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Ich fühle mich Keineswegs berechtigt,\nmeiner gut entwickelten Angstneurose dieses überaus\nkräftige Material vorzuenthalten ...\n.... Am Abend habe ich ein Rendesvous mit\nmeinem Freunde. Wir unterhalten uns ungemein\nfliessend. Unter leichten Sprühregen durchqueren wir\nenge, leichtverdüsterte Strassen, aus deren Schatten\nhelle Quadrate herausfallen. Kleine Läden mit erregt\nplaudernden Frauen, belebte Hausflure — das macht\nalles einen so angenehmen vitalen Eindruck. In einem\ngeräumigen Eckrestaurant mit massiven Eichentischen\nstürzen wir stehend einen ungemein hellen Kognak\nherunter. Dann betretren wir von dickbäuchigen Zi-\ngarren unterstützt, die Wohnung des Mediums.\nIch werde an der Rückseite eines rechteckigen\nTischchens plaziert. Neben mir breitet sich eine ältere\nschwarze Dame mit einer Hornbrille aus, die Patronin\ndes Kreises. Zur linken eine sorglos aufgeschwemmte,\nnicht minder bejahrte Dame, die Mutter des Mediums.\nDer spitzbeglatzte Herr mit dem schwarz herunter-\nhängendem Gehrock ist der Gatte. Mir gegenüber\ngähnt nachlässig mein Freund.\nJetzt tritt das Medium ein. Um die dreissig\nherum, gut erhalten, mit sehr schlichtem bürgerlichen\nExterieur. Die Arme sind bis zum Ellenbogen ent-\nblösst, als wenn sie vom Herd kommt. Und ein\nmilchig-rundliches Gesicht mit viel Mütterlichem darin.\nDas alles hat das Format einer überaus billigen Karri-\nkatur in einem harmlosen Witzblatt. Man muss sich\nüberlegen benehmen. Viel freundliche Bereitwilligkeit\nund scherzende Ueberlegenheit zeigen.\nDie Hände werden flach auf den Tisch ausgebreitet\nund gliedern sich zur Kette. Die herabgeschraubte\nLampe wird hinter ein aufgerichtetes Buch gestellt\nMan ist schweigsam: Die Atmosphäre ist mit allerlei\nVorgefühlen geladen.\nMan muss die Situation banalisieren! Man muss\ndurch beherrschte Ueberlegenheit imponieren! Durch\nleichtes Darüberhinweggleiten. Ich blicke angestrengt\nauf den grauen Aschekolben meiner Zigarre, und\nbreche ein absolut unpassendes, fast privates Gespräch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10001, "texte": "mit meinem Freunde vom Zaun — der antwortet nach-\nlässig und mit viel selbstverständlicher Bildung im Ton.\nDie Dame rechts tönt mich mit gemessenem Ernst an:\n„Pardon — mein Herr — wir — wollen — doch! —\netwas!! — andächtig!!! — sein.\"\nIch schrumpfe in mein bürgerlichstes Format zu-\nsammen. Ein Seitenblick auf das Medium und seinen\nGatten belehrt mich, dass mein Eindruck in einem\npeinlichen Missverhältnis zu meiner Absicht steht und\nich fühle deutlich: unter dem Vorwand der Trance\nwird mir das gute Mädchen die unerhörtesten Dinge\nsagen —\nDie Zigarre wird mir höflich entwunden. Eifriger\nwird die Kette gebildet. Ich fühle eine leichte Starre\nim Oberarm: aber der strenge Blick meiner Nachbarin\nrechts beweist mir die Unmöglichkeit, etwa den Arm\neinen Augenblick zurückzuziehen\nEin Zucken blitzt durch die Hände. Langsam\nrichtet sich der Tisch auf. Natürlich nach der Seite\ndes Gatten! He he he. Ich blicke ihn gütig lächelnd\nan: seine Hände sind fest auf den Tisch gepresst.\nDer Tisch wippt beständig. Ich übe e nen leichten\nGegendruck aus: er bleibt stehen. Aber die Hände\ndes Gatten gleiten nicht aus (wie sonst, wenn ich im\nFreundeskreis diesen Scherz machte) Er bleibt ruhig\nund gelassen sitzen. Auch das Medium hat sein\nberlinisch betontes Madonnengesicht versteinert.\nAber plötzlich beginnen die Hände des Mediums\nzu zittern. Sie gleiten vom Tisch herab und liegen\nmit gespreizten Daumen auf den Schenkeln. Die\nAugen schliessen sich und der Atem wird hörbar. Der\nKörper zittert und zuckt: mit sorglichem Stolz schiebt\nihm die Mutter ein Kissen in den Rücken Ihre Hände\nliegen bebend auf den Schenkeln. Sie krümmen sich\n— und jetzt führen sie seltsame Bewegungen aus,\nBewegungen, die etwas Sinnlos-Erotisches haben Aha!\nIch schiele nach dem Gatten: aber der macht einen\nungemein soliden Eindruck. Ausserdem gibts ein halbes\nDutzend Kinder, wie ich irgendwoher weiss.\nEin glückliches erlöstes Lächeln zieht ihre Lippen breit.\nEin ganz aufstöhnendes, wunscherfülltes Lächeln, das\n.ganz genau in gewisse Situationen passt — nun,\nauch dafür wird jeder ein paar Erinnerungen an gut\nverbrachte Nächte bereit haben. Das Lächeln wird\nimmer überirdischer, unstofflicher. Die Atemgeräusche\nwerden imme rhörbarer Die Lippen zerren und spitzen\nsich fortwährend, die Zitterbewegungen der Hände haben\nein höchst belebtes Tempo. — Ein Ruck durchschlägt\nihren Körper, die Lippen bemühen sich krampfhaft,\nirgend einen Laut zu artikulieren und plötzlich entringt\nsich ihren immer noch selig lächelnden Lippen ein\nganz fremder heiser männlicher Schrei. Zitternd\n.gluckst es fast aus ihr heraus: 1..i..i..i.ich!\nDie Dame rechts fragt mit feiertäglicher Güte.\n„Ist ein Geist da?\"\nKeine Antwort. Das Medium liegt ruhig atmend\nim Kissen.\nGanz unerwartet richtet es plötzlich senkrecht auf\nund schreit:\n„Eine böse böse Tat!\"\nUnd sein Arm, ein halbentblösster rundlicher Arm,\nden ich irgendwo einmal bei einer Milchfrau gesehen\nhabe, hebt sich schwankend, er hängt geradezu wage-\nrecht in der Luft, die Finger sinken zögernd und\nschlaff herab; nur der leicht gekrümmte Zeigefinger\nbleibt in der Luft schwimmen. Die Augen sind fest\ngeschlossen. Der Arm schwankt in einem Halbkreis\nan uns vorbei und bleibt dann ungefähr in meiner\nRichtung hängen. Dann stösst sie heiser und von\ninnerem Frost geschüttelt hervor:\n„Eine böse böse Tat!\"\nSchneidend fährt mir eine dünne Nadel durchs\nRückenmark.\n„Sie meint Sie\" flüstert ernst und milde meine\nNachbarin, „passen Sie auf.4' Und dann laut: „Bist\ndu ein Verwandter von diesem jungen Herrn?\"\n„Ich kann nicht ... ich kann nicht\" stöhnt es.\nUnd dann klappern ihre Lippen und es fällt wie eine\npolierte Kette heraus: „Ja ja ja ja ja!\"\nIch stehe gleichsam unter Willenshochdruck. Ich\nbin fest entschlossen, alle Erregungen an mir abgleiten\nzu lassen. Ich bin wie ein Präzisionswerk gespannt\nund kalt wie Stahl.\n„W'asser!\" fährt ihre Hand flach durch die Luft.\n„Lauter, lauter Wasser.\" Das Schütteln packt sie\nwieder. Sie fröstelt sichtbar. „Ganz, ganz allein.\nHundert Jahre über diesem grossen Wasser. (Ihre\nStimme schwillt zu einem hohlklingenden Theater-\nPathos an.) „Und Klippen, überall Klippen. Und die\nBote sind so klein (die Stimme sinkt rapide zusammen)\nDie Bote sind so klein. Ganz rot wie Flammen und\nbraun wie Blut\"\nNatürlich: Fragmente einer lyrischen Situation aus\neinem Kolportageroman. Das stört mich garnicht.\n„Die Totenfelder von Sibirien\" oder so.\n„Ganz .. . ganz allein. Und die Schuld ist so\ngross, so gross, Hu, hu, hu! Wie kalt, wie kalt!\"\nDer Ton ist grauenvoll Ich habe eine furchtbare\nAngst, dass sie mir die peinlichsten Dinge über meine\nZunkunft sagen wird. Und dann will ich diesen\ngrässlichen Arm vor meiner Nase weg haben Ich\nsage im kühlsten Ton zu meiner Nachbarin rechts:\n„Pardon, ich möchte der Dame den Aufenthalt gern\nersparen. Es scheint ihr doch unangenehm zu sein.\nUnd ausserdem habe ich ein beschämend geringes\nInteresse für Auskünfte über mich.\"\nIch ernte einen gemessen abweisenden Blick ein.\nWeiter nichts. Die Dame links hat sich allmählich\nin eine schwarze Wallnuss verwandelt. Das Medium\nist ruhiger geworden. Der Arm ist auf den Schoss\nherabgesunken. Sie schläft. Die Walnuss steckt plötz-\nlich einen Oberkörper hervor.\n„Jetzt kommt n neuer Jeist\" flüstert sie. „Immer\nwenn se schläft, kommt n neuer Jeist\"\nUnd nun wird mein Freund vorgenommen\n„Lieba Jeist, willste vielleicht, dass wa dunkel\nmachen?\" höre ich aus einem leichten Schlafe links.\n„Ja ja!\" weckt mich mit hellem profetischen Ruf\ndas Medium. Ein heisser Schauer schwirrt mir über\ndie Haut.\n„Aber mir liegt gerade an der Beobachtung des\nGesichts, gnädige Frau\" wende ich mich nach rechts.\n„Sie haben wohl Angst?\" bemerkt der Gatte\nhämisch, indem er nach der andern Seite sieht.\nIch bin überaus höflich und gefällig. „O nein,\ndurchaus nicht, nur sind die Bewegungen so ungeheuer\ninteressant . . \"\n„Ach det wird nich anders. Det bleibt ebenso, wie\nSie et eben jesehn haben\" höre ich leise links.\nUnd es wird pechschwarz im Zimmer. Um den\nVorhang sehe ich bei angestrengtem Hinstarren ein\nleichte graue Kontur.\nIch fühle mich ganz auf mich angewiesen. So ge-\nlähmt. Die hohen Semester zu meinen Seiten schliessen\njeden Versuch sich seiner Aktivität zu versichern aus.\nStumpf gegen jeden Vorwurf, mein Blut hat eine leicht\nschäumende Siedehitze, reisse ich meine Hand aus der\nKette, bereit, jeden anzubrüllen, der das geringste sagt\nund packe roh meine Uhr an. Ihr Gehwerk scheint\nmir etwas so unerhört Menschliches, Beruhigendes,\nWeltliches zu haben.\nDie andere Hand ist mir längst erstarrt Und\ndann fühle ich, wie meinem Gehirn durch die Wärme\naller Widerstand entzogen wird. Es ist eine willenlose,\nlau zischende Masse.\n„Da da!\" fährt eine schrille Stimme in der\nFinsternis auf. „Da dal\" Ich kann kaum schlucken,\nich habe das Gefühl, tausend Hände pressen sich um\nmeine Gurgel. Dann wieder eine schläfrige Stille.\n„Mitunter sehen wir weisse Wölkchen\" flüstert mir\nmeine Nachbarin zu.\n„Manchmal auch allerlei Gestalten\".\nDas Medium spricht plötzlich mit einer ganz\nerkalteten toten Stimme:\n„Es kommt, es kommt!\" Sie singt diese Worte\nfeierlich und langgedehnt. Plötzlich zuckt es vor mir\nwie ein elektrisches Strahlenbündel auf: ich fühle, ihre\nzeigende Hand schwimmt direkt vor meinen Augen.\n„Kugeln! Spitze Kugeln! Runde Kugeln! Lauter\nsilberne Kugeln! kreischt sie plötzlich. ~Sie rollen sich\nauf, lauter Bänder, weisse Bänder! Sie wickeln sich\num die Arme, sie wickeln sich um die Arme! Ha\nha ha!\" Ich habe nie ein so satanisches Lachen ge-\nhört. Es klirrt wie zerbrochenes Glas. Mein Schädel\ntobt. Meine gut dressirte Selbstbeobachtung kündigt\nmir an, dass eine Ohnmacht in nächster Nähe ist.\n„Er kann sich ja nicht bewegen!\" kreischt sie\nschrill.\n„Ueberall sind die Geister, überall! Da da da da!\nEr kann sich ja nicht bewegen!\"\nVor mir zischen weisse Kugeln auf. Ich fühle,\nwie sich irgendwo ein graues zähes Band um mich\nschlingt. Ich muss ja vor innerer Erregung keuchen!\nIch muss ja arbeiten wie eine Maschine!!\nGanz klar und einfach sagt mir irgendwo eine\nStimme: „Mein Lieber, du bist einer Autohypnose\nund hallunzinierst.\"\nDas Medium kreischt entsetztlich. „Er schlägt\nmich . . er schlägt mich . . Betet doch, so betet\ndoch . . . hi hi hi sie halten ihn ja fest!\"\nIrgend etwas berührt mich in dieser schrecklichen\nDunkelheit. Irgend etwas Warmes. Eine breite Kälte-\nwelle jagt mir durch durch den Körper und schiesst\nspitz ins Gehirn. Ich breche los, ich kann nicht\nmehr. „Machen Sie a tempo Licht!\" brülle ich. Ich\nspringe auf und schlage fast um mich. „Machen Sie\nLicht!\"\nIch greife rasend nach meinem Feuerzeug — es\nfunktioniert nicht. Es fliegt in eine Ecke.\n„Betet . . .\" schrillt eine grässliche Stimme. Ich\nverstehe nichts mehr. Ein wildes Gekreisch von Ge-\nräuschen. Ich habe das Gefühl, dass das Medium\ndicht vor mir steht\nDie Lampe brennt. Ganz weiss steht mit ge-\nschlossenem Augen das Medium vor mir. Die Augen-\nbrauen sind weit hochgezogen. Sie lächelt — fast ein\nLionardolächeln. Und die Arme sind dicht an den\nLeib gepresst, wie angriffsbereit — anderthalb Meter\nvon mir.\nIch stürze irrsinnig heraus. Irgendwoher packe\nich Mantel und Hut. Gottseidank es brennt noch\nLicht im Haus.\nEs regnet giessbachartig. Es beruhigt mich\nwundervoll. Der tram jagt mir tausend Ängste in\nden Körper. Ich laufe im strömenden Regen den\nStundenweg nach meiner Wohnung. Ich höre das\nfeuchte Schlürfen der glitschrigen Landstrasse. Wenn\nich aufblicke, saust senkrecht ein strahlender Ball vor\nmeinen Augen herunter. Und ich weiss, wenn ich\nmein Zimmer betrete, wird sich ein anderes Ich mit\nder liebenwürdigsten Miene von der Schreibmaschine\nerheben, die Pfeife aus dem Mund nehmen und mich\nwillkommen heissen. Es ist mir eiskalt vor Angst. —\nIch habe mich für die Zukunft mit reichlichen\nTraumen versehen. Von den Belästigungen der Nacnt\nhabe ich nur noch ein leichtes Angstgefühl. Ich weiss\nnur noch, das sich durch die lautlos geöffnete Tür\nein hängender halbentblösster Arm hereinschob und\nmit dem kraftlos zitternden Zeigefinger auf mich wies —\nDanke! — Danke!!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "388", "page_fin": "389", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.4", "titre_corps": "Nietzsche", "titre_sommaire": "Nietzsche", "signature_source": "Erich Unger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.2", "debut_caractere": 10003, "fin_caractere_exclue": 11390, "texte": "Nietzsche\nVon Erich Unger\nUnd während er sich hinaufrang, seinen höchsten\nGedanken auszusprechen, sass der Zwerg auf ihm:\n„Lahm, Lähmend; Blei durch mein Ohr, Blei-\ntropfen-Gedanken in mein Hirn träufelnd:\n„O Zarathustra\", raunte er höhnisch Silb' um\nSilbe, — Du Stein der Weisheit!\nDu warfst Dich hoch, aber jeder geworfene Stein\nmuss — fallen:\n„O Zarathustra\", Du Stein der Weisheit, Du\nSchleuderstein, Du Stern-Zertrümmerer:\nDich selber warfst Du so hoch — aber jeder ge-\nworfene Stein — muss fallen!\nVerurteilt zu Dir selber und zur eigenen Sleini-\ngung:\n„O Zarathustra\", weit warfst Du ja den Stein\naber auf Dich wird er zurückfallenl\"\nNie sprach ein Mensch furchtbarer seine Vernich-\ntung aus als hier; freilich er wähnte es damals anders:\n„Halt! Zwerg!\" sprach ich „Du kennst\nmeinen abgründlichen Gedanken nicht! Den könn-\ntest Du nicht tragen. Ich oder Du! Ich, aber bin\nder Stärkere vou uns Beiden.\"\nDies war sein Tod — Irrtum:\nDer Zwerg war der Stärkere von Beiden.\nWorauf ruhten alle Gedanken, die tausend vom\nGeiste geschaffenen Wirklichkeiten?\nSeinen Leib stellte er hin für die Träger des\nkritischen Denkens, auf seinem Selbst, auf seinem\nBlute, trug er die unermessliche Last seiner Wahr-\nheiten — — —\nAber das Spannungsschweben des Geistes, der auf\nNichts als auf seine eigene ungeheure Kraft gestützt,\nsich selber in die Nähe aller Geheimnisse trug, war\nnicht zu halten."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3778, "texte": "Alles sank, alles löste sich, alles verlor das Leuchten\nder Seele und drohte Luft zu werden und Nichts.\nDie furchtbarste Tragödie hebt an — Die Tra-\ngödie, an deren Schicksals-Dimensionen das Grauen\nklein wurde. Die intensivste Macht des Lebens muss\nsich selber verneinen.\nWenn der Sturm des Erlebens vorüber und lange\nverrauscht war, so forderte das Bewusstsein in eherner\nMitleidslosigkeit andere Zeugnisse für die Gültigkeit der\nGedanken, andere, als die Gewalt des Schauens.\n„Wie? Woran das Herz meines Seins getastet hat,\ndas könnte — Schein sein? Ich selber — — un-\nwirklich ?\"\nDie Explosionskraft des Zarathustra, die so mäch-\ntig war, dass sie ihren Träger vernichten konnte, wenn\ner sich nicht ihrer entledigt hätte, deren Geburt eine\nFrage des Lebens und deren Entladung einen nach\naussen abgewendeten Selbstmord bedeutet, diese tobende\nKraft nähert sich zum zweiten Male gefahrdrohend ihrem\nErzeuger.\nUnd er weiss im tiefsten: Es geht um das Leben.\nEr flieht vor sich selber und sucht Rettung vor seiner\ngefährlich-eigenen Gewalt.\nEr will im „Willen zur Macht\" und in der „Um-\nwertung\" den Gedanken des Zarathustra den logisch\nphilosophischen Grund bauen, damit ihr Gewicht von\nihr genommen werde. Aber seine innerste Natur war\nunfähig hierzu, und statt dessen strömten aufs neue\ndie Gedanken, nur getragen durch die Macht der\nEmpfindung.\nUnd alles ruhte drohend über dem Nichts.\nWohl kamen noch die Schauer des Erlebens über\nihn und überredeten ihn:\nDu bist wirklicher als je.\nUnd ein letzter Schauer kam: — Ecce homo.\nIn erbebendem Erstaunen stand er vor der Kraft\ndes Zarathustra, die immer näher kam, fordernd, und\nnichts ist erschütternder als die Anbetung vor dieser\nmörderischen Kraft, um so tiefer, je wahrer die Er-\nkennis :\n„In unendlicher Ferne liegt all das, was bisher\ngross am Menschen hiess, unter dem Zarathustra —\nder Begriff Uebermensch ward hier höchste Realität.\nDass ein Goethe, ein Shakespeare nicht einen Augen-\nblick in dieser ungeheuren Leidenschaft zu atmen\nwissen würde, das ist alles das wenigste und gibt\nkeinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Ein-\nsamkeit, in der dies Werk lebt.\"\nMit einem Dithyrambus wie dem letzten des dritten\nZarathustra flog ich tausend Meilen über das hinaus,\nwas bisher Poesie hiess.\"\nAber das Wissen des Endes dunkelt hindurch.\nWelchen Untergangskampf enthüllen die Worte:\n„Es gibt Etwas, das ich die Ranküne des Grossen\nnenne: Alles Grosse, ein Werk, eine Tat, wendet sich,\neinmal vollbracht, unverzüglich gegen den, der sie tat.\nEben damit, dass er sie tat, ist er nunmehr schwach.\n— Er hält seine Tat nicht mehr aus, er sieht ihr\nnicht mehr ins Gesicht Etwas hinter sich zu haben,\ndas man nie wollen durfte, etwas worin der Knoten\nim Schicksal der Menschen eingeknüpft ist — — und\nes nunmehr auf sich zu haben — —. Es zer-\ndrückt beinahe.\nDie Ranküne des Grossen: Man büsst es teuer,\nunsterblich zu sein\"\nImmer näher geschah das Zusammenrücken von\nunheimlich lebendiger Grösse und Vernichtung, immer\nmehr drohte er in dem Schatten zwischen Vergangenem\nund Kommendem zu Grunde zu gehen, immer trotziger\nward die Gier des an Ohnmacht nicht Gewöhnten,\nsich zu betäuben, der Rausch, sich an neue grenzen-\nlose Gewalten glauben zu machen.\n„Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den\nes je gegeben hat,\n„Ich bin kein Mensch — — ich bin Dynamit.\n„Der Blitzschlag der Umwertung, der die Erde in\nKrämpfen beben lassen wird\"\nUnd dennoch und dennoch graut er sich, das\n„Ecce homo\" zu entsenden. Denn er weiss und\nspricht es aus: Nach diesem kommt das Ende. Nach\ndiesem letzten Sich-Empor-Schleudern, diesem letzten\nJubel des überwachen Geistes kamen furchtbarer als\nje seine Lebens-Gedanken zu ihm: — dann trat es\nschneidend ins Bewusstsein:\nDas ungeheuerste Erlebnis konnte falsch sein\nEr zerbrach daran."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "389", "page_fin": "390", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.5", "titre_corps": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "titre_sommaire": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.3", "debut_caractere": 3780, "fin_caractere_exclue": 11485, "texte": "Der Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nXXVII\nDie Familie\nEs lag etwas Weiches und etwas Schlichtes in dem\nkleinen Zimmer, das der Kaiser mit dem Antiquar be-\ntrat. Und weich und schlicht war auch die Art, in\nder die beiden Herren von der Familie in dem kleinen\nZimmer empfangen wurden. Im Nebenzimmer hörte\nman leise Klavier spielen — alte sehr einfache Musik,\ndie im Kaiserreich Utopia immer mehr in Vergessen-\nheit geriet.\nDer Hausherr hatte einen grauen Bart und treu-\nherzige Augen und langsame Bewegungen, und seine\nFrau war ganz ebenso.\nUnd man sprach von der alten Zeit, und die beiden\nTöchter des Hauses mussten alte Silbersachen und\naltes Porzellan — alte Ledersachen und alte Stickereien\n— alte Holzschnitzereien und alte Elfenbeinarbeiten —\nalte Bücher und alte Zeichnungen — herbeitragen und\nzeigen.\nUnd dabei unterhielt man sich mit dem Kaiser,\nals wäre er ein alter Freund und schon mit allen\nalten Dingen so vertraut.\nUnd es gefiel dem Herrn Bartmann — alles was\ner sah, und auch alles was er hörte. Und er sprach\nmit der alten Dame des Hauses von der Seele der\nMenschheit — und dass die doch gerade in den alten\nSachen stäke.\n„Aber auch\", meinte er, „hinter den alten Sachen\nsteckt noch mehr, als man sieht.\"\nUnd das wurde lebhaft — auch von den beiden\nTöchtern — bejaht. Alle waren eifrig bemüht, zu be-\nweisen, wie lebendig die alten Möbel und die alten\nSchmucksachen seien — man erklärte sich die alte\nintime Symbolornamentik, betonte die Wichtigkeit der\nimmer wiederkehrenden Motive, lobte die alten ge-\ndämpften Farben, das Abgegriffene, das Altväterliche\nund besonders immer wieder die alten Ornament-\nmotive — die Rosetten, Kränze, Blumenschüsseln, die\nalten Schnörkel und die alten Kronen.\nUnd der Herr Bartmann hatte das Gefühl, als\nversinke er in all diesen Plunder, und als er beim\nAbendbrot bemerkte, dass er beinahe das Alte ganz\nlebendig vor sich fühlte, und von den Eindrücken\nseiner Kindheit plauderte und diese mit all den alten\nSachen in Verbindung brachte, und immer wieder be-\ntonte, dass man so zwischen alten Sachen in einer\nganz anderen Welt lebe und dass man diejenigen, die\nso zwischen alten Sachen in einer anderen Welt leben,\nja nicht stören und sie durch nichts herausreissen\ndürfe — da glaubten Alle, dass Herr Bartmann das\nZiel seiner Wünsche erreicht hätte.\nUnd die alte Dame des Hauses liess den ältesten\nWein bringen und dachte dabei gleichzeitig an ihre\nälteste Tochter — und hörte zuweilen garnicht ordentlich\nauf das, was gesagt wurde — und es schien dem\nKaiser so, als versinke er in eine weiche, schlichte,\nalte Zeit — und das Klavierspiel der ältesten Tochter\nvermehrte das Gefühl des Versinkens immer mehr,\nso dass der Gast ganz schweigsam wurde.\nWie aber der Herr Bartmann einen Augenblick mit\nHerrn Citronenthal allein war, warf er plötzlich hart\nden Kopf zurück, und machte mit einem Ruck alle\nseine Glieder ganz straff und sagte leise aber bestimmt:\n„Herr Citrpnenthal, jetzt müssen wir unbedingt ein\nGlas Bier zusammen trinken.\"\nDer Antiquar stimmte natürlich zu und ihm war\ndabei so, als hörte er in der Ferne eine alte utopi-\nanische Hochzeitsmusik.\nEs war aber eine Sinnestäuschung.\nZum Abschied bat der Herr des Hauses seinen\nneuen Gast, doch eine alte Schnupftabaksdose — eine\nsehr feine Silberarbeit mit Email-Miniaturen — zum\nAndenken anzunehmen.\nUnd der Kaiser musste das Geschenk schon an-\nnehmen, und er verabschiedete sich von den beiden\nAlten und den beiden Töchtern mit den dankbarsten\nWorten, so dass die Vier garnicht ahnten, wie weit\nfort die Gedanken ihres Gastes waren.\nDraussen zog der Kaiser die Stirn in der Mitte\nzusammen und rollte mit den Augen.\nXXVIII\nDer Bierkeller\nDer Herr Citronenthal führte nun den Herrn Bart-\nmann in das beste Restaurant der Stadt und stellte\nseinen Gast dort mehreren alten Herren vor, mit denen\nsich die Beiden in das prächtige Eichenzimmer zurück-\nzogen. In dem Eichenzimmer war alles voll üppigster\nphantastischer Holzschnitzerei — selbst die Tischplatten\nzeigten Holzskulpturen in Flachrelief.\nHerr Bartmann trank die ersten drei Glas Schwantu-\nbräu, ohne etwas zu sagen. Und der Antiquar kam\nauf die Familie zu sprechen, in der die Beiden Abend-\nbrot gegessen hatten, und er sprach so von der Familie,\ndass der Herr Bartmann nicht umhin konnte, sein\nSchweigen aufzugeben.\n„Halten Sie ein\", rief er plötzlich, „heute ist mir\ndas Unglück des Kaiserreichs Utopia klar geworden;\ndieses ruhige, prächtige Leben ist ganz dazu angetan,\ndie Utopianer von oben bis unten zu verweichlichen;\ndie Utopianer sind schlaff wie alte Waschlappen —\nund das ist ihr Unglück. Stellen Sie sich, meine\nHerren, das ungeheuerliche allmächtige Leben in der\nNatur vor! Da glüht und sprüht alles durcheinander,\ndass die Funken nur so prasseln. Die Welt da draussen\nist voll Leben. Und das Leben, das wir in der Natur\nsehen, reisst uns in andere Sphären — wir müssen\nempfinden, dass hinter allen Bäumen und hinter allen\nFelsen noch mehr lebt, als das, was wir sehen. Und\nder grosse Volksgeist, den wir alle anbeten, und der\nunser Dasein durchströmt, wie der Aether die Welt\ndurchströmt — dieser grosse Volksgeist lebt ebenso\nheftig, wie die grosse Welt da draussen. Aber die\nUtopianer, die von diesem grossen Geiste geführt\nwerden, zeigen nicht, dass sie so leben wie der Geist,\nder sie führt; die Utopianer sind schlaff und faul, und\nall ihr Luxus, und all ihre Kunst, und all ihre Be-\nquemlichkeit, und all ihre prächtige Gerechtigkeitsliebe\nfördern den Utopianer nicht mehr — nein, all diese\nschönen Dinge machen den Utopianer schlaff, dass er\nnicht mehr ordentlich und rasch zu denken vermag\nund nicht mehr im Stande jst, das grosse Leben, das\nda draussen in der grossen Welt lebt, mitzumachen.\nDer Utopianer kann heute nicht mehr das grosse,\nfieberhaft mächtige Weltleben verstehen und mit-\nempfinden und infolgedessen auch nicht mehr grosse\nWerke schaffen — nicht mehr Werke schaffen, die es\nwert sind, als Spiegelbild der Unendlichkeit, der Un-\nermüdlichkeit und Unerschöpflichkeit zu gelten. Wann\ndenken die Utopianer an das, was hinter allen Er-\nscheinungen lebt? Wann denken denn die Utopianer\nin ihrem Leben — das grosse Leben sich zu gestalten\n— das grosse Leben, dass der Geist lebt der uns\nführt, und den wir Volksgeist zu nennen belieben,\nnachzuleben? Und i:t diese Schlaffheit nicht empörend?\nDieses faule Utopia ist es nicht wert, zu leben —\nwenn es nicht so leben will — wie der Grosse, der\nhinter uns steht, uns zu leben gebietet. Temperament-\nlos sind die Utopianer geworden. Ich wünsche Ihnen\neinen guten Abend, meine Herren.\"\nSagte es und geht hinaus.\nUnd zweiundzwanzig Minuten später fährt der\nKaiser von Utopia in seinem Sebastianischen Luftschiff\nhoch über seinem Kaiserreich durch die Nachtluft zu\nden funkelnden Sternen empor.\nXXIX\nZwei Idylle\nIn Schiida sass die Lotte Wiedewitt in ihrem\nArbeitszimmer und war durchaus guten Mutes.\n„Wir werden uns schon durchsetzen!\" sagte sie des\nöfteren vor sich hin, und dabei arbeitete sie fleissig\nan einer neuen Wandbekleidung; sie beschäftigte sich\nschon seit mehreren Monaten, da die Einkünfte auch\nim Oberbürgermeisterhause sehr zu wünschen übrig\nHessen, mit kunstgewerblichen Arbeiten.\nIn dem dreieckigen Arbeitszimmer der Frau Ober-\nbürgermeisterin lagen in grosser Unordnung grosse\nMuscheln, präparierte Fischgräten, Korallen und andere\nfeste Meeresgewächse in Menge herum und bildeten\nein anmutiges Stilleben.\nAn den Spiegeln der Wände hingen sehr viele\nFischgräten, die durch ein neues Verfahren steinhart\nund mit allen möglichen Farben schillernd bunt ge-\nmacht waren.\nJetzt aber arbeitete die fleissige Lotte an einer\nneuen Wandbekleidung, die auf Metallplatten bunte\nMuster aus Perlmutter, Bernstein und gepressten See-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2510, "texte": "grasfabrikaten zeigten; Seegrasfabrikate, die in ihren\nbraunen Naturfarben gelassen waren und sich durch\nsehr zierliche Adern auszeichneten, bildeten die Haupt-\nteile der Muster.\nDie Lotte sah garnicht von ihrer Arbeit auf, dachte\naber dabei immerfort an ihren Moritz, der jetzt Kaiser\nin Ulaleipu spielte und wenig von sich hören liess.\n„Er soll schon staunen, wenn er wiederkommt!\"\nsagte sie dann leise und sie lächelte dabei, und ihre\nstrahlenden Augen schauten zum Fenster hinaus und\nsahen draussen auf der Strasse die geheimen Regierungs-\nsekretäre von Möllerkuchen und Käseberg, die eifrig\nmiteinander über die seuen Zustände sprachen und\ndie Oberbürgermeisterin hochachtungsvoll begrüssten.\nIn Ulaleipu sass währenddessen die Kaiserin Cäcilie\nin ihrem Ankleidezimmer und fragte ihre Zofe, ob denn\nnoch immer nicht das Pelzzimmer gereinigt sei.\n„Die Luftpumpen\", sagte die Zofe, „saugen noch\nimmer den Staub auf, aber die Geschichte hat bald\nihr Ziel erreicht.\"\nUnd als das nun geschehen war, begab sich die\nKaiserin in ihr Pelzzimmer und setzte sich vor das\nweite offene Fenster und blickte auf den schwarzen\nSee hinab und zu den grossen Bergen hinauf und\nhinüber zu den vielen Häusern der Residenz, die an\nden Bergabhängen bunt und vielkantig leuchteten wie\nEdelsteine.\nDas Pelzzimmer bestand an den Wänden und an\nder Decke und auf dem Fussboden aus lauter kost-\nbaren Pelzen, die immer durch Luftschläuche, die sich\nmechanisch von der Decke herunterbewegen konnten,\nvom Staube befreit wurden; die Schläuche hatten vor-\nzüglich funktionierende Staubaufsaugungsapparate.\nDie Kaiserin sass an ihrem offenen Fenster und\ndachte an ihren Gemahl, der garnichts von sich\nhören liess.\nAber sie war über das Schweigen ihres Gemahls\nkeineswegs ungehalten; sie las nun in einem alten\nMärchenbuche, das in wolkig buntgefärbtem Pergament-\nbande auf einem geschnitzten Elfenbeintische vor der\nKaiserin lag — das Folgende:\n„Die Zwerge aber machten der Prinzessin ein\nArmband aus glühenden Steinen, die immer wieder in\nanderen Farben leuchteten und eine feine prickelnde\nWärme ausströmten, ein kostbares Armband — und\nmit diesem Armband konnte die Prinzessin tausendmal\nschöner die Geige spielen, als alle ihre Musikanten.\"\n„Aehnliches\", sagte die Kaiserin für sich, „haben\nwir jetzt im Kaiserreich Utopia schon in Wirklichkeit.\"\nDer Mond ging auf und spiegelte sich im schwarzen\nSee, und die Kaiserin liess das Lesen sein und blickte\nhinüber zu den Häusern der Stadt, in denen jetzt die\nAbendlampen angezündet wurden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "390", "page_fin": "391", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Viel-\nmehr von glatten, bräunlichen, lachenden Menschen im\nGleichgewicht nicht geahnt werden. Niemals widerfuhr\nSchimpfliches diesen Gutfrisierten Manchmal ist Einer\nunvermerkt weg. Niemand folgt. Man würde ja heisere\nSchreie, rollende Verzweiflung hören. Im letzten Akt\nsieht Niemand mehr den irrsinnigen, abgelöschten Blick.\nErst im Abendblatt wird die kurze Notiz erträglich.\nReinlich-schicklich schmiegt sich das Unglück in vier\nZeilen. Längst sind wir aus dem spiegelnden Ver-\ngnügungssaale fort, wenn sich die Ambulanzpfeife bis\ndorthin durchgewimmert hat. Immer im Nebenraume\nliegt der Tote Aber nicht jeder wird tot. Dann\nreden wir mit ihm wieder. Wenn er wieder bräunlich\nist, wieder sagen kann, er war über den Sommer\ndort und dort, habe heute jenes Weib besessen, dieses\nGeschäft gemacht. Die Frauen auch. Wir starren\nauf das Prinzesskleid, auf das Eisschäufelchen, von\nfeinen Fingern gehalten. Irgendwo liegen schönere\nals hysterische Bündel am Boden. Oder sie werden\ngeschlagen Sind vielleicht jetzt im uterinen Fieber\nmannstoll. Wir aber starren nur auf jene, die gerade\njetzt unnahbar sitzen. Auf Plüschbänken und das\nEisschäufelchen in den Fingern. Vor der Zerrissenheit\nwird uns unheimlich. Wir ziehen eine Uhr heraus\nund sagen, dass wir dort und dort zu tun haben.\nLüge — Feigheit. Uns hat nie eine grosse schwarze\nWelle umfasst, nie etwas zum Keuchen gebracht, bis\nLeben und Selbstmord wie A und B, wie C und E\nwaren Der Zwanzigjährige öffnete nachts\ndie Augen uid sah vorschwebende weisse Gebilde.\nSekunden. Dann erstand die Körperwelt, vier senkrechte\nMauerlinien des Schlafkabinets, von gelbem Laternen-\nschimmer der Strassse konturiert. Das kannte er und\nschloss verzweifelnd die Augen. Die heiterweisse\nSteintreppe zwischen duftenden Goldfruchtästen kam\nnicht mehr. Nichts mehr vom seligtiefen Blau über\nhohen Kolonaden und vom fernen grünen Meerstreifen\nmit rötlichen Inseln. Wo war das Mädchen mit dem\nsprechenden, tiefen Blick? Sie hiess „Amine\" und war\nihm oft mit denselben lächelnden Zügen erschienen.\nIn einem deutschen und einem indischen Traum.\nWie wund von dem letzten, ins Tiefste dringenden\nRätselblick richtete er sich auf. Die Süsse, die Süsse,\ndachte er. Warum hatte sie ihm mit dem weissen,\nschmalen Finger gewinkt? Im herrlichsten Gleichklang\nwar sein Empfinden mit stolzesten Wünschen. Der\nSinn seines Lebens enthüllt. Und Alles fort. So\ntreulostraurig war dies. Draussen das Knarren war\neine Strassenbürste. Da war noch die Federdecke.\nSie bildete, wenn man genau hinsah, die Form weisser\nBrüste, die er schmerzlichwild berührte. Noch einmal\nhob er den Kopf. War vielleicht ferneher das Glöck-\nchensprühen indischen Marschspiels noch au hören?\nMorgens erschien er müde, mit Kopfschmerzen an\nseinem Schreiberpult. Die sachlichen, kalten Elemente\ndes Tagwerks drangen in sein Wesen. Die Phantasie\nblasste ab, verfiel. Auf dem Tische lagen Papiere,\nAkten: Individualitäten. Die Person war nichts. Dort\ndas Telephon, drüben die weisse Tafel „Chefzimmer\".\nGegen zehn Uhr kam die Bedienerin und begann den\nOfen zu räumen. Sie war eine fünfzigjährige starke\nMatrone. Zwei Jahre hatte er sie nicht beachtet, in\nihr eine alte Frau erblickt. Jetzt zitterte er und ver-\nmied, ins Tiefste erregt und beschämt, sie anzusehen.\nMittags ass er wenig. Als die Uhr gegen Sechs\nrückte, erfasste ihn immer mehr drängende Fucht, eine\ngrosse Lockung. Eine Viertelstunde der Engung schied\nihn noch vor der Lustpforte, die sich weit vor ihm\nöffnete. Das Bild eines Lackschuhs, der breite, vier-\neckige, mit Steinchen besetzte Schnallen besessen hatte,\nverfolgte ihn. Er sah ihn am Fusse einer jungen\nFrau im dunkelblauen Paletot. Noch etwas erwärmte\nin sanft in der Erinnerung. Ihre aus Spitzenbesatz\nhervorblühende weisse feine Hand, die den knappen\nRock glatt zur Seite spannte.\nUm dreiviertel Sechs gab er einem dumpfen,\nstundenlang hartnäckig befestigten Vorsatz nach und\nklopfte an die Türe des Chefs. Der kurze dicke\nMann sass tief über das dichtbedeckte Pult gebeugt.\nDer junge Mensch glaubte lächeln zu müssen, indem\ner um Vorschuss bat Sein Blick haftete an einen\neigentümlich geformten Petschaft, die schwere Gedanken\nan mittelalterliche würdevolle Kanzleien hervorrief.\n„Wieviel?\" Der Chef blickte nicht auf.\nEr wusste, dass er das sagen müsse. „Zehn,\nfünfzehn?\" Dachte er sinnlos. „Zwanzig\", antwortete\ner mit einer Stimme, in der Heuchelei, Zuvorkommenheit,\nzwingendes Bitten lag. Der Chef legte ihm wortlos\neine Note hin. Er dankte mit qualvollem Zorn gegen\nsich. Nie hatte er Vorschuss genommen, aus irgend\neinem Prinzip keine Gefälligkeit verlangt. Wozu die\nwiderliche Szene des Gelderbittens? Zwei Tage vor\nder Zahlung?\nAuf dem nahen Park lag Mattigkeit und Staub.\nRegen stand bevor. Die Bänke waren von allerlei\nStadtvolk besetzt. Alle diese Leute waren im Gleich-\ngewicht. Dem Nächsten, der Viertelstunde ergeben,\nmit Zeit und Gelegenheit verwachsen. Ein Soldat und\nein Mädchen sprachen abseits miteinander. Das Mäd-\nchen war gross und hübsch und trug eine weisse\nSchürze Also ein Soldat findet so etwas. Er entsann\nsich seiner eigenen Erlebnisse mit Mädchen — Ver-\nhältnisse eigentlich doch zu nennen. Sie erschöpften\nsich in abendlichen Begleitungen, Ineinanderpressen der\nHände, gegenseitigem Lächeln, durstigen Blicken. Die\nvom „wilden Mann\" am dreissigsten Oktober eintausend-\nneunhundertundsieben. Bei der Quadrille sah sie ihn\nso erwartend an. Er verbeugte sich vor ihr, und sie\nlag ihm schmiegsam in den Armen War denn mehr\nzu wollen? Im Volksgarten war ein Mädchen gewesen,\ndas sich mit ihm zum Burgtheater bestellt hatte. Ein\nprachtvoller Sprechnachmittag war ihnen im Bankschatten\nvergangen. Dann war sie nicht mehr zu sehen. Vier-\nzig Abende hintereinander ging er vergeblich durch\nirgendeine bestimmte Gasse. Dann vergass er.\nEr verliess den Park und ging den beleuchteten\nHauptstrassen entgegen. Funkelnd und lärmend umgab\nihn das Abendtreiben. Durch öde Häuserpassagen mit\ntoten, dunklen Stadtgärtlein, kam er auf grosse Alt-\nplätze hinaus. Ein Schuster bei der kleinen Lampe\nrührte ihn. Wie der abgekehrt vom Leben da sass\nund hämmerte. Er war sicher verheiratet. Das musste,\nsoviel begriff er, friedvolle Ruhe geben. Ein kleines\nZimmer, aber eine Frau war darin. Eine Frau war\ndarin. Und es kam zu verschwiegenen Liebes-\ndingen in der kleinen Wohnung\nEr hatte ein koloriertes Bild vor Augen, das er\nals Fünfzehnjähriger im regenfeuchten Haushof zwischen\nPackkisten oft betrachtet hatte. In einem rot und\ngrün gemalten Zimmer sass ein junges Wiener Mädchen\nim leichten, lüsternen Kostüm. Er wusste noch das\nBuch: „Friedling mit dem Brandmal\" von Anton\nLanger.\nIm Schein der elektrischen Sonnen atmete die\nStrasse jetzt heftiger. Fledermausmenschen durch-\nstiessen die durchsichtige Luft In schwarzen Ecken\nmit gelben Leuchtgläsern verloren sich Mädchen, Frauen,\nmit üppigen Armen; wie verschlungene Schlangenglieder\nglitt es durcheinander. Ab und zu rollte ein Lachen\nauf, segelten ihm brennende Mädchenaugen entgegen,\nflog ein flinker Fuss, reizvoll in dünnen Strümpfen.\n•Er war mutlos. Späten Abend verrieten schon ödere\nStrassen, gefüllte Musikstuben, als ihn ein lächelndes\nGesicht, zwei Reihen kleiner Zähne, entdeckten. Aus\ndem Torschatten heraus ahnte er eine junge, hübsch\ngekleidete Person. Es befiel ihn wie Feuer. Er blickte\ngleichgiltig starr aus und schritt raschen Gangs davon.\nIn einer Anwandlung stupiden Jünglingsstolzes, plötz-\nlicher Koketterie, sah er sich nicht um, obwohl ihn\ndas Erlebnis erregte und obwohl er fühlte, dass ihm\ndieses Weib unrettbar verfallen sei. Er wusste nicht,\nweshalb er forteilte Nur jetzt sich nicht entschliessen,\nnur jetzt die Freiheit der Entscheidung wahren. Eine\nfeine, vorahnende Laszivität, Erwartung unverlierbarer\nsicherer Freuden war in ihm. Er durchschritt die\nnächsten Strassen. Das Tor, vor dem sie stand, hatte\nNummer dreiundzwanzig. An dunklen engen Gässchen\nkam er wieder vorüber. In einer selbstquälerischen\nWonne sparte er sich die Rückkehr auf, malte sich die\nnächsten Stunden aus. Ihm war, als wäre alles Trübe\nVerschleierte der abendlichen Stadt gewichen.\nZagend kam er dann zurück Sie war nicht mehr\nda. Ein Reuegefühl, tiefer Schmerz drang auf ihn ein.\nDa hörte er ein helles Gelächter. Und er fühlte einen\nleichten Schlag von rückwärts auf der Schulter. Sie\nwar es und hatte ihn sogleich erkannt Seine Füsse\nwurden schwach, er fühlte sich widerstandslos. Sie\nwar also sein Schicksal Er als Bettler vor seiner\nMeisterin, nachdem er in idealer Mädchenverehrung sich\nfest und sicher geglaubt hatte.\n„Bist doch zurückkommen\", sprach sie ihn an.\n„Na, bist ja doch ein braves Burscherl.\"\nSeine Verworrenheit fiel ganz ab, sein Ungemach\nschmolz. Vor dieser wirklichen Frau zog Sicherheit,\nFestigkeit einher. Er entsann sich einer Zigarette und\nzündete sie an. Gesicht und Gehör schärften sich\nAls sie vor ihm über einen dunklen, schlecht erhellten\nGang schritt, erwog er blitzschnell die Möglichkeit,\neinfach fortzulaufen. Sie schlüpfte über die Treppe\nhinauf und raffte den Rock. Verwirrend leuchteten\nschwarze, schlanke Gelenke entgegen. Darüber ge-\nbauschtes, knitterndes, rauschendes Weiss. Oben erlosch\ndas Licht. Er blieb im Dunkeln.\nSie suchte nach einem Streichholz. Einen Moment\nwar ihm wie einem sonderbaren Sünder Kinderjahre,\nSchulzeit drängten sich in sein Denken, Erlebnisse,\nSzenen, Abende, Nächte. — Das alles mündete also in\ndiesen dunklen Gang.\nEr trat hinter ihr in das Zimmer. Sie drehte den\nSchlüssel um. Sie waren allein. Wilde, abenteuerliche\nLust, tierhafte Gewaltempfindungen strömte diese Ein-\nsamkeit aus. Er sah billige, dunkle Einrichtungsstücke\nAn den Wänden ein Gobelin und zwei Farbendruck'\nbilder, Aphroditen, Nymphen. Ein Rechen an der Tüi\nhing voll Frauenkleidern. Auf dem Tisch Photo-\ngraphien. Ein Kind. Ein Mann in Uniform. Eine\nschwarze Lederbörse, daneben ein silberner Ring, der\ner verlegen betrachtete.\nSie hatte den Hut abgehoben und war mit ihrer\nHaaren beschäftigt. Er verwandte keinen Blick vor\nihrer Gestalt. Sie hatte giänzende Augen. Das Ge\nsieht erschien ihm bleich, die Umrisse der Figur Mochtet\nauf schlanke Festigkeit slavischer Weiber deuten. 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Das durfte man wirklich sehen.\nIn zehn, zwölf Jahren vielleicht konnte er an eine\nHeirat denken. Jetzt stahl er sich das einfach. Ein\nNarr, der wartet. Ohne Tändelei, ohne Schwüre gab\nman Sick ihm, dem armen Burschen, hin. Kein Brief,\nkeine Treue wird verlangt. Aber die Mädchen.\nMussten sie nicht auf einen Zufall warten, um das\nLeben kenaen zu lernen? Sie mochten es leichter\nhaben, sich einfach hinzugeben, wenn sie ungeduldig\nwaren.\nNun sass sie lachend, übermütig neben ihm, die\nbunten Tücher ihrer Kleidung waren sorglich nett hia-\ngebreitet Nun war die Erfüllung so nahe, dass ihn\nüberirdische geistige Heiterkeit erhob: Heisse lächer-\nliche Kneipengespräche frecher Freunde offenbarten\njetzt ihren Sinn. So eine darf nicht nein sagen.\nIhre Haut war leuchtend weiss. Das war die Sinn-\nlichkeit.\nUnter seiner täppisch-berührenden Hand dehnte sie\nsich listig-fröhlich, brachte ihren Körper gutmütig-dar-\nreichend zur Geltung. In ihr glättete sich das Leben,\nnahm ergreifende Lustformen an.\n„Schön, wie schön,\" lachte er gierig.\n„Geh, was siehst denn da Schönes,\" lachte sie\nmüde-unterwürfig. „Es ist ja nichts daran\".\nEr stotterte schmeichelnde demütige Worte, um\nseine Erregung zu decken Aus dem Gewitter der\nSinne hielt er dann nur mehr das fest: das Weib war\nder Lohn für den Tod. Musste es sein Wer sein\nTeil an Erdenlust also erhob, übernahm auch die Ver-\ngänglichkeit.\nLächerlich und frostig lagen nun die Kleidungs-\nstücke umher. Ihren Leib sah er je'zt grotesk in\nseinen natürlichmenschlichen Verhältnissen. War ihr\nReiz nur in seiner Erregung gewesen? Verlegen, er-\nkältet war das Beisammensein. Sie zog sich nach\neinigen Hin- und Hergehen an. Alles war wie früher.\nAber Unbarmherzigkeit war hinzugetreten. Sein Gesicht\nverhärtete sich, er war stille geworden. Sie mochte\nDerartiges kennen Mit Ruhe betrachtete er sie, die\ndemütig seinen Rock herbeibrachte. Die Gestalt, das\nGehaben erschien ihm armselig, gemein. Was faselten\nZeitschriften von der Schönheit des Hetärentums.\nDas Gefühl quälender Armut erhob sich stärker.\nDie früheren Episoden seiner Mädchen schienen ihm\njetzt wieder strahlender, lebhafter, voll innerer Reinheit,\nvon der er jetzt durch diese Stunde weit geschieden\nwar. Einmal sass er auf einer Bank am See mit\neinem reizvollen Mädchen. Das fiel ihm ein. In der\nansteigenden Harmonie solchen Beisamenseins mochte\nkörperliche Vereinigung das höchste Ziel sein. Heraus-\ngerrissen als einziges war sie grausam, mörderisch.\nEin Verbrechen, dessen Schauplatz man ängstlich ver-\nliess.\nViel später fand er heraus, das keiner Art von\nkörperlicher Lust die geistige Stufenleiter fehlt. Die\nLust floss dem Manne aus tausend fremden Quellen\nzu, an denen er nicht trinken durfte. Das war jenes\ndamals dumpf, empfundene Zerstörende. Unsittlich\nund dankbar war es, sich einer anderen Frau zu-\nzuneigen, als jener, üie in Form und Reiz den Keim\ndes Begehrens verstreute. Der Frau muss das Tierische\nmit dem Menschlichen vergolten werden. 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Später hörte ich,\nder Araber mit dem Seidenmantel sei Alfred Kerr ge-\nwesen. Am besten gefallen mir seine Gedichte, sie\nsind humorsüss und fallen ihm in die Hand. Aber\nseine allerschönste Dichtung war ein spanischer Essay;\nedes Wort trug eine Abendrotrose im Haar, jedes\nWort war eine Sennora, erhob sich und tanzte.\nUeber den Kurfürstendamm sehe ich ihn manch-\nmal nach der Kolonie heimwärts gehen. Dort wohnt\nAlfred Kerr in einer Villa, die beneidet wird, sonst\npflegt man die meisten Kolonisten ihrer Villa wegen\nzu beneiden. Hainlich birgt dieses nachtumheckte\nSchlösschen seinen Dichter. Spät muss der Kriti-\nsierende die Kritiken niederschreiben, die sind blaunervig\nwie er selbst und duften nach melancholischer Ironie.\nWir haben uns beide nur immer das schönste gesagt,\nwir kennen uns nur im Gruss. Mich dünkt, er träumt\nvon „Heinrich\" wie ein einziger Sohn, der sich einen\nBruder wünscht. Er träumt immer von seinem Bruder\nHeinrich Heine Bald gleicht er ihm auf einen Nerv.\nAlfred Kerr müsste durch die Strassen Paris wandern\nwie der tote Bruder, mich stört des Lebenden cheva-\nleresker Mantel, sein abgestäubter Hut. Warum denke\nich so? — Morgen lese ich im Tag seine gedichtete\nKritik über Hauptmanns Premiere."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c008", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "391", "page_fin": "391", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.8", "titre_corps": "Edward Carpenter über Walt Whitman", "titre_sommaire": "Edward Carpenter über Walt Whitman", "signature_source": "Heinrich Pudor", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.5", "debut_caractere": 5366, "fin_caractere_exclue": 11941, "texte": "Edward Carpenter über\nWalt Whitman\nVon Heinrich Pudor\nNun ist Carpenter auch im weiteren Deutschland\nein vielgelesener Autor geworden. Kürzlich erschien\nin England sein Buch „Tage mit Walt Whitmann\", aus\ndem hier einiges wiedergegeben sei.\nCarpenter hat Whitman zweimal besucht, im Jahre\n1877 und im Jahre 1884. Er sagt: „Wenn ich früher\ngedacht hätte, dass Whitman exzentrisch sei, schwankend,\nungestüm, so hätte sicher schon mein erster Besuch\nmich eines Besseren belehrt. Niemand könnte über-\nlegter sein, niemand könnte mehr Einfachheit im Wesen\nhaben, niemand besser wissen, was er tat, als Whitman,\nund doch bemerkte ich an ihm eine strahlende Kraft,\ndie von ihm ausging wie von der Sonne, die den\nPlatz füllte, wo er sass, und dabei eine gewisse\nReserve, eine gewisse Melancholie und eine Art von\nZurückgezogenheit, sogar Unzugänglichkeit.\" Nach\neinigen Worten der Unterhaltung schlug Whitman einen\nSpazier-Bummel durch Philadelphia vor. Er setzte\nseinen grauen Schlapphut auf, nahm meinen Arm und\nging zur Fähre hinunter.\nCarpenter erzählt nun kurz, wie sie durch\nPhiladelphia gewandert sind, meist auf dem Omnibus.\nDann kommt eine sehr interessante Stelle: „Als wir\nzur Fähre zurückkamen, hörte man das letzte Glocken-\nzeichen. Wir hätten das Fährbot noch erreichen\nkönnen, aber Whitman schien nicht eilen zu wollen.\nDie Fähre stiess ab, und er setzte sich nieder, um\ndas Leben zu geniessen, indem er auf die nächste\nFähre wartete.\" Carpenter fügt hier hinzu: „Merke\nDir das Wort: Er setzte sich nieder, das\nLeben zu geniesen, indem er auf das\nnächste Fährboot wartete. Anstatt Dich\nfühlen zu machen, wie andere es tun, dass der gegen-\nwärtige Moment ein lästiger Zwang ist, von dem man\nirgendwie loskommen muss, um irgend etwas Zukünftiges\nzu erreichen, gab Whitman mir dieses herrliche Ge-\nfühl des Gegenwärtigen, des Jetzigen, („nowness\"),\ndiesen frommen Glauben, dass der gegenwärtige\nMoment genossen werden kann.\"\nAlso die grösste Kunst, unbeschäftigt zu geniessen,\nscheint Whitman in vollem Masse besessen zu haben.\nNicht minder wichtig ist folgende Phase der Kon-\nversation: Whitman sagte: „Seltsam finde ich diese\nVorliebe der Amerikaner für Vergoldung, ich meine,\ndass sie, sobald sie etwas Geld gemacht haben, einen\nRappel bekommen auf Sofas (want togo in for sofas),\nkostspielig möblierte Zimmer, Putz und Staat und der-\ngleichen. Und doch scheint es eine Notwendigkeit,\ndass sie so handeln müssen. Ich vermute es kommt\ndaher: jeder Mensch wünscht, sich so hoch wie andere\nzu fühlen, dass er auch vom Besten haben kann.\nVon der Zukunft seines Volkes sagt er dann: Die\nSchöpfung einer grossen unabhängigen, demokratischen\nKlasse von Kleingrundbesitzern ist die Hauptsache,\nobwohl unserr Politiker niemals daran denken. Ich\nbin zufrieden, wenn für Amerika freier Handel und\nfreier Wettbewerb aller Ausländer ein integrierender\nTeil seiner Politik sein wird. Die Zukunft der Welt\nliegt im offenen freien Verkehr und in der Solidarität\naller Völker. Wenn dieses Problem nicht in Amerika\ngelöst wird, kann es nirgend gelöst werden.\nDann erzählt Carpenter von seinem letzten Besuch\nbei Whitmann: Er war sehr freundschaftlich und zärtlich\nund sass am offenen Parterrefenster, er genoss den\nfrischen Luftzug und sprach über seine „Leaves of\nGrass\". „Was hinter den Grashalmen liegt, können\nsehr sehr wenige, nur hier und da Einer, vielleicht\nam ehesten noch Frauen, greifen. Es liegt hinter\njeder Zeile, aber versteckt, sorgfältig versteckt, indem\neinige Sätze absichtlich dunkel gehalten sind. Ich\nhabe in meiner Natur etwas Eilendes, Fliehendes, wie\nein altes Huhn. Man kann ein Huhn an einer Hecke\nauf und ab wandern sehen, das sehr unbefriedigt aus-\nschaut, aber sobald es einen verborgenen Platz erblickt,\nlegt es eilends ein Ei und geht fort als ob nichts\ngeschehen sei. So fühlte ich, als ich „Grashalme\"\nschrieb.\"\nCarpenter erzählt auch von seinem Besuch bei\nOliver Wendel Holmess und dessen Meinung über\nWhitman: „Neulich plauderten wir, also Lowell, Long-\nfellow und ich zusammen und kamen dabei auf\nWhitman zu sprechen. Lowell sagte: „Ich kann nicht\nverstehen, warum man so viel Aufhebens von diesem\nWhitman macht. Ich habe einen guten Teil seiner\nDichtungen gelesen, aber ich kann nichts darin finden,\nich kann nichts finden (J cant see anything in it).\"\nNa ja, antwortete Longfellow, ich glaube schon, der\nMann muss fähig sein, etwas Gescheites zu schaffen,\nwenn er eine sorgfältige Erziehung erhalten würde.\"\nIn seinem Buch spricht Carpenter auch von dem\nEinfluss, den Emerson auf Whitman ausgeübt hat.\nEmerson schrieb nämlich im Jahre 1856 an Thomas\nCarlyle einen Brief, in dem sich folgende Stelle findet:\n„Letzen Sommer erschien in New-York ein Buch, ein\nwahres Monstrum, das schreckliche Augen und Buffaio-\nKraft hatte und unzweifelhaft amerikanisch war, und\ndas ich dir senden möchte. Es heisst „Grashalme\",\nist geschrieben und gedruckt von einem fahrenden\nBuchdrucker in Brooklyn, New-York, namens Walter\nWhitman; du wirst glauben, es sei der Katalog eines\nAuktionshauses, und dann kannst du ruhig deine Pfeife\ndaran anzünden\"\nEndlich berichtet Carpenter, was John Townsend\nTrowpridge in seinen „Erinnerungen\" von Whitman er-\nzählt: „Whitman sprach an jenem Tag davon, wie er mit\nEmersons Schriften bekannt wurde. Er arbeitete als\nZimmermann in Brooklyn, indem er auf eigene Rech-\nnung allein einfache Häuschen für Arbeiter baute. So-\nbald er eines fertig hatte, fing er ein anderes an,\nHäuschen von zwei bis drei Zimmern. Das war im\nJahre 1854. Er war damals fünfunddreissig Jahre alt.\nEr lebte zu Hause mit seiner Mutter. Früh ging er\nfort zur Arbeit und kam abends nach Haus mit seiner\nKaffee-Kanne, wie ein gewöhnlicher Arbeiter. Dabei\naber trug er meistens ein Buch und zwischen ihm\nund seinem einfachen Mahl teilte er die Zeit der\nArbeitspausen. Einmal brachte ihn der Zufall ein Buch\nvon Emerson in die Hände. Und seit dieser Zeit las\ner keinen anderen Schriftsteller. All sein unbestimmtes\nSehnen jagte beim Lesen dieser elektrisierenden Worte\nin Flammen empor. So denke sich man nun den\nZimmermann, der auf seinen Brettern sitzt, die Stulle\nin der einen und die Kaffee-Kanne in der andern Hand.\nEr gestand, dass er niemals Dichter geworden wäre,\nehe er sich selbst gefunden hätte, und dass Emerson\nes war, der ihm half, sich selbst zu finden.\nCarpenter erwähnt noch die letzten langen Jahre\nder beginnenden Paralyse Whitmans, als er das Leben\nkommen und gehen liess mit Gleichmut, ein Mann,\ndem die Niedrigsten nahen durften, der von Hunderten,\ndie ihn gelesen hatten, geliebt wurde, dessen schwache\nSeite das einfache Volke war . . ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c009", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "392", "page_fin": "392", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.9", "titre_corps": "Der Nervenschwache", "titre_sommaire": "Der Nervenschwache", "signature_source": "Ernst Blass", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 704, "texte": "Der Nervenschwache\nErnst Blass\nMit einer Stirn, die Traum und Angst zerfrassen,\nMit einem Körper, der verzweifelt hängt\nAn einem Seile, das ein Teufel schwenkt,\n— so läuft er durch die langen Grossstadtstrassen.\nVerschweinte Kerle, die die Strassen kehren,\nVerkohlen ihn; schon gröhlt er arienhaft:\nja _ ja, ja! Die Leute haben Kraft!\nMir wird ja nie, ja nie ein Weib gebären\nMir je ein Kind!\" Der Mond liegt wie ein Schleim\nAuf ungeheuer nachtendem Velours.\nDie Sterne zucken zart wie Embryos\nAn einer unsichtbaren Nabelschnur.\nDie Dirnen züngeln im geschlossenen Munde,\nDie Dirnen, die ihn welkend weich umwerben.\nIhn ängsten Darmverschlingung, Schmerzen, Sterben,\nZuhältermesser und die grossen Hunde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c010", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "392", "page_fin": "392", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.10", "titre_corps": "Jemand will durchaus lachen", "titre_sommaire": "Jemand will durchaus lachen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.6", "debut_caractere": 706, "fin_caractere_exclue": 3248, "texte": "Jemand will durchaus\nlachen\nNamenlos entsetzt sich Jemand in dem eidgenös-\nsischen Zentralblatt Der Bund über meinen Beitrag\nKunstverständnis in Nummer 45 dieser Wochenschrift.\nHerr Jemand behauptet, dass ich im Reich der freien\nKünste den in der Schweiz besonders missliebigen Gessler-\nhut aufpflanzen will, vor dem jedermann unter Strafe\nder „Blamage\" Reverenz machen müsste. „Der Bürger,\nder Philister soll damit eingeschüchtert werden. Aber\nphiliströser als irgend ein philiströses Kunsturteil ist\nein solcher Einschüchterungsversuch, der auf dem\nGebiete des Schönen den Leuten die Freiheit ver-\nkümmern möchte, zu sagen was ihnen gefällt oder\nnicht gefällt\" Und so weiter. Nichts liegt mir ferner,\nals den Bürger einschüchtern zu wollen. Ich wünsche\nauch nicht in negative Beziehung zu ihm zu treten.\nDas hat man von seinem Wohlwollen. Statt Lob für\nmeine Hilfsbereitschaft zu ernten, habe ich den Keim\nzu meiner Ablehnung in die freie Schweiz gesät. Noch\nvor wenigen Tagen freute sich der Bund, dass „Der\nSturm entsprechend seinem Namen schon manche leere\nHülle weggeschleudert habe.\" Es wird mir nun weiter\nnichts übrig bleiben, als auch den Bund als Hülsen-\nfrucht zu betrachten. Leicht genug sind seine Aus-\nführungen befunden worden. Ich setze mir den\nGesslerhut auf den Kopf und erkläre: Die Leute, auch\ndie Eidgenossen, haben nicht die Freiheit, auf dem\nGebiet der Kunst zu sagen, was ihnen gefällt oder\nnicht gefällt. Kunst ist für den Bürger Neuland, das\nsich nicht von Jemand kolonisieren lässt. Die Ein-\ngeborenen verstehen ihre Erde besser und der Zweck\naller Urbarmachung, die Bodenständigen zu schröpfen\n(selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen)\nwird von den deutschen Bürgern auch in diesem fern-\nsten Weltteil egelhaft besorgt. Dass die grossen\nKünstler es sich gefallen lassen, beruht auf ihrer\nGeldfremdheit. Ich gedenke nicht mitzutun. Lieber\nals Gessler hinterrücks von Teil ermeuchelt werden,\nals mit der Axt im Hause den Zimmermann zu\nersparen. Das Unglück der „freien Künste\" ist eben,\ndass jedermann sich an ihnen die Freiheit nimmt.\nDa muss man als ihr Hüter schon manchmal mit der\nAxt dreinschlagen, die ursprünglich durchaus keine\nnationalökonomische Einrichtung war. Herr Jemand\nim Bund behauptet, wir seien keine Griechen. Viel-\nleicht nicht auf seine Art, aber auf die Unsere. Und\nes sei ihm hochherzig gestattet, über die aufgeführten\nNamen zu lachen. Ueber den Effekt ist er jedenfalls\nunterrichtet worden. Man soll niemanden hindern,\nsich lächerlich zu machen. Das ist unser Humor\ndavon.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c011", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "392", "page_fin": "392", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.11", "titre_corps": "Akademie und neue Künstlervereinigung", "titre_sommaire": "Akademie und neue Künstlervereinigung", "signature_source": "M. R. Schönlank", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.6", "debut_caractere": 3250, "fin_caractere_exclue": 6173, "texte": "Akademie und neue\nKünstlervereinigung\nM. R. Schönlank\nEin grauer bleischwerer Tag. Er wusste vor Müdig-\nkeit nicht, ob er wachen oder schlafen sollte.;\nIn der Akademie weder Menschen noch Bilder.\nNur die weite Leere der grossen Säle. Wie ein Gift,\ndas tätige Nerven zum Schweigen bringt, das Leben\naus den Knochen saugt und einschläfert. Ich war bald\nso träge, dass ich mich nicht zum Fortgehen ent-\nschliessen konnte. Als Ich im Saal 6 ein Gemisch\naus Klinger in Zucker, Sonntagsfamilienblatt und Limo-\nnade fand, das unter dem Namen: Meyer, Hans: Ein\nTotentanz mehrere Wände bedeckte, liess ich mich in\neinen Sessel gleiten.\nBegleitet von einer alten Dame schleppten sich ein\npaar schlotternde Kniee in den Saal.\n„Ich bin ganz verschnupft und erkältet. Was tut\nman bloss?\"\n„Nehmen Sie eine warme Limonade\" sagte die\nrunzlige Tante. „Sehen Sie nur, wie gut.\"\n„Sehr, sehr. Tiefsinnig.\"\n„Meyer, Hans. Ein Totentanz.\"\n„Vielleicht habe ich auch Influenza.\"\n„Limode Und dann tüchtig schwitzen.\"\nDann schlotterte er auf seinem Stock hinaus. Ich\nwurde gezupft und erwachte.\n„Michehngelo und Viktoria Colonna der deutschen\nKritik. Aber ärgere dich nicht, er ist tot.\n- „O\n„Omega. Ja. Man hat ihm ja schon einen\nSchwanengesang geschrieben. Die Schwitzkuren werden\nnicht viel helfen Im übrigen: Ich bin die Jugend\".\n— „Protz doch nicht mit aufdringlichem Symbolismus.\"\nAber der Kleine liess sich nicht beschwichtigen.\nEr zog mich mit sich fort. Beim Durcheilen nahm er\nnoch ein Bild und drei Köpfe aus den Sälen Mit\nden Köpfen spielte er Fussball über den Platz durch\ndas Tor und den Tiergarten hindurch zum Salon Cassirer,\n— „Oh — ah\"\n„Ah — oh — ich bin die Jugend.\"\n— „Protz nicht.\"\nAls ich ihm einige qualitätslose Bilder zeigte, duckte\ner sich einen Augenblick.\n„Dilettantismus ist überall. Uebrigens: La femme.\"\nEr hatte Recht. Und nun musste ich mich von\nihm führen lassen. Was er mir zeigte, war Jugend.\nDas grosse Ziel einer rein malerischen Dekoratioa\nDie künstlerische Energie verschiedenartigster Individuen.\nEin grosser Ausblick. Ein ungeheurer Strom von\nLebenskraft, der unmittelbar auf den Beschauer über-\nging, die Kraft der Augen und des Fassungsvermögens\nsteigerte, hob, in einen seltenen Grad von Vitualität,\nDas ist unsere Kunst, das sind wir.\n„So-o\" fragte der Kleine Also höre: „Diese\nAusstellung hätte nur eine Berechtigung, wenn sie ein\nKarnevalswitz wäre, mit dem Münchner Künstler\nden Snobismus gewisser Berliner Kreise verspotten\nwollten. Der Witz wäre gut ausgedacht und glänzend\ndurchgeführt. Ernst gemeint ist sie die tollste Zu-\nmutung, die wir erlebt haben. Diese Skulpturen und\nMalereien erscheinen dann in ihren scheusslichen Ver-\nzerrungen als Ausgeburten eines Wahnsinns, den —«\n— „Schluss! Ich kenne die Weise — —\nPlötzlich hatte der Kleine einen Bogen in der\nHand und auf straffer Sehne richtete er einen Pfeil,\nIch konnte seine Bewegung nicht missverstehen.\n„Den Alten? 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Fischer / Berlin\nDIE LIEBESBRIEFE der Dame Lescombat und\ndes Herrn Mongeot / oder Geschichte ihrer\nverbrecherischen Liebe\nDreililien-Verlag / Karsruhe\nPAUL CLAUDEL\nMittagswende / Drama\nDer Tausch / Drama\nMünchen / Verlag Hans von Weber"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c013", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "392", "page_fin": "392", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.6", "debut_caractere": 6731, "fin_caractere_exclue": 7230, "texte": "Warnung!\nHohle Zahne sind, wie die meisten aus Erfahrung wissen,\neines der unangenehmsten und schmerzhaftesten Uebel,\nuntcr welchen die Menschheit zu leiden hat. Man hiite\nsich daher dringend vor Vernachlassigung der Zahn-\npflege und gebrauche taglich Xosvnia Pundwuaser,\nwelches den denkbar besten Schutz gegen das Hohlwerden\nder Zahne bietet, gleichzeitig das Zahnfleisch kraftigt\nund den gesamten Mundorganisraus erfrischt Preis pro\nFlasche, lange ausreichend, Mark 1.50, überall kauflich\nm\nW\nA\n&"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c014", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "393", "page_fin": "393", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "393", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 168, "texte": "k\n3SSB6 3SSBg 38BS gsaag 3SSSg\nGafcric IflaximiDan tllacbt\n3QSS3S 3S3S3BS 3S3SS 3QSS 3E3SE 3S3S3S3S 30S3S3S\nBerlin SI., (Rankc-Strassc 1\nan der Kaiser Blityclm - Klrcbe"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c015", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "394", "page_fin": "394", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "394", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.8", "debut_caractere": 178, "fin_caractere_exclue": 253, "texte": "a\nm\nw\nDas Beste vom Besten!\nEr schmeckt sehr gut und\nbekommt ausgezeichnef."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c016", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "394", "page_fin": "394", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "394", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.8", "debut_caractere": 255, "fin_caractere_exclue": 486, "texte": "Dr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrer a. d. 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Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, große,\nhelle Zimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze Jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stiind-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschiire\n„Leben\" kommen vom Besitzer u. 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Durchlaucht des Prinzen\nBernhardzur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen berUhmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den ~Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fordernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. 7,20. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. K. 6.— inklusive Porto\nProbenummer gratis und franko\nInserate finden im „Forscher\"\nwirksamste Verbreitung ..\nInsertionspreis: Die dreimal\ngespaltene Petitzeile 30 Pfg.\n— Geschaftsstelle: —\nForscher - Verlag, Hannover"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c023", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "394", "page_fin": "394", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "394", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.8", "debut_caractere": 2828, "fin_caractere_exclue": 2927, "texte": "Verlag Paul Reinike,\nWilmersdorf\nHERWARTH WALDEN:\nBruder Liederlich\nFur Gesang und Klavier\nMk. 1,50"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c024", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "394", "page_fin": "394", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Die letzten Wasservillenbaustellen\nan der Havel, gegeniiber Pichelswerder sollen sofort\npreiswert verkauft werden. Naheres die\nBodengesellschaft des Westens,\nMauerstrasse 86—88 ■ • Telephon I 7497"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-02-04-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-02-04_01#c029", "volume": "bmtnabg_1911-02-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "394", "page_fin": "394", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.2.29", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "394", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.8", "debut_caractere": 3783, "fin_caractere_exclue": 3929, "texte": "Hanse Herrmann\nKiinstlerische Lichtbilder\n::: Heimaufnahmen :::\nBERLIN W. / Potsdamerstrasse 134 a\nNahe Potsdamerplatz\nFernsprecher: Amt VI, 14967"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "387", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug 10 Pfennig\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Wilmersdorf 3524 / Anzeigen-Annahme\nHannover Artilleriestr 15 und Berlin W35 Potsdamerstr. 111\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark / Halbjahresbezug 2,50 Mark /\nJahresbezug 5,00 Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1911\nBERLIN/SONNABEND DEN 4. FEBRUAR 1911/ HANNOVER\nNUMMER 49\n\nINHALT:\nRUDOLF KURTZ: Seance / ERICH UNGER:\nNietzsche / PAUL SCHEERBART: Der Kaiser von\nUtopia / MORITZ KÖNIG: Pubertät / ELSE LASKER-\nSCHÜLER: Alfred Kerr / HEINRICH PUDOR: Edward\nCarpenter über Walt Whitman / ERNST BLASS: Der\nNervenschwache / TRURT: Jemand will durchaus lachen /\nM. R. SCHÖNLANK: Akademie und neue Künstler-\nvereinigung / Beachtenswerte Bücher / MAX FRÖH-\nLICH : Das Kamel / Zeichnung\n\nSéance\nVon Rudolf Kurtz\nMan ruft mich an: Willst du einer spiritistischen\nS£ance beiwohnen?\nWas? — aber natürlich . . .\nNatürlich. Ich fühle mich Keineswegs berechtigt,\nmeiner gut entwickelten Angstneurose dieses überaus\nkräftige Material vorzuenthalten ...\n.... Am Abend habe ich ein Rendesvous mit\nmeinem Freunde. Wir unterhalten uns ungemein\nfliessend. Unter leichten Sprühregen durchqueren wir\nenge, leichtverdüsterte Strassen, aus deren Schatten\nhelle Quadrate herausfallen. Kleine Läden mit erregt\nplaudernden Frauen, belebte Hausflure — das macht\nalles einen so angenehmen vitalen Eindruck. In einem\ngeräumigen Eckrestaurant mit massiven Eichentischen\nstürzen wir stehend einen ungemein hellen Kognak\nherunter. Dann betretren wir von dickbäuchigen Zi-\ngarren unterstützt, die Wohnung des Mediums.\nIch werde an der Rückseite eines rechteckigen\nTischchens plaziert. Neben mir breitet sich eine ältere\nschwarze Dame mit einer Hornbrille aus, die Patronin\ndes Kreises. Zur linken eine sorglos aufgeschwemmte,\nnicht minder bejahrte Dame, die Mutter des Mediums.\nDer spitzbeglatzte Herr mit dem schwarz herunter-\nhängendem Gehrock ist der Gatte. Mir gegenüber\ngähnt nachlässig mein Freund.\nJetzt tritt das Medium ein. Um die dreissig\nherum, gut erhalten, mit sehr schlichtem bürgerlichen\nExterieur. Die Arme sind bis zum Ellenbogen ent-\nblösst, als wenn sie vom Herd kommt. 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Ich fühle eine leichte Starre\nim Oberarm: aber der strenge Blick meiner Nachbarin\nrechts beweist mir die Unmöglichkeit, etwa den Arm\neinen Augenblick zurückzuziehen\nEin Zucken blitzt durch die Hände. Langsam\nrichtet sich der Tisch auf. Natürlich nach der Seite\ndes Gatten! He he he. Ich blicke ihn gütig lächelnd\nan: seine Hände sind fest auf den Tisch gepresst.\nDer Tisch wippt beständig. Ich übe e nen leichten\nGegendruck aus: er bleibt stehen. Aber die Hände\ndes Gatten gleiten nicht aus (wie sonst, wenn ich im\nFreundeskreis diesen Scherz machte) Er bleibt ruhig\nund gelassen sitzen. Auch das Medium hat sein\nberlinisch betontes Madonnengesicht versteinert.\nAber plötzlich beginnen die Hände des Mediums\nzu zittern. Sie gleiten vom Tisch herab und liegen\nmit gespreizten Daumen auf den Schenkeln. Die\nAugen schliessen sich und der Atem wird hörbar. Der\nKörper zittert und zuckt: mit sorglichem Stolz schiebt\nihm die Mutter ein Kissen in den Rücken Ihre Hände\nliegen bebend auf den Schenkeln. Sie krümmen sich\n— und jetzt führen sie seltsame Bewegungen aus,\nBewegungen, die etwas Sinnlos-Erotisches haben Aha!\nIch schiele nach dem Gatten: aber der macht einen\nungemein soliden Eindruck. Ausserdem gibts ein halbes\nDutzend Kinder, wie ich irgendwoher weiss.\nEin glückliches erlöstes Lächeln zieht ihre Lippen breit.\nEin ganz aufstöhnendes, wunscherfülltes Lächeln, das\n.ganz genau in gewisse Situationen passt — nun,\nauch dafür wird jeder ein paar Erinnerungen an gut\nverbrachte Nächte bereit haben. Das Lächeln wird\nimmer überirdischer, unstofflicher. Die Atemgeräusche\nwerden imme rhörbarer Die Lippen zerren und spitzen\nsich fortwährend, die Zitterbewegungen der Hände haben\nein höchst belebtes Tempo. — Ein Ruck durchschlägt\nihren Körper, die Lippen bemühen sich krampfhaft,\nirgend einen Laut zu artikulieren und plötzlich entringt\nsich ihren immer noch selig lächelnden Lippen ein\nganz fremder heiser männlicher Schrei. Zitternd\n.gluckst es fast aus ihr heraus: 1..i..i..i.ich!\nDie Dame rechts fragt mit feiertäglicher Güte.\n„Ist ein Geist da?\"\nKeine Antwort. Das Medium liegt ruhig atmend\nim Kissen.\nGanz unerwartet richtet es plötzlich senkrecht auf\nund schreit:\n„Eine böse böse Tat!\"\nUnd sein Arm, ein halbentblösster rundlicher Arm,\nden ich irgendwo einmal bei einer Milchfrau gesehen\nhabe, hebt sich schwankend, er hängt geradezu wage-\nrecht in der Luft, die Finger sinken zögernd und\nschlaff herab; nur der leicht gekrümmte Zeigefinger\nbleibt in der Luft schwimmen. Die Augen sind fest\ngeschlossen. Der Arm schwankt in einem Halbkreis\nan uns vorbei und bleibt dann ungefähr in meiner\nRichtung hängen. Dann stösst sie heiser und von\ninnerem Frost geschüttelt hervor:\n„Eine böse böse Tat!\"\nSchneidend fährt mir eine dünne Nadel durchs\nRückenmark.\n„Sie meint Sie\" flüstert ernst und milde meine\nNachbarin, „passen Sie auf.4' Und dann laut: „Bist\ndu ein Verwandter von diesem jungen Herrn?\"\n„Ich kann nicht ... ich kann nicht\" stöhnt es.\nUnd dann klappern ihre Lippen und es fällt wie eine\npolierte Kette heraus: „Ja ja ja ja ja!\"\nIch stehe gleichsam unter Willenshochdruck. Ich\nbin fest entschlossen, alle Erregungen an mir abgleiten\nzu lassen. Ich bin wie ein Präzisionswerk gespannt\nund kalt wie Stahl.\n„W'asser!\" fährt ihre Hand flach durch die Luft.\n„Lauter, lauter Wasser.\" Das Schütteln packt sie\nwieder. Sie fröstelt sichtbar. „Ganz, ganz allein.\nHundert Jahre über diesem grossen Wasser. (Ihre\nStimme schwillt zu einem hohlklingenden Theater-\nPathos an.) „Und Klippen, überall Klippen. Und die\nBote sind so klein (die Stimme sinkt rapide zusammen)\nDie Bote sind so klein. Ganz rot wie Flammen und\nbraun wie Blut\"\nNatürlich: Fragmente einer lyrischen Situation aus\neinem Kolportageroman. Das stört mich garnicht.\n„Die Totenfelder von Sibirien\" oder so.\n„Ganz .. . ganz allein. Und die Schuld ist so\ngross, so gross, Hu, hu, hu! Wie kalt, wie kalt!\"\nDer Ton ist grauenvoll Ich habe eine furchtbare\nAngst, dass sie mir die peinlichsten Dinge über meine\nZunkunft sagen wird. Und dann will ich diesen\ngrässlichen Arm vor meiner Nase weg haben Ich\nsage im kühlsten Ton zu meiner Nachbarin rechts:\n„Pardon, ich möchte der Dame den Aufenthalt gern\nersparen. Es scheint ihr doch unangenehm zu sein.\nUnd ausserdem habe ich ein beschämend geringes\nInteresse für Auskünfte über mich.\"\nIch ernte einen gemessen abweisenden Blick ein.\nWeiter nichts. Die Dame links hat sich allmählich\nin eine schwarze Wallnuss verwandelt. Das Medium\nist ruhiger geworden. Der Arm ist auf den Schoss\nherabgesunken. Sie schläft. Die Walnuss steckt plötz-\nlich einen Oberkörper hervor.\n„Jetzt kommt n neuer Jeist\" flüstert sie. „Immer\nwenn se schläft, kommt n neuer Jeist\"\nUnd nun wird mein Freund vorgenommen\n„Lieba Jeist, willste vielleicht, dass wa dunkel\nmachen?\" höre ich aus einem leichten Schlafe links.\n„Ja ja!\" weckt mich mit hellem profetischen Ruf\ndas Medium. Ein heisser Schauer schwirrt mir über\ndie Haut.\n„Aber mir liegt gerade an der Beobachtung des\nGesichts, gnädige Frau\" wende ich mich nach rechts.\n„Sie haben wohl Angst?\" bemerkt der Gatte\nhämisch, indem er nach der andern Seite sieht.\nIch bin überaus höflich und gefällig. „O nein,\ndurchaus nicht, nur sind die Bewegungen so ungeheuer\ninteressant . . \"\n„Ach det wird nich anders. Det bleibt ebenso, wie\nSie et eben jesehn haben\" höre ich leise links.\nUnd es wird pechschwarz im Zimmer. Um den\nVorhang sehe ich bei angestrengtem Hinstarren ein\nleichte graue Kontur.\nIch fühle mich ganz auf mich angewiesen. So ge-\nlähmt. Die hohen Semester zu meinen Seiten schliessen\njeden Versuch sich seiner Aktivität zu versichern aus.\nStumpf gegen jeden Vorwurf, mein Blut hat eine leicht\nschäumende Siedehitze, reisse ich meine Hand aus der\nKette, bereit, jeden anzubrüllen, der das geringste sagt\nund packe roh meine Uhr an. Ihr Gehwerk scheint\nmir etwas so unerhört Menschliches, Beruhigendes,\nWeltliches zu haben.\nDie andere Hand ist mir längst erstarrt Und\ndann fühle ich, wie meinem Gehirn durch die Wärme\naller Widerstand entzogen wird. Es ist eine willenlose,\nlau zischende Masse.\n„Da da!\" fährt eine schrille Stimme in der\nFinsternis auf. „Da dal\" Ich kann kaum schlucken,\nich habe das Gefühl, tausend Hände pressen sich um\nmeine Gurgel. Dann wieder eine schläfrige Stille.\n„Mitunter sehen wir weisse Wölkchen\" flüstert mir\nmeine Nachbarin zu.\n„Manchmal auch allerlei Gestalten\".\nDas Medium spricht plötzlich mit einer ganz\nerkalteten toten Stimme:\n„Es kommt, es kommt!\" Sie singt diese Worte\nfeierlich und langgedehnt. Plötzlich zuckt es vor mir\nwie ein elektrisches Strahlenbündel auf: ich fühle, ihre\nzeigende Hand schwimmt direkt vor meinen Augen.\n„Kugeln! Spitze Kugeln! Runde Kugeln! Lauter\nsilberne Kugeln! kreischt sie plötzlich. ~Sie rollen sich\nauf, lauter Bänder, weisse Bänder! Sie wickeln sich\num die Arme, sie wickeln sich um die Arme! Ha\nha ha!\" Ich habe nie ein so satanisches Lachen ge-\nhört. Es klirrt wie zerbrochenes Glas. Mein Schädel\ntobt. Meine gut dressirte Selbstbeobachtung kündigt\nmir an, dass eine Ohnmacht in nächster Nähe ist.\n„Er kann sich ja nicht bewegen!\" kreischt sie\nschrill.\n„Ueberall sind die Geister, überall! Da da da da!\nEr kann sich ja nicht bewegen!\"\nVor mir zischen weisse Kugeln auf. Ich fühle,\nwie sich irgendwo ein graues zähes Band um mich\nschlingt. Ich muss ja vor innerer Erregung keuchen!\nIch muss ja arbeiten wie eine Maschine!!\nGanz klar und einfach sagt mir irgendwo eine\nStimme: „Mein Lieber, du bist einer Autohypnose\nund hallunzinierst.\"\nDas Medium kreischt entsetztlich. „Er schlägt\nmich . . er schlägt mich . . Betet doch, so betet\ndoch . . . hi hi hi sie halten ihn ja fest!\"\nIrgend etwas berührt mich in dieser schrecklichen\nDunkelheit. Irgend etwas Warmes. Eine breite Kälte-\nwelle jagt mir durch durch den Körper und schiesst\nspitz ins Gehirn. Ich breche los, ich kann nicht\nmehr. „Machen Sie a tempo Licht!\" brülle ich. Ich\nspringe auf und schlage fast um mich. „Machen Sie\nLicht!\"\nIch greife rasend nach meinem Feuerzeug — es\nfunktioniert nicht. Es fliegt in eine Ecke.\n„Betet . . .\" schrillt eine grässliche Stimme. Ich\nverstehe nichts mehr. Ein wildes Gekreisch von Ge-\nräuschen. Ich habe das Gefühl, dass das Medium\ndicht vor mir steht\nDie Lampe brennt. Ganz weiss steht mit ge-\nschlossenem Augen das Medium vor mir. Die Augen-\nbrauen sind weit hochgezogen. Sie lächelt — fast ein\nLionardolächeln. Und die Arme sind dicht an den\nLeib gepresst, wie angriffsbereit — anderthalb Meter\nvon mir.\nIch stürze irrsinnig heraus. Irgendwoher packe\nich Mantel und Hut. Gottseidank es brennt noch\nLicht im Haus.\nEs regnet giessbachartig. Es beruhigt mich\nwundervoll. Der tram jagt mir tausend Ängste in\nden Körper. Ich laufe im strömenden Regen den\nStundenweg nach meiner Wohnung. Ich höre das\nfeuchte Schlürfen der glitschrigen Landstrasse. Wenn\nich aufblicke, saust senkrecht ein strahlender Ball vor\nmeinen Augen herunter. Und ich weiss, wenn ich\nmein Zimmer betrete, wird sich ein anderes Ich mit\nder liebenwürdigsten Miene von der Schreibmaschine\nerheben, die Pfeife aus dem Mund nehmen und mich\nwillkommen heissen. Es ist mir eiskalt vor Angst. —\nIch habe mich für die Zukunft mit reichlichen\nTraumen versehen. Von den Belästigungen der Nacnt\nhabe ich nur noch ein leichtes Angstgefühl. Ich weiss\nnur noch, das sich durch die lautlos geöffnete Tür\nein hängender halbentblösster Arm hereinschob und\nmit dem kraftlos zitternden Zeigefinger auf mich wies —\nDanke! — Danke!!\n\nNietzsche\nVon Erich Unger\nUnd während er sich hinaufrang, seinen höchsten\nGedanken auszusprechen, sass der Zwerg auf ihm:\n„Lahm, Lähmend; Blei durch mein Ohr, Blei-\ntropfen-Gedanken in mein Hirn träufelnd:\n„O Zarathustra\", raunte er höhnisch Silb' um\nSilbe, — Du Stein der Weisheit!\nDu warfst Dich hoch, aber jeder geworfene Stein\nmuss — fallen:\n„O Zarathustra\", Du Stein der Weisheit, Du\nSchleuderstein, Du Stern-Zertrümmerer:\nDich selber warfst Du so hoch — aber jeder ge-\nworfene Stein — muss fallen!\nVerurteilt zu Dir selber und zur eigenen Sleini-\ngung:\n„O Zarathustra\", weit warfst Du ja den Stein\naber auf Dich wird er zurückfallenl\"\nNie sprach ein Mensch furchtbarer seine Vernich-\ntung aus als hier; freilich er wähnte es damals anders:\n„Halt! Zwerg!\" sprach ich „Du kennst\nmeinen abgründlichen Gedanken nicht! Den könn-\ntest Du nicht tragen. Ich oder Du! Ich, aber bin\nder Stärkere vou uns Beiden.\"\nDies war sein Tod — Irrtum:\nDer Zwerg war der Stärkere von Beiden.\nWorauf ruhten alle Gedanken, die tausend vom\nGeiste geschaffenen Wirklichkeiten?\nSeinen Leib stellte er hin für die Träger des\nkritischen Denkens, auf seinem Selbst, auf seinem\nBlute, trug er die unermessliche Last seiner Wahr-\nheiten — — —\nAber das Spannungsschweben des Geistes, der auf\nNichts als auf seine eigene ungeheure Kraft gestützt,\nsich selber in die Nähe aller Geheimnisse trug, war\nnicht zu halten.\n\n(Schluss)"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.3", "texte": "Alles sank, alles löste sich, alles verlor das Leuchten\nder Seele und drohte Luft zu werden und Nichts.\nDie furchtbarste Tragödie hebt an — Die Tra-\ngödie, an deren Schicksals-Dimensionen das Grauen\nklein wurde. Die intensivste Macht des Lebens muss\nsich selber verneinen.\nWenn der Sturm des Erlebens vorüber und lange\nverrauscht war, so forderte das Bewusstsein in eherner\nMitleidslosigkeit andere Zeugnisse für die Gültigkeit der\nGedanken, andere, als die Gewalt des Schauens.\n„Wie? Woran das Herz meines Seins getastet hat,\ndas könnte — Schein sein? Ich selber — — un-\nwirklich ?\"\nDie Explosionskraft des Zarathustra, die so mäch-\ntig war, dass sie ihren Träger vernichten konnte, wenn\ner sich nicht ihrer entledigt hätte, deren Geburt eine\nFrage des Lebens und deren Entladung einen nach\naussen abgewendeten Selbstmord bedeutet, diese tobende\nKraft nähert sich zum zweiten Male gefahrdrohend ihrem\nErzeuger.\nUnd er weiss im tiefsten: Es geht um das Leben.\nEr flieht vor sich selber und sucht Rettung vor seiner\ngefährlich-eigenen Gewalt.\nEr will im „Willen zur Macht\" und in der „Um-\nwertung\" den Gedanken des Zarathustra den logisch\nphilosophischen Grund bauen, damit ihr Gewicht von\nihr genommen werde. Aber seine innerste Natur war\nunfähig hierzu, und statt dessen strömten aufs neue\ndie Gedanken, nur getragen durch die Macht der\nEmpfindung.\nUnd alles ruhte drohend über dem Nichts.\nWohl kamen noch die Schauer des Erlebens über\nihn und überredeten ihn:\nDu bist wirklicher als je.\nUnd ein letzter Schauer kam: — Ecce homo.\nIn erbebendem Erstaunen stand er vor der Kraft\ndes Zarathustra, die immer näher kam, fordernd, und\nnichts ist erschütternder als die Anbetung vor dieser\nmörderischen Kraft, um so tiefer, je wahrer die Er-\nkennis :\n„In unendlicher Ferne liegt all das, was bisher\ngross am Menschen hiess, unter dem Zarathustra —\nder Begriff Uebermensch ward hier höchste Realität.\nDass ein Goethe, ein Shakespeare nicht einen Augen-\nblick in dieser ungeheuren Leidenschaft zu atmen\nwissen würde, das ist alles das wenigste und gibt\nkeinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Ein-\nsamkeit, in der dies Werk lebt.\"\nMit einem Dithyrambus wie dem letzten des dritten\nZarathustra flog ich tausend Meilen über das hinaus,\nwas bisher Poesie hiess.\"\nAber das Wissen des Endes dunkelt hindurch.\nWelchen Untergangskampf enthüllen die Worte:\n„Es gibt Etwas, das ich die Ranküne des Grossen\nnenne: Alles Grosse, ein Werk, eine Tat, wendet sich,\neinmal vollbracht, unverzüglich gegen den, der sie tat.\nEben damit, dass er sie tat, ist er nunmehr schwach.\n— Er hält seine Tat nicht mehr aus, er sieht ihr\nnicht mehr ins Gesicht Etwas hinter sich zu haben,\ndas man nie wollen durfte, etwas worin der Knoten\nim Schicksal der Menschen eingeknüpft ist — — und\nes nunmehr auf sich zu haben — —. Es zer-\ndrückt beinahe.\nDie Ranküne des Grossen: Man büsst es teuer,\nunsterblich zu sein\"\nImmer näher geschah das Zusammenrücken von\nunheimlich lebendiger Grösse und Vernichtung, immer\nmehr drohte er in dem Schatten zwischen Vergangenem\nund Kommendem zu Grunde zu gehen, immer trotziger\nward die Gier des an Ohnmacht nicht Gewöhnten,\nsich zu betäuben, der Rausch, sich an neue grenzen-\nlose Gewalten glauben zu machen.\n„Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den\nes je gegeben hat,\n„Ich bin kein Mensch — — ich bin Dynamit.\n„Der Blitzschlag der Umwertung, der die Erde in\nKrämpfen beben lassen wird\"\nUnd dennoch und dennoch graut er sich, das\n„Ecce homo\" zu entsenden. Denn er weiss und\nspricht es aus: Nach diesem kommt das Ende. Nach\ndiesem letzten Sich-Empor-Schleudern, diesem letzten\nJubel des überwachen Geistes kamen furchtbarer als\nje seine Lebens-Gedanken zu ihm: — dann trat es\nschneidend ins Bewusstsein:\nDas ungeheuerste Erlebnis konnte falsch sein\nEr zerbrach daran.\n\nDer Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nXXVII\nDie Familie\nEs lag etwas Weiches und etwas Schlichtes in dem\nkleinen Zimmer, das der Kaiser mit dem Antiquar be-\ntrat. Und weich und schlicht war auch die Art, in\nder die beiden Herren von der Familie in dem kleinen\nZimmer empfangen wurden. Im Nebenzimmer hörte\nman leise Klavier spielen — alte sehr einfache Musik,\ndie im Kaiserreich Utopia immer mehr in Vergessen-\nheit geriet.\nDer Hausherr hatte einen grauen Bart und treu-\nherzige Augen und langsame Bewegungen, und seine\nFrau war ganz ebenso.\nUnd man sprach von der alten Zeit, und die beiden\nTöchter des Hauses mussten alte Silbersachen und\naltes Porzellan — alte Ledersachen und alte Stickereien\n— alte Holzschnitzereien und alte Elfenbeinarbeiten —\nalte Bücher und alte Zeichnungen — herbeitragen und\nzeigen.\nUnd dabei unterhielt man sich mit dem Kaiser,\nals wäre er ein alter Freund und schon mit allen\nalten Dingen so vertraut.\nUnd es gefiel dem Herrn Bartmann — alles was\ner sah, und auch alles was er hörte. Und er sprach\nmit der alten Dame des Hauses von der Seele der\nMenschheit — und dass die doch gerade in den alten\nSachen stäke.\n„Aber auch\", meinte er, „hinter den alten Sachen\nsteckt noch mehr, als man sieht.\"\nUnd das wurde lebhaft — auch von den beiden\nTöchtern — bejaht. Alle waren eifrig bemüht, zu be-\nweisen, wie lebendig die alten Möbel und die alten\nSchmucksachen seien — man erklärte sich die alte\nintime Symbolornamentik, betonte die Wichtigkeit der\nimmer wiederkehrenden Motive, lobte die alten ge-\ndämpften Farben, das Abgegriffene, das Altväterliche\nund besonders immer wieder die alten Ornament-\nmotive — die Rosetten, Kränze, Blumenschüsseln, die\nalten Schnörkel und die alten Kronen.\nUnd der Herr Bartmann hatte das Gefühl, als\nversinke er in all diesen Plunder, und als er beim\nAbendbrot bemerkte, dass er beinahe das Alte ganz\nlebendig vor sich fühlte, und von den Eindrücken\nseiner Kindheit plauderte und diese mit all den alten\nSachen in Verbindung brachte, und immer wieder be-\ntonte, dass man so zwischen alten Sachen in einer\nganz anderen Welt lebe und dass man diejenigen, die\nso zwischen alten Sachen in einer anderen Welt leben,\nja nicht stören und sie durch nichts herausreissen\ndürfe — da glaubten Alle, dass Herr Bartmann das\nZiel seiner Wünsche erreicht hätte.\nUnd die alte Dame des Hauses liess den ältesten\nWein bringen und dachte dabei gleichzeitig an ihre\nälteste Tochter — und hörte zuweilen garnicht ordentlich\nauf das, was gesagt wurde — und es schien dem\nKaiser so, als versinke er in eine weiche, schlichte,\nalte Zeit — und das Klavierspiel der ältesten Tochter\nvermehrte das Gefühl des Versinkens immer mehr,\nso dass der Gast ganz schweigsam wurde.\nWie aber der Herr Bartmann einen Augenblick mit\nHerrn Citronenthal allein war, warf er plötzlich hart\nden Kopf zurück, und machte mit einem Ruck alle\nseine Glieder ganz straff und sagte leise aber bestimmt:\n„Herr Citrpnenthal, jetzt müssen wir unbedingt ein\nGlas Bier zusammen trinken.\"\nDer Antiquar stimmte natürlich zu und ihm war\ndabei so, als hörte er in der Ferne eine alte utopi-\nanische Hochzeitsmusik.\nEs war aber eine Sinnestäuschung.\nZum Abschied bat der Herr des Hauses seinen\nneuen Gast, doch eine alte Schnupftabaksdose — eine\nsehr feine Silberarbeit mit Email-Miniaturen — zum\nAndenken anzunehmen.\nUnd der Kaiser musste das Geschenk schon an-\nnehmen, und er verabschiedete sich von den beiden\nAlten und den beiden Töchtern mit den dankbarsten\nWorten, so dass die Vier garnicht ahnten, wie weit\nfort die Gedanken ihres Gastes waren.\nDraussen zog der Kaiser die Stirn in der Mitte\nzusammen und rollte mit den Augen.\nXXVIII\nDer Bierkeller\nDer Herr Citronenthal führte nun den Herrn Bart-\nmann in das beste Restaurant der Stadt und stellte\nseinen Gast dort mehreren alten Herren vor, mit denen\nsich die Beiden in das prächtige Eichenzimmer zurück-\nzogen. In dem Eichenzimmer war alles voll üppigster\nphantastischer Holzschnitzerei — selbst die Tischplatten\nzeigten Holzskulpturen in Flachrelief.\nHerr Bartmann trank die ersten drei Glas Schwantu-\nbräu, ohne etwas zu sagen. Und der Antiquar kam\nauf die Familie zu sprechen, in der die Beiden Abend-\nbrot gegessen hatten, und er sprach so von der Familie,\ndass der Herr Bartmann nicht umhin konnte, sein\nSchweigen aufzugeben.\n„Halten Sie ein\", rief er plötzlich, „heute ist mir\ndas Unglück des Kaiserreichs Utopia klar geworden;\ndieses ruhige, prächtige Leben ist ganz dazu angetan,\ndie Utopianer von oben bis unten zu verweichlichen;\ndie Utopianer sind schlaff wie alte Waschlappen —\nund das ist ihr Unglück. Stellen Sie sich, meine\nHerren, das ungeheuerliche allmächtige Leben in der\nNatur vor! Da glüht und sprüht alles durcheinander,\ndass die Funken nur so prasseln. Die Welt da draussen\nist voll Leben. Und das Leben, das wir in der Natur\nsehen, reisst uns in andere Sphären — wir müssen\nempfinden, dass hinter allen Bäumen und hinter allen\nFelsen noch mehr lebt, als das, was wir sehen. Und\nder grosse Volksgeist, den wir alle anbeten, und der\nunser Dasein durchströmt, wie der Aether die Welt\ndurchströmt — dieser grosse Volksgeist lebt ebenso\nheftig, wie die grosse Welt da draussen. Aber die\nUtopianer, die von diesem grossen Geiste geführt\nwerden, zeigen nicht, dass sie so leben wie der Geist,\nder sie führt; die Utopianer sind schlaff und faul, und\nall ihr Luxus, und all ihre Kunst, und all ihre Be-\nquemlichkeit, und all ihre prächtige Gerechtigkeitsliebe\nfördern den Utopianer nicht mehr — nein, all diese\nschönen Dinge machen den Utopianer schlaff, dass er\nnicht mehr ordentlich und rasch zu denken vermag\nund nicht mehr im Stande jst, das grosse Leben, das\nda draussen in der grossen Welt lebt, mitzumachen.\nDer Utopianer kann heute nicht mehr das grosse,\nfieberhaft mächtige Weltleben verstehen und mit-\nempfinden und infolgedessen auch nicht mehr grosse\nWerke schaffen — nicht mehr Werke schaffen, die es\nwert sind, als Spiegelbild der Unendlichkeit, der Un-\nermüdlichkeit und Unerschöpflichkeit zu gelten. Wann\ndenken die Utopianer an das, was hinter allen Er-\nscheinungen lebt? Wann denken denn die Utopianer\nin ihrem Leben — das grosse Leben sich zu gestalten\n— das grosse Leben, dass der Geist lebt der uns\nführt, und den wir Volksgeist zu nennen belieben,\nnachzuleben? Und i:t diese Schlaffheit nicht empörend?\nDieses faule Utopia ist es nicht wert, zu leben —\nwenn es nicht so leben will — wie der Grosse, der\nhinter uns steht, uns zu leben gebietet. Temperament-\nlos sind die Utopianer geworden. Ich wünsche Ihnen\neinen guten Abend, meine Herren.\"\nSagte es und geht hinaus.\nUnd zweiundzwanzig Minuten später fährt der\nKaiser von Utopia in seinem Sebastianischen Luftschiff\nhoch über seinem Kaiserreich durch die Nachtluft zu\nden funkelnden Sternen empor.\nXXIX\nZwei Idylle\nIn Schiida sass die Lotte Wiedewitt in ihrem\nArbeitszimmer und war durchaus guten Mutes.\n„Wir werden uns schon durchsetzen!\" sagte sie des\nöfteren vor sich hin, und dabei arbeitete sie fleissig\nan einer neuen Wandbekleidung; sie beschäftigte sich\nschon seit mehreren Monaten, da die Einkünfte auch\nim Oberbürgermeisterhause sehr zu wünschen übrig\nHessen, mit kunstgewerblichen Arbeiten.\nIn dem dreieckigen Arbeitszimmer der Frau Ober-\nbürgermeisterin lagen in grosser Unordnung grosse\nMuscheln, präparierte Fischgräten, Korallen und andere\nfeste Meeresgewächse in Menge herum und bildeten\nein anmutiges Stilleben.\nAn den Spiegeln der Wände hingen sehr viele\nFischgräten, die durch ein neues Verfahren steinhart\nund mit allen möglichen Farben schillernd bunt ge-\nmacht waren.\nJetzt aber arbeitete die fleissige Lotte an einer\nneuen Wandbekleidung, die auf Metallplatten bunte\nMuster aus Perlmutter, Bernstein und gepressten See-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.4", "texte": "grasfabrikaten zeigten; Seegrasfabrikate, die in ihren\nbraunen Naturfarben gelassen waren und sich durch\nsehr zierliche Adern auszeichneten, bildeten die Haupt-\nteile der Muster.\nDie Lotte sah garnicht von ihrer Arbeit auf, dachte\naber dabei immerfort an ihren Moritz, der jetzt Kaiser\nin Ulaleipu spielte und wenig von sich hören liess.\n„Er soll schon staunen, wenn er wiederkommt!\"\nsagte sie dann leise und sie lächelte dabei, und ihre\nstrahlenden Augen schauten zum Fenster hinaus und\nsahen draussen auf der Strasse die geheimen Regierungs-\nsekretäre von Möllerkuchen und Käseberg, die eifrig\nmiteinander über die seuen Zustände sprachen und\ndie Oberbürgermeisterin hochachtungsvoll begrüssten.\nIn Ulaleipu sass währenddessen die Kaiserin Cäcilie\nin ihrem Ankleidezimmer und fragte ihre Zofe, ob denn\nnoch immer nicht das Pelzzimmer gereinigt sei.\n„Die Luftpumpen\", sagte die Zofe, „saugen noch\nimmer den Staub auf, aber die Geschichte hat bald\nihr Ziel erreicht.\"\nUnd als das nun geschehen war, begab sich die\nKaiserin in ihr Pelzzimmer und setzte sich vor das\nweite offene Fenster und blickte auf den schwarzen\nSee hinab und zu den grossen Bergen hinauf und\nhinüber zu den vielen Häusern der Residenz, die an\nden Bergabhängen bunt und vielkantig leuchteten wie\nEdelsteine.\nDas Pelzzimmer bestand an den Wänden und an\nder Decke und auf dem Fussboden aus lauter kost-\nbaren Pelzen, die immer durch Luftschläuche, die sich\nmechanisch von der Decke herunterbewegen konnten,\nvom Staube befreit wurden; die Schläuche hatten vor-\nzüglich funktionierende Staubaufsaugungsapparate.\nDie Kaiserin sass an ihrem offenen Fenster und\ndachte an ihren Gemahl, der garnichts von sich\nhören liess.\nAber sie war über das Schweigen ihres Gemahls\nkeineswegs ungehalten; sie las nun in einem alten\nMärchenbuche, das in wolkig buntgefärbtem Pergament-\nbande auf einem geschnitzten Elfenbeintische vor der\nKaiserin lag — das Folgende:\n„Die Zwerge aber machten der Prinzessin ein\nArmband aus glühenden Steinen, die immer wieder in\nanderen Farben leuchteten und eine feine prickelnde\nWärme ausströmten, ein kostbares Armband — und\nmit diesem Armband konnte die Prinzessin tausendmal\nschöner die Geige spielen, als alle ihre Musikanten.\"\n„Aehnliches\", sagte die Kaiserin für sich, „haben\nwir jetzt im Kaiserreich Utopia schon in Wirklichkeit.\"\nDer Mond ging auf und spiegelte sich im schwarzen\nSee, und die Kaiserin liess das Lesen sein und blickte\nhinüber zu den Häusern der Stadt, in denen jetzt die\nAbendlampen angezündet wurden.\n\nFortsetzung folgt\n\nPubertät\nVon Moritz König\nUnsäglich Vieles darf nicht erlebt werden. Viel-\nmehr von glatten, bräunlichen, lachenden Menschen im\nGleichgewicht nicht geahnt werden. Niemals widerfuhr\nSchimpfliches diesen Gutfrisierten Manchmal ist Einer\nunvermerkt weg. Niemand folgt. Man würde ja heisere\nSchreie, rollende Verzweiflung hören. Im letzten Akt\nsieht Niemand mehr den irrsinnigen, abgelöschten Blick.\nErst im Abendblatt wird die kurze Notiz erträglich.\nReinlich-schicklich schmiegt sich das Unglück in vier\nZeilen. Längst sind wir aus dem spiegelnden Ver-\ngnügungssaale fort, wenn sich die Ambulanzpfeife bis\ndorthin durchgewimmert hat. Immer im Nebenraume\nliegt der Tote Aber nicht jeder wird tot. Dann\nreden wir mit ihm wieder. Wenn er wieder bräunlich\nist, wieder sagen kann, er war über den Sommer\ndort und dort, habe heute jenes Weib besessen, dieses\nGeschäft gemacht. Die Frauen auch. Wir starren\nauf das Prinzesskleid, auf das Eisschäufelchen, von\nfeinen Fingern gehalten. Irgendwo liegen schönere\nals hysterische Bündel am Boden. Oder sie werden\ngeschlagen Sind vielleicht jetzt im uterinen Fieber\nmannstoll. Wir aber starren nur auf jene, die gerade\njetzt unnahbar sitzen. Auf Plüschbänken und das\nEisschäufelchen in den Fingern. Vor der Zerrissenheit\nwird uns unheimlich. Wir ziehen eine Uhr heraus\nund sagen, dass wir dort und dort zu tun haben.\nLüge — Feigheit. Uns hat nie eine grosse schwarze\nWelle umfasst, nie etwas zum Keuchen gebracht, bis\nLeben und Selbstmord wie A und B, wie C und E\nwaren Der Zwanzigjährige öffnete nachts\ndie Augen uid sah vorschwebende weisse Gebilde.\nSekunden. Dann erstand die Körperwelt, vier senkrechte\nMauerlinien des Schlafkabinets, von gelbem Laternen-\nschimmer der Strassse konturiert. Das kannte er und\nschloss verzweifelnd die Augen. Die heiterweisse\nSteintreppe zwischen duftenden Goldfruchtästen kam\nnicht mehr. Nichts mehr vom seligtiefen Blau über\nhohen Kolonaden und vom fernen grünen Meerstreifen\nmit rötlichen Inseln. Wo war das Mädchen mit dem\nsprechenden, tiefen Blick? Sie hiess „Amine\" und war\nihm oft mit denselben lächelnden Zügen erschienen.\nIn einem deutschen und einem indischen Traum.\nWie wund von dem letzten, ins Tiefste dringenden\nRätselblick richtete er sich auf. Die Süsse, die Süsse,\ndachte er. Warum hatte sie ihm mit dem weissen,\nschmalen Finger gewinkt? Im herrlichsten Gleichklang\nwar sein Empfinden mit stolzesten Wünschen. Der\nSinn seines Lebens enthüllt. Und Alles fort. So\ntreulostraurig war dies. Draussen das Knarren war\neine Strassenbürste. Da war noch die Federdecke.\nSie bildete, wenn man genau hinsah, die Form weisser\nBrüste, die er schmerzlichwild berührte. Noch einmal\nhob er den Kopf. War vielleicht ferneher das Glöck-\nchensprühen indischen Marschspiels noch au hören?\nMorgens erschien er müde, mit Kopfschmerzen an\nseinem Schreiberpult. Die sachlichen, kalten Elemente\ndes Tagwerks drangen in sein Wesen. Die Phantasie\nblasste ab, verfiel. Auf dem Tische lagen Papiere,\nAkten: Individualitäten. Die Person war nichts. Dort\ndas Telephon, drüben die weisse Tafel „Chefzimmer\".\nGegen zehn Uhr kam die Bedienerin und begann den\nOfen zu räumen. Sie war eine fünfzigjährige starke\nMatrone. Zwei Jahre hatte er sie nicht beachtet, in\nihr eine alte Frau erblickt. Jetzt zitterte er und ver-\nmied, ins Tiefste erregt und beschämt, sie anzusehen.\nMittags ass er wenig. Als die Uhr gegen Sechs\nrückte, erfasste ihn immer mehr drängende Fucht, eine\ngrosse Lockung. Eine Viertelstunde der Engung schied\nihn noch vor der Lustpforte, die sich weit vor ihm\nöffnete. Das Bild eines Lackschuhs, der breite, vier-\neckige, mit Steinchen besetzte Schnallen besessen hatte,\nverfolgte ihn. Er sah ihn am Fusse einer jungen\nFrau im dunkelblauen Paletot. Noch etwas erwärmte\nin sanft in der Erinnerung. Ihre aus Spitzenbesatz\nhervorblühende weisse feine Hand, die den knappen\nRock glatt zur Seite spannte.\nUm dreiviertel Sechs gab er einem dumpfen,\nstundenlang hartnäckig befestigten Vorsatz nach und\nklopfte an die Türe des Chefs. Der kurze dicke\nMann sass tief über das dichtbedeckte Pult gebeugt.\nDer junge Mensch glaubte lächeln zu müssen, indem\ner um Vorschuss bat Sein Blick haftete an einen\neigentümlich geformten Petschaft, die schwere Gedanken\nan mittelalterliche würdevolle Kanzleien hervorrief.\n„Wieviel?\" Der Chef blickte nicht auf.\nEr wusste, dass er das sagen müsse. „Zehn,\nfünfzehn?\" Dachte er sinnlos. „Zwanzig\", antwortete\ner mit einer Stimme, in der Heuchelei, Zuvorkommenheit,\nzwingendes Bitten lag. Der Chef legte ihm wortlos\neine Note hin. Er dankte mit qualvollem Zorn gegen\nsich. Nie hatte er Vorschuss genommen, aus irgend\neinem Prinzip keine Gefälligkeit verlangt. Wozu die\nwiderliche Szene des Gelderbittens? Zwei Tage vor\nder Zahlung?\nAuf dem nahen Park lag Mattigkeit und Staub.\nRegen stand bevor. Die Bänke waren von allerlei\nStadtvolk besetzt. Alle diese Leute waren im Gleich-\ngewicht. Dem Nächsten, der Viertelstunde ergeben,\nmit Zeit und Gelegenheit verwachsen. Ein Soldat und\nein Mädchen sprachen abseits miteinander. Das Mäd-\nchen war gross und hübsch und trug eine weisse\nSchürze Also ein Soldat findet so etwas. Er entsann\nsich seiner eigenen Erlebnisse mit Mädchen — Ver-\nhältnisse eigentlich doch zu nennen. Sie erschöpften\nsich in abendlichen Begleitungen, Ineinanderpressen der\nHände, gegenseitigem Lächeln, durstigen Blicken. Die\nvom „wilden Mann\" am dreissigsten Oktober eintausend-\nneunhundertundsieben. Bei der Quadrille sah sie ihn\nso erwartend an. Er verbeugte sich vor ihr, und sie\nlag ihm schmiegsam in den Armen War denn mehr\nzu wollen? Im Volksgarten war ein Mädchen gewesen,\ndas sich mit ihm zum Burgtheater bestellt hatte. Ein\nprachtvoller Sprechnachmittag war ihnen im Bankschatten\nvergangen. Dann war sie nicht mehr zu sehen. Vier-\nzig Abende hintereinander ging er vergeblich durch\nirgendeine bestimmte Gasse. Dann vergass er.\nEr verliess den Park und ging den beleuchteten\nHauptstrassen entgegen. Funkelnd und lärmend umgab\nihn das Abendtreiben. Durch öde Häuserpassagen mit\ntoten, dunklen Stadtgärtlein, kam er auf grosse Alt-\nplätze hinaus. Ein Schuster bei der kleinen Lampe\nrührte ihn. Wie der abgekehrt vom Leben da sass\nund hämmerte. Er war sicher verheiratet. Das musste,\nsoviel begriff er, friedvolle Ruhe geben. Ein kleines\nZimmer, aber eine Frau war darin. Eine Frau war\ndarin. Und es kam zu verschwiegenen Liebes-\ndingen in der kleinen Wohnung\nEr hatte ein koloriertes Bild vor Augen, das er\nals Fünfzehnjähriger im regenfeuchten Haushof zwischen\nPackkisten oft betrachtet hatte. In einem rot und\ngrün gemalten Zimmer sass ein junges Wiener Mädchen\nim leichten, lüsternen Kostüm. Er wusste noch das\nBuch: „Friedling mit dem Brandmal\" von Anton\nLanger.\nIm Schein der elektrischen Sonnen atmete die\nStrasse jetzt heftiger. Fledermausmenschen durch-\nstiessen die durchsichtige Luft In schwarzen Ecken\nmit gelben Leuchtgläsern verloren sich Mädchen, Frauen,\nmit üppigen Armen; wie verschlungene Schlangenglieder\nglitt es durcheinander. Ab und zu rollte ein Lachen\nauf, segelten ihm brennende Mädchenaugen entgegen,\nflog ein flinker Fuss, reizvoll in dünnen Strümpfen.\n•Er war mutlos. Späten Abend verrieten schon ödere\nStrassen, gefüllte Musikstuben, als ihn ein lächelndes\nGesicht, zwei Reihen kleiner Zähne, entdeckten. Aus\ndem Torschatten heraus ahnte er eine junge, hübsch\ngekleidete Person. Es befiel ihn wie Feuer. Er blickte\ngleichgiltig starr aus und schritt raschen Gangs davon.\nIn einer Anwandlung stupiden Jünglingsstolzes, plötz-\nlicher Koketterie, sah er sich nicht um, obwohl ihn\ndas Erlebnis erregte und obwohl er fühlte, dass ihm\ndieses Weib unrettbar verfallen sei. Er wusste nicht,\nweshalb er forteilte Nur jetzt sich nicht entschliessen,\nnur jetzt die Freiheit der Entscheidung wahren. Eine\nfeine, vorahnende Laszivität, Erwartung unverlierbarer\nsicherer Freuden war in ihm. Er durchschritt die\nnächsten Strassen. Das Tor, vor dem sie stand, hatte\nNummer dreiundzwanzig. An dunklen engen Gässchen\nkam er wieder vorüber. In einer selbstquälerischen\nWonne sparte er sich die Rückkehr auf, malte sich die\nnächsten Stunden aus. Ihm war, als wäre alles Trübe\nVerschleierte der abendlichen Stadt gewichen.\nZagend kam er dann zurück Sie war nicht mehr\nda. Ein Reuegefühl, tiefer Schmerz drang auf ihn ein.\nDa hörte er ein helles Gelächter. Und er fühlte einen\nleichten Schlag von rückwärts auf der Schulter. Sie\nwar es und hatte ihn sogleich erkannt Seine Füsse\nwurden schwach, er fühlte sich widerstandslos. Sie\nwar also sein Schicksal Er als Bettler vor seiner\nMeisterin, nachdem er in idealer Mädchenverehrung sich\nfest und sicher geglaubt hatte.\n„Bist doch zurückkommen\", sprach sie ihn an.\n„Na, bist ja doch ein braves Burscherl.\"\nSeine Verworrenheit fiel ganz ab, sein Ungemach\nschmolz. Vor dieser wirklichen Frau zog Sicherheit,\nFestigkeit einher. Er entsann sich einer Zigarette und\nzündete sie an. Gesicht und Gehör schärften sich\nAls sie vor ihm über einen dunklen, schlecht erhellten\nGang schritt, erwog er blitzschnell die Möglichkeit,\neinfach fortzulaufen. Sie schlüpfte über die Treppe\nhinauf und raffte den Rock. Verwirrend leuchteten\nschwarze, schlanke Gelenke entgegen. Darüber ge-\nbauschtes, knitterndes, rauschendes Weiss. Oben erlosch\ndas Licht. Er blieb im Dunkeln.\nSie suchte nach einem Streichholz. Einen Moment\nwar ihm wie einem sonderbaren Sünder Kinderjahre,\nSchulzeit drängten sich in sein Denken, Erlebnisse,\nSzenen, Abende, Nächte. — Das alles mündete also in\ndiesen dunklen Gang.\nEr trat hinter ihr in das Zimmer. Sie drehte den\nSchlüssel um. Sie waren allein. Wilde, abenteuerliche\nLust, tierhafte Gewaltempfindungen strömte diese Ein-\nsamkeit aus. Er sah billige, dunkle Einrichtungsstücke\nAn den Wänden ein Gobelin und zwei Farbendruck'\nbilder, Aphroditen, Nymphen. Ein Rechen an der Tüi\nhing voll Frauenkleidern. Auf dem Tisch Photo-\ngraphien. Ein Kind. Ein Mann in Uniform. Eine\nschwarze Lederbörse, daneben ein silberner Ring, der\ner verlegen betrachtete.\nSie hatte den Hut abgehoben und war mit ihrer\nHaaren beschäftigt. Er verwandte keinen Blick vor\nihrer Gestalt. Sie hatte giänzende Augen. Das Ge\nsieht erschien ihm bleich, die Umrisse der Figur Mochtet\nauf schlanke Festigkeit slavischer Weiber deuten. Zag-\nhaft fasste er ihren Arm und berührte sie, wie ma"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.5", "texte": "ein seltenes fremdes Tier berührt. Das Weib, ein\nWeib.\nSie umfing ihn kollegial, um ihn auf den Mund\nzu küssen. Da überflog ihn leiser deutlicher Wider-\nwille. Er drehte ihr die Wange zu, auf der er ohne\nbesonderes Wohlgefühl ihren kalten Kuss verspürte.\nInnerlich wehrte er sich gegen etwas Gewaltsames in\ndiesem Kuss, den er als Schändung eines geadelten\nSymbols empfand.\n„Nun, mach dirs bequem\", sprach sie ihm zu.\nSie zog an der Rouleauxschnur und begann sich ruhig\nzu entkleiden. Atemlos wohnte er der Enthüllung des\nniegeschauten Geheimnisses bei. Das war selbstver-\nständlich ein Korsett. Wie es Puppen in Miederge-\nschäften anhaben. Das durfte man wirklich sehen.\nIn zehn, zwölf Jahren vielleicht konnte er an eine\nHeirat denken. Jetzt stahl er sich das einfach. Ein\nNarr, der wartet. Ohne Tändelei, ohne Schwüre gab\nman Sick ihm, dem armen Burschen, hin. Kein Brief,\nkeine Treue wird verlangt. Aber die Mädchen.\nMussten sie nicht auf einen Zufall warten, um das\nLeben kenaen zu lernen? Sie mochten es leichter\nhaben, sich einfach hinzugeben, wenn sie ungeduldig\nwaren.\nNun sass sie lachend, übermütig neben ihm, die\nbunten Tücher ihrer Kleidung waren sorglich nett hia-\ngebreitet Nun war die Erfüllung so nahe, dass ihn\nüberirdische geistige Heiterkeit erhob: Heisse lächer-\nliche Kneipengespräche frecher Freunde offenbarten\njetzt ihren Sinn. So eine darf nicht nein sagen.\nIhre Haut war leuchtend weiss. Das war die Sinn-\nlichkeit.\nUnter seiner täppisch-berührenden Hand dehnte sie\nsich listig-fröhlich, brachte ihren Körper gutmütig-dar-\nreichend zur Geltung. In ihr glättete sich das Leben,\nnahm ergreifende Lustformen an.\n„Schön, wie schön,\" lachte er gierig.\n„Geh, was siehst denn da Schönes,\" lachte sie\nmüde-unterwürfig. „Es ist ja nichts daran\".\nEr stotterte schmeichelnde demütige Worte, um\nseine Erregung zu decken Aus dem Gewitter der\nSinne hielt er dann nur mehr das fest: das Weib war\nder Lohn für den Tod. Musste es sein Wer sein\nTeil an Erdenlust also erhob, übernahm auch die Ver-\ngänglichkeit.\nLächerlich und frostig lagen nun die Kleidungs-\nstücke umher. Ihren Leib sah er je'zt grotesk in\nseinen natürlichmenschlichen Verhältnissen. War ihr\nReiz nur in seiner Erregung gewesen? Verlegen, er-\nkältet war das Beisammensein. Sie zog sich nach\neinigen Hin- und Hergehen an. Alles war wie früher.\nAber Unbarmherzigkeit war hinzugetreten. Sein Gesicht\nverhärtete sich, er war stille geworden. Sie mochte\nDerartiges kennen Mit Ruhe betrachtete er sie, die\ndemütig seinen Rock herbeibrachte. Die Gestalt, das\nGehaben erschien ihm armselig, gemein. Was faselten\nZeitschriften von der Schönheit des Hetärentums.\nDas Gefühl quälender Armut erhob sich stärker.\nDie früheren Episoden seiner Mädchen schienen ihm\njetzt wieder strahlender, lebhafter, voll innerer Reinheit,\nvon der er jetzt durch diese Stunde weit geschieden\nwar. Einmal sass er auf einer Bank am See mit\neinem reizvollen Mädchen. Das fiel ihm ein. In der\nansteigenden Harmonie solchen Beisamenseins mochte\nkörperliche Vereinigung das höchste Ziel sein. Heraus-\ngerrissen als einziges war sie grausam, mörderisch.\nEin Verbrechen, dessen Schauplatz man ängstlich ver-\nliess.\nViel später fand er heraus, das keiner Art von\nkörperlicher Lust die geistige Stufenleiter fehlt. Die\nLust floss dem Manne aus tausend fremden Quellen\nzu, an denen er nicht trinken durfte. Das war jenes\ndamals dumpf, empfundene Zerstörende. Unsittlich\nund dankbar war es, sich einer anderen Frau zu-\nzuneigen, als jener, üie in Form und Reiz den Keim\ndes Begehrens verstreute. Der Frau muss das Tierische\nmit dem Menschlichen vergolten werden. Sonst war\nes Gräuel . . .\nEr horchte in die Morgenfinsternis hinaus, ob das\nZukünftige nicht fern heranblühe.\n\nAlfred Kerr\nElse Lasker-Schüler\nSylvester 1908 bin ich Alfred Kerr begegnet unter\nkünstlichen Balkansternen, zwischen schleierverhüllten\nAngesichten schöner Haremsfrauen und fezbedeckten\nHäuptern weissgekleideter Muselmänner. „Wissen Sie,\nwer der Beduinenfürst war?\" (Wir grüssten uns nach\ndes Bosporus Zeremoniell und Sitte.) „Reissen Sie mich\nnicht immer aus meinen morgenländischen Illusionen\",\nantwortete ich meiner Begleiterin. Später hörte ich,\nder Araber mit dem Seidenmantel sei Alfred Kerr ge-\nwesen. Am besten gefallen mir seine Gedichte, sie\nsind humorsüss und fallen ihm in die Hand. Aber\nseine allerschönste Dichtung war ein spanischer Essay;\nedes Wort trug eine Abendrotrose im Haar, jedes\nWort war eine Sennora, erhob sich und tanzte.\nUeber den Kurfürstendamm sehe ich ihn manch-\nmal nach der Kolonie heimwärts gehen. Dort wohnt\nAlfred Kerr in einer Villa, die beneidet wird, sonst\npflegt man die meisten Kolonisten ihrer Villa wegen\nzu beneiden. Hainlich birgt dieses nachtumheckte\nSchlösschen seinen Dichter. Spät muss der Kriti-\nsierende die Kritiken niederschreiben, die sind blaunervig\nwie er selbst und duften nach melancholischer Ironie.\nWir haben uns beide nur immer das schönste gesagt,\nwir kennen uns nur im Gruss. Mich dünkt, er träumt\nvon „Heinrich\" wie ein einziger Sohn, der sich einen\nBruder wünscht. Er träumt immer von seinem Bruder\nHeinrich Heine Bald gleicht er ihm auf einen Nerv.\nAlfred Kerr müsste durch die Strassen Paris wandern\nwie der tote Bruder, mich stört des Lebenden cheva-\nleresker Mantel, sein abgestäubter Hut. Warum denke\nich so? — Morgen lese ich im Tag seine gedichtete\nKritik über Hauptmanns Premiere.\n\nEdward Carpenter über\nWalt Whitman\nVon Heinrich Pudor\nNun ist Carpenter auch im weiteren Deutschland\nein vielgelesener Autor geworden. Kürzlich erschien\nin England sein Buch „Tage mit Walt Whitmann\", aus\ndem hier einiges wiedergegeben sei.\nCarpenter hat Whitman zweimal besucht, im Jahre\n1877 und im Jahre 1884. Er sagt: „Wenn ich früher\ngedacht hätte, dass Whitman exzentrisch sei, schwankend,\nungestüm, so hätte sicher schon mein erster Besuch\nmich eines Besseren belehrt. Niemand könnte über-\nlegter sein, niemand könnte mehr Einfachheit im Wesen\nhaben, niemand besser wissen, was er tat, als Whitman,\nund doch bemerkte ich an ihm eine strahlende Kraft,\ndie von ihm ausging wie von der Sonne, die den\nPlatz füllte, wo er sass, und dabei eine gewisse\nReserve, eine gewisse Melancholie und eine Art von\nZurückgezogenheit, sogar Unzugänglichkeit.\" Nach\neinigen Worten der Unterhaltung schlug Whitman einen\nSpazier-Bummel durch Philadelphia vor. Er setzte\nseinen grauen Schlapphut auf, nahm meinen Arm und\nging zur Fähre hinunter.\nCarpenter erzählt nun kurz, wie sie durch\nPhiladelphia gewandert sind, meist auf dem Omnibus.\nDann kommt eine sehr interessante Stelle: „Als wir\nzur Fähre zurückkamen, hörte man das letzte Glocken-\nzeichen. Wir hätten das Fährbot noch erreichen\nkönnen, aber Whitman schien nicht eilen zu wollen.\nDie Fähre stiess ab, und er setzte sich nieder, um\ndas Leben zu geniessen, indem er auf die nächste\nFähre wartete.\" Carpenter fügt hier hinzu: „Merke\nDir das Wort: Er setzte sich nieder, das\nLeben zu geniesen, indem er auf das\nnächste Fährboot wartete. Anstatt Dich\nfühlen zu machen, wie andere es tun, dass der gegen-\nwärtige Moment ein lästiger Zwang ist, von dem man\nirgendwie loskommen muss, um irgend etwas Zukünftiges\nzu erreichen, gab Whitman mir dieses herrliche Ge-\nfühl des Gegenwärtigen, des Jetzigen, („nowness\"),\ndiesen frommen Glauben, dass der gegenwärtige\nMoment genossen werden kann.\"\nAlso die grösste Kunst, unbeschäftigt zu geniessen,\nscheint Whitman in vollem Masse besessen zu haben.\nNicht minder wichtig ist folgende Phase der Kon-\nversation: Whitman sagte: „Seltsam finde ich diese\nVorliebe der Amerikaner für Vergoldung, ich meine,\ndass sie, sobald sie etwas Geld gemacht haben, einen\nRappel bekommen auf Sofas (want togo in for sofas),\nkostspielig möblierte Zimmer, Putz und Staat und der-\ngleichen. Und doch scheint es eine Notwendigkeit,\ndass sie so handeln müssen. Ich vermute es kommt\ndaher: jeder Mensch wünscht, sich so hoch wie andere\nzu fühlen, dass er auch vom Besten haben kann.\nVon der Zukunft seines Volkes sagt er dann: Die\nSchöpfung einer grossen unabhängigen, demokratischen\nKlasse von Kleingrundbesitzern ist die Hauptsache,\nobwohl unserr Politiker niemals daran denken. Ich\nbin zufrieden, wenn für Amerika freier Handel und\nfreier Wettbewerb aller Ausländer ein integrierender\nTeil seiner Politik sein wird. Die Zukunft der Welt\nliegt im offenen freien Verkehr und in der Solidarität\naller Völker. Wenn dieses Problem nicht in Amerika\ngelöst wird, kann es nirgend gelöst werden.\nDann erzählt Carpenter von seinem letzten Besuch\nbei Whitmann: Er war sehr freundschaftlich und zärtlich\nund sass am offenen Parterrefenster, er genoss den\nfrischen Luftzug und sprach über seine „Leaves of\nGrass\". „Was hinter den Grashalmen liegt, können\nsehr sehr wenige, nur hier und da Einer, vielleicht\nam ehesten noch Frauen, greifen. Es liegt hinter\njeder Zeile, aber versteckt, sorgfältig versteckt, indem\neinige Sätze absichtlich dunkel gehalten sind. Ich\nhabe in meiner Natur etwas Eilendes, Fliehendes, wie\nein altes Huhn. Man kann ein Huhn an einer Hecke\nauf und ab wandern sehen, das sehr unbefriedigt aus-\nschaut, aber sobald es einen verborgenen Platz erblickt,\nlegt es eilends ein Ei und geht fort als ob nichts\ngeschehen sei. So fühlte ich, als ich „Grashalme\"\nschrieb.\"\nCarpenter erzählt auch von seinem Besuch bei\nOliver Wendel Holmess und dessen Meinung über\nWhitman: „Neulich plauderten wir, also Lowell, Long-\nfellow und ich zusammen und kamen dabei auf\nWhitman zu sprechen. Lowell sagte: „Ich kann nicht\nverstehen, warum man so viel Aufhebens von diesem\nWhitman macht. Ich habe einen guten Teil seiner\nDichtungen gelesen, aber ich kann nichts darin finden,\nich kann nichts finden (J cant see anything in it).\"\nNa ja, antwortete Longfellow, ich glaube schon, der\nMann muss fähig sein, etwas Gescheites zu schaffen,\nwenn er eine sorgfältige Erziehung erhalten würde.\"\nIn seinem Buch spricht Carpenter auch von dem\nEinfluss, den Emerson auf Whitman ausgeübt hat.\nEmerson schrieb nämlich im Jahre 1856 an Thomas\nCarlyle einen Brief, in dem sich folgende Stelle findet:\n„Letzen Sommer erschien in New-York ein Buch, ein\nwahres Monstrum, das schreckliche Augen und Buffaio-\nKraft hatte und unzweifelhaft amerikanisch war, und\ndas ich dir senden möchte. Es heisst „Grashalme\",\nist geschrieben und gedruckt von einem fahrenden\nBuchdrucker in Brooklyn, New-York, namens Walter\nWhitman; du wirst glauben, es sei der Katalog eines\nAuktionshauses, und dann kannst du ruhig deine Pfeife\ndaran anzünden\"\nEndlich berichtet Carpenter, was John Townsend\nTrowpridge in seinen „Erinnerungen\" von Whitman er-\nzählt: „Whitman sprach an jenem Tag davon, wie er mit\nEmersons Schriften bekannt wurde. Er arbeitete als\nZimmermann in Brooklyn, indem er auf eigene Rech-\nnung allein einfache Häuschen für Arbeiter baute. So-\nbald er eines fertig hatte, fing er ein anderes an,\nHäuschen von zwei bis drei Zimmern. Das war im\nJahre 1854. Er war damals fünfunddreissig Jahre alt.\nEr lebte zu Hause mit seiner Mutter. Früh ging er\nfort zur Arbeit und kam abends nach Haus mit seiner\nKaffee-Kanne, wie ein gewöhnlicher Arbeiter. Dabei\naber trug er meistens ein Buch und zwischen ihm\nund seinem einfachen Mahl teilte er die Zeit der\nArbeitspausen. Einmal brachte ihn der Zufall ein Buch\nvon Emerson in die Hände. Und seit dieser Zeit las\ner keinen anderen Schriftsteller. All sein unbestimmtes\nSehnen jagte beim Lesen dieser elektrisierenden Worte\nin Flammen empor. So denke sich man nun den\nZimmermann, der auf seinen Brettern sitzt, die Stulle\nin der einen und die Kaffee-Kanne in der andern Hand.\nEr gestand, dass er niemals Dichter geworden wäre,\nehe er sich selbst gefunden hätte, und dass Emerson\nes war, der ihm half, sich selbst zu finden.\nCarpenter erwähnt noch die letzten langen Jahre\nder beginnenden Paralyse Whitmans, als er das Leben\nkommen und gehen liess mit Gleichmut, ein Mann,\ndem die Niedrigsten nahen durften, der von Hunderten,\ndie ihn gelesen hatten, geliebt wurde, dessen schwache\nSeite das einfache Volke war . . ."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.6", "texte": "Der Nervenschwache\nErnst Blass\nMit einer Stirn, die Traum und Angst zerfrassen,\nMit einem Körper, der verzweifelt hängt\nAn einem Seile, das ein Teufel schwenkt,\n— so läuft er durch die langen Grossstadtstrassen.\nVerschweinte Kerle, die die Strassen kehren,\nVerkohlen ihn; schon gröhlt er arienhaft:\nja _ ja, ja! Die Leute haben Kraft!\nMir wird ja nie, ja nie ein Weib gebären\nMir je ein Kind!\" Der Mond liegt wie ein Schleim\nAuf ungeheuer nachtendem Velours.\nDie Sterne zucken zart wie Embryos\nAn einer unsichtbaren Nabelschnur.\nDie Dirnen züngeln im geschlossenen Munde,\nDie Dirnen, die ihn welkend weich umwerben.\nIhn ängsten Darmverschlingung, Schmerzen, Sterben,\nZuhältermesser und die grossen Hunde.\n\nJemand will durchaus\nlachen\nNamenlos entsetzt sich Jemand in dem eidgenös-\nsischen Zentralblatt Der Bund über meinen Beitrag\nKunstverständnis in Nummer 45 dieser Wochenschrift.\nHerr Jemand behauptet, dass ich im Reich der freien\nKünste den in der Schweiz besonders missliebigen Gessler-\nhut aufpflanzen will, vor dem jedermann unter Strafe\nder „Blamage\" Reverenz machen müsste. „Der Bürger,\nder Philister soll damit eingeschüchtert werden. Aber\nphiliströser als irgend ein philiströses Kunsturteil ist\nein solcher Einschüchterungsversuch, der auf dem\nGebiete des Schönen den Leuten die Freiheit ver-\nkümmern möchte, zu sagen was ihnen gefällt oder\nnicht gefällt\" Und so weiter. Nichts liegt mir ferner,\nals den Bürger einschüchtern zu wollen. Ich wünsche\nauch nicht in negative Beziehung zu ihm zu treten.\nDas hat man von seinem Wohlwollen. Statt Lob für\nmeine Hilfsbereitschaft zu ernten, habe ich den Keim\nzu meiner Ablehnung in die freie Schweiz gesät. Noch\nvor wenigen Tagen freute sich der Bund, dass „Der\nSturm entsprechend seinem Namen schon manche leere\nHülle weggeschleudert habe.\" Es wird mir nun weiter\nnichts übrig bleiben, als auch den Bund als Hülsen-\nfrucht zu betrachten. Leicht genug sind seine Aus-\nführungen befunden worden. Ich setze mir den\nGesslerhut auf den Kopf und erkläre: Die Leute, auch\ndie Eidgenossen, haben nicht die Freiheit, auf dem\nGebiet der Kunst zu sagen, was ihnen gefällt oder\nnicht gefällt. Kunst ist für den Bürger Neuland, das\nsich nicht von Jemand kolonisieren lässt. Die Ein-\ngeborenen verstehen ihre Erde besser und der Zweck\naller Urbarmachung, die Bodenständigen zu schröpfen\n(selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen)\nwird von den deutschen Bürgern auch in diesem fern-\nsten Weltteil egelhaft besorgt. Dass die grossen\nKünstler es sich gefallen lassen, beruht auf ihrer\nGeldfremdheit. Ich gedenke nicht mitzutun. Lieber\nals Gessler hinterrücks von Teil ermeuchelt werden,\nals mit der Axt im Hause den Zimmermann zu\nersparen. Das Unglück der „freien Künste\" ist eben,\ndass jedermann sich an ihnen die Freiheit nimmt.\nDa muss man als ihr Hüter schon manchmal mit der\nAxt dreinschlagen, die ursprünglich durchaus keine\nnationalökonomische Einrichtung war. Herr Jemand\nim Bund behauptet, wir seien keine Griechen. Viel-\nleicht nicht auf seine Art, aber auf die Unsere. Und\nes sei ihm hochherzig gestattet, über die aufgeführten\nNamen zu lachen. Ueber den Effekt ist er jedenfalls\nunterrichtet worden. Man soll niemanden hindern,\nsich lächerlich zu machen. Das ist unser Humor\ndavon.\nTrust\n\nAkademie und neue\nKünstlervereinigung\nM. R. Schönlank\nEin grauer bleischwerer Tag. Er wusste vor Müdig-\nkeit nicht, ob er wachen oder schlafen sollte.;\nIn der Akademie weder Menschen noch Bilder.\nNur die weite Leere der grossen Säle. Wie ein Gift,\ndas tätige Nerven zum Schweigen bringt, das Leben\naus den Knochen saugt und einschläfert. Ich war bald\nso träge, dass ich mich nicht zum Fortgehen ent-\nschliessen konnte. Als Ich im Saal 6 ein Gemisch\naus Klinger in Zucker, Sonntagsfamilienblatt und Limo-\nnade fand, das unter dem Namen: Meyer, Hans: Ein\nTotentanz mehrere Wände bedeckte, liess ich mich in\neinen Sessel gleiten.\nBegleitet von einer alten Dame schleppten sich ein\npaar schlotternde Kniee in den Saal.\n„Ich bin ganz verschnupft und erkältet. Was tut\nman bloss?\"\n„Nehmen Sie eine warme Limonade\" sagte die\nrunzlige Tante. „Sehen Sie nur, wie gut.\"\n„Sehr, sehr. Tiefsinnig.\"\n„Meyer, Hans. Ein Totentanz.\"\n„Vielleicht habe ich auch Influenza.\"\n„Limode Und dann tüchtig schwitzen.\"\nDann schlotterte er auf seinem Stock hinaus. Ich\nwurde gezupft und erwachte.\n„Michehngelo und Viktoria Colonna der deutschen\nKritik. Aber ärgere dich nicht, er ist tot.\n- „O\n„Omega. Ja. Man hat ihm ja schon einen\nSchwanengesang geschrieben. Die Schwitzkuren werden\nnicht viel helfen Im übrigen: Ich bin die Jugend\".\n— „Protz doch nicht mit aufdringlichem Symbolismus.\"\nAber der Kleine liess sich nicht beschwichtigen.\nEr zog mich mit sich fort. Beim Durcheilen nahm er\nnoch ein Bild und drei Köpfe aus den Sälen Mit\nden Köpfen spielte er Fussball über den Platz durch\ndas Tor und den Tiergarten hindurch zum Salon Cassirer,\n— „Oh — ah\"\n„Ah — oh — ich bin die Jugend.\"\n— „Protz nicht.\"\nAls ich ihm einige qualitätslose Bilder zeigte, duckte\ner sich einen Augenblick.\n„Dilettantismus ist überall. Uebrigens: La femme.\"\nEr hatte Recht. Und nun musste ich mich von\nihm führen lassen. Was er mir zeigte, war Jugend.\nDas grosse Ziel einer rein malerischen Dekoratioa\nDie künstlerische Energie verschiedenartigster Individuen.\nEin grosser Ausblick. Ein ungeheurer Strom von\nLebenskraft, der unmittelbar auf den Beschauer über-\nging, die Kraft der Augen und des Fassungsvermögens\nsteigerte, hob, in einen seltenen Grad von Vitualität,\nDas ist unsere Kunst, das sind wir.\n„So-o\" fragte der Kleine Also höre: „Diese\nAusstellung hätte nur eine Berechtigung, wenn sie ein\nKarnevalswitz wäre, mit dem Münchner Künstler\nden Snobismus gewisser Berliner Kreise verspotten\nwollten. Der Witz wäre gut ausgedacht und glänzend\ndurchgeführt. Ernst gemeint ist sie die tollste Zu-\nmutung, die wir erlebt haben. Diese Skulpturen und\nMalereien erscheinen dann in ihren scheusslichen Ver-\nzerrungen als Ausgeburten eines Wahnsinns, den —«\n— „Schluss! Ich kenne die Weise — —\nPlötzlich hatte der Kleine einen Bogen in der\nHand und auf straffer Sehne richtete er einen Pfeil,\nIch konnte seine Bewegung nicht missverstehen.\n„Den Alten? Na weesste!\"\n„Das Alte!\"\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nGERHART HAUPTMANN\nDie Ratten / Berliner Tragikomödie\nVerlag S. Fischer / Berlin\nDIE LIEBESBRIEFE der Dame Lescombat und\ndes Herrn Mongeot / oder Geschichte ihrer\nverbrecherischen Liebe\nDreililien-Verlag / Karsruhe\nPAUL CLAUDEL\nMittagswende / Drama\nDer Tausch / Drama\nMünchen / Verlag Hans von Weber\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nI. V.: Oskar Kokoschka\n\nWarnung!\nHohle Zahne sind, wie die meisten aus Erfahrung wissen,\neines der unangenehmsten und schmerzhaftesten Uebel,\nuntcr welchen die Menschheit zu leiden hat. Man hiite\nsich daher dringend vor Vernachlassigung der Zahn-\npflege und gebrauche taglich Xosvnia Pundwuaser,\nwelches den denkbar besten Schutz gegen das Hohlwerden\nder Zahne bietet, gleichzeitig das Zahnfleisch kraftigt\nund den gesamten Mundorganisraus erfrischt Preis pro\nFlasche, lange ausreichend, Mark 1.50, überall kauflich\nm\nW\nA\n&"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "393", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.7", "texte": "k\n3SSB6 3SSBg 38BS gsaag 3SSSg\nGafcric IflaximiDan tllacbt\n3QSS3S 3S3S3BS 3S3SS 3QSS 3E3SE 3S3S3S3S 30S3S3S\nBerlin SI., (Rankc-Strassc 1\nan der Kaiser Blityclm - Klrcbe"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "394", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110204-01.1.8", "texte": "Inseratenannahme: Geschäftsstelle „Der Sturm\" Hannover, Artilleriestr. 15, für Berlin A. Bots, Potsdamerstr. 111, sowie sämtl. Annoncen-Exped., Druck v. Carl Schiissler-Hannov<\n\na\nm\nw\nDas Beste vom Besten!\nEr schmeckt sehr gut und\nbekommt ausgezeichnef.\n\nDr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrer a. d. Schauspielschule d. Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURG\nWilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5—6 Uhr\n\nr v\nm*\ntUc\nSujvci*. J\n- 6\\\\AjLi*4i\n(& »bt\n-11l\nPreis 1 Mark\nPreis 1 Mark\nMenthol -Malz- Dragees\n00\nSicheres Mittel gegen akute Katarrhe der Atmungsorgane\nermoglicht Schauspielern und Sangern sofortigen\nGebrauch der erkrankten Organe —\nZAHLREICHE ANERKENNUNGEN\nZu haben ia alien Apotheken und Drogerien / Alleinige\nFabrikantin „Pharmacia\" / Fabrik fur pharmaceutischen\nBedarf / Berlin-Halensee\nWohlschmeckend Sicher wirkend\nrJ\nD\nLsJ\n\nKurhaus und Erholungsheim\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. 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WQrttembg.\nHofopernsanger\nBERLIN W. 50\nCulmbacherstr. 6\nFernspr.: Via 18926\nERTEILT\nGESANG-UNTERRICHT\nSprechstunde 3—4 Uhr\n\n„Der Forscher\"\nIllustriertes Zentralblatt fiir deutsche\nForschung\nHerausgeber: Bund deutscher\nForscher,Hannover,unter hoher\nEhrenprasidentschaft Sr. hoch-\nfiiistl. Durchlaucht des Prinzen\nBernhardzur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen berUhmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den ~Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fordernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. 7,20. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. K. 6.— inklusive Porto\nProbenummer gratis und franko\nInserate finden im „Forscher\"\nwirksamste Verbreitung ..\nInsertionspreis: Die dreimal\ngespaltene Petitzeile 30 Pfg.\n— Geschaftsstelle: —\nForscher - Verlag, Hannover\n\nVerlag Paul Reinike,\nWilmersdorf\nHERWARTH WALDEN:\nBruder Liederlich\nFur Gesang und Klavier\nMk. 1,50\n\nYerlag Oesterheld & Co.\nIn unserm Verlag erschien\nElse\nLasker-Schiiler:\nDie\nWupper\nDrama\nMk. 2 —\nDurch alle Buchhandlungen\nzu beziehen\n\nDie Fackel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\n:: Nr. 313/14 ::\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfg.\nOberall erhAltlich\n\nwwuuuwuuuuooooqooooooooooqooo\nWeinhaus Rheingold\nKAISER-SAAL\nTagiich: Translateur - Konzert\nlOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOQ\n\nHOHENZOLLERN\nKunstgewerbehaus\nFriedmann & Weber\nHOFLIEFERANT HIRER MAJESTAT\nDER KAISERIN UND KONIGrIN\n!\n■ ■\n■\nWB-BERLIN-W8\nLeipzigerstrasse 13\nWOHNUNGSEINRICHTUNG-EN\n■ ■ KUNSTGEWERBE ' ■\nANTIQUITATEN UND STOFFE\n\nDer schonste Punkt\nin der Umgebung Berlins ist Pichelsdorf an der\nHeeresstrasse. Die letzten Wasservillenbaustellen\nan der Havel, gegeniiber Pichelswerder sollen sofort\npreiswert verkauft werden. Naheres die\nBodengesellschaft des Westens,\nMauerstrasse 86—88 ■ • Telephon I 7497\n\nHanse Herrmann\nKiinstlerische Lichtbilder\n::: Heimaufnahmen :::\nBERLIN W. / Potsdamerstrasse 134 a\nNahe Potsdamerplatz\nFernsprecher: Amt VI, 14967"}]}