{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_sha256": "d3bc12edd5bccc079efda64f656b69b820fd08499d6a165b37523d8b03646aaf", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/11/24_01/bmtnabg_1910-11-24_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/11/24_01/bmtnabg_1910-11-24_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "307", "page_fin": "307", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.1", "debut_caractere": 785, "fin_caractere_exclue": 1185, "texte": "INHALT:\nHEINRICH PUDOR: Antiken-Rummel / PETER HILLE: Das Mysterium Jesu / ALFRED LICHTENSTEIN: Fern / ELSE LASKER-SCHÜLER: Handschrift /\nROBERT SCHEU: Leitfaden der Weltgeschichte / RUDOLF KURTZ: Joachim von Brandt / TRUST: Nicht erlogenes Foyergespräch / Die öffentliche Meinung / ALFRED\nDÖBLIN: Konzerte / K. 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Auf dem Gymnasium schon beginnt\ndieser Vergangenheitskultus, auf den Uni-\nversitäten wird er fortgesetzt; die philologische\nKnebelung der Kunst (Archäologie) auf der einen\nund Germanistik (auf der anderen Seite systematisiert\nihn, die Presse pflegt ihn, die Reichen opfern ihm\nihr Geld, die Halbgebildeten beten ihn an und jeder\nDeutsche, wenn er nicht nur Fremdes prinzipiell\nrespektiert, blickt verehrungsvoll >auf alle alten Scher-\nben und Schinken.\nAll muß. es sein! Ein Beispiel: „Die Madonna\nmit der Wickenblüte\". Ist denn wirklich das Kul-\nturinteresse des jungen Deutschlands an diesem Ge-\nmälde der altkölnischen Malerschule so gewaltig,\ntoder tut man nur so? Was ist uns! |m Grunde\ndie Madonna mit der Wickenblüte?\nEs ist inur recht und nicht billig, daß das Schick-\nsal diesen Altertumskrämern hin und wieder (ein\nSchnippchen schlägt und sich ins Fäustchen lacht.\nVor zwei Jahren erwarb die Londoner National-\ngalerie einen angeblichen Velasquez für neun-\nhunderttausend Mark. Der Kunstforscher William\nRichmond behauptet jetzt, daß sich in den Farben\nPreußisCh-Blau befindet, das erst vor hundertund-\nfünfzig Jahren entdeckt wurde. Der Chemiker\nChurch sagt aus, daßi seine chemische Untersuchung\ndie Fälschung des Gemäldes ergab. Das Bild war\nder Nationalgalerie schon vor fünf Jahren zu dem\nPreis von einhunderttausend Mark angeboten wor-\nden; damals wurden Zweifel an der Echtheit des\nWerkes laut und der (Kauf kam nicht zustande.\nDrei Jahre später erwarb die Galerie das Werk\num den fünffachen Preis.\nMan kann wirklich' sagen: der Kunsthan-\ndel macht heute die Kunstgeschichte.\nEr ist es, der Stimmung weckt für diese oder jene\nSchule, für diesen oder jenen Meister, der heute den,\nmorgen jenen in Mode (bringt, der die Reklame-\nTrommel rührt, die Kunstschriftsteller anregt und\ndie Galerien, wie die chemischen Großfabriken, die\nApotheken, versorgt. Das Publikum aber geht in\nseinem guten Glauben so weit, daß es dem Namen,\nwenn er einmal gemacht ist, blindlings folgt und\ndie gröbste Fälschung oder die unbedeutendste\nLeinwand, wenn nur der große Name darauf steht,\nmit Ehrfurcht und Geld (bezahlt.\nEs ist hoffnungslos1. Von einer deutschen\nKunstrenaissance kann keine Rede sein, denn die\nKunst schafft neue Werke und Werte. Das ganze\nLeben müßte überfließen von Kunst. Dieses\nWesentlichste, das Produzieren, das1 Erzeugen,\nmüßte unserem ganzen Leben bis in den Alltag\nhinein den Stempel aufdrücken, allüberall müßte es\nsich neu gestaltend regen. Das Eigenartige, Indi-\nviduelle, von Persönlichkeiten Geschaffene, kurz das\nPersönliche müßten wir anbeten, es müßte die höch-\nsten Preise haben, es müßte unsere Kultur bestim-\nImen und charakterisieren. Jeder Mensch müßte\n(eine Persönlichkeit sein, die nur einmal da ist,\nderen Wort und Schrift, deren Gang und Wesen,\n»deren Handeln und Tun den Charakter individueller\nEigenart hat: keine Klasse ä la Linne, sondern ein\nEinzelwesen, nur einmal vorhanden. Kurz, die größ-\nten Kunstwerke müßten die Menschen selbst und ihr\ngrößtes Interesse {müßte ihr eigenes' Leben jsein.\nIn der Zeit der Früh-Renaissance des fünfzehnten\nJahrhunderts haben wir so etwas gehabt. Der heu-\ntige Mensch ist ein Clische und sein Leben ein\nAbdruck — Auflage zehntausend.\nDer Deutsche hat seine Gründlichkeit dazu be-\nnutzt, alles, was alt ist, zu durchforschen bis zum\nletzten Ziegelstein, bis zum letzten Tonscherben,\nbis zum letzten Pergament. Für Mumien begeistert\ner sich, für verschüttete Mauern gerät er in Feuer.\nAusgegraben muß, etwas sein, wenn es1 für ihn\nInteresse haben soll: siehe Aegypten und Griechen-\nland. Je älter, desto wertvoller. Vor einem Torso\nbekreuzigt man sich, und das Verschimmelte Jrat\neinen ganz eigenen Reiz. Das ist nicht übertrieben.\nJede der zahlreichen Kunstauktionen bietet dafür\nBelege.\nFür Ausgrabungen werden Millionen flüssig\ngemacht, irgend ein Papierfetzen, wenn er inur\nein paar hundert Jahre alt hat Unsinnigen Geldes-\nwert. Der Geist selbst wird auf das Reproduktive\ntrainiert, jede schöpferische Regung unterdrückt und\nvor der Vergangenheit in jeder Form Kotau ge-\nmacht. Kein Zweifel, die Gründe sind patho-\nlogischer Art und hängen mit einer Art Gehirn-\nerweichung des Menschen unserer Zeit zusammen.\nDer Geist wendet sich rückwärts. Im Staub und\nDreck abgestorbener Kulturen buchen wir nach\nSchätzen. Wir leben nicht, wir studieren. Wir\nschaffen nicht, wir sezieren. Die Totenfelder der\nMenschheit werden nach Kunstwerken und Doku-\nmenten abgesucht, und für Kulturleichen bauen wir\nMuseen. Das Lebendige scheint jeden Reiz für\nuns verloren zu haben. Sehen diese Sammler denn\nnicht, wie sie sich lächerlich machen, ihrem eigenen\nGeist das Vernichtungsurteil jsfprech'en, wenn sie\nüber ein altmeißner Porzellanstück in Begeisterung\nentflammen und ihr Gold dafür hingeben? Abge-\nsehen davon, daß diese ganze Porzellankultur scharf\nund unzweideutig die Dekadenz illustriert, die gei-\nstige Erschöpfung und sittliche Verworfenheit eines\nachtzehnten Jahrhunderts — was sollen wir damit?\nWas soll ein neuer Mensch damit? Bildung kommt\nvon Bilden. Bilden heißt gestalten. Das Gestalten\nist das Schaffen. Die Bildner und Schaffenden sind\ndie Gebildeten. Gott, der die Welt schuf, ist ein\nSymbol des Schöpferischen, des Künstlerischen, und\ndie Religion selbst eine künstlerische Schöpfung.\nDie moderne „Bildung\" ist im Grunde Unbildung.\nWird ein großer Künstler geboren, so läßt man\nihn vor allem einmal verhungern und erst wenn\nman seine Leiche hat und nichts Lebendiges mehr\nan ihm ist, fängt man an, sich für seine Schöp-\nfungen zu begeistern, nicht sachlich1, sondern kon-\nsequent in dem Gefühl der Bewunderung für alles\nErstorbene. Totengräberkultur. Eine Kultur der\nUnkultur. An die Hyänen des Schlachtfeldes er-\ninnern die Leuchten ihrer sogenannten Wissenschaft.\nDas ist die Zeit, die zugleich das Geld anbetet, die\nindustriell geeicht ist, die die Errungenschaften der\nTechnik für Geisteswunder hält. Es war im Jahr\n1908, daß der Inhaber des Thronsitzes im Deutschen\nReich Zeppelin für den größten Menschen des zwan-\nzigsten Jahrhunderts erklärte.\nHoffnungslos, sage ich. Der Geist ist erschöpft\nund das Gehirn erweicht und neue Rassen allein\nmit starken Gehirnen können wieder Kulturen\nbringen, die in sich selbst und aus! sich selbst Werte\nschaffen, die im Leben und nicht auf Leichenfeldern\nund Trümmerfeldern forschen, bei denen hinter jeder\nHandbewegung das Ich, die Person, der Künstler,\nder schaffende Gott steht.\nAber die Welt liebt nun einmal die Harmonie.\nVielleicht bewegt sich deshalb grade jetzt die Erde\nso heftig, und wie zum Hohn auf diese Toten-\ngräberkultur spuckt sie ihren Dreck aus und ver-\nschluckt die Städte mit ihren „Sammlungen\", damit\nfür Ausgrabungen wieder gesorgt ist und die Alter-\ntumskrämerei unserer Babelkultur organisch wirkt.\nSo ist wenigstens das Aesthetische gerettet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "308", "page_fin": "309", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.4", "titre_corps": "Das Mysterium Jesu : Aus dem Nachlass", "titre_sommaire": "Das Mysterium Jesu : Aus dem Nachlass", "signature_source": "Peter Hille", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.2", "debut_caractere": 7141, "fin_caractere_exclue": 11629, "texte": "Das Mysterium Jesu\nAus dem Nachlass\nVon Peter Hille\nWachstum\nDas unschuldige Blut des göttlichen Opfers\nwar hinabgerieselt in die schuldige Erde, der Keim\nder Gnade hinabgesenkt in die Oede Ider ;Verwesung,\n;tuid der Sauerteig der Welt durchgährte die Mensch-\nheit.\nErst nahete das Schlichte, dann auch das\nSündige.\nEine große Bruderschaft der Gotteskinder kün-\ndete sich an, und die Seelenenge, die\nbis zu den Landesgrenzen reichte unter ihrer kal-\nten, satzungsgeätzten Vaterlandsliebe, die Rasse\nWard weit, ward Menschentum.\nDer Rassenglaube verzehrt seine Unterschiede,\nauch ihm noch ist die Welt das Außen, das Fremde\n— die ganze Welt mit Einschluß' des Vaterlandes.\nAber dieses wird nicht verachtet, es wird auf-\ngesucht und ins Licht des Heiles geholt.\nDas trennende Heiligtum schmolz, die Um-\nhüllungen, die Grottenwände der Seelen fielen jin\nder neuen Lauterkeit und vermehrten mit dem' darin;\ngebundenen geistigen Stoffe die reine Wärme un-\nendlichen Liebesbrandes.\nWo die Leidenschaften, da der Widerstand.\nDaß man das Aergernis des Leibes, des ein-\nzelnen Gliedes, das Unvollständige für einen Auf-\nruf zur Zerstörung nahm, schob einen krachenden\nRiß in das Leben. Das Leben verlangt Vollberück-\nsichtigung, und Abschneiden stellt den Frieden\nnicht her.\nEin Verschnittner wird nicht keusch.\nMan nahm das ärgernde Auge zu wörtlich —\nnur auf Gleichmaß ging die Meinung des Gleich-\nnisses.\nDer milde Hinausleuchter Leib ward nieder-\ngerissen und verheerend sengte Schwärmerei die\nWelt.\nDie Schönheitslehre des lauter bestellbaren\nHellenismus ward leider verlassen, statt umge-\nbildet das Höchste zu halten, zu Frieden und\nKunst, zu Glück und Erdverklärung zu -bringen.\nDas gut Geleistete muß Gott erhalten bleiben,\nnur hinzugetan!\nDen Fluch aber, der den Segen der Gottes-\nküfidigung immerdar begleitet hat, brachte nicht\ndie Lehre, der Gottessinn, sondern die Kunst- und\nLebensfeindschaft, die man hineinlegte.\nScheinerkenntnis braucht noch keine Schein-\nverfolgung zu sein.\nBei all ihrer Tiefe kann man die Welt auch an\nseinem Teil erleben.\nGenußfreude, Frische des Lebens und Kunst\nist ihr Gegenpol. Mit den Sinnen lebend, will\nder Mensch auch die Sinne genießen.\nWeiter geführt das Ich und es hätte Gott ge-\nfunden, nun zerbrach man's. Was sollen Gott die\nSchalen dienen?\nEine Zeit der Lauterkeit sollte sein, das Werk\nsollte nur von innen kommen, nicht von außen.\nKein Lärm, kein Gottesgetöse: verfolgend, sich\nbehauptend oder umwälzend! Keine Satzung, träg\nwie ein Vorurteil, der Mensch will seine Hand-\nlungen tun und nicht mehr leiden.\nNein, still von innen, sammelnd, werbend ttnd\nan Gott einander verweisend, da Mensch zu werden!\nKeine Gewalttat, kein Aufstand, keine Er-\nhebung: wer zum Schwert greift, wird durch1 das\nSchwert umkombmen.\nGott über alles, sich in Gott hinein leben und\nlieben, und eine Erscheinung wie die andere, sich\nwie den Nebenmenschen.\nWeil alles Besitzen ein Trennen von Bruder\nund Seelenkern ist, trug man das Gut den Hei-\nligen zu.\nDie Gotteskindschaft sollte Geschwisterschaft\nbedingen.\nDa trieb der Aufschwung, die Dämme des\nEigentums zu beseitigen, und wie ein Meer wogte\ndas Eigentum auf die Armen hinüber.\nEinige aber waren auch in der jungen Ge-\nmeinde, die sogar dieses Christliche, das1 Vollkom-\nmene im Ton alter Satzung auffaßten, als äußer-\nliches, zu Schau und Gepräng zu haltendes Gebot.\nSo taten Ananias und Saphira, da sie ihre Habe\nvor die Füße des Apostels schleppten, einen Teil\naber kalt sichernd zurückließen.\nSie hatten noch Zweischlächtigkeit an der Seele,\ndarum behielten sie vom Ungeforderten, vom frei-\nwillig Gebotenen einen Vorsichtsteil im Hinterhalt\nunter der Decke der Lüge.\nPetrus aber erkannte diesen törichten Schleich-\nweg vor dem weltdurchgossenen hellen Willen\nGottes.\nUnd als der treue sachliche Ernst des Petrus\nihnen nun zeigte, wen sie in lügnerischer, tinge-\nzwungener und darum schlimmerer Freiwilligkeit\nbeleidigt hatten, und als Ananias und sein Weib\nSaphira sich dieses Frevels, diesier Verdunklung vor\ndem zornig aufblitzenden Lichte der reinen gött-\nlichen Kraft bewußt wurden, ereilte sie Entsetzenl\nund schütterte Grauen ihre zerbrechliche Seele, daß\nsie außer Fassung geriet und zerfiel, ehe sie noch\ndie Strafe geschaut hatte.\nUnd die Seele derer, |die mehr Seele war als\nandere, übte nun heilende Kraft.\nDas Verlangen nach Heilung und Notdurft,\nnun ward leicht es gestillt.\nOffen war die Geisterwelt.\nDie Laster verschwanden, die jähe Habgier ver-\nkroch sich.\nWas galt Gold, was galt Silber?"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9329, "texte": "Was mein ist, ist dein.\nDie keinen Mammon mehr kennen, sie haben\netwas köstlicheres. Die Tempelpforte war eine\nPforte zum Vorhof des Himmels. Und alles war-\ntete wie einst auf den Heiland nun auf die Jünger.\nDie göttliche Heilkraft ihres Meisters ist auf°sie\nübergegangen — vererbt, und lindert und mindert\ndas Elend.\nDie Mutter hatte wieder einen Sohn.\nPflege, Erinnerung an den gemeinsamen Lieben,\nden Göttlichen und Gebet waren die Tröster und\nVereiniger, die Bildner der neuen Sohnschaft.\nSchon begann des Geopferten Saat ergiebig\nt\\i gedeihen.\nDas trostsame Werk seiner Lehre vom Vater,\nden Kindespflichten der Menschheit mehrte sich,'\nwuchs vom Blut der Verbreiter. Wie ein Garten\nblüht es.\nVom Schlichten ging die Gnade schon auf den\nLastermüden, der engeselige Glaube Israels warf\nseine Satzung ab zugunsten der Heiden.\nDas Geisteswesen aber, das damals sich öffnete\ndie Kirche wird ewig dauern und siegen, und,\nimmer geistiger geworden, die Erde zur Vollendung\nführen und seine ganze Seelen weit zu Gott.\nSie ist immer offen, nur unser geschlossener\nSinti sieht sie nicht.\nSo ein starker, blauer Tag, da ging noch im\nersten zarten Genesungsweh von der qualzermal-\nmen den Zeit der sanfte Jünger mit der alternden\nMutter, um der Base Elisabeth1, die sterbenskrank\ndie begnadete Base entboten hatte, Beistand in der\nletzten Seelenbereitung zu leisten.\nAls sie vor das Tor kamen, wo die weißen\nMauern scharf in den lautern Himmel schnitten',\nda erwartete sie eine bunte Menge und erregte\nSpannung.\nUnd sie sahen ein edles Antlitz bluten, ein\nweißes Gewand durchtränkt, und wilde Steine\nflogen noch heftig.\nJohannes wollte hinzutreten, Maria aber sprach:\n„Laß ihm seine Ruhe! Sieh, wie er lächelt!\nUnd die Rosen, die linde ihn treffen, sie blühen\nduftweicher auf im bosheitslosen Lichtreich meines\nKindes Jesus.\"\nPaulus\nDurchbrochen waren die Schranken des Leibes\nlind der Völker, Furcht und die Lebensschwere\nder Bequemlichkeit schwanden wie Nebel vor der\nGnadensonne glanzweich zündendem Strahl. Es\nwar offen der Himmel und aufgerissen die Erde\nDie Männer des engsten Stammes, der auch im\neigenen Volk (noch Scheidungen errichtete, aber doch'\nspäter jahrtausendelang ein alle Zersprengungen\niiher den ganzen Erdball einendes Familiengefühl\nsich zu bewahren wußte, (die zogen ins Weite,\num die Menschen aller Länder zu laden, Sie gaben\nauf all ihr Unterscheidendes, Trennendes, dasi Ver-\npflichtende bisheriger Satzung, um nur den neuen\nBrüdern vom Ueberreieh nicht zuviel Beschwer zu\nbieten: aus den Jüngern wurden Lehrer, Sendboten.\nAus Todesfurcht und Schwäche sproßte Mut lind\nEifer des Bekenntnisses!. Der rauhe Kelch der\nschroffen Bergreligion öffnete sich und zu Tage\nlag nun zuerst das große, reine, duftigfrische Welt-\ngottestum.\nMächtig ging um der Qqist, die Steine wurden\nRosen, eh sie den schmerzenverklärten Diakon\nStephanus berührten.\nVerachtend sah man damals nieder auf das\nbißchen Sinnesgerümpel, was hatte es für Wert,\nwenn nicht zum Dienste des Höchsten!\nDies Bewußtsein war es, das1 aus den Verkün-\ntfungen sprach und gewaltig traf, Liebe weckte\nU3ßd starken Haß.\nAber auch dort, wo nur Irrtum war, nicht\nVerhärtung und Verdickung der Seele, fiel die Offen-\nbarung, ein blendendes Geistgewitter auch in den\nstaunendzerrissenen Sinn der reinen Verfolger.\nMariä Himmelfahrt\nUnd sie lebten zusammen Erinnerung und Vor-\nbereitung auf das Bereitete, die Mutter mit heilig\nHeldentum gewordenem Schimerz, ehrfürchtiger\nSehnsucht voll nach dem Kinde, dem Sohne, der\nverklärt ihr Gott und Herr und Richter geworden\nwar*\nUnd da die Erden Schicht der Himmelsmutter\nvtofc den abtragenden Tagen ganz hinabgeholt war\ndas Reich, das nichts wird: die Vergangenheit,\ndie nur in Träumen, in nachgeborenen Sinnen steht,\nstand Engeljubel auf der Wacht vor der festlich\nzarten Luft her bis hinauf zum hei 1 igkeitverborgenen\nKraftlichturquell. Wie ein Kranz legten sich kind-\nliche Fittige um des Gewandes lichtweichen Saum.\nKindheitswichtige Wangen, lang vor Purpurlast,\nlegten sich seitlich und lehnten still bewundernd\nsich auf. Und nun ging es empor.\nEs lockten und holten und hoben die stark-\nholden Klänge höher und höher durch die blau-\nsilberne Luft.\nUnd es ergoß sich ein grüßendes Licht in ge-\nwaltigen Garben: die Krone des Himmels.\nDie der Verklärung zuschwebende Heilige\nfühlte es, das duftende Licht sang wunderhold,\naber noch verstand die Erdentlassene nicht (diesen\nsinnreichen Sang.\nKnabentraute Blicke, ehrerbietig sohnhaft grü-\nßende Blicke halberwachsener Engel gestalteten\nEhrfurcht; Ehrfurcht auch sprach der Ernst des\nsehnigen Leibes, die feste Anmut gedeihender Glie-\nder. Hier sprach und diente der Strahlenleib. Aus\nden Engeljünglingen aber sprühte erkennende Vor-\nahnung. Blitzende Harmonien wehrhafter Engel.\nNun jubelt schon wie einholend hernieder in\nden lichtstarkweichen holdgewaltigen Reigen jdes\nLichtes der Seligkeit All.\nUnd immer näher wuchsen ihr entgegen jdie\nArme des Himmels, und in ehrendem Jubel trat\ner aus seiner Pforte.\nUnd vor ihr stand wieder in seinem Strahlen-\ngeschwinge der Verkünder Gabriel:\n„Königin des Himmels, sei gegrüßt!\"\nDann faßte er ihre ergebene, frommschmale,\nsich fügende Hand und führte die frommvorsich-\ntige Mutter der Heiligen ein in die Halle der Seelen.\nLieblichste Zartheit der Töne keimt auf (und\nempor zu begeistert erschwungenen Blüten der\nFreude.\nJauchzend, wie eine Palme, wie ein Baum der\nMelodie, stand und starb in Höhe die Feier des\nsingenden Himmels.\nBlässe bezog noch einmal die Wangen.\nSie ruhete erst, ihre Augen schlössen sich, und\nihre erdgewohnten Sinne sammelten sich für die\nEwigkeit.\nNun stand sie im Schaum der Engel und lebte\nden Himmel und die stillen Jubel Wonnen erhabener\nMacht.\nSie lebte sich1 eins mit allen und sie sah Und\nfühlte das tiefrote Leidensverklärungsfeuer, das ausl\nder Gottheit kam.\nUnd zitternd sank sie (nieder.\n„Jesus, mein Sohn, mein Heiland, mein Gott!\"\nDann aber erhob sie ihr Antlitz, ihre Arme\nwuchsen schräg und verlangend:\n„Mein Kind!\"\nSein schulterschöner Leib, der nur noch (die\nSchönheit des Leidens Weist, in Perlmutterweiche\ndurchgeistigt, flimmert nun; da er sich vorbeugt,\nwachsen wie Trauben die tiefrotklaren Tropfen der\nHerzenswunde und kommen reichlicher über deji\nlippenleuchtenden Rand.\nMaria schrie auf, aber die klare Glut des me'n-\nschenfeierlich gütig zarten Auges sagte ihr, daß\nnur Freude das Blut trieb und die stärker flutende\nGnade: Gotteswonne.\nDann fühlte sie seine edellautere, jährot durch-\nleuchtete Wundmalhand tief in ihrer durchsichtigen\nSeele und sie hielt still, als faich der Reif der\nGnadenmacht auf ihrem Haupt rückte, der weiche,\nwie duftiger Kranz kühlend belebende Reif. Und\nsein von Güte wie Schwermut überlastet geneigtes\nWort klang: „Mutter, Königin des Himmels, Ider\nGnade und der Milde, neben mir soll dein Platz\nsein und nah mein Ohr deiner Fürbitte Mund.\"\nDa fühlte sie die tiefe Weihe in ihrer Würde\nund freute ihrer milden Macht sich und freute sich1\nin Gott, daß das Wort Fleisch geworden war, in\nihr und allen Menschen der Vollendung zu wohnen.\nNie hatte sie vordem gedacht, daß> sie eine\nKrone zu tragen vermöchte, die war Gnade\nnur und Zeichen der Gnade, und so trug sie ganz\ndas Wahrzeichen weiblicher Hilfe, trug es zur Ret-\ntung, zu Macht und Frommen der Bedrängten.\nUnd ihre Rechte trug als Herrsdierzeichen die\nLilie.\nUm ihrer Ruhe Füße aber kauerten, lebendig\ntrauter Schmuck, die Engel.\nUnd wieder keimt es tief auf, wird starker Ton\nund geht noch einmal über in die brausenden Jubel-\nblumen, himmeldurch wogenden Willkommens.\nWie müde schloßt noch einmal die so Emp-\nfangene die Augen: noch empfand sie das lauter\nzu höchst verklärt Gewandelte Wie in scharfem\nRausch.\nUnd froh schon schwankte ihre Seele, die fest-\nlich bleiche, wundertätig holde Wundmalhänd des\nSohnes umschließt ihre Finger und gibt ihr Halt\nvor der Seeligkeit, und ihre Sinne werden heilig.\nEs zieht vorbei ringelhaarig um die klare Stirn\nsich verneigende Engelsscharehrfurcht.\nNun ist sie, fühlt und sieht sich innerlich ganz;\nMaria.\nDa, aus einem Antlitz leuchtet still selbstlose\nTreue, liebevoll verehrend, traulich voll heimischen\nGlückes, und dieses Antlitz sagt: ich bin Josef.\nUnd sie freuen sich aneinander.\nDie matronenhaft gütige, derbmilde Basenseele\nund der amtsschlichte Priestergeist mit frohstiller\nMiene: Anna und Zacharias!\nGottlohnend, voll kraftwilden, treuherzigen\nFeuers: Faustkampf der Buße — des stillen Prie-\nsters Sohn.\nUnd an die Sehnigheiße wallt die weiße, rosen-\nscheindurchhauchte Liebesgestalt des anderen Jo-\nhannes.\nDie Blutrosen wie der frohe sanfte Helden-\nblick, der Triumpf blick des willig hingegebenen\nLebens, ein frohruhender Siegesblick: Stephanus'\nist da.\nWerkmannsfreude, wie Einer hat ein Haus ge-\nbaut und es ist ihm gelungen: so PetrusL\nWieder Einer, der hat angesiedelt und ver-\npflanzt, ein edelbartiger Weltbürger und Ordner\nvon hüben und drüben: Paulus.\nAuch der Himmel wächst. Das Reifen (und\nRecken geistiger Glieder verklärter Jugend ist da\nund bräutliche Stille, heiliges Forschen und Denken,\nDanken und Senden geistiger Güter: das ist der\nHimmel.\nDas Wort war Fleisch geworden und hatte\ngewohnt in ihnen allen.\nNun waren auch sie Geist geworden und nach-\ngegangen dem wieder Vergeistigten.\nUnd Liebesholdlaut reinster Engelsstimmen war\nGespräch und Tat und Duft und Wärme und Farbe1,\nLeuchtkraft der innigsten Seele."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "309", "page_fin": "309", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.5", "titre_corps": "Fern", "titre_sommaire": "Fern", "signature_source": "Alfred Lichtenstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.3", "debut_caractere": 9346, "fin_caractere_exclue": 9891, "texte": "Fern\nAlfred Lichtenstein\nIch möchte in Nacht mich bergen\nNackt und scheu\nUnd um die Glieder Dunkelheit decken\nUnd warmen Glanz...\nIch möchte weit hinter die Hügel der Erde\nwandern —\nTief hinter die gleitenden Meere,\nVorbei den singenden Winden...\nDort treff ich die stillen Sterne,\nDie tragen den Raum durch die Zeit\nUnd wohnen am Tode des Seins,\nUnd zwischen ihnen sind graue,\nEinsame Dinge...\nWelke Bewegung vielleicht\nVon Welten, die lange verwesten —\nVerlorener Laut —\nWer will das wissen\nMein blinder Traum wacht fern den Wünschen\nder Erde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "309", "page_fin": "310", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.6", "titre_corps": "Handschrift", "titre_sommaire": "Handschrift", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.3", "debut_caractere": 9893, "fin_caractere_exclue": 10333, "texte": "Handschrift\nVon Else Lasker-Schüler\nFür den Künstler der Handschrift\nist der Inhalt seines Schreibens\nnur ein Vorwand, wie für den Maler\ndas Motiv seines Bildes.\nIch1 habe beobachtet, daß Kinder und Große so\nredit in Gedanken versunken, mit der Feder, mit\ndem Bleistift an zu kritzeln fingen, dann ganz un-\nbewußt bemüht waren, schöne oder verschnörkelte\nund Worte zu schreiben; sich dann\nspäter selbst über die Bedeutung des! Geschriebenen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7949, "texte": "Auf einmal steht auf dem Weißen Rand\nfter Zeitung ein Name im Arabeskenschmuck oder\nblumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf dem Kopf\ngestellt, ich1 meine ein Wort in Spiegel-\nschrift geschrieben. Ich habe dasselbe fesselnde\nGefühl beim Ansehn einer interessanten Handschrift\nwie bei einer guten Federzeichnung oder ieinem\nGemälde. Und doch möchte ich darum die Hand-\nschrift nicht mit der Malzeichenkunst in einen Far-\nbentopf oder in ein Tintenfaß werfen. Aber der,\nwelcher sich verzweifelt nach einem Talent sehnt,\nmöge es zunächst in seiner Handschrift suchen. Oft\nhat schön der Lehrer sie im Keim erstickt. Den\nmeisten bleibt die Schrift nichts wie Inhalt — die\nNachricht erfreut ihn, ärgert ihn, namentlich wenn\nsie noch daz!u undeutlich geschrieben ist. Warum\nKörte ich nie jemand sagen: Erklären Sie mir diese\nöder jene Handschrift. ICh meine nicht des sprach-\nlichen Verständnisses) wegen, auch nicht aus grapho-\nlogischem Grunde; rein künstlerisch! iWie ja so\nloft die Frage aufgeworfen wird vor einem Bildnis.\nEs hat noch nie jemand von einer Handschrift den\nalltäglichen Ausruf getan: „Die ist mir zu hoch!\"\nUnd doch1 gibt es gerade Meister dieser Schul-\nmeisterkunst. Diejenigen sinds, die sich im Klas-\nsenzimmer Strafe holten ihrer Klaue wegen. Es\ngeht ihnen wie dem Genie, welches die Kunst-\nschule ausspie. Handschrift ist erblich1 wie jedes\nTalent. — Für mich kommt kaum der Inhalt eines\nBriefes in Betracht; ich kann mich für den Schrei-\nber nur seiner ißuchstaben wegen interessieren.\nUnd es geschah schon, daß ich1 ganz entzückt einen\ntinverschämten Brief beantwortete und umgekehrt.\nDie Schrift ist ein Bild für sich und hat nichts mit\ndem Inhalt zu tun. Jeder lernt schreiben, eine\nMenge Menschen haben es in ihrer Handschrift\nzur Kirnst gebrächt. Und darum auch1 gibt es in\nkeiner Kunst so viele Epigonen, wie in der Kunst\nder Buchstaben. Für diese Nachahmer ist jeder\n[Buchstabe ein Qestell, dem sie einen Mantel um-\nhängen, den ein anderer gewebt hat, sie verstehn\neben ihre Blöße zu bemänteln. Die ursprünglichen\nEpigonen sind reichgewordene Frauen, die sich be-\nmühen ihre so oft charakteristische Ladenmädchen-\nschrift Zentimeter hoch heraufzuschrauben direkt zu\nhochmütigen Gänsehälsen. Der Mann möchte Be-\ndeutung in seine Schrift legen und ahmt der Hand\ndes ihm Geistigüberlegenen nach. Ungemein sym-\npathisch berührt mich die sogenannte Tatze, die\nSchrift der Knaben wenn sie den Aufsatz ins\nDiarium schreibein. Hier diese Zeilen hat ein Mäd-\nchen vorsichtig un|d sanft geschrieben. Manchmal\nlachen auch Briefe oder sind erbittert, die Schrift\nriecht fast nach Galle. Meines Freundes Brief blin-\nzelt, eine Faunlandschaft. Dein Onkel schreibt eine\nkleine, rundliche, gleichmäßige Handschrift wie\nTaler. Geizhals ist er, aber kein Handschriftkünst-\nler wie mein Freund der Faun. Interessant sind die\nspitzauslaufenden Buchstaben auf dieser Seite, jedes\nWort ein Wolfsgebiß. Und doch' kein Tiergemälde.\nInteressant wirkte auf mich die Korrespondenz, die\nich erbrach zugunsten der (Kunst, zwischen JKarl\nKraus und Herwarth Waiden. Alte und neue Mei-\nsterstücke. Ich sprach sichton einmal in meinem\nEssay über die Pietät in Karl Kraus Buchstaben.\nSeine Handschrift ist ein Dürergemälde. Meine\nHandschrift hat ,als Hintergrund den Stern jdes\nOrients, pft sagten mir Theologen, ich schreibe\ndeutsch wie hebräisch oder arabisch'. Ich denke\nan der späten Aegypter Fetischkultur; ihnen ging\naus dem (Buchstaben schön die Blüte auf. Der\nZwischenduft der Handschrift mit Zeichenmalkunst\nverbindet. Mir fallen noch die Schriften der Chi-\nnesen und Japaner ein. „Die Mitternacht zog\nnäher sChön, in stummer Ruh lag Babylon\" — die\nplötzliche Geisterschrift an der Wand entsetzte die\nberauschten (Gäste nicht des Inhalts! wegen, idas\nfurchtbare Schriftbi 1 d war es. Sie erblickten\nden Inhalt des Fluches. Darum ist auch das Ver-\nständnis zur Kunst ein Seltenes! und Erhabenes —\nes liegt uns im Gesicht und geht uns1 vom Gesicht\naus. — Die Kaufmannshandschrift — ich möchte\nnoch1 Vorher fragen, hat sChon einer der Leser ein-\nmal ein Lebenszeichen vom JDichter Peter Baum\nbekommen? Nämlidi' gerade bringt mir der Post-\nbote so ein Sommerbildchen, Buchstaben: Mücken-\nschwarm, der vergnügt in der Sonne tanzt. Seine\nKarte blendet. Ich1 bin bei der Kaufmannshand-\nschrift — phantasielos, nüchtern, sie liegt be-\nwegungslos auf dem Papier. Kühle Tatsache. Der\nkaufmännische Reisende dreht seinen Buchstaben\neitel den Schnurrbart. Stutzig mäChen mich Briefe,\ndie vom Geschäftsmann geschrieben sind und von\nÜer Buchführung doppelt abweichen. In dem Schrei-\nber steckt sicherlich das Handstehrifttalent. Es gibt\nauch Launen der Schrift. Kinder, die erst morgen\ndem Christkind schreiben wollen, da sie heute nicht\nsChön schreiben können. Meiner Mutter Briefe\nwaren schwermütige Cypressenwälder, meines Va-\nters Schrift reizte zum Lachen, humoristische Zeich-\nnungen aus dem Struwelpeter. Kohlrabenpech-\nschwarze Mohren oder der böse Nicolas steckt\ndie Jungens ins Tintenfaß, gelungene, amüsante\nUeberschwemmungen von Tinte waren die Briefe\nmeines Vaters. — Es gibt auch Schriftinspirationen,\nviele Menschen berauschen sich an ihrer Schrift, und\nden Inhalt, den sie aufschreiben, ist nur Vortäu-\nschung. Ich schreibe oft, um miCh durch meine\nSchrift zu erinnern, mein Vater um sich zu ergötzen.\nMeine Schwestern schreiben zweierlei: die älteste:\nReisebilder, die andere: Kinderbilder. Der einzige\nPlastiker der Handschrift, den ich1 kannte, war St.\nPeter Hille, Petrus —er schrieb Rodins. Wie viel\ndeutlicher gemalt ist das tiefsinnigste Bildnis, |als\ndie ausgeschriebene Handschrift (rein künstlerisch\nverstanden). Aber auCh' die kann dilettantisch sein,\nwenn sie ohne Tiefe und Geist und nur aus Ausi-\nübung entstanden ist. Manche sogenannte schöne\nSchrift allzudeutlich, Oelbilder nach Sichel. Lieber\nist mir schon die Pfote von ]Aujuste. Ihr Brief\nund die Antwort vom Schätz, geben sich einen\nSchmatz. Derbe Genrebilder. Vielerlei gibts davon.\nAehnlich wie die Köchin schreibt das Dienstmäd-\nchen, die Kellnerin, das kleine Mädchen, die kecke\nHure. Aber loser geheftet, unordentlicher ihr Brief,\nein leicht schaukelndes Gerippe. Weit eher ist die\nDemimonde eine Epigonin. Sie stiehlt lächelnd und\nliebkosend die Buchstaben der Originale oder ver-\nsteht nie die Sprache auch die gchrift ihres in\nFessel gelegten Herrn zu kopieren und belecken.\n— Habe ich schon gesagt, daßi es auch Stilleben\nin der Handschrift gibt, zehnseitenlange Briefe, die\nschlafen, aber deren Inhält yoll Leben sprudeln;\nHandschriftkünstler, die schulakademisch erzogen\nund erwogen sind. — Manche Buchstaben\ngucken neugierig; gewissenhafte Schriften,\nwo die Buchstaben getrennt auseinanderstehen. Er\nwar sehr niedergeschlagen, als er diesen Brief\nschrieb, seine Handschrift war dünn aufgelegt.\nHochbeglückt, glänzen die Vokale — glückliche\nHandschrift. Ich habe ein kleines Laboratorium\nvon Schreibkaninchen, die ich anrege, mir Briefe\nzu schreiben. Sie können sich also schon auf meine\nErfahrung verlassen, lieber Sturmleser; es! tut mir\nunendlich leid, daß mein Manuskript dieses Aufsatzes\nnicht in Ihre Hände gelangt. Trotzdem es mit\nschwarzer Tinte geschrieben ist, wirkt esi blau, tief-\nblau, liebesblau. Den wissenschaftlichen, lang-\nweiligen Inhalt müssen Sie schon in Kauf nehmen\n— seine Handschrift ist ein Liebeslbildnis. Ich dachte\nnämlich1 ,indem ich über „(Handschrift\" schrieb, an\ndrei schöne Königssöhne. In Wirklichkeit schrieb\nich drei Briefe; den ersten an Zeuxis, den grie-\nchischen Maler, der nun in Berlin wohnt. Er sei\nmein Ideal, aber ich ginge nicht an ihm zugrunde.\nIch schrieb dem guten Prinzen von Afghanistan,\ndaß er mein Typ sei und daßi wir ineinander ver-\nwachsen wären. Ich schrieb Wilhelm von Kevlaar,\ndaßi er mein Symbol war, daß ich' am Sterben\nläge, denn ich hätte an die große Treue geglaubt,\nan seine Treue zu mir, und er habe sie gebrochen.\n■K 9\nDas Manuskript liegt dem interessierten Leser\nzur Verfügung in der Direktion."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "310", "page_fin": "311", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.7", "titre_corps": "Leitfaden der Weltgeschichte : III / Neuzeit", "titre_sommaire": "Leitfaden der Weltgeschichte : III / Neuzeit", "signature_source": "Robert Seheu", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.4", "debut_caractere": 7951, "fin_caractere_exclue": 12829, "texte": "Leitfaden der Weltgeschichte\nIII / Neuzeit\nVon Robert Seheu\nDer Rückschritt war im Mittelalter derart gang\nund gäbe, daß es schließlich ein öffentlicher Skandal\nwurde und der Eintritt der (Neuzeit nicht mehr\nlänger aufgehalten werden konnte. Die war, seit-\ndem Kolumbus auf dem nicht mehr ungewöhnlichen1\n,Wege seines Eis Amerika entdeckt hatte, ohnehin\nnur eine Frage der Zeit. Ungemein gesundheits-\nschädlich wirkt die Erfindung des Schießpulvers,\ndie kolossal vielen Personen der Neuzeit, die damals\nnoch! gar nicht lebten, das Leben kostete. Dies!\nmußten aber trotzdem noch hbchentzückt sein, weil\nsie ohne das Schießpulver im Mittelalter verstorben\nwären, was noch viel unangenehmer ist. Dagegen\nbleibt die Erfindung der Buchdruckerkunst |schon\nvom rein buchhändlerischen Standpunkt freudig zu\nbegrüßen. Was ohne die Buchdruckerkunst jaus\ndem Buchbindereigewerbe geworden wäre, läßt sich\ngar nicht ausdenken. Was Kolumbus zur Ent-\ndeckung Amerikas bewogen hat, ist bis heute noch\nnicht festgestellt, vielleicht {die Befürchtung, jdaß\nsonst Europa von -Amerika entdeckt würde. Das\nZiel seiner Fahrt twar seine /eigene Nase, der er\nnachreiste. Nun wuchsen iiie Weltumsegler\nPilze aus der Erde. Es gab kaum einen Seeweg\nnach Ostindien, der nicht entdeckt wurde. Die\nKugelgestalt der Erde wurde geradezu mißbraudht,\nso von Cortez und Pizarro. Viele Wilde, die sonst\nkeine Gelegenheit gehabt hätten, hingerichtet zu\nWerden, verdanken dies den europäischen Ent-\ndeckern. Maximilian, der sich den Beginn der Neu-\nzeit von der Martinswand betrachtete, nahm den\nTitel eines römischen Kaisers an. Ungefähr\ndiese Zeit wurden die Ablässe tief unter dem Selbst-\nkostenpreis verkauft. Martin Luther, der es nicht\nlänger mit ansehen konnte, schlug fünfundneunzig\nThesen an der Schloßkirche von Wittenberg an,\nohne zu beachten, daß dort das Zettelankleben ver-\nboten war. Kein Wunder, daß der Papst in seinem\nersten Zorn durch eine scharf gebellte Bulle ein-\nundvierzig Artikel aus Luthers Schriften verdammte.\nEigentlich hatte er sich nur versprochen, indem\ner sagte : „Diese verdammten einundvierzig Artikel\".\nWeil er aber «als Papst unfehlbar war, konnte er es\nnicht mehr zurücknehmen. Luther heizte nun, wenn\nes ihn fror, nur noch mit päpstlichen Dekretalen.\nDaß unter solchen Umständen Bauernkriege an der\nTagesordnung waren, wird niemand überraschen.\nDie Wiedertäufer, die sidh durch Uebereifer im\nTaufen mißliebig gemacht hatten, wurden gefangen\nund hingerichtet. Auch sonst wurde Luther durch\ndie verschiedensten Reformatoren, wie Calvin {und\nZwingli1, Schmutzkonkurrenz bereitet. Wie sich der\nkleine Moritz von Sachsen den schmalkaMischen\nKrieg vorgestellt hat, wollen wir mit Stillschweigen\nübergehen. Was die Hugenotten eigentlich beab-\nsichtigten, ist unklar. Sie wurden ermordet und\nvon Meyerbeer in Musik gesetzt. In Italien wuchs\ndamals ein guter Jahrgang in Uebermenschen.\nAlexander der Sechste und Cäsar Borgia mordeten\nso fleißig, daß man die Volkszählung nicht durch-\nführen konnte. Gregor der Dreizehnte verbesserte\ndas Kalenderwesen durch Einführung von Abreiß-\nkalendern. Im Jahre 1556 kommt Philipp der\nZweite in der Maske Mitterwurzers zur Regierung.\nEine seiner besten Rollen. Das durch tund\ndurch' ungemütliche Vorgehen der Inquisition be-\nwirkte den Abfall der Niederlande, die den Herzog\nAlba durch1 Hinrichtung Egmonts vergeblich an\nSpanien zu fesseln gesucht hätte. Auch in Eng-\nland wurden einige Schillersche Figuren hingerich-\ntet, wie Maria Stuart, die Shakespeare aus Rück-\nsicht auf Elisabeth nicht verwerten konnte. Unter\nKarl dem Ersten verweigert John Hampden die\nZahlung des Schiffsgeldes und wird dadurch als\nmoderner Mensch1 in weitesten Kreisen berühmt.\nVon da an (wird immer häufiger nichts gezahlt,\nwodurch sich die (ekelhafte Teuerung wenigstens\nbis zu einem gewissen Grade mildert. Karl der\nGroße wird vom Parlament geköpft\nment). C romwell, ein glattrasierter Herr mit oliven-\ngrünen Gesichtszügen, hat £S insbesondere auf die\nPresbyterianer scharf, was jedermann begreifet!\nwird, der schon einen Presbyterianer gesehen hat.\nDem westfälischen Frieden ging ein jdreißig-\njähriger Krieg voraus, bei dem anfangs auffallend\nstark geböhmakelt wurde. Im Beginn des dreißig-\njährigen Krieges steht ein Misthaufen, auf den der\nStatthalter Martiniz und Slawata und der Geheim-\nschreiber Fabricius geworfen wurden. Die Utra-\nquisten waren Leute, die sich1 absolut nichts ge-\nfallen ließen und leicht handgreiflich wurden.\nEs kam zur Schlacht am weißen Berge, welche\nim Interesse Friedrich jdes Fünften besser unter-\nblieben wäre. Alb recht von Wallenstein, ein Mann,\nder durch vieles Nachdenken einen Spitzbart be-\nkommen hatte, konnte keinen Hahn krähen hören.\nGustav Adolf war nicht schlau genug, diesen Um-\nstand zu benutzen, und statt Wallenstein durcH\ngeschickt imitiertes Krähen in die Flucht zu\nschlagen, bezog er ein festes Lager bei Nürnberg*"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3025, "texte": "wo sich beide Feldherren sieben Wochen lang\ngegenüberlagen. Die dadurch hervorgerufene Lang-\nweile tötete Gustav Adolf bei Lützen. Da Wallen-\nstein nicht einsah, warum er nicht ebensogut Kaiser\nwerden könne, blieb nichts übrig, als ihn mit einer\nHellebarde zu ermorden. iWallenstein war leider\nso ungeschickt, die beiden Arme im kritischen Mo-\nment auszubreiten, wodurch die Ermordung un-\ngeahnt erleichtert wurde. Es bestätigte sich bei\ndieser Gelegenheit, daß aus der Sternguckerei nicht\nviel herausschiaut. Seni scheint kein erstklassiger\nSterngucker gewesen zu sein, Wallenstein scheint\nden senilen Menschen aus übel angebrachter Spar-\nsamkeit angestellt zu haben. Wovon Seni nach\nWallenstein s Tode lebte, wird in der Geschichte\nauffallenderweise nicht erwähnt. Es ist sehr zwei-\nfelhaft, ob er wieder eine so gute Würzen gefunden\nhat. Hätte der dreißigjährige Krieg noch einmal\nsolange gedauert, so hätte ihn überhaupt kein Zeit-\ngenosse überlebt. Es muß damals ungeheuer viel\nPartezjettel gegeben haben. Beim Ende des dreißig-\njährigen Krieges war Deutschland so entvölkert,\ndaß man nicht iwußte, was man mit den vielen\nQuadratkilometern anfangen solle. Dafür hatten\n'die übrig gebliebenen Leute das Recht, sich eine\nbeliebige Religion auszusuchen.\nEtwas Arroganteres als Ludwig den Vierzehnten\nkann man sich nicht leicht vorstellen. Infolge seiner\nSittenlosigkeit und der von ihm arrangierten Raub-\nkriege blühte die französische Literatur außerordent-\nlich auf. Er bereitete die französische Revolution\nsorgfältig vor und war erfinderisdh! in der Aus-\nfindigmaChüng von Kriegen. Er scheint über irgend\netwas sehr wütend gewesen zu sein, wie aus der\nfurchtbaren Verheerung der Pfalz hervorgeht.\nim Jahre 1683 führten die Türken den Kaffee\nin Wien ein. Sie veranstalteten zu diesem Zweck\neine Belagerung, bei der sie schrecklich ungeschickt\nzu Werke gingen. Es ist doch nicht so schwer,\nvom Kahlenberg nach Wien zu kommen, und daß\nsich die Wiener gar so gewehrt haben, nicht wahr-\nscheinlich. Auf Veranlassung des Prinzen Eugen\nzogen die Türken wieder in die Türkei zurück, wo\nsie unter dem Halbmond bis heute das denkbar\nruhigste Leben führen.\nPeter der Große wurde von den Strelitzen in\nunverantwortlicher Weise behelligt. Kaum fuhr er\nein bißchen aus dem Land, so veranstalteten sie\neinen Strelitzenaufstand und er mußte seinen Urlaub\nunterbrechen.\nBald darauf entstand wegen einer hervorragend\nlangweiligen Stammtafel der spanischb Erbfolge-\nkrieg. Er dauerte volle dreizehn Jahre, die die\nkriegführenden Parteien dazu verwendeten, die Ur-\nsachen und den Zweck des jKrieges und die all-\njährlich vorgefallenen Schlachten auswendig zu\nlernen. Als ihnen der Kopf endlich' so großi wurde\nwie ein Wasserschaffel, schlössen sie den Frieden\nzu Utrecht, durch den England die Hudsonbai er-\nhielt und noch viele andere Dinge festgesetzt wur-\nden, deretwegen der Krieg nicht geführt worden\nwar.\nVon Robert Scheu: Lei 1f ad e n der Weltgeschichte\nerschienen Altertum in Nummer 8, Mittelalter in\nNummer 16 dieser Zeitschrift."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "311", "page_fin": "311", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.8", "titre_corps": "Brandt-Glossen : Die Komödie", "titre_sommaire": "Brandt-Glossen : Die Komödie", "signature_source": "Rudolf Kurtz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.5", "debut_caractere": 3027, "fin_caractere_exclue": 8599, "texte": "Brandt-Glossen\nDie Komödie\nRudolf Kurtz\nDer Inhalt des Joachim vlon Brandt ist am\nehesten aus der bei S. Fischer erschienenen Buch-\nausgabe zu erfahren. Sicherer und angenehmer\njedenfalls, als durch die szenische Interpretation,\ndie übrigens dem Direktor Barnowsky keineswegs\nvergessen werden soll. (Ein großes! deutsches The-\nater (mußte das Werk ablehnen, weil Einer sich\nWeigerte, zur Tür hinausgeschleppt zu werden, wie\nes seine Rolle verlangte. Von Talma wärs ein\nschöner Zug, aber von einem sozusagen zivilen\nMenschend a rste 1 1er...)\nIdh habe der Lektüre dieses Werks eins! der\ntiefsten Erlebnisse zu verdanken, die mir die letzten\nJahre zugeführt haben. Eine Reinigung der £}e-\nhirnbahnen von verkrusteten Empfindsamkeits ■\nPesten, ein anständiges aufheiterndes Ozonisieren\nder Gehirnrinde. Ein Wort Diltheys über Lessing\nvermittelt prachtvoll das letzte Fingerspitzengefühl,\n$aßi man bei weiter Entfernung noch vom Werk\nherübersprühen fühlt: „Er phosphoresziert vor\nLogik\".\nUeber den Grundriß, auf dem die individuelle\nHandlung aufgeschichtet ist, sei vielleicht folgendes\nbemerkt. Joachim von Brandt ist der legendäre\nRafael ohne Arme. Ein dämonischer Mensch, der\nnicht zu seiner Form kommt. Die wuchernde Kraft\nzerstrahlt nach allen Seiten, aber soweit die Strahlen\nauch fallen, nie treffen sie auf einen Widerstand.\nUnd so müssen sie immer weiter, immer weiter.\nIch glaube dem Herrn von Brandt aufs Wort, daß\ner innerlich sehr müde ist. Aber er muß> gleichsam\nexperimentieren, wie weit man dem trägen Mast-\nvieh, der Masse, den andern, aufreizende Gewürze\nin die rechtens geschundene .Haut streuen kann.\n(Und still glimmt irgendwo ein sehnsüchtiges Hof-\nfen, über diesen armseligen Sumpf zu einem Gefühl\nseiner Persönlichkeit zu \"kommen.) Aber die Bestie\nrührt sich kaum und ist mit Futter immer wieder\nzu beruhigen. Bis der Kleinstadtregent, in seiner\nwohl empfundenen Bedeutung aufs tiefste gereizt,\ndie Würde des Gesetzes in Szene setzt. Jetzt richtet\nsich die Grenze vor Brandt auf: das Gesetz. Und\nals er einsieht, daßi Widerstand nur sieine Distanz\nzu den andern verkürzt, (daßi ihn kein Gesetz der\nPersönlichkeit, sondern eine Laune legitimiert,\nordnet er sich still ein. Und nun, da ihm diese\nErkenntnis ein neuer Wert, eine gewisse Realität\nwird, verbeugt sich' aus realpolitischen Gründen\ndas Gesetz vor ihm. Das Schicksal konstatiert\ngrinsend die Ausnahme. Nun ist seine Hilflosig-\nkeit ohne Grenzen. Alles fließt ineinander. Ja,\nwenn der Dämon nicht wäre, könnte ihn Candides\npraktische Weisheit noch retten? „Laßt uns hinaus-\ngehen und den Garten bestellen.\" Pflichtmäßiges\nHandeln: das ist die allen Menschen gemeinsame\nEbene. Aber Joachim von Brandt lernt es glück-\nlicher: ihm wird ein Kind geboren.\nIch halte diese Bemerkungen dem Bühnenbild\ngegenüber nicht für überflüssig. Das Schauspiel\nhatte sich im Kleinen Theater in ein anderes Format\ngefunden. Der Joachim von Brandt ist ein böcklin-\nscher Mensch, der nackt durch die Gassen zur\nTränke jagt. Alfred Abel aber ließt eine leichte\nAnämie nicht vermissen. Dieser große Schauspieler\n— drei gibt es ja wohl in Berlin — verkehrte so\nziemlich die Verhältnisse. Beim Brandt muß es\nmit immer neuem Erstaunen erlebt werden, (wie\ndiese starke Natur von innen heraus geschüttelt\nwird: bei Abel flaute das zu nervösen Ausbrüchen\nab. Er war mir überhaupt zu beweglich für den\nRittmeister von Brandt. Selbstverständlich gab es\nSituationen, wo nur ein Schauspieler von der\nmenschlichen Tiefe Abels für allzubedachte Worte\ndie Geste einer hingerissenen Situation fand. Aber\nsein Exterieur störte nicht nur den Zuschauer: sie\nruinierte auch den Eysen Herrmann Wlachs. Der\nhat als ein feiner schfrialer Mensch neben ihm zu\nsein, ein gedämpfter Charakter und nicht vom\nbesten Blut. Neben Abels schlenkriger schlottriger\nHaltung wirkte dieser Eysen lächerlich gesund und\nbrutal. Uebrigens hatte sich Wlach augenscheinlich\nnoch nicht in das Ensemble gefunden. Denn seine\nQualifikation für diese Rolle ist mir verbürgt.\nDie große Leistung des Abends war Landasi\nRegierungsrat. Er war mir schon kürzlich in einem\nblutarmen Feuilleton von Burckhardt aufgefallen:\ndies aber war eine Leistung großein Stils. Mit einer\nbehutsamen Empfindlichkeit für den Tonfall des\nGesprächs wußte er lange Satzreifen dynamisch\nzu gliedern, Sätze aufzulösen, Worte in einer höchst\npersönlichen Form zu belichten: das Außergewöhn-\nliche seines blendenden speechs! durch das Außer-\nordentliche der Persönlichkeit gleichsam (selbstver-\nständlich zu madhen. Das Lessiingtheater könnte\nfür diesen Schauspieler einige seiner Mitglieder in\ndie Provinz verschicken.\nMaxens Apotheker, den famosen Adalbert\nMotz und Ilka Grüning als Frau Motz kann ich nur\nnoch als schöne Leistungen, verzeichnen. Nur die\nRegie war mir zu (diskret: ich vertrage es nicht,\nwenn man die am stärksten belichtete Situation des\nganzen Werks — als Brandt die Geburt seines!\nKindes erfährt — glatt unter den Tisch fallen läßt.\nUeberhaupt vermochte ich den letzten Akt auf der\nSzene kaum noch wiederzuerkennen.\nIch halte den Abstand von Heimanns ästheti-\nscher Intelligenz und seiner dichterischen Be-\nlebungsfähigkeit für zu groß), um ihn als einen\nspezifischen Bühnendichter zu empfinden. Seinem\nTemperament fehlt das Dumpfe, Vegetative : er ist\neiner jener Platoniker, die ihre Gestalten bis auf\nihre leiseste Bewegungen in 'das Bewußtsein ge-\nhoben haben. So sehr ich Moritz Heimann in\ndiesem Werk als Dichter lieben gelernt habe, bitte\nich, an ein Wort des alten Goethe erinnern zu dürfen:\nZum Dichter gehört eine gewisse, ins Reale ver-\nliebte Beschränktheit"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c009", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "311", "page_fin": "311", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.9", "titre_corps": "Nicht erlogenes Foyergespräch", "titre_sommaire": "Nicht erlogenes Foyergespräch", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.5", "debut_caractere": 8601, "fin_caractere_exclue": 8993, "texte": "Nicht erlogenes Foyergespräch\n„Wissen Sie, Herr Kollege, er geht doch' m\nweit. Man kann nicht schreiben: Eingesetzt bi«\nich, zu richten.\"\n„Ueberhaupt, der Herr Kerr ist viel zu sub-\njektiv. Wen geht es schließlich an, was irgend\neiner für eine Ansicht hat. Das Publikum kümmert\nsich ja Gottseidank auch nicht darum.\"\n„Ja, Herr Kollege, Sie haben Recht, es will\ndie öffentliche Meinung hören.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "311", "page_fin": "311", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.10", "titre_corps": "Die öffentliche Meinung", "titre_sommaire": "Die öffentliche Meinung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.5", "debut_caractere": 8995, "fin_caractere_exclue": 12149, "texte": "Die öffentliche Meinung\nDie Herren von der Presse gehen nun\nenergisch gegen die Literatur los. Sie markiere»\nGewitter, wenigstens in ihren Theaterkritikein.\nSchreibt endlich einmal ein anständiger Mensch ein\nanständiges Stück, so haben die Herren die schwer-\nsten Bedenken, denn es könnte ihnen das Geschäft\nstören. Nebenbei : ich habe richtig vermutet. Herr\nSkowronnek gehört nicht zum stücke schreibenden\nPressesyndikat. Wasl glaubt man, tut also Herr\nTurszinsky? Er wendete sich wieder verzweiflungs-\nvoll nach Breslau und behauptet, daßi Herr\nSkowronnek — Gliche schwanke schreibe. So-\nzusagen, in seinem Jargon gesprochen: ein Unter-\nliteraturnormalmensch. Man sieht, die Herren ver-\nstehen sich allmählich auf Differenzierungen. Also\ndie öffentliche Meinung lehnt Herrn Moritz Hei-\nmann ab und tut so, als ob die Komödie höchsten#\neinen mäßigen Erfolg gehabt habe, den selbstver-\nständlich dem Autor seine Freu nd e bereiteten.\nEs ist der „öffentlichen Meinung\" offenbar unan-\ngenehm, wenn einmal sechs Leute im Theater sind,\ndie nicht zu ihrer Sippe gehören. Tatsächlich bleibt\nzunächst festzustellen, daß die Komödie einen außer*\nOrdentlichen Erfolg hatte, ajn dem sich nur die,\nHerren vom Lotharsyndikat nicht beteiligten. Herr\nNorbert Falk schrieb in der B. Z. am Mittag in;\nletzter Zeit einige für ihn auffallende Kritiken. Jetzt\nhat die Erde ihn wieder. Er tobt über die „Cafe-\nhausliteraten\". Endlidh erfährt man auch, wo diese\nGeschöpfe sich aufhalten sollen. Im Cafe des\nWestens. Als ich und sio oft ich dieses Lokal auf-\nsuchte, fand ich nur Bierhausliteraten dort, die mir\nden Aufenthalt so verekelten, daßi ich seit Monaten\neinen mir bequem gelegenen Ort zur Lektüre von\nGeistesprodukten der öffentlichen Meinung meide.\nHerr Norbert Falk verwechselt wieder einmal Lite-\nratur (Kunst) und Leben. Hält sich für ungeheuer\nlebenstüchtig und lebensklug und spuckt auf die\nganze Literatur. Sie allerdings auch auf ihn. Wird\nman denn niemals in Deutschland begreifen, jdaßl\nKunst und Photographie zwei gegensätzliche Dinge\nsind. Wie kann man (das von Herrn Falk ver-\nlangen, dem nur die Berliner Morgenpost und die\nBerliner Illustrierte Zeitung zur Verfügung steht,\nwenn der Doktor Artur Eloesser auf dem gleichen\nNiveau flaniert, trotzdem er für die Vossische Zei-\ntung von Staats- und (gelehrten Sadhen schreibt.\nEr beschäftigt sich' mit der Neuen Rundschau und\nfindet, daß Heimanns Geist von ihr infeiert sei.\nSoviel Geist besitzt dieses! (Blatt aber nicht, um1\nso verschwenderisch damit umgehen zu können,\nwenn es auch Herrn Eloesser maßlos! zu impo-\nnieren scheint. Ja, meine [hochverehrten Herren,\nSie sind alt geworden, ohne jung gewesen zu sein,\nSie haben ausgespielt, ohne die Bühne je betretet*\nzu haben. Sie haben viel geschrieben, aber es ist\nfür schlecht befunden worden. Mit einem Wort:\nSie, die Vertreter der öffentlichen Meinung, haben\nnicht die Ahnung, was Kunst und Literatur\neigentlich ist. Trinken Sie vergnügt ihren Schoppen,\nund seien Sie liberal wie Ihre politischen Kollegen :\nGönnen Sie mir meine Schale schWarzen Kaffees,\nkritisieren Sie das Leben, dann haben Sie die Erde\n' r Jk >\nund die Erde hat Sie wieder!\nTr uät"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "312", "page_fin": "312", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.11", "titre_corps": "Konzerte", "titre_sommaire": "Konzerte", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3719, "texte": "Konzerte\nAlfred Döblin\nViele Dinge suchen mich daran zu hindern,\nmein Vorhaben auszuführen und Konzerte zu be-\nsuchen. Konzerte erfreuen [sich ja, wie ich jetzt\nerfahre, einer gewissen Beliebtheit; erstens als Ver-\nsammlung von Menschen, besonders abends. Man\nhat nichts zu tun, kann sich umziehen; meist hat\nman auch etwas Kopfschmerzen und möchte sowieso\nweggehen. Und dann ist Musik dabei, wird ernst-\nhaft vorgetragen, nicht so wie in den Cafes, die\nauch ganz nett ist, aber mich wegen ihrer Schludrig-\nkeit oft abstößt. Es gibt $0 schöne, so schöne\nMusik, und gelegentlich Wort man sie in einem\noder dem andern Konzert. Natürlich mußi man in\nviele gehen, um sie zu [finden; leicht ist in der\nKunst nichts. Aber ich kann wirklich meinen festen\nEntschluß, Konzerte zu besuchen, schwer ausführen.\nIch rede nicht von dem Mangel an mir sympathi-\nschen Billets; schließlich ist ein Konzert wie das\nandere. Ich habe vielmehr eine [Beobachtung ge-\nmacht, auf die jnich ein Gespräch mit einer Gar-\nderobenfrau führte1, einer weltmännisch gebildeten\nDame mit abwechslungsreicher Vergangenheit. Man\ntrifft gewöhnlich iin den Konzerten nur Mädchen,\nSonderlinge und Engländer. Die Kritiker rechne\nich in die Kategorie der Engländer, weil ich beide\nnicht verstehe. Ein einziges Mal bei den vier Kon-\nzerten, die ich in meinem Leben besuchte, traf ich\nein mehr humanes [Wesen; der stellte sich dann\nals Bürstenbinder heraus, der, hochbetagt, hier den\nVerlauf seines Mittelohrkatarrhs und Otostkerose\nkontrollierte, weil er keine Stimmgabeln kaufen\nWollte und Billets gratis bekam. Es ist für jemand,\nder sonst nur sich1 unter den herkömmlichen Per-\nsonen aufhält, ein kompromittierendes Gefühl, solch\nEintritt in den Musiksaal. Da steht und sitzt eine\nAxt Gilde herum, etwas kaum Ernsthaftes, so wie\nHeilsarmee, Ach Gott, soviel Mädchen. Es ist\nschlimm, daß bei uns die Musik herabgesunken\nist; es geht wie der Tanzkunst; überall im\nVordergrund diese planlose, (meist unbedeutende\nAbart Mensch.\nNun hörte ich am Sonnabend Chopin, besser\nHerrn Ignaz Friedman. Man lese in meiner\n„Kalypso\" genauer nach, wie die Beziehung des\nVorführers zum Komponistein zu fassen ist. Die\nSängerin singt, weil sie eine Stimme hat, nicht\nweil es Mozart ist. Mozart ist Stoff, Kunst muß\nentmaterialisiieren; Spiritismus von hinten. Chopin\ntanzte auf seinen zerbrechlichen Stelzen an mir vor-\nüber. Herr Friedman spielte sehr interessiert und\nwohlwollend mit ihm; er setzte sich gut in Szene.\nOft sprang er entzückend an ihm vorbei, fast noch\nfeiner als Chopin selber. Das genießerisch Leckere,\ndas Leichte, Oberflächliche, beiläufig Bemerkte, ge-\nlang ihm gut; wenn es aber in Chopin kochte,\nschwoll der Herr odematös auf und hatte nur\nbramarbasierend dicke Backen. Kokett lehnte er\nsich nach der Anstrengung wieder zurück, schmun-\nzelt affektiert, überdehnte sich im Schmachten. Gut,\ngut. Und so hatte idi' dieses süßen Geistes Chopin\ndoch einen Hauch1 (verspürt.\nAm letzten Abend der jWodh'e durfte ich das\nganz andere Böhimische Streichquartett hören.\nMassive Temperamente, geistvolle Musiker vis-a-\n-vis ihrem Material ,das sich wie* neugeboren aus\nden Noten hob. Keine faselige Stimmungsmache,\nnichts von verderbter Süße. Sie brachten neben\neinem Haydn ein Dvorak-Stück — das mir immer-\nhin arm und ungehobelt erschien —, und ein Quar-\ntett von Reuß. Dieses ist s(infbnisch gedacht,\norchestral instrumentiert, äugelt mit Wagner, Strauß.\nWäre es ein Theaterstück, wjürde ich es ablehnen ;\nso demonstriert es wieder die Elastizität der Quar-\ntettform, den Klangreichtum und relative Tonstärke\ndieser vier Instrumentchen, die mögliche Poly-\nphonie. Mögen auch die guten, der Dramatik ab-\nholden Musiker nicht versäumen, in dieses Haus\neinzukehren."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c012", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "312", "page_fin": "312", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.12", "titre_corps": "Tolstoj und Heyse", "titre_sommaire": "Tolstoj und Heyse", "signature_source": "K. 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Das europäische Fa-\nmilienleben solle sich nur nicht stören lassen. Die\nganze Sache beruht ja nur auf allgemeiner Greisen-\ntaprigkeit, dementia senilis. Keim Leser der B. Z.\nsolle sich an dergleichen kehren, womöglich jauch\nFamilie, Börse und Lektüre der „B. Z. am Mittag\"\naufgeben. (Die besondere Infamie dieser Ullstein-\nschen Philosophie des Bauches besteht im Ver-\nschweigen der Tatsache, daßi Tolstoj von jseiner\nFrau auf die niedrigste Weise ausgebeutet wurde\n— was wenigstens den Lesern der B. Z. die An-\ngelegenheit ernster (und verständlicher gezeigt hätte.)\nGanz anders spiegelt sich die Sache immerhin\nim Kopfe des Herrn Karl Schnaidt, eines Journa-\nlisten, der minder gebildete Leser durch seine\nExkreimentalphantasie anzulocken versucht:\nIn seiner „Tribüne\", jenem Blatt, das liaupt-\nsächl i c h von Arb ei te r n gelesen wird, unter-\nsteht er sich' zu schreiben:\nIch persönlich habe mit nicht geringem Vergnügen\nNotiz genommen von der soeben bekannt gewordenen\nTatsache, dass der ehrwürdige Papa Tolstoj auf seine\nalten Tage seiner Gattin durchgegangen ist. Dass er\nsich obendrein vor den Freuden des häuslichen Herdes\nin ein Nonnenkloster geflüchtet hat, finde ich Wohl\nbegreiflich. Ich würde an seiner Stelle ganz ebenso\ngehandelt haben. Vorausgesetzt natürlich, dass man\nmich in ein solches Kloster aufgenommen hätte. Für\nNonnen habe ich als ehemaliger Katholik noch heutigen\nTages eine kleine Schwäche. Das mag daher kommen,\ndass ich als kleiner Junge das süsse Gebäck, Welches\nbei uns im Volksmund (Das Wort ist nicht\nwiederzugeben. Die Redaktion.) heisst, für mein\nLeben gerne ass. Noch heute läuft mir das Wasser\nim Munde zusammen, wenn ich solcher Schmauserei\ngedenke. Im Nonnenkloster aber würde es mir doch\nWohl kaum an dieser meiner Leib- und Magenspeise\nfehlen. Hauptsächlich aus diesem Grund~ beneide\nich den alten Leo Tolstoj um dieses sein neuestes\nErlebnis . . .\nSchneidt hat sich oft mit gleichsam umgekehr-\nten Byzantismus aufs servilste um die Gunst der\nAtbeiterkreise bemüht. Jeder weiß, daß der Ar-\nbeiter sich eine Zeitung, die ihm Genossen emp-\nfehlen, nicht zum Spaß kauft, sondern um sich\nzu bilden. Die grenzenlose Gewissenlosigkeit\ndieses Fäkalienjournalisten, der seinem Publikum\nden Fall Tolstoj aus der Unterleibsperspektive be-\nschreibt, soll nicht unbemerkt vorübergegangen\nsein!\nDas Berliner Tageblatt gibt Aeußerungen des\nNobelgreises Paul Heyse über Tolstojs Flucht\nwieder :\nEin Mitarbeiter des Triester „Piccolo\" hatte in\nMünchen eine Unterredung mit Paul Heise, während\nder auch über die Flucht Tolstois gesprochen wurde.\nHeyse erklärte, wie das italienische Blatt meldet,\nWörtlich: „Tolstoi ist ein Komödiant. Es sind\nKomödiantentricks. Wenn man achtzig Jahre im\nReichtum gelebt hat, kann man wohl sehr gut auch\ndie wenigen Jahre, die noch bleiben, im Reichtum\nleben. Wenn Tolstoi nicht durch Familiengründe\nbestimmt wurde, hat er diese Flucht entweder unter\nWirkung des Greisenalters oder aus Eitelkeit vollbracht.\"\nDieser Jubelonkel hat's nötig 1 Natür-\nlich ist ihkn Tolstoj unangenehm, natürlich. Der\nolle ehrliche Heyse hat aber auch1 gleich sein höch-\nstes Kriterium (in die Debatte geworfen: Die Be-\nhaglichkeit! Da habein wjir's, die Behaglichkeit.\nHeyse hat ja seine (Lebtage immer nur aus der\nFamilie und für die Familie gedichtet. Und nun\ngeht da so ein genialer Kerl aus Rußland im hohen\nAlter von seiner Familie weg? I, da muß ja die\nganze Heysesche Plüschmöbelkultur knacken! Der\ngute Heyse wird freilich nicht so bald aus seiner\nBehaglichkeit hervorkriechen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c013", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "312", "page_fin": "312", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.13", "titre_corps": "Berliner Abendstimmung", "titre_sommaire": "Berliner Abendstimmung", "signature_source": "Ernst Blass", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.6", "debut_caractere": 7861, "fin_caractere_exclue": 8371, "texte": "Berliner Abendstimmung\nErnst Blass\nStulnm würden längst die Polizeifanfaren,\nDie hier am Tage den Verkehr geregelt.\nIn süßen Nebel liegen hingeflegelt\nDie Lichter, die am Tag geschäftlich1 [waren.\nAn Häusern sind sehr kitschige Figuren1.\nWir treffen manche Herren von der Presse;\nUnd viele von den aufgebauschten Huren,\nSadistenzüge um die feine Fresse.\nO komm! o komm, Geliebte! In der Bar\nVerrät der Mixer den geheimsten Tip,\nUnd überirdisch, himmlisch steht dein Haar\nZur Rötlidikeit des Cherry-Brandy Flip."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c014", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "312", "page_fin": "312", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.14", "titre_corps": "Wochen- Spielplan der Berliner Theater", "titre_sommaire": "Wochen- Spielplan der Berliner Theater", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.6", "debut_caractere": 8530, "fin_caractere_exclue": 10313, "texte": "Wochen- Spielplan der Berliner Theater\nNovember Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Sonnabend Sonntag I Montag Theater mit gleichbleibendem Spielplan:\n22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. _\nDeutsche Kleines Theater Dienst», Freitag u. Montag*\nSchumannstrasse 13 a Don Carlos Faust Hamlet Jndith Herr und Diener Herr und Diener kommernacnts Unter den Linden 44 Joachim v. Brandt. An and.\nräum Tag. Verfl. Frauenz. /1. Kl:\nKammerspiele Trnin^Pn^TTplvntDer verwundete r , Der verwundete Der verwundete n . Modernes Theater n -n 1 x.\nSchumannstrasse 14 r Y°gel SrWülen V°gel V°^el Königgrätzerstr. 57| 58 Der Doppelmensch\nLessingtheater Das zweite Ibsenzyklus: Wenn der junge + TT t r + Tt \\ * tt k+• + Neues Theater Dienstag: Kean. Mittw..«\nFriedrich Karlufer i Leben Rosmersholm Wein blüht Unbestimmt Unbestimmt Unbestimmt Unbestimmt scbiffbauerdamm4a|s Freitag: Der Sieger,\nAb Sonnabend: G.m.b.Tenor\n*iO4?K)4 a Die Boheme Tosca Tiefland Die Boheme AbbT Die Bohöme Zigeunerliebe Der Unterpräfekt\n2SÄ*«.| j „Sim. | SSSS | »•—- | Md. j Carmen\nJN[ OUOS v Ttf\nWeh dem, der Jungfrau von Wann kommst Premiere Wann kommst eues „ „\nNbneSfftJ Uno lü^t Sternenhochzeit Orleans Du wieder? Genoveva Genoveva Du wieder? Operettentheater Der Graf von Luxemburg\nNollendorfstrasse lljl2 Schiff bauerdamm 25\nBerliner Theater Der scharfe Der scharfe Der scharfe Der neue Der scharfe Der neue Der neue Theater des Die schönste Frau\nChariottenstr. 93 Junker Junker Junker Kompagnon Junker Kompagnon Kompagnon Westens reitag. Geschlossen.\n. 1 & Kantstrasse 12 Soimab,: Das Puppenmadel\nKönigliches | Wallensteins Waiio -»r * 14.1,\nSchauspielhaus Der Familientag Der Krampus Die Räuber Lager n aiiensieins Der Krampns Der Famüientag Hurrah __ wir leben noojj!\nGensdarmewnarkt Die Piccolomini 10(1 Behrenstrasse 55|56"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c015", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "313", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.7", "debut_caractere": 163, "fin_caractere_exclue": 318, "texte": "i\n1. 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Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe. Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJ&hrlich zwOlf starke Hefte mlt Bei-\ntr&gen berlihmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deuischer\nForscher erhalten den „Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fOrdernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. 7.20. Jahresabonnement Mk. 5.50,\nbezw. 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Kurse von Friedr. Mester Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fuhrender Stellung). Grilndliche\nEinfuhrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationellea\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur ein mehr-\njahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fiir Anf&nger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- una Bilaaz-\nTechnik, Biiro-Praxis sich vorbereiten wollen —\nsowohl fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\nsolviert haben, wie fiir\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen, Einjihrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfur Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fiir Verwaltuns: wirtschaftlicher Unternehmungen oder VerbSnde,\nAktien- oder ahnlicher Gesefischaften sich vorbereiten wollen. 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Bei\nNervenschwache, Magen- und Darmleiden, Gicht\nund Rheumatismus, Frauenleiden u. a. m. beat-\nPost Mel len bach bei Sehwarzburg im Thfiringer Wald\ngeeigneter Aufenthalt\nBesitzcr und Letter; I>r «112.\ned. W. Hots\nAllseit Reformbestrebungen,\ninsbes. derPflege pers6nlicher\nKultur und gesunder Lebens-\nansehauungen, dient unsere\nMonatsschrift\nyon der wir Probe-\nnummern auf Wunsch gratis\nversend. Ab0nn.M.3,60 p.Jahr"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c023", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "314", "page_fin": "314", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.8", "debut_caractere": 3693, "fin_caractere_exclue": 3924, "texte": "Dr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrer a. d. 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Sie bringt ausfiihrliche Auf-\nsatze iiber die verschiedensten\nKrankheiten und deren Behand-\nlung, ferner iiber Naturheilkunde\nHomdopathie, Licht,- Luft- und\nSonnenbader usw.\nAbonnsmentspms jShriich\n: 3 Mark :\nAbonnements nehmen dießrieftrS-\ngerund jede Postanstaltentgegen.\nVerlag der „Felke-Zeitung\"\nKrefeld (Rheinland)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-11-24-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-11-24_01#c026", "volume": "bmtnabg_1910-11-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "314", "page_fin": "314", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.8", "debut_caractere": 4785, "fin_caractere_exclue": 5167, "texte": "Lernt durch S\nSelbstanterricbt\ndie leicht I\nerlernbare 8\nSchon I\nre* j\n4^<oy^VMillionen An- s\nhanger und fiber S\nC\\jT 1650 Vereine in alien j|\nErdteilen. Schonv.vielen j|\nSchulen gelehrt u. von vielen s\nBehorden, Firmen usw. ver- ®\nwendet. Esperanto-Lehrbuch\nmit Prospekten und Zeitung j|\n„La Esperantisto\" versendet j\ngegen 15 Pf. in Briefiaarken *\nRedakt. 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'\nWenn bas von Iljnen bister gebraud)te (Dunbwaffer 3U\n€nbe iff, fo empfetylen wir Il)nen, an beffen Stelle einen\nVerfud) mit Kosmln 3U marfjen. Sie werben finben,\nbafe Sie biefes in gan3 befonberem CDafee befriebigt, benn\nKosmln bat tiberaus Wol)lgefd)mach,\nfconferviert bie 3al?ne unb kraftigt bas 3al)nfleifd).\nSlafdje (T)k. 1.50, kinge überall hauflicl).\nn\ni'ity Ft'jf\" e>v fit\nj j /JStit// jf/iv ■'/' J?\n// iti/M < /' /</<"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.1", "texte": "I fang acht Seiten\nEinzelbezug: 10 Pfennig\nWm fBV je V\n■BBiBKKR SBOsssH a— tSs AB\n;|ls£g&£ Sa iWifjBJjIBBBS liffW |H BBBSBBI M £§& BEra BjHHK\n* HBjHH fljß Bttl ää§&\nrarasfli jfff ■HHBB wlAwrfiflßr SB/S? §H» wBnuMfiHWL\nBHBB affijgffiffi *gHHfcfeB&L MU3fltjß| UHH\nIb m \" A 4flk\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, KatharinenstrasseS\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524 / Anzeigen-Annahme und\nGeschäftsstelle: Berlin W 35, Potsdamerstr. 111/ Amt VI 3444\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark j Halbjahresbezug 2,50 Mark/\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1910\nBERLIN/DONNERSTAG DEN 24. NOVEMBER 1910/ WIEN\nNUMMER 39\n\nINHALT:\nHEINRICH PUDOR: Antiken-Rummel / PETER HILLE: Das Mysterium Jesu / ALFRED LICHTENSTEIN: Fern / ELSE LASKER-SCHÜLER: Handschrift /\nROBERT SCHEU: Leitfaden der Weltgeschichte / RUDOLF KURTZ: Joachim von Brandt / TRUST: Nicht erlogenes Foyergespräch / Die öffentliche Meinung / ALFRED\nDÖBLIN: Konzerte / K. M.: Tolstoj und Heyse / ERNST BLASS: Berliner Abendstimmung / OSKAR KOKOSCHKA: Zeichnung\n\nAusruhende Tänzerin Zeichnung von Oskar Kokoschka"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.2", "texte": "Antiken-Rummel\nVon Heinpich Pudor\nDaß eine Kultur für das junge Deutschland\ndesto mehr Interesse hat, je älter sie ist, daß e n\nKunstwerk desto höher im Preise steht, je älter\nes ist, und das allerälteste am höchsten, auch dann,\nwenn es nicht wie der Wein durch das Alter ge-\nwinnt, sondern verliert; das hat mir niemals in den\nKopf gewollt. Auf dem Gymnasium schon beginnt\ndieser Vergangenheitskultus, auf den Uni-\nversitäten wird er fortgesetzt; die philologische\nKnebelung der Kunst (Archäologie) auf der einen\nund Germanistik (auf der anderen Seite systematisiert\nihn, die Presse pflegt ihn, die Reichen opfern ihm\nihr Geld, die Halbgebildeten beten ihn an und jeder\nDeutsche, wenn er nicht nur Fremdes prinzipiell\nrespektiert, blickt verehrungsvoll >auf alle alten Scher-\nben und Schinken.\nAll muß. es sein! Ein Beispiel: „Die Madonna\nmit der Wickenblüte\". Ist denn wirklich das Kul-\nturinteresse des jungen Deutschlands an diesem Ge-\nmälde der altkölnischen Malerschule so gewaltig,\ntoder tut man nur so? Was ist uns! |m Grunde\ndie Madonna mit der Wickenblüte?\nEs ist inur recht und nicht billig, daß das Schick-\nsal diesen Altertumskrämern hin und wieder (ein\nSchnippchen schlägt und sich ins Fäustchen lacht.\nVor zwei Jahren erwarb die Londoner National-\ngalerie einen angeblichen Velasquez für neun-\nhunderttausend Mark. Der Kunstforscher William\nRichmond behauptet jetzt, daß sich in den Farben\nPreußisCh-Blau befindet, das erst vor hundertund-\nfünfzig Jahren entdeckt wurde. Der Chemiker\nChurch sagt aus, daßi seine chemische Untersuchung\ndie Fälschung des Gemäldes ergab. Das Bild war\nder Nationalgalerie schon vor fünf Jahren zu dem\nPreis von einhunderttausend Mark angeboten wor-\nden; damals wurden Zweifel an der Echtheit des\nWerkes laut und der (Kauf kam nicht zustande.\nDrei Jahre später erwarb die Galerie das Werk\num den fünffachen Preis.\nMan kann wirklich' sagen: der Kunsthan-\ndel macht heute die Kunstgeschichte.\nEr ist es, der Stimmung weckt für diese oder jene\nSchule, für diesen oder jenen Meister, der heute den,\nmorgen jenen in Mode (bringt, der die Reklame-\nTrommel rührt, die Kunstschriftsteller anregt und\ndie Galerien, wie die chemischen Großfabriken, die\nApotheken, versorgt. Das Publikum aber geht in\nseinem guten Glauben so weit, daß es dem Namen,\nwenn er einmal gemacht ist, blindlings folgt und\ndie gröbste Fälschung oder die unbedeutendste\nLeinwand, wenn nur der große Name darauf steht,\nmit Ehrfurcht und Geld (bezahlt.\nEs ist hoffnungslos1. Von einer deutschen\nKunstrenaissance kann keine Rede sein, denn die\nKunst schafft neue Werke und Werte. Das ganze\nLeben müßte überfließen von Kunst. Dieses\nWesentlichste, das Produzieren, das1 Erzeugen,\nmüßte unserem ganzen Leben bis in den Alltag\nhinein den Stempel aufdrücken, allüberall müßte es\nsich neu gestaltend regen. Das Eigenartige, Indi-\nviduelle, von Persönlichkeiten Geschaffene, kurz das\nPersönliche müßten wir anbeten, es müßte die höch-\nsten Preise haben, es müßte unsere Kultur bestim-\nImen und charakterisieren. Jeder Mensch müßte\n(eine Persönlichkeit sein, die nur einmal da ist,\nderen Wort und Schrift, deren Gang und Wesen,\n»deren Handeln und Tun den Charakter individueller\nEigenart hat: keine Klasse ä la Linne, sondern ein\nEinzelwesen, nur einmal vorhanden. Kurz, die größ-\nten Kunstwerke müßten die Menschen selbst und ihr\ngrößtes Interesse {müßte ihr eigenes' Leben jsein.\nIn der Zeit der Früh-Renaissance des fünfzehnten\nJahrhunderts haben wir so etwas gehabt. Der heu-\ntige Mensch ist ein Clische und sein Leben ein\nAbdruck — Auflage zehntausend.\nDer Deutsche hat seine Gründlichkeit dazu be-\nnutzt, alles, was alt ist, zu durchforschen bis zum\nletzten Ziegelstein, bis zum letzten Tonscherben,\nbis zum letzten Pergament. Für Mumien begeistert\ner sich, für verschüttete Mauern gerät er in Feuer.\nAusgegraben muß, etwas sein, wenn es1 für ihn\nInteresse haben soll: siehe Aegypten und Griechen-\nland. Je älter, desto wertvoller. Vor einem Torso\nbekreuzigt man sich, und das Verschimmelte Jrat\neinen ganz eigenen Reiz. Das ist nicht übertrieben.\nJede der zahlreichen Kunstauktionen bietet dafür\nBelege.\nFür Ausgrabungen werden Millionen flüssig\ngemacht, irgend ein Papierfetzen, wenn er inur\nein paar hundert Jahre alt hat Unsinnigen Geldes-\nwert. Der Geist selbst wird auf das Reproduktive\ntrainiert, jede schöpferische Regung unterdrückt und\nvor der Vergangenheit in jeder Form Kotau ge-\nmacht. Kein Zweifel, die Gründe sind patho-\nlogischer Art und hängen mit einer Art Gehirn-\nerweichung des Menschen unserer Zeit zusammen.\nDer Geist wendet sich rückwärts. Im Staub und\nDreck abgestorbener Kulturen buchen wir nach\nSchätzen. Wir leben nicht, wir studieren. Wir\nschaffen nicht, wir sezieren. Die Totenfelder der\nMenschheit werden nach Kunstwerken und Doku-\nmenten abgesucht, und für Kulturleichen bauen wir\nMuseen. Das Lebendige scheint jeden Reiz für\nuns verloren zu haben. Sehen diese Sammler denn\nnicht, wie sie sich lächerlich machen, ihrem eigenen\nGeist das Vernichtungsurteil jsfprech'en, wenn sie\nüber ein altmeißner Porzellanstück in Begeisterung\nentflammen und ihr Gold dafür hingeben? Abge-\nsehen davon, daß diese ganze Porzellankultur scharf\nund unzweideutig die Dekadenz illustriert, die gei-\nstige Erschöpfung und sittliche Verworfenheit eines\nachtzehnten Jahrhunderts — was sollen wir damit?\nWas soll ein neuer Mensch damit? Bildung kommt\nvon Bilden. Bilden heißt gestalten. Das Gestalten\nist das Schaffen. Die Bildner und Schaffenden sind\ndie Gebildeten. Gott, der die Welt schuf, ist ein\nSymbol des Schöpferischen, des Künstlerischen, und\ndie Religion selbst eine künstlerische Schöpfung.\nDie moderne „Bildung\" ist im Grunde Unbildung.\nWird ein großer Künstler geboren, so läßt man\nihn vor allem einmal verhungern und erst wenn\nman seine Leiche hat und nichts Lebendiges mehr\nan ihm ist, fängt man an, sich für seine Schöp-\nfungen zu begeistern, nicht sachlich1, sondern kon-\nsequent in dem Gefühl der Bewunderung für alles\nErstorbene. Totengräberkultur. Eine Kultur der\nUnkultur. An die Hyänen des Schlachtfeldes er-\ninnern die Leuchten ihrer sogenannten Wissenschaft.\nDas ist die Zeit, die zugleich das Geld anbetet, die\nindustriell geeicht ist, die die Errungenschaften der\nTechnik für Geisteswunder hält. Es war im Jahr\n1908, daß der Inhaber des Thronsitzes im Deutschen\nReich Zeppelin für den größten Menschen des zwan-\nzigsten Jahrhunderts erklärte.\nHoffnungslos, sage ich. Der Geist ist erschöpft\nund das Gehirn erweicht und neue Rassen allein\nmit starken Gehirnen können wieder Kulturen\nbringen, die in sich selbst und aus! sich selbst Werte\nschaffen, die im Leben und nicht auf Leichenfeldern\nund Trümmerfeldern forschen, bei denen hinter jeder\nHandbewegung das Ich, die Person, der Künstler,\nder schaffende Gott steht.\nAber die Welt liebt nun einmal die Harmonie.\nVielleicht bewegt sich deshalb grade jetzt die Erde\nso heftig, und wie zum Hohn auf diese Toten-\ngräberkultur spuckt sie ihren Dreck aus und ver-\nschluckt die Städte mit ihren „Sammlungen\", damit\nfür Ausgrabungen wieder gesorgt ist und die Alter-\ntumskrämerei unserer Babelkultur organisch wirkt.\nSo ist wenigstens das Aesthetische gerettet.\n\nDas Mysterium Jesu\nAus dem Nachlass\nVon Peter Hille\nWachstum\nDas unschuldige Blut des göttlichen Opfers\nwar hinabgerieselt in die schuldige Erde, der Keim\nder Gnade hinabgesenkt in die Oede Ider ;Verwesung,\n;tuid der Sauerteig der Welt durchgährte die Mensch-\nheit.\nErst nahete das Schlichte, dann auch das\nSündige.\nEine große Bruderschaft der Gotteskinder kün-\ndete sich an, und die Seelenenge, die\nbis zu den Landesgrenzen reichte unter ihrer kal-\nten, satzungsgeätzten Vaterlandsliebe, die Rasse\nWard weit, ward Menschentum.\nDer Rassenglaube verzehrt seine Unterschiede,\nauch ihm noch ist die Welt das Außen, das Fremde\n— die ganze Welt mit Einschluß' des Vaterlandes.\nAber dieses wird nicht verachtet, es wird auf-\ngesucht und ins Licht des Heiles geholt.\nDas trennende Heiligtum schmolz, die Um-\nhüllungen, die Grottenwände der Seelen fielen jin\nder neuen Lauterkeit und vermehrten mit dem' darin;\ngebundenen geistigen Stoffe die reine Wärme un-\nendlichen Liebesbrandes.\nWo die Leidenschaften, da der Widerstand.\nDaß man das Aergernis des Leibes, des ein-\nzelnen Gliedes, das Unvollständige für einen Auf-\nruf zur Zerstörung nahm, schob einen krachenden\nRiß in das Leben. Das Leben verlangt Vollberück-\nsichtigung, und Abschneiden stellt den Frieden\nnicht her.\nEin Verschnittner wird nicht keusch.\nMan nahm das ärgernde Auge zu wörtlich —\nnur auf Gleichmaß ging die Meinung des Gleich-\nnisses.\nDer milde Hinausleuchter Leib ward nieder-\ngerissen und verheerend sengte Schwärmerei die\nWelt.\nDie Schönheitslehre des lauter bestellbaren\nHellenismus ward leider verlassen, statt umge-\nbildet das Höchste zu halten, zu Frieden und\nKunst, zu Glück und Erdverklärung zu -bringen.\nDas gut Geleistete muß Gott erhalten bleiben,\nnur hinzugetan!\nDen Fluch aber, der den Segen der Gottes-\nküfidigung immerdar begleitet hat, brachte nicht\ndie Lehre, der Gottessinn, sondern die Kunst- und\nLebensfeindschaft, die man hineinlegte.\nScheinerkenntnis braucht noch keine Schein-\nverfolgung zu sein.\nBei all ihrer Tiefe kann man die Welt auch an\nseinem Teil erleben.\nGenußfreude, Frische des Lebens und Kunst\nist ihr Gegenpol. Mit den Sinnen lebend, will\nder Mensch auch die Sinne genießen.\nWeiter geführt das Ich und es hätte Gott ge-\nfunden, nun zerbrach man's. Was sollen Gott die\nSchalen dienen?\nEine Zeit der Lauterkeit sollte sein, das Werk\nsollte nur von innen kommen, nicht von außen.\nKein Lärm, kein Gottesgetöse: verfolgend, sich\nbehauptend oder umwälzend! Keine Satzung, träg\nwie ein Vorurteil, der Mensch will seine Hand-\nlungen tun und nicht mehr leiden.\nNein, still von innen, sammelnd, werbend ttnd\nan Gott einander verweisend, da Mensch zu werden!\nKeine Gewalttat, kein Aufstand, keine Er-\nhebung: wer zum Schwert greift, wird durch1 das\nSchwert umkombmen.\nGott über alles, sich in Gott hinein leben und\nlieben, und eine Erscheinung wie die andere, sich\nwie den Nebenmenschen.\nWeil alles Besitzen ein Trennen von Bruder\nund Seelenkern ist, trug man das Gut den Hei-\nligen zu.\nDie Gotteskindschaft sollte Geschwisterschaft\nbedingen.\nDa trieb der Aufschwung, die Dämme des\nEigentums zu beseitigen, und wie ein Meer wogte\ndas Eigentum auf die Armen hinüber.\nEinige aber waren auch in der jungen Ge-\nmeinde, die sogar dieses Christliche, das1 Vollkom-\nmene im Ton alter Satzung auffaßten, als äußer-\nliches, zu Schau und Gepräng zu haltendes Gebot.\nSo taten Ananias und Saphira, da sie ihre Habe\nvor die Füße des Apostels schleppten, einen Teil\naber kalt sichernd zurückließen.\nSie hatten noch Zweischlächtigkeit an der Seele,\ndarum behielten sie vom Ungeforderten, vom frei-\nwillig Gebotenen einen Vorsichtsteil im Hinterhalt\nunter der Decke der Lüge.\nPetrus aber erkannte diesen törichten Schleich-\nweg vor dem weltdurchgossenen hellen Willen\nGottes.\nUnd als der treue sachliche Ernst des Petrus\nihnen nun zeigte, wen sie in lügnerischer, tinge-\nzwungener und darum schlimmerer Freiwilligkeit\nbeleidigt hatten, und als Ananias und sein Weib\nSaphira sich dieses Frevels, diesier Verdunklung vor\ndem zornig aufblitzenden Lichte der reinen gött-\nlichen Kraft bewußt wurden, ereilte sie Entsetzenl\nund schütterte Grauen ihre zerbrechliche Seele, daß\nsie außer Fassung geriet und zerfiel, ehe sie noch\ndie Strafe geschaut hatte.\nUnd die Seele derer, |die mehr Seele war als\nandere, übte nun heilende Kraft.\nDas Verlangen nach Heilung und Notdurft,\nnun ward leicht es gestillt.\nOffen war die Geisterwelt.\nDie Laster verschwanden, die jähe Habgier ver-\nkroch sich.\nWas galt Gold, was galt Silber?"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.3", "texte": "Was mein ist, ist dein.\nDie keinen Mammon mehr kennen, sie haben\netwas köstlicheres. Die Tempelpforte war eine\nPforte zum Vorhof des Himmels. Und alles war-\ntete wie einst auf den Heiland nun auf die Jünger.\nDie göttliche Heilkraft ihres Meisters ist auf°sie\nübergegangen — vererbt, und lindert und mindert\ndas Elend.\nDie Mutter hatte wieder einen Sohn.\nPflege, Erinnerung an den gemeinsamen Lieben,\nden Göttlichen und Gebet waren die Tröster und\nVereiniger, die Bildner der neuen Sohnschaft.\nSchon begann des Geopferten Saat ergiebig\nt\\i gedeihen.\nDas trostsame Werk seiner Lehre vom Vater,\nden Kindespflichten der Menschheit mehrte sich,'\nwuchs vom Blut der Verbreiter. Wie ein Garten\nblüht es.\nVom Schlichten ging die Gnade schon auf den\nLastermüden, der engeselige Glaube Israels warf\nseine Satzung ab zugunsten der Heiden.\nDas Geisteswesen aber, das damals sich öffnete\ndie Kirche wird ewig dauern und siegen, und,\nimmer geistiger geworden, die Erde zur Vollendung\nführen und seine ganze Seelen weit zu Gott.\nSie ist immer offen, nur unser geschlossener\nSinti sieht sie nicht.\nSo ein starker, blauer Tag, da ging noch im\nersten zarten Genesungsweh von der qualzermal-\nmen den Zeit der sanfte Jünger mit der alternden\nMutter, um der Base Elisabeth1, die sterbenskrank\ndie begnadete Base entboten hatte, Beistand in der\nletzten Seelenbereitung zu leisten.\nAls sie vor das Tor kamen, wo die weißen\nMauern scharf in den lautern Himmel schnitten',\nda erwartete sie eine bunte Menge und erregte\nSpannung.\nUnd sie sahen ein edles Antlitz bluten, ein\nweißes Gewand durchtränkt, und wilde Steine\nflogen noch heftig.\nJohannes wollte hinzutreten, Maria aber sprach:\n„Laß ihm seine Ruhe! Sieh, wie er lächelt!\nUnd die Rosen, die linde ihn treffen, sie blühen\nduftweicher auf im bosheitslosen Lichtreich meines\nKindes Jesus.\"\nPaulus\nDurchbrochen waren die Schranken des Leibes\nlind der Völker, Furcht und die Lebensschwere\nder Bequemlichkeit schwanden wie Nebel vor der\nGnadensonne glanzweich zündendem Strahl. Es\nwar offen der Himmel und aufgerissen die Erde\nDie Männer des engsten Stammes, der auch im\neigenen Volk (noch Scheidungen errichtete, aber doch'\nspäter jahrtausendelang ein alle Zersprengungen\niiher den ganzen Erdball einendes Familiengefühl\nsich zu bewahren wußte, (die zogen ins Weite,\num die Menschen aller Länder zu laden, Sie gaben\nauf all ihr Unterscheidendes, Trennendes, dasi Ver-\npflichtende bisheriger Satzung, um nur den neuen\nBrüdern vom Ueberreieh nicht zuviel Beschwer zu\nbieten: aus den Jüngern wurden Lehrer, Sendboten.\nAus Todesfurcht und Schwäche sproßte Mut lind\nEifer des Bekenntnisses!. Der rauhe Kelch der\nschroffen Bergreligion öffnete sich und zu Tage\nlag nun zuerst das große, reine, duftigfrische Welt-\ngottestum.\nMächtig ging um der Qqist, die Steine wurden\nRosen, eh sie den schmerzenverklärten Diakon\nStephanus berührten.\nVerachtend sah man damals nieder auf das\nbißchen Sinnesgerümpel, was hatte es für Wert,\nwenn nicht zum Dienste des Höchsten!\nDies Bewußtsein war es, das1 aus den Verkün-\ntfungen sprach und gewaltig traf, Liebe weckte\nU3ßd starken Haß.\nAber auch dort, wo nur Irrtum war, nicht\nVerhärtung und Verdickung der Seele, fiel die Offen-\nbarung, ein blendendes Geistgewitter auch in den\nstaunendzerrissenen Sinn der reinen Verfolger.\nMariä Himmelfahrt\nUnd sie lebten zusammen Erinnerung und Vor-\nbereitung auf das Bereitete, die Mutter mit heilig\nHeldentum gewordenem Schimerz, ehrfürchtiger\nSehnsucht voll nach dem Kinde, dem Sohne, der\nverklärt ihr Gott und Herr und Richter geworden\nwar*\nUnd da die Erden Schicht der Himmelsmutter\nvtofc den abtragenden Tagen ganz hinabgeholt war\ndas Reich, das nichts wird: die Vergangenheit,\ndie nur in Träumen, in nachgeborenen Sinnen steht,\nstand Engeljubel auf der Wacht vor der festlich\nzarten Luft her bis hinauf zum hei 1 igkeitverborgenen\nKraftlichturquell. Wie ein Kranz legten sich kind-\nliche Fittige um des Gewandes lichtweichen Saum.\nKindheitswichtige Wangen, lang vor Purpurlast,\nlegten sich seitlich und lehnten still bewundernd\nsich auf. Und nun ging es empor.\nEs lockten und holten und hoben die stark-\nholden Klänge höher und höher durch die blau-\nsilberne Luft.\nUnd es ergoß sich ein grüßendes Licht in ge-\nwaltigen Garben: die Krone des Himmels.\nDie der Verklärung zuschwebende Heilige\nfühlte es, das duftende Licht sang wunderhold,\naber noch verstand die Erdentlassene nicht (diesen\nsinnreichen Sang.\nKnabentraute Blicke, ehrerbietig sohnhaft grü-\nßende Blicke halberwachsener Engel gestalteten\nEhrfurcht; Ehrfurcht auch sprach der Ernst des\nsehnigen Leibes, die feste Anmut gedeihender Glie-\nder. Hier sprach und diente der Strahlenleib. Aus\nden Engeljünglingen aber sprühte erkennende Vor-\nahnung. Blitzende Harmonien wehrhafter Engel.\nNun jubelt schon wie einholend hernieder in\nden lichtstarkweichen holdgewaltigen Reigen jdes\nLichtes der Seligkeit All.\nUnd immer näher wuchsen ihr entgegen jdie\nArme des Himmels, und in ehrendem Jubel trat\ner aus seiner Pforte.\nUnd vor ihr stand wieder in seinem Strahlen-\ngeschwinge der Verkünder Gabriel:\n„Königin des Himmels, sei gegrüßt!\"\nDann faßte er ihre ergebene, frommschmale,\nsich fügende Hand und führte die frommvorsich-\ntige Mutter der Heiligen ein in die Halle der Seelen.\nLieblichste Zartheit der Töne keimt auf (und\nempor zu begeistert erschwungenen Blüten der\nFreude.\nJauchzend, wie eine Palme, wie ein Baum der\nMelodie, stand und starb in Höhe die Feier des\nsingenden Himmels.\nBlässe bezog noch einmal die Wangen.\nSie ruhete erst, ihre Augen schlössen sich, und\nihre erdgewohnten Sinne sammelten sich für die\nEwigkeit.\nNun stand sie im Schaum der Engel und lebte\nden Himmel und die stillen Jubel Wonnen erhabener\nMacht.\nSie lebte sich1 eins mit allen und sie sah Und\nfühlte das tiefrote Leidensverklärungsfeuer, das ausl\nder Gottheit kam.\nUnd zitternd sank sie (nieder.\n„Jesus, mein Sohn, mein Heiland, mein Gott!\"\nDann aber erhob sie ihr Antlitz, ihre Arme\nwuchsen schräg und verlangend:\n„Mein Kind!\"\nSein schulterschöner Leib, der nur noch (die\nSchönheit des Leidens Weist, in Perlmutterweiche\ndurchgeistigt, flimmert nun; da er sich vorbeugt,\nwachsen wie Trauben die tiefrotklaren Tropfen der\nHerzenswunde und kommen reichlicher über deji\nlippenleuchtenden Rand.\nMaria schrie auf, aber die klare Glut des me'n-\nschenfeierlich gütig zarten Auges sagte ihr, daß\nnur Freude das Blut trieb und die stärker flutende\nGnade: Gotteswonne.\nDann fühlte sie seine edellautere, jährot durch-\nleuchtete Wundmalhand tief in ihrer durchsichtigen\nSeele und sie hielt still, als faich der Reif der\nGnadenmacht auf ihrem Haupt rückte, der weiche,\nwie duftiger Kranz kühlend belebende Reif. Und\nsein von Güte wie Schwermut überlastet geneigtes\nWort klang: „Mutter, Königin des Himmels, Ider\nGnade und der Milde, neben mir soll dein Platz\nsein und nah mein Ohr deiner Fürbitte Mund.\"\nDa fühlte sie die tiefe Weihe in ihrer Würde\nund freute ihrer milden Macht sich und freute sich1\nin Gott, daß das Wort Fleisch geworden war, in\nihr und allen Menschen der Vollendung zu wohnen.\nNie hatte sie vordem gedacht, daß> sie eine\nKrone zu tragen vermöchte, die war Gnade\nnur und Zeichen der Gnade, und so trug sie ganz\ndas Wahrzeichen weiblicher Hilfe, trug es zur Ret-\ntung, zu Macht und Frommen der Bedrängten.\nUnd ihre Rechte trug als Herrsdierzeichen die\nLilie.\nUm ihrer Ruhe Füße aber kauerten, lebendig\ntrauter Schmuck, die Engel.\nUnd wieder keimt es tief auf, wird starker Ton\nund geht noch einmal über in die brausenden Jubel-\nblumen, himmeldurch wogenden Willkommens.\nWie müde schloßt noch einmal die so Emp-\nfangene die Augen: noch empfand sie das lauter\nzu höchst verklärt Gewandelte Wie in scharfem\nRausch.\nUnd froh schon schwankte ihre Seele, die fest-\nlich bleiche, wundertätig holde Wundmalhänd des\nSohnes umschließt ihre Finger und gibt ihr Halt\nvor der Seeligkeit, und ihre Sinne werden heilig.\nEs zieht vorbei ringelhaarig um die klare Stirn\nsich verneigende Engelsscharehrfurcht.\nNun ist sie, fühlt und sieht sich innerlich ganz;\nMaria.\nDa, aus einem Antlitz leuchtet still selbstlose\nTreue, liebevoll verehrend, traulich voll heimischen\nGlückes, und dieses Antlitz sagt: ich bin Josef.\nUnd sie freuen sich aneinander.\nDie matronenhaft gütige, derbmilde Basenseele\nund der amtsschlichte Priestergeist mit frohstiller\nMiene: Anna und Zacharias!\nGottlohnend, voll kraftwilden, treuherzigen\nFeuers: Faustkampf der Buße — des stillen Prie-\nsters Sohn.\nUnd an die Sehnigheiße wallt die weiße, rosen-\nscheindurchhauchte Liebesgestalt des anderen Jo-\nhannes.\nDie Blutrosen wie der frohe sanfte Helden-\nblick, der Triumpf blick des willig hingegebenen\nLebens, ein frohruhender Siegesblick: Stephanus'\nist da.\nWerkmannsfreude, wie Einer hat ein Haus ge-\nbaut und es ist ihm gelungen: so PetrusL\nWieder Einer, der hat angesiedelt und ver-\npflanzt, ein edelbartiger Weltbürger und Ordner\nvon hüben und drüben: Paulus.\nAuch der Himmel wächst. Das Reifen (und\nRecken geistiger Glieder verklärter Jugend ist da\nund bräutliche Stille, heiliges Forschen und Denken,\nDanken und Senden geistiger Güter: das ist der\nHimmel.\nDas Wort war Fleisch geworden und hatte\ngewohnt in ihnen allen.\nNun waren auch sie Geist geworden und nach-\ngegangen dem wieder Vergeistigten.\nUnd Liebesholdlaut reinster Engelsstimmen war\nGespräch und Tat und Duft und Wärme und Farbe1,\nLeuchtkraft der innigsten Seele.\n\nSchluss folgt\n\nFern\nAlfred Lichtenstein\nIch möchte in Nacht mich bergen\nNackt und scheu\nUnd um die Glieder Dunkelheit decken\nUnd warmen Glanz...\nIch möchte weit hinter die Hügel der Erde\nwandern —\nTief hinter die gleitenden Meere,\nVorbei den singenden Winden...\nDort treff ich die stillen Sterne,\nDie tragen den Raum durch die Zeit\nUnd wohnen am Tode des Seins,\nUnd zwischen ihnen sind graue,\nEinsame Dinge...\nWelke Bewegung vielleicht\nVon Welten, die lange verwesten —\nVerlorener Laut —\nWer will das wissen\nMein blinder Traum wacht fern den Wünschen\nder Erde.\n\nHandschrift\nVon Else Lasker-Schüler\nFür den Künstler der Handschrift\nist der Inhalt seines Schreibens\nnur ein Vorwand, wie für den Maler\ndas Motiv seines Bildes.\nIch1 habe beobachtet, daß Kinder und Große so\nredit in Gedanken versunken, mit der Feder, mit\ndem Bleistift an zu kritzeln fingen, dann ganz un-\nbewußt bemüht waren, schöne oder verschnörkelte\nund Worte zu schreiben; sich dann\nspäter selbst über die Bedeutung des! Geschriebenen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.4", "texte": "Auf einmal steht auf dem Weißen Rand\nfter Zeitung ein Name im Arabeskenschmuck oder\nblumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf dem Kopf\ngestellt, ich1 meine ein Wort in Spiegel-\nschrift geschrieben. Ich habe dasselbe fesselnde\nGefühl beim Ansehn einer interessanten Handschrift\nwie bei einer guten Federzeichnung oder ieinem\nGemälde. Und doch möchte ich darum die Hand-\nschrift nicht mit der Malzeichenkunst in einen Far-\nbentopf oder in ein Tintenfaß werfen. Aber der,\nwelcher sich verzweifelt nach einem Talent sehnt,\nmöge es zunächst in seiner Handschrift suchen. Oft\nhat schön der Lehrer sie im Keim erstickt. Den\nmeisten bleibt die Schrift nichts wie Inhalt — die\nNachricht erfreut ihn, ärgert ihn, namentlich wenn\nsie noch daz!u undeutlich geschrieben ist. Warum\nKörte ich nie jemand sagen: Erklären Sie mir diese\nöder jene Handschrift. ICh meine nicht des sprach-\nlichen Verständnisses) wegen, auch nicht aus grapho-\nlogischem Grunde; rein künstlerisch! iWie ja so\nloft die Frage aufgeworfen wird vor einem Bildnis.\nEs hat noch nie jemand von einer Handschrift den\nalltäglichen Ausruf getan: „Die ist mir zu hoch!\"\nUnd doch1 gibt es gerade Meister dieser Schul-\nmeisterkunst. Diejenigen sinds, die sich im Klas-\nsenzimmer Strafe holten ihrer Klaue wegen. Es\ngeht ihnen wie dem Genie, welches die Kunst-\nschule ausspie. Handschrift ist erblich1 wie jedes\nTalent. — Für mich kommt kaum der Inhalt eines\nBriefes in Betracht; ich kann mich für den Schrei-\nber nur seiner ißuchstaben wegen interessieren.\nUnd es geschah schon, daß ich1 ganz entzückt einen\ntinverschämten Brief beantwortete und umgekehrt.\nDie Schrift ist ein Bild für sich und hat nichts mit\ndem Inhalt zu tun. Jeder lernt schreiben, eine\nMenge Menschen haben es in ihrer Handschrift\nzur Kirnst gebrächt. Und darum auch1 gibt es in\nkeiner Kunst so viele Epigonen, wie in der Kunst\nder Buchstaben. Für diese Nachahmer ist jeder\n[Buchstabe ein Qestell, dem sie einen Mantel um-\nhängen, den ein anderer gewebt hat, sie verstehn\neben ihre Blöße zu bemänteln. Die ursprünglichen\nEpigonen sind reichgewordene Frauen, die sich be-\nmühen ihre so oft charakteristische Ladenmädchen-\nschrift Zentimeter hoch heraufzuschrauben direkt zu\nhochmütigen Gänsehälsen. Der Mann möchte Be-\ndeutung in seine Schrift legen und ahmt der Hand\ndes ihm Geistigüberlegenen nach. Ungemein sym-\npathisch berührt mich die sogenannte Tatze, die\nSchrift der Knaben wenn sie den Aufsatz ins\nDiarium schreibein. Hier diese Zeilen hat ein Mäd-\nchen vorsichtig un|d sanft geschrieben. Manchmal\nlachen auch Briefe oder sind erbittert, die Schrift\nriecht fast nach Galle. Meines Freundes Brief blin-\nzelt, eine Faunlandschaft. Dein Onkel schreibt eine\nkleine, rundliche, gleichmäßige Handschrift wie\nTaler. Geizhals ist er, aber kein Handschriftkünst-\nler wie mein Freund der Faun. Interessant sind die\nspitzauslaufenden Buchstaben auf dieser Seite, jedes\nWort ein Wolfsgebiß. Und doch' kein Tiergemälde.\nInteressant wirkte auf mich die Korrespondenz, die\nich erbrach zugunsten der (Kunst, zwischen JKarl\nKraus und Herwarth Waiden. Alte und neue Mei-\nsterstücke. Ich sprach sichton einmal in meinem\nEssay über die Pietät in Karl Kraus Buchstaben.\nSeine Handschrift ist ein Dürergemälde. Meine\nHandschrift hat ,als Hintergrund den Stern jdes\nOrients, pft sagten mir Theologen, ich schreibe\ndeutsch wie hebräisch oder arabisch'. Ich denke\nan der späten Aegypter Fetischkultur; ihnen ging\naus dem (Buchstaben schön die Blüte auf. Der\nZwischenduft der Handschrift mit Zeichenmalkunst\nverbindet. Mir fallen noch die Schriften der Chi-\nnesen und Japaner ein. „Die Mitternacht zog\nnäher sChön, in stummer Ruh lag Babylon\" — die\nplötzliche Geisterschrift an der Wand entsetzte die\nberauschten (Gäste nicht des Inhalts! wegen, idas\nfurchtbare Schriftbi 1 d war es. Sie erblickten\nden Inhalt des Fluches. Darum ist auch das Ver-\nständnis zur Kunst ein Seltenes! und Erhabenes —\nes liegt uns im Gesicht und geht uns1 vom Gesicht\naus. — Die Kaufmannshandschrift — ich möchte\nnoch1 Vorher fragen, hat sChon einer der Leser ein-\nmal ein Lebenszeichen vom JDichter Peter Baum\nbekommen? Nämlidi' gerade bringt mir der Post-\nbote so ein Sommerbildchen, Buchstaben: Mücken-\nschwarm, der vergnügt in der Sonne tanzt. Seine\nKarte blendet. Ich1 bin bei der Kaufmannshand-\nschrift — phantasielos, nüchtern, sie liegt be-\nwegungslos auf dem Papier. Kühle Tatsache. Der\nkaufmännische Reisende dreht seinen Buchstaben\neitel den Schnurrbart. Stutzig mäChen mich Briefe,\ndie vom Geschäftsmann geschrieben sind und von\nÜer Buchführung doppelt abweichen. In dem Schrei-\nber steckt sicherlich das Handstehrifttalent. Es gibt\nauch Launen der Schrift. Kinder, die erst morgen\ndem Christkind schreiben wollen, da sie heute nicht\nsChön schreiben können. Meiner Mutter Briefe\nwaren schwermütige Cypressenwälder, meines Va-\nters Schrift reizte zum Lachen, humoristische Zeich-\nnungen aus dem Struwelpeter. Kohlrabenpech-\nschwarze Mohren oder der böse Nicolas steckt\ndie Jungens ins Tintenfaß, gelungene, amüsante\nUeberschwemmungen von Tinte waren die Briefe\nmeines Vaters. — Es gibt auch Schriftinspirationen,\nviele Menschen berauschen sich an ihrer Schrift, und\nden Inhalt, den sie aufschreiben, ist nur Vortäu-\nschung. Ich schreibe oft, um miCh durch meine\nSchrift zu erinnern, mein Vater um sich zu ergötzen.\nMeine Schwestern schreiben zweierlei: die älteste:\nReisebilder, die andere: Kinderbilder. Der einzige\nPlastiker der Handschrift, den ich1 kannte, war St.\nPeter Hille, Petrus —er schrieb Rodins. Wie viel\ndeutlicher gemalt ist das tiefsinnigste Bildnis, |als\ndie ausgeschriebene Handschrift (rein künstlerisch\nverstanden). Aber auCh' die kann dilettantisch sein,\nwenn sie ohne Tiefe und Geist und nur aus Ausi-\nübung entstanden ist. Manche sogenannte schöne\nSchrift allzudeutlich, Oelbilder nach Sichel. Lieber\nist mir schon die Pfote von ]Aujuste. Ihr Brief\nund die Antwort vom Schätz, geben sich einen\nSchmatz. Derbe Genrebilder. Vielerlei gibts davon.\nAehnlich wie die Köchin schreibt das Dienstmäd-\nchen, die Kellnerin, das kleine Mädchen, die kecke\nHure. Aber loser geheftet, unordentlicher ihr Brief,\nein leicht schaukelndes Gerippe. Weit eher ist die\nDemimonde eine Epigonin. Sie stiehlt lächelnd und\nliebkosend die Buchstaben der Originale oder ver-\nsteht nie die Sprache auch die gchrift ihres in\nFessel gelegten Herrn zu kopieren und belecken.\n— Habe ich schon gesagt, daßi es auch Stilleben\nin der Handschrift gibt, zehnseitenlange Briefe, die\nschlafen, aber deren Inhält yoll Leben sprudeln;\nHandschriftkünstler, die schulakademisch erzogen\nund erwogen sind. — Manche Buchstaben\ngucken neugierig; gewissenhafte Schriften,\nwo die Buchstaben getrennt auseinanderstehen. Er\nwar sehr niedergeschlagen, als er diesen Brief\nschrieb, seine Handschrift war dünn aufgelegt.\nHochbeglückt, glänzen die Vokale — glückliche\nHandschrift. Ich habe ein kleines Laboratorium\nvon Schreibkaninchen, die ich anrege, mir Briefe\nzu schreiben. Sie können sich also schon auf meine\nErfahrung verlassen, lieber Sturmleser; es! tut mir\nunendlich leid, daß mein Manuskript dieses Aufsatzes\nnicht in Ihre Hände gelangt. Trotzdem es mit\nschwarzer Tinte geschrieben ist, wirkt esi blau, tief-\nblau, liebesblau. Den wissenschaftlichen, lang-\nweiligen Inhalt müssen Sie schon in Kauf nehmen\n— seine Handschrift ist ein Liebeslbildnis. Ich dachte\nnämlich1 ,indem ich über „(Handschrift\" schrieb, an\ndrei schöne Königssöhne. In Wirklichkeit schrieb\nich drei Briefe; den ersten an Zeuxis, den grie-\nchischen Maler, der nun in Berlin wohnt. Er sei\nmein Ideal, aber ich ginge nicht an ihm zugrunde.\nIch schrieb dem guten Prinzen von Afghanistan,\ndaß er mein Typ sei und daßi wir ineinander ver-\nwachsen wären. Ich schrieb Wilhelm von Kevlaar,\ndaßi er mein Symbol war, daß ich' am Sterben\nläge, denn ich hätte an die große Treue geglaubt,\nan seine Treue zu mir, und er habe sie gebrochen.\n■K 9\nDas Manuskript liegt dem interessierten Leser\nzur Verfügung in der Direktion.\n\nLeitfaden der Weltgeschichte\nIII / Neuzeit\nVon Robert Seheu\nDer Rückschritt war im Mittelalter derart gang\nund gäbe, daß es schließlich ein öffentlicher Skandal\nwurde und der Eintritt der (Neuzeit nicht mehr\nlänger aufgehalten werden konnte. Die war, seit-\ndem Kolumbus auf dem nicht mehr ungewöhnlichen1\n,Wege seines Eis Amerika entdeckt hatte, ohnehin\nnur eine Frage der Zeit. Ungemein gesundheits-\nschädlich wirkt die Erfindung des Schießpulvers,\ndie kolossal vielen Personen der Neuzeit, die damals\nnoch! gar nicht lebten, das Leben kostete. Dies!\nmußten aber trotzdem noch hbchentzückt sein, weil\nsie ohne das Schießpulver im Mittelalter verstorben\nwären, was noch viel unangenehmer ist. Dagegen\nbleibt die Erfindung der Buchdruckerkunst |schon\nvom rein buchhändlerischen Standpunkt freudig zu\nbegrüßen. Was ohne die Buchdruckerkunst jaus\ndem Buchbindereigewerbe geworden wäre, läßt sich\ngar nicht ausdenken. Was Kolumbus zur Ent-\ndeckung Amerikas bewogen hat, ist bis heute noch\nnicht festgestellt, vielleicht {die Befürchtung, jdaß\nsonst Europa von -Amerika entdeckt würde. Das\nZiel seiner Fahrt twar seine /eigene Nase, der er\nnachreiste. Nun wuchsen iiie Weltumsegler\nPilze aus der Erde. Es gab kaum einen Seeweg\nnach Ostindien, der nicht entdeckt wurde. Die\nKugelgestalt der Erde wurde geradezu mißbraudht,\nso von Cortez und Pizarro. Viele Wilde, die sonst\nkeine Gelegenheit gehabt hätten, hingerichtet zu\nWerden, verdanken dies den europäischen Ent-\ndeckern. Maximilian, der sich den Beginn der Neu-\nzeit von der Martinswand betrachtete, nahm den\nTitel eines römischen Kaisers an. Ungefähr\ndiese Zeit wurden die Ablässe tief unter dem Selbst-\nkostenpreis verkauft. Martin Luther, der es nicht\nlänger mit ansehen konnte, schlug fünfundneunzig\nThesen an der Schloßkirche von Wittenberg an,\nohne zu beachten, daß dort das Zettelankleben ver-\nboten war. Kein Wunder, daß der Papst in seinem\nersten Zorn durch eine scharf gebellte Bulle ein-\nundvierzig Artikel aus Luthers Schriften verdammte.\nEigentlich hatte er sich nur versprochen, indem\ner sagte : „Diese verdammten einundvierzig Artikel\".\nWeil er aber «als Papst unfehlbar war, konnte er es\nnicht mehr zurücknehmen. Luther heizte nun, wenn\nes ihn fror, nur noch mit päpstlichen Dekretalen.\nDaß unter solchen Umständen Bauernkriege an der\nTagesordnung waren, wird niemand überraschen.\nDie Wiedertäufer, die sidh durch Uebereifer im\nTaufen mißliebig gemacht hatten, wurden gefangen\nund hingerichtet. Auch sonst wurde Luther durch\ndie verschiedensten Reformatoren, wie Calvin {und\nZwingli1, Schmutzkonkurrenz bereitet. Wie sich der\nkleine Moritz von Sachsen den schmalkaMischen\nKrieg vorgestellt hat, wollen wir mit Stillschweigen\nübergehen. Was die Hugenotten eigentlich beab-\nsichtigten, ist unklar. Sie wurden ermordet und\nvon Meyerbeer in Musik gesetzt. In Italien wuchs\ndamals ein guter Jahrgang in Uebermenschen.\nAlexander der Sechste und Cäsar Borgia mordeten\nso fleißig, daß man die Volkszählung nicht durch-\nführen konnte. Gregor der Dreizehnte verbesserte\ndas Kalenderwesen durch Einführung von Abreiß-\nkalendern. Im Jahre 1556 kommt Philipp der\nZweite in der Maske Mitterwurzers zur Regierung.\nEine seiner besten Rollen. Das durch tund\ndurch' ungemütliche Vorgehen der Inquisition be-\nwirkte den Abfall der Niederlande, die den Herzog\nAlba durch1 Hinrichtung Egmonts vergeblich an\nSpanien zu fesseln gesucht hätte. Auch in Eng-\nland wurden einige Schillersche Figuren hingerich-\ntet, wie Maria Stuart, die Shakespeare aus Rück-\nsicht auf Elisabeth nicht verwerten konnte. Unter\nKarl dem Ersten verweigert John Hampden die\nZahlung des Schiffsgeldes und wird dadurch als\nmoderner Mensch1 in weitesten Kreisen berühmt.\nVon da an (wird immer häufiger nichts gezahlt,\nwodurch sich die (ekelhafte Teuerung wenigstens\nbis zu einem gewissen Grade mildert. Karl der\nGroße wird vom Parlament geköpft\nment). C romwell, ein glattrasierter Herr mit oliven-\ngrünen Gesichtszügen, hat £S insbesondere auf die\nPresbyterianer scharf, was jedermann begreifet!\nwird, der schon einen Presbyterianer gesehen hat.\nDem westfälischen Frieden ging ein jdreißig-\njähriger Krieg voraus, bei dem anfangs auffallend\nstark geböhmakelt wurde. Im Beginn des dreißig-\njährigen Krieges steht ein Misthaufen, auf den der\nStatthalter Martiniz und Slawata und der Geheim-\nschreiber Fabricius geworfen wurden. Die Utra-\nquisten waren Leute, die sich1 absolut nichts ge-\nfallen ließen und leicht handgreiflich wurden.\nEs kam zur Schlacht am weißen Berge, welche\nim Interesse Friedrich jdes Fünften besser unter-\nblieben wäre. Alb recht von Wallenstein, ein Mann,\nder durch vieles Nachdenken einen Spitzbart be-\nkommen hatte, konnte keinen Hahn krähen hören.\nGustav Adolf war nicht schlau genug, diesen Um-\nstand zu benutzen, und statt Wallenstein durcH\ngeschickt imitiertes Krähen in die Flucht zu\nschlagen, bezog er ein festes Lager bei Nürnberg*"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.5", "texte": "wo sich beide Feldherren sieben Wochen lang\ngegenüberlagen. Die dadurch hervorgerufene Lang-\nweile tötete Gustav Adolf bei Lützen. Da Wallen-\nstein nicht einsah, warum er nicht ebensogut Kaiser\nwerden könne, blieb nichts übrig, als ihn mit einer\nHellebarde zu ermorden. iWallenstein war leider\nso ungeschickt, die beiden Arme im kritischen Mo-\nment auszubreiten, wodurch die Ermordung un-\ngeahnt erleichtert wurde. Es bestätigte sich bei\ndieser Gelegenheit, daß aus der Sternguckerei nicht\nviel herausschiaut. Seni scheint kein erstklassiger\nSterngucker gewesen zu sein, Wallenstein scheint\nden senilen Menschen aus übel angebrachter Spar-\nsamkeit angestellt zu haben. Wovon Seni nach\nWallenstein s Tode lebte, wird in der Geschichte\nauffallenderweise nicht erwähnt. Es ist sehr zwei-\nfelhaft, ob er wieder eine so gute Würzen gefunden\nhat. Hätte der dreißigjährige Krieg noch einmal\nsolange gedauert, so hätte ihn überhaupt kein Zeit-\ngenosse überlebt. Es muß damals ungeheuer viel\nPartezjettel gegeben haben. Beim Ende des dreißig-\njährigen Krieges war Deutschland so entvölkert,\ndaß man nicht iwußte, was man mit den vielen\nQuadratkilometern anfangen solle. Dafür hatten\n'die übrig gebliebenen Leute das Recht, sich eine\nbeliebige Religion auszusuchen.\nEtwas Arroganteres als Ludwig den Vierzehnten\nkann man sich nicht leicht vorstellen. Infolge seiner\nSittenlosigkeit und der von ihm arrangierten Raub-\nkriege blühte die französische Literatur außerordent-\nlich auf. Er bereitete die französische Revolution\nsorgfältig vor und war erfinderisdh! in der Aus-\nfindigmaChüng von Kriegen. Er scheint über irgend\netwas sehr wütend gewesen zu sein, wie aus der\nfurchtbaren Verheerung der Pfalz hervorgeht.\nim Jahre 1683 führten die Türken den Kaffee\nin Wien ein. Sie veranstalteten zu diesem Zweck\neine Belagerung, bei der sie schrecklich ungeschickt\nzu Werke gingen. Es ist doch nicht so schwer,\nvom Kahlenberg nach Wien zu kommen, und daß\nsich die Wiener gar so gewehrt haben, nicht wahr-\nscheinlich. Auf Veranlassung des Prinzen Eugen\nzogen die Türken wieder in die Türkei zurück, wo\nsie unter dem Halbmond bis heute das denkbar\nruhigste Leben führen.\nPeter der Große wurde von den Strelitzen in\nunverantwortlicher Weise behelligt. Kaum fuhr er\nein bißchen aus dem Land, so veranstalteten sie\neinen Strelitzenaufstand und er mußte seinen Urlaub\nunterbrechen.\nBald darauf entstand wegen einer hervorragend\nlangweiligen Stammtafel der spanischb Erbfolge-\nkrieg. Er dauerte volle dreizehn Jahre, die die\nkriegführenden Parteien dazu verwendeten, die Ur-\nsachen und den Zweck des jKrieges und die all-\njährlich vorgefallenen Schlachten auswendig zu\nlernen. Als ihnen der Kopf endlich' so großi wurde\nwie ein Wasserschaffel, schlössen sie den Frieden\nzu Utrecht, durch den England die Hudsonbai er-\nhielt und noch viele andere Dinge festgesetzt wur-\nden, deretwegen der Krieg nicht geführt worden\nwar.\nVon Robert Scheu: Lei 1f ad e n der Weltgeschichte\nerschienen Altertum in Nummer 8, Mittelalter in\nNummer 16 dieser Zeitschrift.\n\nBrandt-Glossen\nDie Komödie\nRudolf Kurtz\nDer Inhalt des Joachim vlon Brandt ist am\nehesten aus der bei S. Fischer erschienenen Buch-\nausgabe zu erfahren. Sicherer und angenehmer\njedenfalls, als durch die szenische Interpretation,\ndie übrigens dem Direktor Barnowsky keineswegs\nvergessen werden soll. (Ein großes! deutsches The-\nater (mußte das Werk ablehnen, weil Einer sich\nWeigerte, zur Tür hinausgeschleppt zu werden, wie\nes seine Rolle verlangte. Von Talma wärs ein\nschöner Zug, aber von einem sozusagen zivilen\nMenschend a rste 1 1er...)\nIdh habe der Lektüre dieses Werks eins! der\ntiefsten Erlebnisse zu verdanken, die mir die letzten\nJahre zugeführt haben. Eine Reinigung der £}e-\nhirnbahnen von verkrusteten Empfindsamkeits ■\nPesten, ein anständiges aufheiterndes Ozonisieren\nder Gehirnrinde. Ein Wort Diltheys über Lessing\nvermittelt prachtvoll das letzte Fingerspitzengefühl,\n$aßi man bei weiter Entfernung noch vom Werk\nherübersprühen fühlt: „Er phosphoresziert vor\nLogik\".\nUeber den Grundriß, auf dem die individuelle\nHandlung aufgeschichtet ist, sei vielleicht folgendes\nbemerkt. Joachim von Brandt ist der legendäre\nRafael ohne Arme. Ein dämonischer Mensch, der\nnicht zu seiner Form kommt. Die wuchernde Kraft\nzerstrahlt nach allen Seiten, aber soweit die Strahlen\nauch fallen, nie treffen sie auf einen Widerstand.\nUnd so müssen sie immer weiter, immer weiter.\nIch glaube dem Herrn von Brandt aufs Wort, daß\ner innerlich sehr müde ist. Aber er muß> gleichsam\nexperimentieren, wie weit man dem trägen Mast-\nvieh, der Masse, den andern, aufreizende Gewürze\nin die rechtens geschundene .Haut streuen kann.\n(Und still glimmt irgendwo ein sehnsüchtiges Hof-\nfen, über diesen armseligen Sumpf zu einem Gefühl\nseiner Persönlichkeit zu \"kommen.) Aber die Bestie\nrührt sich kaum und ist mit Futter immer wieder\nzu beruhigen. Bis der Kleinstadtregent, in seiner\nwohl empfundenen Bedeutung aufs tiefste gereizt,\ndie Würde des Gesetzes in Szene setzt. Jetzt richtet\nsich die Grenze vor Brandt auf: das Gesetz. Und\nals er einsieht, daßi Widerstand nur sieine Distanz\nzu den andern verkürzt, (daßi ihn kein Gesetz der\nPersönlichkeit, sondern eine Laune legitimiert,\nordnet er sich still ein. Und nun, da ihm diese\nErkenntnis ein neuer Wert, eine gewisse Realität\nwird, verbeugt sich' aus realpolitischen Gründen\ndas Gesetz vor ihm. Das Schicksal konstatiert\ngrinsend die Ausnahme. Nun ist seine Hilflosig-\nkeit ohne Grenzen. Alles fließt ineinander. Ja,\nwenn der Dämon nicht wäre, könnte ihn Candides\npraktische Weisheit noch retten? „Laßt uns hinaus-\ngehen und den Garten bestellen.\" Pflichtmäßiges\nHandeln: das ist die allen Menschen gemeinsame\nEbene. Aber Joachim von Brandt lernt es glück-\nlicher: ihm wird ein Kind geboren.\nIch halte diese Bemerkungen dem Bühnenbild\ngegenüber nicht für überflüssig. Das Schauspiel\nhatte sich im Kleinen Theater in ein anderes Format\ngefunden. Der Joachim von Brandt ist ein böcklin-\nscher Mensch, der nackt durch die Gassen zur\nTränke jagt. Alfred Abel aber ließt eine leichte\nAnämie nicht vermissen. Dieser große Schauspieler\n— drei gibt es ja wohl in Berlin — verkehrte so\nziemlich die Verhältnisse. Beim Brandt muß es\nmit immer neuem Erstaunen erlebt werden, (wie\ndiese starke Natur von innen heraus geschüttelt\nwird: bei Abel flaute das zu nervösen Ausbrüchen\nab. Er war mir überhaupt zu beweglich für den\nRittmeister von Brandt. Selbstverständlich gab es\nSituationen, wo nur ein Schauspieler von der\nmenschlichen Tiefe Abels für allzubedachte Worte\ndie Geste einer hingerissenen Situation fand. Aber\nsein Exterieur störte nicht nur den Zuschauer: sie\nruinierte auch den Eysen Herrmann Wlachs. Der\nhat als ein feiner schfrialer Mensch neben ihm zu\nsein, ein gedämpfter Charakter und nicht vom\nbesten Blut. Neben Abels schlenkriger schlottriger\nHaltung wirkte dieser Eysen lächerlich gesund und\nbrutal. Uebrigens hatte sich Wlach augenscheinlich\nnoch nicht in das Ensemble gefunden. Denn seine\nQualifikation für diese Rolle ist mir verbürgt.\nDie große Leistung des Abends war Landasi\nRegierungsrat. Er war mir schon kürzlich in einem\nblutarmen Feuilleton von Burckhardt aufgefallen:\ndies aber war eine Leistung großein Stils. Mit einer\nbehutsamen Empfindlichkeit für den Tonfall des\nGesprächs wußte er lange Satzreifen dynamisch\nzu gliedern, Sätze aufzulösen, Worte in einer höchst\npersönlichen Form zu belichten: das Außergewöhn-\nliche seines blendenden speechs! durch das Außer-\nordentliche der Persönlichkeit gleichsam (selbstver-\nständlich zu madhen. Das Lessiingtheater könnte\nfür diesen Schauspieler einige seiner Mitglieder in\ndie Provinz verschicken.\nMaxens Apotheker, den famosen Adalbert\nMotz und Ilka Grüning als Frau Motz kann ich nur\nnoch als schöne Leistungen, verzeichnen. Nur die\nRegie war mir zu (diskret: ich vertrage es nicht,\nwenn man die am stärksten belichtete Situation des\nganzen Werks — als Brandt die Geburt seines!\nKindes erfährt — glatt unter den Tisch fallen läßt.\nUeberhaupt vermochte ich den letzten Akt auf der\nSzene kaum noch wiederzuerkennen.\nIch halte den Abstand von Heimanns ästheti-\nscher Intelligenz und seiner dichterischen Be-\nlebungsfähigkeit für zu groß), um ihn als einen\nspezifischen Bühnendichter zu empfinden. Seinem\nTemperament fehlt das Dumpfe, Vegetative : er ist\neiner jener Platoniker, die ihre Gestalten bis auf\nihre leiseste Bewegungen in 'das Bewußtsein ge-\nhoben haben. So sehr ich Moritz Heimann in\ndiesem Werk als Dichter lieben gelernt habe, bitte\nich, an ein Wort des alten Goethe erinnern zu dürfen:\nZum Dichter gehört eine gewisse, ins Reale ver-\nliebte Beschränktheit\n\nNicht erlogenes Foyergespräch\n„Wissen Sie, Herr Kollege, er geht doch' m\nweit. Man kann nicht schreiben: Eingesetzt bi«\nich, zu richten.\"\n„Ueberhaupt, der Herr Kerr ist viel zu sub-\njektiv. Wen geht es schließlich an, was irgend\neiner für eine Ansicht hat. Das Publikum kümmert\nsich ja Gottseidank auch nicht darum.\"\n„Ja, Herr Kollege, Sie haben Recht, es will\ndie öffentliche Meinung hören.\"\n\nDie öffentliche Meinung\nDie Herren von der Presse gehen nun\nenergisch gegen die Literatur los. Sie markiere»\nGewitter, wenigstens in ihren Theaterkritikein.\nSchreibt endlich einmal ein anständiger Mensch ein\nanständiges Stück, so haben die Herren die schwer-\nsten Bedenken, denn es könnte ihnen das Geschäft\nstören. Nebenbei : ich habe richtig vermutet. Herr\nSkowronnek gehört nicht zum stücke schreibenden\nPressesyndikat. Wasl glaubt man, tut also Herr\nTurszinsky? Er wendete sich wieder verzweiflungs-\nvoll nach Breslau und behauptet, daßi Herr\nSkowronnek — Gliche schwanke schreibe. So-\nzusagen, in seinem Jargon gesprochen: ein Unter-\nliteraturnormalmensch. Man sieht, die Herren ver-\nstehen sich allmählich auf Differenzierungen. Also\ndie öffentliche Meinung lehnt Herrn Moritz Hei-\nmann ab und tut so, als ob die Komödie höchsten#\neinen mäßigen Erfolg gehabt habe, den selbstver-\nständlich dem Autor seine Freu nd e bereiteten.\nEs ist der „öffentlichen Meinung\" offenbar unan-\ngenehm, wenn einmal sechs Leute im Theater sind,\ndie nicht zu ihrer Sippe gehören. Tatsächlich bleibt\nzunächst festzustellen, daß die Komödie einen außer*\nOrdentlichen Erfolg hatte, ajn dem sich nur die,\nHerren vom Lotharsyndikat nicht beteiligten. Herr\nNorbert Falk schrieb in der B. Z. am Mittag in;\nletzter Zeit einige für ihn auffallende Kritiken. Jetzt\nhat die Erde ihn wieder. Er tobt über die „Cafe-\nhausliteraten\". Endlidh erfährt man auch, wo diese\nGeschöpfe sich aufhalten sollen. Im Cafe des\nWestens. Als ich und sio oft ich dieses Lokal auf-\nsuchte, fand ich nur Bierhausliteraten dort, die mir\nden Aufenthalt so verekelten, daßi ich seit Monaten\neinen mir bequem gelegenen Ort zur Lektüre von\nGeistesprodukten der öffentlichen Meinung meide.\nHerr Norbert Falk verwechselt wieder einmal Lite-\nratur (Kunst) und Leben. Hält sich für ungeheuer\nlebenstüchtig und lebensklug und spuckt auf die\nganze Literatur. Sie allerdings auch auf ihn. Wird\nman denn niemals in Deutschland begreifen, jdaßl\nKunst und Photographie zwei gegensätzliche Dinge\nsind. Wie kann man (das von Herrn Falk ver-\nlangen, dem nur die Berliner Morgenpost und die\nBerliner Illustrierte Zeitung zur Verfügung steht,\nwenn der Doktor Artur Eloesser auf dem gleichen\nNiveau flaniert, trotzdem er für die Vossische Zei-\ntung von Staats- und (gelehrten Sadhen schreibt.\nEr beschäftigt sich' mit der Neuen Rundschau und\nfindet, daß Heimanns Geist von ihr infeiert sei.\nSoviel Geist besitzt dieses! (Blatt aber nicht, um1\nso verschwenderisch damit umgehen zu können,\nwenn es auch Herrn Eloesser maßlos! zu impo-\nnieren scheint. Ja, meine [hochverehrten Herren,\nSie sind alt geworden, ohne jung gewesen zu sein,\nSie haben ausgespielt, ohne die Bühne je betretet*\nzu haben. Sie haben viel geschrieben, aber es ist\nfür schlecht befunden worden. Mit einem Wort:\nSie, die Vertreter der öffentlichen Meinung, haben\nnicht die Ahnung, was Kunst und Literatur\neigentlich ist. Trinken Sie vergnügt ihren Schoppen,\nund seien Sie liberal wie Ihre politischen Kollegen :\nGönnen Sie mir meine Schale schWarzen Kaffees,\nkritisieren Sie das Leben, dann haben Sie die Erde\n' r Jk >\nund die Erde hat Sie wieder!\nTr uät"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.6", "texte": "Konzerte\nAlfred Döblin\nViele Dinge suchen mich daran zu hindern,\nmein Vorhaben auszuführen und Konzerte zu be-\nsuchen. Konzerte erfreuen [sich ja, wie ich jetzt\nerfahre, einer gewissen Beliebtheit; erstens als Ver-\nsammlung von Menschen, besonders abends. Man\nhat nichts zu tun, kann sich umziehen; meist hat\nman auch etwas Kopfschmerzen und möchte sowieso\nweggehen. Und dann ist Musik dabei, wird ernst-\nhaft vorgetragen, nicht so wie in den Cafes, die\nauch ganz nett ist, aber mich wegen ihrer Schludrig-\nkeit oft abstößt. Es gibt $0 schöne, so schöne\nMusik, und gelegentlich Wort man sie in einem\noder dem andern Konzert. Natürlich mußi man in\nviele gehen, um sie zu [finden; leicht ist in der\nKunst nichts. Aber ich kann wirklich meinen festen\nEntschluß, Konzerte zu besuchen, schwer ausführen.\nIch rede nicht von dem Mangel an mir sympathi-\nschen Billets; schließlich ist ein Konzert wie das\nandere. Ich habe vielmehr eine [Beobachtung ge-\nmacht, auf die jnich ein Gespräch mit einer Gar-\nderobenfrau führte1, einer weltmännisch gebildeten\nDame mit abwechslungsreicher Vergangenheit. Man\ntrifft gewöhnlich iin den Konzerten nur Mädchen,\nSonderlinge und Engländer. Die Kritiker rechne\nich in die Kategorie der Engländer, weil ich beide\nnicht verstehe. Ein einziges Mal bei den vier Kon-\nzerten, die ich in meinem Leben besuchte, traf ich\nein mehr humanes [Wesen; der stellte sich dann\nals Bürstenbinder heraus, der, hochbetagt, hier den\nVerlauf seines Mittelohrkatarrhs und Otostkerose\nkontrollierte, weil er keine Stimmgabeln kaufen\nWollte und Billets gratis bekam. Es ist für jemand,\nder sonst nur sich1 unter den herkömmlichen Per-\nsonen aufhält, ein kompromittierendes Gefühl, solch\nEintritt in den Musiksaal. Da steht und sitzt eine\nAxt Gilde herum, etwas kaum Ernsthaftes, so wie\nHeilsarmee, Ach Gott, soviel Mädchen. Es ist\nschlimm, daß bei uns die Musik herabgesunken\nist; es geht wie der Tanzkunst; überall im\nVordergrund diese planlose, (meist unbedeutende\nAbart Mensch.\nNun hörte ich am Sonnabend Chopin, besser\nHerrn Ignaz Friedman. Man lese in meiner\n„Kalypso\" genauer nach, wie die Beziehung des\nVorführers zum Komponistein zu fassen ist. Die\nSängerin singt, weil sie eine Stimme hat, nicht\nweil es Mozart ist. Mozart ist Stoff, Kunst muß\nentmaterialisiieren; Spiritismus von hinten. Chopin\ntanzte auf seinen zerbrechlichen Stelzen an mir vor-\nüber. Herr Friedman spielte sehr interessiert und\nwohlwollend mit ihm; er setzte sich gut in Szene.\nOft sprang er entzückend an ihm vorbei, fast noch\nfeiner als Chopin selber. Das genießerisch Leckere,\ndas Leichte, Oberflächliche, beiläufig Bemerkte, ge-\nlang ihm gut; wenn es aber in Chopin kochte,\nschwoll der Herr odematös auf und hatte nur\nbramarbasierend dicke Backen. Kokett lehnte er\nsich nach der Anstrengung wieder zurück, schmun-\nzelt affektiert, überdehnte sich im Schmachten. Gut,\ngut. Und so hatte idi' dieses süßen Geistes Chopin\ndoch einen Hauch1 (verspürt.\nAm letzten Abend der jWodh'e durfte ich das\nganz andere Böhimische Streichquartett hören.\nMassive Temperamente, geistvolle Musiker vis-a-\n-vis ihrem Material ,das sich wie* neugeboren aus\nden Noten hob. Keine faselige Stimmungsmache,\nnichts von verderbter Süße. Sie brachten neben\neinem Haydn ein Dvorak-Stück — das mir immer-\nhin arm und ungehobelt erschien —, und ein Quar-\ntett von Reuß. Dieses ist s(infbnisch gedacht,\norchestral instrumentiert, äugelt mit Wagner, Strauß.\nWäre es ein Theaterstück, wjürde ich es ablehnen ;\nso demonstriert es wieder die Elastizität der Quar-\ntettform, den Klangreichtum und relative Tonstärke\ndieser vier Instrumentchen, die mögliche Poly-\nphonie. Mögen auch die guten, der Dramatik ab-\nholden Musiker nicht versäumen, in dieses Haus\neinzukehren.\n\nTolstoj und Heyse\nK. M.\nMan zweifelt, tob es heute große Männer mit\ngroßen Beispielen gebe. Dieser Zweifel wird be-\nseitigt durch die einmütige Erregung, in der Jour-\nnalisten des niedrigsten Niveaus! über Tolstojs ein-\nfache und bewundernswert konsequente Handlungs-\nweise das Maul verziehen.\nIn der „B. Z. am Mittag\" unternimmt es Ferdi-\nnand Runkel, den Ullsteins nach epochemachender\nWirksamkeit in der europäischen Hauptstadt\nRostock nach Berlin geholt haben, unternimmt es\nF. R., die Leser seines Blattes! zu beruhigen. Nie-\nmand solle glauben, daß) Tolstojs Flucht in die Ein-\nsamkeit ernst zu nehmen sei. Das europäische Fa-\nmilienleben solle sich nur nicht stören lassen. Die\nganze Sache beruht ja nur auf allgemeiner Greisen-\ntaprigkeit, dementia senilis. Keim Leser der B. Z.\nsolle sich an dergleichen kehren, womöglich jauch\nFamilie, Börse und Lektüre der „B. Z. am Mittag\"\naufgeben. (Die besondere Infamie dieser Ullstein-\nschen Philosophie des Bauches besteht im Ver-\nschweigen der Tatsache, daßi Tolstoj von jseiner\nFrau auf die niedrigste Weise ausgebeutet wurde\n— was wenigstens den Lesern der B. Z. die An-\ngelegenheit ernster (und verständlicher gezeigt hätte.)\nGanz anders spiegelt sich die Sache immerhin\nim Kopfe des Herrn Karl Schnaidt, eines Journa-\nlisten, der minder gebildete Leser durch seine\nExkreimentalphantasie anzulocken versucht:\nIn seiner „Tribüne\", jenem Blatt, das liaupt-\nsächl i c h von Arb ei te r n gelesen wird, unter-\nsteht er sich' zu schreiben:\nIch persönlich habe mit nicht geringem Vergnügen\nNotiz genommen von der soeben bekannt gewordenen\nTatsache, dass der ehrwürdige Papa Tolstoj auf seine\nalten Tage seiner Gattin durchgegangen ist. Dass er\nsich obendrein vor den Freuden des häuslichen Herdes\nin ein Nonnenkloster geflüchtet hat, finde ich Wohl\nbegreiflich. Ich würde an seiner Stelle ganz ebenso\ngehandelt haben. Vorausgesetzt natürlich, dass man\nmich in ein solches Kloster aufgenommen hätte. Für\nNonnen habe ich als ehemaliger Katholik noch heutigen\nTages eine kleine Schwäche. Das mag daher kommen,\ndass ich als kleiner Junge das süsse Gebäck, Welches\nbei uns im Volksmund (Das Wort ist nicht\nwiederzugeben. Die Redaktion.) heisst, für mein\nLeben gerne ass. Noch heute läuft mir das Wasser\nim Munde zusammen, wenn ich solcher Schmauserei\ngedenke. Im Nonnenkloster aber würde es mir doch\nWohl kaum an dieser meiner Leib- und Magenspeise\nfehlen. Hauptsächlich aus diesem Grund~ beneide\nich den alten Leo Tolstoj um dieses sein neuestes\nErlebnis . . .\nSchneidt hat sich oft mit gleichsam umgekehr-\nten Byzantismus aufs servilste um die Gunst der\nAtbeiterkreise bemüht. Jeder weiß, daß der Ar-\nbeiter sich eine Zeitung, die ihm Genossen emp-\nfehlen, nicht zum Spaß kauft, sondern um sich\nzu bilden. Die grenzenlose Gewissenlosigkeit\ndieses Fäkalienjournalisten, der seinem Publikum\nden Fall Tolstoj aus der Unterleibsperspektive be-\nschreibt, soll nicht unbemerkt vorübergegangen\nsein!\nDas Berliner Tageblatt gibt Aeußerungen des\nNobelgreises Paul Heyse über Tolstojs Flucht\nwieder :\nEin Mitarbeiter des Triester „Piccolo\" hatte in\nMünchen eine Unterredung mit Paul Heise, während\nder auch über die Flucht Tolstois gesprochen wurde.\nHeyse erklärte, wie das italienische Blatt meldet,\nWörtlich: „Tolstoi ist ein Komödiant. Es sind\nKomödiantentricks. Wenn man achtzig Jahre im\nReichtum gelebt hat, kann man wohl sehr gut auch\ndie wenigen Jahre, die noch bleiben, im Reichtum\nleben. Wenn Tolstoi nicht durch Familiengründe\nbestimmt wurde, hat er diese Flucht entweder unter\nWirkung des Greisenalters oder aus Eitelkeit vollbracht.\"\nDieser Jubelonkel hat's nötig 1 Natür-\nlich ist ihkn Tolstoj unangenehm, natürlich. Der\nolle ehrliche Heyse hat aber auch1 gleich sein höch-\nstes Kriterium (in die Debatte geworfen: Die Be-\nhaglichkeit! Da habein wjir's, die Behaglichkeit.\nHeyse hat ja seine (Lebtage immer nur aus der\nFamilie und für die Familie gedichtet. Und nun\ngeht da so ein genialer Kerl aus Rußland im hohen\nAlter von seiner Familie weg? I, da muß ja die\nganze Heysesche Plüschmöbelkultur knacken! Der\ngute Heyse wird freilich nicht so bald aus seiner\nBehaglichkeit hervorkriechen.\n\nBerliner Abendstimmung\nErnst Blass\nStulnm würden längst die Polizeifanfaren,\nDie hier am Tage den Verkehr geregelt.\nIn süßen Nebel liegen hingeflegelt\nDie Lichter, die am Tag geschäftlich1 [waren.\nAn Häusern sind sehr kitschige Figuren1.\nWir treffen manche Herren von der Presse;\nUnd viele von den aufgebauschten Huren,\nSadistenzüge um die feine Fresse.\nO komm! o komm, Geliebte! In der Bar\nVerrät der Mixer den geheimsten Tip,\nUnd überirdisch, himmlisch steht dein Haar\nZur Rötlidikeit des Cherry-Brandy Flip.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung- in Oesterreich-Ungarn\n1.V.: Oskar Kokoschka\n\nWochen- Spielplan der Berliner Theater\nNovember Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Sonnabend Sonntag I Montag Theater mit gleichbleibendem Spielplan:\n22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. _\nDeutsche Kleines Theater Dienst», Freitag u. Montag*\nSchumannstrasse 13 a Don Carlos Faust Hamlet Jndith Herr und Diener Herr und Diener kommernacnts Unter den Linden 44 Joachim v. Brandt. An and.\nräum Tag. Verfl. Frauenz. /1. Kl:\nKammerspiele Trnin^Pn^TTplvntDer verwundete r , Der verwundete Der verwundete n . Modernes Theater n -n 1 x.\nSchumannstrasse 14 r Y°gel SrWülen V°gel V°^el Königgrätzerstr. 57| 58 Der Doppelmensch\nLessingtheater Das zweite Ibsenzyklus: Wenn der junge + TT t r + Tt \\ * tt k+• + Neues Theater Dienstag: Kean. Mittw..«\nFriedrich Karlufer i Leben Rosmersholm Wein blüht Unbestimmt Unbestimmt Unbestimmt Unbestimmt scbiffbauerdamm4a|s Freitag: Der Sieger,\nAb Sonnabend: G.m.b.Tenor\n*iO4?K)4 a Die Boheme Tosca Tiefland Die Boheme AbbT Die Bohöme Zigeunerliebe Der Unterpräfekt\n2SÄ*«.| j „Sim. | SSSS | »•—- | Md. j Carmen\nJN[ OUOS v Ttf\nWeh dem, der Jungfrau von Wann kommst Premiere Wann kommst eues „ „\nNbneSfftJ Uno lü^t Sternenhochzeit Orleans Du wieder? Genoveva Genoveva Du wieder? Operettentheater Der Graf von Luxemburg\nNollendorfstrasse lljl2 Schiff bauerdamm 25\nBerliner Theater Der scharfe Der scharfe Der scharfe Der neue Der scharfe Der neue Der neue Theater des Die schönste Frau\nChariottenstr. 93 Junker Junker Junker Kompagnon Junker Kompagnon Kompagnon Westens reitag. Geschlossen.\n. 1 & Kantstrasse 12 Soimab,: Das Puppenmadel\nKönigliches | Wallensteins Waiio -»r * 14.1,\nSchauspielhaus Der Familientag Der Krampus Die Räuber Lager n aiiensieins Der Krampns Der Famüientag Hurrah __ wir leben noojj!\nGensdarmewnarkt Die Piccolomini 10(1 Behrenstrasse 55|56"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.7", "texte": "Verantworte f. d. Anzeigenteil: A. Bots / Verlag Der Storm Berlin Hafensee Geschäftsstelle nnd Anzeigen-Annahme: Berlin W. 35 / kruck ▼. Hans Walter, Berlin SWJB\n\ni\n1. October bis 1. Dejember\nin 9er\nSalerie ITToximUion machf\nISSSSS! ESSSisS®IESSSI\nBerlin ID., Ranhe-Strasse 1\nan 9er Kaiser HJilhelm 6eo3chfnis ~ Kirdie"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101124-01.1.8", "texte": "(n Wien ist die Wochenschrift DER STURM vorrätig bei Hugo Heller and Cie 1 Bauernmarkt 3\n\nLMIiriMMIMMMIIIIIMI 11 ll!l>\n(DieMiefl\nf§ HERAUSGEBER g\njj Karl Kraus g\n1:: fir. 309/10 |\n8 soeben erschienen §§\n| Preis 50 Pfg. |\n1 Aus dem Inhalt: §§\ng Kempinski von Karl Kraus H\nH Gedichte von Else Lasker- g\ng Schiiler g\nm\n| Oberall erhAltlich I\n§H In Nummer 301-02 dieser Zeit-\nH schrift erschien: H\nm DIE unschuldige g\n§§ Von Heinrich Mann §H\ng Aufgefiihrt im Kleinen Theater g\n§§j zu Berlin §|\n~ !lllllllllil!!llll!ll!(l!!lllll!l!ll|]|lllllllll!!IIIIIII!!l!Illllllll!IDIIIIIIII!tl\n\nHerwarthWalden\nDAFNISLIEDER:\nFur Gesang and Klavier / 52 Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musikalien-\nhandlungen oder direkt durch den\nVerlag DER STURM, Halensee\n•• • Katharinenstrasse 5 •• •\nlaiaifltiiaißißiaiaitißifiataiataiaiiiaiiißiaiiiaaiiißfiißißißißißT\n\n« PROBENUMMERN ss\nurasonst u. portofrei durch die\nGeschSftsstelle „DER STURM\"\n\n„Der Forscher\"\nIllustriertes Zentralblatt flir deutsche\nForschung\nHerausgeber: Bund deutscher\nForscher, Hannover, unter hoher\nEhrenprasidentschaft Sr. hoch-\nfUrstl. Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe. Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJ&hrlich zwOlf starke Hefte mlt Bei-\ntr&gen berlihmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deuischer\nForscher erhalten den „Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fOrdernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. 7.20. Jahresabonnement Mk. 5.50,\nbezw. K. 6.— inklusive Porto\nProbenummer gratis and franko\nInserate finden im „Forschera\nwirksamste Verbreitung\nInsertionspreis: Die drelmal\ngespaltene Petitzeile 30 Pfg.\nO Geschaftsstelle: O\nForscher - Verlag , Hannover\n\nschaftl. Kurse von Friedr. Mester Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fuhrender Stellung). Grilndliche\nEinfuhrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationellea\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur ein mehr-\njahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fiir Anf&nger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- una Bilaaz-\nTechnik, Biiro-Praxis sich vorbereiten wollen —\nsowohl fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\nsolviert haben, wie fiir\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen, Einjihrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfur Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fiir Verwaltuns: wirtschaftlicher Unternehmungen oder VerbSnde,\nAktien- oder ahnlicher Gesefischaften sich vorbereiten wollen. 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Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURG\nWilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5—6 Übr\n\nTHRICHOPHIL\n| F1.M.3,00 SSKi'IfSESJi FL M. 3,00 ■\nBjf an nur beta F&brik&nten: =» ■■■Bsasßitaaaas H\n| Otto Teutscher/Friseur §\nI. Geschaft: 106 a Potsd&merstr., Eing. 63 Steg-litzerstr./Tcl.VI, 6735 I\nIL Geschaft: Ch&rlottenburg, 100 Kaiserdamm, Tel, Ami Ch.,6387 jj\n\nIn keinem Hause sollte\nfehlen:\nFelke -Zeitnng\nZeitschrift fiir\nLebens- und Heilweise und\nHomOopathie nach der von\nPastor Felke in Repelen be-\n:: grfindeten Heilmethode ::\nSie erscheint allmonatlich\nunter Mitwirkung mehrererAerzte\nund hervorragender Sachverstan-\ndiger. 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