{"numero_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_sha256": "8579390420f461436aaad2b56a3b0770d5ef741d0f19920e8736d979550a749e", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1910/12/22_01/bmtnabg_1910-12-22_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1910/12/22_01/bmtnabg_1910-12-22_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-22_01#c001", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "339", "page_fin": "339", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.2.1", "titre_corps": "INHALT :", "titre_sommaire": "INHALT :", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.1", "debut_caractere": 790, "fin_caractere_exclue": 1156, "texte": "INHALT :\nALFRED MOMBERT: Still ist es, still 1 / LUDWIG SPEIDEL: Alte Mädchen / PAUL SCHEERBART: Der Kaiser von Utopia / FRIEDRICH KURT BENNDORF:\nVom lyrischen Idom / HEINRICH EDUARD JACOB: Die Sommernacht / KURT HILLER: Der Eth / ERICH UNGER: Die Gehemmten / T: „Bücher zu Geschenkzwecken\" /\nK. 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Im Herbstgebiet,\ndurchklungen von dem Schall der vielen Quellen.\nMein Auge weltfrei offen im Aether.\nUeber gelben Blättern,\nniederwehend bei kalten Brunnen . . .\ndie ferne Flöte.\nDort stand ich lange mit kristallnem Auge,\nes zogen weisse Wolken durch die Zeit,\nam Rand der Ströme blinkte dünnes Eis.\nIch olickte einmal auf: und es stand Einer nahe:\nund dann erblickte ich immer ihn.\nDenn Dieser stand mit Haupt und Schultern\nals tragender Riese unterm Sterngewölbe,\nhochstützend alle Herrlichkeit der Welt.\nAuf seinem Antlitz,\nauf seinem wundervoll erhellten Antlitz\nerschien das dämmernde Bild der Welt,\nLicht und Schatten, spielend um die Lippen,\nherquellend masslos aus den Glanz-Bezirken.\nBei solchem stand kristallnem Auge,\nes zogen weisse Wolken mir ums Haupt,\nzu meinen Füssen blinkte das Eis.\nUnd danach kams: Auf seinen Lippen\nentstand ein Wort. Nicht hörbar,\naber mir sichtbar. Sinkendes Licht,\naus seiner Welt hinsinkend in die meine.\nIch nahm ich nahm sein Licht, und\nnahm dann\nseine ganze Welt auf meine Schultern.\nDas dämmernde All, die strahlenden Lichter,\nalle Glut-Gesetze.\nAls wär das immer so gewesen,\nso stand ich jetzt als Himmel-Träger,\nindessen Jener langsam drunter wegging\nwie der Welt-Schatten,\nhinüberging ins Herbstgebiet\n— traumaltes Auge —\ndort hinzusitzen mit gestütztem Haupt,\nwo kalte Brunnen verschüttet schluchzen\nunterm ernsten Laub.\nUnd Glanz und Finsternis bezog mein Antlitz.\nHohe Vergessenheit. Erschienenes Sinnbild.\nStill ist es. Still.)\nManchmal kommt noch ein Weib,\nwie Erinnerung\nsteht es in sanfter Ferne,\nbeschauend mein beglänztes Auge,\nden Weltbau, die Lichter,\ndie Adern meiner tragenden Hände;\nund mein beschattetes Geschlecht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-22_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "340", "page_fin": "340", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.2.4", "titre_corps": "Alte Mädchen", "titre_sommaire": "Alte Mädchen", "signature_source": "Ludwig Speidel", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.2", "debut_caractere": 1734, "fin_caractere_exclue": 10486, "texte": "Alte Mädchen\nVon Ludwig Speidel\nWie gewöhnlich, wenn die Weihnachtszeit herannaht,\nhabe ich wieder die Nase voll Tannenduft, und diese\nvon der Kindheit her vererbtejangenehme Gewohnheit,\ndie ich noch jetzt in jedem Sinne grün nennen möchte,\nstimmt mich mitteilsam, soweit ein von Natur so kurz\nangebundener Mensch auf solche freigebige Bezeichnung\nAnspruch machen darf. Doch schäme|sich des Kindes\nin ihm, wer da will — wir wollen nicht die Philister\nsein, die altklug von der Höhe ihrer Weisheit herab-\nschauen, wenn Kindern fder Wald ins Haus\nwächst und in jedem Tannenwedel das Harz sich rührt\nund das warme Gemach mit Wohlgeruch erfüllt. Das\nist der wahre Duft der Seligkeit, die Atmosphäre des\nKinderhimmels Das riecht nach Glück und bringt es\nauch, erschiene es nun in j Gestalt von funkelnden Dia-\nmanten vergoldeten Wallnüssen. |Ich höre es\nwieder in den Wänden rieseln, als ob tausend geschäf-\ntige Geister ihr Wesen trieben, die Türklinke knackt\nleise, ohne dass jemand in die\"; Stube tritt, und ein\nRascheln und Flüstern geht durch das Haus, welches\nman nicht |allein dem geschüttelten Rauschgold zu-\nschreiben möchte. Die Familiengeister gehen um, zu-\nmal der hundertfältig sich teilende Geist der Mutter,\ndie jedes Bedürfnis kennt und wahrr, vom aufgezoge-\nnen Saume des zu langen Unterröckchens bis zum\nSeelenheile des kleinen Naturheiden, der ihrem Schosse\nentsprossen ist. Zwischendurch, wenn eine ferne Tür\naufgeht, erschallt frisches Kindergelächter, oder ein zärt-\nlich fortgescholtenes neugieriges Gesicht guckt in das\nZimmer hinein. Aber die heranwachsenden Mädchen\nsind schon vom Geiste der Mutter beseelt, denn wäh-\nrend die Gute selbst, jeden Wunsch bedenkend den\nFamilienbaum rüstet, putzen sie für arme Kinder eine\nkleine Tanne, auf deren Spitze sie ein nacktes Knäb-\nlein setzen, welches sehr gesund aussieht, und von dem\nin kindlichen Kreisen die Sage geht, dass es die Welt\nerlöst habe. Und die Sage hat recht. Kinder, kleine\nwie grosse — wenn sie gross geworden sind, heisst\nman sie Genies — erlösen die Welt noch täglich, und\nam heutigen Kindertage, ihr Kleinen, ist unsere Selig-\nkeit nur ein Abglanz der eurigen. Die kleinen Hei-\nlande blicken uns aus ihren grossen Kinderaugen er-\nstaunt an, sie kennen die arge Welt noch nicht und\nspielen lächelnd mit einer Passionsblume,\nWenn ich aber bei den Kindern dankbar zu Gast\nsitze und mich an ihrer Seligkeit sonne, so muss ich\njedesmal der Stiefkinder des Glücks gedenken, denen\nder Himmel nur graue Tage und öde Nächte beschert\nIch will noch nicht von den Armen reden, denn was\nist arm und reich? Wir sind nie reich genug, um\nden hohen Flug unserer Wünsche zu erreichen, und\nselten so arm, dass wir nicht täglich einen Sonnen-\nstrahl der Freude empfangen könnten. Ich will von\nwahrhaft armen Wesen sprechen, die so oft, wenn\nalles sich freut, traurig beiseite stehen, traurig und un-\nbeachtet, wenn nicht gar verachtet. Diese Aschenbrödel\nder bürgerlichen Gesellschaft, am Weihnachtstage, dem\nFeste der Kinder, doppelte Aschenbrödel, sind — das\nWort will garnicht aus der Feder — die alten Mädchen.\nAlte Mädchen! Mädchen und alt! Es besteht ein\nsolcher Widerspruch zwischen diesen beiden Wörtern,\ndass sie selbst erstaunt sind, so hart nebeneinander\nzu stehen. Mädchen — ein Geschöpf voll Verheissung,\neine blühende Anweisung auf Leben, Genuss und Glück!\nUnd alt — der Abgrund alles Unwünschenswerten.\nSo grausam aber diese Bezeichnung auch sein mag,\nsie ist nicht grausamer als das Geschick der damit\nbezeichneten. Ein altes Mädchen sein heisst ein\nSchicksal tragen, an welchem eigene Verschuldung nur\nin den seltensten Fällen einen bedeutenden Anteil hat\nMan ist meistens ein altes Mädchen, wie man ein\nGenie ist; ohne Verdienst oder Schuld; nur mit dem\nschneidenden Unterschiede, dass dem Genie, weil es\ndas selbstverständlich Göttliche ist, alles als Verdienst,\ndem alten Mädchen aber, weil es schicksalvolles Un-\nglück trägt, alles als Schuld angerechnet wird. Es\ngibt im strengsten Sinne notwendigerweise alte Mädchen:\nNatur und [gesellschaftliche Verhältnisse wollen es so,\nwas aber notwendig ist, gerade das an mir verspottet\nund verlacnt zu sehen, ist das unbarmherzigste und\nunerträglichste. Ein altes Mädchen fordert, wenn nicht\nMitleid, doch Mitgefühl heraus.\nSchon fcin frühen Zeiten hat die Frage der alten\nMädchen die Geister beschäftigt. Mit seiner heiteren\nAnschaulichkeit schildert der Vater der Geschichte eine\nbabylonische Sitte, die es mit unserem Gegenstande\nzu tun hat. „In jedem Dorfe,\" erzählt Herodot,\n„wird alle Jahre einmal also getan: wenn die Mädchen\nmannbar geworden, so mussten sie alle zusammenge-\nbracht und auf einen Haufen geführt werden. Rings-\numher stand die Schar der Männer. Sodann hiess der\nAusrufer eine nach der anderen aufstehen und ver-\nsteigerte sie. Zuerst die allerschönste; dann, sobald\ndiese um vieles Geld erstanden war, rief er eine an-\ndere aus, welche nächst dieser die schönste war, aber\nalle mit dem Beding, dass sie geehelicht würden. Was\nnun die Reichen unter den Babyloniern waren, die da\nheiraten wollten, die überboten einander, um die Schön-\nste zu bekommen; was aber gemeine Leute waren,\ndenen es nicht um Schönheit zu tun war, die bekamen\ndie hässlichen Mädchen und noch Geld dazu. Denn\nwenn der Ausrufer alle schönen Mädchen verkauft\nhatte, so musste die Hässlichste aufstehen, und nun\nrief er diese aus. bis sie dem Mindestfordernden zu-\ngeschlagen wurde. Das Geld aber kam ein von den\nschönen Mädchen, und auf diese Art brachten die\nschönen die hässlichen an den Mann. . So weit\nHerodot. Dieser babylonische Methode, eine soziale\nFrage zu lösen, hängt doch, vom übrigen Bedenklichen\nabgesehen, ein grosser Fehler an: sie legt einen\nschwankenden Massstab zu Grunde. Denn was ist\nhässlich? Es gibt immer noch eine Hässlichere, also\nkeine unbedingt Hässliche. Hässlich sein, ist noch kein\nHindernis, reizend zu sein, und wie oft — es gehört\nzu den Geheimnissen der Liebe — werden die schön-\nsten Männern von hässlichen Frauen beseligt. Häss-\nliche Mädchen, die ihre schöne Seele nicht an den\nMann gebracht haben, sind die jMinderzahl unter de«\nalten Mädchen.\nMan wird aus allen möglichen Gründen ein altes\nMädchen, aber zumeist, weil die Natur die Geschlechter\nungleich hat, und weil idie Verhältnisse * der\nbürgerlichen Gesellschaft nicht Jdanach angetan sind,\ndas gesamte Liebeskapital der Mädchen fruchtbringend\nanzulegen. So sind die meisten alten | Mädchen reine\nOpfer. Alle die verschiedensten menschlichen Motive\nspielen zwischendurch. Das alte Mädchen ist oft aller\nRomantik voll. Sie hat einen Roman gehabt, einen\nerlebten oder einen erträumten. Er ist ihr gestorben,\ner hat sie für eine andere verlassen, oder er hat ihr\nstilles Werben nicht bemerkt. Sie hat ihr Glück viel-\nleicht versäumt, es unbedachtsam ausgeschlagen, oder\nes ist nie so nahe an sie herangetreten, dass sie es\nmit der Hand erreichen ikonnte. Sie sieht sich von\nder höchsten Aufgabe der Frau ausgeschlossen, und der\nKummer darüber geht ihr zeitlebens nach, wenn sie\nnicht zufällig eine oder eine Heilige ist.\nManche nennen sie glücklich, denn wenn sie die Freude\nnicht habe, so fehle ihr dafür auch das Leid. Dass\nsie aber die Freude des Leids fnicht hat. \"das ver-\ngessen die meisten. Glück im höchsten Sinne zu ge-\nwähren, ist ihr benommen. Frauen können so be-\nglücken. Dass in ihnen selbst, sogar unter Kummer Jund\n■Vß\nSorgen, eine Fülle des Glücks wohnen muss. Oder\nist nur diese überschwengliche Fähigkeit, beglücken zu\nkönnen, ihr wahres Glück? |Ein\nvon Liebe ruht oft in dem Herzen alter Mädchen und\ngeht ungenützt mit ihnen zu Grabe. [Ihre verfehlte\nBestimmung können sie nicht vergessen, selbst wenn\nsie ihr Leid ins [.Kloster tragen. Die Nonne noch\nspielt mit der Liebe, mit der Ehe. Dajfihr das Nächste\nnicht erreichbar gewesen ist, streckt [sie [die Arme\nnach dem Fernsten aus; aber nur, um es ihren Bräuti-\ngam zu nennen. Schöner sieht man alte Mädchen in\nirdischer Tätigkeit walten, indem sie, wenn auch inner-\nlich verblutend und ihre Tränen verschluckend, fzu\nSchutzgenien ihrer jüngeren Geschwister, ihrer Familie\noder gar fremder Kinder v erden. Würden sie hassen,\nso hätten sie ihr Los verdient.\nIch sehe etwas Heiliges in guten alten Mädchen,\nwie überhaupt im Unglück, wo über der eigenen Ver-\nschuldung, falls sie vorhanden ist, eine höhere Macht\nentscheidend gewaltet hat. Man wird mich wohl am\nEnde als den Pindar der alten Jungfern verlachen. Sei\nes drum! Tausende mögen mich verspotten, wenn ich\nam heutigen Freudentage nur einem jener Wesen, die\nzu den Opfern der Gesellschaft gehören, mit einem\neinzigen Worte wohlgetan habe.\nAm 25. Dezember 1876\ngp-'l In diesen Tagen erscheint der dritte Band der Schriften vo*\nLudwig Speidel: Heilige Zeiten / Weihnachtsblätter / Verlag Meyer\nund Jessen / Berlin"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-22_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "340", "page_fin": "341", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.2.5", "titre_corps": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "titre_sommaire": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.2", "debut_caractere": 10488, "fin_caractere_exclue": 11646, "texte": "Der Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nVII\nSchiida\nDer geheime Regierungssekretär Käseberg hatte a»\ndem Morgen, der dem Frühlingsfeste folgte, sehr zag-\nhaft sein JBett verlassen und sah nun, während er\nseinen Morgenkaffe schlürfte, sehr zaghart hinaus auf\ndie Hauptstrasse von Schiida; der geheime Regierungs-\nsekretär fürchtete, und nicht mit Unrecht, dass man\nihm bald die Fenster einwerfen würde mit schweren,\nkantigen Steinen; die Tätigkeit der Herren, die in dem\ndreieckigen Rathause zu Schiida fest angestellt waren,\nhatte der Stadt Schiida noch keinen Vorteil gebracht,\nund die Geschäfte standen still.\n112 'Die alte Stadt Schiida war vor vielen Jahrhunderten zu\nGrunde gegangen, aber die neue Stadt Schiida war vor\nein paar Jahren yon Originalen erbaut worden — von\nOriginalen, die sich vom Volksgeist emanzipiert hatten.\nAnfänglich brachte diesen Originalen der Humor man-\nchen Vorteil, dann aber zog der Humor nicht mehr,\nda es den Utopianern viel zu gut ging, sodass das\nneue Schiida bald in Vergessenheit geriet. Nun] waren\ndie neuen Schildbürger nicht sehr fleissig, sie waren\nsehr querköpfig und unpraktisch, und da sie zudem"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "341", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8382, "texte": "vom Kaiserreich Utopia wirtschaftlich losgelöst waren —\nso ging in Schiida bald Alles bergab, und die Lotte\nWiedewitt hatte ganz recht, als sie sagte:\n„Die ganze Emanzipation vom Volksgeiste hat uns\nbloss Jammer und Elend gebracht — und weiter Gar-\nßichts — Garnichts — Garnichts.\"\nHerr Käseberg dachte, als er bei seiner Morgen-\nzigarre den Schildaer Generalanzeiger durchblätterte,\ngerade wieder über die Bedeutung des Volksgeistes\nnach — da ward er durch Eilboten zum Oberbürger-\nmeister Wiedewitt gerufen.\nHerr Moritz Wiedewitt sass im Rathause mit Herrn\nvon Moellerkuchen zusammen; Käseberg und von\nMoellerkuchen, die beide geheime Regierungssekretäre\nwaren, bildeten die rechte Hand des Oberbürgermeisters.\nUnd dieser setzte nun seinen Geheimen eifrigst ausein-\nander, wie es komme, dass in der Residenz alle Leute\ndick und fett seien: Uniformen hätten sie alle — und\ndarum müsste ein „Allgemeiner Uniform-Verein für\nSchiida und Umgegend\" gegründet werden. Ausser-\ndem hätten die Ulaleipuaner sämtlich hochtrabende\nTitel wie — Tambourmajor, Feldmarschall, Rechnungs-\nrat, Kriegsminister, Professor, Kanzleivorsteher undso-\nweiter — demnach müsste auch ein „Allgemeiner Titu-\nlar-Verein für Schiida und Umgebung\" gegründet werden.\nUnd Beides geschah, und abends war der General-\nAnzeiger ganz voll von diesen beiden Gründungen.\nIm Kaiserreich Utopia hatten sich die Titulaturen\nim Laufe der Jahrhunderte sehr verändert; da es\nKriege und Heeresorganisationen eigentlich nicht mehr\ngab, so waren die militärischen Titulaturen auf andere\nfriedliche Beschäftigungszweige übergegangen — so\nwurden die Agrikultur-Chemiker Feldmarschälle, die\nRechtanwälte Tambourmajors, die Standesbeamten Kriegs-\nminister undsoweiter tituliert. Jedenfalls sollte der Titel\nimmer nur die Tätigkeit charakterisieren — und da war\noft aus Scherz Ernst geworden. Und nun wollten die\nSchildbürger wieder aus dem Ernste einen Scherz\nmachen; allerdings taten sie alles mit sauerer Miene,\ndass sie schliesslich selbst nicht recht mussten, wo ihr\nErnst aufhörte und ihr Scherz anfing.\nDer Schildaer Generalanzeiger aber — der hatte\njetzt Stoff in Hülle und Fülle.\nUnd auch Philander der Siebente, der Kaiser von\nUtopia, las von den neuen Gründungen — und er las\nlange daran und er lächelte schliesslich sehr lange\nund berührte zum Zeichen des Beifalls mit der Spitze\ndes linken Zeigefingers seine Nasenspitze — sehr lange\nliess er diese beiden Spitzen zusammen.\nVIII\nDer Volksgeist\nAn dem ersten Sonntag vormittag nach dem\nFrühlingsfeste sass Philander in seinem grossen Biblio-\nthekssale wie ein einfacher Privatmann ohne Greisen-\nhaar vor seinem zehn Meter breiten Schreibtisch und\nlas in der neuesten Ausgabe des utopianischen Kon-\nversationslexikons unter „Volksgeist\" unter Anderem das\nFolgende:\n„Als es vor vier Jahrhunderten unter Kaiser Kasi-\nmir dem Ersten modern wurde, den Volksgeist immer\nhöher einzuschätzen und ihm schliesslich eine göttliche\nVerehrung entgegenzubringen, da dachte natürlich nie-\nmand daran, die einfachen tierischen Instinkte eines\nunentwickelten Volkes als göttliche Angelegenheiten zu\nbezeichnen und einzuschätzen. Ueberall — in den\nersten wie in den späteren Grundlagen unserer utopia-\nnischen Religion, die dem Volksgeiste göttliche Ver-\nehrung entgegenbringt, wird der Volksgeist immer als\nein „Geist\" aufgefasst, der nicht bloss in dem Volke,\nsondern auch über dem Volke lebt — gleichsam eine\nätherische Bildung, die Alles durchdringt und Allem\ndie Richtschnur gibt, ohne die Einzelerscheinungen in\nin ihrem Individualisierungsbestreben wesentlich zu be-\nhindern. Der von den Utopianern göttlich verehrte\nVolksgeist ist im Grunde genommen ebenso gut ein un-\nbekannter allmächtiger Gott — wie die gesamten\nGötter der Vorzeit. Wir haben überall Volk und\nVolksgeist als zwei wesentlich von einander unter-\nschiedene Begriffe aufzufassen und zu behandeln.\"\nPhilander hielt mit Lesen inne, schüttelte den Kopf\nund telephonierte nach seinem Zeremonienmeister\nKawatko.\nKawatko kam sofort, der Kaiser bot ihm eine Zi-\ngarre an und rauchte selber auch und zeigte dem\nKawatko einen Brief, den er an den Oberbürgermeister\nvon Schiida geschrieben hatte.\nKawatko las und lachte und sagte:\n„Ja — willst Du denn den Schildbürgern wirklich\nso heftig auf den Kopf hauen — bloss dafür, dass sie\neinen Titularverein und einen Uniformverein gegründet\nhaben ?\"\n„Ich,\" erwiderte Philander, „habe etwas mehr mit\nden Schildbürgern vor. Ich las hier im Konversations-\nlexikon so viel vom Volksgeiste — und halte es doch\nfür sehr bemerkenswert, dass sich die Schildbürger so\nkühn vom Volksgeiste emanzipierten, obgleich sie da-\ndurch doch bloss Kummer und Elend geerntet haben,\"\nKawatko rauchte in langen Zügen und bemerkte\ndann leise: „Willst Du vielleicht auch ein Schildbürger\nwerden ?\"\n„Ich werde,\" versetzte Philander, „ein Jahr nicht\nKaiser sein — und da könnte sich Manches ereignen.\"\nDa sprang der Zeremonienmeister auf und drehte\nsich sechsmal um sich selbst um schrie:\n„Himmel! Wetter! Donner und Hagel! Ich sehe\nDich schon — Dich, den Kaiser von Utopia, den die\nhundert besten Utopianer zu ihrem Kaiser machten —\nDich, der Du auch zu den hundert besten Utopianern\nzählst — als Oberbürgermeister von Schiida — von\nSchiida — die Sache kann lieblich werden — lieblich\n— lieblich.\"\nPhilander stand auf und ging wortlos in seine\nPrivatgemächer; Kawatko starrte ihm wortlos nach und\nfasste sich langsam an seinen alten Kopf.\nt\nIX\nDie Priester\n„Er hat was gegen uns!\" sagte der Oberpriester\nSchamawi.\n„Er hat was gegen uns!\" sagten bald alle Priester\nin Ulaleipu — aber sie sagtens leise und unter ein-\nander, wenn kein Laie dabei war.\nUnd der „Er\" war Philander der Siebente, Kaiser\nvon Utopia; der Zeremonienmeister Kawatko hatte von\nder Audienz mit dem offenen Konversationslexikon —\nso bestimmte Andeutungen gemacht, dass die gesamte\nPriesterschaft in grosse Erregung geriet — und Scha-\nmawi wurde aufgefordert, mit Klugheit und mit List im\nInteresse der Priesterschaft vorzugehen.\nSchamawi war ein alter Onkel des Kaisers und\nauch ein alter Oberpriester, der die Gemüter — auch\ndie erregten — zu lenken verstand.\nNicht ohne Ironie sagte er da lächend:\n„Meine Herren, wir sind lange Zeit zu sorglos gewesen.\nEs hat sich in der Tat im Lauf der Zeit die Meinung\ngebildet, dass das Volk dem grossen Volksgeiste immer\nnäher gekommen sei, und dass diese Annäherung\nschliesslich eine Verschmelzung hervorrufen dürfte.\nSchliesslich klingt es nicht mehr so unsinnig, wenn\nJemand behaupten möchte, wir beten das Volk an und\nnicht den Volksgeist Und das ist es, was mein Neffe\nuns Priestern in die Schuhe schieben will. Wir haben\nsehr vorsichtig zu sein. Und wir müssen einsehen,\ndass wir viel versäumt haben — die Rechtspflege\ndurfte nicht ein so populäres Gepräge bekommen —\ndas hätten wir rechtzeitig verhüten müssen.\"\nUnd dann sprach man über die Rechtspflege im\nAllgemeinen und im Besonderen.\nDie Rechtspflege lag nun so im Kaiserreiche\nUtopia:\nJeder Prozess wurde nicht mehr endgiltig durch\ndie Richter bestimmt — es gab immer noch eine Be-\nrufung an das Volk. Auf Staatskosten wurde jeder\nProzess, sobald es von einem Kläger oder Beklagten\nverlangt wurde, in einer Broschüre eingehend geschil-\ndert — diese Broschüren wurden dann gratis verteilt\n— und dann konnte nach einer neuen Prozessordnung\nschliesslich das Volk in der Sache das endgiltige Urteil\nsprechen. In der grossen Rechts-Zentrale am Schwantu-\nfluss standen sieben kolossale hundert Stock hohe\nTürme, in denen die juristischen Broschüren verfasst\nwurden — und da konnte man leicht erkennen, wie\nheftig das Volk im Lande Utopia mitsprechen durfte —\nin allen Angelegenheiten.\nUnd die Priester in Ulaleipu, die den grossen Geist\nanbeteten, der in unserem Leben die entscheidende\nFührung hat, begannen traurig zu werden, dass sie\ndiesen grossen Geist gerade „Volksgeist\" nennen\nmussten; das gab immer wieder zu Missverständnissen\nVeranlassung.\nUnd der Kaiser von Utopia sagte zu Kawatko am\nSonntag Nachmittag:\n„Ich bemerke, dass gerade die Priester versäum\nhaben, Volk und Volksgeist deutlich von einander zu\ntrennen — es wird ihnen heute garnicht mehr gelingen\ndiese beiden Begriffe voneinander loszulösen. Und,\ndaher bin ich geneigt, mich vom Volke zu\nund ich gestehe, dass ich mich auch vom Volksgeiste\nbefreien möchte — und das ganz besonders dürfte\nden Priestern unangenehm sein.\"\nUnd das war auch den Priestern sehr unangenehm."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-22_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "341", "page_fin": "342", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.2.6", "titre_corps": "Vom lyrischen Idiom", "titre_sommaire": "Vom lyrischen Idiom", "signature_source": "Friedrich Kurt Benndorf", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "341", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.3", "debut_caractere": 8403, "fin_caractere_exclue": 11719, "texte": "Vom lyrischen Idiom\nVon Friedrich Kurt Benndorf\nObwohl die lyrische Dichtersprache ihre Ausdrucks-\nmittel mit der Prosasprache teilt, ist sie doch von\ndieser beinahe ebensoweit entfernt, wie die Sprache\nder Töne, Farben oder Linien von der Wortsprache.\nSie hat ihre eigene (aus einer Logik der Phantasie\nhervorgehende) Bildlichkeit (Methaphorik) ihre eigene\nKlanglichkeit (Melodik), ihre eigene Wortbewegung\n(Rhythmik) und ihr eigenes Tempo. Sie ist ein Idiom.\nDie potenzierte Bildlichkeit, duch die sich das\nlyrische Idiom von der konventionellen Sprache haupt-\nsächlich unterscheidet, bedeutet für den Lyriker nicht\neine blosse Erhöhung ornamentaler Reize, sondern ist\ninnere Notwendigkeit seines Schaffens. Was die\nTheoretiker der Poesie etwa unter Trope, Personifikation,\nEpitheton ornans begreifen, ist ihm kein blosser „Rede-\nschmuck\", sondern unmittelbare Anschauungsform,\nWas die Poetiker „Figur\" getauft haben wie\nAnaphora, Polysyndeton, Onomatopöie gehört, ebenso\nwie Assonanz, Alliteration, Reim und Refrain, zur\npotenzierten Klanglichkeit des lyrischen Idioms.\nWas die Poetik als Inversion, Ellipse etcetera be-\nzeichnet und desgleichen jene Freiheit des Wortgefüges,\nwelche die Griechen dxa£ta und die Franzosen beau\ndesordre nennen, ist Bestandteil des differenzierten lyri-\nschen Rhythmus, der seinerseits an ein metrisches Schema\n(einen „äusseren\" Rhythmus), gebunden oder ohne ein\nsolches selbständig sein kann (der plastische und der\nmusikalische Rhythmus)\nBild, Klang und Rhythmus — ins Sinnlichere hinaus-\ngesteigert über das in der Prosasprache schon Ge-\ngebene — sind im lyrischen Kunstwerk eine völlig\nuntrennbare Einheit, wie in der Musik Melodie, Harmonie\nund Rhythmus.\n*\nEs ist versifizierte Prosa, wenn Goethe sagt:\nHafis Dichterzüge, sie bezeichnen\nausgemachte Wahrheit unauslöschlich,\naber hie und da auch Kleinigkeiten\nausserhalb der Grenze des Gesetzes . . .\nDagegen ist es von Gnaden des lyrischen Urtons,\nwenn derselbe Goethe „singt\":\nWren du nicht verlässest, Genius,\nnicht der Regen, nicht der Sturm\nhaucht ihm Schauer übers Herz —\nViele Gedichte erheben sich — unbeschadet ihrer\nsonstigen Bedeutung — nur stellenweise zum Niveau\ndes lyrischen Idioms und sind im übrigen metrisch\narrangierte Prosa. Zu dieser Halblyrik gehört die\nMehrzahl der erzählenden Gedichte (Balladen, Romanzen)\nund der grösste Teil der Reflexionspoesie.\nUnd ebenso gibt es zahlreiche Gedichte, die nur\ndie lyrische Gebärde haben: — nur die äusseren\nMittel des Metrums und des Reims verwenden und\nsich mit der Bildlichkeit der Prosa begnügen oder doch\nnur die schon Gemeingut gewordene poetische Bild-\nlichkeit wiederholen. Beispiele für diese Scheinlyrik\nlassen sich in unsern „Familienblättern\" leicht auffinden\nAnderseits trifft man in erzählenden und dramatischen\nWerken häufig auf Stellen, die dem lyrischen Idiom\nmehr oder weniger zugehören. Als Beispiel aus der\nepischen Literatur diene ein „Leitmotiv\" (eine Ar\nRefrain) in dem Novellenband „Tristan\" von Thomas\nMann, das wenigstens seinem rhythmischen Charakter\nnach ausserhalb der Prosasprache steht:\n„ — er wartete, dass sie kommen möge. Aber\nsie kam keines Weges. Dergleichen\ngeschah nicht auf Erden.\"\nAus der dramatischen Dichtung sei ein Frag-\nment der Szene in Kleists „Hermannsschlacht\" zitiert,\nwo der römische Legat, an dem die hintergangene"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "342", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5153, "texte": "Thusnelda ihre schreckliche Rache nimmt, vor dem\nBärenzwinger weilt:\n„Dies ist der stille Park, von Bergen ein-\ngeschlossen,\nder auf die Lispelfrage: wo?\nmir gestern in die trunkenen Sinne fiel!\nWie mild der Mondschein durch die\nStämme fällt! — — \"\nIn Anknüpfung an den letzten Vers dieser Stelle\n(dessen Inhalt in Prosa lauten würde: „der Mond\nscheint durch die Bäume\") mag hier ein Gedicht von\nMombert stehen:\nHoch du heller Mond.\nAlles blüht hochüber mir.\nMein Haupt zu heben aus den Kissen.\nMein Haupt zu heben in die Herrlichkeit*\nMein Haupt zu heben in den Gesang.\nSowohl in Kleists metrisch abhängigen, wie in\nMomberts metrisch unabhängigen (rein rhythmischen)\nVersen spüren wir die ganze Zauberei, die dem Worte\ninnewohnt, wenn es von Meistern des lyrischen Idioms\ngehandhabt wird. Die Kunst als solche ist bei beiden\nDichtern die gleiche. Aber der Fortschritt in den\ntechnischen Ausdrucksmitteln bei dem modernen Dichter\nenthüllt sich in den kühnen Ideal-Ellipsen zwischen\nden beiden Abschnitten seines rhapsodischen Gebildes\nund der Formal-Ellipsen in den Infinitiven der drei\nletzten Verse mit ihrer überraschenden Klimax.\nDas Wort als Sinnwert (Istwert) verhält sich zum\nWort als Stimmungswert (Bedeutungswert) wie die\nTöne der Tonleiter zu den Tönen in einem Tonstück.\nWer das lyrische Idiom als Muttersprache besitzt oder\nin sein Bewusstsein eingedrungen ist, empfindet von\nvornherein den Anschauungs-Klang- und Betonungswert\nder Worte und Wortfolgen zugleich mit ihrem Sinnwert;\ner spricht und liest sie nicht nur, sondern singt, fühlt\nsie auch; er verbindet unbewusst die blosse optische\nWortwahrnehmung mit der akustischen, plastischen und\nrhythmischen; und wenn er inne wird, dass andere\nnicht das gleiche tun, so erstaunt er ebenso da-\nrüber, wie ein Musiker von absolutem Gehör, dass\nnicht alle Menschen das absolute Gehör haben.\nwie der Gebrauch entlegener Worte, falls sie nur\nsinnlich bezeichnend sind, dem lyrischen Idiom durch-\naus gemäss ist, so gehört auch die analogische Fort-\nbildung sprachlicher Elemente, der Neologismus, zu\nseinem Wesen. „Car nous voulons la nuance encore!\"\n(Verlaine). So unangebracht Neologismen im Prosastij\nsein können, so reizvoll wirken sie im lyrischen Stil\nund so sehr gerechtfertigt sind sie durch dessen\nmusikalischen, malerischen und pathetischen Gestaltungs-\nwillen. Sie laufen dem mit lyrischem Sprachgefühl\nBegabten unter dem Zwange innerer Sensationen ganz\nvon selbst unter.\nEs wäre unmöglich, in der Prosasprache zu sagen:\ndie Nacht kommt „über Blumenfelds Gelänge\" ein\nVogel sitzt „gestängelt auf den Aesten der Zypresse41;\noder Wortkoppelungen zu bilden wie: „Ameiswimmel-\nscharen\", „Blumenwürzgeruch\": aber innerhalb des\nlyrischen Idioms sind diese Goethischen Erfindungen\nKöstlichkeiten!\nDie Moderne ist in der Bereicherung der lyrischen\nDichtersprache mit Neologismen auf Goethes Wegen\nweitergegangen: zahlreiche Belege hierfür Hessen sich\naus den Werken von Liliencron, Dehmel, George und\nanderen beibringen. Aus Momberts Werken findet\nman weiter unten etliche zusammengestellt. Hier seien\nnur die ausdrucksvollen Kombinationen herausgehoben\n„ — meine vielgeliebt-geküsste Hand\"; — „die mond-\nbekreist-beglänzte Erde\".\nDer Ausdruck von Gefühl und Stimmung, wie er\nim lyrischen Idiom zur Darstellung kommt, lässt sich\nebensowenig durch Logik auflösen, wie Gefühl und\nStimmung selber. Das Unerklärliche, Unbestimmte,\nHalbbewusste, Schwebende, Verschwiegene, Zerrinnende\naus dem jener Ausdruck stammt, gibt ihm seinen\nCharakter, der ganz verschieden ist vom Ausdrucks-\ncharakter unserer als Organ des Verstandes und der\nVerständigung dienenden Sprache. Klarheit der An-\nschauung bedeutet für die zum Gefühlsausdruck ab-\ngestimmte Sprache etwas anderes als für die Ver-\nstandessprache. Ist die Klarheit hier identisch mit\nabsoluter Deutlichkeit, so ist sie dort mit der rätsel-\nvoll schillernden Helle eines Bergseegrundes zu ver-\ngleichen, oder mit dem Lichte eines Rubins, das gleich-\nsam Tag und Nacht in sich vereinigt. Was von der\nWarte der Verstandessprache aus am lyrischen Idiom\nals Unklarheit und Unlogik empfunden wird, ist gerade\nseine Stärke und Eigentümlichkeit. Es ist dasjenige\nan einem Gedicht, was nur „durch magnetisch dunkle\nKräfte\" begriffen werden kann, wie Puschkin in „Onegin\"\nsagt. Es ist das, was dem Lyriker nur dann zu\nGebote steht, „wenn ihn der Gott gehoben und keine\nVernunft mehr in ihm weilt,\" wie es Plato umschreibt —\ndas, was Nietzsche kennzeichnet, wenn er, mit dem\nBlick auf Pindar und die Aeschyleischen Chorgesänge\nfragt: „ — diese kühnsten Verschlingungen des Ge-\ndankens, dieser ungestüm sich neu gebärende Bilder-\nstrudel, dieser Orakelton des Ganzen — sollte der\ngriechischen Menge durchsichtig gewesen sein?\"\nDa Mond und Sonne dir ewig kalt ist,\nund dir das Sternengewölbe ewig alt ist,\nund in der Finsternis zerreisst dein Gang:\nLausche meinem Gesang.\nDiese Strophe mit ihrem fremden und doch ver-\ntrauten Klang, mit ihrer Eigenheit in Bild und Wort-\nbewegung, mit ihren jäh sich zusammenschliessenden\nLinien — ein Organismus, unwiderlegbar — diese\nEingangsstrophe zu Momberts „Schöpfung\" bietet ein\nschönes Beispiel für das lyrische Idiom."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-22_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "342", "page_fin": "343", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.2.7", "titre_corps": "Die Sommernacht", "titre_sommaire": "Die Sommernacht", "signature_source": "Heinrich Eduard Jacob", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "342", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.4", "debut_caractere": 5155, "fin_caractere_exclue": 12690, "texte": "Die Sommernacht\nVon Heinrich Eduard Jacob\nEin dunkler Teppich aus Grillenlauten — o niemals\nbegonnener, niemals zu Ende gewebter Teppich! —\nlagern die Gärten unter der hohen und veilchenblauen\nKuppel der Nacht. Das heisse Singen der Grillen ist\nder Grundton, auf dem der Duft der Blumen und der\nSterne fortklingt. Die Nacht ist schwer von Sternen\nund von Blumen. In rundgezogenen Beeten stehen\nsich schwarzrote ewigdürstende Tulpen, makellose\nNarzissen so nahe, dass ihre Nacktheit sich berührt\nund sie einander mit glühenden Atem fast verheeren\nDie feuchten Stengel rosaroter Hyazinthen zittern saft-\ndurchschäumt und tragen ein sanftes Rauschen in ihren\nGlockenblüten. Kleine Paenonienbäume erheben sich\naus dem musizierenden Hochgras und trinken mit\nvioletten Blüten die Finsterniss. Schwerduftende, ver-\nspätet hangende Fliedertrauben entzünden sich gegen-\nseitig zu mattblauen Bränden. Geöffnete Rosen\nwachsen und wachsen, als ob eine Sehnsucht der\nWurzeln ihre Häupter zu den Sternen hinauftriebe.\nWann haben die Augen der Welt je deutlicher ge-\nblickt? Ueber dem zersprungenen Elfenbein der Milch-\nstrasse die Cassiopeia wie ein hellleuchtendes Monogramm\nFeuchtschimmernd und grün schweben die regenatmenden\nPlejaden, sechs kleine um eine grosse geschart. Der\nhimmlische Perseus streckt die Arme nach der zart-\nschimmernden Andromeda aus, die er nie erreichen\nwird. Die beiden Bären erheben ihre riesigen Pranken.\nDas feuerfunkelnde Auge des Mars spricht rote Glut\naus, aber das goldene Blicken der Venus bannt sie\nwieder, und nicht fern von dem weissen, ruhigen\nJupiter zeigt der Kranz der Ariadne seine erhabenen\nEdelsteine.\nWie ein riesiges, nach Innen glimmendes Fanal\nsteht das grosse Hotel inmitten der dunklen Gärten.\nDie schlaffen Fahnen seiner Dächer sind in veilchen-\nblaue Nacht getaucht, seine Säle aber überfliessen von\nLicht und sind mit Musik behangen .... mit Musik\nvon Johannes Brahms. Der junge Künstler, der auf\ndem Podium vor dem Orchester steht und das Konzert\nauswendig spielt, ist so schön, dass die lauschenden\nFrauen glauben, nicht aus den Instrumenten, sondern\naus der Locke, die schwer und braun über seine Stirn\ntaumelt, ströme die Musik. Allmählich erlischt sein\nSpiel; nicht plötzlich: es ist ein langsam verzitterndes\nHinsterben. Einen Augenblick scheint es, als ob auch\ndie Hörer erloschen seien, dann fallen rasch die Hände\nübereinander. Ein Meer von Beifall plätschert aus\nihnen heraus, wogt hoch auf, fliesst rauschend um das\nPodium und brandet an den Fenstern. Blass und mit\nendlosen Verneigungen schwimmt der junge Geiger\ndarüber hinweg. Seine Seele scheint erschrocken und\nscheint bis in die Stirn und die zartspitzen Finger, die\nden Geigenhals umspannen, zu beben. Das Portal\nzum Garten fliegt auf, und ein breiter Lichtstreifen\nschiesst in das heisse Dunkel hinaus. Er verwandelt\nein Stück des grillendurchsungenen Rasens in smaragdenes\nGrün, bis vor den ersten Beeten seine Macht erlischt.\nNur eine kleine Rosenrabatte überschwemmt er noch:\nschämig und zitternd wie nackte Mädchen stehen die\nsüssen Kelchträgerinnen im überhellen Licht. Die\nscheintote Bogenlampe über dem Portal beginnt leise zu\nzischen und sich langsam mit halbem Glanz zu füllen,\nbis sie plötzlich ganz in weissem Glühen steht.\nAbenteuernde Nachtfalter stürzen sogleich herbei riesige\nMotten pochen mit klirrenden Flügeln gegen das er-\nleuchtete Glas und laden einander zu wahnsinnigen\nTänzen ein. Eine zweite und dritte Bogenlampe\nflammt auf, umschwärmt von feuertrunkenem Nacht-\ngetier. Erbarmungslos fällt das Licht in die offenen\nBlumen herab; befangen halten sie dem Atem an.\nEin wenig verletzt dämpfen die Grillen ihr Singen, die\nSterne rücken höher in den Himmel hinauf: der\nGarten ist geheimnislos geworden.\nDie Gäste strömen langsam ins Freie. Der junge\nGeiger, die Musik und Brahms glänzen noch atemwarm\naus ihren Reden, aber schon steht das durch die\nTöne zurückgedrängte Irdische wieder neben\nhält eine halb sanfte, halb zudringliche Umarmung\nbereit. Die alten Herren mit den roten Stirnen, die\nkein Haar mehr kränzt, setzen schleppende Schritte\nvorwärts und greifen mit schwerberingten Fingern nach\nihren Zigarrentaschen. Lächelnd trippeln neben ihnen\ndie Matronen in ihren kleinen schwarzen Capottehütchen\nin die leuchtenden Kieswege hinein, und das weisse\nLicht lügt Jugend auf ihre gepuderten Runzeln herab-\nDie jungen Herren stehen in hellen Westen und frucht-\nfarbenen Krawatten lässig umher, saugen mit steilen\nFingern an weissen Zigaretten oder halten die Tennis-\nschläger noch tagher in den Händen. Sie denken an\ndie Mädchen und die jungen Frauen, die während des\nSpieles neben ihnen gesessen haben. An deren\nGliedern hängt die Musik am längsten: ein Hauch der\nSehnsucht fliesst um ihre Stirnen, verstärkt sich an den\nEdelsteinagraffen ihres Haares, gleitet in unsichtbaren\nKaskaden um die nackten Schultern und vemischt sich\nmit den gewandfliessenden Hüften. Zwischendurch\nhuschen Bediente ab und zu, Leute in stahlfarbenem\nLeibrock, altmodischen Kniehosen und weissen Strümpfen,\nund tragen silberne Tabletts umher. Hier und da ent-\nführen verlangende Hände einen Spitzkelch mit blut-\nfarbenem Sherry, ein kleines Becherglas mit lichtbraunem\nChokoladen-Cocktail oder ein Tellerchen voll süsser,\nrahmgetränkter Erdbeeren. Alle tun es ohne Hast,\nmit einer reichen Ruhe. Hastig sind allein die rauhen,\nbimsteingepflegten Hände der Schulknaben, die sich\nbeeilen müssen, den kurzen Sommer auszukosten, der\nzwischen zwei grauen Arbeitsjahren liegt.\nNicht ewig und immer dürfen, die hier plaudern\nbeisammen sein. In vielen Augen liegt der Abglanz\nanderer Himmel, der Duft fremder Sträucher gespiegelt,\nDa ist die erhabene und grossäugige, Spanierin —\nGlut, Strenge! Man flüstert von ihren Juwelen und\nraunt sich zu, sie gliche wie durch einen Zauber der\neinstigen, nun längst ergrauten Kaiserin Eugenie. Wie\ndie See über Ebbe und Flut gebietet, so zeigt ihr\nLeib im Spiel der Stunden Schlankheit und Ueppigkeit\nzugleich. Da ist der nordenglische Colonel mit den\nstählernen Augen, die Schwedin klar und blau wie eine\nLandschaft Götalands.\nDie Alten sind weich und träge in einen der spär-\nlichen Klubsessel hineingesunken. Die jungen vergönnen\ndas gern und stehen in leichtbewegter Runde um einen\nsolchen Mittelpunkt herum. Aber es geht auf Mitter-\nnacht. Und um Mitternacht schwingt ein krystallener\nTon aus dem Mittelpunkt der Dinge und wallt über\njede Kreatur: der fast unhörbare zitternde Schlag, der\nden neuen Tag verkündet. Eine plötzliche Kluft gähnt\ndurch die eben noch froh gewobenen Gespräche der\nMenschen. Für einen Augenblick scheinen die Sterne\nwieder tiefer hinab und die Grillen erheben sieghafter\nihre Stimme; das Dunkel scheint dem Lampenlicht ein\npaar Handbreit Raumes abgewonnen zu haben und die\nGärten erheben eine deutliche Forderung nach Allein-\nsein. Als ob die Menschen es empfänden, wird ein\nabschiednehmendes Händeschütteln in ihrer Mitte wach,\nfließt weiter und greift um sich, Wasserkreise, in die\nein Stein fiel. Die Alten erheben sich aus den Klubsesseln,\nvon Kopf bis zu Fuss in ein grosses Gähnen ge-\nhüllt, die jungen verneigen sich mit leisem Bedauern.\nMan steht noch ein wenig in den teppichlinden Korri-\ndoren umher: dann scheidet man hierhin und dorthin.\nSchwer und atemholend, stehen bleibend, krachend in\nin den trockenen Gelenken, schleichen die Alten die\nStiegen empor. — Aber die Mädchen und jungen Frauen\nschreiten fürstenhaft davon. Wieviele Wünsche werden\nnoch rasch an die Silberstickerei dieser Schleppen ge-\nhängt, um im hellblauen Lichte des nächsten Vor-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 368, "texte": "mittags wiedererkannt zu werden von suchenden Augen!\n0 Du süsses, dich entfernendes Rauschen . . .\nLeise pfeifend kommt der Pförtner durch das leere\nFoyer und schliesst das Portal. Es dunkelt tiefer.\nDie Bogenlampen werden matter und verlöschen\nganz. Die Gärten hüllen sich wieder in schwarzblaues\nGeheimnis.\nDie Grillen singen. Die Blumen duften. Die\nSterne scheinen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-22_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "343", "page_fin": "343", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.2.8", "titre_corps": "Der Eth", "titre_sommaire": "Der Eth", "signature_source": "Kurt Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.5", "debut_caractere": 370, "fin_caractere_exclue": 5616, "texte": "Der Eth\nVon Kurt Hiller\nWie vom Aesthetiker bekanntlich der Aesthet, so\nist vom Ethiker der Eth zu unterscheiden. Der Aesthe-\ntiker ist ein Mann, welcher die Wissenschaft Aesthetik\nbetreibt (er pflegt dabei sehr geschmacklos zu sein);\nder Aesthet ist jemand, der in das Zentrum seines\nDaseins die stets wache Absicht eines sublimen, un-\naufgeregten Geniessens gestellt hat Der Ethiker übt\ndie Wissenschaft Ethik aus — o, wenn es doch eine\ngäbe! — und bleibt wer er ist, auch wenn er täglich\nhandelt wie sieben Schufte; der Eth weiss eventuell\nnichts von Imperativen, Kriterien, Formalprinzipien, lebt\nund webt aber in jedem Augenblick seiner Bewusstheit\nfür eine Idee; kämpft, leidet, blutet; regt sich auf,\nmacht sich gemein.\nDer Aesthet und der Eth bilden miteinander eine\nKultur-Antinomie. Sind zwei interessante Gegensatz-\ntypen innerhalb der diskutablen Menschheit letzter\nLäufte. (Schriebe ich unter dem Symbol der Brille, so\nmüsste ich sagen: diese beiden Typen sind von der\nallergrössten charakterologischen Bedeutung.)\nNun, Kleiner, versuche mal, die Antinomie zu lösen.\nSchwierig. Denn: den Aestneten tadeln, wegen seiner\nBlasiertheit, Unproduktivität, Quietistik, das heisst be-\nreits, sich vorneweg auf den Standpunkt des Ethen\nstellen; und: den Ethen veräpfeln, weil er anfechtbare\nGebärden macht, durch Idealismus in seiner Genuss-\nfähigkeit beschränkt ist und mit dem Lärm seiner\nallerhand Proteste die vornehme Ironie der Geruhig-\nVersatilen naiv stört — das ist schon die Antizipation\nder Aesthetenansicht. Aber weiter: sogar der Wille, die\nAntinomie überhaupt zu lösen, ist Ethentum; denn der\nAesthet ist gegen Problematik, Analysen, Denktätigkeit;\nwie alle Aufregungen, verachtet er auch die intellektualen;\nob irgendwer recht oder unrecht habe, lässt ihn kalt;\nwenn man ihm eine Antinomie präsentiert, äussert er\nzart: „Nu wenn schon!\" und zieht es vor, mit spitzen\nFingern (unter importantem Lächeln) in den wirklich gut\nbesorgten Memoiren der Marquise d'Y. zu blättern.\nWiederum: Versuche einer Wertvergleichung beider\nTypen von vornherein als kindlich, pedantisch, lächerlich\nabzulehnen („Wertung? — Ueberwundener Standpunkt,\nmein Lieber!\"), ist natürlich dogmatischer Aesthetismus.\nDie Sache ist ganz trostlos. Entscheide ich mich\nfür A, ist es falsch; entscheide ich mich für E, ist es\nfalsch; und nicht nur das: entscheide ich mich über-\nhaupt, ist es falsch; und entscheide ich mich überhaupt\nnicht, ist es auch falsch. Der Fall ist von nieder-\nschmetternder Verzwicktheit. Ich habe arg zu leiden\ndarunter. Meine Freunde lachen mich aus: das wären\ndoch alles nur Begriffe, und der Hasenbraten schmeckte\nmir doch ganz gut dabei, und ich sollte nicht so\nalbern sein und mich derartig ins Imaginäre einspinnen,\nvielmehr zur Natürlichkeit zurückkehren. Aber das\nAuslachen nützt nichts, ich komme über die Geschichte\nnicht hinweg. Freilich sind es „Begriffe\", aber Be-\ngriffe sind Abkürzungen des täglich qualvoll Erlebbaren.\nIch kenne einen Litteraten, der hat es gut. Wenn\neiner vor ihm enthusiastisch wird, schaltet er die Mund-\nwinkel um, bläst mit Superiorität den Zigarettenrauch\nvon sich und ejakuliert irgend ein saloppes Apercu im\nJargon der Dandysten; legt aber einer in seiner Gegen-\nwart augurale Pointen auf den Tisch, so runzelt er\ndie Brauen, zitiert Natorp und bemerkt empört, es\ngebe gewisse Leute, deren Beruf es sei, Paradoxe zu\nmachen. Dieser Litterat, der gegen den Elan die\nSkepsis und gegen den Esprit die Moral ausspielt, ist\nvollkommen beneidenswert; er erfreut sich einer so\nheroischen Gewissenhaftigkeit, dass er es sogar über\nsich gewinnt, bei passender Gelegenheit übertrieben\ngewissenhaft zusein. Zu sein; nicht etwa zu scheinen;\ndenn niemals posiert er, alles ist jedesmal echt. Sein\nimmenses Bedürfnis, sich Ueberlegenheitsgefühle zu ver-\nschaffen, agiert nur in seinem Unterbewusstsein; ins\nOberbewusstsein strahlt es sich aus als Cancan\nvariierender Ueberzeugungen.\nDieser Litterat, der es leugnet, ein Aesthet zu sein\nund es in so hohem Grade ist, dass er sogar zuweilen\nEth ist, imponiert mir unsagbar und ist mir masslos\nwiderlich. Aber ich habe gar kein Recht, ihn masslos\nwiderlich zu finden: denn erstens kann ich nichts zu\nseiner Widerlegung sagen, und zweitens ist es bereits\nEthentum und mithin Dogmatismus, überhaupt ein\nPhänomen widerlich zu finden, etwas minus zu be-\nwerten. Jedoch — o Unheil! — mir aus sittlichen\nErwägungen das gute Menschenrecht streitig zu machen,\nirgend wen oder was masslos widerlich zu finden — ist\ndas nicht Ethentum reinsten Wassers?! Ich halte es\nnicht mehr aus. Andauernd schliessen sich circuli.\nIch platze. Was nützt mir meine prophetische Ahnung,\nmein Historiker-Riecher, dass die Zeit, wo Aesthetismus,\nkultivierte Indifferenz, witzige Passivität fashio nable\nwaren, sehr bald vorbei sein wird, und dass der Eth,\nder Wollende, Gesinnungsvolle, Kämpfende, dass Politik,\nBegeisterung und Tendenzdramen wieder in Mode\nkommen werden? Diese Mutmassung, und wäre sie\nselbst eine Erkenntnis, frommt mir Platzendem wenig;\ndenn das, was sein wird, ist ja nicht identisch mit\ndem, was sein soll. Und so muss ich denn wehrlos\nund untätig mir mitansehen, wie ich der Selbstver-\nnichtung anheimfalle: ich, ein Eth wider Willen, und\nnicht einmal wider Willen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-22_01#c009", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "343", "page_fin": "344", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.2.9", "titre_corps": "Die Gehemmten", "titre_sommaire": "Die Gehemmten", "signature_source": "Erich Unger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.5", "debut_caractere": 5618, "fin_caractere_exclue": 10587, "texte": "Die Gehemmten\nVon Erich Unger\nErste Szene\nBerlin Strasse am Nordhafen Abend\nHarry (dreiundzwanzig Jahre) und Leo (vierundzwanzig\nJahre), zwei Leute, wie sie der Autor braucht.\nHarry: Ich werde Dir Deinen erotischen Lebenslauf\nvoraussagen. Nach zehn Jahren wirst Du zu\nmir kommen und mir sagen, dass Du ein\nLadenmädchen angesprochen hast, sie sei aber\nleider verabredet gewesen. — Nach weiteren\nsieben Jahren wirst Du zu mir kommen mit\nder Mitteilung, dass Du in der Elektrischen\nein Weib gesehen hast, die Dir nicht un-\ngeeignet erscheine, mit ihr zu verkehren. —\nSchliesslich wirst Du noch einmal im Alter von\nzweiundachtzig Jahren mir sagen, dass Du\nein Ladenmädchen angesprochen hast und\nDu seist der Ansicht, es sei nicht ausgeschlos-\nsen, dass daraus ein Verkehr sich ergeben\nkönne. Aus diesen Deinen drei Mutmassungen\nwird Dein Liebesleben bestehen.\nLeo: Es wird kommen, wie Du gesagt hast. Im\nAlter von zweiundachtzig Jahren werde ich\nein Ladenmädchen ansprechen und Dir sagen,\nich sei der Ansicht, es sei nicht ausgeschlos-\nsen, dass daraus ein Verkehr sich ergeben\nkönne. Dies aber ist der Fluch, der auf\nunserem Geschlechte lastet: Dir wird es eben-\nso ergehen. Auch Du wirst nie zu einer Ver-\neinigung mit einem Weibe kommen. Und\ndies: nicht, da die Natur uns einen soma-\ntischen Mangel anhing, sondern weil unser\nans Staunen gewöhnter Geist unfähig ist, die\nsexuellen Phänomene in ihrer Einfachheit zu\nbegreifen. Unser Geist sträubt sich mit aller\nMacht dagegen, simpel von der Sexualität zu\ndenken, und so bringen wir es nicht einmal\nüber uns, ein Ladenmädchen anszuprechen.\nHarry: Das müssen wir aber über uns bringen und\nzwar heute noch. Sonst erfüllt sich Deine\ngrässliche Prophezeiung. Nachher werden wir\neine ansprechen, auch wenn uns diese Tat\nso ungeheuer erscheint, dass Mitteleuropa da-\nvon erzittert.\nLeo entschlossen: Jawohl, ansprechen, überreden\nund sich zum Verhältnis machen!\nHarry: Wir werden doch noch unseren freien Willen\nhaben!\nLeo: Nimm Dich in Acht vor unserem freien Willen.\nWer kann wissen, was unser freier Wille\nvorhat.\nHarry: Das ist der Punkt. Es kann eine unglaub-\nliche Phantasmagorie der Seele vorliegen.\nEs kann sein, dass unser wirklicher, unterster,\ntiefster Wille sich unserem Bewusstsein ent-\nzieht, dass wir ihn nicht wahrnehmen, und\nwas wir für unseren Willen halten, sind viel-\nleicht fälschliche Auslegungen, völlig ver-\nschleierte und verzerrte Bilder unseres wirk-\nlichen Willens, Welch eine Vermessenheit\nwar es, die Selbstbeobachtung als etwas\nSichereres hinzustellen als die Beobachtung\nder äusseren Welt. Als gäbe es hier weniger\nAbgründe und neblige Rätsel! Wer kann\nwissen, was unser Wille will.\nLeo: Ja, ich will aber doch ein Ladenmädchen\nansprechen. Möge mein Unterbewusstsein\nwollen, was es will. Was ich nicht weiss,\nmacht mich nicht heiss.\nHarry: Recht sprachst Du! Auf denn une lasset uns\nunser Unterbewusstsein desavouieren. Wir\nwollen eine ansprechen!\nZweite Szene\nReinickendorf\nGegenüber ein Warenhaus, das die Verkäuferinnen\nverlassen.\nHarry betreten: Ist denn hier überhaupt Gelegenheit,\neine Bekanntschaft zu machen?\nLeo: Tief aufstöhnend: Leider ja.\nHarry betreten: Leo, denke daran, dass der Versuch,\ngehemmte Sexualität freizugeben, sich in\nAngst umsetzt\nLeo betreten: Jawohl, jawohl — aber, wenn wir\nsie unterdrücken, so ist sie nicht das Zeichen\nunseres wirklichen Willens.\nHarry geängstigt: Sieh mal — die dort — mit den\nrosa Blumen — ist die nicht hübsch?\nLeo geängstigt: — die? — die? — nein, sie ist\nzu dünn.\nHarry mit verzweifelter Brutalität gegen sich selbst:\nZu dünn, Leo?! — abzüglich unseres Unter-\nbewusstseins auch zu dünn?!\nLeo: Erschreckt: Abgesehen von unserem Unter-\nbewusstsein — ist sie zu dünn.\nSie atmen beide masslos erleichtert auf.\nDritte Szene\nHumboldthain\nSie haben ein Mädchen angesprochen, das zwischen\nihnen geht.\nHarry: Fräulein, wie oft kommen Sie denn um neun\nUhr raus?\nDas Mädchen: Einmal in der Woche.\nLeo: Gehen Sie da öfter durch den Humboldthain?\nDas Mädchen: Nö.\nLeo: Sie haben aber einen schönen Schirm, wo\nhaben Sie denn den gekauft?\nDas Mädchen: Das weiss ich nicht mehr genau.\nLeo: Ich rede wohl dummes Zeug, Fräulein, was?I\nDas Mädchen aufrichtig; etwas in Leo verliebt:\nOch nein!\nHarry zu Leo.* Das kommt daher, lieber Leo, dass\nDu Dich auf der Ebene der Tatsächlichkeiten,\nder Fakten, eben nicht bewegen kannst.\nLeo: Ja, natürlich — ich bin hoffentlich das Gegen- •\nteil von einem „wissenschaftlichen\" Menschen,\nvon einem Händler mit alten Tatsachen, dessen\nOptik nur auf Gegenstücke der Sinne ein-\ngestellt ist\nHarry: Nebenbei, lieber Leo, ist mir neulich einge-\nfallen, dass der Gegentypus dieser wissen-\nschaftlichen Faktenanbeter, nämlich die Aesthe-\nten, die das Wahrheitssammeln verachten\nund die Schönheit zu lieben vorgeben — dass\nalso die Aestheten den Tatsachenmenschen\nnichts, aber auch garnichts vorzuwerfen haben,\nkeinen Grund haben, über sie die Nase zu\nrümpfen — und warum? Weil beide ein\nund desselben Geistes Kinder sind. Bedenke"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "344", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2108, "texte": "das! Zwei grössere Gegensätze sind garnicht\ndenkbar: der bebrillte, verkrüppelte, dreihundert-\njährige Tatsachensucher — und der elegante»\nwunderbar anzusehende Aesthetenmensch —\nim wichtigsten Punkte gehören sie völlig zu\nein und demselben Menschen = Genre: Das\nNiveau ihres Geistes ist völlig gleich. —\nLass mich ausreden, lieber Leo, ich werde es\nDir nachweisen. Ich will mir nicht einen\nbeliebigen Aestheten aussuchen, sondern aner-\nkannte Typen dieser Klasse: ich werde die\nSchöpfungen von Wilde und Huysmans zum\nParadigma nehmen. Am schärfsten springt es\nbei Huysmans in die Augen. Du kennst seinen\nRoman: „Gegen den Strich\", in dem jener\nHerzog Des Esseintes vorkommt, ein einziger\nzuckender Nervenkomplex, das Extrem derer,\ndie vom Schönheitsfieber befallen sind. In\nder betäubenden Atmosphäre dieses Buches\npassiert kaum eine Handlung; es zittert und\nleuchtet in Farben, es weht von Düften, die\nEmpfindungen des Geschmackes wachsen zu\nungeheuerer Bedeutung an, nirgends empfun-\ndene optische Reize von tausend seltsamen\nSteinen, abnormen Pflanzengebilden lässt der\nkranke Duc des Esseintes auf seine Augen-\nnerven wirken Das Phänomen dieses Herzogs\nist folgendes: Zwei Sphären gibt es, aus denen\nsich die Menschen die Sensationen ihres\nLebens holen können: die Sphäre der äusseren\nGegenstände und die Sphäre in der die\näusseren Gegenstände in ihrer Selbständigkeit\naufgehoben sind und nur als Symbole anderer\nGegenstände figurieren, die nicht unmittelbar\nder äusseren Erfahrung angehören, kurz, die\nSphäre der Sinnlichkeit und die des Denkens.\nDer Geist, der zu schwach ist, sich auf der\nEbene des Verknüpfens und Auflösens der\nGegenstände zu halten, sinkt unweigerlich auf\ndie Ebene der Gegenstände selbst herab, das\nheisst: er freut sich am Tatsachensammeln\noder am optischen Reiz der Steine und Pflan-\nzen. Hier hast Du die innerste Gemeinsam-\nkeit des Wissenschaftsmaulwurfs und des\nAestheten. Quod erat demonstrandum.\nDas Mädchen: Na, adjö.\nHarry erstaunt: Aber, Fräulein, warum gehen Sie\nweg —\nDas Mädchen: Jao. 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Wollen Sie das Dasein\neiner zeitgenössischen Literatur leugnen?\"\nNein. Aber die Dichtigkeit dieses Daseins ist ein\nProblem, weil wir Bewustseinserlebnisse in uns vor-\nfinden, die sich weit übei die Grenze der Inhalte er-\nheben, die die zeitgenössische Kunst in sich aufge-\nnommen hat Eine weit schlechtere Literatur kann ihrer\nZeit genügen, wenn eine Gleichheit ihrer Inhalte be-\nsteht. Aber in unserer Zeit ist die anspruchloseste\naller geistigen Betätigungen die ästhetische. Diese In-\nkongruenz webt sich gefühlmässig dem Kunstwerk ein :\nund längst historisch gewordene Dichtungenltragen diesen\nCharakter ihrer Epoche in sich, wie ihn die meisten\nästhetischen Produkte unserer Zeit in die Geschichte\ntragen werden. Und um dieses Gefühl einer bestehenden\nWiderspruchs praktisch zu entblössen, es wach zu er-\nhalten, weise ich auf reinere Kunstwerke vergangener\nZeiten zurück: obschon ich zu bedenken ersuche, dass\ndiesem Charakter eine heitere, willige Aufnahme ge-\nnau entspricht. Es ist selbstverständlich, das diesen\nWerken nach Möglichkeit jeder äussere Schein eines\nhistorischen Daseins genommen wird: genau dies ist\ndie psychologische Bedeutung zeitgemässer Neuaus-\ngaben.\nDie Tätigkeit der meisten Verleger ergriff zunächst\ndie Standard works. Es ist das besondere Verdienst\ndes Verlages Georg Müller in München, dass er peri-\npherischen Geistern zu ihrem Recht verholfen hat. Und\nnicht nur die Deutschen, sondern auch die grossen\nDichter der Fremde.\nMs Prototyp dieser Bemühungen sei zuerst die\nMaassenschen Ausgabe der Werke E. T. A Hoffmanns\ngenannt. Prachtvoll im Aeusseren, gewissenhaft im Text-\nlichen, stilvoll bis zur Seitenzahl: so stellt sich ein ganz\nneuer Typus einer wissenschaftlichen Edition in dieser\nAusgabe dar. Der „Zeitgeschmack\" ist unseren Be-\ndürfnissen leise angepasst, eine ausgezeichnete Type von\nungemeiner Klarheit ermüdet nie, zahllose Beigaben\nhoffmannscher Zeichnungen verstärken die Eindrücke\ndes Lesers: es ist eine Athmosphäre von Leben um\ndiese Bände, die jedem Bücherliebhaber bei der leisesten\nAnnährung in den Fingerspitzen zittern muss. Im\nUebrigen ist über E. T. A. Hoffmann in dieser Zeit-\nschrift ausführlich abgehandelt worden.\nSolider, mehr ein gelehrtes Interesse ausprägend\nbietet sich die Ausgabe der Werke Brentanos an, die\nzum ersten Mal das gesamte Material veröffentlichen\nwird. All die Seelenzustände, die sich in der Breite\neines Jahrhunderts entfaltet haben, blitzen irgendwann\nin diesem Werk einmal auf. Aber es bedarf eines\nwilligen Geistes, um Brentano als das Wunder zu er-\nleben, dass seine Freunde begeistert entflammte: es\nbedarf Verständnis für den Reiz, den die Verkuppelung\nvon Hohn und Buße in der empfindsamen Brust aus-\nlöst. Es gibt Verse von Brentano, die wie aus Traum\nhervorzurinnen scheinen: Verse die sich in Legenden\nverflechten, als seien die Fragmente einer alten Kloster-\nschrift. Keiner seit Calderon hat die Ekstase des\nkatkolischen Gefühls so empfunden wie er: keiner das\nErlebnis der Sünde so wie er erlitten: wie aus ganz\nverkrustetem Herzen der milde Strom menschlichen Sehnens\nhervorbricht. Alle Schmerzen des Frühlings sind in\ndieser grossen Dichtung, die er „Frühlingsschrei eines\nKnechtes aus der Tiefe\" überschrieben hat Und der\ngleiche Geist gestaltet sich zu dem mondlichtumflossensten\nMärchen deutscher Sprache: zu jener Gockellegende,\ndie die Süße Eichendorffscher Nachtgedichte mit der\ngeheimnissvollen Weltgefühlen durchsättigt. Diese neue\nBrentano-Ausgabe reizt zu neuen Entdeckungsfahrten:\nich glaube nicht, dass ein empfänglicher Geist ohne\nreiche Fracht zurückkehrt.\nTief in die Probleme unserer Zeit führen die Ge-\nsamtausgaben zweier Dichter, die gleichsam das neun-\nzehnte Jahrhundert in die Literatur ihres Landes ge-\nbracht haben: Gogol und Thackerey.\nDie Werke Gogols, die Otto Buek herausgibt,\nbieten zum ersten Mal den Dichter in deutscher Sprache\ndar, der die literarische Union Russlands mit Europa her-\nbeiführte. Schon seine Problemstellung ist neu: sein\nHeld ist die Masse. Da seiner Darstellungskraft ideale\nPersönlichkeiten fern lagen, gab er die Kleinlichkeit der\nVerachtung preis; indem er die Chlestakows und Tschit-\nschikows in ihrer holen Brutatität entblösste, stellte er\ndas Beispiel hin: so sollt Ihr nicht sein. Aber man\ndarf über diese gleichsam nur sekundären Bemühungen\ndes Moralisten nicht vergessen, dass sie nur Versuche\neines ideal bemühten Geistes sind, seine Beschäftigung\nmit dem Kläglichsten der Zeitlichkeit zu rechtfertigen:\nso zu rechtfertigen, dass er selbst daran glauben konnte.\nDie moralische Rechtfertigung hatte für ihn den Wert\neines Schlüssels, der die sonst vielleicht verschlossenen\nPforten öffnet: jetzt liegt die Welt in Breite vor ihm\nund er kann sich in die Wirklichkeit, in ihre Torheiten\nund Lächerlichkeiten mit seiner wahrhaft homerischen\nLiebe zum Detail versenken, ohne seiner idealen\nSehnsucht etwas zu vergeben. So gestaltet sich dieses\ngrosse Werk: Die toten Seelen, und als sein Gegenspiel in\nder Traumsphäre der Abenteuer entsteht die Kosaken-\niliade des Taras Bulba und die Heimatserzählungen, die\nSchwermut und romantische Idylle innig verschwistern."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-22_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "344", "page_fin": "344", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.2.11", "titre_corps": "Fliegenklappe", "titre_sommaire": "Fliegenklappe", "signature_source": "Kurt Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "344", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.6", "debut_caractere": 7668, "fin_caractere_exclue": 10771, "texte": "Fliegenklappe\nKurt Hiller\nDer neue Klub bittet um Veröffentlichung der folgenden Erklärung\nEines jener Blättchen, deren Namen niemand in\nden Mund nehmen kann, ohne sich dem Verdacht aus-\nzusetzen, er sei Koprophage, untersteht sich, das Ge\nräusper zu veröffentlichen, womit irgend so ein Un-\ngebetener, so eine Fliege, so ein anonymer Kommis\ndas Neopathetische Cabaret „kritisch-ridikül\" würdigt.\nWahrhaftig höchst ridikül, gegen Lyrik einzuwenden,\ndass sie keine „Tatsachen\" enthalte, — und aus dem\nFaktum, dass man ein Kunstwerk nicht kapiert hat,\nzu schiiessen, das müsse an dem Kunstwerk liegen:\nals ob schon jemals einem Rhinozerosse, welches sich\nin einem Spiegel beschaut, ein anderes Bild als das\neines Rhinozerosses entgegengeleuchtet hätte.\nEs erübrigt sich daher, das Blech zu beklopfen,\ndas besagter Ladenschwengel über die Dichterin Else\nLasker-Schüler und den Dichter Georg Heym geäussert\nhat. Freilich klebt an dem Blech der üble Rost von\nallerhand Phantastisch-Anekdoteskem. Die wesentlicheren\nUnwahrheiten seien hier richtiggestelltn. Wir\nwerden beschuldigt einer „Missachtung vor dem für\neinen überwundenen Standpunkt erklärten Schiller\",\nwir hielten aber „nicht nur Schiller, sondern zum Beispiel\nauch (!) Ludwig Fulda und andere Dichter (!) für ab-\ngetane Grössen\". Diese Vorwürfe treffen uns nicht;\nder erste schon aus grammatikalischen Gründen nicht:\ninsofern niemand aus unserem Kreise sich dazu bereit\nfinden würde, einen Menschen für einen Standpunkt\nzu erklären; — der zweite einfach deshalb nicht, weil\nman jemanden doch nur dann für eine abgetane\nGrösse halten kann, wenn man der Meinung ist, er\nsei früher mal eine wirkliche „Grösse\" gewesen;\nals welches im Falle Fulda zu behaupten den An-\nschauungen, denen wir huldigen, nicht entspräche. Im\nübrigen haben wir an unseren literarischen Abenden\nWichtigeres zu tun, als an Schiller oder Fulda Judikaturen\nzu heften, und die uns insinuierten Stellungnahmen hat\nsich die Fliege- aus den Beinchen gesogen Schwindel\nist ferner, dass der Vorsitzende des Neuen Klubs mit\neinem berühmten Strafrechtslehrer „zusammen an einem\njuristischen Werke arbeitet, also ein ganz vernünftiger\nMensch sein muss\". Da die Prämisse entfällt, erhält\nder Herr Kommis hoffentlich auch die beleidigende\nSchlussfolgerung nicht mehr aufrecht. Es ist weiss\nGott kompromittierlich, in jenem sauberen Blatte der\nVernünftigkeit geziehen zu werden . . . Mit ganz be-\nsonderer Stosskraft aber muss man die Bezichtigung\nzurückweisen, dass wir uns „die Haare bis in den ge-\nkrümmten Nacken hineinwallen lassen\". Solche Ge-\nbräuche selbstverständlich — das war schon den Press-\npiraten zur Zeit der Völkerwanderung bekannt; oder\nsollte die Schablone noch älter sein? — sind das\nKriterium völliger Talentlosigkeit und Verrottung. Nun\nfrage ich aber jeden, der uns kennt, auch die sach-\nlichen Gegner, ob wir diesen Vorwurf des wallenden\nHaarwuchses tatsächlich verdienen? Auf Ehre und\nGewissen: sind meine Freunde nicht sämtlich kurz-\ngeschoren?? — Der Einzige, der sich getroffen fühlt,\nbin ich. 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Loeffler / Berlin\nJAHRESBERICHTE FÜR NEUERE DEUTSCHE\nLITERATURGESCHICHTE\nErster Teil: Bibliographie / 1908 und 1909\nB. 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Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, groBe,\nhelle Zimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrlicher Park, grosser Obstreicntum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze Jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stund-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschure\n„Leben\" kommen vom Besitzer u. Leiter Emu Peters"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-22_01#c016", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "346", "page_fin": "346", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.8", "debut_caractere": 823, "fin_caractere_exclue": 1064, "texte": "Zeitschrift fur Musterzeichner\nWirksames Insertions-Organ\nFachschrlft ersten Ranges\n:: Abonnenten in alien Staaten Europas s:\nInsertionsgebiihren massig\nOfferten gern zu Diensten\nSchriftleitung C. 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Naheres durch die\nBodengesellschaft des Westens\n___— mit beschrankter Haftung —\nBERLIN W 66, MAUERSTRASSE 86—88\n□ Fernsprecher Amt I, Nr. 7497 □"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-22_01#c020", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "346", "page_fin": "346", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.8", "debut_caractere": 1750, "fin_caractere_exclue": 2025, "texte": "MALSCHULE\nSystem L v. Kunowski\nACT / KOPF / STILLEBEN\nMdnrieii Rfeliter\nEisenacherstrasse 103\nSprechstunden 12 — 1 Uhr\nMax Giesswein\nKgl. SSchs. und Kgl. 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Preis fiir\nPlakatfreunde Mk. 1.— / Vorzugs-\ndrucke (50 Stuck) Mk. 5 — nur direkt\ndurch den Verlag :: :: -\nDER STURM, Berlin - Halensee"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-22-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-22_01#c025", "volume": "bmtnabg_1910-12-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "346", "page_fin": "346", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.8", "debut_caractere": 3026, "fin_caractere_exclue": 3158, "texte": "Cafe Continental IZtin\nJeden Abend ,'von 9—4 Uhr Nachts:\nGROSSES K0NSTLER-KONZERT\n:s Alle bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften ::"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug 10 Pfennig\n■HB tonbua IllNiiP* \"*■\naXSE&t J| Msg&& .V • MK>iaßa Njjligfeal Hj ä[x£Bpb&ffi 9ß jßs\nffIMBS jl&Ball §|y§j|M »' MBplj&lj 3BgBB IP äja &jS\nIPPI JHBf ||ijra| p#S 'ipiÄ * Wmm WSB 8 pIS lfliä§k m\nfIBKBH |||lsraQ§ > mßBhb||| lif JslP '^?lKlws\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524 / Anzeigen-Annahme\nHannover Artilleriestr 15 und Berlin W 35 Potsdamerstr. 111\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark / Halbjahresbezug 2,50 Mark /\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1910\nBERLIN/DONNERSTAG DEN 22. DEZEMBER 1910/ HANNOVER\nNUMMER 43\n\nINHALT :\nALFRED MOMBERT: Still ist es, still 1 / LUDWIG SPEIDEL: Alte Mädchen / PAUL SCHEERBART: Der Kaiser von Utopia / FRIEDRICH KURT BENNDORF:\nVom lyrischen Idom / HEINRICH EDUARD JACOB: Die Sommernacht / KURT HILLER: Der Eth / ERICH UNGER: Die Gehemmten / T: „Bücher zu Geschenkzwecken\" /\nK. H.: Fliegenklappe / Beachtenswerte Bücher / OSKAR KOKOSCHKA: Zeichnung\n\nGeburt Christi Zeichnung von Oskar Kokoschka"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.2", "texte": "Still ist es / Still\nAlfred Mombert\nEs war sehr fern. Im Herbstgebiet,\ndurchklungen von dem Schall der vielen Quellen.\nMein Auge weltfrei offen im Aether.\nUeber gelben Blättern,\nniederwehend bei kalten Brunnen . . .\ndie ferne Flöte.\nDort stand ich lange mit kristallnem Auge,\nes zogen weisse Wolken durch die Zeit,\nam Rand der Ströme blinkte dünnes Eis.\nIch olickte einmal auf: und es stand Einer nahe:\nund dann erblickte ich immer ihn.\nDenn Dieser stand mit Haupt und Schultern\nals tragender Riese unterm Sterngewölbe,\nhochstützend alle Herrlichkeit der Welt.\nAuf seinem Antlitz,\nauf seinem wundervoll erhellten Antlitz\nerschien das dämmernde Bild der Welt,\nLicht und Schatten, spielend um die Lippen,\nherquellend masslos aus den Glanz-Bezirken.\nBei solchem stand kristallnem Auge,\nes zogen weisse Wolken mir ums Haupt,\nzu meinen Füssen blinkte das Eis.\nUnd danach kams: Auf seinen Lippen\nentstand ein Wort. Nicht hörbar,\naber mir sichtbar. Sinkendes Licht,\naus seiner Welt hinsinkend in die meine.\nIch nahm ich nahm sein Licht, und\nnahm dann\nseine ganze Welt auf meine Schultern.\nDas dämmernde All, die strahlenden Lichter,\nalle Glut-Gesetze.\nAls wär das immer so gewesen,\nso stand ich jetzt als Himmel-Träger,\nindessen Jener langsam drunter wegging\nwie der Welt-Schatten,\nhinüberging ins Herbstgebiet\n— traumaltes Auge —\ndort hinzusitzen mit gestütztem Haupt,\nwo kalte Brunnen verschüttet schluchzen\nunterm ernsten Laub.\nUnd Glanz und Finsternis bezog mein Antlitz.\nHohe Vergessenheit. Erschienenes Sinnbild.\nStill ist es. Still.)\nManchmal kommt noch ein Weib,\nwie Erinnerung\nsteht es in sanfter Ferne,\nbeschauend mein beglänztes Auge,\nden Weltbau, die Lichter,\ndie Adern meiner tragenden Hände;\nund mein beschattetes Geschlecht.\n\nAlte Mädchen\nVon Ludwig Speidel\nWie gewöhnlich, wenn die Weihnachtszeit herannaht,\nhabe ich wieder die Nase voll Tannenduft, und diese\nvon der Kindheit her vererbtejangenehme Gewohnheit,\ndie ich noch jetzt in jedem Sinne grün nennen möchte,\nstimmt mich mitteilsam, soweit ein von Natur so kurz\nangebundener Mensch auf solche freigebige Bezeichnung\nAnspruch machen darf. Doch schäme|sich des Kindes\nin ihm, wer da will — wir wollen nicht die Philister\nsein, die altklug von der Höhe ihrer Weisheit herab-\nschauen, wenn Kindern fder Wald ins Haus\nwächst und in jedem Tannenwedel das Harz sich rührt\nund das warme Gemach mit Wohlgeruch erfüllt. Das\nist der wahre Duft der Seligkeit, die Atmosphäre des\nKinderhimmels Das riecht nach Glück und bringt es\nauch, erschiene es nun in j Gestalt von funkelnden Dia-\nmanten vergoldeten Wallnüssen. |Ich höre es\nwieder in den Wänden rieseln, als ob tausend geschäf-\ntige Geister ihr Wesen trieben, die Türklinke knackt\nleise, ohne dass jemand in die\"; Stube tritt, und ein\nRascheln und Flüstern geht durch das Haus, welches\nman nicht |allein dem geschüttelten Rauschgold zu-\nschreiben möchte. Die Familiengeister gehen um, zu-\nmal der hundertfältig sich teilende Geist der Mutter,\ndie jedes Bedürfnis kennt und wahrr, vom aufgezoge-\nnen Saume des zu langen Unterröckchens bis zum\nSeelenheile des kleinen Naturheiden, der ihrem Schosse\nentsprossen ist. Zwischendurch, wenn eine ferne Tür\naufgeht, erschallt frisches Kindergelächter, oder ein zärt-\nlich fortgescholtenes neugieriges Gesicht guckt in das\nZimmer hinein. Aber die heranwachsenden Mädchen\nsind schon vom Geiste der Mutter beseelt, denn wäh-\nrend die Gute selbst, jeden Wunsch bedenkend den\nFamilienbaum rüstet, putzen sie für arme Kinder eine\nkleine Tanne, auf deren Spitze sie ein nacktes Knäb-\nlein setzen, welches sehr gesund aussieht, und von dem\nin kindlichen Kreisen die Sage geht, dass es die Welt\nerlöst habe. Und die Sage hat recht. Kinder, kleine\nwie grosse — wenn sie gross geworden sind, heisst\nman sie Genies — erlösen die Welt noch täglich, und\nam heutigen Kindertage, ihr Kleinen, ist unsere Selig-\nkeit nur ein Abglanz der eurigen. Die kleinen Hei-\nlande blicken uns aus ihren grossen Kinderaugen er-\nstaunt an, sie kennen die arge Welt noch nicht und\nspielen lächelnd mit einer Passionsblume,\nWenn ich aber bei den Kindern dankbar zu Gast\nsitze und mich an ihrer Seligkeit sonne, so muss ich\njedesmal der Stiefkinder des Glücks gedenken, denen\nder Himmel nur graue Tage und öde Nächte beschert\nIch will noch nicht von den Armen reden, denn was\nist arm und reich? Wir sind nie reich genug, um\nden hohen Flug unserer Wünsche zu erreichen, und\nselten so arm, dass wir nicht täglich einen Sonnen-\nstrahl der Freude empfangen könnten. Ich will von\nwahrhaft armen Wesen sprechen, die so oft, wenn\nalles sich freut, traurig beiseite stehen, traurig und un-\nbeachtet, wenn nicht gar verachtet. Diese Aschenbrödel\nder bürgerlichen Gesellschaft, am Weihnachtstage, dem\nFeste der Kinder, doppelte Aschenbrödel, sind — das\nWort will garnicht aus der Feder — die alten Mädchen.\nAlte Mädchen! Mädchen und alt! Es besteht ein\nsolcher Widerspruch zwischen diesen beiden Wörtern,\ndass sie selbst erstaunt sind, so hart nebeneinander\nzu stehen. Mädchen — ein Geschöpf voll Verheissung,\neine blühende Anweisung auf Leben, Genuss und Glück!\nUnd alt — der Abgrund alles Unwünschenswerten.\nSo grausam aber diese Bezeichnung auch sein mag,\nsie ist nicht grausamer als das Geschick der damit\nbezeichneten. Ein altes Mädchen sein heisst ein\nSchicksal tragen, an welchem eigene Verschuldung nur\nin den seltensten Fällen einen bedeutenden Anteil hat\nMan ist meistens ein altes Mädchen, wie man ein\nGenie ist; ohne Verdienst oder Schuld; nur mit dem\nschneidenden Unterschiede, dass dem Genie, weil es\ndas selbstverständlich Göttliche ist, alles als Verdienst,\ndem alten Mädchen aber, weil es schicksalvolles Un-\nglück trägt, alles als Schuld angerechnet wird. Es\ngibt im strengsten Sinne notwendigerweise alte Mädchen:\nNatur und [gesellschaftliche Verhältnisse wollen es so,\nwas aber notwendig ist, gerade das an mir verspottet\nund verlacnt zu sehen, ist das unbarmherzigste und\nunerträglichste. Ein altes Mädchen fordert, wenn nicht\nMitleid, doch Mitgefühl heraus.\nSchon fcin frühen Zeiten hat die Frage der alten\nMädchen die Geister beschäftigt. Mit seiner heiteren\nAnschaulichkeit schildert der Vater der Geschichte eine\nbabylonische Sitte, die es mit unserem Gegenstande\nzu tun hat. „In jedem Dorfe,\" erzählt Herodot,\n„wird alle Jahre einmal also getan: wenn die Mädchen\nmannbar geworden, so mussten sie alle zusammenge-\nbracht und auf einen Haufen geführt werden. Rings-\numher stand die Schar der Männer. Sodann hiess der\nAusrufer eine nach der anderen aufstehen und ver-\nsteigerte sie. Zuerst die allerschönste; dann, sobald\ndiese um vieles Geld erstanden war, rief er eine an-\ndere aus, welche nächst dieser die schönste war, aber\nalle mit dem Beding, dass sie geehelicht würden. Was\nnun die Reichen unter den Babyloniern waren, die da\nheiraten wollten, die überboten einander, um die Schön-\nste zu bekommen; was aber gemeine Leute waren,\ndenen es nicht um Schönheit zu tun war, die bekamen\ndie hässlichen Mädchen und noch Geld dazu. Denn\nwenn der Ausrufer alle schönen Mädchen verkauft\nhatte, so musste die Hässlichste aufstehen, und nun\nrief er diese aus. bis sie dem Mindestfordernden zu-\ngeschlagen wurde. Das Geld aber kam ein von den\nschönen Mädchen, und auf diese Art brachten die\nschönen die hässlichen an den Mann. . So weit\nHerodot. Dieser babylonische Methode, eine soziale\nFrage zu lösen, hängt doch, vom übrigen Bedenklichen\nabgesehen, ein grosser Fehler an: sie legt einen\nschwankenden Massstab zu Grunde. Denn was ist\nhässlich? Es gibt immer noch eine Hässlichere, also\nkeine unbedingt Hässliche. Hässlich sein, ist noch kein\nHindernis, reizend zu sein, und wie oft — es gehört\nzu den Geheimnissen der Liebe — werden die schön-\nsten Männern von hässlichen Frauen beseligt. Häss-\nliche Mädchen, die ihre schöne Seele nicht an den\nMann gebracht haben, sind die jMinderzahl unter de«\nalten Mädchen.\nMan wird aus allen möglichen Gründen ein altes\nMädchen, aber zumeist, weil die Natur die Geschlechter\nungleich hat, und weil idie Verhältnisse * der\nbürgerlichen Gesellschaft nicht Jdanach angetan sind,\ndas gesamte Liebeskapital der Mädchen fruchtbringend\nanzulegen. So sind die meisten alten | Mädchen reine\nOpfer. Alle die verschiedensten menschlichen Motive\nspielen zwischendurch. Das alte Mädchen ist oft aller\nRomantik voll. Sie hat einen Roman gehabt, einen\nerlebten oder einen erträumten. Er ist ihr gestorben,\ner hat sie für eine andere verlassen, oder er hat ihr\nstilles Werben nicht bemerkt. Sie hat ihr Glück viel-\nleicht versäumt, es unbedachtsam ausgeschlagen, oder\nes ist nie so nahe an sie herangetreten, dass sie es\nmit der Hand erreichen ikonnte. Sie sieht sich von\nder höchsten Aufgabe der Frau ausgeschlossen, und der\nKummer darüber geht ihr zeitlebens nach, wenn sie\nnicht zufällig eine oder eine Heilige ist.\nManche nennen sie glücklich, denn wenn sie die Freude\nnicht habe, so fehle ihr dafür auch das Leid. Dass\nsie aber die Freude des Leids fnicht hat. \"das ver-\ngessen die meisten. Glück im höchsten Sinne zu ge-\nwähren, ist ihr benommen. Frauen können so be-\nglücken. Dass in ihnen selbst, sogar unter Kummer Jund\n■Vß\nSorgen, eine Fülle des Glücks wohnen muss. Oder\nist nur diese überschwengliche Fähigkeit, beglücken zu\nkönnen, ihr wahres Glück? |Ein\nvon Liebe ruht oft in dem Herzen alter Mädchen und\ngeht ungenützt mit ihnen zu Grabe. [Ihre verfehlte\nBestimmung können sie nicht vergessen, selbst wenn\nsie ihr Leid ins [.Kloster tragen. Die Nonne noch\nspielt mit der Liebe, mit der Ehe. Dajfihr das Nächste\nnicht erreichbar gewesen ist, streckt [sie [die Arme\nnach dem Fernsten aus; aber nur, um es ihren Bräuti-\ngam zu nennen. Schöner sieht man alte Mädchen in\nirdischer Tätigkeit walten, indem sie, wenn auch inner-\nlich verblutend und ihre Tränen verschluckend, fzu\nSchutzgenien ihrer jüngeren Geschwister, ihrer Familie\noder gar fremder Kinder v erden. Würden sie hassen,\nso hätten sie ihr Los verdient.\nIch sehe etwas Heiliges in guten alten Mädchen,\nwie überhaupt im Unglück, wo über der eigenen Ver-\nschuldung, falls sie vorhanden ist, eine höhere Macht\nentscheidend gewaltet hat. Man wird mich wohl am\nEnde als den Pindar der alten Jungfern verlachen. Sei\nes drum! Tausende mögen mich verspotten, wenn ich\nam heutigen Freudentage nur einem jener Wesen, die\nzu den Opfern der Gesellschaft gehören, mit einem\neinzigen Worte wohlgetan habe.\nAm 25. Dezember 1876\ngp-'l In diesen Tagen erscheint der dritte Band der Schriften vo*\nLudwig Speidel: Heilige Zeiten / Weihnachtsblätter / Verlag Meyer\nund Jessen / Berlin\n\nDer Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nVII\nSchiida\nDer geheime Regierungssekretär Käseberg hatte a»\ndem Morgen, der dem Frühlingsfeste folgte, sehr zag-\nhaft sein JBett verlassen und sah nun, während er\nseinen Morgenkaffe schlürfte, sehr zaghart hinaus auf\ndie Hauptstrasse von Schiida; der geheime Regierungs-\nsekretär fürchtete, und nicht mit Unrecht, dass man\nihm bald die Fenster einwerfen würde mit schweren,\nkantigen Steinen; die Tätigkeit der Herren, die in dem\ndreieckigen Rathause zu Schiida fest angestellt waren,\nhatte der Stadt Schiida noch keinen Vorteil gebracht,\nund die Geschäfte standen still.\n112 'Die alte Stadt Schiida war vor vielen Jahrhunderten zu\nGrunde gegangen, aber die neue Stadt Schiida war vor\nein paar Jahren yon Originalen erbaut worden — von\nOriginalen, die sich vom Volksgeist emanzipiert hatten.\nAnfänglich brachte diesen Originalen der Humor man-\nchen Vorteil, dann aber zog der Humor nicht mehr,\nda es den Utopianern viel zu gut ging, sodass das\nneue Schiida bald in Vergessenheit geriet. Nun] waren\ndie neuen Schildbürger nicht sehr fleissig, sie waren\nsehr querköpfig und unpraktisch, und da sie zudem"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "341", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.3", "texte": "vom Kaiserreich Utopia wirtschaftlich losgelöst waren —\nso ging in Schiida bald Alles bergab, und die Lotte\nWiedewitt hatte ganz recht, als sie sagte:\n„Die ganze Emanzipation vom Volksgeiste hat uns\nbloss Jammer und Elend gebracht — und weiter Gar-\nßichts — Garnichts — Garnichts.\"\nHerr Käseberg dachte, als er bei seiner Morgen-\nzigarre den Schildaer Generalanzeiger durchblätterte,\ngerade wieder über die Bedeutung des Volksgeistes\nnach — da ward er durch Eilboten zum Oberbürger-\nmeister Wiedewitt gerufen.\nHerr Moritz Wiedewitt sass im Rathause mit Herrn\nvon Moellerkuchen zusammen; Käseberg und von\nMoellerkuchen, die beide geheime Regierungssekretäre\nwaren, bildeten die rechte Hand des Oberbürgermeisters.\nUnd dieser setzte nun seinen Geheimen eifrigst ausein-\nander, wie es komme, dass in der Residenz alle Leute\ndick und fett seien: Uniformen hätten sie alle — und\ndarum müsste ein „Allgemeiner Uniform-Verein für\nSchiida und Umgegend\" gegründet werden. Ausser-\ndem hätten die Ulaleipuaner sämtlich hochtrabende\nTitel wie — Tambourmajor, Feldmarschall, Rechnungs-\nrat, Kriegsminister, Professor, Kanzleivorsteher undso-\nweiter — demnach müsste auch ein „Allgemeiner Titu-\nlar-Verein für Schiida und Umgebung\" gegründet werden.\nUnd Beides geschah, und abends war der General-\nAnzeiger ganz voll von diesen beiden Gründungen.\nIm Kaiserreich Utopia hatten sich die Titulaturen\nim Laufe der Jahrhunderte sehr verändert; da es\nKriege und Heeresorganisationen eigentlich nicht mehr\ngab, so waren die militärischen Titulaturen auf andere\nfriedliche Beschäftigungszweige übergegangen — so\nwurden die Agrikultur-Chemiker Feldmarschälle, die\nRechtanwälte Tambourmajors, die Standesbeamten Kriegs-\nminister undsoweiter tituliert. Jedenfalls sollte der Titel\nimmer nur die Tätigkeit charakterisieren — und da war\noft aus Scherz Ernst geworden. Und nun wollten die\nSchildbürger wieder aus dem Ernste einen Scherz\nmachen; allerdings taten sie alles mit sauerer Miene,\ndass sie schliesslich selbst nicht recht mussten, wo ihr\nErnst aufhörte und ihr Scherz anfing.\nDer Schildaer Generalanzeiger aber — der hatte\njetzt Stoff in Hülle und Fülle.\nUnd auch Philander der Siebente, der Kaiser von\nUtopia, las von den neuen Gründungen — und er las\nlange daran und er lächelte schliesslich sehr lange\nund berührte zum Zeichen des Beifalls mit der Spitze\ndes linken Zeigefingers seine Nasenspitze — sehr lange\nliess er diese beiden Spitzen zusammen.\nVIII\nDer Volksgeist\nAn dem ersten Sonntag vormittag nach dem\nFrühlingsfeste sass Philander in seinem grossen Biblio-\nthekssale wie ein einfacher Privatmann ohne Greisen-\nhaar vor seinem zehn Meter breiten Schreibtisch und\nlas in der neuesten Ausgabe des utopianischen Kon-\nversationslexikons unter „Volksgeist\" unter Anderem das\nFolgende:\n„Als es vor vier Jahrhunderten unter Kaiser Kasi-\nmir dem Ersten modern wurde, den Volksgeist immer\nhöher einzuschätzen und ihm schliesslich eine göttliche\nVerehrung entgegenzubringen, da dachte natürlich nie-\nmand daran, die einfachen tierischen Instinkte eines\nunentwickelten Volkes als göttliche Angelegenheiten zu\nbezeichnen und einzuschätzen. Ueberall — in den\nersten wie in den späteren Grundlagen unserer utopia-\nnischen Religion, die dem Volksgeiste göttliche Ver-\nehrung entgegenbringt, wird der Volksgeist immer als\nein „Geist\" aufgefasst, der nicht bloss in dem Volke,\nsondern auch über dem Volke lebt — gleichsam eine\nätherische Bildung, die Alles durchdringt und Allem\ndie Richtschnur gibt, ohne die Einzelerscheinungen in\nin ihrem Individualisierungsbestreben wesentlich zu be-\nhindern. Der von den Utopianern göttlich verehrte\nVolksgeist ist im Grunde genommen ebenso gut ein un-\nbekannter allmächtiger Gott — wie die gesamten\nGötter der Vorzeit. Wir haben überall Volk und\nVolksgeist als zwei wesentlich von einander unter-\nschiedene Begriffe aufzufassen und zu behandeln.\"\nPhilander hielt mit Lesen inne, schüttelte den Kopf\nund telephonierte nach seinem Zeremonienmeister\nKawatko.\nKawatko kam sofort, der Kaiser bot ihm eine Zi-\ngarre an und rauchte selber auch und zeigte dem\nKawatko einen Brief, den er an den Oberbürgermeister\nvon Schiida geschrieben hatte.\nKawatko las und lachte und sagte:\n„Ja — willst Du denn den Schildbürgern wirklich\nso heftig auf den Kopf hauen — bloss dafür, dass sie\neinen Titularverein und einen Uniformverein gegründet\nhaben ?\"\n„Ich,\" erwiderte Philander, „habe etwas mehr mit\nden Schildbürgern vor. Ich las hier im Konversations-\nlexikon so viel vom Volksgeiste — und halte es doch\nfür sehr bemerkenswert, dass sich die Schildbürger so\nkühn vom Volksgeiste emanzipierten, obgleich sie da-\ndurch doch bloss Kummer und Elend geerntet haben,\"\nKawatko rauchte in langen Zügen und bemerkte\ndann leise: „Willst Du vielleicht auch ein Schildbürger\nwerden ?\"\n„Ich werde,\" versetzte Philander, „ein Jahr nicht\nKaiser sein — und da könnte sich Manches ereignen.\"\nDa sprang der Zeremonienmeister auf und drehte\nsich sechsmal um sich selbst um schrie:\n„Himmel! Wetter! Donner und Hagel! Ich sehe\nDich schon — Dich, den Kaiser von Utopia, den die\nhundert besten Utopianer zu ihrem Kaiser machten —\nDich, der Du auch zu den hundert besten Utopianern\nzählst — als Oberbürgermeister von Schiida — von\nSchiida — die Sache kann lieblich werden — lieblich\n— lieblich.\"\nPhilander stand auf und ging wortlos in seine\nPrivatgemächer; Kawatko starrte ihm wortlos nach und\nfasste sich langsam an seinen alten Kopf.\nt\nIX\nDie Priester\n„Er hat was gegen uns!\" sagte der Oberpriester\nSchamawi.\n„Er hat was gegen uns!\" sagten bald alle Priester\nin Ulaleipu — aber sie sagtens leise und unter ein-\nander, wenn kein Laie dabei war.\nUnd der „Er\" war Philander der Siebente, Kaiser\nvon Utopia; der Zeremonienmeister Kawatko hatte von\nder Audienz mit dem offenen Konversationslexikon —\nso bestimmte Andeutungen gemacht, dass die gesamte\nPriesterschaft in grosse Erregung geriet — und Scha-\nmawi wurde aufgefordert, mit Klugheit und mit List im\nInteresse der Priesterschaft vorzugehen.\nSchamawi war ein alter Onkel des Kaisers und\nauch ein alter Oberpriester, der die Gemüter — auch\ndie erregten — zu lenken verstand.\nNicht ohne Ironie sagte er da lächend:\n„Meine Herren, wir sind lange Zeit zu sorglos gewesen.\nEs hat sich in der Tat im Lauf der Zeit die Meinung\ngebildet, dass das Volk dem grossen Volksgeiste immer\nnäher gekommen sei, und dass diese Annäherung\nschliesslich eine Verschmelzung hervorrufen dürfte.\nSchliesslich klingt es nicht mehr so unsinnig, wenn\nJemand behaupten möchte, wir beten das Volk an und\nnicht den Volksgeist Und das ist es, was mein Neffe\nuns Priestern in die Schuhe schieben will. Wir haben\nsehr vorsichtig zu sein. Und wir müssen einsehen,\ndass wir viel versäumt haben — die Rechtspflege\ndurfte nicht ein so populäres Gepräge bekommen —\ndas hätten wir rechtzeitig verhüten müssen.\"\nUnd dann sprach man über die Rechtspflege im\nAllgemeinen und im Besonderen.\nDie Rechtspflege lag nun so im Kaiserreiche\nUtopia:\nJeder Prozess wurde nicht mehr endgiltig durch\ndie Richter bestimmt — es gab immer noch eine Be-\nrufung an das Volk. Auf Staatskosten wurde jeder\nProzess, sobald es von einem Kläger oder Beklagten\nverlangt wurde, in einer Broschüre eingehend geschil-\ndert — diese Broschüren wurden dann gratis verteilt\n— und dann konnte nach einer neuen Prozessordnung\nschliesslich das Volk in der Sache das endgiltige Urteil\nsprechen. In der grossen Rechts-Zentrale am Schwantu-\nfluss standen sieben kolossale hundert Stock hohe\nTürme, in denen die juristischen Broschüren verfasst\nwurden — und da konnte man leicht erkennen, wie\nheftig das Volk im Lande Utopia mitsprechen durfte —\nin allen Angelegenheiten.\nUnd die Priester in Ulaleipu, die den grossen Geist\nanbeteten, der in unserem Leben die entscheidende\nFührung hat, begannen traurig zu werden, dass sie\ndiesen grossen Geist gerade „Volksgeist\" nennen\nmussten; das gab immer wieder zu Missverständnissen\nVeranlassung.\nUnd der Kaiser von Utopia sagte zu Kawatko am\nSonntag Nachmittag:\n„Ich bemerke, dass gerade die Priester versäum\nhaben, Volk und Volksgeist deutlich von einander zu\ntrennen — es wird ihnen heute garnicht mehr gelingen\ndiese beiden Begriffe voneinander loszulösen. Und,\ndaher bin ich geneigt, mich vom Volke zu\nund ich gestehe, dass ich mich auch vom Volksgeiste\nbefreien möchte — und das ganz besonders dürfte\nden Priestern unangenehm sein.\"\nUnd das war auch den Priestern sehr unangenehm.\n\nFortsetzung folgt\n\nVom lyrischen Idiom\nVon Friedrich Kurt Benndorf\nObwohl die lyrische Dichtersprache ihre Ausdrucks-\nmittel mit der Prosasprache teilt, ist sie doch von\ndieser beinahe ebensoweit entfernt, wie die Sprache\nder Töne, Farben oder Linien von der Wortsprache.\nSie hat ihre eigene (aus einer Logik der Phantasie\nhervorgehende) Bildlichkeit (Methaphorik) ihre eigene\nKlanglichkeit (Melodik), ihre eigene Wortbewegung\n(Rhythmik) und ihr eigenes Tempo. Sie ist ein Idiom.\nDie potenzierte Bildlichkeit, duch die sich das\nlyrische Idiom von der konventionellen Sprache haupt-\nsächlich unterscheidet, bedeutet für den Lyriker nicht\neine blosse Erhöhung ornamentaler Reize, sondern ist\ninnere Notwendigkeit seines Schaffens. Was die\nTheoretiker der Poesie etwa unter Trope, Personifikation,\nEpitheton ornans begreifen, ist ihm kein blosser „Rede-\nschmuck\", sondern unmittelbare Anschauungsform,\nWas die Poetiker „Figur\" getauft haben wie\nAnaphora, Polysyndeton, Onomatopöie gehört, ebenso\nwie Assonanz, Alliteration, Reim und Refrain, zur\npotenzierten Klanglichkeit des lyrischen Idioms.\nWas die Poetik als Inversion, Ellipse etcetera be-\nzeichnet und desgleichen jene Freiheit des Wortgefüges,\nwelche die Griechen dxa£ta und die Franzosen beau\ndesordre nennen, ist Bestandteil des differenzierten lyri-\nschen Rhythmus, der seinerseits an ein metrisches Schema\n(einen „äusseren\" Rhythmus), gebunden oder ohne ein\nsolches selbständig sein kann (der plastische und der\nmusikalische Rhythmus)\nBild, Klang und Rhythmus — ins Sinnlichere hinaus-\ngesteigert über das in der Prosasprache schon Ge-\ngebene — sind im lyrischen Kunstwerk eine völlig\nuntrennbare Einheit, wie in der Musik Melodie, Harmonie\nund Rhythmus.\n*\nEs ist versifizierte Prosa, wenn Goethe sagt:\nHafis Dichterzüge, sie bezeichnen\nausgemachte Wahrheit unauslöschlich,\naber hie und da auch Kleinigkeiten\nausserhalb der Grenze des Gesetzes . . .\nDagegen ist es von Gnaden des lyrischen Urtons,\nwenn derselbe Goethe „singt\":\nWren du nicht verlässest, Genius,\nnicht der Regen, nicht der Sturm\nhaucht ihm Schauer übers Herz —\nViele Gedichte erheben sich — unbeschadet ihrer\nsonstigen Bedeutung — nur stellenweise zum Niveau\ndes lyrischen Idioms und sind im übrigen metrisch\narrangierte Prosa. Zu dieser Halblyrik gehört die\nMehrzahl der erzählenden Gedichte (Balladen, Romanzen)\nund der grösste Teil der Reflexionspoesie.\nUnd ebenso gibt es zahlreiche Gedichte, die nur\ndie lyrische Gebärde haben: — nur die äusseren\nMittel des Metrums und des Reims verwenden und\nsich mit der Bildlichkeit der Prosa begnügen oder doch\nnur die schon Gemeingut gewordene poetische Bild-\nlichkeit wiederholen. Beispiele für diese Scheinlyrik\nlassen sich in unsern „Familienblättern\" leicht auffinden\nAnderseits trifft man in erzählenden und dramatischen\nWerken häufig auf Stellen, die dem lyrischen Idiom\nmehr oder weniger zugehören. Als Beispiel aus der\nepischen Literatur diene ein „Leitmotiv\" (eine Ar\nRefrain) in dem Novellenband „Tristan\" von Thomas\nMann, das wenigstens seinem rhythmischen Charakter\nnach ausserhalb der Prosasprache steht:\n„ — er wartete, dass sie kommen möge. Aber\nsie kam keines Weges. Dergleichen\ngeschah nicht auf Erden.\"\nAus der dramatischen Dichtung sei ein Frag-\nment der Szene in Kleists „Hermannsschlacht\" zitiert,\nwo der römische Legat, an dem die hintergangene"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "342", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.4", "texte": "Thusnelda ihre schreckliche Rache nimmt, vor dem\nBärenzwinger weilt:\n„Dies ist der stille Park, von Bergen ein-\ngeschlossen,\nder auf die Lispelfrage: wo?\nmir gestern in die trunkenen Sinne fiel!\nWie mild der Mondschein durch die\nStämme fällt! — — \"\nIn Anknüpfung an den letzten Vers dieser Stelle\n(dessen Inhalt in Prosa lauten würde: „der Mond\nscheint durch die Bäume\") mag hier ein Gedicht von\nMombert stehen:\nHoch du heller Mond.\nAlles blüht hochüber mir.\nMein Haupt zu heben aus den Kissen.\nMein Haupt zu heben in die Herrlichkeit*\nMein Haupt zu heben in den Gesang.\nSowohl in Kleists metrisch abhängigen, wie in\nMomberts metrisch unabhängigen (rein rhythmischen)\nVersen spüren wir die ganze Zauberei, die dem Worte\ninnewohnt, wenn es von Meistern des lyrischen Idioms\ngehandhabt wird. Die Kunst als solche ist bei beiden\nDichtern die gleiche. Aber der Fortschritt in den\ntechnischen Ausdrucksmitteln bei dem modernen Dichter\nenthüllt sich in den kühnen Ideal-Ellipsen zwischen\nden beiden Abschnitten seines rhapsodischen Gebildes\nund der Formal-Ellipsen in den Infinitiven der drei\nletzten Verse mit ihrer überraschenden Klimax.\nDas Wort als Sinnwert (Istwert) verhält sich zum\nWort als Stimmungswert (Bedeutungswert) wie die\nTöne der Tonleiter zu den Tönen in einem Tonstück.\nWer das lyrische Idiom als Muttersprache besitzt oder\nin sein Bewusstsein eingedrungen ist, empfindet von\nvornherein den Anschauungs-Klang- und Betonungswert\nder Worte und Wortfolgen zugleich mit ihrem Sinnwert;\ner spricht und liest sie nicht nur, sondern singt, fühlt\nsie auch; er verbindet unbewusst die blosse optische\nWortwahrnehmung mit der akustischen, plastischen und\nrhythmischen; und wenn er inne wird, dass andere\nnicht das gleiche tun, so erstaunt er ebenso da-\nrüber, wie ein Musiker von absolutem Gehör, dass\nnicht alle Menschen das absolute Gehör haben.\nwie der Gebrauch entlegener Worte, falls sie nur\nsinnlich bezeichnend sind, dem lyrischen Idiom durch-\naus gemäss ist, so gehört auch die analogische Fort-\nbildung sprachlicher Elemente, der Neologismus, zu\nseinem Wesen. „Car nous voulons la nuance encore!\"\n(Verlaine). So unangebracht Neologismen im Prosastij\nsein können, so reizvoll wirken sie im lyrischen Stil\nund so sehr gerechtfertigt sind sie durch dessen\nmusikalischen, malerischen und pathetischen Gestaltungs-\nwillen. Sie laufen dem mit lyrischem Sprachgefühl\nBegabten unter dem Zwange innerer Sensationen ganz\nvon selbst unter.\nEs wäre unmöglich, in der Prosasprache zu sagen:\ndie Nacht kommt „über Blumenfelds Gelänge\" ein\nVogel sitzt „gestängelt auf den Aesten der Zypresse41;\noder Wortkoppelungen zu bilden wie: „Ameiswimmel-\nscharen\", „Blumenwürzgeruch\": aber innerhalb des\nlyrischen Idioms sind diese Goethischen Erfindungen\nKöstlichkeiten!\nDie Moderne ist in der Bereicherung der lyrischen\nDichtersprache mit Neologismen auf Goethes Wegen\nweitergegangen: zahlreiche Belege hierfür Hessen sich\naus den Werken von Liliencron, Dehmel, George und\nanderen beibringen. Aus Momberts Werken findet\nman weiter unten etliche zusammengestellt. Hier seien\nnur die ausdrucksvollen Kombinationen herausgehoben\n„ — meine vielgeliebt-geküsste Hand\"; — „die mond-\nbekreist-beglänzte Erde\".\nDer Ausdruck von Gefühl und Stimmung, wie er\nim lyrischen Idiom zur Darstellung kommt, lässt sich\nebensowenig durch Logik auflösen, wie Gefühl und\nStimmung selber. Das Unerklärliche, Unbestimmte,\nHalbbewusste, Schwebende, Verschwiegene, Zerrinnende\naus dem jener Ausdruck stammt, gibt ihm seinen\nCharakter, der ganz verschieden ist vom Ausdrucks-\ncharakter unserer als Organ des Verstandes und der\nVerständigung dienenden Sprache. Klarheit der An-\nschauung bedeutet für die zum Gefühlsausdruck ab-\ngestimmte Sprache etwas anderes als für die Ver-\nstandessprache. Ist die Klarheit hier identisch mit\nabsoluter Deutlichkeit, so ist sie dort mit der rätsel-\nvoll schillernden Helle eines Bergseegrundes zu ver-\ngleichen, oder mit dem Lichte eines Rubins, das gleich-\nsam Tag und Nacht in sich vereinigt. Was von der\nWarte der Verstandessprache aus am lyrischen Idiom\nals Unklarheit und Unlogik empfunden wird, ist gerade\nseine Stärke und Eigentümlichkeit. Es ist dasjenige\nan einem Gedicht, was nur „durch magnetisch dunkle\nKräfte\" begriffen werden kann, wie Puschkin in „Onegin\"\nsagt. Es ist das, was dem Lyriker nur dann zu\nGebote steht, „wenn ihn der Gott gehoben und keine\nVernunft mehr in ihm weilt,\" wie es Plato umschreibt —\ndas, was Nietzsche kennzeichnet, wenn er, mit dem\nBlick auf Pindar und die Aeschyleischen Chorgesänge\nfragt: „ — diese kühnsten Verschlingungen des Ge-\ndankens, dieser ungestüm sich neu gebärende Bilder-\nstrudel, dieser Orakelton des Ganzen — sollte der\ngriechischen Menge durchsichtig gewesen sein?\"\nDa Mond und Sonne dir ewig kalt ist,\nund dir das Sternengewölbe ewig alt ist,\nund in der Finsternis zerreisst dein Gang:\nLausche meinem Gesang.\nDiese Strophe mit ihrem fremden und doch ver-\ntrauten Klang, mit ihrer Eigenheit in Bild und Wort-\nbewegung, mit ihren jäh sich zusammenschliessenden\nLinien — ein Organismus, unwiderlegbar — diese\nEingangsstrophe zu Momberts „Schöpfung\" bietet ein\nschönes Beispiel für das lyrische Idiom.\n\nDie Sommernacht\nVon Heinrich Eduard Jacob\nEin dunkler Teppich aus Grillenlauten — o niemals\nbegonnener, niemals zu Ende gewebter Teppich! —\nlagern die Gärten unter der hohen und veilchenblauen\nKuppel der Nacht. Das heisse Singen der Grillen ist\nder Grundton, auf dem der Duft der Blumen und der\nSterne fortklingt. Die Nacht ist schwer von Sternen\nund von Blumen. In rundgezogenen Beeten stehen\nsich schwarzrote ewigdürstende Tulpen, makellose\nNarzissen so nahe, dass ihre Nacktheit sich berührt\nund sie einander mit glühenden Atem fast verheeren\nDie feuchten Stengel rosaroter Hyazinthen zittern saft-\ndurchschäumt und tragen ein sanftes Rauschen in ihren\nGlockenblüten. Kleine Paenonienbäume erheben sich\naus dem musizierenden Hochgras und trinken mit\nvioletten Blüten die Finsterniss. Schwerduftende, ver-\nspätet hangende Fliedertrauben entzünden sich gegen-\nseitig zu mattblauen Bränden. Geöffnete Rosen\nwachsen und wachsen, als ob eine Sehnsucht der\nWurzeln ihre Häupter zu den Sternen hinauftriebe.\nWann haben die Augen der Welt je deutlicher ge-\nblickt? Ueber dem zersprungenen Elfenbein der Milch-\nstrasse die Cassiopeia wie ein hellleuchtendes Monogramm\nFeuchtschimmernd und grün schweben die regenatmenden\nPlejaden, sechs kleine um eine grosse geschart. Der\nhimmlische Perseus streckt die Arme nach der zart-\nschimmernden Andromeda aus, die er nie erreichen\nwird. Die beiden Bären erheben ihre riesigen Pranken.\nDas feuerfunkelnde Auge des Mars spricht rote Glut\naus, aber das goldene Blicken der Venus bannt sie\nwieder, und nicht fern von dem weissen, ruhigen\nJupiter zeigt der Kranz der Ariadne seine erhabenen\nEdelsteine.\nWie ein riesiges, nach Innen glimmendes Fanal\nsteht das grosse Hotel inmitten der dunklen Gärten.\nDie schlaffen Fahnen seiner Dächer sind in veilchen-\nblaue Nacht getaucht, seine Säle aber überfliessen von\nLicht und sind mit Musik behangen .... mit Musik\nvon Johannes Brahms. Der junge Künstler, der auf\ndem Podium vor dem Orchester steht und das Konzert\nauswendig spielt, ist so schön, dass die lauschenden\nFrauen glauben, nicht aus den Instrumenten, sondern\naus der Locke, die schwer und braun über seine Stirn\ntaumelt, ströme die Musik. Allmählich erlischt sein\nSpiel; nicht plötzlich: es ist ein langsam verzitterndes\nHinsterben. Einen Augenblick scheint es, als ob auch\ndie Hörer erloschen seien, dann fallen rasch die Hände\nübereinander. Ein Meer von Beifall plätschert aus\nihnen heraus, wogt hoch auf, fliesst rauschend um das\nPodium und brandet an den Fenstern. Blass und mit\nendlosen Verneigungen schwimmt der junge Geiger\ndarüber hinweg. Seine Seele scheint erschrocken und\nscheint bis in die Stirn und die zartspitzen Finger, die\nden Geigenhals umspannen, zu beben. Das Portal\nzum Garten fliegt auf, und ein breiter Lichtstreifen\nschiesst in das heisse Dunkel hinaus. Er verwandelt\nein Stück des grillendurchsungenen Rasens in smaragdenes\nGrün, bis vor den ersten Beeten seine Macht erlischt.\nNur eine kleine Rosenrabatte überschwemmt er noch:\nschämig und zitternd wie nackte Mädchen stehen die\nsüssen Kelchträgerinnen im überhellen Licht. Die\nscheintote Bogenlampe über dem Portal beginnt leise zu\nzischen und sich langsam mit halbem Glanz zu füllen,\nbis sie plötzlich ganz in weissem Glühen steht.\nAbenteuernde Nachtfalter stürzen sogleich herbei riesige\nMotten pochen mit klirrenden Flügeln gegen das er-\nleuchtete Glas und laden einander zu wahnsinnigen\nTänzen ein. Eine zweite und dritte Bogenlampe\nflammt auf, umschwärmt von feuertrunkenem Nacht-\ngetier. Erbarmungslos fällt das Licht in die offenen\nBlumen herab; befangen halten sie dem Atem an.\nEin wenig verletzt dämpfen die Grillen ihr Singen, die\nSterne rücken höher in den Himmel hinauf: der\nGarten ist geheimnislos geworden.\nDie Gäste strömen langsam ins Freie. Der junge\nGeiger, die Musik und Brahms glänzen noch atemwarm\naus ihren Reden, aber schon steht das durch die\nTöne zurückgedrängte Irdische wieder neben\nhält eine halb sanfte, halb zudringliche Umarmung\nbereit. Die alten Herren mit den roten Stirnen, die\nkein Haar mehr kränzt, setzen schleppende Schritte\nvorwärts und greifen mit schwerberingten Fingern nach\nihren Zigarrentaschen. Lächelnd trippeln neben ihnen\ndie Matronen in ihren kleinen schwarzen Capottehütchen\nin die leuchtenden Kieswege hinein, und das weisse\nLicht lügt Jugend auf ihre gepuderten Runzeln herab-\nDie jungen Herren stehen in hellen Westen und frucht-\nfarbenen Krawatten lässig umher, saugen mit steilen\nFingern an weissen Zigaretten oder halten die Tennis-\nschläger noch tagher in den Händen. Sie denken an\ndie Mädchen und die jungen Frauen, die während des\nSpieles neben ihnen gesessen haben. An deren\nGliedern hängt die Musik am längsten: ein Hauch der\nSehnsucht fliesst um ihre Stirnen, verstärkt sich an den\nEdelsteinagraffen ihres Haares, gleitet in unsichtbaren\nKaskaden um die nackten Schultern und vemischt sich\nmit den gewandfliessenden Hüften. Zwischendurch\nhuschen Bediente ab und zu, Leute in stahlfarbenem\nLeibrock, altmodischen Kniehosen und weissen Strümpfen,\nund tragen silberne Tabletts umher. Hier und da ent-\nführen verlangende Hände einen Spitzkelch mit blut-\nfarbenem Sherry, ein kleines Becherglas mit lichtbraunem\nChokoladen-Cocktail oder ein Tellerchen voll süsser,\nrahmgetränkter Erdbeeren. Alle tun es ohne Hast,\nmit einer reichen Ruhe. Hastig sind allein die rauhen,\nbimsteingepflegten Hände der Schulknaben, die sich\nbeeilen müssen, den kurzen Sommer auszukosten, der\nzwischen zwei grauen Arbeitsjahren liegt.\nNicht ewig und immer dürfen, die hier plaudern\nbeisammen sein. In vielen Augen liegt der Abglanz\nanderer Himmel, der Duft fremder Sträucher gespiegelt,\nDa ist die erhabene und grossäugige, Spanierin —\nGlut, Strenge! Man flüstert von ihren Juwelen und\nraunt sich zu, sie gliche wie durch einen Zauber der\neinstigen, nun längst ergrauten Kaiserin Eugenie. Wie\ndie See über Ebbe und Flut gebietet, so zeigt ihr\nLeib im Spiel der Stunden Schlankheit und Ueppigkeit\nzugleich. Da ist der nordenglische Colonel mit den\nstählernen Augen, die Schwedin klar und blau wie eine\nLandschaft Götalands.\nDie Alten sind weich und träge in einen der spär-\nlichen Klubsessel hineingesunken. Die jungen vergönnen\ndas gern und stehen in leichtbewegter Runde um einen\nsolchen Mittelpunkt herum. Aber es geht auf Mitter-\nnacht. Und um Mitternacht schwingt ein krystallener\nTon aus dem Mittelpunkt der Dinge und wallt über\njede Kreatur: der fast unhörbare zitternde Schlag, der\nden neuen Tag verkündet. Eine plötzliche Kluft gähnt\ndurch die eben noch froh gewobenen Gespräche der\nMenschen. Für einen Augenblick scheinen die Sterne\nwieder tiefer hinab und die Grillen erheben sieghafter\nihre Stimme; das Dunkel scheint dem Lampenlicht ein\npaar Handbreit Raumes abgewonnen zu haben und die\nGärten erheben eine deutliche Forderung nach Allein-\nsein. Als ob die Menschen es empfänden, wird ein\nabschiednehmendes Händeschütteln in ihrer Mitte wach,\nfließt weiter und greift um sich, Wasserkreise, in die\nein Stein fiel. Die Alten erheben sich aus den Klubsesseln,\nvon Kopf bis zu Fuss in ein grosses Gähnen ge-\nhüllt, die jungen verneigen sich mit leisem Bedauern.\nMan steht noch ein wenig in den teppichlinden Korri-\ndoren umher: dann scheidet man hierhin und dorthin.\nSchwer und atemholend, stehen bleibend, krachend in\nin den trockenen Gelenken, schleichen die Alten die\nStiegen empor. — Aber die Mädchen und jungen Frauen\nschreiten fürstenhaft davon. Wieviele Wünsche werden\nnoch rasch an die Silberstickerei dieser Schleppen ge-\nhängt, um im hellblauen Lichte des nächsten Vor-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.5", "texte": "mittags wiedererkannt zu werden von suchenden Augen!\n0 Du süsses, dich entfernendes Rauschen . . .\nLeise pfeifend kommt der Pförtner durch das leere\nFoyer und schliesst das Portal. Es dunkelt tiefer.\nDie Bogenlampen werden matter und verlöschen\nganz. Die Gärten hüllen sich wieder in schwarzblaues\nGeheimnis.\nDie Grillen singen. Die Blumen duften. Die\nSterne scheinen.\n\nDer Eth\nVon Kurt Hiller\nWie vom Aesthetiker bekanntlich der Aesthet, so\nist vom Ethiker der Eth zu unterscheiden. Der Aesthe-\ntiker ist ein Mann, welcher die Wissenschaft Aesthetik\nbetreibt (er pflegt dabei sehr geschmacklos zu sein);\nder Aesthet ist jemand, der in das Zentrum seines\nDaseins die stets wache Absicht eines sublimen, un-\naufgeregten Geniessens gestellt hat Der Ethiker übt\ndie Wissenschaft Ethik aus — o, wenn es doch eine\ngäbe! — und bleibt wer er ist, auch wenn er täglich\nhandelt wie sieben Schufte; der Eth weiss eventuell\nnichts von Imperativen, Kriterien, Formalprinzipien, lebt\nund webt aber in jedem Augenblick seiner Bewusstheit\nfür eine Idee; kämpft, leidet, blutet; regt sich auf,\nmacht sich gemein.\nDer Aesthet und der Eth bilden miteinander eine\nKultur-Antinomie. Sind zwei interessante Gegensatz-\ntypen innerhalb der diskutablen Menschheit letzter\nLäufte. (Schriebe ich unter dem Symbol der Brille, so\nmüsste ich sagen: diese beiden Typen sind von der\nallergrössten charakterologischen Bedeutung.)\nNun, Kleiner, versuche mal, die Antinomie zu lösen.\nSchwierig. Denn: den Aestneten tadeln, wegen seiner\nBlasiertheit, Unproduktivität, Quietistik, das heisst be-\nreits, sich vorneweg auf den Standpunkt des Ethen\nstellen; und: den Ethen veräpfeln, weil er anfechtbare\nGebärden macht, durch Idealismus in seiner Genuss-\nfähigkeit beschränkt ist und mit dem Lärm seiner\nallerhand Proteste die vornehme Ironie der Geruhig-\nVersatilen naiv stört — das ist schon die Antizipation\nder Aesthetenansicht. Aber weiter: sogar der Wille, die\nAntinomie überhaupt zu lösen, ist Ethentum; denn der\nAesthet ist gegen Problematik, Analysen, Denktätigkeit;\nwie alle Aufregungen, verachtet er auch die intellektualen;\nob irgendwer recht oder unrecht habe, lässt ihn kalt;\nwenn man ihm eine Antinomie präsentiert, äussert er\nzart: „Nu wenn schon!\" und zieht es vor, mit spitzen\nFingern (unter importantem Lächeln) in den wirklich gut\nbesorgten Memoiren der Marquise d'Y. zu blättern.\nWiederum: Versuche einer Wertvergleichung beider\nTypen von vornherein als kindlich, pedantisch, lächerlich\nabzulehnen („Wertung? — Ueberwundener Standpunkt,\nmein Lieber!\"), ist natürlich dogmatischer Aesthetismus.\nDie Sache ist ganz trostlos. Entscheide ich mich\nfür A, ist es falsch; entscheide ich mich für E, ist es\nfalsch; und nicht nur das: entscheide ich mich über-\nhaupt, ist es falsch; und entscheide ich mich überhaupt\nnicht, ist es auch falsch. Der Fall ist von nieder-\nschmetternder Verzwicktheit. Ich habe arg zu leiden\ndarunter. Meine Freunde lachen mich aus: das wären\ndoch alles nur Begriffe, und der Hasenbraten schmeckte\nmir doch ganz gut dabei, und ich sollte nicht so\nalbern sein und mich derartig ins Imaginäre einspinnen,\nvielmehr zur Natürlichkeit zurückkehren. Aber das\nAuslachen nützt nichts, ich komme über die Geschichte\nnicht hinweg. Freilich sind es „Begriffe\", aber Be-\ngriffe sind Abkürzungen des täglich qualvoll Erlebbaren.\nIch kenne einen Litteraten, der hat es gut. Wenn\neiner vor ihm enthusiastisch wird, schaltet er die Mund-\nwinkel um, bläst mit Superiorität den Zigarettenrauch\nvon sich und ejakuliert irgend ein saloppes Apercu im\nJargon der Dandysten; legt aber einer in seiner Gegen-\nwart augurale Pointen auf den Tisch, so runzelt er\ndie Brauen, zitiert Natorp und bemerkt empört, es\ngebe gewisse Leute, deren Beruf es sei, Paradoxe zu\nmachen. Dieser Litterat, der gegen den Elan die\nSkepsis und gegen den Esprit die Moral ausspielt, ist\nvollkommen beneidenswert; er erfreut sich einer so\nheroischen Gewissenhaftigkeit, dass er es sogar über\nsich gewinnt, bei passender Gelegenheit übertrieben\ngewissenhaft zusein. Zu sein; nicht etwa zu scheinen;\ndenn niemals posiert er, alles ist jedesmal echt. Sein\nimmenses Bedürfnis, sich Ueberlegenheitsgefühle zu ver-\nschaffen, agiert nur in seinem Unterbewusstsein; ins\nOberbewusstsein strahlt es sich aus als Cancan\nvariierender Ueberzeugungen.\nDieser Litterat, der es leugnet, ein Aesthet zu sein\nund es in so hohem Grade ist, dass er sogar zuweilen\nEth ist, imponiert mir unsagbar und ist mir masslos\nwiderlich. Aber ich habe gar kein Recht, ihn masslos\nwiderlich zu finden: denn erstens kann ich nichts zu\nseiner Widerlegung sagen, und zweitens ist es bereits\nEthentum und mithin Dogmatismus, überhaupt ein\nPhänomen widerlich zu finden, etwas minus zu be-\nwerten. Jedoch — o Unheil! — mir aus sittlichen\nErwägungen das gute Menschenrecht streitig zu machen,\nirgend wen oder was masslos widerlich zu finden — ist\ndas nicht Ethentum reinsten Wassers?! Ich halte es\nnicht mehr aus. Andauernd schliessen sich circuli.\nIch platze. Was nützt mir meine prophetische Ahnung,\nmein Historiker-Riecher, dass die Zeit, wo Aesthetismus,\nkultivierte Indifferenz, witzige Passivität fashio nable\nwaren, sehr bald vorbei sein wird, und dass der Eth,\nder Wollende, Gesinnungsvolle, Kämpfende, dass Politik,\nBegeisterung und Tendenzdramen wieder in Mode\nkommen werden? Diese Mutmassung, und wäre sie\nselbst eine Erkenntnis, frommt mir Platzendem wenig;\ndenn das, was sein wird, ist ja nicht identisch mit\ndem, was sein soll. Und so muss ich denn wehrlos\nund untätig mir mitansehen, wie ich der Selbstver-\nnichtung anheimfalle: ich, ein Eth wider Willen, und\nnicht einmal wider Willen.\n\nDie Gehemmten\nVon Erich Unger\nErste Szene\nBerlin Strasse am Nordhafen Abend\nHarry (dreiundzwanzig Jahre) und Leo (vierundzwanzig\nJahre), zwei Leute, wie sie der Autor braucht.\nHarry: Ich werde Dir Deinen erotischen Lebenslauf\nvoraussagen. Nach zehn Jahren wirst Du zu\nmir kommen und mir sagen, dass Du ein\nLadenmädchen angesprochen hast, sie sei aber\nleider verabredet gewesen. — Nach weiteren\nsieben Jahren wirst Du zu mir kommen mit\nder Mitteilung, dass Du in der Elektrischen\nein Weib gesehen hast, die Dir nicht un-\ngeeignet erscheine, mit ihr zu verkehren. —\nSchliesslich wirst Du noch einmal im Alter von\nzweiundachtzig Jahren mir sagen, dass Du\nein Ladenmädchen angesprochen hast und\nDu seist der Ansicht, es sei nicht ausgeschlos-\nsen, dass daraus ein Verkehr sich ergeben\nkönne. Aus diesen Deinen drei Mutmassungen\nwird Dein Liebesleben bestehen.\nLeo: Es wird kommen, wie Du gesagt hast. Im\nAlter von zweiundachtzig Jahren werde ich\nein Ladenmädchen ansprechen und Dir sagen,\nich sei der Ansicht, es sei nicht ausgeschlos-\nsen, dass daraus ein Verkehr sich ergeben\nkönne. Dies aber ist der Fluch, der auf\nunserem Geschlechte lastet: Dir wird es eben-\nso ergehen. Auch Du wirst nie zu einer Ver-\neinigung mit einem Weibe kommen. Und\ndies: nicht, da die Natur uns einen soma-\ntischen Mangel anhing, sondern weil unser\nans Staunen gewöhnter Geist unfähig ist, die\nsexuellen Phänomene in ihrer Einfachheit zu\nbegreifen. Unser Geist sträubt sich mit aller\nMacht dagegen, simpel von der Sexualität zu\ndenken, und so bringen wir es nicht einmal\nüber uns, ein Ladenmädchen anszuprechen.\nHarry: Das müssen wir aber über uns bringen und\nzwar heute noch. Sonst erfüllt sich Deine\ngrässliche Prophezeiung. Nachher werden wir\neine ansprechen, auch wenn uns diese Tat\nso ungeheuer erscheint, dass Mitteleuropa da-\nvon erzittert.\nLeo entschlossen: Jawohl, ansprechen, überreden\nund sich zum Verhältnis machen!\nHarry: Wir werden doch noch unseren freien Willen\nhaben!\nLeo: Nimm Dich in Acht vor unserem freien Willen.\nWer kann wissen, was unser freier Wille\nvorhat.\nHarry: Das ist der Punkt. Es kann eine unglaub-\nliche Phantasmagorie der Seele vorliegen.\nEs kann sein, dass unser wirklicher, unterster,\ntiefster Wille sich unserem Bewusstsein ent-\nzieht, dass wir ihn nicht wahrnehmen, und\nwas wir für unseren Willen halten, sind viel-\nleicht fälschliche Auslegungen, völlig ver-\nschleierte und verzerrte Bilder unseres wirk-\nlichen Willens, Welch eine Vermessenheit\nwar es, die Selbstbeobachtung als etwas\nSichereres hinzustellen als die Beobachtung\nder äusseren Welt. Als gäbe es hier weniger\nAbgründe und neblige Rätsel! Wer kann\nwissen, was unser Wille will.\nLeo: Ja, ich will aber doch ein Ladenmädchen\nansprechen. Möge mein Unterbewusstsein\nwollen, was es will. Was ich nicht weiss,\nmacht mich nicht heiss.\nHarry: Recht sprachst Du! Auf denn une lasset uns\nunser Unterbewusstsein desavouieren. Wir\nwollen eine ansprechen!\nZweite Szene\nReinickendorf\nGegenüber ein Warenhaus, das die Verkäuferinnen\nverlassen.\nHarry betreten: Ist denn hier überhaupt Gelegenheit,\neine Bekanntschaft zu machen?\nLeo: Tief aufstöhnend: Leider ja.\nHarry betreten: Leo, denke daran, dass der Versuch,\ngehemmte Sexualität freizugeben, sich in\nAngst umsetzt\nLeo betreten: Jawohl, jawohl — aber, wenn wir\nsie unterdrücken, so ist sie nicht das Zeichen\nunseres wirklichen Willens.\nHarry geängstigt: Sieh mal — die dort — mit den\nrosa Blumen — ist die nicht hübsch?\nLeo geängstigt: — die? — die? — nein, sie ist\nzu dünn.\nHarry mit verzweifelter Brutalität gegen sich selbst:\nZu dünn, Leo?! — abzüglich unseres Unter-\nbewusstseins auch zu dünn?!\nLeo: Erschreckt: Abgesehen von unserem Unter-\nbewusstsein — ist sie zu dünn.\nSie atmen beide masslos erleichtert auf.\nDritte Szene\nHumboldthain\nSie haben ein Mädchen angesprochen, das zwischen\nihnen geht.\nHarry: Fräulein, wie oft kommen Sie denn um neun\nUhr raus?\nDas Mädchen: Einmal in der Woche.\nLeo: Gehen Sie da öfter durch den Humboldthain?\nDas Mädchen: Nö.\nLeo: Sie haben aber einen schönen Schirm, wo\nhaben Sie denn den gekauft?\nDas Mädchen: Das weiss ich nicht mehr genau.\nLeo: Ich rede wohl dummes Zeug, Fräulein, was?I\nDas Mädchen aufrichtig; etwas in Leo verliebt:\nOch nein!\nHarry zu Leo.* Das kommt daher, lieber Leo, dass\nDu Dich auf der Ebene der Tatsächlichkeiten,\nder Fakten, eben nicht bewegen kannst.\nLeo: Ja, natürlich — ich bin hoffentlich das Gegen- •\nteil von einem „wissenschaftlichen\" Menschen,\nvon einem Händler mit alten Tatsachen, dessen\nOptik nur auf Gegenstücke der Sinne ein-\ngestellt ist\nHarry: Nebenbei, lieber Leo, ist mir neulich einge-\nfallen, dass der Gegentypus dieser wissen-\nschaftlichen Faktenanbeter, nämlich die Aesthe-\nten, die das Wahrheitssammeln verachten\nund die Schönheit zu lieben vorgeben — dass\nalso die Aestheten den Tatsachenmenschen\nnichts, aber auch garnichts vorzuwerfen haben,\nkeinen Grund haben, über sie die Nase zu\nrümpfen — und warum? Weil beide ein\nund desselben Geistes Kinder sind. Bedenke"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "344", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.6", "texte": "das! Zwei grössere Gegensätze sind garnicht\ndenkbar: der bebrillte, verkrüppelte, dreihundert-\njährige Tatsachensucher — und der elegante»\nwunderbar anzusehende Aesthetenmensch —\nim wichtigsten Punkte gehören sie völlig zu\nein und demselben Menschen = Genre: Das\nNiveau ihres Geistes ist völlig gleich. —\nLass mich ausreden, lieber Leo, ich werde es\nDir nachweisen. Ich will mir nicht einen\nbeliebigen Aestheten aussuchen, sondern aner-\nkannte Typen dieser Klasse: ich werde die\nSchöpfungen von Wilde und Huysmans zum\nParadigma nehmen. Am schärfsten springt es\nbei Huysmans in die Augen. Du kennst seinen\nRoman: „Gegen den Strich\", in dem jener\nHerzog Des Esseintes vorkommt, ein einziger\nzuckender Nervenkomplex, das Extrem derer,\ndie vom Schönheitsfieber befallen sind. In\nder betäubenden Atmosphäre dieses Buches\npassiert kaum eine Handlung; es zittert und\nleuchtet in Farben, es weht von Düften, die\nEmpfindungen des Geschmackes wachsen zu\nungeheuerer Bedeutung an, nirgends empfun-\ndene optische Reize von tausend seltsamen\nSteinen, abnormen Pflanzengebilden lässt der\nkranke Duc des Esseintes auf seine Augen-\nnerven wirken Das Phänomen dieses Herzogs\nist folgendes: Zwei Sphären gibt es, aus denen\nsich die Menschen die Sensationen ihres\nLebens holen können: die Sphäre der äusseren\nGegenstände und die Sphäre in der die\näusseren Gegenstände in ihrer Selbständigkeit\naufgehoben sind und nur als Symbole anderer\nGegenstände figurieren, die nicht unmittelbar\nder äusseren Erfahrung angehören, kurz, die\nSphäre der Sinnlichkeit und die des Denkens.\nDer Geist, der zu schwach ist, sich auf der\nEbene des Verknüpfens und Auflösens der\nGegenstände zu halten, sinkt unweigerlich auf\ndie Ebene der Gegenstände selbst herab, das\nheisst: er freut sich am Tatsachensammeln\noder am optischen Reiz der Steine und Pflan-\nzen. Hier hast Du die innerste Gemeinsam-\nkeit des Wissenschaftsmaulwurfs und des\nAestheten. Quod erat demonstrandum.\nDas Mädchen: Na, adjö.\nHarry erstaunt: Aber, Fräulein, warum gehen Sie\nweg —\nDas Mädchen: Jao. Sie geht.\nBeide sind sehr erstaunt, aber im Grunde ihres Herzens\nnicht verstimmt.\n\n„Bücher zu Geschenk-\nzwecken\"\nEin bei esprit hat richtig herausgefunden, dass\ndiese Bemerkungen über Bücher von „einem koketten\nHistorismus\" dirigirt werden. „Ein Wühlen in ab-\nsterbenden oder abgestorbenen Erinnerungswerten, in\nUrzeitpetrefakten — und nicht einmal aus Ueberzeugung\n— das will ich von dieser prätentiös modernen Zeit-\nschrift nicht glauben — sondern einfach um der über-\nraschenden Haltung willen. Wollen Sie das Dasein\neiner zeitgenössischen Literatur leugnen?\"\nNein. Aber die Dichtigkeit dieses Daseins ist ein\nProblem, weil wir Bewustseinserlebnisse in uns vor-\nfinden, die sich weit übei die Grenze der Inhalte er-\nheben, die die zeitgenössische Kunst in sich aufge-\nnommen hat Eine weit schlechtere Literatur kann ihrer\nZeit genügen, wenn eine Gleichheit ihrer Inhalte be-\nsteht. Aber in unserer Zeit ist die anspruchloseste\naller geistigen Betätigungen die ästhetische. Diese In-\nkongruenz webt sich gefühlmässig dem Kunstwerk ein :\nund längst historisch gewordene Dichtungenltragen diesen\nCharakter ihrer Epoche in sich, wie ihn die meisten\nästhetischen Produkte unserer Zeit in die Geschichte\ntragen werden. Und um dieses Gefühl einer bestehenden\nWiderspruchs praktisch zu entblössen, es wach zu er-\nhalten, weise ich auf reinere Kunstwerke vergangener\nZeiten zurück: obschon ich zu bedenken ersuche, dass\ndiesem Charakter eine heitere, willige Aufnahme ge-\nnau entspricht. Es ist selbstverständlich, das diesen\nWerken nach Möglichkeit jeder äussere Schein eines\nhistorischen Daseins genommen wird: genau dies ist\ndie psychologische Bedeutung zeitgemässer Neuaus-\ngaben.\nDie Tätigkeit der meisten Verleger ergriff zunächst\ndie Standard works. Es ist das besondere Verdienst\ndes Verlages Georg Müller in München, dass er peri-\npherischen Geistern zu ihrem Recht verholfen hat. Und\nnicht nur die Deutschen, sondern auch die grossen\nDichter der Fremde.\nMs Prototyp dieser Bemühungen sei zuerst die\nMaassenschen Ausgabe der Werke E. T. A Hoffmanns\ngenannt. Prachtvoll im Aeusseren, gewissenhaft im Text-\nlichen, stilvoll bis zur Seitenzahl: so stellt sich ein ganz\nneuer Typus einer wissenschaftlichen Edition in dieser\nAusgabe dar. Der „Zeitgeschmack\" ist unseren Be-\ndürfnissen leise angepasst, eine ausgezeichnete Type von\nungemeiner Klarheit ermüdet nie, zahllose Beigaben\nhoffmannscher Zeichnungen verstärken die Eindrücke\ndes Lesers: es ist eine Athmosphäre von Leben um\ndiese Bände, die jedem Bücherliebhaber bei der leisesten\nAnnährung in den Fingerspitzen zittern muss. Im\nUebrigen ist über E. T. A. Hoffmann in dieser Zeit-\nschrift ausführlich abgehandelt worden.\nSolider, mehr ein gelehrtes Interesse ausprägend\nbietet sich die Ausgabe der Werke Brentanos an, die\nzum ersten Mal das gesamte Material veröffentlichen\nwird. All die Seelenzustände, die sich in der Breite\neines Jahrhunderts entfaltet haben, blitzen irgendwann\nin diesem Werk einmal auf. Aber es bedarf eines\nwilligen Geistes, um Brentano als das Wunder zu er-\nleben, dass seine Freunde begeistert entflammte: es\nbedarf Verständnis für den Reiz, den die Verkuppelung\nvon Hohn und Buße in der empfindsamen Brust aus-\nlöst. Es gibt Verse von Brentano, die wie aus Traum\nhervorzurinnen scheinen: Verse die sich in Legenden\nverflechten, als seien die Fragmente einer alten Kloster-\nschrift. Keiner seit Calderon hat die Ekstase des\nkatkolischen Gefühls so empfunden wie er: keiner das\nErlebnis der Sünde so wie er erlitten: wie aus ganz\nverkrustetem Herzen der milde Strom menschlichen Sehnens\nhervorbricht. Alle Schmerzen des Frühlings sind in\ndieser grossen Dichtung, die er „Frühlingsschrei eines\nKnechtes aus der Tiefe\" überschrieben hat Und der\ngleiche Geist gestaltet sich zu dem mondlichtumflossensten\nMärchen deutscher Sprache: zu jener Gockellegende,\ndie die Süße Eichendorffscher Nachtgedichte mit der\ngeheimnissvollen Weltgefühlen durchsättigt. Diese neue\nBrentano-Ausgabe reizt zu neuen Entdeckungsfahrten:\nich glaube nicht, dass ein empfänglicher Geist ohne\nreiche Fracht zurückkehrt.\nTief in die Probleme unserer Zeit führen die Ge-\nsamtausgaben zweier Dichter, die gleichsam das neun-\nzehnte Jahrhundert in die Literatur ihres Landes ge-\nbracht haben: Gogol und Thackerey.\nDie Werke Gogols, die Otto Buek herausgibt,\nbieten zum ersten Mal den Dichter in deutscher Sprache\ndar, der die literarische Union Russlands mit Europa her-\nbeiführte. Schon seine Problemstellung ist neu: sein\nHeld ist die Masse. Da seiner Darstellungskraft ideale\nPersönlichkeiten fern lagen, gab er die Kleinlichkeit der\nVerachtung preis; indem er die Chlestakows und Tschit-\nschikows in ihrer holen Brutatität entblösste, stellte er\ndas Beispiel hin: so sollt Ihr nicht sein. Aber man\ndarf über diese gleichsam nur sekundären Bemühungen\ndes Moralisten nicht vergessen, dass sie nur Versuche\neines ideal bemühten Geistes sind, seine Beschäftigung\nmit dem Kläglichsten der Zeitlichkeit zu rechtfertigen:\nso zu rechtfertigen, dass er selbst daran glauben konnte.\nDie moralische Rechtfertigung hatte für ihn den Wert\neines Schlüssels, der die sonst vielleicht verschlossenen\nPforten öffnet: jetzt liegt die Welt in Breite vor ihm\nund er kann sich in die Wirklichkeit, in ihre Torheiten\nund Lächerlichkeiten mit seiner wahrhaft homerischen\nLiebe zum Detail versenken, ohne seiner idealen\nSehnsucht etwas zu vergeben. So gestaltet sich dieses\ngrosse Werk: Die toten Seelen, und als sein Gegenspiel in\nder Traumsphäre der Abenteuer entsteht die Kosaken-\niliade des Taras Bulba und die Heimatserzählungen, die\nSchwermut und romantische Idylle innig verschwistern.\n\nFortsetzung folgt\n\nFliegenklappe\nKurt Hiller\nDer neue Klub bittet um Veröffentlichung der folgenden Erklärung\nEines jener Blättchen, deren Namen niemand in\nden Mund nehmen kann, ohne sich dem Verdacht aus-\nzusetzen, er sei Koprophage, untersteht sich, das Ge\nräusper zu veröffentlichen, womit irgend so ein Un-\ngebetener, so eine Fliege, so ein anonymer Kommis\ndas Neopathetische Cabaret „kritisch-ridikül\" würdigt.\nWahrhaftig höchst ridikül, gegen Lyrik einzuwenden,\ndass sie keine „Tatsachen\" enthalte, — und aus dem\nFaktum, dass man ein Kunstwerk nicht kapiert hat,\nzu schiiessen, das müsse an dem Kunstwerk liegen:\nals ob schon jemals einem Rhinozerosse, welches sich\nin einem Spiegel beschaut, ein anderes Bild als das\neines Rhinozerosses entgegengeleuchtet hätte.\nEs erübrigt sich daher, das Blech zu beklopfen,\ndas besagter Ladenschwengel über die Dichterin Else\nLasker-Schüler und den Dichter Georg Heym geäussert\nhat. Freilich klebt an dem Blech der üble Rost von\nallerhand Phantastisch-Anekdoteskem. Die wesentlicheren\nUnwahrheiten seien hier richtiggestelltn. Wir\nwerden beschuldigt einer „Missachtung vor dem für\neinen überwundenen Standpunkt erklärten Schiller\",\nwir hielten aber „nicht nur Schiller, sondern zum Beispiel\nauch (!) Ludwig Fulda und andere Dichter (!) für ab-\ngetane Grössen\". Diese Vorwürfe treffen uns nicht;\nder erste schon aus grammatikalischen Gründen nicht:\ninsofern niemand aus unserem Kreise sich dazu bereit\nfinden würde, einen Menschen für einen Standpunkt\nzu erklären; — der zweite einfach deshalb nicht, weil\nman jemanden doch nur dann für eine abgetane\nGrösse halten kann, wenn man der Meinung ist, er\nsei früher mal eine wirkliche „Grösse\" gewesen;\nals welches im Falle Fulda zu behaupten den An-\nschauungen, denen wir huldigen, nicht entspräche. Im\nübrigen haben wir an unseren literarischen Abenden\nWichtigeres zu tun, als an Schiller oder Fulda Judikaturen\nzu heften, und die uns insinuierten Stellungnahmen hat\nsich die Fliege- aus den Beinchen gesogen Schwindel\nist ferner, dass der Vorsitzende des Neuen Klubs mit\neinem berühmten Strafrechtslehrer „zusammen an einem\njuristischen Werke arbeitet, also ein ganz vernünftiger\nMensch sein muss\". Da die Prämisse entfällt, erhält\nder Herr Kommis hoffentlich auch die beleidigende\nSchlussfolgerung nicht mehr aufrecht. Es ist weiss\nGott kompromittierlich, in jenem sauberen Blatte der\nVernünftigkeit geziehen zu werden . . . Mit ganz be-\nsonderer Stosskraft aber muss man die Bezichtigung\nzurückweisen, dass wir uns „die Haare bis in den ge-\nkrümmten Nacken hineinwallen lassen\". Solche Ge-\nbräuche selbstverständlich — das war schon den Press-\npiraten zur Zeit der Völkerwanderung bekannt; oder\nsollte die Schablone noch älter sein? — sind das\nKriterium völliger Talentlosigkeit und Verrottung. Nun\nfrage ich aber jeden, der uns kennt, auch die sach-\nlichen Gegner, ob wir diesen Vorwurf des wallenden\nHaarwuchses tatsächlich verdienen? Auf Ehre und\nGewissen: sind meine Freunde nicht sämtlich kurz-\ngeschoren?? — Der Einzige, der sich getroffen fühlt,\nbin ich. Nun gut: das nächste Mal werde ich mir\ndie Locken schneiden lassen.\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nALFRED MOMBERT\nAeon zwischen den Frauen / Drama\nTag und Nacht / Gedichte\nDer Glühende / Gedichtwerk\nDie Schöpfung / Gedichtwerk\nDer Denker / Gedichtwerk\nDie Blüte des Chaos / Gedichtwerk\nDer Sonne-Geist / Mythos\nDer himmlische Zecher / Ausgewählte Ge-\ndichte\nAeon / der Weltgesuchte\nVerlag Schuster u. Loeffler / Berlin\nJAHRESBERICHTE FÜR NEUERE DEUTSCHE\nLITERATURGESCHICHTE\nErster Teil: Bibliographie / 1908 und 1909\nB. Behn Verlag / Berlin-Zehlendorf\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nI. V.: Oskar Kokoschka"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.7", "texte": "ezession\n3BS3S2S 2S3S3BS 38><B§ 35385 3gg§ 3888S\nGalerie Maximilian filacbt\nsssss 3ssas 3sss sass saas ssßss aaaas\nBerlin 0., Ranke-Strasse 1\nan der Kaiser ftilbelm GedScl>tnls - Kircbe"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101222-01.1.8", "texte": "VerantwortL f. d. Anieigent: D. O. Friedrichs-Hannover , Verlag Der Sturm Berlin Halensee Geschäftsstelle u. Anz.-Annahme: Berlin W. 35 / Druck v. Carl Schüssler-Hannover\n\numi\n&H/ZU4M**\niflULcl* J as*\nd/vwwnnx« - (/>uU4^\nla-UA+ W/^fi Ti/hJawuA^k\n\nKurhaus und Erholungsheim\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, groBe,\nhelle Zimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrlicher Park, grosser Obstreicntum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze Jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stund-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschure\n„Leben\" kommen vom Besitzer u. Leiter Emu Peters\n\nZeitschrift fur Musterzeichner\nWirksames Insertions-Organ\nFachschrlft ersten Ranges\n:: Abonnenten in alien Staaten Europas s:\nInsertionsgebiihren massig\nOfferten gern zu Diensten\nSchriftleitung C. 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Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURG\nWilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5 6 Uhr\n\nWeinhaus Rhein\nKAISER-SAAL\nTagiich: Translateur - Konzert.\n\nPreis 1 Mark Preis 1 Mark\nMenthol-Malz-Drag^es\nm\ni\nSicheres Mittel gegen akute Katarrhe der Atmungsorgane\nermoglicht Schauspielern und Sangern sofortigen\nGebrauch der erkrankten Organe\nZAHLREICHE ANERKENNUNQEN\nZu haben ia alien Apotheken und Drogerien / Alleinige\nFabrikantin ..Pharmacia\" / Fabrik fur pharmaceutischen\nBedarf / Berlin-Halensee\nWohlschmeckend Sicher wirkend H\n\n*\nVerlag\nDER STURM\nUnser Plakat, Kiinstlerlithographie in\nDreifarbendruck von OSKAR KO-\nKOSCHKA ist soeben erschienen.\nDen Buchhandlern und Verkaufern\nunserer Zeitschrift stehen Exemplare\nkostenlos zur Verftigung. 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