{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_sha256": "850f197bcc7928a559ac2cb63656e79c4a7e144fb055a95a2afdc8be82428e54", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/07/14_01/bmtnabg_1910-07-14_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/07/14_01/bmtnabg_1910-07-14_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "155", "page_fin": "155", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.1", "titre_corps": "Zeichnung von Oskar Kokoschka zu dem Drama Mörder, Hoffnung der Frauen", "titre_sommaire": "Zeichnung von Oskar Kokoschka zu dem Drama Mörder, Hoffnung der Frauen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.1", "debut_caractere": 577, "fin_caractere_exclue": 647, "texte": "Zeichnung von Oskar Kokoschka zu dem Drama\nMörder, Hoffnung der Frauen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c002", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "155", "page_fin": "155", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Mann, haltet ihn zurück1.\nErst es1 Mädchen grell schreiend, läuft zurück,\ngeil\nLaßt ihr ihn ein ? Der erwürgt meine kleine betende\nSchwester im' Tempel!\nErster Mann zu den Mädchen\nWir sahen, wie er das Feuer heilen Fußes durch-\nschritt.\nZweiter Mann\nTiere martert er, wiehernde Stuten erdrückte sein\nSchenkel.\nil > i . ! .\nDritter Mann\nVögel, die vor uns liefen, mußten wir blenden,\nrote Fische im; Sande ersticken.\nDer Mann zornig, eifernd)\nWer ist die, die wie ein Tier stolz unter; den Ihren\nweidet?,\n\"ii . ! i\nErster Mann . i ■ j\n- .1 ' ' » 11. I i ■\nSie, errät, was niemänd verstand.\nZweiter Mann :\nSie spürt, was niemand vernahm.\nDritter Mann\nMan sagt, scheue Vögel kontaen zu ihr und lassen\nsich greifen. . , (\nMädchen gleichzeitig mit den Männern\nErstes Mädchen\nFrau, laß uns fliehen! Verlöscht die; Leuchten des\nFührers.\nZweites Mädchen\nHerrin entweiche, arme Singende.\nDrittes Mädchen\nEr soll nicht unser Gast sein, unsere Luft atmen.\nLaßt ihn nicht einkehren, er schreckt mich1.\nMänner gehen zögernd weiter, Frauen schären sich\nängstlich. Die Frau geht auf den Mann zu, Sprung-\nhaft, kriechend.\nErstes Mädchen\nDer hat keine Lust!\nErster Mann\nDie hat keine Scham!\nFrau\nWarum bannst Du mich, Mann, mit Deinem Blick',\nfressendes Licht, verwirrst meine Flamme, ver-\nzehrendes Leben komfrit über mich', Flammenende.\nO nimm mir entsetzliche Hoffnung — und über\ndich kommt die Qua!—>\nDer Mann fährt wütend auf\nIhr Männer brennt ihr mein Zeichen mit heißen\nEisen ins rote Fleisch!\nMänner führen den Befehl aus. Zuerst der Chor\nmit den Lichtern mit ihr raufend, dann der Alte\nmit dem Eisen, reißt ihr das! Kleid! auf und brand-\nmarkt sie.\n1•v:, •» . v\nFraü in furchtbaren Schmerzen schreiend\nSchlagt die kalten zurück, die fressenden Leichen.\nSie springt mit einem! Messer auf ihn los! und\nschlägt ihm eine Wunde, In diel Seite. Der Mann\nfällt.\nMänner\nFlieht den Besessenen, erschlagt den Teufel ! Wehe\nuns Unschuldigen, verscharrt den Eroberer.\nDer Mann \"Starrkrampf, singend mit \"blutender,\nsichtbarer Wunde. !\nDer Mann\nSinnlose Begehr von Grauen zu Grauen, unstill-\nbares Kreisen im' Leeren. Gebären ohne Geburt,\nSonnensturz, wankender Raum. Ende derer, die\nmich priesen. Oh, Euer unbarmherziges! Wort.\nMänner\nWir kennen ihn nicht, verschont uns'. Kommt, Ihr\nsingenden Mädchen, laßt uns Hochzeit halten auf\nseinem Notbett.\nMädc h e n\nEr erschreckt uns!, Euch liebten wir, ehe Ihr kamt.\nLegen sich mit den Männern wälzend und paarend\nrechts auf den Boden.\nDrei Männer auf der Mauer lassen mit Stricken\neinen Sarg hinunter, man legt den noch' schwach\nsich Bewegenden in den Turml hinein, Weiber\nsperren das Tor zu und ziehien sich mit den Män-\nnern zurück. Der Alte steht auf und Sperrt ab,\nalles dunkel, eine Fackel leiste blaues Licht oben\niml Käfig.\nFrau jammernd und rächend\nEr kann nicht leben, nicht sterben, er ist ganz weiß.\nSies schleicht wie ein Panther im! Kreis um den\nKäfig. Sie kriecht neugierig zum: Turm, greift\nlüstern nach dem! Gitter, schreibt ein großes weißes\nKreuz an den Turm, schreit auf.\nMacht das Tor auf, ich mUßi zu ihm!\nRüttelt verzweifelt,\nMänner und Weiber, die sieht ergötzen, im\nSchatten, verwirrt\nWir haben den Schlüssel verlören wir finden\nihn hast Du ihn? — Sahst Diu ihn nicht —\n— wir sind nicht sjchuldig an Euch', wir kennen\nEuch nicht — — ,\nGehen wieder zurück. Hahnenschrei, es lichtet im\nHintergrund.\nFrau langt mit dem Arm durchs Gitter und greift\nin seine Wunde, geil böswillig keuchend, wie eine\nNatter.\nBlasser! Schrickst Du? Furcht kennst Du? Schläfst\nDu bloß? Wachst Du? Hörst Du mich?\n*«\nDer Mann drinnen, schwer atmend hebt mühsam\nden Kopf, bewegt später eine Hand, steht dann\nlangsam auf, immer höher singend, entrückend.\nWind der zieht, Zeit umj Zeit, Einsamkeit, Ruhe\nund Hunger verwirren mich. Vorbeikreisende Wel-\nten, keine Luft, abendlang wjrd es.\nFrau beginnende Furcht\nSo viel Leben fließt aus der Fuge, Sö viel Kraft\naus dem Tor, bleich1 wie eine Leiche ist er.\nSchleicht wieder auf die Stiege hinauf, zitternd am\nKörper, wieder triumphierend und hoch schreiend.\nDer Mann ist langsaml aufgestanden, lehnt am\nGitter, wächst langsam.\nFrau schwächer werdend, wütend\nEin wildes Tier zähm ich im Käfig hier, bellt Dein\nGesang vor Hunger?\nDer Mann\nBin ich1 der Wirkliche, Du die tote Verfangene?\nWarum wirst Du blässer?\nHahnenschrei.\nFrau zitternd\nDu, Leichnam, beschimpfst mich1.\nDer Mann kraftvoll\nSterne und Mond, fressjende Lichter, Frau! Ver-\nsehrtes Leben, im Träumen oder Wachen sah ich\nein singendes Wesen. Atmend entwirrt sich1 mir\nDunkles. Wer nährt mich?\nFrau liegt ganz auf ltüri; getrennt durcK \"das Gitter,\nauf dem sie sich' wie eine Aeffin hoch1 in der Luft\nankrallt.\nWer säugt mich1 mit Blut? Ich fraß) Dein Blut,\nich1 verzehre Deinen tropfenden Leib.\nFrau ~ i !■ !J ' | j i j;i { 1\nIch will Dich1 nicht leben lassen, Du Vampyr, frißt\nan meinem Blut, Du schwächst midi1, wehe Dir,\nich töte Dich — Du fesselst mich' Dich fing\nich ein — und Du hältst mich' — — laßj losl von m{ir,\nBlutender, Deine Liebe umklammert mich — —\nwie mit eisernen Ketten — erdrosiselt — los! —\nHilfe. Ich verlor den Schlüssel, der Dich1 fest-\nhielt.\nLäßt das Gitter, wälzt sich! auf 'der Stiegel w,ie fein\nverendendes Tier, krampft die Schenkel1 und die\nMuskel zusammen.\nDer Mann steht ganz, reißt das! Tor auf, berührt\ndie sich starr Aufbäumende, die ganz wfeißi ist,\nmit den Fingern, Erkenntnis des! Todes, höchste\nSpannung, die sich in einem langsiam abfallenden\nSchrei löst, sie fällt uml, entreißt im Fallen dem\naufstehenden Anführer die Fackel, die ausgeht\nund alles in einen Funkenregen hüllt. Er steht\nauf der obersten Stufe, Männer und Weiber, die\nvor ihm fliehen wollen, laufen ihm pta den Weg,\nschreiend\nDer Teufel! Bändigt ihn, rettet Euch1, rette, wer\nkann — verloren!\ngerade entgegen; wie Mücken erschlägt er sie und\ngeht rot fort. Von ganz ferne Hahnenschrei.\nEnde\nAufgeführt am vierten Juli 1909 im Gartentheater der Inter-\nnationalen Kunstschau zu Wien"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "156", "page_fin": "157", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.4", "titre_corps": "Daniel Jesus : Roman", "titre_sommaire": "Daniel Jesus : Roman", "signature_source": "Paul Leppin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.2", "debut_caractere": 6668, "fin_caractere_exclue": 8898, "texte": "Daniel Jesus\nRoman\nVon Paul Leppin\nDie schmalen Fenster der Villa Jesus; draußen\nVor der Stadt glänzten beinahe weiß in der Warmen\nNacht, Sie blies einen duftenden, rieselnden Wind\ndurch' die blühenden Bäume, neben denen sicih die\nschlanken Renaissandepfeiler wie nackte Frauen-\narme streckten. Der Springbrunnen, den män von\naußen durch' das Gittertor Spielen sehen könnte,\nschwatzte immerfort und lachte manchmal heim-\nlich und redete dummes und ironisches Zeug. Zu-\nweilen plätscherte er übermütig und warf dem\nFliederstrauch1 sein helles, sdiönes1 Wasser ins Ge-\nsicht und kicherte leise. Eine fast wunderlich hohe\nMauer umgab den Garten. Der Wind verfing sich\nin ihren Ecken wie in einer Muschel und irrte hastig\nzwischen den glatten Sandwegen umher, auf denen\ndas Licht aus! den Fenstern der Villa wie ein glän-\nzendes Goldnetz lag.\nVor dem1 angelehnten Gittertor stand Marta-\nBianka und zögerte. Eine arme, launenhafte Angst\ntrieb sie; her. Sie wußte, daß ihre Mutter mit\nValentin aml Abend in die Villa Jesus! gegangen\nwar, und daßi sie Daniel vor der Stadt mit seinem\nWagen erwartet hätte. Nun war fast die ganze\nNacht vorbei, und die Gräfin noch immer nicht\nheimgekehrt. Zitternde Liebe hatte Bjanka ge-\nquält, daß? sie nicht schlafen konnte, und böse,\nschillernde Halbträume sie ängstigten. Da hätte\nsie ihren Leib in ein weites, schmiegsames\nMorgenkleid gehüllt und war herausgeeilt vor die\nStadt, die staubige Straße entlang, bii» vor die Tür\nder Villa. Nun sah sie zu den Fenstern hinüber,\naus denen der Wind zerflatterte Geigentöne, Ge-\nlächter und Schreie über die Rasenplätze streute\nund in den erstaunten Springbrunnen warf. Das!\nFest war noch immer nicht zu Ende, und die heiße\nLuft des Gartens erfüllt von dem1 süßen, betäuben-\nden Geruch schwerer und dunkler Weine, auf denen\nder Duft des Champagners wie eine schäumende\nWolke schWamm. Marta-Bianka ging mit lang-\nsamen Schritten dem Eingang zu. Sie; wollte zu\nihrer Mutter und sie bitten, ihr nicht zu zürnen.\nSie konnte nichts dafür, sie fürchtete sich zu sehr\nallein im Haus, wenn sie niemanden hatte, der ihr\ndie Blässe von den Lippen küßte und ihr langes\nHaar in die Hände nahfri, wie es ihre Mutter immer\ntat. Sie würde ihr nicht böse sein, daß) sie ihr"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8764, "texte": "nächkalm, und würde sie nicht strafen. Es war\nNacht und sie ganz allein.\nAn der Tür eines Vorsaals banden ihr zwei\nDiener eine Maske vor die Augen. Ein Fasdiings-\nfest im1 Frühling, dachte Marta-Bianka und öffnete\ndie Tür zum Saal. Eine jauchzende Tanzmusik\nlockte, sehnsüchtig und wundervoll, heiter und\nträumerisch, als1 ob bunte Perlen von den Fiedel-\nbogen zur Erde rollten, schmerzlich und schwär-\nmend. Liebeslieder, in denen Glut und Andacht und\nVerlangen brannte, und die süß: waren wie die\nKüsse einer Frau. Helles Licht umfing sie. Sie\nmußte die Augen schließen und tastete hilflos mit\nden Händen nach1 der Wand. Als sie aufsah, strahlte\nder silberne Saal von Blumen und Lichtern, mit\nschimmernden Glastränen an den Lustern und\nfarbigen Kristallen vor den Flammen. Die Musik\nspielte unsichtbar hinter einem Vorhang. In der\nMitte des Saales saß Daniel Jesus auf einem schär-\nlachfarbenen Thron neben einer nackten, unge-\nheuren Frau, die das Haar wie eine Krone gebunden\nhatte und mit leuchtendem Gesicht den buddigen\nJesus ansah. Und in der Runde tanzten die Men-\nschen toll und erhitzt im Rausch, den die Musik\nüber die Herzen brachte, und der schwer und rot\nwie die Liebe ihr Blut überkam beim Tanze. Alle\nWeiber trugen eine Maske und waren nackt wie die\ngroße Frau in der Mitte auf dem Thron. Das grelle\nLicht der tausend Kerzen funkelte auf der weißen\nHaut, die feucht und matt geworden war in den\nlüsternen Stunden des Abends wie der Opal, der\nin den Ohrgehängen der Gräfin glomm. Marta-\nBiankäs Augen hatten sie jetzt im Gewühl der\nGäste gefunden. Ein langer, wasserblauer Schleier\numflog ihren Leib, dessen gelbe Glut sich seltsam\nfvon dem Milchglanz; der andern abhob1. Ein goldener\nRing hielt das Gewebe am1 Halse zusammen, dort,\nwo die rote Narbe wie ein Rißi durch die dunkle,\nklopfende Ader ging. Die knochigen Hände Valen-\ntins, der mit der Gräfin tanzte, hätten breite Lücken\nin ihren Schleier gerissen, daß sie mit nackten\nBrüsten und mit nackten Schenkeln in seinen Ar-\nmen hing, gerade wie die andern Tänzerinnen, die\nMarta-Bianka nicht erkannte.\n* *\n*\nEin brauner, biegsamer Körper glitt durch den\nSaal, mit stählernen Muskeln an den hägern Glie-\ndern, schlank und zäh wie eine Katze. Die Zi-\ngeunerin. Durch die zitternden Frauen und die\nstammelnde Lust der Tänzer entkam sie zum Fen-\nster, das1 zur Hälfte offen stand. Sie stieß es aüf\nund pfiff mit den Lippen. Draußen kratzte der\nMörtel an den groben Schuhen des Schusters, der\nam Gesimse emporkletterte und mit beiden Händen\nairi Rande des Fensters hing. Jetzt hob sich1 sein\nwildes, totenbleiches Gesicht in die Höhe, und seine\nAugen stierten in den Saal.\nSiehst Du Dein Weib neben Daniel Jesus?\nSiehst Du, wie er die Finger in ihr glühendes\nFleisch legt, und wie sie den Mund öffnet im\nGlück?\nDie Augen des Schusters wurden groß und leer\nwie ein finsterer Schacht. Die Lichter der Decke\nund in den Leuchtern starben auf einmäl In ihrer\nDunkelheit. Und die Zigeunerin kniete vor ihm\nund flüsterte mit zuckender Zunge:\nSiehst Du Dein Weib, Schuster Anton? Siehst\nDu Dein Weib?\n% %\ng ; . i'-\"'!\"\"! ' I\n, ! I\nMarta-Bianka lehnte noch immer an der Tür.\nSie verstand diese Nacht nicht mehr. In ihrer Seele\nwar ein Grausen und ein seltsamer, steiler Schrecken\nvor Daniel Jesus und der Frau mit dem ungeheuren\nLeibe, die neben ihm1 auf dem Scharlach saß und\nihr rotes Haar wie eine Krone gebunden trug. Sie\nfürchtete sich vor de'mi Schimmer in den Blicken\nder Weiber, die an ihr vorüberflogen, vor der Musik,\ndie nicht einhielt zu spielen, und vor ihrer Mutter,\ndie nackt unter Hundert Leuten tanzte. Sie Wollte\nzu ihr, sie bitten, mit ihr nach1 Hause zu gehen.\nVier Hände hielten sie zurück; sie wandte sich\num. Zwei Lakaien zeigten auf ihre Kleider und\nbewegten den Kopf. Sie waren stumm und konnten\nnicht reden. Marta-Bianka Verstand sie. Ihr Ge-\nsicht war bleich geworden, wie die Liebe, die sie\neinmal im Herzen getragen hätte vor vielen Tagen.\nSie knöpfte langsam1 ihr weitet Gewand am Halse\nund an den Schultern auf und stand nackt unter den\nübrigen, i J.i _i _l'. i :\nEin Kind — hörte sie erstaunt eine Stimme\nrufen.\nDie Leute wichen betroffen zurück und bildeten\neine Gasse, durch die Marta-Bianka zu ihrer Mutter\nschritt. Die Frauen unterbrachen den Tanz und\nsahen sie an und wunderten sich. Ihr bernstein-\ngelbes Haar floß wie ein Bach über ihren silbernen\nRücken, und ihr Leib war weiß wie eine Birke.\nIm grellen Licht der Kristalle funkelten die Warzen\nihrer kleinen Brüste wie zwei Wunden, und ihre\nAugen blickten weit und voller Demut, als sie vor\nden Füßen ihrer Mutter kniete. Die Gräfin er-\nschrak. Verwirrt und erschüttert suchte sie in dieser\nStunde den Weg zu ihrem' Kinde, wie sie ihn einmal\nin jener Nacht gegangen war, als Marta-Bianka ihre\nBeichte sagte. Sie stand und zitterte. Da hob Valen-\ntin mit beiden Händen das knieende Kind vom\nBoden auf und lachte:\nKomm tanzen, Bianka!\nBianka schaute zu ihm1 auf. Sie kannte jenen\nGlanz in seinen Augen. In den Augen des Barons\nSterben hatte sie ihn oft gesehen. Baron Sterben\nwar tot. Hatte er seine Augen an fremde Männer\nvererben können? Baron Sterben war tot. Sie hatte\nihn sehr geliebt, sie hatte ihm1 alles zuliebe getan,\nseiner Augen wegen, dieser Augen wegen, die sie\njetzt wiedersah.\nDie Gräfin stand noch imilaer schweigend und\nzitterte. Der Schleier an ihrem1 Hals war zerrissen\nund die Narbe glühte auf ihrem Nacken. Bianka\ntrat einen Schritt näher und schaute Valentin an\nund seine grausamen Hände, und sagte leise,\nstockend und heimlich wie im Schlaf:\n„Mutter — wer — hat — dir —?\"\nUeber das Gesicht der Gräfin ging ein Schauer.\nMit großen, schreckhaften Augen sah sie zu Valentin\nhinüber. Der hatte seine Hände um den Leib\nBiankäs gelegt und sprach im Fieber immer die-\nselben Worte:\n„Komm mit mir tanzen — Marta-Bianka!\"\nEine gelle heischende Trompete blies1 einen\nklingenden Tusch irgendwo im Saale. Daniel Jesus\nund das ungeheure Weib standen von ihrem Sitz\nauf, und die zwei stummen Lakaien trugen eine\nschwarze Krone herein, in der die Edelsteine toten-\nblaß wie Tränen waren. Und Daniel Jesus1 nahm\nden schwarzen Reifen und setzte ihn auf seinen\ngroßen phantastischen Kopf. Die Musik1 begann\neinen wilden hetzenden Takt zu spielen. In den\nAugen Valentins zerriß ein Licht.\nMarta-Bianka stand weißi wie eine Flamme.\nSie sah das Gesicht Valentins und die Narbe der\nGräfin, sie sah die Krone, die Daniel Jesus trug,\nund die beiden Lakaien, denen er die Zunge aus\ndem Munde geschnitten hatte, damit sie stumm sein\nmüßten, ihr Leben lang. Ein irrsinnigesl, großes\nEntsetzen fiel in ihr Herz. Sie dachte an den Baron\nSterben und an die tote Valeska, ohne irgend einen\nZweck. Einen langen hellen Schrei tat sie im\nSchrecken, daßi alles aufschaute und es still ward\nund man das Klirren der Glaskristalle an den Metall-\nlustern der Decke hörte. Sie sah' ihrer Mütter mit\neiner bangen, verzweifelten Liebe in die starren\nAugen, schrie noch' einmal, und floh wie eine Tolle\naus dem Saal, an den nackten Brüsten der Frauen\nvorbei und an dem1 riesigen Leibe Margaretens1,\nneben der die Krone auf dem' Schädel Daniels\nschmerzlich wie eine Natter lag. Sie lief. Sie lief\ndie Treppe hinab in den Garten, nackt und mit der\nschwärzen Maske vor den Augen. Weiter fort im\nEntsetzen. Vor den Fenstern des Saales lag die\nZigeunerin wie eine Puppe im' Gras und schaute\nlächelnd, die Augen von einem1 blinden Irrsinn ver-\nlöscht, zu dem großen Akazienbaum auf. Der\nstreckte einen starken, blühenden Ast in dasl Fenster\nhinein, an dem sie vor einer Stunde gekniet und\nmit dem Schuster geflüstert hätte.\nDie Zigeunerin lächelte mit einem heißen, son-\nderbaren Mund. Farbige vergessene Tränen stießen\nan ihre Seele wie die Goldfische an die Kugelwände\ndes Glases. Ihre Flossen blitzten im Wasser und\nläuteten.\nDie Zigeunerin lächelte. Sie lächelte erstaunt\nund härm los wie ein Kind, und war froh, weil sie\nsich an nichts' erinnern konnte. Sie lächelte nur,\nweil der Schuster Anton, der sich1 oben auf dem\nAkazienbaum an ihrem Gürtel erhängt hätte, die\nAugen und den Mund aufrißi wie die goldnen Fische\nim Glase... Du bist weißt wie ein Toter, Schuster\nAnton, und ich1 häb dic!h} liebl\nde, :\nDie Straße, Von der man den Springbrunnen\niml Garten der Villa Jesus! belauschen konnte, wenn\ner sieh mit dem Fliederstrauche neckte, war ganz\nerfüllt von Mondschein und Sternen, Der Wind\nblies aus einer fernen, kleinen Wolke einen warmen\nRegen in das Licht. Silberweiß! wie eine Birke, das\ngelbe Haar über den erschreckten Augen, nackt\nund mit der schwarzen Maske vor dem Gesicht,\nlief Marta-Bianka mit ihrem Herzen voll Grauen\nund Liebe. Sie lief in einer unbekannten Rich-\ntung, die seitab von der Stadt führte, weiter und\nweiter, und das Blut ihrer zerrissenen Füße blieb\nan den Steinen der Straße kleben wie rote Korallen.\nEnde"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "157", "page_fin": "158", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.5", "titre_corps": "Achtes Gespräch: Indes die Göttin krank liegt / Von den hôheren Tonordnungen : Ueber die Musik", "titre_sommaire": "Achtes Gespräch: Indes die Göttin krank liegt / Von den hôheren Tonordnungen : Ueber die Musik", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.3", "debut_caractere": 8766, "fin_caractere_exclue": 12031, "texte": "Gespräche mit Kalypso\nAchtes Gespräch: Indes die Göttin krank\nliegt / Von den hôheren Tonordnungen\nUeber die Musik\nVon Alfred Döblin\nDer Alte\nEs gibt engere und losere Verbände, mein\nFreund; Du zeigtest den Weg zu einem schon\nrecht engen, einfachen Verband. Aber Du mußt\nnicht glauben, so den strengsten und engsten Ver-\nband finden zu können. Deine Tonfolgen werden\ndurch die Einheit der Wiederkehr zusammenge-\nhalten, doch gibt ihnen diese Einheit keine Gliede-\nrung. Du merkst, worauf ich ziele. Sie fügen sich\nwie Kettenstücke hintereinander, aber die Kette\nschließt nicht. Eine Ordnung wird für den Ver-\nband gefordert, welche die wiederkehrenden Reihen\nunterscheidet und wertet, sie gliedert, so ein\nGanzes aus den Einheiten schafft. Du wirst zu-\ngeben, daß Deine Fuge wie Dein Kanon eher einem\nHaufen als einer marschierenden Truppe ähnelt.\nEin Mittelpunkt soll geschaffen werden, ähnlich dem\nTonmittelpunkt für die Tonhöhen, und nähere und\nweitere Entfernung; es soll über- und untergeordnet\nwerden; eine Herrschaft, eine Hierarchie will wieder\nPlatz greifen. Sollen die Gruppen gewertet Und\ngewürdigt werden, so kann dies auf einem Wege\ngeschehen, auf dem auch sonst in der Müsik ge-\nwertet wird, mittels der Tonleiter: die wieder-\nkehrenden Gruppen kehren auf verschiedenen Stufen\nder Tonleiter wieder. Ich kann es so fassen: die\nganze Einzeltonfolge wird als ein Ton genommen,\ndie Tonbewegung in einer Folge erfolgt um einen\nHauptton herum; die einzelnen Haupttöne aber\nsind durch die Tonleiter einander untergeordnet oder\nbezogen, oder centriert auf den gemeinsamen Grund-\nton des Verbandes. — Wie nun stellt sich dieses\nWertsystem dar, wie regelt es sich, welche Ton-\nfolge zeitlich vor der andern, welche zuletzt er-\nscheinen soll ? Diese zeitliche Gruppierung Und\nOrdnung hat mit der Tonleiterordnung nichts zu\nschaffen. Die Hierarchie der Tonhöhen ist über-\nzeitlich; und so hat der Grund ton nichts mit dem\nEnde zu tun, der fünfte nichts mit der Mitte, Und\nso fort, in Schluß und Halbschluß. Es tritt aber\ndie Nötigung ein, da Tonfolgen sich zeitlich reihen,\ndie überzeitliche Wertung einer fest vorhandenen\nzeitlichen anzupassen. Denn einzelne Punkte jedes\nAblaufs sind an sich ausgezeichnet, weil sie natur-\ngemäß auffallen, so der Anfang, besonders das\nEnde, im geordneten Zusammenhäng jeder Gliede-\nrungspunkt. DaS Ende einer Bewegung erscheint\nleicht als Ziel dieser Bewegung; Was zeitlich ver-\nläuft, kann diese Wertsatzungen nicht vernach-\nlässigen und umgehen. Wenn die überzeitliche Ord-\nnung der Tonfolgen im Verband sich auch' zeit-\nlich darstellen will, so wird sie sich dieser Wertung\nbedienen, das Ende der Bewegung, als! den wich-\ntigsten Punkt, anerkennen im Grundton, ihn, aüf\nden sich alles zubewegt. Die Bewegung der wieder-\nkehrenden Tonfölgen kann dann in dem Weiter-\nschreiten von den ferneren zu den näheren „Ver-\nwandten\" des Grundtons liegen, oder in Abkehr\nvon ihm1 und Umkehr, oder ähnlich1, denn dies be-\ndarf keiner starren Bestimmung, wofern nur der\nGrundsatz feststeht der auch zeitlich geordneten,\nscheinbar zielbegabten Bewegung.\nIch weise Dich auf das Lied; es hat die gleiche\nBindungsweise oder die Form wie die Fuge, Es\nist aber geordnet und gegliedert wie keine mwi-\nfäliscHe Fpita §knst; äas engste ögbikte der"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2433, "texte": "Musik; mit einer Fülle von Sonderbestimmungen:\nfür die Häufigkeit der Wiederkehr ihrer Truppe,\nder Zeitlänge dieser Tonfolge, der Tonstufe, auf\nder die jeweilige Wiederkehr zu erfolgen hat. Es\nist das Muster einer kleinen geschlossenen Form;\nwegen der Kleinheit aber, und der Fülle der Sonder-\nbestimmungen nur etwas Ausnahmsweises, Ge-\nlegentliches in der Musik, wenngleich das Volk\ndie Sangbarkeit liebt und darum das Lied Und\nLiederartiges allein für Musiik hält. Das Lied ist\neinfach wie das Einmaleins, trägt nicht hoch. Und\ndie Musik ist weit entfernt, aus dem Lied ge-\nwachsen zu sein, als ihrem Mutterboden; sondern\ndas Lied ist selber ein merkwürdiges, sehr beson-\nderes Gewächs. Eine rasch übersehbare,, auch\nelastische Form ist es; ein Weiser hat sie den\nGipfel der Musik genannt. Er hat sie auch dem\nMenschenleben verglichen; aber wie schnellfertig\ndachte da der Weise. Sie ist nicht der Gipfel der\nMusik, und wo hat das' Menschenleben die wieder-\nkehrenden Gruppen, die Perioden, wie nennt sich\ndie Ordnung, die diese Gruppen verschieden wertet,\nwer kann das Ende des Liedes sein Ziel heißen?\nAber recht gebe ich ihm anders, als er will: auch\ndas Menschenleben hat kein Ziel, jedoch scheint\nes eins zu haben.\nVon dieser engsten Bindungsweise führen viele\nAbstufungen zu lockeren bis zu den freien offenen\nFormen. Je mehr sich die Bindungsweise vom Lied\nentfernt, um so näher gerät sie an die Reihen-\nbildung. Ich erinnere Dich an die Riesenreihe man-\ncher Sinfonien, die Du gehört hast, — an diese Un-\ngeheuren, schwerfälligen Maschinen; ich erinnere\nDich an die unendliche Melodie. Hier scheint ein\nvölliger Zerfall der Bindung eingetreten, und es\nscheint zu herrschen, was ich musikalische Ideen-\nflucht nennen möchte, und gewiß trifft dieses1 Ur-\nteil vom Standpunkte des Liedes zu. Jedoch herrscht\nauch in den freisten dieser offenen Gebilde ein\nZusammenhang, jedoch nun nicht mehr der, auf\ndessen Boden die Fuge und das Lied erwächst,\nsondern immer mehr jener niedere frühere, der\ndie Bestandteile der Formen zusammenbindet, die\nUebereinstimmung mit Tönendem und Tonhaften\nder Wirklichkeit. Hier wirft sich die Wirklichkeit\ngewaltig der Musik an die Brust. Ich möchte sagen:\nFuge und Lied sind Perlen, die die Musiik1 ans\nLand gewellt hat; die Schöpfer der offenen For-\nmen, mit diesem Schmuck unzufrieden, stürmen ans\nMeer zurück, wühlen in ihm nach neuen Kostbar-\nkeiten.\nSchluss des achten Gesprächs in Nummer 21"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "158", "page_fin": "159", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.6", "titre_corps": "Liegt der Friede in der Luft? : Eine Entgegnung", "titre_sommaire": "Liegt der Friede in der Luft? : Eine Entgegnung", "signature_source": "Siegfried Pfankuch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.4", "debut_caractere": 2435, "fin_caractere_exclue": 12098, "texte": "Liegt der Friede in der Luft?\nEine Entgegnung\nVon Siegfried Pfankuch\n\nMan schaut gern durch das1 dicke, phantastisch\ngekrümmte Riesenfernrohr Paul S C h e e r b a r t, das\nuns wundersame kosmische Weltenreiche im blaß-\nlila Morgendämmerungsnebel erschauen läßt.\nWenn nun Paul Scheerbart plötzlich sein teles-\nkopisches Riesenauge auf die kleine, zarte Erdkrume\nrichtet und mit seinem Milchstraßen-Humor die\nniedlichen Selbstverständlichkeiten betrachtet, die\ndie leider immer nur noch mit zwei Beinen einher-\ntaumelnden Menschen verrichten, dann wehe allen\n„Diesseits\"- Fühlenden und allen nach1 ganz simplen\nKohlen-Wasserstoff-Atomen duftenden Gedanken!\nAber trotzdem bleiben wir ihm dankbar, daß er\nmenschlich' zeitgemäße Betrachtungen überhaupt\nnoch anstellt, daß seine Blicke und Gedanken, die\nschon im besseren Jahre 2010 leben, ab und zu\nauf uns kommen.\nEine solche Umkehrung ist sehr selbstlos. Denn\nschließlich wird doch' auch ein Geist, wie der Scheer-\nbarts von dem astralen Luxus und dem Komfort\njenseitiger Weltenräume verwöhnt.\nDer „Sturm\" hat uns nun kürzlich aus' Scheer-\nbarts Asteroiden - Laboratorium1 etwas „Mensch-\nliches\" an unseren sandigen Gedankenstrand ge-\nworfen. Scheerbart findet an des Dr. jur. h. C.\nGrafen Zeppelin Worten einen Haken, an dem1 er\nsich zu einer zeitgemäßen Betrachtung verankert.\nTrotzdem das Thema über „das neue Kriegsinstru-\nment\" knapp „für ein übliches Feuilleton\" Stoff\nbietet\", so schließt es in ihm1 nicht den Gedanken\naus, „e§ wäre wünschenswert, daß) die Militär-\nschriftsteiler zu dieser seiner Betrachtung sich\nbaldigst äußerten\".\nAllerdings fügt Scheerbart dieser Herausforde-\nrung noch hinzu: „Ich weiß, daß sie das! nicht\ntun\".\nDaß nun ein Laie antwortet, ist fatal.\nDem greisen „Marschall der Lüfte\" möchte\nScheerbart einige Selbstverständlichkeiten erzählen\nund ihn über Zweck und Bedeutung seiner Taten\naufklärend berichtigen.\nPaul Scheerbart neigt im Gegensatz zu dem\nGrafen Zeppelin der Ansicht zu, daß die Wehr-\nfähigkeit des Heeres! durch Luftschiffe nicht ver-\nmehrt werde, sondern einfach, daß die Lenkbaren\nden ganzen Militarismus1, wie er leider Gottes jetzt\nnoch besteht, in zwei, drei Jahren überflüssig mache.\nDie Zeppelin-Luftkreuzer sind das! Ende des\nganzen Militärstaates und damit der Anfang vom\newigen Frieden auf Erden.\nEs regnet eben so lange von oben Dynamit\n(bei Scheerbart meistens in der Nacht), bis keine\nFeindesseele mehr zum Himmel fliegen leann.\nDas Königlich preußische Kriegsministerium ist\nverschnupft, weil es in zwei oder drei Jahren keine\nExistenzberechtigung mehr hat. Es wird den\nHerren in der Leipziger Straße immer kühler, weil\nsie die eisige Nähe des ewigen Friedens! in Gestalt\ndes Engels Zeppelin sich hernieder senken sehen.\nDas arme preußische Kriegsministerium ist\nzeppelinkrank. Es ist deshalb so merkwürdig kühl\ngegen den Grafen Zeppelin, weil sie in ihm1 ihren\nTodesbazillus \"fürchten. Denn es ist ja mit Paul\nScheerbart vollständig davon überzeugt, daß der\nMilitarismus nicht nur überwanden werden muß,\nsondern durch einige hundert Zeppelins in zwei oder\ndrei Jahren — vielleicht dauert die Entwicklung\nauch etwas länger — zugrunde gerichtet wird. In\nrichtiger der Bedeutung Zeppelinscher\nLuftschiffe für den Militarismus ließi auch' jüngst\nder Chef der Verkehrstruppen in Limburg einen\nKreuzer davonfliegen.\nScheerbart folgert nun, man brauche nicht\nMilitärwissenschaft studiert zu haben, um einzu-\nsehen, daß, Luftflotten im Kriege alles! vernichten,\nwas aussieht wie eine Pickelhaube oder ein Fort.\n„Das ist alles furchtbar einfach', wohl zu ein-\nfach. Ein Intelligenzaufwand ist für den Luftkrieger\nbeinahe gänzlich überflüssig.\"\nMan schmeißt eben dauernd von oben mit\nDynamit. Das ist so einfach1.\nScheerbarts folgerichtiges Nachdenken gipfelt\nin der Hoffnung, daß das neue Kriegsinstrument\ndes Grafen Zeppelin die Dummheit — auCh eine\nfolgerichtige — von Luftkriegen und vom1 Luft-\nmilitarismus klar erweise, und man sich beizeiten\nbesinnen und einen Zusammenschliußi der europä-\nischen Kriegsstaaten nicht ferner für ein Unding\nhalten werde.\nWenn der Allerwelts-Geheimrat Rudolf Martin\nseine Phantasien über Luftkriege zum' Besten gibt\nund der staunenden Menschheit aus dem' so reichen\nAntiquitätenschätze seiner Schlüsselloch - Erfahrun-\ngen etwas vortrompetet, was er bei seinen Flug-\nund Absturzsprüngen über die Vorder- und Hinter-\ntreppen einiger Ministerien ergattert, dann findet\nman das in Berlin W. ganz ergötzlich1.\nWarum will denn nun durchaus Paul Scheer-\nbart mit Herrn Rudolf Martin konkurrieren ünd das\nungesäte Gras besser wachsen hören als dieser\nmoderne Lauscherheld?\nIch nehme Scheerbart vielleicht zu ernst. Er\nhat vielleicht einen Planetenwitz gemacht und hören\nwollen, wer darauf hereinfiele.\nNun, Herr Scheerbart, ich bin so frei!\nScheerbart hat sicher nicht das! Patent, als Luft-\nschiff-Kapitän oder als! Pilot erhalten. Er gehört\nauch sicher nicht einem' jener feudalen Klubs1 an,\nderen Mitglieder ab und zu einmal über eine Millio-\nnenstadt fliegen. Für einen verkappten Aktionär\nder Zeppelin-Luftschiffahrts-GesellsChaft halte ich'\nScheerbart erst recht nicht.\nAlso ich nehme an, Scheerbart hat noch keine\nFlugversuche gemacht.\nDas ist allerdings eine Hypothese. Aber ich'\nweiß, daß ich damit auch seinen Trumpf in Händen\nhalte.\nIch möchte das Bild vom grauen Kater am\ngrünen Tisch nicht auf Paul Scheerbart anwenden,\ndenn ich kann mir denken, daßi er vor einem Kater\nim Grünen ebensoviel Abneigung hat, wie vor einem\nKriegs im' Grauen1. ' 1 !\nScheerbart meint nun ernsthaft:\n„Wenn hundert, wenn zweihundert Zeppelin-\nLuftkreuzer gebaut sein werden, dann ist die Auf-\nlösungsfrage der Armeen und Marinen kein\nschlechter Witz mehr, sondern nur tatsächlich1 feine\nFrage der Zeit.\"\nScheerbart, der sich in diesem Falle um das\nlumpige Finanzielle gar nicht erst kümmert, hat $ich\nnicht die ganz interessante Frage vorgelegt, wo\ndenn der preußische Kriegs'minister dasl bißchen\nGeld in zwei oder drei Jahren, — so schnell geht\nwohl die Sache bei Scheerbart — hernehmen soll,\num zwei- oder dreihundert Luftkreuzer zu bauen,\nund was zweihundert Luftschiffe überhaupt ohne\nSoldaten anfangen sollen, die doch, ganz abgesehen\nvon den Bedienungsmannschaften, Landungen ünd\nAufstiege decken müssen!\nVielleicht macht Scheerbart, der ja mit 'dem\npreußischen Kriegsministerium sehr nahe Fühlung\nbekommen zu haben scheint, diesem den Vorschlag,\ndie doch nach seiner maßgebenden Ansicht bald\nüberflüssig werdenden Infanterie-Regimenter meist-\nbietend auf der Münchener Oktoberwiese oder der\nHasenheide zu versteigern. Sdheerbart sorgt da-\nfür, daßi die Preise nicht zu sehr gedrückt werden.\nVielleicht kauft der eine oder andere amerikanische\nMulti-Billionär sich ein flottesi preußisches! Husaren-\nRegiment. Viel fürs Geld bekommen die Herren\nja auch nicht. Ab und zu dürften noch Berliner\nOperetten-Theater bei den Spandauer Militär-Be-\nkleidungswerkstätten billig einkaufen.\nWertheim oder Aschinger können für ihre\nneuen Paläste die erledigten Kanonen der in die\nLuft geflogenen Artillerie-Regimenter zweckent-\nsprechend umgießen und als Gekirohrpostanlage\noder belegte Brötchen-Schranke verwenden.\nScheerbart hat sicherlich auch' schon von jenem\nschönen Traum der besseren Mitglieder des! deut-\nschen Flotten-Vereins1 gehört, von jenen ungeheuren\nRiesen-Ueber-Dreadnaught, von jenem Linienschiff\naller Linienschiffe, das in geheimnisvoller Stille auf\neiner großen deutschen Werft im Bau sein konnte.\nDieses Riesen-Linienschiff hat ein zwanzigfaches —\n(Eingeweihte behaupten ein hundertfaches —) De-\nplacement als das' größte augenblicklich1 im Bau be-\nfindliche oder existierende Schiff der ganzen Welt.\nEs hat so starke Panzer, daß jedes! Geschoß\nwirkungslos an ihm abprallt. Kurz, die Sache ist\nauch hier furchtbar einfach. Der Riesenkoloßi fährt\nmit rasender Geschwindigkeit unbehelligt durch den\nBomben- und Granatenhagel der ganzen englischen\nFlotte schlankweg hindurch.\nIm selben Augenblick, wo ein S'olcHes Kriegs-\nschiffsungeheuer, das von deutschen Fürsten und\nMagnaten aller Schattierungen finanziert werden\nkönnte, einen deutschen Hafen verläßt, ist die\nganze englische und internationale \"Flotte keinen\nroten Heller wert. Die wenigen deutschen Schiff-\nchen allerdings auch' nichts1.\nScheerbart sieht aus diesem1 Traüm der Flotten-\njünger, daß sein Problem1 sich1 nicht nur in der\nLuft abzuspielen braucht.\nDer Friede kann auCh im! Wasser liegen.\nIch möchte Paul Scheerbart fragen, ob! mit der\nEinführung der Eisenbahnen, der Elektrischen, der\nAutomobile das Zu-Fußrgehen überflüssig gewor-\nden ist ? . ' r , M.! ,I. [ I [ '\nWeiter möchte ich1 Paul Scheerbart fragen, ob1\nmit der Erfindung der Buchdruckerkünst, der Tele-\ngraphie mit und ohne Draht, der Schreibmaschine\nnicht eigentlich das Schreiben und Sprechen über-\nflüssig geworden ist?\nIch möchte ferner Scheerbart fragen, obl er \"nicht\nauCh der Ansicht zuneigt, daßi mit der Erfindung\nder Luftschiffe und Aeroplane eigentlich die Erde\nüberflüssig geworden ist?\nIch' kann nicht verstehen, warum1 sich nicht nach1\nErfindung des Schießpulvers, des Dynamits und\nNitroglyzerins alle Völker der Erde zusammenge-\nschlossen haben, um den Frieden wegen der Dumm-\nheit der Kriege in Permanenz zu erklären?\nDer Verfasser des „neuen Kriegsinstrumentes\"\nstellt sich das wahrscheinlich technisch sehr ein-\nfach1 vor, wie besagte Luftkreuzer mit Dynamit be-\npackt werden und nachts auf Kriegsschiffe, Festun-\ngen, Städte des Feindes ihren menschenfreundlichen\nund friedenstiftenden Ballast auswerfen.\nWas passiert wohl einem Luftschiff, das mit\nDynamit nur so um Sich! schmeißt ?\nUnd die Orientierung; ist ja so furchtbar einfach.\nIn der Luft braucht man iceine JX/egwelsec mit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.5", "debut_caractere": 18, "fin_caractere_exclue": 2907, "texte": "Laterne zu suchen, und die Luftschiffergeneralstabs-\nkarten lassen sich auf jeder besseren Wolke aus-\nbreiten.\n,'Nachts, in der Luft aus dem Hinterhalte\", heißt\nes bei Scheerbart.\nScheerbart mag sich einmal von den Offizieren\ndes Luftschifferbataillons erzählen lassen, ob das\n\"\" Herumgondeln in der Luft anstrengend für Geist\nund Körper ist oder nicht.\nEr dürfte dann etwas anders über den geistigen\nEnergieaufwand denken, den er für seine Luft-\nkrieger als so überaus geringwertig einzuschätzen\nbeliebt.\nEs mag sich ganz hübsch anhören, wenn man\ndiese romantischen Luftkriegsphantasien vernimmt,\ndie nicht einmal den Reiz haben, neu zu sein. Solche\ngläubigen Optimisten sind zu beneiden, denen die\nLuft immer noch Luft ist, und die Schwierigkeiten,\ndie sie nicht sehen, nicht kennen.\nVielleicht glaubt Scheerbart auch, daß der In-\ntelligenzaufwand proportional mit abnehmendem\nLuftdruck geringer werden könne.\nDaß man oben mit weniger Verstand auskommt\nals hier unten, hat an und für sich' etwas Einleuchten-\ndes und Verlockendes.\nUnd schließlich1 s'cheint das Thema nur ein Vor-\nwand, um wieder einmal den ewigen Frieden hoch-\nleben zu lassen.\nIch will mich hier nicht über den Begriff des\nFriedens, noch über seine Bedeutung !und seinen\nWert für den modernen Staatsorganismus auslassen,\nich möchte nur in Abrede stellen, daßi der Bau\neiner Luftflotte, und sei sie noch so stark, lunser\nLandheer oder unsere Marine je überflüssig ma-\nchen kann, und daß eine solche übermächtige Flotte\nje auf immer den Frieden zu diktieren vermöchte.\n•wrgc—^zximaamc.\nEs ist eine völlige Verkennung der Bedeutung,\ndes Wertes unrd jde;s Zweckes techniscHer, pKysi-\nkalischer, chemischer oder sonstiger Erfindungen,\nwenn man von ihnen erhofft, daßi sie Ideale ver-\nwirklichen sollen, die dem Lebensprinzip der\nMenschheit zuwiderlaufen. «\nEbensowenig wie die Entdeckung eines Mannes\ndie Hungrigen stillen und die sozialen Gegensätze\nausgleichen könnte, ebensowenig wie die Lösung\neiner der großen Du Bois Reymondschen Welt-\nrätsel der Menschheit ein neues Paradies erschließen\nwird, wo aller Kampf um Brot und Liebe in himm-\nlische Harmonie sich auflöst, ebensowenig wie es\nunserer großen sozialen Gesetzgebung und unsern\nWohlfahrtsmanövern gelingt, die breiten Massen\ndes Volkes zufriedener zu machen, so wird es a'uch\neinem Grafen Zeppelin nicht glücken, den ewigen\nVölkerfrieden der Menschheit zu schenken.\nDenn der Friede ist kein Kompromis1 in Sachen\nmoderner Gesellschaftsmoral, kein notarieller Ver-\ngleich', keine Aktiengesellschaft, die einfadi die Kon-\nkurrenz aufkauft. Der Friede ist keine Lebensform,\ndie wir mit Hilfe technischer oder chemischer Er-\nfindungen erzwingen können, um sie der beglückten\nMenschheit in Dosen zu 50 Pfennig einzuflößen.\nFürchten wir uns nicht zu sehr vor dem Krieg\nder Zukunft!\nEin luftiger Krieg, Herr Scheerbart, ist mir noch\nimmer lieber wie ein windiger Friede!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "159", "page_fin": "159", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.6.1", "titre_corps": "Siegfried Wagner", "titre_sommaire": "Siegfried Wagner", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 16, "texte": "Siegfried Wagner"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "159", "page_fin": "159", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.7", "titre_corps": "Gegenerklärung", "titre_sommaire": "Gegenerklärung", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.5", "debut_caractere": 2909, "fin_caractere_exclue": 7030, "texte": "Gegenerklärung\nVon Paul Scheerbart\nWallenstein sagte bekanntlich1 mal zu seinen\nGeneralen:\nSeid Ihr nicht Wie die Weiber,\nDie zurück uur kommen\nAuf ihr erstes Wort,\nWenn man Vernunft gesprochen\nStundenlang?\nSo auch in der vorstehenden „Entgegnung\".\nZuletzt wird kaltblütig wieder erklärt „Marine und\nLandheer durdi Luftflotte einfach nicht umzu-\nbringen. Soldatspielen bleibt Hauptsache auf dem\"\nErdball. Dieser Kugel — daher Kugelmilitarismus\".\nEs ist zum Kugeln.\nEs müßte ein „oratorischer Orden\" gegründet\nwerden. Und der müßte nur den höheren Offizieren\nverliehen werden.\nWie sagte doch der alte Goethe?\n„Rede, Feldherr, dummes Zeug,\nDass der Feind sich krümmt vor Lachen\nDann kann er im Ernst nichts machen;\nEr muss lachen, lachen, lachen!\"\nWenn jemand ruhig niederschreibt, daß die Ent-\ndeckung eines Mannas die Hungrigen nicht stillt\n— so kann er auch schreiben: Was soll einer, der\ndrei Tage nichts gegessen hat, mit sechs guten\ngebratenen Gänsen anfangen ? Die stillen doch den\nHunger nicht!\n„Fürchten wir uns nicht vor dem Kriege der\nZukunft!\" — Das ist ein herrliches Schlußwort!\nWas ist denn Großes dabei, wenn uns der\nKopf abgerissen wird ? Ein Kopf mehr oder\nweniger — macht doch nicht viel aus. Bei Erd-\nbeben gehen auch oft die Menschen zu Hundert-\ntausenden zugrunde. Warum soll man also im\nKriege nicht mal hunderttausend Mensdien Arme,\nBeine und Köpfe absprengen? Du lieber Himmel!\nUnglücksfälle kommen doch alle Tage vor. Wer\nwird sich1 darüber aufregen? Nur keine Furcht\nvor dem Dynamit! Sterben müssen wir alle mal.\nJa! < ; I\nImmerhin: man könnte meinen, daß ich auf das\n„Sachliche\" in der vorliegenden Entgegnung wieder\nnichts zu sagen habe. Darum will ich die Sätze,\ndie sachlich zu sein „scheinen\", mit einer möglichst\nkurzen Erwiderung beglücken — wenn es mir a'uch\nschwer fällt.\nDie Geldfrage ist sehr einfach dadurch gelöst,\ndaß man zunächst die Pferde der Reiterei verkauft\nund die Festungsanlagen meistbietend versteigert.\nBeides bringt so viel Geld ein, daß jeder Staat\nsofort tausend Luftschiffe bauen kann. . . .\nFerner:' Soldaten sollen Landungen und Auf-\nstiege decken? Ja — wird man denn in Gegen-\nwart des Herrn Feindes aufsteigen und landen?\nDas wären ja Schildbürgerwitze ....\nEin Ueber-Dreadnought auf dem1 Wasser ist sd\nzu bauen, daß ihm Torpedos nichts1 schaden können?\nSo! So! Ich1 empfehle, die Landesgrenzen mit Mau-\nern zu umgeben, die von keinem Sprengstoff ver-\nletzt werden können. Die Herren Flottenvereinlei4\nkönnen diese Idee gratis1 verwerten zum1 Heile des\nVaterlandes, das1 ich so sehr liebe.\nBuchdruckerkunst und Telegraphie sind docH\nnicht Gegner des gesprochenen Wortes — wie sollen\nsie da dieses überflüssig machen? Und die Eisen-\nbahnen und Automobile sind doch nidh't Gegner\nder Fortbewegung — wie sollen sie da die Fort-\nbewegung mit Hilfe der Beine überflüssig machen?\nDie Lufttorpedos aber sind Gegner der Ka-\nnonen und Kriegsschiffe — wenn sie diese leicht\nvernichten können, so werden die£e eben über-\nflüssig —, man baut nicht Waffen, die leicht Ver-\nnichtet werden können. ...\nDaß das Fahren in der Luft geistanstrengend1\nsein kann, soll gerne zugegeben werden. Wenn aber\nbehauptet wird, daß das drahtlose Dirigieren eines\nAeroplan-Torpedos oder das1 einfache Hinauswerfen\ndes Dynamits geistanstrengend ist, so kann man\ndoch nur lachen. ...\nUnd von der Schwierigkeit der Orientierung\nsollte man nicht reden. Nachts1 ist jede große Stadt\nvom Ballon aus ganz leicht zu erkennen. Und man\nbraucht doch' nur die großen Städte Auseinander-\nzusprengen — das genügt doch' im Zükunftskriege.\nMan hat mir vorgeworfen, daßi ich1 Selbstver-\nständlichkeiten erzähle, daß ich1 Dinge sage, die\nandere Leute schon tausendmal gesagt haben. Jä\n— warum' wiederhole ich denn diese Luftkriegs-\nspäße immer wieder? Doch nur in der Abstellt,\ndem1 Land- und See - Militarismus dadurch den\nGaraus zu machen.\nUnd wenn man nicht bald den Anfang fciiif\nder Auflösung macht, fco wird man sich an außer-\neuropäische Großmächte wenden. Die TZuropäef\nwerden dann bald „gezwungen\" werden, den „Ver*\nalteten\" Militarismus an den Nagel zu hängen. Idi\nfreue mich schon auf dieses Ereignis."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c009", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "160", "page_fin": "160", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.8", "titre_corps": "Nissen als Theaterdirektor", "titre_sommaire": "Nissen als Theaterdirektor", "signature_source": "Karl Vogt ; H. 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Z. am Mittag.\nDanach waren alle Theaterdirektoren nichts wert-\ner werde endlich der eigentlich' theatralischen Kunst\neinen Tempel bauen, denn den Dramatikern vom\nSchlage Philippis, Fuldas, Max Dreyers, fehle noch\nimmer die Heimstätte.\nAm Tage, als er die erste Rate seiner Pacht-\nsummt bezahlen sollte, war Herr Nissen aus Berlin\nverschwunden. Ledner, der mit dem ganzen An-\nsehen seiner großen Firma sich in gutem Glauben\nfür Nissen eingesetzt hatte, suchte ihn in allen\nHotels; Herr Nissen war nicht zu finden. Ledner\nversuchte nun geschickt und vornehm' die Sache\naus der Welt zu schaffen und fand auch einen\nBewerber, der in den Pachtvertrag mit dem Neuen\nTheater eintrat.\nIn Wien aber erregte es schallendes Gelächter,\nals Nissens Erklärung bekannt wurde, er sei von\nder Direktion des Neuen Theaters zurückgetreten,\nda ihn seine Geldgeber in Stich gelassen hätten.\nDenn es war hier ein öffentliches Geheimnis, daßi\nNissen das Geld durch eine Kollegin vom1 Burg-\ntheater erhalten sollte, ein Fräulein W., zu der\ner in mehr als freundschaftlichen Beziehüngen stand\nund die einen reichen Liebhaber bewegen sollte,\ndas Geld für Nissens Unternehmung herzugeben.\nAls Gegenleistung sollte sie einen zehnjährigen un-\nkündbaren Vertrag an das Neue Theater erhalten;\nim Vertrauen darauf hatte sie ihr Wiener Engage-\nment gelöst und sah sich jetzt existenzlos; durch\neinen günstigen Zufall, und dadurch, daßi sie wirk-\nlidh eine gute Schauspielerin war, gelang es ihr\naber, dann wieder ins Ensemble des Burgtheaters\nzu kommen.\nDie Genossenschaft eifert jetzt so emphatisch\ngegen die Schiebungen, unsauberen Manöver, Wei-\nberwirtschaft und außergeschäftlichen Interessen,\nJunter denen so manche Theatergründungen zu-\nstande kämen. Es1 ist bemerkenswert, daßi der Ton\nder sittlichen Entrüstung unter dem Präsidium des-\nselben Mannes gepflegt wird, der, wie Karl Kraus\nsagt, mit Gestank vom Throne seines Reiches schied.\nWenn gewerbsmäßige Zuhälter die Liebhaber ihrer\n„Verhältnisse\" ausbeuten, so ist das nichts Neues.\nWenn aber der Ehrenmann, der sich' von den Ge-\nnossenschaftern tausend Kundgebungen des Ver-\ntrauens und der Verehrung entgegenbringen läßt,\nnoch in neuester Zeit mit dem Oelde, das ihm\nseine Geliebte von einem reichen Liebhaber ver-\nschaffen sollte, ein Theater aufmachen wollte, so\nist das wohl ein Fall, wie ihn die Theatergeschichte\nnoch nicht verzeichnet.\nNissen hatte, als sein Vertrag mit dem Burg-\ntheater zu Ende war, einen längeren Vertrag zu-\ngeschickt bekommen, ihn aber ruhig liegen lassen\nund die Direktionsgeschäfte mit dem Neuen The-\nater betrieben. Auch1 in Wien ließ) er sich inter-\nviewen, verhandelte in den Räumen des Burg-\ntheaters mit Schauspielern, Autoren, Technikern,\nkam mit Leuten wie Kramer, Novotny usw. bis\ndicht vor den Abschluß, erwarb last über ein\nDutzend Stücke, bis die Sache das bekannte schmäh-\nliche Ende nahm.\nUm sich selbst aus dem allgemeinen Schiff-\nbruch zu retten, erinnerte sich Nissen jetzt seines\nerneuerten Vertrages mit dem Burgtheater. Ob-\nwohl Wochen vergangen waren, ohne daßi er den-\nselben gegengezeichnet hätte, und obwohl er vier-\nundzwanzig Stunden vorher noch durch seinen\nAgenten um Lösung des Vertrages gebeten hatte,\nder ihm gewährt wurde, schickte er den Vertrag\nauf einmal unterzeichnet zurück in der naiven An-\nnahme, das Burgtheater sei während der ganzen\nZeit gebunden gewesen.\nDie oberste Hofbehörde, die es grundsätzlich\nauf einen Prozeßi nicht ankommen lassen wollte,\nließ sich als Kompromiß auf einen kürzen Vertrag\nmit Nissen ein, der jedoch dann in neuen und\nnennenswerten Rollen nicht mehr beschäftigt wurde.\nAm interessantesten sind freilich die beson-\nderen Machenschäften, die Nissen versuchte, um\nseine Direktionsführung Vorteilhaft und möglichst\ngefahrlos zu gestalten. Weit über einhundert Schau-\nspielern ließ er durch seine Agentur Verträge an-\nbieten. Von dem1 Inhaber der Agentur gefragt,\nob er denn — als früherer Genossenischaftspräsi-\ndent — Genossenschaftsverträge führen wolle, ver-\nneinte er das hohnlachend und entwarf im Gegen-\nteil ein Vertragsforlmular, welches sich der Agent\nweigerte, aus seinem Hause zu schicken! Mit dem\nHinweis, die Schauspieler läsen ja doch' nicht die\n(Verträge, die sie unterschrieben, wollte Herr Nissen\ndie Kündigung unter den besonderen Bestimmungen\nstreichen, unter den allgemeinen Bestimmungen aber\nein einseitiges Prolongationsrecht zu seinen Gun-\nsten einschmuggeln.\nDie Unruhe, die Nissen mit seiner Direktions-\naffaire in Berlin erregt hatte, schlug so weite Kreise,\ndaß: ein sehr zahlreiches! Publikum hiervon unter-\nrichtet ist. Im! Zusammenhang damit erklärte im\nDezember 1905 ein bekannter Berliner Bühnenleiter\nim „Berliner Börsen - Courier\" wörtlich über\nNissen: „Ich kann ihm den Vorwurf der bewußten\nUnwahrheit nicht ersparen und bin bereit, diesen\nschwer wiegenden Vorwurf Vor Gericht zu er-\nhärten\". Der „Genossenschaftspräsident\", wie er\nsich immer emphatisch nennt, wenn es sich um\nganz persönliche Dinge gegen ihn handelt, be-\ngnügt sich damit, zwei Tage darauf im „Berliner\nTageblatt\" zu erklären, daß er seinen Rechtsanwalt\nbeauftragt habe, die gerichtlichen Schritte gegen\nden Beleidiger einzuleiten.\nVon einem gerichtlichen Austrag der Ange-\nlegenheit hat man dann aber niemals mehr etwas\ngehört.\nIm Hause des' Intendanzrats Ledner, Berlin,\nTaubenstraße 44/45, liegen die aktenmäßigen Be-\nlege für diese Dinge, Originalbriefe des Fräulein W.,\nTelegramme Nissens Usw. Sie alle können noch\nin vielen Einzelheiten beweisen, wie gewissenlos!\nNissen mit Existenzen gespielt hat. Wie würde\nheute das Rechtsschutzbureau diesen Fall beur-\nteilen? Ein Direktor ohne Geld, ohne Konzession,\nder Mitgliedern Verträge anbietet (und was für\nVerträge), der Schauspieler aus sicheren Engage-\nments lockt, der sich das Kapital auf eine sehr\nunfaire Weise zu verschaffen sucht, um! schließlich'\n— kläglich zu stranden!\nMit Erlaubnis deö Verlags Alfred Pulvermacher\n& Co. entnommen der Broschüre NisSen: Ein\nKapitel Bühnengenossenschaft4\nWenn Herr Nissen noch eine Spur Ehrgefühl besitzt,\nWird er nicht umhin können, sich unverzüglich von\nseinen Amtsgeschäften als Präsident der Genossenschaft\nsuspendieren zu lassen. Die nächste Delegiertenversamm-\nlung enthebt ihn ja doch zweifellos seiner unrühmlichen\nTätigkeit. Vielleicht entschliesst sich die Genossen-\nschaft auch endlich einmal, die ihr alljährlich vorgelegten\ngedruckten Bilanzen von Fachmännern für Druck und\nExpedition prüfen zu lassen. Sie dürfte dabei erstaun-\nliches erfahren. Ich für meine Person will ihr bei dieser\nGelegenheit schon heute mitteilen, dass die Angaben\nim Rechenschaftsbericht der Zeitung Der Neue Weg\n(Protokoll Dezember 1909), soweit sie meine Tätigkeit\nbetreffen, unwahr, zum mindesten falsch dargestellt sind.\nDie Angelegenheit an dieser Stelle zu erörtern, hat für\ndie Leser des Sturms kein Interesse. Ein Satz der\nBilanz ist jedoch von so köstlichem Humor, dass ich ihn\nnicht gern kaufmännisch Gebildeten unterschlagen möchte:\n„Die Einnahmen sind annähernd gleich hoch den\nimVorjahr dafür erzielten Beträgen. Sie waren jedoch im\nVorjahr für z W ö 1 f Monate und sind in diesem Geschäfts-\njahr nur für neun Monate eingestellt,\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "160", "page_fin": "160", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.9", "titre_corps": "Kriegsbericht", "titre_sommaire": "Kriegsbericht", "signature_source": "Minimax", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.6", "debut_caractere": 7612, "fin_caractere_exclue": 8532, "texte": "Kriegsbericht\nMinimax\nDer Hallesche Sl C. ist am! 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Fahrzeit vom Alexanderplatz)\nHauptgebaude mit Zentralheizung und elektrischem Licht, grosse,\nhelle Zimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadratmeter\ngrosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum, Lauben, grosser\nTeich usw. Das ganze Jahr geoffnet. Den Besuchern Berlins\nals herrlicher Aufenthaltsort empfohlen. Fern von dem Larm und\ndem Staub der Stadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch\nstiindlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschure\n:: „Leben\" kommen vom Besitzer und Leiter Emil Peters ::"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c018", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "161", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.7", "debut_caractere": 890, "fin_caractere_exclue": 1294, "texte": "ailllllllltllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll£\n] der ortograhf (\n5 monatsschrift 1\n| fiihr lauttroie rechtschraib- |\n| ung, latainschrift unt refor- 1\n| men auf anderen gebiten. |\n| jahrlich 2 mk. ftthrs auslant, |\n| ausser ohstraich, 2,50 mk. 1\n| probenummern frai oder 1\n| gegen postkarte m. antwort. 1\nI man wende sich an schprahch- |\n5 lerer 112. malis |\n§ in noischtat (holscht.) |"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c019", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "161", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.7", "debut_caractere": 1296, "fin_caractere_exclue": 1519, "texte": "XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX\nAuf den Hund-\nertsten Teil Ihres Reklamebudgets\nkommen\nSie,\nwenn Sie die sachgemasse Bearbeitung Ihrer Propaganda\niibertragen dem\nAnnoncen-Bureau Bots, W 35\nPotsdamerstrasse 111\nxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c020", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "161", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.7", "debut_caractere": 1521, "fin_caractere_exclue": 2108, "texte": "1000 Kronen erhalt\nwer im Stande ist, ein unentbehrlich Ding fiir die Nacht: „Mor»d-\nlicht\" in jedem Hause, ein Wunder der Chemie, auszublasen\nMein Mondlichtapparat, ein wunderbar sinnreich konstr. inter-\nessanter Winschaftsartike!, besitzt unbegrenzt haltbar die Fshig-\nkeit, vollsiandig kostenlos zu leuchten, da hierzu keinerlei Brenn-\nsToffe angewendet werden. Vieljahr. Garantie fiir tadell. Funktion.\nfttr M iv.\nK 6 Kronen 3,60 4,80 7,— 11,— I«,—\nFra'.ko tiberal! hin gegen Vorauszahlung (auch in Briefmarken)\noder Nachnahme 30 Heller mehr. Verpackung gratis\nA. 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Vorleb., Lebensweise, Ruf, Charakter,\nHPirQTQ-AHQMIinTIP Vermogen, Einkommen, Oesandheit etc.\nIBUSI UlO nUOIVUieIIU von Personen an alien Platzen der Erde\nDlskrete €reschaft*-Kredit-Auskttiifte ————\nff. Referenzen — Erfolge — Praxis seit 1888 - Großte Inanspruchnahme\nBest© Bediennng bei solidem Honorar"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c023", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "161", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.22", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.7", "debut_caractere": 2781, "fin_caractere_exclue": 3301, "texte": "DARLEHEN\nreellen Leuten jeden Standes. Auch gegen M&belbelelhung, Runst-Gegenst&ndea,\nohne abzuholen. — Offizieren, Kavalleren, Beamten Geld in jeder Hshe. —\nBeschaffung von Hypotheken auf berliner und auswartige Grundstucke. — Ka a 112\nund Be lei hung von Hypotheken, Erbschaften, Sparkassenbuchern, Lombardscheinen,\nMietzessionen. — Schnelle, grundreelle, diskrete Erledigung. : :—: :—: :—: j—s\nWILHELM MEYER :: Bank-Kommission\nBERLIN S 14 Stallschreiberstrasse 56 II\nSprechzeit 10—12 und 4—7 Fernsprecher: Amt IV 6785"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c024", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "161", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.7", "debut_caractere": 3303, "fin_caractere_exclue": 4202, "texte": "A *\n/-\nrr\nV\n%5\n/\nsw\nGesunde Zahne sind ein viel kostbareres Gut, als man es im taglichen\nLeben ohnehin schon einschatzt. Regelmassige Verdauung, gute Ernahrung,\ninfolgedessen Schaffens- und Lebenskraft, alles das sind Faktoren, die zum\ngrossen Teil von der guten Beschaffenheit der Zahne abhangen. Wenn\nSie daher Ihre Zahne schon und gesund erhalten wollen, so empfehlen\nwir Ihnen dringend, morgens und namentlich auch abends Kosmin zu\nbenutzen, da dieses Mundwasser infolge seiner erwiesenen Wirkung das\nZahnfleisch kraftigt, die durch Speiseresie entstehende Faulnisbildung im\nMunde verhindert und dadurch die Zahne konserviert, solange dieses\nnur irgend moglich ist. Der iiberaus erfrischende Wohlgeschmack\ndes Kosmin macht den taglichen Gebrauch dieses vorzuglichen\nMundwassers bereits nach kurzer Zeit zum angenehmen Bedurf-\nnis. Preis pro Flasche, lahge ausreichend, M. 1,50, uberall kauflich."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c025", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "162", "page_fin": "162", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.8", "debut_caractere": 172, "fin_caractere_exclue": 1718, "texte": "Lesen und staunenl!\nUm unseren Sicherheits-Rasierapparat ~Romileti\", welcher\nalle bis dato auf den Markt gebrachten Rasierapparate fiber-\ntrifft, schnell in alien Kreisen einzufiihren, haben wir uns\nentschlossen\n5000 Stuck zum Selbstkosten-\npreise v. Mk. 6- (statt Mk. 15-)\nzu liefern.\nDieser Apparat ist aus dem allerfeinsten Material\nhergestellt, gchwer versilbert und wird in elegantem\nLeder-Etui mit 12 vorzilglichen Schneiden versandt.\n[\ni\nLassen Sie sich diese giinstige\nGelegenheit nicht entgehen !!\nBeachten Sie die grossen Vorteile, die Ihnen ein guter Apparat bietet:\n1. Qrosse Ersparnis an Zeit und Geld!\n2. Stets sauber rasiert, da Schneiden und Kratzen voll\nstMndig ausgeschlossen!\n3. Kein Warten beim Barbier!\n4. Keine Ansteckungsgefahr, wie Bartflechten usw.!\n5. Auf der Reise, auf See, im Manover usw. unentbehrlich!\n30 mal benntzt, hat sich der Apparat bezahlt gemacht! zzzzz\nDie in jeder Beziehung vorzilglichen Messer besitzen einen derartigen durch ein spezielles\nVerfahren hergestellten Hartegrad, dass sie fiir den stSrksten Bart Verwendbar sind.\nBestellen Sie sofort, denn diese 5000 Rasier-Apparate werden infolge ihrer noch\nniemals gebotenen Billigkeit bald vergriffen sein.\nSie erhalten diesen tadellosen Rasier-Apparat gegen Nachnahme von 6,30 Mk. portofrei>\nWir richten nur die bescheidene Bitte an Sie, diesen Apparat in Ihrem werten Bekanntenkreise\nzu empfehlen.\nNach Absatz dieser 5000 Apparate kosten diese 15 Mark.\nVersandbaus cbemiscber uad techaischer Neuheitea Hans Fredrich\n:: Berlin SW. 68, Kochstrasse 72 ::"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c026", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "162", "page_fin": "162", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.8", "debut_caractere": 1720, "fin_caractere_exclue": 1990, "texte": "Dcr schonstc Punkt\nin der Umgebung Berlins ist Pichelsdorf an der\nHeeresstrasse, Die letzten Wasservillenbaustellen\nan der Havel, gegeniiber Pichelswerder sollen sofort\npreiswert verkauft werden. Naheres die\nBodcngeseiucftaft des Ulestens, manemr. $6*ss\nTelephon I, 7497"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-07-14-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-07-14_01#c027", "volume": "bmtnabg_1910-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "162", "page_fin": "162", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.8", "debut_caractere": 1992, "fin_caractere_exclue": 2270, "texte": "THRICHOPHIL\n■ FL M. 3,00 sas-tfffias FLM.3,00 ■\nI »■■■■■■■■■■■»■■ * nur beim Fabrikanten: »»\n■ Otto Tentscher / Friseur 5\nI. 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Individuclle arztliche Behandlung.\nDie Kfiche steht unler Aufsicht des Arztes. Bei\nNervenschw&che, Magen- und Darmleiden, Gicht\nund Rheumatismus, Frauenleiden u. a. m. best-\ngeeigneter Aufenthalt\nBesitzer und Leiter: l>r of. med. W. Hots\nAllseit Reformbestrebungen,\ninsbes. derPflege persdnlicher\nKultur und gesunder Lebens-\nanschauungen, dient unsere\nMonatsschrift „€}esimdes\nIteben\", von der wir Probe-\nnummern auf Wunsch gratis\nversend. 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JULI 1910/ WIEN\nNUMMER 20\n\nZeichnung von Oskar Kokoschka zu dem Drama\nMörder, Hoffnung der Frauen\n\nINHALT:\nOSKAR KOKOSCHKA: Mörder, Hoffnung\nder Frauen / PAUL LEPPIN: Daniel Jesus / Roman/\nALFRED DÖBLIN: Gespräche mit Kalypso über die\nMusik / SIEGFRIED PFANKUCH: Liegt der Friede in\nder Luft / PAUL SCHEERBART: Gegenerklärung /\nKARL VOGT: Nissen als Theaterdirektor / MINIMAX:\nKriegsbericht / Karikaturen\n\nMörder, Hoffnung der Frauen\nVon Oskar Kokoschka\nPersonen:\nMann\nFrau\nChor: Männer und Weiber.\nNachthimmel, Turm mit großer roter eiserner Käfig-\ntür; Fackeln das einzige Licht, schwarzer Boden,\nso zum Turm aufsteigend, daßi alle Figuren relief-\nartig zu sehen sind.\nDer Mann\nWeißes Gesicht, blaugepanzert, Stirntuch, das eine\nWunde bedeckt, mit der Schar der Männer\n(wilde Köpfe, graue und rote Kopftücher, weiße,\nschwarze und braune Kleider, Zeichen auf den\nKleidern, nackte Beine, hohe Fackelstangen,\nSchellen, Getöse), kriechen herauf mit vor-\ngestreckten Stangen und Lichtern, versuchen müde\nund unwillig den Abenteurer zurückzuhalten, reißen\nsein Pferd nieder, er geht vor, sie lösen den Kreis\num ihn, während sie mit langsamer Steigerung auf-\nschreien.\nMänner\nWir waren das flammende Rad um ihn,\nWir waren das flammende Rad um dich, Bestürmer\nverschlossener Festungen!\ngehen zögernd wieder als Kette nach, er mit dem\nFackelträger vor sich, geht voran.\nMänner\nFühr' uns Blasiser!\nWährend sie das Pferd niederreißen wollen, steigen\nWeiber mit der Führerin die linke Stiege herauf.\nFrau rote Kleider, offene gelbe Haare, groß,\nFrau laut\nMit meinem Atem erflackert die blonde Scheibe\nder Sonne, mein Auge sammelt der Männer Froh-\nlocken, ihre stammelnde Lust kriecht wie eine\nBestie um mich.\nWeiber\nlösen sich Von ihr los, sehen jetzt ferst den Fremden.\nErstes Weib lüstern\nSein Atem saugt sidi grüßend der Jungfrau an!"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.2", "texte": "Erster Mann darauf zu den anderen\nUnser Herr lähmt wie des Mond, der im Osten\naufgeht.\nZweites Mädchen still abgekehrt, irrsinnig\nWann wird mit Wonne sie empfangen.\nDer Chor geht horchend, in aufgelösten Gruppen\nauf der ganzen Bühne umher, der Mann und die\nFrau begegnen sich vor deml Tore.\nPause.\nFrau sieht ihn, gebannt, dann zu »ich >\nWer war der Fremde, der mich sah ?\nMädchen drängen sich vor\nErstes Mädchen erkennt ihn, schreit\nSeine Schwester erstach sich, weil er säe nicht\nberührte!\nZweites Mädchen\nSingende Zeit,. niegesehene Blumen.\nDer Mann erstaunt, Zug der Lebenden hält an\nBin ich ein Wirklicher, was sprach der Schatten!\nDas Gesicht hebend, zu ihr: Sahst Du mich an,\nsah ich Dich ?\nFrau fürchtend und verlangend\nWer ist der bleiche! Mann, haltet ihn zurück1.\nErst es1 Mädchen grell schreiend, läuft zurück,\ngeil\nLaßt ihr ihn ein ? Der erwürgt meine kleine betende\nSchwester im' Tempel!\nErster Mann zu den Mädchen\nWir sahen, wie er das Feuer heilen Fußes durch-\nschritt.\nZweiter Mann\nTiere martert er, wiehernde Stuten erdrückte sein\nSchenkel.\nil > i . ! .\nDritter Mann\nVögel, die vor uns liefen, mußten wir blenden,\nrote Fische im; Sande ersticken.\nDer Mann zornig, eifernd)\nWer ist die, die wie ein Tier stolz unter; den Ihren\nweidet?,\n\"ii . ! i\nErster Mann . i ■ j\n- .1 ' ' » 11. I i ■\nSie, errät, was niemänd verstand.\nZweiter Mann :\nSie spürt, was niemand vernahm.\nDritter Mann\nMan sagt, scheue Vögel kontaen zu ihr und lassen\nsich greifen. . , (\nMädchen gleichzeitig mit den Männern\nErstes Mädchen\nFrau, laß uns fliehen! Verlöscht die; Leuchten des\nFührers.\nZweites Mädchen\nHerrin entweiche, arme Singende.\nDrittes Mädchen\nEr soll nicht unser Gast sein, unsere Luft atmen.\nLaßt ihn nicht einkehren, er schreckt mich1.\nMänner gehen zögernd weiter, Frauen schären sich\nängstlich. Die Frau geht auf den Mann zu, Sprung-\nhaft, kriechend.\nErstes Mädchen\nDer hat keine Lust!\nErster Mann\nDie hat keine Scham!\nFrau\nWarum bannst Du mich, Mann, mit Deinem Blick',\nfressendes Licht, verwirrst meine Flamme, ver-\nzehrendes Leben komfrit über mich', Flammenende.\nO nimm mir entsetzliche Hoffnung — und über\ndich kommt die Qua!—>\nDer Mann fährt wütend auf\nIhr Männer brennt ihr mein Zeichen mit heißen\nEisen ins rote Fleisch!\nMänner führen den Befehl aus. Zuerst der Chor\nmit den Lichtern mit ihr raufend, dann der Alte\nmit dem Eisen, reißt ihr das! Kleid! auf und brand-\nmarkt sie.\n1•v:, •» . v\nFraü in furchtbaren Schmerzen schreiend\nSchlagt die kalten zurück, die fressenden Leichen.\nSie springt mit einem! Messer auf ihn los! und\nschlägt ihm eine Wunde, In diel Seite. Der Mann\nfällt.\nMänner\nFlieht den Besessenen, erschlagt den Teufel ! Wehe\nuns Unschuldigen, verscharrt den Eroberer.\nDer Mann \"Starrkrampf, singend mit \"blutender,\nsichtbarer Wunde. !\nDer Mann\nSinnlose Begehr von Grauen zu Grauen, unstill-\nbares Kreisen im' Leeren. Gebären ohne Geburt,\nSonnensturz, wankender Raum. Ende derer, die\nmich priesen. Oh, Euer unbarmherziges! Wort.\nMänner\nWir kennen ihn nicht, verschont uns'. Kommt, Ihr\nsingenden Mädchen, laßt uns Hochzeit halten auf\nseinem Notbett.\nMädc h e n\nEr erschreckt uns!, Euch liebten wir, ehe Ihr kamt.\nLegen sich mit den Männern wälzend und paarend\nrechts auf den Boden.\nDrei Männer auf der Mauer lassen mit Stricken\neinen Sarg hinunter, man legt den noch' schwach\nsich Bewegenden in den Turml hinein, Weiber\nsperren das Tor zu und ziehien sich mit den Män-\nnern zurück. Der Alte steht auf und Sperrt ab,\nalles dunkel, eine Fackel leiste blaues Licht oben\niml Käfig.\nFrau jammernd und rächend\nEr kann nicht leben, nicht sterben, er ist ganz weiß.\nSies schleicht wie ein Panther im! Kreis um den\nKäfig. Sie kriecht neugierig zum: Turm, greift\nlüstern nach dem! Gitter, schreibt ein großes weißes\nKreuz an den Turm, schreit auf.\nMacht das Tor auf, ich mUßi zu ihm!\nRüttelt verzweifelt,\nMänner und Weiber, die sieht ergötzen, im\nSchatten, verwirrt\nWir haben den Schlüssel verlören wir finden\nihn hast Du ihn? — Sahst Diu ihn nicht —\n— wir sind nicht sjchuldig an Euch', wir kennen\nEuch nicht — — ,\nGehen wieder zurück. Hahnenschrei, es lichtet im\nHintergrund.\nFrau langt mit dem Arm durchs Gitter und greift\nin seine Wunde, geil böswillig keuchend, wie eine\nNatter.\nBlasser! Schrickst Du? Furcht kennst Du? Schläfst\nDu bloß? Wachst Du? Hörst Du mich?\n*«\nDer Mann drinnen, schwer atmend hebt mühsam\nden Kopf, bewegt später eine Hand, steht dann\nlangsam auf, immer höher singend, entrückend.\nWind der zieht, Zeit umj Zeit, Einsamkeit, Ruhe\nund Hunger verwirren mich. Vorbeikreisende Wel-\nten, keine Luft, abendlang wjrd es.\nFrau beginnende Furcht\nSo viel Leben fließt aus der Fuge, Sö viel Kraft\naus dem Tor, bleich1 wie eine Leiche ist er.\nSchleicht wieder auf die Stiege hinauf, zitternd am\nKörper, wieder triumphierend und hoch schreiend.\nDer Mann ist langsaml aufgestanden, lehnt am\nGitter, wächst langsam.\nFrau schwächer werdend, wütend\nEin wildes Tier zähm ich im Käfig hier, bellt Dein\nGesang vor Hunger?\nDer Mann\nBin ich1 der Wirkliche, Du die tote Verfangene?\nWarum wirst Du blässer?\nHahnenschrei.\nFrau zitternd\nDu, Leichnam, beschimpfst mich1.\nDer Mann kraftvoll\nSterne und Mond, fressjende Lichter, Frau! Ver-\nsehrtes Leben, im Träumen oder Wachen sah ich\nein singendes Wesen. Atmend entwirrt sich1 mir\nDunkles. Wer nährt mich?\nFrau liegt ganz auf ltüri; getrennt durcK \"das Gitter,\nauf dem sie sich' wie eine Aeffin hoch1 in der Luft\nankrallt.\nWer säugt mich1 mit Blut? Ich fraß) Dein Blut,\nich1 verzehre Deinen tropfenden Leib.\nFrau ~ i !■ !J ' | j i j;i { 1\nIch will Dich1 nicht leben lassen, Du Vampyr, frißt\nan meinem Blut, Du schwächst midi1, wehe Dir,\nich töte Dich — Du fesselst mich' Dich fing\nich ein — und Du hältst mich' — — laßj losl von m{ir,\nBlutender, Deine Liebe umklammert mich — —\nwie mit eisernen Ketten — erdrosiselt — los! —\nHilfe. Ich verlor den Schlüssel, der Dich1 fest-\nhielt.\nLäßt das Gitter, wälzt sich! auf 'der Stiegel w,ie fein\nverendendes Tier, krampft die Schenkel1 und die\nMuskel zusammen.\nDer Mann steht ganz, reißt das! Tor auf, berührt\ndie sich starr Aufbäumende, die ganz wfeißi ist,\nmit den Fingern, Erkenntnis des! Todes, höchste\nSpannung, die sich in einem langsiam abfallenden\nSchrei löst, sie fällt uml, entreißt im Fallen dem\naufstehenden Anführer die Fackel, die ausgeht\nund alles in einen Funkenregen hüllt. Er steht\nauf der obersten Stufe, Männer und Weiber, die\nvor ihm fliehen wollen, laufen ihm pta den Weg,\nschreiend\nDer Teufel! Bändigt ihn, rettet Euch1, rette, wer\nkann — verloren!\ngerade entgegen; wie Mücken erschlägt er sie und\ngeht rot fort. Von ganz ferne Hahnenschrei.\nEnde\nAufgeführt am vierten Juli 1909 im Gartentheater der Inter-\nnationalen Kunstschau zu Wien\n\nDaniel Jesus\nRoman\nVon Paul Leppin\nDie schmalen Fenster der Villa Jesus; draußen\nVor der Stadt glänzten beinahe weiß in der Warmen\nNacht, Sie blies einen duftenden, rieselnden Wind\ndurch' die blühenden Bäume, neben denen sicih die\nschlanken Renaissandepfeiler wie nackte Frauen-\narme streckten. Der Springbrunnen, den män von\naußen durch' das Gittertor Spielen sehen könnte,\nschwatzte immerfort und lachte manchmal heim-\nlich und redete dummes und ironisches Zeug. Zu-\nweilen plätscherte er übermütig und warf dem\nFliederstrauch1 sein helles, sdiönes1 Wasser ins Ge-\nsicht und kicherte leise. Eine fast wunderlich hohe\nMauer umgab den Garten. Der Wind verfing sich\nin ihren Ecken wie in einer Muschel und irrte hastig\nzwischen den glatten Sandwegen umher, auf denen\ndas Licht aus! den Fenstern der Villa wie ein glän-\nzendes Goldnetz lag.\nVor dem1 angelehnten Gittertor stand Marta-\nBianka und zögerte. Eine arme, launenhafte Angst\ntrieb sie; her. Sie wußte, daß ihre Mutter mit\nValentin aml Abend in die Villa Jesus! gegangen\nwar, und daßi sie Daniel vor der Stadt mit seinem\nWagen erwartet hätte. Nun war fast die ganze\nNacht vorbei, und die Gräfin noch immer nicht\nheimgekehrt. Zitternde Liebe hatte Bjanka ge-\nquält, daß? sie nicht schlafen konnte, und böse,\nschillernde Halbträume sie ängstigten. Da hätte\nsie ihren Leib in ein weites, schmiegsames\nMorgenkleid gehüllt und war herausgeeilt vor die\nStadt, die staubige Straße entlang, bii» vor die Tür\nder Villa. Nun sah sie zu den Fenstern hinüber,\naus denen der Wind zerflatterte Geigentöne, Ge-\nlächter und Schreie über die Rasenplätze streute\nund in den erstaunten Springbrunnen warf. Das!\nFest war noch immer nicht zu Ende, und die heiße\nLuft des Gartens erfüllt von dem1 süßen, betäuben-\nden Geruch schwerer und dunkler Weine, auf denen\nder Duft des Champagners wie eine schäumende\nWolke schWamm. Marta-Bianka ging mit lang-\nsamen Schritten dem Eingang zu. Sie; wollte zu\nihrer Mutter und sie bitten, ihr nicht zu zürnen.\nSie konnte nichts dafür, sie fürchtete sich zu sehr\nallein im Haus, wenn sie niemanden hatte, der ihr\ndie Blässe von den Lippen küßte und ihr langes\nHaar in die Hände nahfri, wie es ihre Mutter immer\ntat. Sie würde ihr nicht böse sein, daß) sie ihr\n\nSchiaß"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.3", "texte": "nächkalm, und würde sie nicht strafen. Es war\nNacht und sie ganz allein.\nAn der Tür eines Vorsaals banden ihr zwei\nDiener eine Maske vor die Augen. Ein Fasdiings-\nfest im1 Frühling, dachte Marta-Bianka und öffnete\ndie Tür zum Saal. Eine jauchzende Tanzmusik\nlockte, sehnsüchtig und wundervoll, heiter und\nträumerisch, als1 ob bunte Perlen von den Fiedel-\nbogen zur Erde rollten, schmerzlich und schwär-\nmend. Liebeslieder, in denen Glut und Andacht und\nVerlangen brannte, und die süß: waren wie die\nKüsse einer Frau. Helles Licht umfing sie. Sie\nmußte die Augen schließen und tastete hilflos mit\nden Händen nach1 der Wand. Als sie aufsah, strahlte\nder silberne Saal von Blumen und Lichtern, mit\nschimmernden Glastränen an den Lustern und\nfarbigen Kristallen vor den Flammen. Die Musik\nspielte unsichtbar hinter einem Vorhang. In der\nMitte des Saales saß Daniel Jesus auf einem schär-\nlachfarbenen Thron neben einer nackten, unge-\nheuren Frau, die das Haar wie eine Krone gebunden\nhatte und mit leuchtendem Gesicht den buddigen\nJesus ansah. Und in der Runde tanzten die Men-\nschen toll und erhitzt im Rausch, den die Musik\nüber die Herzen brachte, und der schwer und rot\nwie die Liebe ihr Blut überkam beim Tanze. Alle\nWeiber trugen eine Maske und waren nackt wie die\ngroße Frau in der Mitte auf dem Thron. Das grelle\nLicht der tausend Kerzen funkelte auf der weißen\nHaut, die feucht und matt geworden war in den\nlüsternen Stunden des Abends wie der Opal, der\nin den Ohrgehängen der Gräfin glomm. Marta-\nBiankäs Augen hatten sie jetzt im Gewühl der\nGäste gefunden. Ein langer, wasserblauer Schleier\numflog ihren Leib, dessen gelbe Glut sich seltsam\nfvon dem Milchglanz; der andern abhob1. Ein goldener\nRing hielt das Gewebe am1 Halse zusammen, dort,\nwo die rote Narbe wie ein Rißi durch die dunkle,\nklopfende Ader ging. Die knochigen Hände Valen-\ntins, der mit der Gräfin tanzte, hätten breite Lücken\nin ihren Schleier gerissen, daß sie mit nackten\nBrüsten und mit nackten Schenkeln in seinen Ar-\nmen hing, gerade wie die andern Tänzerinnen, die\nMarta-Bianka nicht erkannte.\n* *\n*\nEin brauner, biegsamer Körper glitt durch den\nSaal, mit stählernen Muskeln an den hägern Glie-\ndern, schlank und zäh wie eine Katze. Die Zi-\ngeunerin. Durch die zitternden Frauen und die\nstammelnde Lust der Tänzer entkam sie zum Fen-\nster, das1 zur Hälfte offen stand. Sie stieß es aüf\nund pfiff mit den Lippen. Draußen kratzte der\nMörtel an den groben Schuhen des Schusters, der\nam Gesimse emporkletterte und mit beiden Händen\nairi Rande des Fensters hing. Jetzt hob sich1 sein\nwildes, totenbleiches Gesicht in die Höhe, und seine\nAugen stierten in den Saal.\nSiehst Du Dein Weib neben Daniel Jesus?\nSiehst Du, wie er die Finger in ihr glühendes\nFleisch legt, und wie sie den Mund öffnet im\nGlück?\nDie Augen des Schusters wurden groß und leer\nwie ein finsterer Schacht. Die Lichter der Decke\nund in den Leuchtern starben auf einmäl In ihrer\nDunkelheit. Und die Zigeunerin kniete vor ihm\nund flüsterte mit zuckender Zunge:\nSiehst Du Dein Weib, Schuster Anton? Siehst\nDu Dein Weib?\n% %\ng ; . i'-\"'!\"\"! ' I\n, ! I\nMarta-Bianka lehnte noch immer an der Tür.\nSie verstand diese Nacht nicht mehr. In ihrer Seele\nwar ein Grausen und ein seltsamer, steiler Schrecken\nvor Daniel Jesus und der Frau mit dem ungeheuren\nLeibe, die neben ihm1 auf dem Scharlach saß und\nihr rotes Haar wie eine Krone gebunden trug. Sie\nfürchtete sich vor de'mi Schimmer in den Blicken\nder Weiber, die an ihr vorüberflogen, vor der Musik,\ndie nicht einhielt zu spielen, und vor ihrer Mutter,\ndie nackt unter Hundert Leuten tanzte. Sie Wollte\nzu ihr, sie bitten, mit ihr nach1 Hause zu gehen.\nVier Hände hielten sie zurück; sie wandte sich\num. Zwei Lakaien zeigten auf ihre Kleider und\nbewegten den Kopf. Sie waren stumm und konnten\nnicht reden. Marta-Bianka Verstand sie. Ihr Ge-\nsicht war bleich geworden, wie die Liebe, die sie\neinmal im Herzen getragen hätte vor vielen Tagen.\nSie knöpfte langsam1 ihr weitet Gewand am Halse\nund an den Schultern auf und stand nackt unter den\nübrigen, i J.i _i _l'. i :\nEin Kind — hörte sie erstaunt eine Stimme\nrufen.\nDie Leute wichen betroffen zurück und bildeten\neine Gasse, durch die Marta-Bianka zu ihrer Mutter\nschritt. Die Frauen unterbrachen den Tanz und\nsahen sie an und wunderten sich. Ihr bernstein-\ngelbes Haar floß wie ein Bach über ihren silbernen\nRücken, und ihr Leib war weiß wie eine Birke.\nIm grellen Licht der Kristalle funkelten die Warzen\nihrer kleinen Brüste wie zwei Wunden, und ihre\nAugen blickten weit und voller Demut, als sie vor\nden Füßen ihrer Mutter kniete. Die Gräfin er-\nschrak. Verwirrt und erschüttert suchte sie in dieser\nStunde den Weg zu ihrem' Kinde, wie sie ihn einmal\nin jener Nacht gegangen war, als Marta-Bianka ihre\nBeichte sagte. Sie stand und zitterte. Da hob Valen-\ntin mit beiden Händen das knieende Kind vom\nBoden auf und lachte:\nKomm tanzen, Bianka!\nBianka schaute zu ihm1 auf. Sie kannte jenen\nGlanz in seinen Augen. In den Augen des Barons\nSterben hatte sie ihn oft gesehen. Baron Sterben\nwar tot. Hatte er seine Augen an fremde Männer\nvererben können? Baron Sterben war tot. Sie hatte\nihn sehr geliebt, sie hatte ihm1 alles zuliebe getan,\nseiner Augen wegen, dieser Augen wegen, die sie\njetzt wiedersah.\nDie Gräfin stand noch imilaer schweigend und\nzitterte. Der Schleier an ihrem1 Hals war zerrissen\nund die Narbe glühte auf ihrem Nacken. Bianka\ntrat einen Schritt näher und schaute Valentin an\nund seine grausamen Hände, und sagte leise,\nstockend und heimlich wie im Schlaf:\n„Mutter — wer — hat — dir —?\"\nUeber das Gesicht der Gräfin ging ein Schauer.\nMit großen, schreckhaften Augen sah sie zu Valentin\nhinüber. Der hatte seine Hände um den Leib\nBiankäs gelegt und sprach im Fieber immer die-\nselben Worte:\n„Komm mit mir tanzen — Marta-Bianka!\"\nEine gelle heischende Trompete blies1 einen\nklingenden Tusch irgendwo im Saale. Daniel Jesus\nund das ungeheure Weib standen von ihrem Sitz\nauf, und die zwei stummen Lakaien trugen eine\nschwarze Krone herein, in der die Edelsteine toten-\nblaß wie Tränen waren. Und Daniel Jesus1 nahm\nden schwarzen Reifen und setzte ihn auf seinen\ngroßen phantastischen Kopf. Die Musik1 begann\neinen wilden hetzenden Takt zu spielen. In den\nAugen Valentins zerriß ein Licht.\nMarta-Bianka stand weißi wie eine Flamme.\nSie sah das Gesicht Valentins und die Narbe der\nGräfin, sie sah die Krone, die Daniel Jesus trug,\nund die beiden Lakaien, denen er die Zunge aus\ndem Munde geschnitten hatte, damit sie stumm sein\nmüßten, ihr Leben lang. Ein irrsinnigesl, großes\nEntsetzen fiel in ihr Herz. Sie dachte an den Baron\nSterben und an die tote Valeska, ohne irgend einen\nZweck. Einen langen hellen Schrei tat sie im\nSchrecken, daßi alles aufschaute und es still ward\nund man das Klirren der Glaskristalle an den Metall-\nlustern der Decke hörte. Sie sah' ihrer Mütter mit\neiner bangen, verzweifelten Liebe in die starren\nAugen, schrie noch' einmal, und floh wie eine Tolle\naus dem Saal, an den nackten Brüsten der Frauen\nvorbei und an dem1 riesigen Leibe Margaretens1,\nneben der die Krone auf dem' Schädel Daniels\nschmerzlich wie eine Natter lag. Sie lief. Sie lief\ndie Treppe hinab in den Garten, nackt und mit der\nschwärzen Maske vor den Augen. Weiter fort im\nEntsetzen. Vor den Fenstern des Saales lag die\nZigeunerin wie eine Puppe im' Gras und schaute\nlächelnd, die Augen von einem1 blinden Irrsinn ver-\nlöscht, zu dem großen Akazienbaum auf. Der\nstreckte einen starken, blühenden Ast in dasl Fenster\nhinein, an dem sie vor einer Stunde gekniet und\nmit dem Schuster geflüstert hätte.\nDie Zigeunerin lächelte mit einem heißen, son-\nderbaren Mund. Farbige vergessene Tränen stießen\nan ihre Seele wie die Goldfische an die Kugelwände\ndes Glases. Ihre Flossen blitzten im Wasser und\nläuteten.\nDie Zigeunerin lächelte. Sie lächelte erstaunt\nund härm los wie ein Kind, und war froh, weil sie\nsich an nichts' erinnern konnte. Sie lächelte nur,\nweil der Schuster Anton, der sich1 oben auf dem\nAkazienbaum an ihrem Gürtel erhängt hätte, die\nAugen und den Mund aufrißi wie die goldnen Fische\nim Glase... Du bist weißt wie ein Toter, Schuster\nAnton, und ich1 häb dic!h} liebl\nde, :\nDie Straße, Von der man den Springbrunnen\niml Garten der Villa Jesus! belauschen konnte, wenn\ner sieh mit dem Fliederstrauche neckte, war ganz\nerfüllt von Mondschein und Sternen, Der Wind\nblies aus einer fernen, kleinen Wolke einen warmen\nRegen in das Licht. Silberweiß! wie eine Birke, das\ngelbe Haar über den erschreckten Augen, nackt\nund mit der schwarzen Maske vor dem Gesicht,\nlief Marta-Bianka mit ihrem Herzen voll Grauen\nund Liebe. Sie lief in einer unbekannten Rich-\ntung, die seitab von der Stadt führte, weiter und\nweiter, und das Blut ihrer zerrissenen Füße blieb\nan den Steinen der Straße kleben wie rote Korallen.\nEnde\n\nGespräche mit Kalypso\nAchtes Gespräch: Indes die Göttin krank\nliegt / Von den hôheren Tonordnungen\nUeber die Musik\nVon Alfred Döblin\nDer Alte\nEs gibt engere und losere Verbände, mein\nFreund; Du zeigtest den Weg zu einem schon\nrecht engen, einfachen Verband. Aber Du mußt\nnicht glauben, so den strengsten und engsten Ver-\nband finden zu können. Deine Tonfolgen werden\ndurch die Einheit der Wiederkehr zusammenge-\nhalten, doch gibt ihnen diese Einheit keine Gliede-\nrung. Du merkst, worauf ich ziele. Sie fügen sich\nwie Kettenstücke hintereinander, aber die Kette\nschließt nicht. Eine Ordnung wird für den Ver-\nband gefordert, welche die wiederkehrenden Reihen\nunterscheidet und wertet, sie gliedert, so ein\nGanzes aus den Einheiten schafft. Du wirst zu-\ngeben, daß Deine Fuge wie Dein Kanon eher einem\nHaufen als einer marschierenden Truppe ähnelt.\nEin Mittelpunkt soll geschaffen werden, ähnlich dem\nTonmittelpunkt für die Tonhöhen, und nähere und\nweitere Entfernung; es soll über- und untergeordnet\nwerden; eine Herrschaft, eine Hierarchie will wieder\nPlatz greifen. Sollen die Gruppen gewertet Und\ngewürdigt werden, so kann dies auf einem Wege\ngeschehen, auf dem auch sonst in der Müsik ge-\nwertet wird, mittels der Tonleiter: die wieder-\nkehrenden Gruppen kehren auf verschiedenen Stufen\nder Tonleiter wieder. Ich kann es so fassen: die\nganze Einzeltonfolge wird als ein Ton genommen,\ndie Tonbewegung in einer Folge erfolgt um einen\nHauptton herum; die einzelnen Haupttöne aber\nsind durch die Tonleiter einander untergeordnet oder\nbezogen, oder centriert auf den gemeinsamen Grund-\nton des Verbandes. — Wie nun stellt sich dieses\nWertsystem dar, wie regelt es sich, welche Ton-\nfolge zeitlich vor der andern, welche zuletzt er-\nscheinen soll ? Diese zeitliche Gruppierung Und\nOrdnung hat mit der Tonleiterordnung nichts zu\nschaffen. Die Hierarchie der Tonhöhen ist über-\nzeitlich; und so hat der Grund ton nichts mit dem\nEnde zu tun, der fünfte nichts mit der Mitte, Und\nso fort, in Schluß und Halbschluß. Es tritt aber\ndie Nötigung ein, da Tonfolgen sich zeitlich reihen,\ndie überzeitliche Wertung einer fest vorhandenen\nzeitlichen anzupassen. Denn einzelne Punkte jedes\nAblaufs sind an sich ausgezeichnet, weil sie natur-\ngemäß auffallen, so der Anfang, besonders das\nEnde, im geordneten Zusammenhäng jeder Gliede-\nrungspunkt. DaS Ende einer Bewegung erscheint\nleicht als Ziel dieser Bewegung; Was zeitlich ver-\nläuft, kann diese Wertsatzungen nicht vernach-\nlässigen und umgehen. Wenn die überzeitliche Ord-\nnung der Tonfolgen im Verband sich auch' zeit-\nlich darstellen will, so wird sie sich dieser Wertung\nbedienen, das Ende der Bewegung, als! den wich-\ntigsten Punkt, anerkennen im Grundton, ihn, aüf\nden sich alles zubewegt. Die Bewegung der wieder-\nkehrenden Tonfölgen kann dann in dem Weiter-\nschreiten von den ferneren zu den näheren „Ver-\nwandten\" des Grundtons liegen, oder in Abkehr\nvon ihm1 und Umkehr, oder ähnlich1, denn dies be-\ndarf keiner starren Bestimmung, wofern nur der\nGrundsatz feststeht der auch zeitlich geordneten,\nscheinbar zielbegabten Bewegung.\nIch weise Dich auf das Lied; es hat die gleiche\nBindungsweise oder die Form wie die Fuge, Es\nist aber geordnet und gegliedert wie keine mwi-\nfäliscHe Fpita §knst; äas engste ögbikte der\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.4", "texte": "Musik; mit einer Fülle von Sonderbestimmungen:\nfür die Häufigkeit der Wiederkehr ihrer Truppe,\nder Zeitlänge dieser Tonfolge, der Tonstufe, auf\nder die jeweilige Wiederkehr zu erfolgen hat. Es\nist das Muster einer kleinen geschlossenen Form;\nwegen der Kleinheit aber, und der Fülle der Sonder-\nbestimmungen nur etwas Ausnahmsweises, Ge-\nlegentliches in der Musik, wenngleich das Volk\ndie Sangbarkeit liebt und darum das Lied Und\nLiederartiges allein für Musiik hält. Das Lied ist\neinfach wie das Einmaleins, trägt nicht hoch. Und\ndie Musik ist weit entfernt, aus dem Lied ge-\nwachsen zu sein, als ihrem Mutterboden; sondern\ndas Lied ist selber ein merkwürdiges, sehr beson-\nderes Gewächs. Eine rasch übersehbare,, auch\nelastische Form ist es; ein Weiser hat sie den\nGipfel der Musik genannt. Er hat sie auch dem\nMenschenleben verglichen; aber wie schnellfertig\ndachte da der Weise. Sie ist nicht der Gipfel der\nMusik, und wo hat das' Menschenleben die wieder-\nkehrenden Gruppen, die Perioden, wie nennt sich\ndie Ordnung, die diese Gruppen verschieden wertet,\nwer kann das Ende des Liedes sein Ziel heißen?\nAber recht gebe ich ihm anders, als er will: auch\ndas Menschenleben hat kein Ziel, jedoch scheint\nes eins zu haben.\nVon dieser engsten Bindungsweise führen viele\nAbstufungen zu lockeren bis zu den freien offenen\nFormen. Je mehr sich die Bindungsweise vom Lied\nentfernt, um so näher gerät sie an die Reihen-\nbildung. Ich erinnere Dich an die Riesenreihe man-\ncher Sinfonien, die Du gehört hast, — an diese Un-\ngeheuren, schwerfälligen Maschinen; ich erinnere\nDich an die unendliche Melodie. Hier scheint ein\nvölliger Zerfall der Bindung eingetreten, und es\nscheint zu herrschen, was ich musikalische Ideen-\nflucht nennen möchte, und gewiß trifft dieses1 Ur-\nteil vom Standpunkte des Liedes zu. Jedoch herrscht\nauch in den freisten dieser offenen Gebilde ein\nZusammenhang, jedoch nun nicht mehr der, auf\ndessen Boden die Fuge und das Lied erwächst,\nsondern immer mehr jener niedere frühere, der\ndie Bestandteile der Formen zusammenbindet, die\nUebereinstimmung mit Tönendem und Tonhaften\nder Wirklichkeit. Hier wirft sich die Wirklichkeit\ngewaltig der Musik an die Brust. Ich möchte sagen:\nFuge und Lied sind Perlen, die die Musiik1 ans\nLand gewellt hat; die Schöpfer der offenen For-\nmen, mit diesem Schmuck unzufrieden, stürmen ans\nMeer zurück, wühlen in ihm nach neuen Kostbar-\nkeiten.\nSchluss des achten Gesprächs in Nummer 21\n\nLiegt der Friede in der Luft?\nEine Entgegnung\nVon Siegfried Pfankuch\n\nMan schaut gern durch das1 dicke, phantastisch\ngekrümmte Riesenfernrohr Paul S C h e e r b a r t, das\nuns wundersame kosmische Weltenreiche im blaß-\nlila Morgendämmerungsnebel erschauen läßt.\nWenn nun Paul Scheerbart plötzlich sein teles-\nkopisches Riesenauge auf die kleine, zarte Erdkrume\nrichtet und mit seinem Milchstraßen-Humor die\nniedlichen Selbstverständlichkeiten betrachtet, die\ndie leider immer nur noch mit zwei Beinen einher-\ntaumelnden Menschen verrichten, dann wehe allen\n„Diesseits\"- Fühlenden und allen nach1 ganz simplen\nKohlen-Wasserstoff-Atomen duftenden Gedanken!\nAber trotzdem bleiben wir ihm dankbar, daß er\nmenschlich' zeitgemäße Betrachtungen überhaupt\nnoch anstellt, daß seine Blicke und Gedanken, die\nschon im besseren Jahre 2010 leben, ab und zu\nauf uns kommen.\nEine solche Umkehrung ist sehr selbstlos. Denn\nschließlich wird doch' auch ein Geist, wie der Scheer-\nbarts von dem astralen Luxus und dem Komfort\njenseitiger Weltenräume verwöhnt.\nDer „Sturm\" hat uns nun kürzlich aus' Scheer-\nbarts Asteroiden - Laboratorium1 etwas „Mensch-\nliches\" an unseren sandigen Gedankenstrand ge-\nworfen. Scheerbart findet an des Dr. jur. h. C.\nGrafen Zeppelin Worten einen Haken, an dem1 er\nsich zu einer zeitgemäßen Betrachtung verankert.\nTrotzdem das Thema über „das neue Kriegsinstru-\nment\" knapp „für ein übliches Feuilleton\" Stoff\nbietet\", so schließt es in ihm1 nicht den Gedanken\naus, „e§ wäre wünschenswert, daß) die Militär-\nschriftsteiler zu dieser seiner Betrachtung sich\nbaldigst äußerten\".\nAllerdings fügt Scheerbart dieser Herausforde-\nrung noch hinzu: „Ich weiß, daß sie das! nicht\ntun\".\nDaß nun ein Laie antwortet, ist fatal.\nDem greisen „Marschall der Lüfte\" möchte\nScheerbart einige Selbstverständlichkeiten erzählen\nund ihn über Zweck und Bedeutung seiner Taten\naufklärend berichtigen.\nPaul Scheerbart neigt im Gegensatz zu dem\nGrafen Zeppelin der Ansicht zu, daß die Wehr-\nfähigkeit des Heeres! durch Luftschiffe nicht ver-\nmehrt werde, sondern einfach, daß die Lenkbaren\nden ganzen Militarismus1, wie er leider Gottes jetzt\nnoch besteht, in zwei, drei Jahren überflüssig mache.\nDie Zeppelin-Luftkreuzer sind das! Ende des\nganzen Militärstaates und damit der Anfang vom\newigen Frieden auf Erden.\nEs regnet eben so lange von oben Dynamit\n(bei Scheerbart meistens in der Nacht), bis keine\nFeindesseele mehr zum Himmel fliegen leann.\nDas Königlich preußische Kriegsministerium ist\nverschnupft, weil es in zwei oder drei Jahren keine\nExistenzberechtigung mehr hat. Es wird den\nHerren in der Leipziger Straße immer kühler, weil\nsie die eisige Nähe des ewigen Friedens! in Gestalt\ndes Engels Zeppelin sich hernieder senken sehen.\nDas arme preußische Kriegsministerium ist\nzeppelinkrank. Es ist deshalb so merkwürdig kühl\ngegen den Grafen Zeppelin, weil sie in ihm1 ihren\nTodesbazillus \"fürchten. Denn es ist ja mit Paul\nScheerbart vollständig davon überzeugt, daß der\nMilitarismus nicht nur überwanden werden muß,\nsondern durch einige hundert Zeppelins in zwei oder\ndrei Jahren — vielleicht dauert die Entwicklung\nauch etwas länger — zugrunde gerichtet wird. In\nrichtiger der Bedeutung Zeppelinscher\nLuftschiffe für den Militarismus ließi auch' jüngst\nder Chef der Verkehrstruppen in Limburg einen\nKreuzer davonfliegen.\nScheerbart folgert nun, man brauche nicht\nMilitärwissenschaft studiert zu haben, um einzu-\nsehen, daß, Luftflotten im Kriege alles! vernichten,\nwas aussieht wie eine Pickelhaube oder ein Fort.\n„Das ist alles furchtbar einfach', wohl zu ein-\nfach. Ein Intelligenzaufwand ist für den Luftkrieger\nbeinahe gänzlich überflüssig.\"\nMan schmeißt eben dauernd von oben mit\nDynamit. Das ist so einfach1.\nScheerbarts folgerichtiges Nachdenken gipfelt\nin der Hoffnung, daß das neue Kriegsinstrument\ndes Grafen Zeppelin die Dummheit — auCh eine\nfolgerichtige — von Luftkriegen und vom1 Luft-\nmilitarismus klar erweise, und man sich beizeiten\nbesinnen und einen Zusammenschliußi der europä-\nischen Kriegsstaaten nicht ferner für ein Unding\nhalten werde.\nWenn der Allerwelts-Geheimrat Rudolf Martin\nseine Phantasien über Luftkriege zum' Besten gibt\nund der staunenden Menschheit aus dem' so reichen\nAntiquitätenschätze seiner Schlüsselloch - Erfahrun-\ngen etwas vortrompetet, was er bei seinen Flug-\nund Absturzsprüngen über die Vorder- und Hinter-\ntreppen einiger Ministerien ergattert, dann findet\nman das in Berlin W. ganz ergötzlich1.\nWarum will denn nun durchaus Paul Scheer-\nbart mit Herrn Rudolf Martin konkurrieren ünd das\nungesäte Gras besser wachsen hören als dieser\nmoderne Lauscherheld?\nIch nehme Scheerbart vielleicht zu ernst. Er\nhat vielleicht einen Planetenwitz gemacht und hören\nwollen, wer darauf hereinfiele.\nNun, Herr Scheerbart, ich bin so frei!\nScheerbart hat sicher nicht das! Patent, als Luft-\nschiff-Kapitän oder als! Pilot erhalten. Er gehört\nauch sicher nicht einem' jener feudalen Klubs1 an,\nderen Mitglieder ab und zu einmal über eine Millio-\nnenstadt fliegen. Für einen verkappten Aktionär\nder Zeppelin-Luftschiffahrts-GesellsChaft halte ich'\nScheerbart erst recht nicht.\nAlso ich nehme an, Scheerbart hat noch keine\nFlugversuche gemacht.\nDas ist allerdings eine Hypothese. Aber ich'\nweiß, daß ich damit auch seinen Trumpf in Händen\nhalte.\nIch möchte das Bild vom grauen Kater am\ngrünen Tisch nicht auf Paul Scheerbart anwenden,\ndenn ich kann mir denken, daßi er vor einem Kater\nim Grünen ebensoviel Abneigung hat, wie vor einem\nKriegs im' Grauen1. ' 1 !\nScheerbart meint nun ernsthaft:\n„Wenn hundert, wenn zweihundert Zeppelin-\nLuftkreuzer gebaut sein werden, dann ist die Auf-\nlösungsfrage der Armeen und Marinen kein\nschlechter Witz mehr, sondern nur tatsächlich1 feine\nFrage der Zeit.\"\nScheerbart, der sich in diesem Falle um das\nlumpige Finanzielle gar nicht erst kümmert, hat $ich\nnicht die ganz interessante Frage vorgelegt, wo\ndenn der preußische Kriegs'minister dasl bißchen\nGeld in zwei oder drei Jahren, — so schnell geht\nwohl die Sache bei Scheerbart — hernehmen soll,\num zwei- oder dreihundert Luftkreuzer zu bauen,\nund was zweihundert Luftschiffe überhaupt ohne\nSoldaten anfangen sollen, die doch, ganz abgesehen\nvon den Bedienungsmannschaften, Landungen ünd\nAufstiege decken müssen!\nVielleicht macht Scheerbart, der ja mit 'dem\npreußischen Kriegsministerium sehr nahe Fühlung\nbekommen zu haben scheint, diesem den Vorschlag,\ndie doch nach seiner maßgebenden Ansicht bald\nüberflüssig werdenden Infanterie-Regimenter meist-\nbietend auf der Münchener Oktoberwiese oder der\nHasenheide zu versteigern. Sdheerbart sorgt da-\nfür, daßi die Preise nicht zu sehr gedrückt werden.\nVielleicht kauft der eine oder andere amerikanische\nMulti-Billionär sich ein flottesi preußisches! Husaren-\nRegiment. Viel fürs Geld bekommen die Herren\nja auch nicht. Ab und zu dürften noch Berliner\nOperetten-Theater bei den Spandauer Militär-Be-\nkleidungswerkstätten billig einkaufen.\nWertheim oder Aschinger können für ihre\nneuen Paläste die erledigten Kanonen der in die\nLuft geflogenen Artillerie-Regimenter zweckent-\nsprechend umgießen und als Gekirohrpostanlage\noder belegte Brötchen-Schranke verwenden.\nScheerbart hat sicherlich auch' schon von jenem\nschönen Traum der besseren Mitglieder des! deut-\nschen Flotten-Vereins1 gehört, von jenen ungeheuren\nRiesen-Ueber-Dreadnaught, von jenem Linienschiff\naller Linienschiffe, das in geheimnisvoller Stille auf\neiner großen deutschen Werft im Bau sein konnte.\nDieses Riesen-Linienschiff hat ein zwanzigfaches —\n(Eingeweihte behaupten ein hundertfaches —) De-\nplacement als das' größte augenblicklich1 im Bau be-\nfindliche oder existierende Schiff der ganzen Welt.\nEs hat so starke Panzer, daß jedes! Geschoß\nwirkungslos an ihm abprallt. Kurz, die Sache ist\nauch hier furchtbar einfach. Der Riesenkoloßi fährt\nmit rasender Geschwindigkeit unbehelligt durch den\nBomben- und Granatenhagel der ganzen englischen\nFlotte schlankweg hindurch.\nIm selben Augenblick, wo ein S'olcHes Kriegs-\nschiffsungeheuer, das von deutschen Fürsten und\nMagnaten aller Schattierungen finanziert werden\nkönnte, einen deutschen Hafen verläßt, ist die\nganze englische und internationale \"Flotte keinen\nroten Heller wert. Die wenigen deutschen Schiff-\nchen allerdings auch' nichts1.\nScheerbart sieht aus diesem1 Traüm der Flotten-\njünger, daß sein Problem1 sich1 nicht nur in der\nLuft abzuspielen braucht.\nDer Friede kann auCh im! Wasser liegen.\nIch möchte Paul Scheerbart fragen, ob! mit der\nEinführung der Eisenbahnen, der Elektrischen, der\nAutomobile das Zu-Fußrgehen überflüssig gewor-\nden ist ? . ' r , M.! ,I. [ I [ '\nWeiter möchte ich1 Paul Scheerbart fragen, ob1\nmit der Erfindung der Buchdruckerkünst, der Tele-\ngraphie mit und ohne Draht, der Schreibmaschine\nnicht eigentlich das Schreiben und Sprechen über-\nflüssig geworden ist?\nIch möchte ferner Scheerbart fragen, obl er \"nicht\nauCh der Ansicht zuneigt, daßi mit der Erfindung\nder Luftschiffe und Aeroplane eigentlich die Erde\nüberflüssig geworden ist?\nIch' kann nicht verstehen, warum1 sich nicht nach1\nErfindung des Schießpulvers, des Dynamits und\nNitroglyzerins alle Völker der Erde zusammenge-\nschlossen haben, um den Frieden wegen der Dumm-\nheit der Kriege in Permanenz zu erklären?\nDer Verfasser des „neuen Kriegsinstrumentes\"\nstellt sich das wahrscheinlich technisch sehr ein-\nfach1 vor, wie besagte Luftkreuzer mit Dynamit be-\npackt werden und nachts auf Kriegsschiffe, Festun-\ngen, Städte des Feindes ihren menschenfreundlichen\nund friedenstiftenden Ballast auswerfen.\nWas passiert wohl einem Luftschiff, das mit\nDynamit nur so um Sich! schmeißt ?\nUnd die Orientierung; ist ja so furchtbar einfach.\nIn der Luft braucht man iceine JX/egwelsec mit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.5", "texte": "Siegfried Wagner\n\nLaterne zu suchen, und die Luftschiffergeneralstabs-\nkarten lassen sich auf jeder besseren Wolke aus-\nbreiten.\n,'Nachts, in der Luft aus dem Hinterhalte\", heißt\nes bei Scheerbart.\nScheerbart mag sich einmal von den Offizieren\ndes Luftschifferbataillons erzählen lassen, ob das\n\"\" Herumgondeln in der Luft anstrengend für Geist\nund Körper ist oder nicht.\nEr dürfte dann etwas anders über den geistigen\nEnergieaufwand denken, den er für seine Luft-\nkrieger als so überaus geringwertig einzuschätzen\nbeliebt.\nEs mag sich ganz hübsch anhören, wenn man\ndiese romantischen Luftkriegsphantasien vernimmt,\ndie nicht einmal den Reiz haben, neu zu sein. Solche\ngläubigen Optimisten sind zu beneiden, denen die\nLuft immer noch Luft ist, und die Schwierigkeiten,\ndie sie nicht sehen, nicht kennen.\nVielleicht glaubt Scheerbart auch, daß der In-\ntelligenzaufwand proportional mit abnehmendem\nLuftdruck geringer werden könne.\nDaß man oben mit weniger Verstand auskommt\nals hier unten, hat an und für sich' etwas Einleuchten-\ndes und Verlockendes.\nUnd schließlich1 s'cheint das Thema nur ein Vor-\nwand, um wieder einmal den ewigen Frieden hoch-\nleben zu lassen.\nIch will mich hier nicht über den Begriff des\nFriedens, noch über seine Bedeutung !und seinen\nWert für den modernen Staatsorganismus auslassen,\nich möchte nur in Abrede stellen, daßi der Bau\neiner Luftflotte, und sei sie noch so stark, lunser\nLandheer oder unsere Marine je überflüssig ma-\nchen kann, und daß eine solche übermächtige Flotte\nje auf immer den Frieden zu diktieren vermöchte.\n•wrgc—^zximaamc.\nEs ist eine völlige Verkennung der Bedeutung,\ndes Wertes unrd jde;s Zweckes techniscHer, pKysi-\nkalischer, chemischer oder sonstiger Erfindungen,\nwenn man von ihnen erhofft, daßi sie Ideale ver-\nwirklichen sollen, die dem Lebensprinzip der\nMenschheit zuwiderlaufen. «\nEbensowenig wie die Entdeckung eines Mannes\ndie Hungrigen stillen und die sozialen Gegensätze\nausgleichen könnte, ebensowenig wie die Lösung\neiner der großen Du Bois Reymondschen Welt-\nrätsel der Menschheit ein neues Paradies erschließen\nwird, wo aller Kampf um Brot und Liebe in himm-\nlische Harmonie sich auflöst, ebensowenig wie es\nunserer großen sozialen Gesetzgebung und unsern\nWohlfahrtsmanövern gelingt, die breiten Massen\ndes Volkes zufriedener zu machen, so wird es a'uch\neinem Grafen Zeppelin nicht glücken, den ewigen\nVölkerfrieden der Menschheit zu schenken.\nDenn der Friede ist kein Kompromis1 in Sachen\nmoderner Gesellschaftsmoral, kein notarieller Ver-\ngleich', keine Aktiengesellschaft, die einfadi die Kon-\nkurrenz aufkauft. Der Friede ist keine Lebensform,\ndie wir mit Hilfe technischer oder chemischer Er-\nfindungen erzwingen können, um sie der beglückten\nMenschheit in Dosen zu 50 Pfennig einzuflößen.\nFürchten wir uns nicht zu sehr vor dem Krieg\nder Zukunft!\nEin luftiger Krieg, Herr Scheerbart, ist mir noch\nimmer lieber wie ein windiger Friede!\n\nGegenerklärung\nVon Paul Scheerbart\nWallenstein sagte bekanntlich1 mal zu seinen\nGeneralen:\nSeid Ihr nicht Wie die Weiber,\nDie zurück uur kommen\nAuf ihr erstes Wort,\nWenn man Vernunft gesprochen\nStundenlang?\nSo auch in der vorstehenden „Entgegnung\".\nZuletzt wird kaltblütig wieder erklärt „Marine und\nLandheer durdi Luftflotte einfach nicht umzu-\nbringen. Soldatspielen bleibt Hauptsache auf dem\"\nErdball. Dieser Kugel — daher Kugelmilitarismus\".\nEs ist zum Kugeln.\nEs müßte ein „oratorischer Orden\" gegründet\nwerden. Und der müßte nur den höheren Offizieren\nverliehen werden.\nWie sagte doch der alte Goethe?\n„Rede, Feldherr, dummes Zeug,\nDass der Feind sich krümmt vor Lachen\nDann kann er im Ernst nichts machen;\nEr muss lachen, lachen, lachen!\"\nWenn jemand ruhig niederschreibt, daß die Ent-\ndeckung eines Mannas die Hungrigen nicht stillt\n— so kann er auch schreiben: Was soll einer, der\ndrei Tage nichts gegessen hat, mit sechs guten\ngebratenen Gänsen anfangen ? Die stillen doch den\nHunger nicht!\n„Fürchten wir uns nicht vor dem Kriege der\nZukunft!\" — Das ist ein herrliches Schlußwort!\nWas ist denn Großes dabei, wenn uns der\nKopf abgerissen wird ? Ein Kopf mehr oder\nweniger — macht doch nicht viel aus. Bei Erd-\nbeben gehen auch oft die Menschen zu Hundert-\ntausenden zugrunde. Warum soll man also im\nKriege nicht mal hunderttausend Mensdien Arme,\nBeine und Köpfe absprengen? Du lieber Himmel!\nUnglücksfälle kommen doch alle Tage vor. Wer\nwird sich1 darüber aufregen? Nur keine Furcht\nvor dem Dynamit! Sterben müssen wir alle mal.\nJa! < ; I\nImmerhin: man könnte meinen, daß ich auf das\n„Sachliche\" in der vorliegenden Entgegnung wieder\nnichts zu sagen habe. Darum will ich die Sätze,\ndie sachlich zu sein „scheinen\", mit einer möglichst\nkurzen Erwiderung beglücken — wenn es mir a'uch\nschwer fällt.\nDie Geldfrage ist sehr einfach dadurch gelöst,\ndaß man zunächst die Pferde der Reiterei verkauft\nund die Festungsanlagen meistbietend versteigert.\nBeides bringt so viel Geld ein, daß jeder Staat\nsofort tausend Luftschiffe bauen kann. . . .\nFerner:' Soldaten sollen Landungen und Auf-\nstiege decken? Ja — wird man denn in Gegen-\nwart des Herrn Feindes aufsteigen und landen?\nDas wären ja Schildbürgerwitze ....\nEin Ueber-Dreadnought auf dem1 Wasser ist sd\nzu bauen, daß ihm Torpedos nichts1 schaden können?\nSo! So! Ich1 empfehle, die Landesgrenzen mit Mau-\nern zu umgeben, die von keinem Sprengstoff ver-\nletzt werden können. Die Herren Flottenvereinlei4\nkönnen diese Idee gratis1 verwerten zum1 Heile des\nVaterlandes, das1 ich so sehr liebe.\nBuchdruckerkunst und Telegraphie sind docH\nnicht Gegner des gesprochenen Wortes — wie sollen\nsie da dieses überflüssig machen? Und die Eisen-\nbahnen und Automobile sind doch nidh't Gegner\nder Fortbewegung — wie sollen sie da die Fort-\nbewegung mit Hilfe der Beine überflüssig machen?\nDie Lufttorpedos aber sind Gegner der Ka-\nnonen und Kriegsschiffe — wenn sie diese leicht\nvernichten können, so werden die£e eben über-\nflüssig —, man baut nicht Waffen, die leicht Ver-\nnichtet werden können. ...\nDaß das Fahren in der Luft geistanstrengend1\nsein kann, soll gerne zugegeben werden. Wenn aber\nbehauptet wird, daß das drahtlose Dirigieren eines\nAeroplan-Torpedos oder das1 einfache Hinauswerfen\ndes Dynamits geistanstrengend ist, so kann man\ndoch nur lachen. ...\nUnd von der Schwierigkeit der Orientierung\nsollte man nicht reden. Nachts1 ist jede große Stadt\nvom Ballon aus ganz leicht zu erkennen. Und man\nbraucht doch' nur die großen Städte Auseinander-\nzusprengen — das genügt doch' im Zükunftskriege.\nMan hat mir vorgeworfen, daßi ich1 Selbstver-\nständlichkeiten erzähle, daß ich1 Dinge sage, die\nandere Leute schon tausendmal gesagt haben. Jä\n— warum' wiederhole ich denn diese Luftkriegs-\nspäße immer wieder? Doch nur in der Abstellt,\ndem1 Land- und See - Militarismus dadurch den\nGaraus zu machen.\nUnd wenn man nicht bald den Anfang fciiif\nder Auflösung macht, fco wird man sich an außer-\neuropäische Großmächte wenden. Die TZuropäef\nwerden dann bald „gezwungen\" werden, den „Ver*\nalteten\" Militarismus an den Nagel zu hängen. Idi\nfreue mich schon auf dieses Ereignis."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.6", "texte": "Nissen als Theaterdirektor\nVon Karl Vogt\nH. W.\nI:m Jahre 1905 war der Vertrag Niessens mit\ndem Burgtheater in Wien abgelaufen. Um diese\nZeit wurde die Direktion des Neuen Theaters in\nBerlin frei. Unter den vielen ernsthaften Kandi-\ndaten für die freigewordene Direktion befand sich\nauch Nissen. Er überbot alle seine Mitbewerber\nund schloß durch die Agentur Ledner den Vertrag\nwegen Direktionsübernahme ab. Stolz veröffent-\nlichte er sein Programm in der B. Z. am Mittag.\nDanach waren alle Theaterdirektoren nichts wert-\ner werde endlich der eigentlich' theatralischen Kunst\neinen Tempel bauen, denn den Dramatikern vom\nSchlage Philippis, Fuldas, Max Dreyers, fehle noch\nimmer die Heimstätte.\nAm Tage, als er die erste Rate seiner Pacht-\nsummt bezahlen sollte, war Herr Nissen aus Berlin\nverschwunden. Ledner, der mit dem ganzen An-\nsehen seiner großen Firma sich in gutem Glauben\nfür Nissen eingesetzt hatte, suchte ihn in allen\nHotels; Herr Nissen war nicht zu finden. Ledner\nversuchte nun geschickt und vornehm' die Sache\naus der Welt zu schaffen und fand auch einen\nBewerber, der in den Pachtvertrag mit dem Neuen\nTheater eintrat.\nIn Wien aber erregte es schallendes Gelächter,\nals Nissens Erklärung bekannt wurde, er sei von\nder Direktion des Neuen Theaters zurückgetreten,\nda ihn seine Geldgeber in Stich gelassen hätten.\nDenn es war hier ein öffentliches Geheimnis, daßi\nNissen das Geld durch eine Kollegin vom1 Burg-\ntheater erhalten sollte, ein Fräulein W., zu der\ner in mehr als freundschaftlichen Beziehüngen stand\nund die einen reichen Liebhaber bewegen sollte,\ndas Geld für Nissens Unternehmung herzugeben.\nAls Gegenleistung sollte sie einen zehnjährigen un-\nkündbaren Vertrag an das Neue Theater erhalten;\nim Vertrauen darauf hatte sie ihr Wiener Engage-\nment gelöst und sah sich jetzt existenzlos; durch\neinen günstigen Zufall, und dadurch, daßi sie wirk-\nlidh eine gute Schauspielerin war, gelang es ihr\naber, dann wieder ins Ensemble des Burgtheaters\nzu kommen.\nDie Genossenschaft eifert jetzt so emphatisch\ngegen die Schiebungen, unsauberen Manöver, Wei-\nberwirtschaft und außergeschäftlichen Interessen,\nJunter denen so manche Theatergründungen zu-\nstande kämen. Es1 ist bemerkenswert, daßi der Ton\nder sittlichen Entrüstung unter dem Präsidium des-\nselben Mannes gepflegt wird, der, wie Karl Kraus\nsagt, mit Gestank vom Throne seines Reiches schied.\nWenn gewerbsmäßige Zuhälter die Liebhaber ihrer\n„Verhältnisse\" ausbeuten, so ist das nichts Neues.\nWenn aber der Ehrenmann, der sich' von den Ge-\nnossenschaftern tausend Kundgebungen des Ver-\ntrauens und der Verehrung entgegenbringen läßt,\nnoch in neuester Zeit mit dem Oelde, das ihm\nseine Geliebte von einem reichen Liebhaber ver-\nschaffen sollte, ein Theater aufmachen wollte, so\nist das wohl ein Fall, wie ihn die Theatergeschichte\nnoch nicht verzeichnet.\nNissen hatte, als sein Vertrag mit dem Burg-\ntheater zu Ende war, einen längeren Vertrag zu-\ngeschickt bekommen, ihn aber ruhig liegen lassen\nund die Direktionsgeschäfte mit dem Neuen The-\nater betrieben. Auch1 in Wien ließ) er sich inter-\nviewen, verhandelte in den Räumen des Burg-\ntheaters mit Schauspielern, Autoren, Technikern,\nkam mit Leuten wie Kramer, Novotny usw. bis\ndicht vor den Abschluß, erwarb last über ein\nDutzend Stücke, bis die Sache das bekannte schmäh-\nliche Ende nahm.\nUm sich selbst aus dem allgemeinen Schiff-\nbruch zu retten, erinnerte sich Nissen jetzt seines\nerneuerten Vertrages mit dem Burgtheater. Ob-\nwohl Wochen vergangen waren, ohne daßi er den-\nselben gegengezeichnet hätte, und obwohl er vier-\nundzwanzig Stunden vorher noch durch seinen\nAgenten um Lösung des Vertrages gebeten hatte,\nder ihm gewährt wurde, schickte er den Vertrag\nauf einmal unterzeichnet zurück in der naiven An-\nnahme, das Burgtheater sei während der ganzen\nZeit gebunden gewesen.\nDie oberste Hofbehörde, die es grundsätzlich\nauf einen Prozeßi nicht ankommen lassen wollte,\nließ sich als Kompromiß auf einen kürzen Vertrag\nmit Nissen ein, der jedoch dann in neuen und\nnennenswerten Rollen nicht mehr beschäftigt wurde.\nAm interessantesten sind freilich die beson-\nderen Machenschäften, die Nissen versuchte, um\nseine Direktionsführung Vorteilhaft und möglichst\ngefahrlos zu gestalten. Weit über einhundert Schau-\nspielern ließ er durch seine Agentur Verträge an-\nbieten. Von dem1 Inhaber der Agentur gefragt,\nob er denn — als früherer Genossenischaftspräsi-\ndent — Genossenschaftsverträge führen wolle, ver-\nneinte er das hohnlachend und entwarf im Gegen-\nteil ein Vertragsforlmular, welches sich der Agent\nweigerte, aus seinem Hause zu schicken! Mit dem\nHinweis, die Schauspieler läsen ja doch' nicht die\n(Verträge, die sie unterschrieben, wollte Herr Nissen\ndie Kündigung unter den besonderen Bestimmungen\nstreichen, unter den allgemeinen Bestimmungen aber\nein einseitiges Prolongationsrecht zu seinen Gun-\nsten einschmuggeln.\nDie Unruhe, die Nissen mit seiner Direktions-\naffaire in Berlin erregt hatte, schlug so weite Kreise,\ndaß: ein sehr zahlreiches! Publikum hiervon unter-\nrichtet ist. Im! Zusammenhang damit erklärte im\nDezember 1905 ein bekannter Berliner Bühnenleiter\nim „Berliner Börsen - Courier\" wörtlich über\nNissen: „Ich kann ihm den Vorwurf der bewußten\nUnwahrheit nicht ersparen und bin bereit, diesen\nschwer wiegenden Vorwurf Vor Gericht zu er-\nhärten\". Der „Genossenschaftspräsident\", wie er\nsich immer emphatisch nennt, wenn es sich um\nganz persönliche Dinge gegen ihn handelt, be-\ngnügt sich damit, zwei Tage darauf im „Berliner\nTageblatt\" zu erklären, daß er seinen Rechtsanwalt\nbeauftragt habe, die gerichtlichen Schritte gegen\nden Beleidiger einzuleiten.\nVon einem gerichtlichen Austrag der Ange-\nlegenheit hat man dann aber niemals mehr etwas\ngehört.\nIm Hause des' Intendanzrats Ledner, Berlin,\nTaubenstraße 44/45, liegen die aktenmäßigen Be-\nlege für diese Dinge, Originalbriefe des Fräulein W.,\nTelegramme Nissens Usw. Sie alle können noch\nin vielen Einzelheiten beweisen, wie gewissenlos!\nNissen mit Existenzen gespielt hat. Wie würde\nheute das Rechtsschutzbureau diesen Fall beur-\nteilen? Ein Direktor ohne Geld, ohne Konzession,\nder Mitgliedern Verträge anbietet (und was für\nVerträge), der Schauspieler aus sicheren Engage-\nments lockt, der sich das Kapital auf eine sehr\nunfaire Weise zu verschaffen sucht, um! schließlich'\n— kläglich zu stranden!\nMit Erlaubnis deö Verlags Alfred Pulvermacher\n& Co. entnommen der Broschüre NisSen: Ein\nKapitel Bühnengenossenschaft4\nWenn Herr Nissen noch eine Spur Ehrgefühl besitzt,\nWird er nicht umhin können, sich unverzüglich von\nseinen Amtsgeschäften als Präsident der Genossenschaft\nsuspendieren zu lassen. Die nächste Delegiertenversamm-\nlung enthebt ihn ja doch zweifellos seiner unrühmlichen\nTätigkeit. Vielleicht entschliesst sich die Genossen-\nschaft auch endlich einmal, die ihr alljährlich vorgelegten\ngedruckten Bilanzen von Fachmännern für Druck und\nExpedition prüfen zu lassen. Sie dürfte dabei erstaun-\nliches erfahren. Ich für meine Person will ihr bei dieser\nGelegenheit schon heute mitteilen, dass die Angaben\nim Rechenschaftsbericht der Zeitung Der Neue Weg\n(Protokoll Dezember 1909), soweit sie meine Tätigkeit\nbetreffen, unwahr, zum mindesten falsch dargestellt sind.\nDie Angelegenheit an dieser Stelle zu erörtern, hat für\ndie Leser des Sturms kein Interesse. Ein Satz der\nBilanz ist jedoch von so köstlichem Humor, dass ich ihn\nnicht gern kaufmännisch Gebildeten unterschlagen möchte:\n„Die Einnahmen sind annähernd gleich hoch den\nimVorjahr dafür erzielten Beträgen. Sie waren jedoch im\nVorjahr für z W ö 1 f Monate und sind in diesem Geschäfts-\njahr nur für neun Monate eingestellt,\"\n\nKriegsbericht\nMinimax\nDer Hallesche Sl C. ist am! Freitag abend mit\nSonderzug nach Rom abgereist und um 8 Uhr\nabends des1 nächsten Tages dort eingetroffen. Hat\nsich gleich von der Bahn im Laufschritt zum Vatikan\nbegeben, den Vatikan um1 V2IO Uhr erstürmt, die\nInsassen, Kardinäle, Bischöfe, unter die Bevölke-\nrung zerstreut, die katholische Kirche von kurzer\nHand aufgelöst, den Papst um 11 Uhr des heiligen\nStuhls beraubt. Sonnabend nacht unter 'Mitnahme\ndes heiligen Stuhls', Rüdereise per Sonderzug nach\nHalle a. d. Saale; Ankunft dort Montag früh 6Uhr;\nsofortiger eiliger außerordentlicher Frühschoppen\nunter Zuziehung sämtlicher A. H. A. H., Referat\nder Führer stud. phil. Hurtig Und Cand. th'eol.\nWimmer; finales Freudengeheul an der Fuchsen-\ntafel; Dankgebet der damit beauftragten Burschen-\nkommission unter demonstrativer Vorführung des\nheiligen Stuhles vor den protestantischen Herrgott\nzu Halle an der Saale.\n\nBeachtenswerte Bücher und Tonwerke\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet :in keinem Fall statt\nFRANK WEDEKIND\nErdgeist / Lulu Erster Teil / Eine Tragödie\nDie Büchse der Pandora / Lulu Zweiter Teil/\nTragödie in drei Aufzügen / Neu bearbeitet\nund mit einem Vorwort versehen\nFrühlingserwachen / Eine Kindertragödie\nDer Kammersänger / Drei Scenen\nDer Marquis von Keith / Schauspiel\nVerlag Georg Müller München\nJOHANNES V. JENSEN\nMythen und Jagden\nVerlag S. Fischer Berlin\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\n' \" *r\n_ J\n1\nSalon Cassirer / Viktoriastr. 35\nir II -ir-7-\nOskar Kokoschka\n■r—'■ \"—ii .\nEintritt 1 Mark\n\nft ■\n■ I\n■ 8\n■ £\nHERAUSGEBER\n| * Karl Kraus\nif\n■ 9\nMummer 303/4 . _\n■ s\nsoeben erschienen 8 9\nPre!# SO Pfg.\ni\nOberall erhAltlich\nssi 5 ; _\nSiSiMiuimnunminnm»:\n\nLanderziehungsheim Schlofl Drebkau N L\n■ Zw©i Stunden von Berlin ■\nErziehung und Unterricht nach modernen Grundsatzen\nAufnahme von Knaben u. Madchen jederzeit — Grosser Park — Turn- u. 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Wenn\nSie daher Ihre Zahne schon und gesund erhalten wollen, so empfehlen\nwir Ihnen dringend, morgens und namentlich auch abends Kosmin zu\nbenutzen, da dieses Mundwasser infolge seiner erwiesenen Wirkung das\nZahnfleisch kraftigt, die durch Speiseresie entstehende Faulnisbildung im\nMunde verhindert und dadurch die Zahne konserviert, solange dieses\nnur irgend moglich ist. Der iiberaus erfrischende Wohlgeschmack\ndes Kosmin macht den taglichen Gebrauch dieses vorzuglichen\nMundwassers bereits nach kurzer Zeit zum angenehmen Bedurf-\nnis. Preis pro Flasche, lahge ausreichend, M. 1,50, uberall kauflich."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19100714-01.1.8", "texte": "Verantwortl. f. d. Anzel^intcil: H. Gfinther / Verlag Der Sturm Berlin Halensee Geschäftsstelle and Anzeigen - Annahme: Berlin W. 35 / Druck v. Hans Walter, Berlin SW.I 3\n\nLesen und staunenl!\nUm unseren Sicherheits-Rasierapparat ~Romileti\", welcher\nalle bis dato auf den Markt gebrachten Rasierapparate fiber-\ntrifft, schnell in alien Kreisen einzufiihren, haben wir uns\nentschlossen\n5000 Stuck zum Selbstkosten-\npreise v. Mk. 6- (statt Mk. 15-)\nzu liefern.\nDieser Apparat ist aus dem allerfeinsten Material\nhergestellt, gchwer versilbert und wird in elegantem\nLeder-Etui mit 12 vorzilglichen Schneiden versandt.\n[\ni\nLassen Sie sich diese giinstige\nGelegenheit nicht entgehen !!\nBeachten Sie die grossen Vorteile, die Ihnen ein guter Apparat bietet:\n1. Qrosse Ersparnis an Zeit und Geld!\n2. Stets sauber rasiert, da Schneiden und Kratzen voll\nstMndig ausgeschlossen!\n3. Kein Warten beim Barbier!\n4. Keine Ansteckungsgefahr, wie Bartflechten usw.!\n5. Auf der Reise, auf See, im Manover usw. unentbehrlich!\n30 mal benntzt, hat sich der Apparat bezahlt gemacht! zzzzz\nDie in jeder Beziehung vorzilglichen Messer besitzen einen derartigen durch ein spezielles\nVerfahren hergestellten Hartegrad, dass sie fiir den stSrksten Bart Verwendbar sind.\nBestellen Sie sofort, denn diese 5000 Rasier-Apparate werden infolge ihrer noch\nniemals gebotenen Billigkeit bald vergriffen sein.\nSie erhalten diesen tadellosen Rasier-Apparat gegen Nachnahme von 6,30 Mk. portofrei>\nWir richten nur die bescheidene Bitte an Sie, diesen Apparat in Ihrem werten Bekanntenkreise\nzu empfehlen.\nNach Absatz dieser 5000 Apparate kosten diese 15 Mark.\nVersandbaus cbemiscber uad techaischer Neuheitea Hans Fredrich\n:: Berlin SW. 68, Kochstrasse 72 ::\n\nDcr schonstc Punkt\nin der Umgebung Berlins ist Pichelsdorf an der\nHeeresstrasse, Die letzten Wasservillenbaustellen\nan der Havel, gegeniiber Pichelswerder sollen sofort\npreiswert verkauft werden. 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