{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-12-08-01", "volume": "bmtnabg_1910-12-08_01", "ocr_sha256": "cd135a9a37462b75ce8106b36678105390e0f6008d43c3c319395c26b27def82", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/12/08_01/bmtnabg_1910-12-08_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/12/08_01/bmtnabg_1910-12-08_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-08-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-08_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-12-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "323", "page_fin": "323", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "323", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.1", "debut_caractere": 697, "fin_caractere_exclue": 984, "texte": "INHALT:\nN. 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Aber die retho-\nrische Wendung erwies sich als die treffendste Charakte-\nrisierung Tolstois, als die umfassende Formel seines\nganzen Wirkens — zu Beginn als Künstler und später\nals der Verkünder einer neuen Welt.\nUnd in der Tat ist Tolstoi nicht nur ein grosser\nrussischer Schriftsteller wie Turgeniew oder Dostojewski,\nsondern er ist zum Unterschiede von ihnen der Schrift-\nsteller der „russischen Erde\" und jener Stände, die\nhistorisch im russischen Boden wurzeln, des Adelstandes\nin seiner Doppelrolle als Gutsherr und Staatsdiener,\ndes Bauerntums, gleichfalls in der historischen Doppel-\nrolle als Landmann und Soldat. Alle anderen gesell-\nschaftlichen Schichten, die mit ihnen nicht in direktem\nZusammenhange stehen, wie der Klerus, der Kaufmann-\nund der Bürgerstand, gleich allen übrigen Klassen\nder städtischen Bevölkerung von den Dienern der\nWissenschaft, der Kunst und der Presse, denen sich\ndie freien Berufe anreihen, bis zu dem niederen Be-\namtentum, sie alle bleiben von Tolstois umfassender\nBeobachtung und seinem Schaffen unberücksichtigt.\nAllen diesen gegenüber verhielt sich der Künstler Tolstoi\nmit verächtlicher Gleichgültigkeit und der Moralist Tolstoi\nmit zorniger Verdammung. Die Sympathien des grossen\nSchriftstellers, sein Geist, sein Herz, sein Gewissen\ngravitierten nur nach der russischen Erde, nach den\nArbeitern und den Hütern dieser Erde. In einer Hinsicht\nalso muss man Tolstoi unter allen russischen Künstlern\nals den betrachten, der in geringem Masse Russland\nwiederspiegelt Erinnern wir uns doch, dass er ebenso\nwie Turgeniew und Dostojewski Zeigenosse und Augen-\nzeuge jener grossen Erregung war, welche in den\nsechziger lahren beginnend, die russische Gesellschaft\nerfasst, in der Begeisterung für eine ganze Reihe\nkultureller und politischer Ideen ihren Ausdruck ge-\nfunden, und nicht nur einer, sondern vielen Gene-\nrationen grosse Opfer gekostet hat Und was geschah?\nZur Zeit, da Turgeniew und Dostojewski die überall\num sich greifende leidenschaftliche Bewegung in positiven\noder negativen Bildern, jeder nach seiner Art, schilderte,\nhat nur Tolstoi diese Bewegung mit keinem Wort er-\nwähnt Er hörte einfach nicht, er wollte es nicht hören,\nworüber die Leute in den Städten Lärm schlagen, womit\nsie ihr Leben ausfüllen und wofür sie sterben. Dieser\nangeborene Aristokratismus, dieser zäsarische Glaube\nan sich selbst und der Vorzug, den er allem, was ihm\nnahe stand, gab, erwiesen sich für Tolstoi von grösstem\nNutzen.\nDank diesem Umstände war Tolstoi einer der wenigen\nSchriftsteller, die statt im Anfang des Schaffens auf der\nSuche nach neuen Bahnen herumzuirren und die Kräfte\nin der Nachahmung zu vergeuden, schon beim ersten\nSchritt seinen Stoff und seine Eigenart besass.\nTolstoi fand sich selbst gleich in seiner ersten\nErzählung „Die Kindheit\". Er fühlte den Drang seiner\nSchaffenskräfte und entschied mit stolzem Selbstbewusst-\nsein, dass nichts bedeutungsvoller und interessanter sein\nkönnte, als seine eigenen Gefühle und Gedanken, das\nLeben seiner Angehörigen und seiner Umgebung. Ge-\nwöhnlich schreibt der Romancier seine Autobiographie\nerst gegen Ende seiner Wirksamkeit; Tolstoi begann\nmit sich und den ihm nahestehenden Menschen und\nvon diesem Wege wich er nicht mehr ab, indem er\nsich selbst in den Mittelpunkt jedes neuen Werkes\nunter dem Namen von Nechljudow, Olenin, Besuchow,\nLewin stellte und diese zentrale Persönlichkeit mit\nMenschen aus seiner ihm bekannten Welt, aus dem\nmit dem russischen Boden in Berührung stehenden\nHerren- oder Bauernstand umgab. Mit den Jahren wird\ndas persönliche Leben Tolstois immer intensiver und\nbedeutender und er reisst den Schleier selbst vom Ge-\nsicht, unter dem er bisher vor dem Leser erschienen\nwar. Statt der Bekenntnisse in der dritten Person, statt\nim Namen Besuchows oder im Namen Lewins über\nden Glauben zu raisonieren, legt er der Welt sein Be-\nkenntnis, seinen Glauben vor, wobei dieser Uebergang\nwieder mit der grössten Leichtigkeit vor sich geht, als\nob es gar nicht anders hätte sein können.\nDieses stolze Selbstvertrauen, eben in der Wahl\nder Stoffe, half Tolstoi seine Eigenart mit grösserer\nLeichtigkeit finden, als dies] anderen Schriftstellern gelang.\nDer Naturalismus, die Wahrhaftigkeit der Schilderung,\ndie Jtreue Wiedergabe l'der Wirklichkeit, die bei den\nanderen als eine Literaturfrage der Tradition und der\nSchule erschien, dasfalles gab Tolstoi sich selbst, ward\nihm vom Stoff selbst zugeflüstert. Treue Wiedergabe\nder Wirklichkeit? Wie konnte der Schriftsteller anders\nvorgehen, dem der allergeringste Zug in ihm und\nin Umgebung als ein Ereignis von höchster\nWichtigkeit und würdig der Beobachtung und der Wieder-\ngabe erschien. Tolstoi konnte aus dem Gefühl des\nStolzes allein weder Romantiker noch Poet werden.\nAuf dem elterlichen Landgut sprach niemand in Versen,\nfolglich steht die Prosa höher als die Poesie. Man kann\nsagen, dass von allen zeitgenössischen Schriftstellern\nTolstoi der einzige Vollblutnaturalist ist, da er während\nseiner langen Schaffenszeit nur das darstellte, was er\nwirklich erlebt hat.\nWenn man Tolstoi liest, fühlt man, dass es ihm\nschwerer gefallenjwäre zu lügen, das Leben schöner\ndarzustellen, als die Wahrheit zu sagen. In den sämt-\nlichen Bänden Jseiner Werke ist nicht eine einzige\nsogenannte poetische Seite zu finden. Ueber die Liebe,\nüber den Tod, über die Natur sagt er eben das, was\ner davon weiss, was er mit seinen eigenen Augen ge-\nsehen hat, mit den physischen und geistigen, und beim\nLesen seiner Werke versteht man nicht mehr wie beim\nLesen der Iliade, wodurch sich denn eigentlich, von der\näusseren Form abgesehen, die wahre Poesie von der\nwahren Prosa, die Kunst von der Geschichte überhaupt\nunterscheidet.\nZuweilen will es uns scheinen, es sei so leicht, ein\ngenialer Naturalist zu sein. Man hat nur etwas im\nGedächtnis festzuhalten und dann niederzuschreiben.\nIst doch jeder imstande, sich auf die Selbstbeobachtung\nund die Beobachtung der Nächsten zu\nWenn jede Wahrheit des Lebens bedeutend ist, warum\nsollte es schwer sein — so scheint es — bedeutendes\nin der Kunst zu schaffen? Man braucht nur das Leben\nzu photographieren. Aber es scheint nur so. Tat-\nsächlich erklärt sich die Bedeutung von allem, was\nTolstoi schildert, nicht bloss durch sein stolzes Ver-\ntrauen auf den eigenen Wert, sondern hauptsächlich\ndadurch, dass Tolstoi als der Sohn der russischen Erde\nin sich selbst deren beste idealste Züge, ihre und ihres\nVolkes Grundbedingungen verkörpert.\nDeshalb liebt auch Russland Tolstoi mit einer ganz\nbesonderen Liebe. Indem wir in allen Helden seiner\nRomane ihm selbst begegnen, nehmen wir dem Schrift-\nsteller seine Selbstbeobachtung und gleichsam seine\nSelbstbespiegelung nicht übel, sondern wir sind ihm im\nGegenteil dankbar für die Möglichkeit, die er uns bietet,\nin seine innere Welt Einblick zu gewinnen, weil Tolstoi\nuns als idealster, merkwürdigster Held der russischen\nWirklichkeit erscheint Tolstoi besitzt ein phänomenales\näusseres und inneres Gedächtnis. Mich setzt eine Stelle\nin der „Kindheit\" immer in Erstaunen: in der Be-\nschreibung der ersten Trennung von seiner Mutter, da\nTolstoi kaum das fünfzehnte Lebensjahr überschritten\nhatte, erinnerte er sich der kleinsten Einzelheiten, was\nerin den letzten Minuten der Trennung sah, hörte und\nwas in jenem Augenblick seiner Aufmerksamkeit ent-\ngangen war.\nBeim Lesen der Romane Tolstois, so reich an\ntausend Alltagseinzelheiten, empfindet man dasselbe, was\nOlenin zum erstenmal empfand, als er zum Kaukasus-\ngebirge kam: „Des Morgens vor Kälte im Wagen er-\nwachend, sah er unerwartet das reine weisse Gebirge,\nund diese Nähe von etwas Unbegrenztem und Herr-\nlichen verschönte ihm alle seine Reiseeindrücke.\" „Jetzt\nbegann es\" — — als hätte ihm dies eine Stimme\nfeierlich zugeflüstert. Und die Fahrt und die in der\nFerne deutlich werdenden Umrisse des Terek und die\nKosakendörfer und das Volk — [alles erschien im jetzt\nnicht mehr nichtig. Er blickt auf sich, auf den Himmel\nund erinnert sich der Berge. Er blickt auf sich, auf\nWanjuscha und wieder auf die Berge. Da reiten zwei\nKosaken, und die Flinten in den Gewehrtaschen tanzen\nauf ihren Rücken und ihre Pferde laufen mit braunen\nund grauen Beinen durcheinander, und wieder die\nBerge. ... Die Sonne geht auf und glitzert auf dem\ndurch das Schilf sichtbaren Terek die Berge.\nDasselbe Gefühl von etwas Unbegrenztem, Er-\nhabenen fühlt man unwillkürlich beim Lesen von Tolstois\nRomanen. Der eingetroffene Offizier verliebt sich in\ndie Kosakin, die zuerst nach seinem Reichtum begehrt,\nund später angesichts der Gefahr den einfachen Kosaken\nihm vorzieht — das Schicksal.... Lewin beobachtet\ndie Arbeit der Bauern beim Mähen — die Wahrheit ~\nAnna Karenina ist grundlos auf Wronski eifersüchtig\n— — Gott."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-08-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-08_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-12-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "324", "page_fin": "326", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.2.4", "titre_corps": "Ein Charakter", "titre_sommaire": "Ein Charakter", "signature_source": "Thaddaeus Rittner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "324", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.2", "debut_caractere": 9293, "fin_caractere_exclue": 12550, "texte": "Ein Charakter\nVon Thaddaeus Rittner\nI\nMeinem Ferdinand fiel vor einigen Wochen ein\nZiegelstein auf den Kopf. Nun liegt der Schwerkranke\nbei mir zu Hause, wo zwar auch Adele wohnt (seit\ndem Aschermittwoch), aber sonst genug Platz vorhan-\nden ist. Der Arzt versichert, der Zustand des Patienten\nsei hoffnungslos.\nNebenbei gesagt, hätte ich nie geglaubt, dass ich\nden Menschen überleben würde.\nZuweilen kommt auch Mischi (nach Schluss seiner\nApotheke) und wir spielen Karten. Es ist doch an-\ngenehmer, einen Kranken zu pflegen, wenn man Ge-\nsellschaft hat.\nHier und da gehe ich zeitig zu Bett, und Adele\nund Mischi halten Wache.\nMischi sagt zu mir:\n„Du brauchst mehr Schfaf als wir, weil du viel\narbeitest . . .\" Früher konnten Mischi uud Adele den\narmen Ferdinand nicht ausstehen; aber nun sitzen die\nguten Seelen viele Nachtstunden an seinem Bett . . .\nmit Rücksicht suf die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes.\nDie Nächte sind so heiss, dass ich trotz offener\nFenster niederträchtig und mit Unterbrechungen schlafe.\nUnd morgens wache ich mit einem Gefühl auf, als\nhätte ich die Nacht nicht in meinem Bett, sondern\nweiss der Teufel wo verbracht.\nIch träume hauptsächlich, ich selbst hätte meinem\nFreund den Ziegelstein auf den Kopf geworfen.\nUnd vorige Nacht wurde sogar über mich Gericht\ngehalten.\nIch erinnere mich deutlich.\nGrosser Saal, Gerichtshof, Staatsanwalt, Advokaten\n— alles wie in Wirklichkeit.\nMan stellt mir Fragen, ich antworte. Ich sage, wie\nich heisse, wann und wo ich geboren wurde . . alles\nwie in Wirklichkeit.\n„Bekennen Sie sich schuldig?\"\nAch so .. . Die Sache mit dem Ziegelstein.\nAlso nicht ein Zufall, sondern .... ich?\nIch weiss es selbst nicht. Aber nach kurzem Nach-\ndenken komme ich zu der Ueberzeugung: ja, ich hab's\ngetan.\nIch hab's getan.\nZweifellos, denke ich. Hatte ich nicht unzählige\nMale grosse Lust, dies zu tun? Wie oft? Wie oft?\nAlso werd' ich's wohl auch getan haben. Sicherlich.\n„Ja,\" sage ich einfach.\nAber nun fragt man mich nach den Motiven, und\nda .. . schüttle ich nur den Kopf. Ich habe wahr-\nlich nicht die Lust, über meine privatesten Angelegen-\nheiten zu beichten.\nIch antworte nicht, Ich schaue dem Gerichtshof\nunverschämt ins Gesicht und pfeife vor lauter Gemein-\nheit und Verstockheit .... Und der Gerichtshof\nüberschüttet mich mit stummen Drohungen, die mich\nwie Rossfliegen peinigen.\nIn meiner Bedrängnis und Verlegenheit beginne ich\nendfich zu sprechen. Ich spreche lange und so aus-\ngesucht witzig, dass ich davon Kopfschmerzen bekomme.\nAls hätte ich nicht nur eine unglaubliche Rednergabe,\nsondern auch mehr als vierzig Grad Fieber.\nIch erzähle, wie mir Ferdinand das Leben ver-\nbittert hat, und wie ich ihn dafür töten musste. Es\ngelingen mir einige fabelhaft komplizierte Sätze, die\nFerdinand und seine Beziehungen zu mir charakterisieren.\nIch spreche . . .\nUnd nun bin ich plötzlich wo anders . . .\nEs verschwindet der Saal, es verschwindet der hohe\nGerichtshof . . . ich bin augenscheinlich zum Tode\nverurteilt.\nEin rührend einfacher Galgen. Als wäre er von\neinem Schuljungen auf der Schiefertafel gezeichnet.\nUnd Henker is Ferdinand. Aus Jdiesem feierlichen\nAnlass ist er natürlich gesund geworden. Seine Augen\ndrücken, wie gewöhnlich, strenge, ich möchte sagen,\nunbarmherzige Freundschaft aus."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "325", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9910, "texte": "Ich werfe ihm einen Blick zu, der ihn flehentlich\num ein wenig Mitleid bittet. Aber er hält mich schon fest.\n„Ich kann nicht anders,\" flüstert er wohlwollend,\n„ich muss dich aufhängen.\"\nIch sehe, es gibt keine Rettung. Er muss. Ich\nfühle schon seine Hand an meiner Gurgel\n„Erbarme dich, erbarme dich !\" Aber er ist\nvon Stein.\n„Ich wäre deiner Freundschaft unwürdig,\" sagt er,\n„wenn ich dir die Strafe vorenthielte, die dir recht-\nmässig gebührt.\"\n..... Ich wache auf. Es ist noch finster im\nfinster im Zimmer. Ich kichere in einem Anfall heisser\nSchadenfreude. Durch mein Aufwachen habe ich sel-\ntene Gelegenheit verdorben, seine Freundschaft zu do-\nkumentieren.\nUnd er hätte mich unbedingt hingerichtet — denke\nich noch zähneklappernd — denn er ist ein Cha«\nrakter. «. . . .\nII\nFerdinand lebt noch.\nAdele liegt auf dem Sofa in ihrem türkieblauen\nSchlafrock.\n„Langweilige Geschichte,\" sagt sie indem sie den\nKranken betrachtet.\nDas ist schon' so ihre Art.\n„Dauerts noch lange?\" fragt sie nach einer Weile.\n„Nicht so laut,* sage ich.\n„Ob's noch lange dauert?\" schreit sie, als hätte\nich vorhin nicht gehört\n„Höchstens eine Woche . . . ~ meint der Arzt\"\nAdele gähnt.\n„Was ist denn heute mit Mischi?\"\n„Wird schon kommen, wenn er die Apotheke zu-\ngesperrt hat.\"\n„Langweilige Geschichte 1\"\nNach einigen Minuten.\n„Du heut in der Früh hat er einmal die Augen\naufgemacht.\"\n„Hm Wer?\"\n„Na* der ... . Charakter.\"\n„St.\"\n„Ferdinand. Er fragte, was ich hier zu tun hätte.\nIch schaue sie ängstlich an.\n„Was hast du geantwortet?\"\n„Dass ich ihn pflege.\"\n„ Und dass du bei mir wohnst.... was?\"\n„Nein!\" schreit Adele.\n„Denn das hätte keinen Sinn.\"\n„Beunruhige dich nicht 1\"\n„Das hätte nämlich keinen Sinn . . . .\" wiederhole\nich verlegen.\n„Fürchtest du dich vor ihm?\"\n„Hm \"\nPlötzlich stand sie auf, setzte sich zu mir.\n„Der Charakter war nie dein Freund,\" flüsterte sie.\n„Gelt? Du hast nur Angst vor ihm ... . Er hat\ndir das Leben verbittert \"\n„Höre auf! Er liegt doch hier.\"\nSie rückte näher.\n„Ich spreche ja ganz leise.\"\nSie begann mich zu streicheln.\n„Gestehe,\" bat sie mit kindlicher Stimme.\n„Gestehe, er hat dir das Leben verbittert, gestehe,\n*er hat dir das, . . .\"\n„So schweig. Was willst du ?\"\nn Dass du gesteht. Sonst nichts. Dass\ndu mir sagst, nur mir . . .\"\n„Charakter, ich weiss. Ha, ha '\n„Er hat immer die Wahrheit gesprochen \"\n„War dir das etwa angenehm?\"\n„Du hast so eine aufregende Art \"\n„Gestehe, dass du jeden lieber hast als ihn. . .\nJetzt brauchst du dich nicht mehr zu verstellen, er\nstirbt ohnehin.\"\n„Entsetzlich!\"\n„Der Arzt hat selbst gesagt .... höchstens eine\nWoche \"\nSchweis!\"\n\"Er hört's ja nicht, er ist bewusstlos. Du brauchst\ndich \"nicht mehr zu verstellen. Sag, dass du mich und\nMischi und alle lieber hast als ihn . . . /\n|a ig \"\n.\"Endlich!* 'Du gestehst! Du konntest ihn niemals\nleiden .... Sag . . .\"\n„Niemals.\"\n„Ha, ha ... . endlich, endlich, endlich! .. .\nAch du \"\n„Lache nicht.\"\n„Sag, weshalb hast du dich mit ihm befreundet?\nIhr Männer seid fürchterlich Komisch. . . Ihr sagt\neuch ein für allemal: der da ist mein Freund! . . - .\nUnd dann haltet ihr ewig zu diesem Freunde. . . Selbst\nwenn ihr ihn längst schon hasset \"\n„Ja ... ja ... . ich bin schwach. Deshalb.\nDer Charakter ist immer hungrig, braucht immer einen\nSchwachen, um an ihm zu zeigen, dass er ist. Er\nbrauchte mich. . .\"\n„Er hat dich gequält. Er hat deine Freunde ver-\nleumdet.\"\n„Er hat meine Freunde nicht verleumdet, sondern\nnur von ihnen die Wahrheit gesagt.\"\n„Das ist dasselbe. Du hattest immer Todesangst\nvor seiner Wahrheit. . . . Gestehe!\"\n„Genug.\"\n„Seit du ihn kennst, hast du die Empfindung, dass\nalle Leute schlecht sind, und dass du selbst ein Dumm-\nkopf bist .. . gestehe! Du glaubst nicht mehr an\ndich, glaubst nicht mehr, wie früher, an deine Kräfte,\ndeine Fähigkeiten \"\n\"Er öffnete mir die Augen. Aus Freundschaft.\"\nDas heist, er nahm dir alles, was du hast . . . .\nAlles, woran du von früh bis abends denkst. . . Alles,\nwas dir Freude macht. . . .\"\n„Nur Illusionen hat er mir genommen.\"\n„Ha, ha... . Gestehe, dass dir eine deiner Illu-\nsionen lieber war, als alle seine Wahrheiten\nGestehe, dir schlug das Herz, so oft du ihm begeg-\nnetest, vor Angst mit einer neuen grässlichen Wahrheit\nvon ihm beschenkt zu werden. . . Gestehe!\"\n„Um Himmelswillen.... Er liegt hier. . . .\"\n„. .. . Bewusstlos. Und du wünschest bestimmt,\ner möchte nie, nie mehr. . . .\"\n„Sprich es nicht aus.\"\n„Gestehe!\"\nSie sprang auf, denn Mischi ist gekommen, der\nvermultlich eben seine Apotheke zugesperrt hatte.\nIII\nAdele ist ein merkwürdiges Mädchen. Gestern\nsprach sie noch schlecht von Ferdinand und diese\nNacht verbrachte sie (\"zusammen mit Mischi) wachend\nan seinem Bette.\nMir wurde aber schon um neun befohlen, gleich\nzu Bette zu gehen.\n„Leg dich nieder,\" sagte Mischi. „Du brauchst\nmehr Schlaf als wir, weil du viel arbeitest.\"\nEin guter Bursche.\nNebenbei bemerkt, habe ich Pech; schlafe ich ein-\nmal gut und traumlos, so werde ich dann immer vom\nZufall irgendwie gestört.\n.... Es war noch stockfinster, als mich plötzlich\nAdele weckte.\n„Was gibt's denn?\" fragte ich entrüstet.\n„Ich bitte dich, komm!\"\n„Wozu?\"\n„Ferdinand ist bei Bewusstsein und will mit dir\nsprechen\".\n„Gut. ... in einer Stunde!\"\n„Nicht in einer Stunde! Sofort.\"\nIch möchte vor Schläfrigkeit weinen. Aber ich er-\nhebe mich langsam.\n„Was will er denn?\" brumme ich.\n„Das soll ich wissen!. . . .Komm nur.\"\nIch stehe auf und gehe taumelnd ins Nebenzimmer.\n„Guten Morgen,\" sagt Mischi.\nEr liegt halbangekleidet auf dem Sofa. Es ist\nNacht, trotzdem antworte ich:\n„Guten Morgen\"\nAm Bette Ferdinands brennt eine Kerze. Ich gehe\nhin. Ferdinand hat offene, ziemlich klare, sozusagen\n.... neugierige Augen.\n„Wie viel Uhr ist es?\" lautet seine erste Frage.\nEr hat mich wohl nicht deshalb wecken lassen,\ndenke ich wütend.\nIch antworte: „Weiss nicht.\"\n„Du hast geschlafen?\"\n„Ja.... eigentlich\nEr betrachtet mich forschend. „Hier ist. .. .\nAdele?\"\n„Ja,\" sagte ich zu Boden blickend. „Du kennst\nsie. . . .\"\n„Ich kenne sie... . aber ich wusste nicht, dass sie\nbei dir wohnt.\"\n„Nun .... sie wohnt bei mir.\"\nPause.\n„Ich wusste es nicht,\" wiederholt Ferdinand.\n„Gott sei Dank!\" antworte ich ihm zornig in Ge-\ndanken. „Denn wärst du dahinter gekommen, so\nhättest du sicher nicht verfehlt, mir irgendeine abscheu-\nliche Wahrheit von ihr zu sagen. ...\"\n„Sonderbar,\" meinte Ferdinand.\n„Sie liebt mich,\" sage ich. ....\n.... Schäme mich übrigens sofort des Nachsatzes\ndieser Worte im dumpfen Krankenzimmer.\n„Sonderbar,\" wiederholt Ferdinand.\nUnd zeigt auf das Sofa:\n„Und . . dieser Herr?\"\n„Ein Bekannter,\" sagte ich schüchtern.\nFüge dann hinzu „Mischi.\"\nPause. Das komische Wort Mischi zwitschert noch\nin dem dunklen Raum.\n„Das muss wohl ein guter Bekannter sein,\" mit\nanzüglicher Betonung, „denn er ist hier jeden Abend,\njede Nacht.\"\nUnd fragt plötzlich:\n„Ein Freund?\"\n„Ja.\n„Ich wusste nichts von diesem Freunde\"\n„Gott sei Dank!\" — sage ich in Gedanken, „wie\nschade, dass ich nicht immer meine Freunde vor deiner\nWahrheitswut versteckte!. . . . '\nEr schweigt. Plötzlich höre ich seine Stimme,\nganz seltsam verändert, zitternd, voll wahnsinnigen\nSchreckens.\n„Sage !. . . . werde ich bald sterben ?\"\nEine Frage von verblüffender Einfachheit. So ein-\nfach wie eine Nadel. Meine Nerven krümmen sich....\nIch wäre beinahe in ein tolles Lachen ausgebrochen.\n„Was?\" frage ich, um Zeit zu gewinnen.\nSeine Augen leuchten wie die eines hungrigen\nHundes.\n„Ich verlange von dir die Wahrheit.... eine Ant-\nwort, ob ich bald sterben werde\"\n.... Er verlangt Wahrheit, denke ich mit Genug-\ntuung. Wahrheit.... Er, der mich immer mit Wahr-\nheit fütterte.... er möchte wohl einmal wissen, wie\ndas schmeckt....\nIch blicke ihm in die Augen. Ich sehe darin ge-\nspannte Neugierde, aber auch Angst. . Angst. . . .\nEin Schluchzen erschüttert meine Seele. Er blickt\nmich an und weiss selbst nicht, dass er um Mitleid\nbittet. Sein Mund schreit: Wahrheit, Wahrheit!. .. .\nAber seine Augen flehen: Lüge, Lüge!. . . .\nSo wie ich ihn so oft um ein wenig Lüge gebeten\nhabe.... Aber er .... der Charakter, der standhafte\nFreund,.... wollte nicht, wollte nicht....\n„In einer Woche,\" flüstere ich wie im Traum.\nEr reisst weit die Augen auf.\n„Wie ? .... Was ?\"\n„In einer Woche,\" wiederhole ich deutlich.\nEr packt mich bei der Hand, als wollte er aus\ndem Wasser gezogen werden.\n„Das Ende?\" fragte er, „in einer Woche?\"\nIch nicke mit dem Kopf. Ich schaue ruhig auf\nsein Gesicht, als wäre es nicht echt, sondern von\nWachs. Ich sehe, wie dieses Gesicht auf die Kissen\nsinkt.\nDabei denke ich, es wird ungefähr vier Uhr sein,\ndenn man hört, wie die Vögel im Stadtpark aufwachen.\nIch drehe mich um ... . Und ich gehe auf den\nZehenspitzen hinaus.\nIV.\nDie Woche ist vorüber, und Ferdinand .... geht\nes immer besser. „Er wird von Tag zu Tag gesünder,\"\nsagt Adele. „In einigen Wochen spielt der Mensch\nKegel.\"\nDas ist schon so ihre Art. „Lass dich nicht\ntäuschen,\" antworte ich. „Der Arzt hat gesagt. .. .\"\n„Und doch fühlt sich Ferdinand immer besser.\"\n„Ich glaube nur an die Chirurgie,\" versichert uns\nMischi. „Was man nicht sieht, nicht berühren kann,\ndavon versteht die heutige Medizin so viel wie ich\noder Adele. . . .\"\nAuf jeden Fall. . . . behandeln wir unsern Doktor\nmit einer etwas geringeren Achtung. Nach der Sams-\ntagsvisite bei Ferdinand war er selbst verwundert. Ein\nArzt soll nicht verwundert sein.\n„Du brauchst mehr Schlaf als wir,\" sagte mir\nMischi vorgestern abends. „Ich und Adele werden\nschon bei Ferdinand sitzen.\"\nIch öffnete den Mund.\n„Er schläft ja in der Nacht.... und niemand\nbraucht mehr bei ihm zu sitzen.\"\n„Hm,\" brummte Mischi, gleichsam enttäuscht.\nAuch Adele schien ein wenig missgestimmt.\n„Jedenfalls iss mit uns heute das Nachtmahl,\" sagte\nsie nach einer Weile seufzend zu Mischi.\nSie haben sich schon an die Krankenpflege ge-\nwöhnt. . Die guten Seelen.\nJetzt muss ich mich häufiger mit Ferdinand unter-\nhalten. Es liegt mir sehr daran, dass er vergisst, wie\nich ihm vor einer Woche die Wahrheit gesagt habe."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "326", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1750, "texte": "Uebrigens habe ich die Empfindung, dass er an\ndiese erste Wahrheit, die ich ihm gesagt hatte, höchstens\neine Woche glaubt.\nJetzt hat er fast rote Backen und seinen Mund\numspielt ein fast triumphierendes Lächeln.\n„Es scheint ... ich werde doch gesund,\" sagt er,\nund blickt mich mit kaum wahrnehmbarer Ironie an.\n„Gott sei Dank,\" seufze ich und sehe zur Decke\nhinauf.\n„Die Woche ist vorüber.\"\n„Vorüber\" bestätige ich, mit der Miene eines kom-\npromittierten Menschen. 1\nUnd abends kommt der Doktor,\n„Er wird gesund,\" sagt er plötzlich händereibend,\n„und Donnerstag kann er zum erstenmal aufstehen.\"\nFerdinand lächelte glücklich, als ich ihm diese\nWorte wiederholt hatte.\nEr lächelte nur. Und dann blickte er mir mit\ndem gewohnten Ausdruck rücksichtslos aufrichtiger\nFreundschaft in die Augen!\n„Ich danke dir für die Gastfreundschaft Und ich\nfreue mich, dir durch einen kleinen Gegendienst wenig-\nstens teilweise meine Erkenntlichkeit zeigen zu\nkönnen.\"....\nEs war etwas in seinem Blick, was mir die alten\nZeiten in Erinnerung brachte, und.... ich erzitterte\nvor Angst.\n„Ich will dir die Augen öffnen. . . .\"\nAha— — dachte ich und fühlte, wie ich erblasste.\n„Dieses Weib diese Adele, von der du\nbehauptest, dass sie dich liebe und dieser\nHerr dieser Mischi, oder wie er sonst heisst,\nvon dem du glaubst, er wäre dein Freund \"\nIch stöhnte und erhob bittend die Hand.\n„Betrügen dich, dass es eine Freude ist. Als ich\nin diesem Zimmer lag, war ich oft Augenzeuge. . . .\nEs tut mir leid, wenn du dir die Sache zu sehr zu\nHerzen nimmst, aber\nEr drückte mich mit seiner eisernen Hand.\n„Aber ich musste es dir sagen. Es war\nmeine Pflicht. 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Mein Wirtschafts-\ngeld langt nicht. Ein solches Hundeleben ertrage ich\nnicht länger. Dass muss jetzt anders werden.\"\n„Schrei blos nicht so!\" sagte der Oberbürgermeister\nsanft. Aber da schrie die Frau Lotte erst recht, dass\ndie Wände dröhnten.\nUnd ihr Gemahl ward ebenfalls wütend\nUnd da schrien sie alle Beide.\nDie Schildbürger, die auf der Strasse vorüber-\ngingen, krauten sich hinter den Ohren und kamen\nauch in schlechte Stimmung.\n„Wer weiss, wie das noch enden wird!\" sagten\nsie mit Mienen echter Verzweiflung.\"\n„Das haben wir nun davon\", rief die Lotte, „von\nder grossen Emanzipation! Dazu also haben wir uns\nvom Volksgeiste emanzipiert! Hunger und Elend haben\nwir davon — und weiter garnichts. Ein neues Inlett\nfür die Betten muss auch angeschafft werden. Ich er-\ntrags so nicht länger. Ich schweige jetzt nicht mehr.\"\n„Du hast nie geschwiegen!\" rief der Oberbürger-\nmeister, und ein Lächeln erhellte sein Angesicht.\n„Warte nur, es wird sich schon machen lassen!\"\nAlso fuhr er fort.\nAber die Lotte rannte zum Zimmer hinaus und\nschmiss die Türe hinter sich zu, dass alles krachte.\nDie Lampe brannte wieder ganz trübe.\nUnd es regnete in Schiida.\nII\nUlaleipu\nPhilander der Siebente, der Kaiser von Utopia, sass\nvor seinem grossen Fenster und blickte hinaus.\nDrüben wurden die Schneezacken der himmelhohen\nBerge ffeuerrot und bekamen goldene Ränder. Es\nwurde Morgen.\nUnd der Kaiser sah seine ISchneezacken heftiger\nglühen, und seine Augen schmerzten, so dass sie bald\ndie unteren Teile der Berge suchten, auf denen Ula-\nleipu, die Residenz des Kaiserreichs Utopia, er-\nbaut war.\nUlaleipu war eine grosse Felsenstadt; sie umkränzte\ndie Ufer des schwarzen Sees in Hufeisenform.\nDer schwarze See in der Tiefe hatte auch Huf-\neisenform. Dort, wo das Hufeisen offen ist, reckte\nsich der Kaiserpalast aus den schwarzen Wassern\nheraus; der Palast war auf vielen steilen Felsenkegeln\nerbaut und zumeist so, dass die Felsen als solche nicht\nmehr zur Geltung kamen; die Architektur verdeckte\ndie Felsen fast überall.\nUnd so wie sich der Kaiserpalast an die Felsen\nanschmiegte, so taten dies auch die anderen Paläste\nder Residenz Ulaleipu, so dass von den unteren Teilen\nder Berge, die auch den schwarzen See in Hufeisen-\nform umkränzten, nicht viel zu sehen blieb; fast über-\nall ward das Gestein verdeckt von der Architektur.\nUnd da es nun allmählich immer heller wurde,\nsah sich der Kaiser von seinem grossen Fenster aus\nseine gewaltige Felsenresidenz an und freute sich über\nihre Hufeisenform; viele Kettenbrücken und andere\nBrücken verbanden die einzelnen Stadtteile, und alles\nwar sehr reich und prächtig; Türme und Fahrstühle,\nweitüberragende Erker und zurückgehende Terrassen,\nTunnel und Spiralstrassen, Plätze mit vielen Hallen\ndarunter — und tiefe Schluchten mit Säulengängen\nrechts und links — und wirklich hängenden Gärten\nund ganz steile Parkanlagen mit Wasserfällen und\nSpringbrunnen — so was gabs da alles in schwerer\nMenge, dass das Auge sich nicht satt sehen konnte\nan all der fabelhaften Pracht.\nUnten im schwarzen See spiegelten sich die roten\nund goldenen Schneezacken der hohen Gebirge, und\nauch der dunkelblaue Himmel spiegelte sich im\nschwarzen See.\nUnd dann ging die Sonne hinter den Bergen auf,\nund es wurde ganz hell in Ulaleipu, v enn auch die\nSonne vorläufig noch unsichtbar blieb.\nDer Kaiser öffnete sein grosses Fenster; langsam\ngingen die Spiegelscheiben runter, so dass die frische\nMorgenluft des Kaisers Stirne kühlte.\nUnd die Residenzler ringsum auf den Bergabhängen\nöffneten auch ihre Fenster.\nAlle Hessen die frische Morgenluft in ihr Haus\nhinein.\n*\n* *\nIII\nDas Frühlingsfest\nDie Zylinderwagen und die Fahrstühle sausen berg-\nauf und bergab, durch die Tunnel und über die Ketten-\nbrücken flitzten die langen Paketwagen, und dazwischen\ndrehten sich die langen Züge der Spiralbahnen hinunter\nund in die Höhe — ganz Ulaleipu ist in Bewegung —\nund alles glitzert dabei — und die glitzernde Bewe-\ngung kann der Kaiser vom grossen Fenster aus sehen\nund sich darüber freuen; seine Residenz feiert heute\ndas grosse Frühlingsfest der Tag ist so lang wie\ndie Nacht — in fröhlichster Morgenstunde beginnt es\nund am nächsten Tage in den späteren Morgenstunden\nhört es erst auf.\nIn den Fremdenpalästen geht es am lebhaftesten\nzu — nur für geladene Gäste aus den Provinzen hat\nheute die Residenz ein offenes Tor — die anderen\nFremden müssen hinter den Bergen bleiben, denn die\nStadt Ulaleipu kann sich nicht so leicht nach oben\nund unten hin ausdehnen — die Bautätigkeit ist bei-\nnahe zu Ende.\nAuf den Terassen und in den Gärten gibts jetzt\ndas berühmte Frühlingsfrühstück und dazu ein Früh-\nkonzert von fünfzig Kapellen, die an fünfzig verschie-\ndenen Stellen mit Benutzung der Echos teils zusammen,\nteils vereinzelt — aber immer einander ergänzend —\ndas Meisterwerk eines utopianischen Komponisten vor-\ntragen.\nAus allen Fenstern sind jetzt bunte Stickereien\nherausgehängt und aus den Türmen ragen unzählige\nlange Stangen heraus, die sich immerzu um sich selber\ndrehen, was einen Glanzeffekt erster Güte erzeugt, da\ndie Stangen sämtlich von oben bis unten mit bunten,\nzum Teil prismatisch geschliffenen Gläsern verziert sind.\nDie Frühlingsmusik rauscht über den schwarzen\nSee hinweg, in das grosse Fenster des Kaisers hinein —\nund dann klingelt es bald da nnd bald dort, bald oben\nin den Bergen und bald unten am See,\nUnd Ulaleipu frühstückt dabei — aber ganz vor-\nsichtig isst man, klappert nicht mit Messer und Gabel,\nkein Kind darf ein lautes Wort sagen. Und auch die\nkleinen Jungen mit den Festschriften auf den Bahn-\nstationen reichen vorsichtig das Papier hin, dass es\nnicht knistert. Wer noch gehen muss, geht auf den\nZehen und langsam.\nDer Kaiser sieht seine Stadt an — — sieht, wie\ndie Stangen auf den Türmen unaufhörlich glitzern und\nfarbig funkeln, und wie die bunten Stickereien die\nganze Stadt ganz bunt machen. Und das Frühkonzert\nder fünfzig Kapellen tönt harmonisch in das Frühlings-\nfest hinein, sodass der Kaiser doch lächeln muss.\nUnten auf dem schwarzen See stehen auch die\nRuderboote und die Motorboote ganz still, damit kein\nMisston hineinklinge in das Frühkonzert der fünfzig\nKapellen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-08-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-08_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-12-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "326", "page_fin": "327", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.2.6", "titre_corps": "Bücher zu Geschenkzwecken", "titre_sommaire": "Bücher zu Geschenkzwecken", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "326", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.4", "debut_caractere": 8368, "fin_caractere_exclue": 11203, "texte": "Bücher zu Geschenk-\nzwecken\nEs muss möglich sein, die Goldschnittatmosphäre\ndieses wohlkonservierten Klischees so zu desinfizieren,\ndass ein gebildeter Mensch ohne Saccharinbeschwerden\ndarin atmen kann. Es darf wohl gesagt werden, dass\nder „Sturm\" einige recht wirksame Drogen hierzu ge-\nliefert hat. Und es entspricht durchaus seiner Tendenz,\nwenn wir die in Büchereinkäufen investierten Beträge\nuns wertlos scheinenden Autoren zu entziehen suchen.\nMan hat die Absicht des „Sturm\" oft modern genannt.\nMeistens suchten sich vergreiste Gehirne damit von\nuns zu distanzieren. Aber wenn damit wohlmeinend\ngesagt sein soll, dass wir immer die Literatur des\nlezten Monats vertreten, so bedanken wir uns recht\nernstlich. Es wäre dem „Sturm\" äusserst peinlich, mit\nden Marionetten eines bürgerlichen Sentiments ver-\nwechselt zu werden, die sich durch höfliche Belächelung\neines Goetheenthusiasten eine fragwürdige Originalität\nerschwindeln wollen. Aber ebenso lehnen wir jenen\nmuffigen Historismus ab, der den Wert eines Buches\nnach seinem Alter bemisst. Dies anbei. Wenn wir\njetzt unsern Lesern Bücher empfehlen, so greifen wir\nbewusst auf die Vergangenheit zurück. Ueber zeit-\ngenössische Literatur ist in jeder Nummer des „Sturm\"\ngesprochen worden: es genügt auch, ganz einfach die\nBücher beim Einkauf zu meiden, die etwa der „Kunst-\nwart\" und ähnliche gutgenährte Antiquitäten empfehlen.\nIm übrigen haben wir das beruhigende Gefühl, dass\nes keine Brücke gibt, auf die ein Sturmleser zum An-\nkauf von Jörn Uhl schreiten könnte.\nI\nDer Verlag Eugen Diederichs in Jena steht\nan der Schwelle jener Bewegung, die vom Staube be-\ndrohtes Kulturgut im grossen Stil wieder in die Ge-\nsichtshöhe unserer Zeit zu heben wusste. Es ist schon\neine historische Aufgabe, die revolutionäre Wirksamkeit\ndieses Verlages für die Richtung der buchhändlerischen\nTätigkeit und für die Kultur des Buches zu schildern.\nUnd wie sehr diese Faktoren in das zeitgenössische\nBildungswesen eingreifen, bedarf nur dieser Andeutung.\nAls das monumentalste Archiv geistiger Beweglichkeit,\nprachtvoller Selbstdarstellungen und ganz Wort ge-\nwordener Leidensfähigkeit weise ich auf die Gesamt-\nausgabe der Werke S. Kierkegaards hin, für die diesem\nVerlag der Dank aller Kulturmenschen abzustatten ist.\nMan belästigt uns mit den Versuchen, eine gut-\ngezimmerte Ethik für die Seichtheit des religiösen Er-\nlebnisses anzubieten., Und da flache Gewässer am\nzugänglichsten sind, bedeutet dieser Buchstabenprote-\nstantismus letztlich und endlich eine Gefahr. Hier bietet\nsich ein Geist dar, der von der Höhe des religiösen\nErlebens als Ebenen des Geistes übersieht, sie in sich\neinsaugt, an dem Ganztiefen eines „primitiven Gottes-\nverhältnisses\" alle Erfahrungen in einer unerhörten\nWärme fruchtbar werden lässt und der unser aller\nZeitgenosse zu sehr ist, um nicht in martervollem"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "327", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5302, "texte": "Selbstzerfasern diese Vorgänge sich durchsichtig zu\nmachen. Ich glaube nicht an die seelische Empfind-\nlichkeit eines Menschen, der eine Seite Kierkegaards\nlesen könnte, ohne im Tiefsten ergriffen zu sein, wie\ner ganz verborgene Landschaften seiner Seele in diesem\nklaren Teich gespiegelt findet Und Kierkegaard ist zu-\ngleich ein dialektischer Kopf, ein expansionslustiger\nGeist, der seine Erlebnisse als lebendige Organismen\naufeinanderplatzen lässt, Menschen zu ihnen erfindet,\nSchicksale aus ihnen entwickelt: ein schwermütiger\nMensch, dessen kunstvolle Schöpfungen von einem\nintelektuel! hochgespannten, besonderen geistigen Ge-\nwissen zerfressen werden. Und es bedarf seiner Tiefe,\num so entfernt zu sich heraufschauen zu können, dass\neine seltsam spirituelle Heiterkeit um seine Dichtungen\nwittert. Was als Fragment, als Auswahl, als Kürzung\nvorlag, ist bei Diederichs endlich als Gesamtheit er-\nschienen.\nEin natürlicher Zusammenhang führt von Kierke-\ngaard zurück zu Plato, dem er mehr als nur die\nTerminologie entlehnt hat. Nach Schleiermachers ge-\nwaltiger Uebertragung erscheint hier zum ersten Mal\neine neue Gesamtausgabe, die sich mit den Mitteln\neiner um hundert Jahre entwickelten Prosa von neuem\ndie gleiche Aufgabe stellt. Von Rudolf Kassners Um-\ndichtungen ist nur zu sagen, dass dieser Zweck in\nüberreicher Weise erreicht worden ist. Wir wollen uns\nnicht der Banalität schuldig machen, unsern Lesern\ndie Platolektüre zu empfehlen. Nur der Hinweis sei\ngestattet, dass der Grieche von der wissenschaftlichen\nwie von der künstlerischen Seite her in stärkster Weise\nin den Vordergrund getrieben worden ist. Insbesondere\ndie Wissenschaft hat den innigen Zusammenhang der\nplatonischen Lehre mit unserm an Kant orientierten\nWeltbild immer deutlicher aufgewiesen. Aber was vor\nrelativ kurzer Zeit als ein über der täglichen Diskussion\nschwebendes tagabgewandtes Systemgebäude auftreten\nkonnte, ist bei Plato noch in wundervoller Verschlingung\nmit dem täglichen Leben, und ich wüsste mir kaum\neine bessere Form zu denken, in der das Reizvolle\ndieses Zusammenhanges deutlicher zum Ausdruck ge-\nbracht ist als die Uebertragungen Kassners. Und wer\nhierdurch in antikes Geistesleben eingeführt ist, wird\ngern die Uebertragung der ältesten abendländischen\nPhilosophie zur Hand nehmen: Nestles deutsche Aus-\ngabe der Vorsakraliter, der die philologische Fachpresse\neinen ehrenvollen und originalen Platz neben Diels'\ngrossem Werk gesichert hat. Aesthetisch ziehe ich die\nAusgabe Nestle jedenfalls Diels vor. Und ebenso sei\nan Plotin erinnert, den Otto Kiefer in schöner Ueber-\ntragung herausgegeben hat.\nDie Neuausgaben der Werke deutscher Romantik\nsind weiteren Kreisen genugsam bekannt. Es sei nur\nan die philosophischen Untersuchungen von Marie\nJoachimi (Weltanschauung der Romantik) und Erwin\nKircher (Philosophie der Romantik) erinnert. Und wer\nNovalis gern liest sei auf die Minorsche Ausgabe hin-\ngewiesen, die die abschliessende Edition bedeutet.\nUnd den grossen Absichten eines nationalen Ver-\nlages gemäss scheint mir die „Kunst in Bildern\" zu\nsein, die zu einem unverhältnismässig billigen Preis\n(4,50 Mk. für den Band) die Entwicklung der abend-\nländischen Malerei deuten will. Mit einem ganz ver-\nblüffend grossen Anschauungsmaterial versehen — zwei-\nhundert Bilder im Band — sucht hier eine kunst-\ngeschichtliche Methode den Zugang zu dem historischen\nMaterial zu finden, die nicht minder ein Produkt letzter\nwissenschaftlicher Kultur ist. Den Bahnen Diltheys\nfolgend, Wölfflin nicht fernstehend, wird die Welt-\nanschauung der bildenden Künstler in einer grossartigen\nkulturgeschichtlichen Synthese zugeführt. Wer etwas\nan Muthers kulturspielerische Feuilletons gewöhnt ist,\nwird bewundernd erleben, in wie grösserer Tiefe das\nkulturgeschichtliche Material zum Verständnis der eigent-\nlich malerischen Werte hingezogen werden kann. Das\nist der Stil der grossen Historie: die Einzelerscheinung\nals Produkt eines innigen Zusammenhanges des Indivi-\nduums mit seiner Zeit zu sehen, ohne eins in das\nandere aufzulösen. Wer überhaupt Hoffnung hat, zur\nbildenden Kunst ein lebensvolles Verhältnis zu gewinnen,\nwird auf diesem Wege sein Ziel am ehesten erreichen.\nUnd nun sei noch auf eine Neuausgabe hingewiesen,\ndie ein in Deutschland fast unbekanntes Werk mit\neinem Schlage die verdiente Anerkennung gefunden hat:\nde Costers Ulenspiegel. Ich wüsste diesem Werk an\ninnerer Behaglichkeit, atmender Menschlichkeit nichts in\nunserer Zeit an die Seite zu stellen. Man muss schon\nzu Rabelais oder Cervantes zurückgehen, um überhaupt\nnur ein ähnliches Temperament zu treffen: der Ver-\ngleich mit Grimmelshausen trifft nur Tempo und Ton-\nfall, De Coster hat alte Sagen etwa so behandelt, wie\nSelma Lagerlöf die Legenden ihrer Heimat; aber so\nprachtvoll die balladenhafte Schönheit der Gösta Berlings-\nsaga ist, so unvergleichlich grösser ist die lebendige\nGrösse dieses Werks. Christian Dietrich Grabbe wollte\neinen Eulenspiegel voll holzgeschnitzten Niedersachsen-\ntums schreiben: hier ist ein köstlicher Ersatz. Es ist\nunbegreiflich, wie dieses Werk Menschen fehlen kann,\ndie die Literatur nicht um gelehrter Absichten willen\ntreiben, sondern um eine Steigerung ihres Daseins, eine\nBereicherung ihrer seelischen Möglichkeiten zu erfahren.\nUnd ihrer Orientierung wollen diese Hinweise dienen.\nT."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-08-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-08_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-12-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "327", "page_fin": "327", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.2.7", "titre_corps": "Umschau", "titre_sommaire": "Umschau", "signature_source": "Quintus Fixlein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "327", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.5", "debut_caractere": 5304, "fin_caractere_exclue": 10282, "texte": "Umschau\nQuintus Fixlein\nDas Nebengeräusch\nDer Harden im Grunewald, der neuerdings Pam-\nphlete auf König Friedrich den Zweiten seinem Publi-\nkum als pikante Auslassungen des „alten Fritzen\" auf-\nzureden versucht und dafür von dem Sozialdemokraten\nMehring abgestraft wird, hat ein Nebengeräusch. Es\nräuspert und spukt Montags in dem Exzellenzen-Blatt\nmit den Tönen des Hauptgeräuschs — ohne Chiffre,\ndamit die Täuschung vollendet wird. Auch der Zettel-\nkasten ist — in bescheidenem Umfange und soweit\nder Respekt vor der Routine |des Meisters es erlaubt\n— zur Stelle.\nDas Nebengeräusch dichtet im Anschluss an die\nKönigsberger Kaiserrede von „der Windsbraut, die um\ndie Kiefern des Blätterwaldes fegte\". Die Windsbraut\nist eine Entgleisung, die der von der Windbraut der Re-\nporterbegeisterung umstürmte wachende Wahrer deut-\nscher Volkheit verzeihen wird. Denn schon im nächsten\nSatze wird von den Reichstagsabgeordneten als von\nden „durch die Wahlweihe Gesegneten\" gesprochen!\nUnd wenn das noch nicht ganz versöhnt, so muss die\nin der Folge erwiesene Tüchtigkeit in der Handhabung\ndes Zettelkastens die Grimmfalte unterm Scheidelgebiet\ndes Miauzers strälen.\nDas Nebengeräusch beginnt mit Zitaten aus den\nReden des Beraters „Karls des Neunten und Heinrichs\ndes Dritten\" und schliesst nach einer Abschwenkung\nzu Luther. Pufendorf, Bismarck und Wilhelm den Ersten\nmit siebenundzwanzig Zitaten aus den Reden Wilhelms\ndes Zweiten. Es kommt zu dem Resultat, dass der\nKaiser „zum alten, in eines Menschenlebens Spanne\nliebgewordenen Glauben zurückkehrt\". Und nachdem\nes noch einmal den Zettelkasten über die Jesuiten\nLainez, Bellarmin und Mariana befragt hat, klingt es\nin eine männliche Belehrung über eines jeglichen\nDeutschen Pflicht aus, „möge er Civis oder Tribun,\nKanzler oder Kaiser sein\".\nMöge es Hauptgeräusch oder Nebengeräusch sein.\nDas Reformbild\n„Sind Sie mit dem Wandschmuck Ihrer Wohnung\nzufrieden ? Vielleicht nicht. Vielleicht gehören auch\nSie zu den Vielen, die sich gern mit guten Bildern\numgeben möchten, denen aber die von manchen Kunst-\nhändlern geforderten hohen Preise die Lust dazu\nnehmen.\nDas wohlfeile Reformbild ist abe]r§\nschon da!\"\nAus einer Offerte, die R. Voigtländers Verlag [in\nLeipzig gegenwärtig [unter die aufklärungsfreudigen\nKreise deutschen Volkes verteilen läßt.\nReformhemden, Reformehe, Reformchristus, Reform-\nspeisehaus — weshalb nicht auch Reformbilder!\nR. Voigtländers Verlag hilft einem dringenden Bedürf-\nnis ab. Der Jubelruf: Das wohlfeile Reformbild ist da!\nbraust zur rechten Zeit „ins Land\". Weihnachten\n„steht vor der Tür\". Man beeile sich, nachzusehen,\nob man mit dem Wandschmuck seiner Wohnung zu-\nfrieden ist. Im andern Falle lege man seinen Lieben\nausser Reformunterkleidern und einem Bändchen\nReformlyrik auch das Reformbild unter der Weihnachts-\nbaum!\nWie Georg Brandes mit\nHilde Simon kämpfte\nDer gelegentliche Leitartikler des Organs der\nBerliner Strassenhändler hat einen Roman gedichtet,\nin dem eine gewisse Hilde Simon mit Gott und dem\nTeufel kämpft«\nHerr Professor Georg Brandes, zu dessen Ehren\nder Vater Hilde Simons ein Bankett mit Blumen,\nschönen Damen und den Herren Lothar und Tur-\nszinsky veranstaltete, hat sich nun über Hilde Simon\ngeäussert. Er |findet: „Das Buch wird als ganzes\neine vorteilhafte Ansicht von dem Verfasser hervor-\nrufen\". Weiter: das Werk „ist zugleich Berliner Sitten-\nschilderung, Philosophie, Theologie, Lebensansicht,\nMenschenverachtung und Kultus der Ideale geworden\".\nEs ist also ein umfassendes Werk.\nFolgen des Boykotts\nDie illustrierten Wochenschriften haben dem Lyriker\nErich (Mühsam [die Mitarbeit aufgesagt, weil er als\n„Anarchist\" auf der Anklagebank gesessen hat Das\nwar unangebracht, denn die illustrierten Wochenschriften\nsind fnach dieser Boykotterklärung nicht wertvoller ge-\nworden. Der Anarchist und Lyriker wusste, was er\nzu tun hatte. Er liess sich den lyrischen Befähigungs-\nnachweis von den Brüdern Mann, Hermann Bahr und\nFrank Wedekind beglaubigen und ging mit dem Doku-\nment zu dem }„Grossen im Geist\", der „schon oft\neinem zu Tode Gehetzten, der sein Recht nicht finden\nkonnte, eine Tür offen liess\".\nDer Grosse im Geist veröffentlichte das Dokument\nunter Beifügung einiger Gedichte, aus welchem die\nlyrische Intaktheit des Dichters klar erkennbar wird.\nWir bemerken, dass Herz und Schmerz auch nach\ndem Boykott noch innig beieinander liegen, und be-\nruhigen uns bei der Feststellung, dass das Glück,\ngleichviel ob westlilch oder östlich, auf jeden Fall\nköstlich ist.\nDas neue Montagsblättchen ist ergriffen von der\nGrossmut des „Grossen im Geist nnd im Herzen\",\nder „auch diesmal wieder hilfsbereit Schutz gewährt\"\n— wie er vorher den zu Tode gehetzten Lyrikern\nTheodor Suse und Erich Sello hilfsbereit Schutz\ngewährte.\nIch finde es nur in der Oidnung. Warum sollte\nMühsam nicht des gleichen Schutzes teilhaftig werden\nwie jene — wenn er auch den Grossen im Geist in\nden Tagen der von beissenden Ruch umschwelten\nFährnis nur mit einer Broschüre verteidigen konnte?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-08-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-08_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-12-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "327", "page_fin": "328", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.2.8", "titre_corps": "Hans Harbeck : oder Wer beisst mich da?", "titre_sommaire": "Hans Harbeck : oder Wer beisst mich da?", "signature_source": "S. 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Herriernineh, dachte ich, als ich beim ersten Durch-\nblattern des Buches auf diese sinnbetrübenden Verse\nstiess. ist das das Stammeln eines Genies oder das\nGeschwätz eines Narren? Um diese Schicksalsfrage\nnicht voreilig zu beantworten, raffte ich mich zusammen\nund las weiter. O, und seltsame Dinge vernahm ich!\n„Wie Dietrich erschliesst's jede Pforte.\" Das sagt der\nVerfasser von dem Gedicht als solchem und meint\nmit Dietrich weder den grossen Gotenkönig noch sonst\nirgendein findiges Individuum, sondern jenen Dietrich,\ndessen sich die Einbrecher bedienen. Das ist, dünkt\nmich, eine ungemein poetische Erfindung. Weiterhin\nhörte ich etwas sehr Tiefsinniges von dem „Urgeruch\nder Wesen\", von der „wanken Mondlatern\", von „Herzens-\nirrnissen\" und von einem „schlangenringelnden Himmels-\nmantel\". Und da klappte ich das Buch zu und sagte\nmir, dass das Blöken eines Hammels verständiger und\nmelodischer sei als dieses „Glutgestöhn\"!\nHans Harbeck in den „Hamburger Nachrichten\"\nAch, bin ich ein Hammel ? Oder ein stammelndes\nGenie? Oder ein Narr? Oder weniger als ein Ham-\nmel? — Mein kluger Hans, mein lyrischer Harbeck-\nmesser, mein Hamburger Nachrichter, du begehst einen\nästhetischen Justizmord am Verfasser der blauen\nSchleier, der ja nicht ohne weiteres mit dessen Person\nidentisch ist. Seine Gedichte sind voll von allen Ge-\nschmacklosigkeiten der Fruchtbarkeit. Ich dulde keines-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "328", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 201, "texte": "Wegs, dass sie mit denjenigen der Impotenz (halb-\njesuitisch!) handgemein gemacht werden bloss des-\nwegen wiederhole ich sterbend: mit Hans Harbeck\nkämpfen Götter selbst vergebens.\n\nDr. S. 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DEZEMBER 1910/ HANNOVER\nNUMMER 41\n\nINHALT:\nN. M. MINSKI: Tolstoi / THADDÄUS RITTNER: Ein Charakter / PAUL SCHEERBART: Der Kaiser von Utopia / ELSE LASKER-SCHÜLER: Gedicht /\nT: Bücher zu Geschenkzwecken / QUINTUS FIXLEIN: Umschau / Dr. S. FRIEDLÄNDER: Hans Harbeck / TRUST: Lyrik für die Presse / OSKAR KOKOSCHKA:\nZeichnung\n\nIn Gedanken Zeichnung von Oskar Kokoschka"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "324", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.2", "texte": "Tolstoi\nDer grosse Schriftsteller der\nrussischen Erde\nVon N. M. Minski\nTurgeniew dürfte der erste gewesen sein, der in\nseinem bekannten Brief Tolstoi den grossen Schriftsteller\nder russischen Erde genannt hat. Seither blieb diese\nBezeichnung, die nicht frei ist von einer gewissen\nrührenden Geziertheit, dem genialen Romancier haften\nund fehlt in keinem Aufsatz, in keiner Notiz über ihn.\nEs ist ja möglich, dass Turgeniew den Namen des\nbeliebten Schriftstellers nur mit einer Aureole umgeben\nund das prosaische „Russland\" mit der poetischen\n„russischen Erde\" vertauschen wollte. Aber die retho-\nrische Wendung erwies sich als die treffendste Charakte-\nrisierung Tolstois, als die umfassende Formel seines\nganzen Wirkens — zu Beginn als Künstler und später\nals der Verkünder einer neuen Welt.\nUnd in der Tat ist Tolstoi nicht nur ein grosser\nrussischer Schriftsteller wie Turgeniew oder Dostojewski,\nsondern er ist zum Unterschiede von ihnen der Schrift-\nsteller der „russischen Erde\" und jener Stände, die\nhistorisch im russischen Boden wurzeln, des Adelstandes\nin seiner Doppelrolle als Gutsherr und Staatsdiener,\ndes Bauerntums, gleichfalls in der historischen Doppel-\nrolle als Landmann und Soldat. Alle anderen gesell-\nschaftlichen Schichten, die mit ihnen nicht in direktem\nZusammenhange stehen, wie der Klerus, der Kaufmann-\nund der Bürgerstand, gleich allen übrigen Klassen\nder städtischen Bevölkerung von den Dienern der\nWissenschaft, der Kunst und der Presse, denen sich\ndie freien Berufe anreihen, bis zu dem niederen Be-\namtentum, sie alle bleiben von Tolstois umfassender\nBeobachtung und seinem Schaffen unberücksichtigt.\nAllen diesen gegenüber verhielt sich der Künstler Tolstoi\nmit verächtlicher Gleichgültigkeit und der Moralist Tolstoi\nmit zorniger Verdammung. Die Sympathien des grossen\nSchriftstellers, sein Geist, sein Herz, sein Gewissen\ngravitierten nur nach der russischen Erde, nach den\nArbeitern und den Hütern dieser Erde. In einer Hinsicht\nalso muss man Tolstoi unter allen russischen Künstlern\nals den betrachten, der in geringem Masse Russland\nwiederspiegelt Erinnern wir uns doch, dass er ebenso\nwie Turgeniew und Dostojewski Zeigenosse und Augen-\nzeuge jener grossen Erregung war, welche in den\nsechziger lahren beginnend, die russische Gesellschaft\nerfasst, in der Begeisterung für eine ganze Reihe\nkultureller und politischer Ideen ihren Ausdruck ge-\nfunden, und nicht nur einer, sondern vielen Gene-\nrationen grosse Opfer gekostet hat Und was geschah?\nZur Zeit, da Turgeniew und Dostojewski die überall\num sich greifende leidenschaftliche Bewegung in positiven\noder negativen Bildern, jeder nach seiner Art, schilderte,\nhat nur Tolstoi diese Bewegung mit keinem Wort er-\nwähnt Er hörte einfach nicht, er wollte es nicht hören,\nworüber die Leute in den Städten Lärm schlagen, womit\nsie ihr Leben ausfüllen und wofür sie sterben. Dieser\nangeborene Aristokratismus, dieser zäsarische Glaube\nan sich selbst und der Vorzug, den er allem, was ihm\nnahe stand, gab, erwiesen sich für Tolstoi von grösstem\nNutzen.\nDank diesem Umstände war Tolstoi einer der wenigen\nSchriftsteller, die statt im Anfang des Schaffens auf der\nSuche nach neuen Bahnen herumzuirren und die Kräfte\nin der Nachahmung zu vergeuden, schon beim ersten\nSchritt seinen Stoff und seine Eigenart besass.\nTolstoi fand sich selbst gleich in seiner ersten\nErzählung „Die Kindheit\". Er fühlte den Drang seiner\nSchaffenskräfte und entschied mit stolzem Selbstbewusst-\nsein, dass nichts bedeutungsvoller und interessanter sein\nkönnte, als seine eigenen Gefühle und Gedanken, das\nLeben seiner Angehörigen und seiner Umgebung. Ge-\nwöhnlich schreibt der Romancier seine Autobiographie\nerst gegen Ende seiner Wirksamkeit; Tolstoi begann\nmit sich und den ihm nahestehenden Menschen und\nvon diesem Wege wich er nicht mehr ab, indem er\nsich selbst in den Mittelpunkt jedes neuen Werkes\nunter dem Namen von Nechljudow, Olenin, Besuchow,\nLewin stellte und diese zentrale Persönlichkeit mit\nMenschen aus seiner ihm bekannten Welt, aus dem\nmit dem russischen Boden in Berührung stehenden\nHerren- oder Bauernstand umgab. Mit den Jahren wird\ndas persönliche Leben Tolstois immer intensiver und\nbedeutender und er reisst den Schleier selbst vom Ge-\nsicht, unter dem er bisher vor dem Leser erschienen\nwar. Statt der Bekenntnisse in der dritten Person, statt\nim Namen Besuchows oder im Namen Lewins über\nden Glauben zu raisonieren, legt er der Welt sein Be-\nkenntnis, seinen Glauben vor, wobei dieser Uebergang\nwieder mit der grössten Leichtigkeit vor sich geht, als\nob es gar nicht anders hätte sein können.\nDieses stolze Selbstvertrauen, eben in der Wahl\nder Stoffe, half Tolstoi seine Eigenart mit grösserer\nLeichtigkeit finden, als dies] anderen Schriftstellern gelang.\nDer Naturalismus, die Wahrhaftigkeit der Schilderung,\ndie Jtreue Wiedergabe l'der Wirklichkeit, die bei den\nanderen als eine Literaturfrage der Tradition und der\nSchule erschien, dasfalles gab Tolstoi sich selbst, ward\nihm vom Stoff selbst zugeflüstert. Treue Wiedergabe\nder Wirklichkeit? Wie konnte der Schriftsteller anders\nvorgehen, dem der allergeringste Zug in ihm und\nin Umgebung als ein Ereignis von höchster\nWichtigkeit und würdig der Beobachtung und der Wieder-\ngabe erschien. Tolstoi konnte aus dem Gefühl des\nStolzes allein weder Romantiker noch Poet werden.\nAuf dem elterlichen Landgut sprach niemand in Versen,\nfolglich steht die Prosa höher als die Poesie. Man kann\nsagen, dass von allen zeitgenössischen Schriftstellern\nTolstoi der einzige Vollblutnaturalist ist, da er während\nseiner langen Schaffenszeit nur das darstellte, was er\nwirklich erlebt hat.\nWenn man Tolstoi liest, fühlt man, dass es ihm\nschwerer gefallenjwäre zu lügen, das Leben schöner\ndarzustellen, als die Wahrheit zu sagen. In den sämt-\nlichen Bänden Jseiner Werke ist nicht eine einzige\nsogenannte poetische Seite zu finden. Ueber die Liebe,\nüber den Tod, über die Natur sagt er eben das, was\ner davon weiss, was er mit seinen eigenen Augen ge-\nsehen hat, mit den physischen und geistigen, und beim\nLesen seiner Werke versteht man nicht mehr wie beim\nLesen der Iliade, wodurch sich denn eigentlich, von der\näusseren Form abgesehen, die wahre Poesie von der\nwahren Prosa, die Kunst von der Geschichte überhaupt\nunterscheidet.\nZuweilen will es uns scheinen, es sei so leicht, ein\ngenialer Naturalist zu sein. Man hat nur etwas im\nGedächtnis festzuhalten und dann niederzuschreiben.\nIst doch jeder imstande, sich auf die Selbstbeobachtung\nund die Beobachtung der Nächsten zu\nWenn jede Wahrheit des Lebens bedeutend ist, warum\nsollte es schwer sein — so scheint es — bedeutendes\nin der Kunst zu schaffen? Man braucht nur das Leben\nzu photographieren. Aber es scheint nur so. Tat-\nsächlich erklärt sich die Bedeutung von allem, was\nTolstoi schildert, nicht bloss durch sein stolzes Ver-\ntrauen auf den eigenen Wert, sondern hauptsächlich\ndadurch, dass Tolstoi als der Sohn der russischen Erde\nin sich selbst deren beste idealste Züge, ihre und ihres\nVolkes Grundbedingungen verkörpert.\nDeshalb liebt auch Russland Tolstoi mit einer ganz\nbesonderen Liebe. Indem wir in allen Helden seiner\nRomane ihm selbst begegnen, nehmen wir dem Schrift-\nsteller seine Selbstbeobachtung und gleichsam seine\nSelbstbespiegelung nicht übel, sondern wir sind ihm im\nGegenteil dankbar für die Möglichkeit, die er uns bietet,\nin seine innere Welt Einblick zu gewinnen, weil Tolstoi\nuns als idealster, merkwürdigster Held der russischen\nWirklichkeit erscheint Tolstoi besitzt ein phänomenales\näusseres und inneres Gedächtnis. Mich setzt eine Stelle\nin der „Kindheit\" immer in Erstaunen: in der Be-\nschreibung der ersten Trennung von seiner Mutter, da\nTolstoi kaum das fünfzehnte Lebensjahr überschritten\nhatte, erinnerte er sich der kleinsten Einzelheiten, was\nerin den letzten Minuten der Trennung sah, hörte und\nwas in jenem Augenblick seiner Aufmerksamkeit ent-\ngangen war.\nBeim Lesen der Romane Tolstois, so reich an\ntausend Alltagseinzelheiten, empfindet man dasselbe, was\nOlenin zum erstenmal empfand, als er zum Kaukasus-\ngebirge kam: „Des Morgens vor Kälte im Wagen er-\nwachend, sah er unerwartet das reine weisse Gebirge,\nund diese Nähe von etwas Unbegrenztem und Herr-\nlichen verschönte ihm alle seine Reiseeindrücke.\" „Jetzt\nbegann es\" — — als hätte ihm dies eine Stimme\nfeierlich zugeflüstert. Und die Fahrt und die in der\nFerne deutlich werdenden Umrisse des Terek und die\nKosakendörfer und das Volk — [alles erschien im jetzt\nnicht mehr nichtig. Er blickt auf sich, auf den Himmel\nund erinnert sich der Berge. Er blickt auf sich, auf\nWanjuscha und wieder auf die Berge. Da reiten zwei\nKosaken, und die Flinten in den Gewehrtaschen tanzen\nauf ihren Rücken und ihre Pferde laufen mit braunen\nund grauen Beinen durcheinander, und wieder die\nBerge. ... Die Sonne geht auf und glitzert auf dem\ndurch das Schilf sichtbaren Terek die Berge.\nDasselbe Gefühl von etwas Unbegrenztem, Er-\nhabenen fühlt man unwillkürlich beim Lesen von Tolstois\nRomanen. Der eingetroffene Offizier verliebt sich in\ndie Kosakin, die zuerst nach seinem Reichtum begehrt,\nund später angesichts der Gefahr den einfachen Kosaken\nihm vorzieht — das Schicksal.... Lewin beobachtet\ndie Arbeit der Bauern beim Mähen — die Wahrheit ~\nAnna Karenina ist grundlos auf Wronski eifersüchtig\n— — Gott.\n\nSchluss folgt\n\nEin Charakter\nVon Thaddaeus Rittner\nI\nMeinem Ferdinand fiel vor einigen Wochen ein\nZiegelstein auf den Kopf. Nun liegt der Schwerkranke\nbei mir zu Hause, wo zwar auch Adele wohnt (seit\ndem Aschermittwoch), aber sonst genug Platz vorhan-\nden ist. Der Arzt versichert, der Zustand des Patienten\nsei hoffnungslos.\nNebenbei gesagt, hätte ich nie geglaubt, dass ich\nden Menschen überleben würde.\nZuweilen kommt auch Mischi (nach Schluss seiner\nApotheke) und wir spielen Karten. Es ist doch an-\ngenehmer, einen Kranken zu pflegen, wenn man Ge-\nsellschaft hat.\nHier und da gehe ich zeitig zu Bett, und Adele\nund Mischi halten Wache.\nMischi sagt zu mir:\n„Du brauchst mehr Schfaf als wir, weil du viel\narbeitest . . .\" Früher konnten Mischi uud Adele den\narmen Ferdinand nicht ausstehen; aber nun sitzen die\nguten Seelen viele Nachtstunden an seinem Bett . . .\nmit Rücksicht suf die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes.\nDie Nächte sind so heiss, dass ich trotz offener\nFenster niederträchtig und mit Unterbrechungen schlafe.\nUnd morgens wache ich mit einem Gefühl auf, als\nhätte ich die Nacht nicht in meinem Bett, sondern\nweiss der Teufel wo verbracht.\nIch träume hauptsächlich, ich selbst hätte meinem\nFreund den Ziegelstein auf den Kopf geworfen.\nUnd vorige Nacht wurde sogar über mich Gericht\ngehalten.\nIch erinnere mich deutlich.\nGrosser Saal, Gerichtshof, Staatsanwalt, Advokaten\n— alles wie in Wirklichkeit.\nMan stellt mir Fragen, ich antworte. Ich sage, wie\nich heisse, wann und wo ich geboren wurde . . alles\nwie in Wirklichkeit.\n„Bekennen Sie sich schuldig?\"\nAch so .. . Die Sache mit dem Ziegelstein.\nAlso nicht ein Zufall, sondern .... ich?\nIch weiss es selbst nicht. Aber nach kurzem Nach-\ndenken komme ich zu der Ueberzeugung: ja, ich hab's\ngetan.\nIch hab's getan.\nZweifellos, denke ich. Hatte ich nicht unzählige\nMale grosse Lust, dies zu tun? Wie oft? Wie oft?\nAlso werd' ich's wohl auch getan haben. Sicherlich.\n„Ja,\" sage ich einfach.\nAber nun fragt man mich nach den Motiven, und\nda .. . schüttle ich nur den Kopf. Ich habe wahr-\nlich nicht die Lust, über meine privatesten Angelegen-\nheiten zu beichten.\nIch antworte nicht, Ich schaue dem Gerichtshof\nunverschämt ins Gesicht und pfeife vor lauter Gemein-\nheit und Verstockheit .... Und der Gerichtshof\nüberschüttet mich mit stummen Drohungen, die mich\nwie Rossfliegen peinigen.\nIn meiner Bedrängnis und Verlegenheit beginne ich\nendfich zu sprechen. Ich spreche lange und so aus-\ngesucht witzig, dass ich davon Kopfschmerzen bekomme.\nAls hätte ich nicht nur eine unglaubliche Rednergabe,\nsondern auch mehr als vierzig Grad Fieber.\nIch erzähle, wie mir Ferdinand das Leben ver-\nbittert hat, und wie ich ihn dafür töten musste. Es\ngelingen mir einige fabelhaft komplizierte Sätze, die\nFerdinand und seine Beziehungen zu mir charakterisieren.\nIch spreche . . .\nUnd nun bin ich plötzlich wo anders . . .\nEs verschwindet der Saal, es verschwindet der hohe\nGerichtshof . . . ich bin augenscheinlich zum Tode\nverurteilt.\nEin rührend einfacher Galgen. Als wäre er von\neinem Schuljungen auf der Schiefertafel gezeichnet.\nUnd Henker is Ferdinand. Aus Jdiesem feierlichen\nAnlass ist er natürlich gesund geworden. Seine Augen\ndrücken, wie gewöhnlich, strenge, ich möchte sagen,\nunbarmherzige Freundschaft aus."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "325", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.3", "texte": "Ich werfe ihm einen Blick zu, der ihn flehentlich\num ein wenig Mitleid bittet. Aber er hält mich schon fest.\n„Ich kann nicht anders,\" flüstert er wohlwollend,\n„ich muss dich aufhängen.\"\nIch sehe, es gibt keine Rettung. Er muss. Ich\nfühle schon seine Hand an meiner Gurgel\n„Erbarme dich, erbarme dich !\" Aber er ist\nvon Stein.\n„Ich wäre deiner Freundschaft unwürdig,\" sagt er,\n„wenn ich dir die Strafe vorenthielte, die dir recht-\nmässig gebührt.\"\n..... Ich wache auf. Es ist noch finster im\nfinster im Zimmer. Ich kichere in einem Anfall heisser\nSchadenfreude. Durch mein Aufwachen habe ich sel-\ntene Gelegenheit verdorben, seine Freundschaft zu do-\nkumentieren.\nUnd er hätte mich unbedingt hingerichtet — denke\nich noch zähneklappernd — denn er ist ein Cha«\nrakter. «. . . .\nII\nFerdinand lebt noch.\nAdele liegt auf dem Sofa in ihrem türkieblauen\nSchlafrock.\n„Langweilige Geschichte,\" sagt sie indem sie den\nKranken betrachtet.\nDas ist schon' so ihre Art.\n„Dauerts noch lange?\" fragt sie nach einer Weile.\n„Nicht so laut,* sage ich.\n„Ob's noch lange dauert?\" schreit sie, als hätte\nich vorhin nicht gehört\n„Höchstens eine Woche . . . ~ meint der Arzt\"\nAdele gähnt.\n„Was ist denn heute mit Mischi?\"\n„Wird schon kommen, wenn er die Apotheke zu-\ngesperrt hat.\"\n„Langweilige Geschichte 1\"\nNach einigen Minuten.\n„Du heut in der Früh hat er einmal die Augen\naufgemacht.\"\n„Hm Wer?\"\n„Na* der ... . Charakter.\"\n„St.\"\n„Ferdinand. Er fragte, was ich hier zu tun hätte.\nIch schaue sie ängstlich an.\n„Was hast du geantwortet?\"\n„Dass ich ihn pflege.\"\n„ Und dass du bei mir wohnst.... was?\"\n„Nein!\" schreit Adele.\n„Denn das hätte keinen Sinn.\"\n„Beunruhige dich nicht 1\"\n„Das hätte nämlich keinen Sinn . . . .\" wiederhole\nich verlegen.\n„Fürchtest du dich vor ihm?\"\n„Hm \"\nPlötzlich stand sie auf, setzte sich zu mir.\n„Der Charakter war nie dein Freund,\" flüsterte sie.\n„Gelt? Du hast nur Angst vor ihm ... . Er hat\ndir das Leben verbittert \"\n„Höre auf! Er liegt doch hier.\"\nSie rückte näher.\n„Ich spreche ja ganz leise.\"\nSie begann mich zu streicheln.\n„Gestehe,\" bat sie mit kindlicher Stimme.\n„Gestehe, er hat dir das Leben verbittert, gestehe,\n*er hat dir das, . . .\"\n„So schweig. Was willst du ?\"\nn Dass du gesteht. Sonst nichts. Dass\ndu mir sagst, nur mir . . .\"\n„Charakter, ich weiss. Ha, ha '\n„Er hat immer die Wahrheit gesprochen \"\n„War dir das etwa angenehm?\"\n„Du hast so eine aufregende Art \"\n„Gestehe, dass du jeden lieber hast als ihn. . .\nJetzt brauchst du dich nicht mehr zu verstellen, er\nstirbt ohnehin.\"\n„Entsetzlich!\"\n„Der Arzt hat selbst gesagt .... höchstens eine\nWoche \"\nSchweis!\"\n\"Er hört's ja nicht, er ist bewusstlos. Du brauchst\ndich \"nicht mehr zu verstellen. Sag, dass du mich und\nMischi und alle lieber hast als ihn . . . /\n|a ig \"\n.\"Endlich!* 'Du gestehst! Du konntest ihn niemals\nleiden .... Sag . . .\"\n„Niemals.\"\n„Ha, ha ... . endlich, endlich, endlich! .. .\nAch du \"\n„Lache nicht.\"\n„Sag, weshalb hast du dich mit ihm befreundet?\nIhr Männer seid fürchterlich Komisch. . . Ihr sagt\neuch ein für allemal: der da ist mein Freund! . . - .\nUnd dann haltet ihr ewig zu diesem Freunde. . . Selbst\nwenn ihr ihn längst schon hasset \"\n„Ja ... ja ... . ich bin schwach. Deshalb.\nDer Charakter ist immer hungrig, braucht immer einen\nSchwachen, um an ihm zu zeigen, dass er ist. Er\nbrauchte mich. . .\"\n„Er hat dich gequält. Er hat deine Freunde ver-\nleumdet.\"\n„Er hat meine Freunde nicht verleumdet, sondern\nnur von ihnen die Wahrheit gesagt.\"\n„Das ist dasselbe. Du hattest immer Todesangst\nvor seiner Wahrheit. . . . Gestehe!\"\n„Genug.\"\n„Seit du ihn kennst, hast du die Empfindung, dass\nalle Leute schlecht sind, und dass du selbst ein Dumm-\nkopf bist .. . gestehe! Du glaubst nicht mehr an\ndich, glaubst nicht mehr, wie früher, an deine Kräfte,\ndeine Fähigkeiten \"\n\"Er öffnete mir die Augen. Aus Freundschaft.\"\nDas heist, er nahm dir alles, was du hast . . . .\nAlles, woran du von früh bis abends denkst. . . Alles,\nwas dir Freude macht. . . .\"\n„Nur Illusionen hat er mir genommen.\"\n„Ha, ha... . Gestehe, dass dir eine deiner Illu-\nsionen lieber war, als alle seine Wahrheiten\nGestehe, dir schlug das Herz, so oft du ihm begeg-\nnetest, vor Angst mit einer neuen grässlichen Wahrheit\nvon ihm beschenkt zu werden. . . Gestehe!\"\n„Um Himmelswillen.... Er liegt hier. . . .\"\n„. .. . Bewusstlos. Und du wünschest bestimmt,\ner möchte nie, nie mehr. . . .\"\n„Sprich es nicht aus.\"\n„Gestehe!\"\nSie sprang auf, denn Mischi ist gekommen, der\nvermultlich eben seine Apotheke zugesperrt hatte.\nIII\nAdele ist ein merkwürdiges Mädchen. Gestern\nsprach sie noch schlecht von Ferdinand und diese\nNacht verbrachte sie (\"zusammen mit Mischi) wachend\nan seinem Bette.\nMir wurde aber schon um neun befohlen, gleich\nzu Bette zu gehen.\n„Leg dich nieder,\" sagte Mischi. „Du brauchst\nmehr Schlaf als wir, weil du viel arbeitest.\"\nEin guter Bursche.\nNebenbei bemerkt, habe ich Pech; schlafe ich ein-\nmal gut und traumlos, so werde ich dann immer vom\nZufall irgendwie gestört.\n.... Es war noch stockfinster, als mich plötzlich\nAdele weckte.\n„Was gibt's denn?\" fragte ich entrüstet.\n„Ich bitte dich, komm!\"\n„Wozu?\"\n„Ferdinand ist bei Bewusstsein und will mit dir\nsprechen\".\n„Gut. ... in einer Stunde!\"\n„Nicht in einer Stunde! Sofort.\"\nIch möchte vor Schläfrigkeit weinen. Aber ich er-\nhebe mich langsam.\n„Was will er denn?\" brumme ich.\n„Das soll ich wissen!. . . .Komm nur.\"\nIch stehe auf und gehe taumelnd ins Nebenzimmer.\n„Guten Morgen,\" sagt Mischi.\nEr liegt halbangekleidet auf dem Sofa. Es ist\nNacht, trotzdem antworte ich:\n„Guten Morgen\"\nAm Bette Ferdinands brennt eine Kerze. Ich gehe\nhin. Ferdinand hat offene, ziemlich klare, sozusagen\n.... neugierige Augen.\n„Wie viel Uhr ist es?\" lautet seine erste Frage.\nEr hat mich wohl nicht deshalb wecken lassen,\ndenke ich wütend.\nIch antworte: „Weiss nicht.\"\n„Du hast geschlafen?\"\n„Ja.... eigentlich\nEr betrachtet mich forschend. „Hier ist. .. .\nAdele?\"\n„Ja,\" sagte ich zu Boden blickend. „Du kennst\nsie. . . .\"\n„Ich kenne sie... . aber ich wusste nicht, dass sie\nbei dir wohnt.\"\n„Nun .... sie wohnt bei mir.\"\nPause.\n„Ich wusste es nicht,\" wiederholt Ferdinand.\n„Gott sei Dank!\" antworte ich ihm zornig in Ge-\ndanken. „Denn wärst du dahinter gekommen, so\nhättest du sicher nicht verfehlt, mir irgendeine abscheu-\nliche Wahrheit von ihr zu sagen. ...\"\n„Sonderbar,\" meinte Ferdinand.\n„Sie liebt mich,\" sage ich. ....\n.... Schäme mich übrigens sofort des Nachsatzes\ndieser Worte im dumpfen Krankenzimmer.\n„Sonderbar,\" wiederholt Ferdinand.\nUnd zeigt auf das Sofa:\n„Und . . dieser Herr?\"\n„Ein Bekannter,\" sagte ich schüchtern.\nFüge dann hinzu „Mischi.\"\nPause. Das komische Wort Mischi zwitschert noch\nin dem dunklen Raum.\n„Das muss wohl ein guter Bekannter sein,\" mit\nanzüglicher Betonung, „denn er ist hier jeden Abend,\njede Nacht.\"\nUnd fragt plötzlich:\n„Ein Freund?\"\n„Ja.\n„Ich wusste nichts von diesem Freunde\"\n„Gott sei Dank!\" — sage ich in Gedanken, „wie\nschade, dass ich nicht immer meine Freunde vor deiner\nWahrheitswut versteckte!. . . . '\nEr schweigt. Plötzlich höre ich seine Stimme,\nganz seltsam verändert, zitternd, voll wahnsinnigen\nSchreckens.\n„Sage !. . . . werde ich bald sterben ?\"\nEine Frage von verblüffender Einfachheit. So ein-\nfach wie eine Nadel. Meine Nerven krümmen sich....\nIch wäre beinahe in ein tolles Lachen ausgebrochen.\n„Was?\" frage ich, um Zeit zu gewinnen.\nSeine Augen leuchten wie die eines hungrigen\nHundes.\n„Ich verlange von dir die Wahrheit.... eine Ant-\nwort, ob ich bald sterben werde\"\n.... Er verlangt Wahrheit, denke ich mit Genug-\ntuung. Wahrheit.... Er, der mich immer mit Wahr-\nheit fütterte.... er möchte wohl einmal wissen, wie\ndas schmeckt....\nIch blicke ihm in die Augen. Ich sehe darin ge-\nspannte Neugierde, aber auch Angst. . Angst. . . .\nEin Schluchzen erschüttert meine Seele. Er blickt\nmich an und weiss selbst nicht, dass er um Mitleid\nbittet. Sein Mund schreit: Wahrheit, Wahrheit!. .. .\nAber seine Augen flehen: Lüge, Lüge!. . . .\nSo wie ich ihn so oft um ein wenig Lüge gebeten\nhabe.... Aber er .... der Charakter, der standhafte\nFreund,.... wollte nicht, wollte nicht....\n„In einer Woche,\" flüstere ich wie im Traum.\nEr reisst weit die Augen auf.\n„Wie ? .... Was ?\"\n„In einer Woche,\" wiederhole ich deutlich.\nEr packt mich bei der Hand, als wollte er aus\ndem Wasser gezogen werden.\n„Das Ende?\" fragte er, „in einer Woche?\"\nIch nicke mit dem Kopf. Ich schaue ruhig auf\nsein Gesicht, als wäre es nicht echt, sondern von\nWachs. Ich sehe, wie dieses Gesicht auf die Kissen\nsinkt.\nDabei denke ich, es wird ungefähr vier Uhr sein,\ndenn man hört, wie die Vögel im Stadtpark aufwachen.\nIch drehe mich um ... . Und ich gehe auf den\nZehenspitzen hinaus.\nIV.\nDie Woche ist vorüber, und Ferdinand .... geht\nes immer besser. „Er wird von Tag zu Tag gesünder,\"\nsagt Adele. „In einigen Wochen spielt der Mensch\nKegel.\"\nDas ist schon so ihre Art. „Lass dich nicht\ntäuschen,\" antworte ich. „Der Arzt hat gesagt. .. .\"\n„Und doch fühlt sich Ferdinand immer besser.\"\n„Ich glaube nur an die Chirurgie,\" versichert uns\nMischi. „Was man nicht sieht, nicht berühren kann,\ndavon versteht die heutige Medizin so viel wie ich\noder Adele. . . .\"\nAuf jeden Fall. . . . behandeln wir unsern Doktor\nmit einer etwas geringeren Achtung. Nach der Sams-\ntagsvisite bei Ferdinand war er selbst verwundert. Ein\nArzt soll nicht verwundert sein.\n„Du brauchst mehr Schlaf als wir,\" sagte mir\nMischi vorgestern abends. „Ich und Adele werden\nschon bei Ferdinand sitzen.\"\nIch öffnete den Mund.\n„Er schläft ja in der Nacht.... und niemand\nbraucht mehr bei ihm zu sitzen.\"\n„Hm,\" brummte Mischi, gleichsam enttäuscht.\nAuch Adele schien ein wenig missgestimmt.\n„Jedenfalls iss mit uns heute das Nachtmahl,\" sagte\nsie nach einer Weile seufzend zu Mischi.\nSie haben sich schon an die Krankenpflege ge-\nwöhnt. . Die guten Seelen.\nJetzt muss ich mich häufiger mit Ferdinand unter-\nhalten. Es liegt mir sehr daran, dass er vergisst, wie\nich ihm vor einer Woche die Wahrheit gesagt habe."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "326", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.4", "texte": "Uebrigens habe ich die Empfindung, dass er an\ndiese erste Wahrheit, die ich ihm gesagt hatte, höchstens\neine Woche glaubt.\nJetzt hat er fast rote Backen und seinen Mund\numspielt ein fast triumphierendes Lächeln.\n„Es scheint ... ich werde doch gesund,\" sagt er,\nund blickt mich mit kaum wahrnehmbarer Ironie an.\n„Gott sei Dank,\" seufze ich und sehe zur Decke\nhinauf.\n„Die Woche ist vorüber.\"\n„Vorüber\" bestätige ich, mit der Miene eines kom-\npromittierten Menschen. 1\nUnd abends kommt der Doktor,\n„Er wird gesund,\" sagt er plötzlich händereibend,\n„und Donnerstag kann er zum erstenmal aufstehen.\"\nFerdinand lächelte glücklich, als ich ihm diese\nWorte wiederholt hatte.\nEr lächelte nur. Und dann blickte er mir mit\ndem gewohnten Ausdruck rücksichtslos aufrichtiger\nFreundschaft in die Augen!\n„Ich danke dir für die Gastfreundschaft Und ich\nfreue mich, dir durch einen kleinen Gegendienst wenig-\nstens teilweise meine Erkenntlichkeit zeigen zu\nkönnen.\"....\nEs war etwas in seinem Blick, was mir die alten\nZeiten in Erinnerung brachte, und.... ich erzitterte\nvor Angst.\n„Ich will dir die Augen öffnen. . . .\"\nAha— — dachte ich und fühlte, wie ich erblasste.\n„Dieses Weib diese Adele, von der du\nbehauptest, dass sie dich liebe und dieser\nHerr dieser Mischi, oder wie er sonst heisst,\nvon dem du glaubst, er wäre dein Freund \"\nIch stöhnte und erhob bittend die Hand.\n„Betrügen dich, dass es eine Freude ist. Als ich\nin diesem Zimmer lag, war ich oft Augenzeuge. . . .\nEs tut mir leid, wenn du dir die Sache zu sehr zu\nHerzen nimmst, aber\nEr drückte mich mit seiner eisernen Hand.\n„Aber ich musste es dir sagen. Es war\nmeine Pflicht. Und ich wäre wirklich deiner Freund-\nschaft unwürdig, wenn ich es dir nicht mit rücksichts-\nloser Offenheit gesagt hätte.\"\n\nDer Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nI\nSchilda\nDie Sonne war untergangen.\nUnd es regnete.\nUnd Herr Moritz Wiedewitt, der Oberbürgermeister\nvon Schiida, sass vor seinem Schreibtisch und grübelte;\ndie Lampe brannte trübe.\nFrau Lotte Wiedewitt, die Gemahlin des Ober-\nbürgermeisters von Schiida, sass auf dem Diwan — und\nihre Augen funkelten.\nMoritz hüstelte und sagte beklommen:\n„Es ging heute mal wieder alles schief\"\nDa rief die Lotte gellend:\n„Das halte der Deuwel aus. Mein Wirtschafts-\ngeld langt nicht. Ein solches Hundeleben ertrage ich\nnicht länger. Dass muss jetzt anders werden.\"\n„Schrei blos nicht so!\" sagte der Oberbürgermeister\nsanft. Aber da schrie die Frau Lotte erst recht, dass\ndie Wände dröhnten.\nUnd ihr Gemahl ward ebenfalls wütend\nUnd da schrien sie alle Beide.\nDie Schildbürger, die auf der Strasse vorüber-\ngingen, krauten sich hinter den Ohren und kamen\nauch in schlechte Stimmung.\n„Wer weiss, wie das noch enden wird!\" sagten\nsie mit Mienen echter Verzweiflung.\"\n„Das haben wir nun davon\", rief die Lotte, „von\nder grossen Emanzipation! Dazu also haben wir uns\nvom Volksgeiste emanzipiert! Hunger und Elend haben\nwir davon — und weiter garnichts. Ein neues Inlett\nfür die Betten muss auch angeschafft werden. Ich er-\ntrags so nicht länger. Ich schweige jetzt nicht mehr.\"\n„Du hast nie geschwiegen!\" rief der Oberbürger-\nmeister, und ein Lächeln erhellte sein Angesicht.\n„Warte nur, es wird sich schon machen lassen!\"\nAlso fuhr er fort.\nAber die Lotte rannte zum Zimmer hinaus und\nschmiss die Türe hinter sich zu, dass alles krachte.\nDie Lampe brannte wieder ganz trübe.\nUnd es regnete in Schiida.\nII\nUlaleipu\nPhilander der Siebente, der Kaiser von Utopia, sass\nvor seinem grossen Fenster und blickte hinaus.\nDrüben wurden die Schneezacken der himmelhohen\nBerge ffeuerrot und bekamen goldene Ränder. Es\nwurde Morgen.\nUnd der Kaiser sah seine ISchneezacken heftiger\nglühen, und seine Augen schmerzten, so dass sie bald\ndie unteren Teile der Berge suchten, auf denen Ula-\nleipu, die Residenz des Kaiserreichs Utopia, er-\nbaut war.\nUlaleipu war eine grosse Felsenstadt; sie umkränzte\ndie Ufer des schwarzen Sees in Hufeisenform.\nDer schwarze See in der Tiefe hatte auch Huf-\neisenform. Dort, wo das Hufeisen offen ist, reckte\nsich der Kaiserpalast aus den schwarzen Wassern\nheraus; der Palast war auf vielen steilen Felsenkegeln\nerbaut und zumeist so, dass die Felsen als solche nicht\nmehr zur Geltung kamen; die Architektur verdeckte\ndie Felsen fast überall.\nUnd so wie sich der Kaiserpalast an die Felsen\nanschmiegte, so taten dies auch die anderen Paläste\nder Residenz Ulaleipu, so dass von den unteren Teilen\nder Berge, die auch den schwarzen See in Hufeisen-\nform umkränzten, nicht viel zu sehen blieb; fast über-\nall ward das Gestein verdeckt von der Architektur.\nUnd da es nun allmählich immer heller wurde,\nsah sich der Kaiser von seinem grossen Fenster aus\nseine gewaltige Felsenresidenz an und freute sich über\nihre Hufeisenform; viele Kettenbrücken und andere\nBrücken verbanden die einzelnen Stadtteile, und alles\nwar sehr reich und prächtig; Türme und Fahrstühle,\nweitüberragende Erker und zurückgehende Terrassen,\nTunnel und Spiralstrassen, Plätze mit vielen Hallen\ndarunter — und tiefe Schluchten mit Säulengängen\nrechts und links — und wirklich hängenden Gärten\nund ganz steile Parkanlagen mit Wasserfällen und\nSpringbrunnen — so was gabs da alles in schwerer\nMenge, dass das Auge sich nicht satt sehen konnte\nan all der fabelhaften Pracht.\nUnten im schwarzen See spiegelten sich die roten\nund goldenen Schneezacken der hohen Gebirge, und\nauch der dunkelblaue Himmel spiegelte sich im\nschwarzen See.\nUnd dann ging die Sonne hinter den Bergen auf,\nund es wurde ganz hell in Ulaleipu, v enn auch die\nSonne vorläufig noch unsichtbar blieb.\nDer Kaiser öffnete sein grosses Fenster; langsam\ngingen die Spiegelscheiben runter, so dass die frische\nMorgenluft des Kaisers Stirne kühlte.\nUnd die Residenzler ringsum auf den Bergabhängen\nöffneten auch ihre Fenster.\nAlle Hessen die frische Morgenluft in ihr Haus\nhinein.\n*\n* *\nIII\nDas Frühlingsfest\nDie Zylinderwagen und die Fahrstühle sausen berg-\nauf und bergab, durch die Tunnel und über die Ketten-\nbrücken flitzten die langen Paketwagen, und dazwischen\ndrehten sich die langen Züge der Spiralbahnen hinunter\nund in die Höhe — ganz Ulaleipu ist in Bewegung —\nund alles glitzert dabei — und die glitzernde Bewe-\ngung kann der Kaiser vom grossen Fenster aus sehen\nund sich darüber freuen; seine Residenz feiert heute\ndas grosse Frühlingsfest der Tag ist so lang wie\ndie Nacht — in fröhlichster Morgenstunde beginnt es\nund am nächsten Tage in den späteren Morgenstunden\nhört es erst auf.\nIn den Fremdenpalästen geht es am lebhaftesten\nzu — nur für geladene Gäste aus den Provinzen hat\nheute die Residenz ein offenes Tor — die anderen\nFremden müssen hinter den Bergen bleiben, denn die\nStadt Ulaleipu kann sich nicht so leicht nach oben\nund unten hin ausdehnen — die Bautätigkeit ist bei-\nnahe zu Ende.\nAuf den Terassen und in den Gärten gibts jetzt\ndas berühmte Frühlingsfrühstück und dazu ein Früh-\nkonzert von fünfzig Kapellen, die an fünfzig verschie-\ndenen Stellen mit Benutzung der Echos teils zusammen,\nteils vereinzelt — aber immer einander ergänzend —\ndas Meisterwerk eines utopianischen Komponisten vor-\ntragen.\nAus allen Fenstern sind jetzt bunte Stickereien\nherausgehängt und aus den Türmen ragen unzählige\nlange Stangen heraus, die sich immerzu um sich selber\ndrehen, was einen Glanzeffekt erster Güte erzeugt, da\ndie Stangen sämtlich von oben bis unten mit bunten,\nzum Teil prismatisch geschliffenen Gläsern verziert sind.\nDie Frühlingsmusik rauscht über den schwarzen\nSee hinweg, in das grosse Fenster des Kaisers hinein —\nund dann klingelt es bald da nnd bald dort, bald oben\nin den Bergen und bald unten am See,\nUnd Ulaleipu frühstückt dabei — aber ganz vor-\nsichtig isst man, klappert nicht mit Messer und Gabel,\nkein Kind darf ein lautes Wort sagen. Und auch die\nkleinen Jungen mit den Festschriften auf den Bahn-\nstationen reichen vorsichtig das Papier hin, dass es\nnicht knistert. Wer noch gehen muss, geht auf den\nZehen und langsam.\nDer Kaiser sieht seine Stadt an — — sieht, wie\ndie Stangen auf den Türmen unaufhörlich glitzern und\nfarbig funkeln, und wie die bunten Stickereien die\nganze Stadt ganz bunt machen. Und das Frühkonzert\nder fünfzig Kapellen tönt harmonisch in das Frühlings-\nfest hinein, sodass der Kaiser doch lächeln muss.\nUnten auf dem schwarzen See stehen auch die\nRuderboote und die Motorboote ganz still, damit kein\nMisston hineinklinge in das Frühkonzert der fünfzig\nKapellen.\n\nBücher zu Geschenk-\nzwecken\nEs muss möglich sein, die Goldschnittatmosphäre\ndieses wohlkonservierten Klischees so zu desinfizieren,\ndass ein gebildeter Mensch ohne Saccharinbeschwerden\ndarin atmen kann. Es darf wohl gesagt werden, dass\nder „Sturm\" einige recht wirksame Drogen hierzu ge-\nliefert hat. Und es entspricht durchaus seiner Tendenz,\nwenn wir die in Büchereinkäufen investierten Beträge\nuns wertlos scheinenden Autoren zu entziehen suchen.\nMan hat die Absicht des „Sturm\" oft modern genannt.\nMeistens suchten sich vergreiste Gehirne damit von\nuns zu distanzieren. Aber wenn damit wohlmeinend\ngesagt sein soll, dass wir immer die Literatur des\nlezten Monats vertreten, so bedanken wir uns recht\nernstlich. Es wäre dem „Sturm\" äusserst peinlich, mit\nden Marionetten eines bürgerlichen Sentiments ver-\nwechselt zu werden, die sich durch höfliche Belächelung\neines Goetheenthusiasten eine fragwürdige Originalität\nerschwindeln wollen. Aber ebenso lehnen wir jenen\nmuffigen Historismus ab, der den Wert eines Buches\nnach seinem Alter bemisst. Dies anbei. Wenn wir\njetzt unsern Lesern Bücher empfehlen, so greifen wir\nbewusst auf die Vergangenheit zurück. Ueber zeit-\ngenössische Literatur ist in jeder Nummer des „Sturm\"\ngesprochen worden: es genügt auch, ganz einfach die\nBücher beim Einkauf zu meiden, die etwa der „Kunst-\nwart\" und ähnliche gutgenährte Antiquitäten empfehlen.\nIm übrigen haben wir das beruhigende Gefühl, dass\nes keine Brücke gibt, auf die ein Sturmleser zum An-\nkauf von Jörn Uhl schreiten könnte.\nI\nDer Verlag Eugen Diederichs in Jena steht\nan der Schwelle jener Bewegung, die vom Staube be-\ndrohtes Kulturgut im grossen Stil wieder in die Ge-\nsichtshöhe unserer Zeit zu heben wusste. Es ist schon\neine historische Aufgabe, die revolutionäre Wirksamkeit\ndieses Verlages für die Richtung der buchhändlerischen\nTätigkeit und für die Kultur des Buches zu schildern.\nUnd wie sehr diese Faktoren in das zeitgenössische\nBildungswesen eingreifen, bedarf nur dieser Andeutung.\nAls das monumentalste Archiv geistiger Beweglichkeit,\nprachtvoller Selbstdarstellungen und ganz Wort ge-\nwordener Leidensfähigkeit weise ich auf die Gesamt-\nausgabe der Werke S. Kierkegaards hin, für die diesem\nVerlag der Dank aller Kulturmenschen abzustatten ist.\nMan belästigt uns mit den Versuchen, eine gut-\ngezimmerte Ethik für die Seichtheit des religiösen Er-\nlebnisses anzubieten., Und da flache Gewässer am\nzugänglichsten sind, bedeutet dieser Buchstabenprote-\nstantismus letztlich und endlich eine Gefahr. Hier bietet\nsich ein Geist dar, der von der Höhe des religiösen\nErlebens als Ebenen des Geistes übersieht, sie in sich\neinsaugt, an dem Ganztiefen eines „primitiven Gottes-\nverhältnisses\" alle Erfahrungen in einer unerhörten\nWärme fruchtbar werden lässt und der unser aller\nZeitgenosse zu sehr ist, um nicht in martervollem"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "327", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.5", "texte": "Selbstzerfasern diese Vorgänge sich durchsichtig zu\nmachen. Ich glaube nicht an die seelische Empfind-\nlichkeit eines Menschen, der eine Seite Kierkegaards\nlesen könnte, ohne im Tiefsten ergriffen zu sein, wie\ner ganz verborgene Landschaften seiner Seele in diesem\nklaren Teich gespiegelt findet Und Kierkegaard ist zu-\ngleich ein dialektischer Kopf, ein expansionslustiger\nGeist, der seine Erlebnisse als lebendige Organismen\naufeinanderplatzen lässt, Menschen zu ihnen erfindet,\nSchicksale aus ihnen entwickelt: ein schwermütiger\nMensch, dessen kunstvolle Schöpfungen von einem\nintelektuel! hochgespannten, besonderen geistigen Ge-\nwissen zerfressen werden. Und es bedarf seiner Tiefe,\num so entfernt zu sich heraufschauen zu können, dass\neine seltsam spirituelle Heiterkeit um seine Dichtungen\nwittert. Was als Fragment, als Auswahl, als Kürzung\nvorlag, ist bei Diederichs endlich als Gesamtheit er-\nschienen.\nEin natürlicher Zusammenhang führt von Kierke-\ngaard zurück zu Plato, dem er mehr als nur die\nTerminologie entlehnt hat. Nach Schleiermachers ge-\nwaltiger Uebertragung erscheint hier zum ersten Mal\neine neue Gesamtausgabe, die sich mit den Mitteln\neiner um hundert Jahre entwickelten Prosa von neuem\ndie gleiche Aufgabe stellt. Von Rudolf Kassners Um-\ndichtungen ist nur zu sagen, dass dieser Zweck in\nüberreicher Weise erreicht worden ist. Wir wollen uns\nnicht der Banalität schuldig machen, unsern Lesern\ndie Platolektüre zu empfehlen. Nur der Hinweis sei\ngestattet, dass der Grieche von der wissenschaftlichen\nwie von der künstlerischen Seite her in stärkster Weise\nin den Vordergrund getrieben worden ist. Insbesondere\ndie Wissenschaft hat den innigen Zusammenhang der\nplatonischen Lehre mit unserm an Kant orientierten\nWeltbild immer deutlicher aufgewiesen. Aber was vor\nrelativ kurzer Zeit als ein über der täglichen Diskussion\nschwebendes tagabgewandtes Systemgebäude auftreten\nkonnte, ist bei Plato noch in wundervoller Verschlingung\nmit dem täglichen Leben, und ich wüsste mir kaum\neine bessere Form zu denken, in der das Reizvolle\ndieses Zusammenhanges deutlicher zum Ausdruck ge-\nbracht ist als die Uebertragungen Kassners. Und wer\nhierdurch in antikes Geistesleben eingeführt ist, wird\ngern die Uebertragung der ältesten abendländischen\nPhilosophie zur Hand nehmen: Nestles deutsche Aus-\ngabe der Vorsakraliter, der die philologische Fachpresse\neinen ehrenvollen und originalen Platz neben Diels'\ngrossem Werk gesichert hat. Aesthetisch ziehe ich die\nAusgabe Nestle jedenfalls Diels vor. Und ebenso sei\nan Plotin erinnert, den Otto Kiefer in schöner Ueber-\ntragung herausgegeben hat.\nDie Neuausgaben der Werke deutscher Romantik\nsind weiteren Kreisen genugsam bekannt. Es sei nur\nan die philosophischen Untersuchungen von Marie\nJoachimi (Weltanschauung der Romantik) und Erwin\nKircher (Philosophie der Romantik) erinnert. Und wer\nNovalis gern liest sei auf die Minorsche Ausgabe hin-\ngewiesen, die die abschliessende Edition bedeutet.\nUnd den grossen Absichten eines nationalen Ver-\nlages gemäss scheint mir die „Kunst in Bildern\" zu\nsein, die zu einem unverhältnismässig billigen Preis\n(4,50 Mk. für den Band) die Entwicklung der abend-\nländischen Malerei deuten will. Mit einem ganz ver-\nblüffend grossen Anschauungsmaterial versehen — zwei-\nhundert Bilder im Band — sucht hier eine kunst-\ngeschichtliche Methode den Zugang zu dem historischen\nMaterial zu finden, die nicht minder ein Produkt letzter\nwissenschaftlicher Kultur ist. Den Bahnen Diltheys\nfolgend, Wölfflin nicht fernstehend, wird die Welt-\nanschauung der bildenden Künstler in einer grossartigen\nkulturgeschichtlichen Synthese zugeführt. Wer etwas\nan Muthers kulturspielerische Feuilletons gewöhnt ist,\nwird bewundernd erleben, in wie grösserer Tiefe das\nkulturgeschichtliche Material zum Verständnis der eigent-\nlich malerischen Werte hingezogen werden kann. Das\nist der Stil der grossen Historie: die Einzelerscheinung\nals Produkt eines innigen Zusammenhanges des Indivi-\nduums mit seiner Zeit zu sehen, ohne eins in das\nandere aufzulösen. Wer überhaupt Hoffnung hat, zur\nbildenden Kunst ein lebensvolles Verhältnis zu gewinnen,\nwird auf diesem Wege sein Ziel am ehesten erreichen.\nUnd nun sei noch auf eine Neuausgabe hingewiesen,\ndie ein in Deutschland fast unbekanntes Werk mit\neinem Schlage die verdiente Anerkennung gefunden hat:\nde Costers Ulenspiegel. Ich wüsste diesem Werk an\ninnerer Behaglichkeit, atmender Menschlichkeit nichts in\nunserer Zeit an die Seite zu stellen. Man muss schon\nzu Rabelais oder Cervantes zurückgehen, um überhaupt\nnur ein ähnliches Temperament zu treffen: der Ver-\ngleich mit Grimmelshausen trifft nur Tempo und Ton-\nfall, De Coster hat alte Sagen etwa so behandelt, wie\nSelma Lagerlöf die Legenden ihrer Heimat; aber so\nprachtvoll die balladenhafte Schönheit der Gösta Berlings-\nsaga ist, so unvergleichlich grösser ist die lebendige\nGrösse dieses Werks. Christian Dietrich Grabbe wollte\neinen Eulenspiegel voll holzgeschnitzten Niedersachsen-\ntums schreiben: hier ist ein köstlicher Ersatz. Es ist\nunbegreiflich, wie dieses Werk Menschen fehlen kann,\ndie die Literatur nicht um gelehrter Absichten willen\ntreiben, sondern um eine Steigerung ihres Daseins, eine\nBereicherung ihrer seelischen Möglichkeiten zu erfahren.\nUnd ihrer Orientierung wollen diese Hinweise dienen.\nT.\n\nUmschau\nQuintus Fixlein\nDas Nebengeräusch\nDer Harden im Grunewald, der neuerdings Pam-\nphlete auf König Friedrich den Zweiten seinem Publi-\nkum als pikante Auslassungen des „alten Fritzen\" auf-\nzureden versucht und dafür von dem Sozialdemokraten\nMehring abgestraft wird, hat ein Nebengeräusch. Es\nräuspert und spukt Montags in dem Exzellenzen-Blatt\nmit den Tönen des Hauptgeräuschs — ohne Chiffre,\ndamit die Täuschung vollendet wird. Auch der Zettel-\nkasten ist — in bescheidenem Umfange und soweit\nder Respekt vor der Routine |des Meisters es erlaubt\n— zur Stelle.\nDas Nebengeräusch dichtet im Anschluss an die\nKönigsberger Kaiserrede von „der Windsbraut, die um\ndie Kiefern des Blätterwaldes fegte\". Die Windsbraut\nist eine Entgleisung, die der von der Windbraut der Re-\nporterbegeisterung umstürmte wachende Wahrer deut-\nscher Volkheit verzeihen wird. Denn schon im nächsten\nSatze wird von den Reichstagsabgeordneten als von\nden „durch die Wahlweihe Gesegneten\" gesprochen!\nUnd wenn das noch nicht ganz versöhnt, so muss die\nin der Folge erwiesene Tüchtigkeit in der Handhabung\ndes Zettelkastens die Grimmfalte unterm Scheidelgebiet\ndes Miauzers strälen.\nDas Nebengeräusch beginnt mit Zitaten aus den\nReden des Beraters „Karls des Neunten und Heinrichs\ndes Dritten\" und schliesst nach einer Abschwenkung\nzu Luther. Pufendorf, Bismarck und Wilhelm den Ersten\nmit siebenundzwanzig Zitaten aus den Reden Wilhelms\ndes Zweiten. Es kommt zu dem Resultat, dass der\nKaiser „zum alten, in eines Menschenlebens Spanne\nliebgewordenen Glauben zurückkehrt\". Und nachdem\nes noch einmal den Zettelkasten über die Jesuiten\nLainez, Bellarmin und Mariana befragt hat, klingt es\nin eine männliche Belehrung über eines jeglichen\nDeutschen Pflicht aus, „möge er Civis oder Tribun,\nKanzler oder Kaiser sein\".\nMöge es Hauptgeräusch oder Nebengeräusch sein.\nDas Reformbild\n„Sind Sie mit dem Wandschmuck Ihrer Wohnung\nzufrieden ? Vielleicht nicht. Vielleicht gehören auch\nSie zu den Vielen, die sich gern mit guten Bildern\numgeben möchten, denen aber die von manchen Kunst-\nhändlern geforderten hohen Preise die Lust dazu\nnehmen.\nDas wohlfeile Reformbild ist abe]r§\nschon da!\"\nAus einer Offerte, die R. Voigtländers Verlag [in\nLeipzig gegenwärtig [unter die aufklärungsfreudigen\nKreise deutschen Volkes verteilen läßt.\nReformhemden, Reformehe, Reformchristus, Reform-\nspeisehaus — weshalb nicht auch Reformbilder!\nR. Voigtländers Verlag hilft einem dringenden Bedürf-\nnis ab. Der Jubelruf: Das wohlfeile Reformbild ist da!\nbraust zur rechten Zeit „ins Land\". Weihnachten\n„steht vor der Tür\". Man beeile sich, nachzusehen,\nob man mit dem Wandschmuck seiner Wohnung zu-\nfrieden ist. Im andern Falle lege man seinen Lieben\nausser Reformunterkleidern und einem Bändchen\nReformlyrik auch das Reformbild unter der Weihnachts-\nbaum!\nWie Georg Brandes mit\nHilde Simon kämpfte\nDer gelegentliche Leitartikler des Organs der\nBerliner Strassenhändler hat einen Roman gedichtet,\nin dem eine gewisse Hilde Simon mit Gott und dem\nTeufel kämpft«\nHerr Professor Georg Brandes, zu dessen Ehren\nder Vater Hilde Simons ein Bankett mit Blumen,\nschönen Damen und den Herren Lothar und Tur-\nszinsky veranstaltete, hat sich nun über Hilde Simon\ngeäussert. Er |findet: „Das Buch wird als ganzes\neine vorteilhafte Ansicht von dem Verfasser hervor-\nrufen\". Weiter: das Werk „ist zugleich Berliner Sitten-\nschilderung, Philosophie, Theologie, Lebensansicht,\nMenschenverachtung und Kultus der Ideale geworden\".\nEs ist also ein umfassendes Werk.\nFolgen des Boykotts\nDie illustrierten Wochenschriften haben dem Lyriker\nErich (Mühsam [die Mitarbeit aufgesagt, weil er als\n„Anarchist\" auf der Anklagebank gesessen hat Das\nwar unangebracht, denn die illustrierten Wochenschriften\nsind fnach dieser Boykotterklärung nicht wertvoller ge-\nworden. Der Anarchist und Lyriker wusste, was er\nzu tun hatte. Er liess sich den lyrischen Befähigungs-\nnachweis von den Brüdern Mann, Hermann Bahr und\nFrank Wedekind beglaubigen und ging mit dem Doku-\nment zu dem }„Grossen im Geist\", der „schon oft\neinem zu Tode Gehetzten, der sein Recht nicht finden\nkonnte, eine Tür offen liess\".\nDer Grosse im Geist veröffentlichte das Dokument\nunter Beifügung einiger Gedichte, aus welchem die\nlyrische Intaktheit des Dichters klar erkennbar wird.\nWir bemerken, dass Herz und Schmerz auch nach\ndem Boykott noch innig beieinander liegen, und be-\nruhigen uns bei der Feststellung, dass das Glück,\ngleichviel ob westlilch oder östlich, auf jeden Fall\nköstlich ist.\nDas neue Montagsblättchen ist ergriffen von der\nGrossmut des „Grossen im Geist nnd im Herzen\",\nder „auch diesmal wieder hilfsbereit Schutz gewährt\"\n— wie er vorher den zu Tode gehetzten Lyrikern\nTheodor Suse und Erich Sello hilfsbereit Schutz\ngewährte.\nIch finde es nur in der Oidnung. Warum sollte\nMühsam nicht des gleichen Schutzes teilhaftig werden\nwie jene — wenn er auch den Grossen im Geist in\nden Tagen der von beissenden Ruch umschwelten\nFährnis nur mit einer Broschüre verteidigen konnte?\n\nHans Harbeck\noder\nWer beisst mich da?\n\nMit Hans Harbeck kämpfen Götter selbst vergebens!\nAlso, ich unterliege und lasse mich auf seine Hörner\nnehmen — da trabt er schon an, ich halte ihm meinen\nblauen Schleier als rotes Tuch entgegen, und jetzt\nbrülle, mein Hans:\nS. Friedlaender: durch blaue Schleier\nGedichte. Im Verlag A. R. Meyer Berlin-Wilmers-\ndorf\nDas trillert brüh\nIm Wortgeglüh',\nHerzohren hör'n erschlossen,\nIn Liebesmüh',\nErkeimt Geblüh',\nZum Glanzgezieh ersprossen.\n~.. Herriernineh, dachte ich, als ich beim ersten Durch-\nblattern des Buches auf diese sinnbetrübenden Verse\nstiess. ist das das Stammeln eines Genies oder das\nGeschwätz eines Narren? Um diese Schicksalsfrage\nnicht voreilig zu beantworten, raffte ich mich zusammen\nund las weiter. O, und seltsame Dinge vernahm ich!\n„Wie Dietrich erschliesst's jede Pforte.\" Das sagt der\nVerfasser von dem Gedicht als solchem und meint\nmit Dietrich weder den grossen Gotenkönig noch sonst\nirgendein findiges Individuum, sondern jenen Dietrich,\ndessen sich die Einbrecher bedienen. Das ist, dünkt\nmich, eine ungemein poetische Erfindung. Weiterhin\nhörte ich etwas sehr Tiefsinniges von dem „Urgeruch\nder Wesen\", von der „wanken Mondlatern\", von „Herzens-\nirrnissen\" und von einem „schlangenringelnden Himmels-\nmantel\". Und da klappte ich das Buch zu und sagte\nmir, dass das Blöken eines Hammels verständiger und\nmelodischer sei als dieses „Glutgestöhn\"!\nHans Harbeck in den „Hamburger Nachrichten\"\nAch, bin ich ein Hammel ? Oder ein stammelndes\nGenie? Oder ein Narr? Oder weniger als ein Ham-\nmel? — Mein kluger Hans, mein lyrischer Harbeck-\nmesser, mein Hamburger Nachrichter, du begehst einen\nästhetischen Justizmord am Verfasser der blauen\nSchleier, der ja nicht ohne weiteres mit dessen Person\nidentisch ist. Seine Gedichte sind voll von allen Ge-\nschmacklosigkeiten der Fruchtbarkeit. Ich dulde keines-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "328", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.6", "texte": "Wegs, dass sie mit denjenigen der Impotenz (halb-\njesuitisch!) handgemein gemacht werden bloss des-\nwegen wiederhole ich sterbend: mit Hans Harbeck\nkämpfen Götter selbst vergebens.\n\nDr. S. Friedlaender\n\nEin alter Tibetteppich\nElse Lasker-Schüler\nDeine Seele, die die meine liebet\nIst verwirkt mit ihr im Teppichtibet\nStrahl in Strahl, verliebte Farben,\nSterne, die sich himmellang umwarben.\nUnsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit\nMaschentausendabertausendweit.\nSüsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron\nWie lange küsst dein Mund den meinen wohl\nUnd Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.\n\nLyrik für die Presse\nDer Geist der Feuilletonisten schäumt über den\nDoppelstrich. Die Volkszählung bringt Politik und\nKunst ausser Rand und Band. Der Lokalanzeiger\näussert sich: „Wovon man spricht\". Zahlen reizen zu\nKombinationen. Die Zählerkarte verlangt ein Sprachen-\nbekenntnis :\nAuch die Frage nach der Sprache könnte Schwie-\nrigkeiten bereiten: spricht man wallonisch, polnisch,\nmasurisch oder gar kassubisch? Der gewöhnliche\nBürger wird ja hier wohl um eine Antwort nicht\nverlegen sein, aber denken wir einmal an die deut-\nschen Schriftsteller und gestehen wir nns ehrlich\nein, dass diese Herren bisweilen ein Idiom hin-\nschreiben, von dem man wirklich nicht wissen kann,\nob es masurisch oder kassubisch ist.\nNun, die Schriftsteller vom Lokalanzeiger schreiben\nimmer ein Idiom, das es überhaupt nicht gibt. Deutsch\nist es jedenfalls nicht. Die Schriftsteller vom Lokal-\nanzeiger kennen natürlich ein lyrisches Idiom nicht,\nwas es eben gibt. Das Kennzeichen der Lyrik ist\nfür diese Schriftsteller der Reim. Noch immer. Und\ndas „Gefühl\"? In deutsch: Sentimentalität. Wer\nkeine Prosa versteht, darf bei der Poesie nicht mit-\nreden. Denn die Prosa, die sogenannte nüchterne\nProsa ist ihr Fundament! Gestehen wir uns ehrlich\nein, dass Lyrik eine gar kassubische Angelegenheit\nb,eibt Trust\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nMAX DAUTHENDEY\nWeltspuk / Lieder der Vergänglichkeit\nVerlag Albert Langen München\nFRIEDRICH KURT BENNDORF\nSamain / Gesangs- und Umdichtungen\nVerlag E. W. Bonsch u. Co München'\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nI. V.: Oskar Kokoschka\n\nBUCHDRUCKARBEITEN\nALLER ART\nIN MODERNER AUSFOHRUNG\nBEI BILLIGSTER BERECHNUNG\nIIEFERT DIE BUCHDRUCKEREI\nCARL SCHOSSLER - HANNOVER\nARTILLERIESTRASSE IS —"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.7", "texte": "Jlenp Secession\nSS3CSS3C 585385 SjBjRIS 585385 8F863686\nfjLjjpcjL iSGMJCLZJGbiICH\niafede ilapmifiau Jladif\nJB3SSS 3SBSS 3SSS 3SSS 3SSS 3SSSS 3SSSS\nBerlin 0., Rank-Strasse 1\nan der Kaiser ftJlll)elm GedacWnis-Klrcle"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "330", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101208-01.1.8", "texte": "Verantwort!. f. d. Anzeigen!.: D. G. Friedrichs-Hannover / Verlag Der Sturm Berlin Halensee Geschäftsstelle u. Anz.-Annahme: Berlin W. 35 / Druck v. Carl Schüssler-Hannover\n\nUt\n0\n| {Vhsua y**'\ntfuAsd*. J CkA\n*\n}?fc%J&meAAk,>\n— Hi\n**%,\n&\nMa\n5\nh\nA\n«5*\n<*?\nJ\n1&\n%\n55\nor\n!*5\n\\\n\nPreis 1 Mark Preis 1 Mark\nMenthol-Malz-Dragees\nn\nD\nn\nJL\nSicheres Mittel gegen akute Katarrhe der Atmungsorgane\nermoglicht Schauspielern und Sangerti sofortigen\nGebrauch der erkrankten Organe\n*mm a\nZAHLREICHE ANERKENNUNQEN\nZu haben ia alien Apotheken und Drogerien / Alleinige\nFabrikantin / Fabrik fiir pharmaceutischen\nBedarf / Berlin-Halensee\nWohlschmeckend Sicher wirkend\n\nDie Fackel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\ns: Nr. 311/12 ::\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfg.\nÜBERALL ERHALTLICH\nIn Nummer 301-02 dieser Zeit-\nschrift erschien:\nDIE UNSCHULDIGE\nVon Heinrich Mann\nAufgefiihrt im Kleinen Theater\nzu Berlin\n\nMALSCHULE\nSystem L v. Kunowski\nACT / KOPF / STILLEBEN\nHeinrich Rlchter\nEisenacherstrasse 103\nSprechstunden 12 — 1 Uhr\n\nMax Giesswein\nKgl. SMchs. und Kgl. Wfirttembg.\nHofopernsanger\nBERLIN W. 50\nCulmbacherstr. 6\nFernspr.: Via 18926\nERTEILT\nGESANQ-UNTERRICHT\nSprechstunde 3—4 Uhr\n■ ■\n\nNeopathetisches Cabaret\n:: fiir Abenteurer des Geistes. a\nFreitag, den 9. Dezember Uhr, Cafe Kerkau, Behrenstr, 48.\nEs tragen vor: Ernst Blass / Golo Gangi / Georg Heym t\nKurt Hiller / Jacob van Hoddis / ElseL asker-\nSchiiler\nPaul Marx (Lessingtheater): Rabbi Esra von Frank-\nWedekind.\nKarten zu 1 Mk. bei Edmund Meyer, Buchhandl., Potsdamer-\nstr. 27 b 2 und an der Abendkasse.\n\n> Art\nVEREIN FOR KUNST\nDonnerstag, den 8. Dezember, abends 8 Uhr\nArchitektenhaus (Hagensaal) Wilhelmstr. 92/93\nADOLF LOOS\nVortrag: ÜBER ARCHITEKTU^.^\nKarten a Mk. 3 u. 2 an der Abendkasse.\n\ns,°,r?n Cafe Continental EES\nJeden [Abend von 9—4 Uhr Nachts':\nGROSSES KttNSTLER-KONZERT\nAlle bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften ::\n••\n• •\n\nDr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrer a. d. Schauspielschule d. Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURG\nWilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5—6 Uhr\n\nUnser Plakat, Kunstlerlithographie in Dreifarbendruck\nvon OSKAR KOKOSCHKAist soeben erschienen.\nDen Buchhandlern und Verkaufern unserer Zeitschrift\nstehen Exemplare kostenlos zur Verfiigung. Preis fiir\nPlakatfreunde Mk. 1.— / Vorzugsdrucke (50 Stuck)\nMk. 5.— nur direkt durch den Verlag :: :: ::\n:: :: DER STURM, Berlin - Halensee"}]}