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Aber indem\nwir das erlauchte Ideai dieses ringenden Dichter-\ngelehrten als leuchtenden Schild über sein Grab\ndecken, es ganz in solchen Glanz einhüllend, werden\nwir nicht nötig haben, durch Schönrederei den dunklen\nKern seines ehrlichen Lebens wegzulügen. Schatten\nwird von Licht geworfen, und hier sind Worte, Werke\nverblieben, von denen dieses Licht erkennbar genug\ntrotz aller Schatten so herrlich und heilig ausstrahlt,\nwie nur jemals von Worten und Werken der edelsten\nGeister. Ihm war ein Genius verliehen, an dessen\nHerausstellung aus dem tiefen, hemmenden Dunkel\nseines Lebens er mit dem emsigsten Bienenfleiss ge-\nwissenhaft und angestrengt arbeitete und — wie gern\nund freudig! weitergearbeitet hätte, wenn nicht sein\nTod so früh und doch zu spät, um ihn zu vernichten,\neingetreten wäre. Non omnis moriar kann er uns allen\nin stolzer Zuversicht durch den Geistermund seiner\nSchriften prophezeien. Sein Wissensdurst war unstillbar\nzur Tränkung und Sättigung seines weisen Geistes. Er\nwar ein Teil des Gewissens unserer Kultur, und in der\nNähe unserer Menschensonnen wird sich späten Augen\nein Strahl seines Lichtes zeigen. Der Mensch ist vom\nLeben wie von einem verstellenden Nebel umgeben,\nder seine scharfen Umrisse verwisc t; erst sein Tod\nlöscht diesen Nebel aus, und wir sehen unseren Freund\nzum erstenmal in erschütternder Vollendung wie er\nwirklich ist. Jetzt sollte statt aller Wortberedsamkeit\neine schlichte Büste schweigsam sein ganzes Leben\nerzählen. Er würde ein solches Denkmal, einen lapidaren\nLakonismus wohl aushalten. Wenige sind ruhmwürdig,\nViele berühmt. Es wundre sich niemand, dass wir\ngerade diesen Toten, der nicht das Unglück hatte,\nvielen zu gefallen, so hoch über das Gemeine empor-\nhalten, dass die Augen der Zukunft auf ihn fallen\nkönnen. Das Leben hat so sehr von seinem ridicele\ngelästert, dass nun der Tod ebenso gewaltig sein\nsublime entgegnen soll. Wohl dem Sterblichen, dessen\nTod ein solches auch nur flüstern und lispeln darf.\nStehe auf und wandle, toter Freund! Streue deine\nherbe, kräftige Saat in alle Schollen der Menschenäcker!\nNicht mehr verkannt und sehr gering, sondern gewür-\ndigt, verschönt, erheitert und bedankt wirst du unsicht-\nbar in den Gassen unseres Lebens wandeln, ein lichter\nSchatten; du kommst und jede Tür steht dir offen.\nKein feindseliger Spott widersteht deiner Güte, deiner\nKraft, deiner Tat, deinem Wohlwollen, du bist unge-\nhemmt in deiner Hoheit. —"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "356", "page_fin": "357", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.4", "titre_corps": "Zuchtwahl des Journalisten : Die Erzählung der Wanze von Nummer achthundertundsechs", "titre_sommaire": "Zuchtwahl des Journalisten : Die Erzählung der Wanze von Nummer achthundertundsechs", "signature_source": "Ton August Strindberg", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "356", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.2", "debut_caractere": 2768, "fin_caractere_exclue": 12111, "texte": "Zuchtwahl\ndes Journalisten\nDie Erzählung der Wanze von Nummer acht-\nhundertundsechs\nTon August Strindberg\nSeine Majestät König Magnus Scheunenschloss lag\neines Nachts während des norwegischen Krieges bei\nTiveden. Er warf sich unruhig auf seinem Bette um-\nher; denn er hatte ein Nierenleiden, das er sich durch\nübermässigen Qenuss von Alicante zugezogen hatte.\nEs war noch dunkel und er wollte kein Licht an-\nzünden Er befühlte seine Wasseruhr. Vier! — Noch\nzwei Stunden bis zum Tag. Er stand auf, sprach einige\nGebete, trank ein Glas Bier und legte sich wieder\nhin, um zu überlegen. So lag er bis zum Tages-\ngrauen und warf sich in unruhigen Gedanken auf\nseinem Bett herum. Als der Arzt am Morgen eintrat,\nfand er den Zustand so bedenklich, dass er irgend\neine Zerstreuung verordnen musste, zum Beispiel eine\nHinrichtung oder eine Jagd Da keine Bauern zur\nStelle waren und die Leute des Königs nicht entbehrt\nwerden konnten, entschloss man sich zu einer Jagd.\nEin glücklicher Zufall hatte es auch gefügt, dass man\nein Stück oberhalb Tiveden Elche gespürt hatte; da-\ngegen drohte aber ein Umstand die ganze Kur zuver-\neiteln: man hatte keine Hunde. Das war ein neues\nUnglück. Der König, der sich einen Augenblick von\nseiner Niedergeschlagenheit erholt hatte, geriet ausser\nsich und fiel in Ohnmacht, und das ganze Lager kam in\nUnruhe Man setzte grosse Belohnungen aus für den,\nder einen Hund schaffen könne. Vergeblich.\nDer Zustand des Königs verschlimmerte sich Eine\ndumpfe Stille lag über dem Lager Man fürchtete das\nSchlimmste und niemand wagte sich zu rühren. Schliess-\ngegen Mittag, als der Arzt eben den Kopf geschüttelt\nhatte, hörte man ein Gebell aus dem dem dichtesten\nWalde. Erst einige tiefe Anschläge, wie von einem\nKettenhund, der bellt, weil es so sein soll, dann das\nGebell eines Spürhundes, das wie ein Jagdhorn klingt\nund bedeutet, dass er etwas gefunden hat; und darauf\nein anhaltendes Gewinsel, als ob er mit der Schnauze\neinem Hasen auf den Hacken läge. Ein donnernder\nHurraruf klang aus den Zeltgassen hervor und man\nerwartete jeden Augenblick den keuchenden Jagdhund\nam Waldrand zu erblicken. Was aber bekam man zu\nsehen. Möns, der Putzer des Generalfeldzeugmeisters,\nkam winselnd und wedelnd zwischen den Fichtenstäm-\nmen hervorgetrottet.\nMan lachte zuerst, dann aber wurde man ernst.\nDer König, der von seinem Bette aufgestürzt war, kam\nheraus und wurde Zeuge der Szene, aber der Putzer\nMöns liess die Zeit nicht unnütz verstreichen, sondern\nöffnete sofort seinen Mund und sprach mit der Mütze\nin der Hand:\nEure Majestät, meine Herren! Ich bin von der\nKrankheit unterrichet, die Eure Majestät hohe Nieren\nheimsucht und weiss, was für ein Heilmittel man vor-\ngeschlagen hat, sowie dass etwas dazu völlig fehlt. Da\nhabe ich mir die Freiheit genommen, meine geringen\nDienste anzubieten.\nWas kannst du? fragte der König erzürnt.\nBellen, Eure Gnaden!\nDas ist gut! Kannst du Elche jagen?\nNein, ich belle grosse Tiere nicht an, die schlagen\naus. Aber Hasen, Haselhühner und andere kleine\nTiere.\n♦\nEs ist gut! Ich habe allerdings noch nie Hasen\nvor Putzern geschossen, aber das ist neu und wird\nmich zerstreuen. Blas, Hornbläser, und sattle, Stall-\nmeister!\nAls dei Mittag kam, hatte der König drei Hasen\ngeschossen und war senr vergnügt Putzer Monds\nwurde gerufen, die Belohnung zu empfangen.\nWillst du Gold oder Ehre haben? Wähle, denn\nbeides kannst du nicht bekommen!\nEhre, Eure Majestät!\nAuf die Knie, du Hund!\nPutzer Möns fiel auf die Knie nieder, erhielt drei\nSchläge mit dem Schlachtschwert und stand als Edel-\nmann auf.\nDu sollst drei Hundeköpfe in deinem Schilde führen,\nzur Erinnerung an deine ausgezeichneten Verdienste;\nstatt des Helmes aber sollst du drei Pfauenfedern\nhaben, denn deine Eitelkeit war grösser als dein Geiz.\nDu bist frei, Möns Hund; geh hin, vermehre dich und\nerfüll die Erde!\nJetzt war Möns Edelmann! Jetzt musste er sich\nRüstung mit Schild und Schwert kaufen und im Wagen\nfahien. Aber er hatte kein Gold. Er versuchte auf\nseinen neuerworbenen Kredit eine Schuhwichsfabrik an-\nzulegen, aber er ging in der Konkurrenz unter. Er\nmachte alle Grade der Demütigung durch und kehrte\nschliesslich zu seiner früheren Stelle als Putzer beim\nGeneralfeldzeugmeister zurück.\nJetzt war er verheiratet und hatte Kinder, kleine\nadlige Kinder, die nach ihrem Stande erzogen werden\nmussten und das war nicht leicht.\nDer Sohn avanzierte zum Sergeanten, bekam den\nAbschied, verheiratete sich und hielt den Namen am\nLeben.\nDas Geschlecht zeichnete sich während der fol-\ngenden hundert Jahre nicht sehr aus, sondern verhielt\nsich still und ruhig. Das Höchste, was einer werden\nkonnte, war Fahnenjunker mit dem Abschied als Leut-\nnant. Die denkwürdige Entstehung der Adelschaft war\nvergessen und die Familienglieder lebten als arme\nEdelleute dahin. Etwas aber nagte und nagte Die\nEhre war vorhanden, aber das Geld fehlte immer und\nkeiner von der Familie wagte sich zum verachteten\nKaufmannsstand herabzulassen; der Schild musste rein\ngehalten werden und die Familie ihr Auskommen im\nStaatsdienste suchen Das Geschlecht konnte nicht\nentarten, weil es nie obenauf gewesen war, aber\nes konnte auch nicht steigen — aus Mangel an\nGeld.\nDes Stammvaters eminente Fähigkeit, die ihm den\nAdel eingebracht hatte, übersprang sechs Generationen,\nbis sie bei dem bekannten Daniel Hund wieder auf-\ntauchte, der von Johann dem Dritten auf Erich den\nVierzehnten losgelassen wurde. Ueber diesen schrieb\nDaniel Hund seine Chronik und wurde damit der\nerste Chronist des Vaterlandes. Da Johann eine dank-\nbare Natur war, blieb Daniels Beförderung nicht aus.\nMit der Beförderung kam das Gold endlich und bald\nsah man den Hundschen Palast sich in Stockholm am\nNorrmalmstorg erheben Nun wurde ein lustiges Leben\ngeführt; so lustig, dass die Erben ailes fortgeben\nmussten als Daniel starb. Alte Weiber sagten, wie\ngewonnen, so zerronnen, aber die Zeitungen sagten,\nHund sei ein Prophet (weil er einen König angegriffen\nhatte) und sie veranstalteten eine Sammlung für die\nFamilie.\nHier ist eine Lücke in den Biographien. Aber ich\nweiss, dass das Geschlecht ein kümmerliches Leben\nfristete bis zu Karl dem Elften. Da trieb die Familie\neine neue Blüte. Einen Sohn, der mit kleinerem Kopf,\naber grösserer Eitelkeit, mit weniger Gefühl, aber mehr\nGewissenlossigkeit begabt war als die anderen Kinder.\nEr wurde in ein Kontor gesteckt. Genaueres weiss\nman nicht. Es heisst, dass er auf eine weniger löb-\nliche Art zum Unterhalt der Familie beigetragen habe,\nworauf er eine eilige Reise nach Neu-Schweden in\nAmerika antreten musste.\nEr kehrte nach Stockholm zurück und fand sich\ndort ziemlich fremd. Viele seiner gleichaltrigen Kame-\nraden hatten durch Arbeit, Entsagung und Redlichkeit\nsich eine Stellung errungen, einige waren sogar be-\nrühmte Leute geworden. Das erzeugte bei ihm ein\ntiefes Missvergnügen Gleichzeitig merkte man bei\nihm ein ungeahntes Interesse für die Literatur, zumal\nfür die Sorte, die zeilenweise bezahlt wird. Unser\nFreund befand sich bald mit allen Vieren in der\nunter Karl dem Elften lebhaft blühenden Zeitungslite-\nratur.\nDa er indessen bald seine Stoffe wie seine alten\nFreunde erschöpft hatte, wurden seine Artikel seltener\nund die Mahlzeiten unregelmässiger; die grausame\nArmut nahm ihn hart in die Arme und bald befand\ner sich im Schuldturm hinter Schloss und Riegel.\nAber die Not ist erfinderisch und unser Mann fühlte\nsich dazu geschaffen, die grösste Erfindung des sieb-\nzehnten Jahrhunderts zu machen: die Reisebriefe\nVom Gefängnis gingen bald die allerherrlichsten Reise-\nschilderungen von Tunis und Konstantinopel aus; und\nvom Kriegsschauplatz bekamen gefühlvolle Zeitungsleser\ndie erschütterndsten Schilderungen eines „schwedischen\nAdligen\", dessen persönlicher Mut aus jeder Zeile,\nglänzte, und der das Tun nnd Lassen der Generale\neiner strengen Kritik unterwarf; besonders aber merkte\nman sichtliche Vorliebe des Verfassers für alles, was\ndas Seewesen betraf, und in seiner Kritik der Vor-\nschläge einer Reorganisation der Flotte verriet er eine\nerstaunliche Sachkenntnis. Dank seiner Erfindung be-\nfand sich unser Mann bald auf freiem Fuss; aber mit\nder Freiheit kam der Mut zurück und mit dem Mut\nder Uebermut.\nVerschiedene Neuigkeiten hatten sich indessen im\nLeben der Hauptstadt ereignet. Man hatte eine Fabrik\nbekommen nnd eine Glasgesellchaft, von der der Hof\nAktien besass. Zwei solche patriotische Unternehmungen\nkonnten nicht von Bestand sein, ohne dass das Publi-\nkum regelmässig Nachrichten über die Lage der beiden\nInstitute erhielt, über Wünsche und Beschlüsse der\nDirektion, über künftige Absichten und ähnliches. Für\nsolch guten Zweck durfte eine Zeitung das passendste\nMittel sein. Zum Redakteur wurde ein Mann gesucht,\nder durch seine unparteiische Stellung zu allen ge-\nschäftlichen Verhältnissen einsehen konnte, dass die\nfranzösische Kardanfabrik die einzig berechtigte sei,\nund die italienische Glasgesellschaft die einzig nötige\nfür Schweden. Ausserdem musste der Zeitungschef\nein Mann mit harter Stirn sein, der alle ungerechten\nAngriffe der Konkurrenten zurücksahlagen konnte; zu-\ngleich aber in alle Themata eingeweiht war, die das\nPublikum interessierten, wie Gedichtbücher, Theater-\nstücke, Oelgemälde, so dass die Zeitung nicht\ndas Aussehen eines geschäftlichen Zirkulars erhielt.\nDer Mann brauchte nicht mit aer Laterne gesucht\nzu werden. Die noch nicht erkannte Erblichkeitstheorie"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "357", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5205, "texte": "hatte einen neuen Beweis für ihre Richtigkeit gewon-\nnen: Agathon Hund, aus dem adligen Geschlecht Hund\nvon Schamlos, sollte durch eine Reihe glänzender Taten\nden von den Vätern ererbten Ruf verteidigen und dem\nmitgenommenen Namen neuen Glanz verleihen Und\neine bessere Wahl hätten die patriotischen Aktien-\nbesitzer niemals treffen können. Nie brauchten sie zu\nfürchten, dass sie bei ihrem Redakteur auf hartnäckige\nAnsichten in Sachen und Dingen stossen würden.\nDenn alle politischen, sozialen, kirchlichen und ökono-\nmischen Meinüngen konnten in dem einzigen Grund-\nsatz zusammengefasst werden, der seinem ganzen\nöffentlichen Charakter das ihm eigentümliche Gepräge\ngab und den er so formulierte: „Der Mensch muss\nWein zu Mittag trinken.\" Die Instruktion, die die Ge-\nsellschaft unserem Freunde gegeben hatte, war ebenso\nkurz, aber nicht weniger ausdrucksvoll und bestand\naus den zwei Worten: „steck ein!\" und „tout\nbeau!\"\nDie Zeitung erhielt in der Taufe den merkwürdigen\nNamen Pharao, der eine Erinnerung bedeuten sollte an\nstreng monarchischen Tendenzen und ihre Ehrfurcht\nvor dem Jahrhunderte lang Erprobtem Der einfältige\nTeil des Publikums aber, der das vortreffliche Dasein\nder egyptischen Pharaonen nicht kannte, meinte bald\nmit seinen neuerworbenen Einsichten in die Sache,\nder Name Pharao sei einem bekannten Spiel entnommen,\nbei dem man vorzugsweise falsch spielt.\nEine grausame Ironie des allmächtigen Schicksals\nwollte, dass die Redaktion in den früheren Hundschen\nPalast am Norrmalstorg verlegt wurde, der vor langer\nZeit unter dem Hammer gekommen und jetzt zu\nLäden aller Art eingerichtet war. Hier in der Par-\nterrewohnung, wo vordem die Banketts des glänzenden\nGeschlechts gefeiert wurden, sass nun Agathon als ein\nmächtiger Herr und hielt Gericht über das Wohl und\nWehe der Menschen Und wenn er bisweilen zum\nersten Stockwerk hinauf guckte, wo der Rittersaal an\nein Möbelmagazin vermietet war, fühlte er einen Stich\nim Herzen.\nDie Reise nach Amerika hatte bei Agathon so\ntiefe republikanische Eindrücke hinterlassen, dass er auf\nden Gebieten, auf denen er frei war, nämlich Poesie\nund Kunst, bald in Versuchung geführt wurde, die\nmonarchischen Begriffe beiseite zu legen und neue\naufzunehmen. Um aber der Sache nicht zu schaden,\nnahm er einige Ideen aus einer abendländischen so-\ngenannten Republik, nämlich dem aristokratischen Vene-\ndig, in dessen Verfassung er die unschätzbare und be-\nkannte Institution bewunderte, die der Löwenrachen\ngenannt wurde In das Schwedische des siebzehnten\nJahrhunderts übersetzt wurde es eine heimliche offizielle\nBekanntmachung, dass das Publikum gegen eine geringe\nAbgabe von fünf Talern Silbermünze unbewiesene An-\nklagen gegen seine Feinde drucken lassen konnte. Das\nUnternehmen war ein glänzender ökonomischer Erfolg,\nund Agathon wurde nächst ,dem König der gefürchtet-\nste Mann der ganzen Hauptstadt. Wehe dem der es\nunterliess, ihn zu grüssenl Wehe dem, der unter den\nStockschlägen klagte! Er schrieb Lobgesänge auf die\nAlleinherrschaft, auf die Kirchenzucht im Gesetz von\n1686, er stellte Ketzerverfolgungen an und druckte\nPredigten ab.\nEinen so gewaltigen Kämpen hatten die Grossherrn\nnoch «nie gehabt, und obgleich sie sich der Bekannt-\nschaft schämten, unterliessen sie es doch nicht, ihm\nfreundlich zuzunicken, wenn er mit dem Hute in der\nHand am Rande des Rinnsteins stand und von ihren\ndahinrollenden Wagen bespritzt wurde, was sie nicht ab-\nhielt, zum anderen Wagenfenster hinauszuspucken.\nWenn er des Abends in den Ballhauskeller ein-\ntrat, versäumte keiner von den armen Schauspielern,\nsofort aufzustehen, und ihm einen Platz anzubieten,\ndenn er hatte ihr Wohlergehen in der Hand. Im sieb-\nzehnten Jahrhundert besass man nämlich einen solchen\nRespekt vor dem, was in einer Zeitung stand, dass\ndem Schauspieler, von dem sie unvorteilhaft sprach,\nsofort gekündigt wurde. Man sah damals oft manchen\nFamilienvater, der auf diese Weise seines Brotes be-\nraubt wurde, einen Zeitungsredakteur um Gnade für seine\nKleinen bitten, welche Gnade darin bestand, dass er\ndas nächste Mal keine Schelte bekam.\nWenn aber Agathon wohlgepflegt und satt vom\nTisch der Ammen aufstand und man seinen Degen in\nder Tür verschwinden sah, hagelten die Flüche wie\nFeuerregen, und manches Messer wurde halb aus der\nScheide gezogen, um dann ganz bescheiden wieder\nherunterzukriechen. Unser Freund aber schwoll von\nBehäbigkeit und seine dünnen Wangen glänzten vor\nZufriedenheit. Einige sagten er habe seine Seele ver-\nkauft, andere aber meinten, sie sei noch immer käuf-\nlich.\n* *\n*\nHier machte die Wanze eine Pause und versank\nin Grübeleien. Der Künstler, der seine Zeit damit zu-\ngebracht hatte, * die Tragriemen umzuschnallen und\nheraldische Studien zu machen, war jetzt bereit, seine\nRestaurierungsarbeit zu beginnen. Mit einem Blick\nfuhr er über die goldenen Felder, spuckte (man denke:\nspuckte!) auf den Rostfleck, zog sein Schnupftnch her-\naus und fing an zu reiben. Vergebens!\nGieb einen Scheuerlappen her, rief er einer von\nden Frauen zu. Und Seife.\nEr erhielt nach einigen parlamentarischen Versuchen\ndas Verlangte. Aber alle seine Anstrengungen waren\nvergebens.\nDas muss vergoldet werden! murmelte er, schlug\nseine Farbenschatulle zu und stieg hinunter."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "357", "page_fin": "358", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.5", "titre_corps": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "titre_sommaire": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "357", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.3", "debut_caractere": 5207, "fin_caractere_exclue": 11686, "texte": "Der Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nXIII\nDer Abschied\n„Jetzt schnell fort — nach Schiida!\" sagte der\nKaiser und Hess seine Sachen packen und den Hofzug\nvorfahren.\nNun war aber des Morgens ein Lufttechniker namens\nSebastian gemeldet worden — den wollte der Kaiser\nnoch vor seiner Abreise sprechen.\nHerr Sebastian kam, und der Kaiser sah, dass der\nLufttechniker ihm ausserordentlich ähnlich sah, und das\nbrachte ihn auf eine Idee, die er aber noch nicht\naussprach; er erkundigte sich vielmehr ganz harmlos\nnach den gesellschaftlichen Beziehungen des Herrn\nSebastian, und dieser Herr erklärte, dass er bislang\nnur seinen Arbeiten gelebt und jeden gesellschaftlichen\nUmgang gemieden habe.\nDas gefiel nun dem Kaiser ausserordentlich, und\ner bat den Flugtechniker, mit seiner Luftmaschine nach\nSchiida zu fahren und dort im goldenen Löwen ab-\nzusteigen.\nHerr Sebastian erklärte sich selbstverständlich\nbereit, nach Schiida zu fahren, wollte sich verabschieden,\naber der Kaiser hielt ihn noch zurück und sagte:\n„Lieber Herr Sebastian, können Sie aber vielleicht\nganz unauffällig nach Schiida kommen! Könnten Sie\nnicht ihr Fahrzeug drei Meiien vor Schiida verlassen\nund mit einem einfachen Bahnzuge nach Schiida kommen\nund dort unauffällig auf weitere Nachrichten von mir\nwarten?\"\nHerr Sebastian erklärte sich auch dazu gern bereit\nund wurde verabschiedet, und der Kaiser empfing noch\neinmal seinen Staatsrat und sagte zu ihm leise:\n„Meine Herren, ich danke Ihnen und bitte Sie,\nvorläufig Stillschweigen über meine Reise und meine\nAbsichten zu beobachten; ich werde schon alles so\nhübsch einfädeln, dass Sie zufrieden sein sollen.\"\nDie Herren vom Staatsrat »sachten ein sauersüsses\nGesicht, aus dem man alles herauslesen konnte —\nnur nicht eine bestimmte Meinung; die Herren wussten\neben selber noch nicht, was sie zu diesem ganzen\nAbenteuer sagen sollten.\nDer Kaiser drückte allen Herren zum Abschiede\ndie Hand und ging dann zu seiner Gemahlin, die ihn\nmit feuchten Augen empfing.\n„Du willst fort?\" sagte sie zitternd.\n„Ja\", sagte er, „ich muss\".\nSie erwiederte leise:\n„Meine Gedanken werden bei Dir sein.\"\nUnd sie küsste seine rechte Hand, und der Kaiser\nküsste die Stirn seiner Gemahlin und sagte still:\n„Bleibe fest! Es zieht mich zu neuen Pfaden.\nIch will das Leben erkennen —- so wie es ist. Ich\nwill — vergiss das nicht! — eigentlich hinter das\nLeben kommen. Jeder Baum und jeder Fels soll mir\nwas Grosses sagen — darum will ich fort. Du wirst\nvon mir hören.\nUnd Philander küsste seiner Frau die beiden\nHände und ging dann rasch hinaus und fuhr mit\nseinem Hofzuge nach Schiida — durch viele Tunnel —\nüber Berge und Schluchten — über breite Flüsse\nund über weite Felder — durch die Frühlingslandschaft.\nXIV\nSchilda\nDie Schildbürger waren Lewte, denen man die\nLustigkeit nicht ansah, da sie fast immer betrübte\nMienen zeigten, andererseits konnte man sie nicht\nVertreter der Traurigkeit nennen, da sie fast immer\nlustige Einfälle hatten; kein Utopianer wusste, wie er\nsich eigentlich zu den Bewohnern des neuen Schiida\nstellen sollte lauter merkwürdige Käuze, die früher\nzu den klugen Leuten zählten, sassen da in Schiida\nzusammen und benahmen sich nicht so wie die anderen\nUtopianer.\nIn dreieckigen Häusern wohnte man in Schiida,\nund das dreieckige Rathaus war das grösste Haus der\nStadt. Die schärfste Kante des Hauses ging immer\nzur Strassenseite hinaus so dass man von Front-\narchitektur in Schiida nicht sprechen konnte.\nAls es bekannt wurde, dass der Kaiser Phiiander\ndie Einladung des Oberbürgermeisters Wiedewitt an-\ngenommen habe — da verbreitete sich eine seltsame\nStimmung über die ganze Stadt — alle Schilbürger\nbildeten sich sofort die abenteuerlichsten Dinge ein —\ndie meisten meinten, man würde ihnen Uialeipu als\nWohnsitz anbieten undsoweiter undsoweiter.\nUnd es ging den armen Schildbürgern so schauder-\nhaft schlecht. Sie wohnten auf einem Höhenzuge am\nStrande des Meeres — aber die gute Aussicht übers\nMeer bereicherte nur das Phantasieleben der Schild-\nbürger; die Lostrennung von der allgemeinen utopi-\nanischen Volksreligion hatte die Schildbürger in kurzer\nZeit ganz arm gemacht; sie verloren immer mehr die\ngrosse Kunst, den Witz zur Vermehrung der Lebens-\ngüter zu verwenden. Anfangs hatte man die Schild-\nbürger, unter denen sich die klügsten Köpfe befanden,\nfast nur zum Scherze „Narren\" genannt — und\nschliesslich waren sie wirkliche Narren geworden —\nwie die Bewohner des alten Schiida. Das neue Schiida\nhiess auch anfänglich garnicht Schiida; die Stadt wurde\nnur von den Priestern in Uialeipu Schiida genannt —\nund zum Scherze hatten die sogenannten „Narren\",\ndie sich vom Volksgeiste lossagten, den Spottnamen\nzum Ehrennamen gemacht — und aus dem Scherz\nwar dann sehr bald Ernst geworden.\nSo war es nun natürlich, dass die Schildaer jeden\nScherz sehr ernst — und umgekehrt jeden Ernst sehr\nscherzhaft behandelten. Und so entstanden die drei-\neckigen Häuser und die verkehrtesten Einrichtungen dazu.\nUnd die Priester triumphierten und sagten:\n„Seht, so rächt sich unser Gott! Das kommt\ndavon, wenn man mehr sein will als alle anderen —\ndas kommt davon, wenn man anders sein will als alle\nanderen! Die Grosstuer sind zu Narren geworden.\nSeht, so rächt sich unser Gott!\"\nAber die Schildbürger sagten garnichts dazu, denn\nIhre Gedanken schweiften immer weiter hinaus — und\ndas Nächstliegende kam ihnen fremd vor — und das\nFerne und das Nahe konnten sie nicht zusammen-\nbringen, sodass ihr ganzes Leben so schlechte Töne\nvon sich gab — wie eine zerbrochene Glocke.\nXV\nDer Kaiser kommt\nDer Hofzug des Kaisers fuhr in den dreieckigen\nBahnhof in Schiida, und der Kaiser quartierte sich mit\nseinem Gefolge im dreieckigen Bahnhofsgebäude ein;\ndas Gefolge des Kaisers bestand nur aus Beamten\nzweiten Grades, die aber sämtlich ihre Galauniform\ntrugen; feierlicher Empfang von Seiten des Rates war\nverbeten worden, da der Kaiser gleich die einfacheren\nLeute von Schiida kennen lernen wollte.\nDie einfacheren Leute von Schiida gehörten natürlich\nebensogut wie die Ratsherren zu denen, die im Leben\n„mehr\" erstrebt hatten — Erfinder, Gelegenheitsdichter,\nJournalisten, Wunderdoktoren, phantastische Geschäfts-\nleute und ähnliche Leute bildeten das einfache Volk\nin Schiida. Der Kaiser bemerkte sogleich das komische\nGemisch von Aufgeblasenheit und Verworrenheit, wie\nes die Priester nannten, in einem anderen Lichte; er\nsah zunächst nur Hilflosigkeit und ausschweifende Ge-\ndanken, die naturgemäss alles ein bischen verkehrt er-\nscheinen Hessen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "358", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2880, "texte": "Und dann kam der Kaiser am nächsten Tage ins\nRathaus und tat sehr zornig, musste aber hören, dass\nsich die Schildbürger durchaus für treue Staatsbürger\nhielten, die durch die Uniformen und Titel blos dick\nund fett werden wollten. Diese durchaus simple Art\nder Schildbürger machte dem Kaiser scheinbar vielen\nSpass, und er fragte die Ratsherren, ob sie auch ihre\nFrauen uniformieren könnten, und als sie das bejahten,\nfragte er sie, ob sie auch ihre neugeborenen Kinder\nuniformieren könnten — und als sie auch das bejahten,\nfragte er sie, ob sie auch ihren Himmel uniformieren\nkönnten. Da waren die Ratsherren erschrocken und\nverstummten. Und der Kaiser erklärte nun, dass er\nfurchtbar in Schiida hausen würde, wenn die Schildaer\nnicht in acht Tagen wüssten, wie ihr Himmel zu\nuniformieren sei.\nIn scheinbar grimmigster Laune verliess der Kaiser\ndas dreieckige Rathaus und speiste zu Abend im\ngoldenen Löwen, allwo er sich nebenbei nach dem\nFlugtechniker Sebastian erkundigte.\nDer Herr Sebastian war da.\nXVI\nDer Himmel\nDrei Tage später sass der Kaiser Philander des\nAbends auf der Seeterasse und blickte zu den Sternen\nempor, rauchte seine Zigarre und trank Wein dazu;\ner sass ganz allein und sprach plötzlich zu sich selbst:\n„Alle Wetter! Jetzt muss ich bald fort von diesem\nverdammten Schiida! Immer denke ich wirklich ernst-\nhaft darüber nach, wie wohl dieser grosse Himmel\nuniformiert werden kann. Ich fürchte, die Narrheit\nsteckt an. Die Sterne sind natürlich zu kompliziert,\nund die Farbe des Himmels ist immer wieder eine\nandere — sowas lässt sich wirklich nicht uniformieren.\nAber ich denke ja tatsächlich darüber nach. Hier\nwerde ich auch ein Narr! Ich muss fort — fort!\nEr rief einen Diener und schickte ihn zum goldenen\nLöwen, und bald danach sass der Kaiser dem Flug-\ntechniker Sebastian gegenüber und plauderte mit ihm\nüber die Narrheit.\nDer Herr Sebastian meinte:\n„Diese Versunkenheit der Schildaer ist nach meinem\nDafürhalten blos eine gerechte Strafe für ein bummliges\nLeben, das keine festen Ziele im Auge behält, nur\n\"nach Vergnügungen strebt, in Ausschweifungen verfällt\nund dem lächerlichen Hochmut nicht bei Zeiten richtig\nzu begegnen weiss.\"\n„So würden Sie, Herr Sebastian\", entgegnete nun\nder Kaiser ernst, „ohne Schaden für Ihre geistige Ge-\nsundheit ein ganzes Jahr hier in Schiida leben können,\nnicht wahr?\"\nHerr Sebastian bejahte das lächelnd, und der\nKaiser meinte so nebenhin:\n„Könnten Sie mir versprechen, das zu tun, wenn\nmir sehr viel daran läge?\"\n„Das könnte ich ohne weiteres!\" versetzte der\nHerr Sebastian lächelnd.\nDa hörten sie in der Stadt ein mächtiges\nKlappern und ein grosses Gehämmer wie in einem\nEisenwalzwerk.\nDer Kaiser Hess sich erkundigen, was das Geräusch\nzu bedeuten hätte, und , erfuhr, dass die Schildaer\ndabei wären, ihre Stadt mit gelben und roten Tuch-\nstreifen zu überspannen, um eine Uniformierung des\nHimmels herbeizuführen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "358", "page_fin": "359", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.6", "titre_corps": "Ranko der Held : Franz Herczeg", "titre_sommaire": "Ranko der Held : Franz Herczeg", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "358", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.4", "debut_caractere": 2901, "fin_caractere_exclue": 11777, "texte": "Ranko der Held\nFranz Herczeg\nIch ging zu Fuss voh Szentpeter Szerbalmäs.\nDas Tiefland ist dort flach wie eine Tischplatte.\nAls ich die unabsehbare lange Birkenallee\nkreuzte, welche die Bauerngüter von der herrschaftlichen\nDomäne scheidet, schlug lauter Gesang an mein Ohr\nEin kleines Mädchen sass am Grabenrand, hütete\nein geflecktes Kalb, das dort weidete, und sang dabei\naus vollei Kehle aber mit viel musikalischem Gefühl\nein Lied. Das kleine Mädchen war eine Serbin.\nFrüher einmal war die ganze Gegend hier unten bis\nzur Donau serbisch; heute freilich liest der Pope nur\nmehr in vier oder fünf Dörfern die Messe. Die\nSerben hier haben ein ganz merkwürdig entwickeltes\nTalent für Musik. Zwei KnirjÄe, die sich hinter dem\nZaun zusammensetzten, wissen ganz prächtig zwei-\nstimmig zu singen.\"\nVon dem Liede des kleinen Mädchen verstand ich\nnur so viel, dass es den Ruhm irgend eines Helden\nnamens Jvan Ranko preise. Wer war dieser Ranko?\nIch kenne die Geschichte und die Legenden dieser\nunteren Gegend ziemlich genau, von einem Ranko\naber ghatte ich nochj nichts gehört. Vielleicht ein\nWaffengenosse des grossen Mark Krälevics Seltsam —\nim ungarischen Volke lebt nicht ein einziges der Lieder\nmehr, die einst zu Ehren Toldis oder Hunyadis\ngesungen wurden, die serbischen Volksgesänge dagegen\nwissen heute noch von Helden zu berichten, die als\ntürkische Söldner bei Angora gegen die Mongolen\nkämpften. Es sind recht monotone, schwermütige\nMelodien, die Texte nie ohne poetische Schönheit.\nIch sprach das kleine Mädchen an; es wurde sehr\nverlegen, sprang auf und lief lachend dem Kalb nach.\nSie hatte Haar und trug einen roten bis zum\nKnie reichenden Rock; ihr Laufen aber zeigte so viel\nunbewusste Grazie, dass ich an die den Schmetterling\nverfolgende Psyche denken musste. Der Schmetterling\nwurde allerdings durch ein scheckiges Kalb mit rührend\neinfältigen Glotzaugen ersetzt.\nBei der herrschaftlichen Mühle traf ich den Ver-\nwalter. Er war Serbe und die vielen stillen Winter-\nabende hier draussen hatten ihn allmählich zu einem\nder Belegsten im Komitat gemacht Er kam eben\naus der Mühle. Seit zwei Jahren musste er jeden\nMontag dorthin, um Marsics, den Müller, fortzujagen.\nSeit Jahren betrank sich nämlich Marsics jeden Sonntag\nbis zur Bewusstlosigkeit; in diesem Zustande war er\ntotal verrückt und gelobte brüllend, die Herrschaft dem-\nnächst erschiessen zu wollen. Montag bat er dann denVer-\nwalter unter Tränen um Verzeihung und schwor dass\nsich derartiges nie wieder ereignen solle. So kamen\ndie beiden ganz gut miteinander aus.\nDas Gesicht des Verwalters war noch rot vom\nAerger.\nFurchtbar, was einem der Kerl zu schaffen gibt!\nNa aber diesmal gibts keinen Pardon! Jetzt fliegt er\nhinaus und wenn er Hungers stirbt. . .\nEs wird nichts so heiss gegessen — dachte ich mir\nAuch ist die Mühle heute nicht gerade leicht zu ver-\npachten.\nIch wollte das Gespräch von Marsics, dem jetzt\nsicher wieder der Schädel brummte, ablenken und\nfragte:\nKennen Sie die serbischen Volkslieder, die hier\ngesungen werden?\nHabe was Klügeres zu tun, als mich darum zu\nbekümmern — meinte er noch immer schlecht gelaunt.\nDa wissen Sie also auch nicht, wer Jvan Ranko\nist?\nDas soll ich nicht wissen? Er arbeitet doch bei\nmir und ist drüben in Almas zuhause.\nRanko der Held? Von dem das Lied meldet?\nAch was, hierzulande wird sehr bald von Einem\ngesungen.\nUnd weshalb ist Ranko ein Held?\nEr hat seine Frau erschlagen — zwei Jahre mögen\nes her sein.\nDa sitzt er jetzt wohl im Zuchthaus?\nI wo! Kein Geschworner in der Stadt hätte den\nMut, den Angeklagten schuldig zu sprechen, den das\nVolkslied einmal zum Helden gemacht hat. Uebrigens\nwar ich in dem Prozess damals selbst Geschworner.\nUnd sie haben ihn auch freigesprochen?\nNatürlich!\nErzählen sie doch, wie trug sich der Fall zu?\nRanko heiratete eine rumänische Dirne aus Ge-\nsztenyes drüben. Solche Heiraten sind bei uns ziemlich\nselten — die hiesigen Bauern haben für ihre rumänischen\nBrüder nicht viel übrig. . .\nWar sie wenigstens schön?\nNa — so! Die Mädchen aus Gesztenyes sind alle\ngleich. Nicht hässlich, aber so — wie soll ich sagen —\nsie haben so wässerige, schwarze Augen und grosse,\nweisse Zähne. Mit fünfundzwanzig Jahren sind sie\nalte Weiber. . . Die Bauernweiber hier tragen alle\nLasten auf dem Rücken, die aus Gesztenyes aber alles\nauf dem Kopfe; daher ihre kerzengrade, stolze Haltung.\nWar natürlich ein schlechtes Ding, das Mädel?\nWie alle aus Gesztenyes. Die Rumänen im\nKrassöer Komitat, die durchwegs gute Landwirte und\nehrsame Bauern sind, verachten das Dorf nicht ohne\nGrund. Ich glaube freilich, dass die Verderbtheit dort\nnur den sommerlichen Badegästen aufs Kerbholz zu\nschreiben ist. . . Ranko heiratete im Herbst und im\nFrühjahr darauf hatte ihn Milka— so hiess das Weibs-\nbild — schon stehen gelassen. Irgend einem jungen\nBurschen zu Liebe. Den ganzen Sommer hindurch\nhauste das nichtsnutzige Paar draussen in einer leer-\nstehenden Wächterhütte. . .\nHatte Ranko die Frau gern?\nWeiss Gott! Das Bauernvolk ist in solchen Dingen\nschamhafter als man glaubt und schwer zu durch-\nblicken . . . Wissen Sie, was ich mir oft denke?\nWenn so Euere literarischen Bauern aus den Volks-\nstücken, die von Liebe und Liebesgram singen —\nwenn die einmal in die Dörfer herkämen — — die\nLeute würden sie für wahnsinnig halten ... Ich weiss\nnur, dass Ranko jeden Sonntag nach der Messe zu\njener Wächterhütte hinaufging und seine Fzau bat, zu\nihm zurückzukommen. Von sich wird er wohl nicht viel\ngesprochen haben, sondern eher von seiner Kuh, den\nzwei Ferkeln und dem Geflügel, mit dem er ohne\nFrau nicht fortkomme. . . Milka aber lachte ihm ins\nGesicht.\nEin so schlapper Kerl war der Held?\nNoch viel schlapper. . . Im Herbst musste der\nGalan Milkas zum Militär einrücken und da kam dann\ndie Frau ungebeten nach Hause. Ranko empfing sie\noffenen Armen Der arme Kerl arbeitete damals wie\nein Lasttier, nur um die Frau mit bunten Tand be-\nhängen zu können. . . Im Frühjahr darauf lief sie ihm\nwieder davon. Damals verdingte sie sich beim Ver-\nwalter der Radvänyschen Herrschaft als Magd oder der-\ngleichen . . Der Verwalter war ein hübscher, junger\nMensch, so eine Art Dorf-Don-Juan. . Ranko stahl\nsich nun jeden Sonntag vor die Türe des Verwalters,\nund wenn es irgendwie anging, sprach er Milka wieder\nvon der Kuh, den Ferkeln und dem Geflügel. . . Im\nWinter heiratete der Verwalter die Tochter eines Wein-\nhändlers aus Krassö, und die junge Frau hatte natürlich\nnichts Eiligeres zu tun, als Milka fortzujagen. . .\nUnd Ranko nahm sie wieder zurück.\nFreilich. Nicht nur diesmal, sondern noch in vier\nganz ähnlichen Fällen. Denn bei der Hauptverhandlung\nwurde nachgewiesen, dass Milka — von allem Uebrigen\nabgesehen — ihrem Mann im ganzen sechsmal davon-\ngelaufen war. Ihr letzter Geliebter war wieder jener\nVerwalter. Der hatte sich nämlich mit seinem\nSchwiegervater wegen der Mitgift entzweit und ihm im\nAerger seine Tochter zurückgeschickt. . . Damals\nstolzierte Milka für kurze Zeit noch einmal in der\nVerwalterwohnung einher . . . Das nahm ein Ende,\nals der Verwalter sich mit seiner Frau und deren\nVater versöhnte und jenseits der Donau ein Gut\npachtete. . . Miika bekam eine schöne rotseidene\nSchürze und war mit einem Male wieder bei Ranko. .\nDas sah so aus, als hätte sie das liderliche Umher-\ntreiben satt bekommen. Sie kümmerte sich nicht mehr\num die jungen Burschen, sass ruhig bei ihrem Mann\nund besorgte auch das Hauswesen. . .\nUnd warum musste sie dann doch sterben?\nHm. . . Damals bei der Hauptversammlung habe\nich die Sache begriffen . . . heute kann ich es Ihnen\nnicht mehr recht erklären. Diese Südslaven sind eben\neine ganz andere Masse als unsere ungarischen\nBauern. . . Es gibt vielleicht kein zweites Volk, das\nsoviel zu erdulden vermag, aber auch keines, das beim\nallergeringsten Anlass so zu toben beginnnt. . . Im\nübrigen glaube ich fast, dass diese Leute in höherem\nMasse unter der Macht jener geheimnisvollen Kräfte\ndie man insgesamt als Schicksal zu bezeichnen pflegt,\nZu jener Zeit feierte irgend ein Verwandter Rankos\nim Dorf seine Hochzeit, wobei es, wie sie wissen,\nhierzulande immer hoch hergeht. Auch Milka hatte sich\nin Gala geworfen und jene rotseidene Schürze angelegt,\ndie sie vom Verwalter bekommen hatte. Ranko ärgerte\nsich darüber und es gab einen kleinen Streit Obwohl\nMilka ihm gerade damals in allem gehorchte, gab sie\nnicht nach und ging schliesslich allein zur Hochzeit . •\nDie rote Schürze hatte sie anbehalten . . .\nUnd Ranko?\nRanko schärfte sein Beil in dem Stall, ging dann\nseiner Frau nach und erschlug sie vor den Augen der\nversammelten Hockzeitsgäste. Als sie tot dalag, löste\ner ihr die rote Schürze vom Leib, trug diese in die\nKüche und verbrannte sie Dann küsste er Milka so-\nwie alle, die zugegen waren, sagte nichts als: Ser-\nbische Brüder betet für mich! und schritt gradewegs\nzur Gendarmerie. Vor Gericht verteidigte er sich damit,\ndass ihm sein Herz befohlen habe, so zu handeln . ."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "359", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2826, "texte": "Bei diesen Serbischen Bauern kommt alles aus dem.\nHerzen . . . ihre Kraft, ihre Ehre, ihre Seele . . ,\nselbst der Hunger nagt ihnen nicht so sehr am Magen\nwie am Herzen . . . Der Staatsanwalt fragte ihn\nweshalb denn sein Herz stumm geblieben sei, solange\nMilka sich mit anderen Männern umhergetrieben habe,\naber Ranko wusste darauf \"nichts zu antworten. Die\nGeschwornen aber verstanden ihn [und sprachen ihn\nfrei und auch das Volk verstand ihn und preist ihn\nim Liede . . .\nWir waren während dieses Gespräches ins Dorf\ngekommen. Ich nahm die Einladung [des Verwalters\nan und kehrte bei ihm ein. Vor seiner Wohnung standen\nein Dutzend Bauern umher, die geduldig hier auf ihn\ngewartet hatten.\nSie haben Glück — meinte er — dort steht gerade\nder Held!\nEr wies auf einen kleinen, schmächtiger Bauern,\nder die Mütze in der Hand bescheiden bei den übrigen\nstand. Er trug wie die anderen ein Bauernhemd, eine\nweisse Filzhose mit schwarzer Verschnürung und\nBundschuhe mit roten Riemen. Der Verwalter sprach\nihn mir zu Liebe an:\nNun, Nachbar Ranko, kommst Du morgen mit dem\nWagen herein?\nIch kann hereinkommen, Herr.\nUnd was verlangst Du Tagelohn?\nWas der Herr mir mit gutem Herzen gibt.\nIch fand diese Antwort recht merkwürdig; denn es\ngibt auf der Welt niemanden, der so gern feilscht,\nwie die Fuhrleute dieser Gegend.\nUnd wenn der Verwalter mit gutem Herzen gar-\nnichts geben will? nahm ich jetzt das Wort.\nDann mach ich die Fuhre um Christi Liebe willen,\nantwortete Ranko und sah mich mit seinen grossen\nAugen ernst an.\nIch wollte ihm eine Zigarre geben, er nahm sie\naber nicht.\nWie willst Du aber leben, wenn Du für die Reichen\numsonst arbeitest? fragte ich weiter.\nRanko erwiderte mit leise singendem Tonfall:\nDer Herr, der die Lilien kleidet auf dem Felde. . .\nIch sehe schon, Freund Ranko, Du bist Nazarener. .\nIch habe das ewige Licht erblickt!\nDer arme Mensch hat sich eben nach seiner Art\nmit seinem Gewissen auseinandergesetzt, sagte ich\nungarisch zum Verwalter.\nWir gingen ins Haus. Auf der Treppe blieb mein\nWirt stehen.\nIch muss Ihnen etwas sagen, was recht komisch\nklingt. Wenn ich damals bei der Hauptverhandlung\nRanko schuldig gesprochen hätte, so würde man mir\nunfehlbar das Dach über dem Kopf angezündet haben.\nWenn ich aber jetzt hinuntergehe, und ihn halb tot\nprügle, so wird ihn morgen das ganze Dorf auslachen\nund mir wird durchaus nichts geschehen. Auch das\nHeldenlied von Ranko wird mit genau derselben Be-\ngeisterung weiter gesungen werden. . .\nUnd was folgt daraus?\nDass der Heldenruhm nicht Rankos Besitz ist,\nsondern der des Volkes. Das Volk dürstet nach Helden,\nund da es keine bekommt, hilft es sich eben, so gut\nes kann. . .\nIm Vorzimmer ibegrüsste (uns ein Kanarienvogel\nmit lautem Singen.\nIn der anstossenden Küche stand ein Mädchen\nvor dem Waschtrog und sang das traurige Lied von\nRanko, dem Helden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "359", "page_fin": "359", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.7", "titre_corps": "Lektüre", "titre_sommaire": "Lektüre", "signature_source": "Rene Schickele", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "359", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.5", "debut_caractere": 2828, "fin_caractere_exclue": 10008, "texte": "Lektüre\nVon Rene Schickele\nI\nWeil ich krank war, habe ich viele Zeitschriften\nund einige Bücher gelesen. Ich las Tag und Naeht;\ndenn es ist grässlich, im Bett zu liegen und nicht ein-\nmal so krank zu sein, dass man garnicht mehr denkt,\nausser, sehr unbestimmt und voll Erinnerungen, an die\nEndfragen der Menschheit . . . Einmal ging es mit\nmir sehr schlecht, und es war mir alles wunderbar\ngleichgültig geworden. Es dauerte nicht einmal vier-\nundzwanzig Stunden. Da träumte ich schon wieder,\ndass ich in den Strassen einer grossen Stadt den be-\nvorstehenden Einzug Karls des Grossen durch Mauer-\nanschläge bekannt machte. Die Strassen glichen ein-\nander und hatten keine Namen oder sonstweiche Merk-\nmale. Es war eine fürchterliche Arbeit, die man mir\naufgegeben hatte. Ich überanstrengte mich, ich fühlte\nmich deutlich wahnsinnig werden. Gott sei Dank fiel\nich vorher in Ohnmacht. . . Als ich wieder zur Be-\nsinnung kam, lief ich mit einem Handkoffer und einer\nBassgeige hinter einem Schnellzuge her. Ohne die\nBassgeige hätte ich ihn gewiss eingeholt. Aber so —!\nVerzweifelt sank ich auf dem Bahndamm in Bassgeige\nnnd Koffer, schweisstriefend und vor Kälte zitternd,\nund lauschte, ob hinter mir ein Zug käme und mich\nüberführe. Ich wollte sterben. Denn ich ertrug das\nMissverhältnis zwischen mir und der Bassgeige nicht\nmehr. Ich war zu Tode erschöpft von den Grübeleien\nüber den Zweck des Instruments, das ich mit mir\ndurchs Leben schleppen sollte, ohne es spielen zu\nkönnen, ohne überhaupt die geringste Sympathie dafür\nzu haben; ich wusste nicht einmal, wie ich zu dieser\nwahrhaft teuflischen Bassgeige gekommen sei. Da\nbegann ich über die „letzten Fragen\" nachzudenken...\nNachher sagte man mir, dass ich vor Wut geschrieen\nund die Fäuste gescüttelt hätte.\nFieber erschöpft. Das ist seine angenehmste Eigen-\nschaft. Wiederum war mir alles gleichgültig. Als der\nArzt mich untersucht hatte, sagte er, dass er diesmal\nsehr zufrieden sei und erst nach zwei Tagen wieder\nvorbei käme. Er schrieb eine Ordonnanz, Eine\nSchreibmaschinenseite voll Medikamente. Das Mädchen\nbrachte ein Paket aus der Apotheke nach Hause,\nund als das Paket aufgewickelt wurde, dachte ich an\ndie erfreuliche Vielfältigkeit einer Weihnachtskiste. Da\nwaren grosse Schachteln und kleine Schachteln, Büchsen,\nFlaschen in allen Grössen und allerhand Ueberraschungen,\ndie noch einmal aus verschiedenen Schichten Papier\ngewickelt werden mussten. Wenn endlich Seidenpapier\nznm Vorschein kam, sagten wir „Ah! Jetzt.\" Und\ndann kams. ... Ich roch an allem und kostete\neiniges. Darauf schenkte ich alles der Conciergefrau.\nFür den Fall, dass sie einmal krank würde. In diesen\nMonaten ist niemand ganz sicher, und die Medikamente\nwaren gute, erprobte und von Autoritäten empfohlene\nAputhekerfindungen, die jeder Arzt in meinem Arron-\ndissement verschreibt. Im nächsten führen sie einen\nardern Namen, weil sie ein andrer hervorragender\nApotheker erfunden hat, aber es sind immer dieselben\nKöstlichkeiten. Ich erkannte sie gleich wieder, obwohl\ndie Wissenschaft sie mir das letztemal in einem Vor-\nort verschrieben hatte. Trotzdem muss jeder anstän-\ndige Patient sie doch immer wieder aus der Apotheke\nholen lassen; weil er sonst seinen Arzt um einen Teil\ndes Honorars betröge; weil es hierzulande nun einmal\nso eingerichtet ist, dass der Arzt das Honorar in der\ndoppelten Form von direkten und indirekten Steuern\nbezieht. Die zweite Form bildet eine Art Versicherung,\nfür den Fall, dass der Patient sich um das Honorar\ndrücken sollte. Ausserdem .. . soll ich es ge-\nstehen? . . . schicke ich zum Apotheker, wie Poly-\nkrates seinen Ring ins Meer warf. Um die Götter\nzu versöhnen. Wenn ich stürbe, könnte ich mir vor-\nwerfen, dass ich die verschriebenen Medikamente nicht\nkaufte und darum sterben musste. Am Geiz . . . .\nUnd den Geiz habe ich immer für das niedeträchtigste\nLaster gehalten, schon deshalb, weil ich es nicht habe.\nStatt mein Weihnachtspaket zu verschleissen,\nlas ich.\nII\nZeitschriften\nDie kleinen „Marges\", die Eugene Montfort früher\nallein schrieb, und die seit einem Jahre eine der\nwenigen interessanten Zeitschriften geworden sind, die\nsich in diesen kurzgefassten Zeitläuften noch auftreiben\nlassen.\nWer kennt „Les Marges\" ?\nNur die harmlosesten Literaten der Republik.\nMan kennt die „Revue des deux Mondes\",\ndie „Revue de Paris\" und andere Folianten, vor\nderen Lektüre Gott mich ewig behüten möge. Die\n„Revue des deux Mondes\" lebt von dem soliden Re-\nnomee, das der Ausruf Mussets ihr gemacht hat:\n„Ich bin Mitarbeiter der Revue des deux Mondes ge-\nworden, ich werde zu leben haben!\" — obwohl sie\nschon lange nicht mehr so gut honoriert und nur noch\ndie Arbeiten wohlsituierter Leichen veröffentlicht. Die\n„Revue de Paris\" lebt davon, dass es Balzac fast ge-\nlungen wäre, sie zu ruinieren. Auch der „Mercure\nde France\" erscheint. Er ist ein Bazar geworden.\nManchmal gibt es einen vonfNeuheit flammenden „Jour\nde blanc\". Aber selten. Die Hauptmitarbeiter, die\neinmal die „Jungen\" waren, sind alt geworden . . .■\nDie paar Jungeu, die literarischen Ehrgeiz haben,\nschreiben in die „Marges\" und in die „Nouvelle Revue\nfran^aise\".\nMan findet in jeder Nummer der „Marges\" knappe,\ngut geschriebene Uebersichten über lyrische und epische\nNeuerscheinungen, eine 112 musikalische Kritik, einen\nBericht über die Kunstausstellungen und die Erstauf-\nführungen. Der sehr begabte Guillaume Apolli-\nnaire pflegt seine eigene Rubrik: „Contemporains\npittoresques\". Eugene Montfort schreibt die Rand-\nglossen. An „produktiver\" Literatur bringt die Zeit-\nschrift wenige ausgewählte Gedichte, zwei, drei schöne\nProsaseiten und ein besonderes Stück für Feinschmecker.\nIn Nummer 29 war es ein Teil des Originalmanüskripts\nvon „Noa-Noa\". Die Fassung, die wir kannten\n(und die noch immer sehr schön war!) ist nur von\neinem literarischen Herausgeber vorgenommene Ueber-\narbeitung des Originaltextes . . . Der ungepflegte Gangüin\ngefällt mir besser ... |In |Nummer 22 waren es\nunveröffentlichte Notizen von Flaubert über\nseine Orientreise, deren wunderbare Intimität leider jeden\nGedanken an eine deutsche Uebersetzung ausschliesst.\nWelch ein Liebhaber (um nicht zu sagen „Erotiker\")\nwar dieser wütende Mönch, der in den Nächten vieler\nJahre, allein zwischen seinen vier Mauern, frierend und\nfiebernd, seine Sätze brüllend und wieder tagelang über\ndem „richtigen\" Wort brütend mit dem Engel der\nVollendung bis zur Vernichtung rang .... Es hat\nkeinen Sinn, lieber Herr . . . fast zu leben wie\nFlaubert und ganz schreiben zu wollen wie er, wenn\nman von anderswoher kommt, anders geartet ist, und\nnicht einmal, bevor man Asket wurde, die tiefe und\nschreckliche Sanftmut der Sünde gekannt hat. Ein\nHeiliger und ein Kastrat sind zweierlei, und es ist gut\nzu wissen, welcher dieser beiden Kategorien man an-\ngehört. Seit der „Entdeckung\" Flaubert sind die Eu-\nnuchen, 112 diese Pedanten) mutig geworden. Sie haben\nsich korrekt lächelnd als Märtyrer bekränzt und sprechen\nvon Stil ... Sie haben Unrecht. O, wie Unrecht!\nIhr Flaubert ist ein grotesker Irrtum. Flaubert war\nverzweifelt! Und sie sind ohnmächtig — wenns hoch-\ngeht, ein wenig katzenjämmerlich. Jetzt so gut wie\nfrüher und in Ewigkeit. In der Literatur ebenso, wie\nanderswo"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c008", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "359", "page_fin": "359", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.8", "titre_corps": "Gang in den Winterabend", "titre_sommaire": "Gang in den Winterabend", "signature_source": "Paul Zech", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "359", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.5", "debut_caractere": 10029, "fin_caractere_exclue": 10459, "texte": "Gang in den Winterabend\nPaul Zech\nUeber verschneite Waldparzellea\nSchweben Wolken wie ein Schwärm\nAufgescheuchter Libellen.\nSchweigen kühlt alle Räume.\nWildfremder Wind\nBeweint die frierenden Bäume.\nEin paar Häuser entsteigen\nDer Lichtung\nWie ein ärmlicher Fackelreigen;\nNebel wandern gleich Traumgesichten\nQuer drüber hin,\nBis sie den Zauber vernichten.\nBis der Sinn aller Kuppen\nDen Raupen gleicht,\nDie sich schinnend verpuppen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c009", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "359", "page_fin": "360", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.9", "titre_corps": "Kunstverständnis", "titre_sommaire": "Kunstverständnis", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "359", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.5", "debut_caractere": 10461, "fin_caractere_exclue": 10735, "texte": "Kunstverständnis\nDer Bürger urteilt über nichts so dreist und selbst-\nherrlich wie über die Kunst. jede neue Erscheinung\nder Literatur, Musik und Malerei gibt ihm einen will-\nkommenen Grund sich zu belustigen. Nach Art der\nParanoiker sieht er die Krankheit, den Grössenwahn,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "360", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2812, "texte": "an dem er selbst leidet, beim Künstler. Der Bürger\nhasst die Kunst, weil sie ihm „zwecklos\" scheint. Sie\nvermittelt keine Nachrichten, sie bringt keine Tatsachen,\nsie trägt keine Zinsen und sie lässt sich schwer ver-\nmeiden. Denn sie ist immerhin und leider gesellschafts-\nfähig geworden. Man kann ihr höchstens bei Todes-\nfällen aus dem Wege gehen. Aber die Kunst ist auf-\ndringlich, und da müssen Scheingründe herhalten, sie\nabzuwehren. Man hat einfach keine Zeit für sie. Das\nLeben ist heute ungeheuer anstrengend, jeder Beruf\nerfordert seinen ganzen Mann und seine ganze Frau.\nUnd abends müssen sich alle Menschen erholen. Der\nGeist muss auspannen, der noch garnicht eingespannt\nwar. (Nichts ist automatischer als die Berufstätigkeit,)\nZur Orientierung (wegen der Bildung) genügen die\nTageszeitungen und Namenkenntnisse. Der neue Roman\nvon Frenssen, das neue Drama von Fulda, die neuen\nGedichte des befreundeten Justizrats werden gekauft\nnnd man ist auf der Höhe. Die Operette du jour\npflegt sich der Bürger dreimal anzusehen. Schliesslich\nwill man doch in seinem Cafehaus die Melodieen\nwiedererkennen, die die sogenannten Orchester in\nPariser Besetzung unaufhörlich spielen. Was etwa sonst\nan Kunst noch geschieht, wird als störender Eingriff\nin das Privatleben, in den Nachmittagsschlaf oder in\ndie Fahrt auf der Elektrischen empfunden. Was fällt\ndem Herrn Kokoschka ein, Dinge zu zeichnen, die man\nnicht sieht. Was fällt den Herren Alfred Mombert\nund Rainer Maria Rilke ein, eine Sprache zu schreiben,\ndie man nicht spricht. Kennt man auch die sogenannte\ndeutsche Muttersprache nicht, so hat man doch sein\nbischen Französisch in der Schule gelernt. (Auch\nwegen der Bildung.) Und der Kritiker der abonnierten\nZeitung ist ja „dagegen\". Die Künstler müssen\neben lernen, sich gemeinverständlich auszudrücken.\nSonst kann die janze Kunst gestohlen werden. Be-\nsonders die zeitgenössische. Denn der Bürger hat für\ndie mehrfach erwähnten Bildungszwecke die beliebten\n„Klassiker.\" In den Museen hängen die schönsten\nBilder und die Leute, die nie hineingehen, empören\nsich, dass man nun an manchen Tagen Eintritt erhebt,\nund gerade an den Tagen, an denen man unbedingt\nmal Kunst geniessen wollte. Die Musik hat von jeher\nGeld gekostet, aber dafür sitzt man wenigstens in\neinem Lokal. Jeder Schieber schwärmt für die Neunte\nSymphonie. Sie ist erklärtes und anerkanntes Heilig-\ntum des deutschen Volkes. Darum, meine Zeitgenossen,\nist es höchst lehrreich zu lesen, mit welchen beweg-\nlichen Worten Richard Wagner (jetzt gleichfalls ein an-\nerkannter Heiliger) das Publikum zwanzig Jahre nach\nEntstehen dieses Meisterwerkes wenigstens um gütiges\nGehör bittet. Er wählt eigens die hierorts so beliebte\nMärchenform (man ist für Stimmung), da er offenbar\nfürchtet, das Publikum würde sonst diese Bitte nicht\neinmal lesen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c010", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "360", "page_fin": "360", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.10", "titre_corps": "Beethovens Neunte", "titre_sommaire": "Beethovens Neunte", "signature_source": "Richard Wagner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "360", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.6", "debut_caractere": 2814, "fin_caractere_exclue": 6405, "texte": "Beethovens Neunte\nVon Richard Wagner\nEs war einmal ein Mann, der fühlte sich\ngedrängt, alles was er dachte und empfand,\nin der Sprache der Töne, wie sie ihm durch\ngrosse Meister überliefert war, auszudrücken:\nin dieser Sprache zu reden, war sein innigstes\nBedürfnis, sie zu vernehmen, sein einzigstes\nGlück auf Erden, denn sonst war er arm an\nGut und Freude, und die Leute ärgerten ihn\nsehr, wie gut und liebend er auch gegen alle\nWelt gesinnt war. Nun sollte ihm aber sein\neinzigstes Glück geraubt werden — er wurde\ntaub und durfte seine eigene herrliche Sprache\nnicht mehr vernehmen! Ach, da kam er nahe\ndaran, sich der Sprache selbst auch berauben\nzu wollen: sein guter Geist hielt ihn zurück;\n— er fuhr fort, auch was er nun empfinden\nmusste, in Tönen auszusprechen; — aber un-\ngewöhnlich sollten nun seine Empfindungen\nwerden; — wie die Leute von ihm dachten\nund fühlten, musste ihm fremd und gleich-\ngültig sein: er hatte sich nur noch mit seinem\nInnern zu beraten und in die tiefsten Tiefen\ndes Grundes aller Leidenschaft und Sehnsucht\nsich zu versenken! In welch wunderbarer\nWelt ward er nun heimisch! Da durfte er\nsehen und — hören, denn hier bedarf es\nkeines sinnlichen Gehöres, um zu vernehmen:\nSchaffen und Geniessen ist§da eines. — Diese\nWelt aber war, ach! die Welt der Einsamkeit:\nwie kann ein kindlich liebevolles Herz für\nimmer ihr angehören wollen? Der arme\nMann richtet sein Auge auf die Welt, die ihn\numgibt, - auf die Natur, in der er einst voll\nsüssen Entzüekens schwelgte, auf die Menschen,\ndenen er sich doch noch so verwandt fühlt!\nEine ungeheure Sehnsucht erfasst, drängt und\ntreibt ihn, der Welt anzugehören und ihre\nWonnen, ihre Freuden wieder geniessen zu\ndürfen. — Wenn ihr ihm nun begegnet, dem\narmen Mann, der euch so verlangend anruft,\nwollt ihr ihm fremd ausweichen, wenn ihr zu\neurer Verwunderung seine Sprache nicht so-\ngleich zu verstehen glauben solltet, wenn sie\neuch so seltsam, ungewohnt klingt, dass ihr\neuch fragt: Was will der Mann? O, nehmt\nihn auf, schliesst ihn an euer Herz, höret\nstaunend die Wunder seiner Sprache, in deren\nneugewonnenem Reichtum ihr bald nie ge-\nhörtes Herrliches und Erhabenes erfahren\nwerdet, — denn dieser Mann ist Beethoven,\nund die Sprache, in der er euch anredet, sind\ndie Töne seiner letzten Symphonie, in der der\nWunderbare all seine Leiden, Sehnsucht und\nFreuden zu einem Kunstwerk gestaltete, wie\nes noch nie da war!\nDiese Arbeit erschien im Dresdener Anzeiger vom\n2. Januar 1846 und war verschollen. Dr. Julius Kapp\nveröffentlichte sie wieder in dem soeben erschienenen\nBuch: Der junge Wagner (Verlag Schuster und\nLoeffler, Berlin).\nDas Publikum möge sich diesen kleinen historischen\nBeitrag zur Warnung dienen lassen. Besonders das\nkunstverständige und die Kritik. Ich will noch ein\nUebriges tun und nenne hier ausdrücklich die Namen,\nüber die zu lachen, eine Blamage bedeutet. Und\nniemand will sich gern blamieren.\nDie Namen lauten:\nPeter Altenberg\nConrad Anborge\nMax Dauthendey\nRichard Dehmel\nVincent van Gogh\nPeter Hille\nOskar Kokoschka\nKarl Kraus\nElse Lasker-Schüler\nAdolf Loos\nGustav Mahler\nHeinrich Mann\nAlfred Monibert\nEdvard Münch\nRainer Maria Rilke\nPaul Scheerbart\nDiese Liste bezieht sich natürlich nur auf die Gegen-\nwart, in der Literatur nur auf die deutschsprechenden\nLänder. Es sind Namen mit Ewigkeitswert, wie Alfred\nKerr es nennt. Der Bürger sei ausdrücklich gewarnt,\nsich mit den Werken dieser Künstler zu befassen, aber\ner spreche ihre Namen nur mit Andacht oder garnicht\naus. Er denke an die Blamage und er verlasse sich\nnicht auf die „Presse\".\nJedenfalls: Ich habe das meinige getan.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c011", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "360", "page_fin": "360", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.11", "titre_corps": "Kunst für Alle : Schmuck und Schmock", "titre_sommaire": "Kunst für Alle : Schmuck und Schmock", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "360", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.6", "debut_caractere": 6407, "fin_caractere_exclue": 9391, "texte": "Kunst für Alle\nSchmuck und Schmock\nWelche beleidigend niedrigen Geistesfähigkeiten\nmüssen die treuen Untertanen den Mitgliedern unserer\nhohen Herrscherfamilie zumuten, wenn sie schon über\neine Spielerei, die eine prinzliche Hand geschaffen hat,\nin hysterische Verzückungen geraten.\nEin Basar, in der Vorwoche von einer Prinzessin\nin Potsdam veranstaltet, gab der Gesellschaft unver-\nmeidliche Gelegenheit, der Kaiserfamilie hohes Lob\nüber ein ungeahntes künstlerisches Schaffens-\nvermögen zuzuhuldigen.\nDie Schmöcke fast aller Berliner Blätter taten mit»\n„In der drangvollsten Enge, wie es im Lokal-\nanzeiger hiess, die häufig beängstigende Dimensionen\nannahm, standen sie festgebannt von der erlauchten\nHeimkunst\", und namentlich einen der Edeln hat sie\ntief ergriffen. Wo alles von der Kunst sprach, durfte\ner nicht verschweigen, dass er noch niemals viel von\nihr verstanden hat, und in einem selbstgefertigten\nParavent der Kaiserin erblickte er sogar des Festes\nSymbol, „hinter dem sich tiefein Künstler-\nleben entwickelte, von dessen reizvollen\nSchöpfungen der Basar Zeugnis geben\nsollt e.\"\nIch hingegen erblickte in der Chiffre D, mit\nder im Tageblatt ein Bericht über den Basar hin-\nlänglich gekennzeichnet war, ein Paravent*\nhinter dem sich auch ein Künstlerleben verbarg, von\ndessen aufreizvollen Schöpfungen wenige Tage später\ndie Montagszeitung Zeugnis geben sollte.\nDer Berichterstatter des Tageblattes warf für die\nMontagszeitung als „Mann und Künstler einen\nBlick hinter die Mauern eines Lebens, das uns die\nAllerhöchsten, die wir sonst nur im Auto, an dier\nLogenbrüstung oder in schlechten Reproduktionen der\nillustrierten Blätter zu sehen bekommen, menschlich\nnäher brachte.\"\nAber menschlich nicht allein, sondern „auch künst-\nlerisch\". Denn ein grosser Teil der Gegenstände, die\nman zum Verkauf gestellt hatte, waren: „Erzeugnisse\nfeinster Delikatesse, dezentester Hochkultur,\nProdukte des vornehmsten Geschmackes, des indivi-\nviduellen Geschmackes, der Eigenkunst, geläutert durch\nden Takt der Tradition. Und alles selbstgefertigt. In\nden eigenen Werkstätten gefertigt, königliche Heimkunst,\nkönigliche Hausmacherarbeit.\"\nDer Mann und Künstler Edel brauchte nur einen\nBlick hinter die Mauern des Lebens zu werfen, das uns\ndie Allerhöchsten menschlich näher bringt, um einer\n(wenn auch kleinen) Leserwelt die Augen öffnen zu\nkönnen über die Tatsache, dass hier die moderne\nKunst, trotz Knackfuss und anderen Hofkünstlern, ge-\nadelt wird. Hier werden feinempfundene Blumenstücke\nvon einer Prinzessin nicht einfach gemalt, sondern „im-\npressionistisch auf die Leinwand gezau-\nbert\" und die von einem Prinzen geschaffenen Sil-\nhouetten lehnen sich sogar an die Allerneuesten an —\ndie Bayros (o!) und Beardsley.\n„Man durfte, so sagt er auch noch, in die Seele\ndieser Begnadeten des Lebens schauen und konnte\nsich überzeugen, dass auch in den königlichen Wiegen\nMenschen geboren werden, Menschen, die die Zeit be-\ngreifen und aus ihr schöpfen.\"\nEdel wird sie nie begreifen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c012", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "360", "page_fin": "360", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "360", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.6", "debut_caractere": 9567, "fin_caractere_exclue": 9845, "texte": "Der schonste Punkt\nin der Umgebung Berlins ist Pichelsdorf an der\nHeeresstrasse. 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Kriiger Unterbarmen (Rhld.)\nHirschstrasse 49"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c020", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "362", "page_fin": "362", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "362", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.8", "debut_caractere": 853, "fin_caractere_exclue": 972, "texte": "malschule\nSystem L v. 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Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen bertihmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fordernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. 7j20. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. 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KuiiSlkrtilhographie in DrtiJartxndfuck von OSKAR KO- KOSCHKA »t socfcw crechlenen. Den BuchhiindJem ond Vcrkdufcm uriscrcr Zehschrifl slchen Excmplarc koslenloa mr Verfiiuung. Prci* hi* Plakatfreunde Mk. 1.— / Voraogs- drucfcc (50 S<Uck) Mk. 5.— nur direkt durdi den VtrUc :: :: DER STURM. Btrtin-Halensw"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c027", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "362", "page_fin": "362", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.27", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "362", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.8", "debut_caractere": 3162, "fin_caractere_exclue": 3198, "texte": "liuA/cl* J 0/*\n(/VlOUoit\n(E> d*b§\nHi"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-05-01-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-05_01#c028", "volume": "bmtnabg_1911-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "362", "page_fin": "362", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.2.28", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "362", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.8", "debut_caractere": 3200, "fin_caractere_exclue": 3348, "texte": "Hanse Herrmann\nKiinstlerische Lichtbilder\n::: Heimaufnahmen :::\nBERLIN W. / Potsdamerstrasse 134 a\nNahe Potsdamerplatz\nFernsprecher; Amt VI, 14967 |"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug 10 Pfennig\nHB H A gMBH gnHK H sgjjra jgji&gS sB j®s 1gg!si|\nEl ShPHMHMHe h9 Wirf jjpffl || v/* ■ JF llflfk M 1?pik\n•&4 l'*F filif ' s iigm 9 fpfKc, tPto» m *%£$£*%\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524 / Anzeigen-Annahme\nHannover Artilleriestr 15 und Berlin W 35 Potsdamerstr. 111\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark / Halbjahresbezug 2,50 Mark /«\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig!\nJAHRGANG 1911\nBERLIN/DONNERSTAG DEN 5. JANUAR 1911/ HANNOVER\nNUMMER 45\n\nINHALT:\nCDAM7 HRD(-7cr S\" FRIEDLAENDER: 01lm nieminisse juvabit / AUGUST STRINDBERG: Zuchtwahl des Journalisten / PAUL SCHEERBART: Der Kaiser von Utopia /\nS KOKOSCHKA zlchnungHe'd ' \" SCH'CKELE: LektÜr6 ' PAUL ZECH: °ang in den Winterabend / TRUST: Kunstverständnis /J. A, Kunst für Alle /\n\nVorüber / Zeichnung von Oskar Kokoschka"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "356", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.2", "texte": "Olim meminisse juvabit\nSamuel Lublinski gestorben\nam 25. Dezember 1910\nVon Dr. S. Friedlaender\nUnser sehr ehrwürdiger Freund ist gestorben, wir\nwollen als Freunde von ihm reden. Wir wissen, wir\nhaben es erlebt, was eine böse Zunge diesem lauteren\nwahrhaftigen, dem Vornehmen, Edlen streng zustrebenden,\nreinen Leben zuzurufen sich erfrechte. Aber indem\nwir das erlauchte Ideai dieses ringenden Dichter-\ngelehrten als leuchtenden Schild über sein Grab\ndecken, es ganz in solchen Glanz einhüllend, werden\nwir nicht nötig haben, durch Schönrederei den dunklen\nKern seines ehrlichen Lebens wegzulügen. Schatten\nwird von Licht geworfen, und hier sind Worte, Werke\nverblieben, von denen dieses Licht erkennbar genug\ntrotz aller Schatten so herrlich und heilig ausstrahlt,\nwie nur jemals von Worten und Werken der edelsten\nGeister. Ihm war ein Genius verliehen, an dessen\nHerausstellung aus dem tiefen, hemmenden Dunkel\nseines Lebens er mit dem emsigsten Bienenfleiss ge-\nwissenhaft und angestrengt arbeitete und — wie gern\nund freudig! weitergearbeitet hätte, wenn nicht sein\nTod so früh und doch zu spät, um ihn zu vernichten,\neingetreten wäre. Non omnis moriar kann er uns allen\nin stolzer Zuversicht durch den Geistermund seiner\nSchriften prophezeien. Sein Wissensdurst war unstillbar\nzur Tränkung und Sättigung seines weisen Geistes. Er\nwar ein Teil des Gewissens unserer Kultur, und in der\nNähe unserer Menschensonnen wird sich späten Augen\nein Strahl seines Lichtes zeigen. Der Mensch ist vom\nLeben wie von einem verstellenden Nebel umgeben,\nder seine scharfen Umrisse verwisc t; erst sein Tod\nlöscht diesen Nebel aus, und wir sehen unseren Freund\nzum erstenmal in erschütternder Vollendung wie er\nwirklich ist. Jetzt sollte statt aller Wortberedsamkeit\neine schlichte Büste schweigsam sein ganzes Leben\nerzählen. Er würde ein solches Denkmal, einen lapidaren\nLakonismus wohl aushalten. Wenige sind ruhmwürdig,\nViele berühmt. Es wundre sich niemand, dass wir\ngerade diesen Toten, der nicht das Unglück hatte,\nvielen zu gefallen, so hoch über das Gemeine empor-\nhalten, dass die Augen der Zukunft auf ihn fallen\nkönnen. Das Leben hat so sehr von seinem ridicele\ngelästert, dass nun der Tod ebenso gewaltig sein\nsublime entgegnen soll. Wohl dem Sterblichen, dessen\nTod ein solches auch nur flüstern und lispeln darf.\nStehe auf und wandle, toter Freund! Streue deine\nherbe, kräftige Saat in alle Schollen der Menschenäcker!\nNicht mehr verkannt und sehr gering, sondern gewür-\ndigt, verschönt, erheitert und bedankt wirst du unsicht-\nbar in den Gassen unseres Lebens wandeln, ein lichter\nSchatten; du kommst und jede Tür steht dir offen.\nKein feindseliger Spott widersteht deiner Güte, deiner\nKraft, deiner Tat, deinem Wohlwollen, du bist unge-\nhemmt in deiner Hoheit. —\n\nZuchtwahl\ndes Journalisten\nDie Erzählung der Wanze von Nummer acht-\nhundertundsechs\nTon August Strindberg\nSeine Majestät König Magnus Scheunenschloss lag\neines Nachts während des norwegischen Krieges bei\nTiveden. Er warf sich unruhig auf seinem Bette um-\nher; denn er hatte ein Nierenleiden, das er sich durch\nübermässigen Qenuss von Alicante zugezogen hatte.\nEs war noch dunkel und er wollte kein Licht an-\nzünden Er befühlte seine Wasseruhr. Vier! — Noch\nzwei Stunden bis zum Tag. Er stand auf, sprach einige\nGebete, trank ein Glas Bier und legte sich wieder\nhin, um zu überlegen. So lag er bis zum Tages-\ngrauen und warf sich in unruhigen Gedanken auf\nseinem Bett herum. Als der Arzt am Morgen eintrat,\nfand er den Zustand so bedenklich, dass er irgend\neine Zerstreuung verordnen musste, zum Beispiel eine\nHinrichtung oder eine Jagd Da keine Bauern zur\nStelle waren und die Leute des Königs nicht entbehrt\nwerden konnten, entschloss man sich zu einer Jagd.\nEin glücklicher Zufall hatte es auch gefügt, dass man\nein Stück oberhalb Tiveden Elche gespürt hatte; da-\ngegen drohte aber ein Umstand die ganze Kur zuver-\neiteln: man hatte keine Hunde. Das war ein neues\nUnglück. Der König, der sich einen Augenblick von\nseiner Niedergeschlagenheit erholt hatte, geriet ausser\nsich und fiel in Ohnmacht, und das ganze Lager kam in\nUnruhe Man setzte grosse Belohnungen aus für den,\nder einen Hund schaffen könne. Vergeblich.\nDer Zustand des Königs verschlimmerte sich Eine\ndumpfe Stille lag über dem Lager Man fürchtete das\nSchlimmste und niemand wagte sich zu rühren. Schliess-\ngegen Mittag, als der Arzt eben den Kopf geschüttelt\nhatte, hörte man ein Gebell aus dem dem dichtesten\nWalde. Erst einige tiefe Anschläge, wie von einem\nKettenhund, der bellt, weil es so sein soll, dann das\nGebell eines Spürhundes, das wie ein Jagdhorn klingt\nund bedeutet, dass er etwas gefunden hat; und darauf\nein anhaltendes Gewinsel, als ob er mit der Schnauze\neinem Hasen auf den Hacken läge. Ein donnernder\nHurraruf klang aus den Zeltgassen hervor und man\nerwartete jeden Augenblick den keuchenden Jagdhund\nam Waldrand zu erblicken. Was aber bekam man zu\nsehen. Möns, der Putzer des Generalfeldzeugmeisters,\nkam winselnd und wedelnd zwischen den Fichtenstäm-\nmen hervorgetrottet.\nMan lachte zuerst, dann aber wurde man ernst.\nDer König, der von seinem Bette aufgestürzt war, kam\nheraus und wurde Zeuge der Szene, aber der Putzer\nMöns liess die Zeit nicht unnütz verstreichen, sondern\nöffnete sofort seinen Mund und sprach mit der Mütze\nin der Hand:\nEure Majestät, meine Herren! Ich bin von der\nKrankheit unterrichet, die Eure Majestät hohe Nieren\nheimsucht und weiss, was für ein Heilmittel man vor-\ngeschlagen hat, sowie dass etwas dazu völlig fehlt. Da\nhabe ich mir die Freiheit genommen, meine geringen\nDienste anzubieten.\nWas kannst du? fragte der König erzürnt.\nBellen, Eure Gnaden!\nDas ist gut! Kannst du Elche jagen?\nNein, ich belle grosse Tiere nicht an, die schlagen\naus. Aber Hasen, Haselhühner und andere kleine\nTiere.\n♦\nEs ist gut! Ich habe allerdings noch nie Hasen\nvor Putzern geschossen, aber das ist neu und wird\nmich zerstreuen. Blas, Hornbläser, und sattle, Stall-\nmeister!\nAls dei Mittag kam, hatte der König drei Hasen\ngeschossen und war senr vergnügt Putzer Monds\nwurde gerufen, die Belohnung zu empfangen.\nWillst du Gold oder Ehre haben? Wähle, denn\nbeides kannst du nicht bekommen!\nEhre, Eure Majestät!\nAuf die Knie, du Hund!\nPutzer Möns fiel auf die Knie nieder, erhielt drei\nSchläge mit dem Schlachtschwert und stand als Edel-\nmann auf.\nDu sollst drei Hundeköpfe in deinem Schilde führen,\nzur Erinnerung an deine ausgezeichneten Verdienste;\nstatt des Helmes aber sollst du drei Pfauenfedern\nhaben, denn deine Eitelkeit war grösser als dein Geiz.\nDu bist frei, Möns Hund; geh hin, vermehre dich und\nerfüll die Erde!\nJetzt war Möns Edelmann! Jetzt musste er sich\nRüstung mit Schild und Schwert kaufen und im Wagen\nfahien. Aber er hatte kein Gold. Er versuchte auf\nseinen neuerworbenen Kredit eine Schuhwichsfabrik an-\nzulegen, aber er ging in der Konkurrenz unter. Er\nmachte alle Grade der Demütigung durch und kehrte\nschliesslich zu seiner früheren Stelle als Putzer beim\nGeneralfeldzeugmeister zurück.\nJetzt war er verheiratet und hatte Kinder, kleine\nadlige Kinder, die nach ihrem Stande erzogen werden\nmussten und das war nicht leicht.\nDer Sohn avanzierte zum Sergeanten, bekam den\nAbschied, verheiratete sich und hielt den Namen am\nLeben.\nDas Geschlecht zeichnete sich während der fol-\ngenden hundert Jahre nicht sehr aus, sondern verhielt\nsich still und ruhig. Das Höchste, was einer werden\nkonnte, war Fahnenjunker mit dem Abschied als Leut-\nnant. Die denkwürdige Entstehung der Adelschaft war\nvergessen und die Familienglieder lebten als arme\nEdelleute dahin. Etwas aber nagte und nagte Die\nEhre war vorhanden, aber das Geld fehlte immer und\nkeiner von der Familie wagte sich zum verachteten\nKaufmannsstand herabzulassen; der Schild musste rein\ngehalten werden und die Familie ihr Auskommen im\nStaatsdienste suchen Das Geschlecht konnte nicht\nentarten, weil es nie obenauf gewesen war, aber\nes konnte auch nicht steigen — aus Mangel an\nGeld.\nDes Stammvaters eminente Fähigkeit, die ihm den\nAdel eingebracht hatte, übersprang sechs Generationen,\nbis sie bei dem bekannten Daniel Hund wieder auf-\ntauchte, der von Johann dem Dritten auf Erich den\nVierzehnten losgelassen wurde. Ueber diesen schrieb\nDaniel Hund seine Chronik und wurde damit der\nerste Chronist des Vaterlandes. Da Johann eine dank-\nbare Natur war, blieb Daniels Beförderung nicht aus.\nMit der Beförderung kam das Gold endlich und bald\nsah man den Hundschen Palast sich in Stockholm am\nNorrmalmstorg erheben Nun wurde ein lustiges Leben\ngeführt; so lustig, dass die Erben ailes fortgeben\nmussten als Daniel starb. Alte Weiber sagten, wie\ngewonnen, so zerronnen, aber die Zeitungen sagten,\nHund sei ein Prophet (weil er einen König angegriffen\nhatte) und sie veranstalteten eine Sammlung für die\nFamilie.\nHier ist eine Lücke in den Biographien. Aber ich\nweiss, dass das Geschlecht ein kümmerliches Leben\nfristete bis zu Karl dem Elften. Da trieb die Familie\neine neue Blüte. Einen Sohn, der mit kleinerem Kopf,\naber grösserer Eitelkeit, mit weniger Gefühl, aber mehr\nGewissenlossigkeit begabt war als die anderen Kinder.\nEr wurde in ein Kontor gesteckt. Genaueres weiss\nman nicht. Es heisst, dass er auf eine weniger löb-\nliche Art zum Unterhalt der Familie beigetragen habe,\nworauf er eine eilige Reise nach Neu-Schweden in\nAmerika antreten musste.\nEr kehrte nach Stockholm zurück und fand sich\ndort ziemlich fremd. Viele seiner gleichaltrigen Kame-\nraden hatten durch Arbeit, Entsagung und Redlichkeit\nsich eine Stellung errungen, einige waren sogar be-\nrühmte Leute geworden. Das erzeugte bei ihm ein\ntiefes Missvergnügen Gleichzeitig merkte man bei\nihm ein ungeahntes Interesse für die Literatur, zumal\nfür die Sorte, die zeilenweise bezahlt wird. Unser\nFreund befand sich bald mit allen Vieren in der\nunter Karl dem Elften lebhaft blühenden Zeitungslite-\nratur.\nDa er indessen bald seine Stoffe wie seine alten\nFreunde erschöpft hatte, wurden seine Artikel seltener\nund die Mahlzeiten unregelmässiger; die grausame\nArmut nahm ihn hart in die Arme und bald befand\ner sich im Schuldturm hinter Schloss und Riegel.\nAber die Not ist erfinderisch und unser Mann fühlte\nsich dazu geschaffen, die grösste Erfindung des sieb-\nzehnten Jahrhunderts zu machen: die Reisebriefe\nVom Gefängnis gingen bald die allerherrlichsten Reise-\nschilderungen von Tunis und Konstantinopel aus; und\nvom Kriegsschauplatz bekamen gefühlvolle Zeitungsleser\ndie erschütterndsten Schilderungen eines „schwedischen\nAdligen\", dessen persönlicher Mut aus jeder Zeile,\nglänzte, und der das Tun nnd Lassen der Generale\neiner strengen Kritik unterwarf; besonders aber merkte\nman sichtliche Vorliebe des Verfassers für alles, was\ndas Seewesen betraf, und in seiner Kritik der Vor-\nschläge einer Reorganisation der Flotte verriet er eine\nerstaunliche Sachkenntnis. Dank seiner Erfindung be-\nfand sich unser Mann bald auf freiem Fuss; aber mit\nder Freiheit kam der Mut zurück und mit dem Mut\nder Uebermut.\nVerschiedene Neuigkeiten hatten sich indessen im\nLeben der Hauptstadt ereignet. Man hatte eine Fabrik\nbekommen nnd eine Glasgesellchaft, von der der Hof\nAktien besass. Zwei solche patriotische Unternehmungen\nkonnten nicht von Bestand sein, ohne dass das Publi-\nkum regelmässig Nachrichten über die Lage der beiden\nInstitute erhielt, über Wünsche und Beschlüsse der\nDirektion, über künftige Absichten und ähnliches. Für\nsolch guten Zweck durfte eine Zeitung das passendste\nMittel sein. Zum Redakteur wurde ein Mann gesucht,\nder durch seine unparteiische Stellung zu allen ge-\nschäftlichen Verhältnissen einsehen konnte, dass die\nfranzösische Kardanfabrik die einzig berechtigte sei,\nund die italienische Glasgesellschaft die einzig nötige\nfür Schweden. Ausserdem musste der Zeitungschef\nein Mann mit harter Stirn sein, der alle ungerechten\nAngriffe der Konkurrenten zurücksahlagen konnte; zu-\ngleich aber in alle Themata eingeweiht war, die das\nPublikum interessierten, wie Gedichtbücher, Theater-\nstücke, Oelgemälde, so dass die Zeitung nicht\ndas Aussehen eines geschäftlichen Zirkulars erhielt.\nDer Mann brauchte nicht mit aer Laterne gesucht\nzu werden. Die noch nicht erkannte Erblichkeitstheorie\n\nSchluss"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "357", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.3", "texte": "hatte einen neuen Beweis für ihre Richtigkeit gewon-\nnen: Agathon Hund, aus dem adligen Geschlecht Hund\nvon Schamlos, sollte durch eine Reihe glänzender Taten\nden von den Vätern ererbten Ruf verteidigen und dem\nmitgenommenen Namen neuen Glanz verleihen Und\neine bessere Wahl hätten die patriotischen Aktien-\nbesitzer niemals treffen können. Nie brauchten sie zu\nfürchten, dass sie bei ihrem Redakteur auf hartnäckige\nAnsichten in Sachen und Dingen stossen würden.\nDenn alle politischen, sozialen, kirchlichen und ökono-\nmischen Meinüngen konnten in dem einzigen Grund-\nsatz zusammengefasst werden, der seinem ganzen\nöffentlichen Charakter das ihm eigentümliche Gepräge\ngab und den er so formulierte: „Der Mensch muss\nWein zu Mittag trinken.\" Die Instruktion, die die Ge-\nsellschaft unserem Freunde gegeben hatte, war ebenso\nkurz, aber nicht weniger ausdrucksvoll und bestand\naus den zwei Worten: „steck ein!\" und „tout\nbeau!\"\nDie Zeitung erhielt in der Taufe den merkwürdigen\nNamen Pharao, der eine Erinnerung bedeuten sollte an\nstreng monarchischen Tendenzen und ihre Ehrfurcht\nvor dem Jahrhunderte lang Erprobtem Der einfältige\nTeil des Publikums aber, der das vortreffliche Dasein\nder egyptischen Pharaonen nicht kannte, meinte bald\nmit seinen neuerworbenen Einsichten in die Sache,\nder Name Pharao sei einem bekannten Spiel entnommen,\nbei dem man vorzugsweise falsch spielt.\nEine grausame Ironie des allmächtigen Schicksals\nwollte, dass die Redaktion in den früheren Hundschen\nPalast am Norrmalstorg verlegt wurde, der vor langer\nZeit unter dem Hammer gekommen und jetzt zu\nLäden aller Art eingerichtet war. Hier in der Par-\nterrewohnung, wo vordem die Banketts des glänzenden\nGeschlechts gefeiert wurden, sass nun Agathon als ein\nmächtiger Herr und hielt Gericht über das Wohl und\nWehe der Menschen Und wenn er bisweilen zum\nersten Stockwerk hinauf guckte, wo der Rittersaal an\nein Möbelmagazin vermietet war, fühlte er einen Stich\nim Herzen.\nDie Reise nach Amerika hatte bei Agathon so\ntiefe republikanische Eindrücke hinterlassen, dass er auf\nden Gebieten, auf denen er frei war, nämlich Poesie\nund Kunst, bald in Versuchung geführt wurde, die\nmonarchischen Begriffe beiseite zu legen und neue\naufzunehmen. Um aber der Sache nicht zu schaden,\nnahm er einige Ideen aus einer abendländischen so-\ngenannten Republik, nämlich dem aristokratischen Vene-\ndig, in dessen Verfassung er die unschätzbare und be-\nkannte Institution bewunderte, die der Löwenrachen\ngenannt wurde In das Schwedische des siebzehnten\nJahrhunderts übersetzt wurde es eine heimliche offizielle\nBekanntmachung, dass das Publikum gegen eine geringe\nAbgabe von fünf Talern Silbermünze unbewiesene An-\nklagen gegen seine Feinde drucken lassen konnte. Das\nUnternehmen war ein glänzender ökonomischer Erfolg,\nund Agathon wurde nächst ,dem König der gefürchtet-\nste Mann der ganzen Hauptstadt. Wehe dem der es\nunterliess, ihn zu grüssenl Wehe dem, der unter den\nStockschlägen klagte! Er schrieb Lobgesänge auf die\nAlleinherrschaft, auf die Kirchenzucht im Gesetz von\n1686, er stellte Ketzerverfolgungen an und druckte\nPredigten ab.\nEinen so gewaltigen Kämpen hatten die Grossherrn\nnoch «nie gehabt, und obgleich sie sich der Bekannt-\nschaft schämten, unterliessen sie es doch nicht, ihm\nfreundlich zuzunicken, wenn er mit dem Hute in der\nHand am Rande des Rinnsteins stand und von ihren\ndahinrollenden Wagen bespritzt wurde, was sie nicht ab-\nhielt, zum anderen Wagenfenster hinauszuspucken.\nWenn er des Abends in den Ballhauskeller ein-\ntrat, versäumte keiner von den armen Schauspielern,\nsofort aufzustehen, und ihm einen Platz anzubieten,\ndenn er hatte ihr Wohlergehen in der Hand. Im sieb-\nzehnten Jahrhundert besass man nämlich einen solchen\nRespekt vor dem, was in einer Zeitung stand, dass\ndem Schauspieler, von dem sie unvorteilhaft sprach,\nsofort gekündigt wurde. Man sah damals oft manchen\nFamilienvater, der auf diese Weise seines Brotes be-\nraubt wurde, einen Zeitungsredakteur um Gnade für seine\nKleinen bitten, welche Gnade darin bestand, dass er\ndas nächste Mal keine Schelte bekam.\nWenn aber Agathon wohlgepflegt und satt vom\nTisch der Ammen aufstand und man seinen Degen in\nder Tür verschwinden sah, hagelten die Flüche wie\nFeuerregen, und manches Messer wurde halb aus der\nScheide gezogen, um dann ganz bescheiden wieder\nherunterzukriechen. Unser Freund aber schwoll von\nBehäbigkeit und seine dünnen Wangen glänzten vor\nZufriedenheit. Einige sagten er habe seine Seele ver-\nkauft, andere aber meinten, sie sei noch immer käuf-\nlich.\n* *\n*\nHier machte die Wanze eine Pause und versank\nin Grübeleien. Der Künstler, der seine Zeit damit zu-\ngebracht hatte, * die Tragriemen umzuschnallen und\nheraldische Studien zu machen, war jetzt bereit, seine\nRestaurierungsarbeit zu beginnen. Mit einem Blick\nfuhr er über die goldenen Felder, spuckte (man denke:\nspuckte!) auf den Rostfleck, zog sein Schnupftnch her-\naus und fing an zu reiben. Vergebens!\nGieb einen Scheuerlappen her, rief er einer von\nden Frauen zu. Und Seife.\nEr erhielt nach einigen parlamentarischen Versuchen\ndas Verlangte. Aber alle seine Anstrengungen waren\nvergebens.\nDas muss vergoldet werden! murmelte er, schlug\nseine Farbenschatulle zu und stieg hinunter.\n\nDer Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nXIII\nDer Abschied\n„Jetzt schnell fort — nach Schiida!\" sagte der\nKaiser und Hess seine Sachen packen und den Hofzug\nvorfahren.\nNun war aber des Morgens ein Lufttechniker namens\nSebastian gemeldet worden — den wollte der Kaiser\nnoch vor seiner Abreise sprechen.\nHerr Sebastian kam, und der Kaiser sah, dass der\nLufttechniker ihm ausserordentlich ähnlich sah, und das\nbrachte ihn auf eine Idee, die er aber noch nicht\naussprach; er erkundigte sich vielmehr ganz harmlos\nnach den gesellschaftlichen Beziehungen des Herrn\nSebastian, und dieser Herr erklärte, dass er bislang\nnur seinen Arbeiten gelebt und jeden gesellschaftlichen\nUmgang gemieden habe.\nDas gefiel nun dem Kaiser ausserordentlich, und\ner bat den Flugtechniker, mit seiner Luftmaschine nach\nSchiida zu fahren und dort im goldenen Löwen ab-\nzusteigen.\nHerr Sebastian erklärte sich selbstverständlich\nbereit, nach Schiida zu fahren, wollte sich verabschieden,\naber der Kaiser hielt ihn noch zurück und sagte:\n„Lieber Herr Sebastian, können Sie aber vielleicht\nganz unauffällig nach Schiida kommen! Könnten Sie\nnicht ihr Fahrzeug drei Meiien vor Schiida verlassen\nund mit einem einfachen Bahnzuge nach Schiida kommen\nund dort unauffällig auf weitere Nachrichten von mir\nwarten?\"\nHerr Sebastian erklärte sich auch dazu gern bereit\nund wurde verabschiedet, und der Kaiser empfing noch\neinmal seinen Staatsrat und sagte zu ihm leise:\n„Meine Herren, ich danke Ihnen und bitte Sie,\nvorläufig Stillschweigen über meine Reise und meine\nAbsichten zu beobachten; ich werde schon alles so\nhübsch einfädeln, dass Sie zufrieden sein sollen.\"\nDie Herren vom Staatsrat »sachten ein sauersüsses\nGesicht, aus dem man alles herauslesen konnte —\nnur nicht eine bestimmte Meinung; die Herren wussten\neben selber noch nicht, was sie zu diesem ganzen\nAbenteuer sagen sollten.\nDer Kaiser drückte allen Herren zum Abschiede\ndie Hand und ging dann zu seiner Gemahlin, die ihn\nmit feuchten Augen empfing.\n„Du willst fort?\" sagte sie zitternd.\n„Ja\", sagte er, „ich muss\".\nSie erwiederte leise:\n„Meine Gedanken werden bei Dir sein.\"\nUnd sie küsste seine rechte Hand, und der Kaiser\nküsste die Stirn seiner Gemahlin und sagte still:\n„Bleibe fest! Es zieht mich zu neuen Pfaden.\nIch will das Leben erkennen —- so wie es ist. Ich\nwill — vergiss das nicht! — eigentlich hinter das\nLeben kommen. Jeder Baum und jeder Fels soll mir\nwas Grosses sagen — darum will ich fort. Du wirst\nvon mir hören.\nUnd Philander küsste seiner Frau die beiden\nHände und ging dann rasch hinaus und fuhr mit\nseinem Hofzuge nach Schiida — durch viele Tunnel —\nüber Berge und Schluchten — über breite Flüsse\nund über weite Felder — durch die Frühlingslandschaft.\nXIV\nSchilda\nDie Schildbürger waren Lewte, denen man die\nLustigkeit nicht ansah, da sie fast immer betrübte\nMienen zeigten, andererseits konnte man sie nicht\nVertreter der Traurigkeit nennen, da sie fast immer\nlustige Einfälle hatten; kein Utopianer wusste, wie er\nsich eigentlich zu den Bewohnern des neuen Schiida\nstellen sollte lauter merkwürdige Käuze, die früher\nzu den klugen Leuten zählten, sassen da in Schiida\nzusammen und benahmen sich nicht so wie die anderen\nUtopianer.\nIn dreieckigen Häusern wohnte man in Schiida,\nund das dreieckige Rathaus war das grösste Haus der\nStadt. Die schärfste Kante des Hauses ging immer\nzur Strassenseite hinaus so dass man von Front-\narchitektur in Schiida nicht sprechen konnte.\nAls es bekannt wurde, dass der Kaiser Phiiander\ndie Einladung des Oberbürgermeisters Wiedewitt an-\ngenommen habe — da verbreitete sich eine seltsame\nStimmung über die ganze Stadt — alle Schilbürger\nbildeten sich sofort die abenteuerlichsten Dinge ein —\ndie meisten meinten, man würde ihnen Uialeipu als\nWohnsitz anbieten undsoweiter undsoweiter.\nUnd es ging den armen Schildbürgern so schauder-\nhaft schlecht. Sie wohnten auf einem Höhenzuge am\nStrande des Meeres — aber die gute Aussicht übers\nMeer bereicherte nur das Phantasieleben der Schild-\nbürger; die Lostrennung von der allgemeinen utopi-\nanischen Volksreligion hatte die Schildbürger in kurzer\nZeit ganz arm gemacht; sie verloren immer mehr die\ngrosse Kunst, den Witz zur Vermehrung der Lebens-\ngüter zu verwenden. Anfangs hatte man die Schild-\nbürger, unter denen sich die klügsten Köpfe befanden,\nfast nur zum Scherze „Narren\" genannt — und\nschliesslich waren sie wirkliche Narren geworden —\nwie die Bewohner des alten Schiida. Das neue Schiida\nhiess auch anfänglich garnicht Schiida; die Stadt wurde\nnur von den Priestern in Uialeipu Schiida genannt —\nund zum Scherze hatten die sogenannten „Narren\",\ndie sich vom Volksgeiste lossagten, den Spottnamen\nzum Ehrennamen gemacht — und aus dem Scherz\nwar dann sehr bald Ernst geworden.\nSo war es nun natürlich, dass die Schildaer jeden\nScherz sehr ernst — und umgekehrt jeden Ernst sehr\nscherzhaft behandelten. Und so entstanden die drei-\neckigen Häuser und die verkehrtesten Einrichtungen dazu.\nUnd die Priester triumphierten und sagten:\n„Seht, so rächt sich unser Gott! Das kommt\ndavon, wenn man mehr sein will als alle anderen —\ndas kommt davon, wenn man anders sein will als alle\nanderen! Die Grosstuer sind zu Narren geworden.\nSeht, so rächt sich unser Gott!\"\nAber die Schildbürger sagten garnichts dazu, denn\nIhre Gedanken schweiften immer weiter hinaus — und\ndas Nächstliegende kam ihnen fremd vor — und das\nFerne und das Nahe konnten sie nicht zusammen-\nbringen, sodass ihr ganzes Leben so schlechte Töne\nvon sich gab — wie eine zerbrochene Glocke.\nXV\nDer Kaiser kommt\nDer Hofzug des Kaisers fuhr in den dreieckigen\nBahnhof in Schiida, und der Kaiser quartierte sich mit\nseinem Gefolge im dreieckigen Bahnhofsgebäude ein;\ndas Gefolge des Kaisers bestand nur aus Beamten\nzweiten Grades, die aber sämtlich ihre Galauniform\ntrugen; feierlicher Empfang von Seiten des Rates war\nverbeten worden, da der Kaiser gleich die einfacheren\nLeute von Schiida kennen lernen wollte.\nDie einfacheren Leute von Schiida gehörten natürlich\nebensogut wie die Ratsherren zu denen, die im Leben\n„mehr\" erstrebt hatten — Erfinder, Gelegenheitsdichter,\nJournalisten, Wunderdoktoren, phantastische Geschäfts-\nleute und ähnliche Leute bildeten das einfache Volk\nin Schiida. Der Kaiser bemerkte sogleich das komische\nGemisch von Aufgeblasenheit und Verworrenheit, wie\nes die Priester nannten, in einem anderen Lichte; er\nsah zunächst nur Hilflosigkeit und ausschweifende Ge-\ndanken, die naturgemäss alles ein bischen verkehrt er-\nscheinen Hessen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "358", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.4", "texte": "Und dann kam der Kaiser am nächsten Tage ins\nRathaus und tat sehr zornig, musste aber hören, dass\nsich die Schildbürger durchaus für treue Staatsbürger\nhielten, die durch die Uniformen und Titel blos dick\nund fett werden wollten. Diese durchaus simple Art\nder Schildbürger machte dem Kaiser scheinbar vielen\nSpass, und er fragte die Ratsherren, ob sie auch ihre\nFrauen uniformieren könnten, und als sie das bejahten,\nfragte er sie, ob sie auch ihre neugeborenen Kinder\nuniformieren könnten — und als sie auch das bejahten,\nfragte er sie, ob sie auch ihren Himmel uniformieren\nkönnten. Da waren die Ratsherren erschrocken und\nverstummten. Und der Kaiser erklärte nun, dass er\nfurchtbar in Schiida hausen würde, wenn die Schildaer\nnicht in acht Tagen wüssten, wie ihr Himmel zu\nuniformieren sei.\nIn scheinbar grimmigster Laune verliess der Kaiser\ndas dreieckige Rathaus und speiste zu Abend im\ngoldenen Löwen, allwo er sich nebenbei nach dem\nFlugtechniker Sebastian erkundigte.\nDer Herr Sebastian war da.\nXVI\nDer Himmel\nDrei Tage später sass der Kaiser Philander des\nAbends auf der Seeterasse und blickte zu den Sternen\nempor, rauchte seine Zigarre und trank Wein dazu;\ner sass ganz allein und sprach plötzlich zu sich selbst:\n„Alle Wetter! Jetzt muss ich bald fort von diesem\nverdammten Schiida! Immer denke ich wirklich ernst-\nhaft darüber nach, wie wohl dieser grosse Himmel\nuniformiert werden kann. Ich fürchte, die Narrheit\nsteckt an. Die Sterne sind natürlich zu kompliziert,\nund die Farbe des Himmels ist immer wieder eine\nandere — sowas lässt sich wirklich nicht uniformieren.\nAber ich denke ja tatsächlich darüber nach. Hier\nwerde ich auch ein Narr! Ich muss fort — fort!\nEr rief einen Diener und schickte ihn zum goldenen\nLöwen, und bald danach sass der Kaiser dem Flug-\ntechniker Sebastian gegenüber und plauderte mit ihm\nüber die Narrheit.\nDer Herr Sebastian meinte:\n„Diese Versunkenheit der Schildaer ist nach meinem\nDafürhalten blos eine gerechte Strafe für ein bummliges\nLeben, das keine festen Ziele im Auge behält, nur\n\"nach Vergnügungen strebt, in Ausschweifungen verfällt\nund dem lächerlichen Hochmut nicht bei Zeiten richtig\nzu begegnen weiss.\"\n„So würden Sie, Herr Sebastian\", entgegnete nun\nder Kaiser ernst, „ohne Schaden für Ihre geistige Ge-\nsundheit ein ganzes Jahr hier in Schiida leben können,\nnicht wahr?\"\nHerr Sebastian bejahte das lächelnd, und der\nKaiser meinte so nebenhin:\n„Könnten Sie mir versprechen, das zu tun, wenn\nmir sehr viel daran läge?\"\n„Das könnte ich ohne weiteres!\" versetzte der\nHerr Sebastian lächelnd.\nDa hörten sie in der Stadt ein mächtiges\nKlappern und ein grosses Gehämmer wie in einem\nEisenwalzwerk.\nDer Kaiser Hess sich erkundigen, was das Geräusch\nzu bedeuten hätte, und , erfuhr, dass die Schildaer\ndabei wären, ihre Stadt mit gelben und roten Tuch-\nstreifen zu überspannen, um eine Uniformierung des\nHimmels herbeizuführen.\n\nFortsetzung folgt\n\nRanko der Held\nFranz Herczeg\nIch ging zu Fuss voh Szentpeter Szerbalmäs.\nDas Tiefland ist dort flach wie eine Tischplatte.\nAls ich die unabsehbare lange Birkenallee\nkreuzte, welche die Bauerngüter von der herrschaftlichen\nDomäne scheidet, schlug lauter Gesang an mein Ohr\nEin kleines Mädchen sass am Grabenrand, hütete\nein geflecktes Kalb, das dort weidete, und sang dabei\naus vollei Kehle aber mit viel musikalischem Gefühl\nein Lied. Das kleine Mädchen war eine Serbin.\nFrüher einmal war die ganze Gegend hier unten bis\nzur Donau serbisch; heute freilich liest der Pope nur\nmehr in vier oder fünf Dörfern die Messe. Die\nSerben hier haben ein ganz merkwürdig entwickeltes\nTalent für Musik. Zwei KnirjÄe, die sich hinter dem\nZaun zusammensetzten, wissen ganz prächtig zwei-\nstimmig zu singen.\"\nVon dem Liede des kleinen Mädchen verstand ich\nnur so viel, dass es den Ruhm irgend eines Helden\nnamens Jvan Ranko preise. Wer war dieser Ranko?\nIch kenne die Geschichte und die Legenden dieser\nunteren Gegend ziemlich genau, von einem Ranko\naber ghatte ich nochj nichts gehört. Vielleicht ein\nWaffengenosse des grossen Mark Krälevics Seltsam —\nim ungarischen Volke lebt nicht ein einziges der Lieder\nmehr, die einst zu Ehren Toldis oder Hunyadis\ngesungen wurden, die serbischen Volksgesänge dagegen\nwissen heute noch von Helden zu berichten, die als\ntürkische Söldner bei Angora gegen die Mongolen\nkämpften. Es sind recht monotone, schwermütige\nMelodien, die Texte nie ohne poetische Schönheit.\nIch sprach das kleine Mädchen an; es wurde sehr\nverlegen, sprang auf und lief lachend dem Kalb nach.\nSie hatte Haar und trug einen roten bis zum\nKnie reichenden Rock; ihr Laufen aber zeigte so viel\nunbewusste Grazie, dass ich an die den Schmetterling\nverfolgende Psyche denken musste. Der Schmetterling\nwurde allerdings durch ein scheckiges Kalb mit rührend\neinfältigen Glotzaugen ersetzt.\nBei der herrschaftlichen Mühle traf ich den Ver-\nwalter. Er war Serbe und die vielen stillen Winter-\nabende hier draussen hatten ihn allmählich zu einem\nder Belegsten im Komitat gemacht Er kam eben\naus der Mühle. Seit zwei Jahren musste er jeden\nMontag dorthin, um Marsics, den Müller, fortzujagen.\nSeit Jahren betrank sich nämlich Marsics jeden Sonntag\nbis zur Bewusstlosigkeit; in diesem Zustande war er\ntotal verrückt und gelobte brüllend, die Herrschaft dem-\nnächst erschiessen zu wollen. Montag bat er dann denVer-\nwalter unter Tränen um Verzeihung und schwor dass\nsich derartiges nie wieder ereignen solle. So kamen\ndie beiden ganz gut miteinander aus.\nDas Gesicht des Verwalters war noch rot vom\nAerger.\nFurchtbar, was einem der Kerl zu schaffen gibt!\nNa aber diesmal gibts keinen Pardon! Jetzt fliegt er\nhinaus und wenn er Hungers stirbt. . .\nEs wird nichts so heiss gegessen — dachte ich mir\nAuch ist die Mühle heute nicht gerade leicht zu ver-\npachten.\nIch wollte das Gespräch von Marsics, dem jetzt\nsicher wieder der Schädel brummte, ablenken und\nfragte:\nKennen Sie die serbischen Volkslieder, die hier\ngesungen werden?\nHabe was Klügeres zu tun, als mich darum zu\nbekümmern — meinte er noch immer schlecht gelaunt.\nDa wissen Sie also auch nicht, wer Jvan Ranko\nist?\nDas soll ich nicht wissen? Er arbeitet doch bei\nmir und ist drüben in Almas zuhause.\nRanko der Held? Von dem das Lied meldet?\nAch was, hierzulande wird sehr bald von Einem\ngesungen.\nUnd weshalb ist Ranko ein Held?\nEr hat seine Frau erschlagen — zwei Jahre mögen\nes her sein.\nDa sitzt er jetzt wohl im Zuchthaus?\nI wo! Kein Geschworner in der Stadt hätte den\nMut, den Angeklagten schuldig zu sprechen, den das\nVolkslied einmal zum Helden gemacht hat. Uebrigens\nwar ich in dem Prozess damals selbst Geschworner.\nUnd sie haben ihn auch freigesprochen?\nNatürlich!\nErzählen sie doch, wie trug sich der Fall zu?\nRanko heiratete eine rumänische Dirne aus Ge-\nsztenyes drüben. Solche Heiraten sind bei uns ziemlich\nselten — die hiesigen Bauern haben für ihre rumänischen\nBrüder nicht viel übrig. . .\nWar sie wenigstens schön?\nNa — so! Die Mädchen aus Gesztenyes sind alle\ngleich. Nicht hässlich, aber so — wie soll ich sagen —\nsie haben so wässerige, schwarze Augen und grosse,\nweisse Zähne. Mit fünfundzwanzig Jahren sind sie\nalte Weiber. . . Die Bauernweiber hier tragen alle\nLasten auf dem Rücken, die aus Gesztenyes aber alles\nauf dem Kopfe; daher ihre kerzengrade, stolze Haltung.\nWar natürlich ein schlechtes Ding, das Mädel?\nWie alle aus Gesztenyes. Die Rumänen im\nKrassöer Komitat, die durchwegs gute Landwirte und\nehrsame Bauern sind, verachten das Dorf nicht ohne\nGrund. Ich glaube freilich, dass die Verderbtheit dort\nnur den sommerlichen Badegästen aufs Kerbholz zu\nschreiben ist. . . Ranko heiratete im Herbst und im\nFrühjahr darauf hatte ihn Milka— so hiess das Weibs-\nbild — schon stehen gelassen. Irgend einem jungen\nBurschen zu Liebe. Den ganzen Sommer hindurch\nhauste das nichtsnutzige Paar draussen in einer leer-\nstehenden Wächterhütte. . .\nHatte Ranko die Frau gern?\nWeiss Gott! Das Bauernvolk ist in solchen Dingen\nschamhafter als man glaubt und schwer zu durch-\nblicken . . . Wissen Sie, was ich mir oft denke?\nWenn so Euere literarischen Bauern aus den Volks-\nstücken, die von Liebe und Liebesgram singen —\nwenn die einmal in die Dörfer herkämen — — die\nLeute würden sie für wahnsinnig halten ... Ich weiss\nnur, dass Ranko jeden Sonntag nach der Messe zu\njener Wächterhütte hinaufging und seine Fzau bat, zu\nihm zurückzukommen. Von sich wird er wohl nicht viel\ngesprochen haben, sondern eher von seiner Kuh, den\nzwei Ferkeln und dem Geflügel, mit dem er ohne\nFrau nicht fortkomme. . . Milka aber lachte ihm ins\nGesicht.\nEin so schlapper Kerl war der Held?\nNoch viel schlapper. . . Im Herbst musste der\nGalan Milkas zum Militär einrücken und da kam dann\ndie Frau ungebeten nach Hause. Ranko empfing sie\noffenen Armen Der arme Kerl arbeitete damals wie\nein Lasttier, nur um die Frau mit bunten Tand be-\nhängen zu können. . . Im Frühjahr darauf lief sie ihm\nwieder davon. Damals verdingte sie sich beim Ver-\nwalter der Radvänyschen Herrschaft als Magd oder der-\ngleichen . . Der Verwalter war ein hübscher, junger\nMensch, so eine Art Dorf-Don-Juan. . Ranko stahl\nsich nun jeden Sonntag vor die Türe des Verwalters,\nund wenn es irgendwie anging, sprach er Milka wieder\nvon der Kuh, den Ferkeln und dem Geflügel. . . Im\nWinter heiratete der Verwalter die Tochter eines Wein-\nhändlers aus Krassö, und die junge Frau hatte natürlich\nnichts Eiligeres zu tun, als Milka fortzujagen. . .\nUnd Ranko nahm sie wieder zurück.\nFreilich. Nicht nur diesmal, sondern noch in vier\nganz ähnlichen Fällen. Denn bei der Hauptverhandlung\nwurde nachgewiesen, dass Milka — von allem Uebrigen\nabgesehen — ihrem Mann im ganzen sechsmal davon-\ngelaufen war. Ihr letzter Geliebter war wieder jener\nVerwalter. Der hatte sich nämlich mit seinem\nSchwiegervater wegen der Mitgift entzweit und ihm im\nAerger seine Tochter zurückgeschickt. . . Damals\nstolzierte Milka für kurze Zeit noch einmal in der\nVerwalterwohnung einher . . . Das nahm ein Ende,\nals der Verwalter sich mit seiner Frau und deren\nVater versöhnte und jenseits der Donau ein Gut\npachtete. . . Miika bekam eine schöne rotseidene\nSchürze und war mit einem Male wieder bei Ranko. .\nDas sah so aus, als hätte sie das liderliche Umher-\ntreiben satt bekommen. Sie kümmerte sich nicht mehr\num die jungen Burschen, sass ruhig bei ihrem Mann\nund besorgte auch das Hauswesen. . .\nUnd warum musste sie dann doch sterben?\nHm. . . Damals bei der Hauptversammlung habe\nich die Sache begriffen . . . heute kann ich es Ihnen\nnicht mehr recht erklären. Diese Südslaven sind eben\neine ganz andere Masse als unsere ungarischen\nBauern. . . Es gibt vielleicht kein zweites Volk, das\nsoviel zu erdulden vermag, aber auch keines, das beim\nallergeringsten Anlass so zu toben beginnnt. . . Im\nübrigen glaube ich fast, dass diese Leute in höherem\nMasse unter der Macht jener geheimnisvollen Kräfte\ndie man insgesamt als Schicksal zu bezeichnen pflegt,\nZu jener Zeit feierte irgend ein Verwandter Rankos\nim Dorf seine Hochzeit, wobei es, wie sie wissen,\nhierzulande immer hoch hergeht. Auch Milka hatte sich\nin Gala geworfen und jene rotseidene Schürze angelegt,\ndie sie vom Verwalter bekommen hatte. Ranko ärgerte\nsich darüber und es gab einen kleinen Streit Obwohl\nMilka ihm gerade damals in allem gehorchte, gab sie\nnicht nach und ging schliesslich allein zur Hochzeit . •\nDie rote Schürze hatte sie anbehalten . . .\nUnd Ranko?\nRanko schärfte sein Beil in dem Stall, ging dann\nseiner Frau nach und erschlug sie vor den Augen der\nversammelten Hockzeitsgäste. Als sie tot dalag, löste\ner ihr die rote Schürze vom Leib, trug diese in die\nKüche und verbrannte sie Dann küsste er Milka so-\nwie alle, die zugegen waren, sagte nichts als: Ser-\nbische Brüder betet für mich! und schritt gradewegs\nzur Gendarmerie. Vor Gericht verteidigte er sich damit,\ndass ihm sein Herz befohlen habe, so zu handeln . ."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "359", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.5", "texte": "Bei diesen Serbischen Bauern kommt alles aus dem.\nHerzen . . . ihre Kraft, ihre Ehre, ihre Seele . . ,\nselbst der Hunger nagt ihnen nicht so sehr am Magen\nwie am Herzen . . . Der Staatsanwalt fragte ihn\nweshalb denn sein Herz stumm geblieben sei, solange\nMilka sich mit anderen Männern umhergetrieben habe,\naber Ranko wusste darauf \"nichts zu antworten. Die\nGeschwornen aber verstanden ihn [und sprachen ihn\nfrei und auch das Volk verstand ihn und preist ihn\nim Liede . . .\nWir waren während dieses Gespräches ins Dorf\ngekommen. Ich nahm die Einladung [des Verwalters\nan und kehrte bei ihm ein. Vor seiner Wohnung standen\nein Dutzend Bauern umher, die geduldig hier auf ihn\ngewartet hatten.\nSie haben Glück — meinte er — dort steht gerade\nder Held!\nEr wies auf einen kleinen, schmächtiger Bauern,\nder die Mütze in der Hand bescheiden bei den übrigen\nstand. Er trug wie die anderen ein Bauernhemd, eine\nweisse Filzhose mit schwarzer Verschnürung und\nBundschuhe mit roten Riemen. Der Verwalter sprach\nihn mir zu Liebe an:\nNun, Nachbar Ranko, kommst Du morgen mit dem\nWagen herein?\nIch kann hereinkommen, Herr.\nUnd was verlangst Du Tagelohn?\nWas der Herr mir mit gutem Herzen gibt.\nIch fand diese Antwort recht merkwürdig; denn es\ngibt auf der Welt niemanden, der so gern feilscht,\nwie die Fuhrleute dieser Gegend.\nUnd wenn der Verwalter mit gutem Herzen gar-\nnichts geben will? nahm ich jetzt das Wort.\nDann mach ich die Fuhre um Christi Liebe willen,\nantwortete Ranko und sah mich mit seinen grossen\nAugen ernst an.\nIch wollte ihm eine Zigarre geben, er nahm sie\naber nicht.\nWie willst Du aber leben, wenn Du für die Reichen\numsonst arbeitest? fragte ich weiter.\nRanko erwiderte mit leise singendem Tonfall:\nDer Herr, der die Lilien kleidet auf dem Felde. . .\nIch sehe schon, Freund Ranko, Du bist Nazarener. .\nIch habe das ewige Licht erblickt!\nDer arme Mensch hat sich eben nach seiner Art\nmit seinem Gewissen auseinandergesetzt, sagte ich\nungarisch zum Verwalter.\nWir gingen ins Haus. Auf der Treppe blieb mein\nWirt stehen.\nIch muss Ihnen etwas sagen, was recht komisch\nklingt. Wenn ich damals bei der Hauptverhandlung\nRanko schuldig gesprochen hätte, so würde man mir\nunfehlbar das Dach über dem Kopf angezündet haben.\nWenn ich aber jetzt hinuntergehe, und ihn halb tot\nprügle, so wird ihn morgen das ganze Dorf auslachen\nund mir wird durchaus nichts geschehen. Auch das\nHeldenlied von Ranko wird mit genau derselben Be-\ngeisterung weiter gesungen werden. . .\nUnd was folgt daraus?\nDass der Heldenruhm nicht Rankos Besitz ist,\nsondern der des Volkes. Das Volk dürstet nach Helden,\nund da es keine bekommt, hilft es sich eben, so gut\nes kann. . .\nIm Vorzimmer ibegrüsste (uns ein Kanarienvogel\nmit lautem Singen.\nIn der anstossenden Küche stand ein Mädchen\nvor dem Waschtrog und sang das traurige Lied von\nRanko, dem Helden.\n\nLektüre\nVon Rene Schickele\nI\nWeil ich krank war, habe ich viele Zeitschriften\nund einige Bücher gelesen. Ich las Tag und Naeht;\ndenn es ist grässlich, im Bett zu liegen und nicht ein-\nmal so krank zu sein, dass man garnicht mehr denkt,\nausser, sehr unbestimmt und voll Erinnerungen, an die\nEndfragen der Menschheit . . . Einmal ging es mit\nmir sehr schlecht, und es war mir alles wunderbar\ngleichgültig geworden. Es dauerte nicht einmal vier-\nundzwanzig Stunden. Da träumte ich schon wieder,\ndass ich in den Strassen einer grossen Stadt den be-\nvorstehenden Einzug Karls des Grossen durch Mauer-\nanschläge bekannt machte. Die Strassen glichen ein-\nander und hatten keine Namen oder sonstweiche Merk-\nmale. Es war eine fürchterliche Arbeit, die man mir\naufgegeben hatte. Ich überanstrengte mich, ich fühlte\nmich deutlich wahnsinnig werden. Gott sei Dank fiel\nich vorher in Ohnmacht. . . Als ich wieder zur Be-\nsinnung kam, lief ich mit einem Handkoffer und einer\nBassgeige hinter einem Schnellzuge her. Ohne die\nBassgeige hätte ich ihn gewiss eingeholt. Aber so —!\nVerzweifelt sank ich auf dem Bahndamm in Bassgeige\nnnd Koffer, schweisstriefend und vor Kälte zitternd,\nund lauschte, ob hinter mir ein Zug käme und mich\nüberführe. Ich wollte sterben. Denn ich ertrug das\nMissverhältnis zwischen mir und der Bassgeige nicht\nmehr. Ich war zu Tode erschöpft von den Grübeleien\nüber den Zweck des Instruments, das ich mit mir\ndurchs Leben schleppen sollte, ohne es spielen zu\nkönnen, ohne überhaupt die geringste Sympathie dafür\nzu haben; ich wusste nicht einmal, wie ich zu dieser\nwahrhaft teuflischen Bassgeige gekommen sei. Da\nbegann ich über die „letzten Fragen\" nachzudenken...\nNachher sagte man mir, dass ich vor Wut geschrieen\nund die Fäuste gescüttelt hätte.\nFieber erschöpft. Das ist seine angenehmste Eigen-\nschaft. Wiederum war mir alles gleichgültig. Als der\nArzt mich untersucht hatte, sagte er, dass er diesmal\nsehr zufrieden sei und erst nach zwei Tagen wieder\nvorbei käme. Er schrieb eine Ordonnanz, Eine\nSchreibmaschinenseite voll Medikamente. Das Mädchen\nbrachte ein Paket aus der Apotheke nach Hause,\nund als das Paket aufgewickelt wurde, dachte ich an\ndie erfreuliche Vielfältigkeit einer Weihnachtskiste. Da\nwaren grosse Schachteln und kleine Schachteln, Büchsen,\nFlaschen in allen Grössen und allerhand Ueberraschungen,\ndie noch einmal aus verschiedenen Schichten Papier\ngewickelt werden mussten. Wenn endlich Seidenpapier\nznm Vorschein kam, sagten wir „Ah! Jetzt.\" Und\ndann kams. ... Ich roch an allem und kostete\neiniges. Darauf schenkte ich alles der Conciergefrau.\nFür den Fall, dass sie einmal krank würde. In diesen\nMonaten ist niemand ganz sicher, und die Medikamente\nwaren gute, erprobte und von Autoritäten empfohlene\nAputhekerfindungen, die jeder Arzt in meinem Arron-\ndissement verschreibt. Im nächsten führen sie einen\nardern Namen, weil sie ein andrer hervorragender\nApotheker erfunden hat, aber es sind immer dieselben\nKöstlichkeiten. Ich erkannte sie gleich wieder, obwohl\ndie Wissenschaft sie mir das letztemal in einem Vor-\nort verschrieben hatte. Trotzdem muss jeder anstän-\ndige Patient sie doch immer wieder aus der Apotheke\nholen lassen; weil er sonst seinen Arzt um einen Teil\ndes Honorars betröge; weil es hierzulande nun einmal\nso eingerichtet ist, dass der Arzt das Honorar in der\ndoppelten Form von direkten und indirekten Steuern\nbezieht. Die zweite Form bildet eine Art Versicherung,\nfür den Fall, dass der Patient sich um das Honorar\ndrücken sollte. Ausserdem .. . soll ich es ge-\nstehen? . . . schicke ich zum Apotheker, wie Poly-\nkrates seinen Ring ins Meer warf. Um die Götter\nzu versöhnen. Wenn ich stürbe, könnte ich mir vor-\nwerfen, dass ich die verschriebenen Medikamente nicht\nkaufte und darum sterben musste. Am Geiz . . . .\nUnd den Geiz habe ich immer für das niedeträchtigste\nLaster gehalten, schon deshalb, weil ich es nicht habe.\nStatt mein Weihnachtspaket zu verschleissen,\nlas ich.\nII\nZeitschriften\nDie kleinen „Marges\", die Eugene Montfort früher\nallein schrieb, und die seit einem Jahre eine der\nwenigen interessanten Zeitschriften geworden sind, die\nsich in diesen kurzgefassten Zeitläuften noch auftreiben\nlassen.\nWer kennt „Les Marges\" ?\nNur die harmlosesten Literaten der Republik.\nMan kennt die „Revue des deux Mondes\",\ndie „Revue de Paris\" und andere Folianten, vor\nderen Lektüre Gott mich ewig behüten möge. Die\n„Revue des deux Mondes\" lebt von dem soliden Re-\nnomee, das der Ausruf Mussets ihr gemacht hat:\n„Ich bin Mitarbeiter der Revue des deux Mondes ge-\nworden, ich werde zu leben haben!\" — obwohl sie\nschon lange nicht mehr so gut honoriert und nur noch\ndie Arbeiten wohlsituierter Leichen veröffentlicht. Die\n„Revue de Paris\" lebt davon, dass es Balzac fast ge-\nlungen wäre, sie zu ruinieren. Auch der „Mercure\nde France\" erscheint. Er ist ein Bazar geworden.\nManchmal gibt es einen vonfNeuheit flammenden „Jour\nde blanc\". Aber selten. Die Hauptmitarbeiter, die\neinmal die „Jungen\" waren, sind alt geworden . . .■\nDie paar Jungeu, die literarischen Ehrgeiz haben,\nschreiben in die „Marges\" und in die „Nouvelle Revue\nfran^aise\".\nMan findet in jeder Nummer der „Marges\" knappe,\ngut geschriebene Uebersichten über lyrische und epische\nNeuerscheinungen, eine 112 musikalische Kritik, einen\nBericht über die Kunstausstellungen und die Erstauf-\nführungen. Der sehr begabte Guillaume Apolli-\nnaire pflegt seine eigene Rubrik: „Contemporains\npittoresques\". Eugene Montfort schreibt die Rand-\nglossen. An „produktiver\" Literatur bringt die Zeit-\nschrift wenige ausgewählte Gedichte, zwei, drei schöne\nProsaseiten und ein besonderes Stück für Feinschmecker.\nIn Nummer 29 war es ein Teil des Originalmanüskripts\nvon „Noa-Noa\". Die Fassung, die wir kannten\n(und die noch immer sehr schön war!) ist nur von\neinem literarischen Herausgeber vorgenommene Ueber-\narbeitung des Originaltextes . . . Der ungepflegte Gangüin\ngefällt mir besser ... |In |Nummer 22 waren es\nunveröffentlichte Notizen von Flaubert über\nseine Orientreise, deren wunderbare Intimität leider jeden\nGedanken an eine deutsche Uebersetzung ausschliesst.\nWelch ein Liebhaber (um nicht zu sagen „Erotiker\")\nwar dieser wütende Mönch, der in den Nächten vieler\nJahre, allein zwischen seinen vier Mauern, frierend und\nfiebernd, seine Sätze brüllend und wieder tagelang über\ndem „richtigen\" Wort brütend mit dem Engel der\nVollendung bis zur Vernichtung rang .... Es hat\nkeinen Sinn, lieber Herr . . . fast zu leben wie\nFlaubert und ganz schreiben zu wollen wie er, wenn\nman von anderswoher kommt, anders geartet ist, und\nnicht einmal, bevor man Asket wurde, die tiefe und\nschreckliche Sanftmut der Sünde gekannt hat. Ein\nHeiliger und ein Kastrat sind zweierlei, und es ist gut\nzu wissen, welcher dieser beiden Kategorien man an-\ngehört. Seit der „Entdeckung\" Flaubert sind die Eu-\nnuchen, 112 diese Pedanten) mutig geworden. Sie haben\nsich korrekt lächelnd als Märtyrer bekränzt und sprechen\nvon Stil ... Sie haben Unrecht. O, wie Unrecht!\nIhr Flaubert ist ein grotesker Irrtum. Flaubert war\nverzweifelt! Und sie sind ohnmächtig — wenns hoch-\ngeht, ein wenig katzenjämmerlich. Jetzt so gut wie\nfrüher und in Ewigkeit. In der Literatur ebenso, wie\nanderswo\n\nFortsetzung folgt\n\nGang in den Winterabend\nPaul Zech\nUeber verschneite Waldparzellea\nSchweben Wolken wie ein Schwärm\nAufgescheuchter Libellen.\nSchweigen kühlt alle Räume.\nWildfremder Wind\nBeweint die frierenden Bäume.\nEin paar Häuser entsteigen\nDer Lichtung\nWie ein ärmlicher Fackelreigen;\nNebel wandern gleich Traumgesichten\nQuer drüber hin,\nBis sie den Zauber vernichten.\nBis der Sinn aller Kuppen\nDen Raupen gleicht,\nDie sich schinnend verpuppen.\n\nKunstverständnis\nDer Bürger urteilt über nichts so dreist und selbst-\nherrlich wie über die Kunst. jede neue Erscheinung\nder Literatur, Musik und Malerei gibt ihm einen will-\nkommenen Grund sich zu belustigen. Nach Art der\nParanoiker sieht er die Krankheit, den Grössenwahn,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "360", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.6", "texte": "an dem er selbst leidet, beim Künstler. Der Bürger\nhasst die Kunst, weil sie ihm „zwecklos\" scheint. Sie\nvermittelt keine Nachrichten, sie bringt keine Tatsachen,\nsie trägt keine Zinsen und sie lässt sich schwer ver-\nmeiden. Denn sie ist immerhin und leider gesellschafts-\nfähig geworden. Man kann ihr höchstens bei Todes-\nfällen aus dem Wege gehen. Aber die Kunst ist auf-\ndringlich, und da müssen Scheingründe herhalten, sie\nabzuwehren. Man hat einfach keine Zeit für sie. Das\nLeben ist heute ungeheuer anstrengend, jeder Beruf\nerfordert seinen ganzen Mann und seine ganze Frau.\nUnd abends müssen sich alle Menschen erholen. Der\nGeist muss auspannen, der noch garnicht eingespannt\nwar. (Nichts ist automatischer als die Berufstätigkeit,)\nZur Orientierung (wegen der Bildung) genügen die\nTageszeitungen und Namenkenntnisse. Der neue Roman\nvon Frenssen, das neue Drama von Fulda, die neuen\nGedichte des befreundeten Justizrats werden gekauft\nnnd man ist auf der Höhe. Die Operette du jour\npflegt sich der Bürger dreimal anzusehen. Schliesslich\nwill man doch in seinem Cafehaus die Melodieen\nwiedererkennen, die die sogenannten Orchester in\nPariser Besetzung unaufhörlich spielen. Was etwa sonst\nan Kunst noch geschieht, wird als störender Eingriff\nin das Privatleben, in den Nachmittagsschlaf oder in\ndie Fahrt auf der Elektrischen empfunden. Was fällt\ndem Herrn Kokoschka ein, Dinge zu zeichnen, die man\nnicht sieht. Was fällt den Herren Alfred Mombert\nund Rainer Maria Rilke ein, eine Sprache zu schreiben,\ndie man nicht spricht. Kennt man auch die sogenannte\ndeutsche Muttersprache nicht, so hat man doch sein\nbischen Französisch in der Schule gelernt. (Auch\nwegen der Bildung.) Und der Kritiker der abonnierten\nZeitung ist ja „dagegen\". Die Künstler müssen\neben lernen, sich gemeinverständlich auszudrücken.\nSonst kann die janze Kunst gestohlen werden. Be-\nsonders die zeitgenössische. Denn der Bürger hat für\ndie mehrfach erwähnten Bildungszwecke die beliebten\n„Klassiker.\" In den Museen hängen die schönsten\nBilder und die Leute, die nie hineingehen, empören\nsich, dass man nun an manchen Tagen Eintritt erhebt,\nund gerade an den Tagen, an denen man unbedingt\nmal Kunst geniessen wollte. Die Musik hat von jeher\nGeld gekostet, aber dafür sitzt man wenigstens in\neinem Lokal. Jeder Schieber schwärmt für die Neunte\nSymphonie. Sie ist erklärtes und anerkanntes Heilig-\ntum des deutschen Volkes. Darum, meine Zeitgenossen,\nist es höchst lehrreich zu lesen, mit welchen beweg-\nlichen Worten Richard Wagner (jetzt gleichfalls ein an-\nerkannter Heiliger) das Publikum zwanzig Jahre nach\nEntstehen dieses Meisterwerkes wenigstens um gütiges\nGehör bittet. Er wählt eigens die hierorts so beliebte\nMärchenform (man ist für Stimmung), da er offenbar\nfürchtet, das Publikum würde sonst diese Bitte nicht\neinmal lesen.\n\nBeethovens Neunte\nVon Richard Wagner\nEs war einmal ein Mann, der fühlte sich\ngedrängt, alles was er dachte und empfand,\nin der Sprache der Töne, wie sie ihm durch\ngrosse Meister überliefert war, auszudrücken:\nin dieser Sprache zu reden, war sein innigstes\nBedürfnis, sie zu vernehmen, sein einzigstes\nGlück auf Erden, denn sonst war er arm an\nGut und Freude, und die Leute ärgerten ihn\nsehr, wie gut und liebend er auch gegen alle\nWelt gesinnt war. Nun sollte ihm aber sein\neinzigstes Glück geraubt werden — er wurde\ntaub und durfte seine eigene herrliche Sprache\nnicht mehr vernehmen! Ach, da kam er nahe\ndaran, sich der Sprache selbst auch berauben\nzu wollen: sein guter Geist hielt ihn zurück;\n— er fuhr fort, auch was er nun empfinden\nmusste, in Tönen auszusprechen; — aber un-\ngewöhnlich sollten nun seine Empfindungen\nwerden; — wie die Leute von ihm dachten\nund fühlten, musste ihm fremd und gleich-\ngültig sein: er hatte sich nur noch mit seinem\nInnern zu beraten und in die tiefsten Tiefen\ndes Grundes aller Leidenschaft und Sehnsucht\nsich zu versenken! In welch wunderbarer\nWelt ward er nun heimisch! Da durfte er\nsehen und — hören, denn hier bedarf es\nkeines sinnlichen Gehöres, um zu vernehmen:\nSchaffen und Geniessen ist§da eines. — Diese\nWelt aber war, ach! die Welt der Einsamkeit:\nwie kann ein kindlich liebevolles Herz für\nimmer ihr angehören wollen? Der arme\nMann richtet sein Auge auf die Welt, die ihn\numgibt, - auf die Natur, in der er einst voll\nsüssen Entzüekens schwelgte, auf die Menschen,\ndenen er sich doch noch so verwandt fühlt!\nEine ungeheure Sehnsucht erfasst, drängt und\ntreibt ihn, der Welt anzugehören und ihre\nWonnen, ihre Freuden wieder geniessen zu\ndürfen. — Wenn ihr ihm nun begegnet, dem\narmen Mann, der euch so verlangend anruft,\nwollt ihr ihm fremd ausweichen, wenn ihr zu\neurer Verwunderung seine Sprache nicht so-\ngleich zu verstehen glauben solltet, wenn sie\neuch so seltsam, ungewohnt klingt, dass ihr\neuch fragt: Was will der Mann? O, nehmt\nihn auf, schliesst ihn an euer Herz, höret\nstaunend die Wunder seiner Sprache, in deren\nneugewonnenem Reichtum ihr bald nie ge-\nhörtes Herrliches und Erhabenes erfahren\nwerdet, — denn dieser Mann ist Beethoven,\nund die Sprache, in der er euch anredet, sind\ndie Töne seiner letzten Symphonie, in der der\nWunderbare all seine Leiden, Sehnsucht und\nFreuden zu einem Kunstwerk gestaltete, wie\nes noch nie da war!\nDiese Arbeit erschien im Dresdener Anzeiger vom\n2. Januar 1846 und war verschollen. Dr. Julius Kapp\nveröffentlichte sie wieder in dem soeben erschienenen\nBuch: Der junge Wagner (Verlag Schuster und\nLoeffler, Berlin).\nDas Publikum möge sich diesen kleinen historischen\nBeitrag zur Warnung dienen lassen. Besonders das\nkunstverständige und die Kritik. Ich will noch ein\nUebriges tun und nenne hier ausdrücklich die Namen,\nüber die zu lachen, eine Blamage bedeutet. Und\nniemand will sich gern blamieren.\nDie Namen lauten:\nPeter Altenberg\nConrad Anborge\nMax Dauthendey\nRichard Dehmel\nVincent van Gogh\nPeter Hille\nOskar Kokoschka\nKarl Kraus\nElse Lasker-Schüler\nAdolf Loos\nGustav Mahler\nHeinrich Mann\nAlfred Monibert\nEdvard Münch\nRainer Maria Rilke\nPaul Scheerbart\nDiese Liste bezieht sich natürlich nur auf die Gegen-\nwart, in der Literatur nur auf die deutschsprechenden\nLänder. Es sind Namen mit Ewigkeitswert, wie Alfred\nKerr es nennt. Der Bürger sei ausdrücklich gewarnt,\nsich mit den Werken dieser Künstler zu befassen, aber\ner spreche ihre Namen nur mit Andacht oder garnicht\naus. Er denke an die Blamage und er verlasse sich\nnicht auf die „Presse\".\nJedenfalls: Ich habe das meinige getan.\nTrust\n\nKunst für Alle\nSchmuck und Schmock\nWelche beleidigend niedrigen Geistesfähigkeiten\nmüssen die treuen Untertanen den Mitgliedern unserer\nhohen Herrscherfamilie zumuten, wenn sie schon über\neine Spielerei, die eine prinzliche Hand geschaffen hat,\nin hysterische Verzückungen geraten.\nEin Basar, in der Vorwoche von einer Prinzessin\nin Potsdam veranstaltet, gab der Gesellschaft unver-\nmeidliche Gelegenheit, der Kaiserfamilie hohes Lob\nüber ein ungeahntes künstlerisches Schaffens-\nvermögen zuzuhuldigen.\nDie Schmöcke fast aller Berliner Blätter taten mit»\n„In der drangvollsten Enge, wie es im Lokal-\nanzeiger hiess, die häufig beängstigende Dimensionen\nannahm, standen sie festgebannt von der erlauchten\nHeimkunst\", und namentlich einen der Edeln hat sie\ntief ergriffen. Wo alles von der Kunst sprach, durfte\ner nicht verschweigen, dass er noch niemals viel von\nihr verstanden hat, und in einem selbstgefertigten\nParavent der Kaiserin erblickte er sogar des Festes\nSymbol, „hinter dem sich tiefein Künstler-\nleben entwickelte, von dessen reizvollen\nSchöpfungen der Basar Zeugnis geben\nsollt e.\"\nIch hingegen erblickte in der Chiffre D, mit\nder im Tageblatt ein Bericht über den Basar hin-\nlänglich gekennzeichnet war, ein Paravent*\nhinter dem sich auch ein Künstlerleben verbarg, von\ndessen aufreizvollen Schöpfungen wenige Tage später\ndie Montagszeitung Zeugnis geben sollte.\nDer Berichterstatter des Tageblattes warf für die\nMontagszeitung als „Mann und Künstler einen\nBlick hinter die Mauern eines Lebens, das uns die\nAllerhöchsten, die wir sonst nur im Auto, an dier\nLogenbrüstung oder in schlechten Reproduktionen der\nillustrierten Blätter zu sehen bekommen, menschlich\nnäher brachte.\"\nAber menschlich nicht allein, sondern „auch künst-\nlerisch\". Denn ein grosser Teil der Gegenstände, die\nman zum Verkauf gestellt hatte, waren: „Erzeugnisse\nfeinster Delikatesse, dezentester Hochkultur,\nProdukte des vornehmsten Geschmackes, des indivi-\nviduellen Geschmackes, der Eigenkunst, geläutert durch\nden Takt der Tradition. Und alles selbstgefertigt. In\nden eigenen Werkstätten gefertigt, königliche Heimkunst,\nkönigliche Hausmacherarbeit.\"\nDer Mann und Künstler Edel brauchte nur einen\nBlick hinter die Mauern des Lebens zu werfen, das uns\ndie Allerhöchsten menschlich näher bringt, um einer\n(wenn auch kleinen) Leserwelt die Augen öffnen zu\nkönnen über die Tatsache, dass hier die moderne\nKunst, trotz Knackfuss und anderen Hofkünstlern, ge-\nadelt wird. Hier werden feinempfundene Blumenstücke\nvon einer Prinzessin nicht einfach gemalt, sondern „im-\npressionistisch auf die Leinwand gezau-\nbert\" und die von einem Prinzen geschaffenen Sil-\nhouetten lehnen sich sogar an die Allerneuesten an —\ndie Bayros (o!) und Beardsley.\n„Man durfte, so sagt er auch noch, in die Seele\ndieser Begnadeten des Lebens schauen und konnte\nsich überzeugen, dass auch in den königlichen Wiegen\nMenschen geboren werden, Menschen, die die Zeit be-\ngreifen und aus ihr schöpfen.\"\nEdel wird sie nie begreifen.\n\nFortsetzung folgt\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nI. V.: Oskar Kokoschka\n\nDer schonste Punkt\nin der Umgebung Berlins ist Pichelsdorf an der\nHeeresstrasse. Die letzten Wasservillenbaustellen\nan der Havel, gegeniiber Pichelswerder sollen sofort\npreiswert verkauft werden. Naheres die\nBodengesellschaft des Westens,\nMauerstrasse 86—88 .. Telep'non I, 7497\n\nDie Fackel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\n:: Nr. 311/12 ::\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfg.\nÜBERALL ERHALTLICH\n\nKurhaus und Erholungsheim\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, große,\nhelle Zimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze Jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stiind-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschiire\n„Leben\" kommen vom Besitzer u. Leiter Emil Peters"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "361", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.7", "texte": "ssion\nSSSSS 58SSS s§3§ 3SSE 3§3§ 38SSS 3SSSS\nGakrie Maximilian lfla(l)t\n3BBBS 3SBBS 3BBS 3BBS 2BBS 388SS M3SBS\nBerlin SI., Rankc-Strasse 1\nan der Kaiser fililbclm Gedacl)tnls-Kirc|e"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "362", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110105-01.1.8", "texte": "Inseratenannahme: Geschäftsstelle „Der Sturm\" Hannover, Artilleriestr. 15, für Berlin A. BotsJPotsdamerstr. 111, sowie sävntl. Annoncen-Exped., Druck v. Carl Schüssler-Hannorcr\n\nDr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrer a. d. Schauspielschule d. Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURG\nWilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5—6 Uhr\n\nSim Cafe Continental K22ST\nJeden Abend von 9—4 Uhr Nachts:\nGROSSES KUNSTLER-KONZERT\n:: Alle bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften ::\n\nWeinhaus Rheinpld\nKAISER-SAAL\nTagiich: Translateur - Konzert.\n\nZeitschrift fur Musterzeichner\nWirksames Insertions-Organ\nFachschrift ersten Ranges\n:: Abonnenten in alien Staaten Europas ::\nInsertionsgebiihren massig\nOfferten gern zu Diensten\nSchriftleitung C. Kriiger Unterbarmen (Rhld.)\nHirschstrasse 49\n\nmalschule\nSystem L v. Kunowski\nACT / KOPF / STILLEBEN\nHeinrleKi R«chter\nEisenaclierstrasse 103\nSprechstunden 12 — 1 Uhr\n\nMax Giesswein\nKgl. SSchs. und Kgl. Wtirttembg.\nHofopernsanger\nBERLIN W. 50\nCulmbacherstr. 6\nFernspr~ Via 18926\nERTEILT\nQESANQ-UNTERRICHT\nSprechstunde 3—4 Uhr\n\n„Der Forscher\"\nIllustriertes Zentralblatt fiir deutsche\nForschung\nHerausgeber: Bund deutscher\nForscher,Hannover, unter hoher\nEhrenprasidentschaft Sr. hoch-\nfuistl. Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen bertihmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fordernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. 7j20. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. K. 6.— inklusive Porto\nProbenummer gratis und franko\nInserate finden im „Forscher\"\nwirksamste Verbreitung ..\nInsertionspreis: Die dreimal\ngespaltene Petitzeile 30 Pfg.\n— Geschaftsstelle: —\nForscher - Verlag, Hannover.\n\nGegenuber Pichelswerder in Pichelsdorf\nGrundstiicke an der Havel idyllisch gelegen\nneben dem Schlosspark, nahe der Doberitzer Heerstrasse\n(Kaiserdamm), preiswert verkauflich. Naheres durch die\nBodengesellschaft des Westens\nmit beschrankter Haftung\nBERLIN W 66, MAUERSTRASSE 86—88\n□ Fernsprecher Amt I, Nr. 7497 □\n\nDie Kindermilch nach Prof. Dr. BackhauskommtderMuttermilch am nachsten.\nTrockensubstanzen von je I Liter. Kuhmilch. Backhaus-Milch, und Frauenmilch.'\nI. Milchzucker — 2. Fett — 3. Eiweiss —* 4. Kasem — 5. 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