{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_sha256": "0a189c96240a5eddac95cc592d1789f119384d5dbaa4d568264468ec97cb2cc7", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/01/14_01/bmtnabg_1911-01-14_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/01/14_01/bmtnabg_1911-01-14_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "363", "page_fin": "363", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "363", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.1", "debut_caractere": 563, "fin_caractere_exclue": 863, "texte": "INHALT:\nHERMAN BANG: Honore de Balzac /\nPAUL SCHEERBART: Der Kaiser von Utopia / MY-\nNONA: Der zarte Riese / KURT HILLER: Notizen /\nRENE SCHICKELE: Lektüre / HERMANN SELKA:\nRachel / MAX BROD: Berlin für den Fremden / J A:\nKunst für Alle / Beachtenswerte Bücher / MAX FRÖH-\nLICH: Die Gerte / Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c002", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "363", "page_fin": "365", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.2", "titre_corps": "Honoré de Balzac", "titre_sommaire": "Honoré de Balzac", "signature_source": "Herman Bang", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "363", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.1", "debut_caractere": 865, "fin_caractere_exclue": 8441, "texte": "Honoré de Balzac\nVon Herman Bang\nIst es notwendig, von Balzacs Leben zu sprechen?\nDie Schriftsteller haben ihr Schicksal wie die Bücher,\nsogar nicht immer dasselbe. Denn während es einige\nDichter gibt, deren Bücher bekannt und geliebt sind,\nderen Leben aber verhältnismässig unbekannt ist, gibt\nes wieder andere, deren Leben bekannt ist, obgleich\nihre Werke unbekannt sind. Alle kennen wir Byron —\nwie viele kennen seinen Manfred? So steht es auch um\nBalzac. Sehr wenige haben seine „Verlorene Illusionen\"\ngelesen, alle kennen seine Schulden, seine Extravaganzen,\nseine Sorgen, seine wunderlichen Phantasien, die an\nseinem Unglück schuld waren und ihn zugleich darin\ntrösteten. Alle, kurz gesagt, haben wir Geschichten\naus jenem seltsamen Leben gehört, das bizarr und\nverwirrt war wie eine Phantasie von Berlioz und das\nuns zuweilen wie ein sehr mächtiger Beweis für die\neigene Behauptung des Dichters erscheinen kann, dass\ndas Genie die furchtbarste aller Krankheiten ist. Ernst-\nhaft gesprochen, wer wird wohl sagen können, wo die\nVernunft in diesem Leben aufhörte und wo die Krank-\nheit begann ?\nNiemand wird das können. Aber vielleicht haben\njene auch nicht ganz unrecht, die das Genie eine\ngefährliche Krankheit nennen, wenn Fieberphantasien\nzu grossen Visionen werden und Hallunzinationen in\nblenden Werken aufleben.\nWas Balzac geschildert hat, ist das Frankreich der\nRestauration und der Orleans — eine und er-\nschlaffte, eine krankhaft gejagte, allzu übersättigte\nGesellschaft. Wenn auch Balzac kein Geschichts-\nschreiber ist und oft die grellen Farben des 'Roman-\nschriftstellers gebraucht, so haben doch viele andere\ndie damalige Gesellschaft ebenso düster gesehen und\nsie ebenso grau gezeichnet wie er.\nUeberdies, man wird nie so berühmt und |so\ngelesen in seinem Vaterlande wie Balzac, wenn man\nunwahr malt— allerdings vielleicht auch nicht, wenn man\nallzu wahr malt: die Leser werden immer gleichzeitig\nwünschen, das Wahre an dem Bilde zu erkennen, und\ndoch, wenn sie sich von der Wahrheit geschlagen\nfühlen, sich hinter ihren Uebertreibungen verstecken\nzu können Darum wird der Schriftsteller immer der\ngelesenste sein, bei dem die Uebertreibung die Wahr-\nheit zugleich hervorhebt und deckt Aber Balzac hat\nvielleicht nicht einmal so sehr übertrieben, als man\nglauben könnte.\n„Unsere Sitten haben keine Festigkeit,\" sagt Ler-\nminier in einer Schilderung derselben Zeit, „wir sind\nKinder eines flüchtigen Uebergangszustandes: Erben\nzweier Revolutionen, sind wir ohne Begeisterung und\nohne Geschmack an neuen politischen Bewegungen,\nbin Gutes. — Auer leiaer — und (las ist unsere\nSchwäche haben wir noch keinen moralischen Ruhe-\npunkt, kein soziales Gleichgewicht gefunden. Die\nTraditionen, Ideen und Meinungen der französischen\nGesellschaft, alles liegt in einem endlosen Chaos, das\nwohl von einzelnen aufblitzenden Lichtern erhellt wird,\naber noch ohne Harmonie und ohne Ordnung — sie\nzu schaffen wird das Werk der Zukunft sein.\"\n„Wo soll man sich hinwenden? Woran und wem\nsoll man glauben? Die Jugend findet nichts, dem sie\nihren Glauben und ihre Bewunderung schenken kann,\nund darum missbraucht sie ihre schönste Zeit in inhalt-\nlosen Zerstreuungen Die lebhaftesten ironisieren das\nLeben, bevor sie es kennen, aber diese allzufrüh ent-\nwickelte Ironie hat nur allzu traurige Konsequenzen.\nWenn die Jugend nicht mehr stark und begeistert für\netwas fühlen kann, geht sie in kleinen Verirrungen zu\nGrunde. Die Vernünftigsten sind von der ganzen\nBerechnung der Frühreife gezeichnet, und sie wundern\nsich, in ihrem zwanzigsten Jahr noch ohne Stellung\nund ohne Einfiuss zu sein; in ihren Augen hat ihre\nMitwelt nur einen Fehler, ihre Verdienste allzu lang-\nsam zu belohnen. Sie proklamieren ganz ungeschminkt\nund ganz frei den Egoismus.\"\nDiese Schilderung ist nicht erfreulich, aber da\nTaine mehr als einmal zu demselben Resultat kommt,\nmuss man sie wohl für wahr halten. Eine verpfuschte\nZeit, in der die Gesellschaft ohne an etwas ausserhalb\nihrer selbst zu glauben, auch nicht an sich selbst oder\nan die Zukunft glaubt. Ein Geschlecht, das wie jeder\nder es aufgegeben hat, an gewisse Ideen zu glauben,\nin einen zügellosen Kampf für das Materielle und für\nden Augenblick versinkt, Menschen, denen die grossen\nProbleme nur zu gedankenlosem Spiel ohne tieferes\nInteresse dienen. Die älteren von persönlichem Ehr-\ngeiz und persönlichen Zielen ausgefüllt. Die jüngeren\nohne Aufgaben, an denen sie ihre Kraft erproben\nkönnten, zu einer Untätigkeit gezwungen, die mehr als\nirgend etwas anderes das Helotentum anklagt, zu dem\ndie Restauration die Jugend verurteilt hatte. So sieht\n— nach dem Urteil von Franzosen — die französische\nGesellschaft aus, die Balzac schildern will.\nHäckel hat irgendwo in einem seiner Bücher eine\nlebendige Schilderung des Kampfes gewisser blatt-\nfressender Insekten um die Existenz und das Leben\nentworfen. Balzacs „Menschliche Komödie\" erinnert\nmich oft an diese Schilderung, und vielleicht wäre es\nnicht unrichtig, zu behaupten, dass Luden de Rubenpres\nDichter ein Darwinist ist, der Darwin nicht kennt.\nDie Gesellschaft in ewigem aufreibenden Kampf —\ndas malt Balzac Der Kampf ums Dasein ist der\nständige Gegenstand seiner Bücher: seine Frauen lieben,\nseine Männer begehren und leiden, aber alle werden\nsäe von dem reissenden Strom des Existenzkampfes\nmitgerissen. Man vergleiche Balzac mit Dumas.\nDumas' Personen sind entweder Philosophen oder\nLiebhaber oder Gesellschaftsmenschen oder Abenteurer,\naber sie ieben stets von ihren Renten oder — von\nder Luft.\nUnd nun bei Balzac: auch Rastignac ist ein halber\nPhilosoph, auch er konversiert wie ein Meister, geht am\nTage in Gesellschaft und verbringt seine Abende in\nder Oper, aber unter der talentlosen Oberfläche ver-\nbirgt sich ein rastloser Kampf, sich oben zu erhalten\nund weiterzukommen. Einer gegen alle und alle gegen\neinen, geballte Hände, sich vorwärts drängen! Wie ein\ngrauenvoller Schiffbruch beinahe, wo man, um sich\nselbst zu retten, unbarmherzig seinen Nebenmann in\ndie Tiefe drängt und ihn ruhig sinken sieht.\nSo malt Balzac seine Gesellschaft; als einen un-\nendlichen tragikomischen Kampf sieht er die „Mensch-\nliche Komödie\", wo in fieberhaftem Gewühl Typen aus\nallen Gesellschaftsschichten vorübereilen, von dem all-\nbezwingendem Dämon Egoismus getrieben. Und fast\nalle diese Gestalten sind gleich wahr. Denn der\nDichter stand selbst im Kampf, er hat ihn selber ge-\nkämpft und andere ihn kämpfen sehen. Und wenn\ner heimkommt, und in der Stille der Nacht, in die\nweisse Kutte der Dominikaner gekleidet, sich sammelt\nund sich zu erinnern sucht, steht alles mit unendlicher\nGenauigkeit vor ihm. Balzac, und das ist seine\nGrösse, hat seine „Menschliche Komödie\" kraft\nseiner Erinnerung an das Leben geschrieben: darum\nist unter seinen Personen keine, die nicht lebt, und\nkeine, die wir nicht erkennen.\nMan hat behauptet, dass es die Frauen waren, die\nBalzac berühmt machten. Vielleicht hat man recht\ngehabt Die Liebe hatte ja der zwanzigjähriges Frau\ngehört. Liebe war einst Jugend und Frühling ge-\nwesen. Die Dichter hatten ihre Romane über die\nFrauen geschrieben, die keine Romane lesen, sondern\nsie erleben wollen, und sie zu Heldinnen gemacht, die\nim Leben leben und nicht in Büchern besungen werden\nwollen. Nun kam Balzac und erzählte, dass der\nSommer die Zeit der wahren Liebe ist; und wenn\nunsere Schwärmerei dem Frühling gehört, so gehört\nunsere Leidenschaft dem Sommer: er hat uns von der\nFrau von dreissig Jahren erzählt.\nUnd alle die lange vergessenen dreissigjährigen\nFrauen bewunderten ihn, der den Mut besass, zu\nsagen, dass auch sie ein Herz und eine Geschichte"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "364", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 13417, "texte": "haben; sie bewunderten ihn nicht allein, sie lasen ihn\nauch. Denn wenn man dreissig Jahre ist, liest man\nviel, um sich zu trösten und zu vergessen oder um\nsich zu erinnern und sich zu freuen.\nDurch sein Glück ermuntert, ging der Dichter\nweiter, und länger und länger dehnte er die Herrschaft\nder Frau aus. Er schuf bald Frauen von vierzig\nJahren, Frauen, die die ganze prickelnde Schönheit\ndes Herbstes haben und an jene Tage im Oktober er-\ninnern, an denen die Luft klarer und die Farben\nreicher sind, als mitten im Frühling, und die nur desto\nbezaubernder sind, weil wir wissen, dass alle ihre\nSchönheit von einem einzigen Regenschauer vernichtet\nwerden kann. Und Balzac eroberte nicht allein die\nschönen Frauen für sich, nicht allein Madame\nde Beauseant gab er ein Herz, auch den Miss-\ngestalteten, den Verbitterten, den Unterdrückten schenkte\ner eine Geschichte. Er hatte in ihren Gedanken ge-\nlesen, er verstand ihre Leiden, er begriff ihre geheimen\nKämpfe. „Wie ein sorgsamer Arzt\", sagte Sainte-\nBeuve, „geht er bei den Frauen aus und ein, und er\nkennt ihre Seele ebensogut wie ihren Körper. Er\nweiss, wie sie sprechen, wie sie denken und wie sie\nlieben. Alle diese ältlichen Frauen, die vergessen und\nverkrüppelt in den Winkeln der Provinzen gesessen\nhaben, zieht er aus der Vergessenheit und dem Staub\nhervor. Er erzählt von ihnen, er macht sie zu\nHeldinnen. Und wenn sie zuweilen erröten, weil sie\nso ans Licht gezogen werden, so vergessen sie es\nbald und danken ihm, der wohl wusste, dass auch\nfrühe Runzeln und ergrautes Haar die Hülse um ein\nHerz sein können.\"\nUnd selbst jene, die über diese Heldinnen lächeln,\nzwingt er, an sie zu glauben. Seine Beobachtung ist\nallzu fein, allzu überwältigend und allzu klar. Er\nimponiert mit seinen unendlichen Details, er überredet mit\nseinem eindringlichem; Wissen — er kennt und anatomisiert\nden Körper, er erforscht und seziert die Seele. Wieviele\nBilder danken wir ihm nicht . . .\nVor allem Eugenie Grandet und ihre Mutter. Hier\nist nichts von Zolas fast planloser Häufung der Einzel-\nheiten. Alles ist notwendig in dem Bilde, jedes Detail\nwirft ein neues Licht über die Gestalten, fügt einen\nneuen und schlagenden Zug zum Charakter. Eugenie\nist eine der schönsten Gestalten in der französischen\nLiteratur, jungfräulich, edel und rein. Rein wie eine\ndenkende Frau ist, die weiss, was sie opfert, wenn sie\nunvermählt und ihrer Liebe treu bleibt und die eben\nauf Grund dieses Bewusstseins, dass das Opfer gross\nund die Resignation doppelt erhaben macht, wahr und\ngross bleibt. Denn nur sie, die weiss, was sie opfert,\nbringt in Wahrheit ein Opfer — und die Bewusstheit\nist auch bei der Frau mehr wert, als die Unbewusstheit.\nAber wenn Balzacs Frauen ihre Liebe opfern,\nopfern sie alles: sie sind zu sehr Menschen, um das\nnicht zu wissen. Und Coralie, die freudig stirbt, weil\nder Tod sie davor bewahrt, ihre Liebe zu entweihen,\nFräulein d'Espregnon, die sich für ihre Familie opfert,\nLady Brandon, der die Mutterliebe den Tod so schwer\nmacht, die Gräfin Pirmiani, die ihren Geliebten zwingt,\nein Mann zu werden, Julie d'Aiglemont, die Frau von\ndreissig Jahren — und viele, viele mehr. Wahrlich —\ndie Frauen schuldeten Balzac einen Altar; sie haben\nihn ihm in ihren. Herzen errichtet.\nUnd dennoch — die Schilderungen der Frauen\nhaben vielleicht seinen Ruhm begründet, seine Zeichnung\ndes Mannes werden ihn bewahren. Wir, die wir\nglauben, dass Beobachtung die notwendigste Eigenschaft\ndes Romanschriftstellers ist, werden Balzacs Frauen\nimmer bewundern, denn kein Mann hat sie besser\noder so gut gekannt wie er. Aber wir werden uns\ndennoch sagen, dass der Mann, selbst ein Balzac, die\nFrauen immer so zeichnen wird, wie er will, dass sie\nsein sollen, weniger so, wie sie sind. Darum dürfte\nmancher Leser George Sands Frauen und Balzacs\nMänner vorziehen.\n„Es gilt das Leben\", sagt Balzac, „das Leben und\nmehr als das Leben, denn es gilt das Glück.\" Und\ndamit stürzt diese Schar in wirbelndem Strom vorwärts,\nunaufhaltsam auf der Jagd nach dem Glück, in hitzigem\nKampfe, wie Infusorien in einem Wassertropfen, wie\nWeizenkeime im Boden, die um Sonne und Licht\nkämpfen.\n„Aber es gibt\", fügt der Dichter hinzu, „nur einen\nWeg, sein Glück zu machen: man erreicht alles durch\ndie Frau. Und nur durch sie.\" Darum wird bei\nBalzac auch die Frau in den Kampf hineingezogen;\ntrotzdem steht sie ausserhalb des Gefechts. Und ich\nmöchte es wiederholen: jener unbeschreibliche Schimmer\nvon Wahrheit, den der Existenzkampf auf Balzacs Ge-\nstalten wirft, ist ihr grösster Vorzug. Dieser Schein\nruht am stärksten auf den Männern, und deshalb ziehe\nich sie vor. Ausserdem sind die Männertypen noch\nmannigfaltiger, die Nuancen feiner, die Details noch\nreicher.\nAber wählen wir ein einzelnes Beispiel, denn nur\ndurch den Hinweis auf ein einzelnes Bild kann man\neinen schwachen Begriff von Balzac und seiner Methode\ngeben — ein kurzer Hinweis, der fast nur ein Resume\nwerden muss: aber Resume und freie Phantasie sind\nScylla und Charydis der Kritik. Jedoch— eine einzelne\nGestalt aus dieser Galerie zu wählen ist nicht leicht.\nIhr Reichtum ist zu mannigfaltig und gross. Wir be-\ngegnen Blond, Brideau, Nathan, jener ganzer Schar\nPariser Journalisten mit käuflichen Federn und gut\nverstecktem Gewissen— einer Gesellschaft mitten in\nder Gesellschaft, einer klebrigen Gesellschaft, die Balzac\nmit Vorliebe behandelt, wahrscheinlich weil sie alles\nwiderspiegelt: Elend und Luxus, Aufopferung und\nVerbrechen, und weil der beständige Kampf hier zum\nHandgemenge wird, zum Faustkampf, beinahe zur\nSchlägerei: Wir treffen Gobseck, Grandet, Claes,\nWucherer, Alchimisten und Geizhälse, Leute, für die\ndas Gold Zweck und nicht Mittel geworden ist, und\ndie sterbend nach dem Kruzifix tasten, das ihnen mit\ndem Glänze des Silbers entgegenleuchtet Wir sehen\nde Marsav, Rastignac, de Trailes, Modeherren, die\njeden Tag alles wagen, um ihr Ziel: Leben und Glück\nzu erreichen. Wir lernen Cesar Birotteau kennen,\nChesnel, David Sechard, Ehrenmänner mitten im\nElend. Diese unendliche Schar von Gestalten zieht\nan unserem Blick vorbei, und wenn wir unter all\ndiesen Typen Lucien Rubenpre herausgreifen, so\ngeschieht es beinahe aufs Geratewohl. Unter einer\nsolchen Menge kann man nicht wählen, man greift\nhalb ins Dunkle. Lucien ist der Sohn eines Apothekers\nund einer adligen Dame. Er erbte von seiner Mutter\neine verhängnisvolle Schönheit und eine Begabung,\ndie ihm zu ihrem Abgott macht. Er wird von allen\nblind vergöttert. Sein Talent gewinnt ihm die Männer,\nseine Schönheit die Frauen. Unter diesen Madame\nBargeton, die sich in den Sohn des Apothekers ver-\nliebt und ihn zu sich einladet. Wir verfolgen nun Tag\nfür Tag seine Liebe, sehen ihn langsam aus Louisens\nSklave ihr Herr werden, sehen ihn allmählich seine\nFamilie verleugnen und ihr langsam alles rauben Aber\ndieser Egoismus erwacht ganz allmählich. Schleichend\nbemächtigt er sich seines ganzen Wesens, bis die Zer-\nstörung vollendet ist und Lucien reif, seiner Geliebten\nnach Paris zu folgen. Balzac führt seine Umwandlung\nnicht durch jähe Uebergänge herbei, er manövriert be-\nständig mit Kleinigkeiten, mit Belanglosigkeiten, mit\njenen „riens\", aus denen das Unendliche zusammenge-\nsetzt ist. Lucien kommt nach Paris, er schlendert auf\nden Boulevards herum, und nach und nach kommt er\ndahin, sich seiner Kleidung zu schämen, seiner Wäsche,\ndie seine Schwester in einer schlaflosen Nacht ge-\nplättet hat, seiner Stiefel, die keine Stulpen haben. Er\ngeht zu einem Schneider und wird „neu\" — aber die\nneuen Kleider sind zu neu, und man lächelt in Ma-\ndame d'Espards Loge über ihn. Er hatte auf diese\nKleider gehofft, er wollte in diesen Kleidern triumphieren,\nseine Schönheit ins Licht setzen und man lächelt.\nAusgelacht und verhöhnt ballt er die Hände gegen die\nGesellschaft. Aus tausend Dingen, ist sein Hass er-\nwachsen, die man Lächerlichkeiten nennen könnte, wenn\nman sich nicht selbst sagt, dass gerade solche kleinen\nDinge die grossen Faktoren im Roman des Lebens\nwerden.\nNun wird Lucien in das Gewühl des Pariser Lebens\ngezogen. Ich kann ihm nicht durch diesen Kampf\nfolgen, der seinen Egoismus verdoppelt und seine Zer-\nstörung vollendet. Aber überall finden wir in der Schilde-\nrung dieselbe Klarheit, und alles trägt das Gepräge der\nunerbittlichen Notwendigkeit der Wirklichkeit.\nZuletzt diese ergreifende Szene an Coralies Toten-\nbett. Lucien hat kein Geld, alles ist verpfändet und\nverkauft. Und da neben ihm, auf dem Bett liegt die\nFrau, die er so sehr geliebt hat, als er lieben kann,\nund die ihm alles geopfert hat und jetzt für ihn stirbt.\nWie soll sie unter die Erde kommen, wie soll er sie\nbegraben lassen? Während ihr brechendes Auge ihn\nsucht, sitzt er am Bett und schreibt — ein Buch-\nhändler hat bei ihm ein paar obszöne Lieder bestellt\nAn ihnen arbeitet er. Und von Zeit zu Zeit muss er\ndie Melodie summen, um zu prüfen ob die Worte\npassen. — Bis dahin ist alles vollendet oder beinahe alles.\nVon hier an gleitet Lucien in das Abenteuer, in die\nPhantasie, beinahe in Phantasterei — wie alle Haupt-\npersonen Balzacs. Dieser grosse Beobachter wird gegen\nEnde seiner Bücher immer zum Phantasten. Die Phan-\ntasie, die er solange gezügelt hat, geht mit ihm durch\nund er wird selbst mitgerissen und geht in dem wir-\nbelnden Strudel unter, den er aufgepeitscht hat. Was in\nseinem Leben Geisteskrankheit war, wird in seinen\nBüchern zügellose Ekstase. Er übertreibt die wahren\nZüge, er schafft für das Alltägliche gigantische Formen.\nNachdem er ganz real gewesen war, wird er schliess-\nlich ganz unwahrscheinlich. Und von einem Roman,\nder uns durch seine Wahrheit verblüfft, gleitet er\nhinüber uns ein Abenteuer zu erzählen, das fast an\nE. Th. A. Hoffmann erinnert.\nAber Vautrin ist noch unwahrscheinlicher als\nLucien.\nVautrin, der ausgebrochene Galeerensklave, der\ngemeine Verbrecher, der „Napoleon der Galeeren.\"\nBalzac 'hat eine Schwäche für solche Gestalte«\nSie sind Ausgeburten seiner Phantasie und nehmen all\ndas Phantastische in ihm gefangen. Seine unerschöpf-\nliche Erfindungsgabe macht diese Verbrecher zu Helden\nin Hunderten von Kämpfen, er lässt sie siegen, trium-\nphieren und zerstören ; er verliebt sich in ihre grenzen-\nlose Verworfenheit, er lässt sie zu Titanen wachsen\nund macht sie beinahe zu Göttern — er macht die\nSchlechtigkeit bezaubernd, indem er sie unmenschlich\ngross macht Jener Baron Hulot, den Taine für eine\nder grössten Gestalten des Dichters hielt, hat gewiss\nviel zu dem Ruf der Immoralität Balzacs beigetragen.\nEr bewundert die Stärke, wo er sie findet und ver-\nherrlicht die Kraft, auch wenn sie im Dienste des\nVerbrechens steht.\nSeine Verbrecher imponieren wie Michelangelos\nStatuen.\nDer Vorwurf des Unmoralischen lässt sich am\ndichtesten gegen einen Schriftsteller erheben, sagt\nMadame Surville. Sie hat Recht. Aber wenn man\nihn zu einem gewissen Zeitpunkt mit seltener Einstim-\nmigkeit gegen ihren Bruder richtete, so war dies recht\nnatürlich, und die Schuld lag nicht allein an seinen\nFeinden, die ihm missverstehen wollten, sondern auch\nan ihm, der missverstanden werden konnte. In dem\nrasenden Kampf, der in seinen Büchern tobt, siegt\nstets die Stärke. Wenn auch Balzac in seinen Vor-\nreden Christ ist, in seinen Romanen bleibt er ein\nSchüler Voltaires. Die Religion ist für Balzac nur\neine Notwendigkeit, die Völker zu zügeln, wie der\"Ab-\nsolutismus. Die Polizisten zähmen die Körper, das\nChristentum die Geister, und was Balzac Sympathie\nfür diese beiden Mächte einflösst, ist ihre Stärke und\nnur sie. Er hat im Grunde ganz dieselbe Sympathie\nfür den Verbrecher Vautrin — sie siegen, beide kraft\nihrer Stärke.\nBalzacs Bücher erinnern an einen verwirrten brau-\nsenden Hexentanz, und sein Stil passt genau zum In-\nhalt Man kann schwer etwas Ungeordneteres finden,\nals ein Buch von Balzac. So wie seine Personen-\ngalerie bald ein Wachsfigurenkabinett ist und bald ein\nmächtiges Museum, erinnert seine Sprache und sein\nSatzbau an ein reiches Warenhaus. Nur Zola hat\nnoch mehr unübersetzbare Worte als er, nur Zola\nkann die Sätze so auftürmen. Aber bei dem Begrün-\nder des Naturalismus ist der Stil gleichartig, die Methode,\ndie Art zu sprechen, stets dieselbe. Balzac ist immer\nneu. So wie er Worte aus allen Wissenschaften\ndurcheinandermischt, ahmt er kühn den Stil aller Peri-\noden nach, und der originellste Schriftsteller* der viel-\nleicht je gelebt hat, ist infolge dieser gewollten Nach-\nahmung der Unoriginalität bezichtigt worden.\nSelbst die letzten Werke legen Zeugnis von der\nArbeit ab, -die es ihm gekostet hat, seinen Platz als\ngrössten Dichter Frankreichs zu behaupten, den ihn\nTaine im selben Atem mit Shakespeare nennt\nWenn man ihn gerade ganz sicher glaubt und eine\nFeinheit in der Beobachtung, eine anmutige Periode\nder Sprache bewundert, man von einer starken\nUebertreibung und einem holprigen Satzbau wieder ab-\ngestossen. Balzac war nie einheitlich. Und wenn\nnicht ein Engel und ein Teufel in ihm wohnte, so\nwaren doch zum mindesten zehn Menschen in ihm.\nMan sagt, dass es das Schicksal der grössten und\nwahren Dichter ist, erst nach ihrem Tode anerkannt zu\nwerden.\nMan sollte vielleicht eher sagen, dass man einen\nDichter nach dem Einfluss werten kann, den er nach\nseinem Tode erlangt. Shakespeare hat für Jahrhunderte\ngeschrieben. Balzac, der in einer Zeit lebte, wo alles\nso unendlich rasch wechselte, hat auf jeden Fall für\nviele Generationen geschrieben. Der Einfluss, den ef\nauf die Literatur seines Landes und dadurch auf die\nder ganzen Welt ausübte, ist unberechenbar."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "365", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1405, "texte": "Die „Menschliche Komödie\" ist die Mutter des\nneueren Romans, und alle Schriftsteller Frankreichs\nhaben um ihr reiches Erbe gekämpft. Flaubert hat\nuns Madame Bovary geschenkt und sich der Provinz\nbemächtigt, die Balzac ihm erschlossen hat. Dumas\nwurde durch die Kameliendame berühmt, die „Comedie\nHumaine\" hatte ihm Coralie und Florine gezeigt Fabre\nhat uns „L'abbe Tigrane\" gezeichnet und die Studien\neines der Priestertypen Balzacs dazu verwendet; Belot\nund Malot sind Millionäre geworden, indem sie uns\nvon grossen Verbrechen und grossen Verbrechern er-\nzählten — sie haben Vautrin gekannt. Droz hat durch\nsein Spiel mit einem Feigenblatt gefallen er hatte\ndie Maison Nucingen gelesen. Die Brüder Goncourt\nhaben Eugenie Grandet gelesen und Renee Mauperin\ngeschrieben. Zola endlich hat die Gesellschaft der\nOrleans studiert, wie sie von Balzac gegeben war,\nund durch dieses Studium konnte er uns die des\nKaisertums zeichnen, die aus jener hervorgegangen war.\nAls Eugenie Grandels Dichter starb, teilten Frank-\nreichs Schriftsteller den Roman zwischen sich auf, und\nman kann vielleicht keinen grösseren Beweis für sein\nGenie finden als den, dass zugleich „Rocambole\" und\n„Madame Bovary\" von ihm abstammen.\nAber Honore de Balzac — er, dessen Grösse Goethe\nerriet — lebt noch heute, nicht nur in dem Werke\nderer, die er beeinflusst hat\nEr lebt vor allem in seinem eigenen lebenden Werk\n„La Comedie Humaine.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c003", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "365", "page_fin": "365", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.3", "titre_corps": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "titre_sommaire": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "365", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.3", "debut_caractere": 1407, "fin_caractere_exclue": 9317, "texte": "Der Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nXVII\nDer Tausch\nDer Kaiser schlief in der darauffolgenden Nacht\nsehr schlecht; er träumte fortwährend von roten und\ngelben Flammen, die gegen den Himmel schlugen und\ndie Sterne in Verwirrung brachten.\nUnd des morgens fuhr der Kaiser sofort mit seinem\nGefolge zum Rathaus und setzte den Schildaer Rats-\nherrn auseinander, wie sie durch ihren Bedachungs-\nplan in gelben und roten Farben bewiesen hätten, dass\nsie garnicht so dumm seien, wie sie sich immer an-\nstellten — und dass sie wegen dieser fortwährenden\nVerstellungskunst nun erst recht strafbar wären\nDa waren natürlich die Schildaer Ratsherrn sehr\nentsetzt; sie glaubten, die Sache mit der Bedachung\nganz vortrefflich gemacht zu haben, und nun zeigte\nsich der Kaiser erst recht ungemütlich; Moritz Wiedewitt\nwar ganz allein auf die Idee der Stadtbedachung\ndurch seine rot und gelb gestreifte Oberbürgermeister-\nkappe gekommen und sehr stolz auf seine Himmels-\nuniformierung.\nIndessen — Herr Wiedewitt liess nicht so schnell\ndie Flinte ins Korn fallen; er sagte den Kaiser ganz\neinfach ungefähr folgendes:\n„Grandiosität! Dass sie uns für so schrecklich\nklug halten, ist ein grausamer Irrtum. Seien Sie mal\nein Jahr Oberbürgermeister von Schiida — dann werden\nSie nicht mehr daran glauben, cass die Schildaer sich\nblos dumm stellen und dabei sehr klug sind.\"\nUnd der Kaiser sagte darauf ungefähr dieses:\n„Gut! So wollen wir unsere Kopfbedeckungen\ntauschen — nimm Du die Krone und ich nehme die\ngelb und rot gestreifte Kappe.\"\nUnd so geschahs.\nUnd die Schildaer waren natürlich aus dem\nHäuschen.\nDer Kaiser aber fuhr bald darauf zum goldenen\nLöwen und liess den Herrn Sebastian zu sich kommen.\nUnd mit dem Herrn Sebastian begab sich Philander,\nder jetzt den Oberbürgermeister vorstellte, in ein kleines\nabgelegenes Zimmer und schloss die Türe hinter sich\nzu.\nXVIII\nDie Getäuschten\nAls die beiden Herren nun allein waren, sagte\nPhilander der Siebente leise:\n„Herr Sebastian! Erschrecken Sie nicht!\"\nUnd dabei nahm er den weissen Bart und die\nweissen Augenbrauen und die weissen Haupthaare ab.\nHerr Sebastian erschrack wirklich. Und als er\nhörte, dass er die Kleider mit dem Kaiser tauschen\nsollte, erschrack er noch mehr.\nUnd als Herr Sebastian gar vernahm, dass der\nKaiser willens sei, als Flugtechniker Sebastian durch\ndie Welt zu reisen und ihn den Flugtechniker als\nOberbürgermeister von Schiida in der Gestalt des\nKaisers Philander von Utopia zurücklassen wollte, da\nerschrack der Herr Sebastian am meisten.\nAber die Sache wurde glatt arrangiert, Herr\nSebastion erhielt die schriftlich aufgesetzten Verhaltungs-\nmassregeln, und Philander der Siebente wanderte eine\nhalbe Stunde später als Flugtechniker Sebastian zum\nTore von Schiida hinaus.\nDie Schildaer ahnten nicht, dass der Kaiser weg\nwar, und bauten ihre uniformierten Himmel weiter\naus, während Herr Sebastian seinen ersten Bürger-\nmeistersbefehl in die Welt setzte; dieser Befehl setzte\nden Schildaern auseinander, dass sie zunächst darüber\nnachzudenken hätten, wie sie ihren uniformierten\nHimmel nützlich verwerten könnten, -- und dass sie\nnatürlich die ganze Dachgeschichte gleich wieder ab-\ndecken müssten.\nDas verdross die Schildaer natürlich sehr; sie\nhatten geglaubt, jetzt ein ganz neues Leben unter\nihren neuen Himmel führen zu können. Herr Wiedewitt,\nder sich natürlich schon genau als Kaiser geberdete,\nsollte helfend eingreifen - lehnte das aber sehr kühl ab\nund machte überall Einkäufe und besichtigte den Hof-\nzug und erkundigte sich bei den Beamten nach den\nPreisen, die in Ulaleipu für Schlachtvieh und Fische\ngezahlt werden.\nHerr Sebastian wollte währenddem sein Abendbrot\nverzehren, bemerkte aber, dass er mit seinem weissen\nBart nicht essen konnte — und musste aufstehen und\nhungrig auf sein Zimmer gehen, wo er seine Zer-\nvelatwurst ohne Bart ass und auf die Narrheit\nschimpfte — aber so, dass es niemand hörte\nXIX\nIm Luft-Waggon\nDer Herr Sebastian ass nun in des Kaisers rotem\nMantel - - aber ohne weissen Bart — sehr ärgerlich\nseine Zervelatwurst Und zu derselben Zeit sass der\nKaiser im Luft-Waggon des Herrn Sebastian und ass\nKaviar und warmes Rostbrot, während die drei\nMaschinisten die Abfahrtsmanöver leiteten; der Waggon\nwurde langsam durch Röhrenfüsse, die sich mechanisch\nverlängerten, immer höher gehoben dann bereiteten\nsich die beiden sehr beweglichen Flügel aus — und\ndann begannen hinten die Schraubenräder zu arbeiten —\nund das Luftfahrzeug schwebte zu den Wolken empor\nund hielt sich anfänglich über der Meeresküste.\nDer Führer des Luftwagens, Herr Schlackenborg,\nbetrat die Veranda, in der der Kaiser Philander sein\nAbendbrot verzehrte und dabei durch die grossen\nGlasscheiben nach Westen blickte, wo die Sonne im\nMeere in grosser Farbenpracht unterging. Herr\nSchlackenborg setzte sich dem Kaiser gegenüber und\nlangte ebenfalls zu; ein längeres Schreiben des Herrn\nSebastian hatte die drei Maschinisten genau informiert —\nwie sie sich seinem Freunde gegenüber zu verhalten\nhätten. Dass dieser Freund der Kaiser selber war,\nwussten die Drei nicht, doch dass er ein einflussreicher\nMann und Bartmann genannt werden sollte — das\nwussten die drei Maschinisten. Auf ihre Verschwiegen-\nheit konnte sich der Kaiser verlassen, und Herr\nSchlackenborg war ein gebildeter Ingenieur.\n„Es wäre nun\", begann Schlackenborg, „mir sehr\nerwünscht, wenn ich wissen könnte, wohin die Fahrt\ngehen soll\".\n„Oh\", versetzte Bartmann, „darüber habe ich noch\ngarnicht nachgedacht. Fahren wir doch, so lange es\nnoch hell ist, über dem Meere — und vielleicht landen\nwir dann an einem Leuchtturm, wo Ihnen die Lotsen\nbekannt sind\".\n„Soll geschehen!\" sagte Schlackenborg, gabs weiter\ndurchs Sprachrohr und entkorkte eine Porterflasche.\nBartmann sah in die Farbenpracht des Sonnen-\nunterganges und sagte leise:\n„Ich muss Ihnen schon erklären, Herr Schlackenborg,\ndass ich ein etwas sonderbarer Mensch bin; ich habe\nJahrzehnte hindurch fernab vom Weltgetriebe wie ein\nEinsiedler gelebt und möchte nun das Leben kennen\nlernen — oder, wie ich zu sagen pflege, ich möchte\nhinter das Leben kommen; ich möchte hinter jedem\nBaum und hinter jedem Fels und hinter jedem Sonnen-\nuntergang — noch mehr sehen — das, was eigentlich\ndahinter ist — die eigentlichei Lebensnerven — die\nTriebfeder — den Mechanismus — Sie verstehen wohl\".\n„O ja\", sagte da der Schi ckenborg, „das möchte\nich auch wohl - das Uhrwerk in der Natur kennen\nlernen — alle Maschinenteile — das ganze Kraft-\narrangement. Es ist mir das eigentlich ganz geläufig,\nda ich als Maschinentechniker immer gewohnt bin,\nüberall die Schrauben aufzuschrauben und in das\nInnere zu sehen\".\n„Nicht so ganz,\" bemerkte der Bartmann, „ver-\nstehen wir uns. Ich möchte mehr den Duft der\nNatur in kondensierter Form — als Parfüm aufnehmen.\nIch möchte die Quintessenz des Lebenden haben\nAber — darüber sprechen wir wohl noch öfters*\nWichtig ist mir auch, hinter die Menschen zu kommen]\nAuch den Menschen möchte ich unter die Haut sehen'\nIch möchte sehen, ob die innerlichen Freuden des\nMenschen sehr gross sind — ob die Menschen auch\nnicht im Kaiserreich Utopia verlernt haben, ein innerliches\nLeben zu führen; das äusserliche Leben ist in Utopia\nso bequem und angenehm, dass ich fürchte, das\ninnerliche Leben könnte zu kurz kommen.\"\n„Ein bischen viel auf einmal,\" entgegnete Herr\nSchlackenborg, „verzeihen Sie gütigst, dass ich nicht\ngleich so folgen kann, - aber ich werde mir die\ngrösste Mühe geben, Ihren interessanten Auseinander-\nsetzungen mir verständliche Seiten abzugewinnen.\nEinstweilen muss ich bitten, mich zu entschuldigen —\nich muss nach den Maschinen sehen.\"\nUnd er ging, und der Kaiser sass da und starrte\nin den Sonnenuntergang und in die Farbenpracht des\nMeeres, die tief unten flackerte und brannte\nUnd die Augen des Kaisers sahen die goldenen\nRänder der Wolken und die Glanzlichter in der Tiefe —\nund er wollte dahinter kommen — hinter dieses grosse\nmächtige schäumende Leben"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "365", "page_fin": "366", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.4", "titre_corps": "Der zarte Riese", "titre_sommaire": "Der zarte Riese", "signature_source": "Mynona", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "365", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.3", "debut_caractere": 9338, "fin_caractere_exclue": 11409, "texte": "Der zarte Riese\nVon Mynona\nEs war einmal ein Riese, der war so zart, so\nzart! Und nun ging er durch die Menschen Wie\nsanft nur setzte er seine Schritte, wie sanft. Und\nnoch mit seinem allersanftesten zertrat er so viele\nnette freundliche Menschen: Frau Direktor Buller ganz\nplatt, ganz platt: Herrn Geheimrat Wersch; Herrn\nOmnibuskutscher Koppke; so nette Menschen zertrat\nvorsichtig der zarte Riese. Da weinte er. Wie\nWolkenbrüche, aber salzig, stürzten seine Thränen auf\ngute, liebe Menschennaturen. Die Kinderschule, ja die\nKinderschule kam ins Schwimmen, brach ein, sank.\nDer Riese weinte, Mütter schrieen, Versicherungs-\ngesellschaften starben Der schmerzlich bewegte Riese\nwarf sich zu Boden, aber die Erde bebte: London,\nMadrid, Zehlendorf und Nowawes fielen zusammen wie\nKartenhäuschen. Gut, gut meine ich es, beteuerte\nder zarte, so zarte Riese, und seine reuige Stimme\nerzeugte einen solchen Luftdruck, dass achtzig junge\nund alte Kellner des Luna-Parkes weggeweht wurden\nwie Papierschnitzel. Der Riese stiess einen tiefen\nSeufzer aus seiner grameswunden Brust, es explodierte\ndavon ein Krematorium nebst vier Friedhöfen, ein\nHagel von Asche und Gebeinen wirbelte durch die\nLebendigen. Und es graute dem Riesen vor sich\nselber, als er, von Witwen und Waisen umgraupelt, auf\nflachem Felde hingestreckt lag; unter ihm ein Guts-\nhof mit einer Meierei, alles voll verröchelnder Tiere\nund Menschen. Tötet, o tötet ihr kleinen, feinen Leute\nmich, den sanften Mörder eures Glücks, bat der Riese.\nDa hatte er gut bitten, sein Wimmern zerpuffte ein\nWöchnerinnenheim, eine Grenadierkaserne, die natürlich\nin der Nähe lag, einen regierenden Herrn, der mit\nherrlichem Auto daherbrauste und ein paar alternde\nMädchen, die zum Postamt eilten. Aber, lächelte der\nRiese, und überirdische Wehmut brach aus seinem\nBlick, — aber kann ich Sanfter, der ich nur zu gross\nbin, viel zu gross bin um der guten, dieser lieben, so\nkleinen, so niedlichen, munteren Leute willen, mich\nnicht selber töten? Hallelujah, lallte er ganz leise\naus Furcht, jemanden zu verletzen; Heureka, lächelte"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 592, "texte": "er bei sich, wohlan I Er nahm einen tollen Anlauf,\nsprang himmelhoch, vollführte in den Wolken einen\nSalto mortale und fuhr kopfüber so blitzlings mit dem\nSchädel auf die nächste Kirchturmspitze, dass seine\nSeele garnicht ohne Salbung von hinnen ging. Der\nTurm schlug mit dem prachtvollen Gigantenleib zwei\nStaatteile in Trümmer: der Dichter Promethke starb\nbei dieser Gelegenheit. Und nun begann — nasus\nteneatis! — das Zeitalter der Verwesung, das noch\nbis auf die heutige Nacht fortdauert. — So kann\nwahre Sanftmut wirken wie höllischste Teufelelei —\nsollte sie von einem Riesen herrühren."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "366", "page_fin": "366", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.5", "titre_corps": "Notizen", "titre_sommaire": "Notizen", "signature_source": "Kurt Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.4", "debut_caractere": 594, "fin_caractere_exclue": 4988, "texte": "Notizen\nVon Kurt Hiller\nHistorie treiben heisst dem Nachdenken aus dem\nWege gehn, ist also ein gutes Rezept für Glück-\nseligkeit.\nIch bin stets entzückt, wenn mich ein Freund un-\nangemeldet besucht. Eine bis in die letzten Fasern\nkritische, eine kaum mehr zu enthusiasmierende Rasse\nsoll sich wenigstens den Reiz der Ueberraschungen oft\ngönnen, ja sogar ihn künstlich erzeugen.\nStilistische Apodiktizität: der Schutzpanzer der\nSkeptiker. (Hauptbeispiele: Nietzsche, Weininger,\nKraus).\nManche Leute glauben eine Ansicht verdächtigen\nzu können, wenn sie blinzelnd versichern, sie sei\npsychologisch zu erklären. Als ob eine Idee nur so\nlange Berechtigung hätte, als es unverständlich ist, wie\nsie entstehen konnte.\nDer Purist: Ein Musterbeispiel der Unkultur. Er\nhasst die Mannigfaltigkeit, den Reichtum, die Nuance.\nEr will alles uniformieren, vereinfachen, in Schemata\nsperren. Die Sprache wird schon ihren Grund haben,\nwenn sie, als „Synonymon\" eines deutschen, ein frem-\ndes Wort ins Leben wirft. Der Purist aber ist aus\nUeberzeugung bärentatzig, zertöpfert imponderabile\nUnterschiede, benimmt sich als Henker alles Zarten.\nEr ist neuklassisch\nMan kann den philosophierenden Haeckel lächerlich\nfinden und dennoch angewidert sein, wenn im Parla-\nment, also vor einem Auditorium Unintellektueller, ein\nfreisinniger Oberlandesgerichtsrat ihn — lobt\nProbleme, deren Gegenstand die menschliche Seele\nist, ähneln dem Metalle Quecksilber, als welches unsre\nFingerspitzen zwar betasten, aber nicht ergreifen\nkönnen.\nJene Privatdozenten, die davon träumen, aus der\nPhilosophie eine „evidente Wissenschaft\" zu machen\n„gleich der Mathematik\", sind die Alchimisten der\nNeuzeit.\nDer berühmte Milieu-Soziologe Gumplowicz hat den\nSatz geschrieben: „Ein Irrtum, der Mensch denkt.\"\nWir beleidigen also nicht den toten Forscher, sondern\ndas Milieu, in dem er gelebt hat, wenn wir erklären,\ndass dieser Satz einen erschütternden Blödsinn enthält.\nWie gewisse Aerzte es im Interesse ihres Ansehens,\nihrer Dignität, ihres Ernstgenommenwerdes für unum-\ngänglich notwendig halten, dem Patienten auf alle Fälle\nübelriechende und übelschmeckende Arzneien zu ver-\nordnen, so glauben die meisten Philosophierer, sie ver-\ngeben sich etwas, wenn sie eine wohlriechende und\nwohlschmeckende Sprache, einfanschauliches, [behendes,\nheiteres Deutsch schreiben. Sie haben ganz recht,\ndiese klugen Kaufleute: ohne barbarischen Stil hält\ndas Publikum sie nicht für seriös.\nNicht neue Antworten, sondern neue Fragen machen\nden neuen Denker aus.\nEs ist sehr riskant heutzutage, sich mit Rechts-\nphilosophie zu befassen: man läuft stets Gefahr, wenn\nman einem Stammler kaum entronnen, einem Kohler\nin die Hände zu fallen\nWenn ein Mann von Niveau behauptet, alle Men-\nschen seien gleich, so ist er entweder Masochist oder\nperfide.\nJeder Schaute lehnt es heute ab, „für die Masse\"\nzu schreiben. Weit gemeiner aber als: für die Masse —\nist es: für die Masse der Gebildeten zu schreiben.\nEin Aesthet ist ein wundervoller Mensch. Nur\ndarf er, wenn man seinen Typus angreift, sich nicht\nzu rechtfertigen suchen. Das widerspricht ihm!\nAm 26. August 1909 äussert sich Herr Harry Kahn\nüber die „Lüge von der alleinseligmachenden Persön-\nlichkeit.\" Kunststück! Dass Herrn Kahn seine Persön-\nlichkeit nicht selig macht, will ich schon glauben.\nAber ist das ein Grund, sich darüber zu beklagen,\ndass das „gesamte Kunstschaffen des ganzen letzten\nJahrhunderts mit wenigen Ausnahmen seinen Aus-\ngang nimmt von des Autors Seele?\" Lebten denn\nsämtliche Autoren des letzten Jahrhunderts mit Herrn\nKahn in Seelengütergemeinschaft? Dies ist doch\nwohl eine irrtümliche Hypothese. Aber nur von\nihr aus erklärt es sich, dass Herr Kahn das „persön-\nliche Erlebnis\" dieser Dichter insgesamt, als „sub specie\naeternitatis völlig gleichgültig\" bezeichnet. Neuklassische\nLitteraten schliessen eben immer von sich auf andere.\nWeil Herr Kahn seine eigenen Erlebnisse mit Recht\nfür belanglos hält, müssen, meint er, auch die Erleb-\nnisse der Grossen belanglos sein. Und die Dichtung\nhat folglich ihren „Ausgang\" zu nehmen statt vom Er-\nlebnis „von der Gesamtheit, in der bestimmte Tendenzen\nzittern, die von der Kunst erlöst und erfüllt werden\nwollen.\" Welch' deutliche Bildersprache! Aber wo\nsitzen denn, mit Verlaub, die „zitternden Tendenzen\"?\nZwischen den Hirnen? Oder nicht vielmehr in\nden Hirnen, als Erlebnisse? — Ach so, in der\n„Gesamtheit\" sitzen sie ja."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "366", "page_fin": "366", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.6", "titre_corps": "Lektüre", "titre_sommaire": "Lektüre", "signature_source": "René Schickele", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.4", "debut_caractere": 4990, "fin_caractere_exclue": 8671, "texte": "Lektüre\nVon René Schickele\nIII\nDie „Nouvelle Revue Franchise\" erscheint\nmonatlich Wer Andre Gide liebt, wird in jeder\nNummer mit Vergnügen mehrere Seiten von ihm finden.\nPaul Claudel, Verhaeren, Ruyters, Gheon, Schlumberger\nsind ständige Mitarbeiter Die beiden letzten Nummern\nenthalten Jugendbriefe des bis zur Genialität begabten\nArmenhäuslers Charles-Louis-Philippe, der vori-\nges Jahr, in der Reife seiner Produktion, starb und\njetzt erst — durch seine erstaunlichen Briefe — seine\nganze grosse und so traurige Menschlichkeit preisgibt,\ndie ihn ganz unerwartet, dem Pauvre Lelian der Spital-\nelegien nahe bringt Aber Verlaine war vom Leben\nverdorben. Dieser hier hatte noch nicht angefangen\nzu leben, als er sich schon im abgründigen Elend ver-\nsinken fühlte. Einmal spricht er von Stunden „oü nous\navions des larmes et des sourires dans la peau\"\nOder: „11 y a un ciel miraculeux lci, bleu tenu et\nblanc leger, j'en ai Tarne tres fine et m£lancolique\"\nBeispiele einer vornehmen Empfindsamkeit . . . Sein\nVater war Holzschuster. Philippe lebte in Paris wie\nin der Verbannung, er schätze sich wahrhaft glücklich,\neinhundertundsechzig Francs monatlich zu verdienen\nals kleiner städtischer Beamter, (eine Sinnekure, die\nBarres ihm verschafft hatte.) Kurz nach fünf Uhr\nabends war er frei. Dann schrieb er, auf seinem\nStübchen, von wo er auf Notre Dame hinübersah.\nEr war nicht glücklich in Paris. „Si je gagnais un\npeu d'argent, j'irais m'enfermer dans ma province, et\nfumant des pipes, regardant les choses, je serais si\nheureux que j'en viendrais ä croire qu'il y a un Dieu\nqui me b£nit. Je m'y marierais, je te Tai dit, ma\nvie s'£coulerait loin de Paris, je pourrais ecrire de\nbeaux livres, parce que ma vie y serait toute. J'aurais\ndes pensees infinies, je lirais, je reverais, je vivrais,\nje regarderais vivre, mon coeur serait tendre, et je te\ndis que j'£crirais des livres d'une tendresse fort belle.\"\nDer Roman „Bubu de Montparnasse\" machte\nihn endlich bekannt. Der „Matin\" nahm ihm seine\nNovellen ab. Er dachte daran, seine „Sinekuren\"\naufzugeben und „ein anständiger Mensch\" zu werden.\nSeine tiefe Melancholie lernte lachen. Er war stolz,\nGeld zu verdienen und seinen Namen nennen zu\nhören — denn er hatte lange genug über die „con.\nspiration de silence\" geknirscht, worin seine Bücher\nuntergingen, und, die Hand in der Tasche, heimlich die\ngrossen Sous gezählt, wenn er durch die „östlichen\nGärten\" der grossen Boulevards ging.\nSo haben ihn seine Freunde wenigstens in „seiner\nProvinz\" begraben und die „Nouvelle.Revue frangaise\"\nhat eine Subskription eröffnet, damit der arme Philippe\nein schönes Denkmal bekommt.\nIV\nDie französisch lesen können, sollten den Roman\n„Marie-Claire\" von Marguerite Andoux kaufen\n(Bibliotheque Charpentier). Marguerite Andoux ist eine\nNäherin, die wegen eines Augenleidens nicht mehr ar-\nbeiten durfte. Sie schreibt schon lange — um sich\nin ihrer Einsamkeit zu trösten, wie es im plötzlich\nausgebrochenen Tumult der Reporter hiess, und vor\nallem wohl, weil sie zu schreiben berufen war. Philippe\nentdeckte sie. Mirbeau gab ihren Roman „Marie-\nClaire,\" mit einem enthusiastischen Vorwort, dem Ver-\nleger Fasquelle. Sie bekam den Preis der „Vie heu-\nreuse\": fünftausend Francs, der Roman wird viel ge-\nkauft. Ein Talent, das, noch stummer, noch verlassener\nals Philippe, unbemerkt vorbeigehn zu sollen schien,\nund das gerettet ist.\n„Marie-Claire,\" die Geschichte einer Waise, die von\nden barmherzigen Schwestern erzogen wird, hat einen\nsehr schönen ersten Teil; und der Schlussist gross-\nartig.\nIch las noch andre Bücher Aber über der „Marie-\nClaire\" habe ich sie alle vergessen.\nJetzt bin ich wieder gesund und habe keine Zeit\nmehr zu lesen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "366", "page_fin": "367", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.7", "titre_corps": "Rachel", "titre_sommaire": "Rachel", "signature_source": "Hermann Selka", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.4", "debut_caractere": 8682, "fin_caractere_exclue": 10828, "texte": "Rachel\n\nEs gibt noch auf der Welt Bruderliebe. Aber ia\nElend und Kümmernis geht das Leben zweier Brüder,\ndie sich einander gut sind. Und dem Schrecken wird\nkein Ende.\nJames und Allan liebten sich. Von früh an habea\nihre Wege auseinander oder nebeneinander, niemals\nineinander geführt. Nur das eine hatten sie gemein-\nsam: die Liebe zur Natur. Nur ihr Gefühl zog sie\nunter die hohen, dunklen Bäume, nur ihre tiefe Ah-\nnung, dass auch die Holzstämme, die weit in den\nHimmel ragen, leben, aber leben, wie sie müssen,\nkeineswegs so, wie sie wollen und wünschen Und\nsie wussten um die Tragödien, die zwischen den Höl-\nzern sich abspielten und um die Kämpfe, die langen,\nwilden Kämpfe, die jeder in sich und mit sich allein\nauszukämpfen hatte. Und ihnen schien: Der Mensch\nist wie ein Baum.\nBeiden, James und Allan, sollte dieses unbestimmte\nGefühl zur Gewissheit werden. Jedem zur einer ande-\nren Zeit.\nBeide lernten sie Rachel kennen Beide liebten\nsie Rachel und Rachel liebte beide.\nDas konnte nur Rachel. Nur sie allein war im-\nstande, viele zu lieben, sich von allen lieben zu lassen,\nauf alle einen Bann, einen Zwang auszuüben und sich\nvon allen knechten zu lassen.\nWoher stammte dieses Weib mit den merkwürdigen\nschmalen, spitzen Füssen, mit den dürren Fingern,\ndiese schlanke, schöne Gestalt, mit den tiefen, glän-\nzenden Augen, die gar zu oft wie Glas glotzten —\nniemand weiss das. Ueber ihre Herkunft ist ein dichter\nSchleier gebreitet. Niemand kennt ihren Erzeuger, nie-\nmand ihre Gebärerin.\nAuf dem christlichen Friedhof fand sie der Trödel-\njude Simon Jumaisohn an dem Abend, als ihn eine\ninnere, verhängnisvolle Stimme dorthin trieb, wo er\nnichts zu suchen hatte.\nAuf einer Bank lag in Zeitungspapier gewickelt\nein wenige Tage altes Kind. Er nahm es mit sich\nund erzog es und verzog es. Das kann man Simon\nnicht übelnehmen. Woher sollte er wissen, wie man\nKinder erzieht. Er Hess ihr in allem den Willen. Er\nbeugte sich ihrem Gebote. So wurde Rachel. Ihre\nWesen beherrschte sie. Sie gab sich stets wie sie\nwar. Und ihre einzige Sehnsucht erstrebte sie mit allen\nMitteln zur Erfüllung zu bringen. Geld — Gold in\nBergen. — Das war ihr Ziel."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "367", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.5", "debut_caractere": 26, "fin_caractere_exclue": 5052, "texte": "Als sie grösser wurde, missfiel ihr das Ghetto,\ndiese engen, dunklen Gassen Amsterdams. Ihr Pflege-\nvater wollte nicht aus der Judenstadt ausziehen. Sie\nging. Wohin? Niemand weiss es.\nIn Aegypten finden wir sie wieder. Eine blühende\nJungfrau. Sie übt eine unumschränkte Gewalt auf van\nGrooten, den Grosskaufmann, aus. Da sie seine Gattin\nnic t werden will, adoptiert er sie. Sie willigt ein, nicht\ngern, aber sie folgt ihrer Natur. Denn er hat, was\nsie raucht: Geld.\nIn Aegypten wird sie von einem Eseltreiber, der\nsie in die Berge bringen sollte, vergewaltigt; er küsst\nsie und schlägt sie. Und Rachelist voller Seligkeit,\nsie liebt ihn und — ermordet ihn. Im Sande ver-\nscharrt sie seine Leiche. Kein Mensch erfährt von dem\nMorde. Nur ihr Pflegevater errät es. Sie zwingt ihn\nzu schweigen und schickt ihn fort. Nach England.\nDort hat er sein Geschäft, seine ständige Wohnung.\nRachel bleibt in Aegypten. Sie erwählt einen an-\nderen jungen Eingeborenen zum Geliebten. Aber er\nkann den Eseltreiber nicht ersetzen. In ihrer seelischen\nZerüttung lernt sie Hooker kennen. Sie liebt ihn und\ner liebt sie. Nicht mit der Tat, nicht mit dem Ge-\ndanken, sondern weil er es eben will, weil es ihm\nLust ist Er liebt sie, aus einer Laune, Rachel gesund,\nfrei, glücklich zu machen.\nIn England treffen sie alle zusammen. Van Grooten\nund seine Tochter Rachel, Allan, der zufällig in\nvan Grootens Geschäft eine Stellung bekam, James\nder als Richter dahin versetzt wurde, Hooker, der auf\nRachels Wunsch aus Aegypten herübergekommen war\nund ebenfalls in dem Geschäft eine Position erhalten\nhatte.\nDiese vier Männer und diese eine Frau leben dort\nzusammen. Van Grootens Haus ist der Sammelpunkt\nfür sie und nur für sie.\nAuch Simon Jumaisohn lebt in der englischen\nStadt; auch ihn hatte die Sehnsucht nach Rachel hier-\nher getrieben. Sie sollte nicht erfüllt werden, seine\ngrosse, tiefe, reine Sehnsucht. Als ihm das klar wurde\ngab er sich den Tod.\nDie anderen aber lebten und liebten weiter. Eine\ngeraume Zeit, ein paar Jahre ging das so. Jeder glaubte\nan Rachel. — Und manchmal, wenn die Minute merk-\nwürdig war, sprach er davon zu einem der Männer,\nNur Hooker nicht. Hooker sagte niemals einen\nTon über sein Verhältnis zu Rachel, er blieb ewig\nruhig, er war seiner Sache, seines Sieges ganz\nsicher. —\nAn dem Tage, als das Schreckliche eintrat, war\ner eben so ruhig, wie gewöhnlich, keine Miene ver-\nzog er, mit der grössten Sicherheit und Festigkeit —\nlog er.\nSo retteten Hooker und James Allan. So kam\nes £nie heraus, dass er der Mörder van Grootens\nwar, dass er ihn aus Eifersucht erschossen hatte.\nHooker konnte dieses Geheimnis tragen. Sehr gut.\nJames und Allan gingen daran zugrunde. Die Last\nward ihnen zu schwer — Allan endete durch Selbst-\nmord. James verliess seine Stellung, zog sich in sein\nHeimatdorf zurück und lebte dort in Einsamkeit, ein\nlebender Toter.\nJames schrieb dort in seiner traurigen, elenden Muse\ndiese merkwürdige Geschichte auf.\nIn der Form von Aufzeichnungen des Unter-\nsuchungsrichters James Temple hat Karin Micha-\nelis, die Verfasserin des vielgelesenen und vieldebat-\ntierten Buches „Das gefährliche Alter\" ihr neustes\nWerk gegeben: „Rachel, ein Ghettoroman\". Der Unter-\ntitel führt irre. Es ist kein Ghettoromann. Alles predigt\nsich im Hause des Engländers van Grooten ab. Ledig-\nich die kurze Einleitung führt in das Amsterdamer\nGhetto.\nAber die Skizze lässt erkennen, wie tief die nor-\ndische Dichterin in das Wesen des Judenghettos ein-\ngedrungen ist.\nMan wird den Roman „Rachel\" viel lesen. Man\nwird sich mithineinziehen lassen in den Trubel des\nleise Geschehenden. Das ist das Eigene und das\nseelentief Bewegende in diesem Werk: die zauber-\nhafte, erschreckende Stille, mit der alle schweren\nKatastrophen sich abspielen. Es ist vielleicht nicht un-\nmöglich, „Rachel\" einen psychologischen Schauer-\nroman zu nennen. Die Seelen werden aufgewühlt,\nbis in ihre fernsten Falten legt sich die schwere Mystik\ndieses Buches.\nSchlaflos werden unsere Nächte, unruhig unsere\nTage. Wir denken nach. Es gibt Menschen unter\nuns, die tragen schwer die Bürde des Lebens. Denn\nsie müssen schweigen, sie dürfen nicht reden, oder\nnur zu denen, die genau dasselbe sagen wie sie.\nJa, es gibt noch Leid auf der Welt. Ganz ver-\nborgen. Und wohl mancher wird es fühlen. Mit\nFreude, mit Lachen, mit Vergnügen wollte er es bannen.\nUnd nun kommt es doch hervor. Und beherrscht ihn.\nVollständig. Und doch wird er ruhig. — Denn es\nkommt ihm zum Bewusstsein: weit besser ist es, sein\ntatsächliches Leben zu leben, und sei es noch so\ntraurig und kummerschwer, als ein Scheinleben. Ewig\nein Lächeln, ein Witzwort bereit haben zu müssen,\nist tausendmal schlimmer als grosse, wehe, ungeweinte,\nnie zu weinende Tränen sein zu nennen, in vollem\nBewusstsein.\nMan soll dieses tiefe, merkwürdige Buch der Karin\nMichaelis lesen. Diese komische Geschichte, wo vier\nMänner um die Gunst einer Frau werben, wo vier\nMänner um einer schönen Frau Liebe werben, die sie\nselbst nicht besitzt.\nDer Roman erschien im Verlag Concordia Berlin\n\nHermann Selka"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c008", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "367", "page_fin": "367", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.8", "titre_corps": "Die Gerte / Max Fröhlich", "titre_sommaire": "Die Gerte / Max Fröhlich", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "367", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 24, "texte": "Die Gerte / Max Fröhlich"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c009", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "368", "page_fin": "368", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.9", "titre_corps": "Berlin für den Fremden", "titre_sommaire": "Berlin für den Fremden", "signature_source": "Max Brod", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4112, "texte": "Berlin für den Fremden\nMax Brod\nIch sehe nur ein paar Details, keinen Gesamt-\neindruck. Der weisse Dampf der [Stadtbahn fällt die\nViadukte herab, zerfliessend fwie feine Schneeflocke.\nDer harte Asphalt ähnelt, vom Licht beglänzt, einer\nweichen [Masse, man fürchtet einzusinken, so oft man\nauftritt, und deshalb wohl, um ihn kaum\nfiiegen die Automobile mit leichtem langernfWellenschlag\nüber ihn hin. Die Mietautos sind hier weiss, in Paris\ngelb oder rot: es gibt keinen wichtigeren Unterschied\ndes Stadtbildes. Besser gesagt: ich liebe |solche Be-\nobachtungen, ja nichts als sie liebe ich . . . Lächer-\nlich kleine Details. Die Mietautos als weisse leichte\nEngel über ebenem Asphaltgewölk . . . Warum sind\ndie glatten Rasen der Anlagen von ganz niedrigen\nEisenschienen eingefasst? Ueberall hier? Will man\nsie betreten, so .hindert dieses Liliputgeländer {nichts\n(höchstens stolpern könnte man darüber); und will man\nsie nicht betreten, wozu wird man immer erinnert, dass\nes ausserdem verboten ist? . . . An manchen Stellen\nist der Erdboden auch zwischen den Schienen der\nElektrischen, nicht nur längs der Schienen, mit grünen\nBeeten bespannt Das hab ich noch nirgends gesehen\nausser in Berlin. Und es tut mir weh; wie sich das\nHerz der Hausfrau zusammenkrampft, wenn man auf\neinen neuen Sessel steigt, um die Uhr aufzuziehen\n(es schadet ja vielleicht dem Sessel nichts, trotzdem\nkrampft sich dieses Herz zusammen) — oder wie wenn\nman auf allzu kostbares Briefpapier einen Brief schreibt\n(wozu ist es denn da als zum Brief schreiben, trotz-\ndem tut es einem leid) . . .\nEine zweifellos richtige Beobachtung habe ich noch\nüber Berlin zu machen. Ganz Berlin ist ein grosses\nPlakat von Lucian Bernhard. Plakat für eine „Aus-\nstellung der lebendigen Kraft\" . . . Noch keine Stadt\nhabe ich gesehen, die einen so einheitlichen Stil durch\neinen einzigen Mann bekommen hätte wie Berlin durch\nBernhard . , . und seine Nachahmer. Denn das muss\nja einmal gesagt werden, dass er der erste war, der\ndie pathetische Wirkung des schwarzen Hintergrundes,\nder schwarzen Schatten entdeckte, der statt der Unter-\nstreichungen dicke Lineale unter die Worte setzte,\ngiftgrün oder blassrosa, der statt der Punkte magische\nFünfsterne anwandte und statt der Buchstaben Run-\ndungen eines dicken Pinsels J. . . „Der Grundzug\nmeiner Kunst\", sagte er mir einmal, „ist Faulheit. Ich\nmale aus Faulheit.\" Sehr gut. Aber aus einer genialen\nFaulheit, muss ich hinzusetzen. Einer seiner ersten\nAufträge war, ein Titelblatt für die Zeitschrift „Das\nLeben\" zu machen. Welcher Anfänger hätte nicht\nseinen Stolz darein gesetzt, durch recht ausführliche\nZeichnerei seine Originalität zu erhärtan. Bernhard\nder Faule machte drei Rhomben. Drei grosse Rhom-\nben, sonst nichts, in wilden Farben. Damals fiel er\nmir zuerst auf als etwas ganz JSeltsames, als irgend\netwas wie eine idyllische Dampfmaschine, ein ameri-\nkanisches Arkadien. Und er die Grossstadt\nerobert, der verschwendrisch Sparsame |(was will das\nPlakat, das Warenhaus, die ungeheuere Entfernung mit\nihren schnellen Eisenbahnen, das ganze moderne Leben\nanderes als im Menschen immer die doppelte Illusion\nerwecken: dass er sich stürmisch hinwirft und dass er\nsich zugleich energisch zusammenhält) . . . Heute be-\nherrschen die Bernhardschen Farben (das Gelb-Violett-\nGrau (des feingeschwungenen katholischen Stiefel-\nPlakates), seine vollgefressene Antiquaschrift und seine\nhaarige Fraktur, seine Einrahmungen in Gestalt un-\nregelmässig punktierter Ellipsen alle Wände, alle Bücher,\nalle Zimmer. Fällt nicht an jeder Strassenecke der\nviolette Ritter in die Knie, mit seinem orangenen Bart\n(den er nächstens vor Trübsal aufessen wird)? Be-\nvölkern nicht die lichten Windhunde» die lehmgelben\nAffen, die zigarrenrauchenden Kobolde, aber auch die\nzierlichen Gibsonmädchen in fruchtbar ausgeheckten\nHorden alle Strassen? .. . Man unterschätze das\nnicht 1 Ich glaubte, der Fremde in Berlin, eine Weile,\ndass auch die blauen Strassentafein an den Ecken von\nBernhard stammen. Und dies ist ebenso, nicht etwa\nin höherem Grade, falsch, wie sämtliche Bemerkungen,\ndie ein Fremder über eine Stadt macht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c010", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "368", "page_fin": "368", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.10", "titre_corps": "Kunst für Alle", "titre_sommaire": "Kunst für Alle", "signature_source": "J. 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In dieser stiess Trust die Made-\nleineschen Musenpuppen allen Lektüremasochisten ge-\nwaltig vor den triebschwülen Unterleib Ihnen musste\ndie Erkenntnis aufdämmern, dass zur Parnasspitze\nkreisende Serpentinwege wildromantischer Nymphomanie\nebensowenig führen, als ein einziger männlicher Tritt\neines selbst liebesmüden Dichters das Trippeln hunderter\nVersstelzfüsse zum Verstummen bringen kann.\ni\nTrotzdem sind für Edel die Madeleineschen Verse\nnoch immer „formvollendet und feingeschliffen\", und\nobgleich sie schon vor fünfzehn Jahren unser Ent-\nzücken waren, haben sie ihren alten Zauber bewahrt.\nEdel „schlürft sie wie ein heimliches, süsses Gift, das\nuns berauscht und toll macht\".\nIch wollte gerne in das Lob dieses Giftes ein-\nstimmen, wenn es uns nicht allein berauschen und toll\nmachen, sondern uns auch Edels zähen Pharisäermut,\nüber Kunst und Literatur zu schreiben, für' immer\ntöten könnte. Aber das Gift hat nur die Kraft, so\nlange an sich selbst nicht zu krepieren, als es von\neinem Edel geschlürft wird.\nDer Est-Est-Verlag verabreicht das Fuselgift in\neinem kostbaren Becher von Büttenpapier, mit Zeich-\nnungen „unserer berühmtesten Maler. Slevogt, Haber-\nmann, Corinth, Heile mann, Th. Th. Heine, Walser,\nLiebermann, Schulz und Leonard stellten ihre\nKunst in den Dienst von Kypros und\nwanden ein duftendes Bukett seltener\nBlüten.\" Mehr noch: ihre Zeichnungen durch-\nschiessen das Prachtwerk.\nEdel ist der Genuss des Madeleineschen Giftes\ndoch nicht gut bekommen, er schwatzt von der Kunst\nwie ein vollständig Betrunkener, er tobt in der\nFeuilletongummizelle.\nDie Neuhellenen\nWenn ich ein Regisseur wäre, stolz und ehrgeizig,\neiner, der nur Eigenes und Grosses schaffen will,\nkönnte ich der Lebensbühne nur noch Valet sagen,\nich müsste einen jähen Abgang durch ein Loch wählen,\nnicht grösser als eine Revolverkugel. Ich müsste in\ndem alles verdunkelnden Schatten des Theatertitanen\nReinhardt verzweifeln — bliebe mir nicht die Hoffnung,\neine Herostratostat begehen zu können. Ich müsste\nden Musentempel der Vieltausenden, dessen Errichtung\nam Tempelhofer Feld die Pythia Gabriele Reuter im\nOrakel zu Mosse prophezeit, in Brand stecken können,\num doch wenigstens der Nachtheaterwelt meinen Namen\nauszuliefern. Von der Mittheaterwelt ist ja kein grosser\nSegen zu erwarten. Sie ist ein schwindelhaftes Unter-\nnehmen in den Händen einer Gesellschaft, die die\nkostbaren Waren des assortierten Lagers der Ver-\ngangenheit verschleudert, ohne Furcht vor Konkurrenz\nund Pleite Sie beherrscht den Markt vollständig, und\nauch Jacobsohn, der sich einstmals republikanisch ge-\nbärdete, hat festen Dienst genommen in der Söldner-\ntruppe des von Karl Hauptmann zum Kaiser des\nTheaterreichs proklamierten Reinhardt. Er lässt jetzt\nseine über ihn verfassten Aufsätze in einem Buch er-\nscheinen, das der Verlag Erich Reiss in wahrhaft nach-\ngriechischer Sprache ankündigt:\nDer Herausgeber der „Schaubühne\" legt uns\nhier einen — sorglich überarbeiteten\nTeil dessen vor, was er als der in\njedem Betracht erste Mitarbeiter\nseiner in jedem Betracht ersten\nTheater Zeitschrift während eines Lustrums\ngeschrieben hat. Dass es der wichtigste Teii\nist, dafür bürgt der Name des Mannes, um\nden, als Mittel- und Zielpunkt, die Aufsätze\ngesammelt sind: Max Reinhardt. Die über-\nragende Grösse dieses Proteus und\nPrometheus der deutschen Bühne\nwird in der von blutnaher Liebe,\ndoch nie von blinder Verliebtheit diktierten\nDarstellung Siegfried Jacobsohns nicht weniger\nlebendig, als die Werke, die aus den Händen\nReinhardts selbst zur Auferstehung gelangt\nsind. Von dieser Zentralsonne aus\naber schiessen, wie es nur natürlich\nist, scharfe Strahlen zur Peripherie\nhin, so dass das ganze Bühnenwesen unserer\nZeit transparent und das Buch damit zu\neinem historischen Dokument von ungewöhn-\nlicher Bedeutung wird. Vor allem aber an\ndie Heutigen wendet es sich; an die zumal,\ndie in der Schaubühne weder Schillers\nmoralische Anstalt, noch eine blosse Ver-\ngnügungsstätte sehen, sondern die im Spiegel\ndes Dramas ihr hundertfältig geteiltes Sein\nzur Einheit erlöst und erhöht sehen wollen.\nDiesen wird das Buch ein wertvoller Besitz\nwerden. Denn mit der Konzentrati-\nons- und Kompositionskraft ders\nechten Sprachkünstlers deutet der\nAutor ihnen ihrer Seele Erschütte-\nrungen und läutert ihr dumpfes, passives\nErgriffensein zu lichtem, aktiven Begreifen.\nSolche stilistische Schleifenfahrten weisen den Weg\nvom Zirkus nach Musentempelhof."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c011", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "368", "page_fin": "368", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.11", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.6", "debut_caractere": 8781, "fin_caractere_exclue": 9012, "texte": "Beachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nMAX DAUTHENDEY\nDie Spielereien einer Kaiserin / Drama in\ndrei Akten, einem Vorspiel und einem Epilog\nVerlag Albert Langen / München"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c012", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "368", "page_fin": "368", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.6", "debut_caractere": 9170, "fin_caractere_exclue": 9271, "texte": "Die Fackel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\n:: Nr. 311/12 ::\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfg.\nOberall erhAltlich"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-14-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-14_01#c013", "volume": "bmtnabg_1911-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "368", "page_fin": "368", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.6", "debut_caractere": 9273, "fin_caractere_exclue": 9850, "texte": "Kurhaus und Erholungsheim\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. 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Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen beriihmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fordernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. IyZO. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. 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JANUAR 1911 /HANNOVER\nNUMMER 46\n\nINHALT:\nHERMAN BANG: Honore de Balzac /\nPAUL SCHEERBART: Der Kaiser von Utopia / MY-\nNONA: Der zarte Riese / KURT HILLER: Notizen /\nRENE SCHICKELE: Lektüre / HERMANN SELKA:\nRachel / MAX BROD: Berlin für den Fremden / J A:\nKunst für Alle / Beachtenswerte Bücher / MAX FRÖH-\nLICH: Die Gerte / Zeichnung\n\nHonoré de Balzac\nVon Herman Bang\nIst es notwendig, von Balzacs Leben zu sprechen?\nDie Schriftsteller haben ihr Schicksal wie die Bücher,\nsogar nicht immer dasselbe. Denn während es einige\nDichter gibt, deren Bücher bekannt und geliebt sind,\nderen Leben aber verhältnismässig unbekannt ist, gibt\nes wieder andere, deren Leben bekannt ist, obgleich\nihre Werke unbekannt sind. Alle kennen wir Byron —\nwie viele kennen seinen Manfred? So steht es auch um\nBalzac. Sehr wenige haben seine „Verlorene Illusionen\"\ngelesen, alle kennen seine Schulden, seine Extravaganzen,\nseine Sorgen, seine wunderlichen Phantasien, die an\nseinem Unglück schuld waren und ihn zugleich darin\ntrösteten. Alle, kurz gesagt, haben wir Geschichten\naus jenem seltsamen Leben gehört, das bizarr und\nverwirrt war wie eine Phantasie von Berlioz und das\nuns zuweilen wie ein sehr mächtiger Beweis für die\neigene Behauptung des Dichters erscheinen kann, dass\ndas Genie die furchtbarste aller Krankheiten ist. Ernst-\nhaft gesprochen, wer wird wohl sagen können, wo die\nVernunft in diesem Leben aufhörte und wo die Krank-\nheit begann ?\nNiemand wird das können. Aber vielleicht haben\njene auch nicht ganz unrecht, die das Genie eine\ngefährliche Krankheit nennen, wenn Fieberphantasien\nzu grossen Visionen werden und Hallunzinationen in\nblenden Werken aufleben.\nWas Balzac geschildert hat, ist das Frankreich der\nRestauration und der Orleans — eine und er-\nschlaffte, eine krankhaft gejagte, allzu übersättigte\nGesellschaft. Wenn auch Balzac kein Geschichts-\nschreiber ist und oft die grellen Farben des 'Roman-\nschriftstellers gebraucht, so haben doch viele andere\ndie damalige Gesellschaft ebenso düster gesehen und\nsie ebenso grau gezeichnet wie er.\nUeberdies, man wird nie so berühmt und |so\ngelesen in seinem Vaterlande wie Balzac, wenn man\nunwahr malt— allerdings vielleicht auch nicht, wenn man\nallzu wahr malt: die Leser werden immer gleichzeitig\nwünschen, das Wahre an dem Bilde zu erkennen, und\ndoch, wenn sie sich von der Wahrheit geschlagen\nfühlen, sich hinter ihren Uebertreibungen verstecken\nzu können Darum wird der Schriftsteller immer der\ngelesenste sein, bei dem die Uebertreibung die Wahr-\nheit zugleich hervorhebt und deckt Aber Balzac hat\nvielleicht nicht einmal so sehr übertrieben, als man\nglauben könnte.\n„Unsere Sitten haben keine Festigkeit,\" sagt Ler-\nminier in einer Schilderung derselben Zeit, „wir sind\nKinder eines flüchtigen Uebergangszustandes: Erben\nzweier Revolutionen, sind wir ohne Begeisterung und\nohne Geschmack an neuen politischen Bewegungen,\nbin Gutes. — Auer leiaer — und (las ist unsere\nSchwäche haben wir noch keinen moralischen Ruhe-\npunkt, kein soziales Gleichgewicht gefunden. Die\nTraditionen, Ideen und Meinungen der französischen\nGesellschaft, alles liegt in einem endlosen Chaos, das\nwohl von einzelnen aufblitzenden Lichtern erhellt wird,\naber noch ohne Harmonie und ohne Ordnung — sie\nzu schaffen wird das Werk der Zukunft sein.\"\n„Wo soll man sich hinwenden? Woran und wem\nsoll man glauben? Die Jugend findet nichts, dem sie\nihren Glauben und ihre Bewunderung schenken kann,\nund darum missbraucht sie ihre schönste Zeit in inhalt-\nlosen Zerstreuungen Die lebhaftesten ironisieren das\nLeben, bevor sie es kennen, aber diese allzufrüh ent-\nwickelte Ironie hat nur allzu traurige Konsequenzen.\nWenn die Jugend nicht mehr stark und begeistert für\netwas fühlen kann, geht sie in kleinen Verirrungen zu\nGrunde. Die Vernünftigsten sind von der ganzen\nBerechnung der Frühreife gezeichnet, und sie wundern\nsich, in ihrem zwanzigsten Jahr noch ohne Stellung\nund ohne Einfiuss zu sein; in ihren Augen hat ihre\nMitwelt nur einen Fehler, ihre Verdienste allzu lang-\nsam zu belohnen. Sie proklamieren ganz ungeschminkt\nund ganz frei den Egoismus.\"\nDiese Schilderung ist nicht erfreulich, aber da\nTaine mehr als einmal zu demselben Resultat kommt,\nmuss man sie wohl für wahr halten. Eine verpfuschte\nZeit, in der die Gesellschaft ohne an etwas ausserhalb\nihrer selbst zu glauben, auch nicht an sich selbst oder\nan die Zukunft glaubt. Ein Geschlecht, das wie jeder\nder es aufgegeben hat, an gewisse Ideen zu glauben,\nin einen zügellosen Kampf für das Materielle und für\nden Augenblick versinkt, Menschen, denen die grossen\nProbleme nur zu gedankenlosem Spiel ohne tieferes\nInteresse dienen. Die älteren von persönlichem Ehr-\ngeiz und persönlichen Zielen ausgefüllt. Die jüngeren\nohne Aufgaben, an denen sie ihre Kraft erproben\nkönnten, zu einer Untätigkeit gezwungen, die mehr als\nirgend etwas anderes das Helotentum anklagt, zu dem\ndie Restauration die Jugend verurteilt hatte. So sieht\n— nach dem Urteil von Franzosen — die französische\nGesellschaft aus, die Balzac schildern will.\nHäckel hat irgendwo in einem seiner Bücher eine\nlebendige Schilderung des Kampfes gewisser blatt-\nfressender Insekten um die Existenz und das Leben\nentworfen. Balzacs „Menschliche Komödie\" erinnert\nmich oft an diese Schilderung, und vielleicht wäre es\nnicht unrichtig, zu behaupten, dass Luden de Rubenpres\nDichter ein Darwinist ist, der Darwin nicht kennt.\nDie Gesellschaft in ewigem aufreibenden Kampf —\ndas malt Balzac Der Kampf ums Dasein ist der\nständige Gegenstand seiner Bücher: seine Frauen lieben,\nseine Männer begehren und leiden, aber alle werden\nsäe von dem reissenden Strom des Existenzkampfes\nmitgerissen. Man vergleiche Balzac mit Dumas.\nDumas' Personen sind entweder Philosophen oder\nLiebhaber oder Gesellschaftsmenschen oder Abenteurer,\naber sie ieben stets von ihren Renten oder — von\nder Luft.\nUnd nun bei Balzac: auch Rastignac ist ein halber\nPhilosoph, auch er konversiert wie ein Meister, geht am\nTage in Gesellschaft und verbringt seine Abende in\nder Oper, aber unter der talentlosen Oberfläche ver-\nbirgt sich ein rastloser Kampf, sich oben zu erhalten\nund weiterzukommen. Einer gegen alle und alle gegen\neinen, geballte Hände, sich vorwärts drängen! Wie ein\ngrauenvoller Schiffbruch beinahe, wo man, um sich\nselbst zu retten, unbarmherzig seinen Nebenmann in\ndie Tiefe drängt und ihn ruhig sinken sieht.\nSo malt Balzac seine Gesellschaft; als einen un-\nendlichen tragikomischen Kampf sieht er die „Mensch-\nliche Komödie\", wo in fieberhaftem Gewühl Typen aus\nallen Gesellschaftsschichten vorübereilen, von dem all-\nbezwingendem Dämon Egoismus getrieben. Und fast\nalle diese Gestalten sind gleich wahr. Denn der\nDichter stand selbst im Kampf, er hat ihn selber ge-\nkämpft und andere ihn kämpfen sehen. Und wenn\ner heimkommt, und in der Stille der Nacht, in die\nweisse Kutte der Dominikaner gekleidet, sich sammelt\nund sich zu erinnern sucht, steht alles mit unendlicher\nGenauigkeit vor ihm. Balzac, und das ist seine\nGrösse, hat seine „Menschliche Komödie\" kraft\nseiner Erinnerung an das Leben geschrieben: darum\nist unter seinen Personen keine, die nicht lebt, und\nkeine, die wir nicht erkennen.\nMan hat behauptet, dass es die Frauen waren, die\nBalzac berühmt machten. Vielleicht hat man recht\ngehabt Die Liebe hatte ja der zwanzigjähriges Frau\ngehört. Liebe war einst Jugend und Frühling ge-\nwesen. Die Dichter hatten ihre Romane über die\nFrauen geschrieben, die keine Romane lesen, sondern\nsie erleben wollen, und sie zu Heldinnen gemacht, die\nim Leben leben und nicht in Büchern besungen werden\nwollen. Nun kam Balzac und erzählte, dass der\nSommer die Zeit der wahren Liebe ist; und wenn\nunsere Schwärmerei dem Frühling gehört, so gehört\nunsere Leidenschaft dem Sommer: er hat uns von der\nFrau von dreissig Jahren erzählt.\nUnd alle die lange vergessenen dreissigjährigen\nFrauen bewunderten ihn, der den Mut besass, zu\nsagen, dass auch sie ein Herz und eine Geschichte"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "364", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.2", "texte": "haben; sie bewunderten ihn nicht allein, sie lasen ihn\nauch. Denn wenn man dreissig Jahre ist, liest man\nviel, um sich zu trösten und zu vergessen oder um\nsich zu erinnern und sich zu freuen.\nDurch sein Glück ermuntert, ging der Dichter\nweiter, und länger und länger dehnte er die Herrschaft\nder Frau aus. Er schuf bald Frauen von vierzig\nJahren, Frauen, die die ganze prickelnde Schönheit\ndes Herbstes haben und an jene Tage im Oktober er-\ninnern, an denen die Luft klarer und die Farben\nreicher sind, als mitten im Frühling, und die nur desto\nbezaubernder sind, weil wir wissen, dass alle ihre\nSchönheit von einem einzigen Regenschauer vernichtet\nwerden kann. Und Balzac eroberte nicht allein die\nschönen Frauen für sich, nicht allein Madame\nde Beauseant gab er ein Herz, auch den Miss-\ngestalteten, den Verbitterten, den Unterdrückten schenkte\ner eine Geschichte. Er hatte in ihren Gedanken ge-\nlesen, er verstand ihre Leiden, er begriff ihre geheimen\nKämpfe. „Wie ein sorgsamer Arzt\", sagte Sainte-\nBeuve, „geht er bei den Frauen aus und ein, und er\nkennt ihre Seele ebensogut wie ihren Körper. Er\nweiss, wie sie sprechen, wie sie denken und wie sie\nlieben. Alle diese ältlichen Frauen, die vergessen und\nverkrüppelt in den Winkeln der Provinzen gesessen\nhaben, zieht er aus der Vergessenheit und dem Staub\nhervor. Er erzählt von ihnen, er macht sie zu\nHeldinnen. Und wenn sie zuweilen erröten, weil sie\nso ans Licht gezogen werden, so vergessen sie es\nbald und danken ihm, der wohl wusste, dass auch\nfrühe Runzeln und ergrautes Haar die Hülse um ein\nHerz sein können.\"\nUnd selbst jene, die über diese Heldinnen lächeln,\nzwingt er, an sie zu glauben. Seine Beobachtung ist\nallzu fein, allzu überwältigend und allzu klar. Er\nimponiert mit seinen unendlichen Details, er überredet mit\nseinem eindringlichem; Wissen — er kennt und anatomisiert\nden Körper, er erforscht und seziert die Seele. Wieviele\nBilder danken wir ihm nicht . . .\nVor allem Eugenie Grandet und ihre Mutter. Hier\nist nichts von Zolas fast planloser Häufung der Einzel-\nheiten. Alles ist notwendig in dem Bilde, jedes Detail\nwirft ein neues Licht über die Gestalten, fügt einen\nneuen und schlagenden Zug zum Charakter. Eugenie\nist eine der schönsten Gestalten in der französischen\nLiteratur, jungfräulich, edel und rein. Rein wie eine\ndenkende Frau ist, die weiss, was sie opfert, wenn sie\nunvermählt und ihrer Liebe treu bleibt und die eben\nauf Grund dieses Bewusstseins, dass das Opfer gross\nund die Resignation doppelt erhaben macht, wahr und\ngross bleibt. Denn nur sie, die weiss, was sie opfert,\nbringt in Wahrheit ein Opfer — und die Bewusstheit\nist auch bei der Frau mehr wert, als die Unbewusstheit.\nAber wenn Balzacs Frauen ihre Liebe opfern,\nopfern sie alles: sie sind zu sehr Menschen, um das\nnicht zu wissen. Und Coralie, die freudig stirbt, weil\nder Tod sie davor bewahrt, ihre Liebe zu entweihen,\nFräulein d'Espregnon, die sich für ihre Familie opfert,\nLady Brandon, der die Mutterliebe den Tod so schwer\nmacht, die Gräfin Pirmiani, die ihren Geliebten zwingt,\nein Mann zu werden, Julie d'Aiglemont, die Frau von\ndreissig Jahren — und viele, viele mehr. Wahrlich —\ndie Frauen schuldeten Balzac einen Altar; sie haben\nihn ihm in ihren. Herzen errichtet.\nUnd dennoch — die Schilderungen der Frauen\nhaben vielleicht seinen Ruhm begründet, seine Zeichnung\ndes Mannes werden ihn bewahren. Wir, die wir\nglauben, dass Beobachtung die notwendigste Eigenschaft\ndes Romanschriftstellers ist, werden Balzacs Frauen\nimmer bewundern, denn kein Mann hat sie besser\noder so gut gekannt wie er. Aber wir werden uns\ndennoch sagen, dass der Mann, selbst ein Balzac, die\nFrauen immer so zeichnen wird, wie er will, dass sie\nsein sollen, weniger so, wie sie sind. Darum dürfte\nmancher Leser George Sands Frauen und Balzacs\nMänner vorziehen.\n„Es gilt das Leben\", sagt Balzac, „das Leben und\nmehr als das Leben, denn es gilt das Glück.\" Und\ndamit stürzt diese Schar in wirbelndem Strom vorwärts,\nunaufhaltsam auf der Jagd nach dem Glück, in hitzigem\nKampfe, wie Infusorien in einem Wassertropfen, wie\nWeizenkeime im Boden, die um Sonne und Licht\nkämpfen.\n„Aber es gibt\", fügt der Dichter hinzu, „nur einen\nWeg, sein Glück zu machen: man erreicht alles durch\ndie Frau. Und nur durch sie.\" Darum wird bei\nBalzac auch die Frau in den Kampf hineingezogen;\ntrotzdem steht sie ausserhalb des Gefechts. Und ich\nmöchte es wiederholen: jener unbeschreibliche Schimmer\nvon Wahrheit, den der Existenzkampf auf Balzacs Ge-\nstalten wirft, ist ihr grösster Vorzug. Dieser Schein\nruht am stärksten auf den Männern, und deshalb ziehe\nich sie vor. Ausserdem sind die Männertypen noch\nmannigfaltiger, die Nuancen feiner, die Details noch\nreicher.\nAber wählen wir ein einzelnes Beispiel, denn nur\ndurch den Hinweis auf ein einzelnes Bild kann man\neinen schwachen Begriff von Balzac und seiner Methode\ngeben — ein kurzer Hinweis, der fast nur ein Resume\nwerden muss: aber Resume und freie Phantasie sind\nScylla und Charydis der Kritik. Jedoch— eine einzelne\nGestalt aus dieser Galerie zu wählen ist nicht leicht.\nIhr Reichtum ist zu mannigfaltig und gross. Wir be-\ngegnen Blond, Brideau, Nathan, jener ganzer Schar\nPariser Journalisten mit käuflichen Federn und gut\nverstecktem Gewissen— einer Gesellschaft mitten in\nder Gesellschaft, einer klebrigen Gesellschaft, die Balzac\nmit Vorliebe behandelt, wahrscheinlich weil sie alles\nwiderspiegelt: Elend und Luxus, Aufopferung und\nVerbrechen, und weil der beständige Kampf hier zum\nHandgemenge wird, zum Faustkampf, beinahe zur\nSchlägerei: Wir treffen Gobseck, Grandet, Claes,\nWucherer, Alchimisten und Geizhälse, Leute, für die\ndas Gold Zweck und nicht Mittel geworden ist, und\ndie sterbend nach dem Kruzifix tasten, das ihnen mit\ndem Glänze des Silbers entgegenleuchtet Wir sehen\nde Marsav, Rastignac, de Trailes, Modeherren, die\njeden Tag alles wagen, um ihr Ziel: Leben und Glück\nzu erreichen. Wir lernen Cesar Birotteau kennen,\nChesnel, David Sechard, Ehrenmänner mitten im\nElend. Diese unendliche Schar von Gestalten zieht\nan unserem Blick vorbei, und wenn wir unter all\ndiesen Typen Lucien Rubenpre herausgreifen, so\ngeschieht es beinahe aufs Geratewohl. Unter einer\nsolchen Menge kann man nicht wählen, man greift\nhalb ins Dunkle. Lucien ist der Sohn eines Apothekers\nund einer adligen Dame. Er erbte von seiner Mutter\neine verhängnisvolle Schönheit und eine Begabung,\ndie ihm zu ihrem Abgott macht. Er wird von allen\nblind vergöttert. Sein Talent gewinnt ihm die Männer,\nseine Schönheit die Frauen. Unter diesen Madame\nBargeton, die sich in den Sohn des Apothekers ver-\nliebt und ihn zu sich einladet. Wir verfolgen nun Tag\nfür Tag seine Liebe, sehen ihn langsam aus Louisens\nSklave ihr Herr werden, sehen ihn allmählich seine\nFamilie verleugnen und ihr langsam alles rauben Aber\ndieser Egoismus erwacht ganz allmählich. Schleichend\nbemächtigt er sich seines ganzen Wesens, bis die Zer-\nstörung vollendet ist und Lucien reif, seiner Geliebten\nnach Paris zu folgen. Balzac führt seine Umwandlung\nnicht durch jähe Uebergänge herbei, er manövriert be-\nständig mit Kleinigkeiten, mit Belanglosigkeiten, mit\njenen „riens\", aus denen das Unendliche zusammenge-\nsetzt ist. Lucien kommt nach Paris, er schlendert auf\nden Boulevards herum, und nach und nach kommt er\ndahin, sich seiner Kleidung zu schämen, seiner Wäsche,\ndie seine Schwester in einer schlaflosen Nacht ge-\nplättet hat, seiner Stiefel, die keine Stulpen haben. Er\ngeht zu einem Schneider und wird „neu\" — aber die\nneuen Kleider sind zu neu, und man lächelt in Ma-\ndame d'Espards Loge über ihn. Er hatte auf diese\nKleider gehofft, er wollte in diesen Kleidern triumphieren,\nseine Schönheit ins Licht setzen und man lächelt.\nAusgelacht und verhöhnt ballt er die Hände gegen die\nGesellschaft. Aus tausend Dingen, ist sein Hass er-\nwachsen, die man Lächerlichkeiten nennen könnte, wenn\nman sich nicht selbst sagt, dass gerade solche kleinen\nDinge die grossen Faktoren im Roman des Lebens\nwerden.\nNun wird Lucien in das Gewühl des Pariser Lebens\ngezogen. Ich kann ihm nicht durch diesen Kampf\nfolgen, der seinen Egoismus verdoppelt und seine Zer-\nstörung vollendet. Aber überall finden wir in der Schilde-\nrung dieselbe Klarheit, und alles trägt das Gepräge der\nunerbittlichen Notwendigkeit der Wirklichkeit.\nZuletzt diese ergreifende Szene an Coralies Toten-\nbett. Lucien hat kein Geld, alles ist verpfändet und\nverkauft. Und da neben ihm, auf dem Bett liegt die\nFrau, die er so sehr geliebt hat, als er lieben kann,\nund die ihm alles geopfert hat und jetzt für ihn stirbt.\nWie soll sie unter die Erde kommen, wie soll er sie\nbegraben lassen? Während ihr brechendes Auge ihn\nsucht, sitzt er am Bett und schreibt — ein Buch-\nhändler hat bei ihm ein paar obszöne Lieder bestellt\nAn ihnen arbeitet er. Und von Zeit zu Zeit muss er\ndie Melodie summen, um zu prüfen ob die Worte\npassen. — Bis dahin ist alles vollendet oder beinahe alles.\nVon hier an gleitet Lucien in das Abenteuer, in die\nPhantasie, beinahe in Phantasterei — wie alle Haupt-\npersonen Balzacs. Dieser grosse Beobachter wird gegen\nEnde seiner Bücher immer zum Phantasten. Die Phan-\ntasie, die er solange gezügelt hat, geht mit ihm durch\nund er wird selbst mitgerissen und geht in dem wir-\nbelnden Strudel unter, den er aufgepeitscht hat. Was in\nseinem Leben Geisteskrankheit war, wird in seinen\nBüchern zügellose Ekstase. Er übertreibt die wahren\nZüge, er schafft für das Alltägliche gigantische Formen.\nNachdem er ganz real gewesen war, wird er schliess-\nlich ganz unwahrscheinlich. Und von einem Roman,\nder uns durch seine Wahrheit verblüfft, gleitet er\nhinüber uns ein Abenteuer zu erzählen, das fast an\nE. Th. A. Hoffmann erinnert.\nAber Vautrin ist noch unwahrscheinlicher als\nLucien.\nVautrin, der ausgebrochene Galeerensklave, der\ngemeine Verbrecher, der „Napoleon der Galeeren.\"\nBalzac 'hat eine Schwäche für solche Gestalte«\nSie sind Ausgeburten seiner Phantasie und nehmen all\ndas Phantastische in ihm gefangen. Seine unerschöpf-\nliche Erfindungsgabe macht diese Verbrecher zu Helden\nin Hunderten von Kämpfen, er lässt sie siegen, trium-\nphieren und zerstören ; er verliebt sich in ihre grenzen-\nlose Verworfenheit, er lässt sie zu Titanen wachsen\nund macht sie beinahe zu Göttern — er macht die\nSchlechtigkeit bezaubernd, indem er sie unmenschlich\ngross macht Jener Baron Hulot, den Taine für eine\nder grössten Gestalten des Dichters hielt, hat gewiss\nviel zu dem Ruf der Immoralität Balzacs beigetragen.\nEr bewundert die Stärke, wo er sie findet und ver-\nherrlicht die Kraft, auch wenn sie im Dienste des\nVerbrechens steht.\nSeine Verbrecher imponieren wie Michelangelos\nStatuen.\nDer Vorwurf des Unmoralischen lässt sich am\ndichtesten gegen einen Schriftsteller erheben, sagt\nMadame Surville. Sie hat Recht. Aber wenn man\nihn zu einem gewissen Zeitpunkt mit seltener Einstim-\nmigkeit gegen ihren Bruder richtete, so war dies recht\nnatürlich, und die Schuld lag nicht allein an seinen\nFeinden, die ihm missverstehen wollten, sondern auch\nan ihm, der missverstanden werden konnte. In dem\nrasenden Kampf, der in seinen Büchern tobt, siegt\nstets die Stärke. Wenn auch Balzac in seinen Vor-\nreden Christ ist, in seinen Romanen bleibt er ein\nSchüler Voltaires. Die Religion ist für Balzac nur\neine Notwendigkeit, die Völker zu zügeln, wie der\"Ab-\nsolutismus. Die Polizisten zähmen die Körper, das\nChristentum die Geister, und was Balzac Sympathie\nfür diese beiden Mächte einflösst, ist ihre Stärke und\nnur sie. Er hat im Grunde ganz dieselbe Sympathie\nfür den Verbrecher Vautrin — sie siegen, beide kraft\nihrer Stärke.\nBalzacs Bücher erinnern an einen verwirrten brau-\nsenden Hexentanz, und sein Stil passt genau zum In-\nhalt Man kann schwer etwas Ungeordneteres finden,\nals ein Buch von Balzac. So wie seine Personen-\ngalerie bald ein Wachsfigurenkabinett ist und bald ein\nmächtiges Museum, erinnert seine Sprache und sein\nSatzbau an ein reiches Warenhaus. Nur Zola hat\nnoch mehr unübersetzbare Worte als er, nur Zola\nkann die Sätze so auftürmen. Aber bei dem Begrün-\nder des Naturalismus ist der Stil gleichartig, die Methode,\ndie Art zu sprechen, stets dieselbe. Balzac ist immer\nneu. So wie er Worte aus allen Wissenschaften\ndurcheinandermischt, ahmt er kühn den Stil aller Peri-\noden nach, und der originellste Schriftsteller* der viel-\nleicht je gelebt hat, ist infolge dieser gewollten Nach-\nahmung der Unoriginalität bezichtigt worden.\nSelbst die letzten Werke legen Zeugnis von der\nArbeit ab, -die es ihm gekostet hat, seinen Platz als\ngrössten Dichter Frankreichs zu behaupten, den ihn\nTaine im selben Atem mit Shakespeare nennt\nWenn man ihn gerade ganz sicher glaubt und eine\nFeinheit in der Beobachtung, eine anmutige Periode\nder Sprache bewundert, man von einer starken\nUebertreibung und einem holprigen Satzbau wieder ab-\ngestossen. Balzac war nie einheitlich. Und wenn\nnicht ein Engel und ein Teufel in ihm wohnte, so\nwaren doch zum mindesten zehn Menschen in ihm.\nMan sagt, dass es das Schicksal der grössten und\nwahren Dichter ist, erst nach ihrem Tode anerkannt zu\nwerden.\nMan sollte vielleicht eher sagen, dass man einen\nDichter nach dem Einfluss werten kann, den er nach\nseinem Tode erlangt. Shakespeare hat für Jahrhunderte\ngeschrieben. Balzac, der in einer Zeit lebte, wo alles\nso unendlich rasch wechselte, hat auf jeden Fall für\nviele Generationen geschrieben. Der Einfluss, den ef\nauf die Literatur seines Landes und dadurch auf die\nder ganzen Welt ausübte, ist unberechenbar."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "365", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.3", "texte": "Die „Menschliche Komödie\" ist die Mutter des\nneueren Romans, und alle Schriftsteller Frankreichs\nhaben um ihr reiches Erbe gekämpft. Flaubert hat\nuns Madame Bovary geschenkt und sich der Provinz\nbemächtigt, die Balzac ihm erschlossen hat. Dumas\nwurde durch die Kameliendame berühmt, die „Comedie\nHumaine\" hatte ihm Coralie und Florine gezeigt Fabre\nhat uns „L'abbe Tigrane\" gezeichnet und die Studien\neines der Priestertypen Balzacs dazu verwendet; Belot\nund Malot sind Millionäre geworden, indem sie uns\nvon grossen Verbrechen und grossen Verbrechern er-\nzählten — sie haben Vautrin gekannt. Droz hat durch\nsein Spiel mit einem Feigenblatt gefallen er hatte\ndie Maison Nucingen gelesen. Die Brüder Goncourt\nhaben Eugenie Grandet gelesen und Renee Mauperin\ngeschrieben. Zola endlich hat die Gesellschaft der\nOrleans studiert, wie sie von Balzac gegeben war,\nund durch dieses Studium konnte er uns die des\nKaisertums zeichnen, die aus jener hervorgegangen war.\nAls Eugenie Grandels Dichter starb, teilten Frank-\nreichs Schriftsteller den Roman zwischen sich auf, und\nman kann vielleicht keinen grösseren Beweis für sein\nGenie finden als den, dass zugleich „Rocambole\" und\n„Madame Bovary\" von ihm abstammen.\nAber Honore de Balzac — er, dessen Grösse Goethe\nerriet — lebt noch heute, nicht nur in dem Werke\nderer, die er beeinflusst hat\nEr lebt vor allem in seinem eigenen lebenden Werk\n„La Comedie Humaine.\"\n\nDer Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nXVII\nDer Tausch\nDer Kaiser schlief in der darauffolgenden Nacht\nsehr schlecht; er träumte fortwährend von roten und\ngelben Flammen, die gegen den Himmel schlugen und\ndie Sterne in Verwirrung brachten.\nUnd des morgens fuhr der Kaiser sofort mit seinem\nGefolge zum Rathaus und setzte den Schildaer Rats-\nherrn auseinander, wie sie durch ihren Bedachungs-\nplan in gelben und roten Farben bewiesen hätten, dass\nsie garnicht so dumm seien, wie sie sich immer an-\nstellten — und dass sie wegen dieser fortwährenden\nVerstellungskunst nun erst recht strafbar wären\nDa waren natürlich die Schildaer Ratsherrn sehr\nentsetzt; sie glaubten, die Sache mit der Bedachung\nganz vortrefflich gemacht zu haben, und nun zeigte\nsich der Kaiser erst recht ungemütlich; Moritz Wiedewitt\nwar ganz allein auf die Idee der Stadtbedachung\ndurch seine rot und gelb gestreifte Oberbürgermeister-\nkappe gekommen und sehr stolz auf seine Himmels-\nuniformierung.\nIndessen — Herr Wiedewitt liess nicht so schnell\ndie Flinte ins Korn fallen; er sagte den Kaiser ganz\neinfach ungefähr folgendes:\n„Grandiosität! Dass sie uns für so schrecklich\nklug halten, ist ein grausamer Irrtum. Seien Sie mal\nein Jahr Oberbürgermeister von Schiida — dann werden\nSie nicht mehr daran glauben, cass die Schildaer sich\nblos dumm stellen und dabei sehr klug sind.\"\nUnd der Kaiser sagte darauf ungefähr dieses:\n„Gut! So wollen wir unsere Kopfbedeckungen\ntauschen — nimm Du die Krone und ich nehme die\ngelb und rot gestreifte Kappe.\"\nUnd so geschahs.\nUnd die Schildaer waren natürlich aus dem\nHäuschen.\nDer Kaiser aber fuhr bald darauf zum goldenen\nLöwen und liess den Herrn Sebastian zu sich kommen.\nUnd mit dem Herrn Sebastian begab sich Philander,\nder jetzt den Oberbürgermeister vorstellte, in ein kleines\nabgelegenes Zimmer und schloss die Türe hinter sich\nzu.\nXVIII\nDie Getäuschten\nAls die beiden Herren nun allein waren, sagte\nPhilander der Siebente leise:\n„Herr Sebastian! Erschrecken Sie nicht!\"\nUnd dabei nahm er den weissen Bart und die\nweissen Augenbrauen und die weissen Haupthaare ab.\nHerr Sebastian erschrack wirklich. Und als er\nhörte, dass er die Kleider mit dem Kaiser tauschen\nsollte, erschrack er noch mehr.\nUnd als Herr Sebastian gar vernahm, dass der\nKaiser willens sei, als Flugtechniker Sebastian durch\ndie Welt zu reisen und ihn den Flugtechniker als\nOberbürgermeister von Schiida in der Gestalt des\nKaisers Philander von Utopia zurücklassen wollte, da\nerschrack der Herr Sebastian am meisten.\nAber die Sache wurde glatt arrangiert, Herr\nSebastion erhielt die schriftlich aufgesetzten Verhaltungs-\nmassregeln, und Philander der Siebente wanderte eine\nhalbe Stunde später als Flugtechniker Sebastian zum\nTore von Schiida hinaus.\nDie Schildaer ahnten nicht, dass der Kaiser weg\nwar, und bauten ihre uniformierten Himmel weiter\naus, während Herr Sebastian seinen ersten Bürger-\nmeistersbefehl in die Welt setzte; dieser Befehl setzte\nden Schildaern auseinander, dass sie zunächst darüber\nnachzudenken hätten, wie sie ihren uniformierten\nHimmel nützlich verwerten könnten, -- und dass sie\nnatürlich die ganze Dachgeschichte gleich wieder ab-\ndecken müssten.\nDas verdross die Schildaer natürlich sehr; sie\nhatten geglaubt, jetzt ein ganz neues Leben unter\nihren neuen Himmel führen zu können. Herr Wiedewitt,\nder sich natürlich schon genau als Kaiser geberdete,\nsollte helfend eingreifen - lehnte das aber sehr kühl ab\nund machte überall Einkäufe und besichtigte den Hof-\nzug und erkundigte sich bei den Beamten nach den\nPreisen, die in Ulaleipu für Schlachtvieh und Fische\ngezahlt werden.\nHerr Sebastian wollte währenddem sein Abendbrot\nverzehren, bemerkte aber, dass er mit seinem weissen\nBart nicht essen konnte — und musste aufstehen und\nhungrig auf sein Zimmer gehen, wo er seine Zer-\nvelatwurst ohne Bart ass und auf die Narrheit\nschimpfte — aber so, dass es niemand hörte\nXIX\nIm Luft-Waggon\nDer Herr Sebastian ass nun in des Kaisers rotem\nMantel - - aber ohne weissen Bart — sehr ärgerlich\nseine Zervelatwurst Und zu derselben Zeit sass der\nKaiser im Luft-Waggon des Herrn Sebastian und ass\nKaviar und warmes Rostbrot, während die drei\nMaschinisten die Abfahrtsmanöver leiteten; der Waggon\nwurde langsam durch Röhrenfüsse, die sich mechanisch\nverlängerten, immer höher gehoben dann bereiteten\nsich die beiden sehr beweglichen Flügel aus — und\ndann begannen hinten die Schraubenräder zu arbeiten —\nund das Luftfahrzeug schwebte zu den Wolken empor\nund hielt sich anfänglich über der Meeresküste.\nDer Führer des Luftwagens, Herr Schlackenborg,\nbetrat die Veranda, in der der Kaiser Philander sein\nAbendbrot verzehrte und dabei durch die grossen\nGlasscheiben nach Westen blickte, wo die Sonne im\nMeere in grosser Farbenpracht unterging. Herr\nSchlackenborg setzte sich dem Kaiser gegenüber und\nlangte ebenfalls zu; ein längeres Schreiben des Herrn\nSebastian hatte die drei Maschinisten genau informiert —\nwie sie sich seinem Freunde gegenüber zu verhalten\nhätten. Dass dieser Freund der Kaiser selber war,\nwussten die Drei nicht, doch dass er ein einflussreicher\nMann und Bartmann genannt werden sollte — das\nwussten die drei Maschinisten. Auf ihre Verschwiegen-\nheit konnte sich der Kaiser verlassen, und Herr\nSchlackenborg war ein gebildeter Ingenieur.\n„Es wäre nun\", begann Schlackenborg, „mir sehr\nerwünscht, wenn ich wissen könnte, wohin die Fahrt\ngehen soll\".\n„Oh\", versetzte Bartmann, „darüber habe ich noch\ngarnicht nachgedacht. Fahren wir doch, so lange es\nnoch hell ist, über dem Meere — und vielleicht landen\nwir dann an einem Leuchtturm, wo Ihnen die Lotsen\nbekannt sind\".\n„Soll geschehen!\" sagte Schlackenborg, gabs weiter\ndurchs Sprachrohr und entkorkte eine Porterflasche.\nBartmann sah in die Farbenpracht des Sonnen-\nunterganges und sagte leise:\n„Ich muss Ihnen schon erklären, Herr Schlackenborg,\ndass ich ein etwas sonderbarer Mensch bin; ich habe\nJahrzehnte hindurch fernab vom Weltgetriebe wie ein\nEinsiedler gelebt und möchte nun das Leben kennen\nlernen — oder, wie ich zu sagen pflege, ich möchte\nhinter das Leben kommen; ich möchte hinter jedem\nBaum und hinter jedem Fels und hinter jedem Sonnen-\nuntergang — noch mehr sehen — das, was eigentlich\ndahinter ist — die eigentlichei Lebensnerven — die\nTriebfeder — den Mechanismus — Sie verstehen wohl\".\n„O ja\", sagte da der Schi ckenborg, „das möchte\nich auch wohl - das Uhrwerk in der Natur kennen\nlernen — alle Maschinenteile — das ganze Kraft-\narrangement. Es ist mir das eigentlich ganz geläufig,\nda ich als Maschinentechniker immer gewohnt bin,\nüberall die Schrauben aufzuschrauben und in das\nInnere zu sehen\".\n„Nicht so ganz,\" bemerkte der Bartmann, „ver-\nstehen wir uns. Ich möchte mehr den Duft der\nNatur in kondensierter Form — als Parfüm aufnehmen.\nIch möchte die Quintessenz des Lebenden haben\nAber — darüber sprechen wir wohl noch öfters*\nWichtig ist mir auch, hinter die Menschen zu kommen]\nAuch den Menschen möchte ich unter die Haut sehen'\nIch möchte sehen, ob die innerlichen Freuden des\nMenschen sehr gross sind — ob die Menschen auch\nnicht im Kaiserreich Utopia verlernt haben, ein innerliches\nLeben zu führen; das äusserliche Leben ist in Utopia\nso bequem und angenehm, dass ich fürchte, das\ninnerliche Leben könnte zu kurz kommen.\"\n„Ein bischen viel auf einmal,\" entgegnete Herr\nSchlackenborg, „verzeihen Sie gütigst, dass ich nicht\ngleich so folgen kann, - aber ich werde mir die\ngrösste Mühe geben, Ihren interessanten Auseinander-\nsetzungen mir verständliche Seiten abzugewinnen.\nEinstweilen muss ich bitten, mich zu entschuldigen —\nich muss nach den Maschinen sehen.\"\nUnd er ging, und der Kaiser sass da und starrte\nin den Sonnenuntergang und in die Farbenpracht des\nMeeres, die tief unten flackerte und brannte\nUnd die Augen des Kaisers sahen die goldenen\nRänder der Wolken und die Glanzlichter in der Tiefe —\nund er wollte dahinter kommen — hinter dieses grosse\nmächtige schäumende Leben\n\nFortsetzung folgt\n\nDer zarte Riese\nVon Mynona\nEs war einmal ein Riese, der war so zart, so\nzart! Und nun ging er durch die Menschen Wie\nsanft nur setzte er seine Schritte, wie sanft. Und\nnoch mit seinem allersanftesten zertrat er so viele\nnette freundliche Menschen: Frau Direktor Buller ganz\nplatt, ganz platt: Herrn Geheimrat Wersch; Herrn\nOmnibuskutscher Koppke; so nette Menschen zertrat\nvorsichtig der zarte Riese. Da weinte er. Wie\nWolkenbrüche, aber salzig, stürzten seine Thränen auf\ngute, liebe Menschennaturen. Die Kinderschule, ja die\nKinderschule kam ins Schwimmen, brach ein, sank.\nDer Riese weinte, Mütter schrieen, Versicherungs-\ngesellschaften starben Der schmerzlich bewegte Riese\nwarf sich zu Boden, aber die Erde bebte: London,\nMadrid, Zehlendorf und Nowawes fielen zusammen wie\nKartenhäuschen. Gut, gut meine ich es, beteuerte\nder zarte, so zarte Riese, und seine reuige Stimme\nerzeugte einen solchen Luftdruck, dass achtzig junge\nund alte Kellner des Luna-Parkes weggeweht wurden\nwie Papierschnitzel. Der Riese stiess einen tiefen\nSeufzer aus seiner grameswunden Brust, es explodierte\ndavon ein Krematorium nebst vier Friedhöfen, ein\nHagel von Asche und Gebeinen wirbelte durch die\nLebendigen. Und es graute dem Riesen vor sich\nselber, als er, von Witwen und Waisen umgraupelt, auf\nflachem Felde hingestreckt lag; unter ihm ein Guts-\nhof mit einer Meierei, alles voll verröchelnder Tiere\nund Menschen. Tötet, o tötet ihr kleinen, feinen Leute\nmich, den sanften Mörder eures Glücks, bat der Riese.\nDa hatte er gut bitten, sein Wimmern zerpuffte ein\nWöchnerinnenheim, eine Grenadierkaserne, die natürlich\nin der Nähe lag, einen regierenden Herrn, der mit\nherrlichem Auto daherbrauste und ein paar alternde\nMädchen, die zum Postamt eilten. Aber, lächelte der\nRiese, und überirdische Wehmut brach aus seinem\nBlick, — aber kann ich Sanfter, der ich nur zu gross\nbin, viel zu gross bin um der guten, dieser lieben, so\nkleinen, so niedlichen, munteren Leute willen, mich\nnicht selber töten? Hallelujah, lallte er ganz leise\naus Furcht, jemanden zu verletzen; Heureka, lächelte"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.4", "texte": "er bei sich, wohlan I Er nahm einen tollen Anlauf,\nsprang himmelhoch, vollführte in den Wolken einen\nSalto mortale und fuhr kopfüber so blitzlings mit dem\nSchädel auf die nächste Kirchturmspitze, dass seine\nSeele garnicht ohne Salbung von hinnen ging. Der\nTurm schlug mit dem prachtvollen Gigantenleib zwei\nStaatteile in Trümmer: der Dichter Promethke starb\nbei dieser Gelegenheit. Und nun begann — nasus\nteneatis! — das Zeitalter der Verwesung, das noch\nbis auf die heutige Nacht fortdauert. — So kann\nwahre Sanftmut wirken wie höllischste Teufelelei —\nsollte sie von einem Riesen herrühren.\n\nNotizen\nVon Kurt Hiller\nHistorie treiben heisst dem Nachdenken aus dem\nWege gehn, ist also ein gutes Rezept für Glück-\nseligkeit.\nIch bin stets entzückt, wenn mich ein Freund un-\nangemeldet besucht. Eine bis in die letzten Fasern\nkritische, eine kaum mehr zu enthusiasmierende Rasse\nsoll sich wenigstens den Reiz der Ueberraschungen oft\ngönnen, ja sogar ihn künstlich erzeugen.\nStilistische Apodiktizität: der Schutzpanzer der\nSkeptiker. (Hauptbeispiele: Nietzsche, Weininger,\nKraus).\nManche Leute glauben eine Ansicht verdächtigen\nzu können, wenn sie blinzelnd versichern, sie sei\npsychologisch zu erklären. Als ob eine Idee nur so\nlange Berechtigung hätte, als es unverständlich ist, wie\nsie entstehen konnte.\nDer Purist: Ein Musterbeispiel der Unkultur. Er\nhasst die Mannigfaltigkeit, den Reichtum, die Nuance.\nEr will alles uniformieren, vereinfachen, in Schemata\nsperren. Die Sprache wird schon ihren Grund haben,\nwenn sie, als „Synonymon\" eines deutschen, ein frem-\ndes Wort ins Leben wirft. Der Purist aber ist aus\nUeberzeugung bärentatzig, zertöpfert imponderabile\nUnterschiede, benimmt sich als Henker alles Zarten.\nEr ist neuklassisch\nMan kann den philosophierenden Haeckel lächerlich\nfinden und dennoch angewidert sein, wenn im Parla-\nment, also vor einem Auditorium Unintellektueller, ein\nfreisinniger Oberlandesgerichtsrat ihn — lobt\nProbleme, deren Gegenstand die menschliche Seele\nist, ähneln dem Metalle Quecksilber, als welches unsre\nFingerspitzen zwar betasten, aber nicht ergreifen\nkönnen.\nJene Privatdozenten, die davon träumen, aus der\nPhilosophie eine „evidente Wissenschaft\" zu machen\n„gleich der Mathematik\", sind die Alchimisten der\nNeuzeit.\nDer berühmte Milieu-Soziologe Gumplowicz hat den\nSatz geschrieben: „Ein Irrtum, der Mensch denkt.\"\nWir beleidigen also nicht den toten Forscher, sondern\ndas Milieu, in dem er gelebt hat, wenn wir erklären,\ndass dieser Satz einen erschütternden Blödsinn enthält.\nWie gewisse Aerzte es im Interesse ihres Ansehens,\nihrer Dignität, ihres Ernstgenommenwerdes für unum-\ngänglich notwendig halten, dem Patienten auf alle Fälle\nübelriechende und übelschmeckende Arzneien zu ver-\nordnen, so glauben die meisten Philosophierer, sie ver-\ngeben sich etwas, wenn sie eine wohlriechende und\nwohlschmeckende Sprache, einfanschauliches, [behendes,\nheiteres Deutsch schreiben. Sie haben ganz recht,\ndiese klugen Kaufleute: ohne barbarischen Stil hält\ndas Publikum sie nicht für seriös.\nNicht neue Antworten, sondern neue Fragen machen\nden neuen Denker aus.\nEs ist sehr riskant heutzutage, sich mit Rechts-\nphilosophie zu befassen: man läuft stets Gefahr, wenn\nman einem Stammler kaum entronnen, einem Kohler\nin die Hände zu fallen\nWenn ein Mann von Niveau behauptet, alle Men-\nschen seien gleich, so ist er entweder Masochist oder\nperfide.\nJeder Schaute lehnt es heute ab, „für die Masse\"\nzu schreiben. Weit gemeiner aber als: für die Masse —\nist es: für die Masse der Gebildeten zu schreiben.\nEin Aesthet ist ein wundervoller Mensch. Nur\ndarf er, wenn man seinen Typus angreift, sich nicht\nzu rechtfertigen suchen. Das widerspricht ihm!\nAm 26. August 1909 äussert sich Herr Harry Kahn\nüber die „Lüge von der alleinseligmachenden Persön-\nlichkeit.\" Kunststück! Dass Herrn Kahn seine Persön-\nlichkeit nicht selig macht, will ich schon glauben.\nAber ist das ein Grund, sich darüber zu beklagen,\ndass das „gesamte Kunstschaffen des ganzen letzten\nJahrhunderts mit wenigen Ausnahmen seinen Aus-\ngang nimmt von des Autors Seele?\" Lebten denn\nsämtliche Autoren des letzten Jahrhunderts mit Herrn\nKahn in Seelengütergemeinschaft? Dies ist doch\nwohl eine irrtümliche Hypothese. Aber nur von\nihr aus erklärt es sich, dass Herr Kahn das „persön-\nliche Erlebnis\" dieser Dichter insgesamt, als „sub specie\naeternitatis völlig gleichgültig\" bezeichnet. Neuklassische\nLitteraten schliessen eben immer von sich auf andere.\nWeil Herr Kahn seine eigenen Erlebnisse mit Recht\nfür belanglos hält, müssen, meint er, auch die Erleb-\nnisse der Grossen belanglos sein. Und die Dichtung\nhat folglich ihren „Ausgang\" zu nehmen statt vom Er-\nlebnis „von der Gesamtheit, in der bestimmte Tendenzen\nzittern, die von der Kunst erlöst und erfüllt werden\nwollen.\" Welch' deutliche Bildersprache! Aber wo\nsitzen denn, mit Verlaub, die „zitternden Tendenzen\"?\nZwischen den Hirnen? Oder nicht vielmehr in\nden Hirnen, als Erlebnisse? — Ach so, in der\n„Gesamtheit\" sitzen sie ja.\n\nLektüre\nVon René Schickele\nIII\nDie „Nouvelle Revue Franchise\" erscheint\nmonatlich Wer Andre Gide liebt, wird in jeder\nNummer mit Vergnügen mehrere Seiten von ihm finden.\nPaul Claudel, Verhaeren, Ruyters, Gheon, Schlumberger\nsind ständige Mitarbeiter Die beiden letzten Nummern\nenthalten Jugendbriefe des bis zur Genialität begabten\nArmenhäuslers Charles-Louis-Philippe, der vori-\nges Jahr, in der Reife seiner Produktion, starb und\njetzt erst — durch seine erstaunlichen Briefe — seine\nganze grosse und so traurige Menschlichkeit preisgibt,\ndie ihn ganz unerwartet, dem Pauvre Lelian der Spital-\nelegien nahe bringt Aber Verlaine war vom Leben\nverdorben. Dieser hier hatte noch nicht angefangen\nzu leben, als er sich schon im abgründigen Elend ver-\nsinken fühlte. Einmal spricht er von Stunden „oü nous\navions des larmes et des sourires dans la peau\"\nOder: „11 y a un ciel miraculeux lci, bleu tenu et\nblanc leger, j'en ai Tarne tres fine et m£lancolique\"\nBeispiele einer vornehmen Empfindsamkeit . . . Sein\nVater war Holzschuster. Philippe lebte in Paris wie\nin der Verbannung, er schätze sich wahrhaft glücklich,\neinhundertundsechzig Francs monatlich zu verdienen\nals kleiner städtischer Beamter, (eine Sinnekure, die\nBarres ihm verschafft hatte.) Kurz nach fünf Uhr\nabends war er frei. Dann schrieb er, auf seinem\nStübchen, von wo er auf Notre Dame hinübersah.\nEr war nicht glücklich in Paris. „Si je gagnais un\npeu d'argent, j'irais m'enfermer dans ma province, et\nfumant des pipes, regardant les choses, je serais si\nheureux que j'en viendrais ä croire qu'il y a un Dieu\nqui me b£nit. Je m'y marierais, je te Tai dit, ma\nvie s'£coulerait loin de Paris, je pourrais ecrire de\nbeaux livres, parce que ma vie y serait toute. J'aurais\ndes pensees infinies, je lirais, je reverais, je vivrais,\nje regarderais vivre, mon coeur serait tendre, et je te\ndis que j'£crirais des livres d'une tendresse fort belle.\"\nDer Roman „Bubu de Montparnasse\" machte\nihn endlich bekannt. Der „Matin\" nahm ihm seine\nNovellen ab. Er dachte daran, seine „Sinekuren\"\naufzugeben und „ein anständiger Mensch\" zu werden.\nSeine tiefe Melancholie lernte lachen. Er war stolz,\nGeld zu verdienen und seinen Namen nennen zu\nhören — denn er hatte lange genug über die „con.\nspiration de silence\" geknirscht, worin seine Bücher\nuntergingen, und, die Hand in der Tasche, heimlich die\ngrossen Sous gezählt, wenn er durch die „östlichen\nGärten\" der grossen Boulevards ging.\nSo haben ihn seine Freunde wenigstens in „seiner\nProvinz\" begraben und die „Nouvelle.Revue frangaise\"\nhat eine Subskription eröffnet, damit der arme Philippe\nein schönes Denkmal bekommt.\nIV\nDie französisch lesen können, sollten den Roman\n„Marie-Claire\" von Marguerite Andoux kaufen\n(Bibliotheque Charpentier). Marguerite Andoux ist eine\nNäherin, die wegen eines Augenleidens nicht mehr ar-\nbeiten durfte. Sie schreibt schon lange — um sich\nin ihrer Einsamkeit zu trösten, wie es im plötzlich\nausgebrochenen Tumult der Reporter hiess, und vor\nallem wohl, weil sie zu schreiben berufen war. Philippe\nentdeckte sie. Mirbeau gab ihren Roman „Marie-\nClaire,\" mit einem enthusiastischen Vorwort, dem Ver-\nleger Fasquelle. Sie bekam den Preis der „Vie heu-\nreuse\": fünftausend Francs, der Roman wird viel ge-\nkauft. Ein Talent, das, noch stummer, noch verlassener\nals Philippe, unbemerkt vorbeigehn zu sollen schien,\nund das gerettet ist.\n„Marie-Claire,\" die Geschichte einer Waise, die von\nden barmherzigen Schwestern erzogen wird, hat einen\nsehr schönen ersten Teil; und der Schlussist gross-\nartig.\nIch las noch andre Bücher Aber über der „Marie-\nClaire\" habe ich sie alle vergessen.\nJetzt bin ich wieder gesund und habe keine Zeit\nmehr zu lesen.\n\nSchluss\n\nRachel\n\nEs gibt noch auf der Welt Bruderliebe. Aber ia\nElend und Kümmernis geht das Leben zweier Brüder,\ndie sich einander gut sind. Und dem Schrecken wird\nkein Ende.\nJames und Allan liebten sich. Von früh an habea\nihre Wege auseinander oder nebeneinander, niemals\nineinander geführt. Nur das eine hatten sie gemein-\nsam: die Liebe zur Natur. Nur ihr Gefühl zog sie\nunter die hohen, dunklen Bäume, nur ihre tiefe Ah-\nnung, dass auch die Holzstämme, die weit in den\nHimmel ragen, leben, aber leben, wie sie müssen,\nkeineswegs so, wie sie wollen und wünschen Und\nsie wussten um die Tragödien, die zwischen den Höl-\nzern sich abspielten und um die Kämpfe, die langen,\nwilden Kämpfe, die jeder in sich und mit sich allein\nauszukämpfen hatte. Und ihnen schien: Der Mensch\nist wie ein Baum.\nBeiden, James und Allan, sollte dieses unbestimmte\nGefühl zur Gewissheit werden. Jedem zur einer ande-\nren Zeit.\nBeide lernten sie Rachel kennen Beide liebten\nsie Rachel und Rachel liebte beide.\nDas konnte nur Rachel. Nur sie allein war im-\nstande, viele zu lieben, sich von allen lieben zu lassen,\nauf alle einen Bann, einen Zwang auszuüben und sich\nvon allen knechten zu lassen.\nWoher stammte dieses Weib mit den merkwürdigen\nschmalen, spitzen Füssen, mit den dürren Fingern,\ndiese schlanke, schöne Gestalt, mit den tiefen, glän-\nzenden Augen, die gar zu oft wie Glas glotzten —\nniemand weiss das. Ueber ihre Herkunft ist ein dichter\nSchleier gebreitet. Niemand kennt ihren Erzeuger, nie-\nmand ihre Gebärerin.\nAuf dem christlichen Friedhof fand sie der Trödel-\njude Simon Jumaisohn an dem Abend, als ihn eine\ninnere, verhängnisvolle Stimme dorthin trieb, wo er\nnichts zu suchen hatte.\nAuf einer Bank lag in Zeitungspapier gewickelt\nein wenige Tage altes Kind. Er nahm es mit sich\nund erzog es und verzog es. Das kann man Simon\nnicht übelnehmen. Woher sollte er wissen, wie man\nKinder erzieht. Er Hess ihr in allem den Willen. Er\nbeugte sich ihrem Gebote. So wurde Rachel. Ihre\nWesen beherrschte sie. Sie gab sich stets wie sie\nwar. Und ihre einzige Sehnsucht erstrebte sie mit allen\nMitteln zur Erfüllung zu bringen. Geld — Gold in\nBergen. — Das war ihr Ziel."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "367", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.5", "texte": "Die Gerte / Max Fröhlich\n\nAls sie grösser wurde, missfiel ihr das Ghetto,\ndiese engen, dunklen Gassen Amsterdams. Ihr Pflege-\nvater wollte nicht aus der Judenstadt ausziehen. Sie\nging. Wohin? Niemand weiss es.\nIn Aegypten finden wir sie wieder. Eine blühende\nJungfrau. Sie übt eine unumschränkte Gewalt auf van\nGrooten, den Grosskaufmann, aus. Da sie seine Gattin\nnic t werden will, adoptiert er sie. Sie willigt ein, nicht\ngern, aber sie folgt ihrer Natur. Denn er hat, was\nsie raucht: Geld.\nIn Aegypten wird sie von einem Eseltreiber, der\nsie in die Berge bringen sollte, vergewaltigt; er küsst\nsie und schlägt sie. Und Rachelist voller Seligkeit,\nsie liebt ihn und — ermordet ihn. Im Sande ver-\nscharrt sie seine Leiche. Kein Mensch erfährt von dem\nMorde. Nur ihr Pflegevater errät es. Sie zwingt ihn\nzu schweigen und schickt ihn fort. Nach England.\nDort hat er sein Geschäft, seine ständige Wohnung.\nRachel bleibt in Aegypten. Sie erwählt einen an-\nderen jungen Eingeborenen zum Geliebten. Aber er\nkann den Eseltreiber nicht ersetzen. In ihrer seelischen\nZerüttung lernt sie Hooker kennen. Sie liebt ihn und\ner liebt sie. Nicht mit der Tat, nicht mit dem Ge-\ndanken, sondern weil er es eben will, weil es ihm\nLust ist Er liebt sie, aus einer Laune, Rachel gesund,\nfrei, glücklich zu machen.\nIn England treffen sie alle zusammen. Van Grooten\nund seine Tochter Rachel, Allan, der zufällig in\nvan Grootens Geschäft eine Stellung bekam, James\nder als Richter dahin versetzt wurde, Hooker, der auf\nRachels Wunsch aus Aegypten herübergekommen war\nund ebenfalls in dem Geschäft eine Position erhalten\nhatte.\nDiese vier Männer und diese eine Frau leben dort\nzusammen. Van Grootens Haus ist der Sammelpunkt\nfür sie und nur für sie.\nAuch Simon Jumaisohn lebt in der englischen\nStadt; auch ihn hatte die Sehnsucht nach Rachel hier-\nher getrieben. Sie sollte nicht erfüllt werden, seine\ngrosse, tiefe, reine Sehnsucht. Als ihm das klar wurde\ngab er sich den Tod.\nDie anderen aber lebten und liebten weiter. Eine\ngeraume Zeit, ein paar Jahre ging das so. Jeder glaubte\nan Rachel. — Und manchmal, wenn die Minute merk-\nwürdig war, sprach er davon zu einem der Männer,\nNur Hooker nicht. Hooker sagte niemals einen\nTon über sein Verhältnis zu Rachel, er blieb ewig\nruhig, er war seiner Sache, seines Sieges ganz\nsicher. —\nAn dem Tage, als das Schreckliche eintrat, war\ner eben so ruhig, wie gewöhnlich, keine Miene ver-\nzog er, mit der grössten Sicherheit und Festigkeit —\nlog er.\nSo retteten Hooker und James Allan. So kam\nes £nie heraus, dass er der Mörder van Grootens\nwar, dass er ihn aus Eifersucht erschossen hatte.\nHooker konnte dieses Geheimnis tragen. Sehr gut.\nJames und Allan gingen daran zugrunde. Die Last\nward ihnen zu schwer — Allan endete durch Selbst-\nmord. James verliess seine Stellung, zog sich in sein\nHeimatdorf zurück und lebte dort in Einsamkeit, ein\nlebender Toter.\nJames schrieb dort in seiner traurigen, elenden Muse\ndiese merkwürdige Geschichte auf.\nIn der Form von Aufzeichnungen des Unter-\nsuchungsrichters James Temple hat Karin Micha-\nelis, die Verfasserin des vielgelesenen und vieldebat-\ntierten Buches „Das gefährliche Alter\" ihr neustes\nWerk gegeben: „Rachel, ein Ghettoroman\". Der Unter-\ntitel führt irre. Es ist kein Ghettoromann. Alles predigt\nsich im Hause des Engländers van Grooten ab. Ledig-\nich die kurze Einleitung führt in das Amsterdamer\nGhetto.\nAber die Skizze lässt erkennen, wie tief die nor-\ndische Dichterin in das Wesen des Judenghettos ein-\ngedrungen ist.\nMan wird den Roman „Rachel\" viel lesen. Man\nwird sich mithineinziehen lassen in den Trubel des\nleise Geschehenden. Das ist das Eigene und das\nseelentief Bewegende in diesem Werk: die zauber-\nhafte, erschreckende Stille, mit der alle schweren\nKatastrophen sich abspielen. Es ist vielleicht nicht un-\nmöglich, „Rachel\" einen psychologischen Schauer-\nroman zu nennen. Die Seelen werden aufgewühlt,\nbis in ihre fernsten Falten legt sich die schwere Mystik\ndieses Buches.\nSchlaflos werden unsere Nächte, unruhig unsere\nTage. Wir denken nach. Es gibt Menschen unter\nuns, die tragen schwer die Bürde des Lebens. Denn\nsie müssen schweigen, sie dürfen nicht reden, oder\nnur zu denen, die genau dasselbe sagen wie sie.\nJa, es gibt noch Leid auf der Welt. Ganz ver-\nborgen. Und wohl mancher wird es fühlen. Mit\nFreude, mit Lachen, mit Vergnügen wollte er es bannen.\nUnd nun kommt es doch hervor. Und beherrscht ihn.\nVollständig. Und doch wird er ruhig. — Denn es\nkommt ihm zum Bewusstsein: weit besser ist es, sein\ntatsächliches Leben zu leben, und sei es noch so\ntraurig und kummerschwer, als ein Scheinleben. Ewig\nein Lächeln, ein Witzwort bereit haben zu müssen,\nist tausendmal schlimmer als grosse, wehe, ungeweinte,\nnie zu weinende Tränen sein zu nennen, in vollem\nBewusstsein.\nMan soll dieses tiefe, merkwürdige Buch der Karin\nMichaelis lesen. Diese komische Geschichte, wo vier\nMänner um die Gunst einer Frau werben, wo vier\nMänner um einer schönen Frau Liebe werben, die sie\nselbst nicht besitzt.\nDer Roman erschien im Verlag Concordia Berlin\n\nHermann Selka"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.6", "texte": "Berlin für den Fremden\nMax Brod\nIch sehe nur ein paar Details, keinen Gesamt-\neindruck. Der weisse Dampf der [Stadtbahn fällt die\nViadukte herab, zerfliessend fwie feine Schneeflocke.\nDer harte Asphalt ähnelt, vom Licht beglänzt, einer\nweichen [Masse, man fürchtet einzusinken, so oft man\nauftritt, und deshalb wohl, um ihn kaum\nfiiegen die Automobile mit leichtem langernfWellenschlag\nüber ihn hin. Die Mietautos sind hier weiss, in Paris\ngelb oder rot: es gibt keinen wichtigeren Unterschied\ndes Stadtbildes. Besser gesagt: ich liebe |solche Be-\nobachtungen, ja nichts als sie liebe ich . . . Lächer-\nlich kleine Details. Die Mietautos als weisse leichte\nEngel über ebenem Asphaltgewölk . . . Warum sind\ndie glatten Rasen der Anlagen von ganz niedrigen\nEisenschienen eingefasst? Ueberall hier? Will man\nsie betreten, so .hindert dieses Liliputgeländer {nichts\n(höchstens stolpern könnte man darüber); und will man\nsie nicht betreten, wozu wird man immer erinnert, dass\nes ausserdem verboten ist? . . . An manchen Stellen\nist der Erdboden auch zwischen den Schienen der\nElektrischen, nicht nur längs der Schienen, mit grünen\nBeeten bespannt Das hab ich noch nirgends gesehen\nausser in Berlin. Und es tut mir weh; wie sich das\nHerz der Hausfrau zusammenkrampft, wenn man auf\neinen neuen Sessel steigt, um die Uhr aufzuziehen\n(es schadet ja vielleicht dem Sessel nichts, trotzdem\nkrampft sich dieses Herz zusammen) — oder wie wenn\nman auf allzu kostbares Briefpapier einen Brief schreibt\n(wozu ist es denn da als zum Brief schreiben, trotz-\ndem tut es einem leid) . . .\nEine zweifellos richtige Beobachtung habe ich noch\nüber Berlin zu machen. Ganz Berlin ist ein grosses\nPlakat von Lucian Bernhard. Plakat für eine „Aus-\nstellung der lebendigen Kraft\" . . . Noch keine Stadt\nhabe ich gesehen, die einen so einheitlichen Stil durch\neinen einzigen Mann bekommen hätte wie Berlin durch\nBernhard . , . und seine Nachahmer. Denn das muss\nja einmal gesagt werden, dass er der erste war, der\ndie pathetische Wirkung des schwarzen Hintergrundes,\nder schwarzen Schatten entdeckte, der statt der Unter-\nstreichungen dicke Lineale unter die Worte setzte,\ngiftgrün oder blassrosa, der statt der Punkte magische\nFünfsterne anwandte und statt der Buchstaben Run-\ndungen eines dicken Pinsels J. . . „Der Grundzug\nmeiner Kunst\", sagte er mir einmal, „ist Faulheit. Ich\nmale aus Faulheit.\" Sehr gut. Aber aus einer genialen\nFaulheit, muss ich hinzusetzen. Einer seiner ersten\nAufträge war, ein Titelblatt für die Zeitschrift „Das\nLeben\" zu machen. Welcher Anfänger hätte nicht\nseinen Stolz darein gesetzt, durch recht ausführliche\nZeichnerei seine Originalität zu erhärtan. Bernhard\nder Faule machte drei Rhomben. Drei grosse Rhom-\nben, sonst nichts, in wilden Farben. Damals fiel er\nmir zuerst auf als etwas ganz JSeltsames, als irgend\netwas wie eine idyllische Dampfmaschine, ein ameri-\nkanisches Arkadien. Und er die Grossstadt\nerobert, der verschwendrisch Sparsame |(was will das\nPlakat, das Warenhaus, die ungeheuere Entfernung mit\nihren schnellen Eisenbahnen, das ganze moderne Leben\nanderes als im Menschen immer die doppelte Illusion\nerwecken: dass er sich stürmisch hinwirft und dass er\nsich zugleich energisch zusammenhält) . . . Heute be-\nherrschen die Bernhardschen Farben (das Gelb-Violett-\nGrau (des feingeschwungenen katholischen Stiefel-\nPlakates), seine vollgefressene Antiquaschrift und seine\nhaarige Fraktur, seine Einrahmungen in Gestalt un-\nregelmässig punktierter Ellipsen alle Wände, alle Bücher,\nalle Zimmer. Fällt nicht an jeder Strassenecke der\nviolette Ritter in die Knie, mit seinem orangenen Bart\n(den er nächstens vor Trübsal aufessen wird)? Be-\nvölkern nicht die lichten Windhunde» die lehmgelben\nAffen, die zigarrenrauchenden Kobolde, aber auch die\nzierlichen Gibsonmädchen in fruchtbar ausgeheckten\nHorden alle Strassen? .. . Man unterschätze das\nnicht 1 Ich glaubte, der Fremde in Berlin, eine Weile,\ndass auch die blauen Strassentafein an den Ecken von\nBernhard stammen. Und dies ist ebenso, nicht etwa\nin höherem Grade, falsch, wie sämtliche Bemerkungen,\ndie ein Fremder über eine Stadt macht.\n\nKunst für Alle\nJ. A.\nSo viel um Kypros\nUm mit Edel milde verfahren zu können, will ich\nglauben, dass er seine Besprechung über die Neu-\nausgabe der Madeleineschen Gedichtsammlung „Auf\nKypros\" vor dem Erscheinen der Nummer 41 des\nSturms verfasst hat. In dieser stiess Trust die Made-\nleineschen Musenpuppen allen Lektüremasochisten ge-\nwaltig vor den triebschwülen Unterleib Ihnen musste\ndie Erkenntnis aufdämmern, dass zur Parnasspitze\nkreisende Serpentinwege wildromantischer Nymphomanie\nebensowenig führen, als ein einziger männlicher Tritt\neines selbst liebesmüden Dichters das Trippeln hunderter\nVersstelzfüsse zum Verstummen bringen kann.\ni\nTrotzdem sind für Edel die Madeleineschen Verse\nnoch immer „formvollendet und feingeschliffen\", und\nobgleich sie schon vor fünfzehn Jahren unser Ent-\nzücken waren, haben sie ihren alten Zauber bewahrt.\nEdel „schlürft sie wie ein heimliches, süsses Gift, das\nuns berauscht und toll macht\".\nIch wollte gerne in das Lob dieses Giftes ein-\nstimmen, wenn es uns nicht allein berauschen und toll\nmachen, sondern uns auch Edels zähen Pharisäermut,\nüber Kunst und Literatur zu schreiben, für' immer\ntöten könnte. Aber das Gift hat nur die Kraft, so\nlange an sich selbst nicht zu krepieren, als es von\neinem Edel geschlürft wird.\nDer Est-Est-Verlag verabreicht das Fuselgift in\neinem kostbaren Becher von Büttenpapier, mit Zeich-\nnungen „unserer berühmtesten Maler. Slevogt, Haber-\nmann, Corinth, Heile mann, Th. Th. Heine, Walser,\nLiebermann, Schulz und Leonard stellten ihre\nKunst in den Dienst von Kypros und\nwanden ein duftendes Bukett seltener\nBlüten.\" Mehr noch: ihre Zeichnungen durch-\nschiessen das Prachtwerk.\nEdel ist der Genuss des Madeleineschen Giftes\ndoch nicht gut bekommen, er schwatzt von der Kunst\nwie ein vollständig Betrunkener, er tobt in der\nFeuilletongummizelle.\nDie Neuhellenen\nWenn ich ein Regisseur wäre, stolz und ehrgeizig,\neiner, der nur Eigenes und Grosses schaffen will,\nkönnte ich der Lebensbühne nur noch Valet sagen,\nich müsste einen jähen Abgang durch ein Loch wählen,\nnicht grösser als eine Revolverkugel. Ich müsste in\ndem alles verdunkelnden Schatten des Theatertitanen\nReinhardt verzweifeln — bliebe mir nicht die Hoffnung,\neine Herostratostat begehen zu können. Ich müsste\nden Musentempel der Vieltausenden, dessen Errichtung\nam Tempelhofer Feld die Pythia Gabriele Reuter im\nOrakel zu Mosse prophezeit, in Brand stecken können,\num doch wenigstens der Nachtheaterwelt meinen Namen\nauszuliefern. Von der Mittheaterwelt ist ja kein grosser\nSegen zu erwarten. Sie ist ein schwindelhaftes Unter-\nnehmen in den Händen einer Gesellschaft, die die\nkostbaren Waren des assortierten Lagers der Ver-\ngangenheit verschleudert, ohne Furcht vor Konkurrenz\nund Pleite Sie beherrscht den Markt vollständig, und\nauch Jacobsohn, der sich einstmals republikanisch ge-\nbärdete, hat festen Dienst genommen in der Söldner-\ntruppe des von Karl Hauptmann zum Kaiser des\nTheaterreichs proklamierten Reinhardt. Er lässt jetzt\nseine über ihn verfassten Aufsätze in einem Buch er-\nscheinen, das der Verlag Erich Reiss in wahrhaft nach-\ngriechischer Sprache ankündigt:\nDer Herausgeber der „Schaubühne\" legt uns\nhier einen — sorglich überarbeiteten\nTeil dessen vor, was er als der in\njedem Betracht erste Mitarbeiter\nseiner in jedem Betracht ersten\nTheater Zeitschrift während eines Lustrums\ngeschrieben hat. Dass es der wichtigste Teii\nist, dafür bürgt der Name des Mannes, um\nden, als Mittel- und Zielpunkt, die Aufsätze\ngesammelt sind: Max Reinhardt. Die über-\nragende Grösse dieses Proteus und\nPrometheus der deutschen Bühne\nwird in der von blutnaher Liebe,\ndoch nie von blinder Verliebtheit diktierten\nDarstellung Siegfried Jacobsohns nicht weniger\nlebendig, als die Werke, die aus den Händen\nReinhardts selbst zur Auferstehung gelangt\nsind. Von dieser Zentralsonne aus\naber schiessen, wie es nur natürlich\nist, scharfe Strahlen zur Peripherie\nhin, so dass das ganze Bühnenwesen unserer\nZeit transparent und das Buch damit zu\neinem historischen Dokument von ungewöhn-\nlicher Bedeutung wird. Vor allem aber an\ndie Heutigen wendet es sich; an die zumal,\ndie in der Schaubühne weder Schillers\nmoralische Anstalt, noch eine blosse Ver-\ngnügungsstätte sehen, sondern die im Spiegel\ndes Dramas ihr hundertfältig geteiltes Sein\nzur Einheit erlöst und erhöht sehen wollen.\nDiesen wird das Buch ein wertvoller Besitz\nwerden. Denn mit der Konzentrati-\nons- und Kompositionskraft ders\nechten Sprachkünstlers deutet der\nAutor ihnen ihrer Seele Erschütte-\nrungen und läutert ihr dumpfes, passives\nErgriffensein zu lichtem, aktiven Begreifen.\nSolche stilistische Schleifenfahrten weisen den Weg\nvom Zirkus nach Musentempelhof.\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nMAX DAUTHENDEY\nDie Spielereien einer Kaiserin / Drama in\ndrei Akten, einem Vorspiel und einem Epilog\nVerlag Albert Langen / München\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nI. V.: Oskar Kokoschka\n\nDie Fackel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\n:: Nr. 311/12 ::\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfg.\nOberall erhAltlich\n\nKurhaus und Erholungsheim\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, große,\nhelle dimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze Jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stiind-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschiire\n„Leben\" kommen vom Besitzer u. Leiter Emil Peters\n\nDer schonste Punkt\nin der Umgebung Berlins ist Pichelsdorf an der\nHeeresstrasse. Die letzten WasservillenbaustelSen\nan der Havel, gegeniiber Pichelswerder sollen sofort\npreiswert verkauft werden. Naheres die\nBodengesellschaft des Westens,\nMauerstrasse 86—88 -- Telephon I, 7497"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "369", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.7", "texte": "ue\nzess\n™ I | | P ▼ | pf |rf | r VMrviA/ 112 |ff (ff |112 V| WWr v (JBrf Jrf f<rf . rf, rf, 112\nflVH'MlHil M 11 ■■■ \" m ■**%■ ■#%■■# » H/WMAH ■\" Mi %Ml %■! %■ MIMIMM 1 MM \" m\nGalerie Maximilian ffiacl)t\nagagagag agagagag agagag agagag agagag agagagag agagagag\n■#! ■^teaa^Lwu^'Wwß^M\nBerlin SI., Ranke-Strasse 1\nan de? Kaiser Slilljete GedacMs Kircle"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "370", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110114-01.1.8", "texte": "Inseratenannahme: Geschäftssteile „Der Sturm\" Hannover, ArtilJeriestr. 15, für Berlin A. Bots, Potsdamerstr. 111, sowie sämtl. Annoncen-Exped., Druck v. Carl Schiissler-Hannorer\n\nDr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\n\" Lehrer a. d. Schauspielschule d. Deutschen Theaters\ngerteilt Unterricht inf\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURG\nWilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5—6 Uhr\n\n«; Cate Continental SSTKI\nJeden Abend von 9—4 Uhr Nachts:\nGROSSES KUNSTLER-KONZERT\n:: AHe bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften ::\n\nWeinhaus Rheingold\nKAISER-SAAL\nTagiich: Translateur - Konzert.\n\nZeitschrift fur Musterzeichner\nWirksames Insertions-Organ\nFachschrift ersten Ranges\n:: Abonnenten in alien Staaten Europas ::\nInsertionsgebiihren massig\nOfferten gern zu Diensten\nSchriftleitung C. Kriiger Unterbarmen (Rhld.)\nHirschstrasse 49\n\nMALSCHULE\nSystem L v. Kunowski\nACT / KOPF / STILLEBEN\nHeinrich Richter\nEiaenaclierstrasse 103\nSprechstunden 12 — 1 Uhr\n\nMax Giesswein\nKgl. SSchs. und Kgl. WGrttembg.\nHofopernsanger\nBERLIN W. 50\nCulmbacherstr. 6\nVia 18926\nERTEILT\nGESANG-UNTERRICHT\nSprechstunde 3—4 Uhr\n\n„Der Forscher\"\nIllustriertes Zentralblatt flir deutsche\nForschung\nHerausgeber: Bund deutscher\nForscher,Hannover, unter hoher\nEhrenprasidentschaft Sr. hoch-\nfiiistl. Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen beriihmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fordernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. IyZO. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. K. 6.— inklusive Porto\nProbenummer gratis und franko\nInserate finden im „Forscher\"\nwirksamste Verbreitung\nInsertionspreis: Die dreimal\ngespaltene Petitzeile 30 Pfg.\n— Geschaftsstelle: —\nForscher - Verlag, Hannover.\n\nGegenuber Pi chelswe rd erin Pichelsdorf\nGrundstiicke an der Havel idyllisch gelegen\n•neben dem ScMosspark, nahe der Doberitzer Heerstrasse\n(Kaiserdamm), preiswert verkauflich. Naheres durch die\nBodengesellschaft des Westens\nmit beschrankter Haftung\nBERLIN W 66, MAUERSTRASSE 86—88\n□ Fernsprecher Amt I, Nr. 7497 □\n\nDie Kindermilch nach Prof. Dr. BackhauskommtderMuttermilch am nachsten.\ni:\nU\nKtihmilch0® BacKhaus-MilchH Frauen-A\\ilch\nK 1 0/ *\no 7 2/ J\nmp tilßiiiiiiii\nI!\nI mm\nTrockensubstanzen von je l Liter Kuhmilch, Backhaus-Miich und Frauervmilctu*\ni. Milchzucker — 2. Fett -*3. Eiweiss - 4. Kasem * 5. Salze\n\nDER NEUE CLUB\nDonnerstag, 26. Januar, abends 8 Uhr, Salon Cassirer,\nVictoriastrasse 35\nHerwarth Walden: Liederkompositionen\nEs singen: Claire Waldoff, Hedwig Rossin Rosenfeld,\nHofopernsanger Franz Lindner\nAm Klavier: Herwarth Walden\nKarten zu 3 Mk. bei Edmund Meyer, Buchhandlung,\nPotsdamerstrasse 27 bund an der Abendkasse :: ::\n\nDER NEUE CLUB\nI Neopathetisches Cabaret fur Abenteurer des Geistes\nMittwoch, den 18. Januar, abends 9 Uhr\n— Kerkau Palast . • . Behrenstr. 48 —\nEs lesen vor: Ernst Blass, Golo Gangi, Georg\nHeym, Jakob van Hoddis, Erich Unger ::\nElse Lasker-Schiiler.\nLudwig Hardt rezitiert Verse von Georg Heym.\nKarten zu 1 Mk. bei Edmund Meyer, BuchhandL,\nPotsdamer Str. 27. bund an der Abendkasse ::\n\nVerlag\nDER STURM\nUnser Plakat, Kiinstlerlithographie in\nDreifarbendruck von OSKAR KO-\nKOSCHKAist soeben erschienen.\nDen Buchhandlern und Verkaufern\nunserer Zeitschrift stehen Exemplare\nkostenlos \\zur Verfugung. Preis fur\nPlakatfreunde Mk. 1.— / Vorzugs-\ndrucke (50 Stuck) Mk. 5.— nur direkt\ndurch den Verlag :: :: ::\nDER STURM, Berlin - Halensee\n\nHanse Herrmann\nKiinstlerische Lichtbilder\n::: Heimaufnahmen :::\nBERLIN W. / Potsdamerstrasse 134 a\nNahe Potsdamerplatz\nFernsprecher: Amt VI, 14967"}]}