{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-03-11-01", "volume": "bmtnabg_1911-03-11_01", "ocr_sha256": "7d936b5385ef13bca947d64c733d45b286f447462230e50703be43126d7f0c95", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/03/11_01/bmtnabg_1911-03-11_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/03/11_01/bmtnabg_1911-03-11_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-03-11-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-03-11_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.1", "debut_caractere": 578, "fin_caractere_exclue": 942, "texte": "Inhalt:\nMehr Kinder / Antworten von PROFESSOR LUGO BRENTANO / PROFESSOR DR DÜHRSSEN / PROFESSOR A. FOREL / KURT HILLER : Cale und der\nImpressionismus / / ALFRED DÖBLIN: Die falsche Tür / HUGO WOLF: Gedichte / PAUL SCHEERBART: Der Kaiser von Utopia / DR. S. FRIEDLAENDER: Kants\nVermächtnis / Beachtenswerte Bücher / OSKAR KOKOSCHKA: Sphinx und Strohmann / Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-03-11-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-03-11_01#c002", "volume": "bmtnabg_1911-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.2.2", "titre_corps": "Sphinx und Strohmann / Zeichnung von Oskar Kokoschka", "titre_sommaire": "Sphinx und Strohmann / Zeichnung von Oskar Kokoschka", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.1", "debut_caractere": 944, "fin_caractere_exclue": 996, "texte": "Sphinx und Strohmann / Zeichnung von Oskar Kokoschka"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-03-11-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-03-11_01#c003", "volume": "bmtnabg_1911-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "428", "page_fin": "428", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.2.3", "titre_corps": "Mehr Kinder", "titre_sommaire": "Mehr Kinder", "signature_source": "Weitere Antworten folgen", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "428", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5186, "texte": "Mehr Kinder\nWeitere Antworten folgen\nEs werden hier weitere Antworten auf unsere\nRundfrage veröffentlicht (Siehe Nummer 53 dieser\nWochenschrift).\nDie Fragen lauteten:\n1) Ist der gegenwärtige Zustand, wonach jeder\nberechtigt ist, die Konzeption durch geeignete Mittel\nzu verhüten, beizubehalten?\n2) Ist dafür Sorge zu tragen, dass jede Konzep-\ntions-Verhütung verboten wird? (Paragraph 6 und 8\ndes Kurpfuschergesetzes).\n3) Ist im Gegenteil darauf hinzuwirken, dass weniger\naber desto lebenskräftigere Kinder geboren werden?\n4) Ist durch eine Einschränkung der Geburten\ntatsächlich eine Bevölkerungsabnahme zu befürchten?\nOder würde sich nicht vielleicht durch eine Verminde-\nrung der Sterblichkeit ein Ausgleich ergeben? (Amt-\nliches statistisches Material: Der Durchschnitt der Ge-\nburten in Arbeiterfamilien beträgt acht Kinder. Deutsch-\nland besitzt die grösste Kindersterblichkeit unter allen\nLändern, demnach wäre also der Wert nicht auf die\nQualität des Nachwuchses zu legen.)\nProfessor Lujo Brentano:\n1) Das Wort „geeignete\" Mittel ist so vieldeutig,\ndass es alles in sich schliesst, was die Konzeption\nverhindert. Von der Enthaltung vom Zeugungsakt an-\ngefangen bis zu verbrecherischem Eingreifen. Ich muss\nes daher ablehnen, diese Frage zu beantworten.\nIm Uebrigen dürfte das Verhalten der Eheleute stets\nvon ihrem eigenen Gewissen abhängen, gleichviel,\nwas das Gesetz bestimmt.\n2) Siehe die Antwort auf Frage eins.\n3) An sich ist es gewiss wünschenswerter, dass\nweniger, aber dafür lebenskräftigere Kinder geboren\nwerden. Nur lehne ich es ab, dies in Gegensatz zu\nFrage 2 zu setzen, und insbesondere lehne ich das\nWort „hinwirken\" ab, aus Gründen, welche aus der\nAntwort auf Frage eins hervorgehen.\n4) Die Angabe, dass Deutschland die grösste\nKindersterblichkeit unter allen Ländern hat, ist nicht\nzutreffend, die Kindersterblichkeit in Oesterreich, Ungarn\nund Russland und einigen anderen Ländern ist grösser\nals in Deutschland Vergleicht man, wie viele im ersten\nLebensjahr Gestorbene auf je zehn Kinder kommen,\ndie zu tausend Seelen der vorhandenen Bevölkerung\nneu hinzukommen, so sind die Zuwachsverhältnisse in\nDeutschland besser, als in zahlreichen anderen Ländern.\nAm schlimmsten sind da die Zustände in Mexiko,\nFrankreich, Australien, einigen amerikanischen Staaten,\nRussland undsoweiter.\nEinstweilen wird in Deutschland die Verminderung\nin der Geburtsziffer durch noch grössere Abnahme der\nSterblichkeit ausgeglichen. Es liegt in der Natur der\nDinge, dass der Abnahme der Sterblichkeit eine Grenze\ngezogen ist Denn Stillstand in der natürlichen\nBevölkerungszunahme ist unausbleiblich\nProfessor Dr. med. Dührssen:\n1) Jedes Individuum ist berechtigt, die Konzeption\ndurch geeignete Mittel zu verhindern und wird hierzu\nselbst dann noch in der Lage sein, wenn alle anti-\nkonzeptionellen Mittel verboten werden. Ohne zwin-\ngenden Grund ist ein solches Vorgehen allerdings un-\nsozial, da die Machtstellung eines jeden Staates auf\nder Zahl seiner Angehörigen beruht.\n2) So wie der Arzt berechtigt ist, bei Lebens-\ngefahr der Mutter eine vorhandene Schwangerschaft\nzu beseitigen, so ist er auch berechtigt, in gewissen\nFällen zu einer Konzeptionsverhütung zu raten. Es ist\ndaher wünschenswert, dass er für solche Fälle Mittel\nempfehlen kann, die die Gesundheit nicht schädigen.\n3) Es ist darauf hinzuwirken, dass alle Kinder\nlebenskräftig bleiben. Vielleicht bietet die innere\nKolonisation hierfür ein Mittel und die Bestrebungen,\narme Stadtkinder schon in frühem Alter auf das Land\nzu verpflanzen.\n4) Durch eine Einschränkung der Geburten ist\nallerdings eine Bevölkerungsabnahme zu befürchten —\nund zwar besonders in den staatserhaltenden Schichten\n(Bürger- und Bauernstand). Der Arbeiter dagegen\nwird für die Anwendung antikonzeptioneller Mittel kaum\nzu haben sein, und nach wie vor mehr Kinder in die\nWelt setzen als er grossziehen kann. Zur Verhütung\ndiese Misere ist das sub 3 Gesagte in Erwägung zu\nziehen.\nProfessor A. Florel:\n1) Ja unbedingt. Es ist nicht nur ein unbefugter\nEingriff in die persönliche Freiheit, dem Individuum die\nRegelung seiner Empfängnisse verwehren zu wollen,\nsondern es bedeutet eine direkte Förderung der Ver-\nbrechen des Kindsmordes und der künstlichen Ab-\ntreibung.\nAusserdem wird dadurch jeder Möglichkeit einer\nrationellen Besserung der Rasse entgegengearbeitet.\n2) Nein. Es wäre dies eine bedenklich rück-\nschrittliche Massnahme und ein schwerer Verstoss\ngegen die Rassenhygiene (Siehe 1).\n3) Unbedingt ja.\n4) Die Qualität der Geburten ist unbedingt wichtiger,\nals deren Quantität — besonders heute, wo die\nZeichen zunehmender Entartung der Kulturrassen sich\nbedenklich mehren\nDie Zahl der Empfängnisse ist bei allen Degene-\nrierten und Minderwertigen einzuschränken. Die Ge-\nsunden und Tüchtigen sind dagegen zu belehren, sich\nkräftig zu vermehren. Das wird aber nicht durch\ndrakonische Gesetze gegen antikonzeptionelle Mittel,\nsondern durch Erziehung zur Schlichtheit und Einfach-\nheit, sowie durch Bekämpfung des Alkoholgenusses\nund des Geldkultus (Kapitalsherrschaft) erreicht.\nInwiefern quantitativ die Verminderung einer schlechten\nNatalität durch Verminderung der Sterblichkeit ausge-\nglichen wird, entzieht sich meiner Berechnung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-03-11-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-03-11_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "428", "page_fin": "429", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.2.4", "titre_corps": "Calé und Impressonismus", "titre_sommaire": "Calé und Impressonismus", "signature_source": "Kurt Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "428", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.2", "debut_caractere": 5188, "fin_caractere_exclue": 11961, "texte": "Calé und Impressonismus\n\nWalter Cale ist, noch heute, deswegen von Inte-\nresse, weil er die Postulate der gemässigten litterarischen\nRechten, als immerhin jungberliner Analytiker, fein for-\nmuliert hat. Man wird vielerlei gegen ihn sagen müssen\n—: aber dass er verschwommen gewesen wäre, mystisch\nin der Form, unlucide, schwelgend, ein qualliger Magus\n— das darf keiner von ihm behaupten. Man ist nicht\nwehrlos gegen seine Moralismen; die Finger gleiten\nnicht ab; man vermag ihn anzupacken; er gehört zu\nden Dankenswerten, die widerlegbar sind.\nWer den grauumpappten Nachlassband aufschlägt,\nfindet, im Beginn des „Tagebuchs\", eine Polemik gegen\nden (dichterischen) Impressionismus. Zunächst\nist das ein wunderschönes Psychologisma. Es gebe\nKunstwerke, sagt Cale, die nicht rund, unangreifbar,\nin sich geschlossen seien, nur auf sich bezogen, wie\neine Kugel von Glas — sondern die aus sich heraus\nBeziehungen zum Leser eröffneten, auf ein vom Leser\naus dem Kulturinhalt der Zeit geschöpftes Aspiori\nspekulierten; erst mit dem Hinzutreten des Lesers\nwerde der Ring des Werkes geschlossen, erst im Ge-\nniessenden vollende es sich. Die Folge davon aber\nsei dieses: wenn jener Kulturinhalt der Zeit im Laufe\nder Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte einmal entglitten,\ndann sei aus dem Buch ein Arsenal von Schatten ge-\nworden, die vergeblich darauf warteten, so wie früher\nbelebendes Blut geliefert zu bekommen. Impressionis-\ntische Bücher also hätten zwar die grösste Moment-\nwirkung (da jeder sich in ihnen wiederfinde), aber sie\nveralteten rasch; ihre Wirkung sei eben die eines\nSpiegelbildes, nicht die eines Porträts . . .\nDen psychologischen Ductus gebilligt, bleibt ein\nfalsches Ethos übrig. Gewiss, solche Bücher veralten\nschneller. Aber ist das ein Fehler? Feinde des Archiv-\nstaubs, der Retrospektive, der philologischen Ver-\ndummung werden darin eher einen Nutzen sehen; zu-\nmindest ist Gefahr des Veraltens kein argumentum\ncontra. Welcher Mensch liest ein Buch unter dem\nGesichtspunkt: „Wie lang® wird es am Leben bleiben?\"\nSo liest allenfalls ein Prognostiker, ein Statistiker, ein\nHistoriker; nie einer, der Kunst geniessen will. Aber\ndie Intensität, die Intensität des Genusses, die gibt\nallerdings ein Argument ab. Was heisst: Bücher haben\ndie grösste Momentwirkung? Die grösste Wirk u ng\nheisst das, haben sie. .— Warum diese Moral des\nModerantismus ? Warum einen temperierten aber langen\nEffekt einem lodernden aber kurzen vorziehen? Natür-\nlieh: alles Mässige hält lange vor, und alles Gewaltige\nverraucht eilig; aber wer das Mässige, um der Dauer willen,\nliebt und das Gewaltige, des raschen Endes wegen, hasst,\nder macht sich verdächtig, das Mässige zu lieben und das\nGewaltige zu hassen. . Mich schiert es den Teufel, ob eine\nDichtung „Ewigkeitswert\" besitzt, wenn sie nur jenes\nundefinible Gefühl des Herangerissen- und Hereinge-\nzogenwerdens mir gibt; jenen Schauer; jenes pathetische\nSelbstvergessen, welches ein religiöses Erleben des ge-\nreinigten und gesteigerten Selbst ist. Ich bekenne, dass\nmir mein Spiegelbild (so rasch immer es vergeht) in-\nteressanter ist als das bleibende Porträt irgend eines\ngleichgültigen Erdgenossen — übrigens ein Bekenntnis\naller derer, glaube ich, die sich nur selten in den Spiegel\nsehn. . .\nJedenfalls hätte Cale, gleich jedem seiner über-\nlebenden Mitklassizisten, sich sehr gehütet, diese tempo-\nralistische Doktrin des Schönen auch als Doktrin des\nWahren zu verkünden; es fällt ihnen nicht ein, Philo-\nsopheme etwa für desto wahrer zu halten, je länger\nsie anerkannt sind; aber dass ein Kunstwerk desto\nwertvoller sei, je länger es geniessbar bleibt, das finden\nsie selbstverständlich. Wo doch dem Logos billig sein\nmuss, was der Aisthesis recht ist.\nDabei stimmt nicht einmal, dass die unimpressionis-\ntischen, vollständigen, „runden\" Dichtungen gefeit gegen\nVeraltung seien. Die veralten nur auf andere Weise.\nSie werden fade, wurst, gleichgültig — während die\nimpressionistischen es nur zur Unverständlichkeit bringen.\nUnd fürwahr: leiber noch komme ich mir vor wie\njenes Tier vorm neuen Tore, als dass ich, zu ehr-\nfürchtiger Bewunderung verurteilt, mich langweile wie\nein melancholisches Krokodil. Darauf bestehe ich: dass\nder grösste Tort, den ein Poeta uns anzutun vermag,\nder Ennui ist Nun frage ich aber alle Ehrlichen,\nwarum sie sich den Sophokles - Schwindel, den Dante-\nSchwindel, den Stifter-, Mörik'-, Droste-Schwindel immer\nnoch gefallen lassen. Warum sie nicht endlich ohne\nAngst bekennen, dass eine Seite von Wedekind, oder von\nGeorge, oder von Heinrich Mann, dass eine Zeile von\nKerr, ein Beistrich von Kraus, ihnen mehr Pulsschlag,\nFreude, Erschütterung schenkt als alle Leistungen dieser\n„Ewigen\" zusammen. Mag sein, dass das „Zeitlos -\nMenschliche\" es ist, was die Seelen am wildesten packt;\naber ich schwöre, dass sie sich nur packen lassen,\nwenn es realisiert ist an Zeitlichem. Von keiner Tat-\nsache des Daseins bin ich heftiger überzeugt als von\nder Verlogenheit derer, die erst dann zum wahren Ge-\nniessen zu kommen behaupten, wenn der Gegenstand\ngehörig von ihnen distanziert ist. Allen Formalisten,\nGebärdenfexen und Ibsenverhöhnern in die Ohren ge-\nbrüllt : Sich wiederzufinden, sich selber\nschlacke nr e i n u n d pr i nzipialisiert wieder-\nzufinden, das ist der Kern des Rausches\nder Kunst. (Wer im Gehalt nur ein Mittel, ein not-\nwendiges Übel, die Materie der Formung sieht — der\nist ein Flachkopf, oder ein Flachkopf aus Eigensinn:\nzu deutsch ein Snob.) Den Teil aber von sich wieder-\nzufinden, worin man, nach Gottes unerforschlichem\nRatschluss, allen Menschen aller Tage gleicht — das\nist etwas stupide auf die Dauer. Doch freilich, heute\ngehört ein kräftiger Schuss Stupidität, Unbesonnenheit,\nespritlosen Ernstes zum guten Ton in litterarischen\nDingen. Vornehm und schwachsinnig, tief und öde,\nwerden annähernd als Synonyma gebraucht. „Je\nmenschenferner, desto besser 1\" knurren und säuseln,\nknurrsäuseln die Ästheten; und warum wohl? Mir\nschwant: aus keinem anderen Grunde als deshalb, weil\nsie zu feige sind; weil sie sich fürchten sich, wieder-\nzufinden; weil sie den Ekel vor ihrem Spiegelbild\nhaben; weil sie sich masslos ängsten vor sich selber.\nDer anständige Mensch, wo er zu Dichtungen\nflüchtet, flieht zu sich; der verlogene flieht vor sich.\nIch habe immer gefunden, bei Theoretiken des Ästhe-\ntischen: je unreiner, unehrlicher, plebejischer einer im\nLeben ist, mit desto grösserer Strenge fordert er von\nder Dichtung „Distance\" und das, was er „Haltung\"\nnennt. Die Sauberen zieht es mehr zur „Rinn-\nsteinkunst\" . . .\nMan sieht: ich mache Reklame für einen neuen\nNaturalismus (dieses Wort gibt zu Missverständnissen\nAnlass), und in der Tat, der zieht hinauf. Gruss und\nHeil dir kommender freudenschaftlicher Formung des\nHerrlich-Heutigen 1 — Aber ich muss noch ein Wort"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "429", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1592, "texte": "ins Elysium singen, zu jenem Cale. Er wirft den Im-\npressionisten vor, sie seien minderwertig, weil sie der\nFaulheit Vorschub leisten; „wo ein Künstler sich vor\nirgend einem Tun drückt, kann auch nur weniger wert-\nvolles herauskommen.\" Klingt schefflerisch, aber mag\nwahr sein. Indessen: was heisst denn „sich drücken\"?\nDer doch nur „drückt sich\" vor einem Tun, der es\nunterlässt, obwohl er es als notwendig empfindet. Nun\nempfindet der impressionistische Dichter (und Litteratus)\nnichts als so notwendig wie : Zusammendrängung. In\ndieser Zeit einer grenzenlosen Geschäftigkeit und einer\ndennoch hypertrophischen Bildung sieht er sich ge-\nzwungen, das was er zu sagen hat, so kurz, so knapp,\nso komprimiert wie möglich zu sagen; ganze Kom-\nplexe von Gefühlen, von Gedanken in ein Wort zu\npferchen; formulatim zu schaffen ; Pillen zu drehen.\n(Nichts Göttlicheres gibt es heute in der Kunst der\nWorte: als Formeln und Pillen.) Mit wenig Aufwand\nviel erreichen „un minimum d'effort pour un maximum\nd'effet\" — das will der Impressionist; das ist sein\nPostulat; das ist das artistische Ethos, das er stünd-\nlich erlebt. „Drücken\" würde er sich also nur, wenn\ner, diesem inneren Soll zum Trotz, anstatt nach Kräften\nzu kondensieren, es sich bequem machte, wenn er\nsich behaglich verbreitete, sich in teutscher Schlaffheit\nbehäbig ausquatschte.\n. . Beliebt einer schon die moralische Allüre, so er\nästhetisch judizieren will, dann versehe er sich wenigstens\nzuvor mit einer hinreichenden Dosis moralischer Ein-\nsicht. Das rate ich weniger Cale im Elysium, als\ndenen, die nach ihm kamen.\n\nKurt Hiller"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-03-11-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-03-11_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "429", "page_fin": "430", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.2.5", "titre_corps": "Die falsche Tür", "titre_sommaire": "Die falsche Tür", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "429", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.3", "debut_caractere": 1594, "fin_caractere_exclue": 12671, "texte": "Die falsche Tür\nVon Alfred Döblin\nUm vier Uhr morgens stellte der Wachtposten\nsein Gewehr gegen die hohe Mauer des Kasernenhofes,\nzog die Löschkette der letzten Gaslaterne herab, mur-\nmelte, den Fez ins Gesicht gedrückt, die Stirne nach\nMekka gewandt, das kurze Morgengebet. Durch die\ngrauen Alleen trabten die Gemüsewagen, die Esels-\ngespanne mit Milch nach der schlafenden Stadt. Die\nniedrigen Fenster des Offizierkasinos werfen noch im-\nmer einen breiten Lichtschein über die Strasse weg\nbis an die Baumreihe der anderen Seite In den\nlanggestreckten Speisesaal und den Spielzimmern drang\nkein Zug des eben anhebenden scharfen Morgen-\nwindes, im dicken Qualm bewegten sich die erhitzten\nHerren; sie lagen in lockeren Uniformjacken in Klub-\nsesseln. Sie drängten sich zu dreien und vieren um\neinen grünen runden Tisch, schleuderten mit wilden\nBlicken ihre Karten schräg über den Tisch, um nach\neinigen Minuten atemloser Stille in ein lautes Geschrei\nauszubrechen, sich bei den Schultern zu fassen, im\nZimmer herumzutanzen. Am Kopfende des völlig ver-\nwüsteten Speisetisches sassen hinter ihren Ehrenpokalen\nnoch immer die beiden Brüder Kyrias, denen der\nAbend gegolten hatte, sassen in einem trinkfesten\nKreise und schwelgten in Erinnerungen aus einer\nMittelmeerfahrt. Der jüngere Kyrias, Nick geheissen,\nschwarzäugig wie sein Bruder, aber feurig, vollwangig,\nmit kurzgeschorenem starren Haar, einem kleinen\nSchnurbärtchen über den wulstigen roten Lippen,\nsprudelte über und schwatzte unaufhörlich Dinge, denen\nkeiner zuhörte, mit seiner hohen weichen Stimme.\nAb und zu liess sich der ältere Kyrias, ein vollbärtiger\nHypochonder, von ihm fortreissen, erzählte in feier-\nlich stockender Art weiter, erschrack aber, sobald er\nan eine Pointe kam, nahm unsicher ein Streichholz\nzwischen zwei Finger, stand auf, lächelte und Nick\nmusste beenden. Nick erzählte von den riesigen Sum-\nmen, die sie beide in Monte Carlo drangesetzt hätten,\nvon den Kniffen, die man beim Spiel anwenden musste.\nEr hatte seinen Talisman ständig in der Hand gehalten,\nhatte sich ein andermal die Stiefel heimlich unter dem\nTisch ausgezogen und in blossen Strümpfen gespielt,\nhatte, als dies und vieles andere nichts nutzte, zum\nTrotz eine alte hässliche Frau das Spielgeld an einem\nFreitag Morgen von der Bank abholen lassen. Das\nSpitzglas fiel ihm aus der fleischigen Hand und der\nWein perlte über sein faltiges Vorhemd. Er begann\neben zu erzählen, wie er klug geworden war. Als\nder Oberleutnant Irfen aus der Spielzimmertür auf sie\nzu kam und sich schweigend Nick gegenüber auf\neinen Rohrstuhl aufpflanzte. Nick hatte dadurch ge-\nlernt, dass er zunächst bei kleinen Einsätzen etwa drei\nStunden lang den Verlauf des Spieles beobachtete,\ndass er dann von einer augenblicklichen beliebigen\nKombination ausging und nun eine kleine Wahrschein-\nlickeitsrechnung machte. Die Chancen seines Spiels\nstiegen jetzt um etwa achtzig Prozent. Er nahm von\ndem Schreibpulte am Fenster eine weisse Lösch-\nunterlage und malt mit einem Kohlestift eine Tabelle\nauf.\nRittlings auf seinem Rohrstuhle sitzend sah der\nlange Oberleutnant ihn starr an. Das ungemein\nscharf geschnittene Gesicht war glatt rasiert, die Ober-\nlippe hing stark über und zuckte viel. Der Schädel\nkahl. Das Haar an Schläfe und Hinterhaupt pfeffer-\ngrau und abstechend; in scharfem Winkel zogen die\nAugenbrauen an der Nasenwurzel zusammen. Nur\ndie Trunkenheit verlieh seinen sonst schweifenden\nAugen den starren Blick und liess durch das fahle\nGrau der Wangen eine fleckige Rötung leuchten. Irfen\nwar selten gesehen in diesem Kasino. Er trieb sich\n— das wussten seine Vorgesetzten so gut wie der\njüngste Rekrut — in den niedrigsten Spelunken der\nStadt herum, musste oft morgens in den schlimmsten\nSchenken von seinen Burschen gesucht werden. Aber\nein ungewöhnlicher Scharfsinn, ein eiserner Fleiss\nmachte ihn unnahbar für strenge Disziplinierung. Er\nwar durch ein sonderbares Vorkommnis vor rund drei\nJahren aus der Hauptstadt in diese Provinzgarnison\nversetzt worden. Als bei den damaligen Frühjahrs-\nmanövern ein grosses Avancement stattfinden sollte,\nwar Irfen für eine bevorzugte Stelle in dem Stabe\nseines Korps vorgeschlagen. In der wundervollen März-\nnacht, Tags vor dem Ausrücken seiner Abteilung jagte\ner über die Dörfer, trank sich in einer Bauernschenke\nfest, beendete die Nacht bei einer verrufenen Dorfhexe,\nderen Fenster er vorher einschlug. Morgens setzte er\nkurz vor der Inspektion auf dem Uebungsplatze mit\neinem Schimmel an, von dem er später selbst nicht\nwusste, wem er abgetrieben war. Der Kommandeur\nritt an dem Offizier vorüber, der kerzengrade auf dem\nGaul sass, aber Stroh im Haar hatte und dessen\nlinker Aermel weit bis in die Achsel aufgeschlitzt war,\nriss noch einmal sein Pferd um und sah nun erst ver-\nblüfft, dann ironisch lächend den Offizier an. In der\nNacht darauf hatte Irfen sein eigenes edles Pferd er-\nschossen, war in den Stall des Kommandeurs gedrungen,\nhatte auch dessen zwei kostbaren Pferde erschossen,\nnachdem er vorher den Stallburschen in widerlicher\nWeise gemisshandelt hatte.\nUeber den Tisch langend, nahm er dem jungen Nick\nden Kohlestift und den Löschbogen aus den Händen,\nsagte:\n„Pass auf, Kamerad, wie deine Rechnung Sganz\nrichtig wird,\" schloss die Augen und fuhr mit dem\nbreitgelegten Kohlestift nach allen Richtungen über die\nTafel, wobei er den Rand der roden Unterlage be-\nschmierte. Auf die erstaunte, etwas verwirte Frage\ndes jungen Nick, der sofort aufgesprungen war, brach\ner in ein hartes meckerndes Lachen aus. Nick fuhr\nihn, aufrechtstehend, lärmend an, aber er setzte allen\nAufforderungen, sich näher zu erklären, nur ein höh-\nnisches „Kismet; es gibt nur das Fatum\" entgegen,\nso dass die Unterhaltung einen peinlichen Ernst an-\nnahm und man in den Nebenzimmern aufmerkte. Der\ngraue Oberleutnant aber wandte plötzlich sehr bedacht-\nsam seinen Stuhl um, machte mit beiden Armen den\nTisch vor sich frei, setzte sich hin und legte sich\nbreit, den Kopf auf den Armen, über den Tisch hin.\nDas linke Auge kniff er zu, den linken Mundwinkel\nzog er herunter, sein Gesicht bekam einen gespannten\nAusdruck; er schlug mit dem linken Arm wiegend\nauf die Tischplatte: „Sag was du willst, Nick, tu was\ndu willst. Ich versichere: hast du das Glück, so kannst\ndu deine Abteilung rückwärts marschieren lassen über\nein Stoppelfeld, und keiner stürzt dir hin. Andernfalls:\ntue was du willst, quäle dich auf einer Pritsche ab,\nzerarbeite dich: es nutzt nichts. Es kommt nicht zu\ndir, das Glück. Es hat nicht den Schlüssel zu deiner\nTür. Daran liegts. Lass deine Hände weg davon; es\ntritt nicht über deine Schwelle, niemals, wenn du auch\nmit einem Strick an seinem Hals ziehst.\" Der andere\nhöhnte auf eine krampfhafte Art. Er redete ruhig\nweiter. „Ich werde dir etwas sagen. Hole mir noch\neine Kanne griechischen Wein. Wenn ich mich heute\nschlafen lege, so werde ich es einmal versuchen.\nWieder einmal. Aber im Schlafe. Ich werde im\nSchlafe fragen, verstehst du mich, was ich wissen will\noder nicht wissen will; ich weiss nicht was und werde\nmit der Antwort aufwachen. Sieh her —\" er hatte\nsich, den Kopf auf den linken Arm, mit dem Ober-\nkörper ganz gespannt über die Tischplatte gelegt, griff\nmit der offenen Hand in die Luft — „so wie ich hier\nbin, werde ich schlafen, werde Kismet sagen und die\nZukunft befragen, die wird mir meine Frage beant-\nworten\". Sein Faustschlag dröhnte auf dem Tisch; er\nsprach mit absoluter Bestimmtheit. Es war kaum eine\nhalbe Stunde später, als er über den Tisch gesunken,\neinschlief.\nMittags gegen zwei wachte er auf. Als er schwei-\ngend durch den Saal ging, neckte ihn der junge Nick.\nIrfen besann sich, er hatte nichts im Schlaf gefragt\nund ihm war nichts eingefallen. Er ging in die Stadt,\nkam um acht Uhr wieder, um sich sich mit finsterer\nMiene wieder znm Trinken hinzusetzen.\nEin Pokulieren im kleinen Kreise begann; in dem\nbeginnenden Lärm sass er versunken da. Bis er mit\neinmal, gegen zehn Uhr, aufstand, krachend sein\nGlas auf den Tisch schmetterte und schweigend, den\nBlick zum Fenster hinaus in die Flamme der Gas-\nlaterne gerichtet, steif stehen blieb.\n„Halt, halt,\" schrie er.\nDabei liessen seine Augen nicht von der Gaslaterne\nlos. Die flackerte garnicht.\n„Nummer sechs, Nummer sechs.\"\n„Deibel, was hat er?\"\n„Ich sage, Nummer sechs.\"\n„Das Fatum\", flüsterte Nick seinem erschrockenen\nBruder zu.\n„Weche Strasse, Irfen?\" schrie einer vom Ende\ndes Tisches.\n„Nummer sechs ist es\"\n„Hailoh, Perastrasse,\" brüllte derselbe, „da wohnt\nsie 1\"\nIrfen blieb schweigend stehen. Er flüsterte etwas.\n„Perastrasse,\" wiederholte er automatisch sehr\nleise, er setzte sich plötzlicn hin, sehr ruhig, trank\nsein Glas in einem Zuge aus und blickte sich um.\nEinen Augenblick hielt die Verblüffung im Kasino an,\ndann lachte einer, schliesslich alle brüllend auf. Nick\nsprang auf: „Das Fatum hat gesprochen, Kameraden.\nRäuchert unsere Pythia aus\". Sie drangen auf den\nOberleutnant ein, schlugen wie er auf den Tisch:\n„Bravo, Prophete!\"\nSie drängten ihn, zu sagen, was er gefragt hatte.\nEr fuhr sich über den kahlen Schädel, brummte; er\nkonnte sich nicht besinnen. Das Gelächter nahm kein\nEnde.\nEr sagte gleichmütig, indem er sich aus einem\nKruge vom schwersten Griechenwein einschänkte, „in\neiner Stunde wolle er hingehen, das Fatum habe ge-\nsprochen; er könne es nur entgegennehmen; sie\nsollten lieber einen Zeugen auswählen; lachte zu-\nfrieden, als Nick sich selbst vorschlug und gewählt\nwurde, und als die jungen Leute wilde Allotria zu\ntreiben anfingen. Sie vermummten sich in Frauen-\nkleidung, erschienen vor ihm als Damen des Hauses\nNummer sechs, schnitten, als sie den schamhaften\nSchleier hoben, die entsetzlichsten Grimassen, brüllten\nlockend und pathetisch: „Kismet, Kismet 1\" Die Kasino-\nburschen legten ihm und Nick kurz vor elf die Mäntel\num, schnallten ihnen Degen und Revolver um, gaben\nihm den Fez in die Hand. Durch das Spalier der\nzurückbleibenden, die beschlossen hatten, bis zur Rück-\nkehr der beiden zu warten, gingen sie aus der Tür\nhinaus; Irfen voran, völlig kalten Blicks, als verliesse\ner wie sonst das Kasino; hinter ihn prahlerisch, etwas\nbetrunken und hoch vergnügt Nick. Sie taten die\nersten Schritte in die frische Nachtluft hinein. Nick\nschwatzte stolpernd über das Pflaster; Irfen gab keine\nAntwort. Dann sprach auch Nick kein Wort mehr. Als er\nan der ersten Strassenecke Irfen mit einer Handbe-\nwegung über die Richtung orientieren wollte, bemerkte\ner, dass Irfen den Kopf auf die Brust hatte sinken\nlassen, so dass sein Fez fast herunterfiel und der\nBüschel vorüberhing. An einer Strassenlaterne kam\nes ihm vor, als ob der Oberleutnant mit festgeschlos-\nsenen Augen ging, und als ob eine tiefe Spannung seine\nMundwinkel herunterzog und wieder die unbeirrbare\nSicherheit auf seinem Gesicht erschien.\nDen schon bestürzten jungen Mann befiel eine\nAngst, die seine Glieder lähmte. Als er noch einmal\nscharf den steinernen Ernst und die Verbissenheit\nfixierte, die neben ihm schritt, fuhren seine Hände\nentsetzt zusammen: „er versündigt sich\" schoss ihm\ndurch den Kopf; es überkam ihn die Lust, stehen zu\nbleiben, wegzulaufen, jemandem mitzuteilen, was hie"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "430", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5291, "texte": "vorging. Aber er konnte nicht anhalten. Es war\nja auch lächerlich. Irfen ging mit ziehendem Schritt\nvor ihm und liess ihn nicht los. Er ging im unglaub-\nlichem Gleichmass dicht an den Häusern, mit kleinen,\nschleifenden Schritten. Sie bogen aus der weiten\nHauptstrasse in die lange schmale Perastrasse. Da\nbrannte nicht eine Laterne. Vor einem alten ein-\nstöckigen Häuschen blieb der Oberleutnant stehen,\nohne den Kopf zu heben. Er hatte nicht aufgesehen,\num das Haus zu finden. Sie standen fast eine halbe\nMinute lautlos vor der kleinen Tür. Es war Nummer\nsechs; es war in der Tat Nummer sechs. Dann legte\nIrfen die rechte Hand vor die Stirn und sagte, ohne\nsich zu wenden: „Nick, ich will Dich bitten. Lass\nuns einen Augenblick an Allah denken; dann müssen\nwir Allah eine Zeitlang vergessen.\" Schon hatte er\nden metallenen Türklopfer gehoben und ihn gegen das\nHolz fallen lassen. Er stand wieder gesenkten Hauptes\nda; wartete.\nNick trat neben ihn. Drinnen polterte jemand eine\nTreppe herunter bis dicht an die Haustür, schloss,\nriss an der Klinke; mit einem Krach und lautem\nKnarren öffnete sich die Tür. Es war mit blossem\nKopf, im Hemdsärmeln, ein Bedienter, ein graubärtiger\nKroate, der mit einer riesigen Handlaterne die Uniformen\nder Herren ableuchtete und höflich fragte, was die\ndie Herren wünschten.\n„Nichts\", antwortete Irfen, „lass uns die Treppe\nhinauf,\" und suchte den Kroaten beiseite zu schieben.\nDer Verblüffte stellte sich breitbeinig eine Stufe höher,\nsetzte seine Laterne neben sich nieder, sah noch ein-\nmal Nick an, und wiederholte seine Frage. Von oben\ntönte inzwischen eine dünne scheltende Männerstimme;\nim Schlafrock hinkte ein gebücktes kahlköpfiges greisen-\nhaftes Herrchen über die Stufen, zog beim Anblick\nder beiden Offiziere die Quasten zusammen und fragte\nsehr ernst, aber noch unwirsch, wen sie zu sprechen\nwünschten oder wer sie jetzt schicke. „Ich bin von\nniemandem geschickt,'* fuhr ihn Irfen an, „ich muss\nhier im Haus etwas sehen\". Das kleine Herrchen\nrichtete sich steif auf, sah forschend in das unbeweg-\nliche Gesicht des hageren Offiziers, sagte ganz unsicher,\nbetreten: „Meine Herren, Sie irren vielleicht in der\nStrasse, in der Hausnummer. Ich weiss nicht. Oben\nschlafen nur noch meine Damen; es wohnt hier nie-\nmand sonst; ich kann jetzt niemanden einlassen.\"\n«Der Schlaf Ihrer Damen ist gewiss sehr wichtig; aber\nich habe eine unaufschiebbare Mission.\" Der Kroat\nund sein Herr wechselten rasche Blicke. „Sie meinen\nwirklich Nummer sechs, Perastrasse Nummer sechs,\nmeine Herren? Es muss doch aber ein Irrtum, eine\nVerwechslung vorliegen.\" „Lassen sie mich die Treppen\nhinauf, mein Herr,\" drängte Irfen, „kümmern Sie sich\nnicht um meine Sachen. Ist oben nichts, dann hab\nich Unrecht. Aber ich habe nicht Unrecht. Reden\nSie nicht; lassen Sie mich hinauf!\" „Ich kann Sie\nnicht ins Schlafzimmer meiner Damen lassen. Ich\nbitte Sie endlich von meiner Tür zu gehen.\" „Ich\nrühre Ihnen keine mit einer Fingerspitze an\".\n„Ich bitte Sie hier fortzugehen. Ich rufe Leute,\nmein Herr.\" „Und wenn Sie die ganze Garnison\nalarmieren, komm ich hinauf. Nick, steh her- Du\nwirst mir jetzt helfen.\" Er tastete an den Herren\nvorbei nach dem Treppengeländer; der fuhr heraus:\n„Nehmen Sie gütigst die Hand vom Geländer und\nrühren Sie mich nicht an.« Der Kroat setzt die\nLaterne höher hinter sich, stellte sich dicht vor Irfen\nhin, legte eisern seine Hand auf dessen Arm. „Nick, tu\nmir den Gefallen gegen diese Menschen. Wenn ich\nUnrecht habe, habe ich Unrecht. Aber Du sollst selbst\nsehen. —\" Man hört eilige Schritte oben, ein\nRauschen von Kleidern; eine angstvolle Frauenstimme\nrief: „Lass ihn doch herauf; um Gottes Willen, Kari.\"\nAber der wutzitternde Kroat hatte mit einem plötz-\nlichen Schlag vor die Brust Irfen zurückgeschleudert\nund die Tür zugeworfen. Erst schlug Irfen, sich gegen\ndie Tür stemmend, mit beiden Armen gegen die\nschwache Tür, dann trat er die Füllung mit zwei\nFusstössen ein, dass die Trümmer und Splitter auf die\nschreienden Leute drin schlugen. In diesem Augenblick\nhob Herr Kasteiii den Arm über den Kopf und bückte\nsich; der scharfe Degen des Oberleutnants zischte\nüber ihn durch die Öffnung; aber gleichzeitig krachte\ndie Treppe hinunter aus dem Revolver des Kroaten\nein Schuss, und rasch hintereinander zwei weitere\nSchüsse. Der lange Irfen draussen richtete sich hoch\nauf und warf die Arme in die Luft, stürzte rücklings\nauf das Trottoir, kroch wieder auf, lief, während der\nFez liegen blieb, schräg vorwärts auf die andere Seite\nder dunklen Strasse, drückte sich noch ein Augenblick\nan die Mauer an und fiel nach vorne dumpf schallend\naufs Gesicht Nick, am Arm getroffen, kniete schon\nneben ihn, sucht ihn umzudrehen. Als er Irfens Kopf\nwandte, sah er einen kleinen Stirnschuss und sah das\nunveränderte Gesicht eines grauen Menschen, der das\nlinke Auge zugekniffen, den linken Mundwinkel herab-\ngezogen hatte, als legte er sich eben über einen ver-\nwüsteten Tisch und sagte, den Arm wiegend mit un-\nbeirrbarer Sicherheit: „Kismet.\"\nDer Herr Kasteiii und seine Damen folgten bei der\nBeerdigung. Es waren drei ältere Damen, Verwandte\ndes Hausherrn und ein Herr, die für wenige Tage\nbei ihm auf der Durchreise wohnten. Im Kassino\nsagte man bei gelegentlichen Besprechungen des Falles,\ndass der Verlauf der Sache im Grunde vorauszusehen\nwar."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-03-11-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-03-11_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "430", "page_fin": "430", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.2.6", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Hugo Wolf", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "430", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.4", "debut_caractere": 5293, "fin_caractere_exclue": 6131, "texte": "Gedichte\nHugo Wolf\n\nAnbetung\nStilles Wesen, wandelnd neben\nmeinem Schatten, Unsichtbares! —\no du Wein aus roten Reben,\neingegossen meinem Leben, —\nGlas zugleich, herbsthimmelklares,\nspiegelnd reicher Sonnen Schweben:\nNamen hab ich dir gegeben,\ntausend Namen hohlen Schalles,\ndie mit Unglück mich verflechten\nDoch in bleichen Mitternächtes\nweiss ich alles:\ndass du nichts bist als zwei Brüste,\nspringend aus des Dunkels Wellen, —\nmeinen Wünschen weisse Küste,\nhingeschleudert zu zerschellen —-\nstilles Wesen, Wunderbares!\n\nFurcht vor dem Frühling\nWas wir noch heute unser nennen,\nkann morgen schon verronnen sein:\nder Kerzen flatterhafter Schimmer,\ndes milden Scnlafes dunkler Wein.\nDie nächtigen Wipfel wandern, treiben,\nsind voll von Lauten, sturmverwehten. . .\nEin Strahl durch hauchbedeckte Scheiben\nwird morgen unsern Traum zertreten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-03-11-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-03-11_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "430", "page_fin": "430", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.2.6.1", "titre_corps": "Anbetung", "titre_sommaire": "Anbetung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "430", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.4", "debut_caractere": 5313, "fin_caractere_exclue": 5813, "texte": "Anbetung\nStilles Wesen, wandelnd neben\nmeinem Schatten, Unsichtbares! 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Und die beiden Frauen ver-\nstanden sich gleich so gut, dass der ganze Hofstaat\nder Kaiserin in ein grosses Erstaunen geriet.\nUnd die Frau Cäcilie sprach sehr bald mit der\nFrau Lotte über die Kinder; die beiden Frauen hatten\nbeide keine Kinder, und das kam den Beiden sehr\ndrollig vor.\nSomit erschien es ganz natürlich, das die Frau\nCäcilie mit der Frau Lotte sehr bald in die sieben\ngrossen Säle ging, in der die Kaiserin Kinderspielzeug\ngesammelt hatte.\nDa war die Lotte Wiedewitt ganz überrascht von\nall dem Reichtum; da gab es unzählige Dampfschiffe\nund Luftschiffe, elektrisch betriebene Fabriken, grosse\nBahnzüge, Theater, Bergwerke und illuminierte Park-\nanlagen — Alles im kleinsten Massstabe — und be-\nsonders einige Puppengalerien.\nUnd die Lotte hatte gleich eine Reihe von Vor-\nschlägen für neues Spielzeug und die Kaiserin Cäcilie\nging auf alle Vorschläge der Lotte ein, sodass die\nKammerfrauen gleich am ersten Tage viele neue Dinge\nbestellen mussten.\nDanach waren dann die beiden Frauen täglich in\nihrem Spielzeugsälen und vergassen dabei die An-\ngelegenheiten des Reichs ganz und gar, als wäre das\ngarnicht vorhanden.\nXLV\nDie Literatur Zentrale\nAuf Veranlassung des Herrn Haberland begab sich\nder Herr Bartmann in die Grottenschlucht, allwo die\nLiteratur-Zentrale des Kaiserreichs residierte.\nUnd die Anschauungen des Herrn Bartmann und\nHaberland fanden dort grossen Anklang; die Gedanken-\ntätigkeit der andern menschlichen Sinne, die nicht mit\nAuge und Ohr operierten, wurden in der Literutur-\nZentrale gleich sehr lebhaft beleuchtet; in ein paar\nTagen waren ein paar Dutzend neue Bücher erschienen,\ndie dem Thema alle möglichen Seiten abgewannen.\nDer Herr Bartmann wurde jetzt so berühmt, dass\ner täglich gute drei Stunden mit seiner Korrespondenz\nzu tun hatte.\nUnd es war sehr merkwürdig, dass dem Herrn\nBartmann ein so grosses Interesse entgegengebracht\nwurde, da eine Flut von Broschüren und Büchern, die\ndie Ereignisse an der Sturmküste behandelten, gleich-\nzeitig herauskam.\nGanz Utopia kam immer mehr in Erregung, der\nHerr Bartmann hatte keine Veranlassung, sich über\ndie Schlafmützigkeit der Utopianer zu beklagen; die\nsprachen sämtlich über die Untergründe der Erscheinungs-\nwelt so viel, dass es dem Herrn Bartmann oft ganz\nkomisch vorkam.\nAber der Herr Haberland schrieb:\n„Die Naturereignisse, Herr Bartmann, kommen\nIhren Bestrebungen so heftig entgegen, dass Sie sich\nrecht zusammennehmen müssen.\"\nUnd die Ermahnung war ganz am Platze, denn es\npassierte noch mehr.\nXLVI\nDie Irrlichter\nBrodeln tats im bewegten Sumpf, und bunt\nschillernde Blasen bildeten sich, und die wurden ganz\ngross, und wenn sie mit lautem Knall platzten, dann\nschössen grüne und blaue Flammenkegel heraus, die\nsich oben verästelten, und wie Blitze auseinanderfuhren,\nUnd diese Flammenspiele wiederholten sich und\nwurden immer häufiger, und die Flammen wurden\nimmer bunter; sie nahmen auch immer wieder andere\nFormen an, — die Kegel sahen bald wie dicke Baum-\nstämme und auch wie grosse phantastische Blumen aus,\nUnd des Nachts hüpften die Flammen wie Irrlichter\nauf dem Sumpfe herum.\nUnd dann erhielten die Flammen feste Formen, die\nauch am Tage sichtbar blieben.\nDen Beobachtern an der Sturmküste kams oft so\nvor, als schwebten bunte Geistergestalten über dem\nSumpfe, und es gab bald sehr viele Beobachter, die\nmenschähnliche Köpfe an den Flammen beobachtet\nhaben wollten; doch die photographischen Aufnahmen\nzeigten nichts Deutliches, Köpfe Hessen sich nicht\nerkennen\nNach einigen Tagen erhoben sich sehr viele\nFlammen zu ganz ungewöhnlicher Höhe, und oben\nzergingen sie nicht, sie blieben in der Luft und\nschwebten höher.\nEin merkwürdig scharfer Geruch ging von den\nFlammen aus, der Geruch liess sich mit anderen Ge-\nrüchen garnicht vergleichen, und man stritt sich bald\nlebhaft darüber, ob dieser Geruch mehr Wohlgeruch\noder das Gegenteil sei; jedenfalls liess sich der Geruch\nnicht lange ertragen, und die Beobachter mussten sich\ndie Nase verbinden.\nDabei wurde die Farbenpracht und die Fülle der\nFormen immer reichhaltiger, und nachts ging von den\nIrrlichtern oft ein so intensiver Glanz aus, dass die\nAugen der Beobachter für Minuten der Sehkraft be-\nraubt wurden, sodass man sich allgemein der ver-\nschiedensten Schutzbrillen bediente."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "431", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4666, "texte": "XLVII\nDie ratlose Wissenschaft\nSelbstverständliche versammelten sich sofort nach\nBekanntwerden des neuen Phänomens sämtliche\nChemiker und sämtliche Naturwissenschaftler an der\nSturmküste und beobachteten.\nAber sie konnten alle nicht klug werden aus diesen\nIrrlichtern; so was war noch niemals dagewesen im\nLande Utopia.\nDie Künstler und die Dichter, die natürlich auch\nvon dem unnatürlichen Schauspiele angelockt wurden,\nfreuten sich nur über die grossartige Formen- und\nFarbenpracht, und wenn man des Nachts auf den\nBaikonen der Logierhäuser zusammensass, so kam es\nimmer häufiger vor, dass man sich über die Natur-\nwissenschaftler lustig machte, die einfach ratlos dem\nneuen Lichtphänomen gegenüberstanden und gar kein\nvernünftiges Wort der Erklärung zu finden vermochten.\n„Es sind Geisterl\" sagten bald sehr viele Utopianer.\nDoch davon wollten die Wissenschaftler nichts\nhören.\nXLVIII\nDie Entdeckung des Herrn Schlackenborg\nDer Herr Schlackenborg, der Führer des Se-\nbastianischen Luftwagens, hatte sich anfänglich nicht\nbewegen lassen, in der Nähe der Sturmküste zu fahren,\nund auch die anderen Luftschiffe blieben weitab, da\nman neue Stürme mehr denn je zu fürchten begann.\nDoch eines Nachts vermochte doch der Herr\nBartmann seinen Steuermann, der Sturmküste etwas\nnäher als sonst zu kommen.\nHerr Bartmann und Herr Schlackenborg sassen im\nLuftschiff zusammen und befanden sich gute zehn\nMeilen von der Sturmküste entfernt über dem Fest-\nlande ; die Sterne funkelten heftig, und der Vollmond\nstand dicht über dem Meereshorizont ganz dunkelrot.\nDa sahen die Luftfahrer plötzlich eine Reihe blauer\nFlammen — ungefähr acht bis zehn — wie blaue\nFahnen, die im Sturme flattern und knattern, grade\nauf das SeLastianische Luftschiff zufliegen.\nHerr Schlackenborg sah nach dem Kompass —\nund siehe — die Nadel drehte sich plötzlich im Kreise\n— immer schneller — und das Luftfahrzeng fuhr trotz\naller Steuer und obgleich es ganz windstill war\nplötzlich mit einem Ruck seitwärts — und dann im\nZickzack, dass der Herr Schlackenborg sofort Befehl\ngeben müsste, das Fahrzeug in die Tiefe zu bringen\nund unten die Berührung mit dem festen Boden zu\nsuchen.\nAls nun der Luftwagen mit seinen langen Beinen\nwieder auf der Erde stand, atmeten die drei Maschinisten\nerleichtert auf und wischten sich den Schweiss von\nder Stirn; so was war ihnen noch nicht vorgekommen.\nHerr Bartmann war weniger erstaunt, da er sich\nbereits so an übernatürliche Dinge gewöhnt hatte, dass\nihm das Ereignis garnicht aus der Fassung brachte.\n„Sie sehen,\" sagte er zu Herrn Schlackenborg,\n„was alles hinter der uns sichtbahren Erscheinungswelt\nvorgeht. Welches Leben 1 Welches rasende gross-\nartige Leben! Ich freue mich, dass es den Utopianern\njetzt endlich klar wird, was alles hinter unserer Er-\nscheinungswelt lebt und sich bewegt und immer wieder\nneue Kräfte zeigt. Mich bringt das Neue nicht aus\nder Fassung, ich bin darauf vorbereitet gewesen und\nfreue mich, dass es endlich so augenfällig wurde —\nnicht meinetwegen, aber der Utopianer wegen •— denn\nfür mich würden all diese Lichterscheinungen auch da\nsein, wenn sie auch nicht sichtbar würden.\"\nDie Maschinisten sagten garnichts, aber sie tele-\ngraphierten das, was sie entdeckt hatten, an die wissen-\nschaftlichen Institute.\nUnd drei Stunden später waren alle Luftfahrer\ngewarnt.\nXLIX\nDie Experimente\nJetzt gings natürlich in den Kreisen der Wissen-\nschaft sehr lebhaft zu; sofort wurden über der Sturm-\nküste Fesselballons aufgelassen — anfänglich nur mit\nKaninchen und Registrierapparaten bemannt — später\nerst wagten sich die Gelehrten selber in die Ballons.\nU Und da wurde denn Alles studiert; und die Ex-\nperimente folgten einander in unsäglicher Hast — und\ndie Entdeckungen ebenfalls; die Physiker und Chemiker\ngerieten ganz aus dem Häuschen ob all der neuen\nWunder.\nUnd die Literatur-Zentrale gab ganze Serien neuer\nBücher heraus, die alle das Irrlichter-Phänomen be-\nhandelten; und der Laie konnte nicht mehr folgen —\nes war zu viel auf einmal.\nL\nDie Veränderung der Irrlichter\nDie physikalische und chemischen Experimente und\nEntdeckungen wurden aber sehr bald in den Hinter-\ngrund gedrängt, als man sah, dass die Irrlichter, die\nman jetzt im Himmel an verschiedenen Punkten über\ndem utopianischen Festlande beobachtete — als man\nsah, dass diese Irrlichter ihre Gestalt ganz wesentlich\nveränderten und mehr strahlenförmige Auswüchse\nerhielten.\nDiese strahlenförmigen Auswüchse hatte die Hellig-\nkeit grosser Scheinwerfer, die sich lebhaft bewegten\nund die Fesselballons mit kolossaler Gewalt seitwärts\nwarfen, sodass mehrere von ihren Stricken losgerissen\nwurden — und die Gelehrten nur mit Gefahr ihres\nLebens den Erdboden erreichten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-03-11-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-03-11_01#c010", "volume": "bmtnabg_1911-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "431", "page_fin": "432", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.2.8", "titre_corps": "Kants Vermächtnis", "titre_sommaire": "Kants Vermächtnis", "signature_source": "S. 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Der\nkantische Ernst ist versteckt, vor Kant selbst versteckt:\nAthur Schopenhauer ist seine erste mächtige Offen-\nbarung.\nAus dem Erstaunen, dass durch Kant eine Wahr-\nheit, welche sich bisher in aller Geschichte nur alle-\ngorisch, mythisch, religiös oder poetisch hatte ver-\nnehmen lassen, zur gründlichsten, detailliertesten, un-\numstösslichen Wissenschaft und Gewissheit erhoben\nworden war, kam dieser Mann niemals heraus.\nSchwelgend in den Wonnen Platonischer Dialektik, fand\ner in Kant seinen Meister, der ihn erweckte, ernüch-\nterte. — Er, mit einem ursprünglichen Gefühle uner-\nmesslicher Ueberlegenheit über jedes Dogma des Ver-\nstandes; mit einer Sonne in der Brust, welche alle\nSonnen der Welt fahl verbleichen machte, stürzte sich\nfeurig in die Arme Kants, der den Menschen zu sich\nselbst zwang, indem er ihm alle Stützen entriss, alle\nFundamente unterwühlte, auf die er sich seit Jahr-\ntausenden blindlings verlassen hatte, und so ihm keinen\nHalt liess als sich selbst. Aber Kant sprach — Kant\ndachte nicht so unverblümt und radikal. Bei der\nempirisch-realen Welt sollte man es bewenden lassen?\nUnd dem metaphysischen Bedürfnisse sollte der hungrig\naufgesperrte Rachen der Frage mit einer bloss formalen\nAntwort, einer anonymen Hoffnung gestopft werden ?\nSchopenhauer strotzte von einer anderen, ewigen\nGewissheit, nach deren Ausdruck er seit jungen Jahren\nrang. Es gab ein Etwas in dieser Welt, was auch\nnur empirisch real, aber es unvergleichlich vorzüglicher\nwar als alles Uebrige: das Phänomen der Phänomene,\ndas Tiefinnere der Person, das Herz des Lebens —\nder im Lebensdrang strebende Wille. Das war der\nabgründige Vulkan, auf dem die Welt tanzte; das\nhinter, unter der Natur in dämonischer Raserei\nTreibende, Kochende; das Feuer unter dem Kessel,\nworaus der Dampf stieg. Hier fühlte Schopenhauer\nden Pulsschlag der Welten. Hier dröhnte dem daran\ngelegten Ohre der Boden der Realität vom Donner\nnamenloser Gewalten. Hier war der Kern der Natur,\nhier erkannte Natur sich selbst.\nDer Leib war die Schale des inneren Willens, und\nso war Wille das Innere der Natur, dieser Ausdehnung\ndes Leibes ins Unendliche Kein physischer, ein\nmetaphysischer Zusammenhang ist zwischen Schale und\nKern. Doppelt ist die Natur sich gegeben: als Text\nder Vorstellung, als Interpretation des Willens.\nGern lassen wir uns hier an ein Wort Goethes\nerinnern, welches diese Wahrheit, dass der Schwer-\npunkt der Welt in das persönlich Innerste falle, wunder-\nschön bekräftigt: „Denn wozu dient alle der Aufwand\nvon Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen\nund Milchstrassen, von Kometen und Nebelflecken, von\ngewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht\nzuletzt ein glücklicher Mensch unbewusst seines Da-\nseins erfreut?\"\nDieselbe Wahrheit hat bei Schopenhauer einen\nschlimmen Klang. Eine schaudertiefe Charakteristik\ndes Willens zum Leben hebt an, bei der uns zu Mute\nwird, wie dem Hamlet bei den Worten des väterlichen\nGeistes.\nEiner Art Sündenfall entstammt der Wille zu leben.\nIn diese Welt wittert nur dumpf eine Welt der Selig-\nkeit hinein. Durch welche Fatalität mag wohl in dem\nselig mit sich selbst seienden Urwesen dieser Mangel,\ndieses Bedürfnis, diese lüsterne Lehre entstehen und\naus einer ungewissen Sehnsucht ein Verlangen, ein\nHunger und Durst, eine folternde Qual, eine lechzende\nWut werden ? Woher schrillt diese Dissonanz durch\ndie Harmonie des Urwesens, es in sich zerreissend?\nIn brünstiger Liebe zu sich selbst entbrannt, möchte\ndas von sich getrennte sich wieder einholen. Ein\nWahnsinntaumel hat es ergriffen, so dass es sich\nausser sich selbst nicht, obgleich es ewig in sich ist\nund sich nie verloren hat, so will es vergeblich.\nDieses Aussersichsein ist die Welt der Vorstellung, ein\nkrampfhafter Wahnsinn, eine Fata Morgana, dem Durste\nStillung vorlügend, schön zu schauen, mit Feuerschmerz\ndurchzuckend bei der Berührung. Unaufhörlich narrt\nund enttäuscht sie den Willen und verbittert ihn mit\nder Galle des Hasses. Aber gerade dadurch heilt sie\nihn von sich selbst, ihn, der nur an sich selber litt.\nEr wird immer resignierter. Und gerade der Wille,\nder die Leiter des Verlangens immer wütiger hinauf-\ngepeitscht wurde, steht endlich still, wenn jedes Ziel\nihn mit Verzweiflung anstarrt: er hasst nicht mehr,\ner will nicht mehr. Ein unsagbare Macnt hat ihn an-\ngerührt, einer Erinnerung seiner Seligkeit hat ihn an-\ngefasst, und an den Mast dieses besseren Bewusst-\nseins bindet sich der verirrte Odysseus vor dem noch\nherzzerschmelzend schön klingenden Sirenengesang des\nLebens: er wendet sich ab, er beruht auf sich — die\nNebel zennnen, Ithaka winkt —\nDie Dämonie dieser Schilderung bei Schopenhauer\nist grenzenlos ergreifend, das Abbild der Welt und des\nWillens grenzenlos wahr und einseitig. Keine aller-\nreifste Weisheit; von Jean Paul, von Goethe kalt ge-\nrühmt und beiseite getan; lange unwirksam; uner-\nmessen, weil masslos — die Weisheit eines schwer-\nblütigen, schwermütigen Jünglings. Dieses entschiedene\nAbsprechen über das Leben nennt man Pessimismus.\nEs bleibt eine oft erkannte und gerügte Naivität, auf\ndie Frage, ob das Leben etwas wert sei — ob es uns\nliebe, soll das wohl heissen — ein Ja oder Nein von\nihm erpressen zu wollen. Den Gefallen, eine Antwort\nzu geben, tut uns das Leben nicht; es überlässt uns\nden Entschluss und die Verantwortung. —\nKant war niemals eigentlich jung, und Schopen-\nhauer wurde niemals eigentlich alt. Daher der be-\nträchtliche Unterschied im Tempo, sich bekundend in\nder geistigen Haltung, im Stil, in der Lebensführung,\nsogar somatisch — worin * man will. — Ein lebhafter,\nin den frischesten Farben funkelnder Geist, wirft sich\nSchopenhauer mit einem Ungestüm sonder gleichen\nauf alle Probleme. Er wäre verloren gewesen, wenn\ner nicht, seinem reissenden impetus zum Gleichgewicht,\ndiese gediegene Erdschwere besessen hätte, welche\nseinem Flug in alle Höhen das bleierne Gewicht mit-\ngibt, der auch ein niederziehendes Element an seine\nFlügel heftet, so dass er niemals den Gipfel erreichte,\nfür den er einzig und eigentümlich bestimmt scheint.\nIn seiner Jugend muss er habituell des genialen Erlebens\nder ungemeinen Erleichterung, Abfallens aller nieder-\nhaltenden Gewichte, des Weichens der Angst des Ir-\ndischen teilhaft geworden sein. Um so belastender\nsenkte sich sofort wieder der ungeheure Druck herab,\nunter dem er leben musste, um sich nicht zu ver-\nflüchtigen. Immer gewalltätiger gährte in ihm die\nBegierde nach Freiheit von allem Druck. Es sollte\nnicht lange dauern, da war ihm Leben mit Druck\nidentisch: eine grausame Verwechslung, an die er die\nGoldgruben seines Geistes \\e.schwendete."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "432", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4536, "texte": "Wir vermissen an ihm, was an Kant hervortritt,\ndie Geduld zur Versöhnung widerstrebender Tendenzen\n— die Geduld! Er zerhieb mit raschem Streiche alle\nKnoten, die er nicht lösen konnte, sein furor philoso-\nphicus (et teutonicus) duldete keinen Aufschub. In\neinem wahren Sturmlauf bemächtigt er sich aller\nProbleme, sie überrumpelnd. Auf eifersüchtige Allein-\nherrschaft bedacht, ein Napoleon der Philosophie,\nwollte er der Philosoph sein, nicht irgend einer.\nAnders Kant. Kant unternimmt gleichsam eine Be-\nlagerung der Probleme. Er wartet ab; er lässt sich\nund ihnen Zeit; er hungert sie sozusagen aus, bis sie\nsich ihm von selbst ergeben, ohne dass er einen\nFinger gegen sie aufgehoben hätte. Dass sie dann\nschon ein wenig vertrocknet, verdorrt sind, hat ihm\nnichts an. Seine Kraft reicht nicht hin, die Welt in\nüppiger Blüte der Gesundheit in Empfang zu nehmen.\nSeine Art ist mehr indirekt, defensiv. Mit feiner diplo-\nmatischer Arglist und Hinterhältigkeit berückt er\nseine Probleme auf Schleichwegen. Er macht es mit\nihnen wie die Katze mit der Maus, so dass man nicht\nimmer leicht unterscheiden kann, ob er sie hält oder\nnicht hält. — Kein Wunder! Er hatte sich einer\nStelle genähert, woher ihm eine chaotische Unermess-\nlichkeit wie im Nebel schimmerte. Auf diesem Welten-\nmeer wagte er sich nicht hinaus, er begnügte sich, ein\nSchiff zu zimmern und mit Kompas und Steuer zu\nversehen, womit man es künftig befahren könne.\nSchopenhauer durchmisst die Welt in Riesen-\nschritten bis an die Grenze und weist mit starker\nEntschiedenheit auf das darüber hinausliegende Ziel:\nhier erst bricht in den klaren Tag die mystsche Nacht\njäh herein. Bei Kant hat man sich durch lauter\nFinsternis zu kämpfen, erst gegen das Ende wird das\nWerk licht und lichter. Schopenhauer vollendet jugend-\nlich vorschnell dieses Werk, das den Grundstein zu\neiner neuen Kultur legen sollte. Höchst voreilig wurde\ner zum Verächter der Kultur, kehrte er die Kultur\ngegen sich selbst: so mag der Blitz an einer Schnecke\nverzweifeln.\nWas ist dies Neue? Die gänzliche Atomonie des\nMenschen; das Verlegen aller Autorität von aussen\nnach innen: das glühende zu-sich-selbst-bekennen. Kant\nselbst mochte im halben Dämmer einer Apres-nous-le-\ndeluge-Politik sich hingegeben haben; schon der Nächste,\nschon Fichte zog die nächste Konsequenz. Aber den\nKrampf und die Verrenkung eines göttlichen Organis-\nmus zeigend, erscheint Schopenhauer. Das erobernde\nWerkzeug der Zukunft hebt er hoch empor: „Wollen!\nGrosses Wort! Zunge in der Wage des Weltgerichts!\nBrücke zwischen Himmel und Hölle!\" ruft er aus.\nAber melancholisch, mit der Finsternis einer ohn-\nmächtigen Vergangenheit auf der Stirn, sich von der\nSonne wie Faust abkehrend, düster, selbstquälerisch,\nScham und Sünde im Herzen: als die Tragödie —\nvielmehr als eine im besten Anlauf steckengebliebene\nTragödie — tritt der gigantische Wille auf, ein rechter\nverteufelter Gott.\nAllein in welcher kläglichen Gestalt auch immer,\ndiesen Dämon heraufgeführt und ihm das innerste\nInteresse des Lebens anheimgegeben zu haben, das ist\njedenfalls eine Tat, welche ihren Täter zum rechten\nTronerben Kants stempelt. Was hat Kant geleistet,\nals dass er die Bahn frei fegte von allem, was der\nSouveränität des Menschen im Wege stand! Scheinbar\numschloss er ihn mit engen Sckranken; in Wahrheit\nschnitt er ihm den gefährlichen Verkehr mit lauter ehr-\nwürdig vermeinten Gespenstern ab. Er setzt uns neue\nKöpfe zwischen die Schultern und neue Augen in die\nKöpfe. Mannbar und mündig werden wir erst durch\nSchopenhauer. Dieser revolviert uns im Innersten: er\nentfacht das Feuer des heroischen, ja göttlichen Willens\nin uns, ob er es gleich zu einem Weltbrande ver-\nwendet und mit übereiltem Streben „der Erde Freuden\"\nüberspringt. Es steht mit seiner Gesundheit nicht zum\nBesten. Sein profunder Kopf wälzt schwere Lasten.\nGegen diesen unglückseligen Atlas gehalten, nimmt sich\nKant fast wie ein Doktrinär aus. Ernster als jemals\neiner stellte er sich zum Leben. Was tut es, dass er\ndiesen Patienten schliesslich aufgab: vielleicht gerade\nmit diesem Todesurteil erweckte er die Energie in ihm,\nsich des bevorstehenden Todes zu erwehren.\nAuch Kant ist nicht gesund — eine scholastisch\nzugeschnittene, penible, pedantische, hölzerne Figur,\nmechanisch wie eine Präzisionsuhr gehend. Aber ein\nRekonvaleszent ohne Gleichen, ein zäher Besieger seiner\nhartnäckigen Gebrechen. Durch Kantäsche Gespenster\nder Trübe blickt uns von fern helläugig verheissungs-\nvoll der wache Tag an. 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M!o*S* !'i2'S2e £%!e J«3cM J<M<iJ<£!iS fiifSciS\nBerlin SI. 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Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, große,\nhelle dimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze Jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stiind-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschiire\n„Leben\" kommen vom Besitzer u. 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Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen beruhmter Autoren. Ordent-\nliche Mitgiieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, ffirdernde Mitgiieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, Dezw.\nK. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. 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Friedr. Blester Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngeprlifte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fiihrender Stellung). Grtind-\nliche Einfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes,\nrationelles Studium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fflr\nein mehrjahriges Hochschulstudium. 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(Paragraph 6 und 8\ndes Kurpfuschergesetzes).\n3) Ist im Gegenteil darauf hinzuwirken, dass weniger\naber desto lebenskräftigere Kinder geboren werden?\n4) Ist durch eine Einschränkung der Geburten\ntatsächlich eine Bevölkerungsabnahme zu befürchten?\nOder würde sich nicht vielleicht durch eine Verminde-\nrung der Sterblichkeit ein Ausgleich ergeben? (Amt-\nliches statistisches Material: Der Durchschnitt der Ge-\nburten in Arbeiterfamilien beträgt acht Kinder. Deutsch-\nland besitzt die grösste Kindersterblichkeit unter allen\nLändern, demnach wäre also der Wert nicht auf die\nQualität des Nachwuchses zu legen.)\nProfessor Lujo Brentano:\n1) Das Wort „geeignete\" Mittel ist so vieldeutig,\ndass es alles in sich schliesst, was die Konzeption\nverhindert. Von der Enthaltung vom Zeugungsakt an-\ngefangen bis zu verbrecherischem Eingreifen. Ich muss\nes daher ablehnen, diese Frage zu beantworten.\nIm Uebrigen dürfte das Verhalten der Eheleute stets\nvon ihrem eigenen Gewissen abhängen, gleichviel,\nwas das Gesetz bestimmt.\n2) Siehe die Antwort auf Frage eins.\n3) An sich ist es gewiss wünschenswerter, dass\nweniger, aber dafür lebenskräftigere Kinder geboren\nwerden. Nur lehne ich es ab, dies in Gegensatz zu\nFrage 2 zu setzen, und insbesondere lehne ich das\nWort „hinwirken\" ab, aus Gründen, welche aus der\nAntwort auf Frage eins hervorgehen.\n4) Die Angabe, dass Deutschland die grösste\nKindersterblichkeit unter allen Ländern hat, ist nicht\nzutreffend, die Kindersterblichkeit in Oesterreich, Ungarn\nund Russland und einigen anderen Ländern ist grösser\nals in Deutschland Vergleicht man, wie viele im ersten\nLebensjahr Gestorbene auf je zehn Kinder kommen,\ndie zu tausend Seelen der vorhandenen Bevölkerung\nneu hinzukommen, so sind die Zuwachsverhältnisse in\nDeutschland besser, als in zahlreichen anderen Ländern.\nAm schlimmsten sind da die Zustände in Mexiko,\nFrankreich, Australien, einigen amerikanischen Staaten,\nRussland undsoweiter.\nEinstweilen wird in Deutschland die Verminderung\nin der Geburtsziffer durch noch grössere Abnahme der\nSterblichkeit ausgeglichen. Es liegt in der Natur der\nDinge, dass der Abnahme der Sterblichkeit eine Grenze\ngezogen ist Denn Stillstand in der natürlichen\nBevölkerungszunahme ist unausbleiblich\nProfessor Dr. med. Dührssen:\n1) Jedes Individuum ist berechtigt, die Konzeption\ndurch geeignete Mittel zu verhindern und wird hierzu\nselbst dann noch in der Lage sein, wenn alle anti-\nkonzeptionellen Mittel verboten werden. Ohne zwin-\ngenden Grund ist ein solches Vorgehen allerdings un-\nsozial, da die Machtstellung eines jeden Staates auf\nder Zahl seiner Angehörigen beruht.\n2) So wie der Arzt berechtigt ist, bei Lebens-\ngefahr der Mutter eine vorhandene Schwangerschaft\nzu beseitigen, so ist er auch berechtigt, in gewissen\nFällen zu einer Konzeptionsverhütung zu raten. Es ist\ndaher wünschenswert, dass er für solche Fälle Mittel\nempfehlen kann, die die Gesundheit nicht schädigen.\n3) Es ist darauf hinzuwirken, dass alle Kinder\nlebenskräftig bleiben. Vielleicht bietet die innere\nKolonisation hierfür ein Mittel und die Bestrebungen,\narme Stadtkinder schon in frühem Alter auf das Land\nzu verpflanzen.\n4) Durch eine Einschränkung der Geburten ist\nallerdings eine Bevölkerungsabnahme zu befürchten —\nund zwar besonders in den staatserhaltenden Schichten\n(Bürger- und Bauernstand). Der Arbeiter dagegen\nwird für die Anwendung antikonzeptioneller Mittel kaum\nzu haben sein, und nach wie vor mehr Kinder in die\nWelt setzen als er grossziehen kann. Zur Verhütung\ndiese Misere ist das sub 3 Gesagte in Erwägung zu\nziehen.\nProfessor A. Florel:\n1) Ja unbedingt. Es ist nicht nur ein unbefugter\nEingriff in die persönliche Freiheit, dem Individuum die\nRegelung seiner Empfängnisse verwehren zu wollen,\nsondern es bedeutet eine direkte Förderung der Ver-\nbrechen des Kindsmordes und der künstlichen Ab-\ntreibung.\nAusserdem wird dadurch jeder Möglichkeit einer\nrationellen Besserung der Rasse entgegengearbeitet.\n2) Nein. Es wäre dies eine bedenklich rück-\nschrittliche Massnahme und ein schwerer Verstoss\ngegen die Rassenhygiene (Siehe 1).\n3) Unbedingt ja.\n4) Die Qualität der Geburten ist unbedingt wichtiger,\nals deren Quantität — besonders heute, wo die\nZeichen zunehmender Entartung der Kulturrassen sich\nbedenklich mehren\nDie Zahl der Empfängnisse ist bei allen Degene-\nrierten und Minderwertigen einzuschränken. Die Ge-\nsunden und Tüchtigen sind dagegen zu belehren, sich\nkräftig zu vermehren. Das wird aber nicht durch\ndrakonische Gesetze gegen antikonzeptionelle Mittel,\nsondern durch Erziehung zur Schlichtheit und Einfach-\nheit, sowie durch Bekämpfung des Alkoholgenusses\nund des Geldkultus (Kapitalsherrschaft) erreicht.\nInwiefern quantitativ die Verminderung einer schlechten\nNatalität durch Verminderung der Sterblichkeit ausge-\nglichen wird, entzieht sich meiner Berechnung.\n\nCalé und Impressonismus\n\nWalter Cale ist, noch heute, deswegen von Inte-\nresse, weil er die Postulate der gemässigten litterarischen\nRechten, als immerhin jungberliner Analytiker, fein for-\nmuliert hat. Man wird vielerlei gegen ihn sagen müssen\n—: aber dass er verschwommen gewesen wäre, mystisch\nin der Form, unlucide, schwelgend, ein qualliger Magus\n— das darf keiner von ihm behaupten. Man ist nicht\nwehrlos gegen seine Moralismen; die Finger gleiten\nnicht ab; man vermag ihn anzupacken; er gehört zu\nden Dankenswerten, die widerlegbar sind.\nWer den grauumpappten Nachlassband aufschlägt,\nfindet, im Beginn des „Tagebuchs\", eine Polemik gegen\nden (dichterischen) Impressionismus. Zunächst\nist das ein wunderschönes Psychologisma. Es gebe\nKunstwerke, sagt Cale, die nicht rund, unangreifbar,\nin sich geschlossen seien, nur auf sich bezogen, wie\neine Kugel von Glas — sondern die aus sich heraus\nBeziehungen zum Leser eröffneten, auf ein vom Leser\naus dem Kulturinhalt der Zeit geschöpftes Aspiori\nspekulierten; erst mit dem Hinzutreten des Lesers\nwerde der Ring des Werkes geschlossen, erst im Ge-\nniessenden vollende es sich. Die Folge davon aber\nsei dieses: wenn jener Kulturinhalt der Zeit im Laufe\nder Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte einmal entglitten,\ndann sei aus dem Buch ein Arsenal von Schatten ge-\nworden, die vergeblich darauf warteten, so wie früher\nbelebendes Blut geliefert zu bekommen. Impressionis-\ntische Bücher also hätten zwar die grösste Moment-\nwirkung (da jeder sich in ihnen wiederfinde), aber sie\nveralteten rasch; ihre Wirkung sei eben die eines\nSpiegelbildes, nicht die eines Porträts . . .\nDen psychologischen Ductus gebilligt, bleibt ein\nfalsches Ethos übrig. Gewiss, solche Bücher veralten\nschneller. Aber ist das ein Fehler? Feinde des Archiv-\nstaubs, der Retrospektive, der philologischen Ver-\ndummung werden darin eher einen Nutzen sehen; zu-\nmindest ist Gefahr des Veraltens kein argumentum\ncontra. Welcher Mensch liest ein Buch unter dem\nGesichtspunkt: „Wie lang® wird es am Leben bleiben?\"\nSo liest allenfalls ein Prognostiker, ein Statistiker, ein\nHistoriker; nie einer, der Kunst geniessen will. Aber\ndie Intensität, die Intensität des Genusses, die gibt\nallerdings ein Argument ab. Was heisst: Bücher haben\ndie grösste Momentwirkung? Die grösste Wirk u ng\nheisst das, haben sie. .— Warum diese Moral des\nModerantismus ? Warum einen temperierten aber langen\nEffekt einem lodernden aber kurzen vorziehen? Natür-\nlieh: alles Mässige hält lange vor, und alles Gewaltige\nverraucht eilig; aber wer das Mässige, um der Dauer willen,\nliebt und das Gewaltige, des raschen Endes wegen, hasst,\nder macht sich verdächtig, das Mässige zu lieben und das\nGewaltige zu hassen. . Mich schiert es den Teufel, ob eine\nDichtung „Ewigkeitswert\" besitzt, wenn sie nur jenes\nundefinible Gefühl des Herangerissen- und Hereinge-\nzogenwerdens mir gibt; jenen Schauer; jenes pathetische\nSelbstvergessen, welches ein religiöses Erleben des ge-\nreinigten und gesteigerten Selbst ist. Ich bekenne, dass\nmir mein Spiegelbild (so rasch immer es vergeht) in-\nteressanter ist als das bleibende Porträt irgend eines\ngleichgültigen Erdgenossen — übrigens ein Bekenntnis\naller derer, glaube ich, die sich nur selten in den Spiegel\nsehn. . .\nJedenfalls hätte Cale, gleich jedem seiner über-\nlebenden Mitklassizisten, sich sehr gehütet, diese tempo-\nralistische Doktrin des Schönen auch als Doktrin des\nWahren zu verkünden; es fällt ihnen nicht ein, Philo-\nsopheme etwa für desto wahrer zu halten, je länger\nsie anerkannt sind; aber dass ein Kunstwerk desto\nwertvoller sei, je länger es geniessbar bleibt, das finden\nsie selbstverständlich. Wo doch dem Logos billig sein\nmuss, was der Aisthesis recht ist.\nDabei stimmt nicht einmal, dass die unimpressionis-\ntischen, vollständigen, „runden\" Dichtungen gefeit gegen\nVeraltung seien. Die veralten nur auf andere Weise.\nSie werden fade, wurst, gleichgültig — während die\nimpressionistischen es nur zur Unverständlichkeit bringen.\nUnd fürwahr: leiber noch komme ich mir vor wie\njenes Tier vorm neuen Tore, als dass ich, zu ehr-\nfürchtiger Bewunderung verurteilt, mich langweile wie\nein melancholisches Krokodil. Darauf bestehe ich: dass\nder grösste Tort, den ein Poeta uns anzutun vermag,\nder Ennui ist Nun frage ich aber alle Ehrlichen,\nwarum sie sich den Sophokles - Schwindel, den Dante-\nSchwindel, den Stifter-, Mörik'-, Droste-Schwindel immer\nnoch gefallen lassen. Warum sie nicht endlich ohne\nAngst bekennen, dass eine Seite von Wedekind, oder von\nGeorge, oder von Heinrich Mann, dass eine Zeile von\nKerr, ein Beistrich von Kraus, ihnen mehr Pulsschlag,\nFreude, Erschütterung schenkt als alle Leistungen dieser\n„Ewigen\" zusammen. Mag sein, dass das „Zeitlos -\nMenschliche\" es ist, was die Seelen am wildesten packt;\naber ich schwöre, dass sie sich nur packen lassen,\nwenn es realisiert ist an Zeitlichem. Von keiner Tat-\nsache des Daseins bin ich heftiger überzeugt als von\nder Verlogenheit derer, die erst dann zum wahren Ge-\nniessen zu kommen behaupten, wenn der Gegenstand\ngehörig von ihnen distanziert ist. Allen Formalisten,\nGebärdenfexen und Ibsenverhöhnern in die Ohren ge-\nbrüllt : Sich wiederzufinden, sich selber\nschlacke nr e i n u n d pr i nzipialisiert wieder-\nzufinden, das ist der Kern des Rausches\nder Kunst. (Wer im Gehalt nur ein Mittel, ein not-\nwendiges Übel, die Materie der Formung sieht — der\nist ein Flachkopf, oder ein Flachkopf aus Eigensinn:\nzu deutsch ein Snob.) Den Teil aber von sich wieder-\nzufinden, worin man, nach Gottes unerforschlichem\nRatschluss, allen Menschen aller Tage gleicht — das\nist etwas stupide auf die Dauer. Doch freilich, heute\ngehört ein kräftiger Schuss Stupidität, Unbesonnenheit,\nespritlosen Ernstes zum guten Ton in litterarischen\nDingen. Vornehm und schwachsinnig, tief und öde,\nwerden annähernd als Synonyma gebraucht. „Je\nmenschenferner, desto besser 1\" knurren und säuseln,\nknurrsäuseln die Ästheten; und warum wohl? Mir\nschwant: aus keinem anderen Grunde als deshalb, weil\nsie zu feige sind; weil sie sich fürchten sich, wieder-\nzufinden; weil sie den Ekel vor ihrem Spiegelbild\nhaben; weil sie sich masslos ängsten vor sich selber.\nDer anständige Mensch, wo er zu Dichtungen\nflüchtet, flieht zu sich; der verlogene flieht vor sich.\nIch habe immer gefunden, bei Theoretiken des Ästhe-\ntischen: je unreiner, unehrlicher, plebejischer einer im\nLeben ist, mit desto grösserer Strenge fordert er von\nder Dichtung „Distance\" und das, was er „Haltung\"\nnennt. Die Sauberen zieht es mehr zur „Rinn-\nsteinkunst\" . . .\nMan sieht: ich mache Reklame für einen neuen\nNaturalismus (dieses Wort gibt zu Missverständnissen\nAnlass), und in der Tat, der zieht hinauf. Gruss und\nHeil dir kommender freudenschaftlicher Formung des\nHerrlich-Heutigen 1 — Aber ich muss noch ein Wort"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "429", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.3", "texte": "ins Elysium singen, zu jenem Cale. Er wirft den Im-\npressionisten vor, sie seien minderwertig, weil sie der\nFaulheit Vorschub leisten; „wo ein Künstler sich vor\nirgend einem Tun drückt, kann auch nur weniger wert-\nvolles herauskommen.\" Klingt schefflerisch, aber mag\nwahr sein. Indessen: was heisst denn „sich drücken\"?\nDer doch nur „drückt sich\" vor einem Tun, der es\nunterlässt, obwohl er es als notwendig empfindet. Nun\nempfindet der impressionistische Dichter (und Litteratus)\nnichts als so notwendig wie : Zusammendrängung. In\ndieser Zeit einer grenzenlosen Geschäftigkeit und einer\ndennoch hypertrophischen Bildung sieht er sich ge-\nzwungen, das was er zu sagen hat, so kurz, so knapp,\nso komprimiert wie möglich zu sagen; ganze Kom-\nplexe von Gefühlen, von Gedanken in ein Wort zu\npferchen; formulatim zu schaffen ; Pillen zu drehen.\n(Nichts Göttlicheres gibt es heute in der Kunst der\nWorte: als Formeln und Pillen.) Mit wenig Aufwand\nviel erreichen „un minimum d'effort pour un maximum\nd'effet\" — das will der Impressionist; das ist sein\nPostulat; das ist das artistische Ethos, das er stünd-\nlich erlebt. „Drücken\" würde er sich also nur, wenn\ner, diesem inneren Soll zum Trotz, anstatt nach Kräften\nzu kondensieren, es sich bequem machte, wenn er\nsich behaglich verbreitete, sich in teutscher Schlaffheit\nbehäbig ausquatschte.\n. . Beliebt einer schon die moralische Allüre, so er\nästhetisch judizieren will, dann versehe er sich wenigstens\nzuvor mit einer hinreichenden Dosis moralischer Ein-\nsicht. Das rate ich weniger Cale im Elysium, als\ndenen, die nach ihm kamen.\n\nKurt Hiller\n\nDie falsche Tür\nVon Alfred Döblin\nUm vier Uhr morgens stellte der Wachtposten\nsein Gewehr gegen die hohe Mauer des Kasernenhofes,\nzog die Löschkette der letzten Gaslaterne herab, mur-\nmelte, den Fez ins Gesicht gedrückt, die Stirne nach\nMekka gewandt, das kurze Morgengebet. Durch die\ngrauen Alleen trabten die Gemüsewagen, die Esels-\ngespanne mit Milch nach der schlafenden Stadt. Die\nniedrigen Fenster des Offizierkasinos werfen noch im-\nmer einen breiten Lichtschein über die Strasse weg\nbis an die Baumreihe der anderen Seite In den\nlanggestreckten Speisesaal und den Spielzimmern drang\nkein Zug des eben anhebenden scharfen Morgen-\nwindes, im dicken Qualm bewegten sich die erhitzten\nHerren; sie lagen in lockeren Uniformjacken in Klub-\nsesseln. Sie drängten sich zu dreien und vieren um\neinen grünen runden Tisch, schleuderten mit wilden\nBlicken ihre Karten schräg über den Tisch, um nach\neinigen Minuten atemloser Stille in ein lautes Geschrei\nauszubrechen, sich bei den Schultern zu fassen, im\nZimmer herumzutanzen. Am Kopfende des völlig ver-\nwüsteten Speisetisches sassen hinter ihren Ehrenpokalen\nnoch immer die beiden Brüder Kyrias, denen der\nAbend gegolten hatte, sassen in einem trinkfesten\nKreise und schwelgten in Erinnerungen aus einer\nMittelmeerfahrt. Der jüngere Kyrias, Nick geheissen,\nschwarzäugig wie sein Bruder, aber feurig, vollwangig,\nmit kurzgeschorenem starren Haar, einem kleinen\nSchnurbärtchen über den wulstigen roten Lippen,\nsprudelte über und schwatzte unaufhörlich Dinge, denen\nkeiner zuhörte, mit seiner hohen weichen Stimme.\nAb und zu liess sich der ältere Kyrias, ein vollbärtiger\nHypochonder, von ihm fortreissen, erzählte in feier-\nlich stockender Art weiter, erschrack aber, sobald er\nan eine Pointe kam, nahm unsicher ein Streichholz\nzwischen zwei Finger, stand auf, lächelte und Nick\nmusste beenden. Nick erzählte von den riesigen Sum-\nmen, die sie beide in Monte Carlo drangesetzt hätten,\nvon den Kniffen, die man beim Spiel anwenden musste.\nEr hatte seinen Talisman ständig in der Hand gehalten,\nhatte sich ein andermal die Stiefel heimlich unter dem\nTisch ausgezogen und in blossen Strümpfen gespielt,\nhatte, als dies und vieles andere nichts nutzte, zum\nTrotz eine alte hässliche Frau das Spielgeld an einem\nFreitag Morgen von der Bank abholen lassen. Das\nSpitzglas fiel ihm aus der fleischigen Hand und der\nWein perlte über sein faltiges Vorhemd. Er begann\neben zu erzählen, wie er klug geworden war. Als\nder Oberleutnant Irfen aus der Spielzimmertür auf sie\nzu kam und sich schweigend Nick gegenüber auf\neinen Rohrstuhl aufpflanzte. Nick hatte dadurch ge-\nlernt, dass er zunächst bei kleinen Einsätzen etwa drei\nStunden lang den Verlauf des Spieles beobachtete,\ndass er dann von einer augenblicklichen beliebigen\nKombination ausging und nun eine kleine Wahrschein-\nlickeitsrechnung machte. Die Chancen seines Spiels\nstiegen jetzt um etwa achtzig Prozent. Er nahm von\ndem Schreibpulte am Fenster eine weisse Lösch-\nunterlage und malt mit einem Kohlestift eine Tabelle\nauf.\nRittlings auf seinem Rohrstuhle sitzend sah der\nlange Oberleutnant ihn starr an. Das ungemein\nscharf geschnittene Gesicht war glatt rasiert, die Ober-\nlippe hing stark über und zuckte viel. Der Schädel\nkahl. Das Haar an Schläfe und Hinterhaupt pfeffer-\ngrau und abstechend; in scharfem Winkel zogen die\nAugenbrauen an der Nasenwurzel zusammen. Nur\ndie Trunkenheit verlieh seinen sonst schweifenden\nAugen den starren Blick und liess durch das fahle\nGrau der Wangen eine fleckige Rötung leuchten. Irfen\nwar selten gesehen in diesem Kasino. Er trieb sich\n— das wussten seine Vorgesetzten so gut wie der\njüngste Rekrut — in den niedrigsten Spelunken der\nStadt herum, musste oft morgens in den schlimmsten\nSchenken von seinen Burschen gesucht werden. Aber\nein ungewöhnlicher Scharfsinn, ein eiserner Fleiss\nmachte ihn unnahbar für strenge Disziplinierung. Er\nwar durch ein sonderbares Vorkommnis vor rund drei\nJahren aus der Hauptstadt in diese Provinzgarnison\nversetzt worden. Als bei den damaligen Frühjahrs-\nmanövern ein grosses Avancement stattfinden sollte,\nwar Irfen für eine bevorzugte Stelle in dem Stabe\nseines Korps vorgeschlagen. In der wundervollen März-\nnacht, Tags vor dem Ausrücken seiner Abteilung jagte\ner über die Dörfer, trank sich in einer Bauernschenke\nfest, beendete die Nacht bei einer verrufenen Dorfhexe,\nderen Fenster er vorher einschlug. Morgens setzte er\nkurz vor der Inspektion auf dem Uebungsplatze mit\neinem Schimmel an, von dem er später selbst nicht\nwusste, wem er abgetrieben war. Der Kommandeur\nritt an dem Offizier vorüber, der kerzengrade auf dem\nGaul sass, aber Stroh im Haar hatte und dessen\nlinker Aermel weit bis in die Achsel aufgeschlitzt war,\nriss noch einmal sein Pferd um und sah nun erst ver-\nblüfft, dann ironisch lächend den Offizier an. In der\nNacht darauf hatte Irfen sein eigenes edles Pferd er-\nschossen, war in den Stall des Kommandeurs gedrungen,\nhatte auch dessen zwei kostbaren Pferde erschossen,\nnachdem er vorher den Stallburschen in widerlicher\nWeise gemisshandelt hatte.\nUeber den Tisch langend, nahm er dem jungen Nick\nden Kohlestift und den Löschbogen aus den Händen,\nsagte:\n„Pass auf, Kamerad, wie deine Rechnung Sganz\nrichtig wird,\" schloss die Augen und fuhr mit dem\nbreitgelegten Kohlestift nach allen Richtungen über die\nTafel, wobei er den Rand der roden Unterlage be-\nschmierte. Auf die erstaunte, etwas verwirte Frage\ndes jungen Nick, der sofort aufgesprungen war, brach\ner in ein hartes meckerndes Lachen aus. Nick fuhr\nihn, aufrechtstehend, lärmend an, aber er setzte allen\nAufforderungen, sich näher zu erklären, nur ein höh-\nnisches „Kismet; es gibt nur das Fatum\" entgegen,\nso dass die Unterhaltung einen peinlichen Ernst an-\nnahm und man in den Nebenzimmern aufmerkte. Der\ngraue Oberleutnant aber wandte plötzlich sehr bedacht-\nsam seinen Stuhl um, machte mit beiden Armen den\nTisch vor sich frei, setzte sich hin und legte sich\nbreit, den Kopf auf den Armen, über den Tisch hin.\nDas linke Auge kniff er zu, den linken Mundwinkel\nzog er herunter, sein Gesicht bekam einen gespannten\nAusdruck; er schlug mit dem linken Arm wiegend\nauf die Tischplatte: „Sag was du willst, Nick, tu was\ndu willst. Ich versichere: hast du das Glück, so kannst\ndu deine Abteilung rückwärts marschieren lassen über\nein Stoppelfeld, und keiner stürzt dir hin. Andernfalls:\ntue was du willst, quäle dich auf einer Pritsche ab,\nzerarbeite dich: es nutzt nichts. Es kommt nicht zu\ndir, das Glück. Es hat nicht den Schlüssel zu deiner\nTür. Daran liegts. Lass deine Hände weg davon; es\ntritt nicht über deine Schwelle, niemals, wenn du auch\nmit einem Strick an seinem Hals ziehst.\" Der andere\nhöhnte auf eine krampfhafte Art. Er redete ruhig\nweiter. „Ich werde dir etwas sagen. Hole mir noch\neine Kanne griechischen Wein. Wenn ich mich heute\nschlafen lege, so werde ich es einmal versuchen.\nWieder einmal. Aber im Schlafe. Ich werde im\nSchlafe fragen, verstehst du mich, was ich wissen will\noder nicht wissen will; ich weiss nicht was und werde\nmit der Antwort aufwachen. Sieh her —\" er hatte\nsich, den Kopf auf den linken Arm, mit dem Ober-\nkörper ganz gespannt über die Tischplatte gelegt, griff\nmit der offenen Hand in die Luft — „so wie ich hier\nbin, werde ich schlafen, werde Kismet sagen und die\nZukunft befragen, die wird mir meine Frage beant-\nworten\". Sein Faustschlag dröhnte auf dem Tisch; er\nsprach mit absoluter Bestimmtheit. Es war kaum eine\nhalbe Stunde später, als er über den Tisch gesunken,\neinschlief.\nMittags gegen zwei wachte er auf. Als er schwei-\ngend durch den Saal ging, neckte ihn der junge Nick.\nIrfen besann sich, er hatte nichts im Schlaf gefragt\nund ihm war nichts eingefallen. Er ging in die Stadt,\nkam um acht Uhr wieder, um sich sich mit finsterer\nMiene wieder znm Trinken hinzusetzen.\nEin Pokulieren im kleinen Kreise begann; in dem\nbeginnenden Lärm sass er versunken da. Bis er mit\neinmal, gegen zehn Uhr, aufstand, krachend sein\nGlas auf den Tisch schmetterte und schweigend, den\nBlick zum Fenster hinaus in die Flamme der Gas-\nlaterne gerichtet, steif stehen blieb.\n„Halt, halt,\" schrie er.\nDabei liessen seine Augen nicht von der Gaslaterne\nlos. Die flackerte garnicht.\n„Nummer sechs, Nummer sechs.\"\n„Deibel, was hat er?\"\n„Ich sage, Nummer sechs.\"\n„Das Fatum\", flüsterte Nick seinem erschrockenen\nBruder zu.\n„Weche Strasse, Irfen?\" schrie einer vom Ende\ndes Tisches.\n„Nummer sechs ist es\"\n„Hailoh, Perastrasse,\" brüllte derselbe, „da wohnt\nsie 1\"\nIrfen blieb schweigend stehen. Er flüsterte etwas.\n„Perastrasse,\" wiederholte er automatisch sehr\nleise, er setzte sich plötzlicn hin, sehr ruhig, trank\nsein Glas in einem Zuge aus und blickte sich um.\nEinen Augenblick hielt die Verblüffung im Kasino an,\ndann lachte einer, schliesslich alle brüllend auf. Nick\nsprang auf: „Das Fatum hat gesprochen, Kameraden.\nRäuchert unsere Pythia aus\". Sie drangen auf den\nOberleutnant ein, schlugen wie er auf den Tisch:\n„Bravo, Prophete!\"\nSie drängten ihn, zu sagen, was er gefragt hatte.\nEr fuhr sich über den kahlen Schädel, brummte; er\nkonnte sich nicht besinnen. Das Gelächter nahm kein\nEnde.\nEr sagte gleichmütig, indem er sich aus einem\nKruge vom schwersten Griechenwein einschänkte, „in\neiner Stunde wolle er hingehen, das Fatum habe ge-\nsprochen; er könne es nur entgegennehmen; sie\nsollten lieber einen Zeugen auswählen; lachte zu-\nfrieden, als Nick sich selbst vorschlug und gewählt\nwurde, und als die jungen Leute wilde Allotria zu\ntreiben anfingen. Sie vermummten sich in Frauen-\nkleidung, erschienen vor ihm als Damen des Hauses\nNummer sechs, schnitten, als sie den schamhaften\nSchleier hoben, die entsetzlichsten Grimassen, brüllten\nlockend und pathetisch: „Kismet, Kismet 1\" Die Kasino-\nburschen legten ihm und Nick kurz vor elf die Mäntel\num, schnallten ihnen Degen und Revolver um, gaben\nihm den Fez in die Hand. Durch das Spalier der\nzurückbleibenden, die beschlossen hatten, bis zur Rück-\nkehr der beiden zu warten, gingen sie aus der Tür\nhinaus; Irfen voran, völlig kalten Blicks, als verliesse\ner wie sonst das Kasino; hinter ihn prahlerisch, etwas\nbetrunken und hoch vergnügt Nick. Sie taten die\nersten Schritte in die frische Nachtluft hinein. Nick\nschwatzte stolpernd über das Pflaster; Irfen gab keine\nAntwort. Dann sprach auch Nick kein Wort mehr. Als er\nan der ersten Strassenecke Irfen mit einer Handbe-\nwegung über die Richtung orientieren wollte, bemerkte\ner, dass Irfen den Kopf auf die Brust hatte sinken\nlassen, so dass sein Fez fast herunterfiel und der\nBüschel vorüberhing. An einer Strassenlaterne kam\nes ihm vor, als ob der Oberleutnant mit festgeschlos-\nsenen Augen ging, und als ob eine tiefe Spannung seine\nMundwinkel herunterzog und wieder die unbeirrbare\nSicherheit auf seinem Gesicht erschien.\nDen schon bestürzten jungen Mann befiel eine\nAngst, die seine Glieder lähmte. Als er noch einmal\nscharf den steinernen Ernst und die Verbissenheit\nfixierte, die neben ihm schritt, fuhren seine Hände\nentsetzt zusammen: „er versündigt sich\" schoss ihm\ndurch den Kopf; es überkam ihn die Lust, stehen zu\nbleiben, wegzulaufen, jemandem mitzuteilen, was hie"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "430", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.4", "texte": "vorging. Aber er konnte nicht anhalten. Es war\nja auch lächerlich. Irfen ging mit ziehendem Schritt\nvor ihm und liess ihn nicht los. Er ging im unglaub-\nlichem Gleichmass dicht an den Häusern, mit kleinen,\nschleifenden Schritten. Sie bogen aus der weiten\nHauptstrasse in die lange schmale Perastrasse. Da\nbrannte nicht eine Laterne. Vor einem alten ein-\nstöckigen Häuschen blieb der Oberleutnant stehen,\nohne den Kopf zu heben. Er hatte nicht aufgesehen,\num das Haus zu finden. Sie standen fast eine halbe\nMinute lautlos vor der kleinen Tür. Es war Nummer\nsechs; es war in der Tat Nummer sechs. Dann legte\nIrfen die rechte Hand vor die Stirn und sagte, ohne\nsich zu wenden: „Nick, ich will Dich bitten. Lass\nuns einen Augenblick an Allah denken; dann müssen\nwir Allah eine Zeitlang vergessen.\" Schon hatte er\nden metallenen Türklopfer gehoben und ihn gegen das\nHolz fallen lassen. Er stand wieder gesenkten Hauptes\nda; wartete.\nNick trat neben ihn. Drinnen polterte jemand eine\nTreppe herunter bis dicht an die Haustür, schloss,\nriss an der Klinke; mit einem Krach und lautem\nKnarren öffnete sich die Tür. Es war mit blossem\nKopf, im Hemdsärmeln, ein Bedienter, ein graubärtiger\nKroate, der mit einer riesigen Handlaterne die Uniformen\nder Herren ableuchtete und höflich fragte, was die\ndie Herren wünschten.\n„Nichts\", antwortete Irfen, „lass uns die Treppe\nhinauf,\" und suchte den Kroaten beiseite zu schieben.\nDer Verblüffte stellte sich breitbeinig eine Stufe höher,\nsetzte seine Laterne neben sich nieder, sah noch ein-\nmal Nick an, und wiederholte seine Frage. Von oben\ntönte inzwischen eine dünne scheltende Männerstimme;\nim Schlafrock hinkte ein gebücktes kahlköpfiges greisen-\nhaftes Herrchen über die Stufen, zog beim Anblick\nder beiden Offiziere die Quasten zusammen und fragte\nsehr ernst, aber noch unwirsch, wen sie zu sprechen\nwünschten oder wer sie jetzt schicke. „Ich bin von\nniemandem geschickt,'* fuhr ihn Irfen an, „ich muss\nhier im Haus etwas sehen\". Das kleine Herrchen\nrichtete sich steif auf, sah forschend in das unbeweg-\nliche Gesicht des hageren Offiziers, sagte ganz unsicher,\nbetreten: „Meine Herren, Sie irren vielleicht in der\nStrasse, in der Hausnummer. Ich weiss nicht. Oben\nschlafen nur noch meine Damen; es wohnt hier nie-\nmand sonst; ich kann jetzt niemanden einlassen.\"\n«Der Schlaf Ihrer Damen ist gewiss sehr wichtig; aber\nich habe eine unaufschiebbare Mission.\" Der Kroat\nund sein Herr wechselten rasche Blicke. „Sie meinen\nwirklich Nummer sechs, Perastrasse Nummer sechs,\nmeine Herren? Es muss doch aber ein Irrtum, eine\nVerwechslung vorliegen.\" „Lassen sie mich die Treppen\nhinauf, mein Herr,\" drängte Irfen, „kümmern Sie sich\nnicht um meine Sachen. Ist oben nichts, dann hab\nich Unrecht. Aber ich habe nicht Unrecht. Reden\nSie nicht; lassen Sie mich hinauf!\" „Ich kann Sie\nnicht ins Schlafzimmer meiner Damen lassen. Ich\nbitte Sie endlich von meiner Tür zu gehen.\" „Ich\nrühre Ihnen keine mit einer Fingerspitze an\".\n„Ich bitte Sie hier fortzugehen. Ich rufe Leute,\nmein Herr.\" „Und wenn Sie die ganze Garnison\nalarmieren, komm ich hinauf. Nick, steh her- Du\nwirst mir jetzt helfen.\" Er tastete an den Herren\nvorbei nach dem Treppengeländer; der fuhr heraus:\n„Nehmen Sie gütigst die Hand vom Geländer und\nrühren Sie mich nicht an.« Der Kroat setzt die\nLaterne höher hinter sich, stellte sich dicht vor Irfen\nhin, legte eisern seine Hand auf dessen Arm. „Nick, tu\nmir den Gefallen gegen diese Menschen. Wenn ich\nUnrecht habe, habe ich Unrecht. Aber Du sollst selbst\nsehen. —\" Man hört eilige Schritte oben, ein\nRauschen von Kleidern; eine angstvolle Frauenstimme\nrief: „Lass ihn doch herauf; um Gottes Willen, Kari.\"\nAber der wutzitternde Kroat hatte mit einem plötz-\nlichen Schlag vor die Brust Irfen zurückgeschleudert\nund die Tür zugeworfen. Erst schlug Irfen, sich gegen\ndie Tür stemmend, mit beiden Armen gegen die\nschwache Tür, dann trat er die Füllung mit zwei\nFusstössen ein, dass die Trümmer und Splitter auf die\nschreienden Leute drin schlugen. In diesem Augenblick\nhob Herr Kasteiii den Arm über den Kopf und bückte\nsich; der scharfe Degen des Oberleutnants zischte\nüber ihn durch die Öffnung; aber gleichzeitig krachte\ndie Treppe hinunter aus dem Revolver des Kroaten\nein Schuss, und rasch hintereinander zwei weitere\nSchüsse. Der lange Irfen draussen richtete sich hoch\nauf und warf die Arme in die Luft, stürzte rücklings\nauf das Trottoir, kroch wieder auf, lief, während der\nFez liegen blieb, schräg vorwärts auf die andere Seite\nder dunklen Strasse, drückte sich noch ein Augenblick\nan die Mauer an und fiel nach vorne dumpf schallend\naufs Gesicht Nick, am Arm getroffen, kniete schon\nneben ihn, sucht ihn umzudrehen. Als er Irfens Kopf\nwandte, sah er einen kleinen Stirnschuss und sah das\nunveränderte Gesicht eines grauen Menschen, der das\nlinke Auge zugekniffen, den linken Mundwinkel herab-\ngezogen hatte, als legte er sich eben über einen ver-\nwüsteten Tisch und sagte, den Arm wiegend mit un-\nbeirrbarer Sicherheit: „Kismet.\"\nDer Herr Kasteiii und seine Damen folgten bei der\nBeerdigung. Es waren drei ältere Damen, Verwandte\ndes Hausherrn und ein Herr, die für wenige Tage\nbei ihm auf der Durchreise wohnten. Im Kassino\nsagte man bei gelegentlichen Besprechungen des Falles,\ndass der Verlauf der Sache im Grunde vorauszusehen\nwar.\n\nGedichte\nHugo Wolf\n\nAnbetung\nStilles Wesen, wandelnd neben\nmeinem Schatten, Unsichtbares! —\no du Wein aus roten Reben,\neingegossen meinem Leben, —\nGlas zugleich, herbsthimmelklares,\nspiegelnd reicher Sonnen Schweben:\nNamen hab ich dir gegeben,\ntausend Namen hohlen Schalles,\ndie mit Unglück mich verflechten\nDoch in bleichen Mitternächtes\nweiss ich alles:\ndass du nichts bist als zwei Brüste,\nspringend aus des Dunkels Wellen, —\nmeinen Wünschen weisse Küste,\nhingeschleudert zu zerschellen —-\nstilles Wesen, Wunderbares!\n\nFurcht vor dem Frühling\nWas wir noch heute unser nennen,\nkann morgen schon verronnen sein:\nder Kerzen flatterhafter Schimmer,\ndes milden Scnlafes dunkler Wein.\nDie nächtigen Wipfel wandern, treiben,\nsind voll von Lauten, sturmverwehten. . .\nEin Strahl durch hauchbedeckte Scheiben\nwird morgen unsern Traum zertreten.\n\nDer Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nXLIIV\nDie beiden Frauen\nDie Kaiserin Cäcilie empfing die Frau Lotte\nWiedewitt, die als Gemahlin des stellvertretenden\nKaisers sehr feierlich in Ulaleipu aufgenommen wurde,\nin ihren Pelzzimmer. Und die beiden Frauen ver-\nstanden sich gleich so gut, dass der ganze Hofstaat\nder Kaiserin in ein grosses Erstaunen geriet.\nUnd die Frau Cäcilie sprach sehr bald mit der\nFrau Lotte über die Kinder; die beiden Frauen hatten\nbeide keine Kinder, und das kam den Beiden sehr\ndrollig vor.\nSomit erschien es ganz natürlich, das die Frau\nCäcilie mit der Frau Lotte sehr bald in die sieben\ngrossen Säle ging, in der die Kaiserin Kinderspielzeug\ngesammelt hatte.\nDa war die Lotte Wiedewitt ganz überrascht von\nall dem Reichtum; da gab es unzählige Dampfschiffe\nund Luftschiffe, elektrisch betriebene Fabriken, grosse\nBahnzüge, Theater, Bergwerke und illuminierte Park-\nanlagen — Alles im kleinsten Massstabe — und be-\nsonders einige Puppengalerien.\nUnd die Lotte hatte gleich eine Reihe von Vor-\nschlägen für neues Spielzeug und die Kaiserin Cäcilie\nging auf alle Vorschläge der Lotte ein, sodass die\nKammerfrauen gleich am ersten Tage viele neue Dinge\nbestellen mussten.\nDanach waren dann die beiden Frauen täglich in\nihrem Spielzeugsälen und vergassen dabei die An-\ngelegenheiten des Reichs ganz und gar, als wäre das\ngarnicht vorhanden.\nXLV\nDie Literatur Zentrale\nAuf Veranlassung des Herrn Haberland begab sich\nder Herr Bartmann in die Grottenschlucht, allwo die\nLiteratur-Zentrale des Kaiserreichs residierte.\nUnd die Anschauungen des Herrn Bartmann und\nHaberland fanden dort grossen Anklang; die Gedanken-\ntätigkeit der andern menschlichen Sinne, die nicht mit\nAuge und Ohr operierten, wurden in der Literutur-\nZentrale gleich sehr lebhaft beleuchtet; in ein paar\nTagen waren ein paar Dutzend neue Bücher erschienen,\ndie dem Thema alle möglichen Seiten abgewannen.\nDer Herr Bartmann wurde jetzt so berühmt, dass\ner täglich gute drei Stunden mit seiner Korrespondenz\nzu tun hatte.\nUnd es war sehr merkwürdig, dass dem Herrn\nBartmann ein so grosses Interesse entgegengebracht\nwurde, da eine Flut von Broschüren und Büchern, die\ndie Ereignisse an der Sturmküste behandelten, gleich-\nzeitig herauskam.\nGanz Utopia kam immer mehr in Erregung, der\nHerr Bartmann hatte keine Veranlassung, sich über\ndie Schlafmützigkeit der Utopianer zu beklagen; die\nsprachen sämtlich über die Untergründe der Erscheinungs-\nwelt so viel, dass es dem Herrn Bartmann oft ganz\nkomisch vorkam.\nAber der Herr Haberland schrieb:\n„Die Naturereignisse, Herr Bartmann, kommen\nIhren Bestrebungen so heftig entgegen, dass Sie sich\nrecht zusammennehmen müssen.\"\nUnd die Ermahnung war ganz am Platze, denn es\npassierte noch mehr.\nXLVI\nDie Irrlichter\nBrodeln tats im bewegten Sumpf, und bunt\nschillernde Blasen bildeten sich, und die wurden ganz\ngross, und wenn sie mit lautem Knall platzten, dann\nschössen grüne und blaue Flammenkegel heraus, die\nsich oben verästelten, und wie Blitze auseinanderfuhren,\nUnd diese Flammenspiele wiederholten sich und\nwurden immer häufiger, und die Flammen wurden\nimmer bunter; sie nahmen auch immer wieder andere\nFormen an, — die Kegel sahen bald wie dicke Baum-\nstämme und auch wie grosse phantastische Blumen aus,\nUnd des Nachts hüpften die Flammen wie Irrlichter\nauf dem Sumpfe herum.\nUnd dann erhielten die Flammen feste Formen, die\nauch am Tage sichtbar blieben.\nDen Beobachtern an der Sturmküste kams oft so\nvor, als schwebten bunte Geistergestalten über dem\nSumpfe, und es gab bald sehr viele Beobachter, die\nmenschähnliche Köpfe an den Flammen beobachtet\nhaben wollten; doch die photographischen Aufnahmen\nzeigten nichts Deutliches, Köpfe Hessen sich nicht\nerkennen\nNach einigen Tagen erhoben sich sehr viele\nFlammen zu ganz ungewöhnlicher Höhe, und oben\nzergingen sie nicht, sie blieben in der Luft und\nschwebten höher.\nEin merkwürdig scharfer Geruch ging von den\nFlammen aus, der Geruch liess sich mit anderen Ge-\nrüchen garnicht vergleichen, und man stritt sich bald\nlebhaft darüber, ob dieser Geruch mehr Wohlgeruch\noder das Gegenteil sei; jedenfalls liess sich der Geruch\nnicht lange ertragen, und die Beobachter mussten sich\ndie Nase verbinden.\nDabei wurde die Farbenpracht und die Fülle der\nFormen immer reichhaltiger, und nachts ging von den\nIrrlichtern oft ein so intensiver Glanz aus, dass die\nAugen der Beobachter für Minuten der Sehkraft be-\nraubt wurden, sodass man sich allgemein der ver-\nschiedensten Schutzbrillen bediente."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "431", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.5", "texte": "XLVII\nDie ratlose Wissenschaft\nSelbstverständliche versammelten sich sofort nach\nBekanntwerden des neuen Phänomens sämtliche\nChemiker und sämtliche Naturwissenschaftler an der\nSturmküste und beobachteten.\nAber sie konnten alle nicht klug werden aus diesen\nIrrlichtern; so was war noch niemals dagewesen im\nLande Utopia.\nDie Künstler und die Dichter, die natürlich auch\nvon dem unnatürlichen Schauspiele angelockt wurden,\nfreuten sich nur über die grossartige Formen- und\nFarbenpracht, und wenn man des Nachts auf den\nBaikonen der Logierhäuser zusammensass, so kam es\nimmer häufiger vor, dass man sich über die Natur-\nwissenschaftler lustig machte, die einfach ratlos dem\nneuen Lichtphänomen gegenüberstanden und gar kein\nvernünftiges Wort der Erklärung zu finden vermochten.\n„Es sind Geisterl\" sagten bald sehr viele Utopianer.\nDoch davon wollten die Wissenschaftler nichts\nhören.\nXLVIII\nDie Entdeckung des Herrn Schlackenborg\nDer Herr Schlackenborg, der Führer des Se-\nbastianischen Luftwagens, hatte sich anfänglich nicht\nbewegen lassen, in der Nähe der Sturmküste zu fahren,\nund auch die anderen Luftschiffe blieben weitab, da\nman neue Stürme mehr denn je zu fürchten begann.\nDoch eines Nachts vermochte doch der Herr\nBartmann seinen Steuermann, der Sturmküste etwas\nnäher als sonst zu kommen.\nHerr Bartmann und Herr Schlackenborg sassen im\nLuftschiff zusammen und befanden sich gute zehn\nMeilen von der Sturmküste entfernt über dem Fest-\nlande ; die Sterne funkelten heftig, und der Vollmond\nstand dicht über dem Meereshorizont ganz dunkelrot.\nDa sahen die Luftfahrer plötzlich eine Reihe blauer\nFlammen — ungefähr acht bis zehn — wie blaue\nFahnen, die im Sturme flattern und knattern, grade\nauf das SeLastianische Luftschiff zufliegen.\nHerr Schlackenborg sah nach dem Kompass —\nund siehe — die Nadel drehte sich plötzlich im Kreise\n— immer schneller — und das Luftfahrzeng fuhr trotz\naller Steuer und obgleich es ganz windstill war\nplötzlich mit einem Ruck seitwärts — und dann im\nZickzack, dass der Herr Schlackenborg sofort Befehl\ngeben müsste, das Fahrzeug in die Tiefe zu bringen\nund unten die Berührung mit dem festen Boden zu\nsuchen.\nAls nun der Luftwagen mit seinen langen Beinen\nwieder auf der Erde stand, atmeten die drei Maschinisten\nerleichtert auf und wischten sich den Schweiss von\nder Stirn; so was war ihnen noch nicht vorgekommen.\nHerr Bartmann war weniger erstaunt, da er sich\nbereits so an übernatürliche Dinge gewöhnt hatte, dass\nihm das Ereignis garnicht aus der Fassung brachte.\n„Sie sehen,\" sagte er zu Herrn Schlackenborg,\n„was alles hinter der uns sichtbahren Erscheinungswelt\nvorgeht. Welches Leben 1 Welches rasende gross-\nartige Leben! Ich freue mich, dass es den Utopianern\njetzt endlich klar wird, was alles hinter unserer Er-\nscheinungswelt lebt und sich bewegt und immer wieder\nneue Kräfte zeigt. Mich bringt das Neue nicht aus\nder Fassung, ich bin darauf vorbereitet gewesen und\nfreue mich, dass es endlich so augenfällig wurde —\nnicht meinetwegen, aber der Utopianer wegen •— denn\nfür mich würden all diese Lichterscheinungen auch da\nsein, wenn sie auch nicht sichtbar würden.\"\nDie Maschinisten sagten garnichts, aber sie tele-\ngraphierten das, was sie entdeckt hatten, an die wissen-\nschaftlichen Institute.\nUnd drei Stunden später waren alle Luftfahrer\ngewarnt.\nXLIX\nDie Experimente\nJetzt gings natürlich in den Kreisen der Wissen-\nschaft sehr lebhaft zu; sofort wurden über der Sturm-\nküste Fesselballons aufgelassen — anfänglich nur mit\nKaninchen und Registrierapparaten bemannt — später\nerst wagten sich die Gelehrten selber in die Ballons.\nU Und da wurde denn Alles studiert; und die Ex-\nperimente folgten einander in unsäglicher Hast — und\ndie Entdeckungen ebenfalls; die Physiker und Chemiker\ngerieten ganz aus dem Häuschen ob all der neuen\nWunder.\nUnd die Literatur-Zentrale gab ganze Serien neuer\nBücher heraus, die alle das Irrlichter-Phänomen be-\nhandelten; und der Laie konnte nicht mehr folgen —\nes war zu viel auf einmal.\nL\nDie Veränderung der Irrlichter\nDie physikalische und chemischen Experimente und\nEntdeckungen wurden aber sehr bald in den Hinter-\ngrund gedrängt, als man sah, dass die Irrlichter, die\nman jetzt im Himmel an verschiedenen Punkten über\ndem utopianischen Festlande beobachtete — als man\nsah, dass diese Irrlichter ihre Gestalt ganz wesentlich\nveränderten und mehr strahlenförmige Auswüchse\nerhielten.\nDiese strahlenförmigen Auswüchse hatte die Hellig-\nkeit grosser Scheinwerfer, die sich lebhaft bewegten\nund die Fesselballons mit kolossaler Gewalt seitwärts\nwarfen, sodass mehrere von ihren Stricken losgerissen\nwurden — und die Gelehrten nur mit Gefahr ihres\nLebens den Erdboden erreichten.\n\nFortsetzung folgt\nFortsetzung\n\nKants Vermächtnis\nVon Dr. S. Friedlaender\nKant war wie das grosse gigantische Schicksal.\nEr zermalmte den Geist, er erhob ihn. Es spornte\nund lähmte zugleich Aber während wir die Einen\nhimmelhoch jauchzen, die Andern zu Tode betrübt\nsehen, gab es nur Einen, in welchen diese Doppel-\nwirkung auf einmal wie ein Blitzstrahl schlug. Mit\nseiner schlicht sieghaften Persönlichkeit gelang es Kant,\nden Zwiespalt seiner Lehre auszugleichen. Eine ge-\nwisse kindliche Blindheit verhütete es, dass er sich als\ndas schwere Verhängnis, das er uns in der Tat bedeutet,\nnicht mit aller Furchtbarkeit voraus empfand. Der\nkantische Ernst ist versteckt, vor Kant selbst versteckt:\nAthur Schopenhauer ist seine erste mächtige Offen-\nbarung.\nAus dem Erstaunen, dass durch Kant eine Wahr-\nheit, welche sich bisher in aller Geschichte nur alle-\ngorisch, mythisch, religiös oder poetisch hatte ver-\nnehmen lassen, zur gründlichsten, detailliertesten, un-\numstösslichen Wissenschaft und Gewissheit erhoben\nworden war, kam dieser Mann niemals heraus.\nSchwelgend in den Wonnen Platonischer Dialektik, fand\ner in Kant seinen Meister, der ihn erweckte, ernüch-\nterte. — Er, mit einem ursprünglichen Gefühle uner-\nmesslicher Ueberlegenheit über jedes Dogma des Ver-\nstandes; mit einer Sonne in der Brust, welche alle\nSonnen der Welt fahl verbleichen machte, stürzte sich\nfeurig in die Arme Kants, der den Menschen zu sich\nselbst zwang, indem er ihm alle Stützen entriss, alle\nFundamente unterwühlte, auf die er sich seit Jahr-\ntausenden blindlings verlassen hatte, und so ihm keinen\nHalt liess als sich selbst. Aber Kant sprach — Kant\ndachte nicht so unverblümt und radikal. Bei der\nempirisch-realen Welt sollte man es bewenden lassen?\nUnd dem metaphysischen Bedürfnisse sollte der hungrig\naufgesperrte Rachen der Frage mit einer bloss formalen\nAntwort, einer anonymen Hoffnung gestopft werden ?\nSchopenhauer strotzte von einer anderen, ewigen\nGewissheit, nach deren Ausdruck er seit jungen Jahren\nrang. Es gab ein Etwas in dieser Welt, was auch\nnur empirisch real, aber es unvergleichlich vorzüglicher\nwar als alles Uebrige: das Phänomen der Phänomene,\ndas Tiefinnere der Person, das Herz des Lebens —\nder im Lebensdrang strebende Wille. Das war der\nabgründige Vulkan, auf dem die Welt tanzte; das\nhinter, unter der Natur in dämonischer Raserei\nTreibende, Kochende; das Feuer unter dem Kessel,\nworaus der Dampf stieg. Hier fühlte Schopenhauer\nden Pulsschlag der Welten. Hier dröhnte dem daran\ngelegten Ohre der Boden der Realität vom Donner\nnamenloser Gewalten. Hier war der Kern der Natur,\nhier erkannte Natur sich selbst.\nDer Leib war die Schale des inneren Willens, und\nso war Wille das Innere der Natur, dieser Ausdehnung\ndes Leibes ins Unendliche Kein physischer, ein\nmetaphysischer Zusammenhang ist zwischen Schale und\nKern. Doppelt ist die Natur sich gegeben: als Text\nder Vorstellung, als Interpretation des Willens.\nGern lassen wir uns hier an ein Wort Goethes\nerinnern, welches diese Wahrheit, dass der Schwer-\npunkt der Welt in das persönlich Innerste falle, wunder-\nschön bekräftigt: „Denn wozu dient alle der Aufwand\nvon Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen\nund Milchstrassen, von Kometen und Nebelflecken, von\ngewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht\nzuletzt ein glücklicher Mensch unbewusst seines Da-\nseins erfreut?\"\nDieselbe Wahrheit hat bei Schopenhauer einen\nschlimmen Klang. Eine schaudertiefe Charakteristik\ndes Willens zum Leben hebt an, bei der uns zu Mute\nwird, wie dem Hamlet bei den Worten des väterlichen\nGeistes.\nEiner Art Sündenfall entstammt der Wille zu leben.\nIn diese Welt wittert nur dumpf eine Welt der Selig-\nkeit hinein. Durch welche Fatalität mag wohl in dem\nselig mit sich selbst seienden Urwesen dieser Mangel,\ndieses Bedürfnis, diese lüsterne Lehre entstehen und\naus einer ungewissen Sehnsucht ein Verlangen, ein\nHunger und Durst, eine folternde Qual, eine lechzende\nWut werden ? Woher schrillt diese Dissonanz durch\ndie Harmonie des Urwesens, es in sich zerreissend?\nIn brünstiger Liebe zu sich selbst entbrannt, möchte\ndas von sich getrennte sich wieder einholen. Ein\nWahnsinntaumel hat es ergriffen, so dass es sich\nausser sich selbst nicht, obgleich es ewig in sich ist\nund sich nie verloren hat, so will es vergeblich.\nDieses Aussersichsein ist die Welt der Vorstellung, ein\nkrampfhafter Wahnsinn, eine Fata Morgana, dem Durste\nStillung vorlügend, schön zu schauen, mit Feuerschmerz\ndurchzuckend bei der Berührung. Unaufhörlich narrt\nund enttäuscht sie den Willen und verbittert ihn mit\nder Galle des Hasses. Aber gerade dadurch heilt sie\nihn von sich selbst, ihn, der nur an sich selber litt.\nEr wird immer resignierter. Und gerade der Wille,\nder die Leiter des Verlangens immer wütiger hinauf-\ngepeitscht wurde, steht endlich still, wenn jedes Ziel\nihn mit Verzweiflung anstarrt: er hasst nicht mehr,\ner will nicht mehr. Ein unsagbare Macnt hat ihn an-\ngerührt, einer Erinnerung seiner Seligkeit hat ihn an-\ngefasst, und an den Mast dieses besseren Bewusst-\nseins bindet sich der verirrte Odysseus vor dem noch\nherzzerschmelzend schön klingenden Sirenengesang des\nLebens: er wendet sich ab, er beruht auf sich — die\nNebel zennnen, Ithaka winkt —\nDie Dämonie dieser Schilderung bei Schopenhauer\nist grenzenlos ergreifend, das Abbild der Welt und des\nWillens grenzenlos wahr und einseitig. Keine aller-\nreifste Weisheit; von Jean Paul, von Goethe kalt ge-\nrühmt und beiseite getan; lange unwirksam; uner-\nmessen, weil masslos — die Weisheit eines schwer-\nblütigen, schwermütigen Jünglings. Dieses entschiedene\nAbsprechen über das Leben nennt man Pessimismus.\nEs bleibt eine oft erkannte und gerügte Naivität, auf\ndie Frage, ob das Leben etwas wert sei — ob es uns\nliebe, soll das wohl heissen — ein Ja oder Nein von\nihm erpressen zu wollen. Den Gefallen, eine Antwort\nzu geben, tut uns das Leben nicht; es überlässt uns\nden Entschluss und die Verantwortung. —\nKant war niemals eigentlich jung, und Schopen-\nhauer wurde niemals eigentlich alt. Daher der be-\nträchtliche Unterschied im Tempo, sich bekundend in\nder geistigen Haltung, im Stil, in der Lebensführung,\nsogar somatisch — worin * man will. — Ein lebhafter,\nin den frischesten Farben funkelnder Geist, wirft sich\nSchopenhauer mit einem Ungestüm sonder gleichen\nauf alle Probleme. Er wäre verloren gewesen, wenn\ner nicht, seinem reissenden impetus zum Gleichgewicht,\ndiese gediegene Erdschwere besessen hätte, welche\nseinem Flug in alle Höhen das bleierne Gewicht mit-\ngibt, der auch ein niederziehendes Element an seine\nFlügel heftet, so dass er niemals den Gipfel erreichte,\nfür den er einzig und eigentümlich bestimmt scheint.\nIn seiner Jugend muss er habituell des genialen Erlebens\nder ungemeinen Erleichterung, Abfallens aller nieder-\nhaltenden Gewichte, des Weichens der Angst des Ir-\ndischen teilhaft geworden sein. Um so belastender\nsenkte sich sofort wieder der ungeheure Druck herab,\nunter dem er leben musste, um sich nicht zu ver-\nflüchtigen. Immer gewalltätiger gährte in ihm die\nBegierde nach Freiheit von allem Druck. Es sollte\nnicht lange dauern, da war ihm Leben mit Druck\nidentisch: eine grausame Verwechslung, an die er die\nGoldgruben seines Geistes \\e.schwendete."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "432", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.6", "texte": "Wir vermissen an ihm, was an Kant hervortritt,\ndie Geduld zur Versöhnung widerstrebender Tendenzen\n— die Geduld! Er zerhieb mit raschem Streiche alle\nKnoten, die er nicht lösen konnte, sein furor philoso-\nphicus (et teutonicus) duldete keinen Aufschub. In\neinem wahren Sturmlauf bemächtigt er sich aller\nProbleme, sie überrumpelnd. Auf eifersüchtige Allein-\nherrschaft bedacht, ein Napoleon der Philosophie,\nwollte er der Philosoph sein, nicht irgend einer.\nAnders Kant. Kant unternimmt gleichsam eine Be-\nlagerung der Probleme. Er wartet ab; er lässt sich\nund ihnen Zeit; er hungert sie sozusagen aus, bis sie\nsich ihm von selbst ergeben, ohne dass er einen\nFinger gegen sie aufgehoben hätte. Dass sie dann\nschon ein wenig vertrocknet, verdorrt sind, hat ihm\nnichts an. Seine Kraft reicht nicht hin, die Welt in\nüppiger Blüte der Gesundheit in Empfang zu nehmen.\nSeine Art ist mehr indirekt, defensiv. Mit feiner diplo-\nmatischer Arglist und Hinterhältigkeit berückt er\nseine Probleme auf Schleichwegen. Er macht es mit\nihnen wie die Katze mit der Maus, so dass man nicht\nimmer leicht unterscheiden kann, ob er sie hält oder\nnicht hält. — Kein Wunder! Er hatte sich einer\nStelle genähert, woher ihm eine chaotische Unermess-\nlichkeit wie im Nebel schimmerte. Auf diesem Welten-\nmeer wagte er sich nicht hinaus, er begnügte sich, ein\nSchiff zu zimmern und mit Kompas und Steuer zu\nversehen, womit man es künftig befahren könne.\nSchopenhauer durchmisst die Welt in Riesen-\nschritten bis an die Grenze und weist mit starker\nEntschiedenheit auf das darüber hinausliegende Ziel:\nhier erst bricht in den klaren Tag die mystsche Nacht\njäh herein. Bei Kant hat man sich durch lauter\nFinsternis zu kämpfen, erst gegen das Ende wird das\nWerk licht und lichter. Schopenhauer vollendet jugend-\nlich vorschnell dieses Werk, das den Grundstein zu\neiner neuen Kultur legen sollte. Höchst voreilig wurde\ner zum Verächter der Kultur, kehrte er die Kultur\ngegen sich selbst: so mag der Blitz an einer Schnecke\nverzweifeln.\nWas ist dies Neue? Die gänzliche Atomonie des\nMenschen; das Verlegen aller Autorität von aussen\nnach innen: das glühende zu-sich-selbst-bekennen. Kant\nselbst mochte im halben Dämmer einer Apres-nous-le-\ndeluge-Politik sich hingegeben haben; schon der Nächste,\nschon Fichte zog die nächste Konsequenz. Aber den\nKrampf und die Verrenkung eines göttlichen Organis-\nmus zeigend, erscheint Schopenhauer. Das erobernde\nWerkzeug der Zukunft hebt er hoch empor: „Wollen!\nGrosses Wort! Zunge in der Wage des Weltgerichts!\nBrücke zwischen Himmel und Hölle!\" ruft er aus.\nAber melancholisch, mit der Finsternis einer ohn-\nmächtigen Vergangenheit auf der Stirn, sich von der\nSonne wie Faust abkehrend, düster, selbstquälerisch,\nScham und Sünde im Herzen: als die Tragödie —\nvielmehr als eine im besten Anlauf steckengebliebene\nTragödie — tritt der gigantische Wille auf, ein rechter\nverteufelter Gott.\nAllein in welcher kläglichen Gestalt auch immer,\ndiesen Dämon heraufgeführt und ihm das innerste\nInteresse des Lebens anheimgegeben zu haben, das ist\njedenfalls eine Tat, welche ihren Täter zum rechten\nTronerben Kants stempelt. Was hat Kant geleistet,\nals dass er die Bahn frei fegte von allem, was der\nSouveränität des Menschen im Wege stand! Scheinbar\numschloss er ihn mit engen Sckranken; in Wahrheit\nschnitt er ihm den gefährlichen Verkehr mit lauter ehr-\nwürdig vermeinten Gespenstern ab. Er setzt uns neue\nKöpfe zwischen die Schultern und neue Augen in die\nKöpfe. Mannbar und mündig werden wir erst durch\nSchopenhauer. Dieser revolviert uns im Innersten: er\nentfacht das Feuer des heroischen, ja göttlichen Willens\nin uns, ob er es gleich zu einem Weltbrande ver-\nwendet und mit übereiltem Streben „der Erde Freuden\"\nüberspringt. Es steht mit seiner Gesundheit nicht zum\nBesten. Sein profunder Kopf wälzt schwere Lasten.\nGegen diesen unglückseligen Atlas gehalten, nimmt sich\nKant fast wie ein Doktrinär aus. Ernster als jemals\neiner stellte er sich zum Leben. Was tut es, dass er\ndiesen Patienten schliesslich aufgab: vielleicht gerade\nmit diesem Todesurteil erweckte er die Energie in ihm,\nsich des bevorstehenden Todes zu erwehren.\nAuch Kant ist nicht gesund — eine scholastisch\nzugeschnittene, penible, pedantische, hölzerne Figur,\nmechanisch wie eine Präzisionsuhr gehend. Aber ein\nRekonvaleszent ohne Gleichen, ein zäher Besieger seiner\nhartnäckigen Gebrechen. Durch Kantäsche Gespenster\nder Trübe blickt uns von fern helläugig verheissungs-\nvoll der wache Tag an. Die Klarheit Schopenhauers\nverliert sich in mystische Abgründe.\n\nSchluss folgt\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALD EN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nV. I.: Oskar Kokoschka\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nMARGUERITE AUDOUX\nMarie-Claire / Roman\nEine kurze Besprechung dieses Romans (von\nRene Schickele) erschien in Nummer 46 dieser\nZeitschrift\nARTHUR RIMBAUD\nLeben und Dichtung\nLeipzig / Inselverlag\nSAR PELADAN\nDas allmächtige Gold / Roman\nVerdeutscht von Emil Schering / Mit einem\nVorwort von August Strindberg und einem\nPortät Peladans\nMünchen / Verlag Georg Müller\nHENRI DE REGNIER\nIn doppelten Banden / Roman\nDeutsche Verlagsanstalt Stuttgart\n\nNotiz\nDie Nr. 52 der Wochenschrift DER\nSTURM wurde auf den Berliner Bahn-\nhöfen nicht zum Verkauf gestellt: wegen\ndes „unmöglichen\" Bildes, wie uns mit-\ngeteilt wurde. Die Nummer ist durch den\nVerlag zu beziehen.\nVerlag DER STURM\n\nOegeniiber Pichel swerder in Pichelsdorf\nGrundstiicke an der Havel idyllisch gelegen\nneben dem Schlosspark, nahe der Doberitzer Heerstrasse\n(Kaiserdamm), preiswert verkauflich. Naheres durch die :>\nBodengesellschaft des Westens\n— — mit beschrankter Haftung —\nBERLIN W 66, MAUERSTRASSE 86—88\n□ Fernsprecher Amt I, Nr. 7497 □\n■ '\n\naaBKBBBBBBBaBBBSSBBBaBSB^SBBBSIBSBBBBeBaBBffIBBB\nBund filr Gesundes Leben (B. 112. G. L.)\n(Sitz Leipzig.)\nAls Synthese aller Reformbestrebungen modernen Lebens und\nzur Pflege gesunder Lebensanschauungen und Lebenszielc und zur\nForderung hygienischer Kultur dient unsere Monatsschrift\n„Gesundes Leben\" —\ndie gleichzeitig das Organ des „B 112. G. L.\" und vieler Reform-\nvereine ist. Beilagen: Der Kinderarzt; Der Haushalt; Durch Heimat\nund Fremde; Aus der Natur Schriftleitung: L. u. L. Ankenbrand.\nViele andere Vergiinstigungen sind aus den Satzungen ersichtiich.\nJahresbeitrag Mk. 5, . Ausfuhrliche Prospekte und Probenummerrt\numsonst und postfrei duich den Verlag:\nZentrale fiir Reforrnliteratur Dr. -Hugo Voiirath, Leipzig.\nBflHßßSßßSSßaßiliiiSlQiOl^iiiiilßiliilißßßßHßl\n\nw>\nWe hervorragende Wirkung des Kosmin auf\nZ&hne und Zahnfleisch und sein ungewohnlich erfrischendcr\nWohlgeschrnack machen dieses Mundwasser schoo nach kurzem Oe-\nbrauche uncntbehriich. Allen, die Wert auf schone und gesunde Zahne legen, sel\ndaher Kess&m zn tlglichen Mundspulungen besteni empfohlen. Eia Vermch fubri erfah-\nrtmgsgemlss zu dauerndesn Gebrauche. Preis pro Flasche lange ausreichend, Mark 1.50, übtftll kSuflkh."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "433", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.7", "texte": "Dritte Ausstellung\n3QQC3S BQQW& jjFjjfcffi oft 3888? 3888?\nranv VWMTW ■rniuriy\\i ■»wi^n\nGalerie Maximilian Hiad)t\nly.-y. .w. .vr rvr-vrrv-f*'?' ■y-v\"v—\nS'EoiS! M!o*S* !'i2'S2e £%!e J«3cM J<M<iJ<£!iS fiifSciS\nBerlin SI. Rankc-Strassc 1\nas der Kaiser KlHhelm Gedacljtnls • Klrc&e"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "434", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110311-01.1.8", "texte": "Inseratenannahme: Geschäftsstelle „Der Sturm\" Hannover, Artilleriestr. 15, für Berlin, Potsdamerstr. 111, sowie sämtl. Annoncen-Expeditionen, Druck v. Carl Schüssler-Hannover\n\nDr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrer a. d. Schauspielschule d. Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURO\nWilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5—6 Uhr\n\nKurhaus und Erholungsheim\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, große,\nhelle dimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze Jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stiind-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschiire\n„Leben\" kommen vom Besitzer u. Leiter Emil Peters\n\nstrasem Cafe Continental ST.'™;\nJeden Abend !von 9—4 Uhr Nachts:\nGROSSES KONSTLER-KONZERT\n:s Alle bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften ::\n\n„Der Forscher\"\nIllustriertes Zentralblatt fiir deutsche\nForschung\nHerausgeber: Bund deutscher\nForscher,Hannover, unter hoher\nEhrenprasidentschaft Sr. hoch-\nfiiistl. Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen beruhmter Autoren. Ordent-\nliche Mitgiieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, ffirdernde Mitgiieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, Dezw.\nK. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. K. 6— inklusive Porto\nProbenummer gratis und franko\nInserate finden im „Forscher\"\n/. wirksamste Verbreitung ..\nInsertionspreis: Die dreimal\ngespaltene Petitzeile 30 Pfg.\n— Geschaftsstelle: —\nForscher - Verlag, Hannover\n\nInkeinem Hause solltefehlen:\nFetke-Zeitimg\nZeitschrift fur naturgemasse\nLebens- und HeiLweise und\nHomoopathie nach der von\nPastor Felke in Repelen be-\n•• gegriindeten Heilmethode :\nSte erscheint allmonatlich\nunter Mitwirkung mehrerer Aerzte\nund hervorragender Sachverstan-\ndiger. Sie bringt ausfiihrliche Auf-\ns'atze iiber die verschiedensten\nKrankfieiten und deren Behand-\nlung. ferner iiber Naturheilkunde\nHomoopathie, Licht-, Luft- und\nSonnenb'&der usw.\nAbonnementspreis jahrlich\n: 3 Mark ;\nAbonnements nehmen die Brieftra-\nger und jede Postanstalt entgegen.\nVerlag der „Felke-Zeitung\"\nKrefeld (Rheinland)\n\nDer Biihnen-Roland\nDas freie Wort des deutschen\nSchauspielers\n— Des Buhnen-Boten zwOlfter Jahrgang —\nDer Biihnen-Roland bringt Aufsatze der bekanntesten Fachleute\nüber samtliche Gebiete der Theaterkultur und verfolgt die modernen\nlitterarischen und kiinstlerischen Bewegungen. Die Soziale Beilage\ntritt fur die Interessen des gesamten Schauspielerstandes ein und\ngewahrt grundsatzlich jeder berechtigen Meinung Raum. En-\ngagements-Inserate die Zeile 10 Pf., fiir Bezieher 8 Zeilen frei\nBezugspreis vierteljahrlich 3 Mark. Probeabonnement auf einen\nMonat kostenlos vom Verlag C. Clauder in Gruna-Chemnitz.\nHauptredaktion: Berlin N 37 Lottumstrasse 14\n\nPreis 1 Mark\nPreis 1 Mark\nMenthol-Malz-Dragees\nSicheres Mittel gegen akute Katarrhe der Atmungsorgane\nermoglicht Schauspielern und Sangern sofortigen\nGebrauch der erkrankten Organe r=z\nZAHLREICHE ANERKENNUNGEN\nZu haben in alien Apotheken und Drogerien / Alleinige\nFabrikantin / Fabrik fiir pharmaceutischen\nBedarf / Berlin-Malensee\nWohlschmeckend Sicher wirkend\n\nL' Effort\nHalbmonatsschrift\nfiir moderne Kultur und ®\nfranzosische Sezession in\nden Kunsten und in der\nLiteratur ... Jg\n$ Herausgeber und $\n: Schriftleiter :\n1 JEAN RICHARD\n# Jahresbezug fiir das\nAusland: Mark 4.50 §?\nZweiter Jahrgang\nVerlag und Redaktion:\nPOITIERS (Vienne)\nFrankreich\n\nin Max Giesswein\nKgl. SSchs. und Kgl. WOrttembg.\nHofopernsSnger\nBERLIN W. 50\nCulmbacherstr. 6\nFernspr.: Via 18926\nERTEILT\nGESANG-UNTERRICHT\nSprechstunde 3—4 Uhr\n\nVerlag Paul Reinike ■\nWilmersdorf\nHERWARTH WALDEN:\nBruder Liederlich\nFiir Gesang und Klavier\nMk. 1,50\n\nYerlag Oesterheld & Co.\nIn unserm Verlag erschien\nElse\nLasker-S chiller:\nDie\nWupper\nDrama\nMk. 2,50\nDurch alle Buchhandlungen\nzu beziehen\n\nDie Fackel\nHERAUSQEBER\nKarl Kraiis\nNummer 317/318\nsoeben erscnienen\nPreis 50 Pfg.\nÜBERALL ERHALTLICH\n\nHOHENZOLLERN\nKunstgewerbehaus\nFriedmann & Weber\nHOFLIEFERANT IHRER MAJESTAT\nDER KAISERIN UND KONIGIN\nW8- BERLIN -W8\nLeipzigerstrasse 13\nWOHNUNGSEINRICHTUNGEN\ni ■ KUNSiTGEWERBE ■ ■\nANTIQUITATEN UND STOFFE\n\nDer schonste Punkt\nin der Umgebung Berlins ist an der\nHeeresstrasse. Die letzten Wasservillenbaustellen\nan der Havel, gegeniiber Pichelswerder sollen sofort\npreiswert verkauft werden. Naheres die\nBodengesellschaft des Westens,\nMauerstrasse 86—88 ■■ Telephon I 7497\n\nHanse Herrmann\nKiinstlerische Lichtbilder\n::: Heimaufnahmen :::\nBERLIN W. / Potsdamerstrasse 134 a\nNahe Potsdamerplatz\nFernsprecher: Amt VI, 14967\n\n■SStSSX. Friedr. Blester Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngeprlifte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fiihrender Stellung). Grtind-\nliche Einfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes,\nrationelles Studium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fflr\nein mehrjahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anfanger (Darnen und Herren) die fiir Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfiihrungs- und\nBilanz-Technik, BUro-Praxis sich vorbereiten wollen —\nsowohl fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real- Oder ahnliche Schule\nabsolviert haben, wie fiir\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen,\nEinjahrig-Freiwillige, Abiturienten,\nfiir Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch tStig waren und\nden Forderungen der Gegenwart entsprecheid ihre Fachkenntnisse erweitern\noder vertiefen wollen oder\nfiir Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen.Nationalokonom.,\nOffiziere, die fur Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Gesellschaften sich vorbereiten wollen. Dauer der\nKurse 6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, Johannisplatz 5."}]}