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(Siehe Nummer 53, 54,\n55, 56 und 57 dieser Wochenschrift.) Die Paragraphen\nlauten:\n§ 6 Der Bundesrat kann den Verkehr mit Gegen-\nständen, die bei Menschen die Empfängnis verhüten\noder die Schwangerschaft beseitigen sollen, beschränken\noder untersagen.\nSoweit der Bundesrat den Verkehr mit einzelnen\nGegenständen untersagt hat, ist deren Einfuhr ver-\nboten\n§ 8 .... Mit der gleichen Strafe (Gefängn s\nbis zu sechs Monaten und Geldstrafe bis zu 1500 Mark)\nwird, wenn nicht nach anderen gesetzlichen Bestim-\nmungen eine schwerere Strafe verwirkt ist, bestraft\nwer öffentlich anzeigt oder anpreist, Gegenstände oder\nVerfahren, die den Menschen zur Verhütung\nder Empfängnis oder zur Beseitigung der Schwanger-\nschaft dienen würden\n1. Der Zustand, wonach jedem die Verhinderung\nder Konzeption freisteht, ist meines Erachtens beizu-\nbehalten, soweit es sich dabei um das Recht der\nPersönlichkeit über sich selbst handelt, mit welchem\nRecht jedoch die Frage der Freigabe des Verkaufs\noder Feilbietens von Mitteln zur Verhinderung der Be-\nfruchtung keinen notwendigen Zusammenhang hat.\nDas Recht, Gift zu nehmen, und das Recht, Gifte zu\nverkaufen, sind zwei grundsätzlich verschiedene Dinge.\n2. Ich kann in den §§ 6 und 8 des vorgeschlagenen\nKurpfuschergesetzes nichts entdecken, was als Ermächti-\ngung zum Erlass eines Verbots jeder Konzeptions-Ver-\nhütung ausgelegt werden kann, sondern betrachte diese\nAuslegung als unberechtigte Verdächtigung eines in\nseiner Grundidee durchaus zu billigenden Gesetz-\nentwurf.\n3. Im Angesicht der Tatsache, dass die Geburten-\nziffer bei uns zwar langsam, aber stetig zurückgeht\ndass sie von 40,7 Prozent im ersten Jahrzehnt des\nzwanzigsten Jahrhunderts gefallen ist (1908 war die\nZiffer 33 Prozent) halte ich die Frage, ob darauf hin-\nzuwirken sei, dass weniger Kinder geboren werden,\nfür ziemlich gegenstandslos. Auch heisst weniger\nKinder gebären noch nicht schlechthin, lebenskräftigere\nKinder gebären. Oft sind die jüngeren Kinder eines\nElternpaares lebenskräftiger als die erstgeborenen. Die\nFrage der Beschränkung der Kinderzahl ist im wesent-\nlichen unter dem Gesichtspunkt der möglichen Fürsorge\nfür die jeweilig schon geborenen Kinder zu werten.\nDass man keine Kinder zeugen soll, wenn die Konsti-\ntution der Eltern (erbliche Belastung usw.) oder son-\nstige Umstände, die Prognose auf ungesunde Nach-\nkommen stellen, ist selbstverständlich. Im Uebrigen\nist aber der Gesichtspunkt massgebend, ob die Mittel\nvorhanden sind, die erzeugten Kinder genügend zu er-\nnähren und zu pflegen, wobei es für die zu beant-\nwortende Frage prinzipiell gleichwertig ist, ob die All-\ngemeinheit oder die Individuen die Mittel zu liefern\nhaben.\n4) Solange die allgemeine Sterblichkeit stärker ab-\nnimmt, als die Ziffer der Geburten, wie das in Deutsch-\nland in den letzten Jahrzehnten der Fall war, kann\nselbstverständlich Verringerung der Geburten stattfinden,\nohne dass zugleich Abnahme der Bevölkerung erfolgt.\nAber es kann infolge ihrer Verlangsamung des Be-\nvölkerungszuwachses eintreten. Wie stark dies in\nFrankreich der Fall ist, ist bekannt In England sieht\nman mit Angst die Rate des Geburtenüberschusses\nrasch fallen, ebenso haben Belgien, Italien, Schweden,\ndie Schweiz, Spanien einen erheblich geringeren Ge-\nburtenüberschuss als Deutschland. Wenn Deutschland\neine höhere Rate der Säuglingssterblichkeit hat, als\nmit Ausnahme Spaniens alle die genannten Länder, so\nist noch sehr zu untersuchen, ob dies nicht wesent-\nlich dem Umstände zuzuschreiben ist, dass bei grösserem\nKinderreichtum wie er beim Volke in Deutschland vor-\nliegt, den Säuglingen nicht die gleiche Pflege zuteil\nwird, als wie dort, wo in der Familie nur wenige\nKinder geboren werden, bevor man die Folgerung\nzieht, dass Quantität und Qualität des Nachwuchses\nim umgekehrten Verhältnis zu einander stehen. Die\nwenigsten Eltern, welche Mittel zur Verhütung der\nBefruchtung anwende«, tun es, um die Qualität ihres\nNachwuchses zu heben. Im Gegenteil, die meisten\ndavon machen mit der Fortpflanzung Schluss, wenn\nsoviel Kinder da sind, als sie standesgemäss glauben\naufziehen und versorgen zu können, gleichviel ob diese\nKinder gute oder schlechte Rasse sind. Der Neu-\nmalthusianismus unserer Tage hat mit Sorge für die\nQualität der Rasse in neunhundertundneunzig von\ntausend Fällen, nicht das Geringste zu tun."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-08-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-08_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-04-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "460", "page_fin": "461", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.2.5", "titre_corps": "Adonia", "titre_sommaire": "Adonia", "signature_source": "Per Hallström", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "460", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.2", "debut_caractere": 4519, "fin_caractere_exclue": 11641, "texte": "Adonia\nVon Per Hallström\nAbisag von Sunem träumte in König Davids Um-\narmung. Mit offenen Augen träumte sie. Und starrte\nhinaus in die Nacht.\nAn ihrer Brust lag das Haupt Davids und schlief,\ndas schwere weisse Haupt. Sie fühlte den spröden\nBart, den matten Atem des Greises; um ihren Leib\nlag sein Arm, an ihrem Körper sein Körper, an ihrer\nwarmen goldenen Haut seines Blutes Erstarrung.\nSie lag wie auf einem Bett von Kröten und Schlan-\ngen, den widerlichen kalten Tieren des Dunkels, sie\nekelte sich vor sich selbst.\nAber sie riss sich nicht von ihm los. Denn sie\nwar geholt, den König zu erwärmen, dessen Glieder\nzu erstarren begannen. Vor ihm, dessen Augen sich\nniemals mehr ganz öffneten, zu lachen und zu gaukeln,\ndie Frische ihres Blutes wie ein Bad über sein Ver-\nwelken zu ergiessen. Dazu hatte man sie, die schönste\nJungfrau des Landes, ausersehen.\nUnd sie lächelte in Ergebenheit, als man sie von\nSunem fortführte, und sie lächelte und kniete nieder\nvor dem König und wärmte seine Hände mit ihren\nKüssen und tanzte zu seinem Ergötzen.\nIhr Tanz war wie das Beben eines Baumes, wenn\nder heisse Abendwind ihn packt, wenn Blumen und\nKräuter rings umher ihren Duft in Flammen ergiessen\nund die Erde in der Drohung des heranrollenden Don-\nners erzittert In Angst und Freude strecken sich die\nBlätter, doch die Wurzeln klammern sich ans Erdreich,\nund die schwarze Luft funkelt in einem Blitz auf. Es\nwar Weinen in ihrem Tanz und zu Herzen drängendes\nBlut, es war Sehnsucht und Unruhe in den keuchen-\nden Atemzügen und Verzweiflung in ihrer erstarrenden\nRuhe. Die Ringe um ihre Handgelenke klirrten in lang-\nsamen Rhythmus wie die Waffen von Besiegten und\nkreuzten sich kühlend über ihrer Brust Aber die\nAugen richtete sie in Anbetung und Scheu auf ihren\nHerrn.\nDa wollte der König ihre zarten Schultern fühlen\nund ihren Hals streicheln und das Antlitz, das sich\nzum Teppich senkte, und seine steifen Finger glitten\nin Liebkosungen über ihre Wange, während der Blick\nnach einem freundlichen Aufleuchten wieder leer\nwurde und die Lippen sich in sinnlosem Gemurmel\nregten.\nDoch nun träumte Abisag, träumte sich frei, in-\ndes das Dunkel sie umwob und die runde, rote\nFlamme der Lampe wie das ängliche Herz der Nacht\nwar . . .\nAuf einer zackigen Klippe sitzt sie, von Sonne um-\nschlossen, und die rote Fläche des Steines brennt ihren\nArm schon am Morgen. Sie lehnt sich zurück Die\nSonne scheint über ihre Wimpern. Zwei Adler kreisen\nlangsam umeinander, sie leuchten wie Bronze gegen\ndas grelle Blau.\nSie folgt ihnen mit Wohlbehagen, trotzdem ihre\nscharfen ruhigen Augen nach unten gerichtet sind\nSie hat einen Stein ergriffen, um sie zu ver-\nscheuchen, wenn sie nach ihren Schafen lüstern\nwären.\nDa klingt die Luft von Freude, Zuar steht auf einem\nFelsen, ganz nahe:\n„Abisag, Abisag, auf und eile!\"\nSeine Rufe hallen von den Bergen wieder, wie\nhurtige Vögel schwingen sie sich empor.\nUnd Abisag steht auf und eilt, vor sich das Hüp-\nfen der einjährigen Lämmer und den schweren Gang\nder Mütter; in einem Tal tritt Zuar ihr entgegen und\nküsst herabgeneigt ihre Wangen und Schultern und\nhält ihre Hand, während die weissen Herden sich in.\neinander zerstreuen. Seine Kleider riechen nach Thymi*!\nund Ysop und nach der warmen Schweisswolle, sei»\nHaar liegt in schmalen schwarzen Flechten wie dit\nKopffedern eines Geiers, sein Hals leuchtet wie\ner wirft den Nacken zurück und folgt mit dem Blick\ndem Flug der Adler. Seine Worte liebkosen ihr Wangen\nund Ohr wie flattende Tauben.\n„Abisag,\" sagte er, „Abisag, folge mir nach und\nspring\"!\nSie hüpfen von Stein zu Stein und erreichen in\neinem Kreise die höchste Zinne des Felsens, die den\nAdlern am nächsten ist. Zuar löste seinen Gürtel und\nergreift einen Stein und schleudert Sie wissen, dass\ner die fernen starken Tiere nicht erreichen kann, aber\nsie freuen sich an seinem Schwung; jäh steigt der\nStein empor und saust, glänzt in der Sonne und fällt\nDie Adler, die sich beobachtetet wissen, strecken in\nein paar langen Schlägen ihre Flügel und setzen über\neinen anderen Felsen ihr ruhiges Kreisen fort Zuar\nlässt sich nieder und zieht Abisag zu sich hinab und\nlacht und singt; wie weisse Steine im Bach glitzern\nseine Zähne im Lächeln, wie Sonne im Wasser sein«\nAugen. Sie sprechen beide von ihren Schafen, deren\nwollige Rücken unten im Gestrüpp schimmern, sie\nkönnen sie unterscheiden. Sie streiten über die Grösse\nder Lämmer, und Worte fliegen wie Bälle beim Spiel,\nsie leuchten gegeneinander wie Stern gegen Stern.\nZuweilen beugt Zuar sich hinab und küsst Abisags\nKnie.\nOft sprach er von David, dem Hirtenknaben, der\nmit einem einzigen Wurf seines braunen Armes des\nGlückes und der Ehre Frucht herabschleuderte. Das\nwill Zuar auch erreichen und seine Königin soll Abisag\nheissen. Und im Licht des Tages wollen sie Hand\nin Hand gehen, und sein Harnisch soll glänzen, und\ndie Purpurseide Abisags Schritte umschmeicheln und\numkosen, und goldene Münzen sollen um ihre Schläfe\nklirren, und die Luft der Berge ihren Ruhm dahin-\ntragen, und die Adler horchend ihr Haupt wenden.\nSie sind sich den ganzen Tag nahe und helfen\neinander die Herden zu sammeln und treffen sich mit\nStimmen, die von der Jagd nach verlaufenen Lämmern\nkeuchen, und schütteln sich die blassroten Knospen-\nblätter der Bäume und ihren gelben Regen von Sonnen-\nflecken übers Haupt . . .\nSo träumt Abisag aus Sunem in König Davids\nUmarmung und träumte weiter und bebte vor Sehnsucht\nund weinte im Dunkel.\nKönig David träumte nicht, aber oft lag er wach\nund starr, und die Kälte ergriff seine dunkelgeäderten\nHände. Er dachte nicht viel. Wie ein abgenutztes\nGoldgeschmeide lag seine Jugend vor seinem Sinn; er\nkonnte nichts mehr ergreifen, kaum einen unruhigen\nGlanz unterscheiden; es kümmerte ihn wenig, wer nach\nihm König werden sollte.\nAber dort draussen war die Luft schwül von Ge-\nrüchten, Adonia, Haggithis Sohn, trachte nach der\nKrone, sammle Männer in Harnisch um sich, und be-\nunruhige das Volk der Strasse durch seine Pracht,\nSalomo schwieg, aber die Priester sprachen vor ihm\nund neigten sich tief, wo er ging. Jehova schwieg und\nsog den Rauch aus den Opferfeuern beider ein.\nAdonia schmachtete nach der Krone wie ein\nDurstender nach Wasser; er lehnte sich an Joabs\nBrust:\n„Liebster, ich sterbe, wenn ein anderer als ich\nKönig wird.\"\nEr fuhr durch die Stadt so schnell, dass die Kupfer-\nräder seines Wagens gleich rollenden Feuerkugeln\nglänzten, er jagte in Unruhe dahin und trank die\nGlut der Wüste mit bebenden Nüstern, er schlief\nnachts auf den Bergen, deren scharfe Luft ihn leicht\nwieder erwecken liess Er hatte Wachen aus Ghaza\nund Karien mit grinsenden Löwenköpfen auf den Knie-\nschienen und Schilden und langen Lanzen in der\nHand, und sie folgten ihm, wohin er ging. Er hatte\nWeiber mit glimmenden Augen und bernsteingelbem\nHals, aber er fand keine Ruhe bei ihnen. Da ging\ner zu David, um von ihm die Verheissung der Macht\nzu erangen.\nAdonia hatte langes, welliges Haar, glänzend dun-\nkel und schwer wie geschwärztes Silber, es fiel breit\nüber seine Schultern, weil er das Haupt hoch erhoben\nhielt; sein Antlitz bebte, seine Augen hatten des wolken-\nüberstreuten Himmels wechselndes und brennenden"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "461", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6284, "texte": "Licht. Die Jungen liebten ihn, die Alten, die das\nLeben gesehen hatten, schüttelten ihr Haupt, wenn\ner vorübereilte und sahen gedankenvoll zu Boden\nAls er an Davids Bett trat, war Abisag in der\nKammer und-zwei Diener, doch er bemerkte sie nicht,\ngr fiel nieder und drückte seine 2 irn an d e Löwen-\nhaut und presste beide Arme fest auf sein pochendes\nHerz\n„Heil, Israels König!\" rief er. „Mögest xlu lange\nleben und deiner Feinde Kinder ebenso tief vor dir\nsehen, wie ihre Väter vor dir gekrochen sind! Möge\nder Lenz dein Blut erwärmen! Senke deinen Blick\nherab zu deinem Sohne, gib ihm deinen Segen! Des\nmächtigen Gottes Hand ruhte stets auf deiner\nSchulter!\"\n„0, zürne nicht, dass ich davon spreche. Wenn\ndeine Sehnen ihre Stärke eingebüsst haben und das\nVolk weint und sein Haar zerreisst, weil sein Held\ntot ist, was soll ihm da gesagt werden, welches Wort\ndeines Willens? Ich erzittere in Furcht vor dir.\nMein Herz speit Galle gegen die, die du hassest, ich\nleuchte und glühe für die, die du liebst Den Wider-\nhall deines Namens will ich stärken und ihm laut\nausrufen, auf dass er niemals aussterbe. Gib mir\ndeinen Segen!\"\nDer alte König regte seine Hand nicht. Er schien\nkaum zu hören, was gesprochen wurde, denn es war\nkein Verständnis in seinem Blick zu gewahren. Es\nblitzte in Stolz auf bei dem Bilde einer ewig auch\nnach dem Tode lebenden Gewalt, aber er ermattete\nsogleich; er lächelte vor List bei den demütigen Worten\ndes Sohnes, aber bald wurde er wieder schwer und\nkummermüde. Da sah er Adonias Haar, und seine\nAugen weiteten sich und starrten funkelnd. Seine\nLippen bewegten sich in seltsamen, schluckenden Be-\nwegungen und seine Stimme flüsterte heiser , Absalom\".\nEs war nicht Freude darin, nicht Wahn, er wusste,\ndass Absalom tot war und sein Gedanke tastete über\ntote Sorgen. Langsam zog sich sein Antlitz in gelbe\nFalten und Runzeln zusammen; als kämpfte ein\nWeinen gegen die Hüllen langer lastender Jahre an\nund würde darunter erstickt; es war Mitleid in seinem\ntrüben Blick.\nAber Adonia sah nicht auf und sprach weiter:\n„Absaloms Leben ist verflucht. Er erhob sich in\nUngehorsam, seine Freunde waren deine Feinde, aber\nAdonias Lust wird deine Lust sein, seine Stimme wird\ndeine Gedanken sprechen. Seine Seele brennt von\ndeinem Blute.\"\nDavid starrte hinaus. Fort, über ihn weg.\n„Im Königstal\", sagte er, „errichtete er sich ein\nDenkmal aus Stein keine Söhne hinterliess er! Ein-\nsam steht es und hoch, und die Habichte spähen von\ndort nach Raub aus. Ich wollte hin und Absaloms\nStein sehen!\"\nUnd seine Gedanken sanken zurück in tote\nSchmerzen, er hörte wieder die Botschaft von des\nSohnes Fall und sah seinen Körper unter den\nschwarz-grünen Kronen der Eichen hängen. Mehr als\nTränen waren in seinem Blick, mehr als Verzweiflung,\nes waren dunkle Tiefen grausamer Gewissheit und\nmüder Unterwerfung Er sah weit fort, sein Ohr war\nverschlossen von verschwundener Zeiten Wogen.\nAdonia erhob sich in dumpfer Hoffnungslosigkeit\nund Hess die Löwentatze fahren, mit derem Gold er\ner gespielt hatte — jäh vergass er alles\nAbisag war neben ihm, Abisag war über ihm, ihre\nSchönheit nahm ihn gefangen. Sie war hurtig und\nscheu wie Geflatter und Taubenschwingen, ihre Sanft-\nmut schwebte ihm entgegen wie Duft aus einer Blume,\nihre Augen leuchteten.\nIhre schwarzen Augen leuchteten wie glimmendes\nGold, Gold lag auf ihrer Wange, erloschener Gold-\n2lanz in der Last des Haares Ihre Blicke wichen\n▼or den seinen zurück, wandten sich aber nicht ab,\nzogen sich nach innen, zogen seine Seele mit. Sie\ntrug ein purpurviolettes Gewand, Goldschnüre um die\nMitte mit goldenen Knospen geknüpft, in der Form\ngleich geschlossenen Zederzapfen; die Farbe brannte\num sie mit der Glut von Sonnenuntergängen.\nEr wusste, dass sie Abisag war, obgleich er sie\nnie zuvor gesehen hatie, und sein Wille, sie zu be-\nsitzen, loderte plötzlich in Flammen auf. In sein Ver-\nlangen nach Macht kam ein neuer aufreizender Wunsch,\nstärker als der frühere. Durch seine Kraft trug er\nGewissheit in sich. Vor seinen Augen zuckten blut-\nschwarze Blitze, und er wankte, dem Fallen nahe.\nAber er Hess nichts von dem ahnen, was er dachte,\ndenn noch gehörte sie dem König.\nEr beugte sich wieder über die Löwenhaut an\nDavids Lager.\n„Du bestimmst alles\", sagte er, „du kannst deine\nHand ausstrecken und mich gross machen, du kannst\nmich vernichten unter deinem Fuss. Du wolltest nicht\nsprechen, Adonia geht und wartet in Unterwürfigkeit.\nSein Glück ist geborgen in deinen Händen.\"\nDer Greis sah ihm gerade in die Augen, ohne\nStrenge, mit hilflosem Kummer sah er hinein, als\nforschte er in dem Künftigen, als erkannte und be-\nklagte er die Macht des Unausweichlichen.\n„Absalom,\" murmelte er wieder, „Absalom\"!\nUnd Adonia ging mit gesenkten Augenlidern und\nohne sich zu Abisag zu wenden. Doch sein Blick\nbrannte unter den Wimpern, und er atmete bebend die\nLuft der Kammer, um ihren Duft zu ahnen.\nSeither sah er sie immer vor sich. Es flog kein\nSchatten an seinem Auge vorüber, der nicht in violettem\nPurpur glühte, es leuchtete kein Sonnenstrahl, der nicht\nden Glanz ihrer Haut trug. Ueber seinem Lager\nbrannten und lockten ihre Augen, seine Träume wurden\ngestört von dem Suchen nach ihrer Stimme.\nSeine Jagd nach der Krone ward noch heisser als\nfrüher, noch flammender, unruhiger. Seine Freunde\nsagten: „Das Gold, die Macht,\" er selbst sagte: „Die\nMacht und Abisag, das Gold und Abisag, die Sonne\nund Abisag!\nSie war ihm der Wein, der nach einem sonnigen\nFeste wartete, sie war ihm des Lagers Ruhe und der\nTräume Glück, sie war ihm alles. Er ächzte vor\nJammer, nicht zu ihr sprechen zu können, seine Worte\nschössen auf wie üppige Blumentriebe und brannten\nwie Räucherwerk, wenn er vor sich hinflüsterte, seine\nHände spielten mit Geschmeide und Gold. Es erstickte\nihn, nichts offenbaren zu können.\nAber wenn d e Krone sein war und alles, was das\nKönigshaus barg, dann würde Abisag vor ihn hintreten\nwie ein scheues, goldbraunes Reh, und seine Liebe\nwürde Ströme von Gold und schimmernden Gaben über\nsie ausgiessen und zu ihren Füssen flehen.\nAls Adonias Freunde sahen, dass David unschlüssig\nwar, und dass er mehr und mehr erlosch, rieten sie\nAdonia, auszuziehen und an dem Brunnen Rogel auf\ndem Steine Soheleth zu opfern:\n„Nimm die Hauptleute mit dir und deine Brüder,\nnur Salomo nicht, so machen wir dich zum König.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-08-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-08_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-04-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "461", "page_fin": "461", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.2.6", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "461", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.3", "debut_caractere": 6300, "fin_caractere_exclue": 7418, "texte": "Gedichte\nVon Else Lasker-Schüler\n\nNachklänge\n*\nAuf den harten Linien\nMeiner Siege\nLass ich meine späte Liebe tanzen.\nHerzauf, seelehin,\nTanze, tanze meine späte Liebe,\nUnd ich lächle schwervergessene Lieder.\nUnd mein Blut beginnt zu wittern\nSich zu sehnen\nUnd zu flattern.\nSchon vor Sternzeiten\nWünschte ich mir diese blaue,\nHelle, leuchteblaue Liebe\nDeine Augen singen\nSchönheit,\nDuftende ....\nAuf den harten Linien\nMeiner Siege\nLass ich meine späte Liebe tanzen.\nUnd ich schwinge sie —\n„Fangt auf Ihr Rosenhimmel,\nAuf und nieder T\nTanze, tanze meine späte Liebe,\nHerzab, seelehin —\nArglos über stille Tiefen ....\nUeber mein bezwungenes Leben.\n\nMein Volk\nDer Fels wird morsch,\nDem ich entspringe\nUnd meine Gotteslieder singe . . .\nJäh stürz ich vom Weg\nUnd riesle ganz in mir\nFernab, allein über Klagegestein\nDem Meer zu.\nHab mich so abgeströmt\nVon meines Blutes\nMostvergorenheit.\nUnd immer, immer noch der Widerhall\nIn mir,\nWenn schauerlich gen Ost\nDas morsche Felsgebein,\nMein Volk,\nZu Gott schreit.\nAus dem Gedichtband von Else Lasker-Schüler: Meine\nWunder, der soeben im Dreililien-Verlag Karlsruhe erschienen ist"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-08-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-08_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-04-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "461", "page_fin": "461", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Ich will leben —\nleben — nicht bloss will ich ein einfaches mensch-\nliches Genussleben leben. Vergib mir, dass ich doch\nso oft ihm nicht widerstanden habe. Aber — es soB\nanders werden. Erhöre mich noch ein einziges Mal.\nIch werde kämpfen um das grosse Leben und meinem\nVolke das grosse Leben begreiflich machen. Ich werde\nmich bessern. Ich werde stark werden. Vergib mff\nmeine Schwäche. Lass mich nicht versinken. Rette\nmich. Ich will meine Sehnen anspannen. Ich will mir\nSchmerz machen, dass ich nicht versinkeM\nUnd mit gewaltiger Anstrengung kroch er nun auf\nallen Vieren zum nächsten Tisch, auf dem Instrumente\nlagen, und mit einer spitzen Nadelbürste stach er sich\nin den Arm, dass er blutete.\nDa schrak er aber zusammen — der Blutverlust\nkonnte gefährlich werden — er klingelte.\nUnd die Aerzte kamen und verbanden den kranken\nPhilander, sodass der Arm nicht mehr blutete.\nDann aber liess der Kranke sich ein hartes Holz-\nlager machen und lag nun ganz still.\nLXXXI\nDer Kampf\nJetzt jagten sich die Gedanken durch Philanders\nKopf mit grösster Schnelligkeit und wollten immerzu in\nreizende weiche feine Fantasieen hinein — es war so,\nals ob überall kleine feine Engelsköpfchen auftauchten\nund den Philander anlächelten und winkten und fort-\nzuführen suchten in weiche Wolkenbetten, allwo man\nversinken kann.\nAber der Philander zwang andere Bilder hervor\n— schauderhafte — grässliche — blutige — wilde\nRaubtiergestalten, die sich bissen und sich zerrissen.\nUnd immer glühender wurde Philanders Körper, die\nblauen, grünen und roten Körperflecke leuchteten durch\ndie Bettdecke."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "462", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7427, "texte": "Und dann befahl der Kranke, mit Gläsern und\nSchlüsseln zu klappern\nUnd das geschah; es musste aber bald eingestellt\nwerden, da dadurch eine Verwirrung der Gedanken\nherbeigeführt wurde\nWieder machte der Kranke Fäuste aus seinen\nHänden und sah starr geradeaus und begann zu reden:\n„Haltet fest am Leben! Lasst nicht los! Werdet\nhart! Immer härter! Wie Steine müsst ihr werden!\nDer grösste Teil des Sterns Erde besteht auch aus\nSteinen! Die Sterne werden auch hart — und die\nfuhren ein Weltleben — das grösser ist als ein irdisches\nQenussleben!\"\nUnd so sprach er weiter, bis er heiser wurde.\nLXXXII\nDer Sieg\nUnd die Flecke verschwanden nach furchtbaren\ndrei Tagen und drei Nächten.\nUnd als sie ganz fort waren, da schrie der Kaiser\nmit rauher Stimme immerfort:\n„Sieg! Sieg!\"\nUnd dann faltete er die Hände und murmelte:\n„Erhabener, ich danke Dir!\"\nUnd dann verliess er sein hartes Lager und richtete\nsich hoch auf.\nLXXXIII\nDer Doppelgänger\nDer Herr Sebastian hatte in Schiida von der Rück-\nkehr und von der Krankheit Philanders des Siebenten\nnicht eine Silbe gehört; der Herr Sebastian pflegte\nnämlich im goldenen Löwen Wochen hindurch ganz\nzurückgezogen zu leben, und auch kein Zeitungsblatt\nanzusehen.\nSo kam es, dass der Oberbürgermeister in Philanders\nHaar und Bart just an dem Tage über den Marktplatz\nging, als der Kaiser Philander gerade gesund geworden\nwar.\nDie Schildbürger liefen zusammen, betasteten die\nKleider des Herrn Sebastian, fassten sich an den Kopf\nand sahen ihren Oberbürgermeister mit so entsetzten\nAugen an, als wäre er ein Gespenst.\nDem Herrn Sebastian wurde ganz# unheimlich, aber\ner beschloss gleich, nicht aus der Rolle zu fallen, und\nfragte ruhig:\n„Was ist los, hebe Leute?\"\nUnd da hörte er denn, was geschehen war — und\ner musste laut auflachen.\nDann sagte er ruhig:\nEs geschehen heute Zeichen und Wunder. Ihr\nsollt eben grosse Augen machen. Wisst Ihr, was ein\nGeist ist? Wisst Ihr, was ein Doppelgänger ist? Ver-\nsammelt Euch alle hier auf dem Markte und zündet\nFackeln an, wenns dunkel wird. Und wenns dunkel\ngeworden ist, werde ich kommen, und Euch eine Ge-\nschichte erzählen.\nNach diesen Worten ging der Herr Sebastian in\nden goldenen Löwen und schloss sich ein.\nDie Schildbürger taten wie ihnen geheissen ward.\nLXXXIV\nDie Flucht\n„Endlich bin ich erlöst!\" murmelte der Herr\nSebastian.\nUnd dann packte er seine Papiere zusammen und\nund machte ein kleines Paket daraus, zog seine alten\nKleider an, verbrannte im Ofen den weissen Bart und\ndie weissen Haare sehr sorgfältig und stieg, als es\ndunkel geworden war, mit Hilfe einer Strickleiter zum\nFenster hinaus, löste die Strickleiter ab und machte\ndas Fenster wieder so zu, als wärs von innen zugemacht\n— und ging davon — zu der Station, die zwei Meilen\nhinter Schiida lag.\nAls er so durch die Nacht ging und die neuen\nKometen am Himmel sah, wurde er ganz ernst. Dann\naber sagte er:\n„Diese einsame Zeit war mir recht heilsam; ich\nhabe doch viel zu Stande gebracht — sieben neue\nMaschinen!\"\nEr iächelte und ging rüstig weiter.\nDie Schildbürger standen auf ihrem Marktplatze\nund warteten — bei Fackellicht.\nLXXXV\nDer verschwundene Bartmann\nNun wurde festgestellt, dass der Kaiser Philander,\nals er auf dem Markte zu Schiida vor den Schild-\nbürgern erschien, auch in Ulaleipu war und in Gegen-\nwart zweier Aerzte ganz fest schlief, und dabei ganz\nwie ein gesunder schnarchte Und es liess sich somit\nnicht in Abrede stellen, dass der Kaiser in Schiida ein\nDoppelgänger war.\nDiese Doppelgängergeschichte wäre zu anderen\nZeiten niemals so ohne Weiteres geglaubt worden,\naber da sich zur selben Zeit so viele andere wunder-\nbare Erscheinungen zeigten — die Irrlichter, die wachsen-\nden und explodierenden Leichen und die Kometen und\nder bewegliche Meeresrumpf — so nahm man den\nDoppelgänger wie etwas selbstverständliches hin; es\nwurde nicht einmal in einer einzigen Broschüre der\nVersuch gemacht, die Realität des Doppelgängers in\nZweifel zu ziehen\nViel mehr Verwunderung erregte das plötzliche Ver-\nschwinden des Herrn Bartmann, und man fing an,\nden Doppelgänger mit dem Herrn Bartmann in eine\ngewisse Verbindung zu bringen, doch dachte man nicht\nklar darüber, da die explodierenden Leichen allen Ge-\nlehrten einfach den Kopf verwirrten.\nDas der Herr Bartmann nicht aufzufinden war,\nerklärte der Kaiser für ganz unbegreiflich — und er\ntat ganz verzweifelt darüber — und schickte Boten\ndurch das ganze Reich, die den Herrn Bartmann suchen\nsoften.\nAber der Herr Bartmann war und blieb verschwunden,\nund der Kaiser sagte sich im stillen:\n„Dass mir die Komödie so glücken würde, dass\nhätte ich doch nicht gedacht.\"\nUnd er nahm sich fest vor, dem Staatsrate nie\nmehr Vorwürfe über die Maskerade zu machen; der\nweisse Bart und das weisse Haupthaar gestatten doch,\nDinge in Szene zu setzen, die wirksam gemacht werden\nkonnten; die Verschwiegenheit der Hofbeamten erschien\nhierbei auch im allerbesten Lichte.\nUnd nach diesen Erwägungen liess der Kaiser\nseinen Onkel, der Oberpriester Schamawi, und andere\nPriester rufen nnd erklärte ihnen Folgendes:\n„Das dieser Bartmann verschwunden ist, scheint mir\nein grosses Unglück zu sein; er war der Einzige der\nden Kopf oben behielt, als alle in Verwirrung gerieten.\nIch habe genug von dem Herrn und über ihn gelesen,\ndass ich wohl bitten möchte, eine vollständige Samm-\nlung dieser Skripturen zu besitzen. Aber das be-\nkomme ich ja schon. So weit ich nun die Sache\nübersehen kann, hat alles, was er sagte, eigentlich\neinen religiösen Charakter, und deshalb habe ich die\nHerren gebeten, hierherzukommen.\"\nDer Kaiser bot den Priestern gute Zigarren an,\nund man rauchte und plauderte dabei ganz gemütlich\nüber den verschwundenen Hewrn Bartmann. Und alle\nbedauerten lebhaft, dass sie den Herrn nie persönlich\nvor sich gesehen hätten.\nNach einiger Zeit fuhr dann der Kaiser also fort:\n„Fassen wirs kurz so: Herr Bartmann meinte, das\nLeben der gewöhnlichen Menschen bestände nur aus\nArbeiten und Geniessen — das Leben der grösseren\nMenschen müsste hauptsächlich ein Weltlebenmiterleben\nsein. Das ist das, was man vor ein paar tausend\nJahren im wilden Westen ein Leben in Gott nannte.\nWir sind ja nun heute nicht mehr so arrogant, uns\neinem Allwesen nähern zu wollen — aber wenn wir\nvon dem Geiste sprechen, der uns führt, und den wir\nnur des Volkes wegen Volksgeist nennen, so denken\nwir da doch an einen grossen Geist — dem wir ohne\nWeiteres ein Weltlebenmiterleben zugestehen. Und dass\ndieser Geist uns auch so weit haben möchte, wie er\nselbst ist, werden wir ja begreiflich finden. Demnach\nist die Aufgabe, die Menschen zu einem höheren Welt-\nleben hinzulegend wohl die Aufgabe des Priesterstandes \"\nDas wurde nun von den Priestern lebhaft bejaht,\nund der Kaiser bat nun die Priester, im Sinne des\nHerrn Bartmann zu wirken und diesen so zu ersetzen.\nUnd die Priester erklärten, dass die grossen wunder-\nbaren Naturereignisse der letzten Zeit wohl geeignet\nwären, einem religiösen Leben mehr Zugänge zu ver-\nsc haffen als bisher.\nUnd diese ganze Angelegenheit wurde nun bis ins\nKleinste durchgesprochen, und Schamawi drückte den\nKaiser zum Schluss den Dank des Priesterstandes fi*\ndie Förderung der religiösen Interessen in lebhaften\nbewegten Worten aus.\nDer Kaiser konnte sich ganz fest darauf verlassen\ndass alles, was er wünschte, mit peinlicher Genauigkeit\nausgeführt werden würde.\nDer verschwundene Herr Bartmann erhielt somit\nfür Utopia täglich — fast stündlich — eine grössere\nBedeutung.\nDer Kaiser Philander lächelte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-08-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-08_01#c010", "volume": "bmtnabg_1911-04-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "462", "page_fin": "463", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.2.8", "titre_corps": "Versuch einer neuen Metrik", "titre_sommaire": "Versuch einer neuen Metrik", "signature_source": "Max Brod", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "462", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.4", "debut_caractere": 7448, "fin_caractere_exclue": 10455, "texte": "Versuch einer neuen\nMetrik\nVon Max Brod\nEs gilt als sichergestellt, dass deutsche Verse im\nGegensatz zu den antiken, deren Rhythmus auf dem\nWechsel von kurzen und langen Silben beruhte (quan-\ntitativ), lediglich mit Bezug auf den Wechsel von be-\ntonten und unbetonten Silben (akzentuierend) gelesen\nwerden sollen.\nJeder, der sich inniger mit Gedichten beschäftigt\nhat, jeder namentlich, der die Tücken des Rhythmischen\naus eigener Erfahrung kennt, wird mir beistimmen,\nwenn ich dieses Gesetz als durchaus unzulänglich er-\nkläre. Dieses Gesetz, das etwa so formuliert sei: Im\nDeutschen spielt der Wechsel betonter und unbetonter\nSilben dieselbe Rolle wie in den antiken Dichtungen\nder Wechsel langer und kurzer Silben.\nBei näherer Betrachtung erweist sich vielmehr der\nAkzent als ein wesentlich komplexeres Gebilde als die\nLänge oder Kürze einer Silbe.\nAus vielen Gründen, von denen einige angedeutet\nseien. Erstens: Neben dem Akzent spielt im Deut-\nschen auch noch Länge oder Kürze eine bedeutende\nRolle, was die zwar nicht einsehen werden, die nur\ndie Silben zählen, wohl aber jeder, der Lyrik mit\nfeinerem Ohr zu hören versteht. Hat doch schon\nPlaten in, einem seiner satirischen Dramen die Deutschen\nverspottet, die das Wort „Holzklotzpflock\" für einen\nDaktylus halten Nach der strengen akzentuierenden\nMetrik ist es freilich ebensogut ein Daktylus (— ww)\nwie zum Beispiel das Wort „ritterlich\". — Doch hier\neben klingen die vielen Konsonanten, also die Länge\nder Silben, das Quantitative, das angeblich mit unserem\nRhythmus nichts zu tun hat, ganz energisch gegen den\nAkzent an. Sie wirken retardierend. —Es wäre Sache\neiner neuen Metrik, alle retardierenden und beschleu-\nnigenden Momente des Rhythmus zu analysieren. Man\nkäme da gewiss zu seltsamen Resultaten, wie ich ahne,\nman käme vor allem zur Einsicht, dass nicht nur der\nKlang, auch der Sinn der Worte und Sätze entschei-\ndend mitwirkt, dass das Inhaltliche ins Formale gleich-\nsam umkippt Ein schweres Problem! — Als kleinen\nBeitrag zu dieser künftigen Metrik bringe ich die\nBeobachtung, dass Interpunktionen und Sinnpausen\noft die Stelle von Silben vertreten, was man sich durch\nSkandieren einiger Lieder von Goethe leicht klar macht.\n— Ein anderer Einwand gegen die Akzentlehre: dass die\nAkzente untereinander nicht gleich berechtigt sind, dass\nes viele (sicher mindestens vier) Nüancen Betonung\ngibt, während eine Silbe nur entweder lang oder kurz sein\nkann, ohne Zwischenstufen. — Welche Komplikation\nund Mannigfaltigkeit ergibt sich für den Feinhörigen\ndaraus für die deutsche Lyrik.\n*\nMan kann jedoch, wenn man will, von diesem\nHelldunkel unserer Betonungen absehn — und tatsäch-\nlich gibt es eine schöne Strömung unserer Lyrik, die\nnur Hell und nur Dunkel kennt, die antike Regel-\nmässigheit in unsere Verse einzuführen wünscht, die\nden Akzent so einzuführen wünscht, wie die Alten ihre\nLängen.\nIch meine Stefan George und seine Schule.\nMan untersuche eines der Gedichte aus dem „Jahr\nder Seele\". Eine scheinbar vollkommene Gleichmässig'"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "463", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5529, "texte": "keit beherrscht sie. Hebung und Senkung wechseln\nruhig ab, lückenlos. Dieser Fluss, dieser schematische\njambenrhythmus wird nie unterbrochen. Beispielsweise:\nIch schrieb es auf: nicht länger sei verhehlet,\nWas als Gedanken ich nicht mehr verbanne.\nWas ich nicht sage, Du nicht fühlst: uns fehlt\nBis an das Glück noch eine weite Spanne.\nHier scheint das Schema, wie bei einer Horazi-\nschen Ode, rein und fehlerlos durchgeführt. Etwa\ndieses:\nVergleichen wir damit ein Goethesches Gedicht —\n[Ich wähle folgendes:\nProblem\nWarum ist Alles so rätselhaft?\nHier ist das Wollen, hier ist die Kraft;\nDas Wollen will, die Kraft ist bereit\nUnd daneben die schöne lange Zeit\nSo seht doch hin, wo die gute Welt\nZusammenhält!\nSeht hin, wo sie auseinanderfällt I]\n— so stehn wir scheinbar der völligen Anarchie gegen-\nüber, ja es müsste einer, der an der alten rein-akzen-\ntuierenden Metrik festhält, so unartig gebauten Versen\ngegenüber in die ärgste Verlegenheit kommen und sie\nzögernd in folgendes Monstrum etwa schematisieren:\nund so fort, kurz ohne jede Spur eines Gesetzes. —\nSo hilft man sich denn, nennt derartige Verse von\nGoethe Knittelverse oder vergleicht sie mit dem vers\nlibre oder erinnert an das Gesetz der mittelhoch-\ndeutschen Metrik, die nur die Hebungen zählte —\nstellt diesem rohen Unding die glatte ausgeglichene\nModerne entgegen.\nSehr mit Unrecht.'\nIch behaupte, dass die zitierten Verse Goethes\nnach viel strengeren Gesetzen gebaut sind als die von\nGeorge. — Goethe hat intuitiv die komplizierteren\nGesetze der deutschen Sprache erkannt, während\nGeorge eine nur für romanische Sprachen (mit ihren\nprägnanteren Akzenten) passende Schablone an-\nwendet.\nBetrachten wir das Gedicht näher: Gleich in der\nersten Zeile steht ein Daktylus im zweiten Fuss, dem\nim ersten und dritten Fuss nur Trochäen entsprechen.\nAber man sehe einmal von der Silbenzahl ab und\nwäge das Gewicht der Versfüsse. Sofort erscheint\nalles ausgeglichen, denn der Versfuss „rätsei\" verdient\nnatürlich schon infolge der Wichtigkeit des in ihm\nGesagten eine langsamere Aussprache als der Fuss\n„Alles so\", er ist auch durch Konsonantenhäufung und\ndas lange ä gedehnt, er ist eine Art Spondeus, er\nschlägt eben (und darin besteht ein Geheimnis schöner\nVerse) aus dem Gebiet der akzentuierenden in das\nder quantitativen über. Im zweiten Vers finden wir\nein Beispiel der Dehnung durch die Pause bei den\nInterpunktionszeichen und so fort. — Des weitern be-\nachte man, wie regelmässig die Hauptikten verteilt\nsind, wie im ersten Vers die erste und vierte Betonung\nneben den beiden mittleren verschwinden, ähnlich im\nvierten Vers, wie dagegen in den beiden umschlossenen\nVersen (2 und 3) alle vier Ikten etwa den gleichen\nWert haben, wie sich hier zarte Differenzen bilden,\nderen graphische Darstellung eines komplizierten\nSystems bedürfte.\nUm es kurz zu sagen: dadurch dass Goethe in\ndiesen Versen die Silbenzahl ganz vernachlässigt, be-\nfreien sich alle guten Geister der Sprache aus\nihren Fesseln. Jedes Wort kann nur in der ihm\nnatürlich zukommenden Würdigkeit ausgesprochen\nwerden. Der Rhythmus kann dem Wort gleichsam\nnichts helfen. Nur was das Wort vermöge seines\neigentümlichen Klanges und Sinnes in sich hat, kann\nlm Vers zur Geltung kommen. — Es ist also grund-\nfalsch, hier von freien oder prosaisch klingenden\nVersen zu sprechen. Im Gegenteil, diese Verse sind\ngebundener als alle andern Verse, denn sie müssen\nihren Rhythmus nicht einer vorbestimmten Schablone,\nsondern den immanenten Kräften der Sprache ent-\nnehmen.\nKehren wir nun nochmals zur obigen Strophe von\nGeorge zurück. Man kann diese Worte als Jamben\nauffassen Aber nur wenn man sich von vornherein\nvornimmt, dass da Jamben herauskommen müssen 1\nDer aufgezwungene Rhythmus besiegt den Geist der\nSprache, tötet ihn. Denn niemand wird doch leugnen\nwollen, dass die hier vorkommenden Jamben sehr un-\ngleichwertig sind. Dass beispielsweise in der zweiten\nZeile die einsilbigen Worte wie „als\" oder „ich\" oder\n„mehr\" nur widerwillig den Hochton annehmen, dass\nalso diese zweite Zeile eigentlich (trotz der schein-\nbaren Strenge) statt fünf Hebungen nur zwei Hebungen\nhat. Das richtiggestellte Schema hätte zu lauten:\nUnd wie wenig sind hier die Längen neben dem Ak-\nzent beachtet, wie wenig der Rhythmus der Inter-\npunktion. Man sieht, nun hat sich die Georgesche\nStrophe in ein formloses Ungeheuer verwandelt,\nwährend Goethes Metrum seine klaren Gesetze wandelt.\n*\nUm gleich einem Missverständnis die Spitze abzu-\nkneifen : durch das Vorige will ich George nicht ver-\nkleinern. Im Gegenteil, ich liebe und bewundere ihn .. .\nNur die will ich treffen, die seine Verse für\nreiner halten als die Verse von Dauthendey beispiels-\nweise. Diejenigen, die in dem scheinbar exakten\nWechsel von Arsis und Thesis mehr sehn als ein un-\ngefähres Vorbeischaukeln, etwa eine wirkliche Strenge\nund Exaktheit. — Mir selbst gefällt ja das Vorbei-\nschaukeln Georgescher Verse, nur darf man es nicht\nfür einen Parademarsch halten.\nUnd darf daneben die viel exaktere sprachgemässere\nRegelmässigkeit in den scheinbar unregelmässigen Versen\nvon Dauthendey, Mombert, Else Lasker-Schüler nicht\nvergessen. Man wird, wenn man dies einsieht, endlich\nvielleicht auch aufhören, den Rhythmus in meinem\nletzten Buche („Tagebuch in Versen\") pedantisch mit\nZiffern statt mit dem Ohr zu messen und wird sich\nan dem nächstens erscheinenden Versbuch von Franz\nWerfel „Der Weltfreund\", das in dieser Richtung\nweitergeht und mir als eines der schönsten Ereignisse\nlyrischer Welt in unsern Tagen erscheint, mit freudigem\nHerzen laben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-08-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-08_01#c014", "volume": "bmtnabg_1911-04-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "463", "page_fin": "464", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.2.9", "titre_corps": "Die neue Malerei", "titre_sommaire": "Die neue Malerei", "signature_source": "Neue Sezession ; A R. 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Es wäre banal, diesen Verismus Naturabklatsch\nzu nennen und ihn mit der Photographie zu vergleichen.\nAber einmal aufmerksam geworden durch einen auto-\nritativen Satz: „die Natur ist eine Gans, man muss\nerst etwas aus ihr machen\" wird man auch in diesem\nGlaubenssatz des Impressionismus nur eine relative,\nzugespitzte Formulierung ad hoc erkennen, deren All-\ngemeingiltigkeät leicht zu erschüttern ist, wenn man\ndas Verhältnis der Natur zur bildenden Kunst unter-\nsucht Leopold Ziegler hat in einem inhaltsreichen\nAufsatz des Logos die Kluft zwischen beiden mit\nhöchster Schärfe analysiert. Er leugnet jede Wirkungs-\ngemeinschaft im Gefühl oder in der Stimmung. Die\nNatur nehmen wir mit allen unseren Sinnesorganen\nals Zuständlichkeit wahr, der Zusammenklang aller\nSinneswahrnehmungen erweckt die Pan-Stimmung. Oder\nwir legen menschliche Gefühle in sie hinein und sehen\nin ihr ein Gleichnis unserer Seele. „Wegen dieser\nzweifachen Ursache ist die Stimmung sowohl unmale-\nrisch, nämlich dichterisch oder musikalisch, als auch\naussermalerisch, das heisst auf anderen als optischräum-\nlichen Eindrücken beruhend.\" Wir empfinden die Natur\nin ihrem ewigen Wechsel als „Analogie eines Werkes\nder Zeitkünste . . . darum ist man gerade soweit\nBildner, — als man an die Stelle des verharrenden\nZustandes den beharrlichen Gegenstand setzen kann,\nden man künstlich herstellt, da ihn weder Natur noch\nErfahrung darbieten.\" Ebensowenig wie die Gemein-\nschaft der Stimmung könne man die gegenständliche\nUebereinstimmung behaupten. Denn das Werk der bild-\nnerischen Gestaltung entstand aus der Natur durch eine\nAnzahl obstruktiver Tätigkeiten, die den Gegenstand auf\nirgend eine Weise verändern mussten, um aus der Natur\nKunst zu machen\".\nNatürlich kann keine noch so scharfsinnige aesthe-\ntische Formulierung den Wert einer Kunst nichtig\nmachen. Ich richte mich auch nicht gegen die Meister-\nwerke der Impressionisten, die wie jede Kunst jenseits\naller Welturteile stehen, sondern gegen das ästhetische\nDogma. Zwischen Natur und schöpferischer Kraft\nkönnen die vielfältigsten Beziehungen neben der ge-\npredigten sklavischen Anklammerung bestehen. In\nfrüheren Epochen konzipierte man aus dem einzelnen\nGegenstand mit Abstraktion aufs Lineare. Der Im-\npressionismus verzichtete darauf, weil er das Objekt\nin Relation zu Luft und Licht darstellen wollte. Wa-\nrum sollte es nicht auch noch jenseits dieser Möglich-\nkeit neue Formen geben? Bei den Künstlern der\nNeuen Szession ist nun die Empfindung das die\nKonzeption bedingende Element, so dass nicht mehr\ndie Naturnähe sondern der Empfindungsausdruck das\nZiel ihrer Arbeit wird Man denke dabei nicht an das\nSentiment irgend welcher Künstler, das sich gewöhn-\nlich vor der Anschauung einstellt, sie durchkreuzt und\nnicht zur Reife kommen lässt. Erst was die sichtbare\nErscheinungswelt an Empfindungen im Künstler aus-\nlöst, wird in einer farbigen Komposition zu gestalten\ngesucht, so dass die Natur wieder herausspringt, aber\nnicht als Erscheinungswert, als gesteigerte und geklärte\nAnschauung, als eine im Bildausschnitt zufällige Natur-\npsychologie, sondern unter völliger Vernichtung der\nGegenstandsbedeutung als geschlossenes Bild ihres\nWesens, ihres Charakters im Medium dieses Künstlers,\nals konzentrierter, abstrahierter Ausdruck\n„Es gibt zwei Arten, die Dinge auszudrücken\", sagt\nMatisse, „die eine ist, sie brutal zu zeigen, die andere\nsie mit Kunst hervorzurufen. Indem man sich von\nder buchstäblichen Darstellung der Bewegung entfernt,\ngelangt man zu mehr Schönheit und Grösse. . . Es\nist mir nicht möglich, die Natur sklavisch abzubilden;\nich bin gezwungen, sie zu interpretieren und dem Geist\ndes Bildes unterzuordnen. Wenn alle meine Be-\nziehungen der Farbentöne gefunden sind, so muss sich\n.daraus ein lebendiger Akkord von Farben ergeben,\neine Harmonie, analog einer musikalischen Kompo-\nsition\".\nWollte man den künstlerischen Schaffensprozess\nund die Stellung der Natur beider Richtungen in eine\nkurz formulierte, zugespitzte Antithese bringen, so könnte\nman sagen: Bei dem Impressionisten herrscht unper-\nsönliche Hingabe und persönliche Wiedergabe, bei den\njungen Stilisten persönliche Hingabe und unpersönliche\nWiedergabe. Maurice Denis, der nur bedingt,\nunter genügender Abstraktion in diese Gruppe gehört,\nschreibt:\n„Vom Standpunkt der Subjektivität haben wir den\nGedanken: die Natur durch ein Temperament gesehen,\nersetzt durch die Theorie des Aequivalents oder des\nSymbols: wir stellten das Gesetz auf, dass die Em-\npfindungen oder Seelenzustände, die durch einen be-\nstimmten Vorgang hervorgerufen werden, dem Künsler\nZeichen oder plastische Aequivalente vermitteln, durch\ndie er imstande ist, diese Empfindungen oder Seelen-\nzustände zu reproduzieren, ohne dass es notwendig\nsei, eine Kopie des eigentlichen Schauspiels zu geben;\ndass mit jedem Stadium unserer Empfindungen eine\nobjektive Harmonie korrespondieren müsse, die es\nermöglicht, sie zu übersetzen. Die Kunst ist nunmehr\nnicht eine Sensation, die wir mit den Augen in uns\naufnehmen . . ~ nein sie ist die Schöpfung unseres\nGeistes, zu der die Natur nur die zufällige Gelegen-\nheit gegeben hat. Statt mit den Augen zu arbeiten,\nerfassen wir mit dem geheimnisvollen Zentrum des Ge-\ndankens, wie Gauguin sagte . . . und die Kunst wurde\ndie subjektive Umwandlung der Natur.\nVom objektiven Standpunkt aus wurde die deko-\nrative, ästhetische und rationelle Komposition auf\nwelche die Impressionisten nichts geben, weil sie sich\nihrer Vorliebe für die Improvisation entgegenstellte, der\nnotwendige Milderungston für die Theorie der Aequi-\nvalente. Wie diese zugunsten des Ausdruckes alle selbst\nkarikaturalen Uebersetzungen, alle Uebertreibüngen des\nCharakters zuliess, so verpflichtet die objektive Um-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "464", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5417, "texte": "Wandlung den Künstler alles in Schönheit zu trans-\nponieren Kurzum: die ausdrucksvolle Synthese, das\nSymbol einer Sensation musste durch eine eindring-\nliche Umschreibung wieder gegeben werden und zu-\ngleich ein den Augen wohlgefälliges Kunstwerk sein\".\nAus diesen letzten Worten erhellt das Ziel der\nneuen Bewegung: die geschlossene Komposition.\nWährend bei den Impressionisten Bildformat und\nDarstellung in keinem zwingenden, notwendigen Ver-\nhältnis standen, während die Grösse der Fläche eben-\nso unbestimmt war, wie der Inhalt ein beliebiger Aus-\nschnitt aus dem ewigen Fluss der Erscheinungen, taucht\njetzt ein ehernes Gesetz der Fläche auf. Diese Künstler,\ndie durch und für die Wand denken, komponieren auch\nunter dem Zwange der Bildfläche, so dass ein Ver-\ngrössem und Verkleinern unmöglich wird. Man muss\nfür jede Flächengrösse von neuem konzipieren. Neben\ndem Format zwingt die Fläche als solche. Alles Ge-\ngenständliche soll in der Fläche bleiben. Die Raum-\ngestaltung wird ausgeschieden. Die Farben werden auf\nder Fläche flach, eben ausgebreitet und soweit sie Gegen-\nständliches umschreiben, durch eine Kontuiiinie an die\nFläche genagelt. Diese Linie — zuweilen schwarz,\noft als Kontrast im Ton oder in der Farbe — ist ein\nmalerisches Mittel geworden und in der Elastizität und\ndem Gehaltreichtum ein kräftiges Ausdruckszeichen. Sie\nist nicht formbildend, formbezeichnend, sondern form-\numschreibend, Empfindung ausdrückend.\nDie Farbenanschauungen, mit denen diese jungen\nKünstler rechnen, beruhen ganz auf den Errungen-\nschaften ihrer Vorgänger. Da die Naturwiedergabe der\nImpressionisten niemals ein photographischer Ab-\nklatsch der Natur war, sondern künstlerische Psycho-\nlogie der malerischen Werte der Erscheinungen, so\nkamen sie zu einer bis dahin ungeahnten Verfeinerung\nder malerischen Mittel nach der Nuance hin, die für\nimmer ihr Verdienst bleiben wird. Eine Sensibilität\nohnegleichen — „la sensibilite de chacum c' est son\ngenie\" sagt Baudelaire sehr bezeichnend — macht für die\nfeinsten Nuanzierungen aller sinnlichen Erscheinungen em-\npfänglich und zwang die Hand, jede Differenz der Sinnes-\nwahrnehmung wiederzugeben und entpresste dem harten\ntoten Mittel der Farbe auch den Ausdruck für die\nWahrnehmungen anderer Sinnesgebiete. „Malen habe\nder junge Herr wohl nicht gekonnt; aber irgendwie\nrieche man vor ihnen die See; und das verschaffe\nkeins von den richtigen Bildern,\" äusserte ein Kapitän\nüber Whistler. Und dieser Sieg über die Materie\nführte in einen Rausch, man formulierte die Kunst\nindem man die Gesetze der Materie formulierte. Van\nde Velde prägte die Sätze: 1. Jeder Stoff entwickelt\nsich von Stufe zu Stufe dem Leben zu. . . Die .\nerste Spur von Schönheit fällt mit der ersten Spur\nvon Leben im Material zusammen. . . Der Gedanke\nhat nie den Stoff befruchtet, in denen sich Bild,\nStatue oder Dichtung verkörperte. 2. Jeder Stoff ent-\nwickelt sich von Stufe zu Stufe nach seiner unstoff-\nlichsten Erscheinungsform hin.\nDie Richtigkeit dieses zweiten Satzes hob gleich-\nzeitig die Absicht der Künstler auf. Man wollte\n— theoretisch wenigstens — möglichst starke Farben,\nkam aber nur zu einer hellen, blonden Gesamthaltung\ndes Bildes, die den Farben die Schärfe des Lokal-\ntones nahm. Die Farbigkeit hob sich gegenseitig auf.\nDen Gegensatz der Farbenanschauungen der\nJungen zu den Impressionisten könnte man in die\nFormel Fechners fassen: Die Reizunterschiede nehmen\nab umgekehrt proportional den Intensitäten. Indem die\nFarbe dem Ausdruck dienen soll, verwirft man ihre\nKleinteiiigkeit und die optische Mischung. Man bevor-\nzugt — die Materialität der Farbe absichtlich steigernd\n— die dunklen und satten Farben des Spektrums und\nbreitetet sie in grossen Massen aus. Die Impressi-\nonisten betonten die Farbqualitäten und suchten die\nGesetze ihrer Beziehungen wissenschaftlich zu for-\nmulieren. Die Ausbalancierung der Farbmassen konnte\nman einem nicht immer glücklichen Instinkt überlassen,\nweil diese auf ein Minimum im Verhältnis zur Biid-\nfläche zerteilt waren. Die Zusammenziehung der Farb-\nteilchen zu Farbflächen warf zwei neue Probleme auf:\nDas Verhältnis von Form und Farbe und die Aus-\nbalancierung der Farbmassen. Der künstlerische In-\nstinkt, der durch den Neo-Impressionismus in eine\nvielleicht nicht einmal ganze sichere wissenschaftliche\nThese eingeklemmt zu werden drohte, fand in diesen\nQuantitätsrechnungen eine Ausdrucksmöglichkeit der\nindividuellsten und variationsfähigsten Art.\nMan hat Glauben machen wollen, — auch der\nsonst so nüchterne, posenfreie Liebermann in seinem\nphrasenreichen Epilog — die ganze neue Bewegung\nsei nur eine genialische Gebärde von jungen Leuten,\ndie nichts können. Und die Tageskritik hat in einer\nUnverschämtheit, die nur höchster Impotenz eigen ist,\neine erschreckende Verständnislosigkeit offenbart. Man\nist wieder einmal mit allen Formeln der Aesthetik\nbankerott gegangen und erklärt in verblüffend unver-\nschämter Trägheit die jungen Künstler für Idioten.\nVöllig unfähig, Kunstwerke als Ausdruck eines vollen,\nstarken Energiestromes künstlerischer Gestaltungsfähig-\nkeit zu betrachten, verkennt man den Ernst und das\nmühsame und arbeitsreiche Streben der Künstler. Man\nübersieht die ungeheure Breite der Bewegung, die in\nder Literatur seit langem heimisch ist und sich an-\nschickt, das Theater zu erobern. Es handelt sich nicht\num Willkür sondern um Ueberzeugungen: Und in\nihrem Namen wird der Kampf geführt.\n\nA R. 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C. C Bruns\nJenseits-Galerie / Ein Moppenwerk\nBerlin j Verlag Oesterheld und Co\nDie grosse Revolution,/ Ein Mondroman\nLiwüna und Kaidöh / Ein Seelenroman\nLeipzig | Inselverlag\n'\nTHEODOR MOMMSEN\nRömische Geschichte / Vier Bände\nBerlin | Weidmannsche Buchhandlung\nHEINRICH VON KLEIST\nSämtliche Werke und Briefe / Fünf Bände\nSehr schöne Ausgabe ohne „Anmerkungen*\n/ Leipzig [ Verlag Der Tempel\nSAMUEL LUBLINSKI\nLiteratur und Gesellschaft im neunzehnten\nJahrhundert / Vier Bände\nBerlin | Verlag Siegfried Cronbach"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-08-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-08_01#c016", "volume": "bmtnabg_1911-04-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "464", "page_fin": "464", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "464", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.6", "debut_caractere": 6401, "fin_caractere_exclue": 6768, "texte": "Die Aboiinenten unserer Wochenschrift\nwerden hoflichst um Einsendung des falligen Betrages\ngebeten. 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Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. Licht, große,\nhelle dimmer, mitten im Garten gelegen. 20200 Quadrat-\nmeter grosser, herrlicher Park, grosser Obstreichtum,\nLauben, grosser Teich usw. Das ganze Jahr geoffnet.\nDen Besuchern Berlins als herrlicher Aufenthaltsort\nempfohlen. Fern von dem Larm und dem Staub der\nStadt. Bequemste Verbindung mit Berlin durch stiind-\nlichen Bahnortsverkehr. — Lassen Sie sich die Broschiire\n„Leben\" kommen vom Besitzer u. 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Espe-\nranto - Lehrbuch mit Pro-\nspekten und Zeitung „La\nEsperantisto\" verse ndet\ngegen 15 Pf. in Briefmarken\nRed.FritzStephan,Leipzig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-08-01-c031", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-08_01#c031", "volume": "bmtnabg_1911-04-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "466", "page_fin": "466", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "466", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.8", "debut_caractere": 3827, "fin_caractere_exclue": 4060, "texte": "Verlag„Der Sturm\"\nWir iibernahmen in unsern\nVerlag\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFiir Gesang u. 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Friadr. Mester Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngepriifte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fiihrender Stellung) Griind-\nliche Einfuhrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes,\nrationelies Studium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur\nein mehrjahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fiir Anfanger (Damen und Herren) die fiir Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfiihrungs- und\nBilanz-Technik, Biiro-Praxis sich vorbefeiten wollen —\nsowohi fiir junge Leute. die nur cine Volks-, Real- oder ahnliche Schule\nabsolviert haben, wie fiir\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen,\nEinjahrig-Freiwillige, Abiturienten,\nfiir Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch waren und\nden Forderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitern\noder vertiefen wollen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen,National6konom.,\nOffiziere, die fiir Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Gesellschaften sich vorbereiten wollen. Duaer der\nKurse 6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, Johannisplatz 5."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-08-01-c033", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-08_01#c033", "volume": "bmtnabg_1911-04-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "466", "page_fin": "466", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.2.28", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "466", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.8", "debut_caractere": 5362, "fin_caractere_exclue": 5746, "texte": "Preis 1 Mark\nPreis 1 Mark\nMenthol-Malz-Drag£es\nSicheres Mittel gegen akute Katarrhe der Atmungsorgane\nermoglicht Schauspielern und Sangern sofortigen\nGebrauch der erkrankten Organe =\nZAHLREICHE ANERKENNUNGEN |5|\nZu haben in alien Apotheken und Drogerien / Alleinige W\nFabrikantin „PharmaciaH / Fabrik fiir pharmaceutischen mm\nBedarf / Berlin-Halensee\nWohlschmeckend Sicher wirkend Iwl"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-04-08-01-c034", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-04-08_01#c034", "volume": "bmtnabg_1911-04-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "466", "page_fin": "466", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.2.29", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "466", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.8", "debut_caractere": 5748, "fin_caractere_exclue": 6179, "texte": "KOSMIN\nWenn bos von Ifynen btsfyer gebraudyte (Dunbwaffer 311\nift, fo empfel)len wir Il>nen, an beffen stelle emcn\nVerfud) mil Kosraln 311 mad>en. 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Die Paragraphen\nlauten:\n§ 6 Der Bundesrat kann den Verkehr mit Gegen-\nständen, die bei Menschen die Empfängnis verhüten\noder die Schwangerschaft beseitigen sollen, beschränken\noder untersagen.\nSoweit der Bundesrat den Verkehr mit einzelnen\nGegenständen untersagt hat, ist deren Einfuhr ver-\nboten\n§ 8 .... Mit der gleichen Strafe (Gefängn s\nbis zu sechs Monaten und Geldstrafe bis zu 1500 Mark)\nwird, wenn nicht nach anderen gesetzlichen Bestim-\nmungen eine schwerere Strafe verwirkt ist, bestraft\nwer öffentlich anzeigt oder anpreist, Gegenstände oder\nVerfahren, die den Menschen zur Verhütung\nder Empfängnis oder zur Beseitigung der Schwanger-\nschaft dienen würden\n1. Der Zustand, wonach jedem die Verhinderung\nder Konzeption freisteht, ist meines Erachtens beizu-\nbehalten, soweit es sich dabei um das Recht der\nPersönlichkeit über sich selbst handelt, mit welchem\nRecht jedoch die Frage der Freigabe des Verkaufs\noder Feilbietens von Mitteln zur Verhinderung der Be-\nfruchtung keinen notwendigen Zusammenhang hat.\nDas Recht, Gift zu nehmen, und das Recht, Gifte zu\nverkaufen, sind zwei grundsätzlich verschiedene Dinge.\n2. Ich kann in den §§ 6 und 8 des vorgeschlagenen\nKurpfuschergesetzes nichts entdecken, was als Ermächti-\ngung zum Erlass eines Verbots jeder Konzeptions-Ver-\nhütung ausgelegt werden kann, sondern betrachte diese\nAuslegung als unberechtigte Verdächtigung eines in\nseiner Grundidee durchaus zu billigenden Gesetz-\nentwurf.\n3. Im Angesicht der Tatsache, dass die Geburten-\nziffer bei uns zwar langsam, aber stetig zurückgeht\ndass sie von 40,7 Prozent im ersten Jahrzehnt des\nzwanzigsten Jahrhunderts gefallen ist (1908 war die\nZiffer 33 Prozent) halte ich die Frage, ob darauf hin-\nzuwirken sei, dass weniger Kinder geboren werden,\nfür ziemlich gegenstandslos. Auch heisst weniger\nKinder gebären noch nicht schlechthin, lebenskräftigere\nKinder gebären. Oft sind die jüngeren Kinder eines\nElternpaares lebenskräftiger als die erstgeborenen. Die\nFrage der Beschränkung der Kinderzahl ist im wesent-\nlichen unter dem Gesichtspunkt der möglichen Fürsorge\nfür die jeweilig schon geborenen Kinder zu werten.\nDass man keine Kinder zeugen soll, wenn die Konsti-\ntution der Eltern (erbliche Belastung usw.) oder son-\nstige Umstände, die Prognose auf ungesunde Nach-\nkommen stellen, ist selbstverständlich. Im Uebrigen\nist aber der Gesichtspunkt massgebend, ob die Mittel\nvorhanden sind, die erzeugten Kinder genügend zu er-\nnähren und zu pflegen, wobei es für die zu beant-\nwortende Frage prinzipiell gleichwertig ist, ob die All-\ngemeinheit oder die Individuen die Mittel zu liefern\nhaben.\n4) Solange die allgemeine Sterblichkeit stärker ab-\nnimmt, als die Ziffer der Geburten, wie das in Deutsch-\nland in den letzten Jahrzehnten der Fall war, kann\nselbstverständlich Verringerung der Geburten stattfinden,\nohne dass zugleich Abnahme der Bevölkerung erfolgt.\nAber es kann infolge ihrer Verlangsamung des Be-\nvölkerungszuwachses eintreten. Wie stark dies in\nFrankreich der Fall ist, ist bekannt In England sieht\nman mit Angst die Rate des Geburtenüberschusses\nrasch fallen, ebenso haben Belgien, Italien, Schweden,\ndie Schweiz, Spanien einen erheblich geringeren Ge-\nburtenüberschuss als Deutschland. Wenn Deutschland\neine höhere Rate der Säuglingssterblichkeit hat, als\nmit Ausnahme Spaniens alle die genannten Länder, so\nist noch sehr zu untersuchen, ob dies nicht wesent-\nlich dem Umstände zuzuschreiben ist, dass bei grösserem\nKinderreichtum wie er beim Volke in Deutschland vor-\nliegt, den Säuglingen nicht die gleiche Pflege zuteil\nwird, als wie dort, wo in der Familie nur wenige\nKinder geboren werden, bevor man die Folgerung\nzieht, dass Quantität und Qualität des Nachwuchses\nim umgekehrten Verhältnis zu einander stehen. Die\nwenigsten Eltern, welche Mittel zur Verhütung der\nBefruchtung anwende«, tun es, um die Qualität ihres\nNachwuchses zu heben. Im Gegenteil, die meisten\ndavon machen mit der Fortpflanzung Schluss, wenn\nsoviel Kinder da sind, als sie standesgemäss glauben\naufziehen und versorgen zu können, gleichviel ob diese\nKinder gute oder schlechte Rasse sind. Der Neu-\nmalthusianismus unserer Tage hat mit Sorge für die\nQualität der Rasse in neunhundertundneunzig von\ntausend Fällen, nicht das Geringste zu tun.\n\nAdonia\nVon Per Hallström\nAbisag von Sunem träumte in König Davids Um-\narmung. Mit offenen Augen träumte sie. Und starrte\nhinaus in die Nacht.\nAn ihrer Brust lag das Haupt Davids und schlief,\ndas schwere weisse Haupt. Sie fühlte den spröden\nBart, den matten Atem des Greises; um ihren Leib\nlag sein Arm, an ihrem Körper sein Körper, an ihrer\nwarmen goldenen Haut seines Blutes Erstarrung.\nSie lag wie auf einem Bett von Kröten und Schlan-\ngen, den widerlichen kalten Tieren des Dunkels, sie\nekelte sich vor sich selbst.\nAber sie riss sich nicht von ihm los. Denn sie\nwar geholt, den König zu erwärmen, dessen Glieder\nzu erstarren begannen. Vor ihm, dessen Augen sich\nniemals mehr ganz öffneten, zu lachen und zu gaukeln,\ndie Frische ihres Blutes wie ein Bad über sein Ver-\nwelken zu ergiessen. Dazu hatte man sie, die schönste\nJungfrau des Landes, ausersehen.\nUnd sie lächelte in Ergebenheit, als man sie von\nSunem fortführte, und sie lächelte und kniete nieder\nvor dem König und wärmte seine Hände mit ihren\nKüssen und tanzte zu seinem Ergötzen.\nIhr Tanz war wie das Beben eines Baumes, wenn\nder heisse Abendwind ihn packt, wenn Blumen und\nKräuter rings umher ihren Duft in Flammen ergiessen\nund die Erde in der Drohung des heranrollenden Don-\nners erzittert In Angst und Freude strecken sich die\nBlätter, doch die Wurzeln klammern sich ans Erdreich,\nund die schwarze Luft funkelt in einem Blitz auf. Es\nwar Weinen in ihrem Tanz und zu Herzen drängendes\nBlut, es war Sehnsucht und Unruhe in den keuchen-\nden Atemzügen und Verzweiflung in ihrer erstarrenden\nRuhe. Die Ringe um ihre Handgelenke klirrten in lang-\nsamen Rhythmus wie die Waffen von Besiegten und\nkreuzten sich kühlend über ihrer Brust Aber die\nAugen richtete sie in Anbetung und Scheu auf ihren\nHerrn.\nDa wollte der König ihre zarten Schultern fühlen\nund ihren Hals streicheln und das Antlitz, das sich\nzum Teppich senkte, und seine steifen Finger glitten\nin Liebkosungen über ihre Wange, während der Blick\nnach einem freundlichen Aufleuchten wieder leer\nwurde und die Lippen sich in sinnlosem Gemurmel\nregten.\nDoch nun träumte Abisag, träumte sich frei, in-\ndes das Dunkel sie umwob und die runde, rote\nFlamme der Lampe wie das ängliche Herz der Nacht\nwar . . .\nAuf einer zackigen Klippe sitzt sie, von Sonne um-\nschlossen, und die rote Fläche des Steines brennt ihren\nArm schon am Morgen. Sie lehnt sich zurück Die\nSonne scheint über ihre Wimpern. Zwei Adler kreisen\nlangsam umeinander, sie leuchten wie Bronze gegen\ndas grelle Blau.\nSie folgt ihnen mit Wohlbehagen, trotzdem ihre\nscharfen ruhigen Augen nach unten gerichtet sind\nSie hat einen Stein ergriffen, um sie zu ver-\nscheuchen, wenn sie nach ihren Schafen lüstern\nwären.\nDa klingt die Luft von Freude, Zuar steht auf einem\nFelsen, ganz nahe:\n„Abisag, Abisag, auf und eile!\"\nSeine Rufe hallen von den Bergen wieder, wie\nhurtige Vögel schwingen sie sich empor.\nUnd Abisag steht auf und eilt, vor sich das Hüp-\nfen der einjährigen Lämmer und den schweren Gang\nder Mütter; in einem Tal tritt Zuar ihr entgegen und\nküsst herabgeneigt ihre Wangen und Schultern und\nhält ihre Hand, während die weissen Herden sich in.\neinander zerstreuen. Seine Kleider riechen nach Thymi*!\nund Ysop und nach der warmen Schweisswolle, sei»\nHaar liegt in schmalen schwarzen Flechten wie dit\nKopffedern eines Geiers, sein Hals leuchtet wie\ner wirft den Nacken zurück und folgt mit dem Blick\ndem Flug der Adler. Seine Worte liebkosen ihr Wangen\nund Ohr wie flattende Tauben.\n„Abisag,\" sagte er, „Abisag, folge mir nach und\nspring\"!\nSie hüpfen von Stein zu Stein und erreichen in\neinem Kreise die höchste Zinne des Felsens, die den\nAdlern am nächsten ist. Zuar löste seinen Gürtel und\nergreift einen Stein und schleudert Sie wissen, dass\ner die fernen starken Tiere nicht erreichen kann, aber\nsie freuen sich an seinem Schwung; jäh steigt der\nStein empor und saust, glänzt in der Sonne und fällt\nDie Adler, die sich beobachtetet wissen, strecken in\nein paar langen Schlägen ihre Flügel und setzen über\neinen anderen Felsen ihr ruhiges Kreisen fort Zuar\nlässt sich nieder und zieht Abisag zu sich hinab und\nlacht und singt; wie weisse Steine im Bach glitzern\nseine Zähne im Lächeln, wie Sonne im Wasser sein«\nAugen. Sie sprechen beide von ihren Schafen, deren\nwollige Rücken unten im Gestrüpp schimmern, sie\nkönnen sie unterscheiden. Sie streiten über die Grösse\nder Lämmer, und Worte fliegen wie Bälle beim Spiel,\nsie leuchten gegeneinander wie Stern gegen Stern.\nZuweilen beugt Zuar sich hinab und küsst Abisags\nKnie.\nOft sprach er von David, dem Hirtenknaben, der\nmit einem einzigen Wurf seines braunen Armes des\nGlückes und der Ehre Frucht herabschleuderte. Das\nwill Zuar auch erreichen und seine Königin soll Abisag\nheissen. Und im Licht des Tages wollen sie Hand\nin Hand gehen, und sein Harnisch soll glänzen, und\ndie Purpurseide Abisags Schritte umschmeicheln und\numkosen, und goldene Münzen sollen um ihre Schläfe\nklirren, und die Luft der Berge ihren Ruhm dahin-\ntragen, und die Adler horchend ihr Haupt wenden.\nSie sind sich den ganzen Tag nahe und helfen\neinander die Herden zu sammeln und treffen sich mit\nStimmen, die von der Jagd nach verlaufenen Lämmern\nkeuchen, und schütteln sich die blassroten Knospen-\nblätter der Bäume und ihren gelben Regen von Sonnen-\nflecken übers Haupt . . .\nSo träumt Abisag aus Sunem in König Davids\nUmarmung und träumte weiter und bebte vor Sehnsucht\nund weinte im Dunkel.\nKönig David träumte nicht, aber oft lag er wach\nund starr, und die Kälte ergriff seine dunkelgeäderten\nHände. Er dachte nicht viel. Wie ein abgenutztes\nGoldgeschmeide lag seine Jugend vor seinem Sinn; er\nkonnte nichts mehr ergreifen, kaum einen unruhigen\nGlanz unterscheiden; es kümmerte ihn wenig, wer nach\nihm König werden sollte.\nAber dort draussen war die Luft schwül von Ge-\nrüchten, Adonia, Haggithis Sohn, trachte nach der\nKrone, sammle Männer in Harnisch um sich, und be-\nunruhige das Volk der Strasse durch seine Pracht,\nSalomo schwieg, aber die Priester sprachen vor ihm\nund neigten sich tief, wo er ging. Jehova schwieg und\nsog den Rauch aus den Opferfeuern beider ein.\nAdonia schmachtete nach der Krone wie ein\nDurstender nach Wasser; er lehnte sich an Joabs\nBrust:\n„Liebster, ich sterbe, wenn ein anderer als ich\nKönig wird.\"\nEr fuhr durch die Stadt so schnell, dass die Kupfer-\nräder seines Wagens gleich rollenden Feuerkugeln\nglänzten, er jagte in Unruhe dahin und trank die\nGlut der Wüste mit bebenden Nüstern, er schlief\nnachts auf den Bergen, deren scharfe Luft ihn leicht\nwieder erwecken liess Er hatte Wachen aus Ghaza\nund Karien mit grinsenden Löwenköpfen auf den Knie-\nschienen und Schilden und langen Lanzen in der\nHand, und sie folgten ihm, wohin er ging. Er hatte\nWeiber mit glimmenden Augen und bernsteingelbem\nHals, aber er fand keine Ruhe bei ihnen. Da ging\ner zu David, um von ihm die Verheissung der Macht\nzu erangen.\nAdonia hatte langes, welliges Haar, glänzend dun-\nkel und schwer wie geschwärztes Silber, es fiel breit\nüber seine Schultern, weil er das Haupt hoch erhoben\nhielt; sein Antlitz bebte, seine Augen hatten des wolken-\nüberstreuten Himmels wechselndes und brennenden"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "461", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.3", "texte": "Licht. Die Jungen liebten ihn, die Alten, die das\nLeben gesehen hatten, schüttelten ihr Haupt, wenn\ner vorübereilte und sahen gedankenvoll zu Boden\nAls er an Davids Bett trat, war Abisag in der\nKammer und-zwei Diener, doch er bemerkte sie nicht,\ngr fiel nieder und drückte seine 2 irn an d e Löwen-\nhaut und presste beide Arme fest auf sein pochendes\nHerz\n„Heil, Israels König!\" rief er. „Mögest xlu lange\nleben und deiner Feinde Kinder ebenso tief vor dir\nsehen, wie ihre Väter vor dir gekrochen sind! Möge\nder Lenz dein Blut erwärmen! Senke deinen Blick\nherab zu deinem Sohne, gib ihm deinen Segen! Des\nmächtigen Gottes Hand ruhte stets auf deiner\nSchulter!\"\n„0, zürne nicht, dass ich davon spreche. Wenn\ndeine Sehnen ihre Stärke eingebüsst haben und das\nVolk weint und sein Haar zerreisst, weil sein Held\ntot ist, was soll ihm da gesagt werden, welches Wort\ndeines Willens? Ich erzittere in Furcht vor dir.\nMein Herz speit Galle gegen die, die du hassest, ich\nleuchte und glühe für die, die du liebst Den Wider-\nhall deines Namens will ich stärken und ihm laut\nausrufen, auf dass er niemals aussterbe. Gib mir\ndeinen Segen!\"\nDer alte König regte seine Hand nicht. Er schien\nkaum zu hören, was gesprochen wurde, denn es war\nkein Verständnis in seinem Blick zu gewahren. Es\nblitzte in Stolz auf bei dem Bilde einer ewig auch\nnach dem Tode lebenden Gewalt, aber er ermattete\nsogleich; er lächelte vor List bei den demütigen Worten\ndes Sohnes, aber bald wurde er wieder schwer und\nkummermüde. Da sah er Adonias Haar, und seine\nAugen weiteten sich und starrten funkelnd. Seine\nLippen bewegten sich in seltsamen, schluckenden Be-\nwegungen und seine Stimme flüsterte heiser , Absalom\".\nEs war nicht Freude darin, nicht Wahn, er wusste,\ndass Absalom tot war und sein Gedanke tastete über\ntote Sorgen. Langsam zog sich sein Antlitz in gelbe\nFalten und Runzeln zusammen; als kämpfte ein\nWeinen gegen die Hüllen langer lastender Jahre an\nund würde darunter erstickt; es war Mitleid in seinem\ntrüben Blick.\nAber Adonia sah nicht auf und sprach weiter:\n„Absaloms Leben ist verflucht. Er erhob sich in\nUngehorsam, seine Freunde waren deine Feinde, aber\nAdonias Lust wird deine Lust sein, seine Stimme wird\ndeine Gedanken sprechen. Seine Seele brennt von\ndeinem Blute.\"\nDavid starrte hinaus. Fort, über ihn weg.\n„Im Königstal\", sagte er, „errichtete er sich ein\nDenkmal aus Stein keine Söhne hinterliess er! Ein-\nsam steht es und hoch, und die Habichte spähen von\ndort nach Raub aus. Ich wollte hin und Absaloms\nStein sehen!\"\nUnd seine Gedanken sanken zurück in tote\nSchmerzen, er hörte wieder die Botschaft von des\nSohnes Fall und sah seinen Körper unter den\nschwarz-grünen Kronen der Eichen hängen. Mehr als\nTränen waren in seinem Blick, mehr als Verzweiflung,\nes waren dunkle Tiefen grausamer Gewissheit und\nmüder Unterwerfung Er sah weit fort, sein Ohr war\nverschlossen von verschwundener Zeiten Wogen.\nAdonia erhob sich in dumpfer Hoffnungslosigkeit\nund Hess die Löwentatze fahren, mit derem Gold er\ner gespielt hatte — jäh vergass er alles\nAbisag war neben ihm, Abisag war über ihm, ihre\nSchönheit nahm ihn gefangen. Sie war hurtig und\nscheu wie Geflatter und Taubenschwingen, ihre Sanft-\nmut schwebte ihm entgegen wie Duft aus einer Blume,\nihre Augen leuchteten.\nIhre schwarzen Augen leuchteten wie glimmendes\nGold, Gold lag auf ihrer Wange, erloschener Gold-\n2lanz in der Last des Haares Ihre Blicke wichen\n▼or den seinen zurück, wandten sich aber nicht ab,\nzogen sich nach innen, zogen seine Seele mit. Sie\ntrug ein purpurviolettes Gewand, Goldschnüre um die\nMitte mit goldenen Knospen geknüpft, in der Form\ngleich geschlossenen Zederzapfen; die Farbe brannte\num sie mit der Glut von Sonnenuntergängen.\nEr wusste, dass sie Abisag war, obgleich er sie\nnie zuvor gesehen hatie, und sein Wille, sie zu be-\nsitzen, loderte plötzlich in Flammen auf. In sein Ver-\nlangen nach Macht kam ein neuer aufreizender Wunsch,\nstärker als der frühere. Durch seine Kraft trug er\nGewissheit in sich. Vor seinen Augen zuckten blut-\nschwarze Blitze, und er wankte, dem Fallen nahe.\nAber er Hess nichts von dem ahnen, was er dachte,\ndenn noch gehörte sie dem König.\nEr beugte sich wieder über die Löwenhaut an\nDavids Lager.\n„Du bestimmst alles\", sagte er, „du kannst deine\nHand ausstrecken und mich gross machen, du kannst\nmich vernichten unter deinem Fuss. Du wolltest nicht\nsprechen, Adonia geht und wartet in Unterwürfigkeit.\nSein Glück ist geborgen in deinen Händen.\"\nDer Greis sah ihm gerade in die Augen, ohne\nStrenge, mit hilflosem Kummer sah er hinein, als\nforschte er in dem Künftigen, als erkannte und be-\nklagte er die Macht des Unausweichlichen.\n„Absalom,\" murmelte er wieder, „Absalom\"!\nUnd Adonia ging mit gesenkten Augenlidern und\nohne sich zu Abisag zu wenden. Doch sein Blick\nbrannte unter den Wimpern, und er atmete bebend die\nLuft der Kammer, um ihren Duft zu ahnen.\nSeither sah er sie immer vor sich. Es flog kein\nSchatten an seinem Auge vorüber, der nicht in violettem\nPurpur glühte, es leuchtete kein Sonnenstrahl, der nicht\nden Glanz ihrer Haut trug. Ueber seinem Lager\nbrannten und lockten ihre Augen, seine Träume wurden\ngestört von dem Suchen nach ihrer Stimme.\nSeine Jagd nach der Krone ward noch heisser als\nfrüher, noch flammender, unruhiger. Seine Freunde\nsagten: „Das Gold, die Macht,\" er selbst sagte: „Die\nMacht und Abisag, das Gold und Abisag, die Sonne\nund Abisag!\nSie war ihm der Wein, der nach einem sonnigen\nFeste wartete, sie war ihm des Lagers Ruhe und der\nTräume Glück, sie war ihm alles. Er ächzte vor\nJammer, nicht zu ihr sprechen zu können, seine Worte\nschössen auf wie üppige Blumentriebe und brannten\nwie Räucherwerk, wenn er vor sich hinflüsterte, seine\nHände spielten mit Geschmeide und Gold. Es erstickte\nihn, nichts offenbaren zu können.\nAber wenn d e Krone sein war und alles, was das\nKönigshaus barg, dann würde Abisag vor ihn hintreten\nwie ein scheues, goldbraunes Reh, und seine Liebe\nwürde Ströme von Gold und schimmernden Gaben über\nsie ausgiessen und zu ihren Füssen flehen.\nAls Adonias Freunde sahen, dass David unschlüssig\nwar, und dass er mehr und mehr erlosch, rieten sie\nAdonia, auszuziehen und an dem Brunnen Rogel auf\ndem Steine Soheleth zu opfern:\n„Nimm die Hauptleute mit dir und deine Brüder,\nnur Salomo nicht, so machen wir dich zum König.\"\n\nScMhss folgt\n\nGedichte\nVon Else Lasker-Schüler\n\nNachklänge\n*\nAuf den harten Linien\nMeiner Siege\nLass ich meine späte Liebe tanzen.\nHerzauf, seelehin,\nTanze, tanze meine späte Liebe,\nUnd ich lächle schwervergessene Lieder.\nUnd mein Blut beginnt zu wittern\nSich zu sehnen\nUnd zu flattern.\nSchon vor Sternzeiten\nWünschte ich mir diese blaue,\nHelle, leuchteblaue Liebe\nDeine Augen singen\nSchönheit,\nDuftende ....\nAuf den harten Linien\nMeiner Siege\nLass ich meine späte Liebe tanzen.\nUnd ich schwinge sie —\n„Fangt auf Ihr Rosenhimmel,\nAuf und nieder T\nTanze, tanze meine späte Liebe,\nHerzab, seelehin —\nArglos über stille Tiefen ....\nUeber mein bezwungenes Leben.\n\nMein Volk\nDer Fels wird morsch,\nDem ich entspringe\nUnd meine Gotteslieder singe . . .\nJäh stürz ich vom Weg\nUnd riesle ganz in mir\nFernab, allein über Klagegestein\nDem Meer zu.\nHab mich so abgeströmt\nVon meines Blutes\nMostvergorenheit.\nUnd immer, immer noch der Widerhall\nIn mir,\nWenn schauerlich gen Ost\nDas morsche Felsgebein,\nMein Volk,\nZu Gott schreit.\nAus dem Gedichtband von Else Lasker-Schüler: Meine\nWunder, der soeben im Dreililien-Verlag Karlsruhe erschienen ist\n\nDer Kaiser von Utopia\nEin Volksroman\nVon Paul Scheerbart\nLXXX\nDas Gebet\nWie alle draussen waren, wollte Philander alle»\naufstehen, und dabei fiel er lang auf den Teppich hin\nund blieb liegen.\nDa faltete er die Hände zusammen und sprack\nleise und schnell:\n„Erhabener Geist, der Du uns alle führst und de»\nwir keinen Namen geben wollen, erhöre mich — ver-\nnichte nicht mein irdisches Leben. Ich will leben —\nleben — nicht bloss will ich ein einfaches mensch-\nliches Genussleben leben. Vergib mir, dass ich doch\nso oft ihm nicht widerstanden habe. Aber — es soB\nanders werden. Erhöre mich noch ein einziges Mal.\nIch werde kämpfen um das grosse Leben und meinem\nVolke das grosse Leben begreiflich machen. Ich werde\nmich bessern. Ich werde stark werden. Vergib mff\nmeine Schwäche. Lass mich nicht versinken. Rette\nmich. Ich will meine Sehnen anspannen. Ich will mir\nSchmerz machen, dass ich nicht versinkeM\nUnd mit gewaltiger Anstrengung kroch er nun auf\nallen Vieren zum nächsten Tisch, auf dem Instrumente\nlagen, und mit einer spitzen Nadelbürste stach er sich\nin den Arm, dass er blutete.\nDa schrak er aber zusammen — der Blutverlust\nkonnte gefährlich werden — er klingelte.\nUnd die Aerzte kamen und verbanden den kranken\nPhilander, sodass der Arm nicht mehr blutete.\nDann aber liess der Kranke sich ein hartes Holz-\nlager machen und lag nun ganz still.\nLXXXI\nDer Kampf\nJetzt jagten sich die Gedanken durch Philanders\nKopf mit grösster Schnelligkeit und wollten immerzu in\nreizende weiche feine Fantasieen hinein — es war so,\nals ob überall kleine feine Engelsköpfchen auftauchten\nund den Philander anlächelten und winkten und fort-\nzuführen suchten in weiche Wolkenbetten, allwo man\nversinken kann.\nAber der Philander zwang andere Bilder hervor\n— schauderhafte — grässliche — blutige — wilde\nRaubtiergestalten, die sich bissen und sich zerrissen.\nUnd immer glühender wurde Philanders Körper, die\nblauen, grünen und roten Körperflecke leuchteten durch\ndie Bettdecke."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "462", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.4", "texte": "Und dann befahl der Kranke, mit Gläsern und\nSchlüsseln zu klappern\nUnd das geschah; es musste aber bald eingestellt\nwerden, da dadurch eine Verwirrung der Gedanken\nherbeigeführt wurde\nWieder machte der Kranke Fäuste aus seinen\nHänden und sah starr geradeaus und begann zu reden:\n„Haltet fest am Leben! Lasst nicht los! Werdet\nhart! Immer härter! Wie Steine müsst ihr werden!\nDer grösste Teil des Sterns Erde besteht auch aus\nSteinen! Die Sterne werden auch hart — und die\nfuhren ein Weltleben — das grösser ist als ein irdisches\nQenussleben!\"\nUnd so sprach er weiter, bis er heiser wurde.\nLXXXII\nDer Sieg\nUnd die Flecke verschwanden nach furchtbaren\ndrei Tagen und drei Nächten.\nUnd als sie ganz fort waren, da schrie der Kaiser\nmit rauher Stimme immerfort:\n„Sieg! Sieg!\"\nUnd dann faltete er die Hände und murmelte:\n„Erhabener, ich danke Dir!\"\nUnd dann verliess er sein hartes Lager und richtete\nsich hoch auf.\nLXXXIII\nDer Doppelgänger\nDer Herr Sebastian hatte in Schiida von der Rück-\nkehr und von der Krankheit Philanders des Siebenten\nnicht eine Silbe gehört; der Herr Sebastian pflegte\nnämlich im goldenen Löwen Wochen hindurch ganz\nzurückgezogen zu leben, und auch kein Zeitungsblatt\nanzusehen.\nSo kam es, dass der Oberbürgermeister in Philanders\nHaar und Bart just an dem Tage über den Marktplatz\nging, als der Kaiser Philander gerade gesund geworden\nwar.\nDie Schildbürger liefen zusammen, betasteten die\nKleider des Herrn Sebastian, fassten sich an den Kopf\nand sahen ihren Oberbürgermeister mit so entsetzten\nAugen an, als wäre er ein Gespenst.\nDem Herrn Sebastian wurde ganz# unheimlich, aber\ner beschloss gleich, nicht aus der Rolle zu fallen, und\nfragte ruhig:\n„Was ist los, hebe Leute?\"\nUnd da hörte er denn, was geschehen war — und\ner musste laut auflachen.\nDann sagte er ruhig:\nEs geschehen heute Zeichen und Wunder. Ihr\nsollt eben grosse Augen machen. Wisst Ihr, was ein\nGeist ist? Wisst Ihr, was ein Doppelgänger ist? Ver-\nsammelt Euch alle hier auf dem Markte und zündet\nFackeln an, wenns dunkel wird. Und wenns dunkel\ngeworden ist, werde ich kommen, und Euch eine Ge-\nschichte erzählen.\nNach diesen Worten ging der Herr Sebastian in\nden goldenen Löwen und schloss sich ein.\nDie Schildbürger taten wie ihnen geheissen ward.\nLXXXIV\nDie Flucht\n„Endlich bin ich erlöst!\" murmelte der Herr\nSebastian.\nUnd dann packte er seine Papiere zusammen und\nund machte ein kleines Paket daraus, zog seine alten\nKleider an, verbrannte im Ofen den weissen Bart und\ndie weissen Haare sehr sorgfältig und stieg, als es\ndunkel geworden war, mit Hilfe einer Strickleiter zum\nFenster hinaus, löste die Strickleiter ab und machte\ndas Fenster wieder so zu, als wärs von innen zugemacht\n— und ging davon — zu der Station, die zwei Meilen\nhinter Schiida lag.\nAls er so durch die Nacht ging und die neuen\nKometen am Himmel sah, wurde er ganz ernst. Dann\naber sagte er:\n„Diese einsame Zeit war mir recht heilsam; ich\nhabe doch viel zu Stande gebracht — sieben neue\nMaschinen!\"\nEr iächelte und ging rüstig weiter.\nDie Schildbürger standen auf ihrem Marktplatze\nund warteten — bei Fackellicht.\nLXXXV\nDer verschwundene Bartmann\nNun wurde festgestellt, dass der Kaiser Philander,\nals er auf dem Markte zu Schiida vor den Schild-\nbürgern erschien, auch in Ulaleipu war und in Gegen-\nwart zweier Aerzte ganz fest schlief, und dabei ganz\nwie ein gesunder schnarchte Und es liess sich somit\nnicht in Abrede stellen, dass der Kaiser in Schiida ein\nDoppelgänger war.\nDiese Doppelgängergeschichte wäre zu anderen\nZeiten niemals so ohne Weiteres geglaubt worden,\naber da sich zur selben Zeit so viele andere wunder-\nbare Erscheinungen zeigten — die Irrlichter, die wachsen-\nden und explodierenden Leichen und die Kometen und\nder bewegliche Meeresrumpf — so nahm man den\nDoppelgänger wie etwas selbstverständliches hin; es\nwurde nicht einmal in einer einzigen Broschüre der\nVersuch gemacht, die Realität des Doppelgängers in\nZweifel zu ziehen\nViel mehr Verwunderung erregte das plötzliche Ver-\nschwinden des Herrn Bartmann, und man fing an,\nden Doppelgänger mit dem Herrn Bartmann in eine\ngewisse Verbindung zu bringen, doch dachte man nicht\nklar darüber, da die explodierenden Leichen allen Ge-\nlehrten einfach den Kopf verwirrten.\nDas der Herr Bartmann nicht aufzufinden war,\nerklärte der Kaiser für ganz unbegreiflich — und er\ntat ganz verzweifelt darüber — und schickte Boten\ndurch das ganze Reich, die den Herrn Bartmann suchen\nsoften.\nAber der Herr Bartmann war und blieb verschwunden,\nund der Kaiser sagte sich im stillen:\n„Dass mir die Komödie so glücken würde, dass\nhätte ich doch nicht gedacht.\"\nUnd er nahm sich fest vor, dem Staatsrate nie\nmehr Vorwürfe über die Maskerade zu machen; der\nweisse Bart und das weisse Haupthaar gestatten doch,\nDinge in Szene zu setzen, die wirksam gemacht werden\nkonnten; die Verschwiegenheit der Hofbeamten erschien\nhierbei auch im allerbesten Lichte.\nUnd nach diesen Erwägungen liess der Kaiser\nseinen Onkel, der Oberpriester Schamawi, und andere\nPriester rufen nnd erklärte ihnen Folgendes:\n„Das dieser Bartmann verschwunden ist, scheint mir\nein grosses Unglück zu sein; er war der Einzige der\nden Kopf oben behielt, als alle in Verwirrung gerieten.\nIch habe genug von dem Herrn und über ihn gelesen,\ndass ich wohl bitten möchte, eine vollständige Samm-\nlung dieser Skripturen zu besitzen. Aber das be-\nkomme ich ja schon. So weit ich nun die Sache\nübersehen kann, hat alles, was er sagte, eigentlich\neinen religiösen Charakter, und deshalb habe ich die\nHerren gebeten, hierherzukommen.\"\nDer Kaiser bot den Priestern gute Zigarren an,\nund man rauchte und plauderte dabei ganz gemütlich\nüber den verschwundenen Hewrn Bartmann. Und alle\nbedauerten lebhaft, dass sie den Herrn nie persönlich\nvor sich gesehen hätten.\nNach einiger Zeit fuhr dann der Kaiser also fort:\n„Fassen wirs kurz so: Herr Bartmann meinte, das\nLeben der gewöhnlichen Menschen bestände nur aus\nArbeiten und Geniessen — das Leben der grösseren\nMenschen müsste hauptsächlich ein Weltlebenmiterleben\nsein. Das ist das, was man vor ein paar tausend\nJahren im wilden Westen ein Leben in Gott nannte.\nWir sind ja nun heute nicht mehr so arrogant, uns\neinem Allwesen nähern zu wollen — aber wenn wir\nvon dem Geiste sprechen, der uns führt, und den wir\nnur des Volkes wegen Volksgeist nennen, so denken\nwir da doch an einen grossen Geist — dem wir ohne\nWeiteres ein Weltlebenmiterleben zugestehen. Und dass\ndieser Geist uns auch so weit haben möchte, wie er\nselbst ist, werden wir ja begreiflich finden. Demnach\nist die Aufgabe, die Menschen zu einem höheren Welt-\nleben hinzulegend wohl die Aufgabe des Priesterstandes \"\nDas wurde nun von den Priestern lebhaft bejaht,\nund der Kaiser bat nun die Priester, im Sinne des\nHerrn Bartmann zu wirken und diesen so zu ersetzen.\nUnd die Priester erklärten, dass die grossen wunder-\nbaren Naturereignisse der letzten Zeit wohl geeignet\nwären, einem religiösen Leben mehr Zugänge zu ver-\nsc haffen als bisher.\nUnd diese ganze Angelegenheit wurde nun bis ins\nKleinste durchgesprochen, und Schamawi drückte den\nKaiser zum Schluss den Dank des Priesterstandes fi*\ndie Förderung der religiösen Interessen in lebhaften\nbewegten Worten aus.\nDer Kaiser konnte sich ganz fest darauf verlassen\ndass alles, was er wünschte, mit peinlicher Genauigkeit\nausgeführt werden würde.\nDer verschwundene Herr Bartmann erhielt somit\nfür Utopia täglich — fast stündlich — eine grössere\nBedeutung.\nDer Kaiser Philander lächelte.\n\nFortsetzung folgt\n\nVersuch einer neuen\nMetrik\nVon Max Brod\nEs gilt als sichergestellt, dass deutsche Verse im\nGegensatz zu den antiken, deren Rhythmus auf dem\nWechsel von kurzen und langen Silben beruhte (quan-\ntitativ), lediglich mit Bezug auf den Wechsel von be-\ntonten und unbetonten Silben (akzentuierend) gelesen\nwerden sollen.\nJeder, der sich inniger mit Gedichten beschäftigt\nhat, jeder namentlich, der die Tücken des Rhythmischen\naus eigener Erfahrung kennt, wird mir beistimmen,\nwenn ich dieses Gesetz als durchaus unzulänglich er-\nkläre. Dieses Gesetz, das etwa so formuliert sei: Im\nDeutschen spielt der Wechsel betonter und unbetonter\nSilben dieselbe Rolle wie in den antiken Dichtungen\nder Wechsel langer und kurzer Silben.\nBei näherer Betrachtung erweist sich vielmehr der\nAkzent als ein wesentlich komplexeres Gebilde als die\nLänge oder Kürze einer Silbe.\nAus vielen Gründen, von denen einige angedeutet\nseien. Erstens: Neben dem Akzent spielt im Deut-\nschen auch noch Länge oder Kürze eine bedeutende\nRolle, was die zwar nicht einsehen werden, die nur\ndie Silben zählen, wohl aber jeder, der Lyrik mit\nfeinerem Ohr zu hören versteht. Hat doch schon\nPlaten in, einem seiner satirischen Dramen die Deutschen\nverspottet, die das Wort „Holzklotzpflock\" für einen\nDaktylus halten Nach der strengen akzentuierenden\nMetrik ist es freilich ebensogut ein Daktylus (— ww)\nwie zum Beispiel das Wort „ritterlich\". — Doch hier\neben klingen die vielen Konsonanten, also die Länge\nder Silben, das Quantitative, das angeblich mit unserem\nRhythmus nichts zu tun hat, ganz energisch gegen den\nAkzent an. Sie wirken retardierend. —Es wäre Sache\neiner neuen Metrik, alle retardierenden und beschleu-\nnigenden Momente des Rhythmus zu analysieren. Man\nkäme da gewiss zu seltsamen Resultaten, wie ich ahne,\nman käme vor allem zur Einsicht, dass nicht nur der\nKlang, auch der Sinn der Worte und Sätze entschei-\ndend mitwirkt, dass das Inhaltliche ins Formale gleich-\nsam umkippt Ein schweres Problem! — Als kleinen\nBeitrag zu dieser künftigen Metrik bringe ich die\nBeobachtung, dass Interpunktionen und Sinnpausen\noft die Stelle von Silben vertreten, was man sich durch\nSkandieren einiger Lieder von Goethe leicht klar macht.\n— Ein anderer Einwand gegen die Akzentlehre: dass die\nAkzente untereinander nicht gleich berechtigt sind, dass\nes viele (sicher mindestens vier) Nüancen Betonung\ngibt, während eine Silbe nur entweder lang oder kurz sein\nkann, ohne Zwischenstufen. — Welche Komplikation\nund Mannigfaltigkeit ergibt sich für den Feinhörigen\ndaraus für die deutsche Lyrik.\n*\nMan kann jedoch, wenn man will, von diesem\nHelldunkel unserer Betonungen absehn — und tatsäch-\nlich gibt es eine schöne Strömung unserer Lyrik, die\nnur Hell und nur Dunkel kennt, die antike Regel-\nmässigheit in unsere Verse einzuführen wünscht, die\nden Akzent so einzuführen wünscht, wie die Alten ihre\nLängen.\nIch meine Stefan George und seine Schule.\nMan untersuche eines der Gedichte aus dem „Jahr\nder Seele\". Eine scheinbar vollkommene Gleichmässig'"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "463", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.5", "texte": "keit beherrscht sie. Hebung und Senkung wechseln\nruhig ab, lückenlos. Dieser Fluss, dieser schematische\njambenrhythmus wird nie unterbrochen. Beispielsweise:\nIch schrieb es auf: nicht länger sei verhehlet,\nWas als Gedanken ich nicht mehr verbanne.\nWas ich nicht sage, Du nicht fühlst: uns fehlt\nBis an das Glück noch eine weite Spanne.\nHier scheint das Schema, wie bei einer Horazi-\nschen Ode, rein und fehlerlos durchgeführt. Etwa\ndieses:\nVergleichen wir damit ein Goethesches Gedicht —\n[Ich wähle folgendes:\nProblem\nWarum ist Alles so rätselhaft?\nHier ist das Wollen, hier ist die Kraft;\nDas Wollen will, die Kraft ist bereit\nUnd daneben die schöne lange Zeit\nSo seht doch hin, wo die gute Welt\nZusammenhält!\nSeht hin, wo sie auseinanderfällt I]\n— so stehn wir scheinbar der völligen Anarchie gegen-\nüber, ja es müsste einer, der an der alten rein-akzen-\ntuierenden Metrik festhält, so unartig gebauten Versen\ngegenüber in die ärgste Verlegenheit kommen und sie\nzögernd in folgendes Monstrum etwa schematisieren:\nund so fort, kurz ohne jede Spur eines Gesetzes. —\nSo hilft man sich denn, nennt derartige Verse von\nGoethe Knittelverse oder vergleicht sie mit dem vers\nlibre oder erinnert an das Gesetz der mittelhoch-\ndeutschen Metrik, die nur die Hebungen zählte —\nstellt diesem rohen Unding die glatte ausgeglichene\nModerne entgegen.\nSehr mit Unrecht.'\nIch behaupte, dass die zitierten Verse Goethes\nnach viel strengeren Gesetzen gebaut sind als die von\nGeorge. — Goethe hat intuitiv die komplizierteren\nGesetze der deutschen Sprache erkannt, während\nGeorge eine nur für romanische Sprachen (mit ihren\nprägnanteren Akzenten) passende Schablone an-\nwendet.\nBetrachten wir das Gedicht näher: Gleich in der\nersten Zeile steht ein Daktylus im zweiten Fuss, dem\nim ersten und dritten Fuss nur Trochäen entsprechen.\nAber man sehe einmal von der Silbenzahl ab und\nwäge das Gewicht der Versfüsse. Sofort erscheint\nalles ausgeglichen, denn der Versfuss „rätsei\" verdient\nnatürlich schon infolge der Wichtigkeit des in ihm\nGesagten eine langsamere Aussprache als der Fuss\n„Alles so\", er ist auch durch Konsonantenhäufung und\ndas lange ä gedehnt, er ist eine Art Spondeus, er\nschlägt eben (und darin besteht ein Geheimnis schöner\nVerse) aus dem Gebiet der akzentuierenden in das\nder quantitativen über. Im zweiten Vers finden wir\nein Beispiel der Dehnung durch die Pause bei den\nInterpunktionszeichen und so fort. — Des weitern be-\nachte man, wie regelmässig die Hauptikten verteilt\nsind, wie im ersten Vers die erste und vierte Betonung\nneben den beiden mittleren verschwinden, ähnlich im\nvierten Vers, wie dagegen in den beiden umschlossenen\nVersen (2 und 3) alle vier Ikten etwa den gleichen\nWert haben, wie sich hier zarte Differenzen bilden,\nderen graphische Darstellung eines komplizierten\nSystems bedürfte.\nUm es kurz zu sagen: dadurch dass Goethe in\ndiesen Versen die Silbenzahl ganz vernachlässigt, be-\nfreien sich alle guten Geister der Sprache aus\nihren Fesseln. Jedes Wort kann nur in der ihm\nnatürlich zukommenden Würdigkeit ausgesprochen\nwerden. Der Rhythmus kann dem Wort gleichsam\nnichts helfen. Nur was das Wort vermöge seines\neigentümlichen Klanges und Sinnes in sich hat, kann\nlm Vers zur Geltung kommen. — Es ist also grund-\nfalsch, hier von freien oder prosaisch klingenden\nVersen zu sprechen. Im Gegenteil, diese Verse sind\ngebundener als alle andern Verse, denn sie müssen\nihren Rhythmus nicht einer vorbestimmten Schablone,\nsondern den immanenten Kräften der Sprache ent-\nnehmen.\nKehren wir nun nochmals zur obigen Strophe von\nGeorge zurück. Man kann diese Worte als Jamben\nauffassen Aber nur wenn man sich von vornherein\nvornimmt, dass da Jamben herauskommen müssen 1\nDer aufgezwungene Rhythmus besiegt den Geist der\nSprache, tötet ihn. Denn niemand wird doch leugnen\nwollen, dass die hier vorkommenden Jamben sehr un-\ngleichwertig sind. Dass beispielsweise in der zweiten\nZeile die einsilbigen Worte wie „als\" oder „ich\" oder\n„mehr\" nur widerwillig den Hochton annehmen, dass\nalso diese zweite Zeile eigentlich (trotz der schein-\nbaren Strenge) statt fünf Hebungen nur zwei Hebungen\nhat. Das richtiggestellte Schema hätte zu lauten:\nUnd wie wenig sind hier die Längen neben dem Ak-\nzent beachtet, wie wenig der Rhythmus der Inter-\npunktion. Man sieht, nun hat sich die Georgesche\nStrophe in ein formloses Ungeheuer verwandelt,\nwährend Goethes Metrum seine klaren Gesetze wandelt.\n*\nUm gleich einem Missverständnis die Spitze abzu-\nkneifen : durch das Vorige will ich George nicht ver-\nkleinern. Im Gegenteil, ich liebe und bewundere ihn .. .\nNur die will ich treffen, die seine Verse für\nreiner halten als die Verse von Dauthendey beispiels-\nweise. Diejenigen, die in dem scheinbar exakten\nWechsel von Arsis und Thesis mehr sehn als ein un-\ngefähres Vorbeischaukeln, etwa eine wirkliche Strenge\nund Exaktheit. — Mir selbst gefällt ja das Vorbei-\nschaukeln Georgescher Verse, nur darf man es nicht\nfür einen Parademarsch halten.\nUnd darf daneben die viel exaktere sprachgemässere\nRegelmässigkeit in den scheinbar unregelmässigen Versen\nvon Dauthendey, Mombert, Else Lasker-Schüler nicht\nvergessen. Man wird, wenn man dies einsieht, endlich\nvielleicht auch aufhören, den Rhythmus in meinem\nletzten Buche („Tagebuch in Versen\") pedantisch mit\nZiffern statt mit dem Ohr zu messen und wird sich\nan dem nächstens erscheinenden Versbuch von Franz\nWerfel „Der Weltfreund\", das in dieser Richtung\nweitergeht und mir als eines der schönsten Ereignisse\nlyrischer Welt in unsern Tagen erscheint, mit freudigem\nHerzen laben.\n\nDie neue Malerei\nNeue Sezession\n\nDie Stärke des Impressionismus hing nicht nur\naufs engste mit dem Motiv der Landschaft zusammen,\nsondern seine Aesthetik betonte immer wieder, dass\nseine Wurzeln im Gegensatz zu allen Konventionen\nin dem unmittelbaren Verhältnis zur Natur lägen, in\nseiner Naturnähe; und dem Eindruck der Natur nahe\nzu kommen, ist die Aufgabe und das Ziel dieser\nMalerei. Die Natur war unmittelbare Kunst, sobald\nman sie unter Abstraktion auf die malerischen Mittel\ndarstellte. Hatte man einmal das Motiv gefunden, so\nbeschränkte sich die Geistestätigkeit auf eine Kompo-\nsition der Farben. Alles andere überliess man dem\nZufall. Es wäre banal, diesen Verismus Naturabklatsch\nzu nennen und ihn mit der Photographie zu vergleichen.\nAber einmal aufmerksam geworden durch einen auto-\nritativen Satz: „die Natur ist eine Gans, man muss\nerst etwas aus ihr machen\" wird man auch in diesem\nGlaubenssatz des Impressionismus nur eine relative,\nzugespitzte Formulierung ad hoc erkennen, deren All-\ngemeingiltigkeät leicht zu erschüttern ist, wenn man\ndas Verhältnis der Natur zur bildenden Kunst unter-\nsucht Leopold Ziegler hat in einem inhaltsreichen\nAufsatz des Logos die Kluft zwischen beiden mit\nhöchster Schärfe analysiert. Er leugnet jede Wirkungs-\ngemeinschaft im Gefühl oder in der Stimmung. Die\nNatur nehmen wir mit allen unseren Sinnesorganen\nals Zuständlichkeit wahr, der Zusammenklang aller\nSinneswahrnehmungen erweckt die Pan-Stimmung. Oder\nwir legen menschliche Gefühle in sie hinein und sehen\nin ihr ein Gleichnis unserer Seele. „Wegen dieser\nzweifachen Ursache ist die Stimmung sowohl unmale-\nrisch, nämlich dichterisch oder musikalisch, als auch\naussermalerisch, das heisst auf anderen als optischräum-\nlichen Eindrücken beruhend.\" Wir empfinden die Natur\nin ihrem ewigen Wechsel als „Analogie eines Werkes\nder Zeitkünste . . . darum ist man gerade soweit\nBildner, — als man an die Stelle des verharrenden\nZustandes den beharrlichen Gegenstand setzen kann,\nden man künstlich herstellt, da ihn weder Natur noch\nErfahrung darbieten.\" Ebensowenig wie die Gemein-\nschaft der Stimmung könne man die gegenständliche\nUebereinstimmung behaupten. Denn das Werk der bild-\nnerischen Gestaltung entstand aus der Natur durch eine\nAnzahl obstruktiver Tätigkeiten, die den Gegenstand auf\nirgend eine Weise verändern mussten, um aus der Natur\nKunst zu machen\".\nNatürlich kann keine noch so scharfsinnige aesthe-\ntische Formulierung den Wert einer Kunst nichtig\nmachen. Ich richte mich auch nicht gegen die Meister-\nwerke der Impressionisten, die wie jede Kunst jenseits\naller Welturteile stehen, sondern gegen das ästhetische\nDogma. Zwischen Natur und schöpferischer Kraft\nkönnen die vielfältigsten Beziehungen neben der ge-\npredigten sklavischen Anklammerung bestehen. In\nfrüheren Epochen konzipierte man aus dem einzelnen\nGegenstand mit Abstraktion aufs Lineare. Der Im-\npressionismus verzichtete darauf, weil er das Objekt\nin Relation zu Luft und Licht darstellen wollte. Wa-\nrum sollte es nicht auch noch jenseits dieser Möglich-\nkeit neue Formen geben? Bei den Künstlern der\nNeuen Szession ist nun die Empfindung das die\nKonzeption bedingende Element, so dass nicht mehr\ndie Naturnähe sondern der Empfindungsausdruck das\nZiel ihrer Arbeit wird Man denke dabei nicht an das\nSentiment irgend welcher Künstler, das sich gewöhn-\nlich vor der Anschauung einstellt, sie durchkreuzt und\nnicht zur Reife kommen lässt. Erst was die sichtbare\nErscheinungswelt an Empfindungen im Künstler aus-\nlöst, wird in einer farbigen Komposition zu gestalten\ngesucht, so dass die Natur wieder herausspringt, aber\nnicht als Erscheinungswert, als gesteigerte und geklärte\nAnschauung, als eine im Bildausschnitt zufällige Natur-\npsychologie, sondern unter völliger Vernichtung der\nGegenstandsbedeutung als geschlossenes Bild ihres\nWesens, ihres Charakters im Medium dieses Künstlers,\nals konzentrierter, abstrahierter Ausdruck\n„Es gibt zwei Arten, die Dinge auszudrücken\", sagt\nMatisse, „die eine ist, sie brutal zu zeigen, die andere\nsie mit Kunst hervorzurufen. Indem man sich von\nder buchstäblichen Darstellung der Bewegung entfernt,\ngelangt man zu mehr Schönheit und Grösse. . . Es\nist mir nicht möglich, die Natur sklavisch abzubilden;\nich bin gezwungen, sie zu interpretieren und dem Geist\ndes Bildes unterzuordnen. Wenn alle meine Be-\nziehungen der Farbentöne gefunden sind, so muss sich\n.daraus ein lebendiger Akkord von Farben ergeben,\neine Harmonie, analog einer musikalischen Kompo-\nsition\".\nWollte man den künstlerischen Schaffensprozess\nund die Stellung der Natur beider Richtungen in eine\nkurz formulierte, zugespitzte Antithese bringen, so könnte\nman sagen: Bei dem Impressionisten herrscht unper-\nsönliche Hingabe und persönliche Wiedergabe, bei den\njungen Stilisten persönliche Hingabe und unpersönliche\nWiedergabe. Maurice Denis, der nur bedingt,\nunter genügender Abstraktion in diese Gruppe gehört,\nschreibt:\n„Vom Standpunkt der Subjektivität haben wir den\nGedanken: die Natur durch ein Temperament gesehen,\nersetzt durch die Theorie des Aequivalents oder des\nSymbols: wir stellten das Gesetz auf, dass die Em-\npfindungen oder Seelenzustände, die durch einen be-\nstimmten Vorgang hervorgerufen werden, dem Künsler\nZeichen oder plastische Aequivalente vermitteln, durch\ndie er imstande ist, diese Empfindungen oder Seelen-\nzustände zu reproduzieren, ohne dass es notwendig\nsei, eine Kopie des eigentlichen Schauspiels zu geben;\ndass mit jedem Stadium unserer Empfindungen eine\nobjektive Harmonie korrespondieren müsse, die es\nermöglicht, sie zu übersetzen. Die Kunst ist nunmehr\nnicht eine Sensation, die wir mit den Augen in uns\naufnehmen . . ~ nein sie ist die Schöpfung unseres\nGeistes, zu der die Natur nur die zufällige Gelegen-\nheit gegeben hat. Statt mit den Augen zu arbeiten,\nerfassen wir mit dem geheimnisvollen Zentrum des Ge-\ndankens, wie Gauguin sagte . . . und die Kunst wurde\ndie subjektive Umwandlung der Natur.\nVom objektiven Standpunkt aus wurde die deko-\nrative, ästhetische und rationelle Komposition auf\nwelche die Impressionisten nichts geben, weil sie sich\nihrer Vorliebe für die Improvisation entgegenstellte, der\nnotwendige Milderungston für die Theorie der Aequi-\nvalente. Wie diese zugunsten des Ausdruckes alle selbst\nkarikaturalen Uebersetzungen, alle Uebertreibüngen des\nCharakters zuliess, so verpflichtet die objektive Um-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "464", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.6", "texte": "Wandlung den Künstler alles in Schönheit zu trans-\nponieren Kurzum: die ausdrucksvolle Synthese, das\nSymbol einer Sensation musste durch eine eindring-\nliche Umschreibung wieder gegeben werden und zu-\ngleich ein den Augen wohlgefälliges Kunstwerk sein\".\nAus diesen letzten Worten erhellt das Ziel der\nneuen Bewegung: die geschlossene Komposition.\nWährend bei den Impressionisten Bildformat und\nDarstellung in keinem zwingenden, notwendigen Ver-\nhältnis standen, während die Grösse der Fläche eben-\nso unbestimmt war, wie der Inhalt ein beliebiger Aus-\nschnitt aus dem ewigen Fluss der Erscheinungen, taucht\njetzt ein ehernes Gesetz der Fläche auf. Diese Künstler,\ndie durch und für die Wand denken, komponieren auch\nunter dem Zwange der Bildfläche, so dass ein Ver-\ngrössem und Verkleinern unmöglich wird. Man muss\nfür jede Flächengrösse von neuem konzipieren. Neben\ndem Format zwingt die Fläche als solche. Alles Ge-\ngenständliche soll in der Fläche bleiben. Die Raum-\ngestaltung wird ausgeschieden. Die Farben werden auf\nder Fläche flach, eben ausgebreitet und soweit sie Gegen-\nständliches umschreiben, durch eine Kontuiiinie an die\nFläche genagelt. Diese Linie — zuweilen schwarz,\noft als Kontrast im Ton oder in der Farbe — ist ein\nmalerisches Mittel geworden und in der Elastizität und\ndem Gehaltreichtum ein kräftiges Ausdruckszeichen. Sie\nist nicht formbildend, formbezeichnend, sondern form-\numschreibend, Empfindung ausdrückend.\nDie Farbenanschauungen, mit denen diese jungen\nKünstler rechnen, beruhen ganz auf den Errungen-\nschaften ihrer Vorgänger. Da die Naturwiedergabe der\nImpressionisten niemals ein photographischer Ab-\nklatsch der Natur war, sondern künstlerische Psycho-\nlogie der malerischen Werte der Erscheinungen, so\nkamen sie zu einer bis dahin ungeahnten Verfeinerung\nder malerischen Mittel nach der Nuance hin, die für\nimmer ihr Verdienst bleiben wird. Eine Sensibilität\nohnegleichen — „la sensibilite de chacum c' est son\ngenie\" sagt Baudelaire sehr bezeichnend — macht für die\nfeinsten Nuanzierungen aller sinnlichen Erscheinungen em-\npfänglich und zwang die Hand, jede Differenz der Sinnes-\nwahrnehmung wiederzugeben und entpresste dem harten\ntoten Mittel der Farbe auch den Ausdruck für die\nWahrnehmungen anderer Sinnesgebiete. „Malen habe\nder junge Herr wohl nicht gekonnt; aber irgendwie\nrieche man vor ihnen die See; und das verschaffe\nkeins von den richtigen Bildern,\" äusserte ein Kapitän\nüber Whistler. Und dieser Sieg über die Materie\nführte in einen Rausch, man formulierte die Kunst\nindem man die Gesetze der Materie formulierte. Van\nde Velde prägte die Sätze: 1. Jeder Stoff entwickelt\nsich von Stufe zu Stufe dem Leben zu. . . Die .\nerste Spur von Schönheit fällt mit der ersten Spur\nvon Leben im Material zusammen. . . Der Gedanke\nhat nie den Stoff befruchtet, in denen sich Bild,\nStatue oder Dichtung verkörperte. 2. Jeder Stoff ent-\nwickelt sich von Stufe zu Stufe nach seiner unstoff-\nlichsten Erscheinungsform hin.\nDie Richtigkeit dieses zweiten Satzes hob gleich-\nzeitig die Absicht der Künstler auf. Man wollte\n— theoretisch wenigstens — möglichst starke Farben,\nkam aber nur zu einer hellen, blonden Gesamthaltung\ndes Bildes, die den Farben die Schärfe des Lokal-\ntones nahm. Die Farbigkeit hob sich gegenseitig auf.\nDen Gegensatz der Farbenanschauungen der\nJungen zu den Impressionisten könnte man in die\nFormel Fechners fassen: Die Reizunterschiede nehmen\nab umgekehrt proportional den Intensitäten. Indem die\nFarbe dem Ausdruck dienen soll, verwirft man ihre\nKleinteiiigkeit und die optische Mischung. Man bevor-\nzugt — die Materialität der Farbe absichtlich steigernd\n— die dunklen und satten Farben des Spektrums und\nbreitetet sie in grossen Massen aus. Die Impressi-\nonisten betonten die Farbqualitäten und suchten die\nGesetze ihrer Beziehungen wissenschaftlich zu for-\nmulieren. Die Ausbalancierung der Farbmassen konnte\nman einem nicht immer glücklichen Instinkt überlassen,\nweil diese auf ein Minimum im Verhältnis zur Biid-\nfläche zerteilt waren. Die Zusammenziehung der Farb-\nteilchen zu Farbflächen warf zwei neue Probleme auf:\nDas Verhältnis von Form und Farbe und die Aus-\nbalancierung der Farbmassen. Der künstlerische In-\nstinkt, der durch den Neo-Impressionismus in eine\nvielleicht nicht einmal ganze sichere wissenschaftliche\nThese eingeklemmt zu werden drohte, fand in diesen\nQuantitätsrechnungen eine Ausdrucksmöglichkeit der\nindividuellsten und variationsfähigsten Art.\nMan hat Glauben machen wollen, — auch der\nsonst so nüchterne, posenfreie Liebermann in seinem\nphrasenreichen Epilog — die ganze neue Bewegung\nsei nur eine genialische Gebärde von jungen Leuten,\ndie nichts können. Und die Tageskritik hat in einer\nUnverschämtheit, die nur höchster Impotenz eigen ist,\neine erschreckende Verständnislosigkeit offenbart. Man\nist wieder einmal mit allen Formeln der Aesthetik\nbankerott gegangen und erklärt in verblüffend unver-\nschämter Trägheit die jungen Künstler für Idioten.\nVöllig unfähig, Kunstwerke als Ausdruck eines vollen,\nstarken Energiestromes künstlerischer Gestaltungsfähig-\nkeit zu betrachten, verkennt man den Ernst und das\nmühsame und arbeitsreiche Streben der Künstler. Man\nübersieht die ungeheure Breite der Bewegung, die in\nder Literatur seit langem heimisch ist und sich an-\nschickt, das Theater zu erobern. Es handelt sich nicht\num Willkür sondern um Ueberzeugungen: Und in\nihrem Namen wird der Kampf geführt.\n\nA R. Schönlank\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nPAUL SCHEERBART\nIch liebe Dich / Ein Eisenbahnroman\nNa prost! / Ein phantastischer Königsroman\nBerlin | Verlag Schuster und Loeffler\nTaruh, Bagdads berühmte Köchin / Ein\narabischer Kulturroman\nMinden i W | Verlag J. C. C Bruns\nJenseits-Galerie / Ein Moppenwerk\nBerlin j Verlag Oesterheld und Co\nDie grosse Revolution,/ Ein Mondroman\nLiwüna und Kaidöh / Ein Seelenroman\nLeipzig | Inselverlag\n'\nTHEODOR MOMMSEN\nRömische Geschichte / Vier Bände\nBerlin | Weidmannsche Buchhandlung\nHEINRICH VON KLEIST\nSämtliche Werke und Briefe / Fünf Bände\nSehr schöne Ausgabe ohne „Anmerkungen*\n/ Leipzig [ Verlag Der Tempel\nSAMUEL LUBLINSKI\nLiteratur und Gesellschaft im neunzehnten\nJahrhundert / Vier Bände\nBerlin | Verlag Siegfried Cronbach\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nV. I.: Oskar Kokoschka\n\nDie Aboiinenten unserer Wochenschrift\nwerden hoflichst um Einsendung des falligen Betrages\ngebeten. Er wird andernfalls am 20. April unter Nach-\nnahme mit Zuschlag der Einziehungskosten behoben\nwerden. :: Samtliche Postamter nehmen\nBestellungen auf unsere Wochenschrift entgegen. :\nProbenummern werden an jede angegebene Adresse\n: versandt. :\nm n m n Verlag DER STURM\n\nStrasse\"lll Cafe COntiflefltal St°assener\nJeden Abend von 9—4 Uhr Nachts:\nGROSSES KONSTLER-KONZERT\n:: Alle bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften ::\n\n00000000000000000000000000000001\nWeinhaus Rheingold\nKAISER-SAAL\nTagiich: Translateur - Konzert\n\nDie Fackel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nNummer 317/318\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfg.\nUBERALL ERHALTLICH\n\nHOHENZOLLERN\nKunstgewerbehaus\nFriedmann & Weber\nHOFLIEFERANT IHEER MAJESTAT\nDER KAISERIN UND KONIGIN\n■■\n■\nW8- BERLIN -W8\nLeipzigerstrasse 13\nWOHNUNGSEINRICHTUNGEN\n■ » KUNSTGEWERBE i >\nANTIQUITATEN UND STOFFE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "465", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110408-01.1.7", "texte": "Neue Sezession\nDritte Ausstellung\nacacacac acacacac ?MwrKr affflcrKT'.'Mr acacacac\nvWMbn MMhmMbhMBHMH\nGalerie Maximilian filacl)f\nasasacag aggcgc asaag ansae areas aawgac aawcs\n■naiiKii'tii afliiaiHna vwravwvli vwnwAi wWvvvla WWMMHWMH ■^■■*r\\M«iir%ni ■dnm i ■AHAM#%M/IH\nBerlin SI. 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Carl sctiussler-liaiinover\n\nLes Marges\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzosi-\nsche Original der Tage-\nbiicher Flauberts, deren\nUebertragung in Deutschland\nverboten wurde.\nDie Hefte, die die Tage-\nbiicher Flauberts enthalten,\nsowie die iibrigen seitdem\nerschienenen Nummern sind\nvom Verlag der Zeitschrift\nLes Marges gegenEinsendung\nvon sechs Francs direkt zu\nbeziehen\n\nIn keinem Hause sollte fehlen:\nFeike-Zeitung\nZeitschrift fur naturgemasse\nLebens- und Heilweise und\nHomdopathie nach der von\nPastor Felke in Repelen be-\n: gegriindeten Heilmethode :\nSte erscheint allmonatlich\nuntcr Mitwirkung mehrerer Aerzte\nund hervorragender Sachverst'An-\ndigcr. Sie bringt ausfiihrliche A uf-\ns'&tze tiber die verschiedensten\nKrankhciten und deren Behand-\nlung. ferner iiber Naturheilkundc\nHomdopathie, Licht-, Luft- und\nSonnenbader usw.\nAbonnementspreis jahrlich\n: 3 Mark ;\nAbonnements nehmen die Brieftr'A-\nger und jede Postanstalt entgegen.\nVerlag der „Felke-Zeitung\"\nKrefeld (Rheinland)\n\nSammler-Berichte jTkv\"\nInternationaleKorrespondenz-Vereinigung\nfur ideale Korrespondenz, Sammelwesen, Tausch, Verkauf, Geschaft,\nVertretungen und sonstigen Absatz, Erwerb, Auskunft usw.\nMonatliche Gratisgaben in Briefmarken, zuadressierten Post-\nkarten, Biichern usw.\nJahresbeitrag fur I K V mit „Sammler-Berichte\" nur 4 Mk.\n(5 Franks). Eintritt jederzeit.\nAusfiihrliche Probenummer und Satzungen gratis durch\nErnst Nlarre Verlag, Leipzig (Revier 176).\n\nDer Buhnen-Roland\nDas freie Wort des deutschen\nSchauspielers\n— Des Biihnen-Boten zwolfter Jahrgang —\nDer Buhnen-Roland bringt Aufsatze der bekanntesten Fach'eute\nüber samtliche Gebiete der Theaterkultur und verfolgt die modernen\nlitterarischen und kiinstlerischen Bewegungen. Die Soziale Beilage\ntritt fur die Interessen des gesamten Schauspielerstandes ein und\ngewahrt grundsatzlich jeder berechtigen Meinung Raum. En-\ngagerfieni3-Snserate die Zeile 10 Pf., fur Bezieher 8 Zeilen frei\nBezugspreis vierteljahrlich 3 Mark. Probeabonnement auf einen\nMonat kostenlos vom Verlag C. Clauder in Griina-Chemnitz.\nHauptredaktion: Berlin N 37 Lottumstrasse 14\n\nKurhaus und Erholungsheim\nSchloss Neuenhagen\nin Berlin-Neuenhagen (32 Min. Fahrzeit v. Alexanderpl.)\nHauptgebaude mit Zentralheizung u. elektr. 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WGrttembg.\nHofopernsanger\nBERLIN W. 50\nCulmbacherstr. 6\nVia 18926\nERTEILT\nGESANG-UNTERRICHT\nSprechstunde a—4 Uhr\n■■ = ■\n\nLernt durch\nSelbstunterricht\ndie leicht erlernbare\nWelt-Sprache\n„Esperanto\"\nSchon drei bis fiinf Milli-\nonen Anhanger und iiber\n1650 Vereine in alien Erd-\nteilen. Schon von vielen\nSchulen gelehrt und von\nvielen Behorden, Firmen\nu. s. w. verwendet. Espe-\nranto - Lehrbuch mit Pro-\nspekten und Zeitung „La\nEsperantisto\" verse ndet\ngegen 15 Pf. in Briefmarken\nRed.FritzStephan,Leipzig\n\nVerlag„Der Sturm\"\nWir iibernahmen in unsern\nVerlag\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFiir Gesang u. Klavier\n52 Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch denVerlag DER STURM\nHalensee / Katharinenstr. 5.\n\nJSSJjSSrS. Friadr. 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Sie werben fmben,\nbafe Sie biefes in gan3 befonberem (Dafce befriebigt, benn\nKosmln I>at fiberaus erfrifd>enben Wot>lgefd)mack,\nbonfcrviert bie 3al>ne unb kraftigt baa 3al>nfleijd).\nSlafd>e (T)k. 150, kxnge ausreid>enb, dberoU toufltcl).\nm\nwA\nWM\nI'Mi\nm:\n■ /»1 ■ , 112\nmm?*\nit\".ft - \"*\n\nDr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrer a. d. Schauspielschule d. Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik und Rollenstudium\nCHARLOTTENBURG\nWilmersdorferstr. 75 Sprechstunde: 5—6 Uhr"}]}