{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_sha256": "35551084c32cffd537b8d787e3d3e98f49b1f1d625397a0cc4b47dd9f0e96d43", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/01/21_01/bmtnabg_1911-01-21_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/01/21_01/bmtnabg_1911-01-21_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-21_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.2.1", "titre_corps": "INHALT:", "titre_sommaire": "INHALT:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.1", "debut_caractere": 558, "fin_caractere_exclue": 926, "texte": "INHALT:\nSAR PELADAN: Der Traum einer Sünde / ELSE LASKER-SCHÜLER: Meiner Schwester Kind / PAUL SCHEERBART: Der Kaiser von Utopia / JAKOB\nVAN HODDIS: Variete / ADOLF KNOBLAUCH: L'oeuvre Peladan / GEZA SZILAGYI: Amphimelas / ROBERT SCHEU: Leitfaden der Weitgeschichte / JOSEPH ADLER:\nEin rheinisch Dichterleben / TRUST: Meine Woche / MAX PECHSTEIN: Das Lager / Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-21_01#c002", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Warum weigerte sie\nsich, an den trüben Wassern, an den schweren Wassern\nder Leidenschaft zu trinken, der einzigen Tränke der\nbeklagenswerten Menschheit.\nDer Quell der Liebe erscheint unb der lärmende\nSterblichen-Haufe drängt sich hinzu. Darein taucht der\nEphebe die flaumlosen Lippen, die Matrone die Runzeln\nPatriarchen den Silberbart. Ein ironischer Engel giesst\naus grossen lasurnem Krug das Gallengetränk, das das\nflache Becken füllt.\nSieht er Lippen zurückweichen, die des Gebräues\nBitterkeit ätzte, so nimmt er eine dünne Giesskanne\naus dem Gürtel und neigt sie. Alsobald stürzt die\nMenge gieriger hin. Der Tropfen der Illusion geügt,\nden ektatischen Augen der Liebesverdursteten ihre\nTräume im brackigen Wasser sichtig zu machen.\nDieser „Fata Morgana\"-Tropfen, der unbezwinglich\nselbst zum Unvernünftigen strebt, die menschliche Be-\ngierde, die Einbildungskraft liess ihn auf den Gedanken\nder Prinzessin fallen. Der Trieb erstickt alsodann die\nIdee, und unterschiebt sich dem Wüllen sanft, langsam.\nSchon lächelnd spricht sie, aber so leise, dass die\ngrossen Lilien .selbst sie nicht verstehen: „O, die Lüge\nder Leiern!\"\nKeine der mystischen Binden drückt ihre Stirn, bei\ngewonnenem Spiel lässt sie sich in Träume oder in\nUnzucht gleiten, gleich einem Shylock, der am Ende\nstets das versprochene Fleisch einfordert.\nDas geschlechtliche Erlebnis, noch ist es ein Un-\nbekanntes für sie. Verheiratet, umworben, kennt sie\nnicht die Lust der Sünde. Schon hat sie alle Zweige\nam Baum des Wissens geschüttelt, und auf den fun-\nkelnden, sauren Früchten ihren hochmütigen Biss hinter-\nlassen. An die einzige Frucht des Fleisches hat sie\nnicht gerührt, also auch liebkost sie es mit dem Auge\nder Begierde.\nDiese Gesetze der Geschlechtlichkeit, diese vor\ndem menschlichen Schritt sich kreuzenden, sich ver-\nstrickenden Lianen, bis zu diesem Tage hat sie sie\nabgeschnitten und entfernt; siehe, jetzt ist sie davon\nganz eingehüllt im plötzlichen Erblühen. Eine Stimme\nvielleicht von Pan murmelt wie ein Flöten-Erstöhnen:\n„Wehe dem Einsamen!\"\nO, zwei zu sein, zwei Herzen und das gleiche\nPochen, zwei Geister und der gleiche Gedanke, zwei\nKörper und das gleiche Verlangen!\nDiese beiden Herzen in eine Anbetung verschmolzen,\ndiese beiden Geister in eine Bewunderung vereint, diese\nbeiden Körper in eine Lust verflochten!\nZwei, die Stimme und das Echo, zwei, das Dasein\ndoppelt, ein Wesen zugefügt dem eignen Wesen, in\nsich zwei, zuseiten der Sehnsucht die Befriedigung, der\nheilige Traum des Zwitters verwirklicht den Gesetzen\nentsprechend, noch einmal die anfängliche Schöpfung\ngefunden.\nAber wo ist er, der Wohlgeliebte? Wer ist es,\nder ihren linken Busen erregt, ihr Leben anrührt,\nden Marmor ihres Fleisches mit Küssen rötet\nund ihren Körper der Lust entsprechend durchdringt.\nDass ihr Geist wünsche, was das Herz schlägt,\nwas die Haut empfängt, bedarf es roter Lippen und\nschwarzer Gedanken, einer perversen Seele in schöner\nGestalt |\nSie durchblättert in Gedanken mit schlüpfriger Prüfung\ndas Photographie-Album der Freunde, das die Bourgeosie\nauf den Nipptischen zur Schau stellt\n* *\n*\nIn dem künstlichen Leben fordert sie die Lust, sie,\ndie gebildete Spaziergängerin im Campo santo der Ge-\nschichte ruft Helden und Ungeheuer in verliebter Geister-\nbeschwörung auf. Wer sollte den unterirdischen Bereich\ngewisser Enthaltungen deuten, was in eine Tugend an\nLaster eintreten darf.\nSie stellt sich die Liebe unter den Linien eines\nschönen Jünglings vor, der auf einem Papageien, grösser\nals ein Adler, reitet. Er hält ein zum Bogen ge-\nkrümmtes Zuckerrohr, dessen Schnur aus einem ge-\nhemmten Bienenschwarm besteht. Im Köcher, der in\neinem Frauenbusen endigt, reiben fünf Pfeile, die fünf\nSinne, ihre Blumenspitzen.\nDouchmanta, der die Prinzessin erblickt, vergisst\nim Augenblick Sakuntala. Aber sie wünscht die Buhle-\nrin Vasantasena zu sein, um die Liebesworte Charudattas\nim Garten nach dem Ungewitter zu hören.\nMejdnoun und Leilah, der Ruhm von Iran, die sich\nansehen und vor Extase murmeln, gehen vorbei, ohne\nsie zu sehen.\nPlötzlich eine Natur wie auf einem Aquarell, unter\neinem Rosa-Himmel eine Folge von Brücken in Esels-\nrückenform, unter den Djunken dahingleiten. Frauen\nmit zarten Gestalten und dem Fleisch der Teerose sind\ndarin niedergekauert wie Kinder und besingen die Blüte\ndes Pfirsichbaums, das Blatt der Weide, und spielen\nwie Katzen\nNach einer Melodie von Rameau führen Herren\nvon Marivaux auf einem Gemälde von Watteau ihre\nverliebte Teilnahmlosigkeit spazieren.\nIn der Nacht der Zeiten zieht sie Sodom und\nGomorrha an. Welches Verbrechen, dass wir nicht\nkennen, kannten jedoch diese Städte? Bei diesen\nVölkern, die das Böse so weit trieben, dass sie das\nHimmelsfeuer zwangen, sie zu zerstören, findet sie\neine Bezauberung.\nDie Augeniieder der Prinzessin blinzeln bei den\nschwankenden Erscheinungen, die sie genauer zu\nmachen wünscht Beim leckerhaften Anblicken der\nverbotenen Dinge gleitet ihre Zunge sanft über die\nLippen hin.\nDie Begierde in all ihren Formen, die Wollust in\nall ihren Rythmen, die Liebe in all ihren proteischen\nVerkörperungen, die ganze Frau, ihre Krämpfe, ihre\nTränen, ihre Verzweiflungen, ihre Trunkenheiten, die\nAnstrengungen ihres Herzens zur Leidenschaft, ihres\nKörpers zur Lust, durchkreuzen wie schon Geschehenes,\nschon Getanenes ihre Träumerei in Metamorphosen\nder Perversität, das volle Bilderpanorama der Liebe,\nDidos Scheiterhaufen, den modernes Vitriol entfacht,\nPersönlichkeiten der Kunst, die sich mit deaea der\nGeschichte vermischen. Im Bhotan der Sinnlichkeit\ngeht ihre versucherische Einbildungskraft von einem\nBaum zum andern, und schüttelt die Früchte des\nFleisches, erstaunt, dass die Wollust nicht im Regen\nniederfällt. Der „King\" der Leidenschaft, der „rig\"\ndes Körpers singen in ihr wahnwitzige, übermächtige\nHymnen wie Stöhnen der Kelter, wie Brünste der wilden\nTiere.\nSie glaubt im linken Auge Zittern zu empfinden,\nim linken Arm Unruhe, die Hindu-Vorzeichen der An-\nnäherung des Wohlgeliebten.\nAus diesem Bildergekribbel Jösst sich ein Poussin\nab, und der Traum des Rom angebeteten griechischen\nLasters erscheint vor der wartenden Italienerin der\nRenaissance, Antinoiis Seine freigebige Nacktheit strahlt,\nsein Brustkasten scheint zu leuchten, die Prinzessin leiht\ndem Freigelassenen Hadrians in freiwilliger Halluzination\nfolgende Anrede:\n„Prinzessin, du bist schön wie ich schön bin,\nGlaube nicht an die Verleumdungen der Geschichte.\nDer Kaiser entbrannte in vergeblichen Feuern Ich bin\njungfräulich, ich blieb es für dich, deren Stirn den\nGedanken wie die Minervas enthält. O, die du mit\nAphroditens Schönheit den Verstand Athenes verbindest,\nich liebe dich. Als ich mich im Nil ertränkte, hatte\nich dein Bild unter den Wellen geschaut. Ach, ich\nsuchte dich, Neptun hielt mich böse zurück. Meine\nSchönheit bezauberte wie die Leier von Orpheus die\nMeerungeheuer. Die Sirenen, verführt und der Stimme\nbar wanden verzweiflungsvoll den Schwanz. Die vor\nLiebe wahnsinnigen Nymphen röteten mit ihrem Blut\ndie Koralle. Endlich fand ich dich wieder. Ich sammelte\ndie Tränen in einer Halskette, die ich dir geben werde.\nOeffne die Arme, meine Glieder sind von dem acht-\nzehnhundertjährigen Bade geschmeidig, bereit für deine\nUmarmung.\n* *\n*\nMessalina ist nicht stets zu Suburra oder in des\nllius Armen. Man kann sich durch den Geist mehr\nbeflecken.\nDie Zauberer reiben sich mit halluzinatorischer\nPomade, die unzuchtige Träume gab. Erwacht be-\nhaupteten sie, vom Sabbat zu kommen. Die Phantasie\ngenügt, um zu ihm hinzutragen. Der Kuss des Bocks\ngibt sich auch mit dem Gedanken. Unmöglichkeit aber\nist, ;hn nicht zu wiederholen. Der Geist wird\nan das unreine Ding geklebt Die fleischlichen Be-\nschworungen können ebenso wie die der Zauberei\nnicht aufgehalten werden.\nDie Prinzessin fühlt sich durch den Traum in ihrer\nkitzelnden Beschauung überwältigt, unterjocht. Auf der\nStirn perlt Schweiss, in den rotgewordenen Ohren zittern\ndie Gehänge. Die hohen schamhaften Lilien schliessen\nie Reiche, in reiner Blumentrauer neigen sie den\nstolzen Stengel.\nSie hat den Alb, die Unzüchtigkeit der Dinge. Vor\nGeilheit schielende Böcke zerbrechen die Hörner in\nwutenden Liebkosungen. Eine fieberbrennende Phallus-\ntragervision zieht vorbei, und die inneren Fresken\neines Pnap-Tempels, Panathenäen der Gemeinheit ent-\nrollen sich.\nPlötzlich entsteht eine Heftigkeit. Dann, mit einer\nsie ganz bleichmachenden Anstrengung, einem Sid\nanklammern an ihren Stolz, träumt sie ihr Fleisck\nFieberig, entnervt, keuchend, wirren Blicks lässt sie\nunter ermattetem Druck die Arme niederhängen. Beim\nSiege öffnen die Lilien den Kelch wieder, richten den\nStengel auf. Die Nacht kommt. Der abendliche\nSchatten der Wölbung wirft Schleier über die namen-\nlose Ausschweifung, deren Geheimnis sie bewahren\nwird.\nDer Araber, der seinem Pferd die Zügel schiessen\nlasst und es mit der Nüster vor der Mauer hemmt,\nder Gondelführer, der an der Ecke des Palastes gerade\nrudert und in einem Zuge wendet, tun Kinderspiel,\nAber den eignen Körper auf die Wollust loszulassen\nund im Augenblick, da die Enthaltung brechen will,\nihn rein daran gehindert zu haben, ja, das ist eine\nGeberde i Stolz senkt sie die Augen auf den Körper\nhinab, der nackt von dem aufgelösten Pudermantel ist\nWährend sie auf das unbefleckte Fleisch lächelt, singt\neine jeder Oden, die in Hieroglyphen dem Tempel vor\nKarnak anvertraut waren, ihren Triumph:\nIch bändigte noch einmal die Bestie.\nTochter des göttlichen Herkules"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-21_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "372", "page_fin": "372", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.2.4", "titre_corps": "Meiner Schwester Kind", "titre_sommaire": "Meiner Schwester Kind", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "372", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.2", "debut_caractere": 10960, "fin_caractere_exclue": 11349, "texte": "Meiner Schwester Kind\nElse Lasker-Schüler\nDer Morgen ist bleich von Traurigkeit,\nEs sind so viel junge Blumen gestorben,\nUnd du, o du bist gestorben,\nUnd mein Herz klagt eine Sehnsucht weit;\nUeber die ziellose Flut\nDer blaublühenden Meere,\nUnd deine Mutter höre\nIch weinen in meinem Blut.\nMuss immer träumen\nVon deinen tiefen Lenzaugen,\nDie blickten wie wilde Knospen\nVon gottalten Bäumen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-21_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "373", "page_fin": "373", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.2.5", "titre_corps": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "titre_sommaire": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "373", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10863, "texte": "Der Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nXX\nLotte Wiedewitt\nHerr Moritz Wiedewitt kümmerte sich aber um den\ngrossartigen Sonnenuntergang ganz und gar nicht, Hess\ndie ihm verliehene Kaiserkrone im Hofzuge sorgfältig\nverpacken und machte dann in Schiida Einkäufe, wobei\ner sich mit Wohlgefallen immerzu „Grandiosität\"\ntitulieren liess.\nDer Interimskaiser kam dann in bester Stimmung\nnach Hause, um endlich Abendbrot zu essen, aber die\nLotte hatte bereits von der Ratssitzung gehört und zu\nAllem ganz ratlos mit dem Kopfe geschüttelt; sie konnte\nes einfach nicht glauben, dass ihr Moritz für ein Jahr\nnach Ulaleipu gehen sollte und dort Kaiser sein —\nnein, das konnte sie nicht glauben; sie vermutete, dass\ndahinter bloss wieder ein abenteuerlicher unnützer\nNarrenstreich stäke.\nUnd als nun der Moritz endlich nach Hause kam,\nempfing ihn seine Frau mit einer Gardinenpredigt, die\nsich gewaschen hatte.\n„Was soll denn das nun wieder? Leben wir hier\ndenn wirklich im Tollhaus? Bin ich dazu mit Dir nach\nSchiida gezogen, um hier bloss mit Dir tolle Streiche\nanzugeben? Haben wir nicht schon genug mit unserer\nWirtschaft zu tun? Geht hier zu Hause nicht alles drunter\nund drüber? Wir haben nicht das Nötigste — und zu\ndummen Streichen ist immer das Geld da? Du wolltest\ndoch noch die eingelaufenen Briefe beantworten —\nund jetzt willst Du wieder Kaiser werden? Schämst\nDu Dich denn garnicht? Ich habe nichts Vernünftiges\nanzuziehen — und Du denkst Dir bloss windige Ge-\nschichten aus. An unser Wäschespind solltest Du doch\ndenken der Tischler macht es nicht fertig — und\nDu hast mir doch versprochen, das olle Spind noch\nin diesem Monat fertig zu machen, damit ich endlich\nweiss, wo ich mit den paar plundrigen Sachen hinkann.\nAber statt zu arbeiten, wiilst du Kaiser werden. Es\nist unerhört. Du solltest Dich doch vor den Nachbarn\nschämen.\"\nUnd dann schimpfte die Lotte,\" dass die Wände\ndröhnten, damit es alle Nachbarn hören konnten, was\nfürn verrückter Kerl dieser Moritz war.\nAber da riss auch dem Moritz die Geduld, und er\nbrüllte:\n„Mach das Abendbrot fertig. In einer Stunde muss\nich nach Ulaleipu fahren.\"\n„Fällt mir nicht ein!\" schrie die Lotte, „mach Dir\nDein Abendbrot allein. Ich bin lange genug Dein\nPachulke gewesen. Ich will jetzt ein anderes Leben\ngemessen.\"\nDa wurde der Interimskaiser so wütend, dass er\neine Porzellanvase ergriff und sie auf den Fussboden\nschleuderte, dass die Porzellanstücke zum dreieckigen\nFenster hinausflogen.\n„Bin ich denn verdammt,\" rief er grimmig „ewig\nand immer mit diesem verrückten Weibe zu leben ?\nSo bleib Du hier — ich fahre allein nach Ulaleipu.\"\n»Fahre, wohin Du fahren willst,\" sagte die Lotte,\n„ich werde wissen, was ich zu tun habe.\"\nMoritz wollte wieder einlenken, aber die Lotte\nschmiss die Türe hinter sich zu und riegelte ab.\nDa nahm der Interimskaiser Hut und Stock und\nging in den goldenen Löwen, ass sein Abendbrot unter\nZähneknirschen, verabschiedete sich von Käseberg,\nMoellerkuchen und einigen Ratsherren in sehr kurzen\neiligen Worten und fuhr, als es dunkel geworden war,\nmit dem Hofzuge nach Ulaleipu — den ganzen Hof-\nzug liess Herr Wiedewitt illuminieren — auch oben\nüber den Waggondächern — mit roten, blauen und\ngrünen Flammen — und elektrische Scheinwerfer liess\ner aufleuchten, dass der Zng wie ein Lichtgespenst\ndurch die Nacht dahinsauste.\nXXI\nDer verzweifelte Steatsrat\nDie Rechszentrale in den sieben Türmen am\nSchwantufluss hatten sich natürlich sofort der ganzen\nKaiser-Angelegenheit bemächtigt, und fast in jeder\nTagesstunde Hefen ein paar Broschüren in Ulaleipu ein.\nUnd in den Broschüren wurde des Kaisers Tat hoch-\nherzig und bewunderungswürdig genannt, und nur zwei\noder drei Autoren hatten die Tat des Kaisers, der, um\ndie Abtrünnigen in der Stadt Schiida zurückzuführen\nin den alleinseligmachenden Schoss des Volksgeistes,\nOberbürgermeister von Schiida geworden war, für eine\nnicht ganz der Rechtsauffassung Aller entsprechende\nTat befunden.\nDagegen war der Staatsrat überall sehr schlecht\nweggekommen, indem man in den Broschüren durch-\nweg behauptete, dass auch ein Mitglied des Staatsrates\nOberbürgermeister von Schiida hätte werden können.\nDass der Oberbürgermeister Wiedewitt zum In-\nterimskaiser ausgerufen worden war, das wurde durch-\nweg dem Staatsrat in die Schuhe geschoben; der hätte\nfür eine geeignete Stellvertretung bei Zeiten tätig sein\nmüssen.\nDass der Kaiser den Oberbürgermeister zum Stell-\nvertreter gewählt hatte, das wurde dem Kaiser garnicht\nübel genommen; er sei eben durch den Staatsrat schwer\ngereizt worden.\nKurzum: der Staatsrat hatte Alles auszubaden\nUnd es war nur natürlich, dass er sich in geradezu\ngrenzenloser Verzweiflungsstimmung befand.\nIn vierzehn Tagen waren siebenundachzig Bro-\nschüren über den merkwürdigen Vorfall erschienen.\nEs gab nur einen Trost für den Staatsrat: in keiner\nBroschüre wurde zugegeben, dass das neue Regiment\neine einschneidende Veränderung im Staatshaushalt zur\nFolge haben könnte — es gingen sogar einige Autoren\nam Schwantuflusse so weit, die ganze Angelegenheit\nals nicht sehr wichtig hinzustellen — das beweise schon,\nsagten sie, die kleine Anzahl der Broschüren (bloss 87),\nwährend doch im letzten Jahre dreiundvierzig Rechts-\nfälle mehr als hundertundfünfzig zur Folge gehabt\nhätten.\nAber der Staatsrat war in Verzweiflungsstimmung.\nXXII\nDer Leuchtturm\nDer Kaiser Philander wurde als Herr Bartmann in\nden Lotsenzim.mern des grossen Leuchtturms sehr\nfreundlich empfangen; der Leuchtturm hiebs der grosse\nder grossen Molen und des umfangreichen Unterbaues\nwegen; in den Lotsenzimmern hörte man die donnernde\nBrandung nur wie ein fernes Geräusch, da überall\ndoppelte Doppelfenster angebracht waren.\nHinter das Leben der Utopianer wollte der Kaiser\nkommen, und es schien ihm nun als erste Aufgabe,\nan verschiedenen Punkten seines Reiches festzustellen,\nwie die vielen Wohlfahrtseinrichtungen auf die Utopianer\nwirkten — ob sie noch immer als wohltuend empfunden\nwurden — und ob sie ausreichten, das Leben in Utopia\neinigermassen glücklich erscheinen zu lassen.\nDie Bequemlichkeitseinrichtungen hatten den denk-\nbar grössten Grad von Vollkommenheit erreicht, und\nnun fragte der Kaiser zunächst, so als wenn er bloss\nStudien halber reise, wie die Lotsen über die Be-\nquemlichkeit dächten.\nUnd da sagte dann ein Alter gleich sehr unwirsch:\n„Lieber Herr, die Bequemlichkeit ist für unseren\nStand eine recht bedenkliche Sache; früher gingen die\njungen Leute mit Vergnügen ins Rettungsbot heute\nmuss man schon Zwangsmassregeln gebrauchen — die\nJugend wird durch gutes Essen und Trinken durch\nFahrstühle, vortreffliche Betten und all den übrigen\nneuzeitlichen Luxus so verwöhnt, dass wir viele Be-\nItchkeitsdinge wieder hinausbringen mussten ; die gute\nalte Zeit hatte doch mit ihrer einfachen Lebensart\nsehr viele Vorzüge\nDer Kaiser war ganz sprachlos, aber er sah ein,\ndass der Alte wohl Veranlassung hatte, zu klagen —\ndie anderen Lotsen stimmten dem Alten sämtlich bei.\nEs wurde Grog getrunken, und der Herr Bartmann\nHess sich Seegeschichten erzählen, sprach nicht viel\nund dachte sich sein Teil; er wollte noch über die\nvorzügliche Rechtspflege in Utopia sprechen — aber\nihm schnürte was die Kehle zu, und er ging bald in\nsein Zimmer und versuchte zu schlafen.\nMit dem Schlafe ging es aber nicht — es war\nnur ein halber Schlaf — aus dem Meere, das unten\nbrauste und krachte, stiegen immer wieder bleiche Ge-\nstalten heraus, die immerzu leise flüsterten — und das\nklang wie eine Anklage — und schliesslich wie ein\nFluch auf die Bequemlichkeiten der verwöhnten Utopianer.\n„Wären die Lotsen,\" sagte eine Gestalt dicht neben\ndem Bette des Kaisers, „nicht so saumselig gewesen —\nich wäre noch am Leben.\"\nDer Kaiser steckte seine Kerze an und rieb sich\ndie Augen, er war ganz allein\nUnten tobte die Brandung des Meeres wie in weiter\nweiter weiter Ferne — murmelnd.\nUnd der Orkan brauste vor den Fenstern, dass\nein leises Pfeifen und Knallen zu hören war.\nDie Fenster klirrten\nDer Kaiser schlief ein\nDie Kerze beleuchtete das Gesicht des Schlafenden\nin dem die scharfen feinen Züge mit dunklen Schatten\nerschienen; das Profil des Gesichtes lag als Schatten-\nbild an der Wand.\nXXIII\nDie Zeitungen\nAm nächsten Morgen sass der Herr Bartmann im\nLesezimmer der Lotsen und las die neusten Zeitungen.\nDas Lesezimmer machte den Eindruck eines\nBibliotheksaales, und die Möbel Hessen an Behaglichkeit\nund künstlerischem Schliff nichts zu wünschen übrig;\njede Ecke und jede Kante war anders und voll intimster\nReize, sodass man sich auf jedem Stuhl so recht zu\nHause fühlte — Alles glänzte wie neu und wirkte doch\ngleichzeitig wieder so alt wie eine alte Handschrift.\nEin Lotse der dienstlich abgerufen wurde, rief\närgerlich: „Gerade jetzt! Bei diesen Zeitungsberichten\nüber Schiida!\"\nAber er ging, und der Kaiser las weiter von\nSchiida — im „Alten Staatsblatt\" stand unter Anderem:\n„Es lässt sich immerhin die Frage aufwerten, ob\nder Kaiser von Utopia berechtigt war, für ein ganzes\nJahr seine hohe Stellung aufzugeben, bloss um die\nverirrten Schildbürger wieder auf den rechten Pfad zu\nbringen. Der Kaiser ist nicht nur dazu da, im Volke\nein juristisches Gleichgewicht herzustellen; die fünfzig\nStimmen, die er allein den hundert Stimmen seines\nStaatsrates gegenüber zu steilen vermag, sind nicht\nbloss für die Rechtsfragen da; er soll auch — und\ndazu ist er in erster Linie hochstehender Volkskaiser —\nin allen Lebensfragen seines Volkes eine entscheidende\nFührerrolle in Anspruch nehmen, er soll dem Volke\nneue Bahnen eröffnen und immerdar tätig sein zum\nallgemeinen Wohle — er soll auch ein Anreger sein.\"\nHerr Bartmann lächelte und las in einer anderen\nZeitung:\n„Die anregende Haltung des Kaisers, die vom Alten\nStaatsblatte so angelegentlich empfohlen wird, wird der\nKaiser als Oberbürgermeister von Schiida am aller-\nbesten zur Geltung bringen; es ist doch nur natür-\nlich, dass die etwas komische und durchaus pein-\nliche Lage der Schildbürger zu sozialen Anre-\ngungen grade genug Veranlassung gibt; in seiner\nneuen Position als Oberbürgermeister wird der Kaiser\nsicher eine grosse Anzahl von Verhältnissen, die der\nVerbesserung bedürfen, kennen lernen. Und Schiida\nist uns Allen ein Dorn im Auge. Schiida muss ver-\nbessert werden, und die Dinge, die in Schiida ver-\nbesserungsdürftig erscheinen, werden ihre Schatten über\ndas ganze Kaiserreich werfen. Warten wir ab, was der\nKaiser in Sckilda tut.\"\nHerr Bertmann sah jetzt sehr ernst aus, und es\nging ein feierlicher Zug über sein Gesicht, und er\ndachte an die Schatten der vergangenen Nacht — die\nKerze hatte grosse Schatten an die Zimmerdecke ge-\nbracht, und die bleichen Gestalten des Meeres gingen\ndurch die Schatten an der Zimmerdecke durch.\nUnd des Kaisers Züge wurden plötzlich hart; er\nstand auf und ging mit festen Schritten hinaus — auf\ndie Galerie — dort hörte er das Meer ganz laut her-\naufdröhnen — und unten schäumten an den Klippen\ndie hohen Wellen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-21_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "373", "page_fin": "374", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.2.6", "titre_corps": "Varieté", "titre_sommaire": "Varieté", "signature_source": "Jakob van Hoddis", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "373", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.3", "debut_caractere": 10884, "fin_caractere_exclue": 11103, "texte": "Varieté\nVon Jakob van Hoddis\nI\nLoge\nEin Walzer rumpelt; geile Geigen kreischen;\nDie Luft ist weiss vom Dunst der Zigaretten;\nEs riecht nach Moschus, Schminke, Wein, nach fetten\nIndianern und entblössten Weiberfleischen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "374", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3798, "texte": "Ah! Schwimmen in der dicken Luft die vielen\nDämlichen Köpfe, die ins Helle glotzen?\nDrei Weiber lässt man auf der Bühne spielen,\nDie süsslich mit gemeinen Gesten protzen.\nII\nDer Athlet\nUnd der Athlet tritt auf und staunen kannst de,\nWie er ein Brett mit seiner Faust zerhaut.\nEr geht einher mit ungeheurem Wanste\nUnd feistem Arm und Nacken, schweissbetaut.\nUnd kurze Hosen schlottern um die Beinchen,\nDie sind zu dünnen Stöckchen deformiert.\nPrunkende Seide seine Füsschen ziert.\nAch! sind die niedlich! Wie zwei rosa Schweinchen.\nIII\nDer Humorist\nEin alter Mann in einem neuen Fracke\nPlärrt jetzt seine Liebesabenteuer.\nUnd besonders nach gewissen neuern\nAbenteuern,\nSpricht er, gleiche er dem Wracke,\nDas auf den Wellen wackle ohne Rast,\nDer Winds-„Braut\" preisgegeben, ohne Steuer,\nSogar mit halb verfaultem „Mast\".\nIV\nTanz\nEin kleines Mädchen mit gebrannten Löckchen\nIn einem Hemd ganz himmelblau —\nDie blossen Beine trippeln ohne Söckchen.\nSie singt: „Ach, tu mir nichts zuleide!\nAch Du! Heut werd ich Deine Frau.\"\nDann tanzt sre gierig und mit Chic\nZu einer holprigen Musik.\nUnd durch die Wirbel blauer Seide\nSiehst de den jungen Leib genau.\nV\nDie Inderin\nSie hebt den dünnen Arm; da duckt zum Sprunge\nDas dunkle Pantherpaar, durch sieben Reifen\nFährt es hindurch mit elegantem Schwünge.\nUnd ihre bösen starken Pranken streifen\n(Wenn sie verwirrt zurück zum Käfig taumeln)\nDie Perlenschnüre, die . . von einem lila Gurte . .\nUm ihrer nackten Herrin Hüften baumeln.\nVI\nBallet\nNeger schlenkern aufrecht mit den Beinen,\nAuf dem Rumpfe gelbliche Trikots.\nUnd dazwischen tanzen unsere frechen kleinen\nWeiber blond und nackend; ganz famos\nAngezogen:\nNur mit goldenen Stöckelschuhn,\nMit denen sie die fauchenden Athleten\nBehende in die dicken Nasen treten.\nVII\nDie Soubrette\nEin Weibsbild kommt als Jägersmann\nUnd schiesst auf ihrer Flinten.\nUnd sieht sich einen Vogel an\nUnd zeigt sich uns von hinten.\nIhr Hintern biegt sich unerhört\nAuf Beinen stramm wie Säulen.\nSie singt: „Mich hat die Lieb verstört\nJuchhei! im grünen Walde . .\nVIII\nDie Tänzerin\nWie mich die zärtlichen Gelenke rühren,\nDein magrer Nacken, Deiner Kniee Biegen!\nIch zürne fast. Werde ich Dir erliegen?\nWirst Du zu jenem Traum zurück mich führen,\nDen ich als Knabe liebend mir erbaute\nAus süssen Versen und dem Spiel der schönen\nSchauspielerinnen, linden Geigentönen\nUnd Idealen, die ich klaute?\nAch! keine fand ich jenem Traume gleich,\nIch musste weinend Weib um Weib vermeiden,\nIch war verbannt zu unermessnen Leiden,\nUnd hasse jenen Traum. Ich spähe bleich,\nUnd sorgsam späh ich wie Dein Leib sich wende,\nNach jeder Fehle, die im Tanz du zeigst,\nIch bin dir dankbar, da du doch am Ende\nMit einem blöden Lächeln dich verneigst.\nIX\nSchluss: Kinematograph\nDer Saal wird dunkel. Und wir sehn die Schnellen\nDer Ganga, Palmen, Tempel auch des Brahma,\nEin lautlos tobendes Familiendrama\nMit Lebemännern dann und Maskenbällen.\nMan zückt Revolver, Eifersucht wird rege,\nHerr Piefke duelliert sich ohne Kopf.\nDann zeigt man uns mit Kiepe und mit Kropf\nDie Älplerin auf mächtig steilem Wege.\nEs zieht ihr Pfad sich bald durch Lärchenwälder,\nBald krümmt er sich und dräuend steigt die schiefe\nFelswand empor. Die Aussicht in der Tiefe\nBeleben Kühe und Kartoffelfelder.\nUnd in den dunklen Raum — mir ins Gesicht —\nFlirrt das hinein, entsetzlich! nach der Reihe!\nDie Bogenlampe zischt zum Schluss nach Licht —\nWir schieben geil und gähnend uns ins Freie.\nX\nDraussen\nDie Sommernacht ist schwer nur zu ertragen!\nVier Herren gehn mit abgeknöpftem Kragen.\nEin Lackbeschuhter stelzt der Schnepse nach . . .\nDa polterts her — Ein langgedehnter Krach:\nDer Donner!\nAu 1\nIst die Reklame plump,\nBlitz!\nEin feiner Mensch liebt nicht den lauten Mum-\npitz!\nDas klingt ja ganz, als ob der dicke nackte\nWeltgeist\nGanz vertrackte Katarakte im Tackte kackte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-21_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "374", "page_fin": "374", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.2.7", "titre_corps": "L'oeuvre Péladan", "titre_sommaire": "L'oeuvre Péladan", "signature_source": "Adolf Knoblauch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "374", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.4", "debut_caractere": 3800, "fin_caractere_exclue": 5899, "texte": "L'oeuvre Péladan\nVon Adolf Knoblauch\nIn der französischen Literatur erstand nach 1870\nein einzigartiges, modernes Kulturdenkmal, das vierzehn-\nbändige Sittengemälde „Lateinischer Verfall\" von Sar Pe-\nladan. Er gibt darin unbarmherzige Enthüllungen über\ndie Lebensführung französischer und italienischer Kreise\ndes Adels, der Geistlichkeit und Regierung und unter-\nsucht die Ursachen des Verfalls der romanischen Rasse,\n„der Schönsten, je auf Erden existirenden, der lateinischen\nRasse, die im Sterben liegt. Furchtbarer, herrlicher\nGegenstand.\"\n1884 eröffnete er als Sechsundzwanzigjähriger seinen\nmoralisch-satanischen Roman-Zyklus mit dem „Letzten\nLaster\" (Vice supreme) und schloss ihn 1900 ab mit der\n„Letzten Tugend\" (Vertu supreme). Diese vierzehn\nRomane sind ein riesiges Leichenbegängnis aller idealen\nAnstrengungen, Träume und Hoffnungen der führenden\nfranzösischen Gesellschaft. Die Erklärung für den Ver-\nfall der Rasse gibt er durch ihre intellektuellen Laster.\nDer Kampf Peladans geht gegen die Gesellschafts-\nordnung durch Gold, die Verkommenheit der „höheren\"\nStände, vor allem aber gegen das „Letzte Laster\": das\nVerbrechen gegen den Geist, geistige Unzucht anf allen\nGebieten des erotischen, wissenschaftlichen, politischen\nund religiösen Lebens, gegen die Perversität des\nDenkens; Peladas besonderes leider noch nicht öffent-\nlich anerkanntes Verdienst ist seine Brandmarkung\ndieses wesentlich modernen, dieses Erz-Lasters der\nBourgeoisie und dei „höheren\" Stände, des über den\nseben mittelalterlicher Todsünden mit Recht erhöhten\nVerbrechens gegen den Geist und die Wahrheit, das\ner schneidend in seinen Haupttypen des Sittengemäldes\nverkörpert.\nPeladan ist Grossmeister der Rosenkreuzer. Er\nbetätigt sein ethisches Ideal, ist katholischer Reformator\nund Ritter für Tugend und Kunst Sein künstlerischer\nHochorden soll eine Elite von Aestheten darstellen, die\nder allgemeinen Nivellierung steuern, auf Kirche und\nPapsttum modernisierend einwirken Die praktischen\nUnternehmungen des Ordens leide« Bankrott. Eine\nletzte Flucht zum Altar, über die sich düstere Ver-\nzweiflung breitet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-21_01#c008", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "374", "page_fin": "374", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.2.8", "titre_corps": "Amphimelas", "titre_sommaire": "Amphimelas", "signature_source": "Géza Szilágyi", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "374", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.4", "debut_caractere": 5901, "fin_caractere_exclue": 6570, "texte": "Amphimelas\nGéza Szilágyi\nSchwarz ringsumher! Ist es möglich tiefere Trauer\nin eines Wortes gewaltige Formung zu bannen?\nDies Wort ist meines; — um mich her ist Nacht\nLastendes Dunkel, von keinem Strahle durchschimmert.\nMich zieht es nicht nach der Sonne hellleuchtendera\nLichte\nDer hundert grausamen Schlachten verblutenden Kämpfer -\nDenn wo zum Unheil alles das Schicksal lenkt\nWürde sich selber das Heil mir in Qualen verwandeln\nDies Schweigen ist besser. Es losch mit dem\nletzten Strahle\nDer letzten Hoffnung betrügerisch lockendes Zwielicht -\nUnd mich beschützt vor der Gefahr des Heils\nAmphimelas — das schwarze schweigende Dunkel.\nNachdichtung von Heinrich Horvat"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-21_01#c009", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "374", "page_fin": "375", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.2.9", "titre_corps": "Leitfaden der Weltgeschichte : IV / Neuzeit / Zweiler Teil", "titre_sommaire": "Leitfaden der Weltgeschichte : IV / Neuzeit / Zweiler Teil", "signature_source": "Robert Scheu", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "374", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.4", "debut_caractere": 6572, "fin_caractere_exclue": 8598, "texte": "Leitfaden der Welt-\ngeschichte\nIV / Neuzeit / Zweiler Teil\nVon Robert Scheu\nIm Jahre 1740 kommt der von Maximilian Hardea\nprotegierte Friedrich der Grosse zur Regierung. Mit\nihm beginnt das Zeitalter des sexuell aufgeklärten\nAbsolutismus. Sein Vater war so grob, dass Friedrich,\num ihn nicht zu verstehen, französisch lernte. Er\nvervollkomnete sich in dieser Sprache so, dass er\nsich als Floetenspieler hätte fortbringen können. Er\nlebte ungeheuer sparsam, weshalb er sich einen Krück-\nstock anschaffte. Er war als Knabe sehr flüchtig,\nwurde aber eingeholt und — beziehungsweise sein\nFreund Katte — hingerichtet. Er setzte seine franzö-\nsischen Lektionen bei Voltaire fort, den er wegen seines\nschlechten Appetits oft zum Nachtmahl einlud. Friedrich\nder Grosse sah ein, dass er mindestens drei Kriege\nführen müsse, um ins Geschichtsbüchel zu kommen.\nDa es in Schlesien viele unbekannte Dörfer gab, so\nverlegte er den Krieg dorthin und machte bald alles\nhistorisch durch Sieg oder Niederlage. Wie die meisten\nsiegreichen Feldherren hatte auch er die schiefe\nSchlachtordnung eingeführt. Da er sie sich rechtzeitig\npatentieren liess, waren die Oesterreicher gezwungen,\nihm in der denkbar gradesten Schlachtordnung ent-\ngegenzutreten, was in kriegerischen Gegenden ungemein\nschädlich ist. Friedrich der Grosse ging nie ohne\nSchlachtenmaler aus und gab genau acht, dass die\nZöpfe immer genau in einer Reihe standen. Da die\nWaffen damals noch nicht so vollkommen waren wie\nheute, mussten die Armeen, damit man überhaupt\netwas traf, streng in Reih und Glied marschieren. An\nden graden Tagen erklärte Friedrich der Grosse Krieg,\nan den ungraden schloss er Frieden. Den sieben-\njährigen Krieg kann sich niemand erklären, weil Friedrich\nder Grosse ohne Kriegserklärung einfiel. Er lieferte\nungefähr zwei Dutzend Schlachten, wodurch es den\nOesterreichern billiger kam als im Einzelverkauf.\nNach dem Ende des siebenjährigen Krieges waren\nsämtliche Teilnehmer um genau sieben Jahre älter als\nbei Beginn, was besonders die Damen kränkte, 1\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "375", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6479, "texte": "Oesterreich kam Josef der Zweite zur Regierung, der\nangeblich durch Arsenikkerzen vergiftet wurde. Da er\nkeinen Zunamen hatte, war es ihm schwer, sein\nInkognito, in das er sich täglich in der Frühe kleidete,\nauf die Dauer ungelüftet zu lassen. Zu diesen Zeiten\nwurde es üblich, Polen zu teilen. Nach der polnischen\nVerfassung konnte jedermann, wenn es ihn freute,\nVeto sagen und dadurch einen Generalstrike hervor-\nrufen. Infolgedessen entstand eine sehr farbenprächtige\nAnarchie, wie man auf dem Bilde von Matejko sieht,\nauf dem sich ein mir gänzlich unbekannter Mann die\nWeste aufreisst.\nIm Jahre 1775 brach der nordamerikanische Freiheits-\nkrieg aus. Ueberhaupt werden die Ereignisse, jemehr\ndie Neuzeit fortschreitet, desto unerlaubter. Er ent-\nstand durch die Besteuerung des Tees Die Amerikaner\nversenkten in ihrem Zorn eine ganze Teeladung ins\nMeer. Seit dieser Zeit hat der atlantische Ozean einen\nbittern Geschmack, da sie vergassen, ihn zu zuckern.\nBenjamin Franklin, der sich aus einem gewöhnlichen\nErfinder des Blitzableiters zum Generalpostmeister der\nKolonieen aufgeschwungen hatte, war furchtbar tugend-\nhaft, heulte mit den Wölfen und quakte mit den\nQuäkern. Ueberhaupt sind die Sekten in der Geschichte\nso lästig wie die Insekten in der Natur. Leider werden\nimmer wieder Sekten gegründet, wodurch massenhaft\nMenschen um ihre wohlverdiente Ruhe kommen. Ob\nGeorge Washington auch dann so berühmt geworden\nwäre, wenn er sich nicht glatt hätte rasieren lassen,\nist sehr zu bezweifeln. Man weiss bei ihm nie, wo\ndas h eigentlich hingehört. Die Unabhängigkeit der\nVereinigten Staaten scheint übrigens von den Brief-\nmarkensammlern angestiftet worden zu sein.\nIn Frankreich ist Ludwig der Fünfzehnte ununter-\nbrochen fünf Jahre alt. Ihm folgt sein Enkel (Kinder\nhatte er keine) Ludwig der Sechzehnte, der die für\neine Revolution erforderlichen Fachkenntnisse nicht\nbesass. Diese brach infolge eines vielbändigen Werkes,\nder sogenannten Enzyklopädie aus, weil das französische\nVolk die Raten nicht bezahlen konnte, für welche das\nWerk zu beziehen war. Eine der wichtigsten Er-\nfindungen der Neuzeit ist das Defizit, das damals zum\nerstenmal auftrat und sich von da an wie ein roter\nFaden durch die Neuzeit zieht. Wo zwei Menschen\nzusammenkommen, entsteht, seit damals, ein Defizit.\nUm die Defizite zu vermehren, werden Vereine ge-\ngründet und Festzüge arrangiert. Doch gibt es auch\nzahlreiche Einzelpersonen, die sehr namhafte Defizite\nerreichen. Zur Zeit der französischen Revolution waren\ndie Leute so naiv, dass sie sich vor dem 'Defizit\nfürchteten. Um es zu beseitigen, wählte man das un-\ntauglichste Mittel: man berief eine grosse Versammlung\nein. Mirabeau benutzte sein blatternarbiges Gesicht,\num dem König zu imponieren, wurde aber später zu\nseinem Leidwesen so bestochen, dass er von der\nRevolution zurücktreten musste. Unter den Jakobinern\nsprach besonders Robespierre durch die Nase. Er\nliess eine Hinrichtungsmaschine, Guillotine, aufstellen.\nDa diese einen Haufen Geld gekostet hatte, mussten\nviele Tausende hingerichtet werden, um das in sie\nhineingesteckte Kapital zu amortisieren. Der König\nwollte fliehen, wurde jedoch an seiner Abstammnng\nerkannt und gefangen. Er hiess von da an mehr\nCapet als Ludwig und wurde enthauptet. Im weiteren\nVerlaufe wechselten die Verfassungen in der Weise,\ndass keine Partei bei der Guillotinierung zu kurz kam.\nDer Leutenant Bonaparte hatte sich schon lange eine\nRevolution gewünscht, um besser zu avancieren. Da\ner zu unfähig war, um auf anständige Art Geld zu\nverdienen, bewarb er sich um die seit Attila vakante\nSinekure eines Welteroberers. Er begab sich nach\nAegypten, wo er, wie er es erwartet hatte, ganz ge-\nwöhnliche Mameluken vorfand, die ihm den Gefallen\ntaten, sich von ihm besiegen zu lassen.\nNapoleon, der so klein war, dass ihn keine Kugel\ntreffen konnte, tummelte sich mit dem Kriegsführen\nungeheuer, damit es ihm die anderen nicht abspicken.\nEr siegte solange, bis er nach Wien kam, wo er nach\nkurzem Aufenthalt so verdummte, dass er in der Schlacht\nbei Aspern geschlagen wurde. In seiner unglaublichen\nNaivität ging er auch nach Russland, was wir ihm,\nwenn er sich an uns gewendet hätte, dringend wider-\nraten hätten. Die Russen hatten den Plan, sich solange\nzurückzuziehen, bis sie ihm auf der anderen Seite der\nErde in den Rücken fielen. Napoleons Heer bestand\nübrigens zum grössten Teile aus Deutschen und\nOesterreichern, die er vieleicht auf diesem Wege ver-\nnichten wollte. Als Napoleon Moskau betrat, waren\nalle Leute ausgezogen. Es scheint gerade zum Zins-\ntermin gewesen zu sein. Wenn Napoleon niemanden\nzum Erschiessen hatte, wusste er mit seiner freien Zeit\nnichts anzufangen. Damit rechneten die Russen. Sie\nzündeten Moskau an, weil sie wussten, dass Napoleon\nnicht versichert war. Er verschaute sich im Feuer und\nwurde vom Winter überrascht. Er war offenbar zu\nfaul, im Kalender nachzusehen. Anstatt nun justament\nin Russland zu bleiben, trat er den Rückzug an. VcTn\nda an kommt er immer mehr ins Patzen. Es ist\nübrigens rätselhaft, wie er in allen Schlachten Zeit\nfand, sich zu rasieren. Es machte den denkbar un-\ngünstigsten Eindruck, als Napoleon in der Schlacht bei\nLeipzig geschlagen wurde. Die Verbündeten zogen\nnach Paris, Napoleon wie gewöhnlich, kam zu spät.\nEr wurde abgesetzt und nach Elba verbannt, wo er\nmit zwei Millionen jährlich kümmerlich lebte. Zum\nGlück gab es dort sehr wenig Geschäfte, so dass er\nmit seinem Gelde auskam. Als er sich genügend er-\nholt hatte, kehrte er nach Frankreich zurück, wo er\nnoch hundert vergnügte Tage hatte. Sein letzter\nAufenthalt war Sankt Helena. In dieser Position war es\nausnehmend fad und wenn ihn Hudson Lowe nicht\nsekiert hätte, wäre er vor Langeweile umgekommen.\nEs waren so wenig Menschen dort, dass es sich nicht\nlohnte, sie umzubringen. Infolgedessen war er gänzlich\nbeschäftigungslos. Da er nicht zum Staatsbeamten\ngeboren war, so griff dies seine Gesundheit an und er\nstarb mit den Worten: „Weil i an alter Drahrer bin\".\nDa zu wenig gelogen wurde, erfand man den\nTelegraphen, ferner Dampfmaschine und Eisenbahn,\nwodurch der eigentliche Zweck der Weltgeschichte: die\nEntstehung der Gegenwart, wesentlich beschleunigt\nwurde. Bismarck gründete die Gartenlaube, nicht ohne\nvorher durch die Einigung Deutschlands einen grossen\nAbonnentenkreis sichergestellt zu haben. Bald darauf\nkommen die Kommis in Politik und Literatur endgültig\nans Ruder, womit die Weltgeschichte ihren allseits be-\nfriedigenden und versöhnenden Abschluss findet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-21_01#c010", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "375", "page_fin": "376", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.2.10", "titre_corps": "Ein rheinisch Dichterleben", "titre_sommaire": "Ein rheinisch Dichterleben", "signature_source": "Joseph Adler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "375", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.5", "debut_caractere": 6481, "fin_caractere_exclue": 12947, "texte": "Ein rheinisch Dichter-\nleben\n\nRudolf Lothar, Rudolf Herzog, Rudolph Stratz,\nRudolf Hans Bartsch und Rudolf Presber.\nIch habe diese Namen keineswegs willkürlich in\ndie kurze Längsseite einer kaum zum Wanken zu\nbringenden Ehrenreihenfolge gezwängt. Ich will auch\nmit der Aufzählung dieser Namen gewiss nicht be-\nstreiten, dass es Schriftsteller gibt, die, trotz ihrer\nVornamen Georg, Richard oder gar Fedor, schlech-\nter sind als einer der fünf. Aber aus reinem\nGerechtigkeitsgefühl entziehe ich mich der geistigen\nGaleerenarbeit, einem Dichter, der mit dem Namen\nRudolf vorbestraft ist, durch eigene Phanfasie und\nGestaltungsgabe für meine Lektüre frei zu machen, ihm\ndie Handschellen der Trivialität abzunehmen. Ich bin\ngegen Rudolf Lothar weit gerechter als jemand, der\nihn, obgleich er sein Schaffen mit Liebe verfolgt, hinter\nRudolf Presber setzt. Warum soll jener immer noch\nnur anerkannt gut sein, während dieser der deutschen\nLiteraturgescichte schon einverleibt und aufgebürdet ist.\nWarum soll Lothar in ihren so leicht verschiebbaren\nGrenzen einen gesicherten Platz noch immer nicht in\neiner Zeit besitzen, in der für Presbers Gemeindean-\nwesen am Parnassabhang ein Häuschen am Luganer\nSee und eine Villa im Grunewald schon lange mit-\nsprechen.\nWilhelm Clobes nennt die Villa eine Poetenklause,\naber sie ist doch nur eine prosaische Villa, sie ist das\nwirklichste, das nüchternste Resultat der Hauptaufgabe\ndes ] Presberschen Berufs, die nackten Zahlen der\nWirklichkeit durch ein Talent, das gleich Null ist, so\nzu dividieren, dass jener Quotient der Scheinpoesie\nherauskommt, der von einer kunstrohen Gesell-\nschaft begehrt und gut bezahlt wird.\n„Das Leben ist der Dichter, wie der Stil den\nMenschen legitimiert. Wie jeder wahre Dichter liebt\nPresber die Einsamkeit\" Schon diese beiden Sätze\nlegitimieren die Dreistigkeit und die Geistesarmut, die\nClobes hinreichend genug waren zur Abfassung einer\nhundertsechsunddreissig Seiten langen biographisch-\nliterarischen Studie über „Presber, ein rheinisch Dichter-\nleben \" —\nNicht nur Goethe, auch Presber hat in Frankfurt\nam Main das imaginäre Licht der Welt erblickt. „Sein\nVater war nicht nur ein ebenso begabter und beredter\nRitter von Geist, wie er einem Spielhagen als Roman-\nheld dienen konnte, sondern er war auch Lehrer der\nLiteraturgeschichte, und als solcher hat er, trotz des\ngeringen Talentes sich zur Geltung zu bringen, einige\nBücher verfasst.\"\nAber dass es ihm nicht allein an diesem Talent\ngefehlt haben muss, bekundet heute seines Sohnes\nGenialität, sich als wahren Dichter ausschreien zu\nlassen. Es könnte nicht allein möglich sein, dass\nPresber „auf den Spuren seiner Ahnen Impressionen\nempfängt, die in vielen seiner schönsten Dichtungen\nForm und Farbe erhalten,\" wenn er nicht von seinem\nVater die Talente, die dieser nicht besass, ererbt hätte;\ndoch seines Landsmanns Mahnung, zu erwerben, was\nman von seinen Vätern ererbt hat, um es zu besitzen,\nbefolgte er getreulich. Goethe ähnlich hatte er eine\nAbneigung gegen Mathematik, und sein Biograph teilt\ndiese Antipathie mit ihm. Ueberhaupt „weicht Pres-\nbers Schulzeit kaum in einer Nuance von der-\njenigen anderer Dichter und Denker ab, denen\nschwarzsehende Präzeptoren ehedem prophezeien, dass\nmal nichts aus ihnen würde\" Selbst Tycho Mommsen\nriet Presbers Mutter, den Rudolf ein Handwerk lernen\nzu lassen. Sie aber brachte ihn nach Karlsruhe, und\nan jenem Tage, an dem sie ihn dem neuen Gym-\nnasialdirektor vorstellte, war die ganze badische Resi-\ndenz auf dem Friedhofe, wo die Vorstellung stattfand,\nversammelt. Von ungefähr — um Scheffel das letzte\nGeleite zu geben. So nahm vom Grabe weg das\nDichterleben Presbers seinen unabwendbaren Anfang.\nBald schrieb er für irgend ein dreihundertjähriges Jubi-\nläum ein Festspiel und es fiel ihm auch die Ehre zu,\nfür die Primaner die Abschiedrede zu halten.\n„Zwischen den Zwanzigerjahren stand der Frühling des\nrheinischen Dichterlebens in voller Saat, damals, als\ner hoch zu Ross oder auf dem Rade die sommerlich\nsatte Landschaft des Breisgaus oder das Neckartal\nzur Zeit der Weinlese durchstreifte.\" Und wenn er\ndamals „merkwürdiger Weise\" am liebsten Mosel-\nwein trank, bevorzugt er heute den feurigen Burgunder,\nder wie Rubine im Glase funkelt und „bekanntlich\nschon unsere Klassiker zu viel Schönem, Wahrem und\nGutem begeisterte.\"\nAber trotz der Feurigkeit des Burgunders und philo-\nsophischer Studien vermochte Presber unsere flache\nKellersprüchepoesie, die Clobes so hoch bedeutsam\nfindet, um kein Stufe zu vertiefen; und durch feucht-\nfröhliche Weisheit allein lässt sich unsere Lebensfreude\nnicht steigern. Durch jene Presbers schon garnicht.\nDenn sie verdunstet, in der klaren, trockenen Luft der\nNüchternheit kaum beschaut, so schnell, als der Bur-\ngunder, den er bevorzugt und der weniger wie Rubine,\nsondern eher wie rote Butzenscheibensplitter im Glase\nfunkelt.\n„Die Zeit der unpersönlichen Zeitungen ist vorbei.\nHeute sucht der unintelligente Leser hinter dem Ar-\ntikel den Menschen, der ihn schreibt.\" So dachte der\nTheaterdichter Presber, nachdem der „geborene\nJournalist Presber\" Feulletonredakteur geworden\nwar. „Er schwang unter'm Strich das kritische Richt-\nschwert in derselben faszinierenden Weise, wie er das\nsatirische Florett handhabte oder den Schläger über\nPhilister und Banausen schwang.\" Und nebenher\nschrieb er noch feinsinnige Verse.\nEs kann jemand sehr wohl ein Schuster und ein\nDichter sein, aber niemals wird der geborene Journa-\nlist dem echten Dichter auch nur annähernd verwandt\nsein. Die Dichtkunst hat noch immer dort aufgehört,\nwo der Journalismus hereinbrach. Als den geborenen\nJournalisten lässt Presber sich rühmen, aber nur als\nDichter will er sterben, „anhebt\" doch eines seiner\nLieder so:\n„Ich möcht' nicht sterben als Journalist\n(Und blühten mir Bolzens Ehren!)\nUnd bis ans Ende des Tages Mist\nIn dampfende Häuflein zu kehren.\"\nVerächtlicher kann auch ein Dichter vom\nJournalismus nicht sprechen. Tagesmist in dampfende\nHäuflein zu kehren ist Schmokarbeit, doch Bolzens\nEhren können ihr dennoch erblühen. Von Presbers\nBeschäftigung mit Tagesmist, so sehr er auch sich ihr\nabgekehrt hat, blieb in seiner Feder ein übler Geruch\nhaften, den die Musen fliehen. „Aber der Feuilletonis-\nmus Presbers ist stets subjektiv gewesen. Und wenn\nder Enkel des rasenden Sokrates, der als originellster\nSonderling unter der Sonne Homers vier Jahrhunderte\nvor Christi in einem Fass kampierte, wenn der menschen-\nsuchende Diogenes von heute auch in der Hauptlinie"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "376", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5841, "texte": "— unter'm Strich — den Ereignissen der Zeit folgt\nund die Schwächen der Gegenwartsmenschen persi-\nfliert, so finden sich doch auch bei der Jahresernte\ndieser Revuen viele, viele reife Früchte vom grün-gol-\ndenen Baume des Lebens eines Dichters.\"\nDer folgernde Zug in der Clobesschen Stilistik\nbringt die Weichen der Vergleiche fast zum Entgleisen:\nDen Diogenes von Sinope brachte eine „hündische\"\nPhilosophie bis in ein Fass hinab, das ihm als Wohn-\nraum genügte. Dem Diogenes von Frankfurt gelang\nes nicht am wenigsten durch die Weisheit, die man —\nmit Wein vermengt — aus Fässern zapft, zum Villen-\nbesitzer sich emporzuschwingen. Nur dass der Dio-\ngenes von Sinope ein Fürst in seinem Fass war,\nwährend der Diogenes von Frankfurt in seiner Villa\num die Gunst der Musen bettelt.\n„Einem Manne wie Presber, der mit grosser Souve-\nränität die Vorgänge der Zeit in der Dichtung festhält,\nder mit seltener Meisterschaft am sausenden\nWebstuhl seine formgewandte Kunst beherrscht,\nmusste sich der Kreis der Lustigen Blätter er-\nschliessen \"\nPresbers „ansteckender\" Humor fand den ge-\neigneten Rahmen in dem „trefflichsten Witzblatt der\nMetropole,\" und hier geseilte er zu seinem schon\nbekannten Pseudonym (Diogenes) ein neues: Mirza\nSpiral. „Gute Kenner seiner Muse werden ihn hinter\ndem sterotypen M. Sp. schon richtig vermutet haben.\"\nWie wenig Witz ist doch notwendig, um der Welt\netwas als Humor aufzudisputieren, was in Wahrheit\nnur grotesk wirkender Mangel an wirklicher Begabung,\nein grinsendes Zuwenig an Ernst und Männlichkeit ist.\nIn dem engen Rahmen der Lustigen Blättern soll\nRaum genug sein für einen Humor „der kein Talent\nund keine blosse Nuance sondern einfach eine\nWeltanschauung ist, errungen im Kampfe\ngegen den Pessimismus.\"\nEr ist zu gut gekauft, der Biograph, um nicht den\nMut zu besitzen, Befreiungskraft und Sieghaftigkeit\neinem Humor zuzuprahlen, der die beachtenswerte\nverkörperte Jammerfratze der Furcht und Flucht vor\neinem Pessimismus ist, der alle Halbheit hart zermalmt.\n„Seltsamerweise spielt die liebe Liebe in Pres-\nbers humoristischen Novellen eine sehr geringe Rolle.\"\nDesto mehr merkt man in seinen Gedichten den „be-\nfruchtenden Einfluss\" des Frauentums, „Presber be-\nkannte sich weit eher zu seines Goethes Wort von\ndem Ewigweiblichen, als dass er der Verachtung und\nVerneinung seines Antipoden Nietzsche Ausdruck\ngegeben hätte.\"\nKonnte er das überhaupt? Und wie undankbar\nwäre es von ihm, jenes Element zu verachten, dessen\nbefruchtender Einfluss seinem. Primanerhang zur Poesie\nzustatten kam. Und wieder sind es Frauen, Mädchen\nund femine Jünglingsnaturen, die ihn ermuntern, alter\nGewohnheit zu fröhnen. Dafür geht er „auch kon-\nform,\" jawohl: konform, mit Ernst von Wolzogen,\nder uns mahnt, die Mädeln nicht zu verachten, die\nlieben süssen Mädeln. „Und diese beiden sind sich\nwieder mit den zu früh heimgegangenen Dyonisiern\nBierbaum, Hartleben und Liliencron darin einig, dass\nein kussfeuchter Mund und Mädchenaugen lachende\nPhilosophie und naturgemässe Lebensweisheit zugleich\nsind.\"\nIn seiner Reporterbegeisterung für kussfeuchte\nLippen süsser kleiner Mädchen setzt Clobes die\nNamen Presber und Liliencron nebeneinander. Ihn\nschreckte kein Blick für den Abstand, der zwischen\ndiesen beiden unabsehbar droht, und seine Feder zer-\nbrach nicht an solcher frivolen Zusammenkoppe-\nlung. Im Gegenteil. Sie fuhr fort, Lobendes und\nSchönes über den feschen Rudi zu sagen, „der\nsich in einer gar nicht seltenen Anwandlung von Selbst-\nronie diesen Vierzeiler auf den Leib schrieb:\n„Und liegst Du einst, die Lippen schmal und blau,\nGestreckt die Glieder, die im Tod gefrieren,\nDu wirst, so fürcht- ich, mit der Leichenfrau,\nDie Dich rasiert, noch einen Flirt riskieren.*'\nPoesie für Juxkarten.\n„Die literarische Kritik hat Rudolf Presber vor-\ngeworfen, dass er zu viel und zu leicht produziere.\"\nDie literarische Kritik (selbstredend nicht die, die\nClobes meint, die kommt für die Literatur über-\nhaupt nicht in Betracht) hat Presber noch gar-\nnichts vorgeworfen. Sie wirft ihn nur dorthin,\nwohin er einzig und allein gehört — in die Lustigen\nBlätter und „unter'n\" Strich.\nClobes gibt zu, dass Presber viel produziert, doch\ner kann nicht anders, weil er als Feuilletonist einfach\nkontraktliche Verpflichtungen zu erfüllen hat. „Und\ndiese müssen uns schon veranlassen, zwischen dem\nfleissigen Journalisten und dem echten Dichter zu\nunterscheiden. Und hat nicht auch Shakes-\npeare ausserordentlich viel geleistet?'\nShakespeares Geist sitzt an Presbers Arbeitstisch.\nEr beschreibt Blatt um Blatt der hohen Papierstösse,\ndie Presber für sich herbeigeschleppt hat. Drama um\nDrama, Meisterwerk um Meisterwerk entsteht, aber\nPresber weicht nicht. Noch einen letzten Sturmangriff\nvollführt der fast schon erschöpfte Geist, dann entflieht\ner mit einem Scheideblick der Verzweiflung von dem\nnoch unbeschriebenen Papierblöcken, die nun Presber\naiheimfallen. Und „mit Lerchen und Finken um die\nWette besingt er alles, schenkte ihm doch Mutter\nNatur die Gottesgabe dazu. Wer erst ein Buch\nvon ihm in die Hand genommen hat, den lässt es\nnicht mehr, und er begehrt stürmisch nach eisern\ngleichartigen andern.\"\nEs lässt ihn nicht mehr, den vertrottelten Lese-\nplebejer, er verlangt mehr von der süssen Kost, die\nsich so angenehm verdauen lässt.\nAus dem Staub, der auf dem grösseren Teil der\nHeineschen Lyrik liegt, formt Presber seine Reimgebilde.\nAuch er ist, und vor allem als Journalist, nicht mehr\nals „eine Wanze aus der Matratze ngr u 112 t.\"\nAllerdings masst er sich viel an, und Clobes schliesst\nsein Buch mit der wehmutsvollen Gewissheit, dass er\neiner ausgeprägten Dichterindivualität nicht gerecht\nwurde. Sie „voll und ganz\" zu würdigen, soll den\nLiteraturhistorikern vorbehalten bleiben.\nIch trat ihnen auf diesem Haufen der Literatur-\nschmarotzer einen Schritt zuvor — sie sollen es mir\nnicht danken.\n\nJoseph Adler"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-21_01#c011", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "376", "page_fin": "376", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.2.11", "titre_corps": "Meine Woche", "titre_sommaire": "Meine Woche", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "376", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.6", "debut_caractere": 5843, "fin_caractere_exclue": 9161, "texte": "Meine Woche\nDas Wunder\nAlso endlich kann ich den Lesern des Sturms den\nGefallen tun, um den man mich fortgesetzt schriftlich\nbittet: einmal zu loben. 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Wer\nan mein Wort glaubt, der gehe hin und lausche der\nOffenbarung.\nAeusserliches\nSeit Jahren rede ich gegen die Gleichgültigkeit der\nKonzertveranstalter und predige selbstverständlich den\nberühmten tauben Ohren. Schliesslich sind ja auch\nAgenten nicht zum Hören da, sondern zum Verrechnen.\nAber vielleicht machen die Musiker einmal die Augen\nauf. Gegen die lächerlichen Meisterbüsten, die blöden\nGemälde und die verkitschte Innenausstattung der\nBerliner Konzertsäle werden sie nichts ausrichten kön-\nnen. Konzertsäle prangen nun einmal im Goldstück.\nAber dass die „Lüster\" ihr Licht in der von Ludwig\nPietsch erfundenen verschwenderischen Fülle auf die\nbeängstigten Hörer werfen, könnten sie sich verbitten.\nNirgends ist schnelle innere Sammlung nötiger, als für\ndie Musik. Sie wird durch Augenschmerzen nicht\ngrade gefördert. Natürlich erzeugt das Werk und sein\nVortrag die Stimmung. Was ich nämlich auch weiss.\nNicht etwa die Verdunklung des Saales. Aber sie ver-\nhindert die äusseren Hemmungen, die sich aus Massen-\nanhäufungen ergeben. Die „Gesellschaft\" wird aller-\ndings um einige Sensationen är.mer, aber die Künstler-\nmenschen um einige reicher. Konzerte sind zum Hören\nDas Gesehenwerden besorge man in den Rauselt\nSehen will so wie so niemand. Wozu aiso die ver-\nschwenderische Fülle? Im verdunkelten Saal werden\ndem Musiker vielleicht auch die Schattenseiten des\nPodiums auffallen. Der Künstler ist Bohemieng, denkt\nder Agent und benutzt es als Rumpelkammer. Ueber-\nflüssige Stühle, Pauken, Flügel und Notenständer ver-\nanschaulichen die historische „künstlerische Unordnung\".\nNur die Zahnbürste fehlt zur vollkommenen Witzblatt-\nillustration. So ein Stuhl, der mit hochgestreckten\nBeinen bäuchlings auf dem andern liegt, kann der\nSängerin meuchlings auf die Schleppe fallen und den\nTon, der ihr nicht aus der Kehle dringt, zu einem\nGeräusch anschwellen lassen, das höchstens Richard\nStrauss noch musikalisch wertet. 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Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen beriihmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fordernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. 7,20. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. 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Naheres durch die\nBodengesellschaft des Westens\nmit beschrankter Haftung\nBERLIN W 66, MAUERSTRASSE 86—88\n□ Fernsprecher Amt I, Nr. 7497 □"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-01-21-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-01-21_01#c024", "volume": "bmtnabg_1911-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "378", "page_fin": "378", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "378", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.8", "debut_caractere": 2221, "fin_caractere_exclue": 2459, "texte": "Die Kindermilch nach Prof. Dr. Backhaus kommtderMuttermilch am nachsten.\nKt>hmilch°» BacKhaus-Mildiyg Frauen-Milch 1\n~ 'ii\nTrockensubstanzen von je 1 Backhaus-Milch und Frauenmilch.\nI. 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Januar, abends 8 Uhr, Salon Cassirer,\nVictoriastrasse 35 —\nHerwarth Walden: Liederkompositionen\nEs singen: Claire Waldoff / EHedwig Rossin - Rosenfeld\nHofopernsanger Franz Lindner\nAm Klavier: Herwarth Walden\nKarten zu 3 Mk. bei Edmund Meyer, Buchhandlung,\nPotsdamerstrasse 27 bund an der Abendkasse :: ::\nDER NEUE CLUB\nNeopathetisches Cabaret fur Abenteurer des Geistes\nMittwoch, den 18. Januar, abends 9 Uhr\n— Kerkau Palast . • . 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Kunowski\nACT/KOPF /TILLEBEN\nHeinrieh. Rfehter\nEisenacherstrasse 103\nSprechstunden 12 — 1 Uhr"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzetbezug 10 Pfennig\nDER STURM\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524 / Anzeigen-Annahme\nHannover Artilleriestr 15 und Berlin W35 Potsdamerstr. 111\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark / Halbjahresbezug 2,50 Mark /\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1911\nBERLIN/SONNABEND DEN 21. JANUAR 1911/ HANNOVER\nNUMMER 47\n\nINHALT:\nSAR PELADAN: Der Traum einer Sünde / ELSE LASKER-SCHÜLER: Meiner Schwester Kind / PAUL SCHEERBART: Der Kaiser von Utopia / JAKOB\nVAN HODDIS: Variete / ADOLF KNOBLAUCH: L'oeuvre Peladan / GEZA SZILAGYI: Amphimelas / ROBERT SCHEU: Leitfaden der Weitgeschichte / JOSEPH ADLER:\nEin rheinisch Dichterleben / TRUST: Meine Woche / MAX PECHSTEIN: Das Lager / Zeichnung\n\nDas Lager Zeichnung von Max Pechstein"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "372", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.2", "texte": "Der Traum einer Sünde\nVon Sar Péladan\nSie hatte nur Hunger nach\nden Begierden, die sie ent-\nzündete und trank mit hoch-\nmütiger Lippe diese Feuer\nwie Wasser.\nBarbey d'Aurevilly\nNach einem Bade im klaren Bach, in einer Ruhe-\nstunde ausgestreckt unter dem verwirrenden Wälder-\nschatten, empfindet Artemis die Begierde in den keu-\nschen Schenkeln, die, in Träumen sich bergende\nSchlange, ihr ruhiges Fleisch sticht Die Prinzessin\ndenkt nicht mehr an eine Vergangenheit befriedig-\nten Stolzes, sondern an Gegenwart, an mögliche\nFreuden.\nBetrachtungen erheben sich ihr unbewusst, sonder-\nbar für ihre Gewohnheit, an der Vortrefflichkeit ihrer\nEntschlüsse Zweifel, nach dem was sie sich untersagte\nspitzige Neugierden, von dem was sie verachtet flieht\nBesessen-Seia.\nIhr Gedanke wendet die Seiten des Sphinxbuches\num, die gleich einem matten Echo zahlreicher, dumpfer\nKüsse rauschen, und aus denen Buchzeichen gleiten:\nWeniger schnell vertrocknete Blumen als die Gluten,\ndie sie austauschten, vergilbte Briefchen, Ueberlebende\naus totgeborenen Liebschaften, die auf dem Pergament\nGeruch und Liebkosung der Mieder behielten.\nIn verlorner Ferne singt der Dichter-Chor die ewige\nLiebes-Hymne, und die menschlichen Ohren sind geneigt\nzu diesen Konzerten, die denen der Engel gleichen.\nPropheten, Dichter, Weise und Narren schreiten schwer-\nmütig vorbei mit dem Schtuss-Reim ihrer Herzen auf\nden Lippen: „Meine Sünde ist Liebe\".\nDie geringschätzige Mundfalte erlischt vor der\nfruchtbaren Sünde, dem erhabenen Dünger, aus dem\nHingabe und Gesänge entstehen. Warum weigerte sie\nsich, an den trüben Wassern, an den schweren Wassern\nder Leidenschaft zu trinken, der einzigen Tränke der\nbeklagenswerten Menschheit.\nDer Quell der Liebe erscheint unb der lärmende\nSterblichen-Haufe drängt sich hinzu. Darein taucht der\nEphebe die flaumlosen Lippen, die Matrone die Runzeln\nPatriarchen den Silberbart. Ein ironischer Engel giesst\naus grossen lasurnem Krug das Gallengetränk, das das\nflache Becken füllt.\nSieht er Lippen zurückweichen, die des Gebräues\nBitterkeit ätzte, so nimmt er eine dünne Giesskanne\naus dem Gürtel und neigt sie. Alsobald stürzt die\nMenge gieriger hin. Der Tropfen der Illusion geügt,\nden ektatischen Augen der Liebesverdursteten ihre\nTräume im brackigen Wasser sichtig zu machen.\nDieser „Fata Morgana\"-Tropfen, der unbezwinglich\nselbst zum Unvernünftigen strebt, die menschliche Be-\ngierde, die Einbildungskraft liess ihn auf den Gedanken\nder Prinzessin fallen. Der Trieb erstickt alsodann die\nIdee, und unterschiebt sich dem Wüllen sanft, langsam.\nSchon lächelnd spricht sie, aber so leise, dass die\ngrossen Lilien .selbst sie nicht verstehen: „O, die Lüge\nder Leiern!\"\nKeine der mystischen Binden drückt ihre Stirn, bei\ngewonnenem Spiel lässt sie sich in Träume oder in\nUnzucht gleiten, gleich einem Shylock, der am Ende\nstets das versprochene Fleisch einfordert.\nDas geschlechtliche Erlebnis, noch ist es ein Un-\nbekanntes für sie. Verheiratet, umworben, kennt sie\nnicht die Lust der Sünde. Schon hat sie alle Zweige\nam Baum des Wissens geschüttelt, und auf den fun-\nkelnden, sauren Früchten ihren hochmütigen Biss hinter-\nlassen. An die einzige Frucht des Fleisches hat sie\nnicht gerührt, also auch liebkost sie es mit dem Auge\nder Begierde.\nDiese Gesetze der Geschlechtlichkeit, diese vor\ndem menschlichen Schritt sich kreuzenden, sich ver-\nstrickenden Lianen, bis zu diesem Tage hat sie sie\nabgeschnitten und entfernt; siehe, jetzt ist sie davon\nganz eingehüllt im plötzlichen Erblühen. Eine Stimme\nvielleicht von Pan murmelt wie ein Flöten-Erstöhnen:\n„Wehe dem Einsamen!\"\nO, zwei zu sein, zwei Herzen und das gleiche\nPochen, zwei Geister und der gleiche Gedanke, zwei\nKörper und das gleiche Verlangen!\nDiese beiden Herzen in eine Anbetung verschmolzen,\ndiese beiden Geister in eine Bewunderung vereint, diese\nbeiden Körper in eine Lust verflochten!\nZwei, die Stimme und das Echo, zwei, das Dasein\ndoppelt, ein Wesen zugefügt dem eignen Wesen, in\nsich zwei, zuseiten der Sehnsucht die Befriedigung, der\nheilige Traum des Zwitters verwirklicht den Gesetzen\nentsprechend, noch einmal die anfängliche Schöpfung\ngefunden.\nAber wo ist er, der Wohlgeliebte? Wer ist es,\nder ihren linken Busen erregt, ihr Leben anrührt,\nden Marmor ihres Fleisches mit Küssen rötet\nund ihren Körper der Lust entsprechend durchdringt.\nDass ihr Geist wünsche, was das Herz schlägt,\nwas die Haut empfängt, bedarf es roter Lippen und\nschwarzer Gedanken, einer perversen Seele in schöner\nGestalt |\nSie durchblättert in Gedanken mit schlüpfriger Prüfung\ndas Photographie-Album der Freunde, das die Bourgeosie\nauf den Nipptischen zur Schau stellt\n* *\n*\nIn dem künstlichen Leben fordert sie die Lust, sie,\ndie gebildete Spaziergängerin im Campo santo der Ge-\nschichte ruft Helden und Ungeheuer in verliebter Geister-\nbeschwörung auf. Wer sollte den unterirdischen Bereich\ngewisser Enthaltungen deuten, was in eine Tugend an\nLaster eintreten darf.\nSie stellt sich die Liebe unter den Linien eines\nschönen Jünglings vor, der auf einem Papageien, grösser\nals ein Adler, reitet. Er hält ein zum Bogen ge-\nkrümmtes Zuckerrohr, dessen Schnur aus einem ge-\nhemmten Bienenschwarm besteht. Im Köcher, der in\neinem Frauenbusen endigt, reiben fünf Pfeile, die fünf\nSinne, ihre Blumenspitzen.\nDouchmanta, der die Prinzessin erblickt, vergisst\nim Augenblick Sakuntala. Aber sie wünscht die Buhle-\nrin Vasantasena zu sein, um die Liebesworte Charudattas\nim Garten nach dem Ungewitter zu hören.\nMejdnoun und Leilah, der Ruhm von Iran, die sich\nansehen und vor Extase murmeln, gehen vorbei, ohne\nsie zu sehen.\nPlötzlich eine Natur wie auf einem Aquarell, unter\neinem Rosa-Himmel eine Folge von Brücken in Esels-\nrückenform, unter den Djunken dahingleiten. Frauen\nmit zarten Gestalten und dem Fleisch der Teerose sind\ndarin niedergekauert wie Kinder und besingen die Blüte\ndes Pfirsichbaums, das Blatt der Weide, und spielen\nwie Katzen\nNach einer Melodie von Rameau führen Herren\nvon Marivaux auf einem Gemälde von Watteau ihre\nverliebte Teilnahmlosigkeit spazieren.\nIn der Nacht der Zeiten zieht sie Sodom und\nGomorrha an. Welches Verbrechen, dass wir nicht\nkennen, kannten jedoch diese Städte? Bei diesen\nVölkern, die das Böse so weit trieben, dass sie das\nHimmelsfeuer zwangen, sie zu zerstören, findet sie\neine Bezauberung.\nDie Augeniieder der Prinzessin blinzeln bei den\nschwankenden Erscheinungen, die sie genauer zu\nmachen wünscht Beim leckerhaften Anblicken der\nverbotenen Dinge gleitet ihre Zunge sanft über die\nLippen hin.\nDie Begierde in all ihren Formen, die Wollust in\nall ihren Rythmen, die Liebe in all ihren proteischen\nVerkörperungen, die ganze Frau, ihre Krämpfe, ihre\nTränen, ihre Verzweiflungen, ihre Trunkenheiten, die\nAnstrengungen ihres Herzens zur Leidenschaft, ihres\nKörpers zur Lust, durchkreuzen wie schon Geschehenes,\nschon Getanenes ihre Träumerei in Metamorphosen\nder Perversität, das volle Bilderpanorama der Liebe,\nDidos Scheiterhaufen, den modernes Vitriol entfacht,\nPersönlichkeiten der Kunst, die sich mit deaea der\nGeschichte vermischen. Im Bhotan der Sinnlichkeit\ngeht ihre versucherische Einbildungskraft von einem\nBaum zum andern, und schüttelt die Früchte des\nFleisches, erstaunt, dass die Wollust nicht im Regen\nniederfällt. Der „King\" der Leidenschaft, der „rig\"\ndes Körpers singen in ihr wahnwitzige, übermächtige\nHymnen wie Stöhnen der Kelter, wie Brünste der wilden\nTiere.\nSie glaubt im linken Auge Zittern zu empfinden,\nim linken Arm Unruhe, die Hindu-Vorzeichen der An-\nnäherung des Wohlgeliebten.\nAus diesem Bildergekribbel Jösst sich ein Poussin\nab, und der Traum des Rom angebeteten griechischen\nLasters erscheint vor der wartenden Italienerin der\nRenaissance, Antinoiis Seine freigebige Nacktheit strahlt,\nsein Brustkasten scheint zu leuchten, die Prinzessin leiht\ndem Freigelassenen Hadrians in freiwilliger Halluzination\nfolgende Anrede:\n„Prinzessin, du bist schön wie ich schön bin,\nGlaube nicht an die Verleumdungen der Geschichte.\nDer Kaiser entbrannte in vergeblichen Feuern Ich bin\njungfräulich, ich blieb es für dich, deren Stirn den\nGedanken wie die Minervas enthält. O, die du mit\nAphroditens Schönheit den Verstand Athenes verbindest,\nich liebe dich. Als ich mich im Nil ertränkte, hatte\nich dein Bild unter den Wellen geschaut. Ach, ich\nsuchte dich, Neptun hielt mich böse zurück. Meine\nSchönheit bezauberte wie die Leier von Orpheus die\nMeerungeheuer. Die Sirenen, verführt und der Stimme\nbar wanden verzweiflungsvoll den Schwanz. Die vor\nLiebe wahnsinnigen Nymphen röteten mit ihrem Blut\ndie Koralle. Endlich fand ich dich wieder. Ich sammelte\ndie Tränen in einer Halskette, die ich dir geben werde.\nOeffne die Arme, meine Glieder sind von dem acht-\nzehnhundertjährigen Bade geschmeidig, bereit für deine\nUmarmung.\n* *\n*\nMessalina ist nicht stets zu Suburra oder in des\nllius Armen. Man kann sich durch den Geist mehr\nbeflecken.\nDie Zauberer reiben sich mit halluzinatorischer\nPomade, die unzuchtige Träume gab. Erwacht be-\nhaupteten sie, vom Sabbat zu kommen. Die Phantasie\ngenügt, um zu ihm hinzutragen. Der Kuss des Bocks\ngibt sich auch mit dem Gedanken. Unmöglichkeit aber\nist, ;hn nicht zu wiederholen. Der Geist wird\nan das unreine Ding geklebt Die fleischlichen Be-\nschworungen können ebenso wie die der Zauberei\nnicht aufgehalten werden.\nDie Prinzessin fühlt sich durch den Traum in ihrer\nkitzelnden Beschauung überwältigt, unterjocht. Auf der\nStirn perlt Schweiss, in den rotgewordenen Ohren zittern\ndie Gehänge. Die hohen schamhaften Lilien schliessen\nie Reiche, in reiner Blumentrauer neigen sie den\nstolzen Stengel.\nSie hat den Alb, die Unzüchtigkeit der Dinge. Vor\nGeilheit schielende Böcke zerbrechen die Hörner in\nwutenden Liebkosungen. Eine fieberbrennende Phallus-\ntragervision zieht vorbei, und die inneren Fresken\neines Pnap-Tempels, Panathenäen der Gemeinheit ent-\nrollen sich.\nPlötzlich entsteht eine Heftigkeit. Dann, mit einer\nsie ganz bleichmachenden Anstrengung, einem Sid\nanklammern an ihren Stolz, träumt sie ihr Fleisck\nFieberig, entnervt, keuchend, wirren Blicks lässt sie\nunter ermattetem Druck die Arme niederhängen. Beim\nSiege öffnen die Lilien den Kelch wieder, richten den\nStengel auf. Die Nacht kommt. Der abendliche\nSchatten der Wölbung wirft Schleier über die namen-\nlose Ausschweifung, deren Geheimnis sie bewahren\nwird.\nDer Araber, der seinem Pferd die Zügel schiessen\nlasst und es mit der Nüster vor der Mauer hemmt,\nder Gondelführer, der an der Ecke des Palastes gerade\nrudert und in einem Zuge wendet, tun Kinderspiel,\nAber den eignen Körper auf die Wollust loszulassen\nund im Augenblick, da die Enthaltung brechen will,\nihn rein daran gehindert zu haben, ja, das ist eine\nGeberde i Stolz senkt sie die Augen auf den Körper\nhinab, der nackt von dem aufgelösten Pudermantel ist\nWährend sie auf das unbefleckte Fleisch lächelt, singt\neine jeder Oden, die in Hieroglyphen dem Tempel vor\nKarnak anvertraut waren, ihren Triumph:\nIch bändigte noch einmal die Bestie.\nTochter des göttlichen Herkules\n\nMeiner Schwester Kind\nElse Lasker-Schüler\nDer Morgen ist bleich von Traurigkeit,\nEs sind so viel junge Blumen gestorben,\nUnd du, o du bist gestorben,\nUnd mein Herz klagt eine Sehnsucht weit;\nUeber die ziellose Flut\nDer blaublühenden Meere,\nUnd deine Mutter höre\nIch weinen in meinem Blut.\nMuss immer träumen\nVon deinen tiefen Lenzaugen,\nDie blickten wie wilde Knospen\nVon gottalten Bäumen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "373", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.3", "texte": "Der Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nXX\nLotte Wiedewitt\nHerr Moritz Wiedewitt kümmerte sich aber um den\ngrossartigen Sonnenuntergang ganz und gar nicht, Hess\ndie ihm verliehene Kaiserkrone im Hofzuge sorgfältig\nverpacken und machte dann in Schiida Einkäufe, wobei\ner sich mit Wohlgefallen immerzu „Grandiosität\"\ntitulieren liess.\nDer Interimskaiser kam dann in bester Stimmung\nnach Hause, um endlich Abendbrot zu essen, aber die\nLotte hatte bereits von der Ratssitzung gehört und zu\nAllem ganz ratlos mit dem Kopfe geschüttelt; sie konnte\nes einfach nicht glauben, dass ihr Moritz für ein Jahr\nnach Ulaleipu gehen sollte und dort Kaiser sein —\nnein, das konnte sie nicht glauben; sie vermutete, dass\ndahinter bloss wieder ein abenteuerlicher unnützer\nNarrenstreich stäke.\nUnd als nun der Moritz endlich nach Hause kam,\nempfing ihn seine Frau mit einer Gardinenpredigt, die\nsich gewaschen hatte.\n„Was soll denn das nun wieder? Leben wir hier\ndenn wirklich im Tollhaus? Bin ich dazu mit Dir nach\nSchiida gezogen, um hier bloss mit Dir tolle Streiche\nanzugeben? Haben wir nicht schon genug mit unserer\nWirtschaft zu tun? Geht hier zu Hause nicht alles drunter\nund drüber? Wir haben nicht das Nötigste — und zu\ndummen Streichen ist immer das Geld da? Du wolltest\ndoch noch die eingelaufenen Briefe beantworten —\nund jetzt willst Du wieder Kaiser werden? Schämst\nDu Dich denn garnicht? Ich habe nichts Vernünftiges\nanzuziehen — und Du denkst Dir bloss windige Ge-\nschichten aus. An unser Wäschespind solltest Du doch\ndenken der Tischler macht es nicht fertig — und\nDu hast mir doch versprochen, das olle Spind noch\nin diesem Monat fertig zu machen, damit ich endlich\nweiss, wo ich mit den paar plundrigen Sachen hinkann.\nAber statt zu arbeiten, wiilst du Kaiser werden. Es\nist unerhört. Du solltest Dich doch vor den Nachbarn\nschämen.\"\nUnd dann schimpfte die Lotte,\" dass die Wände\ndröhnten, damit es alle Nachbarn hören konnten, was\nfürn verrückter Kerl dieser Moritz war.\nAber da riss auch dem Moritz die Geduld, und er\nbrüllte:\n„Mach das Abendbrot fertig. In einer Stunde muss\nich nach Ulaleipu fahren.\"\n„Fällt mir nicht ein!\" schrie die Lotte, „mach Dir\nDein Abendbrot allein. Ich bin lange genug Dein\nPachulke gewesen. Ich will jetzt ein anderes Leben\ngemessen.\"\nDa wurde der Interimskaiser so wütend, dass er\neine Porzellanvase ergriff und sie auf den Fussboden\nschleuderte, dass die Porzellanstücke zum dreieckigen\nFenster hinausflogen.\n„Bin ich denn verdammt,\" rief er grimmig „ewig\nand immer mit diesem verrückten Weibe zu leben ?\nSo bleib Du hier — ich fahre allein nach Ulaleipu.\"\n»Fahre, wohin Du fahren willst,\" sagte die Lotte,\n„ich werde wissen, was ich zu tun habe.\"\nMoritz wollte wieder einlenken, aber die Lotte\nschmiss die Türe hinter sich zu und riegelte ab.\nDa nahm der Interimskaiser Hut und Stock und\nging in den goldenen Löwen, ass sein Abendbrot unter\nZähneknirschen, verabschiedete sich von Käseberg,\nMoellerkuchen und einigen Ratsherren in sehr kurzen\neiligen Worten und fuhr, als es dunkel geworden war,\nmit dem Hofzuge nach Ulaleipu — den ganzen Hof-\nzug liess Herr Wiedewitt illuminieren — auch oben\nüber den Waggondächern — mit roten, blauen und\ngrünen Flammen — und elektrische Scheinwerfer liess\ner aufleuchten, dass der Zng wie ein Lichtgespenst\ndurch die Nacht dahinsauste.\nXXI\nDer verzweifelte Steatsrat\nDie Rechszentrale in den sieben Türmen am\nSchwantufluss hatten sich natürlich sofort der ganzen\nKaiser-Angelegenheit bemächtigt, und fast in jeder\nTagesstunde Hefen ein paar Broschüren in Ulaleipu ein.\nUnd in den Broschüren wurde des Kaisers Tat hoch-\nherzig und bewunderungswürdig genannt, und nur zwei\noder drei Autoren hatten die Tat des Kaisers, der, um\ndie Abtrünnigen in der Stadt Schiida zurückzuführen\nin den alleinseligmachenden Schoss des Volksgeistes,\nOberbürgermeister von Schiida geworden war, für eine\nnicht ganz der Rechtsauffassung Aller entsprechende\nTat befunden.\nDagegen war der Staatsrat überall sehr schlecht\nweggekommen, indem man in den Broschüren durch-\nweg behauptete, dass auch ein Mitglied des Staatsrates\nOberbürgermeister von Schiida hätte werden können.\nDass der Oberbürgermeister Wiedewitt zum In-\nterimskaiser ausgerufen worden war, das wurde durch-\nweg dem Staatsrat in die Schuhe geschoben; der hätte\nfür eine geeignete Stellvertretung bei Zeiten tätig sein\nmüssen.\nDass der Kaiser den Oberbürgermeister zum Stell-\nvertreter gewählt hatte, das wurde dem Kaiser garnicht\nübel genommen; er sei eben durch den Staatsrat schwer\ngereizt worden.\nKurzum: der Staatsrat hatte Alles auszubaden\nUnd es war nur natürlich, dass er sich in geradezu\ngrenzenloser Verzweiflungsstimmung befand.\nIn vierzehn Tagen waren siebenundachzig Bro-\nschüren über den merkwürdigen Vorfall erschienen.\nEs gab nur einen Trost für den Staatsrat: in keiner\nBroschüre wurde zugegeben, dass das neue Regiment\neine einschneidende Veränderung im Staatshaushalt zur\nFolge haben könnte — es gingen sogar einige Autoren\nam Schwantuflusse so weit, die ganze Angelegenheit\nals nicht sehr wichtig hinzustellen — das beweise schon,\nsagten sie, die kleine Anzahl der Broschüren (bloss 87),\nwährend doch im letzten Jahre dreiundvierzig Rechts-\nfälle mehr als hundertundfünfzig zur Folge gehabt\nhätten.\nAber der Staatsrat war in Verzweiflungsstimmung.\nXXII\nDer Leuchtturm\nDer Kaiser Philander wurde als Herr Bartmann in\nden Lotsenzim.mern des grossen Leuchtturms sehr\nfreundlich empfangen; der Leuchtturm hiebs der grosse\nder grossen Molen und des umfangreichen Unterbaues\nwegen; in den Lotsenzimmern hörte man die donnernde\nBrandung nur wie ein fernes Geräusch, da überall\ndoppelte Doppelfenster angebracht waren.\nHinter das Leben der Utopianer wollte der Kaiser\nkommen, und es schien ihm nun als erste Aufgabe,\nan verschiedenen Punkten seines Reiches festzustellen,\nwie die vielen Wohlfahrtseinrichtungen auf die Utopianer\nwirkten — ob sie noch immer als wohltuend empfunden\nwurden — und ob sie ausreichten, das Leben in Utopia\neinigermassen glücklich erscheinen zu lassen.\nDie Bequemlichkeitseinrichtungen hatten den denk-\nbar grössten Grad von Vollkommenheit erreicht, und\nnun fragte der Kaiser zunächst, so als wenn er bloss\nStudien halber reise, wie die Lotsen über die Be-\nquemlichkeit dächten.\nUnd da sagte dann ein Alter gleich sehr unwirsch:\n„Lieber Herr, die Bequemlichkeit ist für unseren\nStand eine recht bedenkliche Sache; früher gingen die\njungen Leute mit Vergnügen ins Rettungsbot heute\nmuss man schon Zwangsmassregeln gebrauchen — die\nJugend wird durch gutes Essen und Trinken durch\nFahrstühle, vortreffliche Betten und all den übrigen\nneuzeitlichen Luxus so verwöhnt, dass wir viele Be-\nItchkeitsdinge wieder hinausbringen mussten ; die gute\nalte Zeit hatte doch mit ihrer einfachen Lebensart\nsehr viele Vorzüge\nDer Kaiser war ganz sprachlos, aber er sah ein,\ndass der Alte wohl Veranlassung hatte, zu klagen —\ndie anderen Lotsen stimmten dem Alten sämtlich bei.\nEs wurde Grog getrunken, und der Herr Bartmann\nHess sich Seegeschichten erzählen, sprach nicht viel\nund dachte sich sein Teil; er wollte noch über die\nvorzügliche Rechtspflege in Utopia sprechen — aber\nihm schnürte was die Kehle zu, und er ging bald in\nsein Zimmer und versuchte zu schlafen.\nMit dem Schlafe ging es aber nicht — es war\nnur ein halber Schlaf — aus dem Meere, das unten\nbrauste und krachte, stiegen immer wieder bleiche Ge-\nstalten heraus, die immerzu leise flüsterten — und das\nklang wie eine Anklage — und schliesslich wie ein\nFluch auf die Bequemlichkeiten der verwöhnten Utopianer.\n„Wären die Lotsen,\" sagte eine Gestalt dicht neben\ndem Bette des Kaisers, „nicht so saumselig gewesen —\nich wäre noch am Leben.\"\nDer Kaiser steckte seine Kerze an und rieb sich\ndie Augen, er war ganz allein\nUnten tobte die Brandung des Meeres wie in weiter\nweiter weiter Ferne — murmelnd.\nUnd der Orkan brauste vor den Fenstern, dass\nein leises Pfeifen und Knallen zu hören war.\nDie Fenster klirrten\nDer Kaiser schlief ein\nDie Kerze beleuchtete das Gesicht des Schlafenden\nin dem die scharfen feinen Züge mit dunklen Schatten\nerschienen; das Profil des Gesichtes lag als Schatten-\nbild an der Wand.\nXXIII\nDie Zeitungen\nAm nächsten Morgen sass der Herr Bartmann im\nLesezimmer der Lotsen und las die neusten Zeitungen.\nDas Lesezimmer machte den Eindruck eines\nBibliotheksaales, und die Möbel Hessen an Behaglichkeit\nund künstlerischem Schliff nichts zu wünschen übrig;\njede Ecke und jede Kante war anders und voll intimster\nReize, sodass man sich auf jedem Stuhl so recht zu\nHause fühlte — Alles glänzte wie neu und wirkte doch\ngleichzeitig wieder so alt wie eine alte Handschrift.\nEin Lotse der dienstlich abgerufen wurde, rief\närgerlich: „Gerade jetzt! Bei diesen Zeitungsberichten\nüber Schiida!\"\nAber er ging, und der Kaiser las weiter von\nSchiida — im „Alten Staatsblatt\" stand unter Anderem:\n„Es lässt sich immerhin die Frage aufwerten, ob\nder Kaiser von Utopia berechtigt war, für ein ganzes\nJahr seine hohe Stellung aufzugeben, bloss um die\nverirrten Schildbürger wieder auf den rechten Pfad zu\nbringen. Der Kaiser ist nicht nur dazu da, im Volke\nein juristisches Gleichgewicht herzustellen; die fünfzig\nStimmen, die er allein den hundert Stimmen seines\nStaatsrates gegenüber zu steilen vermag, sind nicht\nbloss für die Rechtsfragen da; er soll auch — und\ndazu ist er in erster Linie hochstehender Volkskaiser —\nin allen Lebensfragen seines Volkes eine entscheidende\nFührerrolle in Anspruch nehmen, er soll dem Volke\nneue Bahnen eröffnen und immerdar tätig sein zum\nallgemeinen Wohle — er soll auch ein Anreger sein.\"\nHerr Bartmann lächelte und las in einer anderen\nZeitung:\n„Die anregende Haltung des Kaisers, die vom Alten\nStaatsblatte so angelegentlich empfohlen wird, wird der\nKaiser als Oberbürgermeister von Schiida am aller-\nbesten zur Geltung bringen; es ist doch nur natür-\nlich, dass die etwas komische und durchaus pein-\nliche Lage der Schildbürger zu sozialen Anre-\ngungen grade genug Veranlassung gibt; in seiner\nneuen Position als Oberbürgermeister wird der Kaiser\nsicher eine grosse Anzahl von Verhältnissen, die der\nVerbesserung bedürfen, kennen lernen. Und Schiida\nist uns Allen ein Dorn im Auge. Schiida muss ver-\nbessert werden, und die Dinge, die in Schiida ver-\nbesserungsdürftig erscheinen, werden ihre Schatten über\ndas ganze Kaiserreich werfen. Warten wir ab, was der\nKaiser in Sckilda tut.\"\nHerr Bertmann sah jetzt sehr ernst aus, und es\nging ein feierlicher Zug über sein Gesicht, und er\ndachte an die Schatten der vergangenen Nacht — die\nKerze hatte grosse Schatten an die Zimmerdecke ge-\nbracht, und die bleichen Gestalten des Meeres gingen\ndurch die Schatten an der Zimmerdecke durch.\nUnd des Kaisers Züge wurden plötzlich hart; er\nstand auf und ging mit festen Schritten hinaus — auf\ndie Galerie — dort hörte er das Meer ganz laut her-\naufdröhnen — und unten schäumten an den Klippen\ndie hohen Wellen.\n\nFortsetzung folgt\n\nVarieté\nVon Jakob van Hoddis\nI\nLoge\nEin Walzer rumpelt; geile Geigen kreischen;\nDie Luft ist weiss vom Dunst der Zigaretten;\nEs riecht nach Moschus, Schminke, Wein, nach fetten\nIndianern und entblössten Weiberfleischen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "374", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.4", "texte": "Ah! Schwimmen in der dicken Luft die vielen\nDämlichen Köpfe, die ins Helle glotzen?\nDrei Weiber lässt man auf der Bühne spielen,\nDie süsslich mit gemeinen Gesten protzen.\nII\nDer Athlet\nUnd der Athlet tritt auf und staunen kannst de,\nWie er ein Brett mit seiner Faust zerhaut.\nEr geht einher mit ungeheurem Wanste\nUnd feistem Arm und Nacken, schweissbetaut.\nUnd kurze Hosen schlottern um die Beinchen,\nDie sind zu dünnen Stöckchen deformiert.\nPrunkende Seide seine Füsschen ziert.\nAch! sind die niedlich! Wie zwei rosa Schweinchen.\nIII\nDer Humorist\nEin alter Mann in einem neuen Fracke\nPlärrt jetzt seine Liebesabenteuer.\nUnd besonders nach gewissen neuern\nAbenteuern,\nSpricht er, gleiche er dem Wracke,\nDas auf den Wellen wackle ohne Rast,\nDer Winds-„Braut\" preisgegeben, ohne Steuer,\nSogar mit halb verfaultem „Mast\".\nIV\nTanz\nEin kleines Mädchen mit gebrannten Löckchen\nIn einem Hemd ganz himmelblau —\nDie blossen Beine trippeln ohne Söckchen.\nSie singt: „Ach, tu mir nichts zuleide!\nAch Du! Heut werd ich Deine Frau.\"\nDann tanzt sre gierig und mit Chic\nZu einer holprigen Musik.\nUnd durch die Wirbel blauer Seide\nSiehst de den jungen Leib genau.\nV\nDie Inderin\nSie hebt den dünnen Arm; da duckt zum Sprunge\nDas dunkle Pantherpaar, durch sieben Reifen\nFährt es hindurch mit elegantem Schwünge.\nUnd ihre bösen starken Pranken streifen\n(Wenn sie verwirrt zurück zum Käfig taumeln)\nDie Perlenschnüre, die . . von einem lila Gurte . .\nUm ihrer nackten Herrin Hüften baumeln.\nVI\nBallet\nNeger schlenkern aufrecht mit den Beinen,\nAuf dem Rumpfe gelbliche Trikots.\nUnd dazwischen tanzen unsere frechen kleinen\nWeiber blond und nackend; ganz famos\nAngezogen:\nNur mit goldenen Stöckelschuhn,\nMit denen sie die fauchenden Athleten\nBehende in die dicken Nasen treten.\nVII\nDie Soubrette\nEin Weibsbild kommt als Jägersmann\nUnd schiesst auf ihrer Flinten.\nUnd sieht sich einen Vogel an\nUnd zeigt sich uns von hinten.\nIhr Hintern biegt sich unerhört\nAuf Beinen stramm wie Säulen.\nSie singt: „Mich hat die Lieb verstört\nJuchhei! im grünen Walde . .\nVIII\nDie Tänzerin\nWie mich die zärtlichen Gelenke rühren,\nDein magrer Nacken, Deiner Kniee Biegen!\nIch zürne fast. Werde ich Dir erliegen?\nWirst Du zu jenem Traum zurück mich führen,\nDen ich als Knabe liebend mir erbaute\nAus süssen Versen und dem Spiel der schönen\nSchauspielerinnen, linden Geigentönen\nUnd Idealen, die ich klaute?\nAch! keine fand ich jenem Traume gleich,\nIch musste weinend Weib um Weib vermeiden,\nIch war verbannt zu unermessnen Leiden,\nUnd hasse jenen Traum. Ich spähe bleich,\nUnd sorgsam späh ich wie Dein Leib sich wende,\nNach jeder Fehle, die im Tanz du zeigst,\nIch bin dir dankbar, da du doch am Ende\nMit einem blöden Lächeln dich verneigst.\nIX\nSchluss: Kinematograph\nDer Saal wird dunkel. Und wir sehn die Schnellen\nDer Ganga, Palmen, Tempel auch des Brahma,\nEin lautlos tobendes Familiendrama\nMit Lebemännern dann und Maskenbällen.\nMan zückt Revolver, Eifersucht wird rege,\nHerr Piefke duelliert sich ohne Kopf.\nDann zeigt man uns mit Kiepe und mit Kropf\nDie Älplerin auf mächtig steilem Wege.\nEs zieht ihr Pfad sich bald durch Lärchenwälder,\nBald krümmt er sich und dräuend steigt die schiefe\nFelswand empor. Die Aussicht in der Tiefe\nBeleben Kühe und Kartoffelfelder.\nUnd in den dunklen Raum — mir ins Gesicht —\nFlirrt das hinein, entsetzlich! nach der Reihe!\nDie Bogenlampe zischt zum Schluss nach Licht —\nWir schieben geil und gähnend uns ins Freie.\nX\nDraussen\nDie Sommernacht ist schwer nur zu ertragen!\nVier Herren gehn mit abgeknöpftem Kragen.\nEin Lackbeschuhter stelzt der Schnepse nach . . .\nDa polterts her — Ein langgedehnter Krach:\nDer Donner!\nAu 1\nIst die Reklame plump,\nBlitz!\nEin feiner Mensch liebt nicht den lauten Mum-\npitz!\nDas klingt ja ganz, als ob der dicke nackte\nWeltgeist\nGanz vertrackte Katarakte im Tackte kackte.\n\nL'oeuvre Péladan\nVon Adolf Knoblauch\nIn der französischen Literatur erstand nach 1870\nein einzigartiges, modernes Kulturdenkmal, das vierzehn-\nbändige Sittengemälde „Lateinischer Verfall\" von Sar Pe-\nladan. Er gibt darin unbarmherzige Enthüllungen über\ndie Lebensführung französischer und italienischer Kreise\ndes Adels, der Geistlichkeit und Regierung und unter-\nsucht die Ursachen des Verfalls der romanischen Rasse,\n„der Schönsten, je auf Erden existirenden, der lateinischen\nRasse, die im Sterben liegt. Furchtbarer, herrlicher\nGegenstand.\"\n1884 eröffnete er als Sechsundzwanzigjähriger seinen\nmoralisch-satanischen Roman-Zyklus mit dem „Letzten\nLaster\" (Vice supreme) und schloss ihn 1900 ab mit der\n„Letzten Tugend\" (Vertu supreme). Diese vierzehn\nRomane sind ein riesiges Leichenbegängnis aller idealen\nAnstrengungen, Träume und Hoffnungen der führenden\nfranzösischen Gesellschaft. Die Erklärung für den Ver-\nfall der Rasse gibt er durch ihre intellektuellen Laster.\nDer Kampf Peladans geht gegen die Gesellschafts-\nordnung durch Gold, die Verkommenheit der „höheren\"\nStände, vor allem aber gegen das „Letzte Laster\": das\nVerbrechen gegen den Geist, geistige Unzucht anf allen\nGebieten des erotischen, wissenschaftlichen, politischen\nund religiösen Lebens, gegen die Perversität des\nDenkens; Peladas besonderes leider noch nicht öffent-\nlich anerkanntes Verdienst ist seine Brandmarkung\ndieses wesentlich modernen, dieses Erz-Lasters der\nBourgeoisie und dei „höheren\" Stände, des über den\nseben mittelalterlicher Todsünden mit Recht erhöhten\nVerbrechens gegen den Geist und die Wahrheit, das\ner schneidend in seinen Haupttypen des Sittengemäldes\nverkörpert.\nPeladan ist Grossmeister der Rosenkreuzer. Er\nbetätigt sein ethisches Ideal, ist katholischer Reformator\nund Ritter für Tugend und Kunst Sein künstlerischer\nHochorden soll eine Elite von Aestheten darstellen, die\nder allgemeinen Nivellierung steuern, auf Kirche und\nPapsttum modernisierend einwirken Die praktischen\nUnternehmungen des Ordens leide« Bankrott. Eine\nletzte Flucht zum Altar, über die sich düstere Ver-\nzweiflung breitet.\n\nAmphimelas\nGéza Szilágyi\nSchwarz ringsumher! Ist es möglich tiefere Trauer\nin eines Wortes gewaltige Formung zu bannen?\nDies Wort ist meines; — um mich her ist Nacht\nLastendes Dunkel, von keinem Strahle durchschimmert.\nMich zieht es nicht nach der Sonne hellleuchtendera\nLichte\nDer hundert grausamen Schlachten verblutenden Kämpfer -\nDenn wo zum Unheil alles das Schicksal lenkt\nWürde sich selber das Heil mir in Qualen verwandeln\nDies Schweigen ist besser. Es losch mit dem\nletzten Strahle\nDer letzten Hoffnung betrügerisch lockendes Zwielicht -\nUnd mich beschützt vor der Gefahr des Heils\nAmphimelas — das schwarze schweigende Dunkel.\nNachdichtung von Heinrich Horvat\n\nLeitfaden der Welt-\ngeschichte\nIV / Neuzeit / Zweiler Teil\nVon Robert Scheu\nIm Jahre 1740 kommt der von Maximilian Hardea\nprotegierte Friedrich der Grosse zur Regierung. Mit\nihm beginnt das Zeitalter des sexuell aufgeklärten\nAbsolutismus. Sein Vater war so grob, dass Friedrich,\num ihn nicht zu verstehen, französisch lernte. Er\nvervollkomnete sich in dieser Sprache so, dass er\nsich als Floetenspieler hätte fortbringen können. Er\nlebte ungeheuer sparsam, weshalb er sich einen Krück-\nstock anschaffte. Er war als Knabe sehr flüchtig,\nwurde aber eingeholt und — beziehungsweise sein\nFreund Katte — hingerichtet. Er setzte seine franzö-\nsischen Lektionen bei Voltaire fort, den er wegen seines\nschlechten Appetits oft zum Nachtmahl einlud. Friedrich\nder Grosse sah ein, dass er mindestens drei Kriege\nführen müsse, um ins Geschichtsbüchel zu kommen.\nDa es in Schlesien viele unbekannte Dörfer gab, so\nverlegte er den Krieg dorthin und machte bald alles\nhistorisch durch Sieg oder Niederlage. Wie die meisten\nsiegreichen Feldherren hatte auch er die schiefe\nSchlachtordnung eingeführt. Da er sie sich rechtzeitig\npatentieren liess, waren die Oesterreicher gezwungen,\nihm in der denkbar gradesten Schlachtordnung ent-\ngegenzutreten, was in kriegerischen Gegenden ungemein\nschädlich ist. Friedrich der Grosse ging nie ohne\nSchlachtenmaler aus und gab genau acht, dass die\nZöpfe immer genau in einer Reihe standen. Da die\nWaffen damals noch nicht so vollkommen waren wie\nheute, mussten die Armeen, damit man überhaupt\netwas traf, streng in Reih und Glied marschieren. An\nden graden Tagen erklärte Friedrich der Grosse Krieg,\nan den ungraden schloss er Frieden. Den sieben-\njährigen Krieg kann sich niemand erklären, weil Friedrich\nder Grosse ohne Kriegserklärung einfiel. Er lieferte\nungefähr zwei Dutzend Schlachten, wodurch es den\nOesterreichern billiger kam als im Einzelverkauf.\nNach dem Ende des siebenjährigen Krieges waren\nsämtliche Teilnehmer um genau sieben Jahre älter als\nbei Beginn, was besonders die Damen kränkte, 1\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "375", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.5", "texte": "Oesterreich kam Josef der Zweite zur Regierung, der\nangeblich durch Arsenikkerzen vergiftet wurde. Da er\nkeinen Zunamen hatte, war es ihm schwer, sein\nInkognito, in das er sich täglich in der Frühe kleidete,\nauf die Dauer ungelüftet zu lassen. Zu diesen Zeiten\nwurde es üblich, Polen zu teilen. Nach der polnischen\nVerfassung konnte jedermann, wenn es ihn freute,\nVeto sagen und dadurch einen Generalstrike hervor-\nrufen. Infolgedessen entstand eine sehr farbenprächtige\nAnarchie, wie man auf dem Bilde von Matejko sieht,\nauf dem sich ein mir gänzlich unbekannter Mann die\nWeste aufreisst.\nIm Jahre 1775 brach der nordamerikanische Freiheits-\nkrieg aus. Ueberhaupt werden die Ereignisse, jemehr\ndie Neuzeit fortschreitet, desto unerlaubter. Er ent-\nstand durch die Besteuerung des Tees Die Amerikaner\nversenkten in ihrem Zorn eine ganze Teeladung ins\nMeer. Seit dieser Zeit hat der atlantische Ozean einen\nbittern Geschmack, da sie vergassen, ihn zu zuckern.\nBenjamin Franklin, der sich aus einem gewöhnlichen\nErfinder des Blitzableiters zum Generalpostmeister der\nKolonieen aufgeschwungen hatte, war furchtbar tugend-\nhaft, heulte mit den Wölfen und quakte mit den\nQuäkern. Ueberhaupt sind die Sekten in der Geschichte\nso lästig wie die Insekten in der Natur. Leider werden\nimmer wieder Sekten gegründet, wodurch massenhaft\nMenschen um ihre wohlverdiente Ruhe kommen. Ob\nGeorge Washington auch dann so berühmt geworden\nwäre, wenn er sich nicht glatt hätte rasieren lassen,\nist sehr zu bezweifeln. Man weiss bei ihm nie, wo\ndas h eigentlich hingehört. Die Unabhängigkeit der\nVereinigten Staaten scheint übrigens von den Brief-\nmarkensammlern angestiftet worden zu sein.\nIn Frankreich ist Ludwig der Fünfzehnte ununter-\nbrochen fünf Jahre alt. Ihm folgt sein Enkel (Kinder\nhatte er keine) Ludwig der Sechzehnte, der die für\neine Revolution erforderlichen Fachkenntnisse nicht\nbesass. Diese brach infolge eines vielbändigen Werkes,\nder sogenannten Enzyklopädie aus, weil das französische\nVolk die Raten nicht bezahlen konnte, für welche das\nWerk zu beziehen war. Eine der wichtigsten Er-\nfindungen der Neuzeit ist das Defizit, das damals zum\nerstenmal auftrat und sich von da an wie ein roter\nFaden durch die Neuzeit zieht. Wo zwei Menschen\nzusammenkommen, entsteht, seit damals, ein Defizit.\nUm die Defizite zu vermehren, werden Vereine ge-\ngründet und Festzüge arrangiert. Doch gibt es auch\nzahlreiche Einzelpersonen, die sehr namhafte Defizite\nerreichen. Zur Zeit der französischen Revolution waren\ndie Leute so naiv, dass sie sich vor dem 'Defizit\nfürchteten. Um es zu beseitigen, wählte man das un-\ntauglichste Mittel: man berief eine grosse Versammlung\nein. Mirabeau benutzte sein blatternarbiges Gesicht,\num dem König zu imponieren, wurde aber später zu\nseinem Leidwesen so bestochen, dass er von der\nRevolution zurücktreten musste. Unter den Jakobinern\nsprach besonders Robespierre durch die Nase. Er\nliess eine Hinrichtungsmaschine, Guillotine, aufstellen.\nDa diese einen Haufen Geld gekostet hatte, mussten\nviele Tausende hingerichtet werden, um das in sie\nhineingesteckte Kapital zu amortisieren. Der König\nwollte fliehen, wurde jedoch an seiner Abstammnng\nerkannt und gefangen. Er hiess von da an mehr\nCapet als Ludwig und wurde enthauptet. Im weiteren\nVerlaufe wechselten die Verfassungen in der Weise,\ndass keine Partei bei der Guillotinierung zu kurz kam.\nDer Leutenant Bonaparte hatte sich schon lange eine\nRevolution gewünscht, um besser zu avancieren. Da\ner zu unfähig war, um auf anständige Art Geld zu\nverdienen, bewarb er sich um die seit Attila vakante\nSinekure eines Welteroberers. Er begab sich nach\nAegypten, wo er, wie er es erwartet hatte, ganz ge-\nwöhnliche Mameluken vorfand, die ihm den Gefallen\ntaten, sich von ihm besiegen zu lassen.\nNapoleon, der so klein war, dass ihn keine Kugel\ntreffen konnte, tummelte sich mit dem Kriegsführen\nungeheuer, damit es ihm die anderen nicht abspicken.\nEr siegte solange, bis er nach Wien kam, wo er nach\nkurzem Aufenthalt so verdummte, dass er in der Schlacht\nbei Aspern geschlagen wurde. In seiner unglaublichen\nNaivität ging er auch nach Russland, was wir ihm,\nwenn er sich an uns gewendet hätte, dringend wider-\nraten hätten. Die Russen hatten den Plan, sich solange\nzurückzuziehen, bis sie ihm auf der anderen Seite der\nErde in den Rücken fielen. Napoleons Heer bestand\nübrigens zum grössten Teile aus Deutschen und\nOesterreichern, die er vieleicht auf diesem Wege ver-\nnichten wollte. Als Napoleon Moskau betrat, waren\nalle Leute ausgezogen. Es scheint gerade zum Zins-\ntermin gewesen zu sein. Wenn Napoleon niemanden\nzum Erschiessen hatte, wusste er mit seiner freien Zeit\nnichts anzufangen. Damit rechneten die Russen. Sie\nzündeten Moskau an, weil sie wussten, dass Napoleon\nnicht versichert war. Er verschaute sich im Feuer und\nwurde vom Winter überrascht. Er war offenbar zu\nfaul, im Kalender nachzusehen. Anstatt nun justament\nin Russland zu bleiben, trat er den Rückzug an. VcTn\nda an kommt er immer mehr ins Patzen. Es ist\nübrigens rätselhaft, wie er in allen Schlachten Zeit\nfand, sich zu rasieren. Es machte den denkbar un-\ngünstigsten Eindruck, als Napoleon in der Schlacht bei\nLeipzig geschlagen wurde. Die Verbündeten zogen\nnach Paris, Napoleon wie gewöhnlich, kam zu spät.\nEr wurde abgesetzt und nach Elba verbannt, wo er\nmit zwei Millionen jährlich kümmerlich lebte. Zum\nGlück gab es dort sehr wenig Geschäfte, so dass er\nmit seinem Gelde auskam. Als er sich genügend er-\nholt hatte, kehrte er nach Frankreich zurück, wo er\nnoch hundert vergnügte Tage hatte. Sein letzter\nAufenthalt war Sankt Helena. In dieser Position war es\nausnehmend fad und wenn ihn Hudson Lowe nicht\nsekiert hätte, wäre er vor Langeweile umgekommen.\nEs waren so wenig Menschen dort, dass es sich nicht\nlohnte, sie umzubringen. Infolgedessen war er gänzlich\nbeschäftigungslos. Da er nicht zum Staatsbeamten\ngeboren war, so griff dies seine Gesundheit an und er\nstarb mit den Worten: „Weil i an alter Drahrer bin\".\nDa zu wenig gelogen wurde, erfand man den\nTelegraphen, ferner Dampfmaschine und Eisenbahn,\nwodurch der eigentliche Zweck der Weltgeschichte: die\nEntstehung der Gegenwart, wesentlich beschleunigt\nwurde. Bismarck gründete die Gartenlaube, nicht ohne\nvorher durch die Einigung Deutschlands einen grossen\nAbonnentenkreis sichergestellt zu haben. Bald darauf\nkommen die Kommis in Politik und Literatur endgültig\nans Ruder, womit die Weltgeschichte ihren allseits be-\nfriedigenden und versöhnenden Abschluss findet.\n\nEin rheinisch Dichter-\nleben\n\nRudolf Lothar, Rudolf Herzog, Rudolph Stratz,\nRudolf Hans Bartsch und Rudolf Presber.\nIch habe diese Namen keineswegs willkürlich in\ndie kurze Längsseite einer kaum zum Wanken zu\nbringenden Ehrenreihenfolge gezwängt. Ich will auch\nmit der Aufzählung dieser Namen gewiss nicht be-\nstreiten, dass es Schriftsteller gibt, die, trotz ihrer\nVornamen Georg, Richard oder gar Fedor, schlech-\nter sind als einer der fünf. Aber aus reinem\nGerechtigkeitsgefühl entziehe ich mich der geistigen\nGaleerenarbeit, einem Dichter, der mit dem Namen\nRudolf vorbestraft ist, durch eigene Phanfasie und\nGestaltungsgabe für meine Lektüre frei zu machen, ihm\ndie Handschellen der Trivialität abzunehmen. Ich bin\ngegen Rudolf Lothar weit gerechter als jemand, der\nihn, obgleich er sein Schaffen mit Liebe verfolgt, hinter\nRudolf Presber setzt. Warum soll jener immer noch\nnur anerkannt gut sein, während dieser der deutschen\nLiteraturgescichte schon einverleibt und aufgebürdet ist.\nWarum soll Lothar in ihren so leicht verschiebbaren\nGrenzen einen gesicherten Platz noch immer nicht in\neiner Zeit besitzen, in der für Presbers Gemeindean-\nwesen am Parnassabhang ein Häuschen am Luganer\nSee und eine Villa im Grunewald schon lange mit-\nsprechen.\nWilhelm Clobes nennt die Villa eine Poetenklause,\naber sie ist doch nur eine prosaische Villa, sie ist das\nwirklichste, das nüchternste Resultat der Hauptaufgabe\ndes ] Presberschen Berufs, die nackten Zahlen der\nWirklichkeit durch ein Talent, das gleich Null ist, so\nzu dividieren, dass jener Quotient der Scheinpoesie\nherauskommt, der von einer kunstrohen Gesell-\nschaft begehrt und gut bezahlt wird.\n„Das Leben ist der Dichter, wie der Stil den\nMenschen legitimiert. Wie jeder wahre Dichter liebt\nPresber die Einsamkeit\" Schon diese beiden Sätze\nlegitimieren die Dreistigkeit und die Geistesarmut, die\nClobes hinreichend genug waren zur Abfassung einer\nhundertsechsunddreissig Seiten langen biographisch-\nliterarischen Studie über „Presber, ein rheinisch Dichter-\nleben \" —\nNicht nur Goethe, auch Presber hat in Frankfurt\nam Main das imaginäre Licht der Welt erblickt. „Sein\nVater war nicht nur ein ebenso begabter und beredter\nRitter von Geist, wie er einem Spielhagen als Roman-\nheld dienen konnte, sondern er war auch Lehrer der\nLiteraturgeschichte, und als solcher hat er, trotz des\ngeringen Talentes sich zur Geltung zu bringen, einige\nBücher verfasst.\"\nAber dass es ihm nicht allein an diesem Talent\ngefehlt haben muss, bekundet heute seines Sohnes\nGenialität, sich als wahren Dichter ausschreien zu\nlassen. Es könnte nicht allein möglich sein, dass\nPresber „auf den Spuren seiner Ahnen Impressionen\nempfängt, die in vielen seiner schönsten Dichtungen\nForm und Farbe erhalten,\" wenn er nicht von seinem\nVater die Talente, die dieser nicht besass, ererbt hätte;\ndoch seines Landsmanns Mahnung, zu erwerben, was\nman von seinen Vätern ererbt hat, um es zu besitzen,\nbefolgte er getreulich. Goethe ähnlich hatte er eine\nAbneigung gegen Mathematik, und sein Biograph teilt\ndiese Antipathie mit ihm. Ueberhaupt „weicht Pres-\nbers Schulzeit kaum in einer Nuance von der-\njenigen anderer Dichter und Denker ab, denen\nschwarzsehende Präzeptoren ehedem prophezeien, dass\nmal nichts aus ihnen würde\" Selbst Tycho Mommsen\nriet Presbers Mutter, den Rudolf ein Handwerk lernen\nzu lassen. Sie aber brachte ihn nach Karlsruhe, und\nan jenem Tage, an dem sie ihn dem neuen Gym-\nnasialdirektor vorstellte, war die ganze badische Resi-\ndenz auf dem Friedhofe, wo die Vorstellung stattfand,\nversammelt. Von ungefähr — um Scheffel das letzte\nGeleite zu geben. So nahm vom Grabe weg das\nDichterleben Presbers seinen unabwendbaren Anfang.\nBald schrieb er für irgend ein dreihundertjähriges Jubi-\nläum ein Festspiel und es fiel ihm auch die Ehre zu,\nfür die Primaner die Abschiedrede zu halten.\n„Zwischen den Zwanzigerjahren stand der Frühling des\nrheinischen Dichterlebens in voller Saat, damals, als\ner hoch zu Ross oder auf dem Rade die sommerlich\nsatte Landschaft des Breisgaus oder das Neckartal\nzur Zeit der Weinlese durchstreifte.\" Und wenn er\ndamals „merkwürdiger Weise\" am liebsten Mosel-\nwein trank, bevorzugt er heute den feurigen Burgunder,\nder wie Rubine im Glase funkelt und „bekanntlich\nschon unsere Klassiker zu viel Schönem, Wahrem und\nGutem begeisterte.\"\nAber trotz der Feurigkeit des Burgunders und philo-\nsophischer Studien vermochte Presber unsere flache\nKellersprüchepoesie, die Clobes so hoch bedeutsam\nfindet, um kein Stufe zu vertiefen; und durch feucht-\nfröhliche Weisheit allein lässt sich unsere Lebensfreude\nnicht steigern. Durch jene Presbers schon garnicht.\nDenn sie verdunstet, in der klaren, trockenen Luft der\nNüchternheit kaum beschaut, so schnell, als der Bur-\ngunder, den er bevorzugt und der weniger wie Rubine,\nsondern eher wie rote Butzenscheibensplitter im Glase\nfunkelt.\n„Die Zeit der unpersönlichen Zeitungen ist vorbei.\nHeute sucht der unintelligente Leser hinter dem Ar-\ntikel den Menschen, der ihn schreibt.\" So dachte der\nTheaterdichter Presber, nachdem der „geborene\nJournalist Presber\" Feulletonredakteur geworden\nwar. „Er schwang unter'm Strich das kritische Richt-\nschwert in derselben faszinierenden Weise, wie er das\nsatirische Florett handhabte oder den Schläger über\nPhilister und Banausen schwang.\" Und nebenher\nschrieb er noch feinsinnige Verse.\nEs kann jemand sehr wohl ein Schuster und ein\nDichter sein, aber niemals wird der geborene Journa-\nlist dem echten Dichter auch nur annähernd verwandt\nsein. Die Dichtkunst hat noch immer dort aufgehört,\nwo der Journalismus hereinbrach. Als den geborenen\nJournalisten lässt Presber sich rühmen, aber nur als\nDichter will er sterben, „anhebt\" doch eines seiner\nLieder so:\n„Ich möcht' nicht sterben als Journalist\n(Und blühten mir Bolzens Ehren!)\nUnd bis ans Ende des Tages Mist\nIn dampfende Häuflein zu kehren.\"\nVerächtlicher kann auch ein Dichter vom\nJournalismus nicht sprechen. Tagesmist in dampfende\nHäuflein zu kehren ist Schmokarbeit, doch Bolzens\nEhren können ihr dennoch erblühen. Von Presbers\nBeschäftigung mit Tagesmist, so sehr er auch sich ihr\nabgekehrt hat, blieb in seiner Feder ein übler Geruch\nhaften, den die Musen fliehen. „Aber der Feuilletonis-\nmus Presbers ist stets subjektiv gewesen. Und wenn\nder Enkel des rasenden Sokrates, der als originellster\nSonderling unter der Sonne Homers vier Jahrhunderte\nvor Christi in einem Fass kampierte, wenn der menschen-\nsuchende Diogenes von heute auch in der Hauptlinie"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "376", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.6", "texte": "— unter'm Strich — den Ereignissen der Zeit folgt\nund die Schwächen der Gegenwartsmenschen persi-\nfliert, so finden sich doch auch bei der Jahresernte\ndieser Revuen viele, viele reife Früchte vom grün-gol-\ndenen Baume des Lebens eines Dichters.\"\nDer folgernde Zug in der Clobesschen Stilistik\nbringt die Weichen der Vergleiche fast zum Entgleisen:\nDen Diogenes von Sinope brachte eine „hündische\"\nPhilosophie bis in ein Fass hinab, das ihm als Wohn-\nraum genügte. Dem Diogenes von Frankfurt gelang\nes nicht am wenigsten durch die Weisheit, die man —\nmit Wein vermengt — aus Fässern zapft, zum Villen-\nbesitzer sich emporzuschwingen. Nur dass der Dio-\ngenes von Sinope ein Fürst in seinem Fass war,\nwährend der Diogenes von Frankfurt in seiner Villa\num die Gunst der Musen bettelt.\n„Einem Manne wie Presber, der mit grosser Souve-\nränität die Vorgänge der Zeit in der Dichtung festhält,\nder mit seltener Meisterschaft am sausenden\nWebstuhl seine formgewandte Kunst beherrscht,\nmusste sich der Kreis der Lustigen Blätter er-\nschliessen \"\nPresbers „ansteckender\" Humor fand den ge-\neigneten Rahmen in dem „trefflichsten Witzblatt der\nMetropole,\" und hier geseilte er zu seinem schon\nbekannten Pseudonym (Diogenes) ein neues: Mirza\nSpiral. „Gute Kenner seiner Muse werden ihn hinter\ndem sterotypen M. Sp. schon richtig vermutet haben.\"\nWie wenig Witz ist doch notwendig, um der Welt\netwas als Humor aufzudisputieren, was in Wahrheit\nnur grotesk wirkender Mangel an wirklicher Begabung,\nein grinsendes Zuwenig an Ernst und Männlichkeit ist.\nIn dem engen Rahmen der Lustigen Blättern soll\nRaum genug sein für einen Humor „der kein Talent\nund keine blosse Nuance sondern einfach eine\nWeltanschauung ist, errungen im Kampfe\ngegen den Pessimismus.\"\nEr ist zu gut gekauft, der Biograph, um nicht den\nMut zu besitzen, Befreiungskraft und Sieghaftigkeit\neinem Humor zuzuprahlen, der die beachtenswerte\nverkörperte Jammerfratze der Furcht und Flucht vor\neinem Pessimismus ist, der alle Halbheit hart zermalmt.\n„Seltsamerweise spielt die liebe Liebe in Pres-\nbers humoristischen Novellen eine sehr geringe Rolle.\"\nDesto mehr merkt man in seinen Gedichten den „be-\nfruchtenden Einfluss\" des Frauentums, „Presber be-\nkannte sich weit eher zu seines Goethes Wort von\ndem Ewigweiblichen, als dass er der Verachtung und\nVerneinung seines Antipoden Nietzsche Ausdruck\ngegeben hätte.\"\nKonnte er das überhaupt? Und wie undankbar\nwäre es von ihm, jenes Element zu verachten, dessen\nbefruchtender Einfluss seinem. Primanerhang zur Poesie\nzustatten kam. Und wieder sind es Frauen, Mädchen\nund femine Jünglingsnaturen, die ihn ermuntern, alter\nGewohnheit zu fröhnen. Dafür geht er „auch kon-\nform,\" jawohl: konform, mit Ernst von Wolzogen,\nder uns mahnt, die Mädeln nicht zu verachten, die\nlieben süssen Mädeln. „Und diese beiden sind sich\nwieder mit den zu früh heimgegangenen Dyonisiern\nBierbaum, Hartleben und Liliencron darin einig, dass\nein kussfeuchter Mund und Mädchenaugen lachende\nPhilosophie und naturgemässe Lebensweisheit zugleich\nsind.\"\nIn seiner Reporterbegeisterung für kussfeuchte\nLippen süsser kleiner Mädchen setzt Clobes die\nNamen Presber und Liliencron nebeneinander. Ihn\nschreckte kein Blick für den Abstand, der zwischen\ndiesen beiden unabsehbar droht, und seine Feder zer-\nbrach nicht an solcher frivolen Zusammenkoppe-\nlung. Im Gegenteil. Sie fuhr fort, Lobendes und\nSchönes über den feschen Rudi zu sagen, „der\nsich in einer gar nicht seltenen Anwandlung von Selbst-\nronie diesen Vierzeiler auf den Leib schrieb:\n„Und liegst Du einst, die Lippen schmal und blau,\nGestreckt die Glieder, die im Tod gefrieren,\nDu wirst, so fürcht- ich, mit der Leichenfrau,\nDie Dich rasiert, noch einen Flirt riskieren.*'\nPoesie für Juxkarten.\n„Die literarische Kritik hat Rudolf Presber vor-\ngeworfen, dass er zu viel und zu leicht produziere.\"\nDie literarische Kritik (selbstredend nicht die, die\nClobes meint, die kommt für die Literatur über-\nhaupt nicht in Betracht) hat Presber noch gar-\nnichts vorgeworfen. Sie wirft ihn nur dorthin,\nwohin er einzig und allein gehört — in die Lustigen\nBlätter und „unter'n\" Strich.\nClobes gibt zu, dass Presber viel produziert, doch\ner kann nicht anders, weil er als Feuilletonist einfach\nkontraktliche Verpflichtungen zu erfüllen hat. „Und\ndiese müssen uns schon veranlassen, zwischen dem\nfleissigen Journalisten und dem echten Dichter zu\nunterscheiden. Und hat nicht auch Shakes-\npeare ausserordentlich viel geleistet?'\nShakespeares Geist sitzt an Presbers Arbeitstisch.\nEr beschreibt Blatt um Blatt der hohen Papierstösse,\ndie Presber für sich herbeigeschleppt hat. Drama um\nDrama, Meisterwerk um Meisterwerk entsteht, aber\nPresber weicht nicht. Noch einen letzten Sturmangriff\nvollführt der fast schon erschöpfte Geist, dann entflieht\ner mit einem Scheideblick der Verzweiflung von dem\nnoch unbeschriebenen Papierblöcken, die nun Presber\naiheimfallen. Und „mit Lerchen und Finken um die\nWette besingt er alles, schenkte ihm doch Mutter\nNatur die Gottesgabe dazu. Wer erst ein Buch\nvon ihm in die Hand genommen hat, den lässt es\nnicht mehr, und er begehrt stürmisch nach eisern\ngleichartigen andern.\"\nEs lässt ihn nicht mehr, den vertrottelten Lese-\nplebejer, er verlangt mehr von der süssen Kost, die\nsich so angenehm verdauen lässt.\nAus dem Staub, der auf dem grösseren Teil der\nHeineschen Lyrik liegt, formt Presber seine Reimgebilde.\nAuch er ist, und vor allem als Journalist, nicht mehr\nals „eine Wanze aus der Matratze ngr u 112 t.\"\nAllerdings masst er sich viel an, und Clobes schliesst\nsein Buch mit der wehmutsvollen Gewissheit, dass er\neiner ausgeprägten Dichterindivualität nicht gerecht\nwurde. Sie „voll und ganz\" zu würdigen, soll den\nLiteraturhistorikern vorbehalten bleiben.\nIch trat ihnen auf diesem Haufen der Literatur-\nschmarotzer einen Schritt zuvor — sie sollen es mir\nnicht danken.\n\nJoseph Adler\n\nMeine Woche\nDas Wunder\nAlso endlich kann ich den Lesern des Sturms den\nGefallen tun, um den man mich fortgesetzt schriftlich\nbittet: einmal zu loben. Es ist nicht meine Schuld\nwenn es nicht allzuoft geschehen kann. Aber Mittel-\nmässiges hasse ich mehr als Schlechtes. Und das Gute\nist selten wie das Wunder.\nIch hörte den dritten Abend des Böhmischen\nStreichquartetts und setze die Namen dieser Vier-\neinheit hin: Carl Hoffmann, Joseph Suk, Ge.\norg Herold, Hans Wihan. Denn jeder ist ein\nKünstler, ein Mann inneren Erlebens, mit der Fähig«\nkeit, sich zu offenbaren Andere Musiker geben nur\nTöne von sich, mit und ohne Apparate. Sie „musi-\nzieren\". Eine Privatangelegenheit, aber keine Kunst.\nMan muss auch als Ausübender so gut sein, zu ge-\nstalten. Beethoven herunterfiedeln ist Gottesläste-\nrung: nie hat es ein grösseren Genie gegeben. Dieses\nB-dur-Streichquartett 1 Ein Gott fesselte Göttliches,\nschuf die Ewigkeit körperlich — liess Körperliches\nfliessen. Und ergreifend ergriff die Viereinheit Fliessen-\ndes, verewigte Körperliches, entfesselte Göttliches\nEin Wunder.\nAm achten Februar ist es wieder zu erleben. Wer\nan mein Wort glaubt, der gehe hin und lausche der\nOffenbarung.\nAeusserliches\nSeit Jahren rede ich gegen die Gleichgültigkeit der\nKonzertveranstalter und predige selbstverständlich den\nberühmten tauben Ohren. Schliesslich sind ja auch\nAgenten nicht zum Hören da, sondern zum Verrechnen.\nAber vielleicht machen die Musiker einmal die Augen\nauf. Gegen die lächerlichen Meisterbüsten, die blöden\nGemälde und die verkitschte Innenausstattung der\nBerliner Konzertsäle werden sie nichts ausrichten kön-\nnen. Konzertsäle prangen nun einmal im Goldstück.\nAber dass die „Lüster\" ihr Licht in der von Ludwig\nPietsch erfundenen verschwenderischen Fülle auf die\nbeängstigten Hörer werfen, könnten sie sich verbitten.\nNirgends ist schnelle innere Sammlung nötiger, als für\ndie Musik. Sie wird durch Augenschmerzen nicht\ngrade gefördert. Natürlich erzeugt das Werk und sein\nVortrag die Stimmung. Was ich nämlich auch weiss.\nNicht etwa die Verdunklung des Saales. Aber sie ver-\nhindert die äusseren Hemmungen, die sich aus Massen-\nanhäufungen ergeben. Die „Gesellschaft\" wird aller-\ndings um einige Sensationen är.mer, aber die Künstler-\nmenschen um einige reicher. Konzerte sind zum Hören\nDas Gesehenwerden besorge man in den Rauselt\nSehen will so wie so niemand. Wozu aiso die ver-\nschwenderische Fülle? Im verdunkelten Saal werden\ndem Musiker vielleicht auch die Schattenseiten des\nPodiums auffallen. Der Künstler ist Bohemieng, denkt\nder Agent und benutzt es als Rumpelkammer. Ueber-\nflüssige Stühle, Pauken, Flügel und Notenständer ver-\nanschaulichen die historische „künstlerische Unordnung\".\nNur die Zahnbürste fehlt zur vollkommenen Witzblatt-\nillustration. So ein Stuhl, der mit hochgestreckten\nBeinen bäuchlings auf dem andern liegt, kann der\nSängerin meuchlings auf die Schleppe fallen und den\nTon, der ihr nicht aus der Kehle dringt, zu einem\nGeräusch anschwellen lassen, das höchstens Richard\nStrauss noch musikalisch wertet. Und selbst von diesem\näussersten Glücks- oder Unglücksfall abgesehen, fürchtet\nder Hörer fortwährend die Tücke des Objekts und den\nZufall, an dem sich die Kunst bekanntlich stets stösst\nAber Agenten und andere Musikfreunde leisten ihr\nWiderstand und stossen zurück.\n/\nTrust\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nI. V.: Oskar Kokoschka\n\nDer schonste Punkt\nin der Umgebung Berlins ist Pichelsdorf an der\nHeeresstrasse. Die letzten Wasservillenbaustellen\nan der Havel, gegeniiber Pichelswerder sollen sofort\npreiswert verkauft werden. Naheres die\nBodengesellschaft des Westens,\nMauerstrasse 86—88 ■■ Telephon I, 7497\n\nDie Fackel\nHERAUSQEBER\nKarl Kraus\n:: Nr. 313/14 ::\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfg.\nÜBERALL ERHALTLICH\n\nKurhaus und Erholungsheim\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, große,\nhelle dimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stiind-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschiire\n„Leben\" kommen vom Besitzer u. Leiter Emil Peters"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "377", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.7", "texte": "SOCSffIC X3CXTSC nftffT 3C3C3C 53CTSXS? .y. .y. .y. aQQgag\n3£»e S*£g«c SS&S& i<»S£!»£si Je2«*2»£«!e\nGalerie lliaximilian Ifladjt\nXXXX XXXX XXX XXX XXX XXXX XXXX\n■****■ hiii'FH i u^iw—\nBerlin SI., IRankc-Strassc 1\nan der Kaiser Blityelm Gedacbtnls - Klrc&e"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "378", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110121-01.1.8", "texte": "nsera enannahme. Geschäftsstelle „Der Sturm* Hannover, Artilleriestr. 15, für Berlin A. Bots, Potsdamerstr. 111, sowie sämtl. Annoncen-Exped., Druck t. Carl Schüssler-Hannofer\n\nr\nDr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur amfDeutschen Theater\nLehrer a. d. Schauspielschule d. Deutschen Theaters7\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURQ\nWilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5—6 Uhr\n\nE£SS Cafe Continental Sim\nJeden Abend von |9—4 Uhr Nachts:\nGROSSES KUNSTLER-KONZERT\n:: Alle bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften ::\n\nWeinhaus Rheingold\nKAISER-SAAL\nTagiich: Translateur - Konzert\n\nZeitschrift fur Musterzeichner\nWirksames Insertions-Organ\nFachschrift ersten Ranges\n:: Abonnenten in alien Staaten Europas ::\nInsertionsgebuhren massig\nOfferten gern zu Diensten\nSchriftleitung C. Kruger Unterbarmen (Rhld.)\nHirschstrasse 49\n\nYerlag Paul Reinicke,\nWilmersdorf\nHERWARTH WALDEN:\nBruder Liederlich\nFiir Gesang und Klavier\nMk. 1,50\n\nMax Giesswein\nKgl. SMchs. und Kgl. Wfirttembg.\nHofopernsanger\nBERLIN W. 50\nCulmbacherstr. 6\nFernspr.: Via 18926\nERTEILT\nGESANG-UNTERRICHT\nSprechstunde 3—4 Uhr\n\n„Der Forscher\"\nIllustriertes Zentralblatt fur deutsche\nForschung\nHerausgeber: Bund deutscher\nForscher,Hannover, unter hoher\nEhrenprasidentschaft Sr. hoch-\nfiiistl. Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen beriihmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fordernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. 7,20. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. K. 6.— inklusive Porto\nProbenummer gratis und franko\nInserate finden im „Forscheru\nwirksamste Verbreitung\nInsertionspreis: Die dreimal\ngespaltene Petitzeile 30 Pfg.\n— Geschaftsstelle: —\nForscher - Verlag, Hannover\n\nGegeniiber Pichelswerder in Pichelsdorf\nGrundstiicke an der Havel idyllisch gelegen\nneben dem Scblosspark, nahe der Doberitzer Heerstrasse\n(Kaiserdamm), preiswert verkauflich. Naheres durch die\nBodengesellschaft des Westens\nmit beschrankter Haftung\nBERLIN W 66, MAUERSTRASSE 86—88\n□ Fernsprecher Amt I, Nr. 7497 □\n\nDie Kindermilch nach Prof. Dr. Backhaus kommtderMuttermilch am nachsten.\nKt>hmilch°» BacKhaus-Mildiyg Frauen-Milch 1\n~ 'ii\nTrockensubstanzen von je 1 Backhaus-Milch und Frauenmilch.\nI. Milchzucker, — 2. Fett -*3. Eiweiss - 4. 5. Salze\nb—=\n\nDER NEUE CLUB\nDonnerstag, 26. Januar, abends 8 Uhr, Salon Cassirer,\nVictoriastrasse 35 —\nHerwarth Walden: Liederkompositionen\nEs singen: Claire Waldoff / EHedwig Rossin - Rosenfeld\nHofopernsanger Franz Lindner\nAm Klavier: Herwarth Walden\nKarten zu 3 Mk. bei Edmund Meyer, Buchhandlung,\nPotsdamerstrasse 27 bund an der Abendkasse :: ::\nDER NEUE CLUB\nNeopathetisches Cabaret fur Abenteurer des Geistes\nMittwoch, den 18. Januar, abends 9 Uhr\n— Kerkau Palast . • . Behrenstr. 48 —\nEs lesen vor: Ernst Blass, Golo Gangi, Georg\nHeym, Jakob van Hoddis, Erich Unger ::\nElse Lasker-Schfiler\nLudwig Hardt rezitiert Verse von Georg Heyn\nKarten zu 1 Mk. bei Edmund Meyer, Buchhandlung\nPotsdamer Str 27. bund an der Abendkasse ::\n\nHOHENZOLLERN\nKunstgewerbehaus\nFriedmann & Weber\nHOFLIEFERANT IHRER MAJESTAT\nDER KAISERIN UND KONIGIN\nW 8 • BERLIN - W 8\nLeipzigerstrasse 13\nWOHNUNG-SEINRICHTUNGrEN\nI I KUNSTG-EWERBE > i\nANTIQUITATEN UND STOFFE\n\nVerlag„Der Sturm\"\n■\nWir iibernahmen in unsern\nVerlag\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFiir Gesang u. Klavier\n52 Seiten\nI DREI MARK\niDurch alle Buch- und Musi-\n|kalienhandlungen oder direkt\ndurch denVerlag DER STURM\nHalensee / Katharinenstr. 5.\n\nYerlag Osterheld & Co.\nIn unserm Verlag erschien\nElse\nLasker-Schiiler:\nDie\nWupper\nDrama\nMk. 2.—\nDurch alle Buchhandlungen\nzu beziehen\nMALSCHULE\nSystem L.v. Kunowski\nACT/KOPF /TILLEBEN\nHeinrieh. Rfehter\nEisenacherstrasse 103\nSprechstunden 12 — 1 Uhr"}]}