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FRIEDLÄNDER: Menschliches Allzumenschliches / PETER HILLE: Das Mysterium Jesu / PAUL SCHEERBART: Die Kühnsten / Eine Emanzipations-\nNoVellette / MYNONA: Das interessante Gespräch / TRUST: Wieder eine Woche: Der Meisterepigone / Die neue Generation / Theaterausstellung / Der neue Compagnon /\nLebensfreude /J. A.: Aus den Zeitungen / ELSE LASKER-SCHÜLER: Im neopathetischen Cabaret / OSKAR KOKOSCHKA: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c002", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "299", "page_fin": "299", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.2", "titre_corps": "Friss, Vogel, oder stirb! 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Ja, man kann §agen, daßi der Ton Kants\nals zu hoch, der Schopenhauers als zu tief, un-\nserem wirklichen Gehör entgehen müssen, während\nNietzsche, beide zur natürlichen Lautstärke korri-\ngierend, unser Ohr nicht nur wirklich trifft, son-\ndern zugleich auch die Fassungskraft unseres Qe-\nhörs in das Ungemessene steigert. Kant hatte die\nmetaphysische Theorie durch seine Kritik ver-\nnichtet ; Schopenhauer verflüchtigte durdi1 pessi-\nmistische Kritik die übriggebliebene metaphysische\nPraxis zur metaphysischen Verneinung aller\nPraxis, geschweige der Theorie : Schopenhauer hin-\nterläßt ein metaphysisches Nichte! Nun, man\nvergißt gemeiniglich über das Exoterische, über\ndie kleinen Mysterien der „Werke\", die großen der\nAutoren, in denen Kritik und Skepsis viel tiefer\nschwiegen, als sie laut wurden. Was Philosophen:\nverschweigen, würde hinreichen, mindestens £hre"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 13200, "texte": "Werke zu dementieren, wenn es nicht gar noch\nviel gefährlicher wirken sollte. Und hierin — im\nFürchten dieser Gefahr viel mehr als in der Triftig-\nkeit aller Gründe liegt auch das Motiv zum behut-\nsamsten Umgange mit Kritik und Skepsis — das\nheißt mit der Ehrlichkeit und Wahrheit, welche vor\nallem sich selber kritisiert und etwa bei schonungs-\nlos mutigem Vorgehen — wer weiß ? — kein gutes\nHaar an sich fände. Der Pessimismus Schopen-\nhauers, radikaler als der bloß, die t h e o r e t i s c h e\nMetaphysik vergiftende Kants, stutzt bereits kaum\nnoch vor der Moral, soweit sie sich dem Leben\nzukehrt; erst wo sie selber pessimistisch gesonnen,\nes für nichts zu achten scheint, da gibt er ihr die\nFreiheit seines kühnen Geistes gefangen, er kapi-\ntuliert vor der Isis Moral, ohne ihren Schleier lüften\nzu wollen. Es ist, als ob der Mensch1, der nicht\neinen Zug des Lebens bis zur Indiskutabilität\nverehrt und fürchtet, weder leben noch sterben\nkönnte. Der sich so nennende Nihilist Stirner ver-\nfährt mit seiner Einzigkeit recht sehr theologisch.\nEs scheint zum Atheismus (das heißt Nihilismus)\ndie Kraft eines Gottes zu gehören, er stellt über-\nmenschliche Anforderungen, und es heißt ja auch\nvon Isis, kein Sterblicher würde sie enthüllen.\nSchopenhauer, wie gesagt, behielt nach1 Erdul-\ndung des ganzen skeptisch-kritischen Martyriums\nin seinen Händen ein Nichts, auf das sich nun\nmit aller wehmütigsten Energie das Bedürfnis nach\nGottesverehrung richtete, das sich sonst nirgends\nmehr stillen lassen wollte. Hohe Wesen müssen\nentweder im Leben oder im Tode hohe Wesen\nschätzen können, sie müssen verklären — sei ek\ndas Nichts. Atheismus in jedem Sinne ist etwas\nfür Seelen ohne Ehrfurcht, ohne Ehrmut.\nUnd eben die Verwandlung, Verkehrung des\nZeitalters der Ehrfurcht in das beginnende des herz-\nhaftesten Ehrmutes — auch für die bisher ungött-\nlichsten Dinge, ja für das Gegenteil der göttlichen\nist das Meisterstück der Kritik Nietzsches. Der\nVerehrende, Schätzende, der nichts mehr findet,\ndas er schätzen könnte, (nichts Göttliches noch\nMenschliches; dem auch dieses Nichts nicht mehr\nmetaphysisch vor den versagenden Blicken flim-\nmert, besitzt ja noch1 das Schätzen selbst,\nals eine Macht und Kraft, welche zu betätigen\ner sich mutig entschließen kann. Das Schätzen, an\neingebildeten religiösen, moralischen, ästheti-\nschen Wesen und Dingen, an Idealen des Wahren,\nGuten, Schönen zu göttlicher Kraft und Anmut\nerblüht, — muß es, wenn das gesamte „Jenseits\",\nrecht abgeschätzt, Irrtum, Lug und Trug ist, —\nverwelken ? Sollte es nicht versuchen, im schein-\nbaren Gegensatz jener Werte, im „Diesseits\" frische\nWurzeln zu schlagen? Im Menschlichen, Allzu-\nmenschlichen? Sollte es nicht versuchen, wis-\nsenschaftlich nüchtern zu schätzen, trotz-\ndem in seiner Schätzung imimCr noch die Glut\nund Farbenpracht jener chimärischen Paradiese\nbrennt? Wieviel Inbrunst haben wir für Träume\naller Art — warum keine für den realsten, durch\nseine Illusion am unwiderstehlichsten bezwingen-\nden Traum der Wahrheit und Wissenschaft? Hier\nist die Kraft, unsere Wertungen zu verwirklichen,\ndie Tatkraft.\nNietzsche ist der erste hohe Mensch1, das heißt\nder mit der höchsten Macht zu werten Erfüllte,\ndessen Verehrung das Menschliche, Allzumensch-\nliChte anstrahlt. Positivisten gibt es die Menge,\naber die meisten wissenschaftlichen Menschen sind\nals Personen ordinär oder Idealisten mit und ohne\nEnttäuschung. Nietzsche zum erstenmal — das\nvorliegende Werk, trägt noch1 die blassen Farben\ndieser Rekonvaleszenz — profanisiert mit aller\nPietät des Frömmsten — hierin liegt seine Aus-\nzeichnung. Feuerbach zum Beispiel profanisiert als\nein recht sympathischer Mensch1; Nietzsche als ein\ngöttliches Wesen von einer Höhe und aus einer\nTiefe, daß auch das Profanste, das es berührt, zum\nStern in seinem Himmel wird. So ist es nicht\ngemeint, die Ideale unter das Pack zu stoßen: sie\nbehalten die ganze Idealität ihres Wertes bei,\nwährend sie allerdings diejenige ihres Wesens\ndurchaus den wirklichen Wesen aufzuopfern ge-\nnötigt werden; es liegt hierin eine Verwandtschaft\nmit der Kantischen Philosophie, wie sie Enkelinnen\nmit ihren Großmüttern zu haben pflegen. Das\nIdeal, Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, das Wesen\nder Dinge an sich1 ist auch1 bei Kant bereits bloß\nein finstres Reservoir von Kraft, aus dem die Wesen\ndieser Welt gespeist werden; allein diese: Speisung\ngeschieht hier mit einer an Geiz grenzenden Spar-\nsamkeit, und es kommt schließlich eine recht aus-\ngehungerte, nach Leben dürstende Realität zustande.\nDem ganzen Akte fehlt die Unmittelbarkeit. Wenn\ndas Ideal sich der Realität nähert, entsteht eine\nBeschämung für beide. Schopenhauer empfand\ndiese Beschämung mit solcher Wut, daß er beide\nwieder auseinanderriß und die Realität zum Teufel\nwarf. Aber Nietzsche schleuderte auch die Idealität\nnoch in diese Jfiölle, und im selben Augenblicke,\nin dem Gott und Teufel im einem Menschen ein-\nander küßten, entstand jenes weltgeschichtliche Er-\nlebnis, das Zug um Zug in dein Schriften Nietzsches\nan Sichtbarkeit gewinnt. Gewiß war dieses Er-\nleben wie jedes von langer Hand hier vorbereitet.\nSeit Hegel und Darwin ist die historische Methode\nmehr und mehr in Anwendung gekommen, (um\ndie verschiedensten Wesen ineinander umdeklinier-\nbar zu machen, wie sich Metamorphosenlehren\nschon bei Goethe und Lamarck finden. Allein dieses\nsind nur heitre Vorspiele und Harmlosigkeiten jn\nVergleichung mit jener Tat von schauerlicher Selt-\nsamkeit und urschöpferischer Gewalt, mit welcher\nder Mensch Nietzsche es unternimmt, alle Werte\ndes Lebens in Fluß zu bringen, bis der Wertende\nselbst chaotisch geworden war, alle Schauer (der\nAllmacht ihn durchdrangen.\nDer Genealog der Werte stößt zu allerletzt ver-\nmittels eines dieser Werte, der Wahrheit, auf lauter\ngrobe Willkür der Notdürfte des Lebens: (auf\nIrrtum und Zufall, auf Experimente, deren ge-\nlungenstes eben die Wahrheit, die Logik und Wis-\nsenschaft ist. Er empfängt mit dieser Entdeckung,\nmit diesem Anblick, der nur dem furchtlosesten,\nmutigstein, ja übermütigsten Auge sich öffnet, die\nWeihe zum Experimentator in jedem erdenklichen,\nerlebbaren Sinne: Die ursprüngliche Schöpferkraft\ndes Lebens erwacht in ihm, langsam, langsam regen\nsich in ihm Glieder, so lange (eingeschlafen, daß\nman wähnen konnte, sie wären tot. Anders steht\nzu allem und jedem, auch zur Logik und Mathe-\nmatik, auch zum Gesetz der Sitten und der Natur-\nkräfte der Schaffende, anders das Geschöpf. Das\nGeschöpf konstatiert, der Schöpfer erzeugt Tat-\nsachen; sogar — dies ist sein (modus' Vitalis1 —\nversucht er, wagt er sich selbst: Gefahr und Mut\nsind viel zu farblose (Ausdrücke für das Risiko\neines solchen Erlebnisses; es Philosophie nennen,\neine Treuherzigkeit. Vielleicht war Darwin für\nNietzsche, was für Newton der fallende Apfel be-\ndeutete? Jene Kausalisierer und Entwickler alles\nGewordenen lösten dieses entweder nicht restlos\nauf oder gerieten selber damit in Auflösung und\nChaos. Der titanische Gedanke, das Fallen, das\nzu „Grunde\" gehen zur Sternbahn, zur Schöpfung\nzu sublimierem kommt keinem abhängigen Geiste;\nsogar Goethe gibt hierin mehr die Erinnerung eines\nSchöpfers als die eigene Ursprünglichkeit. E s\ngibt gar nichts Verborgeneres als\ndiese, sie ist verheimlicht wie Erzeugung (und\nTod, schöpferisch1 und vernichterisCh! wie diese.\nNämlich sie ist verbot en, das vetitum auch der\nfreien, aber ernsten (Wissenschaft, und man muß\nschon (wie Nietzsche später) fröhliche treiben, um\ndieses Verbot zu entkräften: origo pudenda! An-\nfang und Ende sind verboten, hier nämlich würde\nsich die Persönlichkeit als den Zufall und die\nExplosion der petrefaktesten Gesetze offenbaren;\nhier daher tritt Prüderie und Dezenz in die freie\nForschung, man findet diese sittlich1 befangen im\nKultus des Gewordenen, das sie fließen läßt, ohne\nden Mut aufzubringen, den Quell in sich1, in der\nPersönlichkeit, welche forscht, aufzuspüren; und\nden Flußlauf nach deren Willen zu lenken und\nmünden zu lassen. — „Das Fürchterlichste ist die\nFurCht\", sagte einer der unbedenklichsten Realisten\nin Leben und Forschung. Diese „Angst des Irdi-\nschen\" hatte sich bisher metaphysikalisch erlöst:\nidealistisch. Physikalisch hingegen, realistisch' tötet\nsie, verkleidet in die unmerklichsten: Masken: in\nihr Gegenteil, in idie Wahrheit, in das Ideal, in\nGott selber verkleidet, verstellt, verherrlicht: realiter\ntötet sie das Reale. Der Leib stirbt an der Angst\nvor dem Leibe — Angst, verstanden auch vor-\nnehmlich' als Angst vor aller Wirklichkeit und Wahr-\nheit des Leibes und Lebens. Zum Beispiel „Innen-\nleben\", „Seele\" sind bereits Verdünnungen, Ver-\nängstigungen der Realität, sofern sie Miene machen,\ndas Physiologische zu vernachlässigen, wohl gar\nmit einem Sprung ins Jenseits darüber hinweg-\nzusetzen. Zur wirksamsten VerniChterin des Lebens\nwird die Furcht, wenn sie sich als Moral gebärdet\n— und hier haben wir recht eigentlich das Thema\ndes „Menschlichen Allzumenschlichen\". Zum\nerstenmal wird hier die gesamte Moralität nicht,\nwie dieses oft und gern geschehen war, verdäch-\ntigt, geleugnet, karikiert, abgeschafft: sondern alle\nZartheit und Kraft verwandt, sie zu desidealisieren,\nzu entgöttlichen, zu vermenschlichen, zu realisieren.\nAber hierzu mußte vor allen Dingen dem Unmorali-\nschen die natürliche Unschuld wiedergegeben wer-\nden. Das Schlechte, das Böse, die Sünde und deren\nVerwandtschaft in andern Lebensgebieten, das\nHäßliche, der Irrtum, das Falsche, Kranke, die ganze\nKehr-, Schatten- und (Nachtseite der gepriesenen\nDinge war als [deren Wurzel und Ursprung, als\nderen niedriger Grad und Bedingung zu versuchen.\nGefährliche Gedanken, heißt es im Qthello, sind\ngleich Giften, die man zuerst kaum wahrnimmt\nam Geschmack. Das Buch hat einen so harmlosen\nTon, daß man es einen Augenblick lang mit wahr-\nhaft harmlosen Untersuchungen über den Ursprung\nder moralischen Empfindungen verwechseln konnte,\nwelche die Moral auf Natur reduzierten, ohne hier-\ndurch, welches für Nietzsche die Kompensation war,\ndie Natur selber in eben dem Maße zu verklären.\nWie wer eine dürftige Heimat verläßt, um in ein\nreiches Land zu ziehen, sich durch Heimweh eine\nZeitlang alle Genüsse verkümmert; so sah man in\nNietzsche mehr den Nehmenden als den Gebenden.\nUnd freilich liegt, was man verliert, schon am hellen\nTage; während der neue Gewinn noch in kaum\nmorgenrötliche Nacht schamhaft gehüllt ist. — Ge-\nfahr und Sicherheit werden durChi Mut und Kühn-\nheit vermählt, während die fürchterliche Furcht sie\ntrennt und lauter Gegensätze und Klüfte unüber-\nbrückbar feindlich aufreißt. Hier nun ist eine zage,\naber edle und beharrliche Hand am Werke, die\nersten schmalen, schwanken [Brücken von aller\nSchuld, Fehler, Gebrechen, Schmutz, Verächtlich-\nkeit, Teufelei, Lüge, Furchtbarkeit, Wollust, Grau-\nsamkeit, Schmerz, Tod und Zufall ztjr Lust, Un-\nschuld, Freude, Reinheit, Lauterkeit und Leibhaftig-\nkeit wirklich und (wahrhaftig realiter zu schlagen.\nWir hören alle die ersten Äxtschläge einer noch\nunerhörten Kultivierung der Natur selber, von der\ndie ganze sogenannte jWeltgesChichte nichts als\nSchlaf und Traum enthält, in welchem wir alle noch\nwie in Gräberbetten röcheln. Der Enthusiast nur\nsollte kritisch sein! Wenn der kritiklose Enthusiast\nin den Schafstall gehört, — sieht sich denn der\nKritiker ohne allen Enthusiasmus lieber zum Raub-\ngetier in die Wüste gewiesen? Die Unvollkommen-\nheiten Nietzsches sind diejenigen des Beginners,\ndessen Auge das Ziel erst in Gedanken sieht, es\nsind Kolumbische. Jene geahnte Rundung der\nNatur herauszubringen, mußf man über alles Gra-\nduieren den Diameter und die Pole nicht verkennen.\nEs handelt sich um die kunstreichsten Kombi-\nnationen, um keine Konfusionen der logischen,\nethischen und ästhetischen Antipodien und Piver-\ngenzen. Um Ordnung und Rangfolge in diese\nWerke hineinzubringen, hatte man sie bisher ent-\nweder dogmatisch1 dualisiert, indem man überall\nGott vom Teufel trennte, zerrißi man, uml zu kulti-\nvieren, die ganze Natur — ein Riß, der lange noch'\nnicht vernarbt ist; — o der man beraubte die Werte\nihrer ersten und letzten Energien, entgötterte, ent-\nteufelte und erhielt eine Kultur der Nüchternheit,\nProfanität, Arbeitsamkeit, Langen weile, eine mecha-\nnisierte Uhrwerk-Kultur, der eine ebensolche Natur\nantwortete, denn die Natur hält uns wie eine Land-\nschaft unser eigenes Gesicht entgegen.\nWer wie Nietzsche zuerst im „Menschlichen\nAllzumensChliChen\" es unternimmt, allen Dualismus,\nauch den von Moral und Natur, durch1 Einführung\nvon Graden und Ueberbrückungen zwischen den\nExtremen übergänglich und milde zu machen; aber\ntrotzdem eine Ordnung [und Kultur zu gestalten,\nwelche die ganze Feierlichkeit, Erhabenheit, Furcht-\nbarkeit und sittliche Reinheit jener Extreme ent-\nfaltet, der muß es verstehen, durch1 ein wunder-\nbares Taktgefühl, Bogenspannungen, Gewölbe,\nDistanzen anzustrengen, die Sich gegen den Zu-\nsammenbruch der Kultur stemmen. Alle Gefahren\nder Revolution bedrohen eine Kultur, deren Spann-\nweite schwächer ist als die der dualistischen: egalite\nund fraternite spannen alle liberte ab, deren magi-\nsche Allgewalt Intervalle, Oktaven, Skalen ins Un-\nendliche braucht, um sich von Donnern bis zu\nEngelgesängen auf ihnen abzuspielen. Mit dem\nDualismus durfte nicht zusammen die Energie"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5243, "texte": "seines Kontrasteis aufgehoben, abgeplattet werden\n- im Gegenteil! sie wurde noch beträchtlich\ndifferenzierter durch unzählige Abstufungen: eben\ngerade die Zahl, das Positivste, Nüchternste von\nder Welt bietet ein Mittel, sich dieses zu versinn-\nlidien. Die Barbarei springt hier nach ein paar\nSchritten gleich in das Unzählige: aber wie dürfte\ndenn auch der besonnenste Rechner vergessen oder\nvernachlässigen, daß er das Unzählige berechnet!\nSoll nur der Aberglaube, der schmutzige Kopf, dä-\nmonisch sein dürfen? Diese Dämonie ist ja gerade\ndas Reine, Besonnene in ihm — bloß, daß er sie\nunberechenbar will, sein Gebrechen. Mit einem\nWorte, das Leben selber, der irdische Alltag, die\nnächsten Dinge sollen alle ihre Furchtbarkeit und\nhimmlische Wonne, welche der Varnpyr des Idealis-\nmus ihnen ausgesogen hatte, zurückerhalten — das\nbedeutet Nietzsches erstes Eigenwerk. Der Idealis-\nmus irrt sich inicht etwa jn der Intensität seiner\nWertschätzungen, sondern in deren Lokalisation,\ner plaziert sie furchtsam, feig und bescheiden in\nirgendeine Art Jenseits. jDer ordinäre Positivist\nplaziert sie riditig (mit falscher, mattherziger In-\ntensität. Entnehmen wir nach diesen für uns wich-\ntigsten prinzipiellen Feststellungen dem Texte\nNietzsches einige Einzelheiten zur Metaphysik, Reli-\ngion, Moral und (Aesthetik,\nDas Ideal Wahrheit, auf seine Natur zurück-\ngeführt, ernüchtert sich zur Notdürftigkeit einer\nLebensbedingung der menschlichen Gattung. Logik\nist von Unlogik nicht mehr essentiell verschieden:\nDas Stück Unlogik, das in uns Fleisch geworden\nist, sieht wie Wahrheit aus; es ist sogar möglich,\ndaß wir an diesem Grundirrtum vergehen. Wir\nsind mitten im Prozesse der Logisierung des Lebens\nbegriffen, das heißt das Menschenleben ist immer\nnoch das Experiment, als das es begann. Unser\nWahrheits- und Wissenskopf sitzt auf dem blinden\nRumpf der Lebensbegierde, sie erzeugt das logisch\nWahre als möglichst geschicktes Freßwerkzeug zur\nEinverleibung des ... Zufälligen — vielleicht muß\ndieser Kopf an einem Zufall zerschellen? — Aber\nWahrheit als diese Realität wäre nur für den Ide-\nalisten der Wahrheit (zum Beispiel für Heinrich\nvon Kleist) unbedingt tödlich. Der Realist wagt\nes mit ihr, lohne sich 'feig in eine Metaphysik zu\nschleichen, die ihm den Mut erspart, ihm die Wahr-\nheit schenkt. Er will die Realität ohne Abzug,\nwill sie als das Abenteuer seiner Kühnheit. So\nwill er die Wissenschaft der Physik im weitesten\nSinne mit aller ihrer Kraft an das Leben angeschlos-\nsen. Ohne Metaphysik zu leben erhöht den Mut des\nMutigen so sehr, daß die Physik Wohl selber\nallgemach die magischen Kräfte jenes faulen Zau-\nbers als echten iyerspüren wird. Solange Logik\nund Mathematik Melusinen sind, welche nur ihren\nFischschwanz im Wasser der Wirklichkeit enden\nlassen, während ihr edlerer Oberleib in himmlischen\nFiktionen verschwindet, leiden beide, Wahrheit und\nWirklichkeit, an Halbheiten, aus denen nichts\nGanzes werden kann. Kants Wahrheiten müssen\ndurch dreifache Filter der Superstition sintern, ehe\nsie, verdünnt und um ihren kräftigsten Gehalt ge-\nbracht, bei uns hier unten ankommen. —\nUeber Religion und Moral hat uns Schiller den\nallerwesentlichsten Aufschluß erteilt: „Der Uebel\ngrößtes aber ist die Schuld\". Aber Sünde, böses\nGewissen, Schuld sind Angstprodukte, und Angst\nein feiger Mut. Hier hat man das Mittel, ein ganzes\nLeben, sei es wie es sei, voller Mut und Unschuld\nzu erleben. Das Geschehen fließt. Ursache —\nWirkung sind Worte und Willkür, die Notwendig-\nkeit ist unteilbar. Der ethische Urheber, der Ver-\nantwortliche ist ja genau ebensosehr Wirkung und\nUnverantwortlich: sofern Sittlichkeit sich nicht pn\nden hellen Augen der Logik in übernatürliche Be-\nreiche vorbeischwindeln wollte. Schuld und Un-\nschuld sind aus [einerlei Stoff, mag er an jenem\nEnde sich rauher, an diesem feiner anfassen. Das\nGeschehen ist eines und dasselbe durch zahllose\nVariationen. Lohn und Strafe, außer einander ver-\nstanden und praktiziert, isind bloß flache Blicke\nfür ihr Ineinander, das einen Viel unschuldigeren\nNamen verdient. Wille, Willkür ist jenes Stück\nfatum, das wir selber sind und daher seine Unspür-\nbarkeit als Freiheit empfinden. Gut und Schlimm,\ndurch Worte und flache Blicke getrennt, gehören\nzusammen, bedingen einander ... wie Licht und\nFinsternis. Ein Bündnis von Weisheit, Furchtbar-\nkeit, Unschuld und Mtifc Unschuld begriffen nicht\nals Abwesenheit von Schuld, sondern von Furcht\n— wird eine neue Sittlichkeit heraufführen. —\nWenn man endlich eine Ahnung davon be-\nkommen will, wie das Leben aussehen könnte,\nsobald jene trübe Decke der Angst des Irdischen\nvon ihm gelüftet würde, dann betrachte man die\nKunst. Für den Künstler, der irdischere Sinne hat,\nwaren die himmlischen Blendungen durch Ideale\nweniger gefährlich: er verklärt dieses Leben in\nallen Gestalten. Die Kunst soll nun versuchen,\ndem wissenschaftlichen Menschen ihre Art Lebens-\nfreudigkeit (einzuflößen. Der [Akzent des ganzen\nBuches liegt auf der Wissenschaft als einer Lebens-\nund Sterbensweisheit, welche in ein mutiges „Friede\nauf Erden\" stark und entschieden, aber mit einem\nernsten und bedenklichen Unterton ausklingt.\nAus einem demnächst bei Göschen. (Leipzig) erscheinendem\nBuche: Friedrich Nietzsche eine intellektuale Biographie"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "301", "page_fin": "302", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.4", "titre_corps": "Das Mysterium Jesu : Aus dem Nachlass", "titre_sommaire": "Das Mysterium Jesu : Aus dem Nachlass", "signature_source": "Peter Hille", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.3", "debut_caractere": 5245, "fin_caractere_exclue": 11691, "texte": "Das Mysterium Jesu\nAus dem Nachlass\nVon Peter Hille\n„Herr, gedenke meiner”\nChristus trauerte in seinen Leiden, fühlte Weh\nin seinen Sdhimerzen. Schwerer wie sein müder\nLeib hingen die Lästerungen, (hingen die Laster\nder Lieblosigkeit nieder an seinem liebenden Opfer,\ndie gerade an der Seite seines liebenden Herzens\nwie aus rauchendem Pfuhle ausgestoßen würden.\nWie von seinem Haupte, so höhnt es auch\nher von seinem Herzen: „König der Juden\".\nNoch immer fremd, noch immer Feindschaft,\nauch hier im äußersten, hoffnungslosen Elend jan\nder Pforte des Todes.\nWarum wehrt sich die Schale gegen den Kern,\nder Jammer gegen das Königs wort der Gnade?\nWas lacht es so häßlich und glaubt der\nplumpen Täuschung, dem rohen Trieb, nicht aber\ndem Wort der wahren Macht, das alles weiß und\nkündet ?\nWas sucht man nicht das Reich des stillen\nGeistes, das in uns heller beginnt, so wir es suchen\nin Gott?\nDa klang an sein Ohr des Rechten Stimme.\nDer hat mit Staunen, das endlich in Ehrfurcht\nausstrahlt, seinen gequälten Schmachgenossen,\nseinen Sch'merzenskönig angesehen.\nUnd es geht demütig über seine Lippe, die\nunwillig ist über die Lästerung dessen zur Linken:\n„Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich\nkommst.\"\nMild und frei beseligt glühte seines Erlösers\nAntlitz, die gütige Wange dem armen Sklaven des\nGerichts entgegen. „Freund, heute noch wirst du\nmit mir am Orte der Reinheit sein. Dein Paradies\nerwartet dich, wir sterben gemeinsam: du der\nErstling der Entsühnten, ich1 der Führer.\"\nAber viel der langen, langsamen Tropfen fielen\nvergeblich und nur die Würmer sogen sie ein, wie\nsie einsogen die Säfte der Uebeltäter.\nSteil brannte der Zorn der Sonne, bis sie sich\nverfinsterte.\nVerdammtein gleich fahren die Finsternisse\nnieder, und es gab einen Weltriß, der nie sich\nwieder schließt, (bis zur Vollendung.\nWie wohl ein Tag sich erholt wieder, eh es\nsternenhohe Nacht wird, so wärmein die Strahlen\ndes Abschieds den Göttlichen noch einmal mensch-\nlich. Da steht diel Mutter.\nDer Sohn, der so lange vom Messias ver-\ndunkelte Sohn, Wird wieder hell, Fleisches Seele\nfindet sich wieder zur Seele, Leben zum Leben.\nDer Heiland, dem seine göttliche Schroffheit nun\nganz erscheint und menschlich aufs Gewissen fällt,\nsinnt auf den, der iihlrri die größite Erquickung der\nFreundschaft reichte.\nSo will er die zarte Liebesseele des Jünglings\nhinüberwenden.\n„Weib\" — (er fühlt schon allgöttlich — „siehe\ndeinen Sohn!\"\n„Sohn, siehe deine Mutter!\"\nUnd es trauert der Tag, er preßt die Augen-\nlider, wie eine Träne reizt, und blutig fallen die\nTropfen hernieder zu Mittag. Schwefelgelb um-\nspannein sie die zerbrochene Stadt. Der am Kreuze\nRufende, an seine Liebe, an seine herzgewaltige\ngroße Liebe Rufende aber fühlt sein Opfer warm,\nüberirdisch wärm, aus qualenmatferem Körper\ntropfen, die Göttlidikeit zur Göttlichkeit. Hinweg-\nziehn möchte er die Schicht der engen Bosheit, die\nsich selbst das Heil schmähend zerstört.\n„Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was\nsie tun.\"\nQualvoll zuckt die Welt, während das Gött-\nliche leidet, und der empörten Erde ist ein Greuel\ndie Menschheit und die Toten wirft sie von sich.\nHeim rüstet sich die Seele, und müde sinkt das\nHaupt mit dem blutigen Hohne der Dornenkrone.\n„Es ist vollbracht!\nVater, in deine Hände empfehle ich meinen\nGeist!\"\nGast der Freunde\nNun war eigen die Erde, still, entseelt.\nZu Ende war der Sabbath der Selbstberaubung.\nTöricht und mit Alltag durchschossen wogten\ndie Gespräche in der enttempelten Stadt gotteifern-\nden Volkes.\nEin Rosenstrauch war irre geworden Und hatte\nseine einzige (Blüte zerstochen pmit dichten, hef-\ntigen Dornen. Und es war rauh zwischen Him-\nmel und Erde, die zarte Ferne aber fortgegangen.\nLeib und Erde, ihnen ist nur das Nächste groß.\nAber die Erde ist reiner als der Mensch, sie\nhat keinen Gegen willen, nicht Leidenschaft setzt\nsie den Gesetzen entgegen, sondern mit Leiden-\nschaft kommt sie ihnen jnach.\nUnd sie fühlt Gott, fühlt Gott jmtehr als der\nMensch, und 10b er auch in Satzungen sich ein-\nkerkert bis zum Friedlosen gegen sich und alle\nMitmenschen. Das Gesetz wärmt, aber die Satzung\nerstarrt.\nEr war da der Frühling und trank mit träu-\nmender Violensehnsucht den Tau der Höhe.\nSo innig aber wiel in dieser Nacht hatte die\nmütterliche Erde noch niemals sich gefühlt. (So\nhatten noch niemals die INachtigallenlieder ihres\nsehnenden Herzens geschlagen, so zart und selig\nhatte noch niemals das Keimen uriä Sprossen in\nihr zum Lichte sich gezogem in Gegenstrahlen.\nUnd da wuchs auch das Licht der Höhe\nmorgenweich, warm und reich : ein Saffranblatt aus\nOsten.\nUnd in 'dieser grüßenden Frühe, klein und dicht\nund taugrau standen beisammen die Kräuter, hob\nsich keimend die edelste schlanke Pflanzengestalt\ndes Menschenleibes • und wandelte liebend ver-\nweilend und grüßte seine Freunde bei Tag und bei\nNacht, bei Mahl und Arbeit.\nWie die Gestalt eines Verstorbenen, noch um-\nweilt wird von nachträumendem Leben, so sandte\ndas reinste Liebesgewebe eines Leibes noch immer\nseine Lichtverklärung aus dem reinen Grabe (und\nes konnte sich1 nimmer genug tun und in ihm\nsprach die nahe, überallhin ergossene Gottheit.\nUnd erst dieses feiertägige Verweilen ihres\nLehrers und Meisters durchgottete seine Lehren\nverewigte ihre Art.\nMan versuchte den Alltag, nachdem das erste\nBefremden der Trauer vorüber war und schon tönte\ndas Weh leiser Genesung wie bei einem anderen\nLiebesverlust.\nDiese Tage, der Verklärungsmonat, stärkten.\nAli das ungeheure Leiden hätte nichts geholfein.\nMan warf schon wieder die Netze, man ver-\ngaß alle Wunder, und War keiner, der daran dachte,\nwie jener einst über die Fluten wandelte. Simon\nfühlte nicht mehr die bestimmte Hand, die hehr\nund gelassen ihn zog aus der weichenden Tiefe\n— da kam Jesus — nun fischte man Menschen und\nVölker, und tat nach göttlicher Weisung.\nPfingsten, die Kirche des Geistes\nGeheimnisvoll ist (diese Zeit, weil ihr Geist\nhoch geht, weil keine Zeit so gesättigt ist mit\nihm: mit Sehnsucht, Drang und Haß, mit Verfol-\ngung, Rettung und Untergang.\nDer Sohn des göttlichen Vaters weilte wieder\nin seinem angestammten Reich, laber nun sendet\ner den Erhalter, den Pefestiger, den göttlichen\nVater und Sohn: den Geist.\nStarkes, ziehendes Gebet der Siebzig im Saale.\nUnd Gnade.\nAller Geist macht sich auf; die Gemeinde des\nGeistes der Jünger, der Frommen, tritt zusammen,\nund zieht den erdwärts leuchtenden Kraftstrahl\nnieder in Flämmchen und Zungen. Und rein waltet\nder Geist, der niedergeströmte, der sich ver-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1970, "texte": "schwistert weiß, Und nicht mehr lediglich mensch-\nseits ängstlich auftastet mit dürftigem Lämplein\nin Dunkel und Schlüpfrigkeit,\nDa redet in feurigen Zungen die Sprache des\neinen Lichtes, der einen Gottheit.\nHinweg nun die blöde Furcht des Leibes, hin-\nweg die Enge dürftigen Stammesgeistes. Aus zagen\nJüngern werden Sendboten heiligen Eifers: Jünger\nknieten nieder, und Apostel erhoben sich. Der\nStämme bunte Zunge ward eins, aus dem Babel\nder Ohnmacht, dem Menschen werk der Zwietracht\ndie göttliche Einheit der Kraft. Aus dem Angst-\nschweiß der Erde gebar sich der staunenden Welt\nder Menschen die Religion aller Geister.\nDie Kirche des Göttlichen erstand und wuchs\nimmer heller und strahlender empor, und immer\nheller und strahlender wird sie wachsen, und alle\nDinge werden ihr zum Besten gereichen.\nJe freier und heiterer der Menschensinn (sich\ngestaltet, je bewußter und königlicher herrschend\nüber Um- und Innen-Welt, die Kräfte und Geheim-\nnisse darin, um so verklärter glüht auch auf die\nKircrhe des Geistes, sie, die Allweihende, sie, die\nunvergänglich ist und dereinst alles umfassen wird.\nNach außen Entwicklung, nach innen die\nKirche: das ist die Menschheit.\nEine Kirche aber, die nicht gleichen Schritt\nhält mit der Menschheit, {ist die rechte nicht.\nSteigerung und geistiges Wadhstum, das am\nehesten wirft den alten Adam heraus, das bedeutet\neine gründliche Entfremdung gegen die Willens-\njämmerlichkeiten von eh: als Geseufz und Gestön,\nals taube Reu und leere Buße.\nSo erscheint, wächst und hellt sich .auf die\nKirche.\nDie Bücher der Lehre\nDas frische Wort der Verkündung aber ward alt\nund sammelte sich in der Schrift.\nNur Umrisse redet genau befolgende Beschei-\ndenheit.\nWesentlich, lauter, unentstellt, der eigene Ehr-\ngeiz zerschmolz im Göttlichen zu Geständnis.\nJeder hatte auf Besonderes geachtet und\nbrachte es.\nEhrfurcht vor der Wahrheit aber hinderte (die\nVergleichung.\nSo ruht es nebeneinander: eins, verschieden,\nmenschlich dem Göttlichen zu."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "302", "page_fin": "303", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.5", "titre_corps": "Die Kühnsten : Eine Emanzipations=Novellette", "titre_sommaire": "Die Kühnsten : Eine Emanzipations=Novellette", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.4", "debut_caractere": 1972, "fin_caractere_exclue": 11691, "texte": "Die Kühnsten\nEine Emanzipations=Novellette\nVon Paul Scheerbart\nHerr Andreas Bohl saß in seiner Seestrand-\nvilla bei Bordeaux und trank seine Morgen-\nschokolade und aß seine chemischen Delikatessen\ndazu.\nDa kam — es war grade im Jahr 3800 nach\nChristi Geburt — Böhls Tochter Hedwig ins Früh-\nstückszimmer und wehte mit der Europäischen Mor-\ngenzeitung in der Luft herum, als wäre die Zeitung\neine Fahne.\n„Papa\", rief Hedwig, „die große Emanzipation\nist da. Wie ich mich freue!\"\n„Wo ist sie denn?\" fragte der Papa.\n„In der vierten Sphäre hinter dem Neptun!\"\nerwiderte Fräulein Hedwig Bohl.\n„Etwas weit ab\", sagte der Papa, „gute zwei\nMilliarden deutscher Meilen. Wovon will man sich\ndenn da so weit draußen emanzipieren?\"\n„Von unserem Sonnensystem\", sagte Hedwig.\n„Ja\", versetzte Herr Bohl, „das finde ich be-\ngreiflich, wenn man so weit von unsrer Sonne\nentfernt ist, daß man sie nur als kleinen Stern sieht,\nder kaum so groß ist, wie uns die Venus erscheint!\"\n„Oestattest du, lieber Papa\", fragte nun Fräu-\nlein Hedwig, „daß ich dir die Geschichte vorlese?\nSie ist wirklich außerordentlich wichtig und dürfte\ndoch ganz seltsame Folgeerscheinungen zeitigen.\"\n„Drück dich nur nicht immer so furchtbar ge-\nbildet aus\", sagte schmunzelnd der alte Herr Bohl.\n„Du weißt doch, daß es heutzutage nicht mehr\nmodern ist, menschliches Wissen und menschliche\nArt als etwas Bewunderungswürdiges hinzustellen.\nUnsere Worte müssen so klingen, als wären sie\nimmer wieder nur eine Entschuldigung, daß mit\nihnen nichts Wichtigeres gesagt werden konnte.\"\n„Bescheidenheitstuerei!\" versetzte Fräulein\nHedwig — — dann aber las sie aus der europä-\nischen Morgenzeitung vom dritten Mai des Jahres\n3800 folgendes vor:\n„B a h n v e r ä n d e r u in g\nMit den neuen Instrumenten der Montblanc-\nSternwarte ist in den letzten fünf Jahren ein kleiner\nStern in der vierten Sphäre hinter der Neptunsbahn\nfast ununterbrochen beobachtet worden. Und es\nhat sich jetzt eine sehr interessante Tatsache her-\nausgestellt. Die Bewohner dieses Sterns, der von\nunseren Astronomen jetzt Rabando genannt wird\n(vordem 718. k. b.) haben es einfach fertig be-\nkommen, die Bahn ihres Sterns zu verändern und\nmit ihm in den Weltenraum hinauszufahren. Der\nRabando entfernt sich immer schneller von (Lin-\nse rem Sonnensystem. Schon vor fünf Jahren be-\nmerkten die Astronomen große flügelartige Aus-\nstrahlungen an dem Stern, und diese Flügel haben\nsich seitdem derartig vermehrt, daß die Bahn des\nSterns gänzlich verändert werden konnte. Mit den\nneuen Instrumenten der Montblanc-Sternwarte ist\nes uns auch gelungen, die Lebewesen auf dem\nRabando näher kennen zu lernen; diese sind mit\naußerordentlich starken stahlartigen Gliedmaßen\nversehen, mit denen sie jdie schwersten Mecha-\nnikerarbeiten bewältigen können. Die Rabando-\nBewohner bauten zunächst turmartige Stahlröhren\nin den Stern. Es wurde dann beobachtet, daß die\nRabando-Bewiohner auf diesen wohl über hundert\nMeilen langen Röhren mit größter Schnelligkeit\nherauf und herunter gleiten konnten. Danach sah\nman, daß kolossale Segel an diesen Turmröhren\nbefestigt wurden. Und diese Segel, die in immer\ngrößerer Zahl angebracht wurden, setzten sich vor\nzwei Monaten in schwingende Bewegung. Und\ngestern wurde konstatiert, daß der Stern endgültig\nseine Bahn veränderte und mit zunehmender Ge-\nschwindigkeit davonraste. Es ist dieses das größte\nEreignis in unserem Sonnensystem; es beweist, daß\nes in diesem Stern Rindenbewohner gibt, die stärker\nsind, als der Stern, auf dem isie leben.\"\nHerr Bohl hätte aufmerksam zugehört, seine\nTochter sah ihn jetzt gespannt an und war sehr\nneugierig zu erfahren, was jetzt der Vater sagen\nwürde; dieser war zehn Jahre lang Leiter einer\nisländischen Sternwarte gewesen und hatte sich\ninfolge eines Augenleidens zurückziehen rnüssen.\n„Liebe Hedwig\", sagte er nun, „die Emanzi-\npationsgeschichte kommt mir nicht so unerwartet,\nWie du denkst. Ich wundere mich nur über die\netwas unverständliche Art der Berichterstattung;\ndie Europäische Morgenzeitung hätte doch be-\nmerken können, daß diese Bahnveränderung Bller\nWahrscheinlichkeit nach von dem Stern selber ge-\nwollt sein dürfte. Es ist doch ganz unsinnig, zu\nbehaupten, daß ein Stern auf seiner Oberfläche\nRindenbewohner dulden wird, die etwas anderes\nwollen und durchsetzen können als er selbst.\nNicht bin ich der Meinung, daß alle Rinden-\nbewohner im festen Zusammenhange mit ihrem\nStern stehen; es ist sehr wohl möglich, daß Vege-\ntation und Lebewesen durch Meteorwesen auf\neinen Stern verpflanzt werden, ohne daß der Stern\neine Ahnung von der Entwicklung dieser Fremd-\nkörper bekommt. Daß diese Fremdkörper aber\nmächtiger werden könnten als der Stern, auf dem\nsie sich festgenistet haben, scheint mir ganz aus-\ngeschlossen — so entwicklungsfähig sind Rinden-\nbewohner nach meiner Ueberzeugung j,n keinem\nFalle.\"\nNach diesen Worten des Herrn Bohl wurde ein\nHerr mit Namen Misankollo gemeldet.\nDieser Herr kam ins Frühstückszimmer.\nUnd — es war dieser Herr gar kein Mensch.\n„Seien Sie gegrüßt, Herr Misankollo\", rief\nFräulein Hedwig und ließ dabei gleich ein großes\nNetzwerk von der Decke herunter.\nHerr Misankollo gehörte zu jenen* roten\nDrachenwesen, die anno 3300 — also vor fünf-\nhundert Jahren — mit den Spaltbildungen des neuen\nnordasiatischen Hochplateaus herauskamen — aus\ndem Innern der Erde herauskamen.\nDer kurze zinnoberrote Rumpf des Herrn\nMisankollo stak in einem dicken weißen Pelz, die\nlangen schlangenartigen Beine und Arme mit ihren\nvielen beweglichen Astgliedern waren unverhüllt.\nAuf der Rückseite des Körpers befanden sich die\nvielen roten Blasenbildungen, die zu Ballongröße\nvon den Lungen aus aufgepustet werden konnten\nund dann den Körpier soweit jn die Höhe Woben,\ndaß dieser durch das leiseste Aufstoßen der langen\nSchlangenbeine mit Leichtigkeit vorwärts bewegt\nwerden konnte.\nSitzen konnten die roten Drachenleute der\nRückenblasen wegen nur in elastischem Netzwerk,\ndas sich in jedem Hause, in dem Drachenleute\nverkehrten, an der Decke befand.\nDer Kopf des Herrn Misankollo war ebenfalls\nganz rot und ähnelte einem Krokodilskopf. Ein\nderartiger Drachenkopf wäre nun zweifellos für\nMenschen sehr abstoßend gewesen, wenn nicht die\nNasenbildung zwischen den Augen eine menschen-\nähnliche gewesen wäre. Und dann waren die\ngroßen Augen auch menschlich und dunkelbraun,\nund so milde, daß das Gesicht der Drachenleute\ndurchaus nicht abstieß, man sah die Unterirdischen\nüberall sehr gern. Sie sprachen fließend die meisten\nmenschlichen Sprachen. Die Augen waren auch\nnicht seitwärts stehend; sondern so wie bei den\nMenschen. Die im unteren Teile sehr breite, weit\nvorgeschobene Drachennase wirkte natürlich (sehr\neigentümlich.\nAlle Drachenleute besaßen eine reich!e Bildung\nund wußten außerdem noch viel mehr, als die Men-\nschen. Die Drachenleute hatten neben den kleinen\nspitzen Ohren noch Kopforgane, die die Menschen\nnicht besaßen. Und mit diesen Kopf Organen konn-\nten die Drachenleute Dinge wahrnehmen, die den\nMenschen schlechterdings nicht wahrnehmbar Zu\nmachen waren.\nIn den fünfhundert Jahren hätte es niemals\neinen Streit zwischen den Menschen und Drachen-\nleuten gegeben; diese waren den Menschen gleich\nin vieler Hinsicht so außerordentlich nützlich ge-\nworden, daß gar keine Ursache zu Zwistigkeiten\ngeboten wurde.\nDie Drachenleute nährten sich zudem nur Von\nFlüssigkeiten — und zwar genügte ihnen fast jede\nFlüssigkeit, auch das Meerwasser — so daß die\nMagenfrage für sie nicht so akut werden konnte,\nwie bei den Menschen.\nWunderlich war es, daß sich die Unterirdischen\nvon Zeit zu Zeit einen großen Backzahn ausziehen\nließen. Diesen Backzahn setzten sie in eine Flüssig-\nkeit, die sie aus der Tiefe des Erdinnern mitgebracht\nhatten, und aus diesem Backzahn bildete sich nach1\nzwei Jahrhunderten ein neuer Drachenmann.\nDahinter kamen die Menschen erst sehr spät.\nUnd als sie dahinter kamen, fanden alle die Ge-\nschichte sehr lustig.\nFräulein Hedwig lenkte nun, als Herr Misan-\nkollo in seinem Netzwerk Platz genommen hatte,\nsogleich das Gespräch auf den emanzipierten Stern\nin der vierten Sphäre hinter der Neptunsbahn.\nHerr Misankollo sagte lebhaft, während die\nfünfzig Finger an seinen fünf Armen überall mit\nblitzender Geschwindigkeit in der Luft herum-\nflirrten :\n„Diese Bewohner des Sterns Rabando sind ganz\nverflixte Kerle. Das sind die Kühnsten in unserem\nganzen Sonnensystem. Nein — ich' weiß noch nicht,\nob es ganz sicher ist, daß diese Leute ihre Emanzi-\npation vom Sonnensystem im Einverständnis mit\ndem Geiste des Sterns Rabando bewerkstelligten.\nWenn ich nicht sehr irre, gibt es auch Sterne, die\nWohl einmal gelebt haben, denen aber schließlich\nalles Leben geschwunden ist, während doch auf\nihrer Haut noch lebende Rindenbewohner da sind.\"\n„Herr Misankollo\", rief nun Herr Bohl heftig,\n„Sie bringen eine ganz neue Hypothese! Sie\nsprechen von toten Sternen, auf deren Haut noch'\nLebendiges da ist. Das ist denn doch nicht so\nleicht begreiflich. Tote Sterne! Daran hab ich1\nnoch nie gedacht, daß auch Sterne sterben könnten.\"\n„Man könnte doch\", sagte Herr Misankollo,\n„auch annehmen, daß Sterne lange Zeit hindurch1\ndas tun, was wir „sdhlafen\" nennen. Wir sind\ndoch grade bei Beurteilung der Sternseelen nur auf\nganz kühne Vermutungen angewiesen. Jedenfalls\nist in einem Stern doch alles ganz anders, als wir\nes uns vorstellen. Sie haben Jahrtausende hin-\ndurch geglaubt, daß im Innern des Sterns Erde\nintelligente Lebewesen nicht existieren könnten.\nUnd da sind wir denn durch1 Zufall plötzlich aus\ndein Innern der Erde herausgetrieben und Ihnen\nsichtbar geworden. Wie viele Lebewesen mögen\naußer uns jetzt noch im Innern der Erde leben!\nWeil es der Tiefe zu immer wärmer wird — des-\nwegen ist es in größeren Tiefen noch lange nicht\nso heiß, daß da alles Leben unmöglich wird. Das"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1581, "texte": "haben Sie ja eingesehen. Wenn wir nun aber den\nStern Erde betrachten und dahinter kommen möch-\nten, wie er denkt und was er denkt, wenn er\nimmerzu sich drehend unsre fabelhafte unverständ-\nliche Sonne umkreist, so stehen wir doch vor so\ngroßen Rätseln, daß wir eigentlich nur ehrfurchts-\nvoll schweigen müßten.\"\nNach diesen Worten wurde es ganz still jm\nFrühstückszimmer der Seestrand-Villa. Man hörte\nnur leise das Wogen der Wellen im Atlantischen\nOzean.\nUnd Fräulein Hedwig Bohl sagte leise nach\neiner guten Weile: „Ich dachte schon, auch auf\nder Erde würde man jetzt daran denken, sich von\nunsrer großen unverständlichen Sonne zu emanzi-\npieren. Aber idi glaube, man darf es gar nicht\nwagen, so etwas zu denken.\"\n„Nun\", sagte Herr Bohl, „wenn es unsre Erde\nmal selber möchte.\"\n„Jedenfalls\", bemerkte Herr Misankollo, „ist\nes ganz ausgeschlossen, daß unsre Erde augen-\nblicklich schläft — die wacht ganz bestimmt und\nhat sehr lebhafte Gedanken.\"\n„Wie kommen Sie darauf, das zu behaupten?\"\nfragte Fräulein Hedwig.\n„Ich habe\", sagte Herr Misankollo, „doch Kopf-\norgane mit denen ich noch mehr wahrnehme, als\nSie mit Augen und Ohren. Und da glaube ich, daß\nich auch ein Empfinden für das Denken und Wollen\nder Erde habe — eben durch diese meine muschel-\nartigen Kopforgane. Es schwingt in diesen etwas\nmit — aber ich kanns noch nicht in Worte kleiden.\nVielleicht läßt sich das Feinste, was wir emp-\nfiöiden, niemals mit Worten sagen.\"\nDa schwiegen die Drei wieder und blickten\nstill in das große blaue Meer, auf dem die Strahlen\nder großen Sonne funkelten wie Sonnenfl ecken-\näugen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "303", "page_fin": "303", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.6", "titre_corps": "Das interessante Gespräch : Eine gehaltvolle Inhaltlosigkeit", "titre_sommaire": "Das interessante Gespräch : Eine gehaltvolle Inhaltlosigkeit", "signature_source": "Mynona", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.5", "debut_caractere": 1583, "fin_caractere_exclue": 5588, "texte": "Das interessante Gespräch\nEine gehaltvolle Inhaltlosigkeit\nVon Mynona\n„Und Sie behaupten, daß Pauline, die so ein\nunschuldiges Tauentzienstraßenlächeln verschenkt,\nsich tatsächlich dem biderben Weinbergsbesitzer\nMartin Hab \"\n„Pschscht! keine Namen! Sehen Sie, Pauline\nwar erst so; dann aber !\"\n„Wie meinen Sie das? Martin kann doch ohne\nweiteres —\"\n„Ja, ja, ja! Nur Pauline macht Umstände.\"\n„Gesegnete —?\"\n„Hui, wie witztig! Als Pauline noch rote wollene\ntrug, fragte ich sie einmal: pb Martin ihr nicht\nSeide und so 'weiter; na — er liebe gerade die\nSchlichtheit der ganzen Erscheinung. Wissen Sie,\nlassen wir doch das Thema fallen. Was macht\ndie kleine Polin?\"\n„Sie fährt Fahrstuhl im „K. d. W.\", rauf und\nrunter, ohne abzusetzen.\"\n„. . .\n„Na, sie verfolgte Lotharn und mich. Hailoh,\nwir brachten sie ins K. d. W., schuppsten sie in\neinen Lift und gingen wo anders hin. Es ist die\ngentilste Art der Entwicklung.\"\n„Niedlich. Sagen Sie, so Mädchen von der\nStraße, zum IBieispiel (Lydia von der Joachims-\nthaler, lösen doch die Frauenfrage besser als\nFrl. Dr. X.?\"\n„Mann, mit Ihren Blasphemien sind Sie so\nmordsmäßig langweilig wie Mynona im Sturm.\"\n„Was? Wer ist diese stürmische Mynona?\"\n„Vermutlich ein Unterrock: Pseudonym für\nirgend ein verunglücktes altes Mannsbild. „Sturm\"\nsieht aus wie eine Zeitung, ist aber mehr eine\nArt, auf intelligente Weise heiser zu sein.\"\n„So?\"\n„Glauben Sie mir, der Mensch ist entweder\naltklug, wenn er jung ist; oder jungklug, wenn er\nich habe vergessen, was ich sagen wollte.\nWarum machen Sie so ein frohes Gesicht?\"\n„Ich bin immer wie erlöst, wenn ein Bonmot\nmißglückt. Unser Witz verengert die Welt.\"\n„Quatsch! Und außerdem riecht es auch nach\nBonmot.\" i\n„Sie haben nicht Unrecht. Um auf Pauline\nZurückzukommen — hat sie nicht Plattfüße?\"\n„Sie ist aber sonst sehr brauchbar; übrigens\nist Martin auch nicht auf den Kopf gefallen. Kennen\nSie Anselm ?\"\n„Anselm?\"\n„Anselm!\"\n„Nein.\"\n„Schaun Sie an! Der Anselm, ein alter Freund\nvon Pauline, hat einen sonderbaren Kunstgriff aus-\ngedacht, Martin bei ihr auszustechen.\"\n„Ja?\"\n„Er kleidet sich genau wie Martin, aber kost-\nbarer!\"\n„Gar nicht schlecht.\"\n„Na, Pauline hat neulich beide bei sich gehabt\nund die Anzüge vertauscht; auch nicht schlecht!\"\n„Was doch die Weiber, wenn sie in Liebe sind,\nproduktiv in jeder Hinsicht werden! Eine Verliebte\nkriegt immer Junge — in welcher Gestalt immer.\"\n„Hören Sie, man hat das Weib und die ganze\nWelt mit Philosophie yerstankert: keine Philo-\nsophie ist die allerbeste.\"\n„Bequem, bequem.\"\n„Der alte Kaiser W \"\n„Sein Sie still, ein Schutzmann kommt.\"\n„Wotan.\"\n„Verkneifen Sie sich Ihre W's geschickter.\nWollen wir ins Qafe?\"\n„Sitzt Pauline drin mit Martin?\"\n„Ich weiß kaum, weswegen Sie an den Be-\ngattungen anderer ein so ausgiebiges Interesse neh-\nmen. Weininger würde sagen —\"\n„Pfui, nu noch Weininger — kann sich denn\nkein anständiger Mensch mehr töten,- ohne vorher\nzu bedauern, daß, er Jude war?\"\n„Entweihen Sie keineswegs —\"\n„Ach, ach, ach, ach, ach, ach —\"\n„keineswegs das Andenken eines Geistes der\ndie Mann h e i t iim Menschen\",\n„Essen Sie gern Tomaten?\"\n„Peter Baum —\"\n„Wenn Sie wenigstens Hille gesagt hätten —\nißt Peter Baum gern Tomaten?\"\n„Ich wollte sagen: Peter Baums Sprache oder\nSprechen ist im Einklang mit seiner Somatik.\"\n„Wissen Sie, bitte, lassen wir doch diese ehren-\nwerten Intellektualismen. Eine rechte Sau zu sein,\nist heute der Gipfel der Ehrlichkeit! Kennen Sie\ndie kleine Polin näher?\"\n„Lift, lift, Clavigo?\"\n„Ja, die nämliche!\"\n„Teils näher, teils noch näher.\"\n„Nun?\"\n„Fragen Sie Bruno — es ist eine wahre Erotik-\ntak tiktäk tiktak — eine Uhr der Liebe, die mecha-\nnischste Venus des ganzen W.W.\"\n„Nebbichl\"\n„Tatatatatatata — —!\"\n„Nanu, wollen Sie Brausepulver?\"\n„Nein, da kommt sie ja, die Kleine mit ihrer\nblauen Kapotte; ich —\"\nj>Ja> ja, präzisieren Sie sie, machen Sie sie\nnoch mechanischer: endlich5 einmal\" —\n„Endlich einmal?\"\n„Wird es eine antike Uhr Werden, eine alt-\nmodische, eine dicke, sehr dicke Uhr, eine wahre\nZwiebel. 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Hoffentlich naturalisieren sie ihn gleich samt\nseinen Werken. Trotzdem der Lokalanzeiger gich\nnicht fassen kann:\nAn Adel der Gesinnung und der Form, an Anmut\nund Schönheit der Verse übertrifft diesen Epigonen\nder Klassiker kaum ein anderer der lebenden\nVertreter des deutschen Schrifttums. Als der Natura-\nlismus in Blüte war, galt es seinen Jüngern eine Art\nvon Sport, ihre Pfeile gegen Paul Heyse als Vertreter\nder abgelebten Kunstrichtung zu senden. Heute ist\nder Naturalismus überlebt, und Heyses reife Kunst wird\nnach wie vor von den Kennern geschätzt und bewundert.\nEr selbst hat sich auch literarisch mit seinen Wider-\nsachern auseinandergesetzt, doch nicht gerade mit\nGlück.\nSie mögen sidi mit ihrem Dichter freuen, die\nKenner des „überlebten Naturalismus\" und der „ab-\ngelebten Kunstrichtung\". Gott erhalte ihnen jden\nFrohsinn, die Ahnungslosigkeit und den Epigonen\nder Klassiker.\nDie neue Generation\nHerr Julius Bab ist wieder einmal verprügelt\nworden. Sehr gründlich von Alfred Kerr. Herr\nBab findet Kerr zu „subjektiv\", möchte gern klagen\nund bittet ergebenst um faßbare (Beleidigungen.\nDa er schon Kunst nicht fassen kann. Hinter ihm\nsteht eine neue Generation, die den Kerr lächerlich\nfindet. So verkündet er zornig. Auch ist er gegen\nWitze und für den Ernst. Diese „neue Generation\"\nsoll sich bemerkbar machen. Damit man sie Mann\nfür Mann abschlachte. Aber nicht — ich bitte darum\n— in schlechten Dramen und anmutigen Versen.\nLieber läßt man die Leute leben, ehe man solche\nLangeweile erträgt. Nur die Namen! Wir wollen\nihren Ernst im Witz ersäufen. Dann sind wir „sub-\njektiv\". Wie Alfred Kerr.\nTheaterausstellung\nIch war der einzige Gast in der Berliner The-\naterausstellung. Dort gibt es zu sehen: Korsetts,\nParfüms, Theaterzettel, einen alten Rock der\nSchröter und unheimlich viele schlechte Bilder und\nGipsbüsten. Auch Vacuumreiniger und Planinos.\nTeppiche. Alte Jahrgänge schlechter Theater-Zeit-\nschriften. Zahllose Beamte bewachen die Scherze.\nWer die Veranstalter kennt, wird sich nicht weiter\nwundern. Der eine tut es nicht unter Bühne und\nWelt, der andere, der Doktor Landsberg, hat sich\nvon Hauptmann „losgesagt\" und weiß in der Kö-\nniglichen Bibliothek Bescheid. Schließlich: man\nbraucht ja nicht hinzugehen. Liebhaber von Kor-\nsetts seien auf (die Schaufensterauslagen der be-\ntreffenden Firmen verwiesen.\nDer neue Compagnon\nDiesmal zischten die jFuldaianer im Berliner\nTheater. Glücklicher Ausgang und doppelte Ver-\nlobung. Herr Richard Skowronnek (Förster, Pst-\npreußen, Wald, Moor) schrieb einen Schwank ge-\ngen die „Lustspieldichter\". Etwas mehr fiel ihm\nsogar (ein. Aber die „Kollegen\" sind jetzt für\nPsychologie. Ich glaube, Skowronnek gehört nicht\nzum Lothar-Syndikat m. b. H. Wenn er sich nur\nnoch ein wenig zurückschraubt, kann er es aber\nerreichen!\nLebensfreude\nIch versuche es immer wieder, hinter die\nMysterien der Lustgefühle hiesiger Einwohnerschaft\nzu kommen. Ich kann mir nicht helfen: meine\nUnlust siegt immer wieder. Diie Bedürfnislosig-\nkeit der Bourgeoisie und der Aristokratie ist rührend.\nDas Publikum mit Geld geht ins Chat Noir, das\nPublikum ohne Geld ins Walhalla-Theater. iWas\nhilft es, daß hier Fräulein Alberti, dort Frau Hell-\nway-Bibo das Niveau überragt. In solchen Niede-\nrungen. Das Cabaret scheint mir geeignet, die\nAufnahmefähigkeit des Publikums an sogenannten\nhöheren Werten festzustellen. iNie und nirgends\nhabe ich eine derartig angespannte Aufmerksam-\nkeit erlebt. Also diese schäbigen Witze und blöden\nSentimentalitäten können mit Gottes Hilfe gerade\nnoch verstanden Werden. Die von dem Dichter\nRudolf Lothar bezwungene „mondaine\" Welt klappt\nmit dem Lachen stets zwölf Minuten zu spät nach.\nUnerhörteste Geistesarbeit mußte getan werden, um\ndie Witzlosigkeit der Lieblinge des deutschen Kron-\nprinzen „einzufangen\". Dieses süße Publikum ver-\ngißt sogar dein (Zweck seiner Anwesenheit: die\nLebensfreude. Und wo es sich vergißt und nach-\nträglich lacht, sorgt ein Diener des Hauses mit\nCäsaren Wahnsinn dafür, daß alles mit Feierruhe\nabgeht. Aber die Unternehmer haben Recht: Jedes\nPublikum erhält das Vergnügen, das es verdient\nund das Budikern 'Geld bringt.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "303", "page_fin": "304", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.8", "titre_corps": "Ans den Zeitungen", "titre_sommaire": "Ans den Zeitungen", "signature_source": "J. 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Gleich der erste Satz seiner\nKritik über die Erstaufführung des Lustspiels, dem\nBisson, wie Kirstein orakelt, wohl nur aus\nFreundschaft seinen berühmten Au-\ntornamen lie h, rehabiliert mich in dieser Form:\n„Ein kundiger Thebaner hat dem Dreiakter Manage\nd'etoile von Alexandre IBrisson und George\nThurner den deutschen Titel „Narre nhoch-\nzei t\" gegeben. Das klingt sch ö n und\nmystisch, gibt aber keinen Sinn, weil es falsch\nübersetzt ist.\"\nSehr richtig!\nDer hingerissene S. Mg.\nSolange wir Glücklichen kein Leinwandzelt\nhaben, „können wir nicht viele, schöne Sonnentage\nim Amphitheater sitzen, Ibsen oder Shaw hören\nund dabei doch die frische Luft genießen\", sondern\nwir Armen müssen uns den König Oedipus des\nSophokles\" im Zirkus vorführen lassen.\nIbsen und Shaw unter einem Leinwandzelt.\nMir wird, wenn ich daran denke, schon warm.\nAber Sie sollen auch das noch erleben, Felix Lorenz.\nVorläufig geben sie sich mit der Tatsache be-\nscheiden, daß man auch in einer Arena, die eigent-\nlich für „hyppologische Künste\" errichtet ist, von\neinem Sophokles ganz hingerissen werden kann.\nSigmar Mehring singt in der Volks-Zeitung davon.\n„Groß war das Wagnis, das Reinhardt gestern\nunternommen, über Erwarten stark der Sieg, hoch\nder Gewinn. (Wie hoch ?) Ein Griechendrama hat\ne r h e rvorg e h o 11 und im Theater der Griechen\nließ er es (zu neuem Leben erwachen.\" An jdie\nOlympier im Zirkus Schümann sei hier nicht ge-\ndacht. „Was der sechsundsechzigjährige Griechen-\ndichter zu des Perikles Zeiten auf die Bühne brachte,\nhat zwei Jahrtausende hindurch' seine welterschüt-\nternde Kraft nicht verloren, und war noch in dem\nspäten Nachhall überwältigend, der in Schillers\n„Braut von Messina\" donnernd dah'inrollt und dann\nnoch einmal in Anzengrubers ergreifendem Trauer-\nspiel Hand und Herz auf tönt\". Kundiger\nThebaner, ich hätte ohnehin nicht vergessen, daß\nDu der Verfasser einer Verslehre bist, deren eifriges\nStudium selbst einen Sophokles zur Verzweiflung\nbringen könnte. Es wetteifern Deine schönen Worte\nmit dem hellen (Klange der Trompetenstöße, die\nden Anfang der (Vorstellung verkündeten.\n„In die freie Arena ergießt sich' ein endloser\nSchwall wankender Gestalten, ider Thebaner, jdie\nzum Königspalast stürmen, ,um vor den Schrecken\nder Pest Schutz zu erbeten. jWaren es Hun-\nd e r t e ? War e n es T a u s e n d e?\"\nWie hoch war der Gewinn? Waren es Hun-\nderte? Waren es Tausende? Wirres, dummes\nFragen angesichts der einfachsten (aber wür-\ndigen) Dekoration. „Der listige Meister der Regie,\ndie Reinhardt selber leitete\", ließ die heitere Schick-\nsalstragödie einfach! in einem grauenvollen Rah-\nmen aufsteigen. Und „den dunkeln Hintergrund\nbildet© die in Ben Schatten der Nacht getauchte\nMasse des Publikums, das die amp'h'itheatra-\nlisch bis zum Dach aufsteigenden Sitzreihen mit\ntief erregten Zuschauern füllte.\"\nNachdem die Masse die amphitheatralisch bis\nzum Dach aufsteigenden Sitzreihen mit tief erregten\nZuschauern gefüllt hatte, „war das Publikum hin-\ngerissen und gab seiner Stimmung in einem Sturm\nvon Beifallsrufen Ausdruck\". Aber S. Mg. be-\ndrückt trotzdem die Frage, ob Sophokles auch bei\nuns nachgriechischen Verehrern die Feldherrnwürde\nerlangt hätte. Womit wir nach1 griechischen Ver-\nehrern Sophokles nicht auszeichnen können, sollten\nwir Reinhardt ehren. Er könnte deutsche Truppen\nsiegreich gegen England (in hinreißenden Shake-\nspeareaufführungen verwenden. Er braucht ein\ngroßes Feld. Der Zirkus Schumann kann ihm so\ngewiß zur Enge der Kammerspiele werden, „als\nder Aufschrei aus blutender Menschenbrust tönen\nwird, solange es sehen gibt\". Nämlich der\ndes unglücklichen Oedipus: „Wer spielt das Spiel\nmit mir!\" Als er jm Zirkus Sdhtimann diese ver-\nzweiflungsvollen Worte ausstieß, rief keiner mit-\nleidig zurück: Reinhardt!\nLernt richtig zitieren\nIn dem neuen Montagsblättchen schwang' sich\nder eifernde Ilgenstein auf die Zitatenrosinante, um\neinen scharfen Ritt zu tun gegen „die sogenannten\nAestheten und dekadenten Kaffeehausliteraten, die\nin dem politisch interessierten Menschen ein Wesen\nniedriger Ordnung sehen\".\nDie bedeutendsten Männer, selbst Goethe,\nSchiller und Hebbel, waren politisch' interessiert.\nIlgenstein ist es audh. Und jn; der Wahl seiner\nZitate beweist er auch', wie Idein politisch Inter-\nessierten sogar das Parteimensdhliidhste widerfahren\nkann. Mit dem Trostruf „Wright on wrong,\nmy country\" empfiehlt er allen, di e no c h nicht\nvertrottelt sin d, der konservativen Partei sich\nanzuvertrauen, gleichviel, ob sie Redht oder Un-\nrecht hat.\nWelchen der Brothers Wright meinten Sie,\nMister Ilgenstein?\n\nJ. 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Ich habe mich nicht ver-\nzählt, las auch, während ich die Köpfe zählte, Arnim\nWassermann Verse seiner Herzensdichter. Weich\nund herb, reidh und süperbe ist seine Sprache;\ndazu sein schwärmerisches, knabenhaftes Savoyar-\ndengesicht! — Ich suche nach einem Stuhl, der im\nVerborgenen blüht — endlich finde ich so ein Veil-\nchen abseits am Tapetenrand; ich setze mich. Meine\nTänzerin Zobeide, die sehr neugierig auf das\nCabaret der Neopathetik ist, ruht schon lange müde\nzwischen weißen, lilagelben, roten und himmel-\nblauen Mädchen; ein Dichter mit Honiglippen und\nzwei Augen, naschhafte Bienen, als einziger Tasso\nneben ihr und ihren bräutlichen Schwestern. Es\nbetritt jemand den Oelberg des Saals und predigt\nüber Kunst. Der Vortrag ist geistvoll, wenn man\nsich auch durch Mimik und /Brille in die Schule\nzurückversetzt glaubt. Noch immer höre ich keine\nGedichte von mir c— warum lud man mich ein,\nzumal ich keineswegs (objektiv bin? Auf einmal\nflattert ein Rabe auf, ein schwarzschillernder Kopf\nblickt finster über die Brüstung des Lesepults.\nJakob van? Er spricht seine kurzen Verse trotzig\nund strotzend, die ;sind so blank geprägt, man\nkönnte sie ihm stehlen. Vierreiher — Inschriften;\nrund herum müßten sie auf Thalern geschrieben\nstehn in einem Sozialdichterstaat. Ich muß immer\nans Geld denken; (wie man so runterkommt —\nwenn Zobeide, meine Tänzerin, ein Portemonnaie\nbei sich hätte, [würde ich zu der Menschenhitze\nein Glas Limonade trinken. Ich höre, wie ein Vor-\ntragender mit triumphierendem1 Gesicht Stefan\nGeorges Dichtungen als Ruhepunkt bezeichnet. Das\nmuß idh wiederlegen. Stefan Georges Gedichte\nwandeln allerdings, ohne (müde zu werden; nicht\nbunte Karawanen über Sandwege; aus ihnen weht\ndie Kühle endloser Prozessionen zwischen from-\nmen Sdhlössern und himmelhohen Domen. Die\nOrthographie der Georgeverse erinnert in ihrer\nGleichtönigkeit leicht an englische Sonntagsruhe.\nWars das, lieber Vortragender ? Gern hätte ich\ndie Rede vorn Kurt Hiller, dem Präsidenten des\nneopathetischen Cabarets, gehört.\nZobeide, meine Tänzerin, wjill noch nicht mit\nnach Hause kommen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "304", "page_fin": "304", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.10", "titre_corps": "Beachtenswerte Bilder", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bilder", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.6", "debut_caractere": 6924, "fin_caractere_exclue": 7170, "texte": "Beachtenswerte Bilder\nAuswahl nach 1870\nMAX LIEBERMANN\nSimson und Delila\nVINCENT VAN GOOH\nSelbstporträt\nEDVARD MÜNCH\nNorwegische Sommernacht\nHENRI MATISSE\nBlumenstück\nGUSTAV KLIMT\nDie Schwangere\nFERDINAND HODLER\nWilhelm Teil\nEDOUARD MANET\nIm Cafe"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "304", "page_fin": "304", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.11", "titre_corps": "Wochen-Spielplan der Berliner Theater", "titre_sommaire": "Wochen-Spielplan der Berliner Theater", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.6", "debut_caractere": 7331, "fin_caractere_exclue": 9220, "texte": "Wochen-Spielplan der Berliner Theater\nNovember Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Sonnabend Sonntag Montag Theater mit gleichbleibendem Spielplan:\n15« 16. 17. 18. 19. 20. 21. (Am Busstag geschlossen)\nSchumaCMstras^fi3ea Herr UD(I Diener Geschlossen Judith Sumurun Faust Herr und Diener Herr und Diener Joachim m Brandt Anlwh\n——— ———— — — Tag. Verfl. Frauenz. / I.KI.\nKammersiiiftTft Komodie der Premiere Komodie der n , , Komödie der\nSchumannstrasse 14 I™en / Heirat Geschlossen TänzeWiegenthal Der v®rwu,ndo,J Irrungen ' Heiratuer y* el Irrungen I Heirat Modernes Theater Der Doppelinensch\nwider Willen iamewiei>emnai Vogel wider Willen v ogel wider Willen KSniggrätzerstr. 57| 58 11\nLessingtheater Wenn der junge fi h. Wenn der junge Wenn der junge Das zweite Wenn der junge Neues Theater :\nFriedrich Karlufer l Wein blüht beschlossen Wein blüht , Wein blüht Leben Wein blüht ScWffbauerdamm 4a|ä Schauspieler des Kaisers\nLenen Abschied vom Regiment\nFrie™ricfet.(iM|,io4a Die Boh6me Geschlossen Tiefland Die Boheme Tosca Die Boheme Erzählungen Biumfifs^a6^61' Noblesse oblige\nNeues königliches ZT TT 7 Der heilige Hain\nOperntheater Madameßutterfly Geschlossen Geschlossen Geschlossen Geschlossen Evantrelimann Geschlossen pr Friedr. 7 20- November: Monsieur\nKönigsplatz 7 _ ' ' '' Alphonse\nSchauspielhaus Faust I. Teil Geschlossen Jms\" Der Tartüff Operettentheater\nNollendorfstrasse 11 [12 ' Schiff bauerdamm 25 Wein blüht. (Lessing-Th.)\nBerliner Theater Der neue Der scharfe Der neue Der neue :fnn Der scharfe ea:ter des n. ™\nChariottenstr. 93 Kompagnon Junker Kompagnon Kompagnon Taifun Junker Westens Die schönste Frau\n- - .... Kantstrasse 12\nKönigliches Wallensteins Waiin«a+nr e ** * i«,\nSchauspielhaus Der Krampus Geschlossen Maria Stuart Der Krampus Lager anenstems Rabensteinerin Metropoltheatei* Hurrah — Wir leben noch!\nGensdarmenmarkt Die Piccolomini XOCI üeürenstrassc &ö|s6"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c012", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "305", "page_fin": "305", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.7", "debut_caractere": 165, "fin_caractere_exclue": 393, "texte": "neue Secession\nisssiisssiisss] msm isssi isssi isssi\nOraphische Russfellnns\n1910\n1. October bis 1. December\nin 9er\nOalerie ITlaximilian Hlachf\nISSSI^SIISS®\nBerlin ID., RanKe - Strasse 1\nan Oer Kaiser IDilhelm oe9adtfnis - Kirthe"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c013", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "306", "page_fin": "306", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.8", "debut_caractere": 90, "fin_caractere_exclue": 330, "texte": "frinKferfipe Kinder\nMflth\nTrinkfertige Einzelportionflaschchen,\ndie nur angewarmt zu werden brauchen.\nJede unhygienische Manipulation im\nHaushalt vermieden. Adressen der\nAnstalten und Bezugsquellen durch die\nMutricia - Centrale\nBerlin W. 35"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c014", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "306", "page_fin": "306", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.8", "debut_caractere": 332, "fin_caractere_exclue": 674, "texte": "plllllil!(gilllfll!l»ll!li!l!ilI!lllll!lill!!liil!ilE!ll!l!!fjllliillllllll!lill^\n[DieSacfteil\n§j HERAUSQEBER jj\n1 Karl Kraus 1\nJ :: Mr. 309/10 |\n1 soeben erschienen J\n§§ Preis 50 Pfg. 8\njj Aus dem Inhalt: g\nM Kempinski von Karl Kraus |j\njj Gedichte von Else Lasker- M\n§| Schiller g\n| ÜBERALL ERHALTLICH |\nlllilll II Sllll MtlLlllllllßllllll^"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c015", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "306", "page_fin": "306", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.8", "debut_caractere": 676, "fin_caractere_exclue": 874, "texte": "HerwarthWalden\n: DAFNISLIEDER:\nPur Gesang nod Klavier / 52 Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musikalien-\nhandlungen oder direkt durch den\nVerlag DER STURM, Halensee\n•• • Katharinenstrasse 5 •• •"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c016", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "306", "page_fin": "306", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.8", "debut_caractere": 876, "fin_caractere_exclue": 953, "texte": ":: PROBENUMMERN :s\numsonst u. portofrei durch die\nGeschaftsstelle „DER STURM\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c017", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "306", "page_fin": "306", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.8", "debut_caractere": 955, "fin_caractere_exclue": 1260, "texte": "Pichelswerder m Pichelsdorf\nGrundstlicke an der Havel idyllisch gelegen\nneben dem Schlosspark, nahe der Doberitzer Heerstrasse\n(Kaiserdamm), preiswert verkauflich. Naheres durch die\nBodengesellschaft desWestens\n— mit beschrMnkter Haftung ——\nBERLIN W 66, MAUERSTRASSE 86-88\n□ Fernsprecher Amt I, No. 7497 □"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c018", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "306", "page_fin": "306", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.8", "debut_caractere": 1262, "fin_caractere_exclue": 1283, "texte": "Q[gareftes\nManchester"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c020", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "306", "page_fin": "306", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.8", "debut_caractere": 1285, "fin_caractere_exclue": 1879, "texte": ":: Kurhaus und Erholungsheim ::\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit Vom Alexanderplatz)\nHauptgebMude mit Zentralheizung und elektrischem Licht, grosse,\nhelle Zimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadratmeter\ngrosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum, Lauben, grosser\nTeich usw. Das ganze Jahr geoffnet Den Besuchern Berlins\nals herrlicher Aufenthaltsort empfohlen. Fern von dem LMrm und\ndem Staub der Stadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch\nstiindlichen Bahnortsv- rkehr. — Lassen Sie sich die Broschilre\n:: „Leben\" kommen vom Besitzer und Leiter Eniil Peters"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c021", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "306", "page_fin": "306", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.21", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.8", "debut_caractere": 1881, "fin_caractere_exclue": 2103, "texte": "□□ DER riEUE CLUB M'«\nSAIPn CASSIRER VICT°RIASTR 35 SonnABETIQ 19 nOV Q'si UMR\nmAx brod FRAQ\nutSrsEin DRAfnA niF HoHE DES GEFCIHLS\nKARTEn ZU ItlK 4 2 1-5° BEI EDffl* mEYER BUCHSSS\nP.°TSDAfnERSTO a7B UnO An PER ABEnDKASSE.n"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-17-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-17_01#c022", "volume": "bmtnabg_1910-11-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "306", "page_fin": "306", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.2.22", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.8", "debut_caractere": 2105, "fin_caractere_exclue": 2333, "texte": "Dr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrera.d.Schauspielschule d. 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Regelmassige Verdauung, gute Ernahrung,\ninfolgedessen Schaffens- und Lebenskraft, alles das sind Faktoren, die zum\ngrossen Teil von der guten Beschaffenheit der Zahne abhangen. Wenn\nSie daher Ihre Zahne schon und gesund erhalten wollen, so empfehlen\nwir Ihnen dringend, morgens und namentlich auch abends Kosmin zu\nbenutzen, da dieses Mundwasser infolge seiner erwiesenen Wirkung das\nZahnfleisch kraftigt, die durch Speisereste entstehende Faulnisbildung im\nMunde verhindert und dadurch die Zahne konserviert, solange dieses\nnur irgend moglich ist. Der iiberaus erfrischende Wohlgeschmack\ndes Kosmin macht den taglichen Oebrauch dieses vorzuglichen\nMundwassers bereits nach kurzer Zeit zum angenehmen Bediirf-\nnis. Preis pro Flasche, lange ausreichend, M. 1,50, überall kauflich."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "299", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug: 10 Pfennig\nFÜR KULTUR UNCMD^KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524 / Anzeigen-Annahme und\nGeschäftsstelle: Berlin W35, Potsdamerstr. 111 / Amt VI 3444\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark ) Halbjahresbezug 2,50 Mark/\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1910\nBERLIN/DONNERSTAG DEN 17. NOVEMBER 1910/ WIEN\nNUMMER 38\n\nINHALT:\nDr. S. FRIEDLÄNDER: Menschliches Allzumenschliches / PETER HILLE: Das Mysterium Jesu / PAUL SCHEERBART: Die Kühnsten / Eine Emanzipations-\nNoVellette / MYNONA: Das interessante Gespräch / TRUST: Wieder eine Woche: Der Meisterepigone / Die neue Generation / Theaterausstellung / Der neue Compagnon /\nLebensfreude /J. A.: Aus den Zeitungen / ELSE LASKER-SCHÜLER: Im neopathetischen Cabaret / OSKAR KOKOSCHKA: Zeichnung\n\nFriss, Vogel, oder stirb! Zeichnung von Oskar Kokoschka\n\nMenschliches\nAllzumenschliches\nVon Dr. S. Friedlaender\nDie Praktische Vernunft Kants, der\nWille Schopenhauers, das Leben, diese diony-\nsische Macht Nietzsches — allen drei Prinzipien\ngemeinsam ist das Wegweisen vom Theoretischen\nauf das praktisch-sittlich Empirische. Sie betonen\nalte drei den Primat des Willens, jder Tatkraft:\naber die Verschiedenheit der Betonungen ist schrei-\nend. Ja, man kann §agen, daßi der Ton Kants\nals zu hoch, der Schopenhauers als zu tief, un-\nserem wirklichen Gehör entgehen müssen, während\nNietzsche, beide zur natürlichen Lautstärke korri-\ngierend, unser Ohr nicht nur wirklich trifft, son-\ndern zugleich auch die Fassungskraft unseres Qe-\nhörs in das Ungemessene steigert. Kant hatte die\nmetaphysische Theorie durch seine Kritik ver-\nnichtet ; Schopenhauer verflüchtigte durdi1 pessi-\nmistische Kritik die übriggebliebene metaphysische\nPraxis zur metaphysischen Verneinung aller\nPraxis, geschweige der Theorie : Schopenhauer hin-\nterläßt ein metaphysisches Nichte! Nun, man\nvergißt gemeiniglich über das Exoterische, über\ndie kleinen Mysterien der „Werke\", die großen der\nAutoren, in denen Kritik und Skepsis viel tiefer\nschwiegen, als sie laut wurden. Was Philosophen:\nverschweigen, würde hinreichen, mindestens £hre"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.2", "texte": "Werke zu dementieren, wenn es nicht gar noch\nviel gefährlicher wirken sollte. Und hierin — im\nFürchten dieser Gefahr viel mehr als in der Triftig-\nkeit aller Gründe liegt auch das Motiv zum behut-\nsamsten Umgange mit Kritik und Skepsis — das\nheißt mit der Ehrlichkeit und Wahrheit, welche vor\nallem sich selber kritisiert und etwa bei schonungs-\nlos mutigem Vorgehen — wer weiß ? — kein gutes\nHaar an sich fände. Der Pessimismus Schopen-\nhauers, radikaler als der bloß, die t h e o r e t i s c h e\nMetaphysik vergiftende Kants, stutzt bereits kaum\nnoch vor der Moral, soweit sie sich dem Leben\nzukehrt; erst wo sie selber pessimistisch gesonnen,\nes für nichts zu achten scheint, da gibt er ihr die\nFreiheit seines kühnen Geistes gefangen, er kapi-\ntuliert vor der Isis Moral, ohne ihren Schleier lüften\nzu wollen. Es ist, als ob der Mensch1, der nicht\neinen Zug des Lebens bis zur Indiskutabilität\nverehrt und fürchtet, weder leben noch sterben\nkönnte. Der sich so nennende Nihilist Stirner ver-\nfährt mit seiner Einzigkeit recht sehr theologisch.\nEs scheint zum Atheismus (das heißt Nihilismus)\ndie Kraft eines Gottes zu gehören, er stellt über-\nmenschliche Anforderungen, und es heißt ja auch\nvon Isis, kein Sterblicher würde sie enthüllen.\nSchopenhauer, wie gesagt, behielt nach1 Erdul-\ndung des ganzen skeptisch-kritischen Martyriums\nin seinen Händen ein Nichts, auf das sich nun\nmit aller wehmütigsten Energie das Bedürfnis nach\nGottesverehrung richtete, das sich sonst nirgends\nmehr stillen lassen wollte. Hohe Wesen müssen\nentweder im Leben oder im Tode hohe Wesen\nschätzen können, sie müssen verklären — sei ek\ndas Nichts. Atheismus in jedem Sinne ist etwas\nfür Seelen ohne Ehrfurcht, ohne Ehrmut.\nUnd eben die Verwandlung, Verkehrung des\nZeitalters der Ehrfurcht in das beginnende des herz-\nhaftesten Ehrmutes — auch für die bisher ungött-\nlichsten Dinge, ja für das Gegenteil der göttlichen\nist das Meisterstück der Kritik Nietzsches. Der\nVerehrende, Schätzende, der nichts mehr findet,\ndas er schätzen könnte, (nichts Göttliches noch\nMenschliches; dem auch dieses Nichts nicht mehr\nmetaphysisch vor den versagenden Blicken flim-\nmert, besitzt ja noch1 das Schätzen selbst,\nals eine Macht und Kraft, welche zu betätigen\ner sich mutig entschließen kann. Das Schätzen, an\neingebildeten religiösen, moralischen, ästheti-\nschen Wesen und Dingen, an Idealen des Wahren,\nGuten, Schönen zu göttlicher Kraft und Anmut\nerblüht, — muß es, wenn das gesamte „Jenseits\",\nrecht abgeschätzt, Irrtum, Lug und Trug ist, —\nverwelken ? Sollte es nicht versuchen, im schein-\nbaren Gegensatz jener Werte, im „Diesseits\" frische\nWurzeln zu schlagen? Im Menschlichen, Allzu-\nmenschlichen? Sollte es nicht versuchen, wis-\nsenschaftlich nüchtern zu schätzen, trotz-\ndem in seiner Schätzung imimCr noch die Glut\nund Farbenpracht jener chimärischen Paradiese\nbrennt? Wieviel Inbrunst haben wir für Träume\naller Art — warum keine für den realsten, durch\nseine Illusion am unwiderstehlichsten bezwingen-\nden Traum der Wahrheit und Wissenschaft? Hier\nist die Kraft, unsere Wertungen zu verwirklichen,\ndie Tatkraft.\nNietzsche ist der erste hohe Mensch1, das heißt\nder mit der höchsten Macht zu werten Erfüllte,\ndessen Verehrung das Menschliche, Allzumensch-\nliChte anstrahlt. Positivisten gibt es die Menge,\naber die meisten wissenschaftlichen Menschen sind\nals Personen ordinär oder Idealisten mit und ohne\nEnttäuschung. Nietzsche zum erstenmal — das\nvorliegende Werk, trägt noch1 die blassen Farben\ndieser Rekonvaleszenz — profanisiert mit aller\nPietät des Frömmsten — hierin liegt seine Aus-\nzeichnung. Feuerbach zum Beispiel profanisiert als\nein recht sympathischer Mensch1; Nietzsche als ein\ngöttliches Wesen von einer Höhe und aus einer\nTiefe, daß auch das Profanste, das es berührt, zum\nStern in seinem Himmel wird. So ist es nicht\ngemeint, die Ideale unter das Pack zu stoßen: sie\nbehalten die ganze Idealität ihres Wertes bei,\nwährend sie allerdings diejenige ihres Wesens\ndurchaus den wirklichen Wesen aufzuopfern ge-\nnötigt werden; es liegt hierin eine Verwandtschaft\nmit der Kantischen Philosophie, wie sie Enkelinnen\nmit ihren Großmüttern zu haben pflegen. Das\nIdeal, Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, das Wesen\nder Dinge an sich1 ist auch1 bei Kant bereits bloß\nein finstres Reservoir von Kraft, aus dem die Wesen\ndieser Welt gespeist werden; allein diese: Speisung\ngeschieht hier mit einer an Geiz grenzenden Spar-\nsamkeit, und es kommt schließlich eine recht aus-\ngehungerte, nach Leben dürstende Realität zustande.\nDem ganzen Akte fehlt die Unmittelbarkeit. Wenn\ndas Ideal sich der Realität nähert, entsteht eine\nBeschämung für beide. Schopenhauer empfand\ndiese Beschämung mit solcher Wut, daß er beide\nwieder auseinanderriß und die Realität zum Teufel\nwarf. Aber Nietzsche schleuderte auch die Idealität\nnoch in diese Jfiölle, und im selben Augenblicke,\nin dem Gott und Teufel im einem Menschen ein-\nander küßten, entstand jenes weltgeschichtliche Er-\nlebnis, das Zug um Zug in dein Schriften Nietzsches\nan Sichtbarkeit gewinnt. Gewiß war dieses Er-\nleben wie jedes von langer Hand hier vorbereitet.\nSeit Hegel und Darwin ist die historische Methode\nmehr und mehr in Anwendung gekommen, (um\ndie verschiedensten Wesen ineinander umdeklinier-\nbar zu machen, wie sich Metamorphosenlehren\nschon bei Goethe und Lamarck finden. Allein dieses\nsind nur heitre Vorspiele und Harmlosigkeiten jn\nVergleichung mit jener Tat von schauerlicher Selt-\nsamkeit und urschöpferischer Gewalt, mit welcher\nder Mensch Nietzsche es unternimmt, alle Werte\ndes Lebens in Fluß zu bringen, bis der Wertende\nselbst chaotisch geworden war, alle Schauer (der\nAllmacht ihn durchdrangen.\nDer Genealog der Werte stößt zu allerletzt ver-\nmittels eines dieser Werte, der Wahrheit, auf lauter\ngrobe Willkür der Notdürfte des Lebens: (auf\nIrrtum und Zufall, auf Experimente, deren ge-\nlungenstes eben die Wahrheit, die Logik und Wis-\nsenschaft ist. Er empfängt mit dieser Entdeckung,\nmit diesem Anblick, der nur dem furchtlosesten,\nmutigstein, ja übermütigsten Auge sich öffnet, die\nWeihe zum Experimentator in jedem erdenklichen,\nerlebbaren Sinne: Die ursprüngliche Schöpferkraft\ndes Lebens erwacht in ihm, langsam, langsam regen\nsich in ihm Glieder, so lange (eingeschlafen, daß\nman wähnen konnte, sie wären tot. Anders steht\nzu allem und jedem, auch zur Logik und Mathe-\nmatik, auch zum Gesetz der Sitten und der Natur-\nkräfte der Schaffende, anders das Geschöpf. Das\nGeschöpf konstatiert, der Schöpfer erzeugt Tat-\nsachen; sogar — dies ist sein (modus' Vitalis1 —\nversucht er, wagt er sich selbst: Gefahr und Mut\nsind viel zu farblose (Ausdrücke für das Risiko\neines solchen Erlebnisses; es Philosophie nennen,\neine Treuherzigkeit. Vielleicht war Darwin für\nNietzsche, was für Newton der fallende Apfel be-\ndeutete? Jene Kausalisierer und Entwickler alles\nGewordenen lösten dieses entweder nicht restlos\nauf oder gerieten selber damit in Auflösung und\nChaos. Der titanische Gedanke, das Fallen, das\nzu „Grunde\" gehen zur Sternbahn, zur Schöpfung\nzu sublimierem kommt keinem abhängigen Geiste;\nsogar Goethe gibt hierin mehr die Erinnerung eines\nSchöpfers als die eigene Ursprünglichkeit. E s\ngibt gar nichts Verborgeneres als\ndiese, sie ist verheimlicht wie Erzeugung (und\nTod, schöpferisch1 und vernichterisCh! wie diese.\nNämlich sie ist verbot en, das vetitum auch der\nfreien, aber ernsten (Wissenschaft, und man muß\nschon (wie Nietzsche später) fröhliche treiben, um\ndieses Verbot zu entkräften: origo pudenda! An-\nfang und Ende sind verboten, hier nämlich würde\nsich die Persönlichkeit als den Zufall und die\nExplosion der petrefaktesten Gesetze offenbaren;\nhier daher tritt Prüderie und Dezenz in die freie\nForschung, man findet diese sittlich1 befangen im\nKultus des Gewordenen, das sie fließen läßt, ohne\nden Mut aufzubringen, den Quell in sich1, in der\nPersönlichkeit, welche forscht, aufzuspüren; und\nden Flußlauf nach deren Willen zu lenken und\nmünden zu lassen. — „Das Fürchterlichste ist die\nFurCht\", sagte einer der unbedenklichsten Realisten\nin Leben und Forschung. Diese „Angst des Irdi-\nschen\" hatte sich bisher metaphysikalisch erlöst:\nidealistisch. Physikalisch hingegen, realistisch' tötet\nsie, verkleidet in die unmerklichsten: Masken: in\nihr Gegenteil, in idie Wahrheit, in das Ideal, in\nGott selber verkleidet, verstellt, verherrlicht: realiter\ntötet sie das Reale. Der Leib stirbt an der Angst\nvor dem Leibe — Angst, verstanden auch vor-\nnehmlich' als Angst vor aller Wirklichkeit und Wahr-\nheit des Leibes und Lebens. Zum Beispiel „Innen-\nleben\", „Seele\" sind bereits Verdünnungen, Ver-\nängstigungen der Realität, sofern sie Miene machen,\ndas Physiologische zu vernachlässigen, wohl gar\nmit einem Sprung ins Jenseits darüber hinweg-\nzusetzen. Zur wirksamsten VerniChterin des Lebens\nwird die Furcht, wenn sie sich als Moral gebärdet\n— und hier haben wir recht eigentlich das Thema\ndes „Menschlichen Allzumenschlichen\". Zum\nerstenmal wird hier die gesamte Moralität nicht,\nwie dieses oft und gern geschehen war, verdäch-\ntigt, geleugnet, karikiert, abgeschafft: sondern alle\nZartheit und Kraft verwandt, sie zu desidealisieren,\nzu entgöttlichen, zu vermenschlichen, zu realisieren.\nAber hierzu mußte vor allen Dingen dem Unmorali-\nschen die natürliche Unschuld wiedergegeben wer-\nden. Das Schlechte, das Böse, die Sünde und deren\nVerwandtschaft in andern Lebensgebieten, das\nHäßliche, der Irrtum, das Falsche, Kranke, die ganze\nKehr-, Schatten- und (Nachtseite der gepriesenen\nDinge war als [deren Wurzel und Ursprung, als\nderen niedriger Grad und Bedingung zu versuchen.\nGefährliche Gedanken, heißt es im Qthello, sind\ngleich Giften, die man zuerst kaum wahrnimmt\nam Geschmack. Das Buch hat einen so harmlosen\nTon, daß man es einen Augenblick lang mit wahr-\nhaft harmlosen Untersuchungen über den Ursprung\nder moralischen Empfindungen verwechseln konnte,\nwelche die Moral auf Natur reduzierten, ohne hier-\ndurch, welches für Nietzsche die Kompensation war,\ndie Natur selber in eben dem Maße zu verklären.\nWie wer eine dürftige Heimat verläßt, um in ein\nreiches Land zu ziehen, sich durch Heimweh eine\nZeitlang alle Genüsse verkümmert; so sah man in\nNietzsche mehr den Nehmenden als den Gebenden.\nUnd freilich liegt, was man verliert, schon am hellen\nTage; während der neue Gewinn noch in kaum\nmorgenrötliche Nacht schamhaft gehüllt ist. — Ge-\nfahr und Sicherheit werden durChi Mut und Kühn-\nheit vermählt, während die fürchterliche Furcht sie\ntrennt und lauter Gegensätze und Klüfte unüber-\nbrückbar feindlich aufreißt. Hier nun ist eine zage,\naber edle und beharrliche Hand am Werke, die\nersten schmalen, schwanken [Brücken von aller\nSchuld, Fehler, Gebrechen, Schmutz, Verächtlich-\nkeit, Teufelei, Lüge, Furchtbarkeit, Wollust, Grau-\nsamkeit, Schmerz, Tod und Zufall ztjr Lust, Un-\nschuld, Freude, Reinheit, Lauterkeit und Leibhaftig-\nkeit wirklich und (wahrhaftig realiter zu schlagen.\nWir hören alle die ersten Äxtschläge einer noch\nunerhörten Kultivierung der Natur selber, von der\ndie ganze sogenannte jWeltgesChichte nichts als\nSchlaf und Traum enthält, in welchem wir alle noch\nwie in Gräberbetten röcheln. Der Enthusiast nur\nsollte kritisch sein! Wenn der kritiklose Enthusiast\nin den Schafstall gehört, — sieht sich denn der\nKritiker ohne allen Enthusiasmus lieber zum Raub-\ngetier in die Wüste gewiesen? Die Unvollkommen-\nheiten Nietzsches sind diejenigen des Beginners,\ndessen Auge das Ziel erst in Gedanken sieht, es\nsind Kolumbische. Jene geahnte Rundung der\nNatur herauszubringen, mußf man über alles Gra-\nduieren den Diameter und die Pole nicht verkennen.\nEs handelt sich um die kunstreichsten Kombi-\nnationen, um keine Konfusionen der logischen,\nethischen und ästhetischen Antipodien und Piver-\ngenzen. Um Ordnung und Rangfolge in diese\nWerke hineinzubringen, hatte man sie bisher ent-\nweder dogmatisch1 dualisiert, indem man überall\nGott vom Teufel trennte, zerrißi man, uml zu kulti-\nvieren, die ganze Natur — ein Riß, der lange noch'\nnicht vernarbt ist; — o der man beraubte die Werte\nihrer ersten und letzten Energien, entgötterte, ent-\nteufelte und erhielt eine Kultur der Nüchternheit,\nProfanität, Arbeitsamkeit, Langen weile, eine mecha-\nnisierte Uhrwerk-Kultur, der eine ebensolche Natur\nantwortete, denn die Natur hält uns wie eine Land-\nschaft unser eigenes Gesicht entgegen.\nWer wie Nietzsche zuerst im „Menschlichen\nAllzumensChliChen\" es unternimmt, allen Dualismus,\nauch den von Moral und Natur, durch1 Einführung\nvon Graden und Ueberbrückungen zwischen den\nExtremen übergänglich und milde zu machen; aber\ntrotzdem eine Ordnung [und Kultur zu gestalten,\nwelche die ganze Feierlichkeit, Erhabenheit, Furcht-\nbarkeit und sittliche Reinheit jener Extreme ent-\nfaltet, der muß es verstehen, durch1 ein wunder-\nbares Taktgefühl, Bogenspannungen, Gewölbe,\nDistanzen anzustrengen, die Sich gegen den Zu-\nsammenbruch der Kultur stemmen. Alle Gefahren\nder Revolution bedrohen eine Kultur, deren Spann-\nweite schwächer ist als die der dualistischen: egalite\nund fraternite spannen alle liberte ab, deren magi-\nsche Allgewalt Intervalle, Oktaven, Skalen ins Un-\nendliche braucht, um sich von Donnern bis zu\nEngelgesängen auf ihnen abzuspielen. Mit dem\nDualismus durfte nicht zusammen die Energie"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.3", "texte": "seines Kontrasteis aufgehoben, abgeplattet werden\n- im Gegenteil! sie wurde noch beträchtlich\ndifferenzierter durch unzählige Abstufungen: eben\ngerade die Zahl, das Positivste, Nüchternste von\nder Welt bietet ein Mittel, sich dieses zu versinn-\nlidien. Die Barbarei springt hier nach ein paar\nSchritten gleich in das Unzählige: aber wie dürfte\ndenn auch der besonnenste Rechner vergessen oder\nvernachlässigen, daß er das Unzählige berechnet!\nSoll nur der Aberglaube, der schmutzige Kopf, dä-\nmonisch sein dürfen? Diese Dämonie ist ja gerade\ndas Reine, Besonnene in ihm — bloß, daß er sie\nunberechenbar will, sein Gebrechen. Mit einem\nWorte, das Leben selber, der irdische Alltag, die\nnächsten Dinge sollen alle ihre Furchtbarkeit und\nhimmlische Wonne, welche der Varnpyr des Idealis-\nmus ihnen ausgesogen hatte, zurückerhalten — das\nbedeutet Nietzsches erstes Eigenwerk. Der Idealis-\nmus irrt sich inicht etwa jn der Intensität seiner\nWertschätzungen, sondern in deren Lokalisation,\ner plaziert sie furchtsam, feig und bescheiden in\nirgendeine Art Jenseits. jDer ordinäre Positivist\nplaziert sie riditig (mit falscher, mattherziger In-\ntensität. Entnehmen wir nach diesen für uns wich-\ntigsten prinzipiellen Feststellungen dem Texte\nNietzsches einige Einzelheiten zur Metaphysik, Reli-\ngion, Moral und (Aesthetik,\nDas Ideal Wahrheit, auf seine Natur zurück-\ngeführt, ernüchtert sich zur Notdürftigkeit einer\nLebensbedingung der menschlichen Gattung. Logik\nist von Unlogik nicht mehr essentiell verschieden:\nDas Stück Unlogik, das in uns Fleisch geworden\nist, sieht wie Wahrheit aus; es ist sogar möglich,\ndaß wir an diesem Grundirrtum vergehen. Wir\nsind mitten im Prozesse der Logisierung des Lebens\nbegriffen, das heißt das Menschenleben ist immer\nnoch das Experiment, als das es begann. Unser\nWahrheits- und Wissenskopf sitzt auf dem blinden\nRumpf der Lebensbegierde, sie erzeugt das logisch\nWahre als möglichst geschicktes Freßwerkzeug zur\nEinverleibung des ... Zufälligen — vielleicht muß\ndieser Kopf an einem Zufall zerschellen? — Aber\nWahrheit als diese Realität wäre nur für den Ide-\nalisten der Wahrheit (zum Beispiel für Heinrich\nvon Kleist) unbedingt tödlich. Der Realist wagt\nes mit ihr, lohne sich 'feig in eine Metaphysik zu\nschleichen, die ihm den Mut erspart, ihm die Wahr-\nheit schenkt. Er will die Realität ohne Abzug,\nwill sie als das Abenteuer seiner Kühnheit. So\nwill er die Wissenschaft der Physik im weitesten\nSinne mit aller ihrer Kraft an das Leben angeschlos-\nsen. Ohne Metaphysik zu leben erhöht den Mut des\nMutigen so sehr, daß die Physik Wohl selber\nallgemach die magischen Kräfte jenes faulen Zau-\nbers als echten iyerspüren wird. Solange Logik\nund Mathematik Melusinen sind, welche nur ihren\nFischschwanz im Wasser der Wirklichkeit enden\nlassen, während ihr edlerer Oberleib in himmlischen\nFiktionen verschwindet, leiden beide, Wahrheit und\nWirklichkeit, an Halbheiten, aus denen nichts\nGanzes werden kann. Kants Wahrheiten müssen\ndurch dreifache Filter der Superstition sintern, ehe\nsie, verdünnt und um ihren kräftigsten Gehalt ge-\nbracht, bei uns hier unten ankommen. —\nUeber Religion und Moral hat uns Schiller den\nallerwesentlichsten Aufschluß erteilt: „Der Uebel\ngrößtes aber ist die Schuld\". Aber Sünde, böses\nGewissen, Schuld sind Angstprodukte, und Angst\nein feiger Mut. Hier hat man das Mittel, ein ganzes\nLeben, sei es wie es sei, voller Mut und Unschuld\nzu erleben. Das Geschehen fließt. Ursache —\nWirkung sind Worte und Willkür, die Notwendig-\nkeit ist unteilbar. Der ethische Urheber, der Ver-\nantwortliche ist ja genau ebensosehr Wirkung und\nUnverantwortlich: sofern Sittlichkeit sich nicht pn\nden hellen Augen der Logik in übernatürliche Be-\nreiche vorbeischwindeln wollte. Schuld und Un-\nschuld sind aus [einerlei Stoff, mag er an jenem\nEnde sich rauher, an diesem feiner anfassen. Das\nGeschehen ist eines und dasselbe durch zahllose\nVariationen. Lohn und Strafe, außer einander ver-\nstanden und praktiziert, isind bloß flache Blicke\nfür ihr Ineinander, das einen Viel unschuldigeren\nNamen verdient. Wille, Willkür ist jenes Stück\nfatum, das wir selber sind und daher seine Unspür-\nbarkeit als Freiheit empfinden. Gut und Schlimm,\ndurch Worte und flache Blicke getrennt, gehören\nzusammen, bedingen einander ... wie Licht und\nFinsternis. Ein Bündnis von Weisheit, Furchtbar-\nkeit, Unschuld und Mtifc Unschuld begriffen nicht\nals Abwesenheit von Schuld, sondern von Furcht\n— wird eine neue Sittlichkeit heraufführen. —\nWenn man endlich eine Ahnung davon be-\nkommen will, wie das Leben aussehen könnte,\nsobald jene trübe Decke der Angst des Irdischen\nvon ihm gelüftet würde, dann betrachte man die\nKunst. Für den Künstler, der irdischere Sinne hat,\nwaren die himmlischen Blendungen durch Ideale\nweniger gefährlich: er verklärt dieses Leben in\nallen Gestalten. Die Kunst soll nun versuchen,\ndem wissenschaftlichen Menschen ihre Art Lebens-\nfreudigkeit (einzuflößen. Der [Akzent des ganzen\nBuches liegt auf der Wissenschaft als einer Lebens-\nund Sterbensweisheit, welche in ein mutiges „Friede\nauf Erden\" stark und entschieden, aber mit einem\nernsten und bedenklichen Unterton ausklingt.\nAus einem demnächst bei Göschen. (Leipzig) erscheinendem\nBuche: Friedrich Nietzsche eine intellektuale Biographie\n\nDas Mysterium Jesu\nAus dem Nachlass\nVon Peter Hille\n„Herr, gedenke meiner”\nChristus trauerte in seinen Leiden, fühlte Weh\nin seinen Sdhimerzen. Schwerer wie sein müder\nLeib hingen die Lästerungen, (hingen die Laster\nder Lieblosigkeit nieder an seinem liebenden Opfer,\ndie gerade an der Seite seines liebenden Herzens\nwie aus rauchendem Pfuhle ausgestoßen würden.\nWie von seinem Haupte, so höhnt es auch\nher von seinem Herzen: „König der Juden\".\nNoch immer fremd, noch immer Feindschaft,\nauch hier im äußersten, hoffnungslosen Elend jan\nder Pforte des Todes.\nWarum wehrt sich die Schale gegen den Kern,\nder Jammer gegen das Königs wort der Gnade?\nWas lacht es so häßlich und glaubt der\nplumpen Täuschung, dem rohen Trieb, nicht aber\ndem Wort der wahren Macht, das alles weiß und\nkündet ?\nWas sucht man nicht das Reich des stillen\nGeistes, das in uns heller beginnt, so wir es suchen\nin Gott?\nDa klang an sein Ohr des Rechten Stimme.\nDer hat mit Staunen, das endlich in Ehrfurcht\nausstrahlt, seinen gequälten Schmachgenossen,\nseinen Sch'merzenskönig angesehen.\nUnd es geht demütig über seine Lippe, die\nunwillig ist über die Lästerung dessen zur Linken:\n„Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich\nkommst.\"\nMild und frei beseligt glühte seines Erlösers\nAntlitz, die gütige Wange dem armen Sklaven des\nGerichts entgegen. „Freund, heute noch wirst du\nmit mir am Orte der Reinheit sein. Dein Paradies\nerwartet dich, wir sterben gemeinsam: du der\nErstling der Entsühnten, ich1 der Führer.\"\nAber viel der langen, langsamen Tropfen fielen\nvergeblich und nur die Würmer sogen sie ein, wie\nsie einsogen die Säfte der Uebeltäter.\nSteil brannte der Zorn der Sonne, bis sie sich\nverfinsterte.\nVerdammtein gleich fahren die Finsternisse\nnieder, und es gab einen Weltriß, der nie sich\nwieder schließt, (bis zur Vollendung.\nWie wohl ein Tag sich erholt wieder, eh es\nsternenhohe Nacht wird, so wärmein die Strahlen\ndes Abschieds den Göttlichen noch einmal mensch-\nlich. Da steht diel Mutter.\nDer Sohn, der so lange vom Messias ver-\ndunkelte Sohn, Wird wieder hell, Fleisches Seele\nfindet sich wieder zur Seele, Leben zum Leben.\nDer Heiland, dem seine göttliche Schroffheit nun\nganz erscheint und menschlich aufs Gewissen fällt,\nsinnt auf den, der iihlrri die größite Erquickung der\nFreundschaft reichte.\nSo will er die zarte Liebesseele des Jünglings\nhinüberwenden.\n„Weib\" — (er fühlt schon allgöttlich — „siehe\ndeinen Sohn!\"\n„Sohn, siehe deine Mutter!\"\nUnd es trauert der Tag, er preßt die Augen-\nlider, wie eine Träne reizt, und blutig fallen die\nTropfen hernieder zu Mittag. Schwefelgelb um-\nspannein sie die zerbrochene Stadt. Der am Kreuze\nRufende, an seine Liebe, an seine herzgewaltige\ngroße Liebe Rufende aber fühlt sein Opfer warm,\nüberirdisch wärm, aus qualenmatferem Körper\ntropfen, die Göttlidikeit zur Göttlichkeit. Hinweg-\nziehn möchte er die Schicht der engen Bosheit, die\nsich selbst das Heil schmähend zerstört.\n„Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was\nsie tun.\"\nQualvoll zuckt die Welt, während das Gött-\nliche leidet, und der empörten Erde ist ein Greuel\ndie Menschheit und die Toten wirft sie von sich.\nHeim rüstet sich die Seele, und müde sinkt das\nHaupt mit dem blutigen Hohne der Dornenkrone.\n„Es ist vollbracht!\nVater, in deine Hände empfehle ich meinen\nGeist!\"\nGast der Freunde\nNun war eigen die Erde, still, entseelt.\nZu Ende war der Sabbath der Selbstberaubung.\nTöricht und mit Alltag durchschossen wogten\ndie Gespräche in der enttempelten Stadt gotteifern-\nden Volkes.\nEin Rosenstrauch war irre geworden Und hatte\nseine einzige (Blüte zerstochen pmit dichten, hef-\ntigen Dornen. Und es war rauh zwischen Him-\nmel und Erde, die zarte Ferne aber fortgegangen.\nLeib und Erde, ihnen ist nur das Nächste groß.\nAber die Erde ist reiner als der Mensch, sie\nhat keinen Gegen willen, nicht Leidenschaft setzt\nsie den Gesetzen entgegen, sondern mit Leiden-\nschaft kommt sie ihnen jnach.\nUnd sie fühlt Gott, fühlt Gott jmtehr als der\nMensch, und 10b er auch in Satzungen sich ein-\nkerkert bis zum Friedlosen gegen sich und alle\nMitmenschen. Das Gesetz wärmt, aber die Satzung\nerstarrt.\nEr war da der Frühling und trank mit träu-\nmender Violensehnsucht den Tau der Höhe.\nSo innig aber wiel in dieser Nacht hatte die\nmütterliche Erde noch niemals sich gefühlt. (So\nhatten noch niemals die INachtigallenlieder ihres\nsehnenden Herzens geschlagen, so zart und selig\nhatte noch niemals das Keimen uriä Sprossen in\nihr zum Lichte sich gezogem in Gegenstrahlen.\nUnd da wuchs auch das Licht der Höhe\nmorgenweich, warm und reich : ein Saffranblatt aus\nOsten.\nUnd in 'dieser grüßenden Frühe, klein und dicht\nund taugrau standen beisammen die Kräuter, hob\nsich keimend die edelste schlanke Pflanzengestalt\ndes Menschenleibes • und wandelte liebend ver-\nweilend und grüßte seine Freunde bei Tag und bei\nNacht, bei Mahl und Arbeit.\nWie die Gestalt eines Verstorbenen, noch um-\nweilt wird von nachträumendem Leben, so sandte\ndas reinste Liebesgewebe eines Leibes noch immer\nseine Lichtverklärung aus dem reinen Grabe (und\nes konnte sich1 nimmer genug tun und in ihm\nsprach die nahe, überallhin ergossene Gottheit.\nUnd erst dieses feiertägige Verweilen ihres\nLehrers und Meisters durchgottete seine Lehren\nverewigte ihre Art.\nMan versuchte den Alltag, nachdem das erste\nBefremden der Trauer vorüber war und schon tönte\ndas Weh leiser Genesung wie bei einem anderen\nLiebesverlust.\nDiese Tage, der Verklärungsmonat, stärkten.\nAli das ungeheure Leiden hätte nichts geholfein.\nMan warf schon wieder die Netze, man ver-\ngaß alle Wunder, und War keiner, der daran dachte,\nwie jener einst über die Fluten wandelte. Simon\nfühlte nicht mehr die bestimmte Hand, die hehr\nund gelassen ihn zog aus der weichenden Tiefe\n— da kam Jesus — nun fischte man Menschen und\nVölker, und tat nach göttlicher Weisung.\nPfingsten, die Kirche des Geistes\nGeheimnisvoll ist (diese Zeit, weil ihr Geist\nhoch geht, weil keine Zeit so gesättigt ist mit\nihm: mit Sehnsucht, Drang und Haß, mit Verfol-\ngung, Rettung und Untergang.\nDer Sohn des göttlichen Vaters weilte wieder\nin seinem angestammten Reich, laber nun sendet\ner den Erhalter, den Pefestiger, den göttlichen\nVater und Sohn: den Geist.\nStarkes, ziehendes Gebet der Siebzig im Saale.\nUnd Gnade.\nAller Geist macht sich auf; die Gemeinde des\nGeistes der Jünger, der Frommen, tritt zusammen,\nund zieht den erdwärts leuchtenden Kraftstrahl\nnieder in Flämmchen und Zungen. Und rein waltet\nder Geist, der niedergeströmte, der sich ver-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.4", "texte": "schwistert weiß, Und nicht mehr lediglich mensch-\nseits ängstlich auftastet mit dürftigem Lämplein\nin Dunkel und Schlüpfrigkeit,\nDa redet in feurigen Zungen die Sprache des\neinen Lichtes, der einen Gottheit.\nHinweg nun die blöde Furcht des Leibes, hin-\nweg die Enge dürftigen Stammesgeistes. Aus zagen\nJüngern werden Sendboten heiligen Eifers: Jünger\nknieten nieder, und Apostel erhoben sich. Der\nStämme bunte Zunge ward eins, aus dem Babel\nder Ohnmacht, dem Menschen werk der Zwietracht\ndie göttliche Einheit der Kraft. Aus dem Angst-\nschweiß der Erde gebar sich der staunenden Welt\nder Menschen die Religion aller Geister.\nDie Kirche des Göttlichen erstand und wuchs\nimmer heller und strahlender empor, und immer\nheller und strahlender wird sie wachsen, und alle\nDinge werden ihr zum Besten gereichen.\nJe freier und heiterer der Menschensinn (sich\ngestaltet, je bewußter und königlicher herrschend\nüber Um- und Innen-Welt, die Kräfte und Geheim-\nnisse darin, um so verklärter glüht auch auf die\nKircrhe des Geistes, sie, die Allweihende, sie, die\nunvergänglich ist und dereinst alles umfassen wird.\nNach außen Entwicklung, nach innen die\nKirche: das ist die Menschheit.\nEine Kirche aber, die nicht gleichen Schritt\nhält mit der Menschheit, {ist die rechte nicht.\nSteigerung und geistiges Wadhstum, das am\nehesten wirft den alten Adam heraus, das bedeutet\neine gründliche Entfremdung gegen die Willens-\njämmerlichkeiten von eh: als Geseufz und Gestön,\nals taube Reu und leere Buße.\nSo erscheint, wächst und hellt sich .auf die\nKirche.\nDie Bücher der Lehre\nDas frische Wort der Verkündung aber ward alt\nund sammelte sich in der Schrift.\nNur Umrisse redet genau befolgende Beschei-\ndenheit.\nWesentlich, lauter, unentstellt, der eigene Ehr-\ngeiz zerschmolz im Göttlichen zu Geständnis.\nJeder hatte auf Besonderes geachtet und\nbrachte es.\nEhrfurcht vor der Wahrheit aber hinderte (die\nVergleichung.\nSo ruht es nebeneinander: eins, verschieden,\nmenschlich dem Göttlichen zu.\n\nDie Kühnsten\nEine Emanzipations=Novellette\nVon Paul Scheerbart\nHerr Andreas Bohl saß in seiner Seestrand-\nvilla bei Bordeaux und trank seine Morgen-\nschokolade und aß seine chemischen Delikatessen\ndazu.\nDa kam — es war grade im Jahr 3800 nach\nChristi Geburt — Böhls Tochter Hedwig ins Früh-\nstückszimmer und wehte mit der Europäischen Mor-\ngenzeitung in der Luft herum, als wäre die Zeitung\neine Fahne.\n„Papa\", rief Hedwig, „die große Emanzipation\nist da. Wie ich mich freue!\"\n„Wo ist sie denn?\" fragte der Papa.\n„In der vierten Sphäre hinter dem Neptun!\"\nerwiderte Fräulein Hedwig Bohl.\n„Etwas weit ab\", sagte der Papa, „gute zwei\nMilliarden deutscher Meilen. Wovon will man sich\ndenn da so weit draußen emanzipieren?\"\n„Von unserem Sonnensystem\", sagte Hedwig.\n„Ja\", versetzte Herr Bohl, „das finde ich be-\ngreiflich, wenn man so weit von unsrer Sonne\nentfernt ist, daß man sie nur als kleinen Stern sieht,\nder kaum so groß ist, wie uns die Venus erscheint!\"\n„Oestattest du, lieber Papa\", fragte nun Fräu-\nlein Hedwig, „daß ich dir die Geschichte vorlese?\nSie ist wirklich außerordentlich wichtig und dürfte\ndoch ganz seltsame Folgeerscheinungen zeitigen.\"\n„Drück dich nur nicht immer so furchtbar ge-\nbildet aus\", sagte schmunzelnd der alte Herr Bohl.\n„Du weißt doch, daß es heutzutage nicht mehr\nmodern ist, menschliches Wissen und menschliche\nArt als etwas Bewunderungswürdiges hinzustellen.\nUnsere Worte müssen so klingen, als wären sie\nimmer wieder nur eine Entschuldigung, daß mit\nihnen nichts Wichtigeres gesagt werden konnte.\"\n„Bescheidenheitstuerei!\" versetzte Fräulein\nHedwig — — dann aber las sie aus der europä-\nischen Morgenzeitung vom dritten Mai des Jahres\n3800 folgendes vor:\n„B a h n v e r ä n d e r u in g\nMit den neuen Instrumenten der Montblanc-\nSternwarte ist in den letzten fünf Jahren ein kleiner\nStern in der vierten Sphäre hinter der Neptunsbahn\nfast ununterbrochen beobachtet worden. Und es\nhat sich jetzt eine sehr interessante Tatsache her-\nausgestellt. Die Bewohner dieses Sterns, der von\nunseren Astronomen jetzt Rabando genannt wird\n(vordem 718. k. b.) haben es einfach fertig be-\nkommen, die Bahn ihres Sterns zu verändern und\nmit ihm in den Weltenraum hinauszufahren. Der\nRabando entfernt sich immer schneller von (Lin-\nse rem Sonnensystem. Schon vor fünf Jahren be-\nmerkten die Astronomen große flügelartige Aus-\nstrahlungen an dem Stern, und diese Flügel haben\nsich seitdem derartig vermehrt, daß die Bahn des\nSterns gänzlich verändert werden konnte. Mit den\nneuen Instrumenten der Montblanc-Sternwarte ist\nes uns auch gelungen, die Lebewesen auf dem\nRabando näher kennen zu lernen; diese sind mit\naußerordentlich starken stahlartigen Gliedmaßen\nversehen, mit denen sie jdie schwersten Mecha-\nnikerarbeiten bewältigen können. Die Rabando-\nBewohner bauten zunächst turmartige Stahlröhren\nin den Stern. Es wurde dann beobachtet, daß die\nRabando-Bewiohner auf diesen wohl über hundert\nMeilen langen Röhren mit größter Schnelligkeit\nherauf und herunter gleiten konnten. Danach sah\nman, daß kolossale Segel an diesen Turmröhren\nbefestigt wurden. Und diese Segel, die in immer\ngrößerer Zahl angebracht wurden, setzten sich vor\nzwei Monaten in schwingende Bewegung. Und\ngestern wurde konstatiert, daß der Stern endgültig\nseine Bahn veränderte und mit zunehmender Ge-\nschwindigkeit davonraste. Es ist dieses das größte\nEreignis in unserem Sonnensystem; es beweist, daß\nes in diesem Stern Rindenbewohner gibt, die stärker\nsind, als der Stern, auf dem isie leben.\"\nHerr Bohl hätte aufmerksam zugehört, seine\nTochter sah ihn jetzt gespannt an und war sehr\nneugierig zu erfahren, was jetzt der Vater sagen\nwürde; dieser war zehn Jahre lang Leiter einer\nisländischen Sternwarte gewesen und hatte sich\ninfolge eines Augenleidens zurückziehen rnüssen.\n„Liebe Hedwig\", sagte er nun, „die Emanzi-\npationsgeschichte kommt mir nicht so unerwartet,\nWie du denkst. Ich wundere mich nur über die\netwas unverständliche Art der Berichterstattung;\ndie Europäische Morgenzeitung hätte doch be-\nmerken können, daß diese Bahnveränderung Bller\nWahrscheinlichkeit nach von dem Stern selber ge-\nwollt sein dürfte. Es ist doch ganz unsinnig, zu\nbehaupten, daß ein Stern auf seiner Oberfläche\nRindenbewohner dulden wird, die etwas anderes\nwollen und durchsetzen können als er selbst.\nNicht bin ich der Meinung, daß alle Rinden-\nbewohner im festen Zusammenhange mit ihrem\nStern stehen; es ist sehr wohl möglich, daß Vege-\ntation und Lebewesen durch Meteorwesen auf\neinen Stern verpflanzt werden, ohne daß der Stern\neine Ahnung von der Entwicklung dieser Fremd-\nkörper bekommt. Daß diese Fremdkörper aber\nmächtiger werden könnten als der Stern, auf dem\nsie sich festgenistet haben, scheint mir ganz aus-\ngeschlossen — so entwicklungsfähig sind Rinden-\nbewohner nach meiner Ueberzeugung j,n keinem\nFalle.\"\nNach diesen Worten des Herrn Bohl wurde ein\nHerr mit Namen Misankollo gemeldet.\nDieser Herr kam ins Frühstückszimmer.\nUnd — es war dieser Herr gar kein Mensch.\n„Seien Sie gegrüßt, Herr Misankollo\", rief\nFräulein Hedwig und ließ dabei gleich ein großes\nNetzwerk von der Decke herunter.\nHerr Misankollo gehörte zu jenen* roten\nDrachenwesen, die anno 3300 — also vor fünf-\nhundert Jahren — mit den Spaltbildungen des neuen\nnordasiatischen Hochplateaus herauskamen — aus\ndem Innern der Erde herauskamen.\nDer kurze zinnoberrote Rumpf des Herrn\nMisankollo stak in einem dicken weißen Pelz, die\nlangen schlangenartigen Beine und Arme mit ihren\nvielen beweglichen Astgliedern waren unverhüllt.\nAuf der Rückseite des Körpers befanden sich die\nvielen roten Blasenbildungen, die zu Ballongröße\nvon den Lungen aus aufgepustet werden konnten\nund dann den Körpier soweit jn die Höhe Woben,\ndaß dieser durch das leiseste Aufstoßen der langen\nSchlangenbeine mit Leichtigkeit vorwärts bewegt\nwerden konnte.\nSitzen konnten die roten Drachenleute der\nRückenblasen wegen nur in elastischem Netzwerk,\ndas sich in jedem Hause, in dem Drachenleute\nverkehrten, an der Decke befand.\nDer Kopf des Herrn Misankollo war ebenfalls\nganz rot und ähnelte einem Krokodilskopf. Ein\nderartiger Drachenkopf wäre nun zweifellos für\nMenschen sehr abstoßend gewesen, wenn nicht die\nNasenbildung zwischen den Augen eine menschen-\nähnliche gewesen wäre. Und dann waren die\ngroßen Augen auch menschlich und dunkelbraun,\nund so milde, daß das Gesicht der Drachenleute\ndurchaus nicht abstieß, man sah die Unterirdischen\nüberall sehr gern. Sie sprachen fließend die meisten\nmenschlichen Sprachen. Die Augen waren auch\nnicht seitwärts stehend; sondern so wie bei den\nMenschen. Die im unteren Teile sehr breite, weit\nvorgeschobene Drachennase wirkte natürlich (sehr\neigentümlich.\nAlle Drachenleute besaßen eine reich!e Bildung\nund wußten außerdem noch viel mehr, als die Men-\nschen. Die Drachenleute hatten neben den kleinen\nspitzen Ohren noch Kopforgane, die die Menschen\nnicht besaßen. Und mit diesen Kopf Organen konn-\nten die Drachenleute Dinge wahrnehmen, die den\nMenschen schlechterdings nicht wahrnehmbar Zu\nmachen waren.\nIn den fünfhundert Jahren hätte es niemals\neinen Streit zwischen den Menschen und Drachen-\nleuten gegeben; diese waren den Menschen gleich\nin vieler Hinsicht so außerordentlich nützlich ge-\nworden, daß gar keine Ursache zu Zwistigkeiten\ngeboten wurde.\nDie Drachenleute nährten sich zudem nur Von\nFlüssigkeiten — und zwar genügte ihnen fast jede\nFlüssigkeit, auch das Meerwasser — so daß die\nMagenfrage für sie nicht so akut werden konnte,\nwie bei den Menschen.\nWunderlich war es, daß sich die Unterirdischen\nvon Zeit zu Zeit einen großen Backzahn ausziehen\nließen. Diesen Backzahn setzten sie in eine Flüssig-\nkeit, die sie aus der Tiefe des Erdinnern mitgebracht\nhatten, und aus diesem Backzahn bildete sich nach1\nzwei Jahrhunderten ein neuer Drachenmann.\nDahinter kamen die Menschen erst sehr spät.\nUnd als sie dahinter kamen, fanden alle die Ge-\nschichte sehr lustig.\nFräulein Hedwig lenkte nun, als Herr Misan-\nkollo in seinem Netzwerk Platz genommen hatte,\nsogleich das Gespräch auf den emanzipierten Stern\nin der vierten Sphäre hinter der Neptunsbahn.\nHerr Misankollo sagte lebhaft, während die\nfünfzig Finger an seinen fünf Armen überall mit\nblitzender Geschwindigkeit in der Luft herum-\nflirrten :\n„Diese Bewohner des Sterns Rabando sind ganz\nverflixte Kerle. Das sind die Kühnsten in unserem\nganzen Sonnensystem. Nein — ich' weiß noch nicht,\nob es ganz sicher ist, daß diese Leute ihre Emanzi-\npation vom Sonnensystem im Einverständnis mit\ndem Geiste des Sterns Rabando bewerkstelligten.\nWenn ich nicht sehr irre, gibt es auch Sterne, die\nWohl einmal gelebt haben, denen aber schließlich\nalles Leben geschwunden ist, während doch auf\nihrer Haut noch lebende Rindenbewohner da sind.\"\n„Herr Misankollo\", rief nun Herr Bohl heftig,\n„Sie bringen eine ganz neue Hypothese! Sie\nsprechen von toten Sternen, auf deren Haut noch'\nLebendiges da ist. Das ist denn doch nicht so\nleicht begreiflich. Tote Sterne! Daran hab ich1\nnoch nie gedacht, daß auch Sterne sterben könnten.\"\n„Man könnte doch\", sagte Herr Misankollo,\n„auch annehmen, daß Sterne lange Zeit hindurch1\ndas tun, was wir „sdhlafen\" nennen. Wir sind\ndoch grade bei Beurteilung der Sternseelen nur auf\nganz kühne Vermutungen angewiesen. Jedenfalls\nist in einem Stern doch alles ganz anders, als wir\nes uns vorstellen. Sie haben Jahrtausende hin-\ndurch geglaubt, daß im Innern des Sterns Erde\nintelligente Lebewesen nicht existieren könnten.\nUnd da sind wir denn durch1 Zufall plötzlich aus\ndein Innern der Erde herausgetrieben und Ihnen\nsichtbar geworden. Wie viele Lebewesen mögen\naußer uns jetzt noch im Innern der Erde leben!\nWeil es der Tiefe zu immer wärmer wird — des-\nwegen ist es in größeren Tiefen noch lange nicht\nso heiß, daß da alles Leben unmöglich wird. Das"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.5", "texte": "haben Sie ja eingesehen. Wenn wir nun aber den\nStern Erde betrachten und dahinter kommen möch-\nten, wie er denkt und was er denkt, wenn er\nimmerzu sich drehend unsre fabelhafte unverständ-\nliche Sonne umkreist, so stehen wir doch vor so\ngroßen Rätseln, daß wir eigentlich nur ehrfurchts-\nvoll schweigen müßten.\"\nNach diesen Worten wurde es ganz still jm\nFrühstückszimmer der Seestrand-Villa. Man hörte\nnur leise das Wogen der Wellen im Atlantischen\nOzean.\nUnd Fräulein Hedwig Bohl sagte leise nach\neiner guten Weile: „Ich dachte schon, auch auf\nder Erde würde man jetzt daran denken, sich von\nunsrer großen unverständlichen Sonne zu emanzi-\npieren. Aber idi glaube, man darf es gar nicht\nwagen, so etwas zu denken.\"\n„Nun\", sagte Herr Bohl, „wenn es unsre Erde\nmal selber möchte.\"\n„Jedenfalls\", bemerkte Herr Misankollo, „ist\nes ganz ausgeschlossen, daß unsre Erde augen-\nblicklich schläft — die wacht ganz bestimmt und\nhat sehr lebhafte Gedanken.\"\n„Wie kommen Sie darauf, das zu behaupten?\"\nfragte Fräulein Hedwig.\n„Ich habe\", sagte Herr Misankollo, „doch Kopf-\norgane mit denen ich noch mehr wahrnehme, als\nSie mit Augen und Ohren. Und da glaube ich, daß\nich auch ein Empfinden für das Denken und Wollen\nder Erde habe — eben durch diese meine muschel-\nartigen Kopforgane. Es schwingt in diesen etwas\nmit — aber ich kanns noch nicht in Worte kleiden.\nVielleicht läßt sich das Feinste, was wir emp-\nfiöiden, niemals mit Worten sagen.\"\nDa schwiegen die Drei wieder und blickten\nstill in das große blaue Meer, auf dem die Strahlen\nder großen Sonne funkelten wie Sonnenfl ecken-\näugen.\n\nDas interessante Gespräch\nEine gehaltvolle Inhaltlosigkeit\nVon Mynona\n„Und Sie behaupten, daß Pauline, die so ein\nunschuldiges Tauentzienstraßenlächeln verschenkt,\nsich tatsächlich dem biderben Weinbergsbesitzer\nMartin Hab \"\n„Pschscht! keine Namen! Sehen Sie, Pauline\nwar erst so; dann aber !\"\n„Wie meinen Sie das? Martin kann doch ohne\nweiteres —\"\n„Ja, ja, ja! Nur Pauline macht Umstände.\"\n„Gesegnete —?\"\n„Hui, wie witztig! Als Pauline noch rote wollene\ntrug, fragte ich sie einmal: pb Martin ihr nicht\nSeide und so 'weiter; na — er liebe gerade die\nSchlichtheit der ganzen Erscheinung. Wissen Sie,\nlassen wir doch das Thema fallen. Was macht\ndie kleine Polin?\"\n„Sie fährt Fahrstuhl im „K. d. W.\", rauf und\nrunter, ohne abzusetzen.\"\n„. . .\n„Na, sie verfolgte Lotharn und mich. Hailoh,\nwir brachten sie ins K. d. W., schuppsten sie in\neinen Lift und gingen wo anders hin. Es ist die\ngentilste Art der Entwicklung.\"\n„Niedlich. Sagen Sie, so Mädchen von der\nStraße, zum IBieispiel (Lydia von der Joachims-\nthaler, lösen doch die Frauenfrage besser als\nFrl. Dr. X.?\"\n„Mann, mit Ihren Blasphemien sind Sie so\nmordsmäßig langweilig wie Mynona im Sturm.\"\n„Was? Wer ist diese stürmische Mynona?\"\n„Vermutlich ein Unterrock: Pseudonym für\nirgend ein verunglücktes altes Mannsbild. „Sturm\"\nsieht aus wie eine Zeitung, ist aber mehr eine\nArt, auf intelligente Weise heiser zu sein.\"\n„So?\"\n„Glauben Sie mir, der Mensch ist entweder\naltklug, wenn er jung ist; oder jungklug, wenn er\nich habe vergessen, was ich sagen wollte.\nWarum machen Sie so ein frohes Gesicht?\"\n„Ich bin immer wie erlöst, wenn ein Bonmot\nmißglückt. Unser Witz verengert die Welt.\"\n„Quatsch! Und außerdem riecht es auch nach\nBonmot.\" i\n„Sie haben nicht Unrecht. Um auf Pauline\nZurückzukommen — hat sie nicht Plattfüße?\"\n„Sie ist aber sonst sehr brauchbar; übrigens\nist Martin auch nicht auf den Kopf gefallen. Kennen\nSie Anselm ?\"\n„Anselm?\"\n„Anselm!\"\n„Nein.\"\n„Schaun Sie an! Der Anselm, ein alter Freund\nvon Pauline, hat einen sonderbaren Kunstgriff aus-\ngedacht, Martin bei ihr auszustechen.\"\n„Ja?\"\n„Er kleidet sich genau wie Martin, aber kost-\nbarer!\"\n„Gar nicht schlecht.\"\n„Na, Pauline hat neulich beide bei sich gehabt\nund die Anzüge vertauscht; auch nicht schlecht!\"\n„Was doch die Weiber, wenn sie in Liebe sind,\nproduktiv in jeder Hinsicht werden! Eine Verliebte\nkriegt immer Junge — in welcher Gestalt immer.\"\n„Hören Sie, man hat das Weib und die ganze\nWelt mit Philosophie yerstankert: keine Philo-\nsophie ist die allerbeste.\"\n„Bequem, bequem.\"\n„Der alte Kaiser W \"\n„Sein Sie still, ein Schutzmann kommt.\"\n„Wotan.\"\n„Verkneifen Sie sich Ihre W's geschickter.\nWollen wir ins Qafe?\"\n„Sitzt Pauline drin mit Martin?\"\n„Ich weiß kaum, weswegen Sie an den Be-\ngattungen anderer ein so ausgiebiges Interesse neh-\nmen. Weininger würde sagen —\"\n„Pfui, nu noch Weininger — kann sich denn\nkein anständiger Mensch mehr töten,- ohne vorher\nzu bedauern, daß, er Jude war?\"\n„Entweihen Sie keineswegs —\"\n„Ach, ach, ach, ach, ach, ach —\"\n„keineswegs das Andenken eines Geistes der\ndie Mann h e i t iim Menschen\",\n„Essen Sie gern Tomaten?\"\n„Peter Baum —\"\n„Wenn Sie wenigstens Hille gesagt hätten —\nißt Peter Baum gern Tomaten?\"\n„Ich wollte sagen: Peter Baums Sprache oder\nSprechen ist im Einklang mit seiner Somatik.\"\n„Wissen Sie, bitte, lassen wir doch diese ehren-\nwerten Intellektualismen. Eine rechte Sau zu sein,\nist heute der Gipfel der Ehrlichkeit! Kennen Sie\ndie kleine Polin näher?\"\n„Lift, lift, Clavigo?\"\n„Ja, die nämliche!\"\n„Teils näher, teils noch näher.\"\n„Nun?\"\n„Fragen Sie Bruno — es ist eine wahre Erotik-\ntak tiktäk tiktak — eine Uhr der Liebe, die mecha-\nnischste Venus des ganzen W.W.\"\n„Nebbichl\"\n„Tatatatatatata — —!\"\n„Nanu, wollen Sie Brausepulver?\"\n„Nein, da kommt sie ja, die Kleine mit ihrer\nblauen Kapotte; ich —\"\nj>Ja> ja, präzisieren Sie sie, machen Sie sie\nnoch mechanischer: endlich5 einmal\" —\n„Endlich einmal?\"\n„Wird es eine antike Uhr Werden, eine alt-\nmodische, eine dicke, sehr dicke Uhr, eine wahre\nZwiebel. Gute Verrichtung!\"\n\nWieder eine Woche\nDer Meisterepigone\nDer Lokalanzeiger ist entzückt: Paul Hevse\nsoll den Literaturpreis »der Nobelstiftung erhalten.\nDie Herren ziehten den alten Schweden Strindberg\nvor. Hoffentlich naturalisieren sie ihn gleich samt\nseinen Werken. Trotzdem der Lokalanzeiger gich\nnicht fassen kann:\nAn Adel der Gesinnung und der Form, an Anmut\nund Schönheit der Verse übertrifft diesen Epigonen\nder Klassiker kaum ein anderer der lebenden\nVertreter des deutschen Schrifttums. Als der Natura-\nlismus in Blüte war, galt es seinen Jüngern eine Art\nvon Sport, ihre Pfeile gegen Paul Heyse als Vertreter\nder abgelebten Kunstrichtung zu senden. Heute ist\nder Naturalismus überlebt, und Heyses reife Kunst wird\nnach wie vor von den Kennern geschätzt und bewundert.\nEr selbst hat sich auch literarisch mit seinen Wider-\nsachern auseinandergesetzt, doch nicht gerade mit\nGlück.\nSie mögen sidi mit ihrem Dichter freuen, die\nKenner des „überlebten Naturalismus\" und der „ab-\ngelebten Kunstrichtung\". Gott erhalte ihnen jden\nFrohsinn, die Ahnungslosigkeit und den Epigonen\nder Klassiker.\nDie neue Generation\nHerr Julius Bab ist wieder einmal verprügelt\nworden. Sehr gründlich von Alfred Kerr. Herr\nBab findet Kerr zu „subjektiv\", möchte gern klagen\nund bittet ergebenst um faßbare (Beleidigungen.\nDa er schon Kunst nicht fassen kann. Hinter ihm\nsteht eine neue Generation, die den Kerr lächerlich\nfindet. So verkündet er zornig. Auch ist er gegen\nWitze und für den Ernst. Diese „neue Generation\"\nsoll sich bemerkbar machen. Damit man sie Mann\nfür Mann abschlachte. Aber nicht — ich bitte darum\n— in schlechten Dramen und anmutigen Versen.\nLieber läßt man die Leute leben, ehe man solche\nLangeweile erträgt. Nur die Namen! Wir wollen\nihren Ernst im Witz ersäufen. Dann sind wir „sub-\njektiv\". Wie Alfred Kerr.\nTheaterausstellung\nIch war der einzige Gast in der Berliner The-\naterausstellung. Dort gibt es zu sehen: Korsetts,\nParfüms, Theaterzettel, einen alten Rock der\nSchröter und unheimlich viele schlechte Bilder und\nGipsbüsten. Auch Vacuumreiniger und Planinos.\nTeppiche. Alte Jahrgänge schlechter Theater-Zeit-\nschriften. Zahllose Beamte bewachen die Scherze.\nWer die Veranstalter kennt, wird sich nicht weiter\nwundern. Der eine tut es nicht unter Bühne und\nWelt, der andere, der Doktor Landsberg, hat sich\nvon Hauptmann „losgesagt\" und weiß in der Kö-\nniglichen Bibliothek Bescheid. Schließlich: man\nbraucht ja nicht hinzugehen. Liebhaber von Kor-\nsetts seien auf (die Schaufensterauslagen der be-\ntreffenden Firmen verwiesen.\nDer neue Compagnon\nDiesmal zischten die jFuldaianer im Berliner\nTheater. Glücklicher Ausgang und doppelte Ver-\nlobung. Herr Richard Skowronnek (Förster, Pst-\npreußen, Wald, Moor) schrieb einen Schwank ge-\ngen die „Lustspieldichter\". Etwas mehr fiel ihm\nsogar (ein. Aber die „Kollegen\" sind jetzt für\nPsychologie. Ich glaube, Skowronnek gehört nicht\nzum Lothar-Syndikat m. b. H. Wenn er sich nur\nnoch ein wenig zurückschraubt, kann er es aber\nerreichen!\nLebensfreude\nIch versuche es immer wieder, hinter die\nMysterien der Lustgefühle hiesiger Einwohnerschaft\nzu kommen. Ich kann mir nicht helfen: meine\nUnlust siegt immer wieder. Diie Bedürfnislosig-\nkeit der Bourgeoisie und der Aristokratie ist rührend.\nDas Publikum mit Geld geht ins Chat Noir, das\nPublikum ohne Geld ins Walhalla-Theater. iWas\nhilft es, daß hier Fräulein Alberti, dort Frau Hell-\nway-Bibo das Niveau überragt. In solchen Niede-\nrungen. Das Cabaret scheint mir geeignet, die\nAufnahmefähigkeit des Publikums an sogenannten\nhöheren Werten festzustellen. iNie und nirgends\nhabe ich eine derartig angespannte Aufmerksam-\nkeit erlebt. Also diese schäbigen Witze und blöden\nSentimentalitäten können mit Gottes Hilfe gerade\nnoch verstanden Werden. Die von dem Dichter\nRudolf Lothar bezwungene „mondaine\" Welt klappt\nmit dem Lachen stets zwölf Minuten zu spät nach.\nUnerhörteste Geistesarbeit mußte getan werden, um\ndie Witzlosigkeit der Lieblinge des deutschen Kron-\nprinzen „einzufangen\". Dieses süße Publikum ver-\ngißt sogar dein (Zweck seiner Anwesenheit: die\nLebensfreude. Und wo es sich vergißt und nach-\nträglich lacht, sorgt ein Diener des Hauses mit\nCäsaren Wahnsinn dafür, daß alles mit Feierruhe\nabgeht. Aber die Unternehmer haben Recht: Jedes\nPublikum erhält das Vergnügen, das es verdient\nund das Budikern 'Geld bringt.\nTrust\n\nAns den Zeitungen\n\nMystik der Kritik\nAls ich! von dem Lustspiel „Sternenhochzeit\"\nzum ersten Mal hörte, vermutete ich hinter dem\nTitel mystische, sternenhimmelstürmende Vorgänge."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.6", "texte": "In Wirklichkeit dreht fes sich1 in dem Stück nur\num die Heirat eines Bühnensterns. Der The-\naterreferent der B. Z. a. M., der F. R. zeichnet,\nläßt mich das Beschämende jener falschen Ver-\nmutung vergessen. Gleich der erste Satz seiner\nKritik über die Erstaufführung des Lustspiels, dem\nBisson, wie Kirstein orakelt, wohl nur aus\nFreundschaft seinen berühmten Au-\ntornamen lie h, rehabiliert mich in dieser Form:\n„Ein kundiger Thebaner hat dem Dreiakter Manage\nd'etoile von Alexandre IBrisson und George\nThurner den deutschen Titel „Narre nhoch-\nzei t\" gegeben. Das klingt sch ö n und\nmystisch, gibt aber keinen Sinn, weil es falsch\nübersetzt ist.\"\nSehr richtig!\nDer hingerissene S. Mg.\nSolange wir Glücklichen kein Leinwandzelt\nhaben, „können wir nicht viele, schöne Sonnentage\nim Amphitheater sitzen, Ibsen oder Shaw hören\nund dabei doch die frische Luft genießen\", sondern\nwir Armen müssen uns den König Oedipus des\nSophokles\" im Zirkus vorführen lassen.\nIbsen und Shaw unter einem Leinwandzelt.\nMir wird, wenn ich daran denke, schon warm.\nAber Sie sollen auch das noch erleben, Felix Lorenz.\nVorläufig geben sie sich mit der Tatsache be-\nscheiden, daß man auch in einer Arena, die eigent-\nlich für „hyppologische Künste\" errichtet ist, von\neinem Sophokles ganz hingerissen werden kann.\nSigmar Mehring singt in der Volks-Zeitung davon.\n„Groß war das Wagnis, das Reinhardt gestern\nunternommen, über Erwarten stark der Sieg, hoch\nder Gewinn. (Wie hoch ?) Ein Griechendrama hat\ne r h e rvorg e h o 11 und im Theater der Griechen\nließ er es (zu neuem Leben erwachen.\" An jdie\nOlympier im Zirkus Schümann sei hier nicht ge-\ndacht. „Was der sechsundsechzigjährige Griechen-\ndichter zu des Perikles Zeiten auf die Bühne brachte,\nhat zwei Jahrtausende hindurch' seine welterschüt-\nternde Kraft nicht verloren, und war noch in dem\nspäten Nachhall überwältigend, der in Schillers\n„Braut von Messina\" donnernd dah'inrollt und dann\nnoch einmal in Anzengrubers ergreifendem Trauer-\nspiel Hand und Herz auf tönt\". Kundiger\nThebaner, ich hätte ohnehin nicht vergessen, daß\nDu der Verfasser einer Verslehre bist, deren eifriges\nStudium selbst einen Sophokles zur Verzweiflung\nbringen könnte. Es wetteifern Deine schönen Worte\nmit dem hellen (Klange der Trompetenstöße, die\nden Anfang der (Vorstellung verkündeten.\n„In die freie Arena ergießt sich' ein endloser\nSchwall wankender Gestalten, ider Thebaner, jdie\nzum Königspalast stürmen, ,um vor den Schrecken\nder Pest Schutz zu erbeten. jWaren es Hun-\nd e r t e ? War e n es T a u s e n d e?\"\nWie hoch war der Gewinn? Waren es Hun-\nderte? Waren es Tausende? Wirres, dummes\nFragen angesichts der einfachsten (aber wür-\ndigen) Dekoration. „Der listige Meister der Regie,\ndie Reinhardt selber leitete\", ließ die heitere Schick-\nsalstragödie einfach! in einem grauenvollen Rah-\nmen aufsteigen. Und „den dunkeln Hintergrund\nbildet© die in Ben Schatten der Nacht getauchte\nMasse des Publikums, das die amp'h'itheatra-\nlisch bis zum Dach aufsteigenden Sitzreihen mit\ntief erregten Zuschauern füllte.\"\nNachdem die Masse die amphitheatralisch bis\nzum Dach aufsteigenden Sitzreihen mit tief erregten\nZuschauern gefüllt hatte, „war das Publikum hin-\ngerissen und gab seiner Stimmung in einem Sturm\nvon Beifallsrufen Ausdruck\". Aber S. Mg. be-\ndrückt trotzdem die Frage, ob Sophokles auch bei\nuns nachgriechischen Verehrern die Feldherrnwürde\nerlangt hätte. Womit wir nach1 griechischen Ver-\nehrern Sophokles nicht auszeichnen können, sollten\nwir Reinhardt ehren. Er könnte deutsche Truppen\nsiegreich gegen England (in hinreißenden Shake-\nspeareaufführungen verwenden. Er braucht ein\ngroßes Feld. Der Zirkus Schumann kann ihm so\ngewiß zur Enge der Kammerspiele werden, „als\nder Aufschrei aus blutender Menschenbrust tönen\nwird, solange es sehen gibt\". Nämlich der\ndes unglücklichen Oedipus: „Wer spielt das Spiel\nmit mir!\" Als er jm Zirkus Sdhtimann diese ver-\nzweiflungsvollen Worte ausstieß, rief keiner mit-\nleidig zurück: Reinhardt!\nLernt richtig zitieren\nIn dem neuen Montagsblättchen schwang' sich\nder eifernde Ilgenstein auf die Zitatenrosinante, um\neinen scharfen Ritt zu tun gegen „die sogenannten\nAestheten und dekadenten Kaffeehausliteraten, die\nin dem politisch interessierten Menschen ein Wesen\nniedriger Ordnung sehen\".\nDie bedeutendsten Männer, selbst Goethe,\nSchiller und Hebbel, waren politisch' interessiert.\nIlgenstein ist es audh. Und jn; der Wahl seiner\nZitate beweist er auch', wie Idein politisch Inter-\nessierten sogar das Parteimensdhliidhste widerfahren\nkann. Mit dem Trostruf „Wright on wrong,\nmy country\" empfiehlt er allen, di e no c h nicht\nvertrottelt sin d, der konservativen Partei sich\nanzuvertrauen, gleichviel, ob sie Redht oder Un-\nrecht hat.\nWelchen der Brothers Wright meinten Sie,\nMister Ilgenstein?\n\nJ. A.\n\nIm neopathetischen Cabaret\nElse Lasker-Schüler\nTausend und Einer. Ich habe mich nicht ver-\nzählt, las auch, während ich die Köpfe zählte, Arnim\nWassermann Verse seiner Herzensdichter. Weich\nund herb, reidh und süperbe ist seine Sprache;\ndazu sein schwärmerisches, knabenhaftes Savoyar-\ndengesicht! — Ich suche nach einem Stuhl, der im\nVerborgenen blüht — endlich finde ich so ein Veil-\nchen abseits am Tapetenrand; ich setze mich. Meine\nTänzerin Zobeide, die sehr neugierig auf das\nCabaret der Neopathetik ist, ruht schon lange müde\nzwischen weißen, lilagelben, roten und himmel-\nblauen Mädchen; ein Dichter mit Honiglippen und\nzwei Augen, naschhafte Bienen, als einziger Tasso\nneben ihr und ihren bräutlichen Schwestern. Es\nbetritt jemand den Oelberg des Saals und predigt\nüber Kunst. Der Vortrag ist geistvoll, wenn man\nsich auch durch Mimik und /Brille in die Schule\nzurückversetzt glaubt. Noch immer höre ich keine\nGedichte von mir c— warum lud man mich ein,\nzumal ich keineswegs (objektiv bin? Auf einmal\nflattert ein Rabe auf, ein schwarzschillernder Kopf\nblickt finster über die Brüstung des Lesepults.\nJakob van? Er spricht seine kurzen Verse trotzig\nund strotzend, die ;sind so blank geprägt, man\nkönnte sie ihm stehlen. Vierreiher — Inschriften;\nrund herum müßten sie auf Thalern geschrieben\nstehn in einem Sozialdichterstaat. Ich muß immer\nans Geld denken; (wie man so runterkommt —\nwenn Zobeide, meine Tänzerin, ein Portemonnaie\nbei sich hätte, [würde ich zu der Menschenhitze\nein Glas Limonade trinken. Ich höre, wie ein Vor-\ntragender mit triumphierendem1 Gesicht Stefan\nGeorges Dichtungen als Ruhepunkt bezeichnet. Das\nmuß idh wiederlegen. Stefan Georges Gedichte\nwandeln allerdings, ohne (müde zu werden; nicht\nbunte Karawanen über Sandwege; aus ihnen weht\ndie Kühle endloser Prozessionen zwischen from-\nmen Sdhlössern und himmelhohen Domen. Die\nOrthographie der Georgeverse erinnert in ihrer\nGleichtönigkeit leicht an englische Sonntagsruhe.\nWars das, lieber Vortragender ? Gern hätte ich\ndie Rede vorn Kurt Hiller, dem Präsidenten des\nneopathetischen Cabarets, gehört.\nZobeide, meine Tänzerin, wjill noch nicht mit\nnach Hause kommen.\n\nBeachtenswerte Bilder\nAuswahl nach 1870\nMAX LIEBERMANN\nSimson und Delila\nVINCENT VAN GOOH\nSelbstporträt\nEDVARD MÜNCH\nNorwegische Sommernacht\nHENRI MATISSE\nBlumenstück\nGUSTAV KLIMT\nDie Schwangere\nFERDINAND HODLER\nWilhelm Teil\nEDOUARD MANET\nIm Cafe\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich -Ungarn :\n1.V.: Oskar Kokoschka\n\nWochen-Spielplan der Berliner Theater\nNovember Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Sonnabend Sonntag Montag Theater mit gleichbleibendem Spielplan:\n15« 16. 17. 18. 19. 20. 21. (Am Busstag geschlossen)\nSchumaCMstras^fi3ea Herr UD(I Diener Geschlossen Judith Sumurun Faust Herr und Diener Herr und Diener Joachim m Brandt Anlwh\n——— ———— — — Tag. Verfl. Frauenz. / I.KI.\nKammersiiiftTft Komodie der Premiere Komodie der n , , Komödie der\nSchumannstrasse 14 I™en / Heirat Geschlossen TänzeWiegenthal Der v®rwu,ndo,J Irrungen ' Heiratuer y* el Irrungen I Heirat Modernes Theater Der Doppelinensch\nwider Willen iamewiei>emnai Vogel wider Willen v ogel wider Willen KSniggrätzerstr. 57| 58 11\nLessingtheater Wenn der junge fi h. Wenn der junge Wenn der junge Das zweite Wenn der junge Neues Theater :\nFriedrich Karlufer l Wein blüht beschlossen Wein blüht , Wein blüht Leben Wein blüht ScWffbauerdamm 4a|ä Schauspieler des Kaisers\nLenen Abschied vom Regiment\nFrie™ricfet.(iM|,io4a Die Boh6me Geschlossen Tiefland Die Boheme Tosca Die Boheme Erzählungen Biumfifs^a6^61' Noblesse oblige\nNeues königliches ZT TT 7 Der heilige Hain\nOperntheater Madameßutterfly Geschlossen Geschlossen Geschlossen Geschlossen Evantrelimann Geschlossen pr Friedr. 7 20- November: Monsieur\nKönigsplatz 7 _ ' ' '' Alphonse\nSchauspielhaus Faust I. Teil Geschlossen Jms\" Der Tartüff Operettentheater\nNollendorfstrasse 11 [12 ' Schiff bauerdamm 25 Wein blüht. (Lessing-Th.)\nBerliner Theater Der neue Der scharfe Der neue Der neue :fnn Der scharfe ea:ter des n. ™\nChariottenstr. 93 Kompagnon Junker Kompagnon Kompagnon Taifun Junker Westens Die schönste Frau\n- - .... Kantstrasse 12\nKönigliches Wallensteins Waiin«a+nr e ** * i«,\nSchauspielhaus Der Krampus Geschlossen Maria Stuart Der Krampus Lager anenstems Rabensteinerin Metropoltheatei* Hurrah — Wir leben noch!\nGensdarmenmarkt Die Piccolomini XOCI üeürenstrassc &ö|s6"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.7", "texte": "Verantworte f. d, Anzeigenteil: A. Bots / Verlag Der Sturm Berlin Halensee Geschäftsstelle and Anzeigen-Annahme: Berlin W. 35 / Lmjck ▼. Hans Walter, Berlin SW.I 3\n\nneue Secession\nisssiisssiisss] msm isssi isssi isssi\nOraphische Russfellnns\n1910\n1. October bis 1. December\nin 9er\nOalerie ITlaximilian Hlachf\nISSSI^SIISS®\nBerlin ID., RanKe - Strasse 1\nan Oer Kaiser IDilhelm oe9adtfnis - Kirthe"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101117-01.1.8", "texte": "in Wien ist die Wochenschrift DER STURM vorrätig bei Hugo Heiler und Cie i Bauernmarkt 3\n\nfrinKferfipe Kinder\nMflth\nTrinkfertige Einzelportionflaschchen,\ndie nur angewarmt zu werden brauchen.\nJede unhygienische Manipulation im\nHaushalt vermieden. Adressen der\nAnstalten und Bezugsquellen durch die\nMutricia - Centrale\nBerlin W. 35\n\nplllllil!(gilllfll!l»ll!li!l!ilI!lllll!lill!!liil!ilE!ll!l!!fjllliillllllll!lill^\n[DieSacfteil\n§j HERAUSQEBER jj\n1 Karl Kraus 1\nJ :: Mr. 309/10 |\n1 soeben erschienen J\n§§ Preis 50 Pfg. 8\njj Aus dem Inhalt: g\nM Kempinski von Karl Kraus |j\njj Gedichte von Else Lasker- M\n§| Schiller g\n| ÜBERALL ERHALTLICH |\nlllilll II Sllll MtlLlllllllßllllll^\n\nHerwarthWalden\n: DAFNISLIEDER:\nPur Gesang nod Klavier / 52 Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musikalien-\nhandlungen oder direkt durch den\nVerlag DER STURM, Halensee\n•• • Katharinenstrasse 5 •• •\n\n:: PROBENUMMERN :s\numsonst u. portofrei durch die\nGeschaftsstelle „DER STURM\"\n\nPichelswerder m Pichelsdorf\nGrundstlicke an der Havel idyllisch gelegen\nneben dem Schlosspark, nahe der Doberitzer Heerstrasse\n(Kaiserdamm), preiswert verkauflich. Naheres durch die\nBodengesellschaft desWestens\n— mit beschrMnkter Haftung ——\nBERLIN W 66, MAUERSTRASSE 86-88\n□ Fernsprecher Amt I, No. 7497 □\n\nQ[gareftes\nManchester\n\n:: Kurhaus und Erholungsheim ::\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit Vom Alexanderplatz)\nHauptgebMude mit Zentralheizung und elektrischem Licht, grosse,\nhelle Zimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadratmeter\ngrosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum, Lauben, grosser\nTeich usw. Das ganze Jahr geoffnet Den Besuchern Berlins\nals herrlicher Aufenthaltsort empfohlen. Fern von dem LMrm und\ndem Staub der Stadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch\nstiindlichen Bahnortsv- rkehr. — Lassen Sie sich die Broschilre\n:: „Leben\" kommen vom Besitzer und Leiter Eniil Peters\n\n□□ DER riEUE CLUB M'«\nSAIPn CASSIRER VICT°RIASTR 35 SonnABETIQ 19 nOV Q'si UMR\nmAx brod FRAQ\nutSrsEin DRAfnA niF HoHE DES GEFCIHLS\nKARTEn ZU ItlK 4 2 1-5° BEI EDffl* mEYER BUCHSSS\nP.°TSDAfnERSTO a7B UnO An PER ABEnDKASSE.n\n\nDr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrera.d.Schauspielschule d. Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURG\nWilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5—6 Uhr\n\nTHRICHOPHIL\n■ FL M. 3,00 Fl. M. 3,00\n1 ■■■■■■■■■■■■■■■ =«* nur beim F&brikanten: «=■» miNiisaiiiN\nOtto Teutscher/Friseur\nI. Gesehift: 106 a Potsdamerstr.,Eing. 63 Steglitzerstr.,'Tel.Vl,673s\n11. Gesehift: Charlottenburg, 100 Kaiserdamm, Tel. AmtCh.,63B7\n■■HieeeeeeooAHiaS'\n\n%\nW/3\n112\n■ T'vt\n; V-\n\"1\n■Ss\n. -V\n\nGesunde Zahne sind ein viel kostbareres Out, als man es im taglichen\nLeben ohnehin schon einschatzt. Regelmassige Verdauung, gute Ernahrung,\ninfolgedessen Schaffens- und Lebenskraft, alles das sind Faktoren, die zum\ngrossen Teil von der guten Beschaffenheit der Zahne abhangen. Wenn\nSie daher Ihre Zahne schon und gesund erhalten wollen, so empfehlen\nwir Ihnen dringend, morgens und namentlich auch abends Kosmin zu\nbenutzen, da dieses Mundwasser infolge seiner erwiesenen Wirkung das\nZahnfleisch kraftigt, die durch Speisereste entstehende Faulnisbildung im\nMunde verhindert und dadurch die Zahne konserviert, solange dieses\nnur irgend moglich ist. Der iiberaus erfrischende Wohlgeschmack\ndes Kosmin macht den taglichen Oebrauch dieses vorzuglichen\nMundwassers bereits nach kurzer Zeit zum angenehmen Bediirf-\nnis. Preis pro Flasche, lange ausreichend, M. 1,50, überall kauflich."}]}