{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_sha256": "7f1de5c4085e0493ba90b60c96a7e781e17f582355fc6074eacfc9fa31e55bce", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/10/13_01/bmtnabg_1910-10-13_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/10/13_01/bmtnabg_1910-10-13_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "259", "page_fin": "259", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.1", "debut_caractere": 538, "fin_caractere_exclue": 815, "texte": "INHALT:\nOTTO SOYKA: Der Leser / PETER\nHILLE: Das Mysterium Jesu / THADDÄUS RITTNER:\nAkazia / HANS MAYER: Bildungsphilister / CORVINUS:\nAbschlachtung / J. 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Dem\nAutomobil folgen augenblicklich Automobildrama\nund Automobi lh um oreske. Kaum ein Markt der\nWelt wirii so prompt bedient wie der literarische;\nnirgends sonst sind die Produzenten von so eifer-\nvoller Beflissenheit, jede Möglichkeit der Nachfrage\nzu erraten, und jedem Wunsche zuvorzukommen.\nDurch das Uebermaß von Literatur, das heute zu\nGebote steht, haben sich eigentümliche Erschei-\nnungen in der Psychologie des Lesers herausge-\nbildet. Es entstand der Buchmensch, der sich und\nseine Ansätze Von Persönlichkeit der Literatur hin-\ngab und zufrieden ist, sein Leben nach vorge-\ndrudkteim Text nachzuleben. Es entstand der\nbesitzergreifende Leser, der auf alles Literarische,\nPersonen, Stil und Inhalt, einfach Beschlag legt\nunid sie als Nutzartikel in bezug auf seine Persön-\nlidhkeit betrachtet und beurteilt. Literatur ist ein\nGegenstand, den er wie jeden anderen bezahlt;\nQödanken und Ansdhauungen sind Waren, die an\njeder Straßenecke feilgeboten werden. Der Autor,\nfür den er sidh entscheidet, ist ihm eine Art Mode-\nstoff, mit dem er sidh nadh Gutdünken drapieren\nwill. Er wählt ihn so, daß er zu seiner Krawatte\npaßt, und präzisiert damit den Gegensatz zu seinen\nschwerblütigeren Mitmenschen. Sie tragen zeit-\nlebens Krawatten, die in Form und Farbe den\nGedanken ihrer Hauptldktüre entspredhen.\nDas Anprobieren fremder Meinungen und Ge-\ndanken geschieht !mit jener Sorgfalt, auf die eine\nHauptfrage der geistigen Toilette Anspruch hat.\nNietzsche kleidet jugendlich und ist schon zu sehr\nunter den Leuten, Sdhbpenhauer hat Unbequem-\nlichkeiten. Aehnliche Erwägungen sind bestim-\nmend. Die Weltanschauung, die man wünscht, soll\nder eigenen Lebensführung angepaßt und Vor allem\ndekorativ sein. In der schönen Literatur sprechen\naudh soziale Stellung und politische Meinung des\nAutors ein gewichtiges Wörtchen mit. Man müßte\nsidh hüten, auf das bloße Gefallen an ihren Werken\nhin, Gorki oder gar Zola zum Lieblingsautor zu\nnehmen. Daß man weiterhin für sein Geld auch\nwirklichen literarischen Wert, etwas Unerhörtes an\nGeist und Gedankentiefe verllangen kann, ist selbst-\nverständlich. Die Geistesblitze der größten Denker\nsind gerade gut genug, um1 einel Wodhe Tang ein\nkleines Gesprädhsfeuerwerk bei Ball und Soiree zu\nunterhalten. Ich kannte jefrland, der einen unge-\nheuren Verbrauch an Autoren hatte. Er war stets\naufs höchste für einen Schriftsteller begeistert und\npries ihn solange über alles, bis er einen Nadhfolger\nan seine Stelle setzte. Dann existierte der erste\nnicht mehr für ihn. So verehrte er sich zweimal\ndurdh die ganze Literatur des In- und Auslandes\nhin und zurück. Einmal, als er Von einem sehr\nModernen auf Kosten aller anderen sdhwärmte, er-\ninnerte iidi ihn daran, daß er Jean Pauli herrlich und\nerhaben gefunden habe. „Nun ja\", antwortete er,\n„weiter ist der aber audh gar nichts.\"\nDaß Kinder mit den philosophischen Gedanken\nspielen wie mit Puppen, daß Aphorismen der besten\nGeister als Gesprächsaufputz für sehr junge Leute\nzu dienen haben, daß Goethe und Shakespeare als\nTeegespräch zum Gebäck serviert werden, das sind\nErrungensdhaften von sehr zweifelhaftem Wert. Es\nsind Symptome einer naiven Respektlosigkeit vor\ndem Genie, die auCh anderwärts an der Tages-\nordnung ist. Die Drudkerpresse hat das Reich des\nGeistes audh den Unberufensten zugänglich ge-\nrn adht. Und mit wackerem Eifer schreiten Hinz\nund Kunz an die Demokratisierung dieses Reiches,\nmödhten am liebsten Meter und Kilogramm, die\nsie von ihrer täglichen Besdhäftigung her schätzen,\naudh als Masse für Geistesprodukte einführen. Es\nsieht sidh an wie eine Revolution der Armen am\nGeiste gegen die Geistesaristokratie.\nDer Leser fühlt sidh als Konsument und Auf-\ntraggeber und will bedient sein. Gegen den Autor\nhat er zweierlei Stellung; entweder er lehnt ihn\nals nicht konvenierend ab, oder er kleidet ihn und\niseine Ideen in die Livree des eigenen Hauses, indem\ner ihn zu seinem Dichter, Denker und Erzähler\nernennt. Das sind die Folgen einer literarisdhen\nUeberproduktion, die mit ihren Erzeugnissen die\nTagesblätter füllt und jedem Geschmack, jeder\nPartei nach Wunsch ihre Ware ins Haus liefert.\nWie die Dinge heute stehen, bedarf das Publi-\nkum des Schutzes gegen eine Talmiliteratur, die\nsidh reisefertig auf jedes Geschehnis des Lebens\nlegt, die Phantasie belastet, den Menschen lebens-\nfremd madht; aber zu schützen sind auch die\nliterarisdhen Schätze gegen ein Publikum, das ge-\nwöhnt wurde, in der Literatur einen Kramladen\nzu sehen, in dem der Kunde Befehle erteilt.\nZweifellos sind es Erscheinungen im literari-\nsdhen Betriebe Von heute, die an der Urteilsver-\nwirrung Schuld tragen. Außer dem1 Uebereifer\nliterarischer Handlanger schädigen vielfach Buch-\nkritiker und Bearbeiter die Literatur. Gerade die\nBuchkritik liegt häufig in den Händen von Dilet-\ntanten. Mit Rezensionen beginnt der Literat die\nMitarbeit an der Zeitung. Sie werden als Stilproben\naufgefaßt, aus denen sidh die Befähigung zum\nSonntagsplauderer oder Lokalredakteur ergeben soll.\nAlle Schäden, die aus Urteilslosigkeit und Unreife\nerwadhsen müssen, fließen in die Spalten der Buch-\nreferate. Hier ist das Dorado der Stilblüten, hier\nstehen melir apodiktische Urteile in zwanzig Zeilen\nal!s in ebensovielen Leitartikeln. Und dodh bedarf\nes gerade hier der Urteilsfähigkeit eines Mannes\nVon Wissen und Können, um in einer Arbeit das\nGewollte zu erkennen, das Erreichte zu würdigen\nund kritisch' einzuordnen. Wer übler andere ur-\nteilen will, soll nicht erst nach sich selber suchen\nmüssen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Und\ndem jüngsten Gymnasiasten, der bei Pierson Ge-\ndichte verfegt, tritt der Rezensent zu nah1, der eben\nim Begriff ist, dasselbe zu tun. Aber auch jener\nBuchkritiker, der seiner Aufgabe gewachsen ist,\nsol'ite nie des minder einsichtigen Lesers vergessen.\nMan kann Lichtenberg tadelin und den neusten\nSälbnplauderer loben, und beides mit Redht. Aber\nder Leser muß erinnert werden, daß in beiden\nFällen ein anderer Maßstab lim Gebrauch war, und\nan dem Maße Lichtenbergs gemessen, der Salbn-\nplauderer über Lob und Tadel erhaben ist, weil er\neinfach verschwindet. Man bedauert oft, daß eine\nridhtige Darstellung literarischer Größen jenen Ver-\nmerk vermissen läßt; der am Rande der Landkarte\nso instruktiv wirkt. Maßstab: Eins zu tausend.\nEs wird kaum verantwortungsloser und unreifer\nüber Literatur gesprochen, als über Literatur ge-\nschrieben wird.\nZur Bearbeitung wertvoller Werke sollte ein\nBefähigungsnadhweis erforderlich sein. Es sollte\nnicht jeider ohne weiteres Hand anliegen dürfen.\nMonumente des Geistes hätten zumindest jenen\nSchutz zu genießen, der solchen aus Marmor zuteil\nwird. Eine Statue dürfte niemand ungestraft be-\nsudeln, aber — um ein krasses Beispiel zu nennen —\ndie Werke Piatos können in der gelegensten deut-\nschen Ausgabe (UniVersallbiibliothek O'rnit Anmer-\nkungen eines Herausgebers erscheinen, die auf den\nTon einer Gassenschenke abgestimmt sind. Oder\nein spekulanter Verlag veranstaltet Jugendausgaben\nVon Kiplings Dsdhüngelbuch, den Schriften Dickens,\nbedeckt sie mit seinen Reklamezetteln, und nie-\nmand fragt, mit weldhern Redht hier etwas für\ndie „Jugend\" „bearbeitet\" wird, das; Von hoch-\nbegabten Menschen für die Jugend gesdhr i e b e n\nwurde. Jedem Unberufenen ist in der Werkstatt\nfremden Geistes die Mitarbeit gestattet, und ver-\ngeh l!idh wünscht man Stachelzjäune auch' um\nG eis tesfri onum ente.\nAus literarischer Sphäre selbst müßte der An-\nstoß zur Aenderung dieser Verhältnisse kommen.\nUrteil'e in literarisdhen Dingen dürfen in der Oeffent-\nlidhkeit nicht mehr mit Namen gezeichnet werden,\ndie bedeutungslos sind. Eine Erziehung zum Leser\nsoll von der Kritik ausgehen; denn der Leser ist\nes, der heute fehlt. Er muß vbn dem Besdiauer\neines Kunstwerkes lernen, Distanz1 zü halten. Er\ndarf sich nicht widerstandslos zu eigen geben, und\ndarf nicht plump Besitz ergreifen wollen, darf\nLiteratur nidht als Gebieterin und nicht als Stuben-\nmagd behandeln. Kritiker und Bearbeiter sind heute\nnur zu oft schuld daran, daß dies geschieht. Der\nKritiker Vor allem 'muß sich bewußt werden, daß\nseine Aufgabe nidht im Loben oder Verhöhnen be-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 577, "texte": "steht, als in der richtigen Einordnung einer Schöp-\nfung in die literarische Wertreihe, oder in der moti-\nvierten Ausscheidung aus ihr. Das bedeutet (die\nTrennung der Literatur von den Marktartikeln der\nLektüre, die Zur Befriedigung des rein mechanischen\nerzeugt werden. Die reinliche\nScheidung wird es möglich machen, auch jn wei-\nterem Kreise Leser zu schaffen; wirkliche Leser,\ndenen die Lektüre nidht ein Genußmittel oder eine\nLeihanstalt für Phrasen und „moderne\" Ansichten\nbedeutet. Leiser, die ein Verhältnis zum Gedanken-\nund Kunst-Wert eines Werkes zu gewinnen suchen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c003", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "260", "page_fin": "262", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.3", "titre_corps": "Das Mysterium Jesu", "titre_sommaire": "Das Mysterium Jesu", "signature_source": "Peter Hille ; Aus dem Nachlass", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.2", "debut_caractere": 579, "fin_caractere_exclue": 12069, "texte": "Das Mysterium Jesu\nVon Peter Hille\nAus dem Nachlass\n\nHeimsuchung\nUnd es treibt zum Weibe das Weib, die\nHoffende zur Hoffenden. Nun entsinnt sidh Maria\nstärker ihrer ,Base Elisabeth, und daß audh diese\ngebären soll. Die gottesfürchtige, glaubenskräf-\ntige, lebhaft-tüchtige Base, und der würdige stille\nPriester — ein Heimweh erfaßt sie nach beiden,\nein Sdh'westernzug des gebärenden Geschlechts zum\nAustausdh von Freude und Rat.\nIhr ist's, als ginge sie gebotene Wege, wandle\nim Geiste, vorbildlich im1 Gehorsam die steinigen\nPfade.\nUnd da sie sdhbn das schlichte Haus sieht im\nLandstäddhen unter dem klüftigen Hügel Ididht\nneben dem bescheidenen Tempel, den der Ort Ver-\nmodhte, und in dem sie doch immer so gern ge-\nbetet hätte, bei ihren früheren Besuchen, demütig,\nehrfürchtig, daß sie ja ihn nicht verachte, da sie\nseit Kindsgedenken an der Stätte höchster Gottes-\npracht geweilt, tritt auch die Base heraus, bedacht\ndie Augen. Denn mit der über die Randhöhen ins\nTal tretenden Sonne kam Maria, die schon mit den\nSternen sidh erhoben hätte1, zu ihrer Wanderschaft.\nNun hat Sie die Base erkannt. Hurtig regen sidh\nihre Schritte. Gastfreude verjüngt das Alter.\n„Wie geschieht mir die Ehre und Freude, daß\ndie Mutter meines Herrn zu mir kommt?\"\nMaria staunt, daß jene schon weiß.\nDie Base deutet: „Da du dich nahetest, hüpfte\ndas Kind in meinem Leibe. Aber, was versäum\nich mich.\"\nNun wird der liebe Gast hereingeholt, zum\nSessel geleitet, und darf sich nicht regen, und wird\nihm aufgetragen Honig und Mildh und Brot. Wäh-\nrend der sanft umsorgenden Erholung, die so wohl-\ntut nach langer Wanderung in Sinn und Seele,\nkomlmt auch Zacharias, der Silberbärtige, aus seinem\nheiligen Dienste. Er ist sdhon eingetreten in die\nEhrwüfdigkeit des Alters, und als auch er, nicht\nsogleich, die Segenskunde erfährt — Frauen be-\nwahren das eigen Innerliche gern für sich selbst\n— Vermag er nur ernst zu schweigen.\nEr zweifelt und jubelt nidht, er will sich in\ndas Neue nidht mehr finden.\nDas kommt nadh ihm.\nEs sind die Tage der Seele, und die weisen\ndie Welt auf das Weib!\nEpiphanias\nNicht nur Irrwische locken, nicht nur das Ver-\nkehrte ruft. Ein rufender Stern, ein Zeidhenstern,\nkeine fernDeudhtende Lebenssonne: ein Licht der\nGeistigkeit ist dem innern Auge der geweihten\nForsdher des königlidhen Ostens aufgegangen. Im\nWesten steht er und deutet Gefahr und große Ferne.\nDes: Geisterkönigs Ruf ist ihnen genug, sie, sie die\nstoben Herrscher forschen draußen wie weges-\nfremde Wanderer. Abenteuern werden sie gleich\nin Heiligkeit. In Sterneneinsamkeit, djie ernsten\nAugen oben — taudht er wieder auf, der Stern? —\nziehn sie weiter, Nacht für Nacht. Zweifelnd wie\neiner großen Narrheit schuldig, und haltlos. Jeru-\nsalem, die Hauptstadt, weiß nichts von diesem\nKönig. So gewinnen sie wieder das Tor und die\nVertraute Nacht, da zeigt Melchior nach oben. Die\nBeiden nicken. So hell ist der Stern, daß, jedes\nSteinchen klar wird und kein Fehltritt der Kamele\nihnen Schäden trägt. Kein Zaudern mehr!\nDa — der nidht hoch l'eis zieh ende Stern ist in\nF'estigkeit eingelaufen. Starr steht er. Sie sehln\nsich um — nichts! Ja da: ein kleiner Stall! Haben\nsie nidht husten hören? Da kommen Hirten an\nihnen vorüber. Vor dem Stall knien sie. Sonderbar!\nDer Dolmetsch fragt. Mit leiser Stimme, wie eine\nseltsame Sache mitgeteilt wird, kommt die Ant-\nwort zurück:\n„Die Hirten beten den neugebornen König\nder Juden an.\" Hier? So ärmlich? Der große\nGeisterkönig? Die Magier sehen sidh an. Im Licht\nauf allen Stirnen verständigt schreiten sie hinzu.\nAllmächternst in fragenden Aeuglein. Zarte Ge-\nbärden in weltschaffenden Händchen. Schon knieen\nsie. Vor ihnen wachen wie um ein heiliges Wunder\ndie heiligen Eltern. Die reinste Mutter, der edelste\nBräutigam, und wehren nicht, wen immer sein\nheiliger Wille treibt zur Verehrung. Sie wissen:\ndieses Kind gehört der Welt — sie dürfen's nidht\nabschließen, und haben den Schandenschein un-\ntreuer Begehrlichkeit und schwachmütiger Duldung\nauf sidh genommen.\nWie eine nächtliche Erscheinung sind ver-\nschwunden die Könige. Der Königsknabe, wie oft\nnicht gedachten sie seiner. Aber er leidet Erlösung;\nso müssen die starken Verehrer ihren Gott der Ver-\nadhtung und blutiger Erbitterung überlassen.\nEines Abends fanden die Hirten den Stall der\nGottheit leer. Als aber das Reidh der Allmacht\nin die Söhne des Elends zog, jda erinnerten die\ndavon Ueberlebenden sich des Ueberlebten, und\nsie verließen ihre Heere wieder.\nDiesmal aber nidht für Stunden, einige sogar\nfür immer.\nAndeutung\nJohannes, das gesunde, sehnig gebaute Knäb-\nlein der ältlichen Eltern, ist des göttlichen Kindes\nSpielgefährte, behütend und hilfreidh. Er war still\nauch im Freien mit seinem göttlichen Verwandten.\nUnd sah aus, al's sänne er fortwährend über etwas\nnadh. Nur ein Wunsch, ein Auftrag, leise An-\nregung seines himmlischen Gespielen rief jh'n un-\nver weilt auf die Erde zurück.\nSo wuchsen die Knaben auf. Bald weilte der\njunge Jesus einige Tage bei den Eltern des Jo-\nhannes, mehr aber noch kam der Priestersohn hin-\nüber in dfie fromme, sanfte, arbeitsernste, liebes-\nholde Hütte von Nazaret. Da gingen sie beide\ndem Zimmermann mit Hobel1 zur Hand, trugen\nHammer und Nägel1, oder füllten für Mutter Maria\nden Krug am Brunnen. So verging die Zeit.\nDa rief die Knaben, die zwölf Jahre alt ge-\nworden waren, die Tempelfpflicht. In langen, voll-\nschönen Gruppen wandelt es zur duftkeimenden\nFrühlingszeit, da der Feigenbaum seine wadhstum-\ntüchtigen Knospen ansetzte, hinauf gen Jerusalem.\nEs gemahnte an den Weg der Menschheit zur\nVollendung, wie so ein Zug den heiligen Pforten\nsich näherte, dann nach größerem Zwischenraum\nein zweiter folgte und doch noch immer neu es\nauftauchte fern dahinten am Rande der Hochebene,\ndrauf die Königin der Städte thronte, eine tröstende\nHochburg der sehnenden Mühsal.\nBei dieser entfalteten großen Volksfamilie fand\nund erneuerte sidh die entlegene Verwandtschaft.\nHier zuerst bekamen einander zu sehen, die so viel\nvoneinander geredet hätten, hier umarmten sidh\nAngehörige mit der großen herzlich breiten Würde\nös tlidher Stammesfreude.\nBesonders aber die Kinder, die Onkelfrohen,\ndie gerade im Fremden festtätigtrautes findenden\nKinder Verschwinden in den Falten dieser nun\nmitsammenziehenden Blutsfreundschaft.\nSo suchte man auch nicht, als man am ersten\nTage nach der Heimkehr Von den Tagen des Festes\ndie beiden Knaben vermißte : sie werden mit Jehuda,\nZabulbn oder Manasse gegangen sein. Gelegentlich\nfragte man: „Jesus und Johannes sind wohl bei\nEudi?\" Nein, das sind sie nicht, man weiß nichts\nVion ihnein. Schon wädhst die Sorge. Al's endlich\nalle erdenklidhen Erkundigungen eingezogen sind,\nkehrt Josef zurüdk zu der im Rathause, da die\nandern sdhon weiter gegangen sind, verbliebenen\nMutter. Aengstlidh sieht sie auf den Eintretenden,\ner vermag nur mit dem Haupte zu schütteln. So-\nfort erhebt sidh die Mutter und geht auf die Tür\nzu. „Wohin?\" „Zurück mach Jerusalem\", die kaum\nvernehhiliche Antwort. „Du nadh Jerusalem ? Un-\nmöglich ! Du wirst unterwegs liegen bleiben! Du\nkannst kaum weiter. Beidenk, es sind fast drei\nTagereisen auf rauh bergansteigender Straße. Bleib\nsolang hier, idh werde mich beeilen, in fünf Tagen\nbin ich wie|der zurück.\" „Nein, Josef, ich gehe\nmit dir. Eine Mutter, der ihr Kind abhanden ge-\nkommen ist, hat keine Ruhe, Josef, sie würde um-\nkommen, wenn sie allein bliebe und harrte. Und\nJosef, beflissen voll sorgender Pflicht, dachte an\ndie gleich jähe, gleich angstvoll trübe Reise nach\nEgypten. Er versuchte mit dem geringen Reste\ndes Reisegeldes einen Esel zu mieten, aber seine\nBemühungen waren und blieben vergeblich, soviel\ner ihrer auch anwandte, und sich nicht genug tun\nkonnte darin, bis die Mutter ihn antrieb, ihre Ge-\nmächlichkeit dem verschwundenen Kinde zu opfern.\nAber die angstgejagte Mutter kannte nidht Erschöp-\nfung noch Ermüdung. Kaum daß, Josef selbst\nSdhritt halten konnte mit dem eilenden Weibe.\nSdhön am Mittag des zweiten Tages stiegen die\nKuppeln der JehbVastadt in den spähenden Blick,\nund spät in der Nacht noch klopften sie an das\nTor. Das flehentliche Bitten der Mutter rief end-\nlich den Wädhter an die Riegel. „Mein Kind. Wir\nwissen nidht, wo es ist! Es ist nidht mit uns,\nnoch mit anderen aus unserer Kundschaft heim.\nEs muß hier verblieben sein.\" „Heut ist es zu spät.\nMorgen in aller Frühe wird das Tor wieder ge-\nöffnet. Wo wollt ihr noch hin?\"\n„Um der Barmherzigkeit Gottes willen, bei den\nKnien deiner Mutter, Mann, wir haben die drei\nTagereisen in zwei Tagen wieder zurückgetan, da\nwir der Heimat sdhbn nahe waren, und nun, nun\nsollen wir vor den Toren stehen und auf den Riegel\nharren, während unser Sohn, der uns muß verloren\nhaben im Gedränge, die Straßen durdhrennt, (und\nsucht, nach uns ruft und verschmachtet!\"\nDer Torwart stand noch einen Augenblick, ging\ndann fort, Lidht fiel durdh die Spalte, und man\nhörte einen schweren Schlüssel mühsam unge-\nschickt in den Irrgängen des Sdhlosses tasten. Dann\nwidh in geschlängeltem Rückzüge ein vorgedrängter\nRiegel, hodhaufatmend standen die Erschöpften in\nder Terhalle. „Halt, ihr Leutdhen\", redet der bär-\ntige Wärter die Voreilenden an, „so geht es denn\ndodh nicht. Erst muß ich euren Namen wissen.\nHabt ihr einen Sdhein?\" Josef wickelt den Be-\nglaubigungsbrief der Obrigkeit Von Nazaret sorg-\nfältig auseinander und reicht das Schriftstück hin.\n„Sieh, da steht auch euer Sohn. Ist es der, den\nihr sudht?\" „Ja\", antwortet Maria, erwartendrege,\nJosef aber nidht, sein aufmerksamer Blick trat her-\naus aus der Gelassenheit dieser Geberde. „Dann\nwird es der sein. Idh will euch einen Rat geben.\nGeht in die Herberge, genießt etwas und schlaft\nerst, idh sehe, ihr könnt euch nicht auf den Füßen\nhalten. Morgen um die dritte Stunde wird der\nTempel für das Volk geöffnet, geht hinein alsdann\nund seht, daß ihr bis zum Sitze der Schriftgelbhrten\nvorgelassen werdet. Dort mitten unter ihnen sitzt\nein Knabe von etwa zwölf Jahren. Der beantwortet\nihre schwierigsten Fragen und Hegt ihnen derart\nschwere Vor, daß audh die Weisesten oft verstum-\nmen. Die ganze Stadt spricht davon. Von Jesu,\nBen Josef. Dem Namen nach' könnt es euer Sohn\nwohl sein. Er soll ungewöhnlidh helle Augen haben\nund langes in der Mitte gescheiteltes Haar, und an\nhat er bräunliches Gewand.\" „Er ist es, es ist\nunser Jesus, unser göttliches Kind!\" sank Maria\nJosef in die Arme. „Uns soMie Sorge zu mächen!\"\nbemerkte ernst der abwägende Mann, während er\nleise die Hände von den Sdhültern seines Weibes\ntat. „Dodh sein göttlicher Vater mag es ihm' ein-\ngegeben haben\", fügt er, seinen Tadel wieder auf-\nlösend hinzju.\n„Nein, es ist nicht recht, er hätte es sagen\nkönnen — ich mödhte nicht noch einmal solche\nAngst erkben. Und doch — ergeben faltet die\nSchmerzensmutter ihre außer den Arbeitsschwielen\nan den Innenseiten der Finger zartbleichen Hände.\n„Doch nun komm, Haß uns geh'n, du bist so müde.\"\nUnd zärtlich, aber mehr gütig als amsdhmiegend,\nstreichelt sie ihrem Gemahl die eingesunkene Wange\ndes selbstlos Besorgten. „Also morgen früh.\nO, du Blume meines Herzens, daß du nidht verloren\nbist — nimm Dank, himmlischer Vater, daß du\ndas Tor meines Herzens mir behütet hast!\" Am\nandern Morgen, sdhon lange vor der Zeit, ehe die\nPforte des Tempefe dem Volke sidh aufschloß, stan-\nden die nun nidht mehr bekümmerten, aber wie\nauf den Zehen ihrer Seele Erwartenden, dicht am\näußeren Eingang. Jeden Versudh der ungeduldig\nrüdksidhtslbsen Menge, die unscheinbaren Fremd-\nlinge zu verdrängen, wies Josef sdhlidht und fest\nmit voller Behauptung seiner Widerstandskraft"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1984, "texte": "zurück und schirmte so den Platz der göttlichen\nMutter. Und alis sie mit aller Ehrerbietung und\nzagender Haltung, doch etwas scheu und eifrig,\nbis an die Grenzen des Verstatteten und des vor-\nbehaltenen Raums angelangt waren, da sahen sie\nbisweilen das Haupt des Knaben und hörten seine\nhelle Stimme sdhön und deutlich etwas erklären,\ndann aber mit gemäßigter, doch großer erwachsen-\nernster Gebärde erhob er mit sachlich unbefange-\nnem Nachdruck seine Fragen, und oft war die\nAntwort Schweigen oder unsicheres Hasten.\nDer junge Meister\nIm Tempelgebäude ist ein langer Zug um die\nPfeiler redhter Hand aufgestellt vom Allerheiligsten.\nEin langer Zug. — Die hören und reden mit zu-\nsammengebohrten Brauen und schmettern mit\neiner gellen kriegführenden Stimme, die nimmer in\ndiese Stätte des Friedens paßt. Diese Stimme er-\ninnert zu sehr ans Vermietete Forum, behende und\nweltlich wie sie ist. Aber zwischen ihnen, diesen\nRaubtieren der Satzung, unter der sie das Gesetz\nbegraben, keimt ein Knabe, ein schlanker, schon\nedelhoch gediehener Knabe. In seinen Gebärden\nwohnt noch Anmut, noch die Spielfreude der Kind-\nheit, holdselige. Ein Lippenpaar, milde, leisrot,\nfreundlich, zweifelt lächelnd bei den großen Reden,\ndem dann einer sanftwarmen Schwelle der Weisheit\nEntgegnungen entlleudhten. „Alles, was Odem hat,\nlobe den Herrn!\" sagt unser König. Aber ihr habt\nkeinen Odem. Eure Werke sind Gespenster, sind\ngleich den Zuckungen des Bewußtlosen auf der\nStraße, der Schaum vor seinen Nüstern führt. Aber\nnur der Willen meines! Vaters, der im' Himmel ist,\nnur euer Hineinlegen in ihn kann sidh zu Werken\nder Liebe erwärmen, zu heilsamen und kraftführen-\nden Werken entbundener Stärke. Ihr seid bilind\nwie Maulwürfe und dodh habt ihr Augen. Lichtreif\naber müssen sie werden, und gleich dem1 feuer-\nweißen Auge der Lilie das reine Licht der Sonne\nbegrüßend.\"\nDas war fremde Sprache in diesen Hafen,\ngottesernste Tempelruhe, unverstanden. Noch war\nkein Lichtauge reif für Geist und Ewigkeit"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "261", "page_fin": "261", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.3.1", "titre_corps": "Menschenköpfe : V / Alfred Kerr", "titre_sommaire": "Menschenköpfe : V / Alfred Kerr", "signature_source": "Oskar Kokoschka", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 63, "texte": "Menschenköpfe / Zeichnungen von Oskar Kokoschka\nV / Alfred Kerr"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "262", "page_fin": "262", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.4", "titre_corps": "Akazia : Eine kleine Höllengeschichte", "titre_sommaire": "Akazia : Eine kleine Höllengeschichte", "signature_source": "Thaddäus Rittner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.4", "debut_caractere": 1986, "fin_caractere_exclue": 8657, "texte": "Akazia\nEine kleine Höllengeschichte\nVon Thaddäus Rittner\n1\nIch versprach ihr hundert Mark, wenn sie\nschweigt. Sie wollte nicht schweigen. Ich biot\nihr fünfhundert an. Sie wollte nicht. Ich ging\nbis vierundfünfziigtausend. Es kostete mich ja gar\nnichts. Aber es nützte mir auch1 nichts —\nSie wollte nicht\n„Wärst du mit Geld versehen, so hättest du\nmich nicht zu vergewaltigen brauchen\", bemerkte\nsie ganz richtig.\nIch entschloß; mich, mit zitternder Stimme zu\nsagen:\n„Erbarme dich1...\"\nAber es war zu wenig Rührung darin. Es\nkam nicht heraus.\nDarauf ging ich zur Tür und sperrte sie; ab;\ndann zum Schreibtisch, öffnete die Lade und nahm1\nden RevblVer heraus.\n„Du wirst dieses Zimmer nicht mehr vier Hassen\",\nsagte ich (stehend) und zielte auf sie mit aus-\ngestrecktem Arm.\n„Hm\", fachte sie achselzuckend.\nDann fragte siel:\n„Wie fang bist du schon hier?\"\n„Drei Monate.\"\n„Dann solltest du doch schon wissen, daß, es\nhier unmöglich ist, jemand zu erschießen.\"\nJa, das wußte ich ohnehin.\n„Was wirst du denn machen?\" erkundigte ich\nmich.\n„Ich geh zum nächsten Kommissariat.\"\n„Hol1 dich der Teufel\", sagte ich.\n„Hat er ja schon getan\", witzelte sie.\nWenn sie wenigstens ehrlich' empört wäre. Aber\nsie ist kalt. Ein Ekel.\n„Adieu\", sagte ich.\n2\nIch öffnete ihr selbst die Tür.\n„Was waren Sie zu Ihren Lebzeiten?\" fragte\nmich der Untersuchungsrichter.\nDie bekannten dummen Formalitäten, denke\nich und antworte:\n„Erster Liebhaber.\"\n„Ja\" — grinst der Mann — „sie führen sich\nauch danach auf.\"\nWieder Witze.\n„Idh war Schauspieler\", sage ich mit unter-\nstrichenem Ernst.\nNun wird er audh weniger gemütlich.\n„Dann begreife ich Sie nidht!\" — entrüstet er\nsidh — „wie kann ein Mensch aus besseren Intelli-\ngenzkreisen eine solche Handlung begehen!\"\nDas madht er gut.\n„Wir alle, hier, sind ja keine Heiligen.\"\nEr (ärgert sidh.\n„Es handelt sidh1 nicht um heilig oder nicht\nheilig. Das, was Sie getan haben, war einfach\nblöd. Das Miäidel ist eine Prostituierte... Sie\nhätten sie um eine Kleinigkeit haben können ...\nnein, Sie überfallen sie, tun ihr Gewalt an...\"\n„Ich hatte eben die Kleinigkeit nicht bei mir.\"\n„Ja, mußte es denn gl'eidh sein?\"\n„Ich habe überhaupt kein Geld.\"\nEr schaut mich verwundert an.\n„Warum nicht?\"\n„Fragen Sie den Herrn Quartiermeister. Er\ndiktiert ja die ewigen Strafen. Ich habe sie mir\nnicht ausgesucht.\"\n„Ah so. Sie sind zur ewigen Geldlosigkeit\nverdammt?\"\nIch nicke mit dem Kopf.\n„Das entschuldigt Sie nicht im1 geringsten\",\nsagt der Mann nadh einer Weife, „man muß eben\nnicht nur die Strafe selbst, sondern auch alle Kon-\nsequenzen der Strafe erdulden. Wir sind nidht zu\nunserem Vergnügen hier. Verfügt man nidht über\nfinanzielle Mittel, so beschränkt man sich auf kosten-\nlose Liebe.\"\n„Ach, schon gut\", unterbreche ich ihn.\nPaar Tage später bekomme ich sechs Monate\nKerker.\n3\nIch sitze; es vergeht eine Woche. Der Ge-\nfängnisdirektor läßt mich rufen.\n„Singen Sie\", sagt er zu mir.\n„Ich kann nicht singen.\"\n„Sie irren sich\", versichert er und zeigt auf\nein Sofa im Winkel, „von dem1 Fräulein weiß; ic'h's,\ndaß Sie Stimme! haben.\"\nAuf dem Sofa sitzt die Person, der ich sechs\nMonate Kerker vierdanke.\nZugleidh1 bemerke ich, daß; der Gefängnis-\ndirektor betrunken ist. Ergo riskiere ich einen\nkleinen Gesang. Es gefällt mir immer besser.\n„Hör auf\", sagt plötzlich die Person.\nIdh sehe mich um; der Direktor schläft. Da\nbrauchte ich mich nicht weiter anzustrengen.\n„Was ist dir eingefallen?!\" spreche ich' zu ihr.\n„Ich weiß es selbst nicht Ich habe! dich\nsehen w011en...\"\nIch trete auf' siel zu. Sie ist nur im1 Hemd1.\n„Rühr mich1 nidht an\", stottert sie und rollt\nsich wie eine Sdhnecke zusammen.\n„Canaille!\" sage ich.\n„Ja, ich weiß.\"\n„Du hast mich' ins Gefängnis gebracht.\"\n„Ja, ich weiß. Aber vor fünf Minuten war ich\nin dich Verliebt...\"\n„Vor fünf Minuten?\"\n„Ja. Aber jetzt, wo ich dich sehe, nicht mehr.\nDu kannst wieder ins Gefängnis zurück.\"\n„Ich danke ergebeinst\"\nIdh lache wütend.\n„Na wart... Jetzt lasse ich didh! nicht los. Es\ngeschehe, was es w011e...\"\nAber sie begann wie verrückt zu schreien. Der\nDirektor wachte auf. Ich mußte hinunter.\nSie hieß Akazia.\n4\nIch Verzehrte mich vor Sehnsucht nach' der ge-\nmeinen Kreatur. Idh tanzte wie eine Hyäne in\nder Zelle. Idh kratzte michl wund, ich zerbiß\nGitterstäbe. 1\n„Wenn Sie nichts essen\", sagte! mir der Wärter,\n„so werden Sie; gefoltert\".\nIch' sagte freudig:\n„Sie können mir kein größeres Fest bereiten,\nals wenn sie mich ein wenig foltern.\"\nDas Fest unterblieb. Ich wurde mager wie ein\nSkelett. Bei Tag und Nacht küßte ich das Wort\nAkazia.\nSie schrieb mir auf einem Zettel:\n„Du bist mein Gott. Idh schlafe nicht, ich esse\nnicht ... weil du mich quälst, mein lieber Gott.\nUnd es schlägt mich meine alte Frau, weil ich\nmich weigere, auf den Strich zu gehen...\"\nAuch diesen Brief küßte ich. Und ich spürte\ndie Unterwelt. Es ergriff mich die schlimme Angst,\ndaß ich mit der Zeit ein wenig verrückt werden\nkönnte.\nAber in der Nacht sagte ich zu mir.\n„In vierzig Tagen bin ich aus! dem Gefängnis\nheraus und dann habe idh sie. Was kann Sman\nmir dann weiter antun? Sie wird sich mir hin-\ngeben ... und dann gibt's keine Hölle mehr für\nuns zwei. Denn ich bin ihr lieber Gott — und\nidh schaffe die ewigen Strafen ab.\"\nUnd1 den nächsten Morgen kam ich doch in\ndie Folterkammer (weil ich nichts essen wollte).\nIdh sang ein Loblied auf Akazia, als man mir\ndie Fingernägel mit einer Zange herausriß.\nUnd als die alte Teufels - Maniküre mit der\nrechten Hand fertig war, da schrie ich:\n„Hurrah! Hier ist noch' die linke!\"\n5\nDer Kerker ist Vorüber, aber meine Qual ist\newig.\n„Vor einer Sekunde1 habe ic!h dich geliebt\", sagt\nmir Akazia, wenn sie, mir begegnet.\nSie muß mir taglich begegnen. Ich steige ihr\nunausgesetzt nach, wenn sie mit hochgeraffteml\nKleid durch die Straßen rudert. Zwei verdammte\nUhren sind wir, zwei ewige Pendel.\nUnd wer ihr winkt, mit dem1 geht sie heim.\nNur mit mir nicht. Weil ich zur ewigen Insolvenz\nverurteilt bin.\n„Du wirst sehen\", drohe ich ihr, „ich' nehme\ndich wieder mit Gewalt\".\nSie antwortet:\n„Dann gehe idh wieder zum Kommissariat.\"\nDas ist unsere Unterhältung.\nManchmal erzählt sie mir weinend, wie ent-\nsetzlich sie mich liebt in der Einsamkeit und jn\nGedanken.\n„Leider habe idh\", klagt sie, „eine unüber-\nwindliche Scheu vor dem Erleben meiner Ge-\ndanken.\"\nIch brülle vor Hohn und Zorn.\n„Ja, das sieht man\", schreie ich so, daß sich'\nalle Teufel umsehen, „darum' betätigst diu dich so\neifrig in horizontalster Ridhtung.\"\n„Das ist ja meine ewige Strafe\", sagt sie.\nIch lache:\n„Wofür denn? Du bist ja als vierzehnjähriger\nBackfisch gestorben!\"\nSie seufzt:\n„Ach ja, mit vierzehn. 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In ein menschliches Gehirn schlägt\nein Bllitz, gestaltet die schwankenden Vorstellungen\nzu einem Weltbild, einer Hypothese und beschreibt\nim Entwicklungsgang der Menschheit eine Spirale,\num' grinsend und verzerrt wie aus eineml gegen-\nüberliegenden Spiegel auf ihr Urbild herab-\nzuschauen. Der schöpferischen Lebentfülle Goethes,\nder gutgelaunt ein geistlich Lied parodiert „Ich1\nhab' mein SaCh1 auf Nichts gestellt\", antwortet Jahr-\nzehnte später ein friedlicher, durch den Hegelianis-\nmus: spitzfindiger Dialektik nidht abgeneigter Ober-\nlehrer mit einem wohlkonstruierten, etwas knochen-\ndürren Gespenst, das mit rechtwinkliger Geste auf\neinen Berg zerschroteter Literatur weist: Ich1 hab'\nmein' Sach' auf Nichts! gestellt\"."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7806, "texte": "Der stirnersdhe Individualismus ist die billigste\nForm, zu einem Gefühl seiner Persönlichkeit zu\nkommen. Schon Pläto karikiert den sprachgewand-\nten Sophisten, dessen allzuflüssige Beredsamkeit\nsich in PrunkbiMern über die Religion des abso-\nluten Ich entlädt. Die Tugendbegeisterung Shaftes-\nburys muß immer durch den naiven Egoismus\nMandevilleis in ein praktisches Gleichgewicht über-\nführt werden. Und die Entwicklung des Hege-\nlianismus verlangte es geradezu, daß eines Tages\nein mäßig paradoxer Kopf auf den Einfall kommen\nmußte, die unbeschränkte Selbstherrlichkeit des Ich\nund seine moralische Unabhängigkeit von der Ge-\nsellschaft zu verkünden. Ein Mensch1 mußte doch\nprimitiv und bescheiden genug sein, das Problem\nder Moral1 so zu vereinfachen, daßi die ethischen\nPostulate gleichsam von der mehr oder weniger\nguten Verdauung abhängig gemacht wurden. Das\nist ein ziemlich ordinärer Fall, der erst dadurch\neine gewisse Bedeutung erhält, daß ein Philo-\nsoph sich zu diesem mäßigen Grad von Ironie\naufzuschwingen vermochte. Am wenigsten aber\nfinde ich die Konsequenz bewunderungswürdig, mit\nder ein mit der Schlagkraft einer fixen Idee wir-\nkender Einfall durchgeführt ist.\nAber sie besticht weniger hartnäckige Köpfe an\nStirner. Er ersetzt die revolutionäre Tiefe durch\nkräftige Konsequenz. Doch die zynische Geste des\nwertezerbredhenden Rebellen wird von einem\nIdealismus geleitet, wie er gleich menschheitsbesorg|t\nund schönselig nur in der Atmosphäre eines bür-\ngerlichen deutschen Heims entsprießen kann. Der\nkokette Zynismus der Haltung entwächst doch nur\ndem Gefühl einer zeitlichen Gegensätzlichkeit und\nversteckt ein sentimentales Bedürfnis: welch eine\nempfindsame, eminent deutsche Erscheinung ist\nChristian Dietrich Grabbe! Das rebellen hafte, nur\nSeinen Wünschen verpflichtete Ich Stirners ist von\nvornherein so geartet, daß es sich weit über die\nfragwürdigen Ausdünstungen physiologischer Be-\ndürfnisse heraushebt: der gewöhnliche Zirkel aller\ndieser Moralisten, die dem Subjekt ihres Welt-\nbildes immer unterschieben, was als gültige Forde-\nrung ihrer Theorie nie entspringen könnte und deren\nfröhlichstes Beispiel die unentwegte Sittenlehre der\nMaterialisten ist. Nicht um des Gewinnes willen\ndürfe das Individuum handeln, erklärt Stirner etwa,\nansonsten wäre er ja ein Sklave seines Geldsacks.\nSo wird das Idh allen Versklavungen durch ani-\nmalische Wünsche entzogen — und wenn Stirner\nüber seine Theorie hinwegsehen könnte, würde er\ntief überrascht werden von der Form, die das\nreib eilen hafte Ich seiner Träume innerhalb seiner\nErörterungen angenommen hat.\nEr ersetzt die revolutionäre! Tiefe durch kräf-\ntige Konsequenz. Das hypnotisierte die Adepten,\ndie unter der Befruchtung seiner Begriffslyrik fühl-\nten, wie ihre Seele sich titanisch ausreckte, wie\njede Form menschlicher Verhältnisse in diesem\ngewaltigen System eine mehr als einfache Deu-\ntung erfuhr. Spuk und Sparren sind die „kollek-\ntivistischen\" ethischen Postulate. Alle Bindungen\ndes Individuums, gleich welcher Herkunft, sind\nErdichtungen: „Das Recht ist ein Sparren, erteilt\nvion einem Spuk\". An den begeisterten Schülern\nStirners erfüllte sich, was Voltaire ironisch einst\nan Rousseau schrieb: noch nie habe jemand soviel\nGeist aufgewendet, uns zu Bestien zu machen; man\nbekomme förmlich Lust, auf allen Vieren zu laufen.\n(Wobei mir der Zusatz wichtig erscheint, daß zwi-\nschen Jean Jaques Rousseau und Max Stirner eine\ngewisse Verhäl'tnislosigkeit besteht.) Aber wer\nkennt die lyrisch umdünstete Waldmenschengeste\nder Verkünder desi absoluten Egoismus nicht?\nImmerhin sind diese behaglich schwärmenden\nSchreibtischrebeilen noch deutlich' unterschieden Von\nden individualistischen Anarchisten, die mit an-\nständiger Haltung sich auf ihre; vier Beine stellen\nund demnächst in den Wald zurückkehren werden:\nwo auf Basis förderativer Gruppen eine neue Kultur\nentstehen wird, die unter Verzicht aller entindivü-\ndualisierender Hilfsmittel wie etwa der konsequen-\nten Arbeitsteilung den allerdings etwas aussichts-\nlosen Versuch unternimmt, die Geschichte der\nmenschlichen Zivilisation um1 ein paar Jahrtausende\nzurückzuschrauben. Aber das ist eine gültige,\nfruchtbare und in ihrer lichten Gläubigkeit ideale\nUtopie: schöpferisch wie jede Idee, die sich gegen\nihre Zeit zu realisieren versucht und nicht in ein\nlyrisches Brumtnen Verläuft, wie in den Literaten\nmit der individuellen Geste. Bestrahlt man ihr\nWasserkopfartig; angeschwollenes „Ich\" mit einer\nnur mäßig klaren Einsieht, schrumpft es rapid zu-\nsammen und verdunstet zu einem armseligen Prin-\nzip, dessen Glanz jahrhundertlanger Marktgebrauch\nabgegriffen hat.\nInteressanter könnte sein, wie siCh das Leben\nStirners unter der Einwirkung seines Evangeliums\nstilisiert hat. Es verlief formlos und blaß im\nDunkeln, plötzlich gekrümmt durch eine eigen-\nwillige Kurve, deren Seltsamkeit die banale Tat-\nsache der Not bestimmt hat. Man wußte wenig\nüber ihn, kaum ein paar Daten, und es konnte den\nBiographen wohl reizen „an Stelle dreier, nicht\neinmal! irrtumfreier Zeilen eine Lebensgeschichte\nStirners zu setzen\". Genau so begrenzt John Henry\nMackay die Absicht seiner Stirnerbiographie. Zwar\ntritt dieses Werk mit dem epochalen Orgelton der\nLebensarbeit auf: aber manches Einzelne mit einer\nso prätentionslosen, bei dichterisch1 nebenbeschäf-\ntigten Biographen so selten gefundenen Geste, daß\ndas Ohr gegen diese Nebengeräusche bald immun\ngeworden ist: und soweit seine Arbeit von der\nWiderstandsfähigkeit seines Sitzfleischs abhängig\nist, habe idh ungemein viell dafür übrig, ja ich\nschaue mit Vergnügen zu, wie unter ungeheurem\nHebeMruck aus Wirrsal und Dunkel eine beschei-\ndene Notiz hervorgeholt wird. Gefahrvoll wird\nMackay nur, wenn er sein lyrisches Organ ent-\nblößt. Dann brodeln Rauch und bunte Flammen\nin seiner angenehmen Beredsamkeit, tief aufschluch-\nzend reckt sich der hemmungslos hingerissene\nGläubige empor, der mit dem gesunden Menschen-\nverstand eine Theorie betastet, deren Existenz wert\ngenau durch den Grad ihrer logischen Subtilität\nausgedrückt wird. Es iist phantastisch, wjie aus\ndieser Höhe die großen Philosophen als mikro-\nskopische Nebellgebilde erscheinen: unruhig und\ngespenstisch kreisen sie um die erzene Statue des\nEinzigen....\nAber idh kann mir nicht helfen — ich werde\nbei all diesen Versuchen Madkays, die Gemütlich-\nkeit aus seineim jovialen Gesidht durch ekstatische\nWeihe wegzumassieren, den Eindruck stimmungs-\nvoller Harmlosigkeit nicht los. Aber das ist immer\nso mit diesen Individualisten: [man möchte ihnen\nmit treuem Lächeln die Rechte bieten, aber sie\nZiehen düster die Augenbrauen zusammen, zer-\nknittern die Stirn, und finstere Entschlossenheit färbt\nihre abweisende Gebärde ... sie wollen allein sein\n... Sie haben ein ReCht auf Einsamkeit, jeder hat\nein ReCht auf Einsamkeit, er hat überhaupt ein\nReCht auf Alles, und alles, was Er tut, ist Sein\nRecht: das lernt uns die Stirnerbibel begreifen.\n„Ich aber verstehe alle. Und nenne keinen schlecht:\nOb er sigge oder falle, Er ist in seinem Recht.\nOb er falle oder siege, Es kann nldht anders sein.\nIdh steige, und ich erliege — Gewiß! — Doch\nich bin mein\"... Man wird diesen leidenschaftlich\nrotierenden Diehorgelrythmus sobald nicht aus dem\nOhr verlieren. Kein Geringerer als! Mackay hat\ndiese Erkenntnis lyrisch gestaltet. Wenn auch nicht\nalle seine Verse so wahrhaft entmutigend sind,\n— diese haben den Vorzug der Deutlichkeit.\nDer theoretische Niederschlag dieser fried-\nfertigen Rebellenlyrik ist sozusagen patziger, er-\nbitterter, entschlossener. Außerdem von jener\nschwammigen Gedunsenheit, die hinterweltliche\nLyriker immer noch für Mystik halten. Aber gott-\nseidank kann mich nichts zwingen, mich mit\nMadkays philosophischen Meinungen, insbesondere\nmit der Dog'tnatisung einer äugen Ibsen, dumpf\nim Dumpfen kreisenden Weltversicherung zu be-\nfassen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "263", "page_fin": "264", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.6", "titre_corps": "Allschlachtung", "titre_sommaire": "Allschlachtung", "signature_source": "Corvinus", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.5", "debut_caractere": 7808, "fin_caractere_exclue": 12939, "texte": "Allschlachtung\n\nEin Verleger, der mit „Erdgeruch\" begann,\nsich dann für „Bodenständigkeit\" entschloß, zur\n„geruhigen Kunst\" überging, um schließlich auf\nden Höhen eines börsenfähig gemachten Naturalis-\nmus zu triumphieren, ein solcher Verleger entdeckte\neines Tages ein Buch, das ihn höchst peinlich be-\nrührte. Das Buch war wirklich gefährlich'. Darin\nwurden eine Menge Dinge, die für den Verleger\nund sein Publikum Lebensfragen waren, mit einer\nstarken Ueberlbgenheit angesdhaut. Das Publikum\ndes Verlegers bildeten die mehr oder minder sym-\npathischen Ehefrauen der modernen Börsenjobber,\nund die waren nun natürlich mächtig für Ellen Key\nund freie Liebe außerm Hause und Barfußtänzerin-\nnen, kurz für alle aufregenden Probleme einer fre-\nisinnigen Weltanschauung. Das peinliche Buch\nkümmerte sich indessen nicht um dergleichen, son-\ndern beschäftigte sich mit menschlichen Grund-\ngefühlen, fand dabei, daß die ewig fortschrittliche\nWeltanschauung ein bischen sehr abgestanden sei,\nund daß gänzlich veraltete, unmoderne und längst\ntotgeschlagene Angelegenheiten immer noch viel\nfröhlicher lebten als die ganze Fortschrittsliste der\nAktienschieber. Zum Beispiel — entschuldigen Sie\n— Gott. Oder, hm, der Glaube, der schließlich\nnodh unter Millionen Menschen da ist, darunter\nauch einigen, die von dem ganzen Kulturramsch\nkeine Ahnung haben. Dieses Buch hatte zwar für\nbesagten Verleger den Vorzug, aus dem Englischen\nübersetzt zu sein, war also geeignet, seinen Lesern\ndie unverbindlichen Pikanterien eines Ausländers\nzu bieten. Aber es hatte schwere Fehldr. Der erste:\nes war voller Geist, und so lebendig, daß es viel\nmoderner wirkte ah sämtliche geruhigen und Fife\no'elbek - Nackttänzer-Romane des Verlegers zusam-\nmengenommen. Aber der zweite und viel schwerere\nFehler: es erschien in einem anderen Verlag! Das\nwar in der Tat fürchterlich. Hätte es der Verleger\nwenigstens selbst herausgegeben, so wäre noch\nimmerhin die äußerste Möglichkeit gewesen, dem\nBuch durch die aufgedrückte Firma des Verlags\ndie Marke der Jobbermodernität anzuhängen; die\nWirkung zu paralysieren. Aber so, wies erschienen\nwar, konnte doch der Fall eintreten, daß ein, sagen\nwir, jüngerer Leser es in die Hand bekafti und plötz-\nlich über den Wert der Gesamtproduktion des Erd-\ngerudh-Verlegers zweifelhaft wurde. Doch, um dies\nzu verhüten, gab es genügend Mittel: die eigene\nZeitschrift des Verlegers. Diese Zeitschrift grün-\ndete sidh allerdings auf eine sachgemäße Inzucht,\nindem sie die Verlagsewrke des Besitzers empfahl\noder sie vor der Buchausgabe in vielen Fortsetzun-\ngen brachte. Hin und wieder, wenn die Sache zu\nsehr albinoartig aussah, frisdhte sie auch1 das er-\nlahmte Interesse mit einer vom Verleger neuent-\ndeckten literarischen Sensation auf: Zeitungsfeuille-\ntons in Kunstdruck. Mit Hilfe dieses nützlichen\nOrgans gedachte nun der Verleger das gefährliche\nfremde Buch zu vernichten. Er ließ sich unter\nseinen Mitarbeitern den naivsten heraussuchen, den\nfreisinnigsten, fortschrittlichsten, mit einem1 Wort\neinen RealschuHehrer. Dieser ungeheuer moderne\nMann, dieser Verädhter des ollen Jerümpels Von\nZweckloser Vergangenheit, der knöpfte sich das\nenglische Buch denn auch mächtig vor. Er ver-\nnichtete es. NoCh mehr, er boykottierte es. Er\nsagte von ihm : erstens ist es unmodern, und zwei-\ntens ist alles schon dagewesen. Ja. Das hätte\ndas Budh nun davon, daß es in einem andern Verlag\nersdhien. Es wurde den Lesern verekelt, es wurde\nihnen als ein elender Fetzen Vorgeführt (und der\naudh noch gestohlen!), also es war, Gottseidank'\nungefährlich gemacht. Die freisinnige Literatur\nkann weiter bestehen, die Jobberdichtung ist ge-\nrettet. Und der Verleger entschloß sich, auf seiner\nVilla die goldene1 Insdhrift „Ist es mein Geist, der\nalles wirkt und sdhafft?\" durch die Worte ersetzen\nzu lassen: La bourse ou la vie.\nZum Tatbestand: Es handelt sich1 um den Ver-\nlag S. FisCher und um ein Buch Von G. K. Chester-\nton. Chesterton ist der erste Europäer, der die\nrealen Gefühlsangelegenheiten der heutigen Welt\nauf ihren Zusammenhang mit den einfachsten und\nstärksten Urgefühlen jedes Menschen prüft. Er\nentdeckt jeden Schwindel, aber er ordnet ihn sofort\naufs nachsichtigste als selhstVerstäniÜliche! Funktion\nein. Er war, nebenbei, imstande — ein Europäer!\n— Tolstoi auf eine bezwingende Weise zu erklären.\nEr übersieht den ganzein Bernard Shaw, der immer\nnur eine plumpe Nutzanwendung Chestertons gibt.\nEr durchschaut ihn natürlich', legt aber gar keinen\nWert auf das Durchschauen, gar keinen auf diese\npreiswerte Psychologie. Er entwirrt eine riesige\nZahl von Beispielen menschlicher Bedürfnisse, stellt\njeder Ironie über eine Schwäche die Notwendigkeit\ndes Schwächlings gegenüber. Er begeht die unge-\nheure Gerechtigkeit, den Wert mit der Tatsache zu\nvergleichen. — Chestertons schönes Buch „Ortho-\ndoxie\" war im Verlag Hans Von Weber in Mün-\nchen erschienen. Nun zeigte Weber das Erscheinen\neines Roinanes von Chesterton an. Das konnte\nS. Fisdhers Verlag nicht auf sich sitzen lassen.\nMan mochte aim Ende gar den Eindrudk gewinnen,\ndaß mit diesem G. K. C., der den ganzen modernen\nLiberalismus etwas skeptisch als bescheidenes"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2299, "texte": "Winkelchen der Welt behandelt, ein Verlag noch\nmoderner sei als S. Fischer. Womöglich noch auf\nKosten der ganzen gelbbrosdhierten Fischer-Litera-\ntur! Wohin soll denn das dicke Buch1 Von Bab\nüber Bernard Shaw nodh verschickt werden, wenn\nChesterton in Deutschland gelesen wird? Wo soll\ndas Geschäft mit der Ibsenausgabe hinkommen?\nwenn man einen Mann liest, der (gemeinsam mit\neiner jungen, absolüt nicht dandyhaften Generation)\nden Ibsen nidht mehr widhtig nehmen kann. Ganz\nzu schweigen von den Dichtern der neuromantischen\nBörsenwitze. Nun also, S. Fischer Verlag ließ den\nChesterton, der so gefährlich' fürs Gesdhäft war,\neinfadh in seiner „Neuen Rundsdh'au\", dieser\n„Sozusagen\" — „Gewissermaßen\" — „Glbidhsam\"-\nZeitschrift abschlachten. Der Berliner Oberlehrer\nSamuel! Saengner übernahfm1 die Ritualien. Chester-\nton ist zwar ein Sdhriftsteller, der die ernsthaften\nKreise des Katholizismus aiufs tiefste erregt hat,\ndennoch öffnet der biedere Berliner Sprachlehrer\nganz gemütlich seine staubigen Freisinnskisten und\nholt ein paar VolksVersammlungs-Bonbons heraus.\nDas ganze Verfahren wäre natürllidh! lächerlich1,\nwenn es sich um ein Buch handelte, das bereits\nerschienen ist. Die Sache nimüit aber sehr be-\ndenklidbe Formten an, da die e:dle „Neue Rund-\nschau\" auch Vor den Büchern Chestertons warnt,\ndie dem deutschen Leser nodh gar nicht Vorliegen.\nUebel wurde das Niveau einer soldhen Kritik doch\nerst dann, als sie cfer Vorankündigung eines neuen\nBudhes Von Chesterton folgte.\nDer Fall liegt sehr ernst. Chesterton ist der\nerste Sdhriftsteller der heutigen Zeit, der auch jene\nungeheuer große Masse der gläubigen Kathloliken,\nan denen die moderne Literatur bisher spurlos ab-\nglitt, in den Kreis seiner Intellektualität zog. Die\nDiskussionen über Chesterton nahmen ihren Aus-\ngang Von Erregungen, die aus' ganz tief erwühlten\nEmpfindungen Von Gläubigen kamen — ganz an-\nderer Art als die lächerlichen, berufsmäßig flachen\nSdhwiätzereien eines sogenannten Modernismus. Ein\nMensch, der bei Gläubigen und Ungläubigen gleich\nstark an Grundinstinkte rührt, allein durdh den\nIntellekt, wo gibts den sonst? Und da wägt es eine\nZeitschrift, die zu durchsichtigem Zweck seitenlang\nüber den Börsenwitz öden läßt, einem dünkelhaften\nSchuldiktator Chesterton zur Abschlachtung zu\nübergeben.\n\nCorvinus"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "264", "page_fin": "264", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.7", "titre_corps": "Die Miezerl Eschenbach im Himmel", "titre_sommaire": "Die Miezerl Eschenbach im Himmel", "signature_source": "J. 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Da aber der schlaue Feuilletonist die un-\nmögliche Reise mit der Jules Verneschen Railway\nmachte, stellte sich' für das Tageblatt die literarische\nSensation in Wirklichkeit sehr billig, das kultur-\nfördernde Rekramepreisausschreiben der B. Z. a. M.\nhingegen wird mandber Ayiatiker teuer bezahlten\nmüssen.\nLebt audh nicht jeder Sterbliche in Wien wie\nim Himmel1, so setzt er dodh wenigstens sein Tot-\nsein im Hinüne! wie in Wien fort. Der Petrus oder\nPetertf, so heißt er nach Mauthner, ist nur eine\ngrobe und ungebildete Wiener Haustneistergestalt,\ndie Enger In waren einmal Wiener Früdhteln und\nder Hebe Herrgott selber ist ein halber Wiener.\nDer Peterl! führt die greise Dichterin herein, aber\nweill es ihm nicht einleuchten will, daß ein noch\nlebendes Wesen als Gast im Himmel erscheinen\nkann, gibt er seine „Dumm ... Dimm ... Dumm\"-\nDemission ,albo.\nMozart, Schubert, Grillparzer, Raimund und\nandere Größen madhten der Gefeierten die Auf-\nwartung, Beethoven hatte1 sich entschuldigen lassen.\n„Die Engelsbuben servierten einen himmlischen\nKaffee mit himmlischen Oberst; man trank und\naßi Vielerlei dazu; auch Apfelstrudel\". Mauthner\nsagt Oberst statt Obers, vielleicht weil der ver-\nstorbene Gatte der Didhterin, der sidh übrigens\n— merkwürdig genug — zur Jauste nicht einge-\nfunden hatte, Generali War. Zu seiner Vertretung\nlag wohl der „Oberst\" auf dem Kaffee.\nDie Eschenbach sollte „von der neuen Zeit,\ndem1 neuen Reich1, von der neuen Kunst\" erzählen.\n„Aber in ihrer Befangenheit fielt ihr nur ein, was\nsie schon einmall gesagt hatte: daß die Poesie ztrni\nKunsthandwerk geworden sei, daß bei den Hotten-\ntotten nicht einmall Naptoleon berühmt sei, daß\njetzt überall der Ruh m der kleine n\nLeute Erfolg heiße.\" Als nun aber Goethe\naus den Wolkenkulissen heraustrat, dadhte die tief-\nsinnige Hodharistokratin, „der schöne, alte Herr\"\nWiäre Gott selber. Er legte ihr die Hand auf die\nSdhül'ter, blitzte sie aus dunklen Augen an und\nsagte nur das eine Wort: „Bedeutend!\" Das\nsagte er.\n„Sphärengesang von harmonischem Donner-\ngeHäute begleitet.\" Gottvater trat an die Gefeierte\nheran, die, auf ein Knie niedergesunken, ein „Vater\nunser\" flüsterte. Dodh der liebe Gott hob sie zu\nsich empor und sagte: „T sdhap e r I! Mie z e r 1!\"\nDaraufhin sprach die Ebner fast slawisch ein-\nschmeichelnd : „Ich küß; dir die Hand, lieber Gott;\nes war alles gut und reidhlich. Aber eine Jause\nund einen Apfelstrudel habe ich auch in Wien\ngehabt. Wenn idh darf, so möcht ich halt bitten,\nAntwort auf drei Fragen.\"\n„Der l'iebe Gott kraute sidh in dem schönen\nhellbraunen Haar.\" Die Ebner will Von ihm wissen,\nwozu er die Welt ersdhüf, wie er sie erschuf, und\nob er wirklich! Gott ist. Und Gott gibt auf die\nFragen Antworten, wie sie ihm Mauthner nicht\ndümmer in den Mund fegen konnte. Er ersdhüf die\nWelt Zum „Zuschauen\", für sich, für sie und ihres-\ngleichen. i\n„Und wie hast du die Welt geschaffen ?\"\n„Was weiß idh denn. Idh bin doch kein Pro-\nfessor. Eher so ein Künstler, so ein Dichter wie\ndu. Sie ist entstanden von mir, aus mir, was\nweiß ich?\" — Was weiß idh?!\nSo dichtet der phiilbsophisdhe Feuilletonist dem\newigen Gott blödeste Einfalt und den irdischesten\nGeschmack an, er zerrt einen Himmel1 auf das\nhöllisdhniedrige Niveau seiner Phantasie herab.\nUm originell zu sein!\nIdh hoffe, daß der junge Gott mit „dem schönen,\nhellbraunen Haar\" seinen Gesdhmack noch Ver-\nfeinern wird. 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Sie behaupten,\ndaß man nicht umhin könne, ihn zu lieben. Aber\nes geht dodW. Allmählich1 wird die Langweile, die\nBerliner Theater erzielen, bedrückend. Schon die\nTatsache, höchst unsympathischen Zeitgenossen und\nLibrettisten bei jeder Premiere begegnen zu müssen,\nkönnte midh veranlassen, das Theater zu meiden.\nAlso: Max Reinhardt, den wir alle lieben, ließ in\nden Kaminerspie Jen zwei redht m,äßige Lustspiele,\ndas eine Von Möllere, das andere von Shakespeare,\naufführen. Die Direktion hatte weder Mühe noch\nKosten gescheut, aber lüstig wurde es nicht. Einige\nClbwnspäße wirkten besonders auf die üblichen\nHerren der Presse, nämlich auf die „erste Garnitur\".\nDie geht bekanntlich nur in die aller Vornehmsten\nTheater, niemals in den Zirkus, und selten in das\nVariete. Es Ist also leicht zu begreifen, warum\ndie erste Garnitur Dinge köstlidh findet, die man\nwo anders besser sieht und macht. Herr Max\nReinhardt ist kein Künstler. Wer so wenig Gefühl\nfür Musik besitzt, daß er soldhe Dinge spielen\nläßt, wie sie in den Kammerspielen geboten wur-\nden, ist ohne Kunstsinn. Wer nichts Von Lyrik\nVersteht, begreift auch die ganze Literatur nicht.\nDenn alle Kunst quillt aus dem Lyrischen. Und\nMusik ist gesteigerte Lyrik. Nun kaiin idh' mir\nsehr gut das Theater ohne jeden Kunstehrgeiz' Vor-\nstellen. Dann soll man aber um Gottes Willen\nnidht mit Stil, Nuancen und Stimmung arbeiten\nwollen, die auf dem Gebiet der Kunst liegen. Nichts\nwirkt gräßHidher als die Suche und Sucht nach dem\nStill Stil ist Ausdruck einer Persönli d h k e i t.\nUnd Herr Max Reinhardt, den wir alle lieben, ist\nkeine Persönlichkeit. Das muß man ihm recht klar\nmadhen. Und die „erste Garnitur\" mit einigen\nFedern schmücken, die vergessen würden, und den\nganzen Theaterhüt so auf eine Stange stecken, daß\ndie Passanten ihre ehrfürchtige Verbeugung Ver-\ngessen und der Theatervogt nicht so schnell aber\ngeräuschvoller verschwindet, wie der König voin\nPortugal1. i Trus t"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "264", "page_fin": "264", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.9", "titre_corps": "Wochen-Spielplan der Berliner Theater", "titre_sommaire": "Wochen-Spielplan der Berliner Theater", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.6", "debut_caractere": 8365, "fin_caractere_exclue": 10338, "texte": "Wochen-Spielplan der Berliner Theater\nflktrfchprl Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Sonnabend Sonntag Montag Theater mit gleichbleibendem\nvmiuucr n 12 13 14 15 16 17 Spielplan:\n• ——- Öftstspicl ffSl i©S6 •\nSchumamswashs!ai3ea Judith Sumurftn Don Carlos Sumurun Die Räuber Sumurftn Paust charVrl'tfens^'l»^61' ab Sonnabend: Die töricht«\nJungfrau\nKomödie der Komödie der » . Komödie der Komödie der\nSchumannstrasse 14\nIrrungen/ Heirat Gawän Irrungen/Heirat Irrungen/ Heirat Gawän Irrungen7.Heirat Der Moloch\nwider Willen wider Willen 6 wider Willen wider Willen\nA.bsch y Reßf /D fyew FtwäS\nLessingtheater Wenn der junge Wenn der junge Wenn der jun ge Tq , • ~ Wenn der junge Wenn der junge Wenn der junge Neues Theater iWr\nFriedrich Karlufer l Wein blüht Wein blüht Wein blüht iantlls dei Wein blüht Wein blüht Wein blüht Schiffbauerdamm 4a|s yon Ollvera.\nKomische Oper Premiere Hoffmanns n. TJ , > Der Arzt wider j,- ö n. Residenztheater *rAui<iCc!a ah,,«\nFriedrichstr. Io4|io4a Die Boheme Ä?zählungen Die Boheme Willen. Dl Boheme Die Boheme Zigeuneiliebe Biumenstr. 9a Noblesse oblige\nNeues königliches TriflnnnttiAfltAr\nOperntheater Die Walküre Boheme Margarete Versiegelt Lohengrin Manon Salome pr Friedr< Karlstr 7 Pariser Witwen\nKönigsplatz 7 ° '\nNeues Gastspiel Triesch Tjeber Gastspiel Triesch Der Tartüff Gastspiel Triesch Gastspiel Triesch Der Tartüff Neues\nSchauspielhaus Premiere: Jung- Kraft I Jungfrau von Der Herr von Jungfrau von Jungfrau von Der Herr von Operettentheater Der Graf von Luxemburg\nNoiiendorfstrasse 11112 frau von Orleans Orleans Pourceaugnac Orleans Orleans Pourceaugnac Schiffbauerdamm 25\n~rr-« • . -n- ~ n. r7ri„0__v Die verflixten Die verflixten Tl. Die verflixten Theater des\nUnter de„ Li°L„ Der Liebestrank De, Liebestrank 2SSÄ KÄS De' Lieb\" S« » **\nT»- •• • 1 •\nSchauspielhaus Figaros Hochzeit EabeMteinerin Der Schlagbaum Der^*™ie^frat Der Herr Hofrat Zopf und Schwert BehSSsi\"' Hurrah - Wir leben noch!\nGensdarmenmarkt • • - - , ~ _"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "265", "page_fin": "265", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.7", "debut_caractere": 168, "fin_caractere_exclue": 343, "texte": "Ileue Secession\nOraphische Russfellung\n1910\n1. 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Eine hervorragende Neuersofcelnung auf dem Gebiet© der MUdclien-\nblldunsr ist das Baeh\n„Brauclien wir nocli Toehterpeiisionate V\nvon Prof. D. DryFriedrich Zimmer. Preis Mk. 9—\nWichtig fiir Eltern heranwachsender Tochter, Padagogen, Pensionats-\nYorsteherinnen.\n2. „IMe K.nabenp©nsionate, deren Einriehtanc, Ihr I-nneres\nand iiusseres Leben.i( Yon L. Daniel. Ein Ratgeber fiir Eltern\nund Pensionatsinhaber. Mk. 1.80.\nS. „Dag TSehterpensionat\" ist die einzigre Zeitschrift, die die In-\nterressen der Vorsteherinnen vertritt. 7. Jahrgang. Reichhaltiger Inhalt.\nAus der Praxis ftir die Praxis. Pro Haibjahr Mk. s®,so.\nDurch samtliche Buchhdlg. Oder direkt vom Yerlag Dr. Paul Abel, Leipzig 10"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c015", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "266", "page_fin": "266", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.8", "debut_caractere": 1455, "fin_caractere_exclue": 1655, "texte": "Herwarth Walden\n: DAFNISLIEDER:\nFur Gesang and Klavier / 52 Seiten\nBREI MARK\nDurch alle Buch- utid Musikalien-\nhandlungen oder direkt durch den\nVerlag DER STURM, Halensee\n•• • Katharinenstrasse 5 •• ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c016", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "266", "page_fin": "266", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.8", "debut_caractere": 1657, "fin_caractere_exclue": 1668, "texte": "cManchester"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c017", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "266", "page_fin": "266", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.8", "debut_caractere": 1670, "fin_caractere_exclue": 1920, "texte": ";asia\nDr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrera.d Schauspielschule d. 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Jahrgang. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Georg Liittke\nDie „Akademische Rundschau\" erscheint am 10 ten und 25 ten\n| eines jeden Monats. Probe-Nummer gratis\nHoherziichtung des Menschen auf biologischer Grundlage\nVon Dr. Franze (Mk. 1,80). Was ist bis jetzt far eine verniinftige\n1 Ehereform geschehen? Nichts! Und doch ist die Sache fur (fie\n| gesamte Mehrheit ungeheuer wichtig! Was lasst sich in dieser\nBeziehung tun? Dartiber soli uns die Schrift aufklMren. Die Schrift\n■ ist deshalb ebenso wichtig fur die Eltern wie fur die heiratsfahigen i\nJtinglinge und Jungfrauen. Man lese! 112\nBelastung respektive Ererbung und Entartung. yon Dr. J. Sadger5\n(1,50 Mk.). Die zwei Worte „Belastung und Entartung\" bergeif so-\nungeheuer viel in sich, dass jedermann sich dariiber unternchten''i\nsollte. So viele Krankheiten haben ihren Ursorung in der\n| respektive Ererbung. und nur dann bekommt man ein klares Bild-\nP von der Krankheit und ihrer Behandlung, wenn man sich liber Art**\nWeise der Belastung oder Ererbung klar geworden ist.\ni:l>ofverladsbucbbatiaiUMO Edmund DetmntT'Ceipzig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-10-13-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-10-13_01#c020", "volume": "bmtnabg_1910-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "266", "page_fin": "266", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.8", "debut_caractere": 3138, "fin_caractere_exclue": 3840, "texte": "Pitit-atimnfifa Sanatorium und Erfaolnngrshei\nr 111 IV CII 111 ll 111 C Post Mellenbach bei Schwarzburg im Thiiringer Wald\nBesitzt alle neuzeitlichen Einrichtungen, Zentral\nheizung und elektrisches Licht, komfortable Gesell-\nschaftsraume. Individuelle arztliche Befaandlung.\nDie Kiiche steht unter Aufsicht des Arztes. Bei\nNervenschwache, Magcn- und Darmleiden, Gicht\nund Rheumatismus, Prauenleiden u. a. m. best-\ngaeigneter Aufenthalt\nBesitzer und Letter; I>r «112. mod. W. Slots\nAllseit Reformbestrebungen,\ninsbes. derPflege persttnlieher\nKultur und gesunder Lebens-\nansehauungen, dient unsere\nMonatsschrift n6esundei\nLoben4', von der wir Probe-\nnummern auf Wunach gratia\nversend. 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Fahrzeit vom Alexanderplatz)\nHauptgebaude mit Zentralheizung und elektrischem Licht, grosse,\nhelle Zimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadratmeter\ngrosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum, Lauben, grosser\nTeich usw. Das ganze Jahr geSffnet Den Besuchern Berlins\nals herrlicher Aufenthaltsort empfohlen. Fern von dem Larm und\ndem Staub der Stadt. 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OKTOBER 1910/ WIEN\nNUMMER 33\n\nINHALT:\nOTTO SOYKA: Der Leser / PETER\nHILLE: Das Mysterium Jesu / THADDÄUS RITTNER:\nAkazia / HANS MAYER: Bildungsphilister / CORVINUS:\nAbschlachtung / J. A.: Die Miezerl Eschenbach im\nHimmel / TRUST: Deutsches Theater über alles! /\nOSKAR KOKOSCHKA: Menschenköpfe V: ALFRED\nKERR\n\nDer Leser\nVon Otto Soyka\nCharakteristisch für das moderne Leben ist die\nHochflut der Literatur, die sich sofort in jede Bahn\nergießt, die dieses Leben gebrodhen hat. Dem\nAutomobil folgen augenblicklich Automobildrama\nund Automobi lh um oreske. Kaum ein Markt der\nWelt wirii so prompt bedient wie der literarische;\nnirgends sonst sind die Produzenten von so eifer-\nvoller Beflissenheit, jede Möglichkeit der Nachfrage\nzu erraten, und jedem Wunsche zuvorzukommen.\nDurch das Uebermaß von Literatur, das heute zu\nGebote steht, haben sich eigentümliche Erschei-\nnungen in der Psychologie des Lesers herausge-\nbildet. Es entstand der Buchmensch, der sich und\nseine Ansätze Von Persönlichkeit der Literatur hin-\ngab und zufrieden ist, sein Leben nach vorge-\ndrudkteim Text nachzuleben. Es entstand der\nbesitzergreifende Leser, der auf alles Literarische,\nPersonen, Stil und Inhalt, einfach Beschlag legt\nunid sie als Nutzartikel in bezug auf seine Persön-\nlidhkeit betrachtet und beurteilt. Literatur ist ein\nGegenstand, den er wie jeden anderen bezahlt;\nQödanken und Ansdhauungen sind Waren, die an\njeder Straßenecke feilgeboten werden. Der Autor,\nfür den er sidh entscheidet, ist ihm eine Art Mode-\nstoff, mit dem er sidh nadh Gutdünken drapieren\nwill. Er wählt ihn so, daß er zu seiner Krawatte\npaßt, und präzisiert damit den Gegensatz zu seinen\nschwerblütigeren Mitmenschen. Sie tragen zeit-\nlebens Krawatten, die in Form und Farbe den\nGedanken ihrer Hauptldktüre entspredhen.\nDas Anprobieren fremder Meinungen und Ge-\ndanken geschieht !mit jener Sorgfalt, auf die eine\nHauptfrage der geistigen Toilette Anspruch hat.\nNietzsche kleidet jugendlich und ist schon zu sehr\nunter den Leuten, Sdhbpenhauer hat Unbequem-\nlichkeiten. Aehnliche Erwägungen sind bestim-\nmend. Die Weltanschauung, die man wünscht, soll\nder eigenen Lebensführung angepaßt und Vor allem\ndekorativ sein. In der schönen Literatur sprechen\naudh soziale Stellung und politische Meinung des\nAutors ein gewichtiges Wörtchen mit. Man müßte\nsidh hüten, auf das bloße Gefallen an ihren Werken\nhin, Gorki oder gar Zola zum Lieblingsautor zu\nnehmen. Daß man weiterhin für sein Geld auch\nwirklichen literarischen Wert, etwas Unerhörtes an\nGeist und Gedankentiefe verllangen kann, ist selbst-\nverständlich. Die Geistesblitze der größten Denker\nsind gerade gut genug, um1 einel Wodhe Tang ein\nkleines Gesprädhsfeuerwerk bei Ball und Soiree zu\nunterhalten. Ich kannte jefrland, der einen unge-\nheuren Verbrauch an Autoren hatte. Er war stets\naufs höchste für einen Schriftsteller begeistert und\npries ihn solange über alles, bis er einen Nadhfolger\nan seine Stelle setzte. Dann existierte der erste\nnicht mehr für ihn. So verehrte er sich zweimal\ndurdh die ganze Literatur des In- und Auslandes\nhin und zurück. Einmal, als er Von einem sehr\nModernen auf Kosten aller anderen sdhwärmte, er-\ninnerte iidi ihn daran, daß er Jean Pauli herrlich und\nerhaben gefunden habe. „Nun ja\", antwortete er,\n„weiter ist der aber audh gar nichts.\"\nDaß Kinder mit den philosophischen Gedanken\nspielen wie mit Puppen, daß Aphorismen der besten\nGeister als Gesprächsaufputz für sehr junge Leute\nzu dienen haben, daß Goethe und Shakespeare als\nTeegespräch zum Gebäck serviert werden, das sind\nErrungensdhaften von sehr zweifelhaftem Wert. Es\nsind Symptome einer naiven Respektlosigkeit vor\ndem Genie, die auCh anderwärts an der Tages-\nordnung ist. Die Drudkerpresse hat das Reich des\nGeistes audh den Unberufensten zugänglich ge-\nrn adht. Und mit wackerem Eifer schreiten Hinz\nund Kunz an die Demokratisierung dieses Reiches,\nmödhten am liebsten Meter und Kilogramm, die\nsie von ihrer täglichen Besdhäftigung her schätzen,\naudh als Masse für Geistesprodukte einführen. Es\nsieht sidh an wie eine Revolution der Armen am\nGeiste gegen die Geistesaristokratie.\nDer Leser fühlt sidh als Konsument und Auf-\ntraggeber und will bedient sein. Gegen den Autor\nhat er zweierlei Stellung; entweder er lehnt ihn\nals nicht konvenierend ab, oder er kleidet ihn und\niseine Ideen in die Livree des eigenen Hauses, indem\ner ihn zu seinem Dichter, Denker und Erzähler\nernennt. Das sind die Folgen einer literarisdhen\nUeberproduktion, die mit ihren Erzeugnissen die\nTagesblätter füllt und jedem Geschmack, jeder\nPartei nach Wunsch ihre Ware ins Haus liefert.\nWie die Dinge heute stehen, bedarf das Publi-\nkum des Schutzes gegen eine Talmiliteratur, die\nsidh reisefertig auf jedes Geschehnis des Lebens\nlegt, die Phantasie belastet, den Menschen lebens-\nfremd madht; aber zu schützen sind auch die\nliterarisdhen Schätze gegen ein Publikum, das ge-\nwöhnt wurde, in der Literatur einen Kramladen\nzu sehen, in dem der Kunde Befehle erteilt.\nZweifellos sind es Erscheinungen im literari-\nsdhen Betriebe Von heute, die an der Urteilsver-\nwirrung Schuld tragen. Außer dem1 Uebereifer\nliterarischer Handlanger schädigen vielfach Buch-\nkritiker und Bearbeiter die Literatur. Gerade die\nBuchkritik liegt häufig in den Händen von Dilet-\ntanten. Mit Rezensionen beginnt der Literat die\nMitarbeit an der Zeitung. Sie werden als Stilproben\naufgefaßt, aus denen sidh die Befähigung zum\nSonntagsplauderer oder Lokalredakteur ergeben soll.\nAlle Schäden, die aus Urteilslosigkeit und Unreife\nerwadhsen müssen, fließen in die Spalten der Buch-\nreferate. Hier ist das Dorado der Stilblüten, hier\nstehen melir apodiktische Urteile in zwanzig Zeilen\nal!s in ebensovielen Leitartikeln. Und dodh bedarf\nes gerade hier der Urteilsfähigkeit eines Mannes\nVon Wissen und Können, um in einer Arbeit das\nGewollte zu erkennen, das Erreichte zu würdigen\nund kritisch' einzuordnen. Wer übler andere ur-\nteilen will, soll nicht erst nach sich selber suchen\nmüssen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Und\ndem jüngsten Gymnasiasten, der bei Pierson Ge-\ndichte verfegt, tritt der Rezensent zu nah1, der eben\nim Begriff ist, dasselbe zu tun. Aber auch jener\nBuchkritiker, der seiner Aufgabe gewachsen ist,\nsol'ite nie des minder einsichtigen Lesers vergessen.\nMan kann Lichtenberg tadelin und den neusten\nSälbnplauderer loben, und beides mit Redht. Aber\nder Leser muß erinnert werden, daß in beiden\nFällen ein anderer Maßstab lim Gebrauch war, und\nan dem Maße Lichtenbergs gemessen, der Salbn-\nplauderer über Lob und Tadel erhaben ist, weil er\neinfach verschwindet. Man bedauert oft, daß eine\nridhtige Darstellung literarischer Größen jenen Ver-\nmerk vermissen läßt; der am Rande der Landkarte\nso instruktiv wirkt. Maßstab: Eins zu tausend.\nEs wird kaum verantwortungsloser und unreifer\nüber Literatur gesprochen, als über Literatur ge-\nschrieben wird.\nZur Bearbeitung wertvoller Werke sollte ein\nBefähigungsnadhweis erforderlich sein. Es sollte\nnicht jeider ohne weiteres Hand anliegen dürfen.\nMonumente des Geistes hätten zumindest jenen\nSchutz zu genießen, der solchen aus Marmor zuteil\nwird. Eine Statue dürfte niemand ungestraft be-\nsudeln, aber — um ein krasses Beispiel zu nennen —\ndie Werke Piatos können in der gelegensten deut-\nschen Ausgabe (UniVersallbiibliothek O'rnit Anmer-\nkungen eines Herausgebers erscheinen, die auf den\nTon einer Gassenschenke abgestimmt sind. Oder\nein spekulanter Verlag veranstaltet Jugendausgaben\nVon Kiplings Dsdhüngelbuch, den Schriften Dickens,\nbedeckt sie mit seinen Reklamezetteln, und nie-\nmand fragt, mit weldhern Redht hier etwas für\ndie „Jugend\" „bearbeitet\" wird, das; Von hoch-\nbegabten Menschen für die Jugend gesdhr i e b e n\nwurde. Jedem Unberufenen ist in der Werkstatt\nfremden Geistes die Mitarbeit gestattet, und ver-\ngeh l!idh wünscht man Stachelzjäune auch' um\nG eis tesfri onum ente.\nAus literarischer Sphäre selbst müßte der An-\nstoß zur Aenderung dieser Verhältnisse kommen.\nUrteil'e in literarisdhen Dingen dürfen in der Oeffent-\nlidhkeit nicht mehr mit Namen gezeichnet werden,\ndie bedeutungslos sind. Eine Erziehung zum Leser\nsoll von der Kritik ausgehen; denn der Leser ist\nes, der heute fehlt. Er muß vbn dem Besdiauer\neines Kunstwerkes lernen, Distanz1 zü halten. Er\ndarf sich nicht widerstandslos zu eigen geben, und\ndarf nicht plump Besitz ergreifen wollen, darf\nLiteratur nidht als Gebieterin und nicht als Stuben-\nmagd behandeln. Kritiker und Bearbeiter sind heute\nnur zu oft schuld daran, daß dies geschieht. Der\nKritiker Vor allem 'muß sich bewußt werden, daß\nseine Aufgabe nidht im Loben oder Verhöhnen be-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.2", "texte": "steht, als in der richtigen Einordnung einer Schöp-\nfung in die literarische Wertreihe, oder in der moti-\nvierten Ausscheidung aus ihr. Das bedeutet (die\nTrennung der Literatur von den Marktartikeln der\nLektüre, die Zur Befriedigung des rein mechanischen\nerzeugt werden. Die reinliche\nScheidung wird es möglich machen, auch jn wei-\nterem Kreise Leser zu schaffen; wirkliche Leser,\ndenen die Lektüre nidht ein Genußmittel oder eine\nLeihanstalt für Phrasen und „moderne\" Ansichten\nbedeutet. Leiser, die ein Verhältnis zum Gedanken-\nund Kunst-Wert eines Werkes zu gewinnen suchen.\n\nDas Mysterium Jesu\nVon Peter Hille\nAus dem Nachlass\n\nHeimsuchung\nUnd es treibt zum Weibe das Weib, die\nHoffende zur Hoffenden. Nun entsinnt sidh Maria\nstärker ihrer ,Base Elisabeth, und daß audh diese\ngebären soll. Die gottesfürchtige, glaubenskräf-\ntige, lebhaft-tüchtige Base, und der würdige stille\nPriester — ein Heimweh erfaßt sie nach beiden,\nein Sdh'westernzug des gebärenden Geschlechts zum\nAustausdh von Freude und Rat.\nIhr ist's, als ginge sie gebotene Wege, wandle\nim Geiste, vorbildlich im1 Gehorsam die steinigen\nPfade.\nUnd da sie sdhbn das schlichte Haus sieht im\nLandstäddhen unter dem klüftigen Hügel Ididht\nneben dem bescheidenen Tempel, den der Ort Ver-\nmodhte, und in dem sie doch immer so gern ge-\nbetet hätte, bei ihren früheren Besuchen, demütig,\nehrfürchtig, daß sie ja ihn nicht verachte, da sie\nseit Kindsgedenken an der Stätte höchster Gottes-\npracht geweilt, tritt auch die Base heraus, bedacht\ndie Augen. Denn mit der über die Randhöhen ins\nTal tretenden Sonne kam Maria, die schon mit den\nSternen sidh erhoben hätte1, zu ihrer Wanderschaft.\nNun hat Sie die Base erkannt. Hurtig regen sidh\nihre Schritte. Gastfreude verjüngt das Alter.\n„Wie geschieht mir die Ehre und Freude, daß\ndie Mutter meines Herrn zu mir kommt?\"\nMaria staunt, daß jene schon weiß.\nDie Base deutet: „Da du dich nahetest, hüpfte\ndas Kind in meinem Leibe. Aber, was versäum\nich mich.\"\nNun wird der liebe Gast hereingeholt, zum\nSessel geleitet, und darf sich nicht regen, und wird\nihm aufgetragen Honig und Mildh und Brot. Wäh-\nrend der sanft umsorgenden Erholung, die so wohl-\ntut nach langer Wanderung in Sinn und Seele,\nkomlmt auch Zacharias, der Silberbärtige, aus seinem\nheiligen Dienste. Er ist sdhon eingetreten in die\nEhrwüfdigkeit des Alters, und als auch er, nicht\nsogleich, die Segenskunde erfährt — Frauen be-\nwahren das eigen Innerliche gern für sich selbst\n— Vermag er nur ernst zu schweigen.\nEr zweifelt und jubelt nidht, er will sich in\ndas Neue nidht mehr finden.\nDas kommt nadh ihm.\nEs sind die Tage der Seele, und die weisen\ndie Welt auf das Weib!\nEpiphanias\nNicht nur Irrwische locken, nicht nur das Ver-\nkehrte ruft. Ein rufender Stern, ein Zeidhenstern,\nkeine fernDeudhtende Lebenssonne: ein Licht der\nGeistigkeit ist dem innern Auge der geweihten\nForsdher des königlidhen Ostens aufgegangen. Im\nWesten steht er und deutet Gefahr und große Ferne.\nDes: Geisterkönigs Ruf ist ihnen genug, sie, sie die\nstoben Herrscher forschen draußen wie weges-\nfremde Wanderer. Abenteuern werden sie gleich\nin Heiligkeit. In Sterneneinsamkeit, djie ernsten\nAugen oben — taudht er wieder auf, der Stern? —\nziehn sie weiter, Nacht für Nacht. Zweifelnd wie\neiner großen Narrheit schuldig, und haltlos. Jeru-\nsalem, die Hauptstadt, weiß nichts von diesem\nKönig. So gewinnen sie wieder das Tor und die\nVertraute Nacht, da zeigt Melchior nach oben. Die\nBeiden nicken. So hell ist der Stern, daß, jedes\nSteinchen klar wird und kein Fehltritt der Kamele\nihnen Schäden trägt. Kein Zaudern mehr!\nDa — der nidht hoch l'eis zieh ende Stern ist in\nF'estigkeit eingelaufen. Starr steht er. Sie sehln\nsich um — nichts! Ja da: ein kleiner Stall! Haben\nsie nidht husten hören? Da kommen Hirten an\nihnen vorüber. Vor dem Stall knien sie. Sonderbar!\nDer Dolmetsch fragt. Mit leiser Stimme, wie eine\nseltsame Sache mitgeteilt wird, kommt die Ant-\nwort zurück:\n„Die Hirten beten den neugebornen König\nder Juden an.\" Hier? So ärmlich? Der große\nGeisterkönig? Die Magier sehen sidh an. Im Licht\nauf allen Stirnen verständigt schreiten sie hinzu.\nAllmächternst in fragenden Aeuglein. Zarte Ge-\nbärden in weltschaffenden Händchen. Schon knieen\nsie. Vor ihnen wachen wie um ein heiliges Wunder\ndie heiligen Eltern. Die reinste Mutter, der edelste\nBräutigam, und wehren nicht, wen immer sein\nheiliger Wille treibt zur Verehrung. Sie wissen:\ndieses Kind gehört der Welt — sie dürfen's nidht\nabschließen, und haben den Schandenschein un-\ntreuer Begehrlichkeit und schwachmütiger Duldung\nauf sidh genommen.\nWie eine nächtliche Erscheinung sind ver-\nschwunden die Könige. Der Königsknabe, wie oft\nnicht gedachten sie seiner. Aber er leidet Erlösung;\nso müssen die starken Verehrer ihren Gott der Ver-\nadhtung und blutiger Erbitterung überlassen.\nEines Abends fanden die Hirten den Stall der\nGottheit leer. Als aber das Reidh der Allmacht\nin die Söhne des Elends zog, jda erinnerten die\ndavon Ueberlebenden sich des Ueberlebten, und\nsie verließen ihre Heere wieder.\nDiesmal aber nidht für Stunden, einige sogar\nfür immer.\nAndeutung\nJohannes, das gesunde, sehnig gebaute Knäb-\nlein der ältlichen Eltern, ist des göttlichen Kindes\nSpielgefährte, behütend und hilfreidh. Er war still\nauch im Freien mit seinem göttlichen Verwandten.\nUnd sah aus, al's sänne er fortwährend über etwas\nnadh. Nur ein Wunsch, ein Auftrag, leise An-\nregung seines himmlischen Gespielen rief jh'n un-\nver weilt auf die Erde zurück.\nSo wuchsen die Knaben auf. Bald weilte der\njunge Jesus einige Tage bei den Eltern des Jo-\nhannes, mehr aber noch kam der Priestersohn hin-\nüber in dfie fromme, sanfte, arbeitsernste, liebes-\nholde Hütte von Nazaret. Da gingen sie beide\ndem Zimmermann mit Hobel1 zur Hand, trugen\nHammer und Nägel1, oder füllten für Mutter Maria\nden Krug am Brunnen. So verging die Zeit.\nDa rief die Knaben, die zwölf Jahre alt ge-\nworden waren, die Tempelfpflicht. In langen, voll-\nschönen Gruppen wandelt es zur duftkeimenden\nFrühlingszeit, da der Feigenbaum seine wadhstum-\ntüchtigen Knospen ansetzte, hinauf gen Jerusalem.\nEs gemahnte an den Weg der Menschheit zur\nVollendung, wie so ein Zug den heiligen Pforten\nsich näherte, dann nach größerem Zwischenraum\nein zweiter folgte und doch noch immer neu es\nauftauchte fern dahinten am Rande der Hochebene,\ndrauf die Königin der Städte thronte, eine tröstende\nHochburg der sehnenden Mühsal.\nBei dieser entfalteten großen Volksfamilie fand\nund erneuerte sidh die entlegene Verwandtschaft.\nHier zuerst bekamen einander zu sehen, die so viel\nvoneinander geredet hätten, hier umarmten sidh\nAngehörige mit der großen herzlich breiten Würde\nös tlidher Stammesfreude.\nBesonders aber die Kinder, die Onkelfrohen,\ndie gerade im Fremden festtätigtrautes findenden\nKinder Verschwinden in den Falten dieser nun\nmitsammenziehenden Blutsfreundschaft.\nSo suchte man auch nicht, als man am ersten\nTage nach der Heimkehr Von den Tagen des Festes\ndie beiden Knaben vermißte : sie werden mit Jehuda,\nZabulbn oder Manasse gegangen sein. Gelegentlich\nfragte man: „Jesus und Johannes sind wohl bei\nEudi?\" Nein, das sind sie nicht, man weiß nichts\nVion ihnein. Schon wädhst die Sorge. Al's endlich\nalle erdenklidhen Erkundigungen eingezogen sind,\nkehrt Josef zurüdk zu der im Rathause, da die\nandern sdhon weiter gegangen sind, verbliebenen\nMutter. Aengstlidh sieht sie auf den Eintretenden,\ner vermag nur mit dem Haupte zu schütteln. So-\nfort erhebt sidh die Mutter und geht auf die Tür\nzu. „Wohin?\" „Zurück mach Jerusalem\", die kaum\nvernehhiliche Antwort. „Du nadh Jerusalem ? Un-\nmöglich ! Du wirst unterwegs liegen bleiben! Du\nkannst kaum weiter. Beidenk, es sind fast drei\nTagereisen auf rauh bergansteigender Straße. Bleib\nsolang hier, idh werde mich beeilen, in fünf Tagen\nbin ich wie|der zurück.\" „Nein, Josef, ich gehe\nmit dir. Eine Mutter, der ihr Kind abhanden ge-\nkommen ist, hat keine Ruhe, Josef, sie würde um-\nkommen, wenn sie allein bliebe und harrte. Und\nJosef, beflissen voll sorgender Pflicht, dachte an\ndie gleich jähe, gleich angstvoll trübe Reise nach\nEgypten. Er versuchte mit dem geringen Reste\ndes Reisegeldes einen Esel zu mieten, aber seine\nBemühungen waren und blieben vergeblich, soviel\ner ihrer auch anwandte, und sich nicht genug tun\nkonnte darin, bis die Mutter ihn antrieb, ihre Ge-\nmächlichkeit dem verschwundenen Kinde zu opfern.\nAber die angstgejagte Mutter kannte nidht Erschöp-\nfung noch Ermüdung. Kaum daß, Josef selbst\nSdhritt halten konnte mit dem eilenden Weibe.\nSdhön am Mittag des zweiten Tages stiegen die\nKuppeln der JehbVastadt in den spähenden Blick,\nund spät in der Nacht noch klopften sie an das\nTor. Das flehentliche Bitten der Mutter rief end-\nlich den Wädhter an die Riegel. „Mein Kind. Wir\nwissen nidht, wo es ist! Es ist nidht mit uns,\nnoch mit anderen aus unserer Kundschaft heim.\nEs muß hier verblieben sein.\" „Heut ist es zu spät.\nMorgen in aller Frühe wird das Tor wieder ge-\nöffnet. Wo wollt ihr noch hin?\"\n„Um der Barmherzigkeit Gottes willen, bei den\nKnien deiner Mutter, Mann, wir haben die drei\nTagereisen in zwei Tagen wieder zurückgetan, da\nwir der Heimat sdhbn nahe waren, und nun, nun\nsollen wir vor den Toren stehen und auf den Riegel\nharren, während unser Sohn, der uns muß verloren\nhaben im Gedränge, die Straßen durdhrennt, (und\nsucht, nach uns ruft und verschmachtet!\"\nDer Torwart stand noch einen Augenblick, ging\ndann fort, Lidht fiel durdh die Spalte, und man\nhörte einen schweren Schlüssel mühsam unge-\nschickt in den Irrgängen des Sdhlosses tasten. Dann\nwidh in geschlängeltem Rückzüge ein vorgedrängter\nRiegel, hodhaufatmend standen die Erschöpften in\nder Terhalle. „Halt, ihr Leutdhen\", redet der bär-\ntige Wärter die Voreilenden an, „so geht es denn\ndodh nicht. Erst muß ich euren Namen wissen.\nHabt ihr einen Sdhein?\" Josef wickelt den Be-\nglaubigungsbrief der Obrigkeit Von Nazaret sorg-\nfältig auseinander und reicht das Schriftstück hin.\n„Sieh, da steht auch euer Sohn. Ist es der, den\nihr sudht?\" „Ja\", antwortet Maria, erwartendrege,\nJosef aber nidht, sein aufmerksamer Blick trat her-\naus aus der Gelassenheit dieser Geberde. „Dann\nwird es der sein. Idh will euch einen Rat geben.\nGeht in die Herberge, genießt etwas und schlaft\nerst, idh sehe, ihr könnt euch nicht auf den Füßen\nhalten. Morgen um die dritte Stunde wird der\nTempel für das Volk geöffnet, geht hinein alsdann\nund seht, daß ihr bis zum Sitze der Schriftgelbhrten\nvorgelassen werdet. Dort mitten unter ihnen sitzt\nein Knabe von etwa zwölf Jahren. Der beantwortet\nihre schwierigsten Fragen und Hegt ihnen derart\nschwere Vor, daß audh die Weisesten oft verstum-\nmen. Die ganze Stadt spricht davon. Von Jesu,\nBen Josef. Dem Namen nach' könnt es euer Sohn\nwohl sein. Er soll ungewöhnlidh helle Augen haben\nund langes in der Mitte gescheiteltes Haar, und an\nhat er bräunliches Gewand.\" „Er ist es, es ist\nunser Jesus, unser göttliches Kind!\" sank Maria\nJosef in die Arme. „Uns soMie Sorge zu mächen!\"\nbemerkte ernst der abwägende Mann, während er\nleise die Hände von den Sdhültern seines Weibes\ntat. „Dodh sein göttlicher Vater mag es ihm' ein-\ngegeben haben\", fügt er, seinen Tadel wieder auf-\nlösend hinzju.\n„Nein, es ist nicht recht, er hätte es sagen\nkönnen — ich mödhte nicht noch einmal solche\nAngst erkben. Und doch — ergeben faltet die\nSchmerzensmutter ihre außer den Arbeitsschwielen\nan den Innenseiten der Finger zartbleichen Hände.\n„Doch nun komm, Haß uns geh'n, du bist so müde.\"\nUnd zärtlich, aber mehr gütig als amsdhmiegend,\nstreichelt sie ihrem Gemahl die eingesunkene Wange\ndes selbstlos Besorgten. „Also morgen früh.\nO, du Blume meines Herzens, daß du nidht verloren\nbist — nimm Dank, himmlischer Vater, daß du\ndas Tor meines Herzens mir behütet hast!\" Am\nandern Morgen, sdhon lange vor der Zeit, ehe die\nPforte des Tempefe dem Volke sidh aufschloß, stan-\nden die nun nidht mehr bekümmerten, aber wie\nauf den Zehen ihrer Seele Erwartenden, dicht am\näußeren Eingang. Jeden Versudh der ungeduldig\nrüdksidhtslbsen Menge, die unscheinbaren Fremd-\nlinge zu verdrängen, wies Josef sdhlidht und fest\nmit voller Behauptung seiner Widerstandskraft"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.3", "texte": "Menschenköpfe / Zeichnungen von Oskar Kokoschka\nV / Alfred Kerr"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.4", "texte": "zurück und schirmte so den Platz der göttlichen\nMutter. Und alis sie mit aller Ehrerbietung und\nzagender Haltung, doch etwas scheu und eifrig,\nbis an die Grenzen des Verstatteten und des vor-\nbehaltenen Raums angelangt waren, da sahen sie\nbisweilen das Haupt des Knaben und hörten seine\nhelle Stimme sdhön und deutlich etwas erklären,\ndann aber mit gemäßigter, doch großer erwachsen-\nernster Gebärde erhob er mit sachlich unbefange-\nnem Nachdruck seine Fragen, und oft war die\nAntwort Schweigen oder unsicheres Hasten.\nDer junge Meister\nIm Tempelgebäude ist ein langer Zug um die\nPfeiler redhter Hand aufgestellt vom Allerheiligsten.\nEin langer Zug. — Die hören und reden mit zu-\nsammengebohrten Brauen und schmettern mit\neiner gellen kriegführenden Stimme, die nimmer in\ndiese Stätte des Friedens paßt. Diese Stimme er-\ninnert zu sehr ans Vermietete Forum, behende und\nweltlich wie sie ist. Aber zwischen ihnen, diesen\nRaubtieren der Satzung, unter der sie das Gesetz\nbegraben, keimt ein Knabe, ein schlanker, schon\nedelhoch gediehener Knabe. In seinen Gebärden\nwohnt noch Anmut, noch die Spielfreude der Kind-\nheit, holdselige. Ein Lippenpaar, milde, leisrot,\nfreundlich, zweifelt lächelnd bei den großen Reden,\ndem dann einer sanftwarmen Schwelle der Weisheit\nEntgegnungen entlleudhten. „Alles, was Odem hat,\nlobe den Herrn!\" sagt unser König. Aber ihr habt\nkeinen Odem. Eure Werke sind Gespenster, sind\ngleich den Zuckungen des Bewußtlosen auf der\nStraße, der Schaum vor seinen Nüstern führt. Aber\nnur der Willen meines! Vaters, der im' Himmel ist,\nnur euer Hineinlegen in ihn kann sidh zu Werken\nder Liebe erwärmen, zu heilsamen und kraftführen-\nden Werken entbundener Stärke. Ihr seid bilind\nwie Maulwürfe und dodh habt ihr Augen. Lichtreif\naber müssen sie werden, und gleich dem1 feuer-\nweißen Auge der Lilie das reine Licht der Sonne\nbegrüßend.\"\nDas war fremde Sprache in diesen Hafen,\ngottesernste Tempelruhe, unverstanden. Noch war\nkein Lichtauge reif für Geist und Ewigkeit\n\nAkazia\nEine kleine Höllengeschichte\nVon Thaddäus Rittner\n1\nIch versprach ihr hundert Mark, wenn sie\nschweigt. Sie wollte nicht schweigen. Ich biot\nihr fünfhundert an. Sie wollte nicht. Ich ging\nbis vierundfünfziigtausend. Es kostete mich ja gar\nnichts. Aber es nützte mir auch1 nichts —\nSie wollte nicht\n„Wärst du mit Geld versehen, so hättest du\nmich nicht zu vergewaltigen brauchen\", bemerkte\nsie ganz richtig.\nIch entschloß; mich, mit zitternder Stimme zu\nsagen:\n„Erbarme dich1...\"\nAber es war zu wenig Rührung darin. Es\nkam nicht heraus.\nDarauf ging ich zur Tür und sperrte sie; ab;\ndann zum Schreibtisch, öffnete die Lade und nahm1\nden RevblVer heraus.\n„Du wirst dieses Zimmer nicht mehr vier Hassen\",\nsagte ich (stehend) und zielte auf sie mit aus-\ngestrecktem Arm.\n„Hm\", fachte sie achselzuckend.\nDann fragte siel:\n„Wie fang bist du schon hier?\"\n„Drei Monate.\"\n„Dann solltest du doch schon wissen, daß, es\nhier unmöglich ist, jemand zu erschießen.\"\nJa, das wußte ich ohnehin.\n„Was wirst du denn machen?\" erkundigte ich\nmich.\n„Ich geh zum nächsten Kommissariat.\"\n„Hol1 dich der Teufel\", sagte ich.\n„Hat er ja schon getan\", witzelte sie.\nWenn sie wenigstens ehrlich' empört wäre. Aber\nsie ist kalt. Ein Ekel.\n„Adieu\", sagte ich.\n2\nIch öffnete ihr selbst die Tür.\n„Was waren Sie zu Ihren Lebzeiten?\" fragte\nmich der Untersuchungsrichter.\nDie bekannten dummen Formalitäten, denke\nich und antworte:\n„Erster Liebhaber.\"\n„Ja\" — grinst der Mann — „sie führen sich\nauch danach auf.\"\nWieder Witze.\n„Idh war Schauspieler\", sage ich mit unter-\nstrichenem Ernst.\nNun wird er audh weniger gemütlich.\n„Dann begreife ich Sie nidht!\" — entrüstet er\nsidh — „wie kann ein Mensch aus besseren Intelli-\ngenzkreisen eine solche Handlung begehen!\"\nDas madht er gut.\n„Wir alle, hier, sind ja keine Heiligen.\"\nEr (ärgert sidh.\n„Es handelt sidh1 nicht um heilig oder nicht\nheilig. Das, was Sie getan haben, war einfach\nblöd. Das Miäidel ist eine Prostituierte... Sie\nhätten sie um eine Kleinigkeit haben können ...\nnein, Sie überfallen sie, tun ihr Gewalt an...\"\n„Ich hatte eben die Kleinigkeit nicht bei mir.\"\n„Ja, mußte es denn gl'eidh sein?\"\n„Ich habe überhaupt kein Geld.\"\nEr schaut mich verwundert an.\n„Warum nicht?\"\n„Fragen Sie den Herrn Quartiermeister. Er\ndiktiert ja die ewigen Strafen. Ich habe sie mir\nnicht ausgesucht.\"\n„Ah so. Sie sind zur ewigen Geldlosigkeit\nverdammt?\"\nIch nicke mit dem Kopf.\n„Das entschuldigt Sie nicht im1 geringsten\",\nsagt der Mann nadh einer Weife, „man muß eben\nnicht nur die Strafe selbst, sondern auch alle Kon-\nsequenzen der Strafe erdulden. Wir sind nidht zu\nunserem Vergnügen hier. Verfügt man nidht über\nfinanzielle Mittel, so beschränkt man sich auf kosten-\nlose Liebe.\"\n„Ach, schon gut\", unterbreche ich ihn.\nPaar Tage später bekomme ich sechs Monate\nKerker.\n3\nIch sitze; es vergeht eine Woche. Der Ge-\nfängnisdirektor läßt mich rufen.\n„Singen Sie\", sagt er zu mir.\n„Ich kann nicht singen.\"\n„Sie irren sich\", versichert er und zeigt auf\nein Sofa im Winkel, „von dem1 Fräulein weiß; ic'h's,\ndaß Sie Stimme! haben.\"\nAuf dem Sofa sitzt die Person, der ich sechs\nMonate Kerker vierdanke.\nZugleidh1 bemerke ich, daß; der Gefängnis-\ndirektor betrunken ist. Ergo riskiere ich einen\nkleinen Gesang. Es gefällt mir immer besser.\n„Hör auf\", sagt plötzlich die Person.\nIdh sehe mich um; der Direktor schläft. Da\nbrauchte ich mich nicht weiter anzustrengen.\n„Was ist dir eingefallen?!\" spreche ich' zu ihr.\n„Ich weiß es selbst nicht Ich habe! dich\nsehen w011en...\"\nIch trete auf' siel zu. Sie ist nur im1 Hemd1.\n„Rühr mich1 nidht an\", stottert sie und rollt\nsich wie eine Sdhnecke zusammen.\n„Canaille!\" sage ich.\n„Ja, ich weiß.\"\n„Du hast mich' ins Gefängnis gebracht.\"\n„Ja, ich weiß. Aber vor fünf Minuten war ich\nin dich Verliebt...\"\n„Vor fünf Minuten?\"\n„Ja. Aber jetzt, wo ich dich sehe, nicht mehr.\nDu kannst wieder ins Gefängnis zurück.\"\n„Ich danke ergebeinst\"\nIdh lache wütend.\n„Na wart... Jetzt lasse ich didh! nicht los. Es\ngeschehe, was es w011e...\"\nAber sie begann wie verrückt zu schreien. Der\nDirektor wachte auf. Ich mußte hinunter.\nSie hieß Akazia.\n4\nIch Verzehrte mich vor Sehnsucht nach' der ge-\nmeinen Kreatur. Idh tanzte wie eine Hyäne in\nder Zelle. Idh kratzte michl wund, ich zerbiß\nGitterstäbe. 1\n„Wenn Sie nichts essen\", sagte! mir der Wärter,\n„so werden Sie; gefoltert\".\nIch' sagte freudig:\n„Sie können mir kein größeres Fest bereiten,\nals wenn sie mich ein wenig foltern.\"\nDas Fest unterblieb. Ich wurde mager wie ein\nSkelett. Bei Tag und Nacht küßte ich das Wort\nAkazia.\nSie schrieb mir auf einem Zettel:\n„Du bist mein Gott. Idh schlafe nicht, ich esse\nnicht ... weil du mich quälst, mein lieber Gott.\nUnd es schlägt mich meine alte Frau, weil ich\nmich weigere, auf den Strich zu gehen...\"\nAuch diesen Brief küßte ich. Und ich spürte\ndie Unterwelt. Es ergriff mich die schlimme Angst,\ndaß ich mit der Zeit ein wenig verrückt werden\nkönnte.\nAber in der Nacht sagte ich zu mir.\n„In vierzig Tagen bin ich aus! dem Gefängnis\nheraus und dann habe idh sie. Was kann Sman\nmir dann weiter antun? Sie wird sich mir hin-\ngeben ... und dann gibt's keine Hölle mehr für\nuns zwei. Denn ich bin ihr lieber Gott — und\nidh schaffe die ewigen Strafen ab.\"\nUnd1 den nächsten Morgen kam ich doch in\ndie Folterkammer (weil ich nichts essen wollte).\nIdh sang ein Loblied auf Akazia, als man mir\ndie Fingernägel mit einer Zange herausriß.\nUnd als die alte Teufels - Maniküre mit der\nrechten Hand fertig war, da schrie ich:\n„Hurrah! Hier ist noch' die linke!\"\n5\nDer Kerker ist Vorüber, aber meine Qual ist\newig.\n„Vor einer Sekunde1 habe ic!h dich geliebt\", sagt\nmir Akazia, wenn sie, mir begegnet.\nSie muß mir taglich begegnen. Ich steige ihr\nunausgesetzt nach, wenn sie mit hochgeraffteml\nKleid durch die Straßen rudert. Zwei verdammte\nUhren sind wir, zwei ewige Pendel.\nUnd wer ihr winkt, mit dem1 geht sie heim.\nNur mit mir nicht. Weil ich zur ewigen Insolvenz\nverurteilt bin.\n„Du wirst sehen\", drohe ich ihr, „ich' nehme\ndich wieder mit Gewalt\".\nSie antwortet:\n„Dann gehe idh wieder zum Kommissariat.\"\nDas ist unsere Unterhältung.\nManchmal erzählt sie mir weinend, wie ent-\nsetzlich sie mich liebt in der Einsamkeit und jn\nGedanken.\n„Leider habe idh\", klagt sie, „eine unüber-\nwindliche Scheu vor dem Erleben meiner Ge-\ndanken.\"\nIch brülle vor Hohn und Zorn.\n„Ja, das sieht man\", schreie ich so, daß sich'\nalle Teufel umsehen, „darum' betätigst diu dich so\neifrig in horizontalster Ridhtung.\"\n„Das ist ja meine ewige Strafe\", sagt sie.\nIch lache:\n„Wofür denn? Du bist ja als vierzehnjähriger\nBackfisch gestorben!\"\nSie seufzt:\n„Ach ja, mit vierzehn. Aber du kannst dir\nnicht einmal vorstellen, was man sich in dem Alter\nan gedanklichen Sünden leistet.\"\n\nBildnngsphilister\nSpuk und Sparren\nVon Hans Mayer\nDas Schicksall einer Theorie vollendet sich in\nder Bewegung, die Von ihrem1 Propheten zu ihrer\nKarikatur führt. In ein menschliches Gehirn schlägt\nein Bllitz, gestaltet die schwankenden Vorstellungen\nzu einem Weltbild, einer Hypothese und beschreibt\nim Entwicklungsgang der Menschheit eine Spirale,\num' grinsend und verzerrt wie aus eineml gegen-\nüberliegenden Spiegel auf ihr Urbild herab-\nzuschauen. Der schöpferischen Lebentfülle Goethes,\nder gutgelaunt ein geistlich Lied parodiert „Ich1\nhab' mein SaCh1 auf Nichts gestellt\", antwortet Jahr-\nzehnte später ein friedlicher, durch den Hegelianis-\nmus: spitzfindiger Dialektik nidht abgeneigter Ober-\nlehrer mit einem wohlkonstruierten, etwas knochen-\ndürren Gespenst, das mit rechtwinkliger Geste auf\neinen Berg zerschroteter Literatur weist: Ich1 hab'\nmein' Sach' auf Nichts! gestellt\"."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.5", "texte": "Der stirnersdhe Individualismus ist die billigste\nForm, zu einem Gefühl seiner Persönlichkeit zu\nkommen. Schon Pläto karikiert den sprachgewand-\nten Sophisten, dessen allzuflüssige Beredsamkeit\nsich in PrunkbiMern über die Religion des abso-\nluten Ich entlädt. Die Tugendbegeisterung Shaftes-\nburys muß immer durch den naiven Egoismus\nMandevilleis in ein praktisches Gleichgewicht über-\nführt werden. Und die Entwicklung des Hege-\nlianismus verlangte es geradezu, daß eines Tages\nein mäßig paradoxer Kopf auf den Einfall kommen\nmußte, die unbeschränkte Selbstherrlichkeit des Ich\nund seine moralische Unabhängigkeit von der Ge-\nsellschaft zu verkünden. Ein Mensch1 mußte doch\nprimitiv und bescheiden genug sein, das Problem\nder Moral1 so zu vereinfachen, daßi die ethischen\nPostulate gleichsam von der mehr oder weniger\nguten Verdauung abhängig gemacht wurden. Das\nist ein ziemlich ordinärer Fall, der erst dadurch\neine gewisse Bedeutung erhält, daß ein Philo-\nsoph sich zu diesem mäßigen Grad von Ironie\naufzuschwingen vermochte. Am wenigsten aber\nfinde ich die Konsequenz bewunderungswürdig, mit\nder ein mit der Schlagkraft einer fixen Idee wir-\nkender Einfall durchgeführt ist.\nAber sie besticht weniger hartnäckige Köpfe an\nStirner. Er ersetzt die revolutionäre Tiefe durch\nkräftige Konsequenz. Doch die zynische Geste des\nwertezerbredhenden Rebellen wird von einem\nIdealismus geleitet, wie er gleich menschheitsbesorg|t\nund schönselig nur in der Atmosphäre eines bür-\ngerlichen deutschen Heims entsprießen kann. Der\nkokette Zynismus der Haltung entwächst doch nur\ndem Gefühl einer zeitlichen Gegensätzlichkeit und\nversteckt ein sentimentales Bedürfnis: welch eine\nempfindsame, eminent deutsche Erscheinung ist\nChristian Dietrich Grabbe! Das rebellen hafte, nur\nSeinen Wünschen verpflichtete Ich Stirners ist von\nvornherein so geartet, daß es sich weit über die\nfragwürdigen Ausdünstungen physiologischer Be-\ndürfnisse heraushebt: der gewöhnliche Zirkel aller\ndieser Moralisten, die dem Subjekt ihres Welt-\nbildes immer unterschieben, was als gültige Forde-\nrung ihrer Theorie nie entspringen könnte und deren\nfröhlichstes Beispiel die unentwegte Sittenlehre der\nMaterialisten ist. Nicht um des Gewinnes willen\ndürfe das Individuum handeln, erklärt Stirner etwa,\nansonsten wäre er ja ein Sklave seines Geldsacks.\nSo wird das Idh allen Versklavungen durch ani-\nmalische Wünsche entzogen — und wenn Stirner\nüber seine Theorie hinwegsehen könnte, würde er\ntief überrascht werden von der Form, die das\nreib eilen hafte Ich seiner Träume innerhalb seiner\nErörterungen angenommen hat.\nEr ersetzt die revolutionäre! Tiefe durch kräf-\ntige Konsequenz. Das hypnotisierte die Adepten,\ndie unter der Befruchtung seiner Begriffslyrik fühl-\nten, wie ihre Seele sich titanisch ausreckte, wie\njede Form menschlicher Verhältnisse in diesem\ngewaltigen System eine mehr als einfache Deu-\ntung erfuhr. Spuk und Sparren sind die „kollek-\ntivistischen\" ethischen Postulate. Alle Bindungen\ndes Individuums, gleich welcher Herkunft, sind\nErdichtungen: „Das Recht ist ein Sparren, erteilt\nvion einem Spuk\". An den begeisterten Schülern\nStirners erfüllte sich, was Voltaire ironisch einst\nan Rousseau schrieb: noch nie habe jemand soviel\nGeist aufgewendet, uns zu Bestien zu machen; man\nbekomme förmlich Lust, auf allen Vieren zu laufen.\n(Wobei mir der Zusatz wichtig erscheint, daß zwi-\nschen Jean Jaques Rousseau und Max Stirner eine\ngewisse Verhäl'tnislosigkeit besteht.) Aber wer\nkennt die lyrisch umdünstete Waldmenschengeste\nder Verkünder desi absoluten Egoismus nicht?\nImmerhin sind diese behaglich schwärmenden\nSchreibtischrebeilen noch deutlich' unterschieden Von\nden individualistischen Anarchisten, die mit an-\nständiger Haltung sich auf ihre; vier Beine stellen\nund demnächst in den Wald zurückkehren werden:\nwo auf Basis förderativer Gruppen eine neue Kultur\nentstehen wird, die unter Verzicht aller entindivü-\ndualisierender Hilfsmittel wie etwa der konsequen-\nten Arbeitsteilung den allerdings etwas aussichts-\nlosen Versuch unternimmt, die Geschichte der\nmenschlichen Zivilisation um1 ein paar Jahrtausende\nzurückzuschrauben. Aber das ist eine gültige,\nfruchtbare und in ihrer lichten Gläubigkeit ideale\nUtopie: schöpferisch wie jede Idee, die sich gegen\nihre Zeit zu realisieren versucht und nicht in ein\nlyrisches Brumtnen Verläuft, wie in den Literaten\nmit der individuellen Geste. Bestrahlt man ihr\nWasserkopfartig; angeschwollenes „Ich\" mit einer\nnur mäßig klaren Einsieht, schrumpft es rapid zu-\nsammen und verdunstet zu einem armseligen Prin-\nzip, dessen Glanz jahrhundertlanger Marktgebrauch\nabgegriffen hat.\nInteressanter könnte sein, wie siCh das Leben\nStirners unter der Einwirkung seines Evangeliums\nstilisiert hat. Es verlief formlos und blaß im\nDunkeln, plötzlich gekrümmt durch eine eigen-\nwillige Kurve, deren Seltsamkeit die banale Tat-\nsache der Not bestimmt hat. Man wußte wenig\nüber ihn, kaum ein paar Daten, und es konnte den\nBiographen wohl reizen „an Stelle dreier, nicht\neinmal! irrtumfreier Zeilen eine Lebensgeschichte\nStirners zu setzen\". Genau so begrenzt John Henry\nMackay die Absicht seiner Stirnerbiographie. Zwar\ntritt dieses Werk mit dem epochalen Orgelton der\nLebensarbeit auf: aber manches Einzelne mit einer\nso prätentionslosen, bei dichterisch1 nebenbeschäf-\ntigten Biographen so selten gefundenen Geste, daß\ndas Ohr gegen diese Nebengeräusche bald immun\ngeworden ist: und soweit seine Arbeit von der\nWiderstandsfähigkeit seines Sitzfleischs abhängig\nist, habe idh ungemein viell dafür übrig, ja ich\nschaue mit Vergnügen zu, wie unter ungeheurem\nHebeMruck aus Wirrsal und Dunkel eine beschei-\ndene Notiz hervorgeholt wird. Gefahrvoll wird\nMackay nur, wenn er sein lyrisches Organ ent-\nblößt. Dann brodeln Rauch und bunte Flammen\nin seiner angenehmen Beredsamkeit, tief aufschluch-\nzend reckt sich der hemmungslos hingerissene\nGläubige empor, der mit dem gesunden Menschen-\nverstand eine Theorie betastet, deren Existenz wert\ngenau durch den Grad ihrer logischen Subtilität\nausgedrückt wird. Es iist phantastisch, wjie aus\ndieser Höhe die großen Philosophen als mikro-\nskopische Nebellgebilde erscheinen: unruhig und\ngespenstisch kreisen sie um die erzene Statue des\nEinzigen....\nAber idh kann mir nicht helfen — ich werde\nbei all diesen Versuchen Madkays, die Gemütlich-\nkeit aus seineim jovialen Gesidht durch ekstatische\nWeihe wegzumassieren, den Eindruck stimmungs-\nvoller Harmlosigkeit nicht los. Aber das ist immer\nso mit diesen Individualisten: [man möchte ihnen\nmit treuem Lächeln die Rechte bieten, aber sie\nZiehen düster die Augenbrauen zusammen, zer-\nknittern die Stirn, und finstere Entschlossenheit färbt\nihre abweisende Gebärde ... sie wollen allein sein\n... Sie haben ein ReCht auf Einsamkeit, jeder hat\nein ReCht auf Einsamkeit, er hat überhaupt ein\nReCht auf Alles, und alles, was Er tut, ist Sein\nRecht: das lernt uns die Stirnerbibel begreifen.\n„Ich aber verstehe alle. Und nenne keinen schlecht:\nOb er sigge oder falle, Er ist in seinem Recht.\nOb er falle oder siege, Es kann nldht anders sein.\nIdh steige, und ich erliege — Gewiß! — Doch\nich bin mein\"... Man wird diesen leidenschaftlich\nrotierenden Diehorgelrythmus sobald nicht aus dem\nOhr verlieren. Kein Geringerer als! Mackay hat\ndiese Erkenntnis lyrisch gestaltet. Wenn auch nicht\nalle seine Verse so wahrhaft entmutigend sind,\n— diese haben den Vorzug der Deutlichkeit.\nDer theoretische Niederschlag dieser fried-\nfertigen Rebellenlyrik ist sozusagen patziger, er-\nbitterter, entschlossener. Außerdem von jener\nschwammigen Gedunsenheit, die hinterweltliche\nLyriker immer noch für Mystik halten. Aber gott-\nseidank kann mich nichts zwingen, mich mit\nMadkays philosophischen Meinungen, insbesondere\nmit der Dog'tnatisung einer äugen Ibsen, dumpf\nim Dumpfen kreisenden Weltversicherung zu be-\nfassen.\n\nAllschlachtung\n\nEin Verleger, der mit „Erdgeruch\" begann,\nsich dann für „Bodenständigkeit\" entschloß, zur\n„geruhigen Kunst\" überging, um schließlich auf\nden Höhen eines börsenfähig gemachten Naturalis-\nmus zu triumphieren, ein solcher Verleger entdeckte\neines Tages ein Buch, das ihn höchst peinlich be-\nrührte. Das Buch war wirklich gefährlich'. Darin\nwurden eine Menge Dinge, die für den Verleger\nund sein Publikum Lebensfragen waren, mit einer\nstarken Ueberlbgenheit angesdhaut. Das Publikum\ndes Verlegers bildeten die mehr oder minder sym-\npathischen Ehefrauen der modernen Börsenjobber,\nund die waren nun natürlich mächtig für Ellen Key\nund freie Liebe außerm Hause und Barfußtänzerin-\nnen, kurz für alle aufregenden Probleme einer fre-\nisinnigen Weltanschauung. Das peinliche Buch\nkümmerte sich indessen nicht um dergleichen, son-\ndern beschäftigte sich mit menschlichen Grund-\ngefühlen, fand dabei, daß die ewig fortschrittliche\nWeltanschauung ein bischen sehr abgestanden sei,\nund daß gänzlich veraltete, unmoderne und längst\ntotgeschlagene Angelegenheiten immer noch viel\nfröhlicher lebten als die ganze Fortschrittsliste der\nAktienschieber. Zum Beispiel — entschuldigen Sie\n— Gott. Oder, hm, der Glaube, der schließlich\nnodh unter Millionen Menschen da ist, darunter\nauch einigen, die von dem ganzen Kulturramsch\nkeine Ahnung haben. Dieses Buch hatte zwar für\nbesagten Verleger den Vorzug, aus dem Englischen\nübersetzt zu sein, war also geeignet, seinen Lesern\ndie unverbindlichen Pikanterien eines Ausländers\nzu bieten. Aber es hatte schwere Fehldr. Der erste:\nes war voller Geist, und so lebendig, daß es viel\nmoderner wirkte ah sämtliche geruhigen und Fife\no'elbek - Nackttänzer-Romane des Verlegers zusam-\nmengenommen. Aber der zweite und viel schwerere\nFehler: es erschien in einem anderen Verlag! Das\nwar in der Tat fürchterlich. Hätte es der Verleger\nwenigstens selbst herausgegeben, so wäre noch\nimmerhin die äußerste Möglichkeit gewesen, dem\nBuch durch die aufgedrückte Firma des Verlags\ndie Marke der Jobbermodernität anzuhängen; die\nWirkung zu paralysieren. Aber so, wies erschienen\nwar, konnte doch der Fall eintreten, daß ein, sagen\nwir, jüngerer Leser es in die Hand bekafti und plötz-\nlich über den Wert der Gesamtproduktion des Erd-\ngerudh-Verlegers zweifelhaft wurde. Doch, um dies\nzu verhüten, gab es genügend Mittel: die eigene\nZeitschrift des Verlegers. Diese Zeitschrift grün-\ndete sidh allerdings auf eine sachgemäße Inzucht,\nindem sie die Verlagsewrke des Besitzers empfahl\noder sie vor der Buchausgabe in vielen Fortsetzun-\ngen brachte. Hin und wieder, wenn die Sache zu\nsehr albinoartig aussah, frisdhte sie auch1 das er-\nlahmte Interesse mit einer vom Verleger neuent-\ndeckten literarischen Sensation auf: Zeitungsfeuille-\ntons in Kunstdruck. Mit Hilfe dieses nützlichen\nOrgans gedachte nun der Verleger das gefährliche\nfremde Buch zu vernichten. Er ließ sich unter\nseinen Mitarbeitern den naivsten heraussuchen, den\nfreisinnigsten, fortschrittlichsten, mit einem1 Wort\neinen RealschuHehrer. Dieser ungeheuer moderne\nMann, dieser Verädhter des ollen Jerümpels Von\nZweckloser Vergangenheit, der knöpfte sich das\nenglische Buch denn auch mächtig vor. Er ver-\nnichtete es. NoCh mehr, er boykottierte es. Er\nsagte von ihm : erstens ist es unmodern, und zwei-\ntens ist alles schon dagewesen. Ja. Das hätte\ndas Budh nun davon, daß es in einem andern Verlag\nersdhien. Es wurde den Lesern verekelt, es wurde\nihnen als ein elender Fetzen Vorgeführt (und der\naudh noch gestohlen!), also es war, Gottseidank'\nungefährlich gemacht. Die freisinnige Literatur\nkann weiter bestehen, die Jobberdichtung ist ge-\nrettet. Und der Verleger entschloß sich, auf seiner\nVilla die goldene1 Insdhrift „Ist es mein Geist, der\nalles wirkt und sdhafft?\" durch die Worte ersetzen\nzu lassen: La bourse ou la vie.\nZum Tatbestand: Es handelt sich1 um den Ver-\nlag S. FisCher und um ein Buch Von G. K. Chester-\nton. Chesterton ist der erste Europäer, der die\nrealen Gefühlsangelegenheiten der heutigen Welt\nauf ihren Zusammenhang mit den einfachsten und\nstärksten Urgefühlen jedes Menschen prüft. Er\nentdeckt jeden Schwindel, aber er ordnet ihn sofort\naufs nachsichtigste als selhstVerstäniÜliche! Funktion\nein. Er war, nebenbei, imstande — ein Europäer!\n— Tolstoi auf eine bezwingende Weise zu erklären.\nEr übersieht den ganzein Bernard Shaw, der immer\nnur eine plumpe Nutzanwendung Chestertons gibt.\nEr durchschaut ihn natürlich', legt aber gar keinen\nWert auf das Durchschauen, gar keinen auf diese\npreiswerte Psychologie. Er entwirrt eine riesige\nZahl von Beispielen menschlicher Bedürfnisse, stellt\njeder Ironie über eine Schwäche die Notwendigkeit\ndes Schwächlings gegenüber. Er begeht die unge-\nheure Gerechtigkeit, den Wert mit der Tatsache zu\nvergleichen. — Chestertons schönes Buch „Ortho-\ndoxie\" war im Verlag Hans Von Weber in Mün-\nchen erschienen. Nun zeigte Weber das Erscheinen\neines Roinanes von Chesterton an. Das konnte\nS. Fisdhers Verlag nicht auf sich sitzen lassen.\nMan mochte aim Ende gar den Eindrudk gewinnen,\ndaß mit diesem G. K. C., der den ganzen modernen\nLiberalismus etwas skeptisch als bescheidenes"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.6", "texte": "Winkelchen der Welt behandelt, ein Verlag noch\nmoderner sei als S. Fischer. Womöglich noch auf\nKosten der ganzen gelbbrosdhierten Fischer-Litera-\ntur! Wohin soll denn das dicke Buch1 Von Bab\nüber Bernard Shaw nodh verschickt werden, wenn\nChesterton in Deutschland gelesen wird? Wo soll\ndas Geschäft mit der Ibsenausgabe hinkommen?\nwenn man einen Mann liest, der (gemeinsam mit\neiner jungen, absolüt nicht dandyhaften Generation)\nden Ibsen nidht mehr widhtig nehmen kann. Ganz\nzu schweigen von den Dichtern der neuromantischen\nBörsenwitze. Nun also, S. Fischer Verlag ließ den\nChesterton, der so gefährlich' fürs Gesdhäft war,\neinfadh in seiner „Neuen Rundsdh'au\", dieser\n„Sozusagen\" — „Gewissermaßen\" — „Glbidhsam\"-\nZeitschrift abschlachten. Der Berliner Oberlehrer\nSamuel! Saengner übernahfm1 die Ritualien. Chester-\nton ist zwar ein Sdhriftsteller, der die ernsthaften\nKreise des Katholizismus aiufs tiefste erregt hat,\ndennoch öffnet der biedere Berliner Sprachlehrer\nganz gemütlich seine staubigen Freisinnskisten und\nholt ein paar VolksVersammlungs-Bonbons heraus.\nDas ganze Verfahren wäre natürllidh! lächerlich1,\nwenn es sich um ein Buch handelte, das bereits\nerschienen ist. Die Sache nimüit aber sehr be-\ndenklidbe Formten an, da die e:dle „Neue Rund-\nschau\" auch Vor den Büchern Chestertons warnt,\ndie dem deutschen Leser nodh gar nicht Vorliegen.\nUebel wurde das Niveau einer soldhen Kritik doch\nerst dann, als sie cfer Vorankündigung eines neuen\nBudhes Von Chesterton folgte.\nDer Fall liegt sehr ernst. Chesterton ist der\nerste Sdhriftsteller der heutigen Zeit, der auch jene\nungeheuer große Masse der gläubigen Kathloliken,\nan denen die moderne Literatur bisher spurlos ab-\nglitt, in den Kreis seiner Intellektualität zog. Die\nDiskussionen über Chesterton nahmen ihren Aus-\ngang Von Erregungen, die aus' ganz tief erwühlten\nEmpfindungen Von Gläubigen kamen — ganz an-\nderer Art als die lächerlichen, berufsmäßig flachen\nSdhwiätzereien eines sogenannten Modernismus. Ein\nMensch, der bei Gläubigen und Ungläubigen gleich\nstark an Grundinstinkte rührt, allein durdh den\nIntellekt, wo gibts den sonst? Und da wägt es eine\nZeitschrift, die zu durchsichtigem Zweck seitenlang\nüber den Börsenwitz öden läßt, einem dünkelhaften\nSchuldiktator Chesterton zur Abschlachtung zu\nübergeben.\n\nCorvinus\n\nDie Miezerl Eschenbach im\nHimmel\nJ. A.\nZum achtzigsten Geburtstag der Ebner EsChen-\nbadh wurde im Himmel eine Jause gegeben. Fritz\nMauthner schreibt darüber im „Zeitgeist\" so glaub-\nhaft witzlos nüchtern, daß man den poesiereichen\nReporterbericht über einen tatsächlichen Vorfall,\netwa den Eintritt des Herbstes, für erlogen halten\nkönnte. Wenn die B. Z. a. M. einen Preis von\n100 000 Mark für ein Wettfliegen stiften kann, wird\ndoch das Berliner Tageblatt in der Lage sein,\neinen Berichterstatter nach dem Himmel zu ent-\nsenden. Da aber der schlaue Feuilletonist die un-\nmögliche Reise mit der Jules Verneschen Railway\nmachte, stellte sich' für das Tageblatt die literarische\nSensation in Wirklichkeit sehr billig, das kultur-\nfördernde Rekramepreisausschreiben der B. Z. a. M.\nhingegen wird mandber Ayiatiker teuer bezahlten\nmüssen.\nLebt audh nicht jeder Sterbliche in Wien wie\nim Himmel1, so setzt er dodh wenigstens sein Tot-\nsein im Hinüne! wie in Wien fort. Der Petrus oder\nPetertf, so heißt er nach Mauthner, ist nur eine\ngrobe und ungebildete Wiener Haustneistergestalt,\ndie Enger In waren einmal Wiener Früdhteln und\nder Hebe Herrgott selber ist ein halber Wiener.\nDer Peterl! führt die greise Dichterin herein, aber\nweill es ihm nicht einleuchten will, daß ein noch\nlebendes Wesen als Gast im Himmel erscheinen\nkann, gibt er seine „Dumm ... Dimm ... Dumm\"-\nDemission ,albo.\nMozart, Schubert, Grillparzer, Raimund und\nandere Größen madhten der Gefeierten die Auf-\nwartung, Beethoven hatte1 sich entschuldigen lassen.\n„Die Engelsbuben servierten einen himmlischen\nKaffee mit himmlischen Oberst; man trank und\naßi Vielerlei dazu; auch Apfelstrudel\". Mauthner\nsagt Oberst statt Obers, vielleicht weil der ver-\nstorbene Gatte der Didhterin, der sidh übrigens\n— merkwürdig genug — zur Jauste nicht einge-\nfunden hatte, Generali War. Zu seiner Vertretung\nlag wohl der „Oberst\" auf dem Kaffee.\nDie Eschenbach sollte „von der neuen Zeit,\ndem1 neuen Reich1, von der neuen Kunst\" erzählen.\n„Aber in ihrer Befangenheit fielt ihr nur ein, was\nsie schon einmall gesagt hatte: daß die Poesie ztrni\nKunsthandwerk geworden sei, daß bei den Hotten-\ntotten nicht einmall Naptoleon berühmt sei, daß\njetzt überall der Ruh m der kleine n\nLeute Erfolg heiße.\" Als nun aber Goethe\naus den Wolkenkulissen heraustrat, dadhte die tief-\nsinnige Hodharistokratin, „der schöne, alte Herr\"\nWiäre Gott selber. Er legte ihr die Hand auf die\nSdhül'ter, blitzte sie aus dunklen Augen an und\nsagte nur das eine Wort: „Bedeutend!\" Das\nsagte er.\n„Sphärengesang von harmonischem Donner-\ngeHäute begleitet.\" Gottvater trat an die Gefeierte\nheran, die, auf ein Knie niedergesunken, ein „Vater\nunser\" flüsterte. Dodh der liebe Gott hob sie zu\nsich empor und sagte: „T sdhap e r I! Mie z e r 1!\"\nDaraufhin sprach die Ebner fast slawisch ein-\nschmeichelnd : „Ich küß; dir die Hand, lieber Gott;\nes war alles gut und reidhlich. Aber eine Jause\nund einen Apfelstrudel habe ich auch in Wien\ngehabt. Wenn idh darf, so möcht ich halt bitten,\nAntwort auf drei Fragen.\"\n„Der l'iebe Gott kraute sidh in dem schönen\nhellbraunen Haar.\" Die Ebner will Von ihm wissen,\nwozu er die Welt ersdhüf, wie er sie erschuf, und\nob er wirklich! Gott ist. Und Gott gibt auf die\nFragen Antworten, wie sie ihm Mauthner nicht\ndümmer in den Mund fegen konnte. Er ersdhüf die\nWelt Zum „Zuschauen\", für sich, für sie und ihres-\ngleichen. i\n„Und wie hast du die Welt geschaffen ?\"\n„Was weiß idh denn. Idh bin doch kein Pro-\nfessor. Eher so ein Künstler, so ein Dichter wie\ndu. Sie ist entstanden von mir, aus mir, was\nweiß ich?\" — Was weiß idh?!\nSo dichtet der phiilbsophisdhe Feuilletonist dem\newigen Gott blödeste Einfalt und den irdischesten\nGeschmack an, er zerrt einen Himmel1 auf das\nhöllisdhniedrige Niveau seiner Phantasie herab.\nUm originell zu sein!\nIdh hoffe, daß der junge Gott mit „dem schönen,\nhellbraunen Haar\" seinen Gesdhmack noch Ver-\nfeinern wird. Mauthner halte ich zu alt dazu.\n\nDeutsches Theater über alles!\nVerschiedene Kritiker können sich' nicht fassen:\nMax Reinhardt ist wieder in Berlin. Sie behaupten,\ndaß man nicht umhin könne, ihn zu lieben. Aber\nes geht dodW. Allmählich1 wird die Langweile, die\nBerliner Theater erzielen, bedrückend. Schon die\nTatsache, höchst unsympathischen Zeitgenossen und\nLibrettisten bei jeder Premiere begegnen zu müssen,\nkönnte midh veranlassen, das Theater zu meiden.\nAlso: Max Reinhardt, den wir alle lieben, ließ in\nden Kaminerspie Jen zwei redht m,äßige Lustspiele,\ndas eine Von Möllere, das andere von Shakespeare,\naufführen. Die Direktion hatte weder Mühe noch\nKosten gescheut, aber lüstig wurde es nicht. Einige\nClbwnspäße wirkten besonders auf die üblichen\nHerren der Presse, nämlich auf die „erste Garnitur\".\nDie geht bekanntlich nur in die aller Vornehmsten\nTheater, niemals in den Zirkus, und selten in das\nVariete. Es Ist also leicht zu begreifen, warum\ndie erste Garnitur Dinge köstlidh findet, die man\nwo anders besser sieht und macht. Herr Max\nReinhardt ist kein Künstler. Wer so wenig Gefühl\nfür Musik besitzt, daß er soldhe Dinge spielen\nläßt, wie sie in den Kammerspielen geboten wur-\nden, ist ohne Kunstsinn. Wer nichts Von Lyrik\nVersteht, begreift auch die ganze Literatur nicht.\nDenn alle Kunst quillt aus dem Lyrischen. Und\nMusik ist gesteigerte Lyrik. Nun kaiin idh' mir\nsehr gut das Theater ohne jeden Kunstehrgeiz' Vor-\nstellen. Dann soll man aber um Gottes Willen\nnidht mit Stil, Nuancen und Stimmung arbeiten\nwollen, die auf dem Gebiet der Kunst liegen. Nichts\nwirkt gräßHidher als die Suche und Sucht nach dem\nStill Stil ist Ausdruck einer Persönli d h k e i t.\nUnd Herr Max Reinhardt, den wir alle lieben, ist\nkeine Persönlichkeit. Das muß man ihm recht klar\nmadhen. Und die „erste Garnitur\" mit einigen\nFedern schmücken, die vergessen würden, und den\nganzen Theaterhüt so auf eine Stange stecken, daß\ndie Passanten ihre ehrfürchtige Verbeugung Ver-\ngessen und der Theatervogt nicht so schnell aber\ngeräuschvoller verschwindet, wie der König voin\nPortugal1. i Trus t\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\nWochen-Spielplan der Berliner Theater\nflktrfchprl Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Sonnabend Sonntag Montag Theater mit gleichbleibendem\nvmiuucr n 12 13 14 15 16 17 Spielplan:\n• ——- Öftstspicl ffSl i©S6 •\nSchumamswashs!ai3ea Judith Sumurftn Don Carlos Sumurun Die Räuber Sumurftn Paust charVrl'tfens^'l»^61' ab Sonnabend: Die töricht«\nJungfrau\nKomödie der Komödie der » . Komödie der Komödie der\nSchumannstrasse 14\nIrrungen/ Heirat Gawän Irrungen/Heirat Irrungen/ Heirat Gawän Irrungen7.Heirat Der Moloch\nwider Willen wider Willen 6 wider Willen wider Willen\nA.bsch y Reßf /D fyew FtwäS\nLessingtheater Wenn der junge Wenn der junge Wenn der jun ge Tq , • ~ Wenn der junge Wenn der junge Wenn der junge Neues Theater iWr\nFriedrich Karlufer l Wein blüht Wein blüht Wein blüht iantlls dei Wein blüht Wein blüht Wein blüht Schiffbauerdamm 4a|s yon Ollvera.\nKomische Oper Premiere Hoffmanns n. TJ , > Der Arzt wider j,- ö n. Residenztheater *rAui<iCc!a ah,,«\nFriedrichstr. Io4|io4a Die Boheme Ä?zählungen Die Boheme Willen. Dl Boheme Die Boheme Zigeuneiliebe Biumenstr. 9a Noblesse oblige\nNeues königliches TriflnnnttiAfltAr\nOperntheater Die Walküre Boheme Margarete Versiegelt Lohengrin Manon Salome pr Friedr< Karlstr 7 Pariser Witwen\nKönigsplatz 7 ° '\nNeues Gastspiel Triesch Tjeber Gastspiel Triesch Der Tartüff Gastspiel Triesch Gastspiel Triesch Der Tartüff Neues\nSchauspielhaus Premiere: Jung- Kraft I Jungfrau von Der Herr von Jungfrau von Jungfrau von Der Herr von Operettentheater Der Graf von Luxemburg\nNoiiendorfstrasse 11112 frau von Orleans Orleans Pourceaugnac Orleans Orleans Pourceaugnac Schiffbauerdamm 25\n~rr-« • . -n- ~ n. r7ri„0__v Die verflixten Die verflixten Tl. Die verflixten Theater des\nUnter de„ Li°L„ Der Liebestrank De, Liebestrank 2SSÄ KÄS De' Lieb\" S« » **\nT»- •• • 1 •\nSchauspielhaus Figaros Hochzeit EabeMteinerin Der Schlagbaum Der^*™ie^frat Der Herr Hofrat Zopf und Schwert BehSSsi\"' Hurrah - Wir leben noch!\nGensdarmenmarkt • • - - , ~ _"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.7", "texte": "Verantwortl. f. d. Anzeigenteil: A. Bot« / Verlag Der Sturm Berlin Halensee Qeschlftsstelle und Anzeigen - Annahme: Berlin W. 35 / Druck v. Hans Walter, Berlin SW.I 3\n\nIleue Secession\nOraphische Russfellung\n1910\n1. Ohfober bis 1. December\nin 9er\nOalerie fTTaximilian Hlachf\nBerlin ID., Ranfee-Sfrasse 1\nen Ber Haiser UJilhelm 6e3achfnis-Kirdie"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101013-01.1.8", "texte": "Auslieferung fflr Ost trreich-Ungarn A. Mühlhans-Smital Wien IX / Ffir den Buchhandel: M. Braunschweig Wien IX /Terantwortl. für die Schriftleitung in Osterreich: I. V.: 0. Kokoschka\n\nfritz Mitt iRofkunsthandlung\nPotsdamersfrasse m Uilia II Berlin 01 Pot$datner$tra$$e 113 Uilia II\n■ — t -- —a\nHerbstausstellung von Werken der Maler:\nToni Stadler «• O.Brioschi ♦ E. Stort > E, Oppler\nUhde ■ Ziigel * Trllbner * Leibl * Feuerbach etc.\nm muz, - - —\"\nWochentags von 10—5 I Sonntags von 12—2 geoffnet\n\nDie Kindermilch nach Prof. Dr. Backhaus kommt der Muttermilch am nachsten.\ny, ' V\n* -\\'-r\n(\\uhmilch\nFrauen-Milch *\nBackhaus-Mikh\nIHI\ni )\nl I\nK .\nTrockensubstanzen von je 1 Backhaus-Milch und Frauenmilch.\n1. Milchzucker — 2. Fett — 3. Eiweiss — 4. Kasein, 5. Salje\n\n1. Eine hervorragende Neuersofcelnung auf dem Gebiet© der MUdclien-\nblldunsr ist das Baeh\n„Brauclien wir nocli Toehterpeiisionate V\nvon Prof. D. DryFriedrich Zimmer. Preis Mk. 9—\nWichtig fiir Eltern heranwachsender Tochter, Padagogen, Pensionats-\nYorsteherinnen.\n2. „IMe K.nabenp©nsionate, deren Einriehtanc, Ihr I-nneres\nand iiusseres Leben.i( Yon L. Daniel. Ein Ratgeber fiir Eltern\nund Pensionatsinhaber. Mk. 1.80.\nS. „Dag TSehterpensionat\" ist die einzigre Zeitschrift, die die In-\nterressen der Vorsteherinnen vertritt. 7. Jahrgang. Reichhaltiger Inhalt.\nAus der Praxis ftir die Praxis. Pro Haibjahr Mk. s®,so.\nDurch samtliche Buchhdlg. Oder direkt vom Yerlag Dr. Paul Abel, Leipzig 10\n\nHerwarth Walden\n: DAFNISLIEDER:\nFur Gesang and Klavier / 52 Seiten\nBREI MARK\nDurch alle Buch- utid Musikalien-\nhandlungen oder direkt durch den\nVerlag DER STURM, Halensee\n•• • Katharinenstrasse 5 •• .\n\ncManchester\n\n;asia\nDr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrera.d Schauspielschule d. Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nBERLIN W 55 Telefon: AmtVl, 1769\nLtitzowstr. 98, II Sprechstunde: 5—6 Uhr\n\n*viriUL.j^2.\n%aa*,\n(X^JUa\n<*aw*s«Bßal\nSmaaXk J CkA\n«\nnammtstm '■ mm mnwifc\n}*/ 112 <TcfaJawitA^fe*\nHi\n\n♦ jfkademiscbe Rundschau ♦\n12. Jahrgang. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Georg Liittke\nDie „Akademische Rundschau\" erscheint am 10 ten und 25 ten\n| eines jeden Monats. Probe-Nummer gratis\nHoherziichtung des Menschen auf biologischer Grundlage\nVon Dr. Franze (Mk. 1,80). Was ist bis jetzt far eine verniinftige\n1 Ehereform geschehen? Nichts! Und doch ist die Sache fur (fie\n| gesamte Mehrheit ungeheuer wichtig! Was lasst sich in dieser\nBeziehung tun? Dartiber soli uns die Schrift aufklMren. Die Schrift\n■ ist deshalb ebenso wichtig fur die Eltern wie fur die heiratsfahigen i\nJtinglinge und Jungfrauen. Man lese! 112\nBelastung respektive Ererbung und Entartung. yon Dr. J. Sadger5\n(1,50 Mk.). Die zwei Worte „Belastung und Entartung\" bergeif so-\nungeheuer viel in sich, dass jedermann sich dariiber unternchten''i\nsollte. So viele Krankheiten haben ihren Ursorung in der\n| respektive Ererbung. und nur dann bekommt man ein klares Bild-\nP von der Krankheit und ihrer Behandlung, wenn man sich liber Art**\nWeise der Belastung oder Ererbung klar geworden ist.\ni:l>ofverladsbucbbatiaiUMO Edmund DetmntT'Ceipzig\n\nPitit-atimnfifa Sanatorium und Erfaolnngrshei\nr 111 IV CII 111 ll 111 C Post Mellenbach bei Schwarzburg im Thiiringer Wald\nBesitzt alle neuzeitlichen Einrichtungen, Zentral\nheizung und elektrisches Licht, komfortable Gesell-\nschaftsraume. Individuelle arztliche Befaandlung.\nDie Kiiche steht unter Aufsicht des Arztes. Bei\nNervenschwache, Magcn- und Darmleiden, Gicht\nund Rheumatismus, Prauenleiden u. a. m. best-\ngaeigneter Aufenthalt\nBesitzer und Letter; I>r «112. mod. W. 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