{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-06-23-01", "volume": "bmtnabg_1910-06-23_01", "ocr_sha256": "8b7e68a8a0663777fcd1c60a3d59ee2b14accc2bc7f688a70f011e271633f6b2", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/06/23_01/bmtnabg_1910-06-23_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/06/23_01/bmtnabg_1910-06-23_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-06-23-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-06-23_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-06-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "131", "page_fin": "131", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.1", "debut_caractere": 578, "fin_caractere_exclue": 826, "texte": "INHALT:\nR. 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Niemand wird staunen weder\nhier noch in der Heimat, daß ein nordischer Fürst\neinen Dichter seines Landes aus seinem Garten\nweist und eine mythologische Verstaubtheit mit\nGoldbeschlag statt seiner einladet; das Meer wird\nsich nicht empören; es ist seit der Zeit der Gothen\nan vieles gewohnt. Und wir zu Hause wissen\nvollends, daß der demittierte Dichter keinen Platz\nhatte in dem Schlosse eines Mannes, dessen Vor-\nfahren er mit all dem Spott angepfiffen hatte, den\nsein spitzer Schnabel aufbieten konnte. Nur die\nzottige deutsche Männerbrust empört sich; sie\ngerät ins Vibrieren. Und eines ausgekaterten\nMorgens macht sich ein literarischer Kriegerverein\nauf, schwingt das Tomahawk, erläßt in Zeitungen\nKundgebungen an den gebildeten Mob, und sammelt\nbegeistert Gelder für ein Heinedenkmal. In-\nzwischen kaufte Herr Campe von Heines Verlag\ndas Korfuer Denkmal an, — ich vermute, nicht ganz\nfreiwillig, — und stellte es in dem Garten seines\nHauses auf, an der Straße, wo alle sehen konnten,\nwas er für teures Geld dem preußischen Mini-\nsterium abgekauft hatte. Die literarische Ber-\nserker wüteten mit ziemlichem Erfolg unter denen,\ndie sich um das goldene Kalb und den duftenden\nGänsebraten scharen, und fuhren das Geld in Möbel-\nwagen zur Bank. Nach Hamburg sollte das Denk-\nmal hin, schrieen sie, eben nach demselben Ham-\nburg, dessen Börse und Gestank der große Dichter\nso unsterblich gefeiert hatte. So planten sie rache-\nschnaubend, und der Hamburger Senat erklärte sich\nahnungslos damit einverstanden.\nAber Heinrich Heine soll, so erzählen mir die\nGötter, mit denen ich Umgang pflege, in diesen\nSammeltagen vor Lachen fast geplatz sein; be-\nsonders darüber, daß man ihm ein Denkmal setzt\nerst in einem Zollernschloß, dann in Hamburg und\nzu guterletzt als einem deutschen Dichter. „Es war\nvorauszusehen,\" äußerte er sich, „daß die Deutschen\nauf meine Gedichte hereinfielen. Sie verstehen nie-\nmals die Pointe. Ich sage: meine Liebste, Du\nkannst nichts dafür, aber Du bist nun einmal eine\nKanaille. Ich sage das natürlich nicht direkt, das\ntut man nicht, sondern unter Küssen, mit Aufgebot\nvon Nachtigallen, Rosenhecken und ähnlichen Uten-\nsilien, mit Hinweis auf die beliebte Loreley, so\nblumig, puppig, nuttig, daß die Deutschen das Lied\nprompt zu ihrem Nationalgetränk neben Jodkali\nmachen. Keine Landpartie, auf der noch nicht ver-\nkündigt wird, daß meine Liebste, — Gott hab sie\nselig, — eine Kanaille war, nicht unähnlich der be-\nhexten Loreley, kein mondbeschienenes Gewässer,\ndas nicht ein wüstes Gegröhl auslöst zum Lobe ihrer\ngewaltigen Gesangstechnik. Oh, meine Dialektik\nist schön und schwierig; ich habe mir auch viel viel\nschöne Wesen damit gefangen.\"\nHerr Bartels hört etwas von diesem Gelächter\ndes verstorbenen Dichters. Er roch den Braten; er,\nzu den genialsten Flachköpfen gehörig, die unter\nden Kohlrabi- und Petersilienstauden des „Kunst-\nwarts\" bislang gewachsen waren. Er spürte mit der\nfeinen Nase eines Hundes, daß jede Geste Heines\neinen Fußtritt für ihn bedeute, und wies in heulenden\nBroschüren darauf hin, was ihm geschehen sei und\nmit einem Heinedenkmal noch geschehen solle; denn\ner sei deutsch und ein Professor. Alle mußten sich\nzusammentun, die teutsch empfänden, müßten\nbellen, was der Mond erträgt, protestieren —! Und\nso geschiehts. Die Schweinskeule erhebt sich gegen\nden Gänsebraten des Heinemobs. Heine singt ent-\nzückt: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,\" und\nwill das Schauspiel ewig verlängert.\nEs ist ein vorzüglicher Witz, daß man den\nDeutschen ein Heinedenkmal andrehen will, weil der\nMann ein Deutscher gewesen sein soll. Er hat,\nextra für den Zweck, in der Tat ein paar pa-\ntriotische Wendungen dekorativer Art in seinen\nSchriften angebracht. Aber was sagen selbst ganze\nzehn Seiten geschriebenen Patriotismus gegen ein\nLeben und Lebenswerk voll Undeutschheit und\nWiderdeutschheit! Er hat sich, sage ich, sicherlich\nniemals als Deutscher gefühlt, der Rheinländer,\nNapoleonschwärmer, Freund der Revolutionen, der\ndas offizielle Deutschland nur als den Hort der\nReaktionen sah, der als Hauptmerkmal am\nDeutschen das erkannte, was Bismarck später den\ndeutschen „Mangel an zivilem Mut\" nannte. Wem\nwill man da eigentlich ein Denkmal setzen? Daß\nein paar seiner Gedichte populär wurden, ist nicht\nseine Schuld; das gehört in das Gebiet bizarrer Miß-\nverständnisse und Mythenbildung. Er war ein ge-\nschickter Gedichtverfasser; die lyrische Note fehlte\nihm völlig; denn die Lyrik arbeitet nicht mit\nPointen, Bonmots, mit Spitzfindigkeiten und unter-\nhaltsamen Zoten. Unter den schleimigen Zartheiten\ndieser Gedichte kriecht der Wurm der Zweideutig-\nkeit. Er schrieb eine breitfließende Prosa; in ein-\nzelnen späteren Balladen gelang ihm oft eine pracht-\nvoll epische Plastik, ohne größere Originalität\nfreilich; Geibel und andere haben dergleichen auch\ngut gemacht. Das verdient kein Denkmal. Auch\nnicht, daß er alternd religiös wurde, historische Ta-\nlare anlegte und Vorübungen zur Versteinerung\nmachte.\nAber was ihn kennzeichnete bei allem, was er\nlebte und schrieb, war dieses: Er formte sein Leben\nnicht zu einem Kunstwerk wie Goethe, er lebte von\nTag zu Tag auf dem Trottoir. Er hatte keinen Voll-\nendungsdrang, liebelte, haßte, posierte und genoß\nartistisch die Kunst. Sein Leben verfloß zwischen\nskeptischen Bemerkungen, Eleganz, Spaziergängen,\nWutausbrüchen, Schreiben und Erotisieren. Ein\nWitzbold, persönlich anscheinend unsympathisch,\neingebildet und hochmütig, Favorit seines Publi-\nkums. Seine Art viel verbreitet, wenn auch ohne den\nGlanz literarischer Begabung und Behendigkeit. Er\nrepräsentierte ein national uninteressiertes Euro-\npäertum mit auffallender Sicherheit, kämpfte mit\ndem einzigen Ernst, der ihm gegeben war, gegen\njegliche Form Mittelalter, kämpfte mit Witz und\nLogik gegen die absterbenden Religionen, gegen den\nKastengeist, für das, was er Freiheit und Kultur\nnannte. Er drang nicht durch; starb.\nUnd einem solchen Mann will man in Deutsch-\nland ein Denkmal setzen? Muß man da nicht in alle\nHimmelsrichtungen lachen, gegen die, welche Kunst-\ninteresse im Errichten von Steinsäulen zu doku-\nmentieren glauben, gegen die, welche Heine für\ndenkmalsfähig halten, gegen die, welche solch Denk-\nmal gerade in Deutschland setzen wollen und am\nlautesten gegen die Stadt, welche sich mit einem\nHeinedenkmal verspotten läßt? —"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-06-23-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-06-23_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-06-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "132", "page_fin": "133", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.2.4", "titre_corps": "Tolstoi – der russische Luther", "titre_sommaire": "Tolstoi – der russische Luther", "signature_source": "N. M. Minski", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.2", "debut_caractere": 6681, "fin_caractere_exclue": 12488, "texte": "Tolstoi - der russische Luther\nVon N. M. Minski\nI\nEs will mir scheinen, daß in Rußland etwas\nWesentliches über Tolstoi noch ungesagt geblieben\nist. Von den drei Physiognomien seines schöpfe-\nrischen Genies galt die Symphatie fast aller, die\nüber ihn schrieben, dem Künstler und Moralisten\n— indes der religiöse Denker Tolstoi mit höflichem\nSchweigen übergangen wurde. Diese Seite des\nWirkens Tolstois hob bloß der Synod hervor, der —\nso seltsam das auch scheinen mag — ein feineres,\nkritisches Gefühl bekundete als die mit Tolstoi sym-\npathisierende Intelligenz. Der Synod hatte Recht,\nindem er das religiöse Moment in Tolstois Tätigkeit\nals das lebendigste und konstruktivste erkannte.\nUnd müssen wir nicht auch diese Seite seines\nSchaffens hervorheben? Ich glaube, in Tolstoi\nhauptsächlich den Moralisten bewerten, heißt, ihn\nnicht vom russischen, sondern vom europäischen\nStandpunkt betrachten. In Europa, wo der Kult\ndes Komforts und des Sports den Verstand und\ndas Gewissen der Menschen unumschränkt be-\nherrscht, hatte das moralisierende Wort, von dem\nBeispiel seines Lebens unterstützt, eine tatsächlich\nerschütternde Wirkung. Tolstoi verblüffte die\nPhantasie der Europäer beinahe in demselben\nMaße, wie Sakya-muni einst die Phantasie der ver-\nweichlichten Asiaten verblüffte. Die Kunde, daß\nder Königssohn, der die Möglichkeit besaß, die\nhohen, fast göttlichen Güter des Lebens zu genie-\nßen — den Harem, schattige Gärten, weiche Diwans\n— freiwillig diesem herrlichen Luxus um der Weis-\nheit und Heiligkeit willen entsagt hat, diese Kunde\nerweckte den schläfrigen Asiaten, zwang ihn, an\ndie Möglichkeit des Unmöglichen, an das Wunder\nzu glauben. Nicht weniger erschüttert und erregt\nwar der europäische Philister, als er vernahm, daß\nein reicher Graf — kein falscher, sondern ein\nechter — der es sich leisten kann, im Automobil zu\nfahren und in London seine Kleider zu bestellen,\nein bescheidenes, arbeitsames Leben predigt, und\nnicht nur predigt, sondern es selbst führt, sich wie\nein Bauer kleidet, seine Stiefel putzt, den Ofen\nheizt und von Moskau nach Jasnaja-Poljana zu\nFuß geht.\nNoch verblüffter war der europäische Schrift-\nsteller — dem nach einem treffenden Ausspruch\nTurgenjews bei dem Gedanken an Honorar nicht\nnur die Augen, sondern auch die Zähne glühen\n— als er erfuhr, daß es einen genialen Roman-\nschriftsteller gibt, der freiwillig auf das Honorar\nverzichtet, das Sakrament des Autorrechtes ver-\nachtet. Es handelt sich hier nicht um das Genie\nTolstois, nicht um die Kraft des genialen Wortes,\nsondern darum, daß das Genie ein größeres Recht\nauf ein um so höheres Honorar hat. Das Genie\nTolstois spielte dieselbe Rolle wie der Königssohn,\ngenannt Sakya-muni.\nDie Möglichkeit einer solchen Unmöglichkeit,\nwie der freiwillige Verzicht auf die Anweisung an\ndie Kasse, auf das klingende Geld, rief eine große\nUmwälzung in der Psychologie der europäischen\nSchriftsteller hervor. Das soll nicht heißen, daß\nsie nach Tolstois Beispiel bereit waren, auf die\nheilige Prärogative des Autorrechtes zu verzich-\nten. Nein, die meisten, die unter Tolstois Einfluß\nstanden, die meisten moralisierenden Schriftsteller\nEuropas — weder Ibsen, noch Maeterlinck ausge-\nnommen — blieben in ihren Geldbeziehungen zu\nden Verlegern und Uebersetzern wie vorher genau\nund unbeugsam auf ihrer Hut. Die Umwälzung\nvollzog sich in der Tiefe des Willens und Gefühls.\nDas Leben Tolstois wurde in den Augen der Kul-\nturmenschheit das eines Heiligen. In den kalten,\ntobenden Ozean der europäischen Rivalität drang\ndas Wort Tolstois ein wie der warme, wohltätige\nGolfstrom; aus seiner Predigt wehte Güte, Ver-\ngebung, Wohlwollen, und unter ihrem Einfluß ver-\nänderten sich die Themata, die Ideale und der Ton\ndes europäischen Romans und des Theaters. Ich\nwerde einmal ausführlicher über die merkwürdige\nUmgestaltung der ganzen Weltliteratur sprechen,\nwelche in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren\nvor unseren Augen unter Tolstois Einwirkung vor\nsich ging. Jetzt beschränke ich mich auf die Be-\nmerkung, daß Tolstoi für den Gedanken und das Ge-\nwissen Europas bloß als Moralist in Betracht\nkommt; alles Uebrige — sein Künstlergenie, sein\nreligiöser Enthusiasmus — hatte in den Augen des\nEuropäers eine geringere Bedeutung, umgab diese\nstrenge und gleichzeitig milde Physiognomie mit\neinem Glorienschein.\nDiese Bedeutung hat Tolstoi für Rußland\nnicht. Mit der Entsagung, dem Nichthandeln, dem\nStreben nach Vereinfachung setzt man bei uns nie-\nmand in Erstaunen. In der Epoche, in der man\n„unter das Volk\" ging, haben sich die jungen Leute\nleichten Herzens von ihren gesellschaftlichen und\nwirtschaftlichen Privilegien losgesagt, haben Opfer\ngebracht, denen gegenüber Tolstois Stiefel-Ver-\nfertigen und Ofen-Heizen als ein harmloser Zeit-\nvertreib erscheint. Das Wort „Selbst-Verein-\nfachung\" wurde von Turgeniew geprägt vor Er-\nscheinen der „Beichte\". Als Prediger eines ein-\nfachen Lebens, als Apologet der Bauernrechte er-\nscheint Tolstoi in Rußland nicht wie ein Lehrer,\nnicht wie ein Begründer einer neuen Strömung,\nsondern wie einer von denen, die von der Strömung\nnoch vor ihrer Existenz erfaßt wurden. Tolstoi\nist in Rußland einer von den vielen, die ihre\nL ebensweise vereinfachten und unter das Volk\ngingen. Selbst das wichtigste Paradoxon\nder Tolstoischen Moral, die Lehre von dem Nicht-\nAnkämpfen gegen das Böse, war nichts anderes\nals die Erhebung der russischen Passivität und\nFaulheit zu einer theoretischen These.\nUeber dieses Paradoxon wurde viel gestritten,\naber es hatte bei uns gar keinen Einfluß auf das\nLeben. Alle Ereignisse der letzten Jahre waren\ndie lebendige Widerlegung dieses Paradoxons, und\nwenn man darin das Wesentliche der Tolstoischen\nMoral sehen soll, so müßte man ihre ganze Bedeu-\ntung verneinen. Es handelt sich natürlich nicht um\ndas Paradoxon und nicht darum, daß Tolstoi mit"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 11816, "texte": "vielen anderen zusammen sein Leben vereinfachte\nund unter das Volk ging, sondern um die besondere\nArt, mit der er es getan hat — nicht wie alle —\nund aus anderen Motiven und mit einem anderen\nZiel. Vor seinem Auftreten wurden alle, welche\ndie Vereinigung mit dem Volke anstrebten, entwe-\nder von konservativ-politischen Ideen wie die\nSlavophilen, oder von revolutionär-politischen\nIdeen wie die Demagogen, inspiriert. Tolstoi\nstrebte als der erste nach Vereinigung mit dem\nVolke weder aus politischen, noch ökonomischen\nGründen, sondern aus rein religiösen, und in die-\nsem religiösen Moment liegt die ganze Neuerung\nund das Außerordentliche seiner Tat, zum minde-\nsten für die Russen. Wer erfahren will, was Tol-\nstoi für Rußland ist, muß sich vor allem in der\nFrage zurechtfinden, was die Religion Tolstois be-\ndeutet. Ich werde mich bemühen, auf diese Frage\neine möglichst knappe und genaue Antwort zu\ngeben.\nII\nBis zu Tolstoi bestand bei uns ein zweifaches\nVerhältnis zur Religiosität — die naive Bejahung\nund die naive Verneinung. Die Naiv-Bejahenden\nnahmen zu ihrem Wahlspruch das Wort Tertullians\n„Credo, quia absurdum\" — ich glaube an das Wun-\nderbare, an die Uebertretung der Gesetzmäßig-\nkeit, ich nehme das alles an mit dem Glauben, weil\nman es eben mit dem Verstände nicht annehmen\nkann.\nDie innere Haltlosigkeit einer solchen Religiös!\ntät hat Dostojewski krasser ausgedrückt, indem er\nsagte: wenn er die Wahl hätte zwischen der Wahr-\nheit und Gott, würde er Gott der Wahrheit vor-\nziehen. Mit diesen Worten wollte er natürlich das\nGöttliche über das Menschliche erheben, im Grunde\naber tadelte er das eine wie das andere. Das\nMenschliche indem er zugab, daß unsere Wahr-\nheit sich gegen Gott erweisen könne, aber auch die\nGottheit tadelte er, indem er zugab, daß sie\nim Widerspruch zur Wahrheit erscheinen\nkönne. Auf diese Weise erlangt er, Gott in der\nVerneinung der Wahrheit und des Verstandes\nsuchend, die verneinte Gottheit, und es ist kein\nWunder, daß Dostojewski in der russischen Wirk-\nlichkeit „die Besessenen'4 vorschweben, und daß\nWladimir Solowjew das Finale der ganzen Welt-\ngeschichte in Gestalt der Sage vom Anti-Christ er-\nschien. Von den Neo-Christen ist es jedoch\nbekannt, daß in ihren Betrachtungen Teufel\nAnti-Christen und Satane umherflattern wie Fleder-\nmäuse vor dem Gewitter.\nIII\nIm Gegensatz zu diesen Anhängern der For-\nmel „Credo, quia absurdum\" tauchten bei uns in\nden sechziger Jahren die Anhänger des Verstandes\nauf, aber des begrenzten und selbstzufriedenen,\nkurzsichtigen Verstandes, der nicht bloß das Wun-\nder und die Ueberlieferung verneint, nicht nur die\nSchule der alten Religiosität, sondern die Religio-\nsität selbst und alle ewigen Fragen des Seins „sehr\neinfach\" löst, indem sie sich über sie in derber\nWeise lustig machten. Sie wollten die russische\nWirklichkeit von dem angefaulten Scheinwesen\nreinigen und überschätzten dabei, ohne es selbst zu\nbemerken, das Leben und schufen so, von den\nletzten Absichten erfüllt, die trübe Wirklichkeit;\nwährend der Realismus die Göttlichkeit des Lebens\nverneinte, erlebte der Nihilismus eine zweite Ge-\nburt, und die nihilistische Fröhlichkeit führte zur\nLangeweile. Die Seele fühlte sich beengt, und es\nhalf weder das Sezieren der Frösche noch die Ver-\neinigung mit dem Volke, noch das politische Eifern.\nDer Realist, der unter das Volk ging, lief im Grunde\nvon seinem ungöttlichen Leben zum ungöttlichen\nLeben des Volkes über. Der russische Nihilist schuf\ndas unterirdische Rußland, unterirdisch nicht allein\nim polizeilichen, sondern auch im allgemeinen Sinne,\ndenn indem er über das Leben an Stelle des gött-\nlichen Himmels der Ewigkeit die Decke der\ntierisch-zwecklosen Existenz schob, verwandelte\ner die ganze Welt in ein Kellergewölbe.\nIV\nIn ihrem Kampf mit der Religiosität ver-\neinigten sich unsere daheim gezüchteten Realisten\nzum Beispiel mit dem Westen, zitierten Büchner und\nSpencer und vergaßen dabei, daß der Westen zu\nseiner Kultur nicht den schmalen Pfad des kühnen\nSpottes, sondern den mühsamen und ruhmvollen\nWeg der religiösen Reformation durchschritten\nhatte. Unsere Realisten übersahen das große\nhistorische Gesetz: ein Volk reift nur für die höhere\nKultur, das nicht in den anfänglichen Glaubensarten\nerstarrt, sie auch nicht leichtsinnig verwirft, sondern\nsie innerlich umgestaltet, sie durch den geheimnis-\nvollen Prozeß der Reformation führt, in dem die Per-\nsönlichkeit gleichsam noch einmal geboren wird und\nsich veredelt, wie der Traubensaft sich im Pro-\nzeß der Gärung veredelt und aus der süßlichen\nFlüssigkeit der edle Wein wird. In dieser Be-\nziehung können alle westlichen Völker in zwei\ngroße geistige Rassen geteilt werden. Die höhere\nRasse, zu der die Völker mit der Wiedergeburt im\nProzeß der Reformationsgärung gehören und die\nniedrigere Rasse derjenigen Völker, die in der\nreligiösen Orthodoxie verharrten oder sich aus\ndem Feuer der Vorurteile in die Flammen des\nAtheismus warfen.\nDer Unterschied zwischen diesen beiden ist\neingewurzelt und organisch und erscheint in allen\nFormen des Schaffens und der Betätigung, selbst\nin solchen, die sich gleichsam in dem einen Punkt\nweder mit den religiösen Vorurteilen, noch mit der\nreligiösen Aufklärung berühren. Nehmen wir bei-\nspielsweise eine Sphäre, die der Religion fern\nliegt und in diesem Augenblick für uns eine so all-\ntägliche Bedeutung hat, wie die Reinlichkeit und\nHygiene des Körpers, so sehen wir, daß der Kultus\nder Reinlichkeit in jenen Ländern herrscht, in\nwelchen der Einfluß der Reformation mehr oder\nweniger stärker war und umgekehrt. Demnach\nmüssen wir annehmen, daß der Prozeß der Refor-\nmation nicht nur infolge der Wahrheiten, zu denen\ner führt, von Wichtigkeit ist, sondern auch, und\ndies viel mehr infolge jener Festigung, die in ihm\ndie Persönlichkeit, richtiger der Verstand der Per-\nsönlichkeit erlangt, indem er Gott erforscht und\nsich im Unendlichen bejaht.\nEin Volk, das durch die Reformation gegangen\nist, gleicht einem Organismus, der aus widerstands-\nkräftigen, für den Kampf ausgerüsteten Zellen be-\nsteht, indeß die kleinen Zellen wie vorher bis zum\nProzeß der Reformation schwankend und willen-\nlos bleiben. Man muß leider zugestehen, daß das\nrussische Volk — als Ganzes — der Reformation\nnicht teilhaftig geworden ist. Die russische Per-\nsönlichkeit hat die religiösen Zweifel noch nicht\nüberwunden, die letzten unlösbaren Fragen des\nLebens in der Einsamkeit mit dem Gewissen nicht\ngelöst, die hohen Rechte der Vernunft nicht bejaht\nund deshalb auch sich selbst nicht bejaht, denn\nPersönlichkeit und Vernunft sind gleichbedeutend,\nDie russische Altgläubigkeit schritt nicht vor,\nsondern zurück. Das Sektierertum aber, das als\nein Reflex der von außen herübergewehten, einst\nbefreiten, mächtigen, aber längst veralteten, ver-\nwitterten deutschen Reformationsidee auftrat,\nkonnte das Gehege nicht verlassen und erwies sich\nals ohnmächtig, auf die gebildeten Klassen einzu-\nwirken, die bereits, wenn auch durch fremde\nWorte, von der Freiheit der wissenschaftlichen\nKritik erfahren hatten. Das russische Volk, das\naußerhalb der Reformation geblieben ist, war\nbisher verurteilt, im Hinterhof der Kultur zu\nweilen.\nV\nAls erster Verkündiger der religiösen Refor-\nmation in Rußland, als zeitgenössischer Luther\nerscheint Tolstoi, der im Gegensatz zu den heiteren\nRealisten die Göttlichkeit des Lebens bejahte, aber\ngleichzeitig im Gegensatz zu den Anhängern des\nAbsurden aus der Religion alles Unvernünftige aus-\nschaltete (was auch seine Lehre von der deutschen\nReformation unterscheidet). Das Leben ist\ngöttlich. In der Welt vollzieht sich nicht der\nmenschliche, sondern der göttliche Wille — das ist\ndie grundlegende religiöse These, mit der Tolstoi\ndie Sünden des russischen Nihilismus gesühnt und\nden Dingen ihren absoluten, hohen Wert wieder\nzurückgegeben hat. Aber die Göttlichkeit des\nLebens wird nicht als ein besonderes Gesicht\neines blinden oder hellen blendenden Glaubens\naufgefaßt, nicht auf Grund von Ueberlieferung und\nBüchern, sondern von der Persönlichkeit, durch\nihren eigenen Verstand, welcher der höheren Reife\nerreichbar ist und durch eine höhere Erkenntnis er-\nlangt wird.\nIn einer seiner Broschüren warnt Tolstoi vor\nfalschen Elropheten, die behaupten, die Wahrheit\nmehr als irgend etwas zu lieben. Wer die Wahr-\nheit mehr als irgend etwas liebt, der liebt wirklich\nnichts. Bei Tolstoi ist Wahrheit mit Gott gleich-\nbedeutend. Tolstois Religion ist die Religion des\nmystischen Verstandes, die Religion ohne Glauben\nan das Wunder.\nIm Zeitalter des Zweifels und des Unglaubens\nauftretend, bewies Tolstoi, daß die wahre Religion\nden Unglauben nicht fürchtet. Darin besteht die\nNeuerung und die machtvolle Verkündigung der\nreligiösen Reformation Tolstois.\nVI\nIndem Tolstoi der Welt die absolute hohe Be-\ndeutung wieder zuerkennt und die höheren Rechte\nder Verstandespersönlichkeit bejaht, ist er für\nuns einer der größten Kämpfer für die\nKultur. Dies bedarf einer Erklärung. Wenn man\nin Tolstoi nur den Moralisten sehen will, müßte\nman ihn zu den Feinden der Kultur zählen. Tolstoi,\nder die Passivität predigt, zum Pfluge ruft, die\nMedizin und Astronomie verneint, über den Kampf\nmit den Bazillen lacht, eine Symphonie von Beet-\nhoven niedriger stellt als ein Bauernlied und über\nShakespeare spottet — dieser Tolstoi legte offen-\nbar nicht den Grundstein zur Renaissance unserer\nKultur.\nWie Tolstoi leben — die Erde beackern, den\nMilitärdienst, das Bezahlen von Steuern ver-\nweigern, der Welt den Rücken kehren und sich in\neine Dorfeinöde zurückziehen — ist gewiß leichter.\nAber alles verändert sich, wenn man Tolstois\nMoral als etwas innerlich Erlebtes erkennt und als\nReflex unserer alten, fruchtlosen, schwärmerischen\nLiebe zum Volke und wenn man die Unabhängig-\nkeit, die ganze schöpferische Größe Tolstois in\nseinen religiösen Predigten sucht. Als religiöser\nDenker, als Kämpfer für das Recht des Verstandes\nruft Tolstoi vorwärts zur Philosophie, zur Wissen-\nschaft, zu den höheren Formen der Kulturtätigkeit.\nDas Dorf wird nie die Religion ohne den Glauben\nbegreifen, und wenn es die Lehre Tolstois an-\nnimmt, so wird es sie sofort verunstalten, sie in\nSektierertum verwandeln — ohne Priestertum —\nin einen neuen Glauben, in einen neuen Kult der\nWunder und Gebete. Wenn man Tolstoi als\nrussischen Luther betrachten soll, so ist er ein\nLuther der Städte und nicht der Dörfer, der Intelli-\ngenz und nicht der dunkeln Massen. Mit der Kraft\nund Offenheit seiner Worte hat Tolstoi verkündigt\ndaß der Verstand, der das Wunder sowie die äußere\nGesetzmäßigkeit verneint, in der Welt eine höhere\ngöttliche Gesetzmäßigkeit voraussieht. Tolstoi hat\ndiese Wahrheit ausgesprochen, aber nicht ver-\nwirklicht. Er entwarf den Plan zu einer neuen Reli-\ngion und überließ es seinen künftigen Anhängern,\nnach diesem Plan zu bauen. Und wie sich die kom-\nmende Generation Rußlands zu diesem Vermächtnis,\nzu Tolstois religiösem Problem, verhalten wird,\ndavon hängt unsere Zukunft ab. Ich sage das nicht,\nweil ich die praktischen Aufgaben des Lebens\nniedriger stelle, sondern, weil zwischen dem prak-\ntischen und dem religiösen Verstand ein unzerreiß-\nbares Band besteht. Ob wir uns im Kampf\nmit den Japanern, im Kampf mit dem alten Re-\ngime, im Kampf mit den Bazillen als Sieger er-\nweisen werden — alle praktischen Fragen der\nrussischen Wirklichkeit hängen davon ab, ob die\nrussische Kultur-Persönlichkeit den Wunsch\nund die Kraft in sich finden wird, in der Einsamkeit\nmit dem Gewissen das religiös-philosophische\nProblem des Daseins überhaupt durchzuleben und\ndarüber nachzudenken.\nDas Gespräch über Tolstoi ist kein müßiges,\nsondern das tägliche geistige Brot unseres Werkel-\ntages. Das Schicksal sandte uns einen neuen\nLuther, den Verkünder einer neuen Reformation,\naber sie verkörpern und verwirklichen können\nnur wir selbst.\nBerechtigte Uebersetzung aus dem Russischen von\nLuise Flachs-Fokschaneanu"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-06-23-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-06-23_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-06-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "133", "page_fin": "134", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.2.5", "titre_corps": "Daniel Jesus : Roman", "titre_sommaire": "Daniel Jesus : Roman", "signature_source": "Paul Leppin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.3", "debut_caractere": 11818, "fin_caractere_exclue": 12042, "texte": "Daniel Jesus\nRoman\nVon Paul Leppin\nSeit jenem Abend, als er seine Mutter dem\nbuckligen lesus preisgegeben hatte, war über Josef\neine tiefe und seltsame Traurigkeit gekommen.\nSeine wilde, unbändige Seele floh vor dem Erlebnis"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7305, "texte": "dieser Nacht erschreckt und verwundet, und ließ ihn\nin seinem leeren, haltlosen Leben zitternd und\nangstvoll zurück. Nun stand er wie ein furchtsames\nKind im Dunkeln. Ihn quälte keine Reue, und\nmachte ihn unsicher, aber die große, böse Stunde\nstieg aus Trunkenheit und Träumen wie eine Säule\nauf, um ihm ein Zeichen von Qott zu geben. Sein\nhartes, blindes Herz war schwer geworden vom\nBlute der Scham.\nEr blieb der einzige im Hause, dem Marietta\nnicht aus dem Wege ging. So hieß das blonde\nMädchen aus dem Dorfe. Sie sprach mit keinem,\nder sich ihr näherte, auch mit dem Schuster nicht.\nNur wenn im Gebet der Schlaf über sie kam, konnte\nsie mit allen reden. Am Tage wich sie beharrlich\naus, und wenn sie jemand etwas fragte, dann sah\nsie lange in sein Gesicht und verstand ihn nicht.\nAber wenn sie auf die bleichen, glühenden Hände\ndes Schreibers blickte, der sich leise über die\nStiegen durch die Küche in sein verfallenes Zimmer\ntastete, wurde ihr Mund freundlich und heiter, und\nsie ging zutraulich zu ihm und sprach ihn an. Das\nerste Mal wollte er sich verwundert und mürrisch\nvorüberdrücken, ohne Antwort und ohne Gruß. Da\nsah er in ihre weiten schimmernden Augen, die groß\nund ohne Grenze über alle Dinge gingen, und blieb\nstehen.\nDu bist krank, und deine Lippen sind weiß wie\ndie eines Mörders — sagte sie zu ihm.\nDein Mund ist wie der Honig — gab er zurück\nund konnte nicht weiter reden, weil ihre Augen ihn\nhielten und seine Stimme erstarrte. So blieb er\nstehen und sah ihr nach, wie sie in ihr Zimmer ging.\nSeit dieser Stunde sprach er oft mit ihr. Harte, ab-\ngebrochene Worte, hastig vor Heimlichkeit, damit\ndie andern nicht hörten, was er sagte. Und er war\nfromm, wie früher die Zigeunerin neben dem\nSchuster, kniete jetzt er neben Marietta und sah sie\nan, während sie betete. Leise und demütig kam ei\nabends zur Tür herein, wenn die Andacht begann,\nblickte keinem ins Gesicht, wußte kaum, daß jemand\nda war außer ihr. Nur wenn ihn das böse Auge\nseines Vaters streifte, zuckte er zusammen und\nsenkte den Kopf noch tiefer über seine gefalteten\nHände, und er wandte sich ab, wenn Marietta zu\nihm hinüberschaute. Und langsam und unentrinnbar\nfiel in sein Herz der Glanz der lauretanischen\nLitanei und machte es blind, und betäubte es. Das\nwar das Gebet, das lange, tiefe, inwendige Gebet,\ndas Marietta sagen mußte, weil es der Muttergottes\ngehörte und weil sie ihre Dienerin und Sklavin war,\nund weil sie mit lebendigen Augen sie selbst ge-\nsehen hatte, groß und selig, die Königin.\nWie ein wundervolles, glühendes Lied drangen\ndie Worte der heiligen Litanei in die Seele der Beter,\nin die Seele Mariettas und des Schreibers und ver-\nwirrten sie. Wie im Taumel sprach er nach, was\nalle rings um ihn eintönig und heftig voll brennender\nAngst in die Fensterscheiben riefen. Hinter dem\nweißen Vorhang sah er die Sterne am Abendhimmel\nstehen, zittrig und bleich, und dennoch wie die\nZacken eines großen und tröstenden Diadems. Er\nhob die Hände und stammelte:\nBitt für uns!\nBitt für uns!\nEs war eine hohe, singende Welle in ihm heute\nAbend. Er hörte neben sich Marietta sprechen und\nan ihrer verweinten, gläsernen Stimme erkannte er,\ndaß er noch diese Nacht die Küsse ihres Mundes\ntrinken werde wie jungen Wein. Deine Lippen\nsind rot wie der Honig, hatte er ihr einmal gesagt.\nWie wilder Honig, dachte er, wenn ihn die Bienen\nim Walde sammeln, und der Wind und die Sonne\nund der Regen geben ihren Duft dazu. — Er lauschte\ndem seltsamen Klang ihres Gebetes und hörte, wie\nsie sich in dem goldenen Zauber ihrer Liebe verlor,\nwie in einem Wunder, wie sie darin versank, wie in\neinem Teich. Der heiße Schlaf der Vision fiel über\nMarietta, und ihr Kopf sank an die Schulter des\nSchreibers. Ihre Hand zerbrach beinah die seine in\neinem wilden, verzehrenden Entzücken, als sie\nzwischen den hölzernen Rahmen des Fensters das\nAntlitz Marias erblickte. Und Josef sah in die Augen\nMariettas, die in die Ferne irre gingen wie durch\neinen goldenen Wald. Ihre armen, zersprungenen\nLippen redeten weiter. Durch einen Schleier kamen\ndie Worte stoßweise, wie im Glück.\nDu geistliche Rose —\nDu gütige Jungfrau. —\nUnd heiser im Chor, angstvoll und taumelnd\nklang die Antwort der andern, von Mühseligkeit ge-\nquält, von Bangnis zertreten.\nBitt für uns!\nBitt für uns!\nDie Hand Mariettas kroch in itn Rock&rmel\ndes Schreibers und bohrte sich im Fieber mit weißen\nNägeln in seinen nackten Arm. Auch über ihn kam\nfast von Zeit zu Zeit, wenn er die Augen schloß und\nlauschte, wenn er im Dunkeln mit den andern\nbetete, der Lichtglanz der Vision. Dann trug ihn\ndie springende Welle der lauretanischen Litanei in\neine schöne, silberne Landschaft, und sein früheres\nLeben war versunken wie ein Traum. Eine Hänge-\nmatte schaukelte draußen vor dem Fenster, wo vor\neiner Weile noch die Muttergottes mit der Krone\nstand. Und drinnen lag weit ausgestreckt die blonde\nMarietta in dünnem blauen Kleide. Um die nackten\nBeine schlangen sich schmale Metallstreifen, in\ndenen rote Rubinen brannten. Und sie sah ihn an,\nihn ganz allein, und ihre Augen gingen in den seinen\nirre wie in einem goldenen Wald.\nEr hörte ihre verzückte gläserne Stimme\nwieder.\nDu Arche des Bundes —\nDu Turm Davids —\nDu elfenbeinerner Turm. —\nUnd er hörte auch, wie ihr© Stimme tick neifte\nund kippte und deutlich, ganz deutlich langsam\nzerbrach:\nDu Morgenstern —\nDu goldnes Haus. — \\\nErbarme dich unser! schrie der Schreiber auf,\ndaß plötzlich die Gebete der andern verstummten\nund es still und reglos wurde in der Stube des\nSchusters. Und alle sahn mit Staunen und Ent-\nsetzen, wie der Schreiber die blonde Marietta in den\nArmen hielt und wieder und wieder ihren Mund\nküßte. Und Marietta, die blonde Heilige, lag bleich\nund lächelnd in seinem Schoß und griff mit ihrer\nmageren Hand in sein struppiges Haar und\nstreichelte es.\nErbarme dich unser! rief noch einmal der\nSchreiber und küßte sie.\nDann stand er auf, nahm mit beiden Armen den\nkleinen Körper Mariettas und trug sie zur Tür\nhinaus. Ihr blasses Haar hing wie ein Band an\nseinem Leib herunter, und ihre Hände suchten seine\nnackte Brust.\nDer Schrecken lähmte alle, und keiner hatte ein\nWort gewagt. Jetzt schloß sich die Tür hinter den\nbeiden, und Josef und Marietta waren im Dunkeln.\nAm Ende der großen Straße standen die Sterne\nin einem goldnen Haufen beisammen. Und da Josef\nund Marietta nicht wußten, wohin sie gehen sollten,\nwandten sie sich den Sternen zu und kamen ihnen\nlangsam näher. Sie schritten nebeneinander und\nhielten sich wie die Kinder bei den Händen. Und\nals Marietta aus ihrem Schlaf ein wenig zu sich\nselbst zurückkehrte, fragte sie den Schreiber, was\ndas alles bedeute und daß sie ihr Herz nicht mehr\nerkenne und ob dort rückwärts bei den goldenen\nSternen die Muttergottes sei.\nUnd Josef erklärte ihr, was er selbst kaum\nwußte, daß die Liebe das Herz und auch das Leben\nverändere, wie sie es mit seinem Leben getan habe.\nSie faßte ihn um den Hals und schaute auf\nseinen Mund, während der Schein der Milchstraße\nsein Gesicht umfloß.\nWie kommt es, daß deine Lippen nicht mehr so\nhäßlich sind und so weiß wie die eines Mörders?\nDa küßte sie der Schreiber und mußte an den\nwilden Honig denken, den im Walde die Bienen\nbereiten.\nUnd sie gingen beide die Straße weiter, dorthin,\nwo die Sterne in einem gelben Haufen beisammen-\nstanden und fragten nicht mehr.\nSie sind nie wiedergekommen — nie."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-06-23-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-06-23_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-06-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "134", "page_fin": "135", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.2.6", "titre_corps": "Siebentes Gespräch: Giesst Wein in meinen Becher / Von den unteren Tonordnungen : Ueber die Musik", "titre_sommaire": "Siebentes Gespräch: Giesst Wein in meinen Becher / Von den unteren Tonordnungen : Ueber die Musik", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.4", "debut_caractere": 7307, "fin_caractere_exclue": 7442, "texte": "Gespräche mit Kalypso\nSiebentes Gespräch: Giesst Wein in meinen\nBecher / Von den unteren Tonordnungen\nUeber die Musik\nVon Alfred Döblin"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.4", "debut_caractere": 7453, "fin_caractere_exclue": 12083, "texte": "Musiker:\nIch stimme Dir bei. In den Erscheinungen der\nWirklichkeit, die den Tonstoff ordnen, nimmt der\nMensch, seine Stimme, seine Qebärden und Bewe-\ngungen, großen Raum ein, weil der Musikschöpfer\nsich selbst am bekanntesten ist. Ich sage: auch\nseine Mimik und Bewegungen; denn nächst der\nStimme sind diese für die Musik wichtig. Hier\nmöchte ich Dich gleich auch auf einen Wahn hin-\nweisen, der weit bei den Kennern und Nichtkennern\nverbreitet ist, daß eben der Uebereinstimmung mit\nmenschlichen Seelenbewegungen, mit Gefühlen, die\nMusik die wertvollste Ordnungsregel verdanke;\nDu, Kalypso, streiftest selbst eben diesen Gedan-\nken, doch ohne dem Wahn zu verfallen. Wie über-\nhaupt Gefühle Zugang zu der Musik gewannen,\nwies ich Dir schon vorhin. Die Tonfolgen waren\nehedem wohl recht eigentlich absolut, in Deinem\nSinne ausdrucks- und eindrucksfremd, entwickel-\nten nichts als die eigentümlichen, eben hervor-\ntretenden Regeln des Tones, die Möglichkeit des\nKurz und Lang, des Langsamer und Schneller, des\nWechsels von Hoch zu Tief und Tiefer. Erst mit\nder wachsenden Vertrautheit mit diesen Stoffmög-\nlichkeiten bahnte sich eine engere Beziehung des\nMusikers zu diesen Tonfolgen an: er fand und\nsetzte die Gleichniswerte und sonstigen Ordnungs-\nweisen der Töne. So band er auch, was man Ge-\nfühl nennt, an die Töne und Folgen, nachträglich,\nspät, zag, unsicher. Besonders wurde solche Ge-\nfühlsteilnahme möglich, je mehr Gesangliches und\nGesprochenes in die Musik eintrat, weil diesen ja\nGefühlsmitteilung und Gefühlsausdruck wesentlich\neignet. So eng sind jetzt in gewissem Hinblick die\nbeiden, Musik und Gefühl, verbunden, daß manche\nMusiker prahlen, sie könnten ihr Inneres ausdrücken\nin Tönen. Es liegt hier so wie mit der Willens-\nfreiheit: nachdem wir gelernt haben, wie einige\nBewegungen erfolgen und wir sie voraussehen\nkönnen, meinen wir, wir machten sie. Einesteils\nnun vermag jetzt die Musik in diesem Verstände\nGefühlsregungen und was man so nennt, „auszu-\ndrücken\", und sie erhält aus diesem Vermögen, das\nweit über das des bloß Gesanglichen hinausgeht,\nmächtige schöpferische Antriebe. Weiter aber\nbleibt noch vieles in den Tönen für Gefühls- und\nEmpfindungswert unzugänglich, unberechenbar; es\nläuft ihnen keine Gefühlsreihe oder innere Erleb-\nnisreihe parallel; kein Musiker kann sagen, er hätte\nmit diesen Tonverbänden etwas ausdrücken wollen\nund was er mit ihnen ausdrücken wollte. Die Ton-\nwelt ist ja eine eigene Welt, eben die des Tönens\nund ihrer Satzungen; manches mag da mit keiner\nsonstigen Wirklichkeit sich verschwistern. Viel-\nmehr müssen wir erst, wie jene alten Musiker den\nhölzernen starren Tongebilden, so diesen Empfin-\ndungswerte an die Brust legen, oft sogar zu ihnen\nsolche Seelenwerte und was man so nennen mag,\nerfinden. Die Musik, statt Gefühle und Empfin-\ndungsgruppen auszudrücken, lehrt den Menschen\nsolche; es gibt nicht ihresgleichen irgend sonst in\nder Welt und der Kunst. Und so tut ja jede andere\nKunst und ist ihr Verhältnis zu dem Innern des\nMenschen.\nWas es aber mit diesen Gefühlen noch auf sich\nhat, berührtest Du schon leicht, o Kalypso. Hier\nkann der Mensch viel von der Musik lernen.\nGefühle kennt die Musik nicht; sie kennt nicht Haß,\nnicht Schmerz, Kummer, Trotz, Wut oder Liebe.\nWenn die Bewegung der tiefen Töne Grauen und\nFurcht, die gebundene Bewegung Liebe und Sanft-\nmut, der kurz abgesetzten Trotz bezeichnen, so\ndanken sie diesen Zeichenwert nicht den Gefühlen,\nsondern Erscheinungen der Gefühle. Die Musik\ngibt nichts von dem Seelischen der Gemütsbewe-\ngungen. Sie entreißt jedem das Aeußere und läßt\ndavon ein wirres Bild vor uns vorüberziehen. Sie\nkann nicht sagen: „Ich liebe Dich; ich bin stolz; ich\nbin betrübt\". Ihre Freude ist kraftvolles, nn-\nermüdetes Springen, Tanzen, Jubeln, Kichern und\nleichtes Wiegen; ihr Stolz läßt Rosse traben,\nArmeen marschieren, einen ungebrochenen Gesang\nanstimmen mit befehlerischer Knappheit; sie kennt\nkeine Liebe, sondern nur den Kuß, nur eine dunkle\nunsichere Aufgelöstheit und Spannung, das Drän-\ngen und Werben, das Anschmiegen, das angstvolle\nZueinander, das ruhelose und wieder ruhige Hin\nund Her, in dem sich Lachen und Schluchzen\nmischt. Das Zittern, das unentschieden, ungleich-\nmäßige Bewegen heißt Furcht, Der tangsame\nSchritt, das volle tiefe Tönen: die Würde, der\nErnst. Die Musik, die tönende, hält sich an das\nTönende und den greifbaren Ausdruck des Ge-\nmüts; sie ist hierin weit ab von dem Oedanken und\nvon der Sprache, sie bleibt nachbildend unter den\nDingen. Sie ist von der Art der alten Erzähler, die\nnur Kämpfe und Begebenheiten kennen. Meint einer\nvielleicht nun, sie begnüge sich da mit dem Aeußer-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.5", "debut_caractere": 41, "fin_caractere_exclue": 2369, "texte": "liehen? Dies wäre äußerlich? Hier ist nichts\näußerlich als das Wort; die Musik ist hier klüger\nals die Sprache. Gefühle kennt die Musik nicht,\nGefühle kennt auch die Wirklichkeit nicht. Haß,\nLiebe, Neid sind Gedanken, — Gedanken derer,\ndie hassen, neiden, lieben; gedankliche und sprach-\nliche Trennungen und Erfindungen. Dunkel krei-\nsen sie um das, was wirklich ist: um Erinnerungen,\ndie auftauchen, um ein Schwellen des Blutes hiei\nund da, Hitze, Drängen, Schwäche, Zittern und\nSpannen, um die wechselnden Zustände unseres\nFleisches. Dunkel kreisen sie um noch Dunkleres.\nDie Musik kennt keine „Seele\"; sie wandelt unter\nden wirklichen Dingen; einfach und sehr klug ist\nsie Fürsprecherin des ausgebreiteten Lebens. Was\nzuckt meine Göttin?\nKaly p s o :\nUnübersehbar scheint mir, was sich in der Musik\nzu formen vermag. Sie gleicht einer Mutter, die\nso viele, ähnliche Kinder hat. Der Ordnungsmög-\nlichkeiten, die aus der Wirklichkeit wachsen, sind\nso viel; eine Ueberwertung und Ueberbestim-\nmung wächst daraus, — und soll ich Dir\nsagen, eine Nichtbestimmtheit und Undeutlichkeit.\nBei welchen Tonfolgen soll ich nun erkennen, was\nsie mir sagen wollen und sollen; ist dies traurig\noder heiter, kämpft oder poltert es? Die Ueber-\nbestimmtheit der Tonfolgen wird zur Quelle ihrer\nUnbestimmtheit. Keine Sprachbildung; keine Ein-\ndeutigkeit: schillernde Zeichen und Irrlichter tanzen\nhin. Die Musik ist tief bis zum Unsinn. — Ich bin\nmüde, mein lieber Freund, mein beredter Lehrer.\nEs wird Nacht, und dies ist die Stunde zu verstum-\nmen; ja, es ist unnatürlich, in der Nacht zu\nsprechen, und ein Hohn, von der Musik zu sprechen.\nIch bin müde, — und so hast Du Recht. Komm!\nMusiker:\nStritten wir denn, und um ein Recht, Kalypso?\nKalypso :\nNicht Du, — ich. Aber gut. Was für ein Bild ent-\nwarfst Du mir von Deiner Kunst. Gut, kein Dieb\nund keine Beute. Aber welch barbarische Kunst!\nSie tanzt, sie singt, sie jubelt, sie malt, sie spricht.\nFührwahr ein räuberisches Weib. Mächtiger und\nhabgieriger kenne ich keine Kunst, mehr dehnt\nkeine ihre Grenzen aus. — Fahrt nur zu. — Ja,\neinen Teich zeigtest Du mir, wie ich nie sah, einen\nriesigen, in dem vieles durcheinander schwimmt\nund kriecht: Haifische, Hechte, Fischottern, Frösche,\nQuallen, Gewürm; — lebenerfüllt, wie kaum etwas,\nzum Entsetzen gemacht. 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Es ist widrig, sich mit solchem Zeug zu\nbefassen; aber diesmal nötig. Ich ziehe mir also\nHandschuhe an, bücke mich und hebe das Geschoß\nvon der Straße auf. Bin ich eigentlich dazu ver-\npflichtet? Ja. Klein-m selbst hält den Peter Alten-\nberg für verrückt, für bleibend unheilbar ver-\nrückt. Und wirft ihm doch so was nach!\nSchrecklich gemein!! — Was tut man? Kann ich\ndem Bürschchen beweisen, daß sein Stück Zeitungs-\npapier schon vorher von Lüge stank, ehe ers hinein-\nknüllte. P. A. ist ja in einem Sanatorium — also\nfür den da „verrückt\". Auch wenn er nur eine\nAlkoholentziehungskur durchmacht, damit er weiter\nim Cafe — „vegetieren\" und — dichten kann. — —\nAber, was macht man mit dem Straßenjungen\ndrüben, der diesen Ball soll man ihm nach-\nlaufen, ihn packen und ihn nein, ich geh\nbloß auf ihn zu, seh ihn an. Schon beinah zum Leid-\ntun deutliche Merkmale: intellektuellen\nSchwachsinns, moralischen Irreseins. Kann\nes irgendwas gelten, daß diese Unfähigkeit Alten-\nbergs Dichtungen schon immer sehr überspannt ge-\nfunden hat? P. A. ist ein Talent, längst anerkannt\nvon der besseren Kritik Deutschlands, und wird\nschon um seines Zartgefühls willen von vielen\nfeinen und natürlich empfindenden Menschen mit\nHerzlichkeit geliebt. Das Alles weiß Klein-m nicht.\nHat ers nicht erfaßt oder lügt er? Wie mögen erst\ndie aussehn, die nach seiner Behauptung Altenbergs\nDichtungen blöde fanden? Wirklich, es gibt ein Ge-\nsindel, das, wenn es kühne Steiger in Bergwelten\ndes Geistes klimmen sieht, nur auf den Absturz\nwartet, weil es angesichts des zerschmetterten\nLeichnams am besten hohe Wege verlästern kann,\nKlein-m hat feine Kronzeugen und Spießgesellen.\nWas braucht er jetzt so vor dem Schutzmann und\nder Korrektionsanstalt zu zittern? Ich gebs ja auf,\nKleiner! 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Und schweren Herzens\nentschloß sich der Herr Obersekretär, sein Kind in\nein vornehmes Geschäft zu stecken. Die Kunst-\nhandlung Macht war ausersehen, diese ersten\nSchritte Luisens zu lenken. Sie zeigte sich der\nväterlichen Huld nicht würdig. Und das große Er-\neignis trat in Luisens Leben. Still und bescheiden\nlossen die Wochen dahin. Sie stenographierte,\nmaschinierte und wurde in die Mysterien der dop-\npelten Buchhaltung eingeweiht. Doch eines Tages\n'vamen unzählige Kisten an. Und die folgenden Tage\nnoch mehr. Die Neugier regte sich. Luise und die\nBuchhalterin gingen in den dritten Stock des\nrfauses, wo soviel Bilder ausgepackt wurden, als\nKisten eingetroffen waren. Die Neue Sezession zog\nein. Luise kannte bisher die Welt nur aus Mode-\n.ournalen und bemerkte nun zu ihrem Erstaunen,\ndaß Menschen ohne Kleider nackt seien. Zehn Tage\nwälzte sie diese Erkenntnis in ihrem Busen, am\nelften Tage erwachte ihre Mädchenehre und am\nzwölften indirekt ihr Schamgefühl. Also geschah\ndas Außerordentliche. An einem schönen Mittag —\ndie Sonne schien lebhaft vom Himmel — wünschte\nein Kunstkritiker die Ausstellung vor der Eröffnung\n:u besichtigen. Der Chef der Firma Macht ver-\nlangte nun von Luise (so versichert zornbebend der\nVater) — man kann es nicht glauben, was er ver-\nlangte. Er erteilte persönlich Luisen den Auftrag,\n„in die Ausstellungsräume der Neuen Sezession zu\n£ehen und die Aufsicht darin zu führen, solange der\niarin befindliche Herr anwesend sei. Sie mußte\nnun in den abgelegenen Räumen, in welchen eine\nbeträchtliche Anzahl sittlich nicht einwandsfreier\nGemälde aufgestellt war, längere Zeit allein mit\neinem ihr fremden Herrn verweilen.\" Der Herr\ncring fort, Luise am Abend auch und kam nicht\nvWeder.\" Statt ihrer traf achtundvierzig Stunden\nspäter ein Brief ein.\n* Charlottenburg, den 13. Mai 1910.\nAn die Firma\nMaximilian Macht\nBuch- und Kunsthandlung\nz. H. des Herrn Sauermann\nBerlin W.\nMeine Tochter ist durch Ihre gestern persönlich\ngetroffene Anordnung, dass sie zugegen sein musste,\nals ein Herr gestern Mittag in der Zeit von 12-2 Uhr\ndie Ausstellung der „Neuen Sezession\" besuchte, in\nwelcher sich sittlich nicht einwandfreie Gemälde\nbefinden, derartig in ihrer Mädchen-Ehre verletzt,\ndass sie erkrankt ist, Wovon ich Ihnen hiermit\nergebenst Kenntnis gebe.\nWeiteres in dieser Angelegenheit behalte ich mir\nVor, da Sie wohl nicht berechtigt waren, eine solche\nDienstleistung von meiner Tochter, deren Alter Ihnen\ngenau bekannt ist, zu Verlangen. Ich glaube auch\nannehmen zu dürfen, dass Personen unter 16 Jahren\nder Zutritt zu dieser Ausstellung polizeilicherseits\nnicht gestattet werden wird und ersehe daher in\nIhrer Handlungsweise auch eine meiner Tochter\nzugefügte Beleidigung.\nErgebenst\ngez. Königlicher Obersekretär\nNun standen beide Parteien vor dem Richter.\nDie Firma Macht trat für die Sittlichkeit ihrer\nBilder, der Vater für das Schamgefühl seiner\nTochter ein. Die totale Kunstfremdheit des Volkes\noffenbarte sich. Der alte Mann kämpfte tatsächlich\nfür seine Ideale. Man kann nicht annehmen, daß\nauch ihm die Kenntnis fehlte: Menschen ohne\nKleider sind nackt. Man kann nicht glauben, daß er\nnicht wußte: auch so beschaffene Menschen werden\nvon der Kunst verwertet. Die besondere Form, in\nder es hier geschah, erregte seinen Unwillen. Eine\nnackte Venus hätte ihm nicht weh getan, denn sie ist\nklassisch, und mit dem Klassischen muß sich nun\neinmal auch der schlichte Mensch abfinden. Nie-\nmals ist den Klassikern das Recht auf Unsittlichkeit\nabgesprochen worden. Göttinnen mögen sich\nnicht kleiden wie sie wollen, die Frau unserer\nTage hat die Pflicht zur Konfektion. Ich\nbin überzeugt, daß Luisens Schamgefühl erst\ndurch ihren Vater erregt wurde. Sie kam\nabends nach Hause mit dem Katalog. Der Vater\nsieht die Abbildungen. Menschliches ist ihm schon\nlängst fremd. „Diese Bilder sind dort zu sehen?\nDu bist dort oben? Was? Mit einem Herrn?\nAllein? Du siehst so elend aus? Hast Du kein Ehr-\ngefühl? Der Chef verlangt es? Fühlst Du Dich\nnicht im Innersten beleidigt?\" Was bleibt Luisen\nübrig, als sich nachträglich beleidigt zu fühlen. Und\nschon sitzt der Herr Obersekretär an seinem\nSchreibtisch, klappt den Pultdeckel hoch und äußert\nsich amtlich. Nur so ist der Fall zu erklären. Luise\nwar ja nicht beauftragt worden, sich gemeinsam mit\ndem Herrn die Gemälde anzusehen, sie sollte die\nAufsicht führen. Sie war doch sicher nicht des\nGlaubens, einen notorischen Dieb beobachten zu\nmüssen. Sie sollte rein formell anwesend sein.\nKein zehnjähriges Kind würde diese Aufgabe anders\nauffassen. Nein, der Vater ist beleidigt. Vergebens\nsucht der Richter ihm seine unglücklichen Ideen aus-\nzureden. Der Mann bleibt künstlerisch gekränkt.\nEr schreit nach der Polizei, redet von Verboten, die\nnie erlassen sind, beruft sich auf den Berliner Lokal-\nAnzeiger, nach dessen Angabe jemand sogar ein Bild\nbespuckt hat. Das wertvollste Material für ihn, die\nAeußerungen des seligen Pietsch, kennt er offenbar\nnicht. Der Richter verzweifelt. Der Herr Ober-\nsekretär wird visionär. „Selbst wenn man die Un-\nsittlichkeit der fraglichen Gemälde dahingestellt sein\nlassen sollte, so kann man doch nicht wissen, ob nur\nehrenwerte Männer die Ausstellung besuchen.4'\nDer Richter: „Es ist doch keine Ausstellung für\nDamen.\" Der Vater: „Ehrenwerte Männer, meine\nich\". Der Richter (er wird nun sachlich, was man\nihm nicht übelnehmen kann): „Der Besuch einer\nKunstausstellung ist nicht abhängig von dem Nach-\nweis sittlicher Unbescholtenheit.\" Der Vater:\n(verdutzt). Der Richter: „Das Kaufmannsgericht\nist kein Kunstforum.\" Der Vater: „Die Unsittlich-\nkeit der fraglichen Gemälde .. .\" Der Richter:\n„Sie haben doch gehört, daß ein Polizeileutnant die\nAusstellung besichtigt hat. Was übrigens auch\nnichts zur Sache täte. Sie können doch nicht poli-\nzeilicher sein wollen, als die Polizei.\" Der Vater:\n„Aber die Unsittlichkeit der fraglichen Gemälde . . .\nDer Richter: (gibt es auf). Paragraphen werden\nverlesen, der Richter erklärt die Klage für grundlos,\nder Vater erklärt, daß es ihm auf Geld nicht an-\nkomme, er verlangt nur sein Recht auf Feststellung\nder Unsittlichkeit. Der Richter empfiehlt ihm\nhöflich, Strafantrag zu stellen. Ich bin überzeugt,\nder Alte tuts.\nWarum diese Angelegenheit hier so ausführlich\nbehandelt wurde? Weil sie ein Kulturdokument ist,\nweil sie zeigt, welche Welten das Volk von der\nKunst trennt. Weil sie zeigt, wie widersinnig die\nBestrebungen sind, die sich unter dem Namen „Die\nKunst dem Volke\" breit machen. Die Kunstfremd-\nheit am Kurfürstendamm und im Tiergarten ist aller-\ndings nicht geringer. Man muß sie als Naturdefekt\nauf sich beruhen lassen. Wohl aber kann man ver-\nhindern, daß Meinungslose eine Meinung erhalten.\nStände zum Beispiel im Lokal-Anzeiger garnichts\nüber Kunst, so wäre es für alle Teile besser. 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Es wird jedenfalls unseren guten Borro-\nmäus freuen, bei seiner Wiederkehr diesen ältesten\nAntiquitäten zu begegnen, und auch die Herren Pro-\nfessoren auf den Versammlungen zu hören, welche\ndie Antiquitäten konservieren im Namen der\nWissenschaft, der Glaubensfreiheit und des Kultur-\nfortschrittes.\nHerr Dernburg\nEr ist entthront. Aber den Unermüdlichen leidet\nes nicht in seiner Villa. Nächtlich sieht man ihn im\nGrunewald mit der Handlaterne herumwandern, im\nSande nach Brillanten suchen und hastig Kiesel-\nsteine verstecken. An der Riesenrutschbahn im\nLunapark hat er sich beteiligt, die er über ganz\nDeutschland führen will. Ein Bankinstitut hat er\ngegründet, das Nummern des Lokalanzeigers als\nWertpapiere ausgeben wird. Jetzt plant er eine\nVersicherung auf garantiertes Fortleben nach dem\nTode. 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Berger, Berlin W35\nPotsdamer Strasse 111\nAbschrift: Sehr g-eehrter Herr!\nVon vielen Zahnschmerzen bin\nich nung-anzlich befreit durch die\nAnwenaung- Ihres preiswerten\nMittels. Daher empfehle idi es\nJedem, der von Zannschmerzen\ngeplagi ist. 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Auch gegen MSbelbeleihung, Kunst-Gegenst&ndea,\nohne abzuholen. — Offizieren, Kavalieren, Beamten Geld in ieder Hflhe. —\nBeschaff ung von Hypotheken auf berliner und auswartige Grundstflcke. — Kaaf\nund Be lei hung von Hypotheken, Erbschaften, Sparkassenbiichern, Lombardscbeinen,\nMietzessionen. — Schnelle, grundreelle, diskrete Erledigung. :—: :—s :—: i—s :—<«\nWILHELM MEYER :: Bank-Kommission\nBERLIN S 14 Stallschreiberstrasse 56 II\nSprechzeit 10—12 und 4—7 Fernsprecher: Amt IV 0755"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-06-23-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-06-23_01#c022", "volume": "bmtnabg_1910-06-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "137", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.7", "debut_caractere": 1991, "fin_caractere_exclue": 2819, "texte": "r\nDie sparsame Hausfrau Leug„gs?eie,fchtuTgr! aßech„eenwsie\nsich aus, was Sie im Jahre fur den Bedarf an Gluhkorpern ausgeben. —\nWie oft kommt es vor, daß der Korper schon beim Abbrennen entzwei-\ngeht. — — Nehmen Sie einen guten Rat an und verwenden Sie nur\nHartalin-Gliihkorper D. R. P. 203467\nDiese Korper besitzen den Vorteil, daß Sie dieselhen wie ein Tuch zusammen-\ndrucken konnen, ohne daß der Korper darunter leidet. Hartaiin-Glfihkorper\nhaben eine Leuchtkraft von 100 K. und Sie erzielen damit eine Gasersparnis von\n50°/o. Brenndauer gar. 1 Jahr. REFERENZ! Fur die Straßenbeleuchtune Berlins\nbereits fiber 200000 Stck. geliefert. Versuchen Sie es mit einer Probesendung von\n3 Stck., Preis p. Stck. 50 Pfg. od. verlangen Sie den Besuch unseres Vertreters\nVersandhaus Chem. und Techn. Nenhelten\nBERLIN SW. 68 Kochstraße 72"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-06-23-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-06-23_01#c023", "volume": "bmtnabg_1910-06-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "137", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.2.21", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.7", "debut_caractere": 2821, "fin_caractere_exclue": 3374, "texte": "Akustik=Sprechmaschinen\no\nvon der einfachsten bis zur vornehmsten Ausstattung in kulanter und durchaus\ndiskreter attf Taikcililfitiri' Bequeme Zahlweise, geringe Anzahlung,\nWeise : will 1 vllAcllllUiig Rest in wGchentlichen oder Monatsraten\nProTisionsreisende und Vertreter gesncht ::\n3 Holier Nebcnverdlenst C\n]\nftlr Personen jeden Standes durch Vertrieb Oder Nachweis von KSufcrn\nAkustik-Sprechmaschinenwerke Berlin W 66\nMauerstrasse 86—88 :: Fahrstuhl :: Tel.: I, 7497\nSpezlalitSt: Aktisfopbone. 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Inter-\nessanter Wirischaftsartike!, besitzt unbegrenzt haltbar die Ffthig-\nkeit, vollstandig kostenlos zu leuchten, da hierzu keinerlei Brwin-\nsioffe angewendet werden. Vieljahr. Garantie fur tadell. Funktioiu\nPnoiea- fur Wrttsge M. I. II. ill. IT.\nKronen 3,60 4,SO 7,— 11,- 1«,—\nFranko (iberall hin gegen Vorauszahlung (auch in Briefmarkeo)\noder Nachnahme 30 Heller mehr. Verpackung gratis s v.\nMondlichtwerk A. 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B. Ernst Kldnert, Walter Bfthrmann, Willy Walde (Damen-Imitator), EmU Kante,\nHelloir Ang6rie, BelHtil, Qrilff, Pieper, Direktor Lucas-Schwieger Pohlei etc. etc.\nDie Damen: Mile. 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Geschaft: 106a Potsdamerstr., Eingf. 63 Steglitzerstr.,Tcl.VI,6735 ■\nII. Geschaft: Charlottenburg, 100 Kaiserdamm, Tel. 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Bei\nNervenschw&cha, Magen- und Darmleiden, Qicht\nund Rheumatismus, Frauenleiden u. a. m. best-\ngeeigneter Aufenthalt\nBesitzer und Leiter: X>r of. mod. W. Hota\nHotae\nAllseit Reformbestrebungen,\ninsbes. derPflege pers&nlicher\nKultur und gesunder Lebens-\nanschauungen, dient unsere\nMonatsschrift „€tosundeg\nlebenu, von der wir Probe-\nnummern auf Wunsch gratis\nversend. 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Verlelhung m. Korporationsrecht. ausgestattet.\nIEITSCIEI PIIV&T-SEAMTEI-VEIEII ZD MAGDEBURG\nZirka 28 000 Mitglieder in zirka 500 Zweig-\nvereinen, Verwaltunesgruppen u. Zahlstellen.\nNeben Pensionskasse, Witwenkasse, Waisen-\nkasse, legrabniskasse und Krankenkasse sehr\nwertvolle Wohlfabrtseinrichtungen\nGesamtvermogen: Ueber 16 Millionen Mark\nHalbjUhri. Beitr. 3 M.:: Man verl. 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Kein Land\nerzeugt Weißweine, welche sich annahernd mit unseren deutscheo\nRiesling-Weinen messen kdnnten. —\n/ ' '\nChr. Ad* Kupferbefg ft €°\n' Hofliefcranten MAINZ Gegriindet 1850\ns!»!!iiH»»:s:ssss:»sss\n*OFCJ«T£ «*r*T&N\n; Ueber Bedeutung von \"Riesling\" gibt unsere neue Broschiire interessanten Aufschlufi.\nmm\nas"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.1", "texte": "Umfang (acht Seiten\nEinzelbezug'; 10 Pfennig\nF)FP CTI IDM\nLO\\ o I Ul\\/u\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524 / Anzeigen-Annahme und\nGeschäftsstelle: Berlin W 35, Potsdamerstr. 111/ Amt VI 3444\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark ) Halbjahresbezug 2,50 Mark/\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Insertion«-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1910\nBERLIN/DONNERSTAG DEN 23. JUNI 1910/ WIEN\nNUMMER 17\n\nINHALT:\nR. LAUDON: Das Achilleion / N. M. MINSKI: Tolstoi — der russische Luther / PAUL LEPPIN: Daniel Jesus / Roman / ALFRED DÖBLIN: Gespräche\nmit Kalypso / TRUST: DasfSittenmädchen / WALTHER HEYMANN: m der Kleine / MlNlMAXEreignisse / KARIKATUREN\n\nKaltwasserkur\nie rau e,nes armen Arbeiters bat die Dame von Vopelius, die (jattin ihres Brotfterrn, um eine kleine Unter-\nStützung für ihre elf Kinder. Die Dame lehnte ab, empfahl ihr aber, dem Manne jeden Abend eine Bütte kalten Wassers\nzu verabreichen, wodurch die Liebe und die daraus resultierenden Kinder und Sorgen gründlich beseitigt würden. Sie ordnete zugleich für ihren\nMachtbereich an, das» Neuvermählten dieselbe Gabe in ansprechender form als Vorbeugungsmittel überreicht würde."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.2", "texte": "Das Achilleion\nVon R. Laudon\nIm Vorgarten der Berliner Kunstausstellung\nsteht die Kolossalfigur eines Achilles; geschmeidiger\nLeib auf überlangen Beinen; über einen helm-\nprunkenden Jünglingskopf ragt eine Lanze, deren\ngoldbesetzte Spitze in Korfu über das Meer leuchten\nsoll, um fernen und nahen Anwohnern den Ort zu\nbezeichnen, wo ein deutscher Kaiser im Hoch-\nsommer residiert. Niemand wird staunen weder\nhier noch in der Heimat, daß ein nordischer Fürst\neinen Dichter seines Landes aus seinem Garten\nweist und eine mythologische Verstaubtheit mit\nGoldbeschlag statt seiner einladet; das Meer wird\nsich nicht empören; es ist seit der Zeit der Gothen\nan vieles gewohnt. Und wir zu Hause wissen\nvollends, daß der demittierte Dichter keinen Platz\nhatte in dem Schlosse eines Mannes, dessen Vor-\nfahren er mit all dem Spott angepfiffen hatte, den\nsein spitzer Schnabel aufbieten konnte. Nur die\nzottige deutsche Männerbrust empört sich; sie\ngerät ins Vibrieren. Und eines ausgekaterten\nMorgens macht sich ein literarischer Kriegerverein\nauf, schwingt das Tomahawk, erläßt in Zeitungen\nKundgebungen an den gebildeten Mob, und sammelt\nbegeistert Gelder für ein Heinedenkmal. In-\nzwischen kaufte Herr Campe von Heines Verlag\ndas Korfuer Denkmal an, — ich vermute, nicht ganz\nfreiwillig, — und stellte es in dem Garten seines\nHauses auf, an der Straße, wo alle sehen konnten,\nwas er für teures Geld dem preußischen Mini-\nsterium abgekauft hatte. Die literarische Ber-\nserker wüteten mit ziemlichem Erfolg unter denen,\ndie sich um das goldene Kalb und den duftenden\nGänsebraten scharen, und fuhren das Geld in Möbel-\nwagen zur Bank. Nach Hamburg sollte das Denk-\nmal hin, schrieen sie, eben nach demselben Ham-\nburg, dessen Börse und Gestank der große Dichter\nso unsterblich gefeiert hatte. So planten sie rache-\nschnaubend, und der Hamburger Senat erklärte sich\nahnungslos damit einverstanden.\nAber Heinrich Heine soll, so erzählen mir die\nGötter, mit denen ich Umgang pflege, in diesen\nSammeltagen vor Lachen fast geplatz sein; be-\nsonders darüber, daß man ihm ein Denkmal setzt\nerst in einem Zollernschloß, dann in Hamburg und\nzu guterletzt als einem deutschen Dichter. „Es war\nvorauszusehen,\" äußerte er sich, „daß die Deutschen\nauf meine Gedichte hereinfielen. Sie verstehen nie-\nmals die Pointe. Ich sage: meine Liebste, Du\nkannst nichts dafür, aber Du bist nun einmal eine\nKanaille. Ich sage das natürlich nicht direkt, das\ntut man nicht, sondern unter Küssen, mit Aufgebot\nvon Nachtigallen, Rosenhecken und ähnlichen Uten-\nsilien, mit Hinweis auf die beliebte Loreley, so\nblumig, puppig, nuttig, daß die Deutschen das Lied\nprompt zu ihrem Nationalgetränk neben Jodkali\nmachen. Keine Landpartie, auf der noch nicht ver-\nkündigt wird, daß meine Liebste, — Gott hab sie\nselig, — eine Kanaille war, nicht unähnlich der be-\nhexten Loreley, kein mondbeschienenes Gewässer,\ndas nicht ein wüstes Gegröhl auslöst zum Lobe ihrer\ngewaltigen Gesangstechnik. Oh, meine Dialektik\nist schön und schwierig; ich habe mir auch viel viel\nschöne Wesen damit gefangen.\"\nHerr Bartels hört etwas von diesem Gelächter\ndes verstorbenen Dichters. Er roch den Braten; er,\nzu den genialsten Flachköpfen gehörig, die unter\nden Kohlrabi- und Petersilienstauden des „Kunst-\nwarts\" bislang gewachsen waren. Er spürte mit der\nfeinen Nase eines Hundes, daß jede Geste Heines\neinen Fußtritt für ihn bedeute, und wies in heulenden\nBroschüren darauf hin, was ihm geschehen sei und\nmit einem Heinedenkmal noch geschehen solle; denn\ner sei deutsch und ein Professor. Alle mußten sich\nzusammentun, die teutsch empfänden, müßten\nbellen, was der Mond erträgt, protestieren —! Und\nso geschiehts. Die Schweinskeule erhebt sich gegen\nden Gänsebraten des Heinemobs. Heine singt ent-\nzückt: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,\" und\nwill das Schauspiel ewig verlängert.\nEs ist ein vorzüglicher Witz, daß man den\nDeutschen ein Heinedenkmal andrehen will, weil der\nMann ein Deutscher gewesen sein soll. Er hat,\nextra für den Zweck, in der Tat ein paar pa-\ntriotische Wendungen dekorativer Art in seinen\nSchriften angebracht. Aber was sagen selbst ganze\nzehn Seiten geschriebenen Patriotismus gegen ein\nLeben und Lebenswerk voll Undeutschheit und\nWiderdeutschheit! Er hat sich, sage ich, sicherlich\nniemals als Deutscher gefühlt, der Rheinländer,\nNapoleonschwärmer, Freund der Revolutionen, der\ndas offizielle Deutschland nur als den Hort der\nReaktionen sah, der als Hauptmerkmal am\nDeutschen das erkannte, was Bismarck später den\ndeutschen „Mangel an zivilem Mut\" nannte. Wem\nwill man da eigentlich ein Denkmal setzen? Daß\nein paar seiner Gedichte populär wurden, ist nicht\nseine Schuld; das gehört in das Gebiet bizarrer Miß-\nverständnisse und Mythenbildung. Er war ein ge-\nschickter Gedichtverfasser; die lyrische Note fehlte\nihm völlig; denn die Lyrik arbeitet nicht mit\nPointen, Bonmots, mit Spitzfindigkeiten und unter-\nhaltsamen Zoten. Unter den schleimigen Zartheiten\ndieser Gedichte kriecht der Wurm der Zweideutig-\nkeit. Er schrieb eine breitfließende Prosa; in ein-\nzelnen späteren Balladen gelang ihm oft eine pracht-\nvoll epische Plastik, ohne größere Originalität\nfreilich; Geibel und andere haben dergleichen auch\ngut gemacht. Das verdient kein Denkmal. Auch\nnicht, daß er alternd religiös wurde, historische Ta-\nlare anlegte und Vorübungen zur Versteinerung\nmachte.\nAber was ihn kennzeichnete bei allem, was er\nlebte und schrieb, war dieses: Er formte sein Leben\nnicht zu einem Kunstwerk wie Goethe, er lebte von\nTag zu Tag auf dem Trottoir. Er hatte keinen Voll-\nendungsdrang, liebelte, haßte, posierte und genoß\nartistisch die Kunst. Sein Leben verfloß zwischen\nskeptischen Bemerkungen, Eleganz, Spaziergängen,\nWutausbrüchen, Schreiben und Erotisieren. Ein\nWitzbold, persönlich anscheinend unsympathisch,\neingebildet und hochmütig, Favorit seines Publi-\nkums. Seine Art viel verbreitet, wenn auch ohne den\nGlanz literarischer Begabung und Behendigkeit. Er\nrepräsentierte ein national uninteressiertes Euro-\npäertum mit auffallender Sicherheit, kämpfte mit\ndem einzigen Ernst, der ihm gegeben war, gegen\njegliche Form Mittelalter, kämpfte mit Witz und\nLogik gegen die absterbenden Religionen, gegen den\nKastengeist, für das, was er Freiheit und Kultur\nnannte. Er drang nicht durch; starb.\nUnd einem solchen Mann will man in Deutsch-\nland ein Denkmal setzen? Muß man da nicht in alle\nHimmelsrichtungen lachen, gegen die, welche Kunst-\ninteresse im Errichten von Steinsäulen zu doku-\nmentieren glauben, gegen die, welche Heine für\ndenkmalsfähig halten, gegen die, welche solch Denk-\nmal gerade in Deutschland setzen wollen und am\nlautesten gegen die Stadt, welche sich mit einem\nHeinedenkmal verspotten läßt? —\n\nTolstoi - der russische Luther\nVon N. M. Minski\nI\nEs will mir scheinen, daß in Rußland etwas\nWesentliches über Tolstoi noch ungesagt geblieben\nist. Von den drei Physiognomien seines schöpfe-\nrischen Genies galt die Symphatie fast aller, die\nüber ihn schrieben, dem Künstler und Moralisten\n— indes der religiöse Denker Tolstoi mit höflichem\nSchweigen übergangen wurde. Diese Seite des\nWirkens Tolstois hob bloß der Synod hervor, der —\nso seltsam das auch scheinen mag — ein feineres,\nkritisches Gefühl bekundete als die mit Tolstoi sym-\npathisierende Intelligenz. Der Synod hatte Recht,\nindem er das religiöse Moment in Tolstois Tätigkeit\nals das lebendigste und konstruktivste erkannte.\nUnd müssen wir nicht auch diese Seite seines\nSchaffens hervorheben? Ich glaube, in Tolstoi\nhauptsächlich den Moralisten bewerten, heißt, ihn\nnicht vom russischen, sondern vom europäischen\nStandpunkt betrachten. In Europa, wo der Kult\ndes Komforts und des Sports den Verstand und\ndas Gewissen der Menschen unumschränkt be-\nherrscht, hatte das moralisierende Wort, von dem\nBeispiel seines Lebens unterstützt, eine tatsächlich\nerschütternde Wirkung. Tolstoi verblüffte die\nPhantasie der Europäer beinahe in demselben\nMaße, wie Sakya-muni einst die Phantasie der ver-\nweichlichten Asiaten verblüffte. Die Kunde, daß\nder Königssohn, der die Möglichkeit besaß, die\nhohen, fast göttlichen Güter des Lebens zu genie-\nßen — den Harem, schattige Gärten, weiche Diwans\n— freiwillig diesem herrlichen Luxus um der Weis-\nheit und Heiligkeit willen entsagt hat, diese Kunde\nerweckte den schläfrigen Asiaten, zwang ihn, an\ndie Möglichkeit des Unmöglichen, an das Wunder\nzu glauben. Nicht weniger erschüttert und erregt\nwar der europäische Philister, als er vernahm, daß\nein reicher Graf — kein falscher, sondern ein\nechter — der es sich leisten kann, im Automobil zu\nfahren und in London seine Kleider zu bestellen,\nein bescheidenes, arbeitsames Leben predigt, und\nnicht nur predigt, sondern es selbst führt, sich wie\nein Bauer kleidet, seine Stiefel putzt, den Ofen\nheizt und von Moskau nach Jasnaja-Poljana zu\nFuß geht.\nNoch verblüffter war der europäische Schrift-\nsteller — dem nach einem treffenden Ausspruch\nTurgenjews bei dem Gedanken an Honorar nicht\nnur die Augen, sondern auch die Zähne glühen\n— als er erfuhr, daß es einen genialen Roman-\nschriftsteller gibt, der freiwillig auf das Honorar\nverzichtet, das Sakrament des Autorrechtes ver-\nachtet. Es handelt sich hier nicht um das Genie\nTolstois, nicht um die Kraft des genialen Wortes,\nsondern darum, daß das Genie ein größeres Recht\nauf ein um so höheres Honorar hat. Das Genie\nTolstois spielte dieselbe Rolle wie der Königssohn,\ngenannt Sakya-muni.\nDie Möglichkeit einer solchen Unmöglichkeit,\nwie der freiwillige Verzicht auf die Anweisung an\ndie Kasse, auf das klingende Geld, rief eine große\nUmwälzung in der Psychologie der europäischen\nSchriftsteller hervor. Das soll nicht heißen, daß\nsie nach Tolstois Beispiel bereit waren, auf die\nheilige Prärogative des Autorrechtes zu verzich-\nten. Nein, die meisten, die unter Tolstois Einfluß\nstanden, die meisten moralisierenden Schriftsteller\nEuropas — weder Ibsen, noch Maeterlinck ausge-\nnommen — blieben in ihren Geldbeziehungen zu\nden Verlegern und Uebersetzern wie vorher genau\nund unbeugsam auf ihrer Hut. Die Umwälzung\nvollzog sich in der Tiefe des Willens und Gefühls.\nDas Leben Tolstois wurde in den Augen der Kul-\nturmenschheit das eines Heiligen. In den kalten,\ntobenden Ozean der europäischen Rivalität drang\ndas Wort Tolstois ein wie der warme, wohltätige\nGolfstrom; aus seiner Predigt wehte Güte, Ver-\ngebung, Wohlwollen, und unter ihrem Einfluß ver-\nänderten sich die Themata, die Ideale und der Ton\ndes europäischen Romans und des Theaters. Ich\nwerde einmal ausführlicher über die merkwürdige\nUmgestaltung der ganzen Weltliteratur sprechen,\nwelche in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren\nvor unseren Augen unter Tolstois Einwirkung vor\nsich ging. Jetzt beschränke ich mich auf die Be-\nmerkung, daß Tolstoi für den Gedanken und das Ge-\nwissen Europas bloß als Moralist in Betracht\nkommt; alles Uebrige — sein Künstlergenie, sein\nreligiöser Enthusiasmus — hatte in den Augen des\nEuropäers eine geringere Bedeutung, umgab diese\nstrenge und gleichzeitig milde Physiognomie mit\neinem Glorienschein.\nDiese Bedeutung hat Tolstoi für Rußland\nnicht. Mit der Entsagung, dem Nichthandeln, dem\nStreben nach Vereinfachung setzt man bei uns nie-\nmand in Erstaunen. In der Epoche, in der man\n„unter das Volk\" ging, haben sich die jungen Leute\nleichten Herzens von ihren gesellschaftlichen und\nwirtschaftlichen Privilegien losgesagt, haben Opfer\ngebracht, denen gegenüber Tolstois Stiefel-Ver-\nfertigen und Ofen-Heizen als ein harmloser Zeit-\nvertreib erscheint. Das Wort „Selbst-Verein-\nfachung\" wurde von Turgeniew geprägt vor Er-\nscheinen der „Beichte\". Als Prediger eines ein-\nfachen Lebens, als Apologet der Bauernrechte er-\nscheint Tolstoi in Rußland nicht wie ein Lehrer,\nnicht wie ein Begründer einer neuen Strömung,\nsondern wie einer von denen, die von der Strömung\nnoch vor ihrer Existenz erfaßt wurden. Tolstoi\nist in Rußland einer von den vielen, die ihre\nL ebensweise vereinfachten und unter das Volk\ngingen. Selbst das wichtigste Paradoxon\nder Tolstoischen Moral, die Lehre von dem Nicht-\nAnkämpfen gegen das Böse, war nichts anderes\nals die Erhebung der russischen Passivität und\nFaulheit zu einer theoretischen These.\nUeber dieses Paradoxon wurde viel gestritten,\naber es hatte bei uns gar keinen Einfluß auf das\nLeben. Alle Ereignisse der letzten Jahre waren\ndie lebendige Widerlegung dieses Paradoxons, und\nwenn man darin das Wesentliche der Tolstoischen\nMoral sehen soll, so müßte man ihre ganze Bedeu-\ntung verneinen. Es handelt sich natürlich nicht um\ndas Paradoxon und nicht darum, daß Tolstoi mit"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.3", "texte": "vielen anderen zusammen sein Leben vereinfachte\nund unter das Volk ging, sondern um die besondere\nArt, mit der er es getan hat — nicht wie alle —\nund aus anderen Motiven und mit einem anderen\nZiel. Vor seinem Auftreten wurden alle, welche\ndie Vereinigung mit dem Volke anstrebten, entwe-\nder von konservativ-politischen Ideen wie die\nSlavophilen, oder von revolutionär-politischen\nIdeen wie die Demagogen, inspiriert. Tolstoi\nstrebte als der erste nach Vereinigung mit dem\nVolke weder aus politischen, noch ökonomischen\nGründen, sondern aus rein religiösen, und in die-\nsem religiösen Moment liegt die ganze Neuerung\nund das Außerordentliche seiner Tat, zum minde-\nsten für die Russen. Wer erfahren will, was Tol-\nstoi für Rußland ist, muß sich vor allem in der\nFrage zurechtfinden, was die Religion Tolstois be-\ndeutet. Ich werde mich bemühen, auf diese Frage\neine möglichst knappe und genaue Antwort zu\ngeben.\nII\nBis zu Tolstoi bestand bei uns ein zweifaches\nVerhältnis zur Religiosität — die naive Bejahung\nund die naive Verneinung. Die Naiv-Bejahenden\nnahmen zu ihrem Wahlspruch das Wort Tertullians\n„Credo, quia absurdum\" — ich glaube an das Wun-\nderbare, an die Uebertretung der Gesetzmäßig-\nkeit, ich nehme das alles an mit dem Glauben, weil\nman es eben mit dem Verstände nicht annehmen\nkann.\nDie innere Haltlosigkeit einer solchen Religiös!\ntät hat Dostojewski krasser ausgedrückt, indem er\nsagte: wenn er die Wahl hätte zwischen der Wahr-\nheit und Gott, würde er Gott der Wahrheit vor-\nziehen. Mit diesen Worten wollte er natürlich das\nGöttliche über das Menschliche erheben, im Grunde\naber tadelte er das eine wie das andere. Das\nMenschliche indem er zugab, daß unsere Wahr-\nheit sich gegen Gott erweisen könne, aber auch die\nGottheit tadelte er, indem er zugab, daß sie\nim Widerspruch zur Wahrheit erscheinen\nkönne. Auf diese Weise erlangt er, Gott in der\nVerneinung der Wahrheit und des Verstandes\nsuchend, die verneinte Gottheit, und es ist kein\nWunder, daß Dostojewski in der russischen Wirk-\nlichkeit „die Besessenen'4 vorschweben, und daß\nWladimir Solowjew das Finale der ganzen Welt-\ngeschichte in Gestalt der Sage vom Anti-Christ er-\nschien. Von den Neo-Christen ist es jedoch\nbekannt, daß in ihren Betrachtungen Teufel\nAnti-Christen und Satane umherflattern wie Fleder-\nmäuse vor dem Gewitter.\nIII\nIm Gegensatz zu diesen Anhängern der For-\nmel „Credo, quia absurdum\" tauchten bei uns in\nden sechziger Jahren die Anhänger des Verstandes\nauf, aber des begrenzten und selbstzufriedenen,\nkurzsichtigen Verstandes, der nicht bloß das Wun-\nder und die Ueberlieferung verneint, nicht nur die\nSchule der alten Religiosität, sondern die Religio-\nsität selbst und alle ewigen Fragen des Seins „sehr\neinfach\" löst, indem sie sich über sie in derber\nWeise lustig machten. Sie wollten die russische\nWirklichkeit von dem angefaulten Scheinwesen\nreinigen und überschätzten dabei, ohne es selbst zu\nbemerken, das Leben und schufen so, von den\nletzten Absichten erfüllt, die trübe Wirklichkeit;\nwährend der Realismus die Göttlichkeit des Lebens\nverneinte, erlebte der Nihilismus eine zweite Ge-\nburt, und die nihilistische Fröhlichkeit führte zur\nLangeweile. Die Seele fühlte sich beengt, und es\nhalf weder das Sezieren der Frösche noch die Ver-\neinigung mit dem Volke, noch das politische Eifern.\nDer Realist, der unter das Volk ging, lief im Grunde\nvon seinem ungöttlichen Leben zum ungöttlichen\nLeben des Volkes über. Der russische Nihilist schuf\ndas unterirdische Rußland, unterirdisch nicht allein\nim polizeilichen, sondern auch im allgemeinen Sinne,\ndenn indem er über das Leben an Stelle des gött-\nlichen Himmels der Ewigkeit die Decke der\ntierisch-zwecklosen Existenz schob, verwandelte\ner die ganze Welt in ein Kellergewölbe.\nIV\nIn ihrem Kampf mit der Religiosität ver-\neinigten sich unsere daheim gezüchteten Realisten\nzum Beispiel mit dem Westen, zitierten Büchner und\nSpencer und vergaßen dabei, daß der Westen zu\nseiner Kultur nicht den schmalen Pfad des kühnen\nSpottes, sondern den mühsamen und ruhmvollen\nWeg der religiösen Reformation durchschritten\nhatte. Unsere Realisten übersahen das große\nhistorische Gesetz: ein Volk reift nur für die höhere\nKultur, das nicht in den anfänglichen Glaubensarten\nerstarrt, sie auch nicht leichtsinnig verwirft, sondern\nsie innerlich umgestaltet, sie durch den geheimnis-\nvollen Prozeß der Reformation führt, in dem die Per-\nsönlichkeit gleichsam noch einmal geboren wird und\nsich veredelt, wie der Traubensaft sich im Pro-\nzeß der Gärung veredelt und aus der süßlichen\nFlüssigkeit der edle Wein wird. In dieser Be-\nziehung können alle westlichen Völker in zwei\ngroße geistige Rassen geteilt werden. Die höhere\nRasse, zu der die Völker mit der Wiedergeburt im\nProzeß der Reformationsgärung gehören und die\nniedrigere Rasse derjenigen Völker, die in der\nreligiösen Orthodoxie verharrten oder sich aus\ndem Feuer der Vorurteile in die Flammen des\nAtheismus warfen.\nDer Unterschied zwischen diesen beiden ist\neingewurzelt und organisch und erscheint in allen\nFormen des Schaffens und der Betätigung, selbst\nin solchen, die sich gleichsam in dem einen Punkt\nweder mit den religiösen Vorurteilen, noch mit der\nreligiösen Aufklärung berühren. Nehmen wir bei-\nspielsweise eine Sphäre, die der Religion fern\nliegt und in diesem Augenblick für uns eine so all-\ntägliche Bedeutung hat, wie die Reinlichkeit und\nHygiene des Körpers, so sehen wir, daß der Kultus\nder Reinlichkeit in jenen Ländern herrscht, in\nwelchen der Einfluß der Reformation mehr oder\nweniger stärker war und umgekehrt. Demnach\nmüssen wir annehmen, daß der Prozeß der Refor-\nmation nicht nur infolge der Wahrheiten, zu denen\ner führt, von Wichtigkeit ist, sondern auch, und\ndies viel mehr infolge jener Festigung, die in ihm\ndie Persönlichkeit, richtiger der Verstand der Per-\nsönlichkeit erlangt, indem er Gott erforscht und\nsich im Unendlichen bejaht.\nEin Volk, das durch die Reformation gegangen\nist, gleicht einem Organismus, der aus widerstands-\nkräftigen, für den Kampf ausgerüsteten Zellen be-\nsteht, indeß die kleinen Zellen wie vorher bis zum\nProzeß der Reformation schwankend und willen-\nlos bleiben. Man muß leider zugestehen, daß das\nrussische Volk — als Ganzes — der Reformation\nnicht teilhaftig geworden ist. Die russische Per-\nsönlichkeit hat die religiösen Zweifel noch nicht\nüberwunden, die letzten unlösbaren Fragen des\nLebens in der Einsamkeit mit dem Gewissen nicht\ngelöst, die hohen Rechte der Vernunft nicht bejaht\nund deshalb auch sich selbst nicht bejaht, denn\nPersönlichkeit und Vernunft sind gleichbedeutend,\nDie russische Altgläubigkeit schritt nicht vor,\nsondern zurück. Das Sektierertum aber, das als\nein Reflex der von außen herübergewehten, einst\nbefreiten, mächtigen, aber längst veralteten, ver-\nwitterten deutschen Reformationsidee auftrat,\nkonnte das Gehege nicht verlassen und erwies sich\nals ohnmächtig, auf die gebildeten Klassen einzu-\nwirken, die bereits, wenn auch durch fremde\nWorte, von der Freiheit der wissenschaftlichen\nKritik erfahren hatten. Das russische Volk, das\naußerhalb der Reformation geblieben ist, war\nbisher verurteilt, im Hinterhof der Kultur zu\nweilen.\nV\nAls erster Verkündiger der religiösen Refor-\nmation in Rußland, als zeitgenössischer Luther\nerscheint Tolstoi, der im Gegensatz zu den heiteren\nRealisten die Göttlichkeit des Lebens bejahte, aber\ngleichzeitig im Gegensatz zu den Anhängern des\nAbsurden aus der Religion alles Unvernünftige aus-\nschaltete (was auch seine Lehre von der deutschen\nReformation unterscheidet). Das Leben ist\ngöttlich. In der Welt vollzieht sich nicht der\nmenschliche, sondern der göttliche Wille — das ist\ndie grundlegende religiöse These, mit der Tolstoi\ndie Sünden des russischen Nihilismus gesühnt und\nden Dingen ihren absoluten, hohen Wert wieder\nzurückgegeben hat. Aber die Göttlichkeit des\nLebens wird nicht als ein besonderes Gesicht\neines blinden oder hellen blendenden Glaubens\naufgefaßt, nicht auf Grund von Ueberlieferung und\nBüchern, sondern von der Persönlichkeit, durch\nihren eigenen Verstand, welcher der höheren Reife\nerreichbar ist und durch eine höhere Erkenntnis er-\nlangt wird.\nIn einer seiner Broschüren warnt Tolstoi vor\nfalschen Elropheten, die behaupten, die Wahrheit\nmehr als irgend etwas zu lieben. Wer die Wahr-\nheit mehr als irgend etwas liebt, der liebt wirklich\nnichts. Bei Tolstoi ist Wahrheit mit Gott gleich-\nbedeutend. Tolstois Religion ist die Religion des\nmystischen Verstandes, die Religion ohne Glauben\nan das Wunder.\nIm Zeitalter des Zweifels und des Unglaubens\nauftretend, bewies Tolstoi, daß die wahre Religion\nden Unglauben nicht fürchtet. Darin besteht die\nNeuerung und die machtvolle Verkündigung der\nreligiösen Reformation Tolstois.\nVI\nIndem Tolstoi der Welt die absolute hohe Be-\ndeutung wieder zuerkennt und die höheren Rechte\nder Verstandespersönlichkeit bejaht, ist er für\nuns einer der größten Kämpfer für die\nKultur. Dies bedarf einer Erklärung. Wenn man\nin Tolstoi nur den Moralisten sehen will, müßte\nman ihn zu den Feinden der Kultur zählen. Tolstoi,\nder die Passivität predigt, zum Pfluge ruft, die\nMedizin und Astronomie verneint, über den Kampf\nmit den Bazillen lacht, eine Symphonie von Beet-\nhoven niedriger stellt als ein Bauernlied und über\nShakespeare spottet — dieser Tolstoi legte offen-\nbar nicht den Grundstein zur Renaissance unserer\nKultur.\nWie Tolstoi leben — die Erde beackern, den\nMilitärdienst, das Bezahlen von Steuern ver-\nweigern, der Welt den Rücken kehren und sich in\neine Dorfeinöde zurückziehen — ist gewiß leichter.\nAber alles verändert sich, wenn man Tolstois\nMoral als etwas innerlich Erlebtes erkennt und als\nReflex unserer alten, fruchtlosen, schwärmerischen\nLiebe zum Volke und wenn man die Unabhängig-\nkeit, die ganze schöpferische Größe Tolstois in\nseinen religiösen Predigten sucht. Als religiöser\nDenker, als Kämpfer für das Recht des Verstandes\nruft Tolstoi vorwärts zur Philosophie, zur Wissen-\nschaft, zu den höheren Formen der Kulturtätigkeit.\nDas Dorf wird nie die Religion ohne den Glauben\nbegreifen, und wenn es die Lehre Tolstois an-\nnimmt, so wird es sie sofort verunstalten, sie in\nSektierertum verwandeln — ohne Priestertum —\nin einen neuen Glauben, in einen neuen Kult der\nWunder und Gebete. Wenn man Tolstoi als\nrussischen Luther betrachten soll, so ist er ein\nLuther der Städte und nicht der Dörfer, der Intelli-\ngenz und nicht der dunkeln Massen. Mit der Kraft\nund Offenheit seiner Worte hat Tolstoi verkündigt\ndaß der Verstand, der das Wunder sowie die äußere\nGesetzmäßigkeit verneint, in der Welt eine höhere\ngöttliche Gesetzmäßigkeit voraussieht. Tolstoi hat\ndiese Wahrheit ausgesprochen, aber nicht ver-\nwirklicht. Er entwarf den Plan zu einer neuen Reli-\ngion und überließ es seinen künftigen Anhängern,\nnach diesem Plan zu bauen. Und wie sich die kom-\nmende Generation Rußlands zu diesem Vermächtnis,\nzu Tolstois religiösem Problem, verhalten wird,\ndavon hängt unsere Zukunft ab. Ich sage das nicht,\nweil ich die praktischen Aufgaben des Lebens\nniedriger stelle, sondern, weil zwischen dem prak-\ntischen und dem religiösen Verstand ein unzerreiß-\nbares Band besteht. Ob wir uns im Kampf\nmit den Japanern, im Kampf mit dem alten Re-\ngime, im Kampf mit den Bazillen als Sieger er-\nweisen werden — alle praktischen Fragen der\nrussischen Wirklichkeit hängen davon ab, ob die\nrussische Kultur-Persönlichkeit den Wunsch\nund die Kraft in sich finden wird, in der Einsamkeit\nmit dem Gewissen das religiös-philosophische\nProblem des Daseins überhaupt durchzuleben und\ndarüber nachzudenken.\nDas Gespräch über Tolstoi ist kein müßiges,\nsondern das tägliche geistige Brot unseres Werkel-\ntages. Das Schicksal sandte uns einen neuen\nLuther, den Verkünder einer neuen Reformation,\naber sie verkörpern und verwirklichen können\nnur wir selbst.\nBerechtigte Uebersetzung aus dem Russischen von\nLuise Flachs-Fokschaneanu\n\nDaniel Jesus\nRoman\nVon Paul Leppin\nSeit jenem Abend, als er seine Mutter dem\nbuckligen lesus preisgegeben hatte, war über Josef\neine tiefe und seltsame Traurigkeit gekommen.\nSeine wilde, unbändige Seele floh vor dem Erlebnis\n\nSiebente Fortsetzung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.4", "texte": "dieser Nacht erschreckt und verwundet, und ließ ihn\nin seinem leeren, haltlosen Leben zitternd und\nangstvoll zurück. Nun stand er wie ein furchtsames\nKind im Dunkeln. Ihn quälte keine Reue, und\nmachte ihn unsicher, aber die große, böse Stunde\nstieg aus Trunkenheit und Träumen wie eine Säule\nauf, um ihm ein Zeichen von Qott zu geben. Sein\nhartes, blindes Herz war schwer geworden vom\nBlute der Scham.\nEr blieb der einzige im Hause, dem Marietta\nnicht aus dem Wege ging. So hieß das blonde\nMädchen aus dem Dorfe. Sie sprach mit keinem,\nder sich ihr näherte, auch mit dem Schuster nicht.\nNur wenn im Gebet der Schlaf über sie kam, konnte\nsie mit allen reden. Am Tage wich sie beharrlich\naus, und wenn sie jemand etwas fragte, dann sah\nsie lange in sein Gesicht und verstand ihn nicht.\nAber wenn sie auf die bleichen, glühenden Hände\ndes Schreibers blickte, der sich leise über die\nStiegen durch die Küche in sein verfallenes Zimmer\ntastete, wurde ihr Mund freundlich und heiter, und\nsie ging zutraulich zu ihm und sprach ihn an. Das\nerste Mal wollte er sich verwundert und mürrisch\nvorüberdrücken, ohne Antwort und ohne Gruß. Da\nsah er in ihre weiten schimmernden Augen, die groß\nund ohne Grenze über alle Dinge gingen, und blieb\nstehen.\nDu bist krank, und deine Lippen sind weiß wie\ndie eines Mörders — sagte sie zu ihm.\nDein Mund ist wie der Honig — gab er zurück\nund konnte nicht weiter reden, weil ihre Augen ihn\nhielten und seine Stimme erstarrte. So blieb er\nstehen und sah ihr nach, wie sie in ihr Zimmer ging.\nSeit dieser Stunde sprach er oft mit ihr. Harte, ab-\ngebrochene Worte, hastig vor Heimlichkeit, damit\ndie andern nicht hörten, was er sagte. Und er war\nfromm, wie früher die Zigeunerin neben dem\nSchuster, kniete jetzt er neben Marietta und sah sie\nan, während sie betete. Leise und demütig kam ei\nabends zur Tür herein, wenn die Andacht begann,\nblickte keinem ins Gesicht, wußte kaum, daß jemand\nda war außer ihr. Nur wenn ihn das böse Auge\nseines Vaters streifte, zuckte er zusammen und\nsenkte den Kopf noch tiefer über seine gefalteten\nHände, und er wandte sich ab, wenn Marietta zu\nihm hinüberschaute. Und langsam und unentrinnbar\nfiel in sein Herz der Glanz der lauretanischen\nLitanei und machte es blind, und betäubte es. Das\nwar das Gebet, das lange, tiefe, inwendige Gebet,\ndas Marietta sagen mußte, weil es der Muttergottes\ngehörte und weil sie ihre Dienerin und Sklavin war,\nund weil sie mit lebendigen Augen sie selbst ge-\nsehen hatte, groß und selig, die Königin.\nWie ein wundervolles, glühendes Lied drangen\ndie Worte der heiligen Litanei in die Seele der Beter,\nin die Seele Mariettas und des Schreibers und ver-\nwirrten sie. Wie im Taumel sprach er nach, was\nalle rings um ihn eintönig und heftig voll brennender\nAngst in die Fensterscheiben riefen. Hinter dem\nweißen Vorhang sah er die Sterne am Abendhimmel\nstehen, zittrig und bleich, und dennoch wie die\nZacken eines großen und tröstenden Diadems. Er\nhob die Hände und stammelte:\nBitt für uns!\nBitt für uns!\nEs war eine hohe, singende Welle in ihm heute\nAbend. Er hörte neben sich Marietta sprechen und\nan ihrer verweinten, gläsernen Stimme erkannte er,\ndaß er noch diese Nacht die Küsse ihres Mundes\ntrinken werde wie jungen Wein. Deine Lippen\nsind rot wie der Honig, hatte er ihr einmal gesagt.\nWie wilder Honig, dachte er, wenn ihn die Bienen\nim Walde sammeln, und der Wind und die Sonne\nund der Regen geben ihren Duft dazu. — Er lauschte\ndem seltsamen Klang ihres Gebetes und hörte, wie\nsie sich in dem goldenen Zauber ihrer Liebe verlor,\nwie in einem Wunder, wie sie darin versank, wie in\neinem Teich. Der heiße Schlaf der Vision fiel über\nMarietta, und ihr Kopf sank an die Schulter des\nSchreibers. Ihre Hand zerbrach beinah die seine in\neinem wilden, verzehrenden Entzücken, als sie\nzwischen den hölzernen Rahmen des Fensters das\nAntlitz Marias erblickte. Und Josef sah in die Augen\nMariettas, die in die Ferne irre gingen wie durch\neinen goldenen Wald. Ihre armen, zersprungenen\nLippen redeten weiter. Durch einen Schleier kamen\ndie Worte stoßweise, wie im Glück.\nDu geistliche Rose —\nDu gütige Jungfrau. —\nUnd heiser im Chor, angstvoll und taumelnd\nklang die Antwort der andern, von Mühseligkeit ge-\nquält, von Bangnis zertreten.\nBitt für uns!\nBitt für uns!\nDie Hand Mariettas kroch in itn Rock&rmel\ndes Schreibers und bohrte sich im Fieber mit weißen\nNägeln in seinen nackten Arm. Auch über ihn kam\nfast von Zeit zu Zeit, wenn er die Augen schloß und\nlauschte, wenn er im Dunkeln mit den andern\nbetete, der Lichtglanz der Vision. Dann trug ihn\ndie springende Welle der lauretanischen Litanei in\neine schöne, silberne Landschaft, und sein früheres\nLeben war versunken wie ein Traum. Eine Hänge-\nmatte schaukelte draußen vor dem Fenster, wo vor\neiner Weile noch die Muttergottes mit der Krone\nstand. Und drinnen lag weit ausgestreckt die blonde\nMarietta in dünnem blauen Kleide. Um die nackten\nBeine schlangen sich schmale Metallstreifen, in\ndenen rote Rubinen brannten. Und sie sah ihn an,\nihn ganz allein, und ihre Augen gingen in den seinen\nirre wie in einem goldenen Wald.\nEr hörte ihre verzückte gläserne Stimme\nwieder.\nDu Arche des Bundes —\nDu Turm Davids —\nDu elfenbeinerner Turm. —\nUnd er hörte auch, wie ihr© Stimme tick neifte\nund kippte und deutlich, ganz deutlich langsam\nzerbrach:\nDu Morgenstern —\nDu goldnes Haus. — \\\nErbarme dich unser! schrie der Schreiber auf,\ndaß plötzlich die Gebete der andern verstummten\nund es still und reglos wurde in der Stube des\nSchusters. Und alle sahn mit Staunen und Ent-\nsetzen, wie der Schreiber die blonde Marietta in den\nArmen hielt und wieder und wieder ihren Mund\nküßte. Und Marietta, die blonde Heilige, lag bleich\nund lächelnd in seinem Schoß und griff mit ihrer\nmageren Hand in sein struppiges Haar und\nstreichelte es.\nErbarme dich unser! rief noch einmal der\nSchreiber und küßte sie.\nDann stand er auf, nahm mit beiden Armen den\nkleinen Körper Mariettas und trug sie zur Tür\nhinaus. Ihr blasses Haar hing wie ein Band an\nseinem Leib herunter, und ihre Hände suchten seine\nnackte Brust.\nDer Schrecken lähmte alle, und keiner hatte ein\nWort gewagt. Jetzt schloß sich die Tür hinter den\nbeiden, und Josef und Marietta waren im Dunkeln.\nAm Ende der großen Straße standen die Sterne\nin einem goldnen Haufen beisammen. Und da Josef\nund Marietta nicht wußten, wohin sie gehen sollten,\nwandten sie sich den Sternen zu und kamen ihnen\nlangsam näher. Sie schritten nebeneinander und\nhielten sich wie die Kinder bei den Händen. Und\nals Marietta aus ihrem Schlaf ein wenig zu sich\nselbst zurückkehrte, fragte sie den Schreiber, was\ndas alles bedeute und daß sie ihr Herz nicht mehr\nerkenne und ob dort rückwärts bei den goldenen\nSternen die Muttergottes sei.\nUnd Josef erklärte ihr, was er selbst kaum\nwußte, daß die Liebe das Herz und auch das Leben\nverändere, wie sie es mit seinem Leben getan habe.\nSie faßte ihn um den Hals und schaute auf\nseinen Mund, während der Schein der Milchstraße\nsein Gesicht umfloß.\nWie kommt es, daß deine Lippen nicht mehr so\nhäßlich sind und so weiß wie die eines Mörders?\nDa küßte sie der Schreiber und mußte an den\nwilden Honig denken, den im Walde die Bienen\nbereiten.\nUnd sie gingen beide die Straße weiter, dorthin,\nwo die Sterne in einem gelben Haufen beisammen-\nstanden und fragten nicht mehr.\nSie sind nie wiedergekommen — nie.\n\nGespräche mit Kalypso\nSiebentes Gespräch: Giesst Wein in meinen\nBecher / Von den unteren Tonordnungen\nUeber die Musik\nVon Alfred Döblin\n\nSchlatt\n\nMusiker:\nIch stimme Dir bei. In den Erscheinungen der\nWirklichkeit, die den Tonstoff ordnen, nimmt der\nMensch, seine Stimme, seine Qebärden und Bewe-\ngungen, großen Raum ein, weil der Musikschöpfer\nsich selbst am bekanntesten ist. Ich sage: auch\nseine Mimik und Bewegungen; denn nächst der\nStimme sind diese für die Musik wichtig. Hier\nmöchte ich Dich gleich auch auf einen Wahn hin-\nweisen, der weit bei den Kennern und Nichtkennern\nverbreitet ist, daß eben der Uebereinstimmung mit\nmenschlichen Seelenbewegungen, mit Gefühlen, die\nMusik die wertvollste Ordnungsregel verdanke;\nDu, Kalypso, streiftest selbst eben diesen Gedan-\nken, doch ohne dem Wahn zu verfallen. Wie über-\nhaupt Gefühle Zugang zu der Musik gewannen,\nwies ich Dir schon vorhin. Die Tonfolgen waren\nehedem wohl recht eigentlich absolut, in Deinem\nSinne ausdrucks- und eindrucksfremd, entwickel-\nten nichts als die eigentümlichen, eben hervor-\ntretenden Regeln des Tones, die Möglichkeit des\nKurz und Lang, des Langsamer und Schneller, des\nWechsels von Hoch zu Tief und Tiefer. Erst mit\nder wachsenden Vertrautheit mit diesen Stoffmög-\nlichkeiten bahnte sich eine engere Beziehung des\nMusikers zu diesen Tonfolgen an: er fand und\nsetzte die Gleichniswerte und sonstigen Ordnungs-\nweisen der Töne. So band er auch, was man Ge-\nfühl nennt, an die Töne und Folgen, nachträglich,\nspät, zag, unsicher. Besonders wurde solche Ge-\nfühlsteilnahme möglich, je mehr Gesangliches und\nGesprochenes in die Musik eintrat, weil diesen ja\nGefühlsmitteilung und Gefühlsausdruck wesentlich\neignet. So eng sind jetzt in gewissem Hinblick die\nbeiden, Musik und Gefühl, verbunden, daß manche\nMusiker prahlen, sie könnten ihr Inneres ausdrücken\nin Tönen. Es liegt hier so wie mit der Willens-\nfreiheit: nachdem wir gelernt haben, wie einige\nBewegungen erfolgen und wir sie voraussehen\nkönnen, meinen wir, wir machten sie. Einesteils\nnun vermag jetzt die Musik in diesem Verstände\nGefühlsregungen und was man so nennt, „auszu-\ndrücken\", und sie erhält aus diesem Vermögen, das\nweit über das des bloß Gesanglichen hinausgeht,\nmächtige schöpferische Antriebe. Weiter aber\nbleibt noch vieles in den Tönen für Gefühls- und\nEmpfindungswert unzugänglich, unberechenbar; es\nläuft ihnen keine Gefühlsreihe oder innere Erleb-\nnisreihe parallel; kein Musiker kann sagen, er hätte\nmit diesen Tonverbänden etwas ausdrücken wollen\nund was er mit ihnen ausdrücken wollte. Die Ton-\nwelt ist ja eine eigene Welt, eben die des Tönens\nund ihrer Satzungen; manches mag da mit keiner\nsonstigen Wirklichkeit sich verschwistern. Viel-\nmehr müssen wir erst, wie jene alten Musiker den\nhölzernen starren Tongebilden, so diesen Empfin-\ndungswerte an die Brust legen, oft sogar zu ihnen\nsolche Seelenwerte und was man so nennen mag,\nerfinden. Die Musik, statt Gefühle und Empfin-\ndungsgruppen auszudrücken, lehrt den Menschen\nsolche; es gibt nicht ihresgleichen irgend sonst in\nder Welt und der Kunst. Und so tut ja jede andere\nKunst und ist ihr Verhältnis zu dem Innern des\nMenschen.\nWas es aber mit diesen Gefühlen noch auf sich\nhat, berührtest Du schon leicht, o Kalypso. Hier\nkann der Mensch viel von der Musik lernen.\nGefühle kennt die Musik nicht; sie kennt nicht Haß,\nnicht Schmerz, Kummer, Trotz, Wut oder Liebe.\nWenn die Bewegung der tiefen Töne Grauen und\nFurcht, die gebundene Bewegung Liebe und Sanft-\nmut, der kurz abgesetzten Trotz bezeichnen, so\ndanken sie diesen Zeichenwert nicht den Gefühlen,\nsondern Erscheinungen der Gefühle. Die Musik\ngibt nichts von dem Seelischen der Gemütsbewe-\ngungen. Sie entreißt jedem das Aeußere und läßt\ndavon ein wirres Bild vor uns vorüberziehen. Sie\nkann nicht sagen: „Ich liebe Dich; ich bin stolz; ich\nbin betrübt\". Ihre Freude ist kraftvolles, nn-\nermüdetes Springen, Tanzen, Jubeln, Kichern und\nleichtes Wiegen; ihr Stolz läßt Rosse traben,\nArmeen marschieren, einen ungebrochenen Gesang\nanstimmen mit befehlerischer Knappheit; sie kennt\nkeine Liebe, sondern nur den Kuß, nur eine dunkle\nunsichere Aufgelöstheit und Spannung, das Drän-\ngen und Werben, das Anschmiegen, das angstvolle\nZueinander, das ruhelose und wieder ruhige Hin\nund Her, in dem sich Lachen und Schluchzen\nmischt. Das Zittern, das unentschieden, ungleich-\nmäßige Bewegen heißt Furcht, Der tangsame\nSchritt, das volle tiefe Tönen: die Würde, der\nErnst. Die Musik, die tönende, hält sich an das\nTönende und den greifbaren Ausdruck des Ge-\nmüts; sie ist hierin weit ab von dem Oedanken und\nvon der Sprache, sie bleibt nachbildend unter den\nDingen. Sie ist von der Art der alten Erzähler, die\nnur Kämpfe und Begebenheiten kennen. Meint einer\nvielleicht nun, sie begnüge sich da mit dem Aeußer-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.5", "texte": "Die Borromäus-Encyklika in Deutschland/\n\nliehen? Dies wäre äußerlich? Hier ist nichts\näußerlich als das Wort; die Musik ist hier klüger\nals die Sprache. Gefühle kennt die Musik nicht,\nGefühle kennt auch die Wirklichkeit nicht. Haß,\nLiebe, Neid sind Gedanken, — Gedanken derer,\ndie hassen, neiden, lieben; gedankliche und sprach-\nliche Trennungen und Erfindungen. Dunkel krei-\nsen sie um das, was wirklich ist: um Erinnerungen,\ndie auftauchen, um ein Schwellen des Blutes hiei\nund da, Hitze, Drängen, Schwäche, Zittern und\nSpannen, um die wechselnden Zustände unseres\nFleisches. Dunkel kreisen sie um noch Dunkleres.\nDie Musik kennt keine „Seele\"; sie wandelt unter\nden wirklichen Dingen; einfach und sehr klug ist\nsie Fürsprecherin des ausgebreiteten Lebens. Was\nzuckt meine Göttin?\nKaly p s o :\nUnübersehbar scheint mir, was sich in der Musik\nzu formen vermag. Sie gleicht einer Mutter, die\nso viele, ähnliche Kinder hat. Der Ordnungsmög-\nlichkeiten, die aus der Wirklichkeit wachsen, sind\nso viel; eine Ueberwertung und Ueberbestim-\nmung wächst daraus, — und soll ich Dir\nsagen, eine Nichtbestimmtheit und Undeutlichkeit.\nBei welchen Tonfolgen soll ich nun erkennen, was\nsie mir sagen wollen und sollen; ist dies traurig\noder heiter, kämpft oder poltert es? Die Ueber-\nbestimmtheit der Tonfolgen wird zur Quelle ihrer\nUnbestimmtheit. Keine Sprachbildung; keine Ein-\ndeutigkeit: schillernde Zeichen und Irrlichter tanzen\nhin. Die Musik ist tief bis zum Unsinn. — Ich bin\nmüde, mein lieber Freund, mein beredter Lehrer.\nEs wird Nacht, und dies ist die Stunde zu verstum-\nmen; ja, es ist unnatürlich, in der Nacht zu\nsprechen, und ein Hohn, von der Musik zu sprechen.\nIch bin müde, — und so hast Du Recht. Komm!\nMusiker:\nStritten wir denn, und um ein Recht, Kalypso?\nKalypso :\nNicht Du, — ich. Aber gut. Was für ein Bild ent-\nwarfst Du mir von Deiner Kunst. Gut, kein Dieb\nund keine Beute. Aber welch barbarische Kunst!\nSie tanzt, sie singt, sie jubelt, sie malt, sie spricht.\nFührwahr ein räuberisches Weib. Mächtiger und\nhabgieriger kenne ich keine Kunst, mehr dehnt\nkeine ihre Grenzen aus. — Fahrt nur zu. — Ja,\neinen Teich zeigtest Du mir, wie ich nie sah, einen\nriesigen, in dem vieles durcheinander schwimmt\nund kriecht: Haifische, Hechte, Fischottern, Frösche,\nQuallen, Gewürm; — lebenerfüllt, wie kaum etwas,\nzum Entsetzen gemacht. Heil, wer keiner Kunst\nbedarf.\n\nm der Kleine\nWalther Heymann\nDie Nummer 23 der „Lustigen Blätter\"\nbot einem lesenden Publikum solch ein Po-em an:\nPeter, der Grosse\nEs war ein Dichter am Donaustrand,\nVon dem war mächtig die Rede;\nIch fand seine Dichtungen sehr überspannt,\nUnd andere fanden sie blöde.\nDoch weil ihn die Muse, so sagte man, stets\nIm Nacht-Cafe inspirierte,\nUnd weil er Kraft ihres Befehls und Dekrets,\nEin Lebelang dort vegetierte.\nund zum Schluss:\nNun wurde zu meinem beträchtlichem Weh\nVon dort die Nachricht geschrieben:\nBesagter Dichter im Nacht-Caf6\nIst plötzlich verrückt — geblieben! m\nDreck in schlechten Versen gilt manchen als\nGedieht. Es ist widrig, sich mit solchem Zeug zu\nbefassen; aber diesmal nötig. Ich ziehe mir also\nHandschuhe an, bücke mich und hebe das Geschoß\nvon der Straße auf. Bin ich eigentlich dazu ver-\npflichtet? Ja. Klein-m selbst hält den Peter Alten-\nberg für verrückt, für bleibend unheilbar ver-\nrückt. Und wirft ihm doch so was nach!\nSchrecklich gemein!! — Was tut man? Kann ich\ndem Bürschchen beweisen, daß sein Stück Zeitungs-\npapier schon vorher von Lüge stank, ehe ers hinein-\nknüllte. P. A. ist ja in einem Sanatorium — also\nfür den da „verrückt\". Auch wenn er nur eine\nAlkoholentziehungskur durchmacht, damit er weiter\nim Cafe — „vegetieren\" und — dichten kann. — —\nAber, was macht man mit dem Straßenjungen\ndrüben, der diesen Ball soll man ihm nach-\nlaufen, ihn packen und ihn nein, ich geh\nbloß auf ihn zu, seh ihn an. Schon beinah zum Leid-\ntun deutliche Merkmale: intellektuellen\nSchwachsinns, moralischen Irreseins. Kann\nes irgendwas gelten, daß diese Unfähigkeit Alten-\nbergs Dichtungen schon immer sehr überspannt ge-\nfunden hat? P. A. ist ein Talent, längst anerkannt\nvon der besseren Kritik Deutschlands, und wird\nschon um seines Zartgefühls willen von vielen\nfeinen und natürlich empfindenden Menschen mit\nHerzlichkeit geliebt. Das Alles weiß Klein-m nicht.\nHat ers nicht erfaßt oder lügt er? Wie mögen erst\ndie aussehn, die nach seiner Behauptung Altenbergs\nDichtungen blöde fanden? Wirklich, es gibt ein Ge-\nsindel, das, wenn es kühne Steiger in Bergwelten\ndes Geistes klimmen sieht, nur auf den Absturz\nwartet, weil es angesichts des zerschmetterten\nLeichnams am besten hohe Wege verlästern kann,\nKlein-m hat feine Kronzeugen und Spießgesellen.\nWas braucht er jetzt so vor dem Schutzmann und\nder Korrektionsanstalt zu zittern? Ich gebs ja auf,\nKleiner! Fängst Dich doch immer nur selber.\nAber schade um meine Handschuhe!\n\nDas Sittenmädchen\nDie Verhandlung am Kaufmannsgericht war\nhöchst lehrreich. Das Verhältnis des Volkes zur\nbildenden Kunst wurde enthüllt, seine Seele ent-\nblößt im Tugendkampf gegen unsittliche Bilder.\nEin kleiner Beamter, der auf den stolzen Titel Ober-\nsekretär hörte, fühlt in sich die Mädchenehre seiner\nTochter beleidigt. Und zwar ernsthaft. Mit\nSchillerschem Pathos trat er mannhaft für seinen\nSproß ein. Dem war es schlimm ergangen auf"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.6", "texte": "iieser bösen Welt. Das zarte Mädchen — Luise\niieißt sie — wandelt erst fünfzehn Jahre und elf Mo-\nnate auf der Erde. Nach Ansicht des Vaters fehlen\nihr noch dreißig Tage, um definitiv die Kinderschuhe\nablegen zu können. Doch in unseren peinlichen\nsozialen Verhältnissen müssen selbst so zarte Wesen\nans Geldverdienen denken. Und schweren Herzens\nentschloß sich der Herr Obersekretär, sein Kind in\nein vornehmes Geschäft zu stecken. Die Kunst-\nhandlung Macht war ausersehen, diese ersten\nSchritte Luisens zu lenken. Sie zeigte sich der\nväterlichen Huld nicht würdig. Und das große Er-\neignis trat in Luisens Leben. Still und bescheiden\nlossen die Wochen dahin. Sie stenographierte,\nmaschinierte und wurde in die Mysterien der dop-\npelten Buchhaltung eingeweiht. Doch eines Tages\n'vamen unzählige Kisten an. Und die folgenden Tage\nnoch mehr. Die Neugier regte sich. Luise und die\nBuchhalterin gingen in den dritten Stock des\nrfauses, wo soviel Bilder ausgepackt wurden, als\nKisten eingetroffen waren. Die Neue Sezession zog\nein. Luise kannte bisher die Welt nur aus Mode-\n.ournalen und bemerkte nun zu ihrem Erstaunen,\ndaß Menschen ohne Kleider nackt seien. Zehn Tage\nwälzte sie diese Erkenntnis in ihrem Busen, am\nelften Tage erwachte ihre Mädchenehre und am\nzwölften indirekt ihr Schamgefühl. Also geschah\ndas Außerordentliche. An einem schönen Mittag —\ndie Sonne schien lebhaft vom Himmel — wünschte\nein Kunstkritiker die Ausstellung vor der Eröffnung\n:u besichtigen. Der Chef der Firma Macht ver-\nlangte nun von Luise (so versichert zornbebend der\nVater) — man kann es nicht glauben, was er ver-\nlangte. Er erteilte persönlich Luisen den Auftrag,\n„in die Ausstellungsräume der Neuen Sezession zu\n£ehen und die Aufsicht darin zu führen, solange der\niarin befindliche Herr anwesend sei. Sie mußte\nnun in den abgelegenen Räumen, in welchen eine\nbeträchtliche Anzahl sittlich nicht einwandsfreier\nGemälde aufgestellt war, längere Zeit allein mit\neinem ihr fremden Herrn verweilen.\" Der Herr\ncring fort, Luise am Abend auch und kam nicht\nvWeder.\" Statt ihrer traf achtundvierzig Stunden\nspäter ein Brief ein.\n* Charlottenburg, den 13. Mai 1910.\nAn die Firma\nMaximilian Macht\nBuch- und Kunsthandlung\nz. H. des Herrn Sauermann\nBerlin W.\nMeine Tochter ist durch Ihre gestern persönlich\ngetroffene Anordnung, dass sie zugegen sein musste,\nals ein Herr gestern Mittag in der Zeit von 12-2 Uhr\ndie Ausstellung der „Neuen Sezession\" besuchte, in\nwelcher sich sittlich nicht einwandfreie Gemälde\nbefinden, derartig in ihrer Mädchen-Ehre verletzt,\ndass sie erkrankt ist, Wovon ich Ihnen hiermit\nergebenst Kenntnis gebe.\nWeiteres in dieser Angelegenheit behalte ich mir\nVor, da Sie wohl nicht berechtigt waren, eine solche\nDienstleistung von meiner Tochter, deren Alter Ihnen\ngenau bekannt ist, zu Verlangen. Ich glaube auch\nannehmen zu dürfen, dass Personen unter 16 Jahren\nder Zutritt zu dieser Ausstellung polizeilicherseits\nnicht gestattet werden wird und ersehe daher in\nIhrer Handlungsweise auch eine meiner Tochter\nzugefügte Beleidigung.\nErgebenst\ngez. Königlicher Obersekretär\nNun standen beide Parteien vor dem Richter.\nDie Firma Macht trat für die Sittlichkeit ihrer\nBilder, der Vater für das Schamgefühl seiner\nTochter ein. Die totale Kunstfremdheit des Volkes\noffenbarte sich. Der alte Mann kämpfte tatsächlich\nfür seine Ideale. Man kann nicht annehmen, daß\nauch ihm die Kenntnis fehlte: Menschen ohne\nKleider sind nackt. Man kann nicht glauben, daß er\nnicht wußte: auch so beschaffene Menschen werden\nvon der Kunst verwertet. Die besondere Form, in\nder es hier geschah, erregte seinen Unwillen. Eine\nnackte Venus hätte ihm nicht weh getan, denn sie ist\nklassisch, und mit dem Klassischen muß sich nun\neinmal auch der schlichte Mensch abfinden. Nie-\nmals ist den Klassikern das Recht auf Unsittlichkeit\nabgesprochen worden. Göttinnen mögen sich\nnicht kleiden wie sie wollen, die Frau unserer\nTage hat die Pflicht zur Konfektion. Ich\nbin überzeugt, daß Luisens Schamgefühl erst\ndurch ihren Vater erregt wurde. Sie kam\nabends nach Hause mit dem Katalog. Der Vater\nsieht die Abbildungen. Menschliches ist ihm schon\nlängst fremd. „Diese Bilder sind dort zu sehen?\nDu bist dort oben? Was? Mit einem Herrn?\nAllein? Du siehst so elend aus? Hast Du kein Ehr-\ngefühl? Der Chef verlangt es? Fühlst Du Dich\nnicht im Innersten beleidigt?\" Was bleibt Luisen\nübrig, als sich nachträglich beleidigt zu fühlen. Und\nschon sitzt der Herr Obersekretär an seinem\nSchreibtisch, klappt den Pultdeckel hoch und äußert\nsich amtlich. Nur so ist der Fall zu erklären. Luise\nwar ja nicht beauftragt worden, sich gemeinsam mit\ndem Herrn die Gemälde anzusehen, sie sollte die\nAufsicht führen. Sie war doch sicher nicht des\nGlaubens, einen notorischen Dieb beobachten zu\nmüssen. Sie sollte rein formell anwesend sein.\nKein zehnjähriges Kind würde diese Aufgabe anders\nauffassen. Nein, der Vater ist beleidigt. Vergebens\nsucht der Richter ihm seine unglücklichen Ideen aus-\nzureden. Der Mann bleibt künstlerisch gekränkt.\nEr schreit nach der Polizei, redet von Verboten, die\nnie erlassen sind, beruft sich auf den Berliner Lokal-\nAnzeiger, nach dessen Angabe jemand sogar ein Bild\nbespuckt hat. Das wertvollste Material für ihn, die\nAeußerungen des seligen Pietsch, kennt er offenbar\nnicht. Der Richter verzweifelt. Der Herr Ober-\nsekretär wird visionär. „Selbst wenn man die Un-\nsittlichkeit der fraglichen Gemälde dahingestellt sein\nlassen sollte, so kann man doch nicht wissen, ob nur\nehrenwerte Männer die Ausstellung besuchen.4'\nDer Richter: „Es ist doch keine Ausstellung für\nDamen.\" Der Vater: „Ehrenwerte Männer, meine\nich\". Der Richter (er wird nun sachlich, was man\nihm nicht übelnehmen kann): „Der Besuch einer\nKunstausstellung ist nicht abhängig von dem Nach-\nweis sittlicher Unbescholtenheit.\" Der Vater:\n(verdutzt). Der Richter: „Das Kaufmannsgericht\nist kein Kunstforum.\" Der Vater: „Die Unsittlich-\nkeit der fraglichen Gemälde .. .\" Der Richter:\n„Sie haben doch gehört, daß ein Polizeileutnant die\nAusstellung besichtigt hat. Was übrigens auch\nnichts zur Sache täte. Sie können doch nicht poli-\nzeilicher sein wollen, als die Polizei.\" Der Vater:\n„Aber die Unsittlichkeit der fraglichen Gemälde . . .\nDer Richter: (gibt es auf). Paragraphen werden\nverlesen, der Richter erklärt die Klage für grundlos,\nder Vater erklärt, daß es ihm auf Geld nicht an-\nkomme, er verlangt nur sein Recht auf Feststellung\nder Unsittlichkeit. Der Richter empfiehlt ihm\nhöflich, Strafantrag zu stellen. Ich bin überzeugt,\nder Alte tuts.\nWarum diese Angelegenheit hier so ausführlich\nbehandelt wurde? Weil sie ein Kulturdokument ist,\nweil sie zeigt, welche Welten das Volk von der\nKunst trennt. Weil sie zeigt, wie widersinnig die\nBestrebungen sind, die sich unter dem Namen „Die\nKunst dem Volke\" breit machen. Die Kunstfremd-\nheit am Kurfürstendamm und im Tiergarten ist aller-\ndings nicht geringer. Man muß sie als Naturdefekt\nauf sich beruhen lassen. Wohl aber kann man ver-\nhindern, daß Meinungslose eine Meinung erhalten.\nStände zum Beispiel im Lokal-Anzeiger garnichts\nüber Kunst, so wäre es für alle Teile besser. So-\nlange die von Karl Kraus vorgeschlagene Ent-\nliterarisierung der Zeitungen nicht erfolgt ist, bleibt\nnichts übrig, als den Herren sorgsam auf die Finger\nzu passen, die Mittler zwischen Kunst und Volk\nspielen wollen.\nTrust\n\nEreignisse\nMinimax\nDie Borromäus-Encyklika\nKein Mensch in Norddeutschland wußte bis\nheute, was Borromäus heißt. Aber es ist ein älterer\nHeiliger. Man rede nicht über Heilige; man weiß\nnie, wozu sie gut sind. Eines Tages haben sie Ge-\nburtstag, und die Encyklika ist fertig. In der Zeit\nder Brechdurchfälle sind sie für die Kirche ein ge-\nfundenes Fressen; gebraten, wie sie nun mal in ihrer\nProfession als Märtyrer sind, rufen sie, zur En-\ncyklika angerührt, bei Andersgläubigen in kurzer\nZeit stärkste Wirkung hervor. Es kommt zu stür-\nmischen Leitartikeln, Protestversammlungen. Ich\nerfuhr bei der Gelegenheit, was mir sehr inter-\nessant zu hören war, daß es in Europa zwei An-\nsichten über religiöse Dinge beim Volke gebe, die\nprotestantische und die katholische, die sich gegen-\nseitig erstaunlich ernst nehmen, sich nicht unähnlich\nden Ochsenfröschen umschichtig aufblähen und\nunter hörbarem Lärm anblaffen. Solch Verhalten\nwar mir hoch dunkel aus dem Jahre 1618 in Er-\ninnerung. Es wird jedenfalls unseren guten Borro-\nmäus freuen, bei seiner Wiederkehr diesen ältesten\nAntiquitäten zu begegnen, und auch die Herren Pro-\nfessoren auf den Versammlungen zu hören, welche\ndie Antiquitäten konservieren im Namen der\nWissenschaft, der Glaubensfreiheit und des Kultur-\nfortschrittes.\nHerr Dernburg\nEr ist entthront. Aber den Unermüdlichen leidet\nes nicht in seiner Villa. Nächtlich sieht man ihn im\nGrunewald mit der Handlaterne herumwandern, im\nSande nach Brillanten suchen und hastig Kiesel-\nsteine verstecken. An der Riesenrutschbahn im\nLunapark hat er sich beteiligt, die er über ganz\nDeutschland führen will. Ein Bankinstitut hat er\ngegründet, das Nummern des Lokalanzeigers als\nWertpapiere ausgeben wird. Jetzt plant er eine\nVersicherung auf garantiertes Fortleben nach dem\nTode. Er ruht und rastet nimmer.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\n|l ICZZZ II Irti ll— II\nSalon Cassirer j Viktoriastr. 35\nAJI— »r\" ii ■ H\nOskar Kokoschk\nir—lr\nEintritt 1 Mark\nII «■! II\n\nLanderziehungsheim Schlofi Drebkau N L\n■ Zwei Stunden von Berlin ■\nErziehung* und Unlerricht nach modernen Grundsatzen\nAufnahme von Knaben u. Madchen jederzeit — Grosser Park — Turn- u. Tennisplatz\n\nPrela 1 Mark Preis j jj^jj\nMenthol-Malz-\nr\n■ B\nit\nSicheresMittel gegen akuteKatarrhe der Atmungs-\norgane / ermoglicht Schauspielern und Sangern\nsofortigen Gebrauch der erkrankten Organe\nZAHLREICHE ANERKENNUNGEN\nZu haben in alien Apotheken und Drogerien / Alleinige Fabrikantin\n..Pharmacia\" / Fabrik fur pharmaceutischen Bedarf / Berlin-Halensee\nWohlsdhmeckend Sicher wlrkend\n\nIn Hummer 12 berWocben*\nfcbrift „Der Sturm\" befin*\nbet ficb eine ganjfeitige\n3eicbnung von Osßar Ko*\nkokhHfl: Rarl Rraus, bie\nein3ige bisber veroffent»\nlicbte 3eicbnung bes ftiinft*\nlers/£in3elnummer/10 pf./\nWo nicbt mebr vorratig,\nburcb ben Verlag ober bie\nGefcbaftsftelle 3U be3ieben."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100623-01.1.7", "texte": "Auslief ertrag fflr Österreich-Ungarn A. Mühl hau s-Smital Wien IX / Fflr den Buchhandel: M. Brau nschweig Wien !X / Verantwortl. fflr die Schrlftleltnng In Qsterreich=Ungarn: Otto Soyka\n\nBerufen Sie sicH\nbitte bei Einkaufen auf die\nAnzeigen dieser Zeitschrift\n\nmm — mt\nlnternat. Patentbureau, gegr. 1393, Fitte & Theune1\nBERLIN SW 48 Friedrichstrasse 230 Tel. 6a, 18 981\nHusarfceifung von Grfindungsideen. Patentanmeldung in\nalien Candern. flldsslge Preise. Keine 7lad)zal)lungen.\nSd>nelle Verwertung von Patenten ol)ne ]eglici)en Vorscftuss.\nwelches. 112. Beteiligung an d. Ausbeutung von Pa-\ntenten interess., bitten wir um ihre Adresse, um\nkostenlos. unverbindl. Angebote machen z.konnen.\ndCQneue verwer\nKapitalisten\n\n3\n■\n■\n1;\n•\n„Der Sturm\"\nWir iibernahmen inunsernV erlag-\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFur Gesangf u. Klavier / 52 Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch den Verlag DER STURM\nHalensee / Katharinenstrasse 5\n\nKeine Zahnschmerzen\nKein Zahnziehen mehr\nAuf Anfrage gebe\nich Jedermann Aus-\nkunft über ein Mittel\ngeg-en schwarze,hohle\nund lockere Zahne\nErfolg garantiert\n0. Berger, Berlin W35\nPotsdamer Strasse 111\nAbschrift: Sehr g-eehrter Herr!\nVon vielen Zahnschmerzen bin\nich nung-anzlich befreit durch die\nAnwenaung- Ihres preiswerten\nMittels. Daher empfehle idi es\nJedem, der von Zannschmerzen\ngeplagi ist. Mit herzlichem\n>ank bescheinigt dies Helene\nKleemann, Rosengarten,\n:: Frankfurt an der Oder ::\n\nDARLE.fi E-N\nreellen Leuten jeden Standes. 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Hans Walter, Berlin SW. 13\n\nBerliner Konservatorium fur Theater und Musik\nBERLIN N 39 :: Miillerstrasse 178 (Weddingplatz)\n1HEATER-SCHULE\nVollstandige Ausbildung fiir Schauspiel*\nOper, Operette, Posse und Ballett\nVARIETE-THE ATER-SCHULE\nKomiker-, Soubretten- und Artisten-Schule\n12 Fachlehrer\nBisher 3000 Schiller (Herren, Damen und Kinder) mit bestem\nErfolg- ausgebildet\nz. B. Ernst Kldnert, Walter Bfthrmann, Willy Walde (Damen-Imitator), EmU Kante,\nHelloir Ang6rie, BelHtil, Qrilff, Pieper, Direktor Lucas-Schwieger Pohlei etc. etc.\nDie Damen: Mile. Nanon, Blatter, Neumann, Captive, Hardlnis, Mazonl, Cl&re\nLorma etc. etc.\nEintritt jederzeit Kulante Bedingung'en\nNach erfolgter Ausbildung: Engagement\n\nTHRICHOPHIL\n■ FI.M.3,00 58S£\"3!1SKJS Fl.M.3,00 ■\n| niNiiiiiaiNa == nur beim Fabrikanten: == I\nS Otto Teutscher/Priseur 2\nH I. Geschaft: 106a Potsdamerstr., Eingf. 63 Steglitzerstr.,Tcl.VI,6735 ■\nII. Geschaft: Charlottenburg, 100 Kaiserdamm, Tel. 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Kein Land\nerzeugt Weißweine, welche sich annahernd mit unseren deutscheo\nRiesling-Weinen messen kdnnten. —\n/ ' '\nChr. Ad* Kupferbefg ft €°\n' Hofliefcranten MAINZ Gegriindet 1850\ns!»!!iiH»»:s:ssss:»sss\n*OFCJ«T£ «*r*T&N\n; Ueber Bedeutung von \"Riesling\" gibt unsere neue Broschiire interessanten Aufschlufi.\nmm\nas"}]}