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M. MINSKI: Tolstoi II / PAUL SCHEERBART: Der Kaiser von Utopia / MAX BROD: Die Wallfahrt zu Orazio / ADOLF LOOS: Über Architektur /\nHERMANN WAGNER: Eine Verlorene / R. K. NEUMANN: Das Schweigen im Blätterwald / Die Beichte eines Toren / T: Empfehlenswerte Bücher / J. 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Aber in der ungeheuren Perspektive von\nSchicksal und Wahrheit in der Tolstoi das russische\nLeben darstellte, mussten ihm die Kulturbestrebungen\neiniger Journalisten und Studenten als eine ober-\nflächliche und zufällige Erscheinung vorkommen, die\nmit den Wurzeln und den Kräften des russischen\nBodens nicht zusammenhängen. Und der grosse Schrift-\nsteller der russischen Erde hatte recht. Jetzt scheint\nauch uns allen das Schicksal und das Gefühl Wolkonskis\nund Nechljudows nicht minder bedeutend als das neue\nWort Basarows und Neshdanows.\nDurch die innige Verbindung Tolstois mit dem\nGenius der russischen Erde wird das Lesen seiner\nWerke allen und jedem erleichtert, ihre kritische Er-\nklärung aber äusserst schwierig. Wie es mit Shakespeare\nin England und Goethe in Deutschland geschah, wuchs\ndas Werk Tolstois über das Maass der ästhetischen\nKritik hinaus, wurde zu einer Erscheinung der nationalen\nGeschichte und kann nur im Zusammenhang mit der\nGeschichte der russischen Erde erklärt werden. Seine\nEinfachheit, die bis zum Unwirschen geht und gleich-\nzeitig in jedem Wort brüderliche Zärtlichkeit ausströmt,\nseine furchtlose Offenheit, die einen unerschütterlichen\nGlauben an sich wie einem Gefühl der Demut ent-\nspringt, sein kulturentwickeltes gewaltiges Genie, und\ndie Lossagung von der Kultur zugunsten der Erde und\nder finsteren Bauern: das ist kein Einzelerlebnis,\ndas ist eine volkspsychologische Erscheinung. Und das-\nselbe wird man von der verneinenden Seite seines\nSchaffens sagen müssen, weil in Tolstoi das Genie\nnicht nur seine volle Höhe, sondern auch seine Grenze\nerreicht hat\nAls nach Beendigung der Anna Karenina Tolstoi\nfür einige Jahre verstummt war, hätte man, nach der\nLösung Lewins zu urteilen, glauben können, dass er\nsich des .höchsten, auf der Erde erreichbaren Glückes\nerfreue im Bewusstsein seines verdienten Ruhmes,\nim Kreise seiner geliebten Familie, inmitten des geliebten\nVolkes. Damals aber schrieb Tolstoi an Fet: „Unsere\nLage in der Welt ist schrecklich. Sobald erst der\nMensch zur höchsten Stufe der Entwicklung gelangt\nist, sieht er klar, dass alles Unsinn und Trug ist, und\ndass die Wahrheit, die er trotzdem über alles liebt,\ndass diese Wahrheit schrecklich ist, und wenn man\ngenau zusieht, erwacht man plötzlich und mit Schrecken\nsagt man: was ist denn das? Wenn nicht heute, so\nwird morgen Krankheit, der Tod über geliebte Menschen,\nüber mich kommen. Meine Taten werden vergessen,\ndie Hauptsache ist aber: Ich werde nicht sein.\"\nEs zeigte sich, das die Beruhigung Lewins eine\nscheinbare war, dass der Geist der Verneinung und\ndes Zweifels Tolstoi ebenso getroffen hatte, wie die\nmeisten zeitgenössischen Menschen. Gewaltiger als die\nAnderen, fühlte er einen gewaltigeren Schmerz und\nseufzte lauter. Unter welchem Gesichtspunkte man auch\ndie Ursachen dieses Uebels unserer Zeit betrachten\nmag, so scheint eines unzweifelhaft: dass man es nur\ndann heilen kann, wenn in der Seele des Menschen\ndie Ueberzeugung von der Zweckmässigkeit des Daseins\nwieder auflebt Diese Aufgabe ist eine philosophisch-\nreligiöse und keine philantropische.\nIn jedem Falle muss der Verkünder, der bereit ist,\ndie Menschheit von diesem unseligen „Wozu\" zu retten,\nmit der grössten Klarheit die Frage vor sich selber\nbeantworten, worin diese Rettung besteht — in der\nLiebe zum mythischen Gott oder zu den Menschen-\nBrüdern. Tolstoi hat diese Frage nicht entschieden,\nja er hat sogar nicht die Kraft besessen, ihr gerade\nins Auge zu sehen. Indem er die \"Menschheit auf\nneue Wege führen wollte, ist er selber zurückgekehrt\nzum früheren, zu dem von Lewin bereits zurück-\ngelegten Weg, der zum Dorf, zu der ackerbauenden\nArbeit führt.\nLiest man die letzten Werke Tolstois, so fühlt\nman, dass man in einen Kreis von Widersprüchen und\nMissverständnissen geraten ist, der keinen Ausgang hat.\nDa verkündet Tolstoi ein neues Christentum, ein gött-\nliches Verhältnis zur Welt an Stelle des bisher herr-\nschenden persönlichen Verhältnissses und des heidnischen\nGemeinwesens. Das persönliche Verhältnis zur Welt\nfindet den Sinn des Lebens im Streben zum per-\nsönlichen Glück, das heidnische — dem Wohl der\nFamilie und des Volkes zu dienen, das christliche —\nGott zu dienen. Fragt man Tolstoi, auf welcher\nGrundlage er das neue christliche Verhältnis zur Welt\naufbaut — auf dem Glauben und der äusseren Offen-\nbarung oder aber auf der Vernunft und der inneren\nOffenbarung — beeilt er sich, philosophische Dispute\nvermeidend, zu erwidern, dass das göttliche Verhältnis\nzur Welt das Beste sei, weil es die Menschen lieben\nund dem Wohle des Volkes dienen heisst. Wenn man\nalso erfahren will, wie „den Menschen dienen\" — die\nebenso sterblich sind wie ich — sie vor der Furcht\ndes Todes und dem Entsetzen über die Zwecklosigkeit\ndes Lebens rettet, antwortet Tolstoi, dass dies un-\nbedingt rettet, weil wir so handelnd den Willen Gottes\nerfüllen. Aus diesem Kreise gibt es offenbar keinen\nAusgang. Aber Tolstoi, scheint es, sucht keinen Aus-\ngang. In den letzten Werken beschäftigt er sich mit\nder Frage der reinen Philosophie und — so seltsam\nes auch sein mag — sogar die Religion. Bald beugt\ner sich vor der Gottheit, als der mythischen, dem\nausserweltlichen Anfang alles Lebens. („Tust Du denn,\nwas von Dir der fordert, der Dich in die Welt gesandt\nhat, und zu dem Du sehr bald zurückkehrst?\") Bald\nbetitelt er ein Buch: „Das Reich Gottes ist in Euch\"\noder das Christentum nicht als mystische Lehre, sondern\nals eine neue Auffassung des Lebens.\nEinzeln genommen überrascht jedes von den neuen\nWerken Tolstois durch seine Kühnheit, seine Offenheit,\nund seine edle Einfachheit Aber seine Lehre hat\nkeinen philosophischen Mittelpunkt, sie hat keinen\nlebenerzeugenden Keim, aus dem er in unserem Be-\nwusstsein erspriessen könnte. Ich weiss, wie niedrig\nTolstoi das Bestreben der Philosophie, den Zweck des\nLebens zu erfassen, schätzt. In einem noch nicht ver-\nöffentlichten Privatbrief sagt er:\n„Der Fehler aller vielredenden und müssigen Philo-\nsophie besteht darin, darüber zu raisonnieren, was die\nWelt und ihr Anfang ist. Das zu wissen ist eben-\nsowenig notwendig, wie das, wie viele Knöpfe die\nWeste Ihres Portiers hat. Man muss eines wissen:\nWie soll ich leben? Man muss nicht erfahren: Habe\nich einen freien Willen oder nicht? Sondern: Wie ist\ndie Kraft zu gebrauchen, die ich als die Freiheit des\nWillens erkenne ? Man sagt, dass man zuerst mit\nHilfe des Aristoteles, Comtes und anderer erkennen\nmuss, was die Welt ist und was ich bin. Aber das ist\nnicht wahr, das ist der listige und hinterlistige Sophis-\nmus der faulen Sklaven Wie der Junge, der\nsich vor mir rühmte, dass er schon Wörter buchstabieren\nkönne. Als er das Wort Pfote buchstabieren sollte,\nfragte er mich: „Welche Pfote — die Hunde- oder die\nWolfspfote? Was ist die Welt und was sind wir in\nIhr? Wir brauchen es nicht zu wissen, wenn wir auch\ndas halbe Leben dem Studium von all dem, was da-\nrüber geschrieben wurde, widmen. Ebenso wissen wir\nimmer, was wir tun müssen, wenn wir nur das wissen\nwollen. Aristoteles und der Bauer und alle müssen\ndas eine oder das andere bald tun. Man hat keine\nZeit zu warten, bis man erfahren wird, was die Welt\nist (sogar wenn es möglich wäre, das zu erfahren).\"\nDas ist mit der gewohnten Tolstoischen Kraft und\nKlarheit gesagt — aber der grosse Schmerz bleibt,\ndass auf die Frage: Wie soll man leben ? das Gewissen\nnicht allen eine und dieselbe Antwort gibt. Als Aristo-\nteles das Problem studierle: Was ist die Welt? war er\nebenso überzeugt, dass er gewissenhaft vorging, wie\nTolstoi, wenn er über Aristoteles lacht. Und der noch\ngrössere Schmerz ist, dass auf die Frage: Wozu leben?\ndas Gewissen vollständig ohnmächtig ist, irgendwelche\nAntwort zu geben. Tolstoi scheint zu vergessen, dass\nnicht die Erkenntnis der Sündhaftigkeit, soderu die Er-\nkenntnis der Zwecklosigkeit des Lebens ihn veranlasst\nhat, den neuen Glauben zu suchen. Aber zwischen\nder Verzweiflung des Menschen, der die Zwecklosigkeit\ndes Menschen erkennt und einen freundlichen oder\nfeindlichen Verhältnis zu den Menschen gibt es kein\ndirektes Band. Die Türken, die die Armenier töteten,\nkeineswegs mit der Frage über die Zweck-\nlosigkeiten des Lebens abgemüht. Im Gegenteil, sie\nglaubten gewissenhaft zu handeln, dass sie durch ihren\nfanatischen Hass den Willen des, der sie schickte und\nder ihnen den ewigen Lohn verheisst, erfüllen. Aber\nmann kann sich dem Dienste der Menschheit widmen\nund doch mit Tolstoi wiederholen: „Wenn nicht heute,\nso morgen kommen Krankheit, Tod über geliebte\nMenschen über mich. Meine Taten werden vergessen,\ndie Hauptsache ist: ich werde nicht sein.\"|\nEs wäre ungerecht, Tolstoi der Furcht vor der\nPhilosophie zu beschuldigen. Er ist auch in dieser\nHinsicht der Schriftsteller der russischen Erde geblieben,\ndie ihm kein Material für philosophische Systeme und\ndie Gründung eines neuen Glaubens geboten hat\nDer Genius der russischen Erde hat in Tolstoi\nden küntlerischen und sittlichen Höhepunkt erreicht\nund in ihm auch seine philosophische Ohnmacht offen-\nbart. Man schätzt bei uns den Gedanken im Ver-\nhältnis zum Gefühl etwas zu gering ein.\nAutorisierte Uebersetzung aus dem Russischen\nvon Luise Flachs-Fokschaneanu"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-15_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "332", "page_fin": "333", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.2.4", "titre_corps": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "titre_sommaire": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.2", "debut_caractere": 9597, "fin_caractere_exclue": 12541, "texte": "Der Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nIV\nDer Staatsrat\nBeinahe den ganzen Tag — schier zwölf Stunden\nhindurch — war die Stadt Ulaleipu ein grosses Theater\ngewesen. Sämtliche Residenzler hatten bei den grossen\nFestspielen mitgespielt.\nIm Mittelpunkte der Aufführungen stand „Der Zank\nder Berggeister und der Wasserdrachen\". In dieser\nKomödie hatten sich die kolossalsten Ungeheuer prä-\nsentiert — auf den Bergen einerseits und unten im\nschwarzen See andererseits: die Grösse der Riesen-\nleiber und die kolossale Stimmkraft der Riesen hatten\ndie allgemeinste Bewunderung erregt; selbst der Kaiser\nhatte zum Zeichen der Anerkennung gelächelt und,\nwie es Sitte ist, mit der Spitze des linken Zeigefingers\ndie Nasenspitze berührt, und die Provinzler waren fast\nnärrisch vor Begeisterung geworden. Aber es Hess sich\nauch nicht ein einziger Tadel aussprechen — so vor-\ntrefflich nahm sich alles aus. Und des Abends sprach\nman in den Gärten und auf den Terrassen immer\nwieder davon und erklärte immer wieder, dass die\nTheaterkunst doch wahrlich keine so üble Kunst sei\n— — besonders dann nicht, wenn ein ganzes Volk\nmitspielt und mittätig ist\nAm Abend ruhte sich alles aus, sodass die Stadt\nso still erschien wie sonst — nur die glitzernden Turm-\nstangen und die bunten Stickereien erinnerten daran,\ndass die Stadt Ulaleipu ihr Frühlingsfest feierte.\nUnd als nun die Nacht hereinbrach, blieb es zuerst\nüberall so dunkel wie sonst; nur die kleinen Lampen\nbrannten in den Häusern. Dann aber flammten hoch\noben auf dem grossen Seebalkon der Kaiserburg rote\nPechfackeln zum Himmel empor, auf dem Seebalkon\nhatte sich der Staatsrat versammelt.\nDer Staatsrat bestand aus hundert Herren, die mit\ndem Kaiser zusammen das Land Utopia regierten;\ndiese hundert Herren bildeten jetzt einen Kreis nnd\nsprachen leise flüsternd über die nächsten Regierungs-\ngeschäfte.\nDann aber ertönten feierliche Glocken, die das\nNahen des Kaisers verkündeten. Fünfzig der Mitglieder\ndes Staatsrates traten nach rechts und stellten sich in\neine Reihe auf, und links taten die anderen fünfzig\ndasselbe. Jedes Mitglied des Staatsrates hatte auf jeder\nSchulter eine zehn Meter hohe künstliche Feder, die\nsogenannte Schulterfeder, die in Form und Farbe der\nGalauniform entsprach. Jede Uniform war anders und\nbezeichnend für die Tätigkeit jedes einzelnen Herren.\nAls nun der Kaiser kam, verbeugten sich die Herren\nund zwar so, dass sich die Spitzen der hundert Schulter-\nfedern von rechts mit denen von links oben berührten.\nUnd unter diesem Federdach schritt der Kaiser langsam\ngeradeaus dem See zu; der Kaiser trug einen langen\nweissen Bart, einen einfachen roten Purpursammet-\nmantel mit goldenem Gürtel und eine einfache goldene\nZackenkrone auf den langen weissen Haupthaaren.\nDer Kaiser ging zum Rande des Seebalkons und\nsetzte sich dort auf seinen Tron; die zweihundert\nSchulterfedern gingen langsam wieder in die Höhe und\nstanden nun wieder steil und still da."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4979, "texte": "V\nDie bunte Nacht\nDie Pechflammen auf dem Seebalkon verlöschten\nallmählich. Und auch die Lampen in den Häusern\nder Stadt wurden ausgemacht, so dass es dunkle Nacht\nwurde in ganz Ulaleipu.\nNur die Sterne leuchteten oben am Himmel —\nund die Mondsichel oben in der Mitte des Himmels.\nGanz stille war die Nacht.\nDann aber kam eine Lichtgestalt oben aus den\nBergen heraus und schwebte langsam hernieder und\nwurde immer grösser, während sie herniederschwebte;\naus riesigen innerlich erleuchteten schlauchartigen Ballons\nwar die Lichtgestalt gebildet — und bunt war sie —\nsehr bunt.\nUnd brennende Augen hatte die Lichtgestalt und\nwunderliche wulstige Gliedmassen, die aber immer\nvieder anders leuchteten, da die elektrischen Lichter\nim Innern des Ballons in ständiger Bewegung waren;\nvon den Stricken, an denen die Lichtgestalt herunter-\ngezogen wurde, sah man nichts, da ja die Nacht rings-\num ganz dunkel war.\nUnd die Lichtgestalt lagerte sich über die Stadt an\nden Bergabhängen, und eine feierliche geisterhafte Musik\nbegrüsste sie,\nDanach ward wieder alles ganz still, und der ersten\nLichtgestalt folgte nun eine zweite — und der eine\ndritte — und jede war immer abenteuerlicher als die\nandere.\nUnd es kamen immer mehr Lichtgestalten aus den\nBergen herunter, so dass bald der ganze Talkessel»\nin dem die Stadt Ulaleipu lag, von lagernden und schwe-\nbenden Lichtgestalten erfüllt war.\nEin geisterhaftes Schauspiel.\nUnd ein Farben- und Lichtschauspiel, dessen un-\nheimliche Grossartigkeit geradezu erdrückend wirkte,\nso dass die Musik der fünfzig Kapellen, die nur immer\nfür ein paar Augenblicke zu hören war, doch zuweilen\nwie ein Erlösendes hineinklang.\nWie ein überirdischer Alp schwebten und lagerten\ndie ungeheuren Lichtgestalten über die Stadt.\nAls nun aber alle Ungeheuer unten waren, da\nwurde plötzlich der schwarze See zu einem grossen\nLichtkaleidoskop — und das funkelte und glühte und\nfloss und flutete und bildete Spiralen und Ecken und\nKanten und Diamantenspässe und Quallenwunder, dass\ndas Auge ganz geblendet wurde.\nDanach sangen alle Residenzler zusammen das\nFrühlingslied des Dichters Itambara.\nUnd dann wurde eine Lichtgestalt nach der an-\nderen dunkel und der schwarze See wurde auch\ndunkel.\nUnd dann wurden oben wieder die Berge rot —\nund sie bekamen wieder ihre goldenen Ränder.\nDer Morgen kam.\nUnd der Kaiser stieg von seinem Thron herab und\nging wieder durch das Dach der Schulternfedern in\nseine Burg hinein — so wie er gekommen war.\nVI\nDer Morgenwitz\nAls nun Philander der Siebente, Kaiser von Utopia,\nwieder in seiner Kaiserburg war, da ging er mit\nraschen Schritten in seinen grossen Bibliothekssal, und\nder Staatsrat folgte dem Kaiser — ebenfalls mit\nraschen Schritten, dass die Schulterfedern wackelten.\nIm Bibliothekssaal brannten nur ein Dutzend elektrische\nLampen in rotem Rubinglase, und die fünfzehn Meter\nhohen Spiegelscheiben der Fenster sahen ganz blau\naus.\nDurch die hohen Flügeltüren kamen nun die Mit-\nglieder des Staatsrates feierlich mit ihren zehn Meter\nhohen Schulterfedern herein; es wurde Kaffee getrunken\nund ein stärkender Kognak dazu. Der Kaiser gab\nden Dienern ein Zeichen, und die Diener verschwanden.\nNun war der Kaiser mit seinem Staatsrat in seinem\nBibliothekszimmer allein. Es war nun die Pflicht des\nKaisers, dem Zeremoniell entsprechend einen Witz zu\nmachen.\nPhilander der Siebente stellte sich vor seinen\ngrossen Spiegel, nahm seine weissen Augenbraunen\nab und auch den weissen Bart und die Krone und\ndas weisse Haupthaar — und drehte sich um und\nzeigte seinem Staatsrat sein glattrasiertes Gesicht mit\nden kalten blauen etwas müden Augen und dem röt-\nlichen kurzgeschnittenen Haupthaar. Die Mitglieder des\nStaatsrates lächelten und verbeugten sich; diese Ent-\nkleidungsszene entsprach dem Zeremoniell. Auch der\nrote Purpurmantel fiel, und der Kaiser stand nun in\neinfachster schwarzer Kleidung da und sagte leise:\n„Meine Herren! Sie wollen den Morgenwitz hören.\nSie sollen ihn hören. Ich erkläre Ihnen hierdurch,\ndas ichs müde bin, Kaiser von Utopia zu sein; ich\nwerde ein Jahr pausieren und mich vertreten lassen.\nDenken Sie über eine geeignete Persönlichkeit, der\nman meine Kaiserrolle übertragen kann, ordentlich\nnach Ich lege mich zu Bett. Schlafen sie wohl!\nGuten Morgen!\"\nDer Staatsrat zitterte vor Erregung, und der\nZermonieenmeister sprach mit heftig wackelnden Schulter-\nfedern :\n„Grandiosität, ist dieser Scherz ernst gemeint?,,\nDer Kaiser Philander sagte dazu lächelnd:\n„Der Kaiser von Utopia pflegt stets im Ernste zu\nscherzen. Denken Sie über meinen Stellvertreter nach\n— aber ordentlich.!\"\nUnd der Kaiser verliess seinen Bibliothekssaal,\nbegab sich in seine Schlafgemächer, liess sich rasch\nauskleiden und war nach fünf Minuten fest eingeschlafen.\nDer Staatsrat aber befand sich in fieberhafter Auf-\nregung; der Morgenwitz des Kaisers hatte den Staats-\nrat ganz aus der Fassung gebracht.\nDer Kaiser träumte währenddessen von ganz\nfeinen Geistern, die sehr gross waren, aber dabei so\ndünn — wie Spinngewebefäden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-15-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-15_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "333", "page_fin": "334", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.2.5", "titre_corps": "Die Wallfahrt zu Orazio : Erzählung von Max Brod", "titre_sommaire": "Die Wallfahrt zu Orazio : Erzählung von Max Brod", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.3", "debut_caractere": 5000, "fin_caractere_exclue": 12088, "texte": "Die Wallfahrt zu Orazio\nErzählung von Max Brod\nVon einem herrlichen Geiste handelt das Nach-\nfolgende, von einem überaus tüchtigen und einzigartigen\nMenschen, der jedoch leider sein ganzes Leben lang\naus einem Netz von gewissen Gedanken nicht entrinnen\nkonnte. Aber lassen wir ihn darüber selbst zu Worte\nkommen:\n„Alles, was ich anfasse, gelingt mir sehr kunstvoll.\nIn allen Tätigkeiten des !4Geistes habe ich schon das\nAeusserste geleistet Das ist mein Unglück. Ich kann\ndeshalb nicht froh werden.\nAnfangs machte es mir allerdings sehr viel Ver-\ngnügen, wenn ich so recht in Ruhe und Sicherheit zu-\nsah, wie sich irgend ein Stümper stimmungslos am\nKlavier abquälte und die Finger zappeln Hess. Wenn\nich mich dann dazusetzte, gab das Stück erst den\nrechten Klang und Schwung her ... Ein Maler\nzitterte mit dem Pinsel über unsichere Konturen. Ich\ngriff hin, und ein Antlitz, ein wirkliches Antlitz, lag in\nseinen Farben auf der Leinwand . . . Einer zerfol-\nterte sich den Kopf mit Gleichungen und analytischen\nBerechnungen. Wenn ich hinzutrat, fühlte ich, wie die\nExempel sich mit mir verbündeten. Sie waren schon\naufgelöst, ohne dass ich mir viel Mühe mit ihnen zu\nnehmen brauchte .. . Und dieses Gefühl des Ver-\nbündetsein mit allen Problemen hatte ich später sehr\noft. Alle kamen sie mir freudevoll entgegen, sie öff-\nneten sich wie Blumenkelche . . . Ein Redner sotterte.\nIch wusste, dass das Thema dieser Rede mit mir ver-\nbündet und gleichsam befreundet war. Es wartete, bis\nich es behandeln wollte. Dann tat ich es, und jetzt\nerst gab es alle seine Seiten und Unterlagen und Aus-\nblicke in blitzartig wechselnden Bildern her ... Ja,\naus allen Kompositionen und dichterischen Werken\nfühlte ich das Unvollkommene, das Spröde, das Abge-\nrungene heraus. Und mich befiel schon beinahe ein\nGrausen, wenn meinem Geiste all dies gelang, was ich\nversuchte, wenn ich spürte, wie alle Dinge mir gerade\nzuströmten und liebevoll, liebevoll entgegenkamen . . .\nSo hätte ich mich schon damals einsam und un-\nverstanden gefühlt, schon damals, wenn die schönen\nFrauen und Orazio nicht gewesen wären . . .\nDie schönen Frauen, die waren mir ein rechter\nherzerfreuender Trost in meiner alles überragenden\nVollkommenheit. Was sind das doch für ausgezeich-\nnete, überaus treffliche Geschöpfe der Natur! Sie\nstehn nur da, und man ist schon entzückt. Sie be-\nwegen sich gar, und man gerät ausser sich, man\nmöchte sie in jeder Stellung, in jedem Punkte ihrer\nBewegung festhalten, um nur ihre Schönheit und die\ngebeugten Linien voll geniessen, betrachten zu können\nund doch möchte man auch den Gesamteindruck der\ndahinfliessenden Veränderungen nicht missen. So ent-\nsteht ein reizender, nie befriedigter Zwiespalt der Be-\nwundernng, und das Herz kann niemals ruhig werden.\nDie schönen Frauen bewegen sich also und rauschen\nin schönen wohlgefügten Kleidern und lächeln und\nreden und reden und küssen. Da ist kein Ende und\nkeine Grenze ihrer Vollkommenheit abzusehen. . . Hier\nfand ich endlich Vergleichspunkte für meiner eigenen\nSeele Vorzüge und fürchtete eine Zeitlang nicht, mich\nim Unmessbaren, in vager Riesenhaftigkeit und Eremitage-\nStimmung zu verlieren. . . Ich kann mich noch ganz\ngenau erinnern, wann mir dieser Trost genommen\nwurde. Es war in einem Vortragsabend, und ich war\nwieder einmal verurteilt, zu hören, wie sich der Dekla-\nmator mit den Versen raufte, die er vorbringen wollte,\nund zu empfinden, wieviel besser ich dies oder jenes\n/iein, alles bis ins kleinste herausbringen könnte. Ge-\nlangweilt schaute ich mich im Saal um, und mein Blick,\nder über schöne Frauennacken in Seide, feine Rücken,\nHüftschwellungen und niedliche Lackreflexe im Schatten\nder Sessel glitt, tröstete mein Herz. Da .. . der\nDeklamator hatte geendigt ... ein tobender Beifall\nschlug Wellen durch den Saal. Und auch die Frauen,\ndie schönen vollkommenen Frauen . . . wie? auch die\nFrauen applaudierten? ... Ja, auch sie. Und mi\neinem Male erkannte ich eine Grenze an ihnen, an\ndiesen wohlgepflegten urteilslosen Körpern, ich hatte\neinen Makel an ihnen auszusetzen und war leider über\nsie erhaben. Erhaben, und verachtete nun alle Menschen\nmehr als zuvor. ,\nWie ein Rubin in einem Schlotterhaufen er-\nschien ich mir, wie ein Sternenabglanz im Morast.\nUnd von da an war ich bestimmt, alle Grade der\nMenschenverachtung durchzunehmen. Von der reiz-\nvollen Ironie, dem unterhaltsamen Spotte an bis zur\ngrausamen Unzufriedenheit, zum quälerischen Hasse.\nAlle Menschen, die ich vorbeigehen sah, schienen mir\nnur geduldet, untergeben, nichtig. Auf die Kniee nieder\nvor mir und seid froh, dass ihr kriechen dürft, so\nschien es mir geboten, sie anzurufen. Es schien\nmir Pflicht, sie an die Wahrheit, an ihre Niedrig-\nkeit zu erinnern .... Denn alle waren im unklaren\nüber dieses selbstverständliche tatsächliche Verhältnis.\nNun wohl, sie hatten mich gern, sie ehrten\nmich und lobten meine Werke. Aber tausend unver-\ngleichlich schlechtere Werke anderer daneben. Und wenn\nich selbst, um sie zu prüfen, einmal etwas Minder-\nwertiges leiste, so lobten sie es ebenso und fanden\nkeinen Unterschied. Sie bereiteten mir sanfte Erfolge,\netwa so, wie man ja auch die Oper Carmen zuerst\nfreundlich neben vielen anderen aufgenommen, eine\noder zwei Nummern daraus sehr beifällig angehört\nhatte, ohne im mindesten die alles überragende Grösse\ndieser Musik zu ahnen. Mich aber zwingt ein sonder-\nbares Raum- und Ranggefühl, auf Ordnung und klares\nErkennen der Unterschiede unter den Menschen hinzu-\narbeiten. Ganz gewiss, wenn nicht ich der Hervor-\nragendste wäre, wenn Gott einen anderen mit so über-\naus hervorstechenden Eigenschaften gestraft hätte, so\nwürde ich als erster und feurig in seinen Dienst treten\nund seine Herrlichkeit predigen . . . und, o, wieviel\nglücklicher wäre ich da! Aber weg mit diesen senti-\nmentalen Regungen und Riegeln des Geschehens. Ich\nmuss, ich muss, und wenn es mich noch soviel Ueber-\nwindungen meiner Scham, des Mitleids, aller Gefühle\nkostet, wenn ich auch alle missverständlichen Vor-\nwürfe der Eitelkeit und Selbstsucht und des Grössen-\nwahns über mich ergehen lassen soll, ich muss ver-\nkünden, dass ich den höchsten Gipfel der bisherigen\nJVlenschheitsentwicklung darstelle. Ich muss alle auf-\nfordern, zu mir emporzublicken und zu mir empor-\nzusteigen. Es ist meine heilige Aufgabe,\nKlarheit zu bringen; das Aristokratische zu lieben, das,\nwas sich abstuft und differenziert, die reinlichen über-\nsichtlichen geometrischen Figuren, das Schema der Be-\ngabungen. Ich will ziffernmässige Resultate um mich\nsehen, keine chaotischen Massen, nein, nicht diese\ndumpfen vornehmen Verkennungen des Realen.\nUnd schon damals hätte ich mich ganz einsam\nund unverstanden gefühlt, schon damals, wenn der Ge-\ndanke an Orazio mich nicht getröstet hätte.\"\nOrazio war ein berühmter Weiser und Dichter in\neiner kleinen Stadt Mitteldeutschlands, an einem Fürsten-\nhofe. Alles, was er anfasste, gelang ihm überaus kunst-\nvoll. In allen Tätigkeiten des Geistes hatte er schon\ndas Aeusserste geleistet. Aber lassen wir darüber den\neinzigartigen unglücklichen Menschen, der uns bisher\nerzählt hat, selbst weiter berichten!"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7080, "texte": "„Dieser Weise in einer mitteldeutschen Stadt war\nmir ein rechter herzerquickender Trost in meiner alles\nüberragenden Vollkommenheit. Ich hatte seine Poesien\ngelesen, seine politischen Pläne begeistert mitgefühlt*\nseine Kupferstiche angeschaut, seine fundamentalen\nEntdeckungen in der Farbenlehre, in Botanik und Ana-\ntomie nachgeprüft. In unsäglicher Wonne überlegte ich\noft den Gedanken, dass er ein mir Ebenbürtiger, mein\nanderes Ich sei. Ich genoss in Phantasie herrliche Ge-\nspräche mit ihm, wundervolle Einverständnisse über die\nKöpfe all der niederen Menschen hinweg, scherzhaftes\nund doch so tiefernstes Erraten der Gegenreden, Ent-\ngegnungen vor der Aussprache, Repliken vor der Ant-\nwort, innige Freude und Würdigung in Gebärden und\nfunkelnden Augensternen. Und wie ein Blitz traf es\nmich, als ich einmal sein Bild erblickte und eine nicht\nundeutliche Aehnlichkeit zwischen uns beiden fest-\nstellen konnte . . . Auf, zu ihm, dort ist meine Heimat,\nund seine Heimat ist bei mir, so jubelte mein Herz,\nwir werden nun beide nicht lange mehr einsam\nsein I. . .\nOrazio war in seinem Garten, als ich eintrat.\nEbenso gross und stattlich wie ich schritt er über den\nWeg einher unter dichten weissen Haaren in wirbelnde\nSonnenflecken. Ich war in glühender Spannung auf\ndas Aeusserste gefasst, auf eine feurige, tränenreiche\nUmarmung der Seelen, auf eine Offenbarung. Er kam\nnäher, reichte mir liebevoll die Hand und sah mir in\ndie Augen. Ich nannte meinen Namen. Da leuchtete\nsein schönes Griechenantlitz freundlich auf, er sprach\nvon meinen Wundertaten, die er natürlich längst kannte\nwie ich die seinen. Wir kamen sofort in ein an-\ngenehmes Gespräch, er zeigte mir seine Anlagen, mit\nbedeutender Gebärde wies er auf die jungen Obstbäume\nhin, die er selbst gepflanzt hatte, er machte mich auf\ndie neue Mooshütte an der Felswand, auf Ausblicke in\neine heitere Ferne aufmerksam. Mit gütigen Worten\ngeleitete er mich dann in sein palastähnliches Wohn-\nhaus, über Marmor nnd Teppichbänder in einen kühlen\nweiten Speisesaal.\nIch war darüber erstaunt, hier keine Einsamkeit zu\nfinden, nein, ein freundliches Gedränge von Menschen,\ndie ihm alle entgegeneilten und nicht ohne Bewegung\nauf ihn einsprachen. Er ordnete alles durch Nicken,\nLächeln, Winken, und bald sassen wir an der wohl-\ngedeckten Tafel, ich als Gast an seiner Seite. Rote\nund gelbe Flaschen, Fruchtschalen, glänzende Schüsseln\nund gemalte Teller streuten ihre Farben über das weisse\nTischtuch. 1\nNach dem fröhlichen Essen kam man in Gespräche.\nUnd nun freute es mich sehr, wie alle diese meinen\nOrazio ehrten. Es hatte mich befremdet, dass er sich\nin Gesellschaft vergnügte; aber jetzt ging mir ein Licht\nauf. Diese Gesellschaft war ihm ja vollkommen unter-\ngeben, erkannte seine masslose Ueberlegenheit, sah in\nihm einen einzigartigen Gipfel. Die einen häuften Lob\nauf ihn, die anderen baten um Urteil und Rat. Man\nbrachte Statuetten, geschnittene Steine, technische Risse,\nExperimente über den Magnetismus, Gedichte jüngerer\nLeute, Notizen aus seltenen Büchern.... Es war\nrecht häuslich und gemütlich anzusehen, wie eine grosse\ngeistige Familie mit ihrem Oberhaupt.\nUnd als der Andrang verebbt war, zog Orazio\nein Manuskript aus einem silberbeschlagenen Holz-\nkästchen und begann mit schöner Stimme vorzulesen.\nIch lauschte hingegeben den neuen reichen Ausdrücken,\nder gewaltig-lieblichen Gestaltung. Begeisterung und\nheilige Andacht, alle die idealen Gefühle, die ich bei\nden üblichen Anlässen nicht mehr anwandte, befielen\nmich dieser Kunst gegenüber. Und ich war\nals einer sich erlaubte, mitten in den Vortrag ein-\nzufallen. Nun, man könnte sein Lob und seine Be-\ngeisterung doch ein wenig zurückhalten dachte ich mir,\nman könnte doch den Meister sein herrliches Werk\nausreden lassen.... Wie erstaunte ich aber, als ich\ndem Unterbrecher näher zuhörte und vernahm, dass\ner garnicht lobte, nein, dass er, dieser kühne Tor,\ntadeln wollte, ein Wort meines Orazio tadeln wollte.\nIch dachte mir: nun, der wird schön ankommen! und\nfreute mich schon auf die selbstherrliche Zurecht-\nweisung .... Aber nein und nein.... kaum konnte\nich die ganze Bedeutung dieses Ereignisses auf einmal\nfassen .... Orazio lächelte wie vordem, menschen-\nfreundlich und still, er besah die Stelle, schüttelte den\nKopf und strich, ja er strich wirklich das angegriffene\nWort aus. Nun erhoben sich im weiteren noch andere\nStimmen; und jeder wurde Gehör gegeben, manche\nnach liebenswürdiger Widerlegung zurückgewiesen, viele\ngar viele aber durch Aenderungen berüksichtigt.\nIch war wie betäubt von dieser Wendung.\nUnd es gab dann noch eine Unterredung im\nGarten, die mich vollends jeder Hoffnung beraubte . . .\nIch war mit ihm hinter den übrigen zurückgeblieben.\nWir schritten langsam durch den Gesang der Vögel\nund den Abendsonnenschein.\nIch sagte: „Du hast dich doch nur verstellt, Orazio.\nDu hast doch nicht im Ernst den Torheiten deiner\nTischgenossen Gehör gegeben \"\nEr zeigte mir das Blatt. Es war to!l gestrichen,\nwirklich geändert: „Warum denn nicht?\"\nUnd du siehst nicht ein, dass man diese Leute\nnicht im Wahne neben dich stellen kann, dass man\nsie völlig und ohne Vorbehalt verachten muss, dass\nihre Art zu denken und zu leisten von der deinen\nsternenweit verschieden ist?\nEr sah mich mit fröhlichen Augen arglos an.;\n„Und du weisst also nicht, dass wir beide wie\nzwei Rubine unter Schottersteinen leuchten, wie zwei\nSterne im Morast; und dass wir uns durch ein Gottes-\nwunder als Zwillinge des Geistes endlich, endlich unter\ndiesem Pöbel gefunden haben!\" .. . Das aber\nwollte ich nur sagen. Von seinem ruhigen menschen-\nfreundlichen Lächeln verstummte meine Rede.\nIch schwieg. Und als wir die übrigen laut plau-\ndernden Spaziergänger eingeholt hatten, da schlug ich\nunbemerkt einen Seitenweg ein. Die kühle Abendluft . . .\nGesang der Vögel . . . von ferne muntere Stimmen\nwie Springbrunnen ... Ich konnte mein Leid nicht\nertragen, ich fiel mitten im Wege auf den nackten\nBoden nieder und weinte stundenlang . . .\nNun ja, Orazio war sehr lieb zu mir, überaus\nherzlich, und bewirtete mich drei Tage. Er schickte\nsogar einen Maler in mein Quartier, der mich für\nseine Gemäldegalerie porträtieren musste. Aber zwanzig\nandere neben mir wurden mit denselben Ehren em-\npfangen. ... Es herrschte eine weiche, nivellierende,\nweltzufriedene Stimmung in seinem Garten und in\nseinem Hause, es herrschte ein süsses, lügenhaftes,\nvornehmes Glück dort, eine leichtsinnige Abgeklärtheit,\neine angenehme Kameradschaft mit den Mindern, ein\nwärmelndes Gleichheitsgefühl.\nSollte darin vielleicht schon eine höhere Entwicklung\nliegen als die, welche ich bisher erreicht habe? . . .\nDieser Gedanke schoss mir manchmal durch den\nKopf.\nIch musste schnei! abreisen. Ich musste diesen\nGedanken abweisen. Denn leider kann ich einem\nNetz von andern Gedanken nicht entrinnen; meiner\nAufgabe, Klarheit zu verbreiten und alle Menschen\naufzufordern, zu mir aufzublicken und zu mir auf-\nzusteigen.\nUnd nun . . . seit meiner Wallfahrt zu Orazio\nfühlte ich mich wirklidh einsam, unverstanden ... in\nder ganzen lächerlichen Banalität, die diesem ekelhaften\nWorte zukommt!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-15-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-15_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "334", "page_fin": "334", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.2.6", "titre_corps": "Ueber Architektur", "titre_sommaire": "Ueber Architektur", "signature_source": "Adolf Loos", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.4", "debut_caractere": 7082, "fin_caractere_exclue": 10068, "texte": "Ueber Architektur\nVon Adolf Loos\nAus dem Vortrag, den Adolf Loos im Verein für Kunst\nhielt, sei hier eine kleine aber wichtige Stelle mitgeteilt.\nDas Haus hat allen zu gefallen, zum Unterschiede\nvom Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat. Das\nKunstwerk ist eine Privatangelegenheit des Künstlers.\nDas Haus ist es nicht. Das Kunstwerk wird in die\nWelt gesetzt, ohne dass ein Bedürfnis dafür vorhanden\nwäre. Das Haus deckt ein Bedürfnis. Das Kunst-\nwerk ist niemandem verantwortlich, das Haus einem\njedem. Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer\nBequemlichkeit reissen, das Haus hat der Bequemlich-\nkeit zu dienen. Das Kunstwerk ist revolutionär, das\nHaus ist konservativ. Das Kunstwerk weist der Mensch-\nheit neue Wege und denkt an die Zukunft das Haus\ndenkt an die Gegenwart. Wir lieben alles, was unserer\nBequemlichkeit dient und uns bestätigt. Wir hassen\nalles, was uns aus unserer gesicherten Position reissen\nwill und uns belästigt.\nUnd so lieben wir das Haus und hassen die Kunst.\nSo also hätte das Haus nichts mit der Kunst zu tun\nund wäre die Architektur nicht unter die Künste ein-\nzureihen ? Es ist so. Nur ein ganz kleiner Teil der\nArchitektur gehört der Kunst an. Das Grabmal und\ndas Denkmal. Alles andere, das einem Zweck dient,\nist aus dem Reiche der Kunst auszuschalten.\nWenn das grösste Missverständnis, dass die Kunst\netwas ist, was einem Zwecke angepasst werden kann,\nerst wenn das lügnerische Schlagwort „angewandte\nKunst\" aus dem Sprachschatz der Völker verschwinden\nwird, erst dann werden wir die Architektur unserer\nZeit haben. Der Künstler hat nur sich selbst zu\ndienen, der Architekt der Allgemeinheit. Aber die\nVerquickung von Kunst und Handwerk hat beiden, hat\nder Menscheit unendlichen Schaden zugefügt Die\nMenschheit weiss dadurch nicht mehr, was Kunst ist.\nIn sinnloser Wut verfolgt sie den Künstler, und ver-\neitelt dadurch das Schaffen des Kunstwerkes. Die\nMenschheit begeht stündlich die ungeheure Sünde, die\nnicht vergeben werden kann, die Sünde wider den\nheiligen Geist. Mord und Raub, alles kann vergeben\nwerden, aber die vielen neunten Symphonien, die die\nMenscheit in ihrer Verblendung durch Verfolgung des\nKünstlers, wie durch Unterlassungssünden verhindert hat,\ndie werden ihr nicht vergeben. Die Konterkarierung\nder Pläne Gottes.\nDie Menscheit weiss nicht, was Kunst ist. „Die\nKunst im Dienste des Kaufmanns\" hiess neulich eine\nAusstellung in München und niemand lachte bei dem\nschönen Worte „angewandte Kunst.\"\nWer aber weiss, dass die Kunst dazu da ist,\num die Menschen immer weiter und weiter, immer\nhöher und höher zu führen, sie gottähnlicher zu\nmachen, der empfindet die Verquickung von materiellem\nZweck mit Kunst als Profanation der grössten Göttin.\nUnd die Menschen lassen den Künstler nicht gewähren\nweil sie keine Scheu vor ihm haben, und das Hand-\nwerk kann sich mit den Zentnergewichten idealer For-\nderungen nicht frei entfalten. Der Künstler hat bei\nden Lebenden keine Majorität hinter sich zu haben!\nSein Reich ist die Zukunft."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-15-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-15_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "334", "page_fin": "335", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.2.7", "titre_corps": "Eine Verlorene", "titre_sommaire": "Eine Verlorene", "signature_source": "Hermann Wagner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.4", "debut_caractere": 10070, "fin_caractere_exclue": 12346, "texte": "Eine Verlorene\nVon Hermann Wagner\nJosefa Novotny war ein Freudenmädchen. Eine\nVerlorene. War Dirne in einer Kleinstadt.\nSeit Jahren schon bediente sie die Stammgäste eines\nkleinen, etwas abseits gelegenen Wirtshauses, das den\nNamen „Zum grünen Tale\" führte. Sie war nicht\nmehr jung, noch weniger schön wusste sich aber im\nBesitze zweifellos schätzbarer und anziehender Eigen-\nschaften, da sie jedem, der es nicht wissen wollte, mit\nNachdruck zu versichern pflegte: sie sei zwar kein\nKind mehr, stelle aber jeden zufrieden, und Gäste, die\nsie einmal besucht hätten, kämen stets wieder.\nSchnitt sie auf! Wohl kaum. Sie machte nicht\nden Eindruck. Ihr Element war das Solide. Das Be-\nhäbige. Das Gesunde und moralische. Raffinierte,\nentflammende Sinnlichkeit, feuriges, wild betäubendes\nTemperament lagen ihr gleich fern. Wenn sie fesselte,\ngeschah es wohl nur, weil sie anders war als die\nmeisten.\nSie wäre entrüstet gewesen, hätte ihr jemand vor-\ngeworfen, sie verkaufe ihren Körper. Gegen einen\nSchandlohn (wie man sagt). Und wäre ihr moralisch\ngekommen. Wie hätte sie sich gewehrt! Wie? Ob\nman denn glaube, sie sei „so Eine?\" Das verbitte\nsie sich! Man möge Madame fragen! Ob sie Schulden\nhabe? Je krank gewesen sei? Sich Liebhaber halte? . . .\nBebend vor gerechter Entrüstung hätte sie so gesprochen\nund wen auch immer mit heiligem Zorn vernichtet.\nNein, Liebhaber hielt sie sich nicht. Die kosteten\nGeld und raubten nur Zeit. Gefühl ist nicht ihre Sache.\nSie war ein wackeres Weib, das das Leben sehr ernst\nnahm, sich rechtschaffen durchschlug und das seine\nzusammenhielt. Umsichtig schaltete sie mit dem vom\nHimmel verliehenen Pfund. Ihren Körper verkaufen!\nGegen einen Schandlohn! Nie! Sie vermietete ihn.\nAuf Stunden. Höchstens auf Nächte. Ordentlich, wie\nman ihn empfangen, hatte man ihn wieder abzuliefern.\nGegen fest normierte Gebühren. Unbilliges verlangte\nsie nicht. O nein! Ehrlich währt am längsten. Sie\nstand auf reellen Füssen. Und die Masse muss es\nbringen. . .\nSie war eine Freundin der älteren Herren. Die\njungen liebte sie nicht, namentlich die Forschen und\nKecken waren ihr ein Gräuel. Die wüst mit dem Gelde\nherumwarfen, sich betranken und gemein wurden. Der\nschönste Verdienst hätte sie nicht vermocht, sich zu\nihnen zu setzen. Da kniff sie stets aus. Nur"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4438, "texte": "schüchterne, unerfahrene Burschen mochte sie leiden,\ndie, wenn sie sie ansah, noch rot wurden und unter\nihren Händen stammelten und zitterten. Zu denen war\nsie zärtlich, nannte sie „Mäuschen\" und „Bubi\" und\nbemutterte sie. Plünderte sie auch nicht aus. Gab\nihnen im Gegenteil gute hygienische Ratschläge und\nWarnungen mit auf den Weg. Und legte ihnen vor\nallem eins immer dringend ans Herz: sie möchten ja\nwiederkommen. Und sie kamen alle.\nIhre Spezialität aber waren die älteren Herren.\nDenen war sie aufrichtig zugetan. Sie hatte ihrer sehr\nviele. Privatiers, Beamte, Gewerbetreibende, ja sogar\nHandwerker und Arbeiter gehörten zu ihren festen\nKunden; sie bildeten ein sicheres Stammkapital, von\ndessen Zinsen sie lebte. Ein jeder von ihnen hatte\nbesondere Eigenheiten, und alle diese Eigenheiten hatte\nsie auf das Sorgfältigste studiert und hätschelte und\npflegte sie mit seltener Hingabe. Den alten Herren\nschien sie ein Ideal. Sie war nicht ungestüm, liess sich\nZeit und kannte Rüksicht. Unzufriedene gab es nicht.\nSie passte sich allen und jedem an. Nichts mensch-\nliches war ihr fremd. Verschwiegen war sie wie das\nGrab. Nie hätte sie einen verraten. Das war ihr\nEhrensache. Das wusste man und schätzte es an ihr.\nIhr Leben hatte den geregelten Gang einer Uhr.\nSie übereilte sich nicht und war auch nicht faul.\nWas sie anpackte, führte sie durch, und was sie zu-\nstande brachte, hatte Hände und Füsse. Nie sprach\nsie viel. In diesem Punkte war sie beinahe phleg-\nmatisch. Was sie aber sagte, darauf legte sie gewöhnlich\nGewicht, daran liess sie mit ausgeprägter Starrköpfigkeit\nnicht drehn und nicht deuten.\nSie scheute auch keine Arbeit. Nähte für sich,\nwusch sich die Wäsche selbst, scheuerte sogar Geschirr,\nMöbel und Zimmer. Und das mit der Gründlichkeit\nder deutschen Hausfrau. Nicht selten ging sie auf den\nMarkt, zum Fleischer, zum Bäcker. Und kochte sich\nselbst. Mit rotem Gesicht, die Aermel ihrer Bluse\nhinaufgestreift, mit einer weissen Schürze angetan, stand\nsie geschäftig am Herde und war für den besten Gast\nnicht zu haben.\nEine ihrer hervorstehendsten Eigenschaften war die\nSparsamkeit. Es gab nichts, für dass sie unnütz Geld\nausgab. Sie war nicht geizig, liebte es, behäbig zu\nleben und nirgends zu darben. Mied aber alles Ueber-\nmass und zog weise Grenzen. Was sie kaufte, war\nsolid, nicht prunkend. Batist und Seide kannte sie\nnicht. Hatte aber gute und reichliche Wäsche und\nUeberfluss an Kleidern und Schuhen. Sie legte Pfennig\nzu Pfennig, zählte mit Inbrunst ihr Silber und Nickel,\nwog und schüttelte ihren Schatz und schien sich an\nseinem Klange, seiner Schwere zu berauschen. Eine\nnaive Freude am Geld um seiner selbst willen be-\nherrschte sie. Von Zeit zu Zeit machte sie sich dann\nfestlich geputzt auf den Weg zur Sparkasse. Mit Selbst-\nbewusstsein und einer gewissen herausfordernden Würde\nzog sie vor den Herren, die sie alle kannten, ihr\nBüchel und fügte ihrem Guthaben ein weiteres Plus\nhinzu. War es auch nicht gross, so wuchs es doch\nstetig. Und alle hatten Respekt vor ihr. So wurde\nsie immer älter, kühler und klüger. Auch wie es schien\nimmer anziehender und begehrenswerter. Da sie nie\nschön gewesen war, konnten die zunehmenden Jahre\nihr [Schönheit nicht rauben. Wohl aber begann ihr\nKörper, der nie wüst und unvernünftig gelebt hatte,\njene weiche nicht überquellende Fülle anzunehmen,\ndie die Frau von dreissig bis vierzig Jahren, wenn sie\ngesund ist, reizend macht. Nur eine Sehnsucht ging\nheimlich durch ihr Leben. Ein Gedanke, der sie nie\nverliess, der alles, was sie dachte, tat und wünschte,\ntotal beherrschte, den sie wie eine schmerzliche Hoff-\nnung verstohlen mit sich herumtrug: der Mann. Sie,\ndie ein Heer von Männern verbraucht, die stumpf,\nohne Nerven, alle Grade männlicher Gier gekühlt\nund gesättigt hatte, harrte verschwiegen eines Ge-\nfährten. Dass er kommen würde zweifelte sie keinen\nAugenblick. Dass er auch etwas ordentliches vor-\nstellen, brav, solid sein, ein festes geregeltes Einkommen\nhaben müsse, war ihr unerlässliche Voraussetzung.\nEin kleiner Beamter oder Angestellter, ein älterer\nWitwer oder Junggeselle, wenn auch unansehnlich,\nkränklich oder alt. Ein Mann, der ihr seinen Namen\ngab, mit dem ihrem Leben die Erfüllung wurde. Den\nsie pflegen, dem sie dienen: den sie lieben konnte.\nSicher kam die Zeit. Das wusste sie. Und ruhig\nsah sie ihr entgegen. Die Tage kamen und gingen«\nSie musste siegen.\nSo war Josefa Novotny. 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D., hat sehr\nschlechte Romane geschrieben, worauf das Publikum\nmit der in Deutschland beliebtan Antwort\ndass es diese Romane kaufte. Zeitweilig kommt Zobel-\ntitz sogar lyrisch des Weges, aber seine Worte plätschern\ndünn, sanfter Teeaufguss, oder haben den faden Ge-\nschmack schimmligen Roggenbrotes, den man bei der\nLektüre des Dichters Wilhelm Neumann empfindet.\nMan sagte mir, dass Zobeltitz wohl wüsste, welcher\nQualität seine Romane seien — nicht prima ff. Ware\n(bei dem Zobeltitzschen Engrosbetrieb möchten kauf-\nmännische Ausdrücke am Platze sein), sondern Sorti-\nment zu Partiepreisen mit Pfefferkuchenrabatt. Zobel-\ntilz soll sich jedoch für einen Bibliographen halten.\nNun veröffentlichte er in „Velhagen und Klasings Monats-\nheften,\" in denen immer noch der bis in die Finger-\nspitzen lyrische Carl Busse spukt, einen Aufsatz —\noder nannte er ihn schelmisch lächelnd „Plauderei\"?!\n— „Der Pegasus im Weltenraum.\" Ich weiss nicht,\nwelche Vorstellung Herr von Zobeliitz von diesem ver-\nflixten Vieh hat — sein Musenross ist stets ein Stecken-\npferd gewesen; auch der Aufsatz bringt keine Lösung.\nDer Bibliograph von Zobeltitz schreibt mit vielen Worten\nwenig von schlechten Romanen, die im Aether spielen.\nEin paar verschollene Schmöker eröffnen den Reigen,\ndie man im Goedicke verzeichnet finden mag, Jules\nVerne wird genannt, Poe mit dem sehr schwachen\nRoman „Hans Pfalls Mondfahrt,\" die „Ersten Menschen\nim Monde,\" ein misslungenes Werk des geistreichen\nH. G. Wells (das im Deutschen, dank den Bemühungen\ndes Herrn F. P. Greve völlig ungeniessbar ist) leiten\nzu den „Marsmenschen\" des Herrn Kurt Lasswitz und\nanderen modernen Schöpfungen von ähnlichem Wert\nüber. Mit keinem Wort aber wird Paul\nScheerbart erwähnt! Sollte ihn der gelehrte Biblo-\ngraph von Zobeltitz nicht kennen, nichts wissen von\ndem Mondroman der „Grossen Revolution\" uud von\nder tollen Fahrt durch den Raum in „Na prost!\" — ?\nWo war Zobeltitz, als er diesen Aufsatz schrieb? —\nIch glaube, er schrieb einen neuen halbsüssen Sektroman\nund es sass ihm etwas im Nacken. Es war aber keine\nMeerkatz, sondern ein Meerkater.\nDie grosse Revolution / Ein Mondroman von Paul\nScheerbart / Im Insel-Verlag Leipzig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-15-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-15_01#c009", "volume": "bmtnabg_1910-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "335", "page_fin": "335", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.2.9", "titre_corps": "Die Beichte eines Toren : Tagebuchnotiz", "titre_sommaire": "Die Beichte eines Toren : Tagebuchnotiz", "signature_source": "R. K. 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Sohn einer Magd!\nwir alle treiben auf jenem fahlgrünen Gewässer, das\nman Leben nennt. — Manchmal kommen Stunden, in\ndenen etwas von uns abfällt, wie die Haut sich vom\nSchlangenleibe löst, aber im Gegensatz zu diesem\nTiere lassen wir die Haut nicht vermodern, sondern\nheben sie auf, um sie eines Tages wieder anzulegen«\nMan muss, sparsam sein, denn die Grillen können im\nWinter nicht singen. Erinnerungen nennen wir die\nalten Häute — aber wir legen sie an, wie wir wollen.\nWarum schreit Strindberg immer von seinem Schmerz\n(den er unschuldig leiden muss)? Restif, der ein ähn-\nliches Schicksal hatte, liebte die Frauen und dankte\nihnen für alles, was sie ihm gaben. Es war wenig\ngenug. Ist es ein Zufall, dass im „Monsieur Nicolas\"\nSeiten stehen, die Strindberg geschrieben und in der\n„Beichte eines Toren\" Kapitel sind, die Restif verfasst\nhaben könnte? Die „Beichte eines Toren\" ist eine\nWelt; eine Welt voll düsterer fleckiger Gestalten.\nHöllenbreughel. Voll kalter Stürme und entsetzlicher\nRegenschauer, voll Menschen, die gepeitscht durch Ein-\nöden rasen und, schon verzweifelt, einem fernen Licht\nnachgehen, obgleich sie an sein Leuchten nicht mehr\nglauben. Ich kenne vieles von Strindberg, niemals aber\nempfand ich seine einsame Grösse mehr. Wie Zyklopen-\nhammer sausen die Worte herab, ein Vergleich mit\neinem anderen Werke der Weltliteratur fehlt Denn\ndieses Buch gehört der Weltliteratur an, wie Dantes\nInferno ihr angehört. Man kann es begreifen, dass\ndie baumwollenen schwedischen Protestanten sich lieber\nden sanften Paul von Heyse aussuchen, um den Nobel-\npreis loszuwerden, als dass sie Strindberg wählen. Dass\nsie sich lieber den Magen mit Malzbonbonleim verkleistern,\nder milde schmeckt, als durch Strindberg Revolutionen\nerleben. Auch in Schweden gibt es Schutzleute —\nund Nobel hat nur das Dynamit nicht das Pulver er-\nfunden.\nDie B eichte eines Toren erschien bei Georg Müller\nMünchen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-15-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-15_01#c010", "volume": "bmtnabg_1910-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "335", "page_fin": "336", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.2.10", "titre_corps": "„Empfehlenswerte Bücher”", "titre_sommaire": "„Empfehlenswerte Bücher”", "signature_source": "T", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.5", "debut_caractere": 9183, "fin_caractere_exclue": 12662, "texte": "„Empfehlenswerte\nBücher”\n\nDie „Insel\" war die erste deutsche Kulturzeitschrift\neuropäischen Stils. Ihr aufzeizender Hochmut verletzte\ndas deutsche Gemüt, ihr Kosmopolitismus rang völkischer\nBegeisterung jähe Verachtung ab. Und dieses gute\nKulturgefühl gab ihr eine bestimmte Physiognomie, die\ndurch keines Reporters Behendigkeit entstellt wurde.\nUnd als sich ein Verlag um sie kristallisierte, behielt\ner diesen abstandsuchenden Charakter durchaus, ja\nvielleicht verlor er noch jenen penetranten Erdgeruch,\nder den seligen Bierbaum an das heimatliche Wurst-\nland band. Der „Insel\" hat das Bedürfnis nach einem\nstilvollen Buchäusseren zu einer Angelegenheit des\ntäglichen Gebrauchs gemacht.\nDie meisten Dichtungen, die im Aufstieg europäischer\nEntwicklung an entscheidender Stelle eingetreten sind,\nhat der Insel-Verlag ihrem Reklam-Dasein entzogen.\nEs ist nun so, dass man den Don Quixote lesen kann,\nohne von dem Gefühl historischen Abstands entfernt\nzu werden, das die üblichen Ausgaben immer herauf-\nbeschworen. Mit innigem Vergnügen giebt man sich\ndem behaglichen Tempo der Irrfahrten des Gil Blas\nhin, empfängt diese von fröhlicher Sichtbarkeit erfüllte\nProsa, ohne dass ein raffiniert verengter Druck die\nwillige Aufnahme stört. Und ich möchte das gute\nGefühl nicht entbehren, den Decameron in einer Form\nzu besitzen, die der Grazie des Inhalts einfühlend sich\nanpasst. Spartanische Seelen werden diese „Aeusser-\nlichkeiten verachten\". Dafür aber werden sie als Vege-\ntarier enden.\nDoch das Schönste, was ich im Insel-Verlage ge-\nfunden habe, ist die Neuausgabe des jungen Goethe.\nIn der Folge des Entstehens reihen sich die ursprüng-\nlichen Fassungen der Dichtungen aneineinder, die wir\nmeist in der Ueberarbeitung des Alters kennen. Aber\nmit welch anderer Jugend, mit welch anderer Lebens-\nenergie tritt dieser brausende Mensch vor uns, der\nin Flammen lodern lässt, was seine Fingerspitzen be-\nrühren. Man muss nicht durchaus Historiker sein, um\nmit unabweisbarer Deutlichkeit zu fühlen, wie im Licht-\nkreis dieser Seele alle überkommenen Dinge im neuen\nGlanz zu strahlen beginnen, wie längst entleerte Formen\nsich mit neuer Daseinskraft erfüllen. Und nie wird\nman sich einem Dichter näher fühlen, als beim Lesen\ndieser Prosa, die gleichsam den Eindruck eines privat\nin der Hand gehaltenen Manuskriptes suggerieren. Man\nerlebt das Beispiel eines dämonischen Aufstiegs, in dem\njede Etappe ein immer reicheres Ausströmen ritaler\nKräfte bedeutet — ein seliges Auflösen in der drama-\ntischen Bewegtheit eines durch seine eigene Schwer-\nkraft rasend dahinrollenden Lebens.\nAuf die gelehrte Bedeutung dieser Ausgabe einzu-\ngehen liegt hier kein Grund vor. Es sei nur im Vor-\nübergehen erwähnt, dass der Insel-Verlag für Heine\nund Kleist, Lenau und Heinse eine würdige Form ge-\nschaffen hat. Besonders sei nur die wunderschöne\nAusgabe des Heinseschen Petronius genannt; dieses\nlasterhaftesten Werks der Weltliteratur, dem an epiku-\nräischer Gelassenheit und Behagen am dekorativen\nReiz der Korruption nichts zu vergleichen ist.\nDieses gleiche antike Dasein spiegelt sich in\n„Marius der Epikuräer\" dem reifsten Werke Walter\nPaters. Ich weiss nicht in welchem Masse dieses\nWerk in Deutschland Leser gefunden hat Ich glaube\nauch nicht, dass preussische Nutzgehirne diese ruhige\nganz auf Ausdruck ihrer Inhalte bedachte Prosa\nwachend überdauern. Aber ein Mensch, der den Be-\ngriff des Stils irgendwann einmal in seiner ganzen Be-\ndeutsamkeit erlebt hat, wird diesem Buch mit inniger"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2955, "texte": "Freundschaft anhängen als machen reicherem Kunst-\nwerk. Die geheimnisvolle Anmut platonischer Dialoge\natmet in diesen Aufzeichnungen: man erlebt die zarten\nWallungen einer Seele, die alle Begebnisse in sich\naufnimmt, sie durch sich hindurchgleiten lässt und sie\nihres besten Lebensgehaltes beraubt wieder entlässt.\nEs ist, als sei durch die ungeheueren Gebirge von\nBüchern, die antikes Leben festhalten, ein Querschnitt\ngemacht worden: und seine sinnvolle Zusammendeutung\nsei nun dieses Werk, dessen Inhalt so gleichgültig ist,\ndessen reine Linie jede Tatsache verzerren würde.\nIch kenne wenig Bücher, die so den Rythmus unseres\neignen Lebens auf eine Weile zu bändigen wissen,\nihn zu jenem massvollen Gleiten bestimmen, dass bei\nPlato Sophrosyne heisst.\nEs liegt in der Atmosphäre, die den Namen Paters\numgibt, dass man der Verse John Keats gedenkt,\ndieses katullischen Geistes voll mystischer Daseins-\nseligkeit. Der Ruhm dieser Verse ist zu gross, um\nmehr als der Erinnerung zu bedürfen. Aber ich habe\nnicht geglaubt, dass diese gleichsam substanzlosen Verse,\ndieses sanfte Verebben von Akkorden in eine andere\nSprache zu fassen wäre. Nun ist es Gisela Etzel ge-\nlungen, mehr als ein Surrogat zu schaffen. Vielleicht\nsind die Formen etwas starrer geworden: aber jene\nrührende Zartheit der Annäherung an ein Objekt, jene\ngeheimnisvolle Ausbreitung eines Erlebnisses in die\nzartesten Formen seines Daseins verleiht auch diesen\nUmdichtungen ihr eigenes Leben.\nUnd dann mag noch ein Hinweis auf das Werk\nArtur Rimbauds hier stehen: als des farbigsten, spannungs-\nvollsten Ausdrucks der französischen Lyrik im neun-\nzehnten Jahrhundert. Sein Leben symbolisiert sein\nWerk: ein Leben voll zusammengepresster Energie,\nheroisch und zart, verachtend und von inneren Schauern\nzusammengeworfen, elementar wie die Gebärde Balzacs,\nRodins Werk. Wohin der Strahl dieses Auges trifft,\ntaumeln die Dinge in bizarren Kreisen. Mikroskopisch\nerweitert sich zu Ungeheurem, das Weltall dampft zu\neinem jäh erfassten ganz zugespitztem Reiz zusammen.\nDie Greuel der Vernichtung in einem Stecknadelknopf\nSchimmel, das Chaos der Schöpfung das Erlebnis eines\nAugenaufschlags — so braust es in seinen Versen.\nUnd dann die wilden Schwankungen eines wüsten\nKolonisatorenlebens: um elend als Krüppel abzusterben.\nDer Tod im marseiller Spital, wo die matten Lippen\ndes Ausgestossenen von Amethystsäulen und weissen\nEngeln flüstern: der Sterbende ist in den Ländern seiner\nSehnsucht. Und jeder Vers, in dem dieses Leben sich\nfing, glüht von seiner atemlosen Energie.\nEs ist nicht meine Aufgabe, das Inventar eines\nVerlages glossierend zu begleiten. Ich wünschte nur\nein paar Bücher zu nennen, die den Vertrieb salon-\nfähiger Schundliteratur ein wenig hemmen sollten. Es\nist Sache des Einzelnen, über diese Angaben hinaus\nzum Insel-Almanach für neunzehnhundertelf zu greifen,\ndessen Titelzeichnung übrigens in ihrer wundervoll\ndurchkomponierten Grazie diesem Verlag zum Symbol\nwird.\n\nT."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-15-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-15_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "336", "page_fin": "336", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.2.11", "titre_corps": "Götzendiener", "titre_sommaire": "Götzendiener", "signature_source": "J. 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Nur noch die\nSymphathie der Abtrünnigen und eine schüchterne\nHoffnung sind ihm sicher.\nTeilweise mussten auch die Darsteller des Lessing-\ntheaters unter dem Missgeschick des treuen Brahminen\nleiden:\nHier zwei Urteile über ihr Spiel:\nOskar Sauers grosser Kunst gelang es,\nin dem Dr. Lyde eine Figur zu schaffen, die\nman so bald nicht wieder vergessen wird.\nHans Marr und Mathilde Sussin ver-\nvollständigten neben anderen das glänzende\nEnsemble. Zu einem Siege vermochte aber\nauch die musterhafte Darstellung dem Stücke\nnicht zu verhelfen.\nVolkszeitung 1\nDie Aufführung tat freilich wenig, es zu\nerwärmen. Mit dem modernen Kostüm ver-\nlässt das Lessing-Theater nach wie vor die\nMajorität seiner guten Geister. Ueberdies\nblieb der Dialog zur grösseren Hälfte Ge-\nheimnis der Schauspieler. Auch Herrn Sauer,\nder wohl einen besonders schlechten Abend\nhatte, fehlte gestern die Wahrheit der Emp-\nfindung wie der Rede, die wir an ihm lieben.\nDie Vertreter der kleineren Partien — die\nHerren Froböse, Marr, Stieler, Marx,\nFrau Sussin und Fräulein Herterich —\ntaten nur eben ihre Pflicht.\nMorgenpost\n112 Aber keineswegs musste erst Reinhardt den Ver-\nsuch machen, der Bühnenkunst eine neue Grundlage\nauf „geharktem Sande\" zu bauen, damit wir die\n„Arbeit\" unserer Kritiker nicht ernster als Clown-\nspässe nehmen.\nDas Mysterium der roten Weste\nHeute ist Roda Roda der Mann des Tages-\nzeitungenstaates. Seiner roten Weste (ganz zu schweigen\nvon dem Monokel) kann kein Schmock widerstehen.\nSie muss ihn selbst der leisesten Zweifel an der Klas-\nsizität des Bordellhumoristen benehmen und sie\nwird ein schreiendes Wahrzeichen für die frivole Wand«\nlungsfähigkeit des sogenannten literarischen Geschmackes\nunserer Presse und der Gesellschaft bleiben. In Roda\nRoda haben sie, und es konnte gar nicht anders\nkommen, den „Dichter\" gefunden, dessen Zoten ihrer\nSchwachsinnigkeit kongenial sind. Er kitzelt und er-\nschüttert das berühmte Zwerchfell (o liebliche Um-\nschreibung) wie keiner sonst, und er trägt zudem eine\nrote Weste und ein Monokel.\n| [Im „Ulk\" liess man sich letzthin zu seiner grösseren\nEhre sogar zu dieser Verunglimpfung Poes herbei:\nEin nicht gerade unbekannter humoristischer\nSchriftsteller schreibt unter dem Namen Roda\nRoda. Wie gut, dass Edgar Allan Poe\n(sprich Po) seinen Namen nicht ebenfalls dop-\npelt auf die Manuskripte gesetzt hat.\nDer „Ulk\" sollte Poe dafür dankbar sein. Niemals\nwäre ihm ein derberer Klosettwitz vorweggenommen\nworden. Und doch — um wie viele Jahre früher hätte\nPoe in Deutschland Eingang und in einem Ewers\nseinen Meister gefunden, wenn er auf die einzige Roda\nRoda'sche Idee gekommen wäre, seinen Namen zu ver-\ndoppeln. Welche treffenden Beifsllsworte hätte ein\nSchmock zum Beispiel für eine Vorlesung Poes ge-\nfunden, wenn er Roda Rodas letzten Schwankabend\nim Tageblatt (aber nicht im Ulk) schon dergestalt\nverherrlichte:\nRoda Rodas letzter Schwankabend im\nChoralionsaal war ein Feuerwerk von Scherz-\nraketen, von denen nicht eine versagte. Dem\nPublikum war beim Genuss der überraschend\npointierten Schnurren, die der Märchenerzähler\nin der roten Weste und mit dem Monokel\nzum besten gab, sehr behaglich zumute. Roda\nRoda hat bald den Bindestrich, den er in\nseinem Namen so verabscheut, zu seinem\nPublikum gefunden. Und nun ging es Schlag\nauf Schlag — jedesmal ein Schlager. Es war\nein lustiger Abend erster Ordnung selbst für\ndickfellige Zwerchfelle. Roda Roda trug nur\nEigenes vor. Ein paar Proben, die den Lesern\ndes „Ulk\" schon bekannt waren, erschienen im\nRampenlicht in neuer Tönung. Kurz, es lässt\nsich kaum ein Jota Jota davon abstreiten,\ndass Roda Roda, der in seinem Akzent leise\nan Schroda Schroda erinnert, eine Nota Nota\nfür sich ist.\nRoda Roda und das Tageblatt ergänzen sich wie\ndie zwei [Hälften jenes Körperteils, aus dessen Per-\nspektive Kritik und Gesesellschaft den Literaturmarkt\nbetrachten und werten, und an den sie erinnert werden\nmüssen, wenn nur von Poe die Rede ist"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-15-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-15_01#c012", "volume": "bmtnabg_1910-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "336", "page_fin": "336", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.2.12", "titre_corps": "Kreuzberg", "titre_sommaire": "Kreuzberg", "signature_source": "Ernst Blass", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.6", "debut_caractere": 7515, "fin_caractere_exclue": 8062, "texte": "Kreuzberg\nErnst Blass\nWir schleifen auf den müdgewordnen Beinen\nDie Trägheit und die Last verschlafner Gierden.\nUns welkten (ach so schnell!) die bunten Zierden:\nDurch Dunkliges kriecht geil Laternenscheinen.\nIm Trüben hat ein träger Hund gebollen.\nAuf Bänken übertastet man die Leiber\nZum Teile garnicht unsympathscher Weiber.\nDie schaukeln noch; wir wissen, was wir wollen.\nDu gähnst mich an: in Deinem Gähnen sielt\nSich halverfaulte Geilheit. — Hundgebelle —\nUnd durch das überlaubte Dings da schielt,\nIn Stein gemetzt, der Bürgermeister Zelle."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-15-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-15_01#c013", "volume": "bmtnabg_1910-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "336", "page_fin": "336", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.2.13", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.6", "debut_caractere": 8064, "fin_caractere_exclue": 8618, "texte": "Beachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRöcksendung findet in keinem Falle statt\nDR. S. FRIEDLAENDER\nFriedrich Nietzsche / Eine intellektuale Bio-\ngraphie\nLeipzig / G. J. Göschensche Verlagshandlung\nFRIEDRICH|KURT BENNDORF\nAlfred Mombert / Der Dichter und Mystiker\nLeipzig / Inselverlag\nLUDWIG SPEIDEL\nLustige Zeiten / Weihnachtsblätter\nBerlin / Meyer u. Jessen\nMAX DAUTHENDEY\nWeltspuk / Lieder der Vergänglichkeit\nVerlag Albert Langen München\nFRIEDRICH KURT BENNDORF\nSamain / Essays und Umdichtungen\nVerlag E. W. Bonseis u. 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Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, große,\nhelle Zimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrllcher Park, grosser Qbstreichtum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze Jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stiind-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschiire\n„Leben\" kommen vom Besitzer u. 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MINSKI: Tolstoi II / PAUL SCHEERBART: Der Kaiser von Utopia / MAX BROD: Die Wallfahrt zu Orazio / ADOLF LOOS: Über Architektur /\nHERMANN WAGNER: Eine Verlorene / R. K. NEUMANN: Das Schweigen im Blätterwald / Die Beichte eines Toren / T: Empfehlenswerte Bücher / J. A.: Götzendiener:\nTod dem „zweiten Leben\" / Das Mysterium der roten Weste / ERNST BLASS: Kreuzberg / OSKAR KOKOSCHKA: Zeichnung\n\nFlucht aus dem Paradies Zeichnung Von Oskar Kokoschka"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.2", "texte": "Tolstoi\nDer grosse Schriftsteller der\nrussischen Erde\nVon N. M. Minski\nJetzt nach Verlauf vieler Jahre wird es begreiflich,\nwarum Tolstoi seinerzeit nicht auf die verschiedenartigen\nEinflüsse und Strömungen der städtischen Intelligenz in\nRussland reagierte.\nNatürlich regte bei Erscheinen von „Väter und\nSöhne\" jedes Wort Basarows die Leser tausendmal\nmehr auf, als die unklaren Träume eines sterbenden\nAndrej Wolkonski oder die naiven Aphorismen Kara-\ntaews. Aber in der ungeheuren Perspektive von\nSchicksal und Wahrheit in der Tolstoi das russische\nLeben darstellte, mussten ihm die Kulturbestrebungen\neiniger Journalisten und Studenten als eine ober-\nflächliche und zufällige Erscheinung vorkommen, die\nmit den Wurzeln und den Kräften des russischen\nBodens nicht zusammenhängen. Und der grosse Schrift-\nsteller der russischen Erde hatte recht. Jetzt scheint\nauch uns allen das Schicksal und das Gefühl Wolkonskis\nund Nechljudows nicht minder bedeutend als das neue\nWort Basarows und Neshdanows.\nDurch die innige Verbindung Tolstois mit dem\nGenius der russischen Erde wird das Lesen seiner\nWerke allen und jedem erleichtert, ihre kritische Er-\nklärung aber äusserst schwierig. Wie es mit Shakespeare\nin England und Goethe in Deutschland geschah, wuchs\ndas Werk Tolstois über das Maass der ästhetischen\nKritik hinaus, wurde zu einer Erscheinung der nationalen\nGeschichte und kann nur im Zusammenhang mit der\nGeschichte der russischen Erde erklärt werden. Seine\nEinfachheit, die bis zum Unwirschen geht und gleich-\nzeitig in jedem Wort brüderliche Zärtlichkeit ausströmt,\nseine furchtlose Offenheit, die einen unerschütterlichen\nGlauben an sich wie einem Gefühl der Demut ent-\nspringt, sein kulturentwickeltes gewaltiges Genie, und\ndie Lossagung von der Kultur zugunsten der Erde und\nder finsteren Bauern: das ist kein Einzelerlebnis,\ndas ist eine volkspsychologische Erscheinung. Und das-\nselbe wird man von der verneinenden Seite seines\nSchaffens sagen müssen, weil in Tolstoi das Genie\nnicht nur seine volle Höhe, sondern auch seine Grenze\nerreicht hat\nAls nach Beendigung der Anna Karenina Tolstoi\nfür einige Jahre verstummt war, hätte man, nach der\nLösung Lewins zu urteilen, glauben können, dass er\nsich des .höchsten, auf der Erde erreichbaren Glückes\nerfreue im Bewusstsein seines verdienten Ruhmes,\nim Kreise seiner geliebten Familie, inmitten des geliebten\nVolkes. Damals aber schrieb Tolstoi an Fet: „Unsere\nLage in der Welt ist schrecklich. Sobald erst der\nMensch zur höchsten Stufe der Entwicklung gelangt\nist, sieht er klar, dass alles Unsinn und Trug ist, und\ndass die Wahrheit, die er trotzdem über alles liebt,\ndass diese Wahrheit schrecklich ist, und wenn man\ngenau zusieht, erwacht man plötzlich und mit Schrecken\nsagt man: was ist denn das? Wenn nicht heute, so\nwird morgen Krankheit, der Tod über geliebte Menschen,\nüber mich kommen. Meine Taten werden vergessen,\ndie Hauptsache ist aber: Ich werde nicht sein.\"\nEs zeigte sich, das die Beruhigung Lewins eine\nscheinbare war, dass der Geist der Verneinung und\ndes Zweifels Tolstoi ebenso getroffen hatte, wie die\nmeisten zeitgenössischen Menschen. Gewaltiger als die\nAnderen, fühlte er einen gewaltigeren Schmerz und\nseufzte lauter. Unter welchem Gesichtspunkte man auch\ndie Ursachen dieses Uebels unserer Zeit betrachten\nmag, so scheint eines unzweifelhaft: dass man es nur\ndann heilen kann, wenn in der Seele des Menschen\ndie Ueberzeugung von der Zweckmässigkeit des Daseins\nwieder auflebt Diese Aufgabe ist eine philosophisch-\nreligiöse und keine philantropische.\nIn jedem Falle muss der Verkünder, der bereit ist,\ndie Menschheit von diesem unseligen „Wozu\" zu retten,\nmit der grössten Klarheit die Frage vor sich selber\nbeantworten, worin diese Rettung besteht — in der\nLiebe zum mythischen Gott oder zu den Menschen-\nBrüdern. Tolstoi hat diese Frage nicht entschieden,\nja er hat sogar nicht die Kraft besessen, ihr gerade\nins Auge zu sehen. Indem er die \"Menschheit auf\nneue Wege führen wollte, ist er selber zurückgekehrt\nzum früheren, zu dem von Lewin bereits zurück-\ngelegten Weg, der zum Dorf, zu der ackerbauenden\nArbeit führt.\nLiest man die letzten Werke Tolstois, so fühlt\nman, dass man in einen Kreis von Widersprüchen und\nMissverständnissen geraten ist, der keinen Ausgang hat.\nDa verkündet Tolstoi ein neues Christentum, ein gött-\nliches Verhältnis zur Welt an Stelle des bisher herr-\nschenden persönlichen Verhältnissses und des heidnischen\nGemeinwesens. Das persönliche Verhältnis zur Welt\nfindet den Sinn des Lebens im Streben zum per-\nsönlichen Glück, das heidnische — dem Wohl der\nFamilie und des Volkes zu dienen, das christliche —\nGott zu dienen. Fragt man Tolstoi, auf welcher\nGrundlage er das neue christliche Verhältnis zur Welt\naufbaut — auf dem Glauben und der äusseren Offen-\nbarung oder aber auf der Vernunft und der inneren\nOffenbarung — beeilt er sich, philosophische Dispute\nvermeidend, zu erwidern, dass das göttliche Verhältnis\nzur Welt das Beste sei, weil es die Menschen lieben\nund dem Wohle des Volkes dienen heisst. Wenn man\nalso erfahren will, wie „den Menschen dienen\" — die\nebenso sterblich sind wie ich — sie vor der Furcht\ndes Todes und dem Entsetzen über die Zwecklosigkeit\ndes Lebens rettet, antwortet Tolstoi, dass dies un-\nbedingt rettet, weil wir so handelnd den Willen Gottes\nerfüllen. Aus diesem Kreise gibt es offenbar keinen\nAusgang. Aber Tolstoi, scheint es, sucht keinen Aus-\ngang. In den letzten Werken beschäftigt er sich mit\nder Frage der reinen Philosophie und — so seltsam\nes auch sein mag — sogar die Religion. Bald beugt\ner sich vor der Gottheit, als der mythischen, dem\nausserweltlichen Anfang alles Lebens. („Tust Du denn,\nwas von Dir der fordert, der Dich in die Welt gesandt\nhat, und zu dem Du sehr bald zurückkehrst?\") Bald\nbetitelt er ein Buch: „Das Reich Gottes ist in Euch\"\noder das Christentum nicht als mystische Lehre, sondern\nals eine neue Auffassung des Lebens.\nEinzeln genommen überrascht jedes von den neuen\nWerken Tolstois durch seine Kühnheit, seine Offenheit,\nund seine edle Einfachheit Aber seine Lehre hat\nkeinen philosophischen Mittelpunkt, sie hat keinen\nlebenerzeugenden Keim, aus dem er in unserem Be-\nwusstsein erspriessen könnte. Ich weiss, wie niedrig\nTolstoi das Bestreben der Philosophie, den Zweck des\nLebens zu erfassen, schätzt. In einem noch nicht ver-\nöffentlichten Privatbrief sagt er:\n„Der Fehler aller vielredenden und müssigen Philo-\nsophie besteht darin, darüber zu raisonnieren, was die\nWelt und ihr Anfang ist. Das zu wissen ist eben-\nsowenig notwendig, wie das, wie viele Knöpfe die\nWeste Ihres Portiers hat. Man muss eines wissen:\nWie soll ich leben? Man muss nicht erfahren: Habe\nich einen freien Willen oder nicht? Sondern: Wie ist\ndie Kraft zu gebrauchen, die ich als die Freiheit des\nWillens erkenne ? Man sagt, dass man zuerst mit\nHilfe des Aristoteles, Comtes und anderer erkennen\nmuss, was die Welt ist und was ich bin. Aber das ist\nnicht wahr, das ist der listige und hinterlistige Sophis-\nmus der faulen Sklaven Wie der Junge, der\nsich vor mir rühmte, dass er schon Wörter buchstabieren\nkönne. Als er das Wort Pfote buchstabieren sollte,\nfragte er mich: „Welche Pfote — die Hunde- oder die\nWolfspfote? Was ist die Welt und was sind wir in\nIhr? Wir brauchen es nicht zu wissen, wenn wir auch\ndas halbe Leben dem Studium von all dem, was da-\nrüber geschrieben wurde, widmen. Ebenso wissen wir\nimmer, was wir tun müssen, wenn wir nur das wissen\nwollen. Aristoteles und der Bauer und alle müssen\ndas eine oder das andere bald tun. Man hat keine\nZeit zu warten, bis man erfahren wird, was die Welt\nist (sogar wenn es möglich wäre, das zu erfahren).\"\nDas ist mit der gewohnten Tolstoischen Kraft und\nKlarheit gesagt — aber der grosse Schmerz bleibt,\ndass auf die Frage: Wie soll man leben ? das Gewissen\nnicht allen eine und dieselbe Antwort gibt. Als Aristo-\nteles das Problem studierle: Was ist die Welt? war er\nebenso überzeugt, dass er gewissenhaft vorging, wie\nTolstoi, wenn er über Aristoteles lacht. Und der noch\ngrössere Schmerz ist, dass auf die Frage: Wozu leben?\ndas Gewissen vollständig ohnmächtig ist, irgendwelche\nAntwort zu geben. Tolstoi scheint zu vergessen, dass\nnicht die Erkenntnis der Sündhaftigkeit, soderu die Er-\nkenntnis der Zwecklosigkeit des Lebens ihn veranlasst\nhat, den neuen Glauben zu suchen. Aber zwischen\nder Verzweiflung des Menschen, der die Zwecklosigkeit\ndes Menschen erkennt und einen freundlichen oder\nfeindlichen Verhältnis zu den Menschen gibt es kein\ndirektes Band. Die Türken, die die Armenier töteten,\nkeineswegs mit der Frage über die Zweck-\nlosigkeiten des Lebens abgemüht. Im Gegenteil, sie\nglaubten gewissenhaft zu handeln, dass sie durch ihren\nfanatischen Hass den Willen des, der sie schickte und\nder ihnen den ewigen Lohn verheisst, erfüllen. Aber\nmann kann sich dem Dienste der Menschheit widmen\nund doch mit Tolstoi wiederholen: „Wenn nicht heute,\nso morgen kommen Krankheit, Tod über geliebte\nMenschen über mich. Meine Taten werden vergessen,\ndie Hauptsache ist: ich werde nicht sein.\"|\nEs wäre ungerecht, Tolstoi der Furcht vor der\nPhilosophie zu beschuldigen. Er ist auch in dieser\nHinsicht der Schriftsteller der russischen Erde geblieben,\ndie ihm kein Material für philosophische Systeme und\ndie Gründung eines neuen Glaubens geboten hat\nDer Genius der russischen Erde hat in Tolstoi\nden küntlerischen und sittlichen Höhepunkt erreicht\nund in ihm auch seine philosophische Ohnmacht offen-\nbart. Man schätzt bei uns den Gedanken im Ver-\nhältnis zum Gefühl etwas zu gering ein.\nAutorisierte Uebersetzung aus dem Russischen\nvon Luise Flachs-Fokschaneanu\n\nSchluss\n\nDer Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nIV\nDer Staatsrat\nBeinahe den ganzen Tag — schier zwölf Stunden\nhindurch — war die Stadt Ulaleipu ein grosses Theater\ngewesen. Sämtliche Residenzler hatten bei den grossen\nFestspielen mitgespielt.\nIm Mittelpunkte der Aufführungen stand „Der Zank\nder Berggeister und der Wasserdrachen\". In dieser\nKomödie hatten sich die kolossalsten Ungeheuer prä-\nsentiert — auf den Bergen einerseits und unten im\nschwarzen See andererseits: die Grösse der Riesen-\nleiber und die kolossale Stimmkraft der Riesen hatten\ndie allgemeinste Bewunderung erregt; selbst der Kaiser\nhatte zum Zeichen der Anerkennung gelächelt und,\nwie es Sitte ist, mit der Spitze des linken Zeigefingers\ndie Nasenspitze berührt, und die Provinzler waren fast\nnärrisch vor Begeisterung geworden. Aber es Hess sich\nauch nicht ein einziger Tadel aussprechen — so vor-\ntrefflich nahm sich alles aus. Und des Abends sprach\nman in den Gärten und auf den Terrassen immer\nwieder davon und erklärte immer wieder, dass die\nTheaterkunst doch wahrlich keine so üble Kunst sei\n— — besonders dann nicht, wenn ein ganzes Volk\nmitspielt und mittätig ist\nAm Abend ruhte sich alles aus, sodass die Stadt\nso still erschien wie sonst — nur die glitzernden Turm-\nstangen und die bunten Stickereien erinnerten daran,\ndass die Stadt Ulaleipu ihr Frühlingsfest feierte.\nUnd als nun die Nacht hereinbrach, blieb es zuerst\nüberall so dunkel wie sonst; nur die kleinen Lampen\nbrannten in den Häusern. Dann aber flammten hoch\noben auf dem grossen Seebalkon der Kaiserburg rote\nPechfackeln zum Himmel empor, auf dem Seebalkon\nhatte sich der Staatsrat versammelt.\nDer Staatsrat bestand aus hundert Herren, die mit\ndem Kaiser zusammen das Land Utopia regierten;\ndiese hundert Herren bildeten jetzt einen Kreis nnd\nsprachen leise flüsternd über die nächsten Regierungs-\ngeschäfte.\nDann aber ertönten feierliche Glocken, die das\nNahen des Kaisers verkündeten. Fünfzig der Mitglieder\ndes Staatsrates traten nach rechts und stellten sich in\neine Reihe auf, und links taten die anderen fünfzig\ndasselbe. Jedes Mitglied des Staatsrates hatte auf jeder\nSchulter eine zehn Meter hohe künstliche Feder, die\nsogenannte Schulterfeder, die in Form und Farbe der\nGalauniform entsprach. Jede Uniform war anders und\nbezeichnend für die Tätigkeit jedes einzelnen Herren.\nAls nun der Kaiser kam, verbeugten sich die Herren\nund zwar so, dass sich die Spitzen der hundert Schulter-\nfedern von rechts mit denen von links oben berührten.\nUnd unter diesem Federdach schritt der Kaiser langsam\ngeradeaus dem See zu; der Kaiser trug einen langen\nweissen Bart, einen einfachen roten Purpursammet-\nmantel mit goldenem Gürtel und eine einfache goldene\nZackenkrone auf den langen weissen Haupthaaren.\nDer Kaiser ging zum Rande des Seebalkons und\nsetzte sich dort auf seinen Tron; die zweihundert\nSchulterfedern gingen langsam wieder in die Höhe und\nstanden nun wieder steil und still da."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.3", "texte": "V\nDie bunte Nacht\nDie Pechflammen auf dem Seebalkon verlöschten\nallmählich. Und auch die Lampen in den Häusern\nder Stadt wurden ausgemacht, so dass es dunkle Nacht\nwurde in ganz Ulaleipu.\nNur die Sterne leuchteten oben am Himmel —\nund die Mondsichel oben in der Mitte des Himmels.\nGanz stille war die Nacht.\nDann aber kam eine Lichtgestalt oben aus den\nBergen heraus und schwebte langsam hernieder und\nwurde immer grösser, während sie herniederschwebte;\naus riesigen innerlich erleuchteten schlauchartigen Ballons\nwar die Lichtgestalt gebildet — und bunt war sie —\nsehr bunt.\nUnd brennende Augen hatte die Lichtgestalt und\nwunderliche wulstige Gliedmassen, die aber immer\nvieder anders leuchteten, da die elektrischen Lichter\nim Innern des Ballons in ständiger Bewegung waren;\nvon den Stricken, an denen die Lichtgestalt herunter-\ngezogen wurde, sah man nichts, da ja die Nacht rings-\num ganz dunkel war.\nUnd die Lichtgestalt lagerte sich über die Stadt an\nden Bergabhängen, und eine feierliche geisterhafte Musik\nbegrüsste sie,\nDanach ward wieder alles ganz still, und der ersten\nLichtgestalt folgte nun eine zweite — und der eine\ndritte — und jede war immer abenteuerlicher als die\nandere.\nUnd es kamen immer mehr Lichtgestalten aus den\nBergen herunter, so dass bald der ganze Talkessel»\nin dem die Stadt Ulaleipu lag, von lagernden und schwe-\nbenden Lichtgestalten erfüllt war.\nEin geisterhaftes Schauspiel.\nUnd ein Farben- und Lichtschauspiel, dessen un-\nheimliche Grossartigkeit geradezu erdrückend wirkte,\nso dass die Musik der fünfzig Kapellen, die nur immer\nfür ein paar Augenblicke zu hören war, doch zuweilen\nwie ein Erlösendes hineinklang.\nWie ein überirdischer Alp schwebten und lagerten\ndie ungeheuren Lichtgestalten über die Stadt.\nAls nun aber alle Ungeheuer unten waren, da\nwurde plötzlich der schwarze See zu einem grossen\nLichtkaleidoskop — und das funkelte und glühte und\nfloss und flutete und bildete Spiralen und Ecken und\nKanten und Diamantenspässe und Quallenwunder, dass\ndas Auge ganz geblendet wurde.\nDanach sangen alle Residenzler zusammen das\nFrühlingslied des Dichters Itambara.\nUnd dann wurde eine Lichtgestalt nach der an-\nderen dunkel und der schwarze See wurde auch\ndunkel.\nUnd dann wurden oben wieder die Berge rot —\nund sie bekamen wieder ihre goldenen Ränder.\nDer Morgen kam.\nUnd der Kaiser stieg von seinem Thron herab und\nging wieder durch das Dach der Schulternfedern in\nseine Burg hinein — so wie er gekommen war.\nVI\nDer Morgenwitz\nAls nun Philander der Siebente, Kaiser von Utopia,\nwieder in seiner Kaiserburg war, da ging er mit\nraschen Schritten in seinen grossen Bibliothekssal, und\nder Staatsrat folgte dem Kaiser — ebenfalls mit\nraschen Schritten, dass die Schulterfedern wackelten.\nIm Bibliothekssaal brannten nur ein Dutzend elektrische\nLampen in rotem Rubinglase, und die fünfzehn Meter\nhohen Spiegelscheiben der Fenster sahen ganz blau\naus.\nDurch die hohen Flügeltüren kamen nun die Mit-\nglieder des Staatsrates feierlich mit ihren zehn Meter\nhohen Schulterfedern herein; es wurde Kaffee getrunken\nund ein stärkender Kognak dazu. Der Kaiser gab\nden Dienern ein Zeichen, und die Diener verschwanden.\nNun war der Kaiser mit seinem Staatsrat in seinem\nBibliothekszimmer allein. Es war nun die Pflicht des\nKaisers, dem Zeremoniell entsprechend einen Witz zu\nmachen.\nPhilander der Siebente stellte sich vor seinen\ngrossen Spiegel, nahm seine weissen Augenbraunen\nab und auch den weissen Bart und die Krone und\ndas weisse Haupthaar — und drehte sich um und\nzeigte seinem Staatsrat sein glattrasiertes Gesicht mit\nden kalten blauen etwas müden Augen und dem röt-\nlichen kurzgeschnittenen Haupthaar. Die Mitglieder des\nStaatsrates lächelten und verbeugten sich; diese Ent-\nkleidungsszene entsprach dem Zeremoniell. Auch der\nrote Purpurmantel fiel, und der Kaiser stand nun in\neinfachster schwarzer Kleidung da und sagte leise:\n„Meine Herren! Sie wollen den Morgenwitz hören.\nSie sollen ihn hören. Ich erkläre Ihnen hierdurch,\ndas ichs müde bin, Kaiser von Utopia zu sein; ich\nwerde ein Jahr pausieren und mich vertreten lassen.\nDenken Sie über eine geeignete Persönlichkeit, der\nman meine Kaiserrolle übertragen kann, ordentlich\nnach Ich lege mich zu Bett. Schlafen sie wohl!\nGuten Morgen!\"\nDer Staatsrat zitterte vor Erregung, und der\nZermonieenmeister sprach mit heftig wackelnden Schulter-\nfedern :\n„Grandiosität, ist dieser Scherz ernst gemeint?,,\nDer Kaiser Philander sagte dazu lächelnd:\n„Der Kaiser von Utopia pflegt stets im Ernste zu\nscherzen. Denken Sie über meinen Stellvertreter nach\n— aber ordentlich.!\"\nUnd der Kaiser verliess seinen Bibliothekssaal,\nbegab sich in seine Schlafgemächer, liess sich rasch\nauskleiden und war nach fünf Minuten fest eingeschlafen.\nDer Staatsrat aber befand sich in fieberhafter Auf-\nregung; der Morgenwitz des Kaisers hatte den Staats-\nrat ganz aus der Fassung gebracht.\nDer Kaiser träumte währenddessen von ganz\nfeinen Geistern, die sehr gross waren, aber dabei so\ndünn — wie Spinngewebefäden.\n\nFortsetzung folgt\n\nDie Wallfahrt zu Orazio\nErzählung von Max Brod\nVon einem herrlichen Geiste handelt das Nach-\nfolgende, von einem überaus tüchtigen und einzigartigen\nMenschen, der jedoch leider sein ganzes Leben lang\naus einem Netz von gewissen Gedanken nicht entrinnen\nkonnte. Aber lassen wir ihn darüber selbst zu Worte\nkommen:\n„Alles, was ich anfasse, gelingt mir sehr kunstvoll.\nIn allen Tätigkeiten des !4Geistes habe ich schon das\nAeusserste geleistet Das ist mein Unglück. Ich kann\ndeshalb nicht froh werden.\nAnfangs machte es mir allerdings sehr viel Ver-\ngnügen, wenn ich so recht in Ruhe und Sicherheit zu-\nsah, wie sich irgend ein Stümper stimmungslos am\nKlavier abquälte und die Finger zappeln Hess. Wenn\nich mich dann dazusetzte, gab das Stück erst den\nrechten Klang und Schwung her ... Ein Maler\nzitterte mit dem Pinsel über unsichere Konturen. Ich\ngriff hin, und ein Antlitz, ein wirkliches Antlitz, lag in\nseinen Farben auf der Leinwand . . . Einer zerfol-\nterte sich den Kopf mit Gleichungen und analytischen\nBerechnungen. Wenn ich hinzutrat, fühlte ich, wie die\nExempel sich mit mir verbündeten. Sie waren schon\naufgelöst, ohne dass ich mir viel Mühe mit ihnen zu\nnehmen brauchte .. . Und dieses Gefühl des Ver-\nbündetsein mit allen Problemen hatte ich später sehr\noft. Alle kamen sie mir freudevoll entgegen, sie öff-\nneten sich wie Blumenkelche . . . Ein Redner sotterte.\nIch wusste, dass das Thema dieser Rede mit mir ver-\nbündet und gleichsam befreundet war. Es wartete, bis\nich es behandeln wollte. Dann tat ich es, und jetzt\nerst gab es alle seine Seiten und Unterlagen und Aus-\nblicke in blitzartig wechselnden Bildern her ... Ja,\naus allen Kompositionen und dichterischen Werken\nfühlte ich das Unvollkommene, das Spröde, das Abge-\nrungene heraus. Und mich befiel schon beinahe ein\nGrausen, wenn meinem Geiste all dies gelang, was ich\nversuchte, wenn ich spürte, wie alle Dinge mir gerade\nzuströmten und liebevoll, liebevoll entgegenkamen . . .\nSo hätte ich mich schon damals einsam und un-\nverstanden gefühlt, schon damals, wenn die schönen\nFrauen und Orazio nicht gewesen wären . . .\nDie schönen Frauen, die waren mir ein rechter\nherzerfreuender Trost in meiner alles überragenden\nVollkommenheit. Was sind das doch für ausgezeich-\nnete, überaus treffliche Geschöpfe der Natur! Sie\nstehn nur da, und man ist schon entzückt. Sie be-\nwegen sich gar, und man gerät ausser sich, man\nmöchte sie in jeder Stellung, in jedem Punkte ihrer\nBewegung festhalten, um nur ihre Schönheit und die\ngebeugten Linien voll geniessen, betrachten zu können\nund doch möchte man auch den Gesamteindruck der\ndahinfliessenden Veränderungen nicht missen. So ent-\nsteht ein reizender, nie befriedigter Zwiespalt der Be-\nwundernng, und das Herz kann niemals ruhig werden.\nDie schönen Frauen bewegen sich also und rauschen\nin schönen wohlgefügten Kleidern und lächeln und\nreden und reden und küssen. Da ist kein Ende und\nkeine Grenze ihrer Vollkommenheit abzusehen. . . Hier\nfand ich endlich Vergleichspunkte für meiner eigenen\nSeele Vorzüge und fürchtete eine Zeitlang nicht, mich\nim Unmessbaren, in vager Riesenhaftigkeit und Eremitage-\nStimmung zu verlieren. . . Ich kann mich noch ganz\ngenau erinnern, wann mir dieser Trost genommen\nwurde. Es war in einem Vortragsabend, und ich war\nwieder einmal verurteilt, zu hören, wie sich der Dekla-\nmator mit den Versen raufte, die er vorbringen wollte,\nund zu empfinden, wieviel besser ich dies oder jenes\n/iein, alles bis ins kleinste herausbringen könnte. Ge-\nlangweilt schaute ich mich im Saal um, und mein Blick,\nder über schöne Frauennacken in Seide, feine Rücken,\nHüftschwellungen und niedliche Lackreflexe im Schatten\nder Sessel glitt, tröstete mein Herz. Da .. . der\nDeklamator hatte geendigt ... ein tobender Beifall\nschlug Wellen durch den Saal. Und auch die Frauen,\ndie schönen vollkommenen Frauen . . . wie? auch die\nFrauen applaudierten? ... Ja, auch sie. Und mi\neinem Male erkannte ich eine Grenze an ihnen, an\ndiesen wohlgepflegten urteilslosen Körpern, ich hatte\neinen Makel an ihnen auszusetzen und war leider über\nsie erhaben. Erhaben, und verachtete nun alle Menschen\nmehr als zuvor. ,\nWie ein Rubin in einem Schlotterhaufen er-\nschien ich mir, wie ein Sternenabglanz im Morast.\nUnd von da an war ich bestimmt, alle Grade der\nMenschenverachtung durchzunehmen. Von der reiz-\nvollen Ironie, dem unterhaltsamen Spotte an bis zur\ngrausamen Unzufriedenheit, zum quälerischen Hasse.\nAlle Menschen, die ich vorbeigehen sah, schienen mir\nnur geduldet, untergeben, nichtig. Auf die Kniee nieder\nvor mir und seid froh, dass ihr kriechen dürft, so\nschien es mir geboten, sie anzurufen. Es schien\nmir Pflicht, sie an die Wahrheit, an ihre Niedrig-\nkeit zu erinnern .... Denn alle waren im unklaren\nüber dieses selbstverständliche tatsächliche Verhältnis.\nNun wohl, sie hatten mich gern, sie ehrten\nmich und lobten meine Werke. Aber tausend unver-\ngleichlich schlechtere Werke anderer daneben. Und wenn\nich selbst, um sie zu prüfen, einmal etwas Minder-\nwertiges leiste, so lobten sie es ebenso und fanden\nkeinen Unterschied. Sie bereiteten mir sanfte Erfolge,\netwa so, wie man ja auch die Oper Carmen zuerst\nfreundlich neben vielen anderen aufgenommen, eine\noder zwei Nummern daraus sehr beifällig angehört\nhatte, ohne im mindesten die alles überragende Grösse\ndieser Musik zu ahnen. Mich aber zwingt ein sonder-\nbares Raum- und Ranggefühl, auf Ordnung und klares\nErkennen der Unterschiede unter den Menschen hinzu-\narbeiten. Ganz gewiss, wenn nicht ich der Hervor-\nragendste wäre, wenn Gott einen anderen mit so über-\naus hervorstechenden Eigenschaften gestraft hätte, so\nwürde ich als erster und feurig in seinen Dienst treten\nund seine Herrlichkeit predigen . . . und, o, wieviel\nglücklicher wäre ich da! Aber weg mit diesen senti-\nmentalen Regungen und Riegeln des Geschehens. Ich\nmuss, ich muss, und wenn es mich noch soviel Ueber-\nwindungen meiner Scham, des Mitleids, aller Gefühle\nkostet, wenn ich auch alle missverständlichen Vor-\nwürfe der Eitelkeit und Selbstsucht und des Grössen-\nwahns über mich ergehen lassen soll, ich muss ver-\nkünden, dass ich den höchsten Gipfel der bisherigen\nJVlenschheitsentwicklung darstelle. Ich muss alle auf-\nfordern, zu mir emporzublicken und zu mir empor-\nzusteigen. Es ist meine heilige Aufgabe,\nKlarheit zu bringen; das Aristokratische zu lieben, das,\nwas sich abstuft und differenziert, die reinlichen über-\nsichtlichen geometrischen Figuren, das Schema der Be-\ngabungen. Ich will ziffernmässige Resultate um mich\nsehen, keine chaotischen Massen, nein, nicht diese\ndumpfen vornehmen Verkennungen des Realen.\nUnd schon damals hätte ich mich ganz einsam\nund unverstanden gefühlt, schon damals, wenn der Ge-\ndanke an Orazio mich nicht getröstet hätte.\"\nOrazio war ein berühmter Weiser und Dichter in\neiner kleinen Stadt Mitteldeutschlands, an einem Fürsten-\nhofe. Alles, was er anfasste, gelang ihm überaus kunst-\nvoll. In allen Tätigkeiten des Geistes hatte er schon\ndas Aeusserste geleistet. Aber lassen wir darüber den\neinzigartigen unglücklichen Menschen, der uns bisher\nerzählt hat, selbst weiter berichten!"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.4", "texte": "„Dieser Weise in einer mitteldeutschen Stadt war\nmir ein rechter herzerquickender Trost in meiner alles\nüberragenden Vollkommenheit. Ich hatte seine Poesien\ngelesen, seine politischen Pläne begeistert mitgefühlt*\nseine Kupferstiche angeschaut, seine fundamentalen\nEntdeckungen in der Farbenlehre, in Botanik und Ana-\ntomie nachgeprüft. In unsäglicher Wonne überlegte ich\noft den Gedanken, dass er ein mir Ebenbürtiger, mein\nanderes Ich sei. Ich genoss in Phantasie herrliche Ge-\nspräche mit ihm, wundervolle Einverständnisse über die\nKöpfe all der niederen Menschen hinweg, scherzhaftes\nund doch so tiefernstes Erraten der Gegenreden, Ent-\ngegnungen vor der Aussprache, Repliken vor der Ant-\nwort, innige Freude und Würdigung in Gebärden und\nfunkelnden Augensternen. Und wie ein Blitz traf es\nmich, als ich einmal sein Bild erblickte und eine nicht\nundeutliche Aehnlichkeit zwischen uns beiden fest-\nstellen konnte . . . Auf, zu ihm, dort ist meine Heimat,\nund seine Heimat ist bei mir, so jubelte mein Herz,\nwir werden nun beide nicht lange mehr einsam\nsein I. . .\nOrazio war in seinem Garten, als ich eintrat.\nEbenso gross und stattlich wie ich schritt er über den\nWeg einher unter dichten weissen Haaren in wirbelnde\nSonnenflecken. Ich war in glühender Spannung auf\ndas Aeusserste gefasst, auf eine feurige, tränenreiche\nUmarmung der Seelen, auf eine Offenbarung. Er kam\nnäher, reichte mir liebevoll die Hand und sah mir in\ndie Augen. Ich nannte meinen Namen. Da leuchtete\nsein schönes Griechenantlitz freundlich auf, er sprach\nvon meinen Wundertaten, die er natürlich längst kannte\nwie ich die seinen. Wir kamen sofort in ein an-\ngenehmes Gespräch, er zeigte mir seine Anlagen, mit\nbedeutender Gebärde wies er auf die jungen Obstbäume\nhin, die er selbst gepflanzt hatte, er machte mich auf\ndie neue Mooshütte an der Felswand, auf Ausblicke in\neine heitere Ferne aufmerksam. Mit gütigen Worten\ngeleitete er mich dann in sein palastähnliches Wohn-\nhaus, über Marmor nnd Teppichbänder in einen kühlen\nweiten Speisesaal.\nIch war darüber erstaunt, hier keine Einsamkeit zu\nfinden, nein, ein freundliches Gedränge von Menschen,\ndie ihm alle entgegeneilten und nicht ohne Bewegung\nauf ihn einsprachen. Er ordnete alles durch Nicken,\nLächeln, Winken, und bald sassen wir an der wohl-\ngedeckten Tafel, ich als Gast an seiner Seite. Rote\nund gelbe Flaschen, Fruchtschalen, glänzende Schüsseln\nund gemalte Teller streuten ihre Farben über das weisse\nTischtuch. 1\nNach dem fröhlichen Essen kam man in Gespräche.\nUnd nun freute es mich sehr, wie alle diese meinen\nOrazio ehrten. Es hatte mich befremdet, dass er sich\nin Gesellschaft vergnügte; aber jetzt ging mir ein Licht\nauf. Diese Gesellschaft war ihm ja vollkommen unter-\ngeben, erkannte seine masslose Ueberlegenheit, sah in\nihm einen einzigartigen Gipfel. Die einen häuften Lob\nauf ihn, die anderen baten um Urteil und Rat. Man\nbrachte Statuetten, geschnittene Steine, technische Risse,\nExperimente über den Magnetismus, Gedichte jüngerer\nLeute, Notizen aus seltenen Büchern.... Es war\nrecht häuslich und gemütlich anzusehen, wie eine grosse\ngeistige Familie mit ihrem Oberhaupt.\nUnd als der Andrang verebbt war, zog Orazio\nein Manuskript aus einem silberbeschlagenen Holz-\nkästchen und begann mit schöner Stimme vorzulesen.\nIch lauschte hingegeben den neuen reichen Ausdrücken,\nder gewaltig-lieblichen Gestaltung. Begeisterung und\nheilige Andacht, alle die idealen Gefühle, die ich bei\nden üblichen Anlässen nicht mehr anwandte, befielen\nmich dieser Kunst gegenüber. Und ich war\nals einer sich erlaubte, mitten in den Vortrag ein-\nzufallen. Nun, man könnte sein Lob und seine Be-\ngeisterung doch ein wenig zurückhalten dachte ich mir,\nman könnte doch den Meister sein herrliches Werk\nausreden lassen.... Wie erstaunte ich aber, als ich\ndem Unterbrecher näher zuhörte und vernahm, dass\ner garnicht lobte, nein, dass er, dieser kühne Tor,\ntadeln wollte, ein Wort meines Orazio tadeln wollte.\nIch dachte mir: nun, der wird schön ankommen! und\nfreute mich schon auf die selbstherrliche Zurecht-\nweisung .... Aber nein und nein.... kaum konnte\nich die ganze Bedeutung dieses Ereignisses auf einmal\nfassen .... Orazio lächelte wie vordem, menschen-\nfreundlich und still, er besah die Stelle, schüttelte den\nKopf und strich, ja er strich wirklich das angegriffene\nWort aus. Nun erhoben sich im weiteren noch andere\nStimmen; und jeder wurde Gehör gegeben, manche\nnach liebenswürdiger Widerlegung zurückgewiesen, viele\ngar viele aber durch Aenderungen berüksichtigt.\nIch war wie betäubt von dieser Wendung.\nUnd es gab dann noch eine Unterredung im\nGarten, die mich vollends jeder Hoffnung beraubte . . .\nIch war mit ihm hinter den übrigen zurückgeblieben.\nWir schritten langsam durch den Gesang der Vögel\nund den Abendsonnenschein.\nIch sagte: „Du hast dich doch nur verstellt, Orazio.\nDu hast doch nicht im Ernst den Torheiten deiner\nTischgenossen Gehör gegeben \"\nEr zeigte mir das Blatt. Es war to!l gestrichen,\nwirklich geändert: „Warum denn nicht?\"\nUnd du siehst nicht ein, dass man diese Leute\nnicht im Wahne neben dich stellen kann, dass man\nsie völlig und ohne Vorbehalt verachten muss, dass\nihre Art zu denken und zu leisten von der deinen\nsternenweit verschieden ist?\nEr sah mich mit fröhlichen Augen arglos an.;\n„Und du weisst also nicht, dass wir beide wie\nzwei Rubine unter Schottersteinen leuchten, wie zwei\nSterne im Morast; und dass wir uns durch ein Gottes-\nwunder als Zwillinge des Geistes endlich, endlich unter\ndiesem Pöbel gefunden haben!\" .. . Das aber\nwollte ich nur sagen. Von seinem ruhigen menschen-\nfreundlichen Lächeln verstummte meine Rede.\nIch schwieg. Und als wir die übrigen laut plau-\ndernden Spaziergänger eingeholt hatten, da schlug ich\nunbemerkt einen Seitenweg ein. Die kühle Abendluft . . .\nGesang der Vögel . . . von ferne muntere Stimmen\nwie Springbrunnen ... Ich konnte mein Leid nicht\nertragen, ich fiel mitten im Wege auf den nackten\nBoden nieder und weinte stundenlang . . .\nNun ja, Orazio war sehr lieb zu mir, überaus\nherzlich, und bewirtete mich drei Tage. Er schickte\nsogar einen Maler in mein Quartier, der mich für\nseine Gemäldegalerie porträtieren musste. Aber zwanzig\nandere neben mir wurden mit denselben Ehren em-\npfangen. ... Es herrschte eine weiche, nivellierende,\nweltzufriedene Stimmung in seinem Garten und in\nseinem Hause, es herrschte ein süsses, lügenhaftes,\nvornehmes Glück dort, eine leichtsinnige Abgeklärtheit,\neine angenehme Kameradschaft mit den Mindern, ein\nwärmelndes Gleichheitsgefühl.\nSollte darin vielleicht schon eine höhere Entwicklung\nliegen als die, welche ich bisher erreicht habe? . . .\nDieser Gedanke schoss mir manchmal durch den\nKopf.\nIch musste schnei! abreisen. Ich musste diesen\nGedanken abweisen. Denn leider kann ich einem\nNetz von andern Gedanken nicht entrinnen; meiner\nAufgabe, Klarheit zu verbreiten und alle Menschen\naufzufordern, zu mir aufzublicken und zu mir auf-\nzusteigen.\nUnd nun . . . seit meiner Wallfahrt zu Orazio\nfühlte ich mich wirklidh einsam, unverstanden ... in\nder ganzen lächerlichen Banalität, die diesem ekelhaften\nWorte zukommt!\"\n\nUeber Architektur\nVon Adolf Loos\nAus dem Vortrag, den Adolf Loos im Verein für Kunst\nhielt, sei hier eine kleine aber wichtige Stelle mitgeteilt.\nDas Haus hat allen zu gefallen, zum Unterschiede\nvom Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat. Das\nKunstwerk ist eine Privatangelegenheit des Künstlers.\nDas Haus ist es nicht. Das Kunstwerk wird in die\nWelt gesetzt, ohne dass ein Bedürfnis dafür vorhanden\nwäre. Das Haus deckt ein Bedürfnis. Das Kunst-\nwerk ist niemandem verantwortlich, das Haus einem\njedem. Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer\nBequemlichkeit reissen, das Haus hat der Bequemlich-\nkeit zu dienen. Das Kunstwerk ist revolutionär, das\nHaus ist konservativ. Das Kunstwerk weist der Mensch-\nheit neue Wege und denkt an die Zukunft das Haus\ndenkt an die Gegenwart. Wir lieben alles, was unserer\nBequemlichkeit dient und uns bestätigt. Wir hassen\nalles, was uns aus unserer gesicherten Position reissen\nwill und uns belästigt.\nUnd so lieben wir das Haus und hassen die Kunst.\nSo also hätte das Haus nichts mit der Kunst zu tun\nund wäre die Architektur nicht unter die Künste ein-\nzureihen ? Es ist so. Nur ein ganz kleiner Teil der\nArchitektur gehört der Kunst an. Das Grabmal und\ndas Denkmal. Alles andere, das einem Zweck dient,\nist aus dem Reiche der Kunst auszuschalten.\nWenn das grösste Missverständnis, dass die Kunst\netwas ist, was einem Zwecke angepasst werden kann,\nerst wenn das lügnerische Schlagwort „angewandte\nKunst\" aus dem Sprachschatz der Völker verschwinden\nwird, erst dann werden wir die Architektur unserer\nZeit haben. Der Künstler hat nur sich selbst zu\ndienen, der Architekt der Allgemeinheit. Aber die\nVerquickung von Kunst und Handwerk hat beiden, hat\nder Menscheit unendlichen Schaden zugefügt Die\nMenschheit weiss dadurch nicht mehr, was Kunst ist.\nIn sinnloser Wut verfolgt sie den Künstler, und ver-\neitelt dadurch das Schaffen des Kunstwerkes. Die\nMenschheit begeht stündlich die ungeheure Sünde, die\nnicht vergeben werden kann, die Sünde wider den\nheiligen Geist. Mord und Raub, alles kann vergeben\nwerden, aber die vielen neunten Symphonien, die die\nMenscheit in ihrer Verblendung durch Verfolgung des\nKünstlers, wie durch Unterlassungssünden verhindert hat,\ndie werden ihr nicht vergeben. Die Konterkarierung\nder Pläne Gottes.\nDie Menscheit weiss nicht, was Kunst ist. „Die\nKunst im Dienste des Kaufmanns\" hiess neulich eine\nAusstellung in München und niemand lachte bei dem\nschönen Worte „angewandte Kunst.\"\nWer aber weiss, dass die Kunst dazu da ist,\num die Menschen immer weiter und weiter, immer\nhöher und höher zu führen, sie gottähnlicher zu\nmachen, der empfindet die Verquickung von materiellem\nZweck mit Kunst als Profanation der grössten Göttin.\nUnd die Menschen lassen den Künstler nicht gewähren\nweil sie keine Scheu vor ihm haben, und das Hand-\nwerk kann sich mit den Zentnergewichten idealer For-\nderungen nicht frei entfalten. Der Künstler hat bei\nden Lebenden keine Majorität hinter sich zu haben!\nSein Reich ist die Zukunft.\n\nEine Verlorene\nVon Hermann Wagner\nJosefa Novotny war ein Freudenmädchen. Eine\nVerlorene. War Dirne in einer Kleinstadt.\nSeit Jahren schon bediente sie die Stammgäste eines\nkleinen, etwas abseits gelegenen Wirtshauses, das den\nNamen „Zum grünen Tale\" führte. Sie war nicht\nmehr jung, noch weniger schön wusste sich aber im\nBesitze zweifellos schätzbarer und anziehender Eigen-\nschaften, da sie jedem, der es nicht wissen wollte, mit\nNachdruck zu versichern pflegte: sie sei zwar kein\nKind mehr, stelle aber jeden zufrieden, und Gäste, die\nsie einmal besucht hätten, kämen stets wieder.\nSchnitt sie auf! Wohl kaum. Sie machte nicht\nden Eindruck. Ihr Element war das Solide. Das Be-\nhäbige. Das Gesunde und moralische. Raffinierte,\nentflammende Sinnlichkeit, feuriges, wild betäubendes\nTemperament lagen ihr gleich fern. Wenn sie fesselte,\ngeschah es wohl nur, weil sie anders war als die\nmeisten.\nSie wäre entrüstet gewesen, hätte ihr jemand vor-\ngeworfen, sie verkaufe ihren Körper. Gegen einen\nSchandlohn (wie man sagt). Und wäre ihr moralisch\ngekommen. Wie hätte sie sich gewehrt! Wie? Ob\nman denn glaube, sie sei „so Eine?\" Das verbitte\nsie sich! Man möge Madame fragen! Ob sie Schulden\nhabe? Je krank gewesen sei? Sich Liebhaber halte? . . .\nBebend vor gerechter Entrüstung hätte sie so gesprochen\nund wen auch immer mit heiligem Zorn vernichtet.\nNein, Liebhaber hielt sie sich nicht. Die kosteten\nGeld und raubten nur Zeit. Gefühl ist nicht ihre Sache.\nSie war ein wackeres Weib, das das Leben sehr ernst\nnahm, sich rechtschaffen durchschlug und das seine\nzusammenhielt. Umsichtig schaltete sie mit dem vom\nHimmel verliehenen Pfund. Ihren Körper verkaufen!\nGegen einen Schandlohn! Nie! Sie vermietete ihn.\nAuf Stunden. Höchstens auf Nächte. Ordentlich, wie\nman ihn empfangen, hatte man ihn wieder abzuliefern.\nGegen fest normierte Gebühren. Unbilliges verlangte\nsie nicht. O nein! Ehrlich währt am längsten. Sie\nstand auf reellen Füssen. Und die Masse muss es\nbringen. . .\nSie war eine Freundin der älteren Herren. Die\njungen liebte sie nicht, namentlich die Forschen und\nKecken waren ihr ein Gräuel. Die wüst mit dem Gelde\nherumwarfen, sich betranken und gemein wurden. Der\nschönste Verdienst hätte sie nicht vermocht, sich zu\nihnen zu setzen. Da kniff sie stets aus. Nur"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.5", "texte": "schüchterne, unerfahrene Burschen mochte sie leiden,\ndie, wenn sie sie ansah, noch rot wurden und unter\nihren Händen stammelten und zitterten. Zu denen war\nsie zärtlich, nannte sie „Mäuschen\" und „Bubi\" und\nbemutterte sie. Plünderte sie auch nicht aus. Gab\nihnen im Gegenteil gute hygienische Ratschläge und\nWarnungen mit auf den Weg. Und legte ihnen vor\nallem eins immer dringend ans Herz: sie möchten ja\nwiederkommen. Und sie kamen alle.\nIhre Spezialität aber waren die älteren Herren.\nDenen war sie aufrichtig zugetan. Sie hatte ihrer sehr\nviele. Privatiers, Beamte, Gewerbetreibende, ja sogar\nHandwerker und Arbeiter gehörten zu ihren festen\nKunden; sie bildeten ein sicheres Stammkapital, von\ndessen Zinsen sie lebte. Ein jeder von ihnen hatte\nbesondere Eigenheiten, und alle diese Eigenheiten hatte\nsie auf das Sorgfältigste studiert und hätschelte und\npflegte sie mit seltener Hingabe. Den alten Herren\nschien sie ein Ideal. Sie war nicht ungestüm, liess sich\nZeit und kannte Rüksicht. Unzufriedene gab es nicht.\nSie passte sich allen und jedem an. Nichts mensch-\nliches war ihr fremd. Verschwiegen war sie wie das\nGrab. Nie hätte sie einen verraten. Das war ihr\nEhrensache. Das wusste man und schätzte es an ihr.\nIhr Leben hatte den geregelten Gang einer Uhr.\nSie übereilte sich nicht und war auch nicht faul.\nWas sie anpackte, führte sie durch, und was sie zu-\nstande brachte, hatte Hände und Füsse. Nie sprach\nsie viel. In diesem Punkte war sie beinahe phleg-\nmatisch. Was sie aber sagte, darauf legte sie gewöhnlich\nGewicht, daran liess sie mit ausgeprägter Starrköpfigkeit\nnicht drehn und nicht deuten.\nSie scheute auch keine Arbeit. Nähte für sich,\nwusch sich die Wäsche selbst, scheuerte sogar Geschirr,\nMöbel und Zimmer. Und das mit der Gründlichkeit\nder deutschen Hausfrau. Nicht selten ging sie auf den\nMarkt, zum Fleischer, zum Bäcker. Und kochte sich\nselbst. Mit rotem Gesicht, die Aermel ihrer Bluse\nhinaufgestreift, mit einer weissen Schürze angetan, stand\nsie geschäftig am Herde und war für den besten Gast\nnicht zu haben.\nEine ihrer hervorstehendsten Eigenschaften war die\nSparsamkeit. Es gab nichts, für dass sie unnütz Geld\nausgab. Sie war nicht geizig, liebte es, behäbig zu\nleben und nirgends zu darben. Mied aber alles Ueber-\nmass und zog weise Grenzen. Was sie kaufte, war\nsolid, nicht prunkend. Batist und Seide kannte sie\nnicht. Hatte aber gute und reichliche Wäsche und\nUeberfluss an Kleidern und Schuhen. Sie legte Pfennig\nzu Pfennig, zählte mit Inbrunst ihr Silber und Nickel,\nwog und schüttelte ihren Schatz und schien sich an\nseinem Klange, seiner Schwere zu berauschen. Eine\nnaive Freude am Geld um seiner selbst willen be-\nherrschte sie. Von Zeit zu Zeit machte sie sich dann\nfestlich geputzt auf den Weg zur Sparkasse. Mit Selbst-\nbewusstsein und einer gewissen herausfordernden Würde\nzog sie vor den Herren, die sie alle kannten, ihr\nBüchel und fügte ihrem Guthaben ein weiteres Plus\nhinzu. War es auch nicht gross, so wuchs es doch\nstetig. Und alle hatten Respekt vor ihr. So wurde\nsie immer älter, kühler und klüger. Auch wie es schien\nimmer anziehender und begehrenswerter. Da sie nie\nschön gewesen war, konnten die zunehmenden Jahre\nihr [Schönheit nicht rauben. Wohl aber begann ihr\nKörper, der nie wüst und unvernünftig gelebt hatte,\njene weiche nicht überquellende Fülle anzunehmen,\ndie die Frau von dreissig bis vierzig Jahren, wenn sie\ngesund ist, reizend macht. Nur eine Sehnsucht ging\nheimlich durch ihr Leben. Ein Gedanke, der sie nie\nverliess, der alles, was sie dachte, tat und wünschte,\ntotal beherrschte, den sie wie eine schmerzliche Hoff-\nnung verstohlen mit sich herumtrug: der Mann. Sie,\ndie ein Heer von Männern verbraucht, die stumpf,\nohne Nerven, alle Grade männlicher Gier gekühlt\nund gesättigt hatte, harrte verschwiegen eines Ge-\nfährten. Dass er kommen würde zweifelte sie keinen\nAugenblick. Dass er auch etwas ordentliches vor-\nstellen, brav, solid sein, ein festes geregeltes Einkommen\nhaben müsse, war ihr unerlässliche Voraussetzung.\nEin kleiner Beamter oder Angestellter, ein älterer\nWitwer oder Junggeselle, wenn auch unansehnlich,\nkränklich oder alt. Ein Mann, der ihr seinen Namen\ngab, mit dem ihrem Leben die Erfüllung wurde. Den\nsie pflegen, dem sie dienen: den sie lieben konnte.\nSicher kam die Zeit. Das wusste sie. Und ruhig\nsah sie ihr entgegen. Die Tage kamen und gingen«\nSie musste siegen.\nSo war Josefa Novotny. Alle, die sie kannten,\nschätzten sie hoch.\n\nDas Schweigen im\nBlätterwald\nHerr Fedor von Zobeltitz, Leutnant a. D., hat sehr\nschlechte Romane geschrieben, worauf das Publikum\nmit der in Deutschland beliebtan Antwort\ndass es diese Romane kaufte. Zeitweilig kommt Zobel-\ntitz sogar lyrisch des Weges, aber seine Worte plätschern\ndünn, sanfter Teeaufguss, oder haben den faden Ge-\nschmack schimmligen Roggenbrotes, den man bei der\nLektüre des Dichters Wilhelm Neumann empfindet.\nMan sagte mir, dass Zobeltitz wohl wüsste, welcher\nQualität seine Romane seien — nicht prima ff. Ware\n(bei dem Zobeltitzschen Engrosbetrieb möchten kauf-\nmännische Ausdrücke am Platze sein), sondern Sorti-\nment zu Partiepreisen mit Pfefferkuchenrabatt. Zobel-\ntilz soll sich jedoch für einen Bibliographen halten.\nNun veröffentlichte er in „Velhagen und Klasings Monats-\nheften,\" in denen immer noch der bis in die Finger-\nspitzen lyrische Carl Busse spukt, einen Aufsatz —\noder nannte er ihn schelmisch lächelnd „Plauderei\"?!\n— „Der Pegasus im Weltenraum.\" Ich weiss nicht,\nwelche Vorstellung Herr von Zobeliitz von diesem ver-\nflixten Vieh hat — sein Musenross ist stets ein Stecken-\npferd gewesen; auch der Aufsatz bringt keine Lösung.\nDer Bibliograph von Zobeltitz schreibt mit vielen Worten\nwenig von schlechten Romanen, die im Aether spielen.\nEin paar verschollene Schmöker eröffnen den Reigen,\ndie man im Goedicke verzeichnet finden mag, Jules\nVerne wird genannt, Poe mit dem sehr schwachen\nRoman „Hans Pfalls Mondfahrt,\" die „Ersten Menschen\nim Monde,\" ein misslungenes Werk des geistreichen\nH. G. Wells (das im Deutschen, dank den Bemühungen\ndes Herrn F. P. Greve völlig ungeniessbar ist) leiten\nzu den „Marsmenschen\" des Herrn Kurt Lasswitz und\nanderen modernen Schöpfungen von ähnlichem Wert\nüber. Mit keinem Wort aber wird Paul\nScheerbart erwähnt! Sollte ihn der gelehrte Biblo-\ngraph von Zobeltitz nicht kennen, nichts wissen von\ndem Mondroman der „Grossen Revolution\" uud von\nder tollen Fahrt durch den Raum in „Na prost!\" — ?\nWo war Zobeltitz, als er diesen Aufsatz schrieb? —\nIch glaube, er schrieb einen neuen halbsüssen Sektroman\nund es sass ihm etwas im Nacken. Es war aber keine\nMeerkatz, sondern ein Meerkater.\nDie grosse Revolution / Ein Mondroman von Paul\nScheerbart / Im Insel-Verlag Leipzig\n\nDie Beichte eines Toren\nTagebuchnotiz\nR. K. Neumann\nImmer wieder muss ich an warnend in die Höhe\ngestreckte Schwurfinger denken, wenn ich von der\n„Beichte eines Toren\" höre. Vor Jahren ist mir die\nersten Uebersetzung in die Hände gefallen, die das\nnormale Sittlichkeitsgefühl eines preussischen Schutz-\nmanns in Verwirrung brachte, worauf das Buch kon-\nfisziert ward. Ich habe es jetzt wieder gelesen, jenes\nseltsame Buch, habe es mit dem anderen verglichen,\ndas kaum etwas von Strindberg gibt, aber immer noch\nmnss ich an die zitternde Schwurhand denken. . .\nWarum richten, warum hassen? Sohn einer Magd!\nwir alle treiben auf jenem fahlgrünen Gewässer, das\nman Leben nennt. — Manchmal kommen Stunden, in\ndenen etwas von uns abfällt, wie die Haut sich vom\nSchlangenleibe löst, aber im Gegensatz zu diesem\nTiere lassen wir die Haut nicht vermodern, sondern\nheben sie auf, um sie eines Tages wieder anzulegen«\nMan muss, sparsam sein, denn die Grillen können im\nWinter nicht singen. Erinnerungen nennen wir die\nalten Häute — aber wir legen sie an, wie wir wollen.\nWarum schreit Strindberg immer von seinem Schmerz\n(den er unschuldig leiden muss)? Restif, der ein ähn-\nliches Schicksal hatte, liebte die Frauen und dankte\nihnen für alles, was sie ihm gaben. Es war wenig\ngenug. Ist es ein Zufall, dass im „Monsieur Nicolas\"\nSeiten stehen, die Strindberg geschrieben und in der\n„Beichte eines Toren\" Kapitel sind, die Restif verfasst\nhaben könnte? Die „Beichte eines Toren\" ist eine\nWelt; eine Welt voll düsterer fleckiger Gestalten.\nHöllenbreughel. Voll kalter Stürme und entsetzlicher\nRegenschauer, voll Menschen, die gepeitscht durch Ein-\nöden rasen und, schon verzweifelt, einem fernen Licht\nnachgehen, obgleich sie an sein Leuchten nicht mehr\nglauben. Ich kenne vieles von Strindberg, niemals aber\nempfand ich seine einsame Grösse mehr. Wie Zyklopen-\nhammer sausen die Worte herab, ein Vergleich mit\neinem anderen Werke der Weltliteratur fehlt Denn\ndieses Buch gehört der Weltliteratur an, wie Dantes\nInferno ihr angehört. Man kann es begreifen, dass\ndie baumwollenen schwedischen Protestanten sich lieber\nden sanften Paul von Heyse aussuchen, um den Nobel-\npreis loszuwerden, als dass sie Strindberg wählen. Dass\nsie sich lieber den Magen mit Malzbonbonleim verkleistern,\nder milde schmeckt, als durch Strindberg Revolutionen\nerleben. Auch in Schweden gibt es Schutzleute —\nund Nobel hat nur das Dynamit nicht das Pulver er-\nfunden.\nDie B eichte eines Toren erschien bei Georg Müller\nMünchen.\n\n„Empfehlenswerte\nBücher”\n\nDie „Insel\" war die erste deutsche Kulturzeitschrift\neuropäischen Stils. Ihr aufzeizender Hochmut verletzte\ndas deutsche Gemüt, ihr Kosmopolitismus rang völkischer\nBegeisterung jähe Verachtung ab. Und dieses gute\nKulturgefühl gab ihr eine bestimmte Physiognomie, die\ndurch keines Reporters Behendigkeit entstellt wurde.\nUnd als sich ein Verlag um sie kristallisierte, behielt\ner diesen abstandsuchenden Charakter durchaus, ja\nvielleicht verlor er noch jenen penetranten Erdgeruch,\nder den seligen Bierbaum an das heimatliche Wurst-\nland band. Der „Insel\" hat das Bedürfnis nach einem\nstilvollen Buchäusseren zu einer Angelegenheit des\ntäglichen Gebrauchs gemacht.\nDie meisten Dichtungen, die im Aufstieg europäischer\nEntwicklung an entscheidender Stelle eingetreten sind,\nhat der Insel-Verlag ihrem Reklam-Dasein entzogen.\nEs ist nun so, dass man den Don Quixote lesen kann,\nohne von dem Gefühl historischen Abstands entfernt\nzu werden, das die üblichen Ausgaben immer herauf-\nbeschworen. Mit innigem Vergnügen giebt man sich\ndem behaglichen Tempo der Irrfahrten des Gil Blas\nhin, empfängt diese von fröhlicher Sichtbarkeit erfüllte\nProsa, ohne dass ein raffiniert verengter Druck die\nwillige Aufnahme stört. Und ich möchte das gute\nGefühl nicht entbehren, den Decameron in einer Form\nzu besitzen, die der Grazie des Inhalts einfühlend sich\nanpasst. Spartanische Seelen werden diese „Aeusser-\nlichkeiten verachten\". Dafür aber werden sie als Vege-\ntarier enden.\nDoch das Schönste, was ich im Insel-Verlage ge-\nfunden habe, ist die Neuausgabe des jungen Goethe.\nIn der Folge des Entstehens reihen sich die ursprüng-\nlichen Fassungen der Dichtungen aneineinder, die wir\nmeist in der Ueberarbeitung des Alters kennen. Aber\nmit welch anderer Jugend, mit welch anderer Lebens-\nenergie tritt dieser brausende Mensch vor uns, der\nin Flammen lodern lässt, was seine Fingerspitzen be-\nrühren. Man muss nicht durchaus Historiker sein, um\nmit unabweisbarer Deutlichkeit zu fühlen, wie im Licht-\nkreis dieser Seele alle überkommenen Dinge im neuen\nGlanz zu strahlen beginnen, wie längst entleerte Formen\nsich mit neuer Daseinskraft erfüllen. Und nie wird\nman sich einem Dichter näher fühlen, als beim Lesen\ndieser Prosa, die gleichsam den Eindruck eines privat\nin der Hand gehaltenen Manuskriptes suggerieren. Man\nerlebt das Beispiel eines dämonischen Aufstiegs, in dem\njede Etappe ein immer reicheres Ausströmen ritaler\nKräfte bedeutet — ein seliges Auflösen in der drama-\ntischen Bewegtheit eines durch seine eigene Schwer-\nkraft rasend dahinrollenden Lebens.\nAuf die gelehrte Bedeutung dieser Ausgabe einzu-\ngehen liegt hier kein Grund vor. Es sei nur im Vor-\nübergehen erwähnt, dass der Insel-Verlag für Heine\nund Kleist, Lenau und Heinse eine würdige Form ge-\nschaffen hat. Besonders sei nur die wunderschöne\nAusgabe des Heinseschen Petronius genannt; dieses\nlasterhaftesten Werks der Weltliteratur, dem an epiku-\nräischer Gelassenheit und Behagen am dekorativen\nReiz der Korruption nichts zu vergleichen ist.\nDieses gleiche antike Dasein spiegelt sich in\n„Marius der Epikuräer\" dem reifsten Werke Walter\nPaters. Ich weiss nicht in welchem Masse dieses\nWerk in Deutschland Leser gefunden hat Ich glaube\nauch nicht, dass preussische Nutzgehirne diese ruhige\nganz auf Ausdruck ihrer Inhalte bedachte Prosa\nwachend überdauern. Aber ein Mensch, der den Be-\ngriff des Stils irgendwann einmal in seiner ganzen Be-\ndeutsamkeit erlebt hat, wird diesem Buch mit inniger"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.6", "texte": "Freundschaft anhängen als machen reicherem Kunst-\nwerk. Die geheimnisvolle Anmut platonischer Dialoge\natmet in diesen Aufzeichnungen: man erlebt die zarten\nWallungen einer Seele, die alle Begebnisse in sich\naufnimmt, sie durch sich hindurchgleiten lässt und sie\nihres besten Lebensgehaltes beraubt wieder entlässt.\nEs ist, als sei durch die ungeheueren Gebirge von\nBüchern, die antikes Leben festhalten, ein Querschnitt\ngemacht worden: und seine sinnvolle Zusammendeutung\nsei nun dieses Werk, dessen Inhalt so gleichgültig ist,\ndessen reine Linie jede Tatsache verzerren würde.\nIch kenne wenig Bücher, die so den Rythmus unseres\neignen Lebens auf eine Weile zu bändigen wissen,\nihn zu jenem massvollen Gleiten bestimmen, dass bei\nPlato Sophrosyne heisst.\nEs liegt in der Atmosphäre, die den Namen Paters\numgibt, dass man der Verse John Keats gedenkt,\ndieses katullischen Geistes voll mystischer Daseins-\nseligkeit. Der Ruhm dieser Verse ist zu gross, um\nmehr als der Erinnerung zu bedürfen. Aber ich habe\nnicht geglaubt, dass diese gleichsam substanzlosen Verse,\ndieses sanfte Verebben von Akkorden in eine andere\nSprache zu fassen wäre. Nun ist es Gisela Etzel ge-\nlungen, mehr als ein Surrogat zu schaffen. Vielleicht\nsind die Formen etwas starrer geworden: aber jene\nrührende Zartheit der Annäherung an ein Objekt, jene\ngeheimnisvolle Ausbreitung eines Erlebnisses in die\nzartesten Formen seines Daseins verleiht auch diesen\nUmdichtungen ihr eigenes Leben.\nUnd dann mag noch ein Hinweis auf das Werk\nArtur Rimbauds hier stehen: als des farbigsten, spannungs-\nvollsten Ausdrucks der französischen Lyrik im neun-\nzehnten Jahrhundert. Sein Leben symbolisiert sein\nWerk: ein Leben voll zusammengepresster Energie,\nheroisch und zart, verachtend und von inneren Schauern\nzusammengeworfen, elementar wie die Gebärde Balzacs,\nRodins Werk. Wohin der Strahl dieses Auges trifft,\ntaumeln die Dinge in bizarren Kreisen. Mikroskopisch\nerweitert sich zu Ungeheurem, das Weltall dampft zu\neinem jäh erfassten ganz zugespitztem Reiz zusammen.\nDie Greuel der Vernichtung in einem Stecknadelknopf\nSchimmel, das Chaos der Schöpfung das Erlebnis eines\nAugenaufschlags — so braust es in seinen Versen.\nUnd dann die wilden Schwankungen eines wüsten\nKolonisatorenlebens: um elend als Krüppel abzusterben.\nDer Tod im marseiller Spital, wo die matten Lippen\ndes Ausgestossenen von Amethystsäulen und weissen\nEngeln flüstern: der Sterbende ist in den Ländern seiner\nSehnsucht. Und jeder Vers, in dem dieses Leben sich\nfing, glüht von seiner atemlosen Energie.\nEs ist nicht meine Aufgabe, das Inventar eines\nVerlages glossierend zu begleiten. Ich wünschte nur\nein paar Bücher zu nennen, die den Vertrieb salon-\nfähiger Schundliteratur ein wenig hemmen sollten. Es\nist Sache des Einzelnen, über diese Angaben hinaus\nzum Insel-Almanach für neunzehnhundertelf zu greifen,\ndessen Titelzeichnung übrigens in ihrer wundervoll\ndurchkomponierten Grazie diesem Verlag zum Symbol\nwird.\n\nT.\n\nGötzendiener\nJ. A.\nTod dem „Zweiten Leben”\nDie Berliner Theaterkritiker haben dem letzten\nBühnenwerk Hirschfelds einmütig die kürzeste Lebens-\ndauer angesagt. Die Liebe, die Hirschfeld einstmals\nin so reichem Maße von der Presse empfangen hat,\nist heute fast tot. Nicht einmal scheintot wie seine\nEvelyn Gray. Die ungetreue, ränkesüchtige Buhlerin\nPresse hat seinem „Zweiten Leben\" ein Grab\nbereitet, so tief, als ihr Geschmack oberflächlich\nist. Hirschfeld zählt nicht mehr zu den grossen, Tan-\ntiemengold fressenden Götzen, die man unter des\nStriches (mit Schächern übervölkerten) Vorhof zum\nTempel der Künste an- und lobpreist. Nur noch die\nSymphathie der Abtrünnigen und eine schüchterne\nHoffnung sind ihm sicher.\nTeilweise mussten auch die Darsteller des Lessing-\ntheaters unter dem Missgeschick des treuen Brahminen\nleiden:\nHier zwei Urteile über ihr Spiel:\nOskar Sauers grosser Kunst gelang es,\nin dem Dr. Lyde eine Figur zu schaffen, die\nman so bald nicht wieder vergessen wird.\nHans Marr und Mathilde Sussin ver-\nvollständigten neben anderen das glänzende\nEnsemble. Zu einem Siege vermochte aber\nauch die musterhafte Darstellung dem Stücke\nnicht zu verhelfen.\nVolkszeitung 1\nDie Aufführung tat freilich wenig, es zu\nerwärmen. Mit dem modernen Kostüm ver-\nlässt das Lessing-Theater nach wie vor die\nMajorität seiner guten Geister. Ueberdies\nblieb der Dialog zur grösseren Hälfte Ge-\nheimnis der Schauspieler. Auch Herrn Sauer,\nder wohl einen besonders schlechten Abend\nhatte, fehlte gestern die Wahrheit der Emp-\nfindung wie der Rede, die wir an ihm lieben.\nDie Vertreter der kleineren Partien — die\nHerren Froböse, Marr, Stieler, Marx,\nFrau Sussin und Fräulein Herterich —\ntaten nur eben ihre Pflicht.\nMorgenpost\n112 Aber keineswegs musste erst Reinhardt den Ver-\nsuch machen, der Bühnenkunst eine neue Grundlage\nauf „geharktem Sande\" zu bauen, damit wir die\n„Arbeit\" unserer Kritiker nicht ernster als Clown-\nspässe nehmen.\nDas Mysterium der roten Weste\nHeute ist Roda Roda der Mann des Tages-\nzeitungenstaates. Seiner roten Weste (ganz zu schweigen\nvon dem Monokel) kann kein Schmock widerstehen.\nSie muss ihn selbst der leisesten Zweifel an der Klas-\nsizität des Bordellhumoristen benehmen und sie\nwird ein schreiendes Wahrzeichen für die frivole Wand«\nlungsfähigkeit des sogenannten literarischen Geschmackes\nunserer Presse und der Gesellschaft bleiben. In Roda\nRoda haben sie, und es konnte gar nicht anders\nkommen, den „Dichter\" gefunden, dessen Zoten ihrer\nSchwachsinnigkeit kongenial sind. Er kitzelt und er-\nschüttert das berühmte Zwerchfell (o liebliche Um-\nschreibung) wie keiner sonst, und er trägt zudem eine\nrote Weste und ein Monokel.\n| [Im „Ulk\" liess man sich letzthin zu seiner grösseren\nEhre sogar zu dieser Verunglimpfung Poes herbei:\nEin nicht gerade unbekannter humoristischer\nSchriftsteller schreibt unter dem Namen Roda\nRoda. Wie gut, dass Edgar Allan Poe\n(sprich Po) seinen Namen nicht ebenfalls dop-\npelt auf die Manuskripte gesetzt hat.\nDer „Ulk\" sollte Poe dafür dankbar sein. Niemals\nwäre ihm ein derberer Klosettwitz vorweggenommen\nworden. Und doch — um wie viele Jahre früher hätte\nPoe in Deutschland Eingang und in einem Ewers\nseinen Meister gefunden, wenn er auf die einzige Roda\nRoda'sche Idee gekommen wäre, seinen Namen zu ver-\ndoppeln. Welche treffenden Beifsllsworte hätte ein\nSchmock zum Beispiel für eine Vorlesung Poes ge-\nfunden, wenn er Roda Rodas letzten Schwankabend\nim Tageblatt (aber nicht im Ulk) schon dergestalt\nverherrlichte:\nRoda Rodas letzter Schwankabend im\nChoralionsaal war ein Feuerwerk von Scherz-\nraketen, von denen nicht eine versagte. Dem\nPublikum war beim Genuss der überraschend\npointierten Schnurren, die der Märchenerzähler\nin der roten Weste und mit dem Monokel\nzum besten gab, sehr behaglich zumute. Roda\nRoda hat bald den Bindestrich, den er in\nseinem Namen so verabscheut, zu seinem\nPublikum gefunden. Und nun ging es Schlag\nauf Schlag — jedesmal ein Schlager. Es war\nein lustiger Abend erster Ordnung selbst für\ndickfellige Zwerchfelle. Roda Roda trug nur\nEigenes vor. Ein paar Proben, die den Lesern\ndes „Ulk\" schon bekannt waren, erschienen im\nRampenlicht in neuer Tönung. Kurz, es lässt\nsich kaum ein Jota Jota davon abstreiten,\ndass Roda Roda, der in seinem Akzent leise\nan Schroda Schroda erinnert, eine Nota Nota\nfür sich ist.\nRoda Roda und das Tageblatt ergänzen sich wie\ndie zwei [Hälften jenes Körperteils, aus dessen Per-\nspektive Kritik und Gesesellschaft den Literaturmarkt\nbetrachten und werten, und an den sie erinnert werden\nmüssen, wenn nur von Poe die Rede ist\n\nKreuzberg\nErnst Blass\nWir schleifen auf den müdgewordnen Beinen\nDie Trägheit und die Last verschlafner Gierden.\nUns welkten (ach so schnell!) die bunten Zierden:\nDurch Dunkliges kriecht geil Laternenscheinen.\nIm Trüben hat ein träger Hund gebollen.\nAuf Bänken übertastet man die Leiber\nZum Teile garnicht unsympathscher Weiber.\nDie schaukeln noch; wir wissen, was wir wollen.\nDu gähnst mich an: in Deinem Gähnen sielt\nSich halverfaulte Geilheit. — Hundgebelle —\nUnd durch das überlaubte Dings da schielt,\nIn Stein gemetzt, der Bürgermeister Zelle.\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRöcksendung findet in keinem Falle statt\nDR. S. FRIEDLAENDER\nFriedrich Nietzsche / Eine intellektuale Bio-\ngraphie\nLeipzig / G. J. Göschensche Verlagshandlung\nFRIEDRICH|KURT BENNDORF\nAlfred Mombert / Der Dichter und Mystiker\nLeipzig / Inselverlag\nLUDWIG SPEIDEL\nLustige Zeiten / Weihnachtsblätter\nBerlin / Meyer u. Jessen\nMAX DAUTHENDEY\nWeltspuk / Lieder der Vergänglichkeit\nVerlag Albert Langen München\nFRIEDRICH KURT BENNDORF\nSamain / Essays und Umdichtungen\nVerlag E. W. Bonseis u. Co München\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nI. V.: Oskar Kokoschka\n\nBUCHDRUCKARBEITEN\nALLER ART\nIN MODERNER AUSFOHRUNQ\nBEI BILLIGSTER BERECHNUNG\nLIEFERT DIE BUCHDRUCKEREI\nCARL SCHOSSLER - HANNOVER\nARTILLERIESTRASSE 15"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "337", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.7", "texte": "Ilcuc Secession\n3aaas saass 3bb« gggg sssag sag\niatecie llajrimiliaii Uladii\n853885 388SS SSSS MS 3S3BS 3SSSS SSH\nBerlin 81., Kanke-Strasse 1\nan der Kaiser Slilf>eln» Geddcbtnls - Klrcbe"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "338", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101215-01.1.8", "texte": "Verantwortl. f. d. Anzeiger« : D. ü. Friedrichs-Hannover / Verlag Der Sturm Berlin Halensee Geschäftsstelle u. Anz.-Annahme: Berlin W. 35 , Druck v. Carl Schussler-Hannover\n\numi\nIm*.\nWIAiC/9 (fcttotlk.,\n&s*jxuyAA>\nS\\AAAX*\nftAiiMnuAw (/\\iuu\n&b^\n\nKurhaus und Erholungsheim\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit v. 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Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURG\nWilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5—6 Uhr\n\ns^d\"n Cafe Continental E£5T\nJeden Abend 'von 9—4 Uhr Nachts':\nGROSSES KCNSTLER-KONZERT\n:s Alle bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften ::\n\nS3\nKAISER-SAAL -\nTagiich: Translateur - Konzert.\n\nPreis 1 Mark Preis 1 Mark\nMenthol-Malz-Dragees\nn\nm\nSicheres Mittel gegen akute Katarrhe der Atmungsorgane\nermoglicht Schauspielern und Sangern sofortigen\nGebrauch der erkrankten Organe\n■■ » m\nZAHLREICHE ANERKENNUNQEN\nZu haben ia alien Apotheken und Drogerien / Alleinige\nFabrikantin „Pharmacia\" / Fabrik fiir pharmaceutischen\nBedarf / Berlin-Halensee\nWohlschmeckend Sicher wirkend\n□\n□\nJL\n\nVerlag\nDER STURM\n\nUnser Plakat, Kiinstlerlithographie in\nDreifarbendruck von OSKAR KO-\nKOSC H K A ist soeben erschienen.\nDen Buchhandlern und Verkaufern\nunserer Zeitschrift stehen Exemplare\nkostenlos zur Verfiigung. Preis fiir\nPlakatfreunde Mk. 1.— / Vorzugs-\ndrucke (50 Stiick) Mk. 5.— nur direkt\ndurch den Verlag :: :: ::\nDER STURM, Berlin - Halensee"}]}