{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_sha256": "21f534d22f0aa3eb34cf421b489f3aebbcbf17887c8ce00aa5474f0b205ee499", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/04/01_01/bmtnabg_1911-04-01_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/04/01_01/bmtnabg_1911-04-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.1", "debut_caractere": 547, "fin_caractere_exclue": 950, "texte": "Inhalt:\nMehr Kinder / Antwort von DR. 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Alfred Döblin:\nEs werden hier weitere Antworten auf unsere Rund-\nfrage über die Zweckmässigkeit der Paragraphen 6 und 8\ndes vorgeschlagenen Gesetzes zur Bekämpfung der\nKurpfuscherei veröffentlicht. (Siehe Nummer 53 und 54,\n55 und 56 dieser Wochenschrift.) Die Paragraphen\nlauten:\n§ 6 Der Bundesrat kann den Verkehr mit Gegen-\nständen, die bei Menschen die Empfängnis verhüten\noder die Schwangerschaft beseitigen sollen, beschränken\noder untersagen.\nSoweit der Bundesrat den Verkehr mit einzelnen\nGegenständen untersagt hat, ist deren Einfuhr ver-\nboten\n§ 8 .... Mit der gleichen Strafe (Gefängn s\nbis zu sechs Monaten und Geldstrafe bis zu 1500 Mark)\nwird, wenn nicht nach anderen gesetzlichen Bestim-\nmungen eine schwerere Strafe verwirkt ist, bestraft,\nwer öffentlich anzeigt oder anpreist, Gegenstände oder\nVerfahren, die den Menschen zur Verhütung\nder Empfängnis oder zur Beseitigung der Schwanger-\nschaft dienen würden\nEs liegt in Deutschland kein Anlass vor, für die\nVolksvermehrung zu sorgen; der Menschenzuvvachs\nlässt nicht wesentlich nach.\nDer Kaiser äusserte, den Selbstmord könne jeder\nnur mit seinem Gott und sich selbst abmachen. So\ndie andere Absicht, sich fortzupflanzen. Eine Vor-\nschrift hier überschreitet das Gebiet des rechtlich Be-\nstimmbaren, greift die Menschenwürde an. Und der\nGesichtspunkt, es müsse jeder Kongressus seinen na-\ntürlichen, folgenreichen Ablauf nehmen, ist nicht moralisch,\nsondern tierisch und dumm.\nDer Bundesrat wird den Handel mit Schutzmitteln\nnicht hindern, auch nicht hindern können, aber er\nwird ihn über kurz und lang in eigene Regie nehmen.\nDenn der Bundesrat ist ein Institut, das an das National-\nwohl denkt.\nMan möge berechnen, wieviel Volksvermögen ver-\nloren geht durch die Lues und Gonorrhoe. Es leidet\ndie Mehrzahl aller deutschen jungen Leute an einer\noder beiden dieser Krankheiten. Es werden jährlich\nMillionen Mark für die Behandlung dieser Krankheiten\nund ihrer Folgezustände umgesetzt. Für Irrenhäuser,\nvorzeitige Invaiidisierung, Sieche werden aus öffentlichen\nMitteln ungeheure Summen, Jahr um Jahr wachsend,\naufgebracht. — Tausende Menschen sterben in Deutsch-\nland in blühendem Alter an den Folgezuständen dieser\nErkrankungen. Die Gonorrhoe, besonders die Lues\nzehren an der Volksgesundheit fast so schlimm als\nder Alkoholismus und die Tuberkulose. Der Bundes-\nrat ist ein Institut, das an das Volks wohl denkt; er\nwird dies nicht lange mit verschränken Armen ansehen\nkönnen.\nDie Fruchtbarkeit des Volkes wird durch die Lues\nund Gonorrhoe in kaum absehbarer Weise beeinträchtigt.\nBekannt ist die Einkindssterilität der gonorrhoischen\nFrauen, die zahllosen Aborte der luetischen Frauen.\nDas Verbot und die Beschränkung des Verkaufs der\nSchutzmittel ist ein zweischneidiges Schwert: es werden\nvielleicht auf der einen Seite mehr Kinder produziert,\nauf der anderen greifen die Infektionskrankheiten ver-\nheerend um sich und schaffen eine Abnahme der Frucht-\nbarkeit, die den Geburten - Ueberschuss unzweifelhaft\nweit übertrifft. Der Bundesrat weiss dies; ihm\ngehören logisch feingebildete Männer an. Die Körper-\nschaft, der so kenntnisreiche Organisationen zur Seite\nstehen, wird bald eingreifen; zwar nicht katholisch,\naber hygienisch. Hier verwischen sich alle sonstigen\nParteiunterschiede; in den höheren Ständen fordern\ndie Krankheiten die schwersten Opfer. Die Anpreisung\nund das Angebot wie der Verkauf der Schutzmittel\nwird staatlich organisiert werden Zugleich mit der\nsexuellen Aufklärung wird eine Aufklärung über Lues\nund Gonorrhoe und ihre Verhütung erfolgen. Die\nMittel zu ihrer Verhütung müssen jedem Erwachsen\nbekannt sein; der Bezug der Schutzmittel muss leicht\nund diskret erfolgen können. Die sanitäre Ueber-\nwachung der Prostitution ist eine halbe Arbeit. Das\nGenannte wird folgen Die staatliche Herstellung von\nDiphtherieheilserum ist wichtig; die der Schutzmittel\nnicht weniger.\nDer Bundesrat wird über den § 6 den Kopf\nschütteln, und lächelnd einen § 606 bestimmen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "452", "page_fin": "452", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.4", "titre_corps": "Nachts", "titre_sommaire": "Nachts", "signature_source": "Erich Unger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "452", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.2", "debut_caractere": 3976, "fin_caractere_exclue": 10683, "texte": "Nachts\nVon Erich Unger\nZwanzigtausend Menschen laufen über den Pots-\ndamer Platz. Der Himmel ist vom Regen gewaschen\nund ein kühles Blaugrün steht weitestens über der\nSteglitzerstrasse. Ein düsterer Wolkenvorhang liegt da-\nrunter — wahrscheinlich über Süddeutschland.\nJoseph Strassburger läuft die Bellevuestrasse, in der\nes schon finster ist, nach dem Roland und denkt fort-\nwährend: „Wie kann der Bernhard wahnsinnig geworden\nsein. Um Gottes willen, ich weiss nicht — wenn der\nBernhard wahnsinnig ist, wer ist denn gesund. Ich\nwill ihn reden hören, ich werde die Möglichkeit, dass\ner wahnsinnig ist, nicht dauernd denken können\". —\nsein gesamtes Sich-Fühlen wurde unsicher. Der Bern-\nhard, an den er dachte, war sein Freund, dessen Er-\nlebnisse er seit fünfzehn Jahren, seit sie kleine Jungens\nwaren, täglich mitgemacht hatte, und ebenso umgekehrt,\nsodass also nicht einer von ihnen verrückt werden\nkonnte, ohne den anderen mitzureissen. Darum schwankte\nAlles um Joseph Strassburger und er bekam grosse\nAngst.\nEr lief durch die Siegesallee, um den Hafen an der\nAlsenstrasse, über Brücken, an einem Auflauf vorbei\nin die Luisenstrasse 13a in sein Zimmer\nDort sass er wie es am hellsten war und blickte\nauf die Strasse hinunter in die Charite und als es\nganz finster war, fasste er einen Entschluss, sah sich\num, schritt in das finstere Zimmer hinein und steckte\ndie Lampe an.\nEr begann das „Bildnis des Dorian Gray\" zu lesen\nund wagte nicht aufzusehen, sondern kauerte sich\nkörperlich und geistig in den Lichtkreis der Lampe und\ndas Buch. Das Dauerte bis halb zwei, als schon alles still\nwar und es auf dem Korridor knackte. Entsetzt horchte\ner auf, stand mit gelähmten Gliedern und wollte den\nWandschrank vor die Stubentür rücken, für den Fall,\ndass jemand hindurchschiessen wollte. Aber er unter-\nliess es, da er wusste, dass es keine Furcht vor Ein-\nbrechern war, die ihn befallen hatte.\nVielmehr merkte er, wie sich sein geistiger Blick\nherumdrehte und Möglichkeiten zu sehen bekam, die\nihm gefährlich wirklich zu werden drohend, immer\nnäher auf den Leib rükten, und er war darauf gefasst,\nihre umheimlichen Gestaltungen durch die Tür treten\nzu sehen.\nDoch schon hatte er diese Möglichkeiten unter die\nPerspektive seines sonstigen Denkens gebracht und sie\ndadurch farb'oser und ungefährlicher gemacht, sodass\ner sich schon etwas beruhigte, als er plötzlich unter\nwahnsinnigem Herzklopfen sah, wie die Korridortür —\ndas tote Ding — einen entsetzlichen Ausdruck annahm;\nund als ob ihm an den unteren Augenlidern gerissen\nwürde, sah er, wie sie in drei Rucken aufging, den\nschwarzen Gang sehen liess und wieder zuging.\nIn irrer Aufregung stürzte er an die Fensterwand\ndes Zimmers und langsam etwas gewahr werdend bog\ner seinen Kopf vor und starrte nach rechts. Da sah\ner seinen Freund Bernhard ruhig im Schatten des\nZimmnrs auf seinem Bett sitzen und in einem Buche\nblättern.\nJoseph sagt:\n„Wie geht es Dir; ich habe gehört, Du sollst —\neinen — Nervenchok — — oder so was — gehabt\nhaben.\"\n„Nein, keinen Nervenchok, sagte Bernhard, sondern\nich soll wahnsinnig geworden sein —.\"\n„Was ist das, was ist das für Blech?!\" sagt Joseph,\nhalb ehrlich, halb aus Vorsicht.\n„Du weisst doch, entgegnet der andere, wenn zwei\nsich gegenseitig des Wahnsinns beschuldigen, fehlt jedes\nKriterium.\"\n„Wahrhaftig, wahrlich\", lacht Joseph ausgelassen\nwährend der andere ihn lächelnd scharf fixiert.\n„Ich will Dir verraten, sagt er, dass ich tatsächlic\nwahnsinnig geworden bin, aber ich will Dir zuliebe\nwenige Minuten noch die Pose annehmen die ich bis.\nher gehabt habe.\"\nJoseph, ungewiss, ob er selbst überlegen oder\nminderwertig sei, fragt mit einem Ton, indem ebenso,\ngut psychiatrisches Tasten wie geistige Unterlegenhei\nklingt:\n„Du glaubst also, Bernhard, dass das ganze Ver-\nnunftniveau der Menschen, ihr ganzes, auch ihr unbe.\nobachtetes Denken eine Pose ist? 1\"\n„Ja. — Das ganze Oberbewusstsein ist eine ange.\nnommene Haltung\" sagt der andere.\n„Höre mich an, Bernhard ist es das, was Du\nmeinst: Du redest beileibe nicht von dem faden Gegen-\nsatz zwischen dem „Tier im Menschen\" und der „Ver-\nnunft\", keinesfalls davon, dass diese „Vernunft\", oder\nbesser Vernünftigkeit die Maske der ungezähmten In-\nstinkte sei. Du redest auch nicht von dem tieferen\nGedanken Nietzsches, dass die unterirdischen psychi-\nschen Kräfte, dem Menschen, der ihr Werkzeug ist,\nnicht ins Bewusstsein kommend, seinen wahren Willen,\nder der ihre ist, maskieren —\n„Nein, antwortete der andere, nicht nur das ober-\nbewusste Wollen ist eine angenommene Haltung\nsondern sogar das Anschauen, die Wirklichkeit,\ndie Dinge der Aussenwelt — die so konstant, so ob-\njektiv, so unabhängig erscheinenden Empfindungen der\nSinne — sind eine Pose.\"\nJoseph fragt: „Was folgt daraus ?\"\n„Wenn man erkannt hat, antwortete der ander«,\ndass die Empfindung der Wirklichkeit eine angenommene\nHaltung ist, so kann man sie aufgeben. Dtesi\nKonstanz, diese Unveränderlichkeit, dieses Beharrungs-\nvermögen der toten leblosen Dinge, die seit Jahr-\ntausenden dieselben physikalischen Gesetze befolgen,\ndiese langweiligen Gesetzmässigkeiten. Eine anständige\nunendliche Wirklichkeit ist nicht so stupid gleichmässig,\nDahinter steckt das Entsetzen vor unnatürlichen Ge-\nschehnissen, die Furcht vor unfassbaren Neuerungen,\ndie das Eintreten massloser Möglichkeiten verhindert\nDie Menschen selbst, ihre unterirdischen psychisches\nKräfte bestimmen die Wirklichkeit, und diese tote Un-\nveränderlichkeit der Aussenwelt ist eine Schöpfung der\nAngst vor Umwälzungen.\"\nVon hier an sprach der andere mit lauter werden-\nder Stimme:\n„Erkenne ich, dass auch die Dinge der Aussei-\nweit, nichts sind als eine willkürliche Haltung der\npsychischen Kräfte, daraus entstanden, die Furchtbar-\nkeit des Daseins nicht aufkommen zu lassen, so gebe\nich diese Haltung auf und erfahre Ungeheuerliches.\"\nJoseph entgegnete leise:\n„Die Ereignisse geschehen dann wie vor einem\nWahnsinnigen.\"\n„Ja\" sagt der andere, „aber dieser Wahnsinn ent-\nflammte bei allen sogleich, wenn die Angst erstickt ist.\"\nIn dieser Nacht ist dem Joseph Strassburger das\nwiderfahren, das mit einem Ruck sein gesamtes bis-\nheriges Leben verneinte, also dem Erlebnis des Todes\nam nächsten kam.\nEr glaubte nämlich zu sehen, wie sein Freund\nBernhard nach seinem Kopfe fasste, und ihn für die\nDauer eines Herzschlages abnahm, nach Verlauf einer\nSekunde aber ruhig ihn selbst fixierte.\nVon Taubheit befallen, wie nach dem unhörbarer\nKnall einer inneren Explosion, versagten ihm die Ge-\nsichtsmuskeln und sein Unterkiefer sank herab. --\nEinige Zeit nachdem er sich erhohlt hatte, sagte\nder andere: „Komm wir wollen hinuntergehen, es ist\nschon morgen.\"\nSie gingen durch die Dämmerung der Luisenstrasse\nbis es hell wurde durch den Tiergarten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "452", "page_fin": "453", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.5", "titre_corps": "Die Drangsale des Lotsen", "titre_sommaire": "Die Drangsale des Lotsen", "signature_source": "Ein Märchen von August Strindberg ; Deutsch von Emil Schering", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "452", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.2", "debut_caractere": 10685, "fin_caractere_exclue": 10743, "texte": "Die Drangsale des Lotsen\nEin Märchen von August Strindberg"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "452", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.2", "debut_caractere": 10753, "fin_caractere_exclue": 10842, "texte": "Sie gingen über Felsenhügel und Baumwtirzeto\nMoor und Geschwende, Gehaue und Meiiengründe"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "453", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7633, "texte": "aber Viktor musste sich zuweilen umdrehen und nach-\nsehen, ob sie noch folgte, denn er hörte ihre Schritte\nnicht; und auch wenn er sich umdrehte und sie vor\nsich hatte, musste sein Auge sie suchen, denn ihr\nKleid in gelb und grün machte sie beinahe unsichtbar.\nEndlich kamen sie an eine Blosse des Waldes Als\nViktor mitten auf dem grünen Plan sich befand, kam\nder Stier, als ob er dort gestanden und gewartet hätte.\nEr war schwarz und hatte einen weissen Stern vorne\nan der Stirn und Blut in den Augenwinkeln.\nDa keine Flucht möglich war, galt es nur Angriff\nund Verteidigung Viktor warf einen Blick auf den\nBoden. Da lag ein Zaunpfahl, eben gehauen, mit\neiner Keule am Ende, den nahm er auf und stellte\nsich kampfbereit.\n—Du oder ich! kommandierte er. Eins, zwei,\ndrei! jetzt begann der Tanz. Der Stier backte zuerst\nwie ein Dampfboot, liess durch die Nasenlöcher Dampf\nheraus, bewegte den Schwanz wie einen Propeller und\ndann gings mit Volldampf vorwärts.\nEs sauste in der Luft und knallte wie ein Schuss,\nals der Pfahl den Stier mitten zwischen die Augen\ntraf. Viktor war mit einem Sprunge zur Seite und\nder Stier schoss an ihm vorbei. Dann aber ver-\nänderte sich die Situation; das Untier steuerte dem\nWaldrand zu, wo Viktors Braut in hellem Kleid zu\nseinem grossen Schrecken heraneilte, um ihren Bräuti-\ngam zu treffen\nDa schrie er aus der Tiefe seiner Seele: In den\nBaum hinauf, Anna! Der Stier kommt!\nUnd er sprang hinter dem Untier her, schlug es\nan der schmälsten Stelle auf die Hinterbeine, um mög-\nlichst ein Schienbein zu zerschmettern. Mit über-\nmenschlichen Kräften zwang er den Koloss, auf den\nBoden niederzusinken, Anna war gerettet, und der\nLotse hielt sie in seinen Armen.\nWohin wollen wir jetzt gehen? sagte er. Nach\nHause ?\nSie zu fragen, woher sie komme, fiel ihm nicht\nein, aus Gründen, die wir nachher erfahren werden.\nSie gingen Hand in Hand den Fusssteig dahin und\nwaren glücklich über das unerwartete Wiedersehen.\nDann blieb Viktor plötzlich stehen:\nWarte einen Augenblick, ich muss nach dem Stier\nseilen, denn es ist jedenfalls schade um ihn.\nDa verwandelte sich Annas Antlitz und ihre Augen-\nwinkel wurden blutig. Mit einem wilden boshaften\nAusdruck sagte sie nur: Geh, ich warte!\nDer Lotse betrachtete sie mit traurigen Blicken,\ndenn er hörte, dass sie die Unwahrheit sprach. Aber\ner folgte ihr. Ihr Gang jedoch ungewöhnlich, und\ner begann auf der ganzen linken Seite zu frieren.\nAls sie noch eine Weile gegangen waren, blieb\nViktor wieder stehen.\nGib mir deine Hand, sagte er, nein die linke Da\nsah er, dass sie ihren Ring nicht trug.\nWo ist der Ring?\nDen habe ich verloren\nDu bist meine Anna, aber du bist es nicht Es\nist eine Fremde in dich hineingeflogen.\nDa warf sie ihm einen Seitenblick zu, und er sah,\ndass es nicht eines Menschen, sondern eines Stieres\nblutiger Blick war, und er verstand.\nWeich von hinnen, Zauberin! sagte er und spuckte\nihr ins Gesicht.\nDas hätte man sehen sollen. Die falsche Anna\nwechselte ihren Balg, wurde gelbgrün im Gesicht wie\nGalle, platzte vor Wut, und im nächsten Augenblick\nsprang ein schwarzes Kaninchen über die Blaubeer-\nbüsche dahin und war verschwunden.\nJetzt stand er im irrsamen Walde, aber er war\nnicht verdutzt, sondern dachte: ich gehe wohl weiter:\nkommt dann der T selbst, so bete ich ein\nVaterunser herunter, das reicht lange Wege.\nSo ging er weiter und erblickte eine Hütte. Er\nklopfte und wurde von einem alten Weib empfangen\nund ob er über Nacht Herberge bekommen\nkönnte. Die Alte antwortete, die könne er haben, aber\nes sei nichts rechtes da, das man anbieten könne,\nnur eine dürftige Kammer auf den Boden.\nSie mag sein, wie sie will, ich muss schlafen.\nWie sie einig waren, folgte er ihr auf den Boden\nm die Kammer. Da hing ein grosses Wespennest über\ndem Bett, und die Alte bat um Entschuldigung, dass\nsie einen solchen Besuch habe.\nSchadet nichts, Wespen sind wie die Menschen,\nsie sind artig, bis man sie reizt. Vielleicht habt ihr\nauch Schlangen?\nWir haben einige Stück, versteht sich.\nbchadet nichts; die lieben die Bettwärme, wir\nwerden schon einig werden! Ist es eine Otter oder\nNatter? Ich bin allerdings nicht so genau mit der\nGesellschaft aber ich ziehe die Natter vor!\nDie Alte stand sprachlos, als der Lotse das Bett\nzu ordnen anfing und die bestimmte Absicht zeigte, in\ndem Raum zu schlafen.\nIndessen war vor dem geschlossenen Fenster ein\nängstliches Summen zu hören, und eine grosse Hornisse\nversuchte hinein zu kommen.\nLasst das arme Ding herein! sagte der Lotse und\nöffnete das Fenster.\nNein nicht so eine! Macht ihr den Garaus! schrie\ndie Alte.\nWarum? Sie hat vielleicht Junge hier, die hungern\nwerden, und dann muss ich daliegen und Kinderge-\nschrei anhören, nein danke! .... Komm, du kleine\nWespe\nSie sticht! rief die Alte.\nNein bewahre, sie sticht nur boshafte Menschen . .\nDas Fenster wurde geöffnet. Herein zog eine\nHornisse, so gross wie ein Taubenei. Sie surrte wie\neine Basssaite und begab sich gleich ins Nest hinauf.\nDann wurde es still.\nDie Alte ging und der Lotse kroch ins Bett.\nAls er am folgenden Morgen in die Stube hin-\nunter kam, fand er die Alte nicht; aber auf dem ein-\nzigen Stuhl sass eine schwarze Katze und spann. Die\nKatzen sind wegen ihrer Faulheit zum Spinnen ver-\nurteilt. Etwas müssen sie tun.\nSteh auf, Katze, sagte der Lotse, damit ich mich\nsetzen kann.\nUnd er nahm die Katze und setzte sie auf den\nHerd. Aber es war keine gewöhnliche Katze, denn sie\nfing mit dem Rückenhaar zu funkeln an, so dass die\nSpäne Feuer fingen.\nKannst du Feuer machen, so kannst du auch Kaffee\nkochen, sagte der Lotse.\nAber die Katze ist von der Wolle, dass sie nicht\nwill, was ein anderer will, und sie fing an zu fauchen\nund zu spucken, dass das Feuer erlosch\nDa hörte der Lotse wie ein Spaten gegen die\nHauswand gestellt wurde; und als er hinausguckte, er-\nblickte er die Alte. Sie stand an einer Grube, die sie\ndraussen im Garten aufgeworfen hatte.\nSo, du gräbst mein Grab, Alte? sagte er.\nDie Alte kam herein. Als sie Viktor frisch und\ngesund vor sich sah, geriet sie ganz ausser sich vor\nVerwunderung; und jetzt bekannte sie, dass noch nie-\nmand lebendig aus der Kammer herausgekommen sei\nund dass sie darum im voraus sein Grab gegraben\nhabe.\nDa sie etwas schlechte Augen hatte, fand sie, der\nLotse habe ein wunderliches Halstuch bekommen.\nJa, hast du schon so ein Halstuch gesehen? sagte\nViktor und strich mit der Hand unter sein Kinn. Da\nsass eine Schlange, die einen feinen Knoten mit zwei\ngelben Flecken gemacht hatte; das waren die Ohren;\nund die glänzten wie Edelsteine.\nZeige Tante deine Brustnadeln, sagte der Lotse.\nUnd als er die Schlange am Kopfe kraulte, waren\nzwei Brustnadeln mitten im Rachen zu sehen.\nDa fiel die Alte zu Boden und brach aus:\nIch sehe jetzt, dass du meinen Brief bekommen\nund ihn verstanden hast. Du bist ein braver Kerl!\nSo, das war dein Automatenbrief? sagte der Lotse\nund nahm den Brief aus der Brusttasche. Den werde\nich unter Glas und Rahmen setzen, wenn ich nach\nHause komme.\nWisst Ihr was in dem Brief stand? — Es hiess\nauf deutsch: „Man muss sich nicht ver-\nblüffen lassen;\" was man übersetzen kann: „Das\nGlück steht dem Kühnen bei\".\n*\nAnne-Marie, die ihre Mama so ihre Geschichte be-\nenden hörte, fragte jetzt:\nJa, aber wie kam es, dass der Lotse vom Schiff\nnach der Passage gehen konnte; und er kehrte nach-\nher zurück, oder hatte er alles geträumt?\nDas sollst du ein andermal hören, kleine Fragerin,\nantwortete die Mama.\nJa, aber es standen doch Verse in dem Buche . . .\nWas für Verse? Ach so, die im Schneckenladen . . .\ndie habe ich vergessen .. . sagte die Mama. Aber\nman muss nach so etwas nicht fragen; es ist ja nur\nein Märchen, liebes Kind!\n\nDeutsch von Emil Schering"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "453", "page_fin": "454", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.6", "titre_corps": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "titre_sommaire": "Der Kaiser von Utopia : Ein Volksroman", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "453", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.3", "debut_caractere": 7635, "fin_caractere_exclue": 10267, "texte": "Der Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nLXXI\nLotte Wiedewitt\nAls der Moritz aufwachte, sass sein Weib neben\nihm und weinte.\n„Warum weinst Du?\" fragte da der Moritz.\nDa rief die Lotte schluchzend.\n„Moritz! Moritz! Du darfst nicht sterben. Ich\nhabe Dich so lieb — so sehr lieb.\"\nUnd die Lotte küsste den Moritz, aber der sagte:\n„Du musst mich, wenn Du mich wirklich lieb hast,\nruhig sterben lassen. Willst Du mir nicht einmal diese\nFreude gönnen? Glaubst Du, dass ich jemals in\nmeinem Leben eine andere Freude habe? Sieh nur,\nwie mein Körper durch das Betttuch leuchtet — so\nleuchtet Alles in mir auf — jetzt, da ich endlich\nsterben kann. Ich sehe lauter Narren, die mit ihren\nKöpfen Fangeball spielen — und dazu lachen die\nKöpfe. Und meine Lotte muss auch dazu lachen.\nLach doch, Lotte!\"\nDa zwang sich die Lotte und wollte wirklich\nlachen — und sie lachte — aber es klang so\nschauerlich, das ihr mit einem Male Alles schwarz vor\nden Augen wurde — sie fühlte, dass sie umsank und\nvon vielen Händen gehalten wurde — und dabei hörte\nsie neben sich den Moritz nochmals laut lachen und sagen:\n„Es ist ja Alles Komödie — das ganze Leben.\nNur das Sterben ist schön. Lasst uns fröhlich sein —\ngebt mir Wein — und lasst Musik spielen.\"\nEs geschah wie er sagte.\nDie Lotte wurde ohnmächtig hinausgetragen.\nLXXII\nDas Leichenwunder\nDa passierte in einer Leichenhalle am Schwantu-\nflusse, in der über fünfhundert bunte Leichen von\nMännern der Wissenschaft aufmerksam beobachtet\nwurden, abermals etwas Wunderbares: die astartigen\nneuen bunten Gliedmassen, die aus den Leichen heraus-\nwuchsen und sich immerzu bewegten und veränderten,\nbekamen Wunden, die bluteten — und aus diesen\nWunden schössen feurige Strahlen heraus, die zu\ngrossen Flammen wurden.\nDa packte das Entsetzen die Herren Gelehrten,\nund sie liefen davon.\nUnd sie befahlen den Leichenträgern, die Leichen\nzu isolieren. Aber die beherzten Leute, die die Leichen\nanfassen wollten, bekamen so furchtbare Brandwunden,\ndass man beschloss, die Leichen mit langen eisernen\nHebeln herauszuheben und einzeln am Flusse auf-\nzubahren ; jede Leiche wurde mit einem eisernen\nSchirmdach oben gegen Regen geschützt — jede Leiche\nlag von der nächsten hundert Meter entfernt.\nUnd nun wurden die Leichen von allen Seiten\nmit Fernrohren beobachtet — und man sah, dass sich\nbunte kleine Flammen von den toten Körpern loslösten,\nund diese Flammen flogen gegen die eisernen Schirm-\ndächer und brannten da Löcher durch — und oben\nin der Luft bekamen die Flammen Kometengestalt wie\ndie grossen Irrlichter.\nLXXIII\nDer sterbende Moritz\nUnd der sterbende Moritz rief den Staatsrat an\nsein Bett"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "454", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6625, "texte": "Und der Staatsrat kam.\nUnd der Kaiser Moritz sagte laut:\n„Ich sterbe jetzt und sage Euch feierlich: ich war\nder richtige Kaiser, denn ich liess Alles so gehen, wie\nes ging. Ihr aber seid die Narren, weil Ihr etwas\nDaseiendes in andere Bahnen lenken wollt — während\nes doch nur eine einzige Bahn gibt, die die richtige\nist — die Bahn, die klar und sicher zum Tode führt.\nWarum lehrt Ihr nicht den Utopianern, dass sie sterben\nsollen vom ersten Moment ihres Lebens an ? Nur\ndas Sterben macht glücklich — das Hinschwinden —\ndas stille Vergehen. Ich wollte, ich könnte das ganze\nKaiserreich Utopia mitnehmen — mit Euch Allen zu-\nsammen sterben. Es ist wirklich das Beste von Allem.\nIcn fühls. Sie tanzen wieder — die alten Greise --\nich sehe sie — sie werden kindisch — und die Ge-\ndanken tanzen mit und die Köpfe rollen über das\nMeer — hinaus in die Unendlichkeit — da brauchen\nsie nicht mehr zu leben — da ist es endlich zu Ende\n— da versinkt Alles — Alles — und es braucht kein\nKopf mehr zu leiden — ich auch nicht Ich segne\nmein Kaiserreich! Möge es sterben, so selig — wie\nich — jetzt hingehe — in die — bunte Nacht — in\nder Alles — ruhig ist.\" —\nDes Kaisers Kopf sank zurück.\nDie Mitglieder des Staatsrates bewegten sich nicht\nLXXIV\nDie Explosion\nWährend der Kaiser Moritz die ietzten Augenblicke\nseines Lebens durchschwärmte, geschah am Schwantu-\nflusse etwas Ungeheuerliches; mit furchtbarem Knall\nexplodierte eine der Leichen, dass das eiserne Dach\nin tausend Stücken hoch in die Luft fiog, eines der\nEisenstücke verletzte beim Herunterfallen einen Gelehrten\nnicht unerheblich am Knie.\nNun wurden sofort die anderen eisernen Dächer\nruntergerissen — aber kaum war das geschehen, so\nexplodierte die zweite Leiche — sodass kein Atom von\nihr übrig blieb.\nUnd diesen ersten Explosionen folgten nun immer\nmehr — sodass man die übrig bleibenden mit erhöhtem\nEifer photographieren musste — was sich auch ver-\nlohnte, da die Leichen kurz vor der Explosion die\nallerherrlichsten Gebilde zeigten; aus den A tknorren\nwurden grosse korallenartige Gewächse, die an den\nSpitzen fächerförmige Blätter bekamen.\nDiese fächerförmigen Blätter opalisierten in allen\nFarben so glühend und strahlend wie die allerköstlichsten\nBlumen, und die Künstler waren ganz toll beim An-\nblick dieser entzückenden Leichenwunder, die immer\nherrlicher sich entfalteten. Es war so, als sollten alle\nFormen und Farben der Erde noch einmal im er-\nstorbenen Menschenkörper in zusammenfassender Weise\nvorgeführt werden.\nVon der menschlichen Körperform blieb am Ende\nnur der Kopf noch erkenntlich, der Leib sah wie ein\nriesiger Blumenkorb aus — mit Korallen und langen\nTintenfischgiiedern und muschelartigen Wölbungen und\nmit grossen Seesternen und grossen Krystaliformen\nund mit Perlen von unbeschreiblicher schillernder welt-\nspiegelnder Glanzpracht.\nLXXXV\nPhiianders Rückkehr\nKaum aber hatten die Aerzte den Tod des Kaisers\nMoritz konstatiert, so erschien in der hohen offenen\nTüre der Kaiser Philander im Purpurmantel mit der\nKrone auf dem schneeweissen Haupthaar und mit dem\nlangen weissen Bart.\nDer Kaiser Philander stand in der Türe ganz still\nund starrte seinen Staatsrat an, und der Staatsrat sah\nseinen alten Kaiser an, als sähe er ein Gespenst.\nUnd es bedurfte einiger Minuten, ehe man sich\nwieder an die Gegenwart des alten Kaisers gewöhnte.\nDer Philander musste doch lächeln, als er sah,\nwie unheimlich sein Erscheinen wirkte; als ihm aber\nmitgeteilt wurde, dass der Kaiser Moritz soeben ge-\nstorben sei — da sträubten sich dem Kaiser Philander\nunter der Perücke die Haare in die Höhe.\nDann aber liess der alte Kaiser sofort die Maschinen,\ndie für die Todesposaunen gebaut waren, in Bewegung\nsetzen — und dann erdröhnten die mächtigen Posaunen\nso gewaltig, das ganz Ulaleipu erwachte.\nUnd die Todesposaunen erschütterten die Lutt\ndrei volle Stunden hindurch, und aile Fenster in den\nHäusern der Residenz wurden hell; es war eine finstere\nNacht — Wolken verhüllten den ganzen Himmel.\nLXXVI\nDer kranke Philander\nAm Abend des nächsten Tages wollte Philander\nseinen Staatsrat rufen lassen und seine ganze Kraft\nzeigen — da fühlte er etwas Schweres in den Beinen\nund er sah zufällig seine linke Hand an und sah\nblaue, rote und grüne Flecken auf dieser linken Hand.\nPhilander rief den Beamten zurück, der den Staats-\nrat rufen sollte.\n„Lass den Staatsrat! Hole die Aerzte! Bringt\nmich zu Bett.\"\n*\nEs geschah, wie er sagte.\nUnd die Trauerkunde von der Erkrankung des\nKaisers ging durch das ganze Land; aber es zeigte\nsich keine Teilnahme — nur der Astronom Haberland\nerschrak sehr, als er vom kranken Philander hörte.\nLXXVII\nDie Hand\nKaum lag der Philander im Bette, so zuckte ein\nGedanke durch sein Gehirn, sodass er sich plötzlich\nhoch aufrichtete.\n„Messer! Messer!\" schrie er.\nMan verstand nicht, was er wollte. Doch da\nkamen die Aerzte, und denen schrie er schnell zu :\n„Amputiert mir die Handl\"\nDoch mit Blitzesgeschwindigkeit hatte ein jüngerer\nArzt das Hemd von der Brust aufgerissen — und da\nwaren auch schon auf der Brust die Flecke.\n„Es ist zu spät!\" sagte er traurig.\nDa brüllte der Kaiser auf wie ein wildes Tier —\nund sank dann weinend in die Kissen zurück.\nLXXVIII\nDie Vorwürfe\nUnd der kranke Philander sprach heftig in seinem\nInnern, während seine Lippen bebten:\n„Ich habe mir in meinem Leben zu viel Zeit ge-\nlassen — Das nun ist die Strafe! Ich bin der Ge-\nnusssucht nicht heftig genug begegnet. Das ist nun\ndie Strafe! Kurs vorm Ziel ein kranker Mann! Und\nwelche Krankheit! Der Triumph der Genusssucht ist\ndiese Krankheit. Ich hätte schon früher begreifen\nsollen, dss „Geniessen\" nicht „Leben\" heisst. Das\nwäre doch zu leicht. Warum habe ich nicht in meinen\njüngeren Jahren das Volk aufgerüttelt — wie ichs\nwollte ? Ich werde furchtbar bestraft Und diese\nweiche Stimmung. Und diese Wonne in allen Gliedern!\nOh — wie verführerisch ist das Genussleben — war\nich für das grosse Weltenleben noch nicht reif ?\"\nEr machte aus seinen beiden Händen zwei knochige\nFäuste.\nLXXIX\nDie Wut\n„Ich will raus aus diesem Bett!\" schrie er plötzlich.\n„Ich will,\" schrie er noch heftiger „auf dem Seebalkon\nsterben — vor allem Volk! Hebt mich raus!\"\nMan hob den Kaiser auf und setzte ihn auf einen\nSessel.\n„Der Sessel ist mir zu weich!\" schrie er wieder.\nDa sagte aber der Oberarzt:\n„Grandiosität dürfen nicht hart sitzen. Grandiosität\ndürfen auch nicht auf den Seebalkon getragen werden;\nes regnet. Es ist doch möglich, dass die Krankheit\nvorübergeht — und dementsprechend müssen wir\nvorsichtig sein.\"\nDa sah der Kaiser mit leuchtendem Auge auf und\nrief: „Ja — ich will gesund werden — lasst mich\nallein!\" Und Alle gingen hinaus und liessen den\nKaiser allein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "454", "page_fin": "455", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.7", "titre_corps": "Marie-Claire", "titre_sommaire": "Marie-Claire", "signature_source": "Octave Mirbeau", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "454", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.4", "debut_caractere": 6646, "fin_caractere_exclue": 10572, "texte": "Marie-Claire\n\nEines Abends machte mich Francis Jourdain zum\nVertrauten des schweren Schicksals einer Frau, der er\nals Freund sehr nahe stand.\nSie war Schneiderin, sehr kränklich-, sehr arm,\noft fehlte ihr das Brot — sie hiess Marguerite Audoux Da\nsie eines schmerzhaften Augenleidens wegen nicht mehr\nnähen noch lesen konnte, fing sie an zu schreiben.\nSie schrieb nicht in der Erwartung, dass ihre Werke\nveröffentlicht würden. Sie schrieb, um nicht immer\nan ihr Elend denken zu müssen, um ihre Einsamkeit\nzu beleben, sich gleichsam eine Gesellschaft zu schaffen,\nund wohl auch, weil ihr das Schreiben Freude machte.\nEr nannte uiir ein Werk von ihr, das ihm sehr\nschön schien. Er bat mich, es zu lesen Ich mag\nden Geschmack von Francis Jourdain gut leiden und\nschätze ihn sehr. Seine Geistesrichtung, seine sensible\nArt machen mir unendlich viel Freude. Beim Einhän-\ndigen des Manuskripts fügte er noch hinzu:\n„Unser guter Philipp bewundert es sehr. Er hätte\nes gern gesehen, wenn das Buch erschienen wäre.\nAber was konnte er für andere tun, er — der für\nsich selbst nichts vermochte?\"\nIch bin davon durchdrungen, dass gute Bücher\nihre unzerstörbare Kraft in sich selbst tragen Sie\nmögen von noch so weither kommen, noch so ver-\nborgen sein im Elend einer kleinen Arbeiterwohnung\n— es kommt immer der Augenblick, der sie ans Licht\nzieht . . . Gewiss: man hasst sie . . . man leugnet\noder beschimpft sie. Was tut das? Sie sind stärker\nals alles und alle.\nUnd der Beweis ist, dass Marie-Claire heute in\nBuchform bei Fasquelle erscheint.\nEs ist mir eine Freude, von diesem wundervollen\nBuch zu sprechen, und ich möchte aus der Tiefe\nmeiner Seele alle dafür erwärmen, die noch Sinn haben\nfür gute Bücher. Gleich mir werden sie eine seltene\nFreude aus ihm schöpfen, starke und neue Eindrücke,\nMarie-Ciaire ist ein Werk von erlesenem Geschmack.\nSeine Einfachheit, Wahrhaftigkeit, seine geistreiche\nEleganz, seine Tiefe und Neuartigkeit packen. Alles\nist an seinem Platze: Dinge, Landschaften und Menschen.\nSie tragen alie ihr eigenes Gesicht und sind so gross-\nzügig und lebendig gezeichnet, dass sie unvergesslich\nbleiben Niemals gleitet der Stift aus, niemals wünscht\nman ihm eine andere Richtung. Jeder Strich sitzt,\nist farbig und pittoresk Vor allem verblüfft und ue-\nzwingt die Kraft der Vcrinnerlichung, ein warmes,\nweiches Leuchten, das aus den Seiten entgegenstrahlt,\ndie Sonne an einem schönen Sommermorgen. Und\noftmals gleiten Sätze an uns vorüber, wie nur grosse\nSchriftsteller sie schreiben können: Klänge, d;e wir\nnicht mehr oder kaum noch hören und die uns ent-\nzücken\nUnd da setzt das Wunder ein.\nMarguerite Audoux war nicht etwa eine „deklassierte\nIntellektuelle\", sie war wirklich die kleine Schneiderin,\ndie bald in die Häuser ging, um dort für drei Franks\ntäglich zu nähen, bald bei sich in ihrem Zimmerchen\narbeitete; es war so schmal, dass sie immer ersi die\nPuppe fortrücken musste, wenn sie sich an die Näh-\nmaschine setzen wollte.\nSie erzählt, wie sie ein altes Buch auf dem Boden\neiner Meierei, wo sie die Schafe hütete, entdeckte,\ndas ihr eine neue Welt erschloss Seit jenem Tage\nlas sie mit immer wachsender Leidenschaft, was ihr\nin die Hände fiel: Feuilletons, alte Kalender undso-\nweiter. Ein brennender, aber doch noch uneinge-\nstandener Wunsch regte sich in ihr: sie selbst wollte\nGeschichten schreiben Dieser Wunsch ging an dem\nTage in Erfüllung, da der Arzt des\nHotel-Dieu ihr erklärte, dass sie bestimmt erblinden\nmüsste, wenn sie das Nähen nicht aufgäbe\nJournalisten erfanden dann die niedliche Geschichte\nMarguerite Audoux hätte damals ausgerufen: „Da $\nkeine Blusen mehr nähen kann, werde ich ein Buci\".\nschreiben.\" Diese Legende, die der Vorliebe de;\nSpiessbürgers für alles Absonderliche entgegenkomnl'\nund zugleich ihre Geringschätzung der Literatur kenn\nzeichnet, ist unrichtig und albern.\nIn der Verfasserin von „Marie-Claire\" lässt sich &\nNeigung zur Literatur nicht von einer gewissen vor"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "455", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2925, "texte": "nehmen Lebensneugierde unterscheiden. Und es machte\nihr Spass, aufzuzeichnen, was das tägliche Leben ihr\noffenbarte, noch mehr aber, was ihre Phantasie sie\nvom Schicksal der Menschen erraten Hess, denen sie\nauf ihrem Lebenswege begegnete. Ihre Intuittonsfähig-\nkeit war beinahe ebenso stark wie ihre Beobachtungs-\ngabe . . . Keinem sagte sie jemals etwas von ihrer\n„Manie\" zu kritzeln, und verbrannte alle Papierschnitzei,\nin der Annahme, dass sie für niemanden Interesse\nhätten.\nSie dankte es nur dem Zufall, der sie eines Tages\nan einen Ort führte, wo mehrere junge Künstler ver-\nkehrten, dass sie plötzlich erfuhr, wie sehr ihre Er-\nzählergabe packte, bezauberte. Vor allem war es\nCharles Louis Philippe, der sie ermutigte Doch hat er\nihr nie irgendwelche Ratschläge gegeben. Er fühlte,\ndass diese Ratschläge ebenso zwecklos wie gefähr-\nlich sein mussten für eine Frau, deren Wille so be-\nstimmt, deren Temperament so ausgesprochen, deren\nFeingefühl bereits so kunstvoll geformt war.\nHeute bestreben sich alle Kulturmenschen und\nsolche, die es zu sein glauben, zur Tradition zurück-\nzukehren und sprechen von strenger Selbstzucht, der\nsie sich unterwerfen müssen ... Ist es nicht entzük-\nkend, dass gerade eine Arbeiterin, die nicht einmal\nortographisch schreibt, diejenige ist, die all diese\ngrossen Eigenschaften wiederfindet oder vielmehr er-\nfindet: Mässigkeit, Geschmack, Schwung? Eigen-\nschaften, die nie durch Willen oder Erfahrung allein\nerlangt werden?\nDer Wille übrigens fehlt Marguerite Audoux nicht,\nund die Erfahrung wird durch angeborenes Sprach-\ngefühl ersetzt. Ein Sprachgefühl, das ihr die Worte\neingibt — nicht wie einer Schlafwandlerin, sondern es\nihr ermöglicht, die Sätze zu bauen, zu vereinfachen,\nrhythmisch zu gliedern nach Gesetzen, die sie nie er-\nlernt hat, die aber wundersam und geheimnissvoll in\nihrem Bewusstsein ruhen und von ihrem Genie mit\nunfehlbarer Sicherheit hervorgeholt werden.\nSie hat Phantasie, aber verstehen wir uns recht,\neine edle, glühende und prunkvolle Phantasie, die nichts\ngemein hat mit der Phantasie junger verträumter\nFrauen und berechnender Romanschriftsteller. Sie\nsteht weder abseits vom Leben noch über dem Leben.\nSie scheint die beobachteten Tatsachen nur klarzulegen\nWenn ich Kritiker wäre, oder, was Gott verhüte,\nPsychologe, so würde ich solch eine Phantasie eine\ndeduktive nennen. Aber ich wage mich nicht auf\ndiesen gefährlichen Boden\nLesen Sie Marie-Claire .... und wenn Sie das\nBuch gelesen haben, werden Sie sich fragen, wer je\nvon unseren Schriftstellern — und ich denke an unsere\nruhmreichsten — imstande gewesen wäre, ein solches\nBuch zu schreiben: so massvoll, so strahlend in Rein-\nheit und Grösse\nMit diesem Vorwort leitet der Autor das Buch Marie-Claire\nvon Marguerite Audoux ein. Es erschien in deutscher\nSprache, nicht so trostlos übersetzt wie die% meisten französischen\nDichtungen bei Bong u. Co., Deutsches Verlagshaus, Berlin.\n\nOctave Mirbeau"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c008", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "455", "page_fin": "455", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.8", "titre_corps": "Auf den begrabenen Dieb August S., genannt „Dummer August”", "titre_sommaire": "Auf den begrabenen Dieb August S., genannt „Dummer August”", "signature_source": "Mynona", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "455", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.5", "debut_caractere": 2927, "fin_caractere_exclue": 3465, "texte": "Auf den begrabenen Dieb\nAugust S., genannt\n„Dummer August”\nVon Mynona\nFlammender Schnee! Bunter Zorn!\nKristallne Glut! Feuriger Born!\nToter Spiegel! Blitzender Duft!\nRose aus Eis! Diamantenes Korn!\nFunkelnde Luft!\nSpitze aus Granat! Frost aus Rubin!\nSonne aus Thau! Opalener Aether!\nElektrischer Gischt! Azurner Strom !\nPerlender strahlender Dom!\nIsrisierendes Fliehn!\nIntelligentes Metall! Herzinniger Staub!\nGrüner Fluch! Stählerner Engel!\nBimssteinerner Bock! Schweinernes Ideal!\nHerbstgelächter! Ermordetes Bacchanal!\nGott und Bengel!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c009", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "455", "page_fin": "455", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.9", "titre_corps": "Zwei Liederabende : Motto: Jede Zeit hat den Dr. Strauss, den sie verdient.", "titre_sommaire": "Zwei Liederabende : Motto: Jede Zeit hat den Dr. Strauss, den sie verdient.", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "455", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.5", "debut_caractere": 3467, "fin_caractere_exclue": 8733, "texte": "Zwei Liederabende\nMotto: Jede Zeit hat den Dr. Strauss,\nden sie verdient.\nAlfred Döblin\nAm Dienstag, den 7. März und am Mittwoch, den\n8. März fand ein Liederabend statt; am Dienstag einer\nin dem kleinen Saal eines Gesellschaftshauses Sans-\nsouci am Kurfürstendamm, am Mittwoch im Beethoven-\nsaal. Im Beethovensaal drängten sich die Menschen;\nman sah ein Publikum, das sonst kaum einen Kon-\nzertraum betritt, elegant, klatschwütig, schauwütig, als\nkäme es eben aus dem Zirkus Reinhardt. Es gab\nRichard Strauss Den Doktor sollte man punkt acht\nselbst sehen, der eben mit seinem Rosenkavalier Lehar\nund Fall übertrumpft hatte als ein wahrer Ueberfall.\nEr erschien mit gänzlich ausverkauftem Lächeln, ver-\nbeugte sich einmal körperlich, dann fünfzehnmal lied-\nlich, ging schliesslich davon, das Publikum ebenso.\nIch weiss nicht, was nachher aus beiden geworden ist;\nes geht auch keinen was an. Das Ganze ist schliess-\nlich ein Vorfall, der sich in jedem besseren Konzert-\nkaffee allabendlich ereignet. Ais Folie zum folgenden\naber brauche ich die Kompositionen, die bei Gelegen-\nheit der mitgeteilten Menschenansammlung im Beethoven-\nsaal nur so angeschwooft kamen.\nMan darf einen Sinfoniker und Dramatiker nicht\nnach seinen Liedern beurteilen; aber bei Richard Strauss\nist das alles gleich, man darf es schon. Er kann\nLieder so gut wie Lustspiele und Sinfonien; er ist\nnirgends schwächer und nirgends stärker; er ist über-\nall Strauss. Man kann Lieder verschieden machen;\ner macht sie unerträglich; ich wefös nicht, was an\nGunstbuhlerei seinen Liedern gleichkäme. Man wäre\nversucht, seine Kunstübung tief unwürdig zu nennen;\nwenn man nicht wüsste, dass er völlig an-ästhetisch\nist, Er ist nie und nimmer Zuhälter einer Kunst;\ndenn so nah ist er der Kunst nicht gekommen. Ein\npaar Hinweise: der Laie, auch mancher Musikkritiker\n.fällt auf Strauss' „Schwung\" hinein; sie sehen nicht,\ndass es sich da um billige Reisser handelt; mit\n„Schwung\" kommt Strauss über hundert leere Stellen\nhinweg. In seiner Auffassung bleibt er völlig an der\nAussenseite kleben; manchmal leistet er ganz Unglaub-\nliches. Zum Beispiel: Wie ist es denkbar im „Lied\nan meinen iohn\" den Angelpunkt: „Gehorch ihm nicht\"\nso zu verfehlen, so garnicht zu begreifen? Wie ist\nes denkbar, dass jemand in dem ungeheuren Marsch-\nrhythmus des Dehmeischen „Arbeitsmann\" Vögel nied-\nlich zwitschern lässt, weil — es einmal im Gedicht so\nvorkommt? Das „Wiegenlied\", ein fröhlich schwaches\nGedicht des Dehmel, taucht der gute Doktor in eine\nArpeggiensauce, setzt eine Melodie von der Origi-\nnälität der Leierkästen hinzu; dieser entsetzliche\nSchmarren wurde begeistert aufgenommen. Ein „Stein-\nklopferlied\", in dem ein offenbar sehr gebildeter Stein-\nklopfer sich beklagt, vom „Allerbarmer\" nichts zu\nessen bekommen zu haben — er habe vom „goldenen\nWein nur geträumt\", wird sehr glaubhaft komponiert:\nder Mann schläft infolge Unterernährung gegen den\nSchluss zu ein. Das schlimme Pathos des Schiller-\njünglings auf Schritt und Tritt, wenn es sich um\nmusikalische Liebeserklärungen handet, um patriotische\nBeteuerungen, um heldenhafte Erregungen: immer\nSchwung, Radau und unverblümte Gedankenlosigkeit.\nSo wenig fällt Strauss ein, so stillos, so geschmack-\nlos ist er, so wenig gewählt: oh, er ist unerträglich,\ndieser Publikumsgott.\nHerwarth Waiden kennen nur wenige als Kompo-\nnisten. Die Strenge seines Geschmacks zieht nicht\nso leicht an. In seinen Liedern herrscht eine unver-\ngleichliche künstlerische Zucht, die sich jede Auesser-\nlichkeit untersagt, die rein musikalisch um den lyrischen\nKern besorgt ist. Für Strauss ist die Komposition Arrange-\nment und Dekoration, für Waiden wie für jeden echten\nMusiker völlige selbständige Neubildung. Waldens\nAusdruck ist fast durchweg von einer wirklich bezwin-\ngender Stärke; ihre Unmittelbarkeit ist bisweilen, und\nnicht selten, ganz erschreckend; zum Beispiel in\n„Entbietung\" das „Wann kommst du\" und darauf das\nfurchtbare Drängen; im „Lied an meinen Sohn\" das\nposaunenhafte steinharte „Gehorch ihm nicht\", und\nvieles sonst. Man hat den Eindruck des absolut Neuen,\ndas sich hier ganz unbeschlichen einstellt. Er geht\nganz und gar auf den lyrischen Kern. Es gelingen\nihm hervorragende und erschütternde Stücke, Stücke,\ndie metaphysisch irisieren, „Die ruhende Versammlung\",\n„Hier ist ein Gipfel\"; ihr Stimmungsgehalt findet nicht\nleicht Vergleichbares in der Liederliteratur. Das alles\nnützte nichts, wenn ihm musikalisch nichts gegeben\nwäre, zu sagen. Da hörte ich zum Beispiel am Diens-\ntag Liliencrons Wiegenlied: „Bitte an den Schlaf\".\nRichard Strauss sehe sich einmal an, wie man ohne\nKonserven da arbeiten kann; das eigentliche zögernde\nWiegenthema: „So — so — nicht bange sein\" ist tief\nrührend und originell. Lieder wie „Die schöne Jüdin\"\ngehören zu den Erlebnissen jedes, der sie gehört hat.\nWaldens Lieder sang man in dem Saale von Sanssouci.\nDr. Rudolf Blümner insbesondere, neben Franz\nLindner, stellte die Sachen mit einer Kraft und Treff-\nsicherheit des Ausdrucks hin, die mich bei diesem\nGesangsdebüt wirklich verblüffte.\nEs gibt noch Geschmack, Begabung, Ernst in der\nKunst.\nWir werben für die Kunst. Will man denn ewig\nDrohnen pflegen ? Wir rühren immerwährend die\nTrommel für die hohe und reine Kunst. Wer tritt auf\nunsere Seite ?\nAlfred Döblin"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c010", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "455", "page_fin": "456", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.10", "titre_corps": "Alles aus Liebe zur Kunst", "titre_sommaire": "Alles aus Liebe zur Kunst", "signature_source": "Joseph Adler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "455", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.5", "debut_caractere": 8735, "fin_caractere_exclue": 10861, "texte": "Alles aus Liebe zur Kunst\n\n„Siehste, det sind die Rosenkavaliere! —\nMit dieser Belehrung hatte uns ein hoffnungs-\nvoller Berliner Sprössling mit seinem Kame-\nraden am Anhalter Bahnhof empfangen, als\nwir gestern nachmittag gegen 2 '/* Uhr mit\neinigen Freunden von Berlin abreisten, um\ndie Aufführung des „Rosenkavalier\" an der\nDresdner Hofoper zu hören.\nDie Aeusserung verrät' den schlagenden\nBerliner Witz Sie bedeutet aber doch wohl\nnoch mehr. Wie lebhaft muss das Interesse\nder breiteren Berliner Volksschichten für diese\nExtrafahrt sein, wenn solche Jungen, wie es\nhier wohl geschehen ist, in der Absicht zum\nBahnhof eilen, bei diesem Ereignis „dabei\"\nzu sein.\nDer ahnungslose Schmock ist mit seinem Kompli-\nment an die breiteren Berliner Volksschichten auf ein\ntotes Geleise geraten, wenn der schlagfertige Junge,\nda sein Vater am Anhalter Bahnhof Dienste tut, von\ndem etwaigen Eintreffen einer für den Zoologischen\nGarten bestimmten Affengruppe genau so Kenntnis\nbekommen wird, als er von der Abreise einer Gesell-\nschaft wusste, die in Dresden den letzten Strauss\nkennen lernen will; die Oper, deren Titel man zum\nSchaden und Spott des Berliner Witzes immer noch\nvorsichtig genug gewählt hatte : denn würde sie „Ochs\nvon Lerchenau\" heissen, hätte der Junge die Reise-\ngesellschaft glücklicher apostrophieren können.\nSie war, wenn man es dem Berichterstatter der\nMorgenpost durchaus glauben muss, ein ausgewählter\nTeil der Berliner Society, und zwar jener Teil, den\nman beim Souper in „Esplanade\", am ersten Renntag\nim Grunewald, Weihnachten in Oberhof und zum\nKarneval auf der Promenade des Anglais in Nizza\nsieht. Aber den diesjährigen Karneval hat der ausge-\nwählte Teil der Berliner Society hier verbracht, nur\num im Rosenkavalier-Faschingssonderzug nicht zu fehlen.\nDer Eisenbahnzug ist dem Arthur Fürst schon\nimmer als ein hochmusikalisches Gebilde erschienen,\naus dem rhythmischen Stossen der Räder gegen die\nSchienenköpfe kann ein aufmerksames Ohr die schönsten\nMelodien heraushören.\nDoch das ist immerhin nur ein erdachter\nZusammenhang zwischen [Eisenbahn und Musik;\num diese beiden Begriffe zu einem ganz realen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "456", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3413, "texte": "gemeinschaftlichen Wirken zu vereinen, dazu\nbedurfte es des neutönenden Genies von\nRichard Strauss.\nDer Fürst vergisst des Fürst n e r s. Es ist doch\nschliesslich auch sein Verdienst, dass der harm-\nlose Zusammenhang zwischen Eisenbahn und Musik\nauf der Drehscheibe der Geschäftspraxis zu einem ge-\nmeinschaftlichen Wirken aneinandergekoppelt wurde.\nAlles was dem Wesen der Kunst zuwiederläuft wird\nhier zu ihrer Popularisierung unter Volldampf gesetzt,\nder Kaufmann und die Presse stellen für de n Er-\noberungszug eines Musikwerkes alle\nSignalscheiben auf Erfolg, und der Orts-\nverkehr einer Opernge m e i n d e wird über\ndie Fernstrecken der ganzen Kunstwelt\ngeleitet. —\n„Amüsieren sie sich gut beim Rosenkavalier.\" Mit\ndiesem Wunsche liess d.e r Mann an der Bi 11 et-\nsperre die Damen passieren. Die Herren vergnügten\nsich schon auf dem Wege zu Oktavian Rofrano. Ueber\ndas Fehlen eines Speisewagens waren sie sehr ent-\ntäuscht, doch schon in Röderau machten sie Tanz-\nübungen auf dem Perron\" Die Intellektuellen, so\nnennt einer die Musikverständigen, blieben ernst, sie\nlasen im Führer durch die 118 Leitmotive der Oper\nund das kann gewiss kein Amüsement sein.\nIm Opernhaus in Dresden sah man alle seine\nCoupegenossen wieder, und\nobgleich man darauf vorbereitet sein musste,\nwirkte das doch ein wenig verstimmend. Denn\ndie Kunst verlangt nun einmal, dass man, um\nsie vollkommen zu geniessen, seine Gedanken\nvöllig auf das dargebotene Werk richtet und\nalle Verbindungen vergisst, die zu dem lauten\nLeben dort draussen führen.\nWenn man den für die Rückfahrt geltenden Teil\nder Sonderzugkarte doch nicht verfallen lassen kann,\nmuss man an keine Verbindungen denken Nur vor\nBeginn der Ouverture, „da man nun schon einmal nicht\ngar zu heilig gestimmt war,\" brauchte es keinem\nzu entgehen,\ndass selbst der Theaterzettel noch eine Hin-\ndeutung auf die Eisenbahn enthielt: die Rolle\ndes Ochs von Lerchau wurde nämlich von\nHerrn Perron gesungen, der sich nach den Regeln\ndes Deutschen Sprachvereins eigentlich Bahn-\nsteig nennen müsste\nUnd die 118 Leitmotive. Nunne, wo bleibt dein\nWitz? Doch als das\nStraussische Tongemälde sich zu entrollen be-\ngann, vergass man bald Sonderzug und Um-\ngebung. Man mühte sich, in diese\nseltsame musikalische Welt ein zu dringen,\nund fühlte rasch, auch wenn man\nsich gar nicht berechtigt und\nimstande glaubte, ein Urteil abzu-\ngeben, dass hier ein grosser Künstler in seiner\nWeise sich äusserte.\nFür den Journalisten äussert sich selbst\nnoch der grosse Künstler in seinem Werke\nAcht Tage nach der „Fahrt der Rosen-\nkavaliere\" vermittelte uns das Rose Quar-\ntett das Auftreten des kleinen Korngold. (Mozart\nrechts, Beethoven links, das Wunderkind in der Mitten.)\nUnd ein verblüffter Johannes D. konnte dem\nTrieb nicht widerstehen, in einem demokratischen Blatt\nauszurufen:\nDass Korngold in dieser Beziehung da\nanfängt, wo Strauss oder Reger aufhören,\nwill mir nicht überraschend erscheinen, viel-\nmehr als ein Zeichen dafür, dass wir es hier\nin späteren Jahren vielleicht mit einem\ngrossen schöpferischen Genie zu tun\nbekommen werden.\nNun wissen wir auch schon, wo Strauss und Reger\naufhören. Aber für den Anfang wollen wir die Drohung;\ndass wir es bald mit einem neuem grossen Genie\nzu tun bekommen werden, nicht zu ernst nehmen,\nund es wird noch ein Weilchen Zeit haben: zum Aus-\nziehen des Jaketts der Notwehr und dem Auf-\nkrempeln der Hemdärmel der Ent-\nschlossenheit.\n\nJoseph Adler"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c011", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "456", "page_fin": "456", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.11", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "456", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.6", "debut_caractere": 3415, "fin_caractere_exclue": 4499, "texte": "Beachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nELSE LASKER-SCHÜLER\nMeine Wunder / Gedichte\nKarlsruhe / Dreililien -Verlag\nMICHAIL KUSMIN\nTaten des Grossen Alexander\nMünchen / Verlag Hans von Weber\nHEINRICH LAUTENSACK\nDie Pfarrhauskomödie / Carmen\nSacerdotale / Drei Scenen\nBerlin-Wilmersdorf | Verlag A R Meyer\nPAUL SCHEERBART\nIch liebe Dich / Ein Eisenbahnroman\nNa prost! / Ein phantastischer Königsroman\nBerlin | Verlag Schuster und Loeffler\nTaruh, Bagdads berühmte Köchin / Ein\narabischer Kulturroman\nMinden i W | Verlag J. C. C Bruns\nJenseits-Galerie / Ein Moppenwerk\nBerlin | Verlag Oesterheld und Co\nDie grosse Revolution / Ein Mondroman\nLiwüna und Kaidoh / Ein Seelenroman\nLeipzig | Inselverlag\nTHEODOR MOMMSEN\nRömische Geschichte / Vier Bände\nBerlin | Weidmannsche Buchhandlung\nHEINRICH VON KLEIST\nSämtliche Werke und Briefe / Fünf Bände\nSehr schöne Ausgabe ohne „Anmerkungen\"\nLeipzig | Verlag Der Tempel\nSAMUEL LUBLINSKI\nLiteratur und Gesellschaft im neunzehnten\nJahrhundert / Vier Bände\nBerlin | Verlag Siegfried Cronbach"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c013", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "456", "page_fin": "456", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "456", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.6", "debut_caractere": 4657, "fin_caractere_exclue": 4975, "texte": "oegeniibe, Pichelswerder in Pichelsdorf\nGrundstiicke an der Havel idyllisch gelegen\nneben dem Schlosspark, nahe der Doberitzer Heerstrasse\n(Kaiserdamm), preiswert verkauflich. 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Die Soziale Beilage\ntritt fiir die Interessen des gesamten Schauspielerstandes ein und\ngewahrt grundsatzlich jeder berechtigen Meinung Raum. En-\ngagements-Inserate die Zeile 10 Pf., fiir Bezieher 8 Zeilen frei\nBezugspreis vierteljahrlich 3 Mark. Probeabonnement auf einen\nMonat kostenlos vom Verlag C. Clauder in Griina-Chemnitz.\nHauptredaktion: Berlin N 37 Lottumstrasse 14"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c021", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "458", "page_fin": "458", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.21", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "458", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.8", "debut_caractere": 1841, "fin_caractere_exclue": 2419, "texte": "Kurhaus und Erholungsheim\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, große,\nhelle z,immer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze Jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stiind-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschiire\n„Lebenu kommen vom Besitzer u. Leiter Emil Peters"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c022", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "458", "page_fin": "458", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.22", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "458", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.8", "debut_caractere": 2421, "fin_caractere_exclue": 3211, "texte": "„Der Forscher\"\nIllustriertes Zentralblatt fiir deutsche\nForschung\nHerausgeber: Bund deutscher\nForschei%Hannover,unterhoher\nEhrenprasidentschaft Sr. hoch-\nfiiistl. Durchlaucht des Prinzen\nBernhard zur Lippe, Redaktion:\nGeorg August Grote, Hannover\nJahrlich zwolf starke Hefte mit Bei-\ntragen beriihmter Autoren. Ordent-\nliche Mitglieder des Bundes deutscher\nForscher erhalten den Forscher\"\nunentgeltlich und portofrei gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 5.—, bezw.\nK. 6.—, fOrdernde Mitglieder gegen\nden Jahresbeitrag von Mk. 6.—, bezw.\nK. 7,20. Jahresabonnement Mk. 5,50,\nbezw. K. 6.— inklusive Porto\nProbenummer gratis und franko\nInserate finden im „Forscher\"\nwirksamste Verbreitung ..\nInsertionspreis: Die dreimal\ngespaltene Petitzeile 30 Pfg.\n— Geschaftsstelle: —\nForscher - Verlag, Hannover"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c023", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "458", "page_fin": "458", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "458", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.8", "debut_caractere": 3213, "fin_caractere_exclue": 3823, "texte": "Inkeinem Hause solltefehlen:\nFelke-Zeitang\nZeitschrift fur naturgemasse\nLebens- und Heilweise und\nHomdopathie nach der von\nPastor Felke in Repelen be-\n: gegriindeten Heilmethode :\nSie erscheint allmonatlich\nunter Mitwirkung mehrerer Aerzte\nund hervorragender Sa.chversta.n-\ndiger. Sie bringt ausfiihrliche A uf-\ns'atze iiber die verschiedensten\nKrankheiten und deren Behand-\nlung. ferner iiber Naturheilkunde\nHomdopathie, Licht-, Luft- und\nSonnenbader usw.\nAbonnementspreis jahrlich\n= 3 Mark :\nAbonnements nehmen die Brief trig-\nger und jede Postanstatt entgegen.\nVerlag der „Felke-Zeitung\"\nKrefeld (Rheinland)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c024", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "458", "page_fin": "458", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "458", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.8", "debut_caractere": 3825, "fin_caractere_exclue": 3961, "texte": "Verlag Oesterheld & Co.\nIn unserm Verlag erschien\nElse\nLasker-S chiiler:\nDie\nWupper\nDrama\nMk. 2,50\nDurch alle Buchhandlungen\nzu beziehen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c025", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "458", "page_fin": "458", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "458", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.8", "debut_caractere": 3963, "fin_caractere_exclue": 4337, "texte": "Lernt durch\nSelbstunterricht\ndie leicht erlernbare\nWelt-Sprache\n„Esperanto\"\nSchon drei bis fiinf Milli-\nonen Anhanger und iiber\n1650 Vereine in alien Erd-\nteilen. Schon von vielen\nSchulen gelehrt und von\nvielen Behorden, Firmen\nu.s. w. verwendet. Espe-\nranto-Lehrbuch mit Pro-\nspekten und Zeitung „La\nEsperantisto\" versendet\ngegenlsPf in Briefmarken\nRed.FritzStephan,Leipzig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c026", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "458", "page_fin": "458", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "458", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.8", "debut_caractere": 4339, "fin_caractere_exclue": 4576, "texte": "Verlag„Der Sturm\"\n«•\nWir tibernahmen in unsern\nVerlag\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFiir Gesang u. Klavier\n52 Seiten——\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlangen oder direkt\ndurch denVerlag DER STURM\nHalensee / Katharinenstr. 5"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c027", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "458", "page_fin": "458", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.27", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "458", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.8", "debut_caractere": 4578, "fin_caractere_exclue": 4910, "texte": "\\i/WWWW\\A/WWW\\A/W\n€€€€€€€€^£S§^^:\nL' Effort\nHalbmonatsschrift\nfiir moderne-Kultur und\nfranzosische Sezession in\nden Kiinsten und in der\nLiteratur\nHerausgeber und $\n: Schriftleiter :\nJEAN RICHARD |\nOb\nJahresbezug fiir das y\nAusland: Mark 4.50\nZweiter Jahrgang j|\n—====—\nVerlag und Redaktion: $\n| POITIERS (Vienne) V\nLFrankreich ... m"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c028", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "458", "page_fin": "458", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.28", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "458", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.8", "debut_caractere": 4912, "fin_caractere_exclue": 5078, "texte": "Max Giesswein\nKgl. 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Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURQ\nWilmersdorferstr. 75\nSprechstunde: 5—6 Uhr"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-01-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-01_01#c030", "volume": "bmtnabg_1911-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "458", "page_fin": "458", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.2.30", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "458", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.8", "debut_caractere": 5312, "fin_caractere_exclue": 6639, "texte": "Friedr. Wester Leipzig\nHandelswissen-\nschaftl. Kurse von\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute derTheorie und Praxis (staatlich\ngepriifte Lehrer, Akademiker Oder auch Kaufleute in fiihrender Stellung) Griind-\nliche Einfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes,\nrationelles Studium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fiir\nein mehrjahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fiir Anfanger (Damen und Herren) die fiir Stenographie,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- und\nBilanz-Technik, Biiro-Praxis sich vorbereiten wollen —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule\nabsolviert haben, wie fiir\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen,\nEinjahrig-Freiwillige, Abiturienten,\nfiir Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig waren und\nden Forderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitern\noder vertiefen wollen oder\nfiir Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen,Nationalokonom.,\nOffiziere, die fiir Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Gesellschaften sich vorbereiten wollen. 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Die Paragraphen\nlauten:\n§ 6 Der Bundesrat kann den Verkehr mit Gegen-\nständen, die bei Menschen die Empfängnis verhüten\noder die Schwangerschaft beseitigen sollen, beschränken\noder untersagen.\nSoweit der Bundesrat den Verkehr mit einzelnen\nGegenständen untersagt hat, ist deren Einfuhr ver-\nboten\n§ 8 .... Mit der gleichen Strafe (Gefängn s\nbis zu sechs Monaten und Geldstrafe bis zu 1500 Mark)\nwird, wenn nicht nach anderen gesetzlichen Bestim-\nmungen eine schwerere Strafe verwirkt ist, bestraft,\nwer öffentlich anzeigt oder anpreist, Gegenstände oder\nVerfahren, die den Menschen zur Verhütung\nder Empfängnis oder zur Beseitigung der Schwanger-\nschaft dienen würden\nEs liegt in Deutschland kein Anlass vor, für die\nVolksvermehrung zu sorgen; der Menschenzuvvachs\nlässt nicht wesentlich nach.\nDer Kaiser äusserte, den Selbstmord könne jeder\nnur mit seinem Gott und sich selbst abmachen. So\ndie andere Absicht, sich fortzupflanzen. Eine Vor-\nschrift hier überschreitet das Gebiet des rechtlich Be-\nstimmbaren, greift die Menschenwürde an. Und der\nGesichtspunkt, es müsse jeder Kongressus seinen na-\ntürlichen, folgenreichen Ablauf nehmen, ist nicht moralisch,\nsondern tierisch und dumm.\nDer Bundesrat wird den Handel mit Schutzmitteln\nnicht hindern, auch nicht hindern können, aber er\nwird ihn über kurz und lang in eigene Regie nehmen.\nDenn der Bundesrat ist ein Institut, das an das National-\nwohl denkt.\nMan möge berechnen, wieviel Volksvermögen ver-\nloren geht durch die Lues und Gonorrhoe. Es leidet\ndie Mehrzahl aller deutschen jungen Leute an einer\noder beiden dieser Krankheiten. Es werden jährlich\nMillionen Mark für die Behandlung dieser Krankheiten\nund ihrer Folgezustände umgesetzt. Für Irrenhäuser,\nvorzeitige Invaiidisierung, Sieche werden aus öffentlichen\nMitteln ungeheure Summen, Jahr um Jahr wachsend,\naufgebracht. — Tausende Menschen sterben in Deutsch-\nland in blühendem Alter an den Folgezuständen dieser\nErkrankungen. Die Gonorrhoe, besonders die Lues\nzehren an der Volksgesundheit fast so schlimm als\nder Alkoholismus und die Tuberkulose. Der Bundes-\nrat ist ein Institut, das an das Volks wohl denkt; er\nwird dies nicht lange mit verschränken Armen ansehen\nkönnen.\nDie Fruchtbarkeit des Volkes wird durch die Lues\nund Gonorrhoe in kaum absehbarer Weise beeinträchtigt.\nBekannt ist die Einkindssterilität der gonorrhoischen\nFrauen, die zahllosen Aborte der luetischen Frauen.\nDas Verbot und die Beschränkung des Verkaufs der\nSchutzmittel ist ein zweischneidiges Schwert: es werden\nvielleicht auf der einen Seite mehr Kinder produziert,\nauf der anderen greifen die Infektionskrankheiten ver-\nheerend um sich und schaffen eine Abnahme der Frucht-\nbarkeit, die den Geburten - Ueberschuss unzweifelhaft\nweit übertrifft. Der Bundesrat weiss dies; ihm\ngehören logisch feingebildete Männer an. Die Körper-\nschaft, der so kenntnisreiche Organisationen zur Seite\nstehen, wird bald eingreifen; zwar nicht katholisch,\naber hygienisch. Hier verwischen sich alle sonstigen\nParteiunterschiede; in den höheren Ständen fordern\ndie Krankheiten die schwersten Opfer. Die Anpreisung\nund das Angebot wie der Verkauf der Schutzmittel\nwird staatlich organisiert werden Zugleich mit der\nsexuellen Aufklärung wird eine Aufklärung über Lues\nund Gonorrhoe und ihre Verhütung erfolgen. Die\nMittel zu ihrer Verhütung müssen jedem Erwachsen\nbekannt sein; der Bezug der Schutzmittel muss leicht\nund diskret erfolgen können. Die sanitäre Ueber-\nwachung der Prostitution ist eine halbe Arbeit. Das\nGenannte wird folgen Die staatliche Herstellung von\nDiphtherieheilserum ist wichtig; die der Schutzmittel\nnicht weniger.\nDer Bundesrat wird über den § 6 den Kopf\nschütteln, und lächelnd einen § 606 bestimmen.\n\nNachts\nVon Erich Unger\nZwanzigtausend Menschen laufen über den Pots-\ndamer Platz. Der Himmel ist vom Regen gewaschen\nund ein kühles Blaugrün steht weitestens über der\nSteglitzerstrasse. Ein düsterer Wolkenvorhang liegt da-\nrunter — wahrscheinlich über Süddeutschland.\nJoseph Strassburger läuft die Bellevuestrasse, in der\nes schon finster ist, nach dem Roland und denkt fort-\nwährend: „Wie kann der Bernhard wahnsinnig geworden\nsein. Um Gottes willen, ich weiss nicht — wenn der\nBernhard wahnsinnig ist, wer ist denn gesund. Ich\nwill ihn reden hören, ich werde die Möglichkeit, dass\ner wahnsinnig ist, nicht dauernd denken können\". —\nsein gesamtes Sich-Fühlen wurde unsicher. Der Bern-\nhard, an den er dachte, war sein Freund, dessen Er-\nlebnisse er seit fünfzehn Jahren, seit sie kleine Jungens\nwaren, täglich mitgemacht hatte, und ebenso umgekehrt,\nsodass also nicht einer von ihnen verrückt werden\nkonnte, ohne den anderen mitzureissen. Darum schwankte\nAlles um Joseph Strassburger und er bekam grosse\nAngst.\nEr lief durch die Siegesallee, um den Hafen an der\nAlsenstrasse, über Brücken, an einem Auflauf vorbei\nin die Luisenstrasse 13a in sein Zimmer\nDort sass er wie es am hellsten war und blickte\nauf die Strasse hinunter in die Charite und als es\nganz finster war, fasste er einen Entschluss, sah sich\num, schritt in das finstere Zimmer hinein und steckte\ndie Lampe an.\nEr begann das „Bildnis des Dorian Gray\" zu lesen\nund wagte nicht aufzusehen, sondern kauerte sich\nkörperlich und geistig in den Lichtkreis der Lampe und\ndas Buch. Das Dauerte bis halb zwei, als schon alles still\nwar und es auf dem Korridor knackte. Entsetzt horchte\ner auf, stand mit gelähmten Gliedern und wollte den\nWandschrank vor die Stubentür rücken, für den Fall,\ndass jemand hindurchschiessen wollte. Aber er unter-\nliess es, da er wusste, dass es keine Furcht vor Ein-\nbrechern war, die ihn befallen hatte.\nVielmehr merkte er, wie sich sein geistiger Blick\nherumdrehte und Möglichkeiten zu sehen bekam, die\nihm gefährlich wirklich zu werden drohend, immer\nnäher auf den Leib rükten, und er war darauf gefasst,\nihre umheimlichen Gestaltungen durch die Tür treten\nzu sehen.\nDoch schon hatte er diese Möglichkeiten unter die\nPerspektive seines sonstigen Denkens gebracht und sie\ndadurch farb'oser und ungefährlicher gemacht, sodass\ner sich schon etwas beruhigte, als er plötzlich unter\nwahnsinnigem Herzklopfen sah, wie die Korridortür —\ndas tote Ding — einen entsetzlichen Ausdruck annahm;\nund als ob ihm an den unteren Augenlidern gerissen\nwürde, sah er, wie sie in drei Rucken aufging, den\nschwarzen Gang sehen liess und wieder zuging.\nIn irrer Aufregung stürzte er an die Fensterwand\ndes Zimmers und langsam etwas gewahr werdend bog\ner seinen Kopf vor und starrte nach rechts. Da sah\ner seinen Freund Bernhard ruhig im Schatten des\nZimmnrs auf seinem Bett sitzen und in einem Buche\nblättern.\nJoseph sagt:\n„Wie geht es Dir; ich habe gehört, Du sollst —\neinen — Nervenchok — — oder so was — gehabt\nhaben.\"\n„Nein, keinen Nervenchok, sagte Bernhard, sondern\nich soll wahnsinnig geworden sein —.\"\n„Was ist das, was ist das für Blech?!\" sagt Joseph,\nhalb ehrlich, halb aus Vorsicht.\n„Du weisst doch, entgegnet der andere, wenn zwei\nsich gegenseitig des Wahnsinns beschuldigen, fehlt jedes\nKriterium.\"\n„Wahrhaftig, wahrlich\", lacht Joseph ausgelassen\nwährend der andere ihn lächelnd scharf fixiert.\n„Ich will Dir verraten, sagt er, dass ich tatsächlic\nwahnsinnig geworden bin, aber ich will Dir zuliebe\nwenige Minuten noch die Pose annehmen die ich bis.\nher gehabt habe.\"\nJoseph, ungewiss, ob er selbst überlegen oder\nminderwertig sei, fragt mit einem Ton, indem ebenso,\ngut psychiatrisches Tasten wie geistige Unterlegenhei\nklingt:\n„Du glaubst also, Bernhard, dass das ganze Ver-\nnunftniveau der Menschen, ihr ganzes, auch ihr unbe.\nobachtetes Denken eine Pose ist? 1\"\n„Ja. — Das ganze Oberbewusstsein ist eine ange.\nnommene Haltung\" sagt der andere.\n„Höre mich an, Bernhard ist es das, was Du\nmeinst: Du redest beileibe nicht von dem faden Gegen-\nsatz zwischen dem „Tier im Menschen\" und der „Ver-\nnunft\", keinesfalls davon, dass diese „Vernunft\", oder\nbesser Vernünftigkeit die Maske der ungezähmten In-\nstinkte sei. Du redest auch nicht von dem tieferen\nGedanken Nietzsches, dass die unterirdischen psychi-\nschen Kräfte, dem Menschen, der ihr Werkzeug ist,\nnicht ins Bewusstsein kommend, seinen wahren Willen,\nder der ihre ist, maskieren —\n„Nein, antwortete der andere, nicht nur das ober-\nbewusste Wollen ist eine angenommene Haltung\nsondern sogar das Anschauen, die Wirklichkeit,\ndie Dinge der Aussenwelt — die so konstant, so ob-\njektiv, so unabhängig erscheinenden Empfindungen der\nSinne — sind eine Pose.\"\nJoseph fragt: „Was folgt daraus ?\"\n„Wenn man erkannt hat, antwortete der ander«,\ndass die Empfindung der Wirklichkeit eine angenommene\nHaltung ist, so kann man sie aufgeben. Dtesi\nKonstanz, diese Unveränderlichkeit, dieses Beharrungs-\nvermögen der toten leblosen Dinge, die seit Jahr-\ntausenden dieselben physikalischen Gesetze befolgen,\ndiese langweiligen Gesetzmässigkeiten. Eine anständige\nunendliche Wirklichkeit ist nicht so stupid gleichmässig,\nDahinter steckt das Entsetzen vor unnatürlichen Ge-\nschehnissen, die Furcht vor unfassbaren Neuerungen,\ndie das Eintreten massloser Möglichkeiten verhindert\nDie Menschen selbst, ihre unterirdischen psychisches\nKräfte bestimmen die Wirklichkeit, und diese tote Un-\nveränderlichkeit der Aussenwelt ist eine Schöpfung der\nAngst vor Umwälzungen.\"\nVon hier an sprach der andere mit lauter werden-\nder Stimme:\n„Erkenne ich, dass auch die Dinge der Aussei-\nweit, nichts sind als eine willkürliche Haltung der\npsychischen Kräfte, daraus entstanden, die Furchtbar-\nkeit des Daseins nicht aufkommen zu lassen, so gebe\nich diese Haltung auf und erfahre Ungeheuerliches.\"\nJoseph entgegnete leise:\n„Die Ereignisse geschehen dann wie vor einem\nWahnsinnigen.\"\n„Ja\" sagt der andere, „aber dieser Wahnsinn ent-\nflammte bei allen sogleich, wenn die Angst erstickt ist.\"\nIn dieser Nacht ist dem Joseph Strassburger das\nwiderfahren, das mit einem Ruck sein gesamtes bis-\nheriges Leben verneinte, also dem Erlebnis des Todes\nam nächsten kam.\nEr glaubte nämlich zu sehen, wie sein Freund\nBernhard nach seinem Kopfe fasste, und ihn für die\nDauer eines Herzschlages abnahm, nach Verlauf einer\nSekunde aber ruhig ihn selbst fixierte.\nVon Taubheit befallen, wie nach dem unhörbarer\nKnall einer inneren Explosion, versagten ihm die Ge-\nsichtsmuskeln und sein Unterkiefer sank herab. --\nEinige Zeit nachdem er sich erhohlt hatte, sagte\nder andere: „Komm wir wollen hinuntergehen, es ist\nschon morgen.\"\nSie gingen durch die Dämmerung der Luisenstrasse\nbis es hell wurde durch den Tiergarten.\n\nDie Drangsale des Lotsen\nEin Märchen von August Strindberg\n\nSchlad\n\nSie gingen über Felsenhügel und Baumwtirzeto\nMoor und Geschwende, Gehaue und Meiiengründe"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "453", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.3", "texte": "aber Viktor musste sich zuweilen umdrehen und nach-\nsehen, ob sie noch folgte, denn er hörte ihre Schritte\nnicht; und auch wenn er sich umdrehte und sie vor\nsich hatte, musste sein Auge sie suchen, denn ihr\nKleid in gelb und grün machte sie beinahe unsichtbar.\nEndlich kamen sie an eine Blosse des Waldes Als\nViktor mitten auf dem grünen Plan sich befand, kam\nder Stier, als ob er dort gestanden und gewartet hätte.\nEr war schwarz und hatte einen weissen Stern vorne\nan der Stirn und Blut in den Augenwinkeln.\nDa keine Flucht möglich war, galt es nur Angriff\nund Verteidigung Viktor warf einen Blick auf den\nBoden. Da lag ein Zaunpfahl, eben gehauen, mit\neiner Keule am Ende, den nahm er auf und stellte\nsich kampfbereit.\n—Du oder ich! kommandierte er. Eins, zwei,\ndrei! jetzt begann der Tanz. Der Stier backte zuerst\nwie ein Dampfboot, liess durch die Nasenlöcher Dampf\nheraus, bewegte den Schwanz wie einen Propeller und\ndann gings mit Volldampf vorwärts.\nEs sauste in der Luft und knallte wie ein Schuss,\nals der Pfahl den Stier mitten zwischen die Augen\ntraf. Viktor war mit einem Sprunge zur Seite und\nder Stier schoss an ihm vorbei. Dann aber ver-\nänderte sich die Situation; das Untier steuerte dem\nWaldrand zu, wo Viktors Braut in hellem Kleid zu\nseinem grossen Schrecken heraneilte, um ihren Bräuti-\ngam zu treffen\nDa schrie er aus der Tiefe seiner Seele: In den\nBaum hinauf, Anna! Der Stier kommt!\nUnd er sprang hinter dem Untier her, schlug es\nan der schmälsten Stelle auf die Hinterbeine, um mög-\nlichst ein Schienbein zu zerschmettern. Mit über-\nmenschlichen Kräften zwang er den Koloss, auf den\nBoden niederzusinken, Anna war gerettet, und der\nLotse hielt sie in seinen Armen.\nWohin wollen wir jetzt gehen? sagte er. Nach\nHause ?\nSie zu fragen, woher sie komme, fiel ihm nicht\nein, aus Gründen, die wir nachher erfahren werden.\nSie gingen Hand in Hand den Fusssteig dahin und\nwaren glücklich über das unerwartete Wiedersehen.\nDann blieb Viktor plötzlich stehen:\nWarte einen Augenblick, ich muss nach dem Stier\nseilen, denn es ist jedenfalls schade um ihn.\nDa verwandelte sich Annas Antlitz und ihre Augen-\nwinkel wurden blutig. Mit einem wilden boshaften\nAusdruck sagte sie nur: Geh, ich warte!\nDer Lotse betrachtete sie mit traurigen Blicken,\ndenn er hörte, dass sie die Unwahrheit sprach. Aber\ner folgte ihr. Ihr Gang jedoch ungewöhnlich, und\ner begann auf der ganzen linken Seite zu frieren.\nAls sie noch eine Weile gegangen waren, blieb\nViktor wieder stehen.\nGib mir deine Hand, sagte er, nein die linke Da\nsah er, dass sie ihren Ring nicht trug.\nWo ist der Ring?\nDen habe ich verloren\nDu bist meine Anna, aber du bist es nicht Es\nist eine Fremde in dich hineingeflogen.\nDa warf sie ihm einen Seitenblick zu, und er sah,\ndass es nicht eines Menschen, sondern eines Stieres\nblutiger Blick war, und er verstand.\nWeich von hinnen, Zauberin! sagte er und spuckte\nihr ins Gesicht.\nDas hätte man sehen sollen. Die falsche Anna\nwechselte ihren Balg, wurde gelbgrün im Gesicht wie\nGalle, platzte vor Wut, und im nächsten Augenblick\nsprang ein schwarzes Kaninchen über die Blaubeer-\nbüsche dahin und war verschwunden.\nJetzt stand er im irrsamen Walde, aber er war\nnicht verdutzt, sondern dachte: ich gehe wohl weiter:\nkommt dann der T selbst, so bete ich ein\nVaterunser herunter, das reicht lange Wege.\nSo ging er weiter und erblickte eine Hütte. Er\nklopfte und wurde von einem alten Weib empfangen\nund ob er über Nacht Herberge bekommen\nkönnte. Die Alte antwortete, die könne er haben, aber\nes sei nichts rechtes da, das man anbieten könne,\nnur eine dürftige Kammer auf den Boden.\nSie mag sein, wie sie will, ich muss schlafen.\nWie sie einig waren, folgte er ihr auf den Boden\nm die Kammer. Da hing ein grosses Wespennest über\ndem Bett, und die Alte bat um Entschuldigung, dass\nsie einen solchen Besuch habe.\nSchadet nichts, Wespen sind wie die Menschen,\nsie sind artig, bis man sie reizt. Vielleicht habt ihr\nauch Schlangen?\nWir haben einige Stück, versteht sich.\nbchadet nichts; die lieben die Bettwärme, wir\nwerden schon einig werden! Ist es eine Otter oder\nNatter? Ich bin allerdings nicht so genau mit der\nGesellschaft aber ich ziehe die Natter vor!\nDie Alte stand sprachlos, als der Lotse das Bett\nzu ordnen anfing und die bestimmte Absicht zeigte, in\ndem Raum zu schlafen.\nIndessen war vor dem geschlossenen Fenster ein\nängstliches Summen zu hören, und eine grosse Hornisse\nversuchte hinein zu kommen.\nLasst das arme Ding herein! sagte der Lotse und\nöffnete das Fenster.\nNein nicht so eine! Macht ihr den Garaus! schrie\ndie Alte.\nWarum? Sie hat vielleicht Junge hier, die hungern\nwerden, und dann muss ich daliegen und Kinderge-\nschrei anhören, nein danke! .... Komm, du kleine\nWespe\nSie sticht! rief die Alte.\nNein bewahre, sie sticht nur boshafte Menschen . .\nDas Fenster wurde geöffnet. Herein zog eine\nHornisse, so gross wie ein Taubenei. Sie surrte wie\neine Basssaite und begab sich gleich ins Nest hinauf.\nDann wurde es still.\nDie Alte ging und der Lotse kroch ins Bett.\nAls er am folgenden Morgen in die Stube hin-\nunter kam, fand er die Alte nicht; aber auf dem ein-\nzigen Stuhl sass eine schwarze Katze und spann. Die\nKatzen sind wegen ihrer Faulheit zum Spinnen ver-\nurteilt. Etwas müssen sie tun.\nSteh auf, Katze, sagte der Lotse, damit ich mich\nsetzen kann.\nUnd er nahm die Katze und setzte sie auf den\nHerd. Aber es war keine gewöhnliche Katze, denn sie\nfing mit dem Rückenhaar zu funkeln an, so dass die\nSpäne Feuer fingen.\nKannst du Feuer machen, so kannst du auch Kaffee\nkochen, sagte der Lotse.\nAber die Katze ist von der Wolle, dass sie nicht\nwill, was ein anderer will, und sie fing an zu fauchen\nund zu spucken, dass das Feuer erlosch\nDa hörte der Lotse wie ein Spaten gegen die\nHauswand gestellt wurde; und als er hinausguckte, er-\nblickte er die Alte. Sie stand an einer Grube, die sie\ndraussen im Garten aufgeworfen hatte.\nSo, du gräbst mein Grab, Alte? sagte er.\nDie Alte kam herein. Als sie Viktor frisch und\ngesund vor sich sah, geriet sie ganz ausser sich vor\nVerwunderung; und jetzt bekannte sie, dass noch nie-\nmand lebendig aus der Kammer herausgekommen sei\nund dass sie darum im voraus sein Grab gegraben\nhabe.\nDa sie etwas schlechte Augen hatte, fand sie, der\nLotse habe ein wunderliches Halstuch bekommen.\nJa, hast du schon so ein Halstuch gesehen? sagte\nViktor und strich mit der Hand unter sein Kinn. Da\nsass eine Schlange, die einen feinen Knoten mit zwei\ngelben Flecken gemacht hatte; das waren die Ohren;\nund die glänzten wie Edelsteine.\nZeige Tante deine Brustnadeln, sagte der Lotse.\nUnd als er die Schlange am Kopfe kraulte, waren\nzwei Brustnadeln mitten im Rachen zu sehen.\nDa fiel die Alte zu Boden und brach aus:\nIch sehe jetzt, dass du meinen Brief bekommen\nund ihn verstanden hast. Du bist ein braver Kerl!\nSo, das war dein Automatenbrief? sagte der Lotse\nund nahm den Brief aus der Brusttasche. Den werde\nich unter Glas und Rahmen setzen, wenn ich nach\nHause komme.\nWisst Ihr was in dem Brief stand? — Es hiess\nauf deutsch: „Man muss sich nicht ver-\nblüffen lassen;\" was man übersetzen kann: „Das\nGlück steht dem Kühnen bei\".\n*\nAnne-Marie, die ihre Mama so ihre Geschichte be-\nenden hörte, fragte jetzt:\nJa, aber wie kam es, dass der Lotse vom Schiff\nnach der Passage gehen konnte; und er kehrte nach-\nher zurück, oder hatte er alles geträumt?\nDas sollst du ein andermal hören, kleine Fragerin,\nantwortete die Mama.\nJa, aber es standen doch Verse in dem Buche . . .\nWas für Verse? Ach so, die im Schneckenladen . . .\ndie habe ich vergessen .. . sagte die Mama. Aber\nman muss nach so etwas nicht fragen; es ist ja nur\nein Märchen, liebes Kind!\n\nDeutsch von Emil Schering\n\nDer Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nLXXI\nLotte Wiedewitt\nAls der Moritz aufwachte, sass sein Weib neben\nihm und weinte.\n„Warum weinst Du?\" fragte da der Moritz.\nDa rief die Lotte schluchzend.\n„Moritz! Moritz! Du darfst nicht sterben. Ich\nhabe Dich so lieb — so sehr lieb.\"\nUnd die Lotte küsste den Moritz, aber der sagte:\n„Du musst mich, wenn Du mich wirklich lieb hast,\nruhig sterben lassen. Willst Du mir nicht einmal diese\nFreude gönnen? Glaubst Du, dass ich jemals in\nmeinem Leben eine andere Freude habe? Sieh nur,\nwie mein Körper durch das Betttuch leuchtet — so\nleuchtet Alles in mir auf — jetzt, da ich endlich\nsterben kann. Ich sehe lauter Narren, die mit ihren\nKöpfen Fangeball spielen — und dazu lachen die\nKöpfe. Und meine Lotte muss auch dazu lachen.\nLach doch, Lotte!\"\nDa zwang sich die Lotte und wollte wirklich\nlachen — und sie lachte — aber es klang so\nschauerlich, das ihr mit einem Male Alles schwarz vor\nden Augen wurde — sie fühlte, dass sie umsank und\nvon vielen Händen gehalten wurde — und dabei hörte\nsie neben sich den Moritz nochmals laut lachen und sagen:\n„Es ist ja Alles Komödie — das ganze Leben.\nNur das Sterben ist schön. Lasst uns fröhlich sein —\ngebt mir Wein — und lasst Musik spielen.\"\nEs geschah wie er sagte.\nDie Lotte wurde ohnmächtig hinausgetragen.\nLXXII\nDas Leichenwunder\nDa passierte in einer Leichenhalle am Schwantu-\nflusse, in der über fünfhundert bunte Leichen von\nMännern der Wissenschaft aufmerksam beobachtet\nwurden, abermals etwas Wunderbares: die astartigen\nneuen bunten Gliedmassen, die aus den Leichen heraus-\nwuchsen und sich immerzu bewegten und veränderten,\nbekamen Wunden, die bluteten — und aus diesen\nWunden schössen feurige Strahlen heraus, die zu\ngrossen Flammen wurden.\nDa packte das Entsetzen die Herren Gelehrten,\nund sie liefen davon.\nUnd sie befahlen den Leichenträgern, die Leichen\nzu isolieren. Aber die beherzten Leute, die die Leichen\nanfassen wollten, bekamen so furchtbare Brandwunden,\ndass man beschloss, die Leichen mit langen eisernen\nHebeln herauszuheben und einzeln am Flusse auf-\nzubahren ; jede Leiche wurde mit einem eisernen\nSchirmdach oben gegen Regen geschützt — jede Leiche\nlag von der nächsten hundert Meter entfernt.\nUnd nun wurden die Leichen von allen Seiten\nmit Fernrohren beobachtet — und man sah, dass sich\nbunte kleine Flammen von den toten Körpern loslösten,\nund diese Flammen flogen gegen die eisernen Schirm-\ndächer und brannten da Löcher durch — und oben\nin der Luft bekamen die Flammen Kometengestalt wie\ndie grossen Irrlichter.\nLXXIII\nDer sterbende Moritz\nUnd der sterbende Moritz rief den Staatsrat an\nsein Bett"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "454", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.4", "texte": "Und der Staatsrat kam.\nUnd der Kaiser Moritz sagte laut:\n„Ich sterbe jetzt und sage Euch feierlich: ich war\nder richtige Kaiser, denn ich liess Alles so gehen, wie\nes ging. Ihr aber seid die Narren, weil Ihr etwas\nDaseiendes in andere Bahnen lenken wollt — während\nes doch nur eine einzige Bahn gibt, die die richtige\nist — die Bahn, die klar und sicher zum Tode führt.\nWarum lehrt Ihr nicht den Utopianern, dass sie sterben\nsollen vom ersten Moment ihres Lebens an ? Nur\ndas Sterben macht glücklich — das Hinschwinden —\ndas stille Vergehen. Ich wollte, ich könnte das ganze\nKaiserreich Utopia mitnehmen — mit Euch Allen zu-\nsammen sterben. Es ist wirklich das Beste von Allem.\nIcn fühls. Sie tanzen wieder — die alten Greise --\nich sehe sie — sie werden kindisch — und die Ge-\ndanken tanzen mit und die Köpfe rollen über das\nMeer — hinaus in die Unendlichkeit — da brauchen\nsie nicht mehr zu leben — da ist es endlich zu Ende\n— da versinkt Alles — Alles — und es braucht kein\nKopf mehr zu leiden — ich auch nicht Ich segne\nmein Kaiserreich! Möge es sterben, so selig — wie\nich — jetzt hingehe — in die — bunte Nacht — in\nder Alles — ruhig ist.\" —\nDes Kaisers Kopf sank zurück.\nDie Mitglieder des Staatsrates bewegten sich nicht\nLXXIV\nDie Explosion\nWährend der Kaiser Moritz die ietzten Augenblicke\nseines Lebens durchschwärmte, geschah am Schwantu-\nflusse etwas Ungeheuerliches; mit furchtbarem Knall\nexplodierte eine der Leichen, dass das eiserne Dach\nin tausend Stücken hoch in die Luft fiog, eines der\nEisenstücke verletzte beim Herunterfallen einen Gelehrten\nnicht unerheblich am Knie.\nNun wurden sofort die anderen eisernen Dächer\nruntergerissen — aber kaum war das geschehen, so\nexplodierte die zweite Leiche — sodass kein Atom von\nihr übrig blieb.\nUnd diesen ersten Explosionen folgten nun immer\nmehr — sodass man die übrig bleibenden mit erhöhtem\nEifer photographieren musste — was sich auch ver-\nlohnte, da die Leichen kurz vor der Explosion die\nallerherrlichsten Gebilde zeigten; aus den A tknorren\nwurden grosse korallenartige Gewächse, die an den\nSpitzen fächerförmige Blätter bekamen.\nDiese fächerförmigen Blätter opalisierten in allen\nFarben so glühend und strahlend wie die allerköstlichsten\nBlumen, und die Künstler waren ganz toll beim An-\nblick dieser entzückenden Leichenwunder, die immer\nherrlicher sich entfalteten. Es war so, als sollten alle\nFormen und Farben der Erde noch einmal im er-\nstorbenen Menschenkörper in zusammenfassender Weise\nvorgeführt werden.\nVon der menschlichen Körperform blieb am Ende\nnur der Kopf noch erkenntlich, der Leib sah wie ein\nriesiger Blumenkorb aus — mit Korallen und langen\nTintenfischgiiedern und muschelartigen Wölbungen und\nmit grossen Seesternen und grossen Krystaliformen\nund mit Perlen von unbeschreiblicher schillernder welt-\nspiegelnder Glanzpracht.\nLXXXV\nPhiianders Rückkehr\nKaum aber hatten die Aerzte den Tod des Kaisers\nMoritz konstatiert, so erschien in der hohen offenen\nTüre der Kaiser Philander im Purpurmantel mit der\nKrone auf dem schneeweissen Haupthaar und mit dem\nlangen weissen Bart.\nDer Kaiser Philander stand in der Türe ganz still\nund starrte seinen Staatsrat an, und der Staatsrat sah\nseinen alten Kaiser an, als sähe er ein Gespenst.\nUnd es bedurfte einiger Minuten, ehe man sich\nwieder an die Gegenwart des alten Kaisers gewöhnte.\nDer Philander musste doch lächeln, als er sah,\nwie unheimlich sein Erscheinen wirkte; als ihm aber\nmitgeteilt wurde, dass der Kaiser Moritz soeben ge-\nstorben sei — da sträubten sich dem Kaiser Philander\nunter der Perücke die Haare in die Höhe.\nDann aber liess der alte Kaiser sofort die Maschinen,\ndie für die Todesposaunen gebaut waren, in Bewegung\nsetzen — und dann erdröhnten die mächtigen Posaunen\nso gewaltig, das ganz Ulaleipu erwachte.\nUnd die Todesposaunen erschütterten die Lutt\ndrei volle Stunden hindurch, und aile Fenster in den\nHäusern der Residenz wurden hell; es war eine finstere\nNacht — Wolken verhüllten den ganzen Himmel.\nLXXVI\nDer kranke Philander\nAm Abend des nächsten Tages wollte Philander\nseinen Staatsrat rufen lassen und seine ganze Kraft\nzeigen — da fühlte er etwas Schweres in den Beinen\nund er sah zufällig seine linke Hand an und sah\nblaue, rote und grüne Flecken auf dieser linken Hand.\nPhilander rief den Beamten zurück, der den Staats-\nrat rufen sollte.\n„Lass den Staatsrat! Hole die Aerzte! Bringt\nmich zu Bett.\"\n*\nEs geschah, wie er sagte.\nUnd die Trauerkunde von der Erkrankung des\nKaisers ging durch das ganze Land; aber es zeigte\nsich keine Teilnahme — nur der Astronom Haberland\nerschrak sehr, als er vom kranken Philander hörte.\nLXXVII\nDie Hand\nKaum lag der Philander im Bette, so zuckte ein\nGedanke durch sein Gehirn, sodass er sich plötzlich\nhoch aufrichtete.\n„Messer! Messer!\" schrie er.\nMan verstand nicht, was er wollte. Doch da\nkamen die Aerzte, und denen schrie er schnell zu :\n„Amputiert mir die Handl\"\nDoch mit Blitzesgeschwindigkeit hatte ein jüngerer\nArzt das Hemd von der Brust aufgerissen — und da\nwaren auch schon auf der Brust die Flecke.\n„Es ist zu spät!\" sagte er traurig.\nDa brüllte der Kaiser auf wie ein wildes Tier —\nund sank dann weinend in die Kissen zurück.\nLXXVIII\nDie Vorwürfe\nUnd der kranke Philander sprach heftig in seinem\nInnern, während seine Lippen bebten:\n„Ich habe mir in meinem Leben zu viel Zeit ge-\nlassen — Das nun ist die Strafe! Ich bin der Ge-\nnusssucht nicht heftig genug begegnet. Das ist nun\ndie Strafe! Kurs vorm Ziel ein kranker Mann! Und\nwelche Krankheit! Der Triumph der Genusssucht ist\ndiese Krankheit. Ich hätte schon früher begreifen\nsollen, dss „Geniessen\" nicht „Leben\" heisst. Das\nwäre doch zu leicht. Warum habe ich nicht in meinen\njüngeren Jahren das Volk aufgerüttelt — wie ichs\nwollte ? Ich werde furchtbar bestraft Und diese\nweiche Stimmung. Und diese Wonne in allen Gliedern!\nOh — wie verführerisch ist das Genussleben — war\nich für das grosse Weltenleben noch nicht reif ?\"\nEr machte aus seinen beiden Händen zwei knochige\nFäuste.\nLXXIX\nDie Wut\n„Ich will raus aus diesem Bett!\" schrie er plötzlich.\n„Ich will,\" schrie er noch heftiger „auf dem Seebalkon\nsterben — vor allem Volk! Hebt mich raus!\"\nMan hob den Kaiser auf und setzte ihn auf einen\nSessel.\n„Der Sessel ist mir zu weich!\" schrie er wieder.\nDa sagte aber der Oberarzt:\n„Grandiosität dürfen nicht hart sitzen. Grandiosität\ndürfen auch nicht auf den Seebalkon getragen werden;\nes regnet. Es ist doch möglich, dass die Krankheit\nvorübergeht — und dementsprechend müssen wir\nvorsichtig sein.\"\nDa sah der Kaiser mit leuchtendem Auge auf und\nrief: „Ja — ich will gesund werden — lasst mich\nallein!\" Und Alle gingen hinaus und liessen den\nKaiser allein.\n\nFortsetzung folgt\n\nMarie-Claire\n\nEines Abends machte mich Francis Jourdain zum\nVertrauten des schweren Schicksals einer Frau, der er\nals Freund sehr nahe stand.\nSie war Schneiderin, sehr kränklich-, sehr arm,\noft fehlte ihr das Brot — sie hiess Marguerite Audoux Da\nsie eines schmerzhaften Augenleidens wegen nicht mehr\nnähen noch lesen konnte, fing sie an zu schreiben.\nSie schrieb nicht in der Erwartung, dass ihre Werke\nveröffentlicht würden. Sie schrieb, um nicht immer\nan ihr Elend denken zu müssen, um ihre Einsamkeit\nzu beleben, sich gleichsam eine Gesellschaft zu schaffen,\nund wohl auch, weil ihr das Schreiben Freude machte.\nEr nannte uiir ein Werk von ihr, das ihm sehr\nschön schien. Er bat mich, es zu lesen Ich mag\nden Geschmack von Francis Jourdain gut leiden und\nschätze ihn sehr. Seine Geistesrichtung, seine sensible\nArt machen mir unendlich viel Freude. Beim Einhän-\ndigen des Manuskripts fügte er noch hinzu:\n„Unser guter Philipp bewundert es sehr. Er hätte\nes gern gesehen, wenn das Buch erschienen wäre.\nAber was konnte er für andere tun, er — der für\nsich selbst nichts vermochte?\"\nIch bin davon durchdrungen, dass gute Bücher\nihre unzerstörbare Kraft in sich selbst tragen Sie\nmögen von noch so weither kommen, noch so ver-\nborgen sein im Elend einer kleinen Arbeiterwohnung\n— es kommt immer der Augenblick, der sie ans Licht\nzieht . . . Gewiss: man hasst sie . . . man leugnet\noder beschimpft sie. Was tut das? Sie sind stärker\nals alles und alle.\nUnd der Beweis ist, dass Marie-Claire heute in\nBuchform bei Fasquelle erscheint.\nEs ist mir eine Freude, von diesem wundervollen\nBuch zu sprechen, und ich möchte aus der Tiefe\nmeiner Seele alle dafür erwärmen, die noch Sinn haben\nfür gute Bücher. Gleich mir werden sie eine seltene\nFreude aus ihm schöpfen, starke und neue Eindrücke,\nMarie-Ciaire ist ein Werk von erlesenem Geschmack.\nSeine Einfachheit, Wahrhaftigkeit, seine geistreiche\nEleganz, seine Tiefe und Neuartigkeit packen. Alles\nist an seinem Platze: Dinge, Landschaften und Menschen.\nSie tragen alie ihr eigenes Gesicht und sind so gross-\nzügig und lebendig gezeichnet, dass sie unvergesslich\nbleiben Niemals gleitet der Stift aus, niemals wünscht\nman ihm eine andere Richtung. Jeder Strich sitzt,\nist farbig und pittoresk Vor allem verblüfft und ue-\nzwingt die Kraft der Vcrinnerlichung, ein warmes,\nweiches Leuchten, das aus den Seiten entgegenstrahlt,\ndie Sonne an einem schönen Sommermorgen. Und\noftmals gleiten Sätze an uns vorüber, wie nur grosse\nSchriftsteller sie schreiben können: Klänge, d;e wir\nnicht mehr oder kaum noch hören und die uns ent-\nzücken\nUnd da setzt das Wunder ein.\nMarguerite Audoux war nicht etwa eine „deklassierte\nIntellektuelle\", sie war wirklich die kleine Schneiderin,\ndie bald in die Häuser ging, um dort für drei Franks\ntäglich zu nähen, bald bei sich in ihrem Zimmerchen\narbeitete; es war so schmal, dass sie immer ersi die\nPuppe fortrücken musste, wenn sie sich an die Näh-\nmaschine setzen wollte.\nSie erzählt, wie sie ein altes Buch auf dem Boden\neiner Meierei, wo sie die Schafe hütete, entdeckte,\ndas ihr eine neue Welt erschloss Seit jenem Tage\nlas sie mit immer wachsender Leidenschaft, was ihr\nin die Hände fiel: Feuilletons, alte Kalender undso-\nweiter. Ein brennender, aber doch noch uneinge-\nstandener Wunsch regte sich in ihr: sie selbst wollte\nGeschichten schreiben Dieser Wunsch ging an dem\nTage in Erfüllung, da der Arzt des\nHotel-Dieu ihr erklärte, dass sie bestimmt erblinden\nmüsste, wenn sie das Nähen nicht aufgäbe\nJournalisten erfanden dann die niedliche Geschichte\nMarguerite Audoux hätte damals ausgerufen: „Da $\nkeine Blusen mehr nähen kann, werde ich ein Buci\".\nschreiben.\" Diese Legende, die der Vorliebe de;\nSpiessbürgers für alles Absonderliche entgegenkomnl'\nund zugleich ihre Geringschätzung der Literatur kenn\nzeichnet, ist unrichtig und albern.\nIn der Verfasserin von „Marie-Claire\" lässt sich &\nNeigung zur Literatur nicht von einer gewissen vor"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "455", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.5", "texte": "nehmen Lebensneugierde unterscheiden. Und es machte\nihr Spass, aufzuzeichnen, was das tägliche Leben ihr\noffenbarte, noch mehr aber, was ihre Phantasie sie\nvom Schicksal der Menschen erraten Hess, denen sie\nauf ihrem Lebenswege begegnete. Ihre Intuittonsfähig-\nkeit war beinahe ebenso stark wie ihre Beobachtungs-\ngabe . . . Keinem sagte sie jemals etwas von ihrer\n„Manie\" zu kritzeln, und verbrannte alle Papierschnitzei,\nin der Annahme, dass sie für niemanden Interesse\nhätten.\nSie dankte es nur dem Zufall, der sie eines Tages\nan einen Ort führte, wo mehrere junge Künstler ver-\nkehrten, dass sie plötzlich erfuhr, wie sehr ihre Er-\nzählergabe packte, bezauberte. Vor allem war es\nCharles Louis Philippe, der sie ermutigte Doch hat er\nihr nie irgendwelche Ratschläge gegeben. Er fühlte,\ndass diese Ratschläge ebenso zwecklos wie gefähr-\nlich sein mussten für eine Frau, deren Wille so be-\nstimmt, deren Temperament so ausgesprochen, deren\nFeingefühl bereits so kunstvoll geformt war.\nHeute bestreben sich alle Kulturmenschen und\nsolche, die es zu sein glauben, zur Tradition zurück-\nzukehren und sprechen von strenger Selbstzucht, der\nsie sich unterwerfen müssen ... Ist es nicht entzük-\nkend, dass gerade eine Arbeiterin, die nicht einmal\nortographisch schreibt, diejenige ist, die all diese\ngrossen Eigenschaften wiederfindet oder vielmehr er-\nfindet: Mässigkeit, Geschmack, Schwung? Eigen-\nschaften, die nie durch Willen oder Erfahrung allein\nerlangt werden?\nDer Wille übrigens fehlt Marguerite Audoux nicht,\nund die Erfahrung wird durch angeborenes Sprach-\ngefühl ersetzt. Ein Sprachgefühl, das ihr die Worte\neingibt — nicht wie einer Schlafwandlerin, sondern es\nihr ermöglicht, die Sätze zu bauen, zu vereinfachen,\nrhythmisch zu gliedern nach Gesetzen, die sie nie er-\nlernt hat, die aber wundersam und geheimnissvoll in\nihrem Bewusstsein ruhen und von ihrem Genie mit\nunfehlbarer Sicherheit hervorgeholt werden.\nSie hat Phantasie, aber verstehen wir uns recht,\neine edle, glühende und prunkvolle Phantasie, die nichts\ngemein hat mit der Phantasie junger verträumter\nFrauen und berechnender Romanschriftsteller. Sie\nsteht weder abseits vom Leben noch über dem Leben.\nSie scheint die beobachteten Tatsachen nur klarzulegen\nWenn ich Kritiker wäre, oder, was Gott verhüte,\nPsychologe, so würde ich solch eine Phantasie eine\ndeduktive nennen. Aber ich wage mich nicht auf\ndiesen gefährlichen Boden\nLesen Sie Marie-Claire .... und wenn Sie das\nBuch gelesen haben, werden Sie sich fragen, wer je\nvon unseren Schriftstellern — und ich denke an unsere\nruhmreichsten — imstande gewesen wäre, ein solches\nBuch zu schreiben: so massvoll, so strahlend in Rein-\nheit und Grösse\nMit diesem Vorwort leitet der Autor das Buch Marie-Claire\nvon Marguerite Audoux ein. Es erschien in deutscher\nSprache, nicht so trostlos übersetzt wie die% meisten französischen\nDichtungen bei Bong u. Co., Deutsches Verlagshaus, Berlin.\n\nOctave Mirbeau\n\nAuf den begrabenen Dieb\nAugust S., genannt\n„Dummer August”\nVon Mynona\nFlammender Schnee! Bunter Zorn!\nKristallne Glut! Feuriger Born!\nToter Spiegel! Blitzender Duft!\nRose aus Eis! Diamantenes Korn!\nFunkelnde Luft!\nSpitze aus Granat! Frost aus Rubin!\nSonne aus Thau! Opalener Aether!\nElektrischer Gischt! Azurner Strom !\nPerlender strahlender Dom!\nIsrisierendes Fliehn!\nIntelligentes Metall! Herzinniger Staub!\nGrüner Fluch! Stählerner Engel!\nBimssteinerner Bock! Schweinernes Ideal!\nHerbstgelächter! Ermordetes Bacchanal!\nGott und Bengel!\n\nZwei Liederabende\nMotto: Jede Zeit hat den Dr. Strauss,\nden sie verdient.\nAlfred Döblin\nAm Dienstag, den 7. März und am Mittwoch, den\n8. März fand ein Liederabend statt; am Dienstag einer\nin dem kleinen Saal eines Gesellschaftshauses Sans-\nsouci am Kurfürstendamm, am Mittwoch im Beethoven-\nsaal. Im Beethovensaal drängten sich die Menschen;\nman sah ein Publikum, das sonst kaum einen Kon-\nzertraum betritt, elegant, klatschwütig, schauwütig, als\nkäme es eben aus dem Zirkus Reinhardt. Es gab\nRichard Strauss Den Doktor sollte man punkt acht\nselbst sehen, der eben mit seinem Rosenkavalier Lehar\nund Fall übertrumpft hatte als ein wahrer Ueberfall.\nEr erschien mit gänzlich ausverkauftem Lächeln, ver-\nbeugte sich einmal körperlich, dann fünfzehnmal lied-\nlich, ging schliesslich davon, das Publikum ebenso.\nIch weiss nicht, was nachher aus beiden geworden ist;\nes geht auch keinen was an. Das Ganze ist schliess-\nlich ein Vorfall, der sich in jedem besseren Konzert-\nkaffee allabendlich ereignet. Ais Folie zum folgenden\naber brauche ich die Kompositionen, die bei Gelegen-\nheit der mitgeteilten Menschenansammlung im Beethoven-\nsaal nur so angeschwooft kamen.\nMan darf einen Sinfoniker und Dramatiker nicht\nnach seinen Liedern beurteilen; aber bei Richard Strauss\nist das alles gleich, man darf es schon. Er kann\nLieder so gut wie Lustspiele und Sinfonien; er ist\nnirgends schwächer und nirgends stärker; er ist über-\nall Strauss. Man kann Lieder verschieden machen;\ner macht sie unerträglich; ich wefös nicht, was an\nGunstbuhlerei seinen Liedern gleichkäme. Man wäre\nversucht, seine Kunstübung tief unwürdig zu nennen;\nwenn man nicht wüsste, dass er völlig an-ästhetisch\nist, Er ist nie und nimmer Zuhälter einer Kunst;\ndenn so nah ist er der Kunst nicht gekommen. Ein\npaar Hinweise: der Laie, auch mancher Musikkritiker\n.fällt auf Strauss' „Schwung\" hinein; sie sehen nicht,\ndass es sich da um billige Reisser handelt; mit\n„Schwung\" kommt Strauss über hundert leere Stellen\nhinweg. In seiner Auffassung bleibt er völlig an der\nAussenseite kleben; manchmal leistet er ganz Unglaub-\nliches. Zum Beispiel: Wie ist es denkbar im „Lied\nan meinen iohn\" den Angelpunkt: „Gehorch ihm nicht\"\nso zu verfehlen, so garnicht zu begreifen? Wie ist\nes denkbar, dass jemand in dem ungeheuren Marsch-\nrhythmus des Dehmeischen „Arbeitsmann\" Vögel nied-\nlich zwitschern lässt, weil — es einmal im Gedicht so\nvorkommt? Das „Wiegenlied\", ein fröhlich schwaches\nGedicht des Dehmel, taucht der gute Doktor in eine\nArpeggiensauce, setzt eine Melodie von der Origi-\nnälität der Leierkästen hinzu; dieser entsetzliche\nSchmarren wurde begeistert aufgenommen. Ein „Stein-\nklopferlied\", in dem ein offenbar sehr gebildeter Stein-\nklopfer sich beklagt, vom „Allerbarmer\" nichts zu\nessen bekommen zu haben — er habe vom „goldenen\nWein nur geträumt\", wird sehr glaubhaft komponiert:\nder Mann schläft infolge Unterernährung gegen den\nSchluss zu ein. Das schlimme Pathos des Schiller-\njünglings auf Schritt und Tritt, wenn es sich um\nmusikalische Liebeserklärungen handet, um patriotische\nBeteuerungen, um heldenhafte Erregungen: immer\nSchwung, Radau und unverblümte Gedankenlosigkeit.\nSo wenig fällt Strauss ein, so stillos, so geschmack-\nlos ist er, so wenig gewählt: oh, er ist unerträglich,\ndieser Publikumsgott.\nHerwarth Waiden kennen nur wenige als Kompo-\nnisten. Die Strenge seines Geschmacks zieht nicht\nso leicht an. In seinen Liedern herrscht eine unver-\ngleichliche künstlerische Zucht, die sich jede Auesser-\nlichkeit untersagt, die rein musikalisch um den lyrischen\nKern besorgt ist. Für Strauss ist die Komposition Arrange-\nment und Dekoration, für Waiden wie für jeden echten\nMusiker völlige selbständige Neubildung. Waldens\nAusdruck ist fast durchweg von einer wirklich bezwin-\ngender Stärke; ihre Unmittelbarkeit ist bisweilen, und\nnicht selten, ganz erschreckend; zum Beispiel in\n„Entbietung\" das „Wann kommst du\" und darauf das\nfurchtbare Drängen; im „Lied an meinen Sohn\" das\nposaunenhafte steinharte „Gehorch ihm nicht\", und\nvieles sonst. Man hat den Eindruck des absolut Neuen,\ndas sich hier ganz unbeschlichen einstellt. Er geht\nganz und gar auf den lyrischen Kern. Es gelingen\nihm hervorragende und erschütternde Stücke, Stücke,\ndie metaphysisch irisieren, „Die ruhende Versammlung\",\n„Hier ist ein Gipfel\"; ihr Stimmungsgehalt findet nicht\nleicht Vergleichbares in der Liederliteratur. Das alles\nnützte nichts, wenn ihm musikalisch nichts gegeben\nwäre, zu sagen. Da hörte ich zum Beispiel am Diens-\ntag Liliencrons Wiegenlied: „Bitte an den Schlaf\".\nRichard Strauss sehe sich einmal an, wie man ohne\nKonserven da arbeiten kann; das eigentliche zögernde\nWiegenthema: „So — so — nicht bange sein\" ist tief\nrührend und originell. Lieder wie „Die schöne Jüdin\"\ngehören zu den Erlebnissen jedes, der sie gehört hat.\nWaldens Lieder sang man in dem Saale von Sanssouci.\nDr. Rudolf Blümner insbesondere, neben Franz\nLindner, stellte die Sachen mit einer Kraft und Treff-\nsicherheit des Ausdrucks hin, die mich bei diesem\nGesangsdebüt wirklich verblüffte.\nEs gibt noch Geschmack, Begabung, Ernst in der\nKunst.\nWir werben für die Kunst. Will man denn ewig\nDrohnen pflegen ? Wir rühren immerwährend die\nTrommel für die hohe und reine Kunst. Wer tritt auf\nunsere Seite ?\nAlfred Döblin\n\nAlles aus Liebe zur Kunst\n\n„Siehste, det sind die Rosenkavaliere! —\nMit dieser Belehrung hatte uns ein hoffnungs-\nvoller Berliner Sprössling mit seinem Kame-\nraden am Anhalter Bahnhof empfangen, als\nwir gestern nachmittag gegen 2 '/* Uhr mit\neinigen Freunden von Berlin abreisten, um\ndie Aufführung des „Rosenkavalier\" an der\nDresdner Hofoper zu hören.\nDie Aeusserung verrät' den schlagenden\nBerliner Witz Sie bedeutet aber doch wohl\nnoch mehr. Wie lebhaft muss das Interesse\nder breiteren Berliner Volksschichten für diese\nExtrafahrt sein, wenn solche Jungen, wie es\nhier wohl geschehen ist, in der Absicht zum\nBahnhof eilen, bei diesem Ereignis „dabei\"\nzu sein.\nDer ahnungslose Schmock ist mit seinem Kompli-\nment an die breiteren Berliner Volksschichten auf ein\ntotes Geleise geraten, wenn der schlagfertige Junge,\nda sein Vater am Anhalter Bahnhof Dienste tut, von\ndem etwaigen Eintreffen einer für den Zoologischen\nGarten bestimmten Affengruppe genau so Kenntnis\nbekommen wird, als er von der Abreise einer Gesell-\nschaft wusste, die in Dresden den letzten Strauss\nkennen lernen will; die Oper, deren Titel man zum\nSchaden und Spott des Berliner Witzes immer noch\nvorsichtig genug gewählt hatte : denn würde sie „Ochs\nvon Lerchenau\" heissen, hätte der Junge die Reise-\ngesellschaft glücklicher apostrophieren können.\nSie war, wenn man es dem Berichterstatter der\nMorgenpost durchaus glauben muss, ein ausgewählter\nTeil der Berliner Society, und zwar jener Teil, den\nman beim Souper in „Esplanade\", am ersten Renntag\nim Grunewald, Weihnachten in Oberhof und zum\nKarneval auf der Promenade des Anglais in Nizza\nsieht. Aber den diesjährigen Karneval hat der ausge-\nwählte Teil der Berliner Society hier verbracht, nur\num im Rosenkavalier-Faschingssonderzug nicht zu fehlen.\nDer Eisenbahnzug ist dem Arthur Fürst schon\nimmer als ein hochmusikalisches Gebilde erschienen,\naus dem rhythmischen Stossen der Räder gegen die\nSchienenköpfe kann ein aufmerksames Ohr die schönsten\nMelodien heraushören.\nDoch das ist immerhin nur ein erdachter\nZusammenhang zwischen [Eisenbahn und Musik;\num diese beiden Begriffe zu einem ganz realen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "456", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.6", "texte": "gemeinschaftlichen Wirken zu vereinen, dazu\nbedurfte es des neutönenden Genies von\nRichard Strauss.\nDer Fürst vergisst des Fürst n e r s. Es ist doch\nschliesslich auch sein Verdienst, dass der harm-\nlose Zusammenhang zwischen Eisenbahn und Musik\nauf der Drehscheibe der Geschäftspraxis zu einem ge-\nmeinschaftlichen Wirken aneinandergekoppelt wurde.\nAlles was dem Wesen der Kunst zuwiederläuft wird\nhier zu ihrer Popularisierung unter Volldampf gesetzt,\nder Kaufmann und die Presse stellen für de n Er-\noberungszug eines Musikwerkes alle\nSignalscheiben auf Erfolg, und der Orts-\nverkehr einer Opernge m e i n d e wird über\ndie Fernstrecken der ganzen Kunstwelt\ngeleitet. —\n„Amüsieren sie sich gut beim Rosenkavalier.\" Mit\ndiesem Wunsche liess d.e r Mann an der Bi 11 et-\nsperre die Damen passieren. Die Herren vergnügten\nsich schon auf dem Wege zu Oktavian Rofrano. Ueber\ndas Fehlen eines Speisewagens waren sie sehr ent-\ntäuscht, doch schon in Röderau machten sie Tanz-\nübungen auf dem Perron\" Die Intellektuellen, so\nnennt einer die Musikverständigen, blieben ernst, sie\nlasen im Führer durch die 118 Leitmotive der Oper\nund das kann gewiss kein Amüsement sein.\nIm Opernhaus in Dresden sah man alle seine\nCoupegenossen wieder, und\nobgleich man darauf vorbereitet sein musste,\nwirkte das doch ein wenig verstimmend. Denn\ndie Kunst verlangt nun einmal, dass man, um\nsie vollkommen zu geniessen, seine Gedanken\nvöllig auf das dargebotene Werk richtet und\nalle Verbindungen vergisst, die zu dem lauten\nLeben dort draussen führen.\nWenn man den für die Rückfahrt geltenden Teil\nder Sonderzugkarte doch nicht verfallen lassen kann,\nmuss man an keine Verbindungen denken Nur vor\nBeginn der Ouverture, „da man nun schon einmal nicht\ngar zu heilig gestimmt war,\" brauchte es keinem\nzu entgehen,\ndass selbst der Theaterzettel noch eine Hin-\ndeutung auf die Eisenbahn enthielt: die Rolle\ndes Ochs von Lerchau wurde nämlich von\nHerrn Perron gesungen, der sich nach den Regeln\ndes Deutschen Sprachvereins eigentlich Bahn-\nsteig nennen müsste\nUnd die 118 Leitmotive. Nunne, wo bleibt dein\nWitz? Doch als das\nStraussische Tongemälde sich zu entrollen be-\ngann, vergass man bald Sonderzug und Um-\ngebung. Man mühte sich, in diese\nseltsame musikalische Welt ein zu dringen,\nund fühlte rasch, auch wenn man\nsich gar nicht berechtigt und\nimstande glaubte, ein Urteil abzu-\ngeben, dass hier ein grosser Künstler in seiner\nWeise sich äusserte.\nFür den Journalisten äussert sich selbst\nnoch der grosse Künstler in seinem Werke\nAcht Tage nach der „Fahrt der Rosen-\nkavaliere\" vermittelte uns das Rose Quar-\ntett das Auftreten des kleinen Korngold. (Mozart\nrechts, Beethoven links, das Wunderkind in der Mitten.)\nUnd ein verblüffter Johannes D. konnte dem\nTrieb nicht widerstehen, in einem demokratischen Blatt\nauszurufen:\nDass Korngold in dieser Beziehung da\nanfängt, wo Strauss oder Reger aufhören,\nwill mir nicht überraschend erscheinen, viel-\nmehr als ein Zeichen dafür, dass wir es hier\nin späteren Jahren vielleicht mit einem\ngrossen schöpferischen Genie zu tun\nbekommen werden.\nNun wissen wir auch schon, wo Strauss und Reger\naufhören. Aber für den Anfang wollen wir die Drohung;\ndass wir es bald mit einem neuem grossen Genie\nzu tun bekommen werden, nicht zu ernst nehmen,\nund es wird noch ein Weilchen Zeit haben: zum Aus-\nziehen des Jaketts der Notwehr und dem Auf-\nkrempeln der Hemdärmel der Ent-\nschlossenheit.\n\nJoseph Adler\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nELSE LASKER-SCHÜLER\nMeine Wunder / Gedichte\nKarlsruhe / Dreililien -Verlag\nMICHAIL KUSMIN\nTaten des Grossen Alexander\nMünchen / Verlag Hans von Weber\nHEINRICH LAUTENSACK\nDie Pfarrhauskomödie / Carmen\nSacerdotale / Drei Scenen\nBerlin-Wilmersdorf | Verlag A R Meyer\nPAUL SCHEERBART\nIch liebe Dich / Ein Eisenbahnroman\nNa prost! / Ein phantastischer Königsroman\nBerlin | Verlag Schuster und Loeffler\nTaruh, Bagdads berühmte Köchin / Ein\narabischer Kulturroman\nMinden i W | Verlag J. C. C Bruns\nJenseits-Galerie / Ein Moppenwerk\nBerlin | Verlag Oesterheld und Co\nDie grosse Revolution / Ein Mondroman\nLiwüna und Kaidoh / Ein Seelenroman\nLeipzig | Inselverlag\nTHEODOR MOMMSEN\nRömische Geschichte / Vier Bände\nBerlin | Weidmannsche Buchhandlung\nHEINRICH VON KLEIST\nSämtliche Werke und Briefe / Fünf Bände\nSehr schöne Ausgabe ohne „Anmerkungen\"\nLeipzig | Verlag Der Tempel\nSAMUEL LUBLINSKI\nLiteratur und Gesellschaft im neunzehnten\nJahrhundert / Vier Bände\nBerlin | Verlag Siegfried Cronbach\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nV. I.: Oskar Kokoschka\n\noegeniibe, Pichelswerder in Pichelsdorf\nGrundstiicke an der Havel idyllisch gelegen\nneben dem Schlosspark, nahe der Doberitzer Heerstrasse\n(Kaiserdamm), preiswert verkauflich. Naheres durch die\nBodengesellschaft des Westens\n— mit beschrankter Haftung\nBERLIN W 66, MAUERSTRASSE 86—88\n□ Fernsprecher Amt i, Nr. 7497 □\nmm\n\nPotsdamer 112 afA CPo,sdamer\nStrasse 111 VCUt VUllllilClllal Strasselll\nJeden Abend von 9—4 Uhr Nachts:\nGROSSES KONSTLER-KONZERT\n:: Alle bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften ::\n\niOOC\nKAISER-SAAL\nTagiich: Translateur - Konzert\n\nDie Fackel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nNummer 317/318\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfg.\nÜBERALL ERHALTLICH\ngßsaavaasaßßßßßsißaß\nBaaBBBBBaa^BaaBBBBBBai"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "457", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.7", "texte": "u\nssion\nDritte Ausstellung\nSSaSE 58B@S 3§B§ 3S3SS 3S3S 3SBSS 3SSSS\nGalerle IRaximilian !flacl)t\nasagacag asasacac asasag aaeag aagag agagasag acacasac\nBerlin SI. Ranke»Strasse 1\nan der Kaiser Bllll)eim Gedacf>tnls • Klrcbe"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "458", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110401-01.1.8", "texte": "Inseratenannahme: Geschäftsstelle,, Der Sturm\" Hannover, Artilleriestr. 15, für Berlin, Potsdamerstr. 111, sowie sämtl. Annoncen-Expeditionen Druck v. Carl Schüssler-Hannover\n\nA\nvo\nt\nn\nss\nCk\nm\n%T4\n&\nj\ncz\nin\nW£v- o-\nWarnung!\nHohle Zahne sind, wie die mdsten aus Erfahrung wissen,\ncines der unangenehmsten und achmerzhaftesten Uebel,\nunter welchen die Menschheit zu leiden hat. Man hiite\nsich daher dringend vor Vernachlassigung der Zahn-\npflege und gebrauche taglich Kosmitt Mundwasser,\nwelches den denkbar besten Schutz gegen das Hohlwerden\nder Zahne bietet, gleichzeitig das Zahnfleisch kraftigt\nund den gesamten Mundorganismus erfrischt Preis pro\nFlasche, lange ausreichend, Mark 1.50, überall kauflich\nc3£|\nif/\nA\no>.\n&\n\nSammler - Berichte JOTnKal vder\nInternationaleKorrespondenz-Vereinigung\nfiir ideale Korrespondenz, Sammelwesen, Tausch, Verkauf, Geschaft,\nVertretungen und sonstigen Absatz, Erwerb, Auskunft usw.\nMonatliche Gratisgaben in Briefmarken, zuadressierten Post-\nkarten, Biichern usw.\nJahresbeitrag fiir I K V mit „Sammler-Berichte\" nur 4 Mk.\n(5 Franks). 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