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Zwei Scheuer-\nfrauen gingen umher und wischten Staub, alten, adligen\nStaub, der seit 1865 dagelegen hatte, als ihn die bei-\nfalltrampelnden Edelleute von ihren Füssen schüttelten,\nhochgräflichen Staub, der von dem blauen Tuch ge-\nrieben wurde, als die Herren des Reiches sich vor\nAngst auf den Bänken wanden, freiherrlichen Staub\nvom feinsten Uniformtuch. Aber da lag auch unadliger\nSchreiberstaub von abgenützten, schwarzen Bonjours\nnicht zu sprechen von dem Staub auf der Gallerie,\ndenn bis dahin waren die Frauen noch nicht gekommen.\nDer elfenbeinerne Stuhl des Landmarschalls stand\nleer; auf dem Tisch lag der Hammer und einige Auf-\nlagen des Wappenbuches; es sah aus, als wäre\nAuktion gewesen. Hinter dem Stuhl stand Gustav\nAdolf (der Zweite) und warf leere Marmorblicke über\nden leeren Saal bis hinauf zum Deckengemälde Ehren-\nstrahls.\nAber die Sonne schien durch die Fenster der\nFassade und schenkte den Schilden auf der nördlichen\nSeite einen erneuernden Glanz\nDas sind komische Tapeten, sagte die jüngere\nFrau, die noch nicht viel vom Leben gesehen hatte.\nAch, liebes Kind, das sind ihre Schilde, antwortete\ndie ältere Frau, die noch die alte Staatsverfassung mit-\ngemacht hatte.\nO, Jesus, sind das Schilde?\nJa, das sind Wappenschilde, Wappen, musst du\nverstehen.\nWaffen, mit denen sie sich geschlagen haben?\nNein, nein, Wappen, Wappenschilde, hinter dene*\nsie sich verbergen, wenn sie sich schlagen.\nUnd die hängen jetzt hier?"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6838, "texte": "Irgendwo müssen sie doch hängen; aber all dies\nist aus früherer Zeit, da weiss man nicht mehr Be-\nscheid.\nEin junger Herr mit schwarzer Samtmütze und\neiner Farbenschatulle in der Hand war eingetreten und\nauf dem grossen Gange stehen geblieben. Er warf einige\nunehrerbietige Blicke über die Wände, legte den Kopf\nzwischen [die Schulterblätter zurück, guckte nach dem\nDeckengemälde hinauf und zuckte die Achseln, wie\nnur ein Künstlereleve die Achseln zucken kann, wenn\ner etwas Geringwertiges sieht. Dann trat er direkt auf\ndie Frauen zu [und fragte, wo Nummer achthundert-\nundsechs hinge, das adlige Geschlecht achthundertund-\nsechs.!\nDarüber konnte Frau Lundin ihm Auskunft geben,\num so eher, als sie bereits am Morgen die königliche\nLeiter vor Nummer 'achthundertundsechs gestellt hatte.\nEin Klempner hatte nämlich das Dach eingetreten, als\ner für den letzten Reichstag die „Tugenden\" reparieren\nwollte. Die Folge war, dass es auf den Boden herein-\ngeregnet hatte, das Wasser durch !die Zwischendecke\ngedrungen war, sich durch die Gipsdecke hinunter-\ngezogen und einen Wappenschild stark angegriffen hatte,\nder gerade die Nummer trug. Warum er\ngerade die Nummer trug, das beruhte auf einem Zu-\nfall, aber die Frauen glaubten, es herrsche wer über\nden Zufall. Es war ein hässlicher Fleck in der Decke;\ner sah aus ,wie ein Sumpf, aber aus dem Sumpfe\nkroch eine rotbraune Schlange die Wand hinunter; sie\nhätte sich auf achthundertundfünf, achthundertundsieben\nstürzen können, jede einzelne von fünfzig Nummern,\naber sie ging an ihnen vorbei, als ob der weisse\nEngel sein Zeichen auf sie gedrückt hätte, und traf\nihr Ziel wie ein wohlgerichteter Pfeil. Es schien nichts\nungewöhnlich an dem Wappen. Der Herzschild war in\ndrei silberne Felder geteilt, auf denen sich drei Hunde-\nköpfe in Gold befanden; er war nicht mit einem Helm\noder einer Krone gekrönt, sondern hatte drei Pfauen-\nfedern, auf denen die Augen mit einer ungewöhnlichen\nNaturtreue ausgeführt waren, so dass sie sich mit\nwilden, schielenden Blicken umschauten. Aber jetzt\nwar die Schlange in den Federbusch gekrochen, hatte\nmit ihrem schmutzigen Schleim die Augen überzogen,\nso dass sie wie der graue Staar aussahen, und hatte\nsich zwischen dem Laubwerk hindurch gewunden und\nihren grünen Eiter, den sie oben auf dem Kupferdach\nzwischen den Tugenden gesammelt hatte, über die drei\nsilbernen Felder ausgegossen; an die Hundeköpfe aber\nkonnte sie nicht heran, denn sie waren von Gold.j\nInzwischen war der junge Herr mit seiner Schatulle\ndie Leiter hinauf geklettert, und sass er nun und\nsuchte einen Anlass seine Restaurierungsarbeit aufzu-\nschieben, die ihm grade kein Vergnügen bereitete. Er\nnahm eine kurze Pfeife aus der Tasche und wollte\nFeuer schlagen, als er sich erinnerte, dass er an einem\nbesseren Orte sei, weshalb er der Artigkeit wegen den\nFrauen die Frage hinwarf:\nDarf man hier rauchen?\nOh, er sollte sich was schämen, antwortete die\nältere Frau.\nDarf man kauen?\nDie Frau glaubte hierauf nicht antworten zu müssen,\naber erklärte bestimmt, dass er nicht auf den Boden\nspucken dürfte.\nDer junge Herr wartete keine weitere Ordre ab,\nsondern schob einen Bissen Tabak zwischen die\nZähne und fing an, den norrköpinger Scharfschützen-\nmarsch zu pfeifen.\nDas war mehr|als eine alte Wanze ertragen konnte,\ndie hundert Jahre in einer Bank auf der Referenten-\ngallerie gesessen hatte. Sie hatte allerdings viel von\nder Welt gehört, viel verständige Reden, viel Quatsch\nund recht viel Unsinn, aber niemals hatte sie jemand\nan diesem Orte pfeifen hören.\nSie hatte ihre Kindheit in einem Heckenpfahl zu-\ngebracht, dann >rsich in einem königlichen Glaswagen\nniedergelassen, der sich an dem Heckenpfahl festge-\nfahren hatte und war schliesslich dem Reichsmarschall\n(als er mit den Regalien hinauffuhr) ins Ritterhaus ge-\nfolgt. Da sie ihre angeborenen volkstümlichen Nei-\ngungen nicht ablegen konnte, suchte sie ihren Platz\nauf der FGallerie, \"wo sie immer auf den Duft von\nfeuchten Kleidern und Schuhwerk rechnen konnte.\nJetzt [hatte \"sie indes fünf Jahre geschlafen, sie und\nihre neunundneuzigjährige Tochter, als sie beide von\ndem neuen unbekannten Lärm geweckt wurden. Schlaf-\ntrunken stiess sie die Tochter in die Seite und bat\nsie aufzustehen und nachzusehen, was es gebe.\nDie kam nach einem Ausflug auf die Barriere\nmit der Nachricht zurück, ein Malergesell (wenn er\ndas gehört hätte!) sei dabei, eine von den Platten an-\nzustreichen. Dies Wort Platten sprach sie mit grosser\nVerachtung aus, weil die Wanzen alles, was nicht von\nHolz ist, gering schätzen. „Holz muss es sein!\" In-\ndessen, die Neugier der Alten war geweckt, und sie\nbeschloss, in Begleitung ihrer Tochter die Reise anzu-\ntreten, um selbst die Sache in Augenschein zu nehmen.\nSie sagten der Referentenbank für kurze Zeit Lebe-\nwohl, wanderten den Boden der Galterie entlang\nzwischen kleinen Haufen getrockneter Tabakstengel\nhindurch und erreichten schliesslich die Wand. Darauf\nbegann eine Wanderung über die Platten, wobei die\nAlte die Bemerkung nicht zurückhalten konnte, dass\neinem fdie recht kalt würden, wenn auf\ndem dummen Eisen gehe. Die junge dagegen musste\ndann und wann ihre Verwunderung über all die feinen\nund wunderbaren Sachen, die sie sah, Luft machen.\nSie wanderten durch Wälder von Eichen; sie stiessen\nauf Kobolde und Greifen und Schlangen und Drachen;\nsie wanderten über Türme und und JStädte,\nzwischen Stümpfen von Menschen und Tieren, zwischen\nKronen und Szeptern, Sternen und Sonnen.\nSchliesslich erreichten sie das Dachgesims.\nHalte dich fest, sagte die Alte, denn jetzt geht es\nüber die Tiefe. Wir wollen zu dem grossen Gemälde\nmitten in der Decke, da haben wir Leinwand und\nOelfarbe.\nEs war eine gefährliche Bald war ein Riss\nim Gips, bald hatte eine Spinne ihre Netze ausgelegt,\nbald stürzte eine verräterische Brücke aus Staub\nunter ihren Füssen zusammen, ihr Leben schwebte in\nGefahr und sie waren nahe daran, Schwindelanfälle zu\nbekommen und in die Tiefe hinunter zu fstürzen.\nSchliesslich rochen sie Oelfarbe; sie waren da. „Folge\nmir,\" sagte die Alte. Und jetzt wanderten sie zwischen\nWolken dahin, bis sie zu einem Mantel der Svea\nkamen. Da hatte der Künstler ein Halbpfund Karmin\nin einer brillanten Falte aufgelegt. In deren Schutz\nHessen sie sich fnieder. Die Alte rieb sich die Augen\nund spähte hinab: „Sieh nach, was für eine Nummer\nauf der Platte steht.\" „Achthundertundsechs,\" sagte\ndie Tochter sofort. Die Alte wurde gedankenvoll und\nlehnte ihre Stirn gegen das sechste Hinterbein. — „Drei\nHundeköpfe; drei Pfauenfedern! Oh Solon, Solon!\"\nJetzt war die Reihe an der jungen, von Neugierde\nüberfallen zu werden; und sie hörte nicht eher auf,\num eine Erklärung zu bitten, bis die Mutter ihr die\nGeschichte von Achthundertundsechs zu erzählen ver-\nsprach, die hier folgen wird, wie sie in der Eile von\neiner Maus aufgezeichnet wurde, die auf der Referenten-\ngallerie sass."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-29-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-29_01#c004", "volume": "bmtnabg_1910-12-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "348", "page_fin": "349", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.2.4", "titre_corps": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "titre_sommaire": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.2", "debut_caractere": 6855, "fin_caractere_exclue": 11767, "texte": "Der Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nX\nDie Warnung\nAm Sonntag Abend fand der grosse Gottesdienst\nstatt, der das Frühlingsfest alljährlich abschloss.\nDer Kaiser Philander der Siebente stand hoch oben\nim grossen Dom auf dem Säulenerker und segnete\ndas Volk, und zur Linken des Kaisers stand der Ober-\npriester Schamawi und reichte die symbolischen Qeräte.\nUnd die Orgeln und die anderen Instrumente, die\ngrossen Chöre und die Lichtarrangements gehorchten\nden kaiserlichen Zeichen.\nSchamawi stand etwas tiefer als der Kaiser, aber\nso, dass dieser jedes Wort des Oberpriesters verstehen\nmusste, ohne dass andere Ohren als :die des Kaisers\nes vernahmen.\nUnd Schamawi, Philanders Oheim, sprach nun\nDinge, die mit dem grossen Gottesdienste garnicht\nzusammenhingen.\n„Es ist ein Unrecht\", sagte fer mit gedämpfter\nStimme, „dass meines Bruders Sohn sich trennen will\nvon seinem Volke\".\nja nur für flüsterte der Kaiser,\nwährend auf seinen Wink mit dem Zackenstabe zehn-\ntausend elektrische Flammen in allen möglichen grünen\nFlammen erstrahlten.\nAber Schamawi fuhr fort:\n„Ich weiss, dass meines Bruders Sohn mehr wifl,\nihm passt das Volk nicht, und er will sich befreien\nvon diesem Volke, weil er sich für grösser und be-\ndeutender als dieses Volk hält. Und Philander vergisst,\nwie furchtbar es ist, einsam dazustehen. Weisst Du\ndenn, wie es ist, wenn alle Dich nicht mehr sehen —\nwenn sie an Dir vorübergehen, als wärst Du nicht\nda — wenn sie nicht Thören, sobald Du sprichst —\nwenn sie Dich immerfort missverstehen, als sprächest\nDu die Sprache eines wilden Tieres?\"\nDer Kaiser hob beide Hände empor, und brausend\ntönten die grossen Sängerchöre.\n„Mir ist\", sagte Philander der Siebente, „als wäre\ndas heute schon alles so — wie Du sagst.\"\nSchamawi fuhr fort:\n„So ist es also wahr: Du willst Dich trennen von\nuns und allein gehen — ganz allein. Philander, Du\nweisst nicht, was Du tust. |Du gehst schweren Zeiten\nentgegen. Und ist es wahr, dass Du Dich auch gegen\nunsere Gottheit, gegen den Volksgeist — gegen den\nGeist der Menschheit, der nicht von Fleisch und Blut\nist — auch auflehnen willst — dass fDu Dich auch\nvon ihm, der uns alle leitet, trennen willst?\"\n„Warum\", versetzte der Kaiser, „willst Du das von\nmir jetzt wissen? Ich werde Dirs sagen können übers\nJahr — so hoffe ich.\"\nDie Orgeln dröhnten und die elektrischen Lampen\nwurden alle rot, und Schamawi sagte scharf:\n„Meines Bruders Sohn ist klug und weiss seine\nWorte fein zufwägen, aber ich sehe, dass er sich auch\ngegen den Geist, der uns führt, auflehnt — und das\nwird Dein Verderben sein. Ueberlege Dir nochmals,\nwas Du vorhast. Was Du auch gegen das Volk sagen\nmagst, bedenke, dass der Grosse, der Unsichtbare, der\nunser Volk führt — nicht dasselbe ist wie das Volk.\nPhilander, er ist für uns der Allmächtige — und Du\nsollst bleiben bei ihm — schwöre mir — bei dem\nAndenken an Deinen Vater! Dass Du mich noch\neinmal zu Dir rufen willst — bevor Du Dich trennst\nvon ihm, der unser Aller Geist ist — der Geist unseres\nVolkes.\"\nLeise sagte der Kaiser:\n„Ich schwöre Dirs!\"\nUnd falle Musikinstrumente \"und alle Orgeln und\nalle Chöre donnerten in den Dom hinein, dass Üe\nWände bebten.\nSchamawi seufzte tief auf, doch] des Kaisers Augen\nstrahlten.\nXI\nDie Einladung\nIn Schiida hatte der Oberbürgermeister Wiedewitt das\nsehr grob gehaltene Schreiben des Kaisers von Utopia\nerhalten — und die geheimen Regierungssekretäre und\ndie Ratsherren waren entsetzt. Einige von den Rats-\nherren waren gleich bereit, die neuen Gründungen\nwieder abzuschaffen. Aber da kamen sie bei Käseberg\nund von Möllerkuchen schön an — die legten sich\nmächtig für den Uniform- und Titularverein ins Zeug.\nUnd Moritz Wiedewitt hatte den gloriosen Einfall, den\nKaiser einfach einzuladen nach Schiida zu kommen am\nUnd diese Einladung lag nun auf dem Schreib-\ntische des Kaisers, und der Kaiser sass vor der\nEinladung und lachte laut auf, als er das zierliche\nSchreiben las.\n„Die Einladung kommt mir sehr gelegen\", rief er\nschmunzelnd, Hess sich sofort Bart, Perrücke, Kaiser-\nmantel und Kaiserkrone bringen und befahl, de*\nStaatsrat zusammenzutrommeln.\nEs war Dienstag und der Staatsrat kamg— natürlick\nohne Schulterfeder — zusammen.\nDer Kaiser begrüsste die Herren leutselig mit der\nZigarre im Munde, {Hess Wein, Bier und kleines\nFrühstück auftragen und zeigte die Einladung und er-\nklärte den Herren, dass [er |nach Schiida fahren und\nein Jahr Oberbürgermeister von Schiida sein \"möchte.\nDie Mitglieder [des Staatsrates machten |so grosse\nAugen, dass andere Leute Angst gekriegt hätten. Das\nAugenverdrehen genierte jedoch den Kaiser keineswegs;\ner erklärte vielmehr eifrig, dass ihm, da der Staatsrat\nnoch immer keinen Stellvertreter [gefunden hätte, sehr\nangenehm würde, »wenn [der Staatsrat den Ober-\nbürgermeister von Schiida als Stellvertreter akzeotierea\nmöchte.\n„Grandiosität\", rief der Zeremonienmeister Kawatko,\n„der Moritz Wiedewitt soll Kaiser von Utopia werden?*"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3673, "texte": "„Allerdings\", versetzte der Kaiser, „Kawatko sah\nmich ja schon als Oberbürgermeister von Schiida —\nwarum sah Kawatko nicht gleich weiter? Merkwürdig!\nKurzsichtigkeit! Propheten dürfen doch nicht kurz-\nsichtig sein.\"\nAuf den Stiefelabsätzen drehten sich die Mitglieder\ndes Staatsrates herum und tranken einen Kognak nach\ndem anderen. „Das geht einfach nicht!\" sagten sie\nschliesslich im Chor.\n„So — so!\" rief da der Kaiser; die Herren ver-\ngessen ganz und gar, dass ich auch in der Lage bin,\nan das Volk zu appellieren. Die Schildbürger sind\nvom Volke abgefallen, und der Kaiser von Utopia will\nsich dazu hergeben, die Schildbürger in den allein-\nseligmachenden Schoss [des Volkes zurückzuführen —\nund da will mich mein Staatsrat verhindern, [dieses\ngute Werk glanzvoll und mit Humor zu vollbringen?\nDas fehlte auch noch. Das Volk ist ganz bestimmt\nauf meiner Seite. Wenn Sie nicht wollen wie ich\nwill — so wird das Volk wollen, wie ich will — die\nsieben Gerichttürme am Schwantufluss sind auch für\nPhilander den Siebenten da.\"\n„Grandiosität geruhen\", sagte Kawatko scharf, „eine\nandere Tonart als neulich anzuschlagen — neulich\nwollten sich Grandiosität vom Volke trennen — und\nheute sollen wir daran glauben, dass Grandiosität dem\nVolke einen Dienst erweisen will.\"\n„Aber Kawatko\", rief da der Kaiser lustig, „tu\ndoch nicht so, als wenn Du nicht mit Schamawi ge-\nsprochen hättest — der hat mich doch am letzten\nSonntag Abend bekehrt.\"\nDa murmelten die Mitglieder des Staatsrates und\nwurden sehr ernst — der Kaiser aber lachte lustig\nund plauderte von Schiida, als wäre er schon da.\nXII\nDer Entschluss\nAls nun die hundert Mitglieder wieder unter sich\nwaren und kein Lauscher ihren Ausführungen folgen\nkonnte, da sassen sie alle mit geradezu verzweifelten\nMienen zusammen, und alle stöhnten laut, nur der Herr\nMalke, der Historiker, lächelte und sprach:\n„Das kommt davon! Als vor vielen Jahrhunderten\ndie Tageszeitungen sich zu den vortrefflichsten Dienern\nder Volksmeinung ausbildeten — da wurde die Volks-\nmacht geboren — und sie ist heute wahrlich noch\nnicht tot\"\n„Willst Du\", fragte Kawatko, „uns jetzt einen\nhistorischen Vortrag halten? Der Zeitpunkt ist ausser-\nordentlich günstig.\"\n„Lass ihn doch reden!\" sagten ein paar andere\nMitglieder, und Malke, der Historiker, fuhr unbeirrt fort:\n„Die Volksmacht hat sich nun im Laufe der Zeit\nan allen Ecken und Kanten hübsch abgeschliffen —\nvornehmlich durch die grossen Streiks. Als die Hand-\narbeiter sich für unentbehrlich hielten, streikten sie und\nkamen ans Ruder — aber nicht für lange. Es folgte\nder grosse Streik der Aerzte — und dann streikten\ndie Ingenieure — und dann streikten nach und nach\nAlle, Alle selbst die Dichter haben mal gestreikt.\nUnd itzo streikt sogar ein Kaiser — jetzt fehlt nur\nnoch, dass der Staatsrat des Kaisers streikt.\"\n„Dabei kommt aber\", bemerkte Kawatko, „nicht\nviel raus — da ja die Ersatzleute hinter uns stehen,\nNein — mit dem Streiken geht es nicht — es ist\nauch nicht richtig, wenn wir sagen, der Kaiser streike.\nDas würden wir ihm schon hingehen lassen — er\nkönnte ja hingehen, wohin er will — wir würden\nschon einen anderen Kaiser bekommen — Malke würde\nsfcherlich . . .\"\nMalke erhob sich ärgerlich und sagte:\n„Willst Du jetzt Witze machen? Der Zeitpunkt\nist ausserordentlich günstig \"\n„Nicht zanken!\" tönte es da von allen Seiten.\nUnd zehn Minuten später war man überein-\ngekommen, dem Kaiser ein Jahr Urlaub zu geben —\nzwecks Wiederherstellung eines guten Verhältnisses\nzwischen Ulaleipu und Schiida.\nAls dem Kaiser der Entschluss mitgeteilt wurde,\ntat er sehr ernst und sprach seinen Dank in den\nhöflichsten Worten aus, so dass Kawatko nicht wusste,\nwas er davon zu halten hätte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-29-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-29_01#c005", "volume": "bmtnabg_1910-12-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "349", "page_fin": "349", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.2.5", "titre_corps": "Maria", "titre_sommaire": "Maria", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.3", "debut_caractere": 3694, "fin_caractere_exclue": 3999, "texte": "Maria\nElse Lasker-Schüler\nTräume, säume, Marienmädchen —\nUeberall löscht der Rosenwind\nDie schwarzen Sterne aus.\nWiege im Arme dein Seelchen.\nAlle Kinder kommen auf Lämmern\nZottehotte geritten,\nGöttlingchen sehen\nUnd die vielen Schimmerblumen\nAn den Hecken\nUnd den grossen Himmel da\nIm kurzen Blaukleide!,"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-29-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-29_01#c006", "volume": "bmtnabg_1910-12-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "349", "page_fin": "350", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.2.6", "titre_corps": "Nietzsches Bild", "titre_sommaire": "Nietzsches Bild", "signature_source": "Fritz Hübner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.3", "debut_caractere": 4001, "fin_caractere_exclue": 12062, "texte": "Nietzsches Bild\n\n„Ich kann dem Leser eines versprechen: dass das\nihm vorliegende Buch keinem von denen gleich wird,\ndie er bereits kennt.\" Diese Beteuerung darf Wilhelm\nFischer in Graz seinen Ausführungen über Nietzsche\nmit Fug und Recht vorausschicken. Denn so trivial\nwurde Nietzsche noch niemals verstanden, so kümmer-\nlich noch niemals befehdet. Noch niemals sah man\neine so „steife Tölpelei der geistigen Gebärde, eine so\nplumpe Hand beim Fassen\" Kurz, noch kein Wider-\nsacher Nietzsches war ihm so wenig ebenbürtig als\nFischer. N\nDie Misere fängt bei der Sprache an. Unbeachtet\nblieb Nietzsches |Vorschrift und Beispiel: „An einer\nSeite Prosa wie an einer Bildsäule zu arbeiten.\" Eben-\nsowenig ist nachzuweisen, dass der Verfasser aus\nseiner, durch mannigfache Zitate belegten Lektüre\nfranzösischer Bücher für seinen Stil etwas gelernt\nhabe. Sondern: Mit dem fatalen Male treuherziger\nImprovisation an der Stirne schlenkern die Sätze,\nschwürig von Flickpartikeln, gemütlich und ungepflegt\ndaher. Nur die kraftlose und ausgenützte Vokabel ist\nverwendet Nur als Atrappen, und nirgends als zwin-\ngende unmittelbar konkrete Formen der Anschauung\nrangieren Trope und Metapher. Wie verschossen er\nüberdies ist, dieser Redeputz, wie seelenlos und pro-\nvinzial! Oder dünken euch die folgenden Proben poe-\ntischer Allerweltsphrasen etwa schön und eigenartig ?\n„Für mich heisst die höchste Bergspitze im Urgebirge\nder Musik Beethoven\" (Seite 83). „Was den Dichter\nNietzsche betrifft, so lässt sich mit Einblick (!) behaup-\nten, dass er auch nicht den Ritterschlag von der Kö-\nnigin Natur empfangen habe.\" (80.) „Zwischen den\nKlippen seiner Logik windet sich das Schifflein, welches\nseine Ethik als Fracht trägt, oft mit grosser Behendig-\nkeit durch.\" (14) „Wenn die Natur die Königin des\nAlls ist, so ist der Instinkt im Tierkörper ihr Statt-\nhalter\" (48). Gibt es ein tautologisch verschrobeneres\nGleichnis als dieses und ein ungeschickteres als das\nnächste? „Goethe, auf den Nietzsche später auch\nherabblickte, freilich nur wie die Bremse, die auf dem\nScheitel eines edlen Rosses sitzt.\" (122)\nDer Dichtersmann versteht aber auch ganze Alle-\ngorien zu drechseln! Und niedliche Sinnsprüche, die\nhier, wo es sich um ein bitterernstes Thema handelt\noder handeln sollte, unsäglich deplaziert wirken. Man\nhöre: „Wer die Eitelkeit zu seiner Bettgenossin macht,\nder wird einen Wechselbalg erzeugen, der ihm auf die\nhöchste Höhe des Ruhms voranleuchtet — als Irrlicht\"\n(113). „Man sollt' es übrigens doch wissen, dass Frau\nVornehmheit, mit der Nietzsche vermählt war, eine\nTochter Dandy war. Er hat sich\nnur durch sorgliche Erziehung zu seiner ebenbürtigen\nGattin gemacht\" (129). Es ist aber dafür gesorgt, dass\ndie Bäume nicht in den Himmel und die Menschen\nnicht bis zu Shakespeare und Goethe wachsen\" (89).\n„Die Poesie verträgt bekanntlich die Pointen nicht;\nsie sticht sich daran zu Tode wie Dornröschen an\nder Spindel der alten Hexe\" (57). Was für unerträg-\nliche Plattheiten.\nEinem also laienhaft organisierten Kunstverstande ist\ndie durchseelte Metaphorik Nietzsches natürlich miss-\nfällig. Beispielsweise lehnt er einen Ausdruck wie die-\nsen: „Die umfänglichste Seele, welche am weitesten\nin sich laufen und irren und schweifen kann\" (Zara-\nthustra) deswegen ab, weil es „keinem klaren Geist,\nauch nicht in den fernsten Jahrhunderten gelingen\nwird, diese Bildlichkeit in ein Bild, das heisst in die\nWirklichkeit zu übersetzen\" (106). Als ob es bei einer\nMetapher einzig auf visuelle Vorstellbarkeit ankommt!\nAls ob die echte, die erlebte Metapher sich überhaupt\num profane Vorstellbarkeit und nicht viel mehr uin\nAnschaulichkeit, das ist um eine intuitivische\nGlaubwürdigkeit bewürbe! — Uebrigens, wie vertragen\nsich Fischers Metaphern mit seinem eigenen Rezepte ?\nGelingt es etwa einem klaren Geiste folgende Bildlich-\nkeit in die Wirklichkeit zu übersetzen? „Ueberlass Du\nden Hass gegen das Göttliche jenem kalten Verstandes-\nphilosophen, auf dessen hartem Grunde kein\nGras und keine Blume wächst\" (42).\nEbenso schlotterig wie das Idiom des Buchs ist\nsein Gesamtaufbau. Keine Spur von dem, was man\nKomposition oder Architektonik nennt, und was sich\nvorfindet, wenn der Autor „ein Ganzes geschaut und\ndiesem Geschauten gemäss den allgemeinen Gang und\ndie richtigen Masse gefunden hat\" (Nietzsche). Der\nGang dieser Schrift ist der eines behäbigen, undiszi-\nplinierten Geschwätzes. Unsortiert und unvermittelt\nfolgen die Einfälle aufeinander. Ihre Spaltung in Ab-\nsätze — niemals organisch nötig — dient lediglich als\ntypographischer Zierrat. Wiederholungen gibt es in\nFülle. Bringen die siebenunddreissig Kapitel überhaupt\netwas anderes als siebenunddreissigmal und nicht nur\nsiebenunddreissig dasselbe?\nDieses planlose Notizenheft beruft sich auf Nietzsche!\n„Seine (Nietzsches) aphoristische Denkart hat nicht eine\nsystematisch zusammenhängende Darstellung von mir\ngefordert. Ich knüpfe daher in seiner Weise an, wo\nes mir interessant erscheint, und lasse den Faden\nfallen, wo es nichts mehr nach meiner Anschauung\nzu weben gibt.\" Wer Nietzsches aphoristische\nSchreibart also flach, also willkürlich versteht, wer jenen\nGeist überlegter, überlegener Harmonie, der seine\nWerke bis in alle Einzelheiten determiniert, so gänz-\nlich übersieht, weist der sich damit nicht schon von\nvornherein aus als unbefugt, die Dringlichkeit und\nTragweite Nietzschescher Probleme zu kritisieren?\nJedenfalls ist dieses Buch, gemessen an den\nBüchern dessen, den zu verkleinern es sich unterfängt,\nin gedanklicher Hinsicht ebenso kindlich wie in forma-\nlistischer. „Den Stil verbessern — das heisst (eben)\nden Gedanken verbessern, und garnichts weiter\" (Nietz-\nsche). Was Fischer vorzubringen hat — grundsätzlich\nwie über Nietzsche — sind Gemeinplätze. Ausgeblichene,\nbeziehungskarge Dutzendmeinungen. Und nicht etwa\neinfaitschlichte „Allgemeine Wahrheiten.\" Die sind\nwohl vorhanden, sie bestehen indes in Zitaten. So-\ndass Nietzsches Rüge an D. F. Strauss auch Fischern\nzu erteilen wäre: „Literarische Reminiszenzen vertreten\ndie Stelle von wirklichen Einfällen und Einsichten, eine\naffektierte Mässigung und Klugheit in der Ausdrucks-\nweise soll uns für den Mangel an Weisheit und Ge-\nreiftheit des Denkens schadlos halten,\" Wie gemeinplätzig\nsind zum Beispiel die folgenden Auslassungen! „„Die Grosse\nGesundheit.\"\" „Kennt er (Nietzsche) sie? Hat er sie\njemals in sich gefühlt? Der die grosse Krankheit:\nden Irrsinn als Keim in sich trug? Und die Natur,\ndie strenge und doch gerechte Mutter, lässt ihre Lieb-\nlingskinder, ihre echten, vom Genius beschützten\nKinder nicht irrsinnig werden; sie würde sich selber\ndarin widersprechen, die die wahre „„grosse Gesund-\nheit\"\" ist. Aber die wider sie sündigen auf irgendeine\nWeise, die ihr mehr abtrotzen wollen, als sie geben\nwill, die straft sie nicht selten mit Irrsinn. Das ist\nhart gesprochen, aber hat Nietzsche weich geredet?\"\n(122). Oder: „„Aus der ehemaligen Wahrheit .. .\nkriecht die Unvernunft wie ein Gewürm später ans\nLicht,\"\" sagt Nietzsche. Das sind feine sophistische\nFechterstreiche, deren sich der grosse Wortkünstler be-\ndient, bei dem nicht nur das Wort am Anfang, sondern\nauch am Ende aller Dinge liegt, und die Natur selbst\nbesiegt hat; — und mittelst dieser Kunst will er die\newig reine und gesunde Wahrheit zwingen sich in das\nBett des verwesten Irrtums zu legen. Was ihm doch\ndie arme Wahrheit angetan hat, um sie wie ein Gross-\ninquisitor derart zu verdammen! Das Licht ist doch\neine Wahrheit der Erde, uud die Wahrheit ein Licht\nder Menscheit. Und Nietzsche, der von sich sagt:\n„„Wir Nebenbuhler des Lichtstrahles,\"\" wird doch so\nviel Achtung vor diesem Lichtstrahl naben, um dessen\nWirklichkeit nicht zu bestreiten, da er sonst die eigene,\ndes Nebenbuhlers, bestritte.\" (168). Seinen Triumph\nfeiert dieses altkluge Denken auf Seite 76, wo es\nheisst: „Entspricht der Erfahrung, der Wirklichkeit ein\nGedanke, wie dieser: „„Das ganze menschliche Leben\nist, tief in die Unwahrheit eingesenkt —1\"\"? Wenn es\ndas ganze menschliche Leben ist, so gehört auch seines\n(Nietzsches) dazu; dann folgt daraus, dass auch seine"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9460, "texte": "Meinung über dasselbe tief in die Unwahrheit einge-\nsenkt ist.\" Diesen Vexiersyllogismus entkräften? Aber\ndas hat Nietzsche selbst längst besorgt. Man lese nur\nnach, was er gegen D. F. Strauss erwidert, der einen\nähnlichen Witz über Schopenhauer ausheckte (Erste\nunzeitgemässe Betrachtung Seite 217, 218).\nGemeinplätzig ist die vorliegende Kritisierung Nietz-\nsches ausserdem insofern, als sie nur die eklatanten\nMerkwürdigkeiten seiner Philosophie bemerkt, sie aber\nnur mit den landläufigen Einwänden befehdet. Es sind\ndie simplen, allbekannten Lamentationen gegen den\nUebermenschen, die Herrenmoral, die Ewige Wieder-\nkunft. Was so unschwer und verlohnend ist, und wo-\nrauf es bei einer Wert beanspruchenden Abschätzung\nNietzsches bei den durchdringenden Untersuchungen,\ndie über den Gegenstand existieren, ankommt: nämlich\nneue Gesichtspunkte zu seinem Verständnis oder zu\nseiner Ablehnung beizubringen, weiss diese Kritik ganz\nund gar nicht.\nEs fehlt den Fischerschen Behauptungen an gedie-\ngener Begründung. Es kommt nur zu flatternden\nRedensarten. Man urteile selbst: „Es gibt in seinen\n(Nietzsches) Schriften eine Unzahl von blendend geist-\nreichen Gedanken, aber kaum ursprüngliche Ideen.\nDenn seine Stärke liegt im Angriff, und ursprüng-\nliche Ideen heilen, zugespitzte Begriffe ver-\nwunden\" (79). „Einen Ursprung beleuchten, könnte\nnur der ursprüngliche Mensch. Aber einer, der dies\ndurch subtile Verstandeskünste erreichen will, wird uns\ndurch das Licht seines Geistes nur die deutliche Leere\nzeigen, anstatt eines Ursprungs, der immer der\ndunklen, dem Lichte abgewendeten Seite der\nNatur angehört\" (150). „Hat Nietzsche jemals\nim Goethischen Sinne an die Gottheit gerührt? Im\ndämonischen Ehrgeiz rührte er nur an sich selbst; und\nseine vermeintliche Fülle, in der die Unsichtbar-\nkeit fehlte, das Dunkel, das mehr als\nLicht ist, weil aus ihm das Licht entspringt,\ndiese Fülle ist Leere vor dem Auge, das sich nicht\ndurch Begriffe blenden lässt, sondern die Ahnung\nder bleibenden Werte, den Glauben an ursprüngliche\nIdeen hat\". (214). „Ursprünglichkeit hat ein Kind\nund ein kindlicher Geist; doch Nietzsche hat sie nicht.\nHätte er wahrhaft an sich geglaubt, so wäre sein Geist\nstark geblieben, und der Dämon hätte ihm nicht das\nGleichgewicht zwischen Gemüt und Verstand ver-\nrückt. Nur der zwiespältige Mensch kann\nihm verfallen, der Einheitliche nicht.\" (211).\nWünscht man noch linkischere, läppischere Argumen-\ntationen? Zu dienen: — „Er (Nietzsche) sucht die\nSchönheit überall draussen mit brünstiger Gedanken-\nspannung; aber in seinem Herzen hat sie nicht ge-\nwohnt. Denn wo sie ihren Sitz im Herzen\naufschlägt, dort erhält sie ihre Lieblinge\ngesund, wie Goethe; allerdings auch mit Ausnahmen,\nwie Hölderlin und Lenau, zu denen aber Nietzsche\nnicht gehört, der scheinbar harte römische Triumphator\ngar nicht gehören möchte\" (81). „Geister, die\naus der Wirklichkeit schöpfen, bleiben ge-\nsund bis an ihr Lebensende. Nietzsches Geist\nhat sich selber anfgerieben, weil er alles aus sich\nselbst zu schöpfen suchte; denn die ganze bisherige\nErfahrung, die ganze Natur der Geschichte widersprach\nihm. Wer aber gegen den Strom der Dinge\nschwimmt, vernichtet nicht diese sondern\nsich selbst\" (47). Um einen Nietzsche zu wider-\nlegen, dazu braucht es denn doch mehr, als solch einer\ntäppischen, ungesäuerten Dialektik.\nWorin das Fischersche Zetermordio gipfelt, wird\nman bereits gemerkt haben. „Nietzche ist nicht ur-\nsprünglich.\" Dreist und beharrlich wirds behauptet.\nWas unter „Ursprünglichkeit\" zn verstehen sei, wird\nhingegegen nicht gesagt. Ich wenigstens gebe mich\nmit unklaren, zu nichts verbindenden — aber immer\nkategorisch auftretenden — Definitionen wie den schon\nzitierten oder wie zum Beispiel der folgenden nicht\nzufrieden. „Nietzsche ist nicht ursprünglich. Dazu\nfehlt ihm das intuitve Erkennen, die Demut der Grösse,\ndas grosse Schweigen, aus dem die Ideen, die Ur-\nformen auftauchen\" (150). Ueberhaupt handhabt\nFischer das so verhäkelte, viel umstrittene, nach gründ-\nlicheren phsychogenetischen Einblicken geradezu un-\nlösbarer Problem der Ursprünglichkeit viel zu einfach\nund ausgemacht. Auf dergleichen biedere Ideen er-\nwidert Nietzsche: „Zuletzt erfindet er (gemeint ist\neigentlich D. F. Strauss) noch für seine Gewöhnungen,\nBetrachtungsarten, Ablehnungen und Begünstigungen die\nallgemein wirksame Formel „„Gesundheit\"\" und besei-\ntigt mit der Verdächtigung krank und überspannt zu\nsein, jeden unbequemen Störenfried. So redet David\nStrauss, ein rechter satisfait unserer Bildungzustände\nund typischer Philister, einmal mit charakteristischer Rede-\nwendung von „„Arthur Schopenhauers zwar durchwegs\ngeistvollen, doch vielfach ungesnnden und unerspriess-\nlichen Philosophieren.\"\" Es ist nämlich eine fatale\nTatsache, dass sich „„der Geist\"\" mit besonderer Sym-\npathie auf die „„Ungesunden und Unerspriesslichen\"\"\nniederzulassen pflegt, und dass selbst der Philister,\nwenn er einmal ehrlich gegen sich ist, bei den Philo-\nsophemen, die seines Gleichen zur Welt und zu\nMarkte bringt, so etwas empfindet von vielfach geist-\nlosem, doch durchweg gesunden und erspriesslichem\nPhilophieren.\" (Erste unzeitgemässe Betrachtung\nSeite 193.)\nDer dritte, der unerquicklichste Defekt dieses An-\ngriffs auf Nietzsche ist seine gelegenliche Hässlichkeit.\nHässlich ist jenes aufdringlich-familiäre Dützen Nietz-\nsches. Eine Gardinenpredigt wie die folgende (an\neinen Abgeschiedenen, an eine Heroen!) ist einfach\nabstossend. „Du Nietzsche warst vernünftig und bist\nirrsinnig geworden. Warum hast du dein eigenes Ge-\nbot nicht gehalten? Wäre Deine Natur du selbst (!)\ngeblieben, so hätte dies nicht geschehen können. Denn\ndie Natur kann nur das werden, was sie ist Das ist\nihr Grundsatz. In dir ist sie aber als reine Natur\nnicht zum Audruck gekommen, und die Folge davon\nwar ein Riss deines Wesens,\" (78). Hässlich sind auch\njene blümchenfrommen Salbadereien wie etwa diese:\n„Doch der wahre Uebermensch dass heisst der reine\nMensch, wird Herr über Dämonen, wie Goethe; der\nscheinbar, dass heisst der vom Wahn geblendete, wird\nvon ihnen besiegt, wie Nietzsche. Das ist der Gegen-\nsatz von Gesundheit und Krankheit, von geistigem\nLicht und geistiger Umnachtung. So dienen seine An-\nhänger einem Nachtgeiste von dämonischer Beredsam-\nkeit und keinem Lichtgeiste, einem der seine Gottes-\nkindschaft verloren hat, einem, der vermeinte, das\nIdeal, das verschiedene Völker verschieden benannt\nhaben: Gott abzusetzen und an seine Stelle den\nUebermenschen, dass heisst sich selbst auf den Thron\ndes Erdgeistes zu setzen. Und die Nemesis, die Tra-\ngik dieser Empörung wider das Ideal der Menschheit,\nwider Gott: er versank in die Nacht, in den geistigen\nTod. Man könnte gläubig werden im alten Sinne,\nsoweit man auch davon entfernt ist, wenn man dieses\nSchicksal betrachtet\" (157). Hässlich ist ferner jenes\nGenugtuungsgefühl über Nietzsches geistiger Umnachtung,\ndas sich beispielsweise auf Seite 34 so äussert: „Armer\nNietzsche, du Uebermensch in Fesseln, die dir dein\neigener Leib schlug, dein Herr, vergaltest du dir nicht\nauch selbst? Du bist irrsinnig geworden, sagt man.\nArmer neuer Gott! — Nun ward auch dir das so ver-\nachtete Kreuz auf den Rücken gelegt, „„der schlimmste\naller Bäume,\"\" ob du mochtest oder nicht; und der\ndu immer göttlich lachen und himmlich tanzen wolltest,\ndu trägst in Dunkelheit als Mensch dein Kreuz — ob\ndu davon weist oder nicht. Nun verbiete den andern\ndas Mitleid, wenn du kannst!\" (34). Hässlich ist vol-\nlends jenes Beginnen „Nietzsches Streben nicht nur in\nseinen Ergebnissen, sondern auch in seiner Redlichkeit\nund fanatischen Wahrheitsliebe zu verdächtigen.\" (W.\nMichel). Eine dieser Stellen lautet: „„Die Unwahrheit\nals Lebensbedingung zu gestehen.\"\" „Wie ist das\nkühn und läuft allem dem, was die Menschen seit un-\nvordenklichen Zeiten gesagt haben, zuwider. Das ist\ndoch neu, originell, und vor allem kühn! Und doch\nso natürlich. Denn wir stehen ja auf einem Boden,\nwo man ungestraft alles sagen kann: im Träumland;\njenseits von Gut und Böse. Da sind wir neu, wenn\nwir alles, was andere vor uns gesagt haben, in mehr\noder minder geistreicher oder witziger Form verneinen.\nWir sagen, das Gegenteil sei wahr. Eine Unwahrheit\nist wahr. Wer kann uns etwas anhaben, jenseits von\nGut und Böse? Mit diesem geistreichen Einfalle haben\nwir uns von der „übermenschlichen\" Vernunft selber\neinen Freibrief erkauft, alles zu sagen, wodurch wir\nden Schein der Ursprünglichkeit: die Empfindung der\nNeuheit erwecken\" (18). — Bezichtigungen dieser Art\nsind verzeihlich, wenn die Verblendung einer leiden-\nschaftlichen durch Nietzsche in ihrem Sanctissimum\nsich verletzt fühlenden Seele sie ausspricht. So arg-\nlistig, stichelnd, plump spassend Nietzsches philoso-\nphische Rechtschaffenheit zu beargwöhnen, nenne ich\nhingegen frivolen Insult\nWas mit Unziemlichkeiten, mit stilistischen und ge-\ndanklichen Mängeln unter Umständen aussöhnt, dies\neben fehlt dem Fischerschen Polemisieren gänzlich:\ndie Inbrunst. Seine Auseinandersetzung mit Nietzsche\ngibt sich als ingrimmige Gewissenssache und berührt\ndßch nur wie eine taube nörgelnde\" Bierbankgeste.\nNietzsches Protest wider alles Heutige entsprang hei-\nliger Not: — Wie weit, wie schauerlich weit steht\nalso Fischers Protest wider Nietzsche schon im Ur-\nsächlichen diesem nach!\nDass dieser Angriff auf Nietzsche für niemanden\nals für Fischer eine Blamage bedeutet, dürfte nach\nalledem am Tage sein.\nWilhelm Fischer in Graz: Nietzsches Bild Verlag Georg Müller\nMünchen\n\nFritz Hübner"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-29-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-29_01#c007", "volume": "bmtnabg_1910-12-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "350", "page_fin": "351", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.2.7", "titre_corps": "Bücher", "titre_sommaire": "Bücher", "signature_source": "Otto Soyka", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.4", "debut_caractere": 9462, "fin_caractere_exclue": 13063, "texte": "Bücher\nVon Otto Soyka\nLesen ist eine bequeme und schmerzlose Art, Er-\nfahrungen anzuhäufen. Hart im Räume stossen sich\ndie Dinge, leicht aufeinander stapeln sich die Bücher.\nDer Strom der Lebensenergie mancher Menschen wählt\neben den Weg des geringeren Widerstandes. Der geht\ndurch die Literatur. Man schwelgt dort in Situationen\nund Gefühlen, ohne viel zu riskieren. Das nennt man\ndann sich ausleben.\nMan liest schon lange bevor man erlebt. Und\nwas könnte derjenige Neues erleben, der genug gelesen\nhat? Keine Szene kann ihm die Wirklichkeit bringen,\ndie er nicht schon beschrieben und glossiert vorherkennt\nEr weiss die Rolle ganz genau, die ihm bei jedem\nErlebnis zufällt. Er spielt sein Leben herunrer, statt\nes zu leben. Schauspieler, Publikum und Kritiker\nzugleich ist er bei dieser Aufführung viel zu sehr be-\nschäftigt, als dass er an sich selber denken könnte.\nEr hat so viel zu erinnern, dass er nicht Zeit behält,\nsich nach besonderen eigenen Empfindungen oder\nWünschen zu fragen. Er empfindet und wünscht nach\ndem Buch. Wenn ihm sein Leben gelungen ist, so\nist es wie geschrieben gewesen.\nZweiter Aufguss vom Leben wird genossen; aus\ndem literarischen Absud gewinnt mann einen neuen,\nden man wieder Leben nennt. Eventuell schreibt man\ndarüber wieder Bücher. Die haben dann die richtige,\nabgeklärte Note. Dritter Aufguss vom Leben.\nDer Gegensatz zwischen Leben und Literatur,\nzwischen Plastik und Fläche wird nicht zur Kenntnis\ngenommen. Man vertauscht nach Gutdünken. Im\nDienst der Lächerlichkeit ist dieses Uebergreifen der\nGebiete fruchtbar.\n„Was tut man in dieser Situation?\" ist die nie aus-\nbleibende Frage. Sie wird nicht dem Empfinden,\nsondern dem Gedächtnis gestellt. Der ohnehin ziemlich\nmatten Farbe der Entschliessung schadet die Blässe\ndes fremden Gedankens kaum. Wenn sich aber ein-\nmal eine Situation findet, der gegenüber die Erinnerung\nversagt? Es könnte ja sein, dass die Partnerin nicht\ndas richtige Stichwort bringt. Sie flüstert vielleicht ein\nverschämtes Ja, statt eines entrüsteten Mein Herr!\nWas dann ? Es stockt die ganze Maschine. Die Ge-\nschwindigkeit des Liebeserfolges war nach Vorschrift\nauf soundsoviel Meter eingestellt. Wie konnte man\ndenn jetzt schon an dieser Station halten, Unbegreiflich!\nIst vielleicht die Maschine durch eigenes zutun eine\nNacht durchgefahren? Es bleibt nichts übrig, als den\nMechanismus zu untersuchen, abzubrechen und nach-\nzulesen für diesen Fall. Sie flüstern ja, dann — Fort-\nsetzung folgt, mein Fräulein.\nSpleen und Blasiertheit sind noch harmlose Er-\nscheinungen der „Krankheit am Buch\". Schlimm ist\ndie selbsgefällige Zufriedenheit der Buchgerechten, ihr\nPharisäerstolz gegenüber dem wirklichen Leben. Sie\nwissen immer genau, wie es werden soll, und wird es\nanders, hat das Leben unrecht. Sie gehaben sich als\nunfehlbare Sachverständige der Lebensweisheit.\nDas Buch nimmt das Leben vorweg, raubt dem\nspäteren Erlebnis die Jungfräulichkeit. Aber neun Zehntel\nder heute gelesenen Bücher geben ein unwahres Bild\nvon der Wirklichkeit. Aus Gründen der Moral oder\nanderer geschäftlicher Rücksichten auf die Wünsche\ndes Lesers. Wie ist es mit ihnen? Märchen sind\ndie Jugendbücher mit ihren idealisierten Menschen, die\nFamilienliteratur mit unterschlagenen Wünschen und\nZwecken, die schöngefärbten geschichtlichen Darstellungen\nder nationalen Entwicklung. Und wie harmlos sind die\nAmmenmärchen früherer Tage, die ab und zu ein\nKöpfchen verdrehten, gegen diese Märchen von heute,\ndie sich mit soviel Wahrscheinlichkeit zu geben wissen\nund nicht von Mund zu Mund, sondern in Auflagen\nvon vielen Tausenden verbreitet werden! Romanfiguren"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3859, "texte": "sind in den Köpfen der heutigen Generation zu weit\nschlimmeren Gespenstern geworden, als es die ehrlichen\nund standesbewussten Geister der alten Sagen je hätten\nwerden können.\nDie Lebensfremdheit, die einst den Kindern von\nalten Weiblein tropfenweise verzapft wurde, heute wird\nsie den Menschen jeden Alters mit Schnellpresse und\nallem Dampfdruck der Reklame in die Köpfe getrieben.\nLebensfremdheit ist der Name der Krankheit am Buche.\nMit einer starken suggestiven Kraft wirkt die Um-\ngebung auf den Menschen. Und ein Hauptteil dieser\nUmgebung besteht aus bedruckten Papier. Unsere ge-\nsellschaftlichen Zustände bringen es mit sich, dass be-\nsonders des jungen Menschen Welt mit bedruckten\nPapier verhängt ist. In der Zeit des geistigen Reifens\nder Zeit der stärksten Empfänglichkeit, gibt es für die\nJugend von heute kein Erleben, so will es die souveräne\nMoral! Es gibt nur Bücher. Arbeit und Vergnügen\nmuss aus dieser Quelle fliessen. Da wird dann ein\nmerkwürdiger Grund gelegt für Weltanschauung und\nLeben.\nNehmen wir den ganz normalen Fall. Ein geistig\ngut veranlagter junger Mensch entnimmt der ihm zu-\ngänglichen Lektüre ungefähr folgendes:\nLiebe: eine unklare, ungemein poetische Sache.\nIhre Aeusserungen sind Gedichte, Seufzer oder Duelle.\nIhr Ziel ist die Ehe. Vermindert wird sie durch Ge-\ngenliebe, beendet durch den Tod oder eine gesetzlich\nstrafbare Handlung der anderen Teiles. — Reichtum\nmacht unglücklich. — Egoismus ist eine schändliche\nSeltsamkeit die stets bestraft wird. — Unrecht ist eine\nAusnahme. — Frau ist ein mechanisches Gemenge von\nZartheit, Gemüt und Schwäche. Kokotte ist etwas\nanderes. Nämlich ein mechanisches Gemenge von\nGeldgier und Verstand — Der Mensch Ist ein Wesen,\ndas entweder redet oder denkt. Taten? Die enstehen\nvon selber, — Mutter ist das liebende Ding an sich. —\nVorbedeutungen sind ein Aberglaube, aber sie treffen\nsicher ein. — Sinnlichkeit ist überhaupt nicht. (Ru-\ndimente finden sich beim Verbrecher.) — Die eigene\nNation ist die wichtigste und hervorragendste in der\nWellgeschichte. — Die Hauptbeschäftigung des Menschen\nist die Liebe. Nebenbei ganz von selber, wird er ein\ngrosser Gelehrter, Staatsmann oder Dichter und verdient\nviel Geld. — Fähigkeiten oder Vorzüge werden pünkt-\nlich in Geld oder Zuneigung honoriert. . .\nNehmen wir die ganz normale Welt. Wie weit\nsieht sie dem Bilde ähnlich? Die Elfen und Feen\nblieben wenigstens auf ihren Waldwiesen und die Ge-\nspenster waren ordnungsgemäss an ihren verrufenen\nStätten zu treffen. Dort mochte man sie aufsuchen, wenn\nman ein Anliegen an sie hatte. Aber diese Dinge,\nvon denen heute Bücher sprechen, gibt es angeblich\nallerorten, in grossen und kleinen Städten, bei hellem\nTageslicht sollen sie zu finden sein. Wen will es\nWunder nehmen, wenn sich der so vorbereitete nicht\nins Leben findet? Sieht er doch zum Beispiel mit\ndiesem Trank im Leibe ein Weib in jeder Helena.\nGeht es ihm gar zu übel in der Wirklichkeit, so kehrt\ner eben zum Buch zurück. Dort ist es gut sein und\nErlebnisse und Sensationen sind nicht schmerzhaft.\nGelingt die Befreiung, so kostet sie Jahre und gute Kraft.\nGanz klaren Blickes aber sieht kaum einer mehr ins\nLeben, der vom Buche kommt.\nDas ist nicht immer zu beklagen. Menschen ohne\neigene Individualität gab es jederzeit, sie leben nach\nModell und es will nichts bedeuten, woher sie das\nModell beziehen Aus Büchern oder sonst woher.\nAber so leicht und verlockend ist diese geistige Selbst-\nentäusserung den Menschen nie gemacht worden, wie\nin der Gegenwart Und es ist anzunehmen, dass auch\nwirkliche Individualität von der Fülle der heute zu Ge-\nbote stehenden Modelle erdrückt wird.\nDas kostet Opfer an Lebenskraft. Opfer an voll-\nwertigen Menschen. Zwischen Büchern leben, an\nBüchern sich begeistern und unter ihnen leiden — das\nalles wieder nach Büchern — das wäre wirklich das\nLeben, von dem soviel in Büchern steht?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-29-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-29_01#c008", "volume": "bmtnabg_1910-12-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "351", "page_fin": "351", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.2.8", "titre_corps": "Das Cabaret und die Gehirne Salut : Rede zur Eröffnung des Neopathetischen Cabarets Meine Verehrten", "titre_sommaire": "Das Cabaret und die Gehirne Salut : Rede zur Eröffnung des Neopathetischen Cabarets Meine Verehrten", "signature_source": "Kurt Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.5", "debut_caractere": 3861, "fin_caractere_exclue": 8478, "texte": "Das Cabaret\nund die Gehirne Salut\nRede zur Eröffnung des Neopathetischen Cabarets\nMeine Verehrten\nKurt Hiller\nSie alle sind in der biblischen Geschichte sehr\nbewandert. Sie kennen daher auch die Anekdote vom\nlieben Gott und dem utilitaristischen Engel. Nein ?\nDann will ich sie Ihnen rasch erzählen. Als Gott fertig\nwar mit der Welt und, unendlich glühend vor Schöpfer-\nfreude, sein Werk übersah, da erlaubte sich ein etwas\ndürrer Engel die Frage an ihn zu richten, zu welchem\nZweck er denn eigentlich die Welt gemacht habe, und\nob sie überhaupt unter verständigen Gesichtspunkten\ndaseinsberechtigt sei. Der liebe Gott war einfach\nsprachlos und wusste nichts zu erwidern; denn obwohl\ner im grossen Ganzen allwissend ist, so versagt er\ndoch stets, wenn man ihm teleologisch kommt.\nNun liegt es mir fern, die guten Leute, die bis-\nher es für angebracht hielten oder die künftighin noch\nes für angebracht halten werden, nach dem „Zweck\"\ndes Neopathetischen Cabarets sarkastisch zu fragen,\nmit jenem dürren Engel zu vergleichen; und noch\nferner, unsern Club mit dem lieben Gott. Dennoch\nerschien mir jene biblische Anekdote ununterdrückbar,\ngerade in einem Augenblick, wo ich befürchten musste,\ndass mancher unter Ihnen von mir erwartete, ich\nwürde unser auch für gewiegte Abenteurer des Geistes\netwas ungewöhnliches Unternehmen zu „rechtfertigen\"\nsuchen\nErlassen Sie mir das und seien Sie weise genug,\njedwede gebenedeite Extravaganz — Welt oder Cabaret\n— als Zweck ihrer selbst zu betrachten!\n. . Ueber das neue Pathos hingegen werden zwei\naufklärende Worte vorauszuschicken sein Ein Literat,\nder sich im Privatleben unliterarisch benimmt, ist ein\nSchmierer; ein Psycholog, der es kindisch oder philiströs\nfindet, abends im Kaffeehaus fanatisch zu psychologi-\nsieren, ist ein Krämer; ein Philosoph, der nach des\nTages Last und Bücherwalz philosophische Gespräche\nals Fachsimpelei ablehnt, ist ein Schwein; glattweg ein\nübles Schwein und sollte gehenkt werden! Nur solche\nGehirne sind anständig und zu billigen, in denen das\nGeistige unaufhörlich fluktuiert und nicht bei Sonnen-\nuntergang (oder sonstwann) Feierabend macht. Das\nGeistige als eine Flamme, von der die Seele ständig\ngeheizt ist; Problematik und die Erschütterungen der\nFormen nicht als Gewerbe, erst recht nicht als Amüse-\nment, sondern als die Bedürfnisse jeder wachen Se-\nkunde . . .\nDies ist das Kennzeichen einer höher gestimmten\nLebendigkeit und des neuen Pathos: das alleweil\nlodernde Erfülltsein von unserm geliebten Ideelichen,\nvom Willen zur Erkenntnis und zur Kunst und zu den\nsehr wundersamen Köstlichkeiten dazwischen. Das\nneue Pathos ist weiter nichts als: erhöhte psychische\nTemperatur\nMan verwechsle es aber nicht mit der mürrischen\nFeierlichkeit, dem vergnetterten Enthusiasmus, der schul-\nmeisternden S-üblimität, von welchen gewisse Jahrbücher\nfür esoterische Bewegungen durchtönt sind; wo das\nBestreben obwaltet, überall die geläufige deutsche\nSprache durch die verschnörkelte Getragenheit eines\nimaginären Jargons zu ersetzen, das Tempo der Rede\nasketisch zu zügeln und überhaupt die geistigen An-\ngelegenheiten als etwas hinzustellen, was sehr viel\nPuritanität, Strenge, Ehrpussligkeit, Brillentum und einen\nenormen Aufwand an sittlichem Ernst erfordert . , •\nDieses peinliche Pathos derer, die den grossen George\nin Prosa überorgeln, ist vielleicht nicht weniger hohl\nals das geschmähte Schillerische, und es hat mit dem\nunseren nichts zu schaffen. Unser Begriff von Pathos\ndürfte eher übereinstimmen mit dem Begriff, den\nFriedrich Nietzsche davon hat — Nietzsche, welcher\nim „Ecce Homo\" bekennt: „Ich schätze den Wert von\nMenschen, von Rassen darnach ab, wie notwendig sie\nden Gott nicht abgetrennt von Satyr zu verstehen\nwissen\" . . Pathos: nicht als gemessener Geberden-\ngang leidender Prophetensöhne, sondern als universale\nHeiterkeit, als panisches Lachen.\nSo versteht es sich auch, dass wir es keineswegs\nfür unwürdig und unvornehm halten, seriöseste Philo-\nsopheme zwischen Chansons und (cerebrale) Ulkigkeiten\nzu streuen; im Gegenteil: gerade weil für uns Philo-\nsophie nicht fachliche, sondern vitale Bedeutung hat,\nnicht Lehrsache, Geschäft, Moralität oder Schweiss-\nausbruch ist, sondern: Erlebnis — scheint sie uns viel\neher in ein Cabaret zu passen, als auf ein Katheder\noder in eine Vierteljahresschrift!\n— Aber die letzten Worte klingen am Ende doch\nschon wie ein Rechtfertigungsversuch; haben Schritte\ntapsend wie der Geist der Schwere; tanzen nicht selbst-\nsicher, wie jener frohe Intellektualismus, den wir er-\nsehnen. Darum schliesse ich den Salut und eröffne\ndas Neopathetische Cabaret für Abenteurer des Geistes."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-29-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-29_01#c009", "volume": "bmtnabg_1910-12-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "351", "page_fin": "352", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.2.9", "titre_corps": "Der fliegende Holländer und Der starke englische Stahlbohrer", "titre_sommaire": "Der fliegende Holländer und Der starke englische Stahlbohrer", "signature_source": "K. 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Weil ich keinen Anfang fand,\nlegte ich mich schlafen.\nMir träumte, ich bestiege ein grosses Schiff. Als\nich den Fuss an Bord setzte, sah ich hoch oben in\nden Lüften den fliegenden Holländer vorübersausen.\nIch verstand: das Schiff wird untergehen. Aber ich\nverliess es merkwürdigerweise nicht und sprach zu\nniemanden von meiner Beobachtung. Wir fuhren ab.\nDie Fahrt ging dem Ufer entlang. Plötzlich stiessen\nwir auf ein Riff, das Schiff barst; hoch oben in den\nLüften sauste wieder der fliegende Holländer vorüber.\nMir allein gelang es, mit einem mächtigen Satze an\nLand zu springen, von wo aus ich das Schiff ver-\nsinken sah.\nNach einer Weile träumte ich einen Kommentar\nzn meinem ersten Traum. Warum hatte ich den\nKapitän nicht gewarnt? Weil ich voraussah, dass man\nmir den fliegenden Holländer verlästern werde. Nicht,\num sein Schicksal zu erfüllen, wäre nach der Meinung\nder Leute das Schiff untergegangen, sondern nur, weil\nder durch meine Geisterseherei und Prophezeihung\nnervös gemachten Kapitän die Herrschaft über das\nSteuer verloren hatte. Um diese plumpe psychologische\nAuslegung zu vereiteln, hatte ich den Kapitän nicht\ngewarnt.\nIch erwachte, überlegte die Bedeutung des Traumes,\nbeschloss den Aufsatz über „Ibsen und das psychologische\nDrama\" nicht zu schreiben, mir dagegen am Abend ein\nStück von Schiller anzusehen. Aber nirgends fand ich\netwas derartiges affichiert. Nach langem Suchen be-\nmerkte ich ein Plakat, auf dem eine schreckliche Scene\naus einem Sensationssketch illustriert war: In der\nHaltung des vernichtenden Entsetzens taumelt eine pom-\npöse Dame vor einer gespenstischen Erscheinung zurück,\ndie in einem geöffneten Schrank zum Vorschein\nkommt. Ich versuchte den Zusammenhang der Dinge zu\nergründen. Aber voll Freude stellte ich fest, dass die\nSzene jeder psychologischen Deutung spottete und da\nauch der Titel „Im blauen Licht\" mir keine seelischen\nZusammenhänge zu verraten drohte, fuhr ich nach dem\nSketchhaus. Noch immer spürte ich tiefst innen die\nSchrecken des Traumes, noch war ich misstrauisch.\nErst als ich aus dem Programm feststellte, dass Herr\nPerasini als Verfasser in Frage kam, besass ich eine\nsichere Bürgschaft, mit psychologischen Entwicklungen\nnicht behelligt zu werden Ich hatte mich nicht getäuscht.\nGott sei Dank! Gott sei Dank! Die vier Fregoli-\nRollen, die Herr Leon Peret mit unterschiedlichem\nStimmenmaterial hinlegte, protestierten gegen seelische\nZusammenhänge. Weder der vermeintliche Fürst noch\nder geckenhafte Graf noch der Wutki-Diener noch\nIwan der Student werden jemals miteinander sprechen.\nAber seine Partnerin Gertrud Mangelsdorff ? Ich be-\ntrachte sie, obgleich in der ersten Reihe sitze,\nscharf durch mein Opernglas. Verdammt noch einmall\nIhr fehlt nichts zum Weibe. Sollten sich im Dialog\nseelische Zusammenhänge offenbaren? Sie wird doch\nnicht! Nein, Gott Lob, nein! Sie sperrt den ver-\nmeintlichen Grafen in einen Schrank, in dem er er-\nsaufen soll. Ich sehe den Grund nicht ein. Wie\nwohl das tut Aber ich zittere am ganzen Leibe, ob-\ngleich der Eingesperrte vor dem Schrank seinen eigenen\nTodfeind agiert Die Angst war überflüssig. Es kommt\nanders als ich gedacht. Der Schrank wird geöffnet,\naber statt einer fürstlichen Leiche kommt ein schwerer\nJunge aus dem Wassergrab und spricht lächend: „Ich\nhabe einen starken englischen Stahlbohrer bei mir,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 803, "texte": "damit habe ich dem Wasser einen Abzug geschaffen\".\nSuch is sketch. Dagegen verblassen alle Schillerschen\nSketche. Denn als jene Gertrud Mangelsdorff einiges\nvon ihrer Kleidung ablegt, um den vermeintlichen\nFürsten zu ködern und dabei an ihren Strümpfen\neinige sehr wertvolle Nesteleien vorzunehmen, konnte\nsich mein Nachbar nicht enthalten mir zuzuflüstern:\n„Ich glaube, sie sind beide von Adel.\" Such is sketch.\nNie wieder will ich etwas wissen von psychologisch\nnotwendigen Damenstrümpfen und Fischmayonaisen.\nSollte ich doch noch einmal daran erkranken, werden\nmir ein halbes Dutzend unmotivierter Revolverschüsse\nim blauen, roten oder grünen Licht, einige Entkleidungen,\ndie ihren Zweck in sich tragen, und im äussersten\nNotfalle ein starker englischer Stahlbohrer wieder zur\nGenesung dienen.\n\nK. 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Mit gelassenem\nHohn ruiniert er die Idylle durch die Praxis und das\nSentiment durch den Willen zum business. Viel be-\nwusster als Gogol treibt auch Thackerey jene gefährlichste\nForm der Verachtung die gestaltende Kraft in die\nFingerspitzen: jenes starke Künstlergefühl, dass der\nKot der Weltgeschichte die Mittelmässigkeit ihrer Ge-\nschöpfe, undj dass das Format in jeder Gestalt\nwertvoller ist. Flaubert zieht die schärfste Konsequenz\naus diesem Gefühl: er deduziert hieraus gleichsam\nseine Stilgesetze. Thackerey bringt die grandiose Ver-\nachtung einer starken Persönlichkeit mit, der auch die\nwohlmeinende Mediokrität nicht minder degoutant ist:\nund wenn das Inferno plötzlich aufstrahlt, um eine\nrührende Ehe zu beleuchten — so lauert Bitterkeit\nund Ironie im Hintergrunde und entblösst bestenfalls\nein menschliches Mitleid, das sich der Formung ent-\nzogen hat. So ist es im Jahrmarkt des Lebens: aber\nim Pendennis spielen schon andere Lichter, trübere und\nfahlere. Und zwischen diesen klirrenden Messern blitzen\nHumore auf, so grausam und mitreissend, dass man\nhinter ihnen schon den ganz grossen Dichter spüren\nmuss, um sie zu ertragen. Wenn man in seinem\nLicht einen seiner Erben, selbst einen so fruchtbaren\nKopf wie Shaw sieht, fühlt man erst, wie gewaltig die\nErscheinung dieses Ahnherrn war.\ndem Verlag GeorgMüller nicht vergessen, dasser als\nerster eine würdige Ausgabe der Erinnerungen Casanovas\ngeschaffen hat. Wir besitzen ihren Originaltext nicht:\ner verfault in den Kellern des Verlages Breitkopf ad\nmajorem dei gloriam. Heinrich Conrad hat aus den\nvielen Texten ein sinngemässes Mittlere\ngeschaffen, und so ist diese Ausgabe selbstverständlich\ndie vollständigste |und lesbarste. Casanova hat in\nunserer Zeit eine ganz neue Bewertung erfahren, die\nihn, meist absichtsvoll stilisiert wiederspiegelt. Hier ist\ndas Original geboten: ein Schriftsteller von prachtvollem\nTemperament, ein geborener Schriftsteller, dem die\nSprache jede Erinnerung zart und willig aufnimmt.\nUnd es fügt sich in das Bild dieses Mannes gut ein,\ndass er sich streng an die Tatsachen hielt, wie die\nForschung nunmehr festgestellt hat: das Zeichen einer\nPersönlichkeit, die wohl wusste, dass das Phantastische\neines Lebens die tiefe Erlebnisfähigkeit der dürrsten\nRealität ist, dass jedes Erlebnis als historische Er-\nscheinung durch seine Verknüpfung mit zahllosen Zeit-\nereignissen eine tiefgreifende Stilisierung erfährt. Die\nErinnerungen Casanovas gehören zu jenen grossen\nWerken, die uns einen Menschen erleben lassen: diesen\nBegriff in der unabmessbaren Grösse seiner Bedeutung:\nals Mikrokosmos, als Sammellinse aller Weltbegeben-\nheiten, die seinen Sinnen wahrnehmbar werden. Je\nenergischer, plastischer sich die Umrisse dieser Per-\nsönlichkeit herausarbeiten, um so stärker schwillt das\nGefühl im Leser an, eine Zeit, eine Welt zu erleben,\ndie wiederum nur da ist, um einer Persönlichkeit zum\nstilvollen Ausdruck ihrer selbst zu verhelfen. Es ist die\nmächtigste Steigerung des Lebensgefühls: und bei der\nallgemeinen Empfindlichkeit für sexuelle Reize, die das\nZentrum dieses Werkes bilden, wird kein Buch dieses\nGefühl leichter, sicherer und unmittelbarer hergeben.\nWer aber am Casanova nur die budapester Nuance\nwittert, mag wenigstens in den Denkwürdigkeiten des\nPrinzen von Ligne nachlesen (die der Verlag Müller\nebenfalls versprochen hat), wie dieser gegen jeden Be-\ntrug gefeite, erfahrene Epikuäer von der prachtvollen\nPersönlichkeit des Venetianers ergriffen wurde.\nDass das Werk August Strindbergs in diesem Ver-\nlag nun endlich gesammelt ist, mag als ein Hinweis\ngenügen. Die Erziehung durch sein Werk gehört zu\neiner Seele, die gegen die Werte unserer Zeit miss-\ntrauisch geworden ist. Und auch von Villiers de l'lsle\nAdam soll nur der Name hier stehen: des grossen\nfranzösischen Dichters, dessen Nachtgeschichte von einer\nwundervollen Helligkeit ihrer Abenteuer sind. Und dass\ndas Erscheinen einer Auswahl von Savage Landors\nimaginären Gesprächen in Aussicht gestellt ist, muss\nhier verzeichnet sein.\nDieser flüchtige ganz unvollkommene Querschnitt\ndurch eine Verlagstätigkeit, die erst wenige Jahre um-\nfasst, verspricht viel für die Zukunft dieses Verlages\nUm wieviel wären wir ärmer, wenn alle diese Dinge\nunterblieben wären. Oder wenn dieser kühne Ge-\nschäftsmann nicht meistens von einem ausgezeichnetem\nKulturgefühl dirigiert würde. Und das Mutigste hat er eben\nerst insceniert: eine Gesamtausgabe der Werke Goethes\nund Schiller, - ein Monumentalwerk deutschen Buch-\ngewerbes, das unter Vermeidung alles Schmuckes nur\ndurch den Wert des sachlich behandelten Materials\nwirkt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-29-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-29_01#c011", "volume": "bmtnabg_1910-12-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "352", "page_fin": "352", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.2.11", "titre_corps": "Die Rechnung mit dem Wirth", "titre_sommaire": "Die Rechnung mit dem Wirth", "signature_source": "Crotalus", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.6", "debut_caractere": 5627, "fin_caractere_exclue": 7445, "texte": "Die Rechnung mit dem\nWirth\nCrotalus\nIn München lebt ein Privatdozent, Herr Dr. Albrecht\nWirth, der Mitarbeiter sämtlicher Zeitungen und Zeit-\nschriften Deutschlandsist — mit Ausnahme des Sturms.\nDieser Herr, ein Orientalist, der in seinem Fache noch\noberflächlicher ist als Hammer-Purgstall, liess sich in\nNummer 183 des „Tag\" unter der Ueberschrift „Ullsteins\nOrient\" also vernehmen:\n„Preussen griff mit gewaltiger Hand ein, um sechs-\nundzwanzig deutsche Bundesstaaten unter seiner Faust\nzu einen und dem Partikularismus ein Ende zu machen.\nAehnlich gehen manchmal in der Gegenwart grosse\nVerleger vor, um die Gelehrten ihrem Spezialismus zu\nentreissen und ihre Arbeit einem grösseren Ziele\ndienstbar zu machen.\" Das stand im „Tag\" aber\nbesser hätte es „cas\" in der „B. Z\" nicht machen\nkönnen. „Ullsteins Orient\" — so östlich gebärdet sich\ndoch die Ullsteinsche Zeitungsfabrik nicht mehr. Auch\ngehört ihr der Orient noch nicht. Immer noch gibt\nes am Bosporus keine Morgenpostlesehalle, in der die\nHaremsdamen ihre Liebesbriefe auf Gratispapier schreiben\nund die so schnell beliebt gewordenen Ulisteinbücher\neinkaufen könnten. Aber dies hinderte Herrn Dr. Wirth\nnicht, in der sonst reinlicheren „Frankfurter Zeitung\"\ndie Ullsteins mit Schiller, York von Wartenberg, Lindner,\nSchäfer und Egelhaaf in eine Reihe zu stellen. Wie\nbillig der Ruhm heute ist! Bei Rabatt.\nNebenbei ist die Rechnung, die der Wirth gemacht\nhat, nicht ganz richtig. Das Werk die „Weltgeschichte\"\nwurde von dem immerhin nicht ganz unbekannten\nHistoriker von Pflugk-Harttung entworfen. Die Ullsteins\nschwangen nur die Reklametrommel für das Werk, das\nseltsamerweise etwas taugt. Man wird in Zukunft die\nRechnungen genauer zu prüfen haben, die der Wirth\nausstellt. 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Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen beruhmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den ~Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fordernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. 7,20. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. 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Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURG\n- Wilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5—6 Uhr\nM"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1910-12-29-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1910-12-29_01#c025", "volume": "bmtnabg_1910-12-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "354", "page_fin": "354", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "354", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.8", "debut_caractere": 1647, "fin_caractere_exclue": 1927, "texte": "m\nDer schonste Punkt\nin der Umgebung Berlins ist Pichelsdorf an der\nHeeresstrasse. 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Milchzucker — 2. Fett — 3. Eiweiss — 4. Kasein — 5. 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DEZEMBER 1910/ HANNOVER\nNUMMER 44\n\nINHALT:\nAUGUST STRINDBERG: Zuchtwahl des\nJournalisten / PAUL SCHEERBART: Der Kaiser von\nUtopia / ELSE LASKER-SCHÜLER: Maria / FRITZ\nHÜBNER: Nietzsches Bild / OTTO SOYKA: Bücher/\nKURT HILLER: Das Cabaret und die Gehirne / K. M.:\nDer fliegende Holländer / T: „Bücher zu Geschenk-\nzwecken\" / CROTALUS: Die Rechnung mit dem\nWirth / OSKAR KOKOSCHKA: Zeichnung\n\nZuchtwahl\ndes Journalisten\nVon August Strindberg\nEs war ungewöhnlich lebhaft in dem jetzt ver-\nlassenen Ritterhaussal von Stockholm. Zwei Scheuer-\nfrauen gingen umher und wischten Staub, alten, adligen\nStaub, der seit 1865 dagelegen hatte, als ihn die bei-\nfalltrampelnden Edelleute von ihren Füssen schüttelten,\nhochgräflichen Staub, der von dem blauen Tuch ge-\nrieben wurde, als die Herren des Reiches sich vor\nAngst auf den Bänken wanden, freiherrlichen Staub\nvom feinsten Uniformtuch. Aber da lag auch unadliger\nSchreiberstaub von abgenützten, schwarzen Bonjours\nnicht zu sprechen von dem Staub auf der Gallerie,\ndenn bis dahin waren die Frauen noch nicht gekommen.\nDer elfenbeinerne Stuhl des Landmarschalls stand\nleer; auf dem Tisch lag der Hammer und einige Auf-\nlagen des Wappenbuches; es sah aus, als wäre\nAuktion gewesen. Hinter dem Stuhl stand Gustav\nAdolf (der Zweite) und warf leere Marmorblicke über\nden leeren Saal bis hinauf zum Deckengemälde Ehren-\nstrahls.\nAber die Sonne schien durch die Fenster der\nFassade und schenkte den Schilden auf der nördlichen\nSeite einen erneuernden Glanz\nDas sind komische Tapeten, sagte die jüngere\nFrau, die noch nicht viel vom Leben gesehen hatte.\nAch, liebes Kind, das sind ihre Schilde, antwortete\ndie ältere Frau, die noch die alte Staatsverfassung mit-\ngemacht hatte.\nO, Jesus, sind das Schilde?\nJa, das sind Wappenschilde, Wappen, musst du\nverstehen.\nWaffen, mit denen sie sich geschlagen haben?\nNein, nein, Wappen, Wappenschilde, hinter dene*\nsie sich verbergen, wenn sie sich schlagen.\nUnd die hängen jetzt hier?\n\nOffense erotique / Zeichnung von Oskar Kokoschka"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.2", "texte": "Irgendwo müssen sie doch hängen; aber all dies\nist aus früherer Zeit, da weiss man nicht mehr Be-\nscheid.\nEin junger Herr mit schwarzer Samtmütze und\neiner Farbenschatulle in der Hand war eingetreten und\nauf dem grossen Gange stehen geblieben. Er warf einige\nunehrerbietige Blicke über die Wände, legte den Kopf\nzwischen [die Schulterblätter zurück, guckte nach dem\nDeckengemälde hinauf und zuckte die Achseln, wie\nnur ein Künstlereleve die Achseln zucken kann, wenn\ner etwas Geringwertiges sieht. Dann trat er direkt auf\ndie Frauen zu [und fragte, wo Nummer achthundert-\nundsechs hinge, das adlige Geschlecht achthundertund-\nsechs.!\nDarüber konnte Frau Lundin ihm Auskunft geben,\num so eher, als sie bereits am Morgen die königliche\nLeiter vor Nummer 'achthundertundsechs gestellt hatte.\nEin Klempner hatte nämlich das Dach eingetreten, als\ner für den letzten Reichstag die „Tugenden\" reparieren\nwollte. Die Folge war, dass es auf den Boden herein-\ngeregnet hatte, das Wasser durch !die Zwischendecke\ngedrungen war, sich durch die Gipsdecke hinunter-\ngezogen und einen Wappenschild stark angegriffen hatte,\nder gerade die Nummer trug. Warum er\ngerade die Nummer trug, das beruhte auf einem Zu-\nfall, aber die Frauen glaubten, es herrsche wer über\nden Zufall. Es war ein hässlicher Fleck in der Decke;\ner sah aus ,wie ein Sumpf, aber aus dem Sumpfe\nkroch eine rotbraune Schlange die Wand hinunter; sie\nhätte sich auf achthundertundfünf, achthundertundsieben\nstürzen können, jede einzelne von fünfzig Nummern,\naber sie ging an ihnen vorbei, als ob der weisse\nEngel sein Zeichen auf sie gedrückt hätte, und traf\nihr Ziel wie ein wohlgerichteter Pfeil. Es schien nichts\nungewöhnlich an dem Wappen. Der Herzschild war in\ndrei silberne Felder geteilt, auf denen sich drei Hunde-\nköpfe in Gold befanden; er war nicht mit einem Helm\noder einer Krone gekrönt, sondern hatte drei Pfauen-\nfedern, auf denen die Augen mit einer ungewöhnlichen\nNaturtreue ausgeführt waren, so dass sie sich mit\nwilden, schielenden Blicken umschauten. Aber jetzt\nwar die Schlange in den Federbusch gekrochen, hatte\nmit ihrem schmutzigen Schleim die Augen überzogen,\nso dass sie wie der graue Staar aussahen, und hatte\nsich zwischen dem Laubwerk hindurch gewunden und\nihren grünen Eiter, den sie oben auf dem Kupferdach\nzwischen den Tugenden gesammelt hatte, über die drei\nsilbernen Felder ausgegossen; an die Hundeköpfe aber\nkonnte sie nicht heran, denn sie waren von Gold.j\nInzwischen war der junge Herr mit seiner Schatulle\ndie Leiter hinauf geklettert, und sass er nun und\nsuchte einen Anlass seine Restaurierungsarbeit aufzu-\nschieben, die ihm grade kein Vergnügen bereitete. Er\nnahm eine kurze Pfeife aus der Tasche und wollte\nFeuer schlagen, als er sich erinnerte, dass er an einem\nbesseren Orte sei, weshalb er der Artigkeit wegen den\nFrauen die Frage hinwarf:\nDarf man hier rauchen?\nOh, er sollte sich was schämen, antwortete die\nältere Frau.\nDarf man kauen?\nDie Frau glaubte hierauf nicht antworten zu müssen,\naber erklärte bestimmt, dass er nicht auf den Boden\nspucken dürfte.\nDer junge Herr wartete keine weitere Ordre ab,\nsondern schob einen Bissen Tabak zwischen die\nZähne und fing an, den norrköpinger Scharfschützen-\nmarsch zu pfeifen.\nDas war mehr|als eine alte Wanze ertragen konnte,\ndie hundert Jahre in einer Bank auf der Referenten-\ngallerie gesessen hatte. Sie hatte allerdings viel von\nder Welt gehört, viel verständige Reden, viel Quatsch\nund recht viel Unsinn, aber niemals hatte sie jemand\nan diesem Orte pfeifen hören.\nSie hatte ihre Kindheit in einem Heckenpfahl zu-\ngebracht, dann >rsich in einem königlichen Glaswagen\nniedergelassen, der sich an dem Heckenpfahl festge-\nfahren hatte und war schliesslich dem Reichsmarschall\n(als er mit den Regalien hinauffuhr) ins Ritterhaus ge-\nfolgt. Da sie ihre angeborenen volkstümlichen Nei-\ngungen nicht ablegen konnte, suchte sie ihren Platz\nauf der FGallerie, \"wo sie immer auf den Duft von\nfeuchten Kleidern und Schuhwerk rechnen konnte.\nJetzt [hatte \"sie indes fünf Jahre geschlafen, sie und\nihre neunundneuzigjährige Tochter, als sie beide von\ndem neuen unbekannten Lärm geweckt wurden. Schlaf-\ntrunken stiess sie die Tochter in die Seite und bat\nsie aufzustehen und nachzusehen, was es gebe.\nDie kam nach einem Ausflug auf die Barriere\nmit der Nachricht zurück, ein Malergesell (wenn er\ndas gehört hätte!) sei dabei, eine von den Platten an-\nzustreichen. Dies Wort Platten sprach sie mit grosser\nVerachtung aus, weil die Wanzen alles, was nicht von\nHolz ist, gering schätzen. „Holz muss es sein!\" In-\ndessen, die Neugier der Alten war geweckt, und sie\nbeschloss, in Begleitung ihrer Tochter die Reise anzu-\ntreten, um selbst die Sache in Augenschein zu nehmen.\nSie sagten der Referentenbank für kurze Zeit Lebe-\nwohl, wanderten den Boden der Galterie entlang\nzwischen kleinen Haufen getrockneter Tabakstengel\nhindurch und erreichten schliesslich die Wand. Darauf\nbegann eine Wanderung über die Platten, wobei die\nAlte die Bemerkung nicht zurückhalten konnte, dass\neinem fdie recht kalt würden, wenn auf\ndem dummen Eisen gehe. Die junge dagegen musste\ndann und wann ihre Verwunderung über all die feinen\nund wunderbaren Sachen, die sie sah, Luft machen.\nSie wanderten durch Wälder von Eichen; sie stiessen\nauf Kobolde und Greifen und Schlangen und Drachen;\nsie wanderten über Türme und und JStädte,\nzwischen Stümpfen von Menschen und Tieren, zwischen\nKronen und Szeptern, Sternen und Sonnen.\nSchliesslich erreichten sie das Dachgesims.\nHalte dich fest, sagte die Alte, denn jetzt geht es\nüber die Tiefe. Wir wollen zu dem grossen Gemälde\nmitten in der Decke, da haben wir Leinwand und\nOelfarbe.\nEs war eine gefährliche Bald war ein Riss\nim Gips, bald hatte eine Spinne ihre Netze ausgelegt,\nbald stürzte eine verräterische Brücke aus Staub\nunter ihren Füssen zusammen, ihr Leben schwebte in\nGefahr und sie waren nahe daran, Schwindelanfälle zu\nbekommen und in die Tiefe hinunter zu fstürzen.\nSchliesslich rochen sie Oelfarbe; sie waren da. „Folge\nmir,\" sagte die Alte. Und jetzt wanderten sie zwischen\nWolken dahin, bis sie zu einem Mantel der Svea\nkamen. Da hatte der Künstler ein Halbpfund Karmin\nin einer brillanten Falte aufgelegt. In deren Schutz\nHessen sie sich fnieder. Die Alte rieb sich die Augen\nund spähte hinab: „Sieh nach, was für eine Nummer\nauf der Platte steht.\" „Achthundertundsechs,\" sagte\ndie Tochter sofort. Die Alte wurde gedankenvoll und\nlehnte ihre Stirn gegen das sechste Hinterbein. — „Drei\nHundeköpfe; drei Pfauenfedern! Oh Solon, Solon!\"\nJetzt war die Reihe an der jungen, von Neugierde\nüberfallen zu werden; und sie hörte nicht eher auf,\num eine Erklärung zu bitten, bis die Mutter ihr die\nGeschichte von Achthundertundsechs zu erzählen ver-\nsprach, die hier folgen wird, wie sie in der Eile von\neiner Maus aufgezeichnet wurde, die auf der Referenten-\ngallerie sass.\n\nSchluss folgt\n\nDer Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nX\nDie Warnung\nAm Sonntag Abend fand der grosse Gottesdienst\nstatt, der das Frühlingsfest alljährlich abschloss.\nDer Kaiser Philander der Siebente stand hoch oben\nim grossen Dom auf dem Säulenerker und segnete\ndas Volk, und zur Linken des Kaisers stand der Ober-\npriester Schamawi und reichte die symbolischen Qeräte.\nUnd die Orgeln und die anderen Instrumente, die\ngrossen Chöre und die Lichtarrangements gehorchten\nden kaiserlichen Zeichen.\nSchamawi stand etwas tiefer als der Kaiser, aber\nso, dass dieser jedes Wort des Oberpriesters verstehen\nmusste, ohne dass andere Ohren als :die des Kaisers\nes vernahmen.\nUnd Schamawi, Philanders Oheim, sprach nun\nDinge, die mit dem grossen Gottesdienste garnicht\nzusammenhingen.\n„Es ist ein Unrecht\", sagte fer mit gedämpfter\nStimme, „dass meines Bruders Sohn sich trennen will\nvon seinem Volke\".\nja nur für flüsterte der Kaiser,\nwährend auf seinen Wink mit dem Zackenstabe zehn-\ntausend elektrische Flammen in allen möglichen grünen\nFlammen erstrahlten.\nAber Schamawi fuhr fort:\n„Ich weiss, dass meines Bruders Sohn mehr wifl,\nihm passt das Volk nicht, und er will sich befreien\nvon diesem Volke, weil er sich für grösser und be-\ndeutender als dieses Volk hält. Und Philander vergisst,\nwie furchtbar es ist, einsam dazustehen. Weisst Du\ndenn, wie es ist, wenn alle Dich nicht mehr sehen —\nwenn sie an Dir vorübergehen, als wärst Du nicht\nda — wenn sie nicht Thören, sobald Du sprichst —\nwenn sie Dich immerfort missverstehen, als sprächest\nDu die Sprache eines wilden Tieres?\"\nDer Kaiser hob beide Hände empor, und brausend\ntönten die grossen Sängerchöre.\n„Mir ist\", sagte Philander der Siebente, „als wäre\ndas heute schon alles so — wie Du sagst.\"\nSchamawi fuhr fort:\n„So ist es also wahr: Du willst Dich trennen von\nuns und allein gehen — ganz allein. Philander, Du\nweisst nicht, was Du tust. |Du gehst schweren Zeiten\nentgegen. Und ist es wahr, dass Du Dich auch gegen\nunsere Gottheit, gegen den Volksgeist — gegen den\nGeist der Menschheit, der nicht von Fleisch und Blut\nist — auch auflehnen willst — dass fDu Dich auch\nvon ihm, der uns alle leitet, trennen willst?\"\n„Warum\", versetzte der Kaiser, „willst Du das von\nmir jetzt wissen? Ich werde Dirs sagen können übers\nJahr — so hoffe ich.\"\nDie Orgeln dröhnten und die elektrischen Lampen\nwurden alle rot, und Schamawi sagte scharf:\n„Meines Bruders Sohn ist klug und weiss seine\nWorte fein zufwägen, aber ich sehe, dass er sich auch\ngegen den Geist, der uns führt, auflehnt — und das\nwird Dein Verderben sein. Ueberlege Dir nochmals,\nwas Du vorhast. Was Du auch gegen das Volk sagen\nmagst, bedenke, dass der Grosse, der Unsichtbare, der\nunser Volk führt — nicht dasselbe ist wie das Volk.\nPhilander, er ist für uns der Allmächtige — und Du\nsollst bleiben bei ihm — schwöre mir — bei dem\nAndenken an Deinen Vater! Dass Du mich noch\neinmal zu Dir rufen willst — bevor Du Dich trennst\nvon ihm, der unser Aller Geist ist — der Geist unseres\nVolkes.\"\nLeise sagte der Kaiser:\n„Ich schwöre Dirs!\"\nUnd falle Musikinstrumente \"und alle Orgeln und\nalle Chöre donnerten in den Dom hinein, dass Üe\nWände bebten.\nSchamawi seufzte tief auf, doch] des Kaisers Augen\nstrahlten.\nXI\nDie Einladung\nIn Schiida hatte der Oberbürgermeister Wiedewitt das\nsehr grob gehaltene Schreiben des Kaisers von Utopia\nerhalten — und die geheimen Regierungssekretäre und\ndie Ratsherren waren entsetzt. Einige von den Rats-\nherren waren gleich bereit, die neuen Gründungen\nwieder abzuschaffen. Aber da kamen sie bei Käseberg\nund von Möllerkuchen schön an — die legten sich\nmächtig für den Uniform- und Titularverein ins Zeug.\nUnd Moritz Wiedewitt hatte den gloriosen Einfall, den\nKaiser einfach einzuladen nach Schiida zu kommen am\nUnd diese Einladung lag nun auf dem Schreib-\ntische des Kaisers, und der Kaiser sass vor der\nEinladung und lachte laut auf, als er das zierliche\nSchreiben las.\n„Die Einladung kommt mir sehr gelegen\", rief er\nschmunzelnd, Hess sich sofort Bart, Perrücke, Kaiser-\nmantel und Kaiserkrone bringen und befahl, de*\nStaatsrat zusammenzutrommeln.\nEs war Dienstag und der Staatsrat kamg— natürlick\nohne Schulterfeder — zusammen.\nDer Kaiser begrüsste die Herren leutselig mit der\nZigarre im Munde, {Hess Wein, Bier und kleines\nFrühstück auftragen und zeigte die Einladung und er-\nklärte den Herren, dass [er |nach Schiida fahren und\nein Jahr Oberbürgermeister von Schiida sein \"möchte.\nDie Mitglieder [des Staatsrates machten |so grosse\nAugen, dass andere Leute Angst gekriegt hätten. Das\nAugenverdrehen genierte jedoch den Kaiser keineswegs;\ner erklärte vielmehr eifrig, dass ihm, da der Staatsrat\nnoch immer keinen Stellvertreter [gefunden hätte, sehr\nangenehm würde, »wenn [der Staatsrat den Ober-\nbürgermeister von Schiida als Stellvertreter akzeotierea\nmöchte.\n„Grandiosität\", rief der Zeremonienmeister Kawatko,\n„der Moritz Wiedewitt soll Kaiser von Utopia werden?*"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.3", "texte": "„Allerdings\", versetzte der Kaiser, „Kawatko sah\nmich ja schon als Oberbürgermeister von Schiida —\nwarum sah Kawatko nicht gleich weiter? Merkwürdig!\nKurzsichtigkeit! Propheten dürfen doch nicht kurz-\nsichtig sein.\"\nAuf den Stiefelabsätzen drehten sich die Mitglieder\ndes Staatsrates herum und tranken einen Kognak nach\ndem anderen. „Das geht einfach nicht!\" sagten sie\nschliesslich im Chor.\n„So — so!\" rief da der Kaiser; die Herren ver-\ngessen ganz und gar, dass ich auch in der Lage bin,\nan das Volk zu appellieren. Die Schildbürger sind\nvom Volke abgefallen, und der Kaiser von Utopia will\nsich dazu hergeben, die Schildbürger in den allein-\nseligmachenden Schoss [des Volkes zurückzuführen —\nund da will mich mein Staatsrat verhindern, [dieses\ngute Werk glanzvoll und mit Humor zu vollbringen?\nDas fehlte auch noch. Das Volk ist ganz bestimmt\nauf meiner Seite. Wenn Sie nicht wollen wie ich\nwill — so wird das Volk wollen, wie ich will — die\nsieben Gerichttürme am Schwantufluss sind auch für\nPhilander den Siebenten da.\"\n„Grandiosität geruhen\", sagte Kawatko scharf, „eine\nandere Tonart als neulich anzuschlagen — neulich\nwollten sich Grandiosität vom Volke trennen — und\nheute sollen wir daran glauben, dass Grandiosität dem\nVolke einen Dienst erweisen will.\"\n„Aber Kawatko\", rief da der Kaiser lustig, „tu\ndoch nicht so, als wenn Du nicht mit Schamawi ge-\nsprochen hättest — der hat mich doch am letzten\nSonntag Abend bekehrt.\"\nDa murmelten die Mitglieder des Staatsrates und\nwurden sehr ernst — der Kaiser aber lachte lustig\nund plauderte von Schiida, als wäre er schon da.\nXII\nDer Entschluss\nAls nun die hundert Mitglieder wieder unter sich\nwaren und kein Lauscher ihren Ausführungen folgen\nkonnte, da sassen sie alle mit geradezu verzweifelten\nMienen zusammen, und alle stöhnten laut, nur der Herr\nMalke, der Historiker, lächelte und sprach:\n„Das kommt davon! Als vor vielen Jahrhunderten\ndie Tageszeitungen sich zu den vortrefflichsten Dienern\nder Volksmeinung ausbildeten — da wurde die Volks-\nmacht geboren — und sie ist heute wahrlich noch\nnicht tot\"\n„Willst Du\", fragte Kawatko, „uns jetzt einen\nhistorischen Vortrag halten? Der Zeitpunkt ist ausser-\nordentlich günstig.\"\n„Lass ihn doch reden!\" sagten ein paar andere\nMitglieder, und Malke, der Historiker, fuhr unbeirrt fort:\n„Die Volksmacht hat sich nun im Laufe der Zeit\nan allen Ecken und Kanten hübsch abgeschliffen —\nvornehmlich durch die grossen Streiks. Als die Hand-\narbeiter sich für unentbehrlich hielten, streikten sie und\nkamen ans Ruder — aber nicht für lange. Es folgte\nder grosse Streik der Aerzte — und dann streikten\ndie Ingenieure — und dann streikten nach und nach\nAlle, Alle selbst die Dichter haben mal gestreikt.\nUnd itzo streikt sogar ein Kaiser — jetzt fehlt nur\nnoch, dass der Staatsrat des Kaisers streikt.\"\n„Dabei kommt aber\", bemerkte Kawatko, „nicht\nviel raus — da ja die Ersatzleute hinter uns stehen,\nNein — mit dem Streiken geht es nicht — es ist\nauch nicht richtig, wenn wir sagen, der Kaiser streike.\nDas würden wir ihm schon hingehen lassen — er\nkönnte ja hingehen, wohin er will — wir würden\nschon einen anderen Kaiser bekommen — Malke würde\nsfcherlich . . .\"\nMalke erhob sich ärgerlich und sagte:\n„Willst Du jetzt Witze machen? Der Zeitpunkt\nist ausserordentlich günstig \"\n„Nicht zanken!\" tönte es da von allen Seiten.\nUnd zehn Minuten später war man überein-\ngekommen, dem Kaiser ein Jahr Urlaub zu geben —\nzwecks Wiederherstellung eines guten Verhältnisses\nzwischen Ulaleipu und Schiida.\nAls dem Kaiser der Entschluss mitgeteilt wurde,\ntat er sehr ernst und sprach seinen Dank in den\nhöflichsten Worten aus, so dass Kawatko nicht wusste,\nwas er davon zu halten hätte.\n\nFortsetzung folgt\n\nMaria\nElse Lasker-Schüler\nTräume, säume, Marienmädchen —\nUeberall löscht der Rosenwind\nDie schwarzen Sterne aus.\nWiege im Arme dein Seelchen.\nAlle Kinder kommen auf Lämmern\nZottehotte geritten,\nGöttlingchen sehen\nUnd die vielen Schimmerblumen\nAn den Hecken\nUnd den grossen Himmel da\nIm kurzen Blaukleide!,\n\nNietzsches Bild\n\n„Ich kann dem Leser eines versprechen: dass das\nihm vorliegende Buch keinem von denen gleich wird,\ndie er bereits kennt.\" Diese Beteuerung darf Wilhelm\nFischer in Graz seinen Ausführungen über Nietzsche\nmit Fug und Recht vorausschicken. Denn so trivial\nwurde Nietzsche noch niemals verstanden, so kümmer-\nlich noch niemals befehdet. Noch niemals sah man\neine so „steife Tölpelei der geistigen Gebärde, eine so\nplumpe Hand beim Fassen\" Kurz, noch kein Wider-\nsacher Nietzsches war ihm so wenig ebenbürtig als\nFischer. N\nDie Misere fängt bei der Sprache an. Unbeachtet\nblieb Nietzsches |Vorschrift und Beispiel: „An einer\nSeite Prosa wie an einer Bildsäule zu arbeiten.\" Eben-\nsowenig ist nachzuweisen, dass der Verfasser aus\nseiner, durch mannigfache Zitate belegten Lektüre\nfranzösischer Bücher für seinen Stil etwas gelernt\nhabe. Sondern: Mit dem fatalen Male treuherziger\nImprovisation an der Stirne schlenkern die Sätze,\nschwürig von Flickpartikeln, gemütlich und ungepflegt\ndaher. Nur die kraftlose und ausgenützte Vokabel ist\nverwendet Nur als Atrappen, und nirgends als zwin-\ngende unmittelbar konkrete Formen der Anschauung\nrangieren Trope und Metapher. Wie verschossen er\nüberdies ist, dieser Redeputz, wie seelenlos und pro-\nvinzial! Oder dünken euch die folgenden Proben poe-\ntischer Allerweltsphrasen etwa schön und eigenartig ?\n„Für mich heisst die höchste Bergspitze im Urgebirge\nder Musik Beethoven\" (Seite 83). „Was den Dichter\nNietzsche betrifft, so lässt sich mit Einblick (!) behaup-\nten, dass er auch nicht den Ritterschlag von der Kö-\nnigin Natur empfangen habe.\" (80.) „Zwischen den\nKlippen seiner Logik windet sich das Schifflein, welches\nseine Ethik als Fracht trägt, oft mit grosser Behendig-\nkeit durch.\" (14) „Wenn die Natur die Königin des\nAlls ist, so ist der Instinkt im Tierkörper ihr Statt-\nhalter\" (48). Gibt es ein tautologisch verschrobeneres\nGleichnis als dieses und ein ungeschickteres als das\nnächste? „Goethe, auf den Nietzsche später auch\nherabblickte, freilich nur wie die Bremse, die auf dem\nScheitel eines edlen Rosses sitzt.\" (122)\nDer Dichtersmann versteht aber auch ganze Alle-\ngorien zu drechseln! Und niedliche Sinnsprüche, die\nhier, wo es sich um ein bitterernstes Thema handelt\noder handeln sollte, unsäglich deplaziert wirken. Man\nhöre: „Wer die Eitelkeit zu seiner Bettgenossin macht,\nder wird einen Wechselbalg erzeugen, der ihm auf die\nhöchste Höhe des Ruhms voranleuchtet — als Irrlicht\"\n(113). „Man sollt' es übrigens doch wissen, dass Frau\nVornehmheit, mit der Nietzsche vermählt war, eine\nTochter Dandy war. Er hat sich\nnur durch sorgliche Erziehung zu seiner ebenbürtigen\nGattin gemacht\" (129). Es ist aber dafür gesorgt, dass\ndie Bäume nicht in den Himmel und die Menschen\nnicht bis zu Shakespeare und Goethe wachsen\" (89).\n„Die Poesie verträgt bekanntlich die Pointen nicht;\nsie sticht sich daran zu Tode wie Dornröschen an\nder Spindel der alten Hexe\" (57). Was für unerträg-\nliche Plattheiten.\nEinem also laienhaft organisierten Kunstverstande ist\ndie durchseelte Metaphorik Nietzsches natürlich miss-\nfällig. Beispielsweise lehnt er einen Ausdruck wie die-\nsen: „Die umfänglichste Seele, welche am weitesten\nin sich laufen und irren und schweifen kann\" (Zara-\nthustra) deswegen ab, weil es „keinem klaren Geist,\nauch nicht in den fernsten Jahrhunderten gelingen\nwird, diese Bildlichkeit in ein Bild, das heisst in die\nWirklichkeit zu übersetzen\" (106). Als ob es bei einer\nMetapher einzig auf visuelle Vorstellbarkeit ankommt!\nAls ob die echte, die erlebte Metapher sich überhaupt\num profane Vorstellbarkeit und nicht viel mehr uin\nAnschaulichkeit, das ist um eine intuitivische\nGlaubwürdigkeit bewürbe! — Uebrigens, wie vertragen\nsich Fischers Metaphern mit seinem eigenen Rezepte ?\nGelingt es etwa einem klaren Geiste folgende Bildlich-\nkeit in die Wirklichkeit zu übersetzen? „Ueberlass Du\nden Hass gegen das Göttliche jenem kalten Verstandes-\nphilosophen, auf dessen hartem Grunde kein\nGras und keine Blume wächst\" (42).\nEbenso schlotterig wie das Idiom des Buchs ist\nsein Gesamtaufbau. Keine Spur von dem, was man\nKomposition oder Architektonik nennt, und was sich\nvorfindet, wenn der Autor „ein Ganzes geschaut und\ndiesem Geschauten gemäss den allgemeinen Gang und\ndie richtigen Masse gefunden hat\" (Nietzsche). Der\nGang dieser Schrift ist der eines behäbigen, undiszi-\nplinierten Geschwätzes. Unsortiert und unvermittelt\nfolgen die Einfälle aufeinander. Ihre Spaltung in Ab-\nsätze — niemals organisch nötig — dient lediglich als\ntypographischer Zierrat. Wiederholungen gibt es in\nFülle. Bringen die siebenunddreissig Kapitel überhaupt\netwas anderes als siebenunddreissigmal und nicht nur\nsiebenunddreissig dasselbe?\nDieses planlose Notizenheft beruft sich auf Nietzsche!\n„Seine (Nietzsches) aphoristische Denkart hat nicht eine\nsystematisch zusammenhängende Darstellung von mir\ngefordert. Ich knüpfe daher in seiner Weise an, wo\nes mir interessant erscheint, und lasse den Faden\nfallen, wo es nichts mehr nach meiner Anschauung\nzu weben gibt.\" Wer Nietzsches aphoristische\nSchreibart also flach, also willkürlich versteht, wer jenen\nGeist überlegter, überlegener Harmonie, der seine\nWerke bis in alle Einzelheiten determiniert, so gänz-\nlich übersieht, weist der sich damit nicht schon von\nvornherein aus als unbefugt, die Dringlichkeit und\nTragweite Nietzschescher Probleme zu kritisieren?\nJedenfalls ist dieses Buch, gemessen an den\nBüchern dessen, den zu verkleinern es sich unterfängt,\nin gedanklicher Hinsicht ebenso kindlich wie in forma-\nlistischer. „Den Stil verbessern — das heisst (eben)\nden Gedanken verbessern, und garnichts weiter\" (Nietz-\nsche). Was Fischer vorzubringen hat — grundsätzlich\nwie über Nietzsche — sind Gemeinplätze. Ausgeblichene,\nbeziehungskarge Dutzendmeinungen. Und nicht etwa\neinfaitschlichte „Allgemeine Wahrheiten.\" Die sind\nwohl vorhanden, sie bestehen indes in Zitaten. So-\ndass Nietzsches Rüge an D. F. Strauss auch Fischern\nzu erteilen wäre: „Literarische Reminiszenzen vertreten\ndie Stelle von wirklichen Einfällen und Einsichten, eine\naffektierte Mässigung und Klugheit in der Ausdrucks-\nweise soll uns für den Mangel an Weisheit und Ge-\nreiftheit des Denkens schadlos halten,\" Wie gemeinplätzig\nsind zum Beispiel die folgenden Auslassungen! „„Die Grosse\nGesundheit.\"\" „Kennt er (Nietzsche) sie? Hat er sie\njemals in sich gefühlt? Der die grosse Krankheit:\nden Irrsinn als Keim in sich trug? Und die Natur,\ndie strenge und doch gerechte Mutter, lässt ihre Lieb-\nlingskinder, ihre echten, vom Genius beschützten\nKinder nicht irrsinnig werden; sie würde sich selber\ndarin widersprechen, die die wahre „„grosse Gesund-\nheit\"\" ist. Aber die wider sie sündigen auf irgendeine\nWeise, die ihr mehr abtrotzen wollen, als sie geben\nwill, die straft sie nicht selten mit Irrsinn. Das ist\nhart gesprochen, aber hat Nietzsche weich geredet?\"\n(122). Oder: „„Aus der ehemaligen Wahrheit .. .\nkriecht die Unvernunft wie ein Gewürm später ans\nLicht,\"\" sagt Nietzsche. Das sind feine sophistische\nFechterstreiche, deren sich der grosse Wortkünstler be-\ndient, bei dem nicht nur das Wort am Anfang, sondern\nauch am Ende aller Dinge liegt, und die Natur selbst\nbesiegt hat; — und mittelst dieser Kunst will er die\newig reine und gesunde Wahrheit zwingen sich in das\nBett des verwesten Irrtums zu legen. Was ihm doch\ndie arme Wahrheit angetan hat, um sie wie ein Gross-\ninquisitor derart zu verdammen! Das Licht ist doch\neine Wahrheit der Erde, uud die Wahrheit ein Licht\nder Menscheit. Und Nietzsche, der von sich sagt:\n„„Wir Nebenbuhler des Lichtstrahles,\"\" wird doch so\nviel Achtung vor diesem Lichtstrahl naben, um dessen\nWirklichkeit nicht zu bestreiten, da er sonst die eigene,\ndes Nebenbuhlers, bestritte.\" (168). Seinen Triumph\nfeiert dieses altkluge Denken auf Seite 76, wo es\nheisst: „Entspricht der Erfahrung, der Wirklichkeit ein\nGedanke, wie dieser: „„Das ganze menschliche Leben\nist, tief in die Unwahrheit eingesenkt —1\"\"? Wenn es\ndas ganze menschliche Leben ist, so gehört auch seines\n(Nietzsches) dazu; dann folgt daraus, dass auch seine"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.4", "texte": "Meinung über dasselbe tief in die Unwahrheit einge-\nsenkt ist.\" Diesen Vexiersyllogismus entkräften? Aber\ndas hat Nietzsche selbst längst besorgt. Man lese nur\nnach, was er gegen D. F. Strauss erwidert, der einen\nähnlichen Witz über Schopenhauer ausheckte (Erste\nunzeitgemässe Betrachtung Seite 217, 218).\nGemeinplätzig ist die vorliegende Kritisierung Nietz-\nsches ausserdem insofern, als sie nur die eklatanten\nMerkwürdigkeiten seiner Philosophie bemerkt, sie aber\nnur mit den landläufigen Einwänden befehdet. Es sind\ndie simplen, allbekannten Lamentationen gegen den\nUebermenschen, die Herrenmoral, die Ewige Wieder-\nkunft. Was so unschwer und verlohnend ist, und wo-\nrauf es bei einer Wert beanspruchenden Abschätzung\nNietzsches bei den durchdringenden Untersuchungen,\ndie über den Gegenstand existieren, ankommt: nämlich\nneue Gesichtspunkte zu seinem Verständnis oder zu\nseiner Ablehnung beizubringen, weiss diese Kritik ganz\nund gar nicht.\nEs fehlt den Fischerschen Behauptungen an gedie-\ngener Begründung. Es kommt nur zu flatternden\nRedensarten. Man urteile selbst: „Es gibt in seinen\n(Nietzsches) Schriften eine Unzahl von blendend geist-\nreichen Gedanken, aber kaum ursprüngliche Ideen.\nDenn seine Stärke liegt im Angriff, und ursprüng-\nliche Ideen heilen, zugespitzte Begriffe ver-\nwunden\" (79). „Einen Ursprung beleuchten, könnte\nnur der ursprüngliche Mensch. Aber einer, der dies\ndurch subtile Verstandeskünste erreichen will, wird uns\ndurch das Licht seines Geistes nur die deutliche Leere\nzeigen, anstatt eines Ursprungs, der immer der\ndunklen, dem Lichte abgewendeten Seite der\nNatur angehört\" (150). „Hat Nietzsche jemals\nim Goethischen Sinne an die Gottheit gerührt? Im\ndämonischen Ehrgeiz rührte er nur an sich selbst; und\nseine vermeintliche Fülle, in der die Unsichtbar-\nkeit fehlte, das Dunkel, das mehr als\nLicht ist, weil aus ihm das Licht entspringt,\ndiese Fülle ist Leere vor dem Auge, das sich nicht\ndurch Begriffe blenden lässt, sondern die Ahnung\nder bleibenden Werte, den Glauben an ursprüngliche\nIdeen hat\". (214). „Ursprünglichkeit hat ein Kind\nund ein kindlicher Geist; doch Nietzsche hat sie nicht.\nHätte er wahrhaft an sich geglaubt, so wäre sein Geist\nstark geblieben, und der Dämon hätte ihm nicht das\nGleichgewicht zwischen Gemüt und Verstand ver-\nrückt. Nur der zwiespältige Mensch kann\nihm verfallen, der Einheitliche nicht.\" (211).\nWünscht man noch linkischere, läppischere Argumen-\ntationen? Zu dienen: — „Er (Nietzsche) sucht die\nSchönheit überall draussen mit brünstiger Gedanken-\nspannung; aber in seinem Herzen hat sie nicht ge-\nwohnt. Denn wo sie ihren Sitz im Herzen\naufschlägt, dort erhält sie ihre Lieblinge\ngesund, wie Goethe; allerdings auch mit Ausnahmen,\nwie Hölderlin und Lenau, zu denen aber Nietzsche\nnicht gehört, der scheinbar harte römische Triumphator\ngar nicht gehören möchte\" (81). „Geister, die\naus der Wirklichkeit schöpfen, bleiben ge-\nsund bis an ihr Lebensende. Nietzsches Geist\nhat sich selber anfgerieben, weil er alles aus sich\nselbst zu schöpfen suchte; denn die ganze bisherige\nErfahrung, die ganze Natur der Geschichte widersprach\nihm. Wer aber gegen den Strom der Dinge\nschwimmt, vernichtet nicht diese sondern\nsich selbst\" (47). Um einen Nietzsche zu wider-\nlegen, dazu braucht es denn doch mehr, als solch einer\ntäppischen, ungesäuerten Dialektik.\nWorin das Fischersche Zetermordio gipfelt, wird\nman bereits gemerkt haben. „Nietzche ist nicht ur-\nsprünglich.\" Dreist und beharrlich wirds behauptet.\nWas unter „Ursprünglichkeit\" zn verstehen sei, wird\nhingegegen nicht gesagt. Ich wenigstens gebe mich\nmit unklaren, zu nichts verbindenden — aber immer\nkategorisch auftretenden — Definitionen wie den schon\nzitierten oder wie zum Beispiel der folgenden nicht\nzufrieden. „Nietzsche ist nicht ursprünglich. Dazu\nfehlt ihm das intuitve Erkennen, die Demut der Grösse,\ndas grosse Schweigen, aus dem die Ideen, die Ur-\nformen auftauchen\" (150). Ueberhaupt handhabt\nFischer das so verhäkelte, viel umstrittene, nach gründ-\nlicheren phsychogenetischen Einblicken geradezu un-\nlösbarer Problem der Ursprünglichkeit viel zu einfach\nund ausgemacht. Auf dergleichen biedere Ideen er-\nwidert Nietzsche: „Zuletzt erfindet er (gemeint ist\neigentlich D. F. Strauss) noch für seine Gewöhnungen,\nBetrachtungsarten, Ablehnungen und Begünstigungen die\nallgemein wirksame Formel „„Gesundheit\"\" und besei-\ntigt mit der Verdächtigung krank und überspannt zu\nsein, jeden unbequemen Störenfried. So redet David\nStrauss, ein rechter satisfait unserer Bildungzustände\nund typischer Philister, einmal mit charakteristischer Rede-\nwendung von „„Arthur Schopenhauers zwar durchwegs\ngeistvollen, doch vielfach ungesnnden und unerspriess-\nlichen Philosophieren.\"\" Es ist nämlich eine fatale\nTatsache, dass sich „„der Geist\"\" mit besonderer Sym-\npathie auf die „„Ungesunden und Unerspriesslichen\"\"\nniederzulassen pflegt, und dass selbst der Philister,\nwenn er einmal ehrlich gegen sich ist, bei den Philo-\nsophemen, die seines Gleichen zur Welt und zu\nMarkte bringt, so etwas empfindet von vielfach geist-\nlosem, doch durchweg gesunden und erspriesslichem\nPhilophieren.\" (Erste unzeitgemässe Betrachtung\nSeite 193.)\nDer dritte, der unerquicklichste Defekt dieses An-\ngriffs auf Nietzsche ist seine gelegenliche Hässlichkeit.\nHässlich ist jenes aufdringlich-familiäre Dützen Nietz-\nsches. Eine Gardinenpredigt wie die folgende (an\neinen Abgeschiedenen, an eine Heroen!) ist einfach\nabstossend. „Du Nietzsche warst vernünftig und bist\nirrsinnig geworden. Warum hast du dein eigenes Ge-\nbot nicht gehalten? Wäre Deine Natur du selbst (!)\ngeblieben, so hätte dies nicht geschehen können. Denn\ndie Natur kann nur das werden, was sie ist Das ist\nihr Grundsatz. In dir ist sie aber als reine Natur\nnicht zum Audruck gekommen, und die Folge davon\nwar ein Riss deines Wesens,\" (78). Hässlich sind auch\njene blümchenfrommen Salbadereien wie etwa diese:\n„Doch der wahre Uebermensch dass heisst der reine\nMensch, wird Herr über Dämonen, wie Goethe; der\nscheinbar, dass heisst der vom Wahn geblendete, wird\nvon ihnen besiegt, wie Nietzsche. Das ist der Gegen-\nsatz von Gesundheit und Krankheit, von geistigem\nLicht und geistiger Umnachtung. So dienen seine An-\nhänger einem Nachtgeiste von dämonischer Beredsam-\nkeit und keinem Lichtgeiste, einem der seine Gottes-\nkindschaft verloren hat, einem, der vermeinte, das\nIdeal, das verschiedene Völker verschieden benannt\nhaben: Gott abzusetzen und an seine Stelle den\nUebermenschen, dass heisst sich selbst auf den Thron\ndes Erdgeistes zu setzen. Und die Nemesis, die Tra-\ngik dieser Empörung wider das Ideal der Menschheit,\nwider Gott: er versank in die Nacht, in den geistigen\nTod. Man könnte gläubig werden im alten Sinne,\nsoweit man auch davon entfernt ist, wenn man dieses\nSchicksal betrachtet\" (157). Hässlich ist ferner jenes\nGenugtuungsgefühl über Nietzsches geistiger Umnachtung,\ndas sich beispielsweise auf Seite 34 so äussert: „Armer\nNietzsche, du Uebermensch in Fesseln, die dir dein\neigener Leib schlug, dein Herr, vergaltest du dir nicht\nauch selbst? Du bist irrsinnig geworden, sagt man.\nArmer neuer Gott! — Nun ward auch dir das so ver-\nachtete Kreuz auf den Rücken gelegt, „„der schlimmste\naller Bäume,\"\" ob du mochtest oder nicht; und der\ndu immer göttlich lachen und himmlich tanzen wolltest,\ndu trägst in Dunkelheit als Mensch dein Kreuz — ob\ndu davon weist oder nicht. Nun verbiete den andern\ndas Mitleid, wenn du kannst!\" (34). Hässlich ist vol-\nlends jenes Beginnen „Nietzsches Streben nicht nur in\nseinen Ergebnissen, sondern auch in seiner Redlichkeit\nund fanatischen Wahrheitsliebe zu verdächtigen.\" (W.\nMichel). Eine dieser Stellen lautet: „„Die Unwahrheit\nals Lebensbedingung zu gestehen.\"\" „Wie ist das\nkühn und läuft allem dem, was die Menschen seit un-\nvordenklichen Zeiten gesagt haben, zuwider. Das ist\ndoch neu, originell, und vor allem kühn! Und doch\nso natürlich. Denn wir stehen ja auf einem Boden,\nwo man ungestraft alles sagen kann: im Träumland;\njenseits von Gut und Böse. Da sind wir neu, wenn\nwir alles, was andere vor uns gesagt haben, in mehr\noder minder geistreicher oder witziger Form verneinen.\nWir sagen, das Gegenteil sei wahr. Eine Unwahrheit\nist wahr. Wer kann uns etwas anhaben, jenseits von\nGut und Böse? Mit diesem geistreichen Einfalle haben\nwir uns von der „übermenschlichen\" Vernunft selber\neinen Freibrief erkauft, alles zu sagen, wodurch wir\nden Schein der Ursprünglichkeit: die Empfindung der\nNeuheit erwecken\" (18). — Bezichtigungen dieser Art\nsind verzeihlich, wenn die Verblendung einer leiden-\nschaftlichen durch Nietzsche in ihrem Sanctissimum\nsich verletzt fühlenden Seele sie ausspricht. So arg-\nlistig, stichelnd, plump spassend Nietzsches philoso-\nphische Rechtschaffenheit zu beargwöhnen, nenne ich\nhingegen frivolen Insult\nWas mit Unziemlichkeiten, mit stilistischen und ge-\ndanklichen Mängeln unter Umständen aussöhnt, dies\neben fehlt dem Fischerschen Polemisieren gänzlich:\ndie Inbrunst. Seine Auseinandersetzung mit Nietzsche\ngibt sich als ingrimmige Gewissenssache und berührt\ndßch nur wie eine taube nörgelnde\" Bierbankgeste.\nNietzsches Protest wider alles Heutige entsprang hei-\nliger Not: — Wie weit, wie schauerlich weit steht\nalso Fischers Protest wider Nietzsche schon im Ur-\nsächlichen diesem nach!\nDass dieser Angriff auf Nietzsche für niemanden\nals für Fischer eine Blamage bedeutet, dürfte nach\nalledem am Tage sein.\nWilhelm Fischer in Graz: Nietzsches Bild Verlag Georg Müller\nMünchen\n\nFritz Hübner\n\nBücher\nVon Otto Soyka\nLesen ist eine bequeme und schmerzlose Art, Er-\nfahrungen anzuhäufen. Hart im Räume stossen sich\ndie Dinge, leicht aufeinander stapeln sich die Bücher.\nDer Strom der Lebensenergie mancher Menschen wählt\neben den Weg des geringeren Widerstandes. Der geht\ndurch die Literatur. Man schwelgt dort in Situationen\nund Gefühlen, ohne viel zu riskieren. Das nennt man\ndann sich ausleben.\nMan liest schon lange bevor man erlebt. Und\nwas könnte derjenige Neues erleben, der genug gelesen\nhat? Keine Szene kann ihm die Wirklichkeit bringen,\ndie er nicht schon beschrieben und glossiert vorherkennt\nEr weiss die Rolle ganz genau, die ihm bei jedem\nErlebnis zufällt. Er spielt sein Leben herunrer, statt\nes zu leben. Schauspieler, Publikum und Kritiker\nzugleich ist er bei dieser Aufführung viel zu sehr be-\nschäftigt, als dass er an sich selber denken könnte.\nEr hat so viel zu erinnern, dass er nicht Zeit behält,\nsich nach besonderen eigenen Empfindungen oder\nWünschen zu fragen. Er empfindet und wünscht nach\ndem Buch. Wenn ihm sein Leben gelungen ist, so\nist es wie geschrieben gewesen.\nZweiter Aufguss vom Leben wird genossen; aus\ndem literarischen Absud gewinnt mann einen neuen,\nden man wieder Leben nennt. Eventuell schreibt man\ndarüber wieder Bücher. Die haben dann die richtige,\nabgeklärte Note. Dritter Aufguss vom Leben.\nDer Gegensatz zwischen Leben und Literatur,\nzwischen Plastik und Fläche wird nicht zur Kenntnis\ngenommen. Man vertauscht nach Gutdünken. Im\nDienst der Lächerlichkeit ist dieses Uebergreifen der\nGebiete fruchtbar.\n„Was tut man in dieser Situation?\" ist die nie aus-\nbleibende Frage. Sie wird nicht dem Empfinden,\nsondern dem Gedächtnis gestellt. Der ohnehin ziemlich\nmatten Farbe der Entschliessung schadet die Blässe\ndes fremden Gedankens kaum. Wenn sich aber ein-\nmal eine Situation findet, der gegenüber die Erinnerung\nversagt? Es könnte ja sein, dass die Partnerin nicht\ndas richtige Stichwort bringt. Sie flüstert vielleicht ein\nverschämtes Ja, statt eines entrüsteten Mein Herr!\nWas dann ? Es stockt die ganze Maschine. Die Ge-\nschwindigkeit des Liebeserfolges war nach Vorschrift\nauf soundsoviel Meter eingestellt. Wie konnte man\ndenn jetzt schon an dieser Station halten, Unbegreiflich!\nIst vielleicht die Maschine durch eigenes zutun eine\nNacht durchgefahren? Es bleibt nichts übrig, als den\nMechanismus zu untersuchen, abzubrechen und nach-\nzulesen für diesen Fall. Sie flüstern ja, dann — Fort-\nsetzung folgt, mein Fräulein.\nSpleen und Blasiertheit sind noch harmlose Er-\nscheinungen der „Krankheit am Buch\". Schlimm ist\ndie selbsgefällige Zufriedenheit der Buchgerechten, ihr\nPharisäerstolz gegenüber dem wirklichen Leben. Sie\nwissen immer genau, wie es werden soll, und wird es\nanders, hat das Leben unrecht. Sie gehaben sich als\nunfehlbare Sachverständige der Lebensweisheit.\nDas Buch nimmt das Leben vorweg, raubt dem\nspäteren Erlebnis die Jungfräulichkeit. Aber neun Zehntel\nder heute gelesenen Bücher geben ein unwahres Bild\nvon der Wirklichkeit. Aus Gründen der Moral oder\nanderer geschäftlicher Rücksichten auf die Wünsche\ndes Lesers. Wie ist es mit ihnen? Märchen sind\ndie Jugendbücher mit ihren idealisierten Menschen, die\nFamilienliteratur mit unterschlagenen Wünschen und\nZwecken, die schöngefärbten geschichtlichen Darstellungen\nder nationalen Entwicklung. Und wie harmlos sind die\nAmmenmärchen früherer Tage, die ab und zu ein\nKöpfchen verdrehten, gegen diese Märchen von heute,\ndie sich mit soviel Wahrscheinlichkeit zu geben wissen\nund nicht von Mund zu Mund, sondern in Auflagen\nvon vielen Tausenden verbreitet werden! Romanfiguren"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.5", "texte": "sind in den Köpfen der heutigen Generation zu weit\nschlimmeren Gespenstern geworden, als es die ehrlichen\nund standesbewussten Geister der alten Sagen je hätten\nwerden können.\nDie Lebensfremdheit, die einst den Kindern von\nalten Weiblein tropfenweise verzapft wurde, heute wird\nsie den Menschen jeden Alters mit Schnellpresse und\nallem Dampfdruck der Reklame in die Köpfe getrieben.\nLebensfremdheit ist der Name der Krankheit am Buche.\nMit einer starken suggestiven Kraft wirkt die Um-\ngebung auf den Menschen. Und ein Hauptteil dieser\nUmgebung besteht aus bedruckten Papier. Unsere ge-\nsellschaftlichen Zustände bringen es mit sich, dass be-\nsonders des jungen Menschen Welt mit bedruckten\nPapier verhängt ist. In der Zeit des geistigen Reifens\nder Zeit der stärksten Empfänglichkeit, gibt es für die\nJugend von heute kein Erleben, so will es die souveräne\nMoral! Es gibt nur Bücher. Arbeit und Vergnügen\nmuss aus dieser Quelle fliessen. Da wird dann ein\nmerkwürdiger Grund gelegt für Weltanschauung und\nLeben.\nNehmen wir den ganz normalen Fall. Ein geistig\ngut veranlagter junger Mensch entnimmt der ihm zu-\ngänglichen Lektüre ungefähr folgendes:\nLiebe: eine unklare, ungemein poetische Sache.\nIhre Aeusserungen sind Gedichte, Seufzer oder Duelle.\nIhr Ziel ist die Ehe. Vermindert wird sie durch Ge-\ngenliebe, beendet durch den Tod oder eine gesetzlich\nstrafbare Handlung der anderen Teiles. — Reichtum\nmacht unglücklich. — Egoismus ist eine schändliche\nSeltsamkeit die stets bestraft wird. — Unrecht ist eine\nAusnahme. — Frau ist ein mechanisches Gemenge von\nZartheit, Gemüt und Schwäche. Kokotte ist etwas\nanderes. Nämlich ein mechanisches Gemenge von\nGeldgier und Verstand — Der Mensch Ist ein Wesen,\ndas entweder redet oder denkt. Taten? Die enstehen\nvon selber, — Mutter ist das liebende Ding an sich. —\nVorbedeutungen sind ein Aberglaube, aber sie treffen\nsicher ein. — Sinnlichkeit ist überhaupt nicht. (Ru-\ndimente finden sich beim Verbrecher.) — Die eigene\nNation ist die wichtigste und hervorragendste in der\nWellgeschichte. — Die Hauptbeschäftigung des Menschen\nist die Liebe. Nebenbei ganz von selber, wird er ein\ngrosser Gelehrter, Staatsmann oder Dichter und verdient\nviel Geld. — Fähigkeiten oder Vorzüge werden pünkt-\nlich in Geld oder Zuneigung honoriert. . .\nNehmen wir die ganz normale Welt. Wie weit\nsieht sie dem Bilde ähnlich? Die Elfen und Feen\nblieben wenigstens auf ihren Waldwiesen und die Ge-\nspenster waren ordnungsgemäss an ihren verrufenen\nStätten zu treffen. Dort mochte man sie aufsuchen, wenn\nman ein Anliegen an sie hatte. Aber diese Dinge,\nvon denen heute Bücher sprechen, gibt es angeblich\nallerorten, in grossen und kleinen Städten, bei hellem\nTageslicht sollen sie zu finden sein. Wen will es\nWunder nehmen, wenn sich der so vorbereitete nicht\nins Leben findet? Sieht er doch zum Beispiel mit\ndiesem Trank im Leibe ein Weib in jeder Helena.\nGeht es ihm gar zu übel in der Wirklichkeit, so kehrt\ner eben zum Buch zurück. Dort ist es gut sein und\nErlebnisse und Sensationen sind nicht schmerzhaft.\nGelingt die Befreiung, so kostet sie Jahre und gute Kraft.\nGanz klaren Blickes aber sieht kaum einer mehr ins\nLeben, der vom Buche kommt.\nDas ist nicht immer zu beklagen. Menschen ohne\neigene Individualität gab es jederzeit, sie leben nach\nModell und es will nichts bedeuten, woher sie das\nModell beziehen Aus Büchern oder sonst woher.\nAber so leicht und verlockend ist diese geistige Selbst-\nentäusserung den Menschen nie gemacht worden, wie\nin der Gegenwart Und es ist anzunehmen, dass auch\nwirkliche Individualität von der Fülle der heute zu Ge-\nbote stehenden Modelle erdrückt wird.\nDas kostet Opfer an Lebenskraft. Opfer an voll-\nwertigen Menschen. Zwischen Büchern leben, an\nBüchern sich begeistern und unter ihnen leiden — das\nalles wieder nach Büchern — das wäre wirklich das\nLeben, von dem soviel in Büchern steht?\n\nDas Cabaret\nund die Gehirne Salut\nRede zur Eröffnung des Neopathetischen Cabarets\nMeine Verehrten\nKurt Hiller\nSie alle sind in der biblischen Geschichte sehr\nbewandert. Sie kennen daher auch die Anekdote vom\nlieben Gott und dem utilitaristischen Engel. Nein ?\nDann will ich sie Ihnen rasch erzählen. Als Gott fertig\nwar mit der Welt und, unendlich glühend vor Schöpfer-\nfreude, sein Werk übersah, da erlaubte sich ein etwas\ndürrer Engel die Frage an ihn zu richten, zu welchem\nZweck er denn eigentlich die Welt gemacht habe, und\nob sie überhaupt unter verständigen Gesichtspunkten\ndaseinsberechtigt sei. Der liebe Gott war einfach\nsprachlos und wusste nichts zu erwidern; denn obwohl\ner im grossen Ganzen allwissend ist, so versagt er\ndoch stets, wenn man ihm teleologisch kommt.\nNun liegt es mir fern, die guten Leute, die bis-\nher es für angebracht hielten oder die künftighin noch\nes für angebracht halten werden, nach dem „Zweck\"\ndes Neopathetischen Cabarets sarkastisch zu fragen,\nmit jenem dürren Engel zu vergleichen; und noch\nferner, unsern Club mit dem lieben Gott. Dennoch\nerschien mir jene biblische Anekdote ununterdrückbar,\ngerade in einem Augenblick, wo ich befürchten musste,\ndass mancher unter Ihnen von mir erwartete, ich\nwürde unser auch für gewiegte Abenteurer des Geistes\netwas ungewöhnliches Unternehmen zu „rechtfertigen\"\nsuchen\nErlassen Sie mir das und seien Sie weise genug,\njedwede gebenedeite Extravaganz — Welt oder Cabaret\n— als Zweck ihrer selbst zu betrachten!\n. . Ueber das neue Pathos hingegen werden zwei\naufklärende Worte vorauszuschicken sein Ein Literat,\nder sich im Privatleben unliterarisch benimmt, ist ein\nSchmierer; ein Psycholog, der es kindisch oder philiströs\nfindet, abends im Kaffeehaus fanatisch zu psychologi-\nsieren, ist ein Krämer; ein Philosoph, der nach des\nTages Last und Bücherwalz philosophische Gespräche\nals Fachsimpelei ablehnt, ist ein Schwein; glattweg ein\nübles Schwein und sollte gehenkt werden! Nur solche\nGehirne sind anständig und zu billigen, in denen das\nGeistige unaufhörlich fluktuiert und nicht bei Sonnen-\nuntergang (oder sonstwann) Feierabend macht. Das\nGeistige als eine Flamme, von der die Seele ständig\ngeheizt ist; Problematik und die Erschütterungen der\nFormen nicht als Gewerbe, erst recht nicht als Amüse-\nment, sondern als die Bedürfnisse jeder wachen Se-\nkunde . . .\nDies ist das Kennzeichen einer höher gestimmten\nLebendigkeit und des neuen Pathos: das alleweil\nlodernde Erfülltsein von unserm geliebten Ideelichen,\nvom Willen zur Erkenntnis und zur Kunst und zu den\nsehr wundersamen Köstlichkeiten dazwischen. Das\nneue Pathos ist weiter nichts als: erhöhte psychische\nTemperatur\nMan verwechsle es aber nicht mit der mürrischen\nFeierlichkeit, dem vergnetterten Enthusiasmus, der schul-\nmeisternden S-üblimität, von welchen gewisse Jahrbücher\nfür esoterische Bewegungen durchtönt sind; wo das\nBestreben obwaltet, überall die geläufige deutsche\nSprache durch die verschnörkelte Getragenheit eines\nimaginären Jargons zu ersetzen, das Tempo der Rede\nasketisch zu zügeln und überhaupt die geistigen An-\ngelegenheiten als etwas hinzustellen, was sehr viel\nPuritanität, Strenge, Ehrpussligkeit, Brillentum und einen\nenormen Aufwand an sittlichem Ernst erfordert . , •\nDieses peinliche Pathos derer, die den grossen George\nin Prosa überorgeln, ist vielleicht nicht weniger hohl\nals das geschmähte Schillerische, und es hat mit dem\nunseren nichts zu schaffen. Unser Begriff von Pathos\ndürfte eher übereinstimmen mit dem Begriff, den\nFriedrich Nietzsche davon hat — Nietzsche, welcher\nim „Ecce Homo\" bekennt: „Ich schätze den Wert von\nMenschen, von Rassen darnach ab, wie notwendig sie\nden Gott nicht abgetrennt von Satyr zu verstehen\nwissen\" . . Pathos: nicht als gemessener Geberden-\ngang leidender Prophetensöhne, sondern als universale\nHeiterkeit, als panisches Lachen.\nSo versteht es sich auch, dass wir es keineswegs\nfür unwürdig und unvornehm halten, seriöseste Philo-\nsopheme zwischen Chansons und (cerebrale) Ulkigkeiten\nzu streuen; im Gegenteil: gerade weil für uns Philo-\nsophie nicht fachliche, sondern vitale Bedeutung hat,\nnicht Lehrsache, Geschäft, Moralität oder Schweiss-\nausbruch ist, sondern: Erlebnis — scheint sie uns viel\neher in ein Cabaret zu passen, als auf ein Katheder\noder in eine Vierteljahresschrift!\n— Aber die letzten Worte klingen am Ende doch\nschon wie ein Rechtfertigungsversuch; haben Schritte\ntapsend wie der Geist der Schwere; tanzen nicht selbst-\nsicher, wie jener frohe Intellektualismus, den wir er-\nsehnen. Darum schliesse ich den Salut und eröffne\ndas Neopathetische Cabaret für Abenteurer des Geistes.\n\nDer fliegende Holländer\nund\nDer starke englische Stahl-\nbohrer\n\nIch litt an einer Magenindigestion, infolge Genusses\neiner überzähligen Fischmayonaise . . .\nNach der Genesung nervöser Appetit auf Kaviar . . .\nBekanntschaft mit Herrn Kohn, der mir fünf\nHundertmarkscheine borgte . „ .\nMit den Banknoten auf offener Strasse geliebäugelt...\nIm Cafe mein Mantel gestohlen, Brieftasche in der\nAufregung samt Banknoten in die Manteltasche gesteckt,\nvon Dieb beobachtet . . .\nDiebstahl — Zerstreutheit — Aufregung — Dar-\nlehen — Geldmangel — Kaviar — Appetit — Magen-\nindigestion — Fischmayonaise —\nIch fühlte mich in der Stimmung, einen Aufsatz\nüber „Ibsen und das psychologische Drama\" zu schreiben.\nIch eilte nach Hause. Weil ich keinen Anfang fand,\nlegte ich mich schlafen.\nMir träumte, ich bestiege ein grosses Schiff. Als\nich den Fuss an Bord setzte, sah ich hoch oben in\nden Lüften den fliegenden Holländer vorübersausen.\nIch verstand: das Schiff wird untergehen. Aber ich\nverliess es merkwürdigerweise nicht und sprach zu\nniemanden von meiner Beobachtung. Wir fuhren ab.\nDie Fahrt ging dem Ufer entlang. Plötzlich stiessen\nwir auf ein Riff, das Schiff barst; hoch oben in den\nLüften sauste wieder der fliegende Holländer vorüber.\nMir allein gelang es, mit einem mächtigen Satze an\nLand zu springen, von wo aus ich das Schiff ver-\nsinken sah.\nNach einer Weile träumte ich einen Kommentar\nzn meinem ersten Traum. Warum hatte ich den\nKapitän nicht gewarnt? Weil ich voraussah, dass man\nmir den fliegenden Holländer verlästern werde. Nicht,\num sein Schicksal zu erfüllen, wäre nach der Meinung\nder Leute das Schiff untergegangen, sondern nur, weil\nder durch meine Geisterseherei und Prophezeihung\nnervös gemachten Kapitän die Herrschaft über das\nSteuer verloren hatte. Um diese plumpe psychologische\nAuslegung zu vereiteln, hatte ich den Kapitän nicht\ngewarnt.\nIch erwachte, überlegte die Bedeutung des Traumes,\nbeschloss den Aufsatz über „Ibsen und das psychologische\nDrama\" nicht zu schreiben, mir dagegen am Abend ein\nStück von Schiller anzusehen. Aber nirgends fand ich\netwas derartiges affichiert. Nach langem Suchen be-\nmerkte ich ein Plakat, auf dem eine schreckliche Scene\naus einem Sensationssketch illustriert war: In der\nHaltung des vernichtenden Entsetzens taumelt eine pom-\npöse Dame vor einer gespenstischen Erscheinung zurück,\ndie in einem geöffneten Schrank zum Vorschein\nkommt. Ich versuchte den Zusammenhang der Dinge zu\nergründen. Aber voll Freude stellte ich fest, dass die\nSzene jeder psychologischen Deutung spottete und da\nauch der Titel „Im blauen Licht\" mir keine seelischen\nZusammenhänge zu verraten drohte, fuhr ich nach dem\nSketchhaus. Noch immer spürte ich tiefst innen die\nSchrecken des Traumes, noch war ich misstrauisch.\nErst als ich aus dem Programm feststellte, dass Herr\nPerasini als Verfasser in Frage kam, besass ich eine\nsichere Bürgschaft, mit psychologischen Entwicklungen\nnicht behelligt zu werden Ich hatte mich nicht getäuscht.\nGott sei Dank! Gott sei Dank! Die vier Fregoli-\nRollen, die Herr Leon Peret mit unterschiedlichem\nStimmenmaterial hinlegte, protestierten gegen seelische\nZusammenhänge. Weder der vermeintliche Fürst noch\nder geckenhafte Graf noch der Wutki-Diener noch\nIwan der Student werden jemals miteinander sprechen.\nAber seine Partnerin Gertrud Mangelsdorff ? Ich be-\ntrachte sie, obgleich in der ersten Reihe sitze,\nscharf durch mein Opernglas. Verdammt noch einmall\nIhr fehlt nichts zum Weibe. Sollten sich im Dialog\nseelische Zusammenhänge offenbaren? Sie wird doch\nnicht! Nein, Gott Lob, nein! Sie sperrt den ver-\nmeintlichen Grafen in einen Schrank, in dem er er-\nsaufen soll. Ich sehe den Grund nicht ein. Wie\nwohl das tut Aber ich zittere am ganzen Leibe, ob-\ngleich der Eingesperrte vor dem Schrank seinen eigenen\nTodfeind agiert Die Angst war überflüssig. Es kommt\nanders als ich gedacht. Der Schrank wird geöffnet,\naber statt einer fürstlichen Leiche kommt ein schwerer\nJunge aus dem Wassergrab und spricht lächend: „Ich\nhabe einen starken englischen Stahlbohrer bei mir,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.6", "texte": "damit habe ich dem Wasser einen Abzug geschaffen\".\nSuch is sketch. Dagegen verblassen alle Schillerschen\nSketche. Denn als jene Gertrud Mangelsdorff einiges\nvon ihrer Kleidung ablegt, um den vermeintlichen\nFürsten zu ködern und dabei an ihren Strümpfen\neinige sehr wertvolle Nesteleien vorzunehmen, konnte\nsich mein Nachbar nicht enthalten mir zuzuflüstern:\n„Ich glaube, sie sind beide von Adel.\" Such is sketch.\nNie wieder will ich etwas wissen von psychologisch\nnotwendigen Damenstrümpfen und Fischmayonaisen.\nSollte ich doch noch einmal daran erkranken, werden\nmir ein halbes Dutzend unmotivierter Revolverschüsse\nim blauen, roten oder grünen Licht, einige Entkleidungen,\ndie ihren Zweck in sich tragen, und im äussersten\nNotfalle ein starker englischer Stahlbohrer wieder zur\nGenesung dienen.\n\nK. M.\n\n„Bücher zu Geschenk-\nzwecken”\nII\nT.\nUngleich härter, bewusster tritt Thackerey in eine\nLiteratur ein, die eben die beruhigte Lebensstimmung\neines Dickens in sich aufgenommen hat, die Neigung\nzur heiter oder trüb beleuchteten Idylle. Mit gelassenem\nHohn ruiniert er die Idylle durch die Praxis und das\nSentiment durch den Willen zum business. Viel be-\nwusster als Gogol treibt auch Thackerey jene gefährlichste\nForm der Verachtung die gestaltende Kraft in die\nFingerspitzen: jenes starke Künstlergefühl, dass der\nKot der Weltgeschichte die Mittelmässigkeit ihrer Ge-\nschöpfe, undj dass das Format in jeder Gestalt\nwertvoller ist. Flaubert zieht die schärfste Konsequenz\naus diesem Gefühl: er deduziert hieraus gleichsam\nseine Stilgesetze. Thackerey bringt die grandiose Ver-\nachtung einer starken Persönlichkeit mit, der auch die\nwohlmeinende Mediokrität nicht minder degoutant ist:\nund wenn das Inferno plötzlich aufstrahlt, um eine\nrührende Ehe zu beleuchten — so lauert Bitterkeit\nund Ironie im Hintergrunde und entblösst bestenfalls\nein menschliches Mitleid, das sich der Formung ent-\nzogen hat. So ist es im Jahrmarkt des Lebens: aber\nim Pendennis spielen schon andere Lichter, trübere und\nfahlere. Und zwischen diesen klirrenden Messern blitzen\nHumore auf, so grausam und mitreissend, dass man\nhinter ihnen schon den ganz grossen Dichter spüren\nmuss, um sie zu ertragen. Wenn man in seinem\nLicht einen seiner Erben, selbst einen so fruchtbaren\nKopf wie Shaw sieht, fühlt man erst, wie gewaltig die\nErscheinung dieses Ahnherrn war.\ndem Verlag GeorgMüller nicht vergessen, dasser als\nerster eine würdige Ausgabe der Erinnerungen Casanovas\ngeschaffen hat. Wir besitzen ihren Originaltext nicht:\ner verfault in den Kellern des Verlages Breitkopf ad\nmajorem dei gloriam. Heinrich Conrad hat aus den\nvielen Texten ein sinngemässes Mittlere\ngeschaffen, und so ist diese Ausgabe selbstverständlich\ndie vollständigste |und lesbarste. Casanova hat in\nunserer Zeit eine ganz neue Bewertung erfahren, die\nihn, meist absichtsvoll stilisiert wiederspiegelt. Hier ist\ndas Original geboten: ein Schriftsteller von prachtvollem\nTemperament, ein geborener Schriftsteller, dem die\nSprache jede Erinnerung zart und willig aufnimmt.\nUnd es fügt sich in das Bild dieses Mannes gut ein,\ndass er sich streng an die Tatsachen hielt, wie die\nForschung nunmehr festgestellt hat: das Zeichen einer\nPersönlichkeit, die wohl wusste, dass das Phantastische\neines Lebens die tiefe Erlebnisfähigkeit der dürrsten\nRealität ist, dass jedes Erlebnis als historische Er-\nscheinung durch seine Verknüpfung mit zahllosen Zeit-\nereignissen eine tiefgreifende Stilisierung erfährt. Die\nErinnerungen Casanovas gehören zu jenen grossen\nWerken, die uns einen Menschen erleben lassen: diesen\nBegriff in der unabmessbaren Grösse seiner Bedeutung:\nals Mikrokosmos, als Sammellinse aller Weltbegeben-\nheiten, die seinen Sinnen wahrnehmbar werden. Je\nenergischer, plastischer sich die Umrisse dieser Per-\nsönlichkeit herausarbeiten, um so stärker schwillt das\nGefühl im Leser an, eine Zeit, eine Welt zu erleben,\ndie wiederum nur da ist, um einer Persönlichkeit zum\nstilvollen Ausdruck ihrer selbst zu verhelfen. Es ist die\nmächtigste Steigerung des Lebensgefühls: und bei der\nallgemeinen Empfindlichkeit für sexuelle Reize, die das\nZentrum dieses Werkes bilden, wird kein Buch dieses\nGefühl leichter, sicherer und unmittelbarer hergeben.\nWer aber am Casanova nur die budapester Nuance\nwittert, mag wenigstens in den Denkwürdigkeiten des\nPrinzen von Ligne nachlesen (die der Verlag Müller\nebenfalls versprochen hat), wie dieser gegen jeden Be-\ntrug gefeite, erfahrene Epikuäer von der prachtvollen\nPersönlichkeit des Venetianers ergriffen wurde.\nDass das Werk August Strindbergs in diesem Ver-\nlag nun endlich gesammelt ist, mag als ein Hinweis\ngenügen. Die Erziehung durch sein Werk gehört zu\neiner Seele, die gegen die Werte unserer Zeit miss-\ntrauisch geworden ist. Und auch von Villiers de l'lsle\nAdam soll nur der Name hier stehen: des grossen\nfranzösischen Dichters, dessen Nachtgeschichte von einer\nwundervollen Helligkeit ihrer Abenteuer sind. Und dass\ndas Erscheinen einer Auswahl von Savage Landors\nimaginären Gesprächen in Aussicht gestellt ist, muss\nhier verzeichnet sein.\nDieser flüchtige ganz unvollkommene Querschnitt\ndurch eine Verlagstätigkeit, die erst wenige Jahre um-\nfasst, verspricht viel für die Zukunft dieses Verlages\nUm wieviel wären wir ärmer, wenn alle diese Dinge\nunterblieben wären. Oder wenn dieser kühne Ge-\nschäftsmann nicht meistens von einem ausgezeichnetem\nKulturgefühl dirigiert würde. Und das Mutigste hat er eben\nerst insceniert: eine Gesamtausgabe der Werke Goethes\nund Schiller, - ein Monumentalwerk deutschen Buch-\ngewerbes, das unter Vermeidung alles Schmuckes nur\ndurch den Wert des sachlich behandelten Materials\nwirkt.\n\nDie Rechnung mit dem\nWirth\nCrotalus\nIn München lebt ein Privatdozent, Herr Dr. Albrecht\nWirth, der Mitarbeiter sämtlicher Zeitungen und Zeit-\nschriften Deutschlandsist — mit Ausnahme des Sturms.\nDieser Herr, ein Orientalist, der in seinem Fache noch\noberflächlicher ist als Hammer-Purgstall, liess sich in\nNummer 183 des „Tag\" unter der Ueberschrift „Ullsteins\nOrient\" also vernehmen:\n„Preussen griff mit gewaltiger Hand ein, um sechs-\nundzwanzig deutsche Bundesstaaten unter seiner Faust\nzu einen und dem Partikularismus ein Ende zu machen.\nAehnlich gehen manchmal in der Gegenwart grosse\nVerleger vor, um die Gelehrten ihrem Spezialismus zu\nentreissen und ihre Arbeit einem grösseren Ziele\ndienstbar zu machen.\" Das stand im „Tag\" aber\nbesser hätte es „cas\" in der „B. Z\" nicht machen\nkönnen. „Ullsteins Orient\" — so östlich gebärdet sich\ndoch die Ullsteinsche Zeitungsfabrik nicht mehr. Auch\ngehört ihr der Orient noch nicht. Immer noch gibt\nes am Bosporus keine Morgenpostlesehalle, in der die\nHaremsdamen ihre Liebesbriefe auf Gratispapier schreiben\nund die so schnell beliebt gewordenen Ulisteinbücher\neinkaufen könnten. Aber dies hinderte Herrn Dr. Wirth\nnicht, in der sonst reinlicheren „Frankfurter Zeitung\"\ndie Ullsteins mit Schiller, York von Wartenberg, Lindner,\nSchäfer und Egelhaaf in eine Reihe zu stellen. Wie\nbillig der Ruhm heute ist! Bei Rabatt.\nNebenbei ist die Rechnung, die der Wirth gemacht\nhat, nicht ganz richtig. Das Werk die „Weltgeschichte\"\nwurde von dem immerhin nicht ganz unbekannten\nHistoriker von Pflugk-Harttung entworfen. Die Ullsteins\nschwangen nur die Reklametrommel für das Werk, das\nseltsamerweise etwas taugt. Man wird in Zukunft die\nRechnungen genauer zu prüfen haben, die der Wirth\nausstellt. Gegen Preisschleuderei darf das Gesetz des\nunlauteren Wettbewerbs angewandt werden!\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nI. V.: Oskar Kokoschka\n\nBUCHDRUCKARBEITEN\n— ALLER ART\nCARL SCHOSSLER - HANNOVER\nARTILLERIESTRASSE IS =—\n\nm?; Cafe Continental«\nJeden Abend von 9—4 Uhr Nachts:\nGROSSES KUNSTLER-KONZERT\n:: AUe bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften ::\n\nWeinhaus Rheingold\nKAISER-SAAL\nTagiich: Translateur - Konzert.\n\n„Der Forscher\"\nIllustriertes Zentralblatt fiir deutsche\nForschung\nHerausgeber: Bund deutscher\nForscher,Hannover,unterhoher\nEhrenprasidentschaft Sr. hoch-\nfusstl. Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen beruhmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den ~Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fordernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. 7,20. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. K. 6.— inklusive Porto\nProbenummer gratis und franko\nInserate finden im „Forscher\"\nwirksamste Verbreitung\nInsertionspreis: Die dreimal\ngespaltene Petitzeile 30 Pfg.\n— Geschaftsstelle: —\nForscher - Verlag, Hannover.\n\nHanse Herrmann\nKiinstlerische Lichtbilder\n::: Heimaufnahmen :::\nBERLIN W. / Potsdamerstrasse 134 a\nNahe Potsdamerplatz\nFernsprecher: Amt VI, 14967"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "353", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.7", "texte": "Galeric Maximilian ffiacfyt\naaggg ggaag 3BBS Sg 38BS\nBerlin 81., IRankc-Strassc 1\nan der Raiser 8lill)elm Gedatljtnls ■ Klrctje"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "354", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19101229-01.1.8", "texte": "Inseratenannahme: Geschäftsstelle »Der Sturm\" Hannover, Artilleriestr. 15, für Berlin A. Bots, Potsdamerstr. 111, sowie sämtl. Annoncen-Exped., Druck t. Carl Schüssler-Hannover.\n\nSuaaX* Joa\n(/VlOUii!\naajU^\n\nKurhaus und Erholungsheim\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, große,\nhelle dimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze Jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stiind-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschiire\n„Leben\" kommen vom Besitzer u. Leiter Emil Peters\n\nZeitschrift fur Musterzeichner\nWirksames Insertions-Organ\nFachschrift ersten Ranges\n:: Abonnenten in alien Staaten Europas ::\nInsertionsgebiihren massig\nOfferten gern zu Diensten\nSchriftleitung C. 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Naheres die\nBodengesellschaft des Westens,\nMauerstrasse 86—88 ■ • Telephon I, 7497\n\nPreis 1 Mark Preis 1 Mark\nMenthol-Malz-Draeees\nn\nSicheres Mittel gegen akute Katarrhe der Atmungsorgane\nermoglicht Schauspielern und Sangern sofortigen\nGebrauch der erkrankten Organe =\nZAHLREICHE ANERKENNUNGEN\nZu haben ia alien Apotheken und Drogerien / Alleinige\nFabrikantin „Pharmacia\" / Fabrik fur pharrnaceutischen\nBedarf / Berlin-Halensee\nWohlschmeckend Sicher wirkend\n0\n\n*4\nDie Kindermilch nach Prof. Dr. Backhaus kommtderMuttermilch am nachsten.\nKuhmilch\nBackhaus-Kilch\nFrauen-A\\ilch\n■- , o\n' - j\nJ\n/\n1 2/3\nWm\ni\n1 'i\nv.\nifi'\ni 1\n. /\n• .? ?\nTrockensubstanzen von je 1 Liter Kubmilch, Backhaus-Milch und Frauenmilcfu\nI. Milchzucker — 2. Fett — 3. Eiweiss — 4. Kasein — 5. Salze\n\ns\nQegeniiber\nPichelswerder in Pichelsdorf\nGrundstiicke an der Havel idyllisch gelegen\nneben dem Schlosspark, nahe der Doberitzer Heerstrasse\n(Kaiserdamm), preiswert verkauflich. Naheres durch die\nBodengesellschaft des Westens\nmit b esc lira nkter Haftung\nBERLIN W 66, MAUERSTRASSE 86—88\n□ Fernsprecher Amt I, Nr. 7497 □\n\nVerlag\nDER STURM\nUnser Plakat, Kiinstlerlithographie in\nDreifarbendruck von OSKAR KO-\nKOSCHKA ist soeben erschienen.\nDen Buchhandlern und Verkaufern\nunserer Zeitschrift stehen Exemplare\nkostenlos zur Verfiigung. Preis fur\nPlakatfreunde Mk. 1.— / Vorzugs-\ndrucke (50 Stuck) Mk. 5.— nur direkt\ndurch den Verlag :: :: ::\nDER STURM, Berlin - Halensee"}]}