:\nSo laß das Wühlen in Schwermut, mein kran-\nker Freund; Rätsellöserin, Rätselvergesserin singe\nich zu Dir, denn zuweilen heißt: Rätsel vergessen\n— Rätsel lösen. Zusammenhang, Gleichmaß kennt\nsie, Deine tiefsinnige Kunst, wie keine andere, und\nlachen, jubeln und tanzen will sie im Gleichmaß,\nwie auch in Schlaf versenken, bannen und\nerschrecken. —\nMusiker:\nEs gibt kein Ziel. Es gibt keinen Tod. Ich bin\nschon Tod. Unerschöpfbar steigen die Kräfte der\nwachsenden Welt auf; aus dem Nichts steigen sie\nauf. Wüchse die Welt nicht, so hätte sie ein Ende,\nso würde sie nicht, — sie wäre und stände still.\nAber wie ein Baum glüht sie auf, wächst und welkt\nnicht. Erhielte sie sich bloß, so wäre sie schon da,\naber sie ist nicht und ist immer unvollendet. For-\nmen sind? Gibt es einen Schlaf? Du sprichst\nschön. Was sie Formen heißen, heißt mir Be-\nstimmtheit des Weltablaufs, Bestimmtheit des\nDinges; — das Ding erschöpft sich in seinen Be-\nziehungen, ist nichts hinter den Beziehungen, nichts\nmehr. Und aus den Bestimmtheiten wächst die\nUrsächlichkeit; und spricht das Eigentümliche der\nBestimmtheiten aus; so viele der Ursächlichkeiten\ngibt es, wie es Dinge gibt, Wo liegt etwas still,\nwie bringe ich Ruhe in das Flimmern? Es täuscht\ndie Ursächlichkeit, so wie das Ding täuscht, sie\nverdoppeln, verdreifachen und helfen nicht. Sie\ngehen herum um die Beziehlichkeit und die Be-\nstimmtheit. Daß aber die Welt sich so bestimmt,\nwie sie es tut, — dies darf mir nicht zur Frage\nwerden; denn ich will ja in der Welt verbleiben\nund sie überdenken. Kein Festes ist sie, wenn sie\nsich bestimmt, nur geträumt Festes; sie schreitet\nvor; fest ist nur die Vergangenheit. Nicht notwen-\ndig ist sie, noch frei im Schritt, bestimmt und\nsicher immer. Die Wiederkehr, Du sagst es zwar,\nläßt im Schritt Gesetze und eherne Bindungen er-\nblicken —. Ich weiß: es kehrt vieles wieder. Ich\nfrage nicht, warum kehrt dies wieder? Mir fällt\ndies zu den fraglosen Bestimmtheiten des Ablaufs\nder Welt. Du bist eine Hellenin, oh Kalypso,\nblickst nur darauf, auf die Wiederkehr, das Gleich-\nmaß, und preisest den Kosmos. — Ich schüttle den\nKopf über die, welche gar ein gemeinsames Wur-\nzeln aller Erscheinungen erhoffen, welche eine\nFormel finden wollen für die Bestimmtheit der\nWelt, — nicht, weil die Formel nicht gefunden wer-\nden kann, — sondern weil sie nichts sagen könnte.\nWas hilfts, daß man eine Bestimmtheit heraus-\ngreift! In die Tiefe, Höhe und Breite wächst die\nWelt unermeßlich; wir können nur immer Neues\nfinden und suchen, Nahes und Näheres binden, mit\nihr wachsen. Ich erkenne Gleichmaß, Wiederkehr\nund Zusammenhang an; einen Sinn hat die Welt,\nden ihr der Satz der Beziehlichkeit leiht, — weiter\naber kann ich nicht, o Kalypso, nur preisen Gleich-\nmaß und Beziehlichkeit und immer preisen den\nBaum, von dem — mir kein Apfel herunterfällt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "85", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.6", "titre_corps": "Sollogub", "titre_sommaire": "Sollogub", "signature_source": "Ludwig Rubiner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.4", "debut_caractere": 2877, "fin_caractere_exclue": 12612, "texte": "Sollogub\nVon Ludwig Rubiner\nAus Dostojewskis Dichtwerk stiegen zum\nerstenmal die runden Türme Rußlands auf, rot von\naltem Gold und Blut, und eine Luft heiß von Ge-\nschrei. Als der „Idiot\" erschien, hätte Europa den\nAtem anhalten müssen: hier setzte die Zeit von\nneuem ein. Die Kultur Europas war im Werke\nDostojewskis zerstört worden; denn sie war durch-\nschaut, und die ererbte Hemmungslosigkeit selbst-\nverständlicher Gesellschaftsformen war aufgelöst.\nAber im Roman vom Idioten schössen alle mit-\nschwingenden Töne, die über dieser buntgefleck-\nten Wut der Auflösung bisher geheim schwebten,\nzu einem neuen, hellen Lichtstrahl zusammen. Dies\nwar die erste Erkenntnis von der ungeheuerlichen\nAbenteuerlichkeit in den täglichen Erlebnissen des\nmodernen Menschen. Die erste Schilderung von\ndem Schlachtlärm seiner Entrückungen auf den ver-\nborgenen Wegen seiner maßlosen Vereinsamung.\nDas Buch zeigte den Weg der neuen Jahrhunderte\nan. Die furchtbare und in den letzten Fernen\ntobende Entrücktheit Dostojewskis warf wie ein\nharter, greller Scheinwerfer die geheimen Ahnun-\ngen der neuen Zeit als Tatsachen von roher, primi-\ntiver Nacktheit mit riesigen Dimensionen in den\nRaum. Dinge, an denen deutsche Romantiker nur\nzärtlich versteckt unter den Kostümen ihrer Fabeln\nzu tasten gewagt hatten. —\nSeit dem Tode Dostojewskis war die russische\nLiteratur eine sehr private Angelegenheit Rußlands.\nMan hat Europa ohne Grund und auch vergeblich\nfür die höchst nationalen Eigentümlichkeiten russi-\nscher Dichter zu interessieren versucht. Aber es\ngeschah peinlicherweise, daß Nichtrussen sofort\njenen bekannten Ton analysierender Erzählung\nüberall wiederfanden, der (seit seiner ersten ur-\nsprünglichen Schwingung in Dostojewskis Werken)\nheute den fatalen Eindruck macht, als schreibe die\nrussische Literatur sich von selbst weiter.\nJener alte Dichter, der jetzt in Rußland durch\ndie Popularisierung selbstverständlicher Gefühls-\nwandlungen der Zeit als Prophet lebt, wird für\nEuropa zum Dichter nur durch eine grenzenlose\nEnergie in der stärksten Konzentration negativer\nEigentümlichkeiten. Tolstojs Dichtung gibt nicht\ndas, was er sieht, sondern drängt zusammen, was\ner nicht sehen will. Und man erinnert sich noch\nsehr einer trübseligen Beschämung, die in den\nletzten Jahren der Dichtung Rußlands schnell das\njäh erwachte Interesse Europas nahm, als man er-\nkannte, daß einige, in kleinsten Formen feurige\nDichter zu Ruhm nur durch eine gewisse, exotisch\ngelaunte Mode gekommen seien.\nUnter den kleinen Feuerwerken psychologi-\nscher Amüsements konnte kein Mensch im Westen\nsehen, daß drüben in Rußland in Wahrheit etwas\nsehr Wesentliches vorging. Plötzlich war — und\nnie begreiflich für den Westeuropäer — das uralte\nByzanz aus der Erde gewachsen, und heilige\nKuppeln stehen auf einmal inmitten einer neuen\nund rohen Zivilisation. Der traditionelle Huma-\nnismus Europas wird wie selbstverständlich abge-\ndrängt — das ist das Testament Dostojewskis.\nDort drüben steht heute der Anfang einer Kultur\nohne italienische Renaissanceformen, eine Kirche\nohne die Traditionen des europäischen Christen-\ntums, und das Rudiment einer Philosophie ohne\nHellenismus.\nDieses neue Rußland hat heute schon einen\nDichter.\nFjodor Sollogub schrieb in keinem seiner Werke\nnur einen einzigen Satz, in dem mit bewußter Ab-\nstraktion von diesen viel verschlungenen Relatio-\nnen Rußlands die Rede wäre. Aber alle Dichtungen\nSollogubs sind, wie die Werke eines großen Mu-\nsikers, aus allen verborgen dahinlaufenden Kontra-\npunkten gewebt, die plötzlich in einer überraschen-\nden Stimmung ihre innere Bedeutung und ihren Ein-\nklang offenbaren. In einem Gedicht:\n„Ich erhebe die schlaflosen Blicke\nUnd hänge den Mond in die Himmel\"\nsolche Worte hat man aus Rußland noch nicht\ngehört.\nDieser Mann wagt alles Neue, aus einem mäch-\ntigen Gefühl jener wilden, neuen, doch schon so\nornamental starrenden Kultur, die ihn zu ihrem\nDichter machte. Er wagt ein Drama zu schreiben,\nin dem an verschiedenen Orten und unter verschie-\ndenen Menschen sich jedesmal dieselbe Handlung\nabspielt. Noch ist sein Roman „Leichenzauber\"\nnicht übersetzt, in dem eine noch nie gestattete\nDarstellung von unerhörten Unwirklichkeiten nur\ndurch Schilderung zu einer offenbar längst ge-\nkannten und selbstverständlichen Wirklichkeit zu\nwerden scheint.\nSollogubs Roman „Der kleine Dämon\", sein\nerstes größeres Werk, das deutsch erschien, leitet\nerst langsam in diese neue Wirklichkeit der Orna-\nmente des Denkens hinüber. Noch steht die Welt\nder alten Realität. Hier kämpft das Alte, das Er-\nlernte, Geübte, die Tradition des Ichs noch gegen\nneue Instinkte. Aber das Schlachtfeld ist das Ich\nselbst. Ich, der Leser, fühle, wie um mich gefoch-\nten wird; aber die Kämpfer kommen aus meinem\neigenen Ich, und wer auch siegt, es geht um mich\n— ich bin verloren!\nIch bin hier der Schulmeister Peredonow.\nIn diesem Buche erkenne ich, der Leser, auf\neinmal mit großer Furcht, daß ich auch ein Schul-\nmeister bin. Ich weiß alles besser, ich bin voll\neiner niederträchtigen Pedanterie, spreche in\nlangen Sätzen Dinge aus, die meine Mitmenschen\nschon lange aus der Privatlektüre ihrer Fibeln\nkennen, und ich möchte den andern, der mir, weiß\nGott, dasselbe sagt, nicht zu Wort kommen lassen.\nIch ahne, daß er mich durchschaut, und ich bin\nmißtrauisch. Ich wittere natürlich Intrige oder\nBetrug, und darum muß er mieh betrügen, wo ich\nblind bin vor Eitelkeit oder Hoffnung. Ich wende\nmeine ganze Kraft aufs Mißtrauen, und darum habe\nich viel Zeit dazu; so bleibt keine Minute mehr zur\nBesinnung, man hat nur noch Zeit, die anderen\nganz mißzuverstehen, ihnen unrecht zu geben, auf-\nzupassen. Am folgenden Tage liegt die Zeit wie\nein grauer Schleier da, ich bin darum von Wut voll\nauf die andern, beobachte scharf die Halluzinationen\nmeines verdorbenen Magens, fühle mich ausspio-\nniert und suche rasch, noch ehe der Tag zu Ende\ngeht, meine Eitelkeit zu stillen. Ich werde ein ver-\nzerrter Schöpfer, mein Mißtrauen schafft aus den\nMenschen geheimnisvoll lauernde Kampfwesen,\ndie feindlich bewegt sind nach den Plänen meines\neigenen Gehirns. Aus allen kleinen Dämonen mei-\nner verdorbenen Nerven baue ich mir ein ganzes\nLeben der Welt. Aber dieses neue und eigne Leben\nrächt sich für seine Erschaffung, es beginnt wirklich\nzu sein. Es tritt heraus aus dem Zustande des bos-\nhaft Visionären, und die Menschen werden umhüllt\nvon den Trieben, die ich aus ihnen deutete. Jeder\ntut das, was meine kleine Nebenbei-Schurken-\nhaftigkeit in ihm ahnte. Aber die Schachbrettpläne\nmeines Gehirns werden durchkreuzt von der neu-\nerwachten Aktivität der andern, die ich doch erst\nweckte, Ich! Wäre die schmerzhafte und betäu-\nbende Wut nicht geringer, wenn sie mich nach mei-\nnen eigenen Plänen betrögen? — Jetzt, hier reckt\nsich das fremde Leben, das ich erst schuf, blitz-\nschnell gegen mich. Es geht genau so, wie ich es\nwußte, doch anders. Ich werde schamlos betro-\ngen — hatte mein Mißtrauen nicht alles Recht? —\naber der Betrug ist schamloser, weil er in uner-\nwarteten Kreisen geht. Ich fürchtete natürlich In-\ntrigen, ich suchte vorzubeugen, doch nun kommen\ndie Intrigen, wo ich sie nie voraussah. Meine\nSchöpfung, das Leben, das meine verstörte Phan-\ntasie in die Wirklichkeit hinauswarf und zur Wirk-\nlichkeit macht, biegt ab von meinen Plänen. Diese\nWirklichkeit lenkt heraus aus den abgefahrenen\nSchienen meiner Vorstellung. Das Unerwartete\nder fremden Lebensaktivität ist mein Feind. Diese\nungeahnte Ausbiegung der neuen Wirklichkeit be-\ndeutet Angriff. So stehen die notwendig und\nruhig ablaufenden Vorgänge der Realität, die von\nmir erst ihren Weg getrieben wurden, gegen die\nkrampfhaften Ausschleuderungen meines Denkens.\nDies ist der Kampf, in dem mein Denken gegen\ndas Vordringen der Wirklichkeit immer mühsamer\nund absonderlicher werden muß. In diesem\nSchädel surrt das Treffen spitzklirrender Waffen,\ndas Summen wird ein großes, reines Getöse, und\ndie Welt wird grauer und schwimmend, mein\nBlick ist gedunsen. Verruchtheit ist eine Gestalt\nund auch Schurkerei ist eine Person; mein Denken\nist eine wieselkleine, fix hin und herschießende\nblasse Pflanze. Es läuft unter die Türen, hinter die\nTapeten. Durchdringe ich die Dinge, fühle ich sie,\nbin ich in ihnen? Es ist keine Zeit mehr, der\nKampf raste zu Ende. Hier siegte die Wirklich-\nkeit, der Körper ist zerstört, und die kleinen\nDämonen eines Nebenlebens, unbeachteter Neben-\ngedanken schufen den großen Dämon eines neuen\ntoten Lebens, den Wahnsinn.\nDer Schulmeister Peredonow, der in Wahn-\nsinn an sich selbst endet, das ist Ich, der Leser. So\ngroß ist die Dichtkraft Sollogubs, daß man, in\ndiesem Falle scheinbar klinischer Besonderheiten,\nnur sich findet. Man erkennt, ohne es zu ahnen,\nentsetzt die Allgemeingültigkeit dieses Lebens der\nkleinen Dämonen. Man sieht zum ersten Male, wie\naus Trieben, die versteckt und mißgeachtet ein\ngeheimes Schnörkelwesen lebten, sich allmählich\neine besondere und mächtig wirkende Figur des\nLebens formt.\nDas ist eine ganz russische Form des Fühlens.\nRußland erscheint uns wie eine Erinnerung an\nunglaubwürdige, phantasmagorische Träume. Man\nblickt auf eine Bühne der Verwandlungen, erlebt,\nehe man noch daran glauben kann, ein Land, in\ndem die nervösen Schmerzzuckungen der Wirklich-\nkeit in einen schattenhaften Urwald trübflatternder\nNebel verhuschen; wo die Abenteuer der Phanta-\nsie zu einer erstaunlich selbstverständlichen Re-\nalität werden. Hier hat alles ein zweites, verbor-\ngenes Leben. Mitten im Rußland der Wirklich-\nkeit herrscht — wer glaubt es? — das scheinbar\nunwirkliche Reich der Dichter. Die Dichter sind\nin diesem abenteuerlichen Lande, in dem die Duma\nals ein spukhaftes Theorem erscheint, Volksführer\nvon fast utopischer Macht. Sie sprechen und\nSekten bilden sich nach ihrem Wort, verborgene"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2400, "texte": "Leidenschaften schießen zu Weltanschauungen her-\nauf, vergessene Neigungen werden organisiert. Das\ngeht so telegraphisch schnell über riesenweite\nFlächen hin, als ob in diesem Lande alle Leute\nlesen könnten, und das Unterrichten von hundert-\ndreißig Millionen Menschen nicht Privatsache\nwäre!\nNur Dostojewski hatte diese Qefühlsform\nRußlands erfaßt, diese Zwieform des Nebenein-\nander von den Leben der Realität und der Phan-\ntasie. Bei ihm tauchte die russische Qefühlsform\nhinab unter die wilden und mächtigen Folterwerk-\nzeuge der Analyse, so daß auf dem Urgründe aller\nAuflösung jede Besonderheit eines rein nationalen\nLebens schwand, und nur das Allgemeingültige des\nPsychischen blieb.\nAber niemand ist der Tradition Dostojewskis\ngefolgt. Seit dem Tode Turgenjews haben die\nrussischen Dichter nie mehr jene sonderbare Me-\nlodie internationaler Effekte vergessen können, die\nin der Einigung von französischer Form und russi-\nschem Stimmungsinstinkt kadenzierte. Das be-\ndeutendste Organ der modernen russischen Litera-\ntur, die Monatsschrift „Wjessy\" könnte auch von\neinem Kreise russophiler Pariser geschrieben sein.\nNun steht Sollogub in der Tradition Dosto-\njewskis. Aber er ist, wie jeder große Erbe in den\nKünsten, ganz unabhängig vom Vorbilde. Dosto-\njewski ist gar nicht das Vorbild, sondern Sollogub\nhat plötzlich diese vergessene Form des russischen\nFühlens wieder gefunden und erkannt. Es ist alles\nganz anders bei Sollogub. Brachte furchtbarer\nEnthusiasmus in der Entdeckung von unsichtbaren\nScheiterhaufen des Psychischen Dostojewski zu\nden „Dämonen\", so wird bei Sollogub die Ab-\npendelung des Gehirns zum „kleinen Dämon\". Bei\nSollogub steht alles in einer sehr kleinen Welt,\nkommt von kleinen Motiven und geht zu Folgen,\ndie an sich für die Welt wenig bedeuten.\nAber hier taucht — wie immer ein ewiger\nDualismus — die ungeheure Dichtkraft Sollogubs\nauf, und diese Dinge, die so wenig für die Welt be-\ndeuten, werden zu bedeutsamen Ereignissen der\nerschreckten Hirnlichkeit, die Erlebnisse des Kör-\npers werden zu Phantomen der Phantasie, das\nRussische wird zum Abenteuer des Menschlichen.\nDieses Buch legt man am Schlüsse der Lektüre\nals gleichgültige Spukhaftigkeit weg, aber nach\nWochen steigt unerwartet der dröhnend schwin-\ngende Wiederklang eines großen Dichtwerkes auf.\nFjodor Sollogub: Der kleine Dämon / Roman / Deutsch von Reinhold\nvon Walther / Verlag Georg Müller Mönchen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "86", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.7", "titre_corps": "Offener Brief an Karl May", "titre_sommaire": "Offener Brief an Karl May", "signature_source": "Rudolf Kurtz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.5", "debut_caractere": 2402, "fin_caractere_exclue": 7202, "texte": "Offener Brief\nan Karl May\n\nNieder-Schönhausen, im April 1910\nSehr geehrter Herr!\nGestatten Sie mir, dessen Namen Sie zum\nersten Mal hören, diese Zeilen öffentlich an Sie zu\nrichten. Aber ich mag nicht schweigen, wenn eine\nKohorte grinsender Kulturträger ihre persönliche\nReinlichkeit dadurch zu dokumentieren sucht, daß\nsie ein mühevoll erjagtes Opfer mit seiner Ver-\ngangenheit stückweise abschlachtet. Ich mag aus\nmeiner Jugend die Helle nicht fortwünschen, die\nedele Aufregung von großen und guten Menschen,\ndie Sie in sie hineingetragen haben. Der en-\nthusiasmierte Bewunderer Old Shatterhands be-\nrauscht sich heut in aller Oeffentlichkeit an den\ntropischen Träumen Johannes V. Jensens, stiehlt\nsich heimlich mathematische Ekstasen bei Conan\nDoyle: aber den Rausch aus der Jugend vergißt\ner nicht. Mein Lehrer war jener gute Pro-\nfessor Freytag, Ihr begeisterter Lobredner, und\nals er einst eine Karte, die er aus Ceylon\nvon Ihnen erhalten hatte, für das beste Extemporale\nversprach, habe ich mich mitten im Semester zu\neiner mehrstündigen häuslichen Vorbereitung hin-\nreißen lassen. Schließlich habe ich sie doch nicht\nbekommen — nur von weitem neidisch bewundert.\nUnd nun stellt man fest, daß Ihre Vergangen-\nheit eine dunkel bewegte war. Mit sittlichem\nPathos verkündet man, daß Sie einige Jahre vom\ndeutschen Reich in wenig angenehmer Weise in\nAnspruch genommen worden sind. (Verzeihen Sie\nden Hinweis, zu dem mich nur die Absicht des Fol-\ngenden zwingen konnte.) Und welche Kon-\nsequenzen zieht man daraus? Gestatten Sie mir,\nIhnen meine Bewunderung auszudrücken, daß so\nviele schwere Jahre nicht die Kraft geraubt haben,\nsolche Bücher zu schreiben, daß literarischer\nFrohndienst schmählichster Art Sie nicht zu dem\ngemacht haben, was aus jedem Anderen — wenn\ner es überstanden hätte — einen verbitterten, haß-\nerfüllten, von Rachebedürfnis zerwühlten Menschen\ngemacht hätte! Ich begreife die ungeheure Festig-\nkeit eines Individuums kaum, das nach schreck-\nlichen Martern lichte, von keinem bitteren Wort\nentstellte Bücher schreiben konnte. Und was be-\nweist ein Giftmord gegen eine gute Prosa, äußert\nselbst die offizielle Paradoxie Oskar Wildes. Was\nbedeutet überhaupt die Vergangenheit gegen die\nTatsache eines Schaffens, dessen Spannungen mich\nzu einer Höhe des Entzückens getrieben haben, die\nmich noch heute in der Erinnerung mit einem\nwarmen Schauer des Entzückens überschwärmt!\nUnd wenn Sie keins der von Ihnen be-\nschriebenen Länder gesehen haben — was beweist\ndas? Baudelaire entlud die verschwiegensten\nTiefen seiner Kunst in Schilderungen tropischer\nReize und seine Kenntnisse der Wirklichkeit über-\ntraf die Erfahrung eines kurzen, fiebernd ver-\nbrachten Tag nicht. Und wenn alles nur eine durch\ndie Landkarte korrigierte Vision ist: so pfeifen Sie\nauf die jammervolle Entrüstung bourgeoiser Ethik,\ndie Produkte phantastischen Schaffens mit dem\nReisepaß nachprüft. Ich habe die Sensations-\nromane, die unter Ihrem Namen laufen, gelesen: und\nwohl ist manches in den abertausend Seiten mit\nMitteln hervorgebracht, die der entrüstete Rezensent\nsich nur in der raffinierteren Form sudermannischen\nSchaffens gefallen läßt -— aber ich will den Wirbel\nnicht vergessen, in dem sie mich gerissen haben\nund wenn er aus dem jämmerlichsten Fusel ent-\nstanden wäre. Ihre Reisebücher haben sorgfältig\nalle jene trüben Elemente ausgeschieden, und wie\nquittiert Mr. Knownothing? Mit schreiend er-\nhobenen Händen und gurgelnden Kassandrarufen!\nEs ist eine peinliche Gesellschaft, in deren Nähe\nman sich begeben muß. Und die Atmosphäre in\nFäulnis übergegangenen Moralins, die sie umgiebt,\nreizt empfindliche Nerven. Aber man muß objektiv\nsein. Man muß untersuchen, was Ihre Bücher be-\ndeuten.\nIhre Romane enthalten, was jeder Mensch von\nweniger differenzierten Bedürfnissen einfach als\nErgänzung seines farblosen Seins braucht: das\nFresko der Gestalten und Vorgänge. Jene un-\nkritische Qröße der Leistung, die einen noch wenig\nverfeinerten Instinkt allein als Ideal erscheint. Und\nhier reiht sich die Religiosität ein, die Ihnen frei-\ndenkerscher Fanatismus — Qebete im Pantheisten-\ngehrock und weißer Weste — angesichts jener\nVergangenheit mit tiefer Entrüstung ins Qesicht\nspeit. Der gleiche Fanatismus, der die Bekehrung\neines wüsten Antisemiten zum hemmungslosen\nDemokraten jederzeit mit Jubelgeheul zu begrüßen\ngeneigt ist. Auch mir ist jene sentimentale Fröm-\nmigkeit wenig sympathisch: aber ich wage nicht,\nIhnen das Recht auf eine eigene Ansicht zu be-\nstreiten, wo ich mir das Recht zu einem Privatleben\nvon jedermann ausdrücklich ausgebeten haben will.\nUnd wie empfinden die Leser Ihre Religiosität?\nViele Tränen hat mich Winnetous Tod gekostet,\nviele mitleidige Erinnerungen des armen Carpio\nSchicksal. Aber diese meinetwegen katholische\nSentimentalität wird gleich der übertriebenen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2069, "texte": "Leistungsfähigkeit Ihrer Gestalten als Dekoration,\nals Ideal empfunden und wie jene Affizierung des\nGefühls freudig und teilnehmend miterlebt. Nur\ndie Torheit grober Volksaufklärer — hassenswerte\nbrutale Gehirne — vermögen zu übersehen, daß\nIhre Bücher Volksbücher, Jugendschriften sind.\nUnd gestatten Sie mir noch, Ihnen zu be-\nmerken, daß ich die Qualitäten Ihrer volks-\ntümlichen Lyrik wohl zu beachten weiß. Nicht\nohne Sehnsucht denke ich an die dumpfe Knaben-\nmelancholie, die mich überfiel, als ich die Schil-\nderung eines Abends in einer Oase in einem Ihrer\nBücher las, wo in einer still begrünten Landschaft\nmit flächigem mondbestrahlten Gewässer schatten-\nhafte Klänge und Gestalten fließen, die mir heut\nnoch, nach mehr als einem Dutzend Jahren, leicht\nund zart im Gehirn schweben\n.... Noch treibt die Fanna heimatlos\nAuf der bewegten Flut\nWenn auf dem See gigantisch groß\nDer Thalia Schatten ruht.\nIch habe sicher die Namen entstellt. Aber\nnehmen Sie mit dem guten Willen vorlieb. Ge-\nstatten Sie mir nur noch, die ungewohnte Be-\nscheidenheit zu rühmen, die einem Schriftsteller von\numfassender Popularität veranlaßt, in einer fach-\nlichen Notiz seine Werke mit dieser ruhigen Geste\ninäquater ästhetischer Kritik zu entziehen:\n„Schrieb: Zahlreiche figürliche Reiseschilderungen\nals Vorstudien für seine eigentlichen Werke.\"\nDer dekorativ beabsichtigte Scheiterhaufen\nplötzlichen entflammten Kulturfanatismus läßt sich\ngleichmütig ertragen Und ich bitte, Ihnen herz-\nlichen Dank sagen zu dürfen für einen Genuß, den\nich aus meinem Leben nicht ausgeschaltet wünsche.\nOb die — hier als wahr — unterstellten Behaup-\ntungen zutreffen oder nicht, kann nur zur Charak-\nteristik Ihrer Gegner interessant sein. Mir ist es\nhöchst gleichgültig.\nIch bitte Sie, sehr geehrter Herr, diese Zeilen\neiner Erbitterung zu gut zu halten, die nur durch\nden elenden Moralismus einer sonst wahrhaftig\nnicht zu ernsten sittlichen Erwägungen geneigten\nGesellschaft so provoziert werden konnte, uner-\nbetne Zeilen an einen Unbekannten zu ver-\nöffentlichen.\nIhr ergebener\n\nRudolf Kurtz"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "85", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.7.1", "titre_corps": "Geh. 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Februar, dem be-\nkannten Wahlrechtssonntag, sich auf den Sockel des\nBismarckdenkmals gestellt, den Hut geschwenkt\nund gerufen habe, „Auf, alle hierher! Hoch das\nfreie Wahlrecht!\" Gegen diesen Strafbefehl hatte\nWendel gerichtliche Entscheidung beantragt, die\ngestern vor dem Schöffengericht zur Verhandlung\nkam. Zwei als Zeugen geladene Schutzleute sagten\naus, daß Wendel die Aeußerungen getan habe.\nZwei Journalisten, die sich in der Nähe Wendeis\naufhielten, konnten nicht bestätigen, daß er diesen\nAusruf getan habe. Im Laufe der Verhandlung b a t\nder Angeklagte Wendel, den Staats-\nanwalt Becker zu veranlassen, daß\ner nicht andauernd bei dem im Ge-\nrichtssaal anwesenden Polizeiassessor\nAuerbach Informationen einziehe, da\ndies nicht zulässig sei. In erregtem Tone\nwies Staatsanwalt Becker diese Kritik\nseines Verhaltens energisch zurück, dem Ange-\nklagten stehe absulut nicht das Recht\nz u, an dem Verhalten des Staatsanwalts Kritik zu\nüben. Der Vorsitzende Assessor\nSchwabe, ein Studienkollege des\nAngeklagten, schloß sich den Worten des\nStaatsanwalts an und bezeichnete die Kritik\ndes Angeklagten als grobe Unge-\nhörig k e i t, Der Angeklagte wies diesen Vor-\nwurf zurück, worauf Assessor Schwabe den Vor-\nWurf ausdrücklich aufrecht erhielt. Wendel er-\nklärte hierauf, daß er als Angeklagter da-\ngegen wehrlos sei, daß er aber an die\nOeffentlichkeit appelliere. Der Vor-\nsitzende verbat sich dies und drohte\ndem Angeklagten mit einer Ordnungsstrafe. Das\nGericht verurteilte schließlich Wendel wegen\ngroben Unfugs zu der Höchststrafe von sechs\nWochen Gefängnis. Bei der Strafabmessung\nwurde berücksichtigt, daß die Menge, wo es nur\nging, demonstrierte, daß dem Angeklagten als\nFührer die Masse folgte, daß es ihm darum zu tun\nwar, die Wahlrechtsdemonstrationsbewegung auf\nder Straße von neuem zu beleben, und daß Wendel\nein Mann akademischer Bildung sei, der sich als\n„Verführer\" der Massen erwiesen habe.\"\nDie Stadt Frankfurt, dieses kulturlose Protzen-\nnest, durfte sich also rühmen, Hermann Wendel,\nder bekanntlich einer der begabtesten Schriftsteller\ndes jungen Elsaß ist, als Redakteur einer ihrer\nZeitungen (gleichviel welcher!) aufweisen zu\nkönnen. Die Stadt Frankfurt hat sich geschändet\ndurch dieses Urteil, das einen Mann ins Gefängnis\nbringt, weil ihn sein Talent zur Begeisterung hin-\nreißt! In dieser Stadt verbot der Staatsanwalt —\nzum ersten Mal in Deutschland — an seinem Tun\nKritik zu üben. In der Stadt Frankfurt, wo jeder\nBordellbesitzer Goethe für sich in Anspruch nimmt,\nwagt man es, einem deutschen Schriftsteller solche\nalten, ekelhaften Gymnasialphrasen ins Gesicht zu\nsagen, wie „Verführer der Massen\". In der Stadt\ndes Goethehauses und der Pariser Imitationen wird\neinem deutschen Schriftsteller die akademische\nBildung als strafverschärfend angerechnet.\nMeine Teuren, der Vorsitzende dieses Schand-\nprozesses war ein Studienkollege Wendeis. Wird\nEuch Einiges klar? Gewiß war dieser treffliche\nVorsitzende, der die Kritik des Angeklagten als\n„grobe Ungehörigkeit\" bezeichnet, nicht von\n„persönlichen\" Motiven geleitet. Aber denkt\nIhr vielleicht, Ihr paar Begabten in Deutsch-\nland, an Eure Studiengenossen? An den hämischen\nNeid der Carrieristen auf Eure Fähigkeiten, auf\njeden Einfall, auf jedes Fältchen, das in Euren\nMienen von Geist erzählt. Denkt Ihr daran, wie\nfest Ihr überzeugt wart, daß die Rache übel sein\nwürde, die der Glattgescheitelte einmal für Eure\nVerachtung nehmen könnte. In der Schandstadt\nFrankfurt triumphierten die Grimassen der offi-\nziellen Talentlosigkeit, die brennend Rache heischt\nfür die anderen Kollegen der Unbegabung, befriedigt\nüber Enthusiasmus und Kultur. Triumphierten über\ndas Talent!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "86", "page_fin": "86", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.9", "titre_corps": "Tigerin, Affe und Kuckuck : Tierfabel", "titre_sommaire": "Tigerin, Affe und Kuckuck : Tierfabel", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.6", "debut_caractere": 6138, "fin_caractere_exclue": 8604, "texte": "Tigerin, Affe\nund Kuckuck\nTierfabel\nElse Lasker-Schüler\nZirkus Busch ist in seinem Extrazug von Berlin\nabgereist. Ich bin zu seinem Abschied auf die Bahn\ngekommen, früh am Morgen; der Komet stand noch\nüber der Sternwarte, aber die Zirkussterne, Schul-\nreiterinnen, Jongleure, Auguste, der Riese mit dem\nZwerg, der große Bär, die Elephantin, das Dromedar,\nder glitzernde Qalawagen, alle waren sie im Lauf\nund bald im vollsten Zuge. Noch lange hörte ich das\nBrüllen der Tigerinnen, nie haßte ein Mann so\nwütend das Weib wie der Bändiger dieser ge-\nstreiften Katzenleiber. Der Puls des Zirkus blieb\nstehn, trat der unerschrockene Sultan in das Gitter-\ngemach seiner brüllenden Sklavinnen. Er miß-\nbraucht sie nicht zu Kunststücken, läßt er auch die\nKunstreiterin seiner Tigerinnen durch einen Papier-\nreifen springen. Wollust bereitet ihm, seine wut-\nschäumenden Tigerweiber mit Stangen und Schüs-\nsen bis zur Wutekstase zu reizen und sie zu bezwin-\ngen. Schschschschschschsch — sch — die beiden\neleganten Brüder Fillies und ihre graziöse Schwe-\nster werfen noch einen kurzen Blick auf den Perron,\nder Clown mit der genialen Ungeschicklichkeit ver-\nlangt auf idiotisch vom Zeitungsträger den\n„Ulk\" — Sch .... Berlin hat sein größtes Kind eine\nWeile verloren, den Zirkus; wo geht man nun hin,\num zuzugucken? Wie ein Mensch soll der Affe sich\nim Wintergarten benehmen. Herr Darwin, der\nEnkel des großen Zoologen, wird mich ins Variete\nbegleiten. Es ergreift ihn, so einen gebildeten Vor-\nfahren seiner Baumzeit zu sehen. Ich bin ebenfalls\nvon dem fletschenden Erzurgroßvater entzückt. Ein\nGourmet ist der greise Herr, keineswegs lebt er von\nLuft und Erkenntnis. Der verwandte Künstler da\noben verzehrte ein Menu von Dressel und regalierte\nsich an Heidsieck-Monopol. Mit Verbindlichkeit\nraucht er die Zigarette, die ihm ein Bewunderer ver-\nehrte. „Es istZeit\" noch prüft erdieZeigeraufseiner\nUhr. — Ich möchte mich auch in ein solches Pracht-\nbett legen — ich bin müde — die Nacht vorher\nbrachte ich, mich verirrend, in der Kolonie Grune-\nwald zu; im Rieselregen auf einer runden Sommer-\nbühne, worauf die Gärtner Kiesel legen. Nasse\nNacht, kein Komet mehr. Ich war trostlos. Plötz-\nlich rief der Kuckuck — ich bezog es zu-\nerst persönlich, aber so unhöflich sind nur die\nKuckucksuhren. Dieser da zwischen jungem Grün,\nzwischen April und Mai, ist ein vortragender Künst-\nler, ein wundervoller Komiker. Also gibt es wirk-\nlich Kuckucke? Ich dachte immer, es sei eine Fabel."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "86", "page_fin": "86", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.10", "titre_corps": "Berliner Sensationen", "titre_sommaire": "Berliner Sensationen", "signature_source": "Minimax", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.6", "debut_caractere": 8606, "fin_caractere_exclue": 10643, "texte": "Berliner Sensationen\nMinimax\nErweiterungsbau Wertheim\nIn vergangener Woche ist mit der Niederreißung\nder gesamten Leipzigerstraße, des Potsdamer-\nplatzes und des Spittelmarktes zwecks Erbauung\neines größeren Warenhauses Wertheim begonnen\nworden. Der Neubau wird sensationelle Neuig-\nkeiten bringen; wir teilen einiges aus dem Pro-\nspekt mit:\nI. Selbstmörderkabinett mit Hotelbetrieb. Spe-\nzialität: Gemeinsames Verleben letzter\nStunden. Nach dreimaligen Versuchen\nzwangsweise Ueberführung in die Abtei-\nlung für Schuhwaren oder für Hinrichtungen.\n11. Abteilung für Zahnziehen.\nFür Zahnlose völlig gratis. Jeden Montag\nSerien-Zahnziehen durch den Champion Mr.\nBulldogg. Bei jedem siebenten Zahn bläst der\nAbteilungsvorstand Posaunen.\n111. Abteilung für Mädchenhandel, kombiniert mit\nMutterschutz und Heiratsvermittlung. Steter\nEingang gutgewachsener Neuigkeiten. Allein-\nverkauf der Mutterschutztabletten\nIV. Aus der Toilettenabteilung: Seife als Volks-\nnahrungsmittel. Kutschkes Nährseife Stück\n1,50 Mk„ 3 Stück 5,00 Mk. unterdrückt nach\neinmaligem Genuß das Eßbedürfnis auf drei\nTage und vier Nächte. — Seifenpulver, einzig\nhygienische Säuglingsnahrung. Wäscht auch\nden Darm aus, putzt noch nicht vorhandene\nZähne im Handumdrehen. — Lösung der\nsozialen Frage durch chronischen Darm-\nkatarrh.\nArchitektenscherze\nAm Bierhaus Siechen steht mit fußhohen\ngoldenen Lettern: „Erbaut unter der Regierung\nKaiser Wilhelm II 1910\". Da uns das auffiel, haben\nwir andere Gebäude auf Inschriften untersucht; wir\nfanden auf der Kehrseite mehrerer Häuser Insignien.\nDie grüne Bude am Potsdamerplatz: „Errichtet\nim Protest gegen den Untergang Polens. Das\nweinende Polen.\"\nLestmanns Ballsalon: „Zur Verherrlichung\nJagomirs des Sittenstrengen. Dem Verdienst seine\nKrone (österreichischer Währung).\nDas Abgeordnetenhaus: „Erbaut vom Grafen\nKopfscheu, dem frumben Raubritter. Zur Pflege\nvon Gesinnung mit Bügelfalten. Der Freiheit eine\nGosse.\"\nDas Herrenhaus: „Stehengelassen aus der Zeit\nMammuthios' des Altersschwachen. Zur gemüt-\nlichen Schüttellähmung.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c012", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "86", "page_fin": "86", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.11", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.6", "debut_caractere": 10645, "fin_caractere_exclue": 11079, "texte": "Beachtenswerte Bücher und Tonwerke\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Fall statt\nNIKOLAUS GOGOL: Sämtliche Werke / Herausgegeben\nvon Otto Buek/Acht Bände/Band I und II: Tote\nSeelen / Novellen / Band IV: Mirgorod / Novellen\nVerlag Georg Müller, München\nSHAKESPEARE in deutscher Sprache / Herausgegeben\nund zum Teil neu übersetzt von Friedrich Gundolf\nVierter Band: Königsdramen/Verlag Georg Bondi,\nBerlin"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c013", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.7", "debut_caractere": 181, "fin_caractere_exclue": 1032, "texte": "MALSCHULEN\nI I\nStudien=Atelier\nBerlin W. 30, Habsburgerstr. 11\nAkt-Kopf-Kostum :: Zeichnen ::\nMalen :: Modellieren Stilleben\n:: Komposition :: Abendakt ::\nAb Jul! Akt, Landschaft an der See\nProspekt durch Moritz Melzer\nMalschule\nMuller-Schoenefeld\nAtelier Charlottenburg III\nSchillerstr. 3\nVormittag: Portrat u. Kostiim-\nmodell\nAbend: Dauerakt\nAtelier Berlin W / Liitzowstr. 82\nVormittag: Akt\nNachmittag: Portrat\nAbend: Skizzieriibung-en nach\ndem Akt\n(2 Stunden 50 Pfg.)\nAnfragen nach Schillerstr. 3\nBerlin W.35 / Potsdamerstr. 121a\nAtelier\nClara Elisabeth Fischer\n:: MALEN :: ZEICHNEN ::\nNeu seit l. 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HARNISCH & Co., Berlin W57\n„Spielend\" lernt man Sprachen durch A\nDr, Rebajoli's Autodidakt\nA. Italienisch, elegant gebunden Mk* 10\nB, Franzosisch, elegant gebunden Mk* 10\n„Ein monumentales WerK, das jedem, der es ernst nimmt mit\ndem Lernen einer Sprache, den Stoff zu intensivcr Durchdringung\nund zur volligen Beherrschung des Sprachschatzes in an'\nsprechendcr Form und in methodischcm Fortschritt bietet.\"\nSelbstunterrichtS'Methode mit Htilfe des Grammophons.\nJeder Lehrer, jedc Lehrerin, Jedermann muss Dr. Rebajoli's Autodidakt\ngebrauchen um lcicht und grtindlich Frcmdsprachen zu lernen.\nDie darin enthaltenen 33 fremdsprachlichen Gespr£che sindauf 33doppel-\nseitige „odeon\"-Schallplatten von untibertroffener Fiille und Klarheit der\nStimme durch den Autor iibertragen worden*\nWiedergabe der Aussprache in hochster Vollendang. Vorfuhrung aaf\nWunsch beim Autor oder im Verlag. Einzelne Unterrichtsbriefe 50 Pf.,\nPlatte daza M3. Preis der 33 Platten mit Lehrbuch,AutodidaKt' nur MlOO\nZur Wiedergabe der GesprSche eignet sich jedes, auch das kleinste\nGrammophon; jedoch hat der Verlag hierzu eine trichterlose „Autodidakt\"-\nSprechmaschine konstruierenlassen, die sich durch besonders deutliche\nWiedergabe auszeichnet. 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Sprache zu besonders billigen Preisen\nDemnachsterscheint: Katalog XXI /Kunst-\nblatter: Portrats, Stadteansichten, Berliner\nBlatter, Karrikaturen, Flugblatter, neuere\nund altere Oenrebilder, Blatter von\nMenzel, Beardsley, Rops, Stammbiicher\nSilhouetten, Japanblatter etc. etc.\nKatalog-e / gratis und 112 ranko /\nbitte direkt zu verlangen\nAngabe von Desideraten erbeten"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c019", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.7", "debut_caractere": 3739, "fin_caractere_exclue": 3854, "texte": "M\nM\n3ALEHE\n7v XfiXMLKN\nIVIACHT—\nti&sse I.IT\nMarfin Brandenburg\nJakob Plessrverrzr\nEntree Mk. 1. —\nJ&hreskaite MK.5r"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c020", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.7", "debut_caractere": 3856, "fin_caractere_exclue": 4034, "texte": "MALUTENSIUEN\n—i i—\nMai- und Zeichenbedarf\nW. & J. 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Wenn Sie\naber durchaus die Bereitung von Sauglingsnahrung im\n•Haushalt selbst vornehmen wollen, so raten wir Ihnen\ndringend, dazu den bewahrten I 1 □\nNutrioia-Nahrzuoker\n(Maltosana) zu nehmen, der auch von den Aerzten\ndem bisher iiblichen Milchzucker vorgezogen wird.\nSie verabreichen dadurch gleichzeitig einen Kraft-\nnahrungszusatz. 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Klavier / 52 Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch den Verlag DER STURM\nHalensee / Katharinenstrasse 5"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c023", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.22", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.7", "debut_caractere": 5063, "fin_caractere_exclue": 5207, "texte": "DieFackel\nHERAUSGEBER\nKarl K ra us\nNummer 301/2\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfg.\nOberall erhAltlich\nWerbeband 4kr Fackel\n50 Pfg. 210 Seiten stark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c024", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.7", "debut_caractere": 5209, "fin_caractere_exclue": 5579, "texte": "Wer den Inhalt dieses Blattes „goutiert\",\n■Z.\np\nB-\nO-\n-9r\np\nc\na>\n•\n0)\n»—< ■\n(/i\na>\nQ-\nV)\nr+-\nP\nB-\n<\no>\n3,\no\nweiss audi, welch ho hen Wert die\nMitarbeit des Reklame-Fachmannes\nfur Industrielle und Kaufleute hatj\nEiner der bekanntesten Reklame-\nAnwalte ist Oms, Berlin -Steglitz.\nVerlangen Sie — unter gleichzeitiger\nEinsendung von Unterlagen —\n===== Flugblatt ~209\" ====="}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c025", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.7", "debut_caractere": 5581, "fin_caractere_exclue": 5611, "texte": "cJ))4rtA\n, T(tX^{i<UnAA*4v.tll"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c026", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "88", "page_fin": "88", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.8", "debut_caractere": 177, "fin_caractere_exclue": 455, "texte": "THRICHOPHIL\nF1.M.3,00 SarK'SfteSS F1.M.3,00\n■■■■■■■■■■■■■■a == nur beim Fabrikanten: == ■■■■■■■■■■■■■■■\nOtto Teutscher/Friseur\nI. 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Bew&hrte Bowlenrezepte der Firma kostenlos. Voile\nGarantie fur tadellose Beschaffenheit; Nichtgefallende* wird auf\nunsere Kosten zurtickgenommen. Verlanffen Sie kostenlos\nProislisten. Bestellungen sind zu richten an die\nWeinvertriebsgesellschaft von Malottki\nvorm. Toermer & Micbaells Nachf. G. m. b. H.\nBERLIN Auguststrasse 60\nFernspr. 111, 8192,15jahr.Geschaftsbestehen. Postscheckkonto: Berlin 3085"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c029", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "88", "page_fin": "88", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.28", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.8", "debut_caractere": 2174, "fin_caractere_exclue": 2371, "texte": "Landerziehungsheim Schlofi Drebkau N L\n■ Zwei Stunden von Berlin ■\nErziehung und Unterricht nach modernen Crundsatzen\nAufnahme von Knaben u. 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Berger, Berlin W35\nPotsdamer Strasse 111\nAbschrift: Sehr geehrter Herr!\nVon vielcn Zahnschmerzen bin\nich nunganzlich befreit durch die\nAnwendung Ihres preiswerten\nMittels. Daher empfehle ich es\nJedem, der von Zahnschmerzen\ngeplagt ist. 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ZZS\n*n Jec^er Beziehung- vorziigllchen Messer besitzen einen derartigen durch ein spezielles\nVerfahren hergestellten Hartegrad, dass sie fur den stSrksten Bart verwendbar sind.\nBestellen Sie sofort, denn diese 5000 Rasier-Apparate werden infolge ihrer noch\nniemals gebotenen Billigkeit bald vergriffen sein.\nSie erhalten diesen tadellosen Rasier-Apparat gegen Nachnahme von 6,30 Mk. portofrei\nWir richten nur die bescheidene Bitte an Sie, diesen Apparat in Ihrem werten Bekanntenkreise\nzu empfehlen.\nNach Absatz dieser 5000 Apparate kosten diese 15 Mark\nVersandhaus chemischer und technischer Neubeiten Hans Fredrich\nBerlin SW> 68 Kochstrssse 72 ss"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-05-12-01-c037", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-05-12_01#c037", "volume": "bmtnabg_1910-05-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "88", "page_fin": "88", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.2.36", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.8", "debut_caractere": 5386, "fin_caractere_exclue": 5734, "texte": "s BUCH- UND KUNSTDRUCKEREI\nSIEGFRIED SEEGER\ni BERLIN 542, RUTERSTRASSE 26\n■ TELEPHON AMT IV, 1045 ■■ TELEPHON AMT IV, 1045\ni ILLUSTRATIONSDRUCK, SETZ-\ng MASCHINEN, BUCHBINDEREI\n! 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MAI 1910 /WIEN\nNUMMER 11\n\nINHALT:\nR. LAUDON: Ein deutsches Dankgebet/\nKARL HAUER: Weltbild / PAUL LEPP1N: Daniel\nJesus / Roman / ALFRED DÖBLIN: Gespräche mit\nKalypso über die Musik/LUDWIG RUBINER: Sollo-\ngub/RUDOLF KURTZ: Offener Brief an Karl May/\nPROGRESS: Fortschritt/ELSE LASKER-SCHÜLER:\nTigerin. Affe und Kuckuck/MINIMAX: Berliner Sen-\nsationen /KARIKATUR: Rektor Schmidt\n\nEin deutsches Dankgebet\nVon R. Laudon\nBjörnson, um den sich die Kunst französischer\nAerzte vergeblich bemüht hatte, starb in Paris.\nMan brachte die Leiche in die Heimat. Auf\ndänischem Boden hoben Offiziere den Sarg des\nfremden Dichters und Streiters zur Landungs-\nbrücke; ein norwegisches Panzerschiff trug ihn\nweiter zur Heimat. In Christiania schlössen die\nSchulen, auf den Häusern wehte Halbmast, der König\nentblößte sein Haupt vor der Leiche. Ein tiefer\nSchmerz lag an dem Tage über der ganzen Stadt.\nAuch Deutschland hatte zu der Totenfeier seinen\nVertreter entsandt. Vor einiger Zeit hörte ich von\neiner peinlichen Szene bei einer bürgerlichen Be-\nerdigung: Die Angehörigen waren in der Leichen-\nhalle versammelt, der Prediger sagte seinen Spruch\nher, da erhob sich ein junger Mensch aus der vor-\ndersten Reihe, der sich für einen Moment nach\nhinten umgewandt hatte, stieß totblaß seinen Stuhl\num, packte einen älteren Herrn aus der Menge vorn\nan den Rockknöpfen und drängte ihn wortlos gegen\ndie Tür hin. Als der sich wehrte, schlug der junge\nMensch ihm mehrmals schallend ins Qesicht, hob\nihn mit beiden Armen auf, warf ihn vor der Türe\ndraußen an die Erde und blieb mit dem Rücken\ngegen die Türe außerhalb der Halle so lange stehen,\nbis der Gottesdienst vorbei war.\nWem steigt nicht die Qalle ins Blut und wer\nhätte nicht Lust zu tun wie dieser junge Mensch\nangesichts der Gegenwart eines deutschen Abge-\nsandten bei der Beerdigung Björnsons? Wie immer\nman auch Björnsons Dichtung berurteilen möge,\nwie immer man seine politischen Einzelziele be-\nwerten möge, so ist in ihm ein freiheitlich gesinnter\nMann, ein harter und rücksichtsloser Vertreter\nseiner Anschauungen, ein leidenschaftlicher Vor-\nkämpfer für Menschheits- und Kultursachen dahin-\ngegangen. Es. gibt genug, die seine Art nicht\nbilligen, aber jeder dient Gott auf seine Weise.\nWas aber hat bei der Beisetzung eines solchen\nMannes ein Vertreter Deutschlands zu suchen?\nDas ist ein scheinheiliges heuchlerisches Vorgehen,\ndas sich nicht entblödet, in einer ernsten schmerz-\nergriffenen Stunde die Fratze des Beileids zu\nschneiden, wo es am liebsten verächtlich heraus-\nlachen möchte. Dies ist schlimmer bösartiger Spott\nund grenzt an Gräberschändung. Ein Land, das in\nParademärschen» Indianertänzen und Apotheosen\nvon der Originalität der Tapetenmuster den Höhe-\nPunkt seiner künstlerischen Kultur erblickt, hätte,\nstark wie es doch ist, den Mut zu seiner Barbarei\nhaben müssen.\nAber man wundere sich nicht immer wieder,\nwenn, so viele Orte es auch gibt und'so viele feine\nKöpfe leben, nirgendwo und niemals vaterländisch\ndeutsche Werte entstehen wollen. Hier können\nvorbildliche Museen, Institute, Kasernen wachsen,\ndie Industrie kann blühen, aber der schaffende Geist\nsucht vergeblich in diesem Lande Quellen für seinen\nDurst. Raum für alle hat diese Erde nicht; bei uns\ngenießt nur das Glück offizieller Sonne, wer Patrio-\ntismus in Verherrlichung der Dynastie, wer Fort-\nschritt in Beschlüssen der Regierung, wer soziale\nVervollkommnung in der Entwicklung einer Militär-\nkaste sieht. Von diesem Deutschland wendet sich\nab, was geistige, „zivile\" Schwungkraft und Selb-\nständigkeit hat; derselbe Widerwille ist in den freien\nKöpfen gegen die offizielle „Nation\" wach, den das\neinzelne Süddeutschland oft gegen das führende\nPreußen äußert. Wir lasen alle die bitteren An-\nklagen, die Gerhart Hauptmann, Deutschlands\ngrößter Dramatiker, der bis in den Kern hinein sich\ndeutsch fühlt, gegen sein Land erhob, — er könnte\nwie kein anderer und wie wenige anderer Nationen\neine strahlende Heimatsdichtung singen; ihm ist die\nKehle zugeschnürt. Hier bilden Offiziere und was\nihnen verbündet ist, eine höhnende Großmacht, die\noffen über jegliches Konstitutionelle und Parla-\nmentarische lacht, die mit Plan dem Lande den\nRücken kehrt und in der Dynastie ihren einzigen\nRichtpunkt sieht. Wer möchte einem solchen sehr\nstarken und sehr rohen Staat seine Kraft zuwenden,\ndie ihm nie gedankt wird? Wer schüttelt noch den\nKopf über eine heimatlose und zerfahrene Dichtung\nund Kunst ohne Tradition, ohne Vergangenheit und\nZukunft?\nWer glaubt, daß ein offizieller deutscher Ver-\ntreter an der Leiche eines fremden Freiheits-\nkämpfers und Dichters etwas anderes betet, als\nDank, daß der Mann von hinnen gegangen ist, und\ndie Bitte, daß bald die Stunde kommen möge, an der\ner dasselbe Dankgebet sprechen könne für alle die-\njenigen, welche dem Fremdling ähneln oder ihn ver-\nehren?\n\nWeltbild\nVon Karl Hauer\nZwei Triebe lenken die Bahnen und Schicksale\nder Gestirne: ein vereinsamender, nach innen\nziehender, zentripetaler — und ein auflösender, ins\nWeite schweifender, zentrifugaler. Vom Stern zum\nKosmos und vom Kosmos zum Stern flutet der\ngroße und ewige Kreislauf der Kraft, die in Wahr-\nheit niemals ruht. Sie sammelt sich um ein Zen-\ntrum, kreist um eine Sonne, verdichtet sich und\nfließt im Moment der höchsten Spannung wieder\nins Meer der* Allkraft über. Jede gebundene, zen-\ntralisierte Kraft strebt nach Erlösung und Wieder-\nvereinigung mit der Allkraft. In Bindung und\nLösung der Kräfte besteht das Spiel des Lebens.\nOhne die zentralisierenden Triebe, ohne das prin-\ncipium individuationis wäre die Welt ein totes, un-\nbewegliches Meer, „ruhende Kraft\", Nirwana.\nOhne die zentrifugalen, auflösenden Triebe wäre\ndie Welt eine Wüste erstarrter Sonnen und toter\nAtome. In beiden Fällen wäre sie ein Grab ihrer\nselbst, ein erfülltes Nichts. Erst im Widerspiel\nzweier Triebe, eines abgrenzenden, einschließenden\nund eines verbindenden, überfließenden, eines\natomisierenden und eines kosmischen, eines\nindividuellen und eines genialen, erst im Wider-\nspiel dieser Triebe gebiert sich das Leben. Stern\nund All, Welt und Ich sind die Angeln dieses Spiels\n— und all unser Denken und Tun ist dieses Spieles\nunbewußter Mittler, in meinem Tun denkt die Erde,\nim Denken der Erde wirkt das All . . .\nDas Streben des Individuums ist es, „sich\" aus\ndem Zusammenhange des Ganzen loszulösen und\nder „Welt\" als abgeschlossenen Teil entgegen-\nzustellen. Zwischen dem Individuum und der Welt\nsteht trennend und schützend die Haut. Welt und\nZelle sind durch die Zellwand geschieden.\nDurch die Poren dieser Wand aber findet jenes\nRingen statt, das wir das Leben nennen. Die Po-\nrosität ihrer Membran gestattet der Zelle, Kräfte\naus ihrer Umgebung an sich zu ziehen, sich zu\nnähren. Die Festigkeit und Dehnbarkeit der\nMembran ermöglicht es der Zelle, den Raub an der\nWelt in sich festzuhalten, zu wachsen. In der Los-\nlösung und Einhäutung, in Isolation und In-\nkrustation, betätigt sich der individualisierende\nTrieb der Zelle. In der Einverleibung und Assimi-\nlation der Außenwelt offenbart sich ihr geniales\nWesen, ihr Zusammenhang mit dem All; denn indem\nsie die Welt sich einverleibt und wächst, — wächst\nauch die Anziehungskraft der Welt und lockt sie, in\nihr sich aufzulösen. Wenn nämlich die Haut im\nweitesten Sinne (als Summe aller zentripetalen\nKräfte) und die von ihr umschlossenen assimilieren-\nden, mehr und mehr zentrifugal wirkenden Kräfte\ndas Maximum von Spannung und Druck erreicht\nhaben, dann ist die Lebensfähigkeit der Zelle als\nsolcher erschöpft — und das Ich ist von der Welt\nüberwunden. In der Kulmination seiner Entfaltung\nverliert das Individuum seine ursprünglichen\nTriebe. Der Trieb zur Isolierung weicht dem Trieb\nder Auflösung und der Trieb der Assimilation poten-\nziert sich zum Trieb der teilenden Zeugung. Unter\ndem Drucke der sprengenden, zentrifugalen Kräfte\ngibt das Individuum sein Selbst preis und teilt sich\nin zwei Zentren. Das Mutterindividuum hat sich\nim Genieakte der Zeugung verbraucht und ist —\nunsterblich in seinem genialen Wesen — ohne\nHinterlassung eines Leichnams gestorben. Und in\nzwei neuen Individuen ist die gelöste Kraft neuer-\ndings gebunden ... In der Auflösung der Mutter-\nzelle wirkte ihre geniale Kraft, in der Abschnürung\nder Zwillingszelle und Inkrustation der Tochter-\nzellen wirkten wieder die isolierenden, um ein\nZentrum kreisenden Instinkte des Individuums.\nAuf dieser Polarität der Triebe beruht die Er-\noberung der unorganischen Welt durch die organi-\nsierte, die Einverleibung und Belebung des Toten\ndurch das Lebendige.\nSein zweites Wunder wirkt der geniale Trieb\nder Auflösung und teilenden Zeugung in der Schöp-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.2", "texte": "fung der Individuen höherer Ordnung, der Zellver-\nbände, die im neuen Wechselspiel der individuali-\nsierenden und genialen Triebe zu immer höheren\nIndividualkomplexen fortschreiten. Die teilende\nZeugung entwickelt sich zur geschlechtlichen, der\ngeniale Trieb wird ein sexueller und endlich — in\nder Schaffung der Gesellschaftsverbände — ein\nsozialer. Je höher organisiert aber das Individuum\nist, desto mächtiger sind (der gleichfalls stärkeren\nzentrifugalen Triebe wegen) die Instinkte des In-\ndividuums in ihm, desto kunstvoller wird die\nKruste, in die es sich einschließt. Die Haut erhält\nBewegungs- und Schutzorgane, Greifwerkzeuge,\nStacheln, Haare, Giftdrüsen, Nägel, Krallen, Hufe\nund Zähne. Aber auch die Sensibilität raffiniert\nsich. Die Haut erhält immer mehr und immer\nfeinere Sinnesorgane, sie wird fühlend, schmeckend,\nriechend, hörend und sehend. Und als Intellekt\nendlich wird sie ein geistiger Schutzpanzer, der den\nkörperlichen ergänzt und künstlich vollenden hilft.\nKleidung und Wohnung, Wall und Graben, die\nchinesische Mauer, die Festungsgürtel, die die\nReiche umschließen, sind künstliche Haut. Unsere\nWerkzeuge und Waffen sind künstliche Hautorgane,\ndie Bahnen sind künstliche Beine, die Schiffe sind\nkünstliche Flossen, die Luftschiffe sind künstliche\nFlügel, die Telegraphen und Telephone sind künst-\nliche Augen und Ohren . . .\nDer Intellekt ist nur gesteigerte Haut-\nsensibilität. Er spiegelt die Welt nach der Optik\ndes Individuums und gibt diesem das Bewußtsein\ndes abgeschlossenen Ichs. Mit dem Ich-Bewußt-\nsein aber ist die Inkrustation des Individuums voll-\nendet. Der Intellekt schließt das Ich vom Nicht-Ich,\nvon der Welt, hermetisch ab. Und alle Reflexion\nund Wissenschaft ist auch eine Bestätigung des\nIchs und Isolation des Individuums vom unmittel-\nbaren Zusammenhang des Ganzen. „Ich denke, —\nalso bin Ich!\" Die Intellektualität ist der letzte\nTriumph des Atoms über das Universum. „Der\nVerstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur,\nsondern schreibt sie dieser vor\", sagt Kant mit an-\nerkennenswerter Kühnheit — und stellt damit die\nWelt buchstäblich auf den Kopf.\nIn Wahrheit jedoch ist der Intellekt ein Kerker\nund das Individuum ein Gefangener im eigenen Ich.\nGenie aber ist das Durchbrechen und Zertrümmern\nder Individual-Intellektualität, Preisgebung des\nIchs, Gehorsam gegen unbewußte Gewalten und\nVerbrauch und Auflösung des Individuums im Leben\ndes Ganzen. Genie ist — bildlich gesprochen —\ndas Individuum ohne Haut. Sein Wesen ist un-\nmittelbar an die Welt angeschlossen und das Leben\nder Welt flutet ungehindert hindurch. Während\ndas Individuum einen isolierten Teil der allgemeinen\nKraft darstellen will, ist das Genie bereit, dem\nGanzen zurückzugeben, was des Ganzen ist.\nEmerson nennt das Genie „eine Substanz von un-\nendlichen Affinitäten\". Mit allem verwandt, wird\nes von allem gelenkt und ist ohne Selbst. Selbst-\nlosigkeit (natürlich nicht im Sinne ethischer Güte)\nist das Merkmal aller genialen Naturen. Alle, die\nwir so gerne „Individualitäten\" nennen, waren und\nsind von dem Empfinden erfüllt, daß sie von Ge-\nwalten gemeistert werden, die nicht in ihnen als\nIndividuen sind. Immer finden wir den genialen\nMenschen im Dienste einer „höheren Macht\".\nDiese höhere Macht zu erklären, ist die Velleität\nseiner Individual-Eitelkeit. Moses und Mahomet\nsind Sprachrohre Gottes, Dante ist der Visionär\nsupranaturaler Gesichte, Dichter und Künstler\nlauschen den Musen und inneren Stimmen, Sokrates\ngehorcht dem Daimonion, Napoleon wird von\nseinem Stern geführt, Wallenstein von den Ge-\nstirnen, Cromwell kommt am weitesten, „wenn er\nnicht weiß, wohin er geht\", Ulrich von Lichtenstein\nkämpft und leidet für Frau Venus, Robespierre für\ndie Gerechtigkeit, Galilei für die Wahrheit,\nWashington für die Freiheit. Jeder nahm im\nDrange, sich zu verbrauchen, die Aufgabe auf sich,\ndie die Umstände ihm zuwiesen. Das Individuum\nin allen großen Männern ist uninteressant und der\n„intime\" Napoleon bietet dem Psychologen weniger\nals vielleicht der intime Kunz oder Müller. Alle\n„Ausnahmsmenschen\" sind nur Beispiele für die\nVerleugnung des Individuums unter dem Drucke\neiner stärkeren Kraft. Casanova verführte die\nWeiber und ward selbst verführt vom Weibe.\n„Das Weib\" wurde seine höhere Macht, und indem\ner sich im Dienste des Weibes verbrauchte, erfüllte\ner seine „Bestimmung\" und gab sich dem All\nzurück. Jede Selbstverleugnung ist in gewissem\nSinne Genialität und der Mensch der Passion gehört\nnicht minder zum Typus des genialen Menschen als\nder Mensch der Produktion. Der eine wie der\nandere erfüllt im gleichen Maße seine einzige Be-\nstimmung, die im Individuum gebundene Kraft zu\nlösen. Das Individuum sammelt und bindet die\nKräfte, das Genie löst und verwandelt sie. Indi-\nvidualität und Genialität sind die beiden Phasen des\nLebens, die beiden Seiten desselben Phänomens.\nDas Individuum ist die Voraussetzung und Vor-\nstufe des Genies. Es ist der Akkumulator der\nKräfte, die später — nach Generationen — im\nGenie wirksam werden. Das Individuum ist latente\nElektrizität, Genie ist Blitz und Entladung, das In-\ndividuum ist das Kapital des Lebens, Genie ist\nVerbrauch.\nDie Aufeinanderfolge der Individuen in der ge-\nschlechtlichen Zeugung ist ein System verzweigter\nEvolution und das Genie ist die Unsterblichkeit der\nIndividuen. Was vom Individuum stirbt, ist nur die\nHaut, die Hülle im weitesten Sinne: das Ich. Nur\ndie dem einzelindividuellen Leben dienenden\nZellen des Individualkomplexes sind a priori dem\nTode geweiht. Jene Zellen jedoch, die zur Fort-\npflanzung des Individuums bestimmt sind, gehen\nwohl in ungeheurer Majorität durch äußere Ein-\nflüsse zugrunde, sind aber mit Unsterblichkeits-\nmöglichkeit ausgestattet. Die konjugierenden Ei-\nund Spermazellen schließen die sukzedierenden In-\ndividuen zu einer organischen Kette. Und durch\ndiese Kette der Individuen läuft die erworbene und\ngebundene Kraft wachsend und schwellend dem\nMeere zu, in das sie sich verlieren will. Das Genie\nist als solches das letzte Glied einer Kette und der\nErbe alles Erworbenen. Für das Genie arbeiteten\ndie Individuen, das Genie selbst erwirbt nichts und\narbeitet nicht. „In unseren höchsten Augenblicken\narbeiten wir nicht,\" sagt Nietzsche, „Arbeit ist nur\nein Mittel zu diesen höchsten Augenblicken.\" Im\nGenie verschwendet sich der Fleiß der Gene-\nrationen, in ihm ist alles reife Frucht . . .\nAlles ist verkettet. Es gibt in Wirklichkeit\nkeine Isolierung, kein Individuum. Das voll-\nkommene, in sich abgeschlossene Individuum ist\nein theoretisches Schema, das nur im Individual-\nbewußtsein existiert (und seinen exaktesten theo-\nretischen Ausdruck im Fichte'schen Solipsismus\nund in Stirner's „Einzigem\" gefunden hat). Durch\ndie Poren jedes Individuums sickert das Geschehen\nder Welt und in jedem ist die ganze Vergangenheit\nseiner Antezedenten lebendig und wirksam. Nur\ndie sterblichen Hüllen wurden von seinen Vor-\ngängern abgestreift, die unsterbliche Kraft aber\nwanderte von einem ins andere — und in jedem In-\ndividuum reift etwas zur Frucht, was in anderen\nnur Keim, Knospe oder Blüte war, und in jedem\nsind Keime, Knospen und Blüten, die in anderen\nFrüchte werden können, in jedem ist ein Ver-\nsprechen und eine Erfüllung. Aller Sinn des Lebens\nliegt in der Kette und erfüllt sich an einem ihrer\nvielen Enden, — denn jedes Glied der Kette (aus-\ngenommen das erste und das letzte) ist Anfang und\nEnde zugleich . . .\nVom Standpunkt des Individuums aus gesehen,\nhat das Leben keinen Sinn. Es erscheint sodann als\ngrausame und unlogische Farce. Der Leidende\nweiß nicht, warum und wozu er leidet, der Glück-\nliche weiß nicht, warum sein Glück endet. Schmerz\nund Tod sind für das Individuum die beiden großen\nWidersprüche des Lebens. In der Einverleibung\nin die sozialen Gebilde findet das Individuum zuerst\neine Lösung dieser Widersprüche. Die Unter-\nordnung des Einzelnen unter das Wohl des Ganzen\nals des höheren Individuums erklärt zum Teil die\nNotwendigkeit des Leidens, und je fester das Ge-\nmeingefühl (der Egoismus des höheren Indi-\nviduums) sich ausprägt, desto mehr schwindet der\nSchutz- und Machttrieb des Einzelnen. Im Paro-\nxysmus patriotischer Begeisterung geht das Indi-\nviduum sogar freudig in den Tod. Das höhere In-\ndividuum— die Polis — folgt seinen Individual-\nund Genietrieben auf Kosten des Einzelnen; es\nschützt sich, wächst, erobert und teilt sich mit dem\nerreichten möglichen Machtmaximum durch Zer-\nsplitterung oder Kolonisation.\nDennoch aber wird der Einzelne durch die Polis\nnicht so völlig absorbiert, daß nicht immer wieder\njene Widersprüche sich geltend machten. Reli-\ngionen und Philosophien unternahmen es, diese\nWidersprüche radikal zu lösen. Der Trost, den sie\ndem Individuum spenden wollten, bestand stets\ndarin, daß sie den Einzelnen an die Kette oder das\nAll anschlössen. In der ältesten aller Religionen,\nim Ahnenkultus, liegt die Unterordnung des In-\ndividuums unter das Leben der Kette. Das\nSchicksal des Einzelnen erklärt sich darin aus ver-\ngangener, ererbter Schuld oder aus vergangenem,\nererbtem Verdienst und der Tod erscheint durch\ndie Nachkommenschaft besiegt. Im Glauben an den\nUebermenschen — der jüngsten aller Religionen —\nwird das Individuum zum bewußten Kettenschmied\nund lebt dem Enkelkultus. Das „tat-twam-asi\" der\nalten Inder — die tiefste aller Religionen — lehrt\nden Zusammenhang des Individuums mit dem All-\nEinen . . . Daß der Sinn des Lebens in der Kette\nsich offenbart, und daß die Kette in das All mündet,\ndies ist der esoterische Inhalt aller Religion und\nPhilosophie. Das egozentrische Denken des In-\ndividuums aber deutet diesen Inhalt in seinem Sinne\num und versteht unter der Ewigkeit des Seins die\n— Personalunsterblichkeit. Gerade das Sterb-\nlichste an ihm, seinen Hautsinn, das Ichbewußtsein\nwill das Individuum als „unsterbliche Seele\" vor\ndem Tode retten. Diese Seele aber stirbt in Wahr-\nheit schneller als der Leib, der noch viele Stunden\nzu leben vermag, wenn bereits jede Spur des per-\nsönlichen Bewußtseins entflohen ist . . .\nAus einer Essaysammlung, die im Herbst bei Jahoda & Siegel, Wien,\nerscheint\n\nDaniel Jesus\nRoman\nVon Paul Leppin\nBaron von Sterben war ein sehr guter und auch\nein schlechter Mensch. Er wußte nichts davon.\nIn ihm tat das Gute alle jene edeln Capricen und\nFeinheiten, die er selbst zuweilen an sich liebte, und\ndas Schlechte wurde gemein und schmutzig in seiner\nSeele mit einer gewissen nachdrücklichen Besonder-\nheit, die er oft nicht begreifen konnte. Er selbst\nrührte keinen Finger zu dem allen. Er wehrte sich\nnicht gegen das Arge in ihm und tat dem Schönen\nkeinen Gefallen. Er war zwanzig Jahre alt und hatte\ndem Leben bis auf den steinernen Grund gesehn.\nUnd nun machte er eben alles mit, was eine eigene\nund einsame Gebärde hatte, jedes Abenteuer, wenn\nes kostspielig war, jede Sünde, die ihn noch schauern\nmachte. Das heißt, er war es gar nicht, der das\nalles tat, es waren die Dinge selber, die ihr Leben\ndurch das seine trugen und durch ihn hindurch-\ngingen wie durch eine offne Tür. Seine Seele tat\nmanchmal etwas, seine Hand oder ein Fremder.\nAber niemals er selbst, den er verloren zu haben\nglaubte in den ungesunden Träumen seiner Knaben-\njahre. Er war ein passiver Mensch, mit dem die\nTage machten, was sie gerade wollten.\nEr liebte Hagar, die junge Zigeunerin. Auf\neinem Jahrmarkt vor der Stadt hatte er sie vor\neinigen Wochen gefunden, wie sie den Leuten für\nbraunes Kupfergeld kindische Kapriolen schenkte.\nSie hatte ihm gefallen, weil sie mit bloßen Füßen\ntanzte und klein und mager war wie eine Wildkatze.\nUnd als er ihr eine Viertelstunde zugesehn hatte, da\nschüttelte ihn schon der Frost, und er wußte nun,\ndaß alles vergebens war und daß ihn sein armer, von\nder Liebe gefolterter Leib zwingen werde, sie zu\nbesitzen. Sie hatte große und schmale Goldringe in\nden Ohren, über die das Haar wie ein dunkler Vor-\nhang fiel. Diese großen, dünnen Ringe bei blassen\nFrauengesichtern waren sein Fetisch schon seit\nJahren. Es kam ein wilder, verregneter Vor-\nfrühlingstag, und seine Zähne schlugen im Taumel\naneinander. Er fühlte leise und hoffnungslos, daß\nGefahrvolles und Böses in den Augen Hagars lauerte,\nund daß sein junges Leben darunter büßen werde\nwie unter einer Rute. Aber eben das war ein\nschwerer, siegender Zauber für ihn, dem er nicht\nentrinnen konnte.\nSo wurde Hagar die Maitresse des Barons.\nStumm und staunend war sie damals mit ihm\ngegangen. Sie begriff nicht recht, was sie mit ihm\nbeginnen sollte, der sie mit zuckendem Munde an-\nsprach und über dessen verlebtes Gesicht das\nFieber wie der Wind über die Felder ging. Er\nfreute sich darüber, daß sie Hagar hieß, er hatte\ndiesen Namen schon in der Schule sehr lieb gehabt,\nund das Schicksal dieses Weibes hatte ihn immer\ngerührt wie das seiner Mutter. Jetzt war sie seine\nGeliebte geworden, und er führte sie in sein Haus.\nFür hundert silberne Gulden hatte er sie einem\nschmutzigen Komödianten abgekauft, der sie wohl\nfür zwanzig auch gegeben hätte, denn er war\nhungrig und hatte schon seit Tagen kein Fleisch\ngegessen.\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.3", "texte": "Sie ging still und folgsam mit ihm durch die\nStraßen, wo die Leute sich umsahn und lächelnd\nden Baron erkannten. Sie trug ein dunkelrotes,\nverschossnes Kleid und hatte bloße Füße. Da-\nheim nahm er sie in seine Arme und sang eine\nkleine, ein bischen ironische Melodie, die er einmal\nvon einer Frau in einer seltsamen Stunde gehört\nhatte. Mit der Spitze seines Lackschuhs stieß er\neine wunderschöne breite Tür auf und legte die\nstumme Hagar in sein seidnes Bett. Ein tiefblaues\nund trauriges kostbares Kopfkissen schob er ihr\nunter den braunen Hals, und dann kniete er nieder\nvor dem Bett und begann sie Stück um Stück\nlangsam atmend zu entkleiden.\nHagar wandte ihren Kopf zu ihm und sah\nihn an. Und dann sagte sie etwas, das wie eine\nLiebkosung über sein heißes Gesicht flog. Er schrie\nauf und küßte sie mit der kranken Inbrunst\nseines Leibes, den die Liebe zerbrach. Er küßte sie,\nbis ihr das Blut von den Lippen auf das weiße Eis-\nbärenfell niederrann, auf dem er kniete, und da nahm\ner sie mit beiden Händen und riß ihr das Hemd über\nder keuchenden Brust vom Leibe, daß sie nackt vor\nihm da lag und ganz sein war.\nNun hatte sie ihn schon viele Wochen mit ihrer\nLiebe gequält und ihn zum Sklaven ihres\nkleinen, mageren Körpers gemacht, an dem er zu\nGrunde ging. Hagar war gnadenlos und ohne Er-\nbarmen. Sie grub ihre braunen, zitternden Finger\nin sein weiches Fleisch und biß ihm die Brust wund\nwie eine Katze. Ihre heischende und zuchtlose\nLiebe umgab ihn wie ein schwerer Traum, aus dem\ner nicht erwachen konnte.\nBis eines Tages Daniel Jesus kam und sie mit\nder Peitsche aus dem Hause des Barons Sterben\njagte. Er wollte nicht, daß sein junger Freund\ndieser verkommnen Hexe erliege. Es war etwas\nGroßes und Phantastisches in dem Herzen des\nBarons, das er ihm bewahren wollte und das ihm\ndie Zigeunerin stahl, in jeder Nacht, In der er ver-\nzweifelt mit ihrem Leibe kämpfte wie mit einem\nTier.\nErst schrie er auf und wollte Daniel Jesus die\nPeitsche entreißen, dann warf er sich auf den Boden\nund hüllte den Teppich um seinen Kopf und ließ ihn\ngewähren.\nHagar kam wieder, aber sie marterte ihn\nnicht mehr. Sie saß am Tage schweigend und fin-\nster in einer Ecke, und in der Nacht sprach sie mit\nihren Träumen. Einmal bat sie ihn, er solle ihr aus\neinem alten, rostfleckigen Buche etwas vorlesen, und\nda las er mit Verwunderung Gebete und Sprüche\nund Lieder darin und eine uralte Litanei zu einem\nlange vergessenen Heiligen. Es war eine starre\nund blinde Brunst in diesen Liedern, eine wüste\nSehnsucht und so etwas wie eine letzte mit dem\nKreuze gezeichnete Station.\nEr fragte.\nDa sagte sie trotzig, daß sie jetzt zum Schuster\nAnton gehe, zu dem heiligen Mann, der draußen\nhinter dem Bahnsteig wohne, in der langen Straße\nmit den hundert Laternen. Sie sei eine Sünderin\nund müsse beten, stundenlang und alle Tage, damit\nGott ihr verzeihe und sie den Frieden finde.\nDen Frieden? Das Wort machte ihn betroffen.\nDen Frieden? Verspricht den der Schuster?\nJa.\nUnd jetzt sprach sie eine Stunde lang von dem\nMessias. Wie er groß und mächtig sei und wie ein\nKönig unter allen Leuten. Wie neben seiner Stimme\njede Sünde fällt. Wie hoch seine Hände zu Gott\nemporreichen. Und wie er das tausendjährige Reich\nverkündet. Die Menschen sollen fliehen vor ein-\nander, denn die Gemeinsamkeit ist die Sünde. Und\nwo zwei neben einander stehn, da sei Gott mitten\nzwischen ihnen, daß sie ihre nackten Augen nicht\nsehn und sich nicht schämen müssen. Damit wir\nnicht arm und gehetzt sind wie heute und mit uns\nselber kämpfen und mit dem Leben. Damit wir\nnicht in Krämpfen und Begierde unterliegen. Daß\nwir keine Sehnsucht mehr haben, außer Gott. Und\nkeinen Wunsch außer ihn. Fluch aller Liebe, die\nan Gott vorbei will. Ihr nimmt er das Bewußtsein\nund macht sie irre. Daß sie am Ende nur ihre eigene\nMarter lallen kann.\nSie hatte sich heiß geredet, und ihre Wangen\nbrannten. Ihr Haar war aufgegangen und fiel ihr\nins Gesicht. Sie war schön in dieser Stunde, die\nZigeunerin. Er nahm sie um den Leib und\nwollte sie küssen. Seit jenem Tage, da Daniel\nJesus sie mit der Peitsche schlug, hatte er sie nicht\nberührt. Die Gier erwachte in ihm, und er schau-\nerte wieder wie damals, als er sie zum ersten Male\ngesehn hatte an jenem wilden, verregneten Früh-\nlingstag, als sie mit nackten Füßen vor ihm tanzte.\nHagar — stockte er und wollte sie küssen.\nAber sie wandte sich ab und stieß ihn zurück.\nUnd als er ihren Leib faßte, schrie sie wie im\nSchrecken. Da kam eine leuchtende, hellrote Welle\nvon Blut, die ging durch sein Gehirn wie ein Eisen-\nbahnzug und brauste. Er nahm die Zigeunerin bei\nden Füßen und warf sie zur Erde. Dann setzte er\ndas Knie auf ihren bäumenden Leib und wollte ihr\nwie damals das Kleid über der Brust zerreißen. Doch\nsie hob die Hand und schlug ihm ins Gesicht, hart,\nblind, drei-, viermal. Er gab sie frei und sah entsetzt\nund bleich zu ihr hin — wie zu einem Tier.\nDann lachte er auf und höhnte:\nDu bist in deinen Schuster verliebt und magst\nmich nicht mehr. Geh hin, er ist stark und groß,\nund sein Bett ist breit, dort kannst du beten.\nSie lag noch immer auf dem Boden.\nDas ist nicht wahr! schrie sie laut. Und da\nkam eine Pause, in der sie sich ansahn und beide\ndas Blut des andern flüstern hörten. Ein Moment,\nwo ihre Augen groß und schmerzhaft wurden mit\nvielen Tränen, in denen noch der traurige Schimmer\nihrer verwundeten Seele leuchtete.\nDas ist nicht wahr! heulte sie noch einmal wie\nein Hund, und dann warf sie den Kopf auf die Erde\nund weinte.\nEs war ihr eben ein Glück genommen worden,\nan das sie viele Tage geglaubt hatte. Das war in\nihr zusammengebrochen und stand nie mehr auf.\nSie wußte mit einem Male, daß sie niemals nach\nGott gesucht hatte in diesen Stunden. Daß es doch\nwahr sei und daß sie den Schuster liebte und nach\nihm begehrte und daß sie es vordem nur nicht ge-\nwußt hatte. Aber jetzt war es ihr plötzlich deut-\nlich, daß sie nach seinem großen und stolzen Leibe\nlechzte und nach dem häßlichen Mund mit den\nbrennenden Narben. Und er war von Gott und\nwürde sie zertreten, wenn sie zu ihm käme.\nDarum weinte die Zigeunerin.\n\nFortsetzung folgt\n\nGespräche mit Kalypso\nSechstes Gespräch: Hohn und Schwermut der\nVerliebten / Von der Rhythmik\nUeber die Musik\nVon Alfred Döblin\n(Die Felsenwanderung. Kalypso und der Musiker\ngehen unbegleitet die steilen Wege. Sie verweilen\nmanchmal ruhend auf einer Höhe. Die weichen\nZüge des Musikers sind völlig schlaff und willenlos,\nöfter in Ueberdruß und Haß sich verhärtend.)\nKalypso:\n(Betrachtet ihn rasch von der Seite, mit spöttischem\nLächeln.) Welche furchtbaren Entschlüsse mein\nFreund in der Brust wälzt. (Musiker starrt vor\nsich hin.) Man erzählte mir einmal, als ich unter\nden Menschen deiner Zeit lustwandeln ging, im Ge-\nwand einer jungen Fürstin, daß Ihr keine Erfindung\nEurer erfindungsreichen Zeit so schätztet als jene,\ndie Ihr Liebe heißt. Ich wußte nicht, was sie ist,\naber mir fällt sie ein, wo ich Dich betrachte, mein\narmer Freund und Qebieter.\nMusiker:\nKalypso, ich habe mit Dir nichts zu tun, — und\nbin ich krank, so ist es meine Krankheit.\nKalypso:\nIhr Sonderbaren. Ueberall hin schleppt Ihr Eure\nTorheiten. Ihr laßt, wie die Hunde, keine Ecke un-\nbenäßt.\nMusiker:\nO stürztest Du doch von der Klippe und zerschell-\ntest gleich meinen toten Freunden.\nKalypso:\nBrüderlein, sei gut und sanft. Was braucht Ihr da\nstolze Namen für so unwürdige Dinge? (Sie sitzen\nauf einem bankartigen Felsenvorsprung in einer\nNische der Klippen.) Bändige ich Dich, singe ich\nDich wie eine Amme ein. Den Fischen hast Du\nso oft gepredigt; will mein Lehrer seines Amtes\ngegen mich vergessen? (Sie hält den Kopf des\nMusikanten im Schoß und wiegt ihn; singt und\nsummt eintönig.) Bald schläfst Du ein und\ndann schwindet der Trotz. (Sie lächelt immer, singt\nnicht mehr, nur ihr Gewand rauscht in den Wiege-\nbewegungen.) Bald schläfst Du ein; das Hin und\nHer ermüdet Dich; das Gleichmaß des Rauschens\nermüdet Dich. — Lachst Du nicht über Deine\nKunst? Ja, sie ist eine große Kunst, sie schläfert\nein. Lach nicht, lach nicht; so tut alle Lehre und\nKunst: hier erwecken, dort einschläfern. Der\nSchlaf begleitet unser Leben, und auch das Wachen\numhüllt ein tiefer Schlaf. Eine stumme Macht ist\nder Schlaf, stumm, weil nur das Wachen der\nSprache bedarf. Und viele preisen auch die Tu-\ngend des Schlafes, doch nennen sie ihn anders.\nMusiker:\n(Murmelt) Kalypso, o Kalypso.\nKalypso:\nDas Gleichmaß führt das Wachen in den Schlaf,\nführt das Bitterste in den Schlaf, das Schwächste\nin den starken Schlaf. Des Gleichmaßes Herrin ist\ndie Kunst. Wir suchen Leben zu messen, wir ver-\ngleichen; und so heißt dies: vergessen wollen,\nschlafen. Zwischen dem Ungeordneten, Fremden\ntanzt und irrt das Wachsein und seufzt nach dem\nWiederkehrenden, Wohlbekannten, Gleichen, immer\nGleichen. Schlafe, was willst Du mehr? Oh wie\nflötet die Kunst zu diesem Tanze!\nMusiker:\nAch, gib mir von ihm. Bang macht mich das Leben.\nIn der Fremde irrt mein Wachsein und seufzt nach\ndem Wohlbekannten.\nKalypso:\nSie ist die Herrin des Gleichmaßes, die Kunst; sie\nist von Ammenart, lullt ein. Kaum stützt sich eine\nKunst so schwer auf diesen Pfeiler, als Deine, die\nZeitkunst ist; mit einem Stoffe wie ein Nichts, ein\nHauch, — und so gedrängt und befähigt, die fast\nreine Zeit, das Wirklichste zu meistern. In ihren\nHänden ruht Gewalt, wie in wenigen. Wo\nimmer Du Gewalt in den Künsten findest, stößt Du\nauf Eintönigkeit, auf Ebenmaß. Die Herrichter der\nWerke bannen durch einfaches, so einfaches Rech-\nnen. Sie rauben Dich Dir, wecken da, schläfern\nhier. Zwiefach ist die Art des Großen, Gewalti-\ngen; zu bannen und lähmen, zu spannen und\nschlaffen, und so schließlich jedes Wirkenden. Dicht\nwohnt bei der Gewalt die Langeweile. Und\nwo die Künste Schrecknis mit sich führen, zieht der\nSchrecken auch aus dem Gleichmaß seine Nahrung;\ndenn Stille und Schrecknis sind sich nicht fremd,\ndie Lähmung und Bannung sich nicht fremd. So\natmet die Kunst, und ihre Atemnot heißt „Zufall\";\ndenn er kehrt nicht wieder, ist unmeßbar, er, der\nbesser Abfall hieße. —\nNimm Deine Harfe und singe. Laß mich Dir\nsagen, mein schwermütiger Freund, der so ängst-\nlich dem Schlafe naht: Du verlierst Dich nicht, ver-\ngißt Dich nicht in Deiner Kunst; wohl raubt sie Dir,\nwas Du Dein Wachsein nennst, aber Du gehst nicht\nauf im Wachsein. Das Wohlbekannte, Wiederkeh-\nrende, Gleiche, immer Gleiche, hält auch Dich um-\nfaßt. Tief ist die Schlaftrunkenheit der Welt.\nNichts raubt einer Dir. Ich leide Tod? Ich tue\nTod. Ich bin Tod. Nimm Deine Harfe und spiele.\nVerlierst Dich, gewinnst Dich in der Welt, sehn-\nsuchtgestillt, denn die Kunst strömt hin, eintönig,\ngewaltig bannend und rätsellos wie die Welt, und\nbist selber von dieser Welt. „Mutter\" sagst Du,\nwenn Du singst.\nMusiker:\n(Richtet sich auf, sieht ihr eine Weile in die Augen,\nsitzt neben ihr, still.) Ach ich will mich versenken\nund verlieren. Schwer fasse ich meine eigene\nWeisheit „ich leide nichts\", ich, leidgefüllt bis an\nden Rand. Was sind Wünsche und Lüste und\nOhnmacht? Der Schmerz ist ein Irrtum, ja er tut,\nals wäre ich schon und verlöre mich. Doch er ist,\n— was kümmert es ihn, wie er heißt! Und Schmer-\nzen und Lüste weisen über mein Jetzt hinaus: und\ndarum lügen sie nicht, noch irren sie; flüstern und\nbrummen: „Du leidest, komm, Du bist noch nicht;\ndie Welt ist nicht vollendet, sie wächst über Dich\nhinweg.\"\nIch soll nicht glauben, daß hinter dieser Welt\nnoch eine andere sich versteckt; ich darf es nicht\nglauben. Dann ist — Recht hast Du — das Gleich-\nmaß, in das meine Augen die Welt geschlagen\nsehen, Zusammenhang der Dinge; dann tritt aber\nein Wunderbares hervor in den Zusammenhängen,\nGesetzen, Formen, ein Fertiges, Bestimmtes, Vor-\nhandenes, ein Inhalt der Welt. Das Blech klingt\nanders als das Holz, es macht nichts aus, ob der\nOlympier darauf geprägt ist oder ein Veilchen.\nSchlaftrunken liegt sie da, sagst Du, Kalypso, die\nWelt; sie wirft sich ruhelos und gähnt; sie lodert\nauf und verbrennt nicht gleich dem Olympier. So\nist sie doch fertig, oder drängt auf Vollendung. So\nmuß sie doch ein Ende haben, ein Ziel! Eine Satt-\nheit, eine leidlose, lustlose Stille!"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.4", "texte": "Kalypso:\nSo laß das Wühlen in Schwermut, mein kran-\nker Freund; Rätsellöserin, Rätselvergesserin singe\nich zu Dir, denn zuweilen heißt: Rätsel vergessen\n— Rätsel lösen. Zusammenhang, Gleichmaß kennt\nsie, Deine tiefsinnige Kunst, wie keine andere, und\nlachen, jubeln und tanzen will sie im Gleichmaß,\nwie auch in Schlaf versenken, bannen und\nerschrecken. —\nMusiker:\nEs gibt kein Ziel. Es gibt keinen Tod. Ich bin\nschon Tod. Unerschöpfbar steigen die Kräfte der\nwachsenden Welt auf; aus dem Nichts steigen sie\nauf. Wüchse die Welt nicht, so hätte sie ein Ende,\nso würde sie nicht, — sie wäre und stände still.\nAber wie ein Baum glüht sie auf, wächst und welkt\nnicht. Erhielte sie sich bloß, so wäre sie schon da,\naber sie ist nicht und ist immer unvollendet. For-\nmen sind? Gibt es einen Schlaf? Du sprichst\nschön. Was sie Formen heißen, heißt mir Be-\nstimmtheit des Weltablaufs, Bestimmtheit des\nDinges; — das Ding erschöpft sich in seinen Be-\nziehungen, ist nichts hinter den Beziehungen, nichts\nmehr. Und aus den Bestimmtheiten wächst die\nUrsächlichkeit; und spricht das Eigentümliche der\nBestimmtheiten aus; so viele der Ursächlichkeiten\ngibt es, wie es Dinge gibt, Wo liegt etwas still,\nwie bringe ich Ruhe in das Flimmern? Es täuscht\ndie Ursächlichkeit, so wie das Ding täuscht, sie\nverdoppeln, verdreifachen und helfen nicht. Sie\ngehen herum um die Beziehlichkeit und die Be-\nstimmtheit. Daß aber die Welt sich so bestimmt,\nwie sie es tut, — dies darf mir nicht zur Frage\nwerden; denn ich will ja in der Welt verbleiben\nund sie überdenken. Kein Festes ist sie, wenn sie\nsich bestimmt, nur geträumt Festes; sie schreitet\nvor; fest ist nur die Vergangenheit. Nicht notwen-\ndig ist sie, noch frei im Schritt, bestimmt und\nsicher immer. Die Wiederkehr, Du sagst es zwar,\nläßt im Schritt Gesetze und eherne Bindungen er-\nblicken —. Ich weiß: es kehrt vieles wieder. Ich\nfrage nicht, warum kehrt dies wieder? Mir fällt\ndies zu den fraglosen Bestimmtheiten des Ablaufs\nder Welt. Du bist eine Hellenin, oh Kalypso,\nblickst nur darauf, auf die Wiederkehr, das Gleich-\nmaß, und preisest den Kosmos. — Ich schüttle den\nKopf über die, welche gar ein gemeinsames Wur-\nzeln aller Erscheinungen erhoffen, welche eine\nFormel finden wollen für die Bestimmtheit der\nWelt, — nicht, weil die Formel nicht gefunden wer-\nden kann, — sondern weil sie nichts sagen könnte.\nWas hilfts, daß man eine Bestimmtheit heraus-\ngreift! In die Tiefe, Höhe und Breite wächst die\nWelt unermeßlich; wir können nur immer Neues\nfinden und suchen, Nahes und Näheres binden, mit\nihr wachsen. Ich erkenne Gleichmaß, Wiederkehr\nund Zusammenhang an; einen Sinn hat die Welt,\nden ihr der Satz der Beziehlichkeit leiht, — weiter\naber kann ich nicht, o Kalypso, nur preisen Gleich-\nmaß und Beziehlichkeit und immer preisen den\nBaum, von dem — mir kein Apfel herunterfällt.\n\nSchluss des sechsten Gesprächs in Nummer 12\n\nSollogub\nVon Ludwig Rubiner\nAus Dostojewskis Dichtwerk stiegen zum\nerstenmal die runden Türme Rußlands auf, rot von\naltem Gold und Blut, und eine Luft heiß von Ge-\nschrei. Als der „Idiot\" erschien, hätte Europa den\nAtem anhalten müssen: hier setzte die Zeit von\nneuem ein. Die Kultur Europas war im Werke\nDostojewskis zerstört worden; denn sie war durch-\nschaut, und die ererbte Hemmungslosigkeit selbst-\nverständlicher Gesellschaftsformen war aufgelöst.\nAber im Roman vom Idioten schössen alle mit-\nschwingenden Töne, die über dieser buntgefleck-\nten Wut der Auflösung bisher geheim schwebten,\nzu einem neuen, hellen Lichtstrahl zusammen. Dies\nwar die erste Erkenntnis von der ungeheuerlichen\nAbenteuerlichkeit in den täglichen Erlebnissen des\nmodernen Menschen. Die erste Schilderung von\ndem Schlachtlärm seiner Entrückungen auf den ver-\nborgenen Wegen seiner maßlosen Vereinsamung.\nDas Buch zeigte den Weg der neuen Jahrhunderte\nan. Die furchtbare und in den letzten Fernen\ntobende Entrücktheit Dostojewskis warf wie ein\nharter, greller Scheinwerfer die geheimen Ahnun-\ngen der neuen Zeit als Tatsachen von roher, primi-\ntiver Nacktheit mit riesigen Dimensionen in den\nRaum. Dinge, an denen deutsche Romantiker nur\nzärtlich versteckt unter den Kostümen ihrer Fabeln\nzu tasten gewagt hatten. —\nSeit dem Tode Dostojewskis war die russische\nLiteratur eine sehr private Angelegenheit Rußlands.\nMan hat Europa ohne Grund und auch vergeblich\nfür die höchst nationalen Eigentümlichkeiten russi-\nscher Dichter zu interessieren versucht. Aber es\ngeschah peinlicherweise, daß Nichtrussen sofort\njenen bekannten Ton analysierender Erzählung\nüberall wiederfanden, der (seit seiner ersten ur-\nsprünglichen Schwingung in Dostojewskis Werken)\nheute den fatalen Eindruck macht, als schreibe die\nrussische Literatur sich von selbst weiter.\nJener alte Dichter, der jetzt in Rußland durch\ndie Popularisierung selbstverständlicher Gefühls-\nwandlungen der Zeit als Prophet lebt, wird für\nEuropa zum Dichter nur durch eine grenzenlose\nEnergie in der stärksten Konzentration negativer\nEigentümlichkeiten. Tolstojs Dichtung gibt nicht\ndas, was er sieht, sondern drängt zusammen, was\ner nicht sehen will. Und man erinnert sich noch\nsehr einer trübseligen Beschämung, die in den\nletzten Jahren der Dichtung Rußlands schnell das\njäh erwachte Interesse Europas nahm, als man er-\nkannte, daß einige, in kleinsten Formen feurige\nDichter zu Ruhm nur durch eine gewisse, exotisch\ngelaunte Mode gekommen seien.\nUnter den kleinen Feuerwerken psychologi-\nscher Amüsements konnte kein Mensch im Westen\nsehen, daß drüben in Rußland in Wahrheit etwas\nsehr Wesentliches vorging. Plötzlich war — und\nnie begreiflich für den Westeuropäer — das uralte\nByzanz aus der Erde gewachsen, und heilige\nKuppeln stehen auf einmal inmitten einer neuen\nund rohen Zivilisation. Der traditionelle Huma-\nnismus Europas wird wie selbstverständlich abge-\ndrängt — das ist das Testament Dostojewskis.\nDort drüben steht heute der Anfang einer Kultur\nohne italienische Renaissanceformen, eine Kirche\nohne die Traditionen des europäischen Christen-\ntums, und das Rudiment einer Philosophie ohne\nHellenismus.\nDieses neue Rußland hat heute schon einen\nDichter.\nFjodor Sollogub schrieb in keinem seiner Werke\nnur einen einzigen Satz, in dem mit bewußter Ab-\nstraktion von diesen viel verschlungenen Relatio-\nnen Rußlands die Rede wäre. Aber alle Dichtungen\nSollogubs sind, wie die Werke eines großen Mu-\nsikers, aus allen verborgen dahinlaufenden Kontra-\npunkten gewebt, die plötzlich in einer überraschen-\nden Stimmung ihre innere Bedeutung und ihren Ein-\nklang offenbaren. In einem Gedicht:\n„Ich erhebe die schlaflosen Blicke\nUnd hänge den Mond in die Himmel\"\nsolche Worte hat man aus Rußland noch nicht\ngehört.\nDieser Mann wagt alles Neue, aus einem mäch-\ntigen Gefühl jener wilden, neuen, doch schon so\nornamental starrenden Kultur, die ihn zu ihrem\nDichter machte. Er wagt ein Drama zu schreiben,\nin dem an verschiedenen Orten und unter verschie-\ndenen Menschen sich jedesmal dieselbe Handlung\nabspielt. Noch ist sein Roman „Leichenzauber\"\nnicht übersetzt, in dem eine noch nie gestattete\nDarstellung von unerhörten Unwirklichkeiten nur\ndurch Schilderung zu einer offenbar längst ge-\nkannten und selbstverständlichen Wirklichkeit zu\nwerden scheint.\nSollogubs Roman „Der kleine Dämon\", sein\nerstes größeres Werk, das deutsch erschien, leitet\nerst langsam in diese neue Wirklichkeit der Orna-\nmente des Denkens hinüber. Noch steht die Welt\nder alten Realität. Hier kämpft das Alte, das Er-\nlernte, Geübte, die Tradition des Ichs noch gegen\nneue Instinkte. Aber das Schlachtfeld ist das Ich\nselbst. Ich, der Leser, fühle, wie um mich gefoch-\nten wird; aber die Kämpfer kommen aus meinem\neigenen Ich, und wer auch siegt, es geht um mich\n— ich bin verloren!\nIch bin hier der Schulmeister Peredonow.\nIn diesem Buche erkenne ich, der Leser, auf\neinmal mit großer Furcht, daß ich auch ein Schul-\nmeister bin. Ich weiß alles besser, ich bin voll\neiner niederträchtigen Pedanterie, spreche in\nlangen Sätzen Dinge aus, die meine Mitmenschen\nschon lange aus der Privatlektüre ihrer Fibeln\nkennen, und ich möchte den andern, der mir, weiß\nGott, dasselbe sagt, nicht zu Wort kommen lassen.\nIch ahne, daß er mich durchschaut, und ich bin\nmißtrauisch. Ich wittere natürlich Intrige oder\nBetrug, und darum muß er mieh betrügen, wo ich\nblind bin vor Eitelkeit oder Hoffnung. Ich wende\nmeine ganze Kraft aufs Mißtrauen, und darum habe\nich viel Zeit dazu; so bleibt keine Minute mehr zur\nBesinnung, man hat nur noch Zeit, die anderen\nganz mißzuverstehen, ihnen unrecht zu geben, auf-\nzupassen. Am folgenden Tage liegt die Zeit wie\nein grauer Schleier da, ich bin darum von Wut voll\nauf die andern, beobachte scharf die Halluzinationen\nmeines verdorbenen Magens, fühle mich ausspio-\nniert und suche rasch, noch ehe der Tag zu Ende\ngeht, meine Eitelkeit zu stillen. Ich werde ein ver-\nzerrter Schöpfer, mein Mißtrauen schafft aus den\nMenschen geheimnisvoll lauernde Kampfwesen,\ndie feindlich bewegt sind nach den Plänen meines\neigenen Gehirns. Aus allen kleinen Dämonen mei-\nner verdorbenen Nerven baue ich mir ein ganzes\nLeben der Welt. Aber dieses neue und eigne Leben\nrächt sich für seine Erschaffung, es beginnt wirklich\nzu sein. Es tritt heraus aus dem Zustande des bos-\nhaft Visionären, und die Menschen werden umhüllt\nvon den Trieben, die ich aus ihnen deutete. Jeder\ntut das, was meine kleine Nebenbei-Schurken-\nhaftigkeit in ihm ahnte. Aber die Schachbrettpläne\nmeines Gehirns werden durchkreuzt von der neu-\nerwachten Aktivität der andern, die ich doch erst\nweckte, Ich! Wäre die schmerzhafte und betäu-\nbende Wut nicht geringer, wenn sie mich nach mei-\nnen eigenen Plänen betrögen? — Jetzt, hier reckt\nsich das fremde Leben, das ich erst schuf, blitz-\nschnell gegen mich. Es geht genau so, wie ich es\nwußte, doch anders. Ich werde schamlos betro-\ngen — hatte mein Mißtrauen nicht alles Recht? —\naber der Betrug ist schamloser, weil er in uner-\nwarteten Kreisen geht. Ich fürchtete natürlich In-\ntrigen, ich suchte vorzubeugen, doch nun kommen\ndie Intrigen, wo ich sie nie voraussah. Meine\nSchöpfung, das Leben, das meine verstörte Phan-\ntasie in die Wirklichkeit hinauswarf und zur Wirk-\nlichkeit macht, biegt ab von meinen Plänen. Diese\nWirklichkeit lenkt heraus aus den abgefahrenen\nSchienen meiner Vorstellung. Das Unerwartete\nder fremden Lebensaktivität ist mein Feind. Diese\nungeahnte Ausbiegung der neuen Wirklichkeit be-\ndeutet Angriff. So stehen die notwendig und\nruhig ablaufenden Vorgänge der Realität, die von\nmir erst ihren Weg getrieben wurden, gegen die\nkrampfhaften Ausschleuderungen meines Denkens.\nDies ist der Kampf, in dem mein Denken gegen\ndas Vordringen der Wirklichkeit immer mühsamer\nund absonderlicher werden muß. In diesem\nSchädel surrt das Treffen spitzklirrender Waffen,\ndas Summen wird ein großes, reines Getöse, und\ndie Welt wird grauer und schwimmend, mein\nBlick ist gedunsen. Verruchtheit ist eine Gestalt\nund auch Schurkerei ist eine Person; mein Denken\nist eine wieselkleine, fix hin und herschießende\nblasse Pflanze. Es läuft unter die Türen, hinter die\nTapeten. Durchdringe ich die Dinge, fühle ich sie,\nbin ich in ihnen? Es ist keine Zeit mehr, der\nKampf raste zu Ende. Hier siegte die Wirklich-\nkeit, der Körper ist zerstört, und die kleinen\nDämonen eines Nebenlebens, unbeachteter Neben-\ngedanken schufen den großen Dämon eines neuen\ntoten Lebens, den Wahnsinn.\nDer Schulmeister Peredonow, der in Wahn-\nsinn an sich selbst endet, das ist Ich, der Leser. So\ngroß ist die Dichtkraft Sollogubs, daß man, in\ndiesem Falle scheinbar klinischer Besonderheiten,\nnur sich findet. Man erkennt, ohne es zu ahnen,\nentsetzt die Allgemeingültigkeit dieses Lebens der\nkleinen Dämonen. Man sieht zum ersten Male, wie\naus Trieben, die versteckt und mißgeachtet ein\ngeheimes Schnörkelwesen lebten, sich allmählich\neine besondere und mächtig wirkende Figur des\nLebens formt.\nDas ist eine ganz russische Form des Fühlens.\nRußland erscheint uns wie eine Erinnerung an\nunglaubwürdige, phantasmagorische Träume. Man\nblickt auf eine Bühne der Verwandlungen, erlebt,\nehe man noch daran glauben kann, ein Land, in\ndem die nervösen Schmerzzuckungen der Wirklich-\nkeit in einen schattenhaften Urwald trübflatternder\nNebel verhuschen; wo die Abenteuer der Phanta-\nsie zu einer erstaunlich selbstverständlichen Re-\nalität werden. Hier hat alles ein zweites, verbor-\ngenes Leben. Mitten im Rußland der Wirklich-\nkeit herrscht — wer glaubt es? — das scheinbar\nunwirkliche Reich der Dichter. Die Dichter sind\nin diesem abenteuerlichen Lande, in dem die Duma\nals ein spukhaftes Theorem erscheint, Volksführer\nvon fast utopischer Macht. Sie sprechen und\nSekten bilden sich nach ihrem Wort, verborgene"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.5", "texte": "Leidenschaften schießen zu Weltanschauungen her-\nauf, vergessene Neigungen werden organisiert. Das\ngeht so telegraphisch schnell über riesenweite\nFlächen hin, als ob in diesem Lande alle Leute\nlesen könnten, und das Unterrichten von hundert-\ndreißig Millionen Menschen nicht Privatsache\nwäre!\nNur Dostojewski hatte diese Qefühlsform\nRußlands erfaßt, diese Zwieform des Nebenein-\nander von den Leben der Realität und der Phan-\ntasie. Bei ihm tauchte die russische Qefühlsform\nhinab unter die wilden und mächtigen Folterwerk-\nzeuge der Analyse, so daß auf dem Urgründe aller\nAuflösung jede Besonderheit eines rein nationalen\nLebens schwand, und nur das Allgemeingültige des\nPsychischen blieb.\nAber niemand ist der Tradition Dostojewskis\ngefolgt. Seit dem Tode Turgenjews haben die\nrussischen Dichter nie mehr jene sonderbare Me-\nlodie internationaler Effekte vergessen können, die\nin der Einigung von französischer Form und russi-\nschem Stimmungsinstinkt kadenzierte. Das be-\ndeutendste Organ der modernen russischen Litera-\ntur, die Monatsschrift „Wjessy\" könnte auch von\neinem Kreise russophiler Pariser geschrieben sein.\nNun steht Sollogub in der Tradition Dosto-\njewskis. Aber er ist, wie jeder große Erbe in den\nKünsten, ganz unabhängig vom Vorbilde. Dosto-\njewski ist gar nicht das Vorbild, sondern Sollogub\nhat plötzlich diese vergessene Form des russischen\nFühlens wieder gefunden und erkannt. Es ist alles\nganz anders bei Sollogub. Brachte furchtbarer\nEnthusiasmus in der Entdeckung von unsichtbaren\nScheiterhaufen des Psychischen Dostojewski zu\nden „Dämonen\", so wird bei Sollogub die Ab-\npendelung des Gehirns zum „kleinen Dämon\". Bei\nSollogub steht alles in einer sehr kleinen Welt,\nkommt von kleinen Motiven und geht zu Folgen,\ndie an sich für die Welt wenig bedeuten.\nAber hier taucht — wie immer ein ewiger\nDualismus — die ungeheure Dichtkraft Sollogubs\nauf, und diese Dinge, die so wenig für die Welt be-\ndeuten, werden zu bedeutsamen Ereignissen der\nerschreckten Hirnlichkeit, die Erlebnisse des Kör-\npers werden zu Phantomen der Phantasie, das\nRussische wird zum Abenteuer des Menschlichen.\nDieses Buch legt man am Schlüsse der Lektüre\nals gleichgültige Spukhaftigkeit weg, aber nach\nWochen steigt unerwartet der dröhnend schwin-\ngende Wiederklang eines großen Dichtwerkes auf.\nFjodor Sollogub: Der kleine Dämon / Roman / Deutsch von Reinhold\nvon Walther / Verlag Georg Müller Mönchen\n\nOffener Brief\nan Karl May\n\nNieder-Schönhausen, im April 1910\nSehr geehrter Herr!\nGestatten Sie mir, dessen Namen Sie zum\nersten Mal hören, diese Zeilen öffentlich an Sie zu\nrichten. Aber ich mag nicht schweigen, wenn eine\nKohorte grinsender Kulturträger ihre persönliche\nReinlichkeit dadurch zu dokumentieren sucht, daß\nsie ein mühevoll erjagtes Opfer mit seiner Ver-\ngangenheit stückweise abschlachtet. Ich mag aus\nmeiner Jugend die Helle nicht fortwünschen, die\nedele Aufregung von großen und guten Menschen,\ndie Sie in sie hineingetragen haben. Der en-\nthusiasmierte Bewunderer Old Shatterhands be-\nrauscht sich heut in aller Oeffentlichkeit an den\ntropischen Träumen Johannes V. Jensens, stiehlt\nsich heimlich mathematische Ekstasen bei Conan\nDoyle: aber den Rausch aus der Jugend vergißt\ner nicht. Mein Lehrer war jener gute Pro-\nfessor Freytag, Ihr begeisterter Lobredner, und\nals er einst eine Karte, die er aus Ceylon\nvon Ihnen erhalten hatte, für das beste Extemporale\nversprach, habe ich mich mitten im Semester zu\neiner mehrstündigen häuslichen Vorbereitung hin-\nreißen lassen. Schließlich habe ich sie doch nicht\nbekommen — nur von weitem neidisch bewundert.\nUnd nun stellt man fest, daß Ihre Vergangen-\nheit eine dunkel bewegte war. Mit sittlichem\nPathos verkündet man, daß Sie einige Jahre vom\ndeutschen Reich in wenig angenehmer Weise in\nAnspruch genommen worden sind. (Verzeihen Sie\nden Hinweis, zu dem mich nur die Absicht des Fol-\ngenden zwingen konnte.) Und welche Kon-\nsequenzen zieht man daraus? Gestatten Sie mir,\nIhnen meine Bewunderung auszudrücken, daß so\nviele schwere Jahre nicht die Kraft geraubt haben,\nsolche Bücher zu schreiben, daß literarischer\nFrohndienst schmählichster Art Sie nicht zu dem\ngemacht haben, was aus jedem Anderen — wenn\ner es überstanden hätte — einen verbitterten, haß-\nerfüllten, von Rachebedürfnis zerwühlten Menschen\ngemacht hätte! Ich begreife die ungeheure Festig-\nkeit eines Individuums kaum, das nach schreck-\nlichen Martern lichte, von keinem bitteren Wort\nentstellte Bücher schreiben konnte. Und was be-\nweist ein Giftmord gegen eine gute Prosa, äußert\nselbst die offizielle Paradoxie Oskar Wildes. Was\nbedeutet überhaupt die Vergangenheit gegen die\nTatsache eines Schaffens, dessen Spannungen mich\nzu einer Höhe des Entzückens getrieben haben, die\nmich noch heute in der Erinnerung mit einem\nwarmen Schauer des Entzückens überschwärmt!\nUnd wenn Sie keins der von Ihnen be-\nschriebenen Länder gesehen haben — was beweist\ndas? Baudelaire entlud die verschwiegensten\nTiefen seiner Kunst in Schilderungen tropischer\nReize und seine Kenntnisse der Wirklichkeit über-\ntraf die Erfahrung eines kurzen, fiebernd ver-\nbrachten Tag nicht. Und wenn alles nur eine durch\ndie Landkarte korrigierte Vision ist: so pfeifen Sie\nauf die jammervolle Entrüstung bourgeoiser Ethik,\ndie Produkte phantastischen Schaffens mit dem\nReisepaß nachprüft. Ich habe die Sensations-\nromane, die unter Ihrem Namen laufen, gelesen: und\nwohl ist manches in den abertausend Seiten mit\nMitteln hervorgebracht, die der entrüstete Rezensent\nsich nur in der raffinierteren Form sudermannischen\nSchaffens gefallen läßt -— aber ich will den Wirbel\nnicht vergessen, in dem sie mich gerissen haben\nund wenn er aus dem jämmerlichsten Fusel ent-\nstanden wäre. Ihre Reisebücher haben sorgfältig\nalle jene trüben Elemente ausgeschieden, und wie\nquittiert Mr. Knownothing? Mit schreiend er-\nhobenen Händen und gurgelnden Kassandrarufen!\nEs ist eine peinliche Gesellschaft, in deren Nähe\nman sich begeben muß. Und die Atmosphäre in\nFäulnis übergegangenen Moralins, die sie umgiebt,\nreizt empfindliche Nerven. Aber man muß objektiv\nsein. Man muß untersuchen, was Ihre Bücher be-\ndeuten.\nIhre Romane enthalten, was jeder Mensch von\nweniger differenzierten Bedürfnissen einfach als\nErgänzung seines farblosen Seins braucht: das\nFresko der Gestalten und Vorgänge. Jene un-\nkritische Qröße der Leistung, die einen noch wenig\nverfeinerten Instinkt allein als Ideal erscheint. Und\nhier reiht sich die Religiosität ein, die Ihnen frei-\ndenkerscher Fanatismus — Qebete im Pantheisten-\ngehrock und weißer Weste — angesichts jener\nVergangenheit mit tiefer Entrüstung ins Qesicht\nspeit. Der gleiche Fanatismus, der die Bekehrung\neines wüsten Antisemiten zum hemmungslosen\nDemokraten jederzeit mit Jubelgeheul zu begrüßen\ngeneigt ist. Auch mir ist jene sentimentale Fröm-\nmigkeit wenig sympathisch: aber ich wage nicht,\nIhnen das Recht auf eine eigene Ansicht zu be-\nstreiten, wo ich mir das Recht zu einem Privatleben\nvon jedermann ausdrücklich ausgebeten haben will.\nUnd wie empfinden die Leser Ihre Religiosität?\nViele Tränen hat mich Winnetous Tod gekostet,\nviele mitleidige Erinnerungen des armen Carpio\nSchicksal. Aber diese meinetwegen katholische\nSentimentalität wird gleich der übertriebenen\n\nGeh. Regierungsrat Rektor Prof. Dr. Erich Schmidt: „Goethes entzückende Meisterschaft...”"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.6", "texte": "Leistungsfähigkeit Ihrer Gestalten als Dekoration,\nals Ideal empfunden und wie jene Affizierung des\nGefühls freudig und teilnehmend miterlebt. Nur\ndie Torheit grober Volksaufklärer — hassenswerte\nbrutale Gehirne — vermögen zu übersehen, daß\nIhre Bücher Volksbücher, Jugendschriften sind.\nUnd gestatten Sie mir noch, Ihnen zu be-\nmerken, daß ich die Qualitäten Ihrer volks-\ntümlichen Lyrik wohl zu beachten weiß. Nicht\nohne Sehnsucht denke ich an die dumpfe Knaben-\nmelancholie, die mich überfiel, als ich die Schil-\nderung eines Abends in einer Oase in einem Ihrer\nBücher las, wo in einer still begrünten Landschaft\nmit flächigem mondbestrahlten Gewässer schatten-\nhafte Klänge und Gestalten fließen, die mir heut\nnoch, nach mehr als einem Dutzend Jahren, leicht\nund zart im Gehirn schweben\n.... Noch treibt die Fanna heimatlos\nAuf der bewegten Flut\nWenn auf dem See gigantisch groß\nDer Thalia Schatten ruht.\nIch habe sicher die Namen entstellt. Aber\nnehmen Sie mit dem guten Willen vorlieb. Ge-\nstatten Sie mir nur noch, die ungewohnte Be-\nscheidenheit zu rühmen, die einem Schriftsteller von\numfassender Popularität veranlaßt, in einer fach-\nlichen Notiz seine Werke mit dieser ruhigen Geste\ninäquater ästhetischer Kritik zu entziehen:\n„Schrieb: Zahlreiche figürliche Reiseschilderungen\nals Vorstudien für seine eigentlichen Werke.\"\nDer dekorativ beabsichtigte Scheiterhaufen\nplötzlichen entflammten Kulturfanatismus läßt sich\ngleichmütig ertragen Und ich bitte, Ihnen herz-\nlichen Dank sagen zu dürfen für einen Genuß, den\nich aus meinem Leben nicht ausgeschaltet wünsche.\nOb die — hier als wahr — unterstellten Behaup-\ntungen zutreffen oder nicht, kann nur zur Charak-\nteristik Ihrer Gegner interessant sein. Mir ist es\nhöchst gleichgültig.\nIch bitte Sie, sehr geehrter Herr, diese Zeilen\neiner Erbitterung zu gut zu halten, die nur durch\nden elenden Moralismus einer sonst wahrhaftig\nnicht zu ernsten sittlichen Erwägungen geneigten\nGesellschaft so provoziert werden konnte, uner-\nbetne Zeilen an einen Unbekannten zu ver-\nöffentlichen.\nIhr ergebener\n\nRudolf Kurtz\n\nFortschritt!\nDie Rache am Talent\nProgreb\nWie man sich in Deutschland für jede Geste\nrächt, die die Massen aus der Panoptikums-Stel-\nlung eingepaukter Opern-Aufmärsche reißt, kom-\nmentiere ein Gerichtsbericht aus dem Berliner\nTageblatt:\nFrankfurt am Main\n„Wie seinerzeit berichtet, hat der Redakteur\nHermann Wendel von der Frankfurter\n„Volksstimme\" einen Strafbefehl von drei Wochen\nHaft erhalten, weil er am 13. Februar, dem be-\nkannten Wahlrechtssonntag, sich auf den Sockel des\nBismarckdenkmals gestellt, den Hut geschwenkt\nund gerufen habe, „Auf, alle hierher! Hoch das\nfreie Wahlrecht!\" Gegen diesen Strafbefehl hatte\nWendel gerichtliche Entscheidung beantragt, die\ngestern vor dem Schöffengericht zur Verhandlung\nkam. Zwei als Zeugen geladene Schutzleute sagten\naus, daß Wendel die Aeußerungen getan habe.\nZwei Journalisten, die sich in der Nähe Wendeis\naufhielten, konnten nicht bestätigen, daß er diesen\nAusruf getan habe. Im Laufe der Verhandlung b a t\nder Angeklagte Wendel, den Staats-\nanwalt Becker zu veranlassen, daß\ner nicht andauernd bei dem im Ge-\nrichtssaal anwesenden Polizeiassessor\nAuerbach Informationen einziehe, da\ndies nicht zulässig sei. In erregtem Tone\nwies Staatsanwalt Becker diese Kritik\nseines Verhaltens energisch zurück, dem Ange-\nklagten stehe absulut nicht das Recht\nz u, an dem Verhalten des Staatsanwalts Kritik zu\nüben. Der Vorsitzende Assessor\nSchwabe, ein Studienkollege des\nAngeklagten, schloß sich den Worten des\nStaatsanwalts an und bezeichnete die Kritik\ndes Angeklagten als grobe Unge-\nhörig k e i t, Der Angeklagte wies diesen Vor-\nwurf zurück, worauf Assessor Schwabe den Vor-\nWurf ausdrücklich aufrecht erhielt. Wendel er-\nklärte hierauf, daß er als Angeklagter da-\ngegen wehrlos sei, daß er aber an die\nOeffentlichkeit appelliere. Der Vor-\nsitzende verbat sich dies und drohte\ndem Angeklagten mit einer Ordnungsstrafe. Das\nGericht verurteilte schließlich Wendel wegen\ngroben Unfugs zu der Höchststrafe von sechs\nWochen Gefängnis. Bei der Strafabmessung\nwurde berücksichtigt, daß die Menge, wo es nur\nging, demonstrierte, daß dem Angeklagten als\nFührer die Masse folgte, daß es ihm darum zu tun\nwar, die Wahlrechtsdemonstrationsbewegung auf\nder Straße von neuem zu beleben, und daß Wendel\nein Mann akademischer Bildung sei, der sich als\n„Verführer\" der Massen erwiesen habe.\"\nDie Stadt Frankfurt, dieses kulturlose Protzen-\nnest, durfte sich also rühmen, Hermann Wendel,\nder bekanntlich einer der begabtesten Schriftsteller\ndes jungen Elsaß ist, als Redakteur einer ihrer\nZeitungen (gleichviel welcher!) aufweisen zu\nkönnen. Die Stadt Frankfurt hat sich geschändet\ndurch dieses Urteil, das einen Mann ins Gefängnis\nbringt, weil ihn sein Talent zur Begeisterung hin-\nreißt! In dieser Stadt verbot der Staatsanwalt —\nzum ersten Mal in Deutschland — an seinem Tun\nKritik zu üben. In der Stadt Frankfurt, wo jeder\nBordellbesitzer Goethe für sich in Anspruch nimmt,\nwagt man es, einem deutschen Schriftsteller solche\nalten, ekelhaften Gymnasialphrasen ins Gesicht zu\nsagen, wie „Verführer der Massen\". In der Stadt\ndes Goethehauses und der Pariser Imitationen wird\neinem deutschen Schriftsteller die akademische\nBildung als strafverschärfend angerechnet.\nMeine Teuren, der Vorsitzende dieses Schand-\nprozesses war ein Studienkollege Wendeis. Wird\nEuch Einiges klar? Gewiß war dieser treffliche\nVorsitzende, der die Kritik des Angeklagten als\n„grobe Ungehörigkeit\" bezeichnet, nicht von\n„persönlichen\" Motiven geleitet. Aber denkt\nIhr vielleicht, Ihr paar Begabten in Deutsch-\nland, an Eure Studiengenossen? An den hämischen\nNeid der Carrieristen auf Eure Fähigkeiten, auf\njeden Einfall, auf jedes Fältchen, das in Euren\nMienen von Geist erzählt. Denkt Ihr daran, wie\nfest Ihr überzeugt wart, daß die Rache übel sein\nwürde, die der Glattgescheitelte einmal für Eure\nVerachtung nehmen könnte. In der Schandstadt\nFrankfurt triumphierten die Grimassen der offi-\nziellen Talentlosigkeit, die brennend Rache heischt\nfür die anderen Kollegen der Unbegabung, befriedigt\nüber Enthusiasmus und Kultur. Triumphierten über\ndas Talent!\n\nTigerin, Affe\nund Kuckuck\nTierfabel\nElse Lasker-Schüler\nZirkus Busch ist in seinem Extrazug von Berlin\nabgereist. Ich bin zu seinem Abschied auf die Bahn\ngekommen, früh am Morgen; der Komet stand noch\nüber der Sternwarte, aber die Zirkussterne, Schul-\nreiterinnen, Jongleure, Auguste, der Riese mit dem\nZwerg, der große Bär, die Elephantin, das Dromedar,\nder glitzernde Qalawagen, alle waren sie im Lauf\nund bald im vollsten Zuge. Noch lange hörte ich das\nBrüllen der Tigerinnen, nie haßte ein Mann so\nwütend das Weib wie der Bändiger dieser ge-\nstreiften Katzenleiber. Der Puls des Zirkus blieb\nstehn, trat der unerschrockene Sultan in das Gitter-\ngemach seiner brüllenden Sklavinnen. Er miß-\nbraucht sie nicht zu Kunststücken, läßt er auch die\nKunstreiterin seiner Tigerinnen durch einen Papier-\nreifen springen. Wollust bereitet ihm, seine wut-\nschäumenden Tigerweiber mit Stangen und Schüs-\nsen bis zur Wutekstase zu reizen und sie zu bezwin-\ngen. Schschschschschschsch — sch — die beiden\neleganten Brüder Fillies und ihre graziöse Schwe-\nster werfen noch einen kurzen Blick auf den Perron,\nder Clown mit der genialen Ungeschicklichkeit ver-\nlangt auf idiotisch vom Zeitungsträger den\n„Ulk\" — Sch .... Berlin hat sein größtes Kind eine\nWeile verloren, den Zirkus; wo geht man nun hin,\num zuzugucken? Wie ein Mensch soll der Affe sich\nim Wintergarten benehmen. Herr Darwin, der\nEnkel des großen Zoologen, wird mich ins Variete\nbegleiten. Es ergreift ihn, so einen gebildeten Vor-\nfahren seiner Baumzeit zu sehen. Ich bin ebenfalls\nvon dem fletschenden Erzurgroßvater entzückt. Ein\nGourmet ist der greise Herr, keineswegs lebt er von\nLuft und Erkenntnis. Der verwandte Künstler da\noben verzehrte ein Menu von Dressel und regalierte\nsich an Heidsieck-Monopol. Mit Verbindlichkeit\nraucht er die Zigarette, die ihm ein Bewunderer ver-\nehrte. „Es istZeit\" noch prüft erdieZeigeraufseiner\nUhr. — Ich möchte mich auch in ein solches Pracht-\nbett legen — ich bin müde — die Nacht vorher\nbrachte ich, mich verirrend, in der Kolonie Grune-\nwald zu; im Rieselregen auf einer runden Sommer-\nbühne, worauf die Gärtner Kiesel legen. Nasse\nNacht, kein Komet mehr. Ich war trostlos. Plötz-\nlich rief der Kuckuck — ich bezog es zu-\nerst persönlich, aber so unhöflich sind nur die\nKuckucksuhren. Dieser da zwischen jungem Grün,\nzwischen April und Mai, ist ein vortragender Künst-\nler, ein wundervoller Komiker. Also gibt es wirk-\nlich Kuckucke? Ich dachte immer, es sei eine Fabel.\n\nBerliner Sensationen\nMinimax\nErweiterungsbau Wertheim\nIn vergangener Woche ist mit der Niederreißung\nder gesamten Leipzigerstraße, des Potsdamer-\nplatzes und des Spittelmarktes zwecks Erbauung\neines größeren Warenhauses Wertheim begonnen\nworden. Der Neubau wird sensationelle Neuig-\nkeiten bringen; wir teilen einiges aus dem Pro-\nspekt mit:\nI. Selbstmörderkabinett mit Hotelbetrieb. Spe-\nzialität: Gemeinsames Verleben letzter\nStunden. Nach dreimaligen Versuchen\nzwangsweise Ueberführung in die Abtei-\nlung für Schuhwaren oder für Hinrichtungen.\n11. Abteilung für Zahnziehen.\nFür Zahnlose völlig gratis. Jeden Montag\nSerien-Zahnziehen durch den Champion Mr.\nBulldogg. Bei jedem siebenten Zahn bläst der\nAbteilungsvorstand Posaunen.\n111. Abteilung für Mädchenhandel, kombiniert mit\nMutterschutz und Heiratsvermittlung. Steter\nEingang gutgewachsener Neuigkeiten. Allein-\nverkauf der Mutterschutztabletten\nIV. Aus der Toilettenabteilung: Seife als Volks-\nnahrungsmittel. Kutschkes Nährseife Stück\n1,50 Mk„ 3 Stück 5,00 Mk. unterdrückt nach\neinmaligem Genuß das Eßbedürfnis auf drei\nTage und vier Nächte. — Seifenpulver, einzig\nhygienische Säuglingsnahrung. Wäscht auch\nden Darm aus, putzt noch nicht vorhandene\nZähne im Handumdrehen. — Lösung der\nsozialen Frage durch chronischen Darm-\nkatarrh.\nArchitektenscherze\nAm Bierhaus Siechen steht mit fußhohen\ngoldenen Lettern: „Erbaut unter der Regierung\nKaiser Wilhelm II 1910\". Da uns das auffiel, haben\nwir andere Gebäude auf Inschriften untersucht; wir\nfanden auf der Kehrseite mehrerer Häuser Insignien.\nDie grüne Bude am Potsdamerplatz: „Errichtet\nim Protest gegen den Untergang Polens. Das\nweinende Polen.\"\nLestmanns Ballsalon: „Zur Verherrlichung\nJagomirs des Sittenstrengen. Dem Verdienst seine\nKrone (österreichischer Währung).\nDas Abgeordnetenhaus: „Erbaut vom Grafen\nKopfscheu, dem frumben Raubritter. Zur Pflege\nvon Gesinnung mit Bügelfalten. Der Freiheit eine\nGosse.\"\nDas Herrenhaus: „Stehengelassen aus der Zeit\nMammuthios' des Altersschwachen. Zur gemüt-\nlichen Schüttellähmung.\"\n\nBeachtenswerte Bücher und Tonwerke\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Fall statt\nNIKOLAUS GOGOL: Sämtliche Werke / Herausgegeben\nvon Otto Buek/Acht Bände/Band I und II: Tote\nSeelen / Novellen / Band IV: Mirgorod / Novellen\nVerlag Georg Müller, München\nSHAKESPEARE in deutscher Sprache / Herausgegeben\nund zum Teil neu übersetzt von Friedrich Gundolf\nVierter Band: Königsdramen/Verlag Georg Bondi,\nBerlin\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100512-01.1.7", "texte": "Auslieferung für Österreich* Ungarn A. Mühlhans-Smital Wien IX / Für dea Buchhandel: M. Braunschweig Wien IX / Verantwortl. für die Schriftleitnng in Österreich-Ungarn: Otto Soyka\n\nMALSCHULEN\nI I\nStudien=Atelier\nBerlin W. 30, Habsburgerstr. 11\nAkt-Kopf-Kostum :: Zeichnen ::\nMalen :: Modellieren Stilleben\n:: Komposition :: Abendakt ::\nAb Jul! Akt, Landschaft an der See\nProspekt durch Moritz Melzer\nMalschule\nMuller-Schoenefeld\nAtelier Charlottenburg III\nSchillerstr. 3\nVormittag: Portrat u. Kostiim-\nmodell\nAbend: Dauerakt\nAtelier Berlin W / Liitzowstr. 82\nVormittag: Akt\nNachmittag: Portrat\nAbend: Skizzieriibung-en nach\ndem Akt\n(2 Stunden 50 Pfg.)\nAnfragen nach Schillerstr. 3\nBerlin W.35 / Potsdamerstr. 121a\nAtelier\nClara Elisabeth Fischer\n:: MALEN :: ZEICHNEN ::\nNeu seit l. November\nPlakatkunst :: Graphik :: Eintritt\njederzeit :: Naheres Prospekte\nHANS BALUSCHEK\nMaler\n:: Schulatelier fur Damen ::\nBERLIN W., Liitzow-Strasse 82\nAtelierhaus, linker Aufgang\nProspekte Brief-Adresse:\nSchfineberg - Berlin, Vorberg • Strasse 15\n\nDER DEMOKRAT\nWochenschrift fiir freiheitliche\nPolitik / Kunst und Wissenschaft\nErscheint jeden Mittwoch\nNummer 10 Pf. / Quartal M 1\nProbenummern frei d. G. Zepler\nCharlottenburg Bismarckstr. 103\n\nVerlag F. HARNISCH & Co., Berlin W57\n„Spielend\" lernt man Sprachen durch A\nDr, Rebajoli's Autodidakt\nA. Italienisch, elegant gebunden Mk* 10\nB, Franzosisch, elegant gebunden Mk* 10\n„Ein monumentales WerK, das jedem, der es ernst nimmt mit\ndem Lernen einer Sprache, den Stoff zu intensivcr Durchdringung\nund zur volligen Beherrschung des Sprachschatzes in an'\nsprechendcr Form und in methodischcm Fortschritt bietet.\"\nSelbstunterrichtS'Methode mit Htilfe des Grammophons.\nJeder Lehrer, jedc Lehrerin, Jedermann muss Dr. Rebajoli's Autodidakt\ngebrauchen um lcicht und grtindlich Frcmdsprachen zu lernen.\nDie darin enthaltenen 33 fremdsprachlichen Gespr£che sindauf 33doppel-\nseitige „odeon\"-Schallplatten von untibertroffener Fiille und Klarheit der\nStimme durch den Autor iibertragen worden*\nWiedergabe der Aussprache in hochster Vollendang. Vorfuhrung aaf\nWunsch beim Autor oder im Verlag. Einzelne Unterrichtsbriefe 50 Pf.,\nPlatte daza M3. Preis der 33 Platten mit Lehrbuch,AutodidaKt' nur MlOO\nZur Wiedergabe der GesprSche eignet sich jedes, auch das kleinste\nGrammophon; jedoch hat der Verlag hierzu eine trichterlose „Autodidakt\"-\nSprechmaschine konstruierenlassen, die sich durch besonders deutliche\nWiedergabe auszeichnet. Preis derselben nur 50 MarK\n\nE?7, Cafe Continental EJTnI\nJeden Abend von 9—4 Uhr Nachts:\nGrosses Kiinstler - Konzert\nAlle bedeutenden Zeltungen und Zeitschriften\n\nIBM\nstmt\nDARLEHEN\nreellen Leuten jeden Standes. 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Die Pfund-Dose kostet 1,50 Mk.\nZu haben in alien Apotheken und Drogerien\n\nVerlag „Der Sturm\"\n> iT\nm m*\nWir übernahmen inunsernV erlag\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFur Gesang* u. 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Berll.-H.le.we / Qe.chiitf.teile n.4 Aweliea-Anaehme: Berila W35 I Prack r. Sieffried »euer. Berti. S «\n\nTHRICHOPHIL\nF1.M.3,00 SarK'SfteSS F1.M.3,00\n■■■■■■■■■■■■■■a == nur beim Fabrikanten: == ■■■■■■■■■■■■■■■\nOtto Teutscher/Friseur\nI. Geschaft: 106 a Potsdamerstr.,Eing. 63 Steglitzerstr.,Tel.Vl, 6735\n11. Geschaft: Charlottenburg, 100 Kaiserdamm, Tel. AmtCh.,63B7\n■11100000000011111\n\nr\n1. Eine hervorragende Neuerscheinung an! dem Gebiete der Mttdchen-\nbildungr ist das Bach\n„Braiiclieii wir nocli T'dchterppiisionate?\"\nvon Prof. D. Dr. Friedrich Zimmer. Preis Hk.\nWi eh tiff ftir Eltern beranwachsender Tochter, Padagogen, Pensionats-\nVorsteherinnen.\na. „D!e Knabenpensionate, deren Kiiirichtnnff, Ihr Inneres\nnnd ftu§§eM» Leben.\" Von L. Daniel. Ein Ratgeber fiir Eltern\nund Pensionatsinhaber. Mk. I,B©.\n8. ~D«s Tttcbterpensionat\" ist die einxige Zeitschrift, die die In-\nterressen der Vorsteherinnen vertritt. 7. Jahrgang. Reichhaltiger Inhalt.\nAus der Praxis fUr die Praxis. Pro Halbjahr Ilk.\nDarch samtliche Buchhdlg. Oder direkt vom Yerlag Dr. Paul Abel, Leipzig 10\n\nBOWLENWEINE\nTansende Nachbestellmigeii nnd zahlreiche Anerkennungen aus\ndem Reicbe beweisen, dass unsere Weine gut und preiswert sindl\nWir empfehlen zu Beginn der Bowlonsaison unsere beliebten billigen\nBowlen-Weine als\n>>\n?»\n0,70 M.\n0,75\n0,80\n0,75\n0,80\n»»\n»>\n»»\n1,10\n1,10\n1,25\n>»\n•»\n»\n1908er Wellensteiner (M osel)\n1908 er Remtcher\n1907 er Ellenzer\n1907er Elsheimer (Rhein)\n1907er Gaubickelheimer „\nBowlensekt, Frucht-Champag-ner\nmit Steuer\nKaisersekt, ohne Steuer . . .\nLorraine, „ „ ...\nAlle Preise versteben sicb mlt Flaschen frei Haus in Berlin,\nnach ausserhalb frei zur Bahn, gegen Kasse, Nachnahme oder Vor-\neinsendung. Bew&hrte Bowlenrezepte der Firma kostenlos. Voile\nGarantie fur tadellose Beschaffenheit; Nichtgefallende* wird auf\nunsere Kosten zurtickgenommen. Verlanffen Sie kostenlos\nProislisten. 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