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Merkwürdig, wie naiv manche\nKunstausübende der Kunst gegenüberstehen. Herr Corinth\nglaubt allen Ernstes, dass Cezanne s o malte, weil er als\nSüdfranzose geboren wurde, Gauguin so malte, weil er\nsich auf den Südseeinseln aufhielt, und van Gogh weiter\nals seine Vorgänger ging, „indem er dicke Farben auftrug\nund durch Nebeneinandersetzen reiner Farbenteilchen in\nder Ferne für das Auge eine desto lebendigere Wirkung\nerzielte\". Man kann sich nun wenigstens eine Vorstel-\nlung über Corinths Malweise machen. Herr Corinth\nmalte so, wird es später heissen, weil er in Berlin NW.,\nKlopstockstrasse 48, wohnte und weil er durch Aufein-\nandersetzen unreiner Farbenteilchen in der Ferne immerhin\nfür das Auge eine lebendigere Wirkung erzielte. Man\nkann diese Kunsteinteilung nach Belieben fortsetzen und\ndie angenehmsten Ueberraschungen erleben. Das unlite-\nrarische Adressbuch bekommt eine farbige Nuance. Aber\nHerr Corinth weiss noch viel mehr. „Nun, nachdem all\ndiese Kulturen bis zur Neige ausgekostet waren und die\nBlasiertheit der überkultivierten Franzosen eine gewisser-\nmassen konzentrierte Primitivität ersehnte, warf man sich\nauf die kindischen Stammeleien der Naturvölker.\" Gut,\ndass Herr Corinth diesen Satz nicht malen muss. Man\nversuche ihn zu sehen, und er wird viel Spass bereiten.\nSonst aber ist er „gewissermassen\" Blödsinn. Aber für\nHerrn Corinth erscheint er „als Quellmotiv der Arbeiten\nvon Matisse\". Und die Nachkommen von Matisse haben\nnach Corinth „für ihre Rätselkunst, die nichts mehr mit\nder freien edlen Kunst gemein hat, Lehren aufgestellt, die\nder Geometrie entnommen scheinen\". Herr Corinth sollte\nsich lieber nicht mit dem Bilderdeuten einlassen. Er tritt\nzwar für die deutsche Kunst ein: „Die deutsche\nKunst wird da sein, ohne unser geringstes Zutun und un-\nabhängig von der geographischen Lage, wo Maler ar-\nbeiten\". Also für Deutschland kommt Herr Corinth mit\nder Geographie wieder nicht aus. Ja, um Gottes willen,\njetzt ist man ganz im Weltraum verloren. Herr Corinth\nkennt „deutsche Künstler, die denen anderer Länder eben-\nbürtig sind und durch ihre starke Individualität hervor-\nstechen\". Und verheissungsvoll schliesst er seine bedeut-\nsamen Ausführungen: „Für Talente in der Zukunft wird\neine gütige Vorsehung Sorge tragen.\" Er braucht die\nDame nicht zu bemühen, Talente haben wir die Menge,\nin Deutschland und in Frankreich, sie sind auch bis auf\ndie Nationalität ebenbürtig. Aber Genies, Herr Corinth?\nSie haben recht, Nachahmern kommt keine künstlerische\nBedeutung zu. Es ist aber gleichgültig, ob sie ihre Vor-\nbilder in Frankreich oder in Deutschland finden. Die her-\nvorstechenden deutschen Talente sind schon „gewisser-\nniassen\". Daher können ihre Bilder kaum noch abfärben.\nDie gütige Vorsehung möge für recht viele Genies in\nDeutschland, wie van Gogh und Cezanne, Sorge tragen.\nDann erst wollen wir uns getrost auch ihre deutschen\nNachahmer gefallen lassen. Auf keinen Fall aber ihre\nSchreibereien.\nWichtig für die Presse\nZu der stimmungsvollen Feier hatten sich mit dem\nDirektorium . . . zahlreiche Ehrengäste, die Vorstände . .\nVertreter der städtischen Körperschaften, der Gewerbedepu-\ntation .. . eingefunden. Die Emporen säumte ein reicher\nDamenflor. Unter den Klängen aus Wagners „Tannhäuser\" —\nam Dirigentenpult des Orchesters stand Translateur — hielten\ndie ... Damen und Herren ihren Einzug. Auf der von\nPalmen und Lorbeer umgebenen Estrade mit Kaiserbüste\nund .. . Banner hatten .. . Platz genommen. Nach\neinem Männerchor begrüsste Herr ... die Erschienenen aufs\nherzlichste. Er gedachte des Heimgangs August .. ~ der\nseinem Bruder Karl schnell gefolgt sei, und hob das vorbild-\nliche Wirken dieser genialen Männer hervor. Die Ansprache\nschloss mit einem Hoch auf den Kaiser . . . Zum Schluss dankte\nHerr . . . den Treudienenden und wünschte ihnen Gottes\nSegen für die Zukunft. Die Stadtverordneten Giese und Max\nSchulz überbrachten die Glückwünsche der städtischen Behörden\nBerlins. Generaldirektor . . . dankte für alle Ehrungen, widmete\nseinem lieben Freunde August . . . einen aus bewegtem Herzen\nkommenden Nachruf, gelobte, im Geiste des Gründers weiter\nvorwärtszustreben und wandte sich mit warmen Worten an die\nAngestellten, die er um fernere treue, eifrige Mitarbeit ersuchte.\nSein Hoch galt den Gästen des Festes. — Nach ihm sprach\nder Vizepräses . . . Worte des Dankes und der Anerkennung . . .\nNamens der Treudienenden gab Herr Lawatsch den Empfindungen\nder Liebe und Verehrung . . . beredten Ausdruck. Den Dank der\nEhrengäste übermittelte Direktor Kilp. Nach dem mit dem\nNiederländischen Dankgebet schliessenden Festaktus wurden die\nAuszeichnungen verteilt . . . Die Veranstaltung hatte, abgesehen\nvon dem speziellen Zwecke, eine allgemeine symptomatische\nBedeutung, die sie über das Niveau einer internen Angelegenheit\n.. . hinaushebt. Es war ein Triumph des patriarchalischen,\nalso eines seltenen, fast möchte man sagen, unmodernen Ge-\ndankens .. . Daneben freilich war es auch eine würdige\nGedenkfeier für die beiden weitblickenden und auf dem Boden\nder echten, altberlinischen Reellität arbeitenden, verstorbenen\nKoryphäen . . ~ die neben ihrer . . . Betriebsamkeit den ganz\nmodernen sozialen Gedanken hochhielten. M.\nMit diesen stimmungsvollen Zeilen wurde das Prä-\nmiierungsfest der Firma Aschinger geschildert. Die\nzu Feiernden sind in diesem Falle 272 Angestellte, die auf\neine ununterbrochene zehn-, sechs- oder dreijährige Tätig-\nkeit in den Stehbierhallen zurückblicken konnten. August\nund Karl sind keine Könige, sondern die Begründer der\nweiss-blauen Lokale, die Herren Aschinger. Geloben wir\nuns alle, im Geiste der Gründer weiterzustreben. Die\nganze Feierlichkeit und ihre Schilderung erschien mir so\nwertvoll, dass ich sie hier wörtlich aus dem „Lokal-\nAnzeiger\" wiedergebe. Man wird leicht herausfinden, dass\ndiese Feier und ihr Bericht für alle Festlichkeiten, für Hof-,\nBürger- und Arbeiterkreise gleich geeignet sind. Man ver-\nsuche, an die alierausgefallenste Feier zu denken, und wird\nmit Staunen merken: es stimmt. Es stimmt immer und\nüberall. Hier ist es einem Kopf gelungen, die endgültige\nFormel festzulegen. Gleichzeitig aber, die Formel mit\nlyrischer Kraft zu veranschaulichen. Bei Bedarf vergesse\nman nur nicht die Namen Karl und August entsprechend\nzu ändern und die Namen Kilp und Lawatsch richtig zu\nersetzen. Trust\nDer Name\nMan soll auf Erden nicht vornehm sein. Ich wollte\nHerrn Franz Pfemfert, Herausgeber der Zeitschrift für\nfreiheitliche Politik und Literatur „Die Aktion\", Berlin-\nWilmersdorf, Nassauische Strasse 17, Telephonanschluss\nAmt Wilmersdorf 6242, schonen. Und seinen Namen für\ndie Ewigkeit \"als Symbol eines unkünstlerischen Trottels\nverschweigen. Herr Pfemfert legt aber Wert darauf, im\n„Sturm\" genannt zu werden. Auf andere Weise wäre es\nihm auch nie gelungen. Nichts ist komischer, als wenn\nEpigonen sich „selbständig\" machen. Die Druckanordnung\nhat er vom Sturm wenigstens gelernt. Weiter reichte es\nnicht. Herr Pfemfert veröffentlicht mit Vorliebe die von\nmir abgelehnten Manuskripte. Und behauptet nun, ich\n„hätte versucht, die „Aktion\" zu diskreditieren. Man\nbraucht das nur zu sagen, um helles Gelächter auszulösen\".\nIch schliesse mich dieser forcierten Heiterkeit\nstürmisch an.\nUm nichts zu verschweigen: „Die Aktion\" ist das\nPublikationsorgan der „Organisation der Intelligenz für\nDeutschland\". Eine Sache.\nAuf weitere Aktionen des Herrn Pfemfert lasse ich\nmich nicht mehr ein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "492", "page_fin": "493", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.4", "titre_corps": "Naturgeschichte", "titre_sommaire": "Naturgeschichte", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "492", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.2", "debut_caractere": 8018, "fin_caractere_exclue": 13499, "texte": "Naturgeschichte\nDer Schieber\nEinen groben Schwindel leistet sich Herr Theodor\nKappstein, ständiger Mitarbeiter des Berliner Tageblattes,\nDozent der Flumboldtakademie, Referent verschiedener Zei-\ntungen, Religionsphilosoph, in der Abendausgabe des Ber-\nliner Tageblattes vom Montag, den 1. Mai 1911. Dort\nsteht im Feuilleton eine übliche geistlose Plauderei: „Bei\nden Abenteuern des Geistes\". Geistlos ist zuviel gesagt.\nDenn das Wort setzt immerhin die Fähigkeit voraus, vom\nGeist verlassen zu werden. Eine Fähigkeit, die Herr\nKappstein sich wohl selber kaum zuspricht. Also dieser\nHerr Theodor Kappstein bespricht einen Abend des Neo-\npathetischen Kabaretts. Selbstverständlich „lyrisch\". Zeit\nund Ortangabe fehlen. Nur impressionistisch kann der\nLeser einen Schluss ziehen. Denn der Schluss dieser\nPlauderei lautet: „und schob . . . mich ins Freie, in die\nherbe, reine, wahrhaftige Frühlingsluft zu einem ge-\nSunden Heimmarsch.\" Die Plauderei erschien am 1. Mai,\nalso, denkt der Leser, Ende April. Aber der Leser denkt\nfalsch, auch wenn er mit der bewährten Aktualität seines\nLieblingsblattes rechnet. Der dort besprochene Abend\nfand am — achtzehnten Januar 1911 statt. Nach\ndiesem Abend schob Herr Kappstein in die Frühlingsluft.\nHier sieht man ein typisches Beispiel des journalistischen\nImpressionismus. Aus irgend einem Grunde konnte Herr\nKappstein seine Plauderei im Januar nicht anbringen, oder\ndie Redaktion sie nicht unterbringen. Aber auf Erden\ndarf nichts umkommen. Abfälle und Produkte werden\nsorgfältig aufbewahrt. Das Tageblatt führt sie nicht ihrer\nnaturgemässen Bestimmung, nämlich dem Müllhaufen, zu,\nsie werden auf Neu gearbeitet, aus der wahrhaftigen\nWinterluft wird eine unwahrhaftige Frühlingsluft. Und\ndie Bemogelung ist geglückt. Soll man wirklich noch aui\ndie Meinungen des Herrn Kappstein eingehen nach Fest-\nstellung dieser groben Täuschung? Richtet der Schub in\ndie Frühlingsluft nicht schon sich selbst? Soll man den\nReligionsphilosophen, der nur bei Spionoza und Kant in\ndie Schule gegangen ist, wenn auch ganz erfolglos, noch\nauf den Armesünderkarren laden und ihn am Galgen auf-\nhängen? Wer sich selbst richtet, braucht nicht noch ge-\nhängt zu werden. Ich überlasse seine schäbigen Reste\ndem, der den Nachrichter zu spielen wünscht.\nUnglückliche Natur! Dir geht es schlecht auf deut-\nscher Erde. Alle kunstunfähigen Trottel schieben zu dir\nund werfen sich an deinen grünen Busen — und dräut\nder Winter noch so sehr mit trotzigen Gebärden und streut\ner Schnee und Eis umher, es muss doch Frühling werden.\nEs muss doch Frühling werden.\nDer Entartete\nDer gute alte Nordau lebt noch immer. Ich erfahre\nes authentisch auf dem Umweg über den Lokal-Anzeiger.\nDer Lokal-Anzeiger hat seit längerer Zeit an seinen eige-\nnen künstlerischen Unsinnigkeiten nicht genug und führte\ndeshalb die Rubrik Pressstimmen ein. Also der Lokal-\nAnzeiger zitiert die Vossische Zeitung. In der Vossischen\nZeitung zittert Max Nordau, der Feind konventioneller\nLügen, über die unkonventionelle Malerei unserer argen\nZeit. Wir sind nun glücklich im Jahre 1911, aber die alten\nPietscher sterben nicht aus. Herr Nordau leistet sich\nzum Beispiel folgendes: „Um nur das mittelmässigste Bild\nrechtschaffener Art zu malen, muss man mindestens etwas\ngelernt haben, wenn man auch gar kein Talent hat. Aber\num, wie van Gogh oder Cezanne, wie Zac oder Henri\nMatisse, zu ferkeln, braucht man nichts. Kein Studium,\nkein Talent, kein Gefühl, nur Schamlosigkeit\". Man braucht\ndas natürlich auch nicht, um gegen grosse Künstler zu\nschweinigeln- Man muss dem alten Herrn doch end-\nlich einmal mit einem groben Keil über den Kopf fah-\nren, trotzdem er kein grober Klotz, sondern nur ein\nklotziger Trottel ist.\nDer Sohn seiner Heimat\n„Je mehr und genauer man Georg Engels Dichtungen\nkennen lernt, um so weniger kann man sich darüber täu-\nschen, dass die stärksten Wurzeln seiner dichterischen\nKraft von seinem Heimatboden aus die gesundesten\nSchösslinge treiben, deren Blüten in fremder Luft nimmer-\nmehr so saftlebige (wirklich saftlebige) Früchte aus-\nzureifen vermöchten, wie der Dichter zum Beispiel in sei-\nnem neuesten Novellenbuch . . . sie zusammengetragen'.\nHat fehlt. Es kommt also eine „lyrische Kritik\". Wenn\nihr Verfasser doch gleich verraten hätte, von welchen\nOrten Herr Georg Engel seine saftlebigen Früchte zu-\nsammengetragen, an denen man ihn erkennt. Warum lässt\ner aus seinem Heimatboden Greifswald gesundeste\nSchösslinge treiben, wenn er doch die saftlebigen Früchte\nzusammentragen muss? Ja, die Natur ist unerschöpflich,\nkann ich nur wiederholen, und die Botanik erfrischt mich\nnach den vorangehenden zoologischen Ausschweifungen\nAber der Engelkritiker des roten Tags wird noch lyrischer,\n„Wenn jemals ein deutscher Erzähler von Bedeutung den\nStempel der Heimatdichtung getragen (hat fehlt), im besten\nSinne getragen (also doch lyrisch, o meine Ahnung!), wie\nman ein Ehrenzeichen trägt, so war es Georg Engel.\" Georg\nEngel mit dem Stempel als Ehrenzeichen ist direkt eine\nAttraktion für die Woche. „Am sichersten geprägt in seinem\nunverwüstlich lebfrischen (wirklich lebfrischen) Hann Klüth,\njener Dichtung, die zugleich als Dokument der Landes-\nkunde von viel zu wenig beachtetem Wert ist. Die Landes-\nkunde sollte diese saftlebige lebfrische Dokumentendich'\ntung samt dem gestempelten Herrn Engel unbedingt ffr\ndie Nachwelt sicher prägen lassen. Denn, wie der Kri-\ntiker versichert, sein neuester Novellenband ist „schon\nwieder ganz von der alten guten Art und zeigt Engels"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "493", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2131, "texte": "Erzählertugenden wieder im besten Lichte. Nur fünf No-\nvellen sind es — aber jede von ihnen ein wohlgezeichnetes,\nschön abgerundetes Charakterbild\". Herr Engel scheint\nder Natur also doch mit schönen Abrundungen etwas\nnachzuhelfen. Engels Erzählertugend siegt über alles. Da\nist das rotköpfige Fischermädel von unbändiger Wildheit\nund unbeugsamer Selbstbestimmungskraft, die einen tol-\npatschigen gutmütigen Riesen durch höhnende Abweisung\njn Verlotterung, Trunk und Selbstmord treibt (Greifs-\nwalder Heimatkunst). Vom Strick aber rettet sie den\nGatten (schöne Abrundung). Dann wieder ein Rotkopf,\ntrotzig und in allem dennoch voll innerer Güte und\nniärchenfroher Glückmöglichkeiten (Greifswalder Heimat-\nkunst), von denen das einsame Alter eines in allen Lebens-\nwerten gestrandeten Seemanns verklärt wird (schöne\nAbrundung). Ein fein empfundenes Stückchen Lebens-\ntreue, sagt der Kritiker und rühmt „Engels prächtigen\nHumor als Lebensredakteur\". Das ist zu viel. Ich war\nschon bereit, ihm Greifswald zu überlassen, aber wenn\nHerr Engel jetzt noch das ganze Leben redigieren will,\nsollte er auf die Kunst wenigstens verzichten. Einen\nschöneren Abgang als in seinem psychologisch vertieften\nfliegenden Holländer kann er sich gar nicht ausdenken,\ner „begegnet einem blutjung unschuldig und weltfremd ge-\nhaltenen Mädchen, das ihn erlöst, indem es, wahnhaft ge-\ntrieben, mit ihm gemeinsam in freiwilligen Meerestod geht,\num ihm bei seinem Erscheinen vor Gottes Richterstuhl mit\nihrer Unschuld und Reinheit als Fürsprech zu dienen.\"\nDas weltfremd gehaltene, lebfrische, saftlebige Mädchen als\nFürsprech ist eine Sache. Sehr richtig bemerkt auch sein\nKritiker hierzu: „Wie von verklärendem Mondlicht um-\nhüllt, eine plastische Gruppe, so stehen die beiden Tod-\nsuchenden vor uns, fast überlebendig in ihrem wahn-\nbetörten Handeln.\" Dieses lebende Bild sollte die Stadt\nGreifswald Herrn Georg Engel zu seinem Abschied stel-\nlen. Das verklärende Mondlicht will ich liefern, wenn\nman mir das gestempelte Dokument überreicht, dass Herr\nGeorg Engel ferner nur noch als frischlebiger Acker-\nbürger ein Verhältnis zur Natur suchen wird.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "493", "page_fin": "494", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.5", "titre_corps": "Die Helferin", "titre_sommaire": "Die Helferin", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "493", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.3", "debut_caractere": 2133, "fin_caractere_exclue": 14058, "texte": "Die Helferin\nVon Alfred Döblin\nIn New York erregte um die Mitte des vorigen Jahr-\nhunderts der Prozess des Fabrikanten Grasso ungeheures\nAufsehen. Man sprach monatelang von der rätselhaften\nAngelegenheit und ihren furchtbaren Begleitumständen.\nDer Krieg mit den Südstaaten brach aus, ehe man sich\nberuhigt hatte. Als nach einundeinhalb Jahren der\nFriede geschlossen wurde, war die Erinnerung an den\nVorgang ausgelöscht; und jetzt lassen sich die Einzel-\nheiten nur noch stückweise zusammenfinden. Sie sind\nüberwuchert von mythischen Bildungen; sie lassen stau-\nnen, wie Unglaubliches dem Menschen begegnen kann, mit\nwie lächelnder Lippe er daran vorübergeht und alles\nweiterzieht wie früher.\nGegen Ende der fünfziger Jahre florierte an der\nPeripherie der Stadt — jetzt gehört die Gegend völlig\nzur City — ein Beerdigungsinstitut. Der Besitzer Grasso\nwar mit seiner Frau vor fünf Jahren aus Italien einge-\nwandert. Er hatte sich vergeblich als Hotelier versucht,\nwar dann Schreiner geworden und hatte dabei soviel er-\nworben, dass er ein älteres Sargmagazin übernehmen\nkonnte. Es gab damals kaum 200 000 Menschen in der\nStadt. In nicht langer Zeit hatte der Italiener es fertig\ngebracht, dass das Beerdigungswesen völlig in seine Hände\nüberging, dass nur noch einzelne, mehr behördliche Auf-\nträge an andere Firmen gelangten — von Kranken-\nhäusern, Militärlazaretten. Die Konkurrenzgeschäfte\ngingen rapid zurück. Nicht die kapitalkräftigsten, die sich\nverzweifelt wehrten, konnten sich neben Grasso behaupten,\ndem, Ghne dass er Lärm machte, alles mühelos zufiel.\nErst später, bei der Untersuchung des Falles, stellte\nsich heraus, dass Grasso ganz unbeteiligt an diesem Auf-\nschwung seines Geschäftes war. Die Blütezeit des Hauses\nhei nämlich ziemlich genau zusammen mit dem Eintritt\neines jungen Angestellten namens Mike Bondi. Dessen\nHerkunft war völlig unbekannt; nur bemerkte man, dass\ner sich italienisch mit seinem Herrn unterhielt. Man sagte,\ner sei schon bei seiner Anstellung etwa zwanzig Jahre\nalt gewesen. Aber jeder überzeugte sich, dass er in den\nfünfzehn Jahren seiner Tätigkeit um keine Spur älter ge-\nworden war. Und Photographien, die man später bei ihm\nfand, die ihn Arm in Arm mit Herrn Grasso zeigten, be-\nwiesen überraschend, dass dieser Mensch anscheinend un-\nbeweglich in der Zeit stand. Keine Linie seines knaben-\nhaft zarten Gesichtes hatte sich vertieft, seine tiefschwarzen\nHaarsträhnen fielen noch immer in eine niedrige, weisse\nStirn. Ja, auch seinen Kleidern — es ist etwas lächer-\nlich, dies zu berichten — schien die Zeit nichts an-\nzuhaben; denn niemand hatte gesehen, dass er sich neue\nkaufte; er trug immer einen schwarzen Anzug, eine\nlockere, blusenähnliche Jacke mit blanken Knöpfen, von\neinem altertümlichen Schnitt, wie man sie vor Jahrzehnten\nvielleicht getragen hatte. Es wusste bei den Prozess-\nvernehmungen auch niemand, wo der Mensch sich nachts\naufhielt; manchmal soll er in dem Geschäft übernachtet\nhaben, meist aber fuhr er abends auf einem Wägelchen,\ndas ihm gehörte, nach St. Floridan zu, auf der alten Land-\nstrasse, und verschwand dann für viele Stunden völlig.\nAber all dies ist unsicher und gehört in das Gebiet jener\nSagenbildung, von der ich vorhin sprach. Mike war von\nkleiner Gestalt; er ging stets in einem weichen Filzhut,\nmit einem dünnen Stöckchen. Sein Gang war weich\nund schleichend. Ueber seine Augen lässt sich nichts\nsagen; denn die hatte niemand gesehen. Immer hielt er\ndie Lider gesenkt; und wenn einer mit ihm sprach, so\ndrehten sich die Augäpfel hinter der zarten Lidhaut.\nNicht selten zogen sich seine sehr schmalen Lippen zu\neinem schönen, demütigen Lächeln zusammen. Die Sanft-\nheit und Musik seiner Stimme war unsäglich; sie erklärt\nvielleicht zum Teil den ausserordentlichen Einfluss\nMikes. Denn, was er sagte, war einfach und ganz sach-\nlich; er redete sehr wenig und neben seinen geschäftlichen\nDingen nur von Bäumen, Wurzeln, Feldern und Tieren,\nfür die sich die Städter sonst sehr wenig interessieren.\nIhn begleitete das Glück. Es bildete sich heraus, dass\ntäglich Mike Bondi durch die Strassen New Yorks wan-\nderte, gefolgt von einem hohen russischen Windspiel,\neinem weissen, ungeheuren Tier, das auf seinen Beinen\nso lautlos wie er schritt, und das mit leeren Augen um\nsich blickte. Mike Bondi ging in die Wohnungen der\nKranken hinauf und sprach mit ihnen. Niemand wehrte\nihm; die Kranken Hessen ihn zu sich rufen, eher noch\nals einen Priester oder Arzt, und waren ihm dankbar\nfür die Minuten, die er mit kargen Worten ausgefüllt\nhatte. Sie wurden ruhiger und schmerzfreier, die er\nverliess, aber sie starben alle, wie sich bei den Er-\nhebungen des Prozesses ergab, starben nach nicht einer\nWoche in grossem Frieden, ohne dass ihnen einer helfen\nkonnte. Die ihn einmal gesehen hatten, fassten ein kaum\nerklärliches Zutrauen zu ihm, und Hessen ihn, wenn sie\nschwer erkrankten, wie in einer unentrinnbaren Sucht zu\nsich kommen. Er trat nicht an sie heran, er gab ihnen\nnichts, er berührte sie nicht. Dies stellte sich alles bei\nden Erhebungen des Prozesses heraus.\nMike Bondi war nicht befreundet mit der Frau seines\nHerrn. Frau Grasso Hebte feurige Männer; aber eifer-\nsüchtig, wie untreue Weiber sind, freute sie sich, dass\nihr Mann, Mädchen abhold, sich an Bondi anschloss.\nWenn sie spät abends nach Hause kam, noch hoch-\natmend von einer zarten Begegnung, warf sie sich ihrem\nMann an den Hals, der Arm in Arm mit dem stillen\nSonderling auf dunkeln Strassen spazierte.\nAm Ausgang des Frühlings starb plötzlich die junge\nFrau eines Rechtskonsulenten Martin in ihrer Wohnung\nneben Grassos Magazin. Der Witwer, dem sie zwei\nkleine Kinder hinterHess, konnte sich nicht trennen von\ndem toten Weibe; und in der angstvollen Nacht nach\nihrem Abscheiden kam ihm die Idee, die Leiche von dem\nSterbelager zu entfernen, sie so schön, so kostbar auf\neinem Sarkophage aufzubahren, wie seine Hände es ver-\nmochten. Er wurde unter dieser Vorstellung lebendig,\nstieg noch gegen elf Uhr von seinem Lager, kleidete sich\nan und ging zu Grasso herunter, mit dem er alte Freund-\nschaft hielt. Die Türen des Magazins waren geschlossen;\ndurch die Ritzen der Jalousien zitterte ein trübrotes Licht,\nlag in feinen Linien auf dem Strassenpflaster. Herr\nMartin öffnete den breiten Torweg, stolperte über den\nstockfinsteren Hof, kam durch eine angelehnte Seitentür\nauf den langen Korridor, der unmittelbar in das Magazin\nführte. Der Vorhang zum Magazin rauschte leise. Mit\nMühe fanden sich seine Augen zurecht. An den Wänden,\nin den Gängen, unter niedrigen Wölbungen lagerten die\nSärge. Sie standen geöffnet. Sie standen da, nicht er-\nwartungsvoll, nicht mit Gier, — mit geheimnisvoller\nLeere, versunken in sich, und nur einige seufzend und\nschmachtend. Und in dem trübroten Flackern einer\nLampe sah Herr Martin eine Bewegung in der Nische\nhinten, hörte flüstern. Herr Grasso kniete dort vor einem\nSarge; aus diesem hoben sich zwei weisse Arme; Spitzen-\närmel fielen von ihnen zurück. Herr Grasso beugte seinen\nKopf tiefer, drückte sein Gesicht in die niedrigen Brüste\neines Weibes. Er murmelte: „Bessie\" und vieles, was\nsehr leise war; sie antwortete: „Ernesto\", lachte und\nweinte durcheinander; sie hatte eine sehr süsse Stimme.\nHerrn Martin schlug das Herz bis in den Hals hinauf;\ner ging aufs tiefste erschrocken rückwärts hinaus, vergass\nseine Bestellung. Er lag, ehe er es wusste, in seinem\nBett, kleidete sich mit dem Morgengrauen an und lief\nzu Frau Grasso, die in ihrer Küche stand mit losen\nRöcken und sich, verblüfft über den frühen Besuch, ein\nTuch umlegte.\nSie war erst ungläubig und beobachtete ihren Nach-\nbarn, da sie glaubte, er sei verwirrt über den Tod seiner\njungen Frau. Aber dann hielt sie inne mit dem Scheuern,\nstiess die Kaffeemühle auf den steinernen Boden herab,\nbiss sich tief in den linken Vorderarm und wühlte in einer\nSchublade nach einem spitzen Küchenmesser, das sie\neinmal um das andere in die Holzwand der Küche stiess.\nSie schrie, wem denn das gemeine Frauensbild ähnlich\nsähe, ob er denn so wenig teilnahmsvoll wäre, dass er\nnicht einmal eine Vermutung darüber aussprechen könnte.\nNach lautem, hemmungslosem Weinen erhob sie sich\nresolut, erklärte, sie werde heute nacht alles selbst fest-\nstellen. Und mit einer Sicherheit, die Herrn Martin in\nStaunen versetzte, riss sie die Wohnungstür auf, rief\nihren Mann herein und sagte ihm, indem sie zum Fen-\nster hinaussah und das dichte schwarze Haar flocht, Herr\nMartin habe ihr mitgeteilt, dass ihre Mutter in Starton,\neinem Vororte, erkrankt sei; sie müsse gleich auf zwei\nbis drei Tage hin. Dann setzten sich die drei schweigend\nim Wohnzimmer am Kaffeetisch nieder, wo Frau Grasso\nöfter stark zitterte und einmal die Tasse auf den Boden\nfallen liess. Herr Grasso meinte, dies bedeute Glück für\nihre Mutter.\nAbends gegen zehn Uhr schlüpfte sie, nachdem sie\ntagsüber in der Wohnung des Herrn Martin dessen kleine\nKinder-gehegt hatte, über die dunkle Strasse in den Hof.\nSie sah durch das offene Fenster Herrn Grasso allein im\nerleuchteten Wohnzimmer auf dem Sofa sitzen; mit\ntraurigem Gesicht, zusammengesunken, blickte er vor sich\nhin. Der schwerfällige Mann bewegte seine Lippen; sein\nfaltiges Gesicht war sehr schlaff; als er nach dem Fenster\nblickte, schwammen seine entzündeten Augen in Tränen.\nIn einem schmalen Sarge, dicht an der Tür, lag sie.\nIhre Zähne klapperten; ihre Hände flogen, dass sie kaum\ndas Küchenmesser festhalten konnten. Kurz vor elf Uhr\nkam ein Schritt über den Korridor, weich und schleichend;\nleicht rauschte der Vorhang. Ein kleines Licht flackerte,\nund sie erkannte mit einem Blick Mike Bondi. Sie hatte\nihn tausendmal gesehen, sie kannte seine leicht gebeugte\nHaltung, die glatten Haare in der weissen, niedrigen\nStirn, die gesenkten Lider. Aber jetzt erfüllte sie sein\nlautloser Gang mit Entsetzen. Es war ihr, als würde\nsie matt. Dies war nicht der Gang eines Menschen. Sie\nmusste sich strecken, den vollen Arm auf den Mund\npressen, um nicht zu kreischen.\nEr drückte das Licht mit einem Finger aus, als er an\nihr vorüberging. Sie schloss die Augen, und wie sie diese\nöffnete, sah sie Mike Bondi nicht mehr. Aber dort, wohin\ner gegangen war, stand in der Finsternis ein weisser\nSchein, ging lautlos ein gebücktes Skelett langsam weiter,\nschlürfte der leibhaftige Tod. Sie sah noch den Schein\nüber einem Sarg, in den er sich geschwungen hatte. Da\nhallte der schwere Schritt des Herrn Grasso durch das\nGewölbe; er ging an der Frau vorüber, die mit einer\nOhnmacht rang, zündete die Oellampe an. Frau Grasso\nrichtete sich, das Messer zwischen den Zähnen, auf; sie\nstieg hinter dem riesenhaften Mann her, hielt sich bei\njedem Schritt an Pfeiler und Mauer fest.\nVor dem Sarge, in den sich das Gespenst geschwungen\nhatte, warf sich der breite Mann nieder; zwei weisse\nArme hoben sich gegen ihn her; sie sah zurückprallend\ndie offene Jacke und die niedrigen, mädchenhaften Brüste,\nin die sich ein faltiges, nasses Gesicht vergrub. Sie sah\ndas stille Mädchengesicht Mike Bondis sich aufrichten,\nsah, an die Tür zurückweichend, wie Mike den Gebroche-\nnen an sich zog unter zarten Abschiedsworten, wie sie\nsich umschlangen. Sie hatte noch die Kraft, sich in die\nKüche zu schleppen. Zwei Stunden lag sie besinnungs-\nlos. Den Rest der Nacht verblieb sie auf der Polizei-\nwache, wo man die Frau für krank hielt. Erst am\nnächsten Morgen, als Herr Rechtskonsulent Martin geholt\nwurde, gingen zwei Beamte mit ihr in die Wohnung und\nverhafteten den Besitzer und Bondi, die sich nicht wider-\nsetzten.\nHerr Grasso schwieg sich bei den jetzt folgenden\nVerhandlungen völlig aus. Bondis körperliche Unter-\nsuchung ergab, dass man es mit einem etwa zwanzig-\njährigen Mädchen zu tun habe. Man vermochte nicht\nfestzustellen, wer sie eigentlich sei. Erst bei dem Lokal-\ntermin, der nach drei Wochen in dem Gewölbe Grassos\nstattfand, redete sie. Sie äusserte von vornherein, man\nwürde ihr kein Wort glauben, erzählte, dass sie Bessie\nBennet hiesse und aus Senn Fair bei New York gebürtig"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "494", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4467, "texte": "sei. Sie habe vor achtzig Jahren dort gelebt; in ihrem zwan-\nzigsten Jahre sei sie von der Schwindsucht befallen ge-\nwesen und habe im Hospital gelegen. Sie wäre unsäglich\nungern vom Leben geschieden. Sie habe mit dem Tode\ngerungen, wie wenige Menschen, habe es nicht glauben\nwollen, dass sie sterben müsse, weil eine Lunge krank sei\nund sie selbst sei noch zum Springen gefüllt mit Lebens-\nbegier. Die unbekannte Macht, deren Namen sie nicht\nnennen könne, stand da von ihrem Sessel auf und machte\nsie zu einer Dienerin des Todes. Sie durfte wieder-\nkehren, nicht aber zum Tanz. Sie durfte im Namen der\ngütigen Macht töten, was gehen wollte; die törichte Angst\nvor dem Sterben nehmen, sänftigen und rasch beenden.\nSie sei als Helferin unter die Menschen geschickt und\nbringe den liebreichen Tod. Sie hätte Herrn Grasso lieb-\ngewonnen, und es wäre gut, dass sie jetzt schieden, denn\nsie müsste sonst bald für immer seinetwegen sterben.\nEs bestätigte sich, dass eine Bessie Bennet vor etwa\nhundert Jahren in Senn Fair lebte, dass sie im dortigen\nHospital in ihrem zwanzigsten Jahre starb; ihre Leiche\nverschwand aber in auffälliger Weise auf dem Wege zur\nAutopsie; zwei Krankenschwestern wurden wegen Dienst-\nversäumnis trotz ihrer Beteuerungen entlassen; alle Nach-\nforschungen blieben erfolglos.\nAls die Richter bei dem zweiten Lokaltermin die\nFeststellungen erwogen, erhoben sie gegen Bessie Bennet,\ngenannt Mike Bondi, die Anklage wegen Giftmordes in\nzahllosen Fällen. Sie forderten sie auf, unverzüglich das\nPulver zu zeigen, dessen sie sich bedient habe, widrigen-\nfalls man sie auf das Spannbrett legen wolle, das man an-\ngesichts der Scheusslichkeit ihrer Verbrechen werde her-\nvorsuchen lassen. Auch befahl man ihr, endlich das be-\ntuliche Wesen abzulegen und den Richtern frei ins Gesicht\nzu sehen. Bessie, in dem schwarzen Anzug, den sie\nsonst trug, lächelte, aber ihre niedrige Stirn wurde rot;\nsie bat, man möchte ihr die Handfesseln abnehmen und\nsie gehen lassen. Die Richter, in Wut über den Hohn,\nschickten nach den beiden Schergen, um sie zu peitschen.\nAuch der vielen Zuhörer bei der Vernehmung hatte sich\nin Kürze eine unbezähmbare Erbitterung gegen die teuf-\nlische Giftmischerin bemächtigt; sie schickten sich an, von\nihren Plätzen aufzustehen, gegen die Schamlose vorzu-\ndrängen; die Richter verloren die Zügel über die Menge.\nBessie trat noch einmal vor die Richter, sagte leise, ihre\ngebundenen Hände zeigend, sie habe keine Zeit; man\nmöchte ihr doch die Stricke abnehmen und sie heraus-\nlassen.\nEin wüster Bursche schlug ihr von hinten auf die\nSchulter; der Pöbel tobte über die Beute weg. In diesem\nAugenblick legte sich über alle Brüste eine plötzliche Be-\nklemmung. Einer schlug keuchend das Fenster ein, die\nirische Luft half ihm nicht. Ein Richter stürzte mit\nblauen Lippen nach der Tür auf die Strasse und fiel hin.\nDie zehn Richter sassen wie schlafend auf ihren Stühlen.\nDie alte Stille herrschte für einen Augenblick in dem Ge-\nwölbe, unterbrochen von dem widerhallenden Aufschlagen\nvon Körpern. Die Hörer stürzten nach vorn über die\nBänke weg. Die Schwarzhaarige Hess die grossen ge-\nöffneten Augen schweifen. Sie pfiff zornig und scharf\ndurch die Zähne. Ein Mann taumelte von draussen in\nden Raum, packte ihren Arm. Sie berührte sein Haar,\nblies gegen seine Füsse; das Feuer loderte an ihm auf;\nunter heiserem Geschrei stolperte er zurück, krachte zu\nBoden.\nDie Schwarzhaarige hatte sich selbst zusammen-\ngebogen. Sie brannte, sich aufrichtend, ihre Schläfen be-\nrührend, mitten im weiten Gewölbe stehend, gegen die\nDecke in schwarzer Flamme auf, stieg in einer qualmen-\nden Feuersäule über das Haus.\nDer schwere Dampf erstickte die Menschen in allen\nStrassen der Nähe. Gerade zwei Stunden währte die un-\nerhört entsetzliche Brunst; etwa sechshundert Menschen,\nKinder und Frauen, verbrannten.\nDann lag der ganze Stadtteil in Schutt. Tagelang\nnäherte sich niemand den giftigen Dämpfen. Richter und\nBeschuldigte waren zugleich verschwunden. Den lieb-\nreichen Tod sah man von Stund an nicht mehr durch die\nStrassen gehen, gefolgt von seinem weissen, riesigen\nWindhund, der lautlos wie er schritt, mit leeren Augen\num sich blickte. Sondern Kranke sollen in ihren\nDelirien angegeben haben, dass das fessellos weisse Tier\nsich auf ihre Brust schwang, mit seinen leeren Augen sie\nängstigte, mit seinen langen Fängen ihre Kehle eindrückte.\nDie Fabel von dem liebreichen Tod, von der Ver-\ntreibung seiner Gehilfin blieb in dem Lande lebendig."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "494", "page_fin": "495", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.6", "titre_corps": "Balzac", "titre_sommaire": "Balzac", "signature_source": "Otto Stoessl", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "494", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.4", "debut_caractere": 4469, "fin_caractere_exclue": 13758, "texte": "Balzac\nVon Otto Stoessl\nIndem uns das Kunstwerk sein „Dies bin ich\" oder\nsein „So seid ihr\" entgegenhält, erweckt es in uns jenes\nMenschheitsgefühl, das unser höchstes Erlebnis, unser\neigentliches Schicksal, die Religiosität der geistigen Men-\nschen einer entgötterten Erde bedeutet. Die Urformen\ndieser subjektiven und objektiven dichterischen Offen-\nbarung sind Lyrik und Epik. Beide machen die Welt als\nOrdnung und umfassende Einheit sichtbar und leuchtend.\nDas schöpferische Vermögen ist sonnenhaft wie das Sehen\nselbst. Die allwissende Gerechtigkeit der Sprache nennt\ndarum den Dichter auch „Seher\". Der subjektive Schöpfer\nblickt in sich und erschliesst aus der Unendlichkeit seines\nInnern das Wesen der Welt, er ist „anschaulich\", der ob-\njektive sieht von sich ab, er „schaut an\".\nZu diesen objektiven, anschauenden Darstellern gehört\nBalzac.\nDer elementare, innerlich gehaltene, schon durch die\nMystik des Rhythmus zwingende Vers der alten epischen\nGesänge fällt mit der rhapsodischen Unmittelbarkeit des\npoetischen Wirkens. Der „Seher\" legt das Purpurgewand\ndes Priesters ab, ohne auf den Gemütsreichtum seiner\nWeihe zu verzichten. Aber es gibt freilich Schattierungen\ndieser 'Herablassung zur Prosa, welche das notwendige\ndemokratische Uebel des modernen Erzählers bedeutet.\nBalzacs Sprache gewinnt wie die Mimicry von Tieren das\nAnsehen seiner Umwelt, sie passt sich ihrem Stoff an und\nwird — seiner objektiven Natur gemäss — so sachlich\nwie ein Gerät des Gebrauchs. In dieser Zweckgestaltung\nder Sprache war Balzac wie in seinen Motiven der erste\nneue Epiker der neuen Zeit. Wer aber den Herzschlag\neiner Prosa als ihre poetische Rechtfertigung vornehmen\nkann, wird auch in der seinen zuweilen jenes unsachliche\nWunder der elementaren persönlichen Notwendigkeit, jene\nUrkraft erbrausen hören, die mit ihrer inneren Rhythmik,\nihrem auffliegenden Pathos den Dichter ausmacht, zwingt,\nhervortreibt. Da scheint ein Haupt, das abgewandt in die\nWeite sah, uns plötzlich anzuschauen. Im erzählenden\nStil gibt es unvergessliche Momente, wo der Erzähler all\ndas Warum des Erzählens durch einen solchen Blick aufs\nergreifendste verständlich macht.\nInhalt und Wirkung seiner Gestaltungen haben die\nbleibende Gemeingültigkeit der epischen Art.\nBalzac geht aus dem Fankreich der Restauration her-\nvor, aus dem wilden Werden einer unbekannten Ordnung.\nNeue soziale Kategorien werden durch Revolution und\nEmpire zusammengefasst und heraufgeführt. Das Ergeb-\nnis: Kapital und Maschine erobern den Erdkreis ohne\nWaterloo, ohne Napoleon. Der Zeitgeist ist kein Genie,\nder Sieg der Masse sticht allen Einzelwert aus. Es be-\nginnt die Epoche der papierenen Vertretbarkeit, des aus-\ngleichenden Verkehres. Die Gesellschaft wird aus ihren\nbisherigen Gruppierungen und Gebieten gerissen und zu\nneuen Vereinigungen gedrängt, in neuen Existenzformen\nerweisen sich neue Gaben der Anpassung, welche neue\nCharaktere erzeugen, gleichsam eine neue psychologische\nFlora und Fauna in einem neuen geistigen Klima. Die\nUmwandlung erfolgt unter der steten Gegenwirkung der\nvorhandenen Organisationen. So wird mit dem gegebenen\nsozialen Material des monumentalen historischen Auf-\nbaues der neue errichtet, wie man im alten Rom die\nMarienkirche über den Minervatempel stellte und mit den\nSäulen der antiken Heiligtümer die neuen stützte. Ma-\nschine, Kapital, Verkehr, Demokratie, vier Namen für eine\nSache, schaffen in einem fieberhaften Unmass das moderne\nSiadtungeheuer Paris. Dort wird dieser Prozess einer\nunwillkürlichen Neubildung wie in einem Reagenzglase\nsichtbar. Das weite Land draussen kennt die unsterb-\nlichen natürlichen Kategorien der primitiven Ordnung: den\nBauer, Jäger, Hirten, den Handwerker, den grossen Grund-\nherrn, der die irdische, die Kirche, welche die geistige\nSchutzhand über diese Gesellschaft hält. Das Land be-\nhauptet mit der Zähigkeit des Naturgegebenen den wirken-\nden fruchtbaren Widerspruch gegen das fressende Un-\nwesen Stadt. Innerhalb dieser Gegensätze rundet sich\nalles Leben zum Schicksal. Die Stadt bedeutet Bewegung,\ndas Land Ruhe. Vermischung und Ausgleichung setzen in\nder städtischen Demokratie ein und schlagen gegen den\nKonservatismus von draussen ihre Maschinenpranken, als\ngelte es, selbst die Gewohnheiten der Jahreszeiten zu ver-\nnichten, das Surrogat kniet sich dem Produkt wie ein Alp\nauf die Brust.\nDas sind die ungeheuren epischen Elemente des neuen\nDichters, des ersten und grössten der neuen Erde. Er\nhat die Dämonie dieser Gegensätze mit jener schöpferischen\nAnschauung durchdrungen, die den Dichter göttlich\nmacht und mit jenem ruhevollen Mitgefühl, dessen Lust\nder Anschauung und Notwendigkeit der Gestaltung das\nhöchste Mass von Macht bedeutet, das im Leben überhaupt\nzu vergeben ist. Diese Fülle von Figur wird ihrem\nirdischen Gefäss zum Schicksal, das Epos hat seine an-\ngestammte Funktion einer umfassenden Erkenntnis und\ndarstellenden Schlichtung, es ist selbst eine soziale Auf-\ngabe.\nBalzac hat sie vollendet, er war, wie nur einer der\nwenigen Erzähler, der Herr der Dinge; er gab dem Chaos\nOrdnung, indem er es als Ordnung wahrnahm, er erhellte\nes und schied Tag von Nacht, Feste von Wasser. Und\nalles dies mit der schlichten, sachlichen, freilich romanisch\ndurchdringenden Klarheit der Prosa. In seinem Gehirn\ndünkt uns die ganze Erfahrung der Menschheit bis in die\nmikroskopischen Einzelheiten versammelt, das gehorsamste\nGedächtnis bietet sie dem fordernden Augenblick und sie\nerscheinen selbstverständlich und wunderbar, wie am\nersten Tag. Er kennt zum Beispiel die Finten eines Wech-\nselprotestkreislaufes, eines Zivilprozessverfahrens, einer\nBörsenspekulation bis in ihre äussersten Möglichkeiten\nebenso genau, wie die Schliche der Spionage und die\nMethoden der Gauner. Er weiss, dass, wer einmal im\nBagno die Kette geschleift, auch in der Freiheit, wenn auch\nunmerklich, das ehedem gefesselte Bein nachzieht. Er\nsetzt das Verfahren des Buchdrucks und die Arten der\nPapiergewinnung auseinander. Die Wirksamkeit einer\nkomplizierten technischen Arbeit ist ihm gleich deutlich\nwie der Mechanismus des Denkens und Fühlens, und er\nsieht das Ineinandergreifen der menschlichen Regungen,\nwelche sich vor sich selber verbergen wie das offene\nRäderwerk einer Maschine. Immer wieder machen über-\nraschende, doch selbstverständliche Einzelheiten für die\nuntrügliche Wahrheit des Ganzen Beweis und dies mit\neiner Einfalt, die über ihre Genialität gleichsam zu lächeln\nscheint, wie dem schöpferisch Erhabenen eben Bewusst-\nsein und unwillkürliches Walten des Gefühls in eine\nLebenskraft zusammenfliesst. Seine Helden sehen wir noch\nheute in unseren Städten um Troja und Helena kämpfen,\ntrotz einem Odysseus und Achill. Politik, Kunst, Lebens-\ngenuss, Spielerleidenschaft, Weiberlist, Intrige, Ver-\nbrechen, Karriere, Adel, Schönheit, Ehrgeiz, Leichtsinn,\nHabsucht sind in einer Reihe ewig typischer Gestalten\nverkörpert, deren Erlebnisse ineinander verschlungen, doch\ndeutlich heraustreten, wie das Muster in einem Gewebe.\nEine Einsicht, die viel wunderbarer erscheint als die Er-\nfindung, fasst mit der zartesten Sicherheit das wesentliche\nProblem jedes Charakters.\nDie Schicksale der Männer schreiten durch Reihen von\nWeibern hin, der Glanz von Schönheit, von lustvollem\nWeiberfleisch, von sinnlicher Freude und Freiheit macht\neinen verwirrenden Vordergrund aus, von dessen Pracht\ndie schroffen Geschehnisse sich unheimlich absetzen. Die\nFülle dieser Weiberwelt unter, neben, über der männlichen\nwird gleichwohl aufs deutlichste umrissen durch die\ngenial vereinfachende Ueberzeugung: das Weib ist in\nallem Tun, Wollen und Denken durchaus vom Geschlecht\nbedingt, von jenem Schosse, der zur Lust und zur Mutter-\nschaft gemacht, seinen ewigen Funktionen zustrebt. Alles\nErlebnis der Frau ist ihrer Natur, ihrer Lebensquelle zu-\ngewandt und es gibt nur mannigfache Verschwisterungen\nzweier Schicksale: der Mutter und der Geliebten. Aber\nwelcher Blick für diese Abschattungen! Er zeigt einmal\ndie Mutter zweier Söhne. Der eine ist ein kindlich reiner\nKünstler, der andere ein ruchloser Schurke. Die Mutter\nhängt ihr ganzes Herz an den missratenen, eben weil er\nihrer mehr bedarf, und der um ihre Liebe verkürzte Sohn\nversteht als schöpferischer Mensch auch aufs innigste die-\nses schmerzliche Muss der Mutterschaft. Auf der anderen\nSeite die Kurtisane, dazwischen alle Lebensstufen der weib-\nlichen Natur und überall der Heroismus des Geschlechtes\nals die reine Blüte des Instinkts. Er zeigt ein andermal\ndas Martyrium einer verdorbenen Kurtisane, die ein zwei-\ntes, wahreres, weil willentliches Magdtum gewinnt, um\nes zu opfern, einer raffinierten Weltdame letzte Lust der\neifundenen und darum höheren zweiten Unschuld. Er\nsagt gelegentlich über ihren Blick: „es war einer jener\nBlicke, die eine blonde Frau brünett erscheinen lassen\",\nund in einem Scherze formuliert er, was den Frauen-\nzimmern das Genie des Mannes bedeutet, indem er eben\ndiese Weltdame, da sie den scheuen Handkuss eines Dich-\nters empfängt, sich nach dieser Probe „von der Literatur\nsehr viel versprechen\" lässt.\nAlles Männliche aber nimmt gleichsam vom Haupte\nseinen Ausgang und ist vielfältig wie das Denken selbst.\nEr fesselt jeden Mann an sein typisches Schicksal\nund die Zahl der ewig sinnbildlichen Ereignisse lässt sich\nnicht einmal beiläufig angeben, denn seine Komposition"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "495", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3244, "texte": "kennt keine Nebenfiguren und keine unentschiedenen Kon-\nflikte, sondern schliesst in ihrer ineinandergreifenden Glie-\nderung die Probleme aller Berufe, Stände, Individuen zu-\nsammen wie steinerne Pfeilerbündel, die das Gewölbe\ntragen. In eine Erzählungsreihe tritt der junge Provin-\nziale, der Paris erobern will, von einem Verbrecher ge-\nfördert, von Frauengunst getragen, und von der eigenen\nHaltlosigkeit endlich gestürzt wird. Gleich steht ihm der\nungeheure Missetäter zur Seite, welcher von der Einsicht\neines Gottes zum Weiberfeind bestimmt wird, denn wenn\ndas Genie des Verbrechens die endgültige Verneinung der\nGesellschaft bedeutet, muss es von der Natur selbst zur\nUnfruchtbarkeit verdammt sein. Und auf die Spuren die-\nses erhabenen Ungeheuers tritt wieder der lauernde Spion,\nauf ihn folgt der Richter und erlebt an seinem Objekte\nseinen tragischen Konflikt, indem der Richter nicht Diener\neiner absoluten, sondern einer relativen Gerechtigkeit\nbleibt, kein zwingendes, sondern ein letzten Endes will-\nkürliches, relatives, bezwungenes Gesetz verwaltet, so dass\nder Schutz der ihm anvertrauten Ordnung zuweilen die\nBefreiung der Schuldigen, nicht die Strafe verlangt. Der\neinzelne setzt das Recht des Stärkeren selbst gegen das\nGewissen des Gesetzes durch. Es gibt eine Legitimität\ndes solidarischen Unrechts. Und in der gleichen epischen\nReihe stehen die Verwickelungen der Politik und Ver-\nschwörungen; Ehrgeiz und Habsucht liegen wie Spinnen\nauf der Lauer; das Leben der Menschen vergegenwärtigt\ndie allgemeine furchtbare Friedlosigkeit der ganzen Natur,\ndie fortgesetzte Vernichtung zu ihrer Erneuerung verlangt.\nSo kehren auf wechselnden Schauplätzen verwandte Er-\neignisse wieder, kein Geschehen mündet ins Leere, kein\nFaden verliert sich, vielmehr reicht jeder in die Ferne und\ndie Anschauung ist so vollkommen, dass sie im Keim\nder Gegenwart den künftigen Baumriesen der Entwickelung\nvorherbestimmt und nichts Folgenloses auch nur denken\nkann. Balzac spricht vom Journalismus, der aus einem\nBeruf eine Eigenschaft geworden ist und durchdringt diese\nPest des Gedankens so ganz, dass uns heute ein Schauer\nüberläuft, da wir erleben, was -er voraussah. Es ist, als\nzeige eine Hand aus dem Grabe.\nUnd inmitten des gewaltigen Stromes von Handlung\nund Erscheinung blitzt wie tausendfältige Sonnenbilder im\nWasser Erfahrung in unvergesslichen Worten auf. Nur\neines dieser unzählbaren Worte will ich wiederholen: „Die\nMacht beweist sich selbst ihre Kraft nur durch den selt-\nsamen Missbrauch, dass sie irgend eine Absurdität mit\nden Palmen des Erfolges krönt, und zwar dem Genie zum\nSpott, der einzigen Kraft, die die absolute Macht nie er-\nreichen kann.\"\nDiese Erfahrung, in einem Satz eine Welt ergreifend,\nwar in diesem einzigen Manne einer Kraft gesellt, welche\nder ungeheuren Organisation des Lebens eine künstlerische\ndes Abbildes entgegenhielt, deren Geist und Reichtum der\nWirklichkeit gewachsen war, ja sie zu übertreffen scheint.\nEs ist die Erhabenheit der epischen Sendung: sie\nkommt aus ihrem Tag, aber sie überholt ihn durch die\nMacht ihrer Anschauung und ordnenden Erkenntnis um\neine Ewigkeit. Die Dichtung ist dem Leben soweit voraus,\nwie die Menschheit dem Menschen. 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Nach\neiner deutschen Einleitung sprach Pitroff russisch. Beim\nKlang dieser fremden Stimme, die den ganzen Saal, die\nSituation zu verändern schien, begann Hugo sich zu\nschämen. Es war nicht mehr an der Zeit, Alfreds Frage\nzu beantworten, also zeigte er wenigstens durch eine\nGegentrage seine Teilnahme: „Was haben Sie gegen diesen\nPitroff? Kennen Sie ihn?\"\nAlfred hatte dies vielleicht erwartet, denn er ant-\nwortete sehr bestimmt und vorsichtig: „Gestatten Sie zu-\nnächst, kennen Sie ihn?\"\n„Nein, gar nicht . .\n„Aber er ist doch . . . angeblich . . . Herrn Nuss-\nbaums Freund.\"\n„Was wollen Sie damit sagen,\" fuhr Hugo auf, un-\nwillkürlich Alfreds stramm studentisches Wesen nach-\nahmend. „Ich kenne auch Herrn Nussbaum nicht. Mit\nAusnahme dessen, dass wir uns einmal bei einer Kegel-\npartie angegrobst haben, ist mir dieser Herr gänzlich\nfremd und gleichgültig ...\"\n„So, das freut mich. Dann kann ich es Ihnen ja\nsagen . . . Dieser Nussbaum . . .\"\n„Warum spricht er eigentlich? Was für Zwecke ver-\nfolgt er mit dieser Versammlung? . . .\"\n„Ein Mandat natürlich.\"\n„Also nicht wegen seiner Verwandten . . .\"\n„Keine Spur.\"\nHugo dachte daran, wie oft er über diesen einen\nMenschen schon seine Meinung geändert hatte. Und wahr-\nscheinlich war auch diese neue Idee falsch, einseitig. Es\nist wirklich nicht leicht, fiel ihm ein, über Leute zu ur-\nteilen, besonders für einen jungen Menschen nicht . . .\nVielleicht ist auch Irene ganz anders . . . Seine Gedanken\neilten wieder zu ihr.\n„Aber davon wollte ich auch nicht reden . . . Kom-\nmen Sie wieder unter die Galerie, da sind wir ungestört\n. . i. sondern dieser Pitroff interessiert mich nur . . . Also\nich habe herausgebracht, dass Nussbaum den Herrn Pi-\ntroff erst seit einiger Zeit kennt. Trotzdem stellte er ihn\nüberall als alten Freund vor. Das muss doch seine Gründe\nhaben . . . Sind Sie auch morgen in Eichwald?\"\n„Ja. Fräulein Irene hat mich eingeladen.\" Hugo\nwunderte sich, wie er den Namen so gleichgültig von der\nZunge bringen konnte.\n„Und abends im Rathauskeller?\"\n„Nein . . . aber wie hängt das mit Pitroff zusammen,\nich bitte.\"\n„Was? Sie wissen also noch gar nicht, dass sich\nmeine Cousine Kamilla morgen abend mit Pitroff verloben\nsoll? Sie wissen nicht? . . . Mit Pauken und Trompeten.\n. . . Aber das muss verhindert werden, ich mache ihm\nheut einen Tanz, wenn's gelingt . . .\"\nHugo begann zu verstehen. Also durch die politische\nGegnerschaft blickte eine Liebe durch. . . .\nAlfred aber kam ihm zuvor: „Glauben Sie nicht, dass\nes wegen des Mädchens ist. Ein Mädel, ich bitf Sie, ein\nStück Fleisch mit Augen ... Sie tut mir nur leid. Da\nsoll sie diesen wildfremden Menschen nehmen, einen an-\ngeblich guten Bekannten von Herrn Nussbaum . . . Diesen\nFamilien ist doch jeder Bräutigam recht. Man hat sich er-\nkundigt, gut. Moneten hat er, irgend eine Zwirnfabrik\nin Petersburg. Und da soll das Mädel, einfach mir nichts,\ndir nichts, über die Grenze geschafft werden . . .\"\n„Sie will nicht? . . .\"\nPitroff sprach wieder deutsch. Er lächelte höflich und\nunbedeutend. Manchmal stiess er die Luft durch die\nNase aus, wenn er sich auf ein Wort nicht besann. Man\nlangweilte sich.\n„Aha, da sind sie schon!\" rief Alfred.\nIn der Türe zeigte sich eine Anzahl gleichgekleideter\njunger Leute, alle in Touristenhemden, grüne Jägerhütchen\nauf dem Kopf.\n„Wer?\"\n„Der Turnverein, — meine Freunde.\"\nDie Neuangekommenen drängten in den Saal und stell-\nten sich längs der Hinterwand auf. Plötzlich rief einer\nvon ihnen laut: „Kellner, ein Bier . . .\"\nPitroff stutzte, er glaubte, man frage ihn etwas, und\nhielt ein.\n„Ein Bier, ein Bier . . . Zwei Biere,\" schrien die\nTurner und stampften mit ihren Stöcken auf. „Wirtschaft,\nWirtschaft . . .\"\nEinige im Publikum lachten. Man schickte den Kell-\nner zu den neuen Gästen. Jemand vom Komitee verstand\nschon die ernstere Seite der Sache; mit seinem Arm, den\neine rote Binde schmückte, bahnte er sich von den ersten\nReihen aus schnell einen Weg zu den Fremden hin. Ein\nAusschussherr auf dem Podium drang in Pitroff, weiter-\nzureden.\n„Ein Bier . . .\" brüllte der Verein, einzeln abwech-\nselnd und im Chor. Die Zuhörer platzten in lautes Lachen\naus. Der Ordner, endlich bei den Störern angelangt, be-\nschwor sie: „Meine Herren .. .\" Die Eindringlinge\nmissverstanden ihn absichtlich und, als sei er der Kellner,\nzankten sie mit ihm: „Nun, Biere, wird's bald?\" . . .\nPitroff oben lehnte sich an den Tisch und nahm seine Rede\nwieder auf, obwohl niemand mehr aufmerkte . . »\nIn diesem Moment beugte sich Alfred Popper weit\nvor, hing förmlich über dem benachbarten Tisch, eine\nHand stützte er auf den Sessel, eine an die nächste Säule,\nso dass er sich hoch emporhob und von hier aus, mit weit-\ngeöffneten Augen, liess er einen schrillen Pfiff ertönen.\nEr schwenkte den Hut und rief, sich fallen lassend: „Ab-\nzug!\"\nDies war das Signal. Sofort stimmten die Turner\nein: „Abzug, Abzug Pitroff,\" und drängten in einem Keil\ngegen die Tribüne vor. Der Ordner wurde zu Boden ge-\nworfen. Gläser klirrten. Die Frauen kreischten entsetzt\nauf. An allen Tischen waren die Leute aufgesprungen und\nschon begannen die Arbeiter und die Turner einander zu\nprügeln. Vergebens mahnte der Kommissär mit seiner\ngleichmütigen Stimme, sie verhallte in dem Trubel. Da\nnahm er seine Kappe und erklärte die Sitzung für auf-\ngelöst. Die Ausschussmitglieder verliessen das Podium,\njeder um seine Familie besorgt. Der Wirt hetzte, laut\nfluchend, seine Kellner ins Getümmel. Jemand zahlte,\nandere flohen schreckensbleich. „Polizei\" wurde ge-\nrufen. Man hatte zwei Nebentüren geöffnet und durch\ndiese ergoss sich der Strom der Aengstlichen, wenig neu-\ngierig nach dem weiteren Verlauf. Zugluft entstand, kalte\nWindstösse drangen ein und die Lampen begannen zu\nflackern, zeitweise sich ganz zu verdunkeln, so dass es den\nAnschein hatte, als setze sich die Verwirrung auch in die\noberen Regionen fort ... In der Mitte des Saales aber,\num Pitroff, der, plötzlich lebendig geworden, gestikulierte,\num Nussbaum, dessen Stimme erdröhnte, um Alfred, der\nwie wahnsinnig schrie und um sich stiess, war ein wil-\ndes Gemenge entstanden. Man sah Hüte davonfliegen,\nerhitzte Gesichter, geschwungene Stöcke, stürzende Tische.\nDie Parteien spien einander alte Vorwürfe ins Gesicht.\nEine Ohrfeige knallte, einige rangen miteinander am\nBoden. Das fortgesetzte Geschrei ballte sich zu einem\neinzigen langen Ton zusammen .. . Hugo blickte be-\ngeistert in den Wirbel. Kampf also, Leidenschaft, und\nwar es auch Politik, nicht Liebe — hier fühlte er sich\nwohl, hier war er zu Hause. Er hob die Fäuste. Und\nIrene retten! Mit plötzlichem Entschluss warf er sich\nmitten in die Raufenden, den Kopf voran, eine stählerne\nHärte fühlte er in seiner Stirn, sprengte die feindlichen\nReihen, trat mit den Füssen auf andere Füsse, kletterte über\nBeine hinauf und über Sessel hinunter. Jetzt war er da.\nEr sah Irenens wehenden Schal, den Hut, noch einen\nSchritt . . . Irene stand zwischen Dr. Taubeiis und Nuss-\nbaum, die mit ihren hohen Gestalten, höher noch als sie,\nihr freien Weg machten. Auch sie ragte über das Ge-\nmenge, jedenfalls über Hugo hinaus, der wie ein Stöpsel\nzu ihren Füssen anrollte. Sie beachtete ihn gar nicht.\nSie sah ihn vielleicht nicht einmal, von den zwei Tünnen\nan ihren Seiten mit fortgezogen. Er drehte sich unten\nzwischen Bäuchen, an Westen und Rockknöpfen vorbei,\nim Dunkel, im Lärm und Gewühl, Kniescheiben drückten\nsich um seinen Schädel herum. Jetzt sah er es ein: er\nwar zu klein — einfach zu klein — . . . Er erstarrte vor\nSchmerz über diese Erkenntnis, alle Tatkraft verliess ihn.\nEine Weile nachher war Irene mit ihren Begleitern ver-\nschwunden und der geteilte Haufe schloss sich wieder um\nHugo zusammen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c008", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "495", "page_fin": "496", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.8", "titre_corps": "Dymow", "titre_sommaire": "Dymow", "signature_source": "K. 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Mit und ohne Aristoteles. Es gibt\nzahlreiche Dramen, die an Technik und Routine nichts zu\nwünschen übrig lassen und bei denen doch alles zu wün-\nschen übrig bleibt. Dymow ist ein Dichter. Seine Per-\nsonen sind Menschen, denen zu ihrer Menschheit nur ein\nWeniger an Nuancen fehlt. Mit anderen Worten: sie sind\nzu lebenswahr. Es ist ihnen zuviel Lebensindividuelles\ngegeben, worunter stets das Kunstwahre leidet. Aber\nDymows Menschen interessieren. So etwa, wie uns\nunsere Freunde und Bekannte interessieren. Das genügt\nfür das Theater, aber nicht für die Kunst. Wenn man\nnun den Verfasser einen Dichter nennen kann, das heisst\neinen Schaffenden, der Geschautes sagt, so gibt ein so ent-\nstandenes Werk mehr als rethorisches Temperament und\nTechnik des Dramas es vermögen. Nur der Künstler,\ndas heisst die kunstvolle Persönlichkeit, kann einen Orga-\nnismus erstehen lassen. Beim Dichter wird das Geschaute\nim Drama stets als feine, gute und auch tiefe Anmerkung\nwirken. — Die Darstellung versagte nirgends. Eine voll-\nendete Leistung kann eine zu einem bestimmten Zweck\nzusammengestellte Vereinigung von Schauspielern nie er-\nreichen. Trotzdem bleibt die Regie von Rudoli\nB 1 ümn e r anzuerkennen, die ohne dekorative Mittel\ndichterische Stimmung schuf und psychologisch ana-\nlysierte. Blümner spielte selbst eine komische Rolle, wirk-\nlich von innen heraus humoristisch und ohne Mätzchen,\nwie es die Herren Komiker sonst belieben. Marie\nBorchardt ist ganz talentvoll, als kleine Studentin sehr\nrührend. Als Frau fehlt ihr die Sicherheit des Erleb-\nnisses. Aber Erlebnisse kann ja jeder auf der Welt reich-\nlich und billig haben. Ludwig Ha r tau versuchte\nsich meines Wissens zum erstenmal in einer realistischen\nRolle. Etwas Schillerpathos steckte noch in ihm, aber\nHartau ist ein so vorzüglicher Schauspieler, dass die\nRedensart von den Entwickelungsmöglichkeiten bei ihm\nkeine ist. Fräulein H ardegg war zu sehr „Duse\".\n\nK. 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Der Ehbock hat die bunte\nKuh auf den Markt gebracht. (Concordia soll ihr Name\nsein.)\n„Bei jeder Gelegenheit, bei der die Kritik einstimmig\nund freudig die heiteren Novellen und Skizzenbücher\n(des weinfrohen Poeten) als Werke eines echten deut-\nschen Humoristen begrüsste, erhofften die Kritiker ein-\nmal einen Roman des lachenden rheinländischen Dich-\nters, der unter den Lebenden der berufenste\nwäre, einen echten humoristischen Ro-\nman zu schreiben. Nun hat er ihn be-\nschriebe n.\"\nDie einstimmig geäusserte Hoffnung der Kritik ist\nalso in Erfüllung gegangen.\n„Der Roman ist in all seiner Munterkeit erfüllt von\nunerschütterlichem Glauben an das Leben und an die\nKraft tüchtiger, gesunder Menschen ... ein übermütiger\nSchalk lugt und lächelt hinter den menschlich inter-\nessanten Episoden hervor . . .\"\nMehr kann die Kritik nicht verlangen. Der uner-\nschütterliche Glaube, mit dem der übermütige Schalk ins\nLeben lugt, ist die sicherste Gewähr, dass seine tüchtige\nGesundheit ihn noch öfter befähigt, die Hoffnungen der\nKritik zu erfüllen.\n2 / Lyriker\nMit der Lyrik ist es immer noch eine böse Sache.\nMan kennt sich so schwer aus. Aber immerhin: einen\nSinn müssen die Gedichte doch haben! Bei den Lyrikern\ndes „Sturm\" muss man sich da oft wundern. Die Leute\nsind doch manchmal gar nicht unintelligent. Aber wenn\nsie Verse dichten —! Kurzum: man wundert sich. Es\nist am besten, ich lasse hier einige Gedichte folgen, die\nbeweisen mögen, dass man dichten und doch verständlich\nsein kann:\nMein heisses Haupt wühlt in den Kissen,\nEs ist schon tiefe Mitternacht,\nGlocken weinen sturmzerrissen,\nAengstlich in der wilden Nacht.\nDie Sterne und die Welt verglimmen,\nDer Wind pfeift um die Dächer schrill —\nSo weinen heisre Menschenstimmen.\nIch fühle, dass was sterben will.\n(Der Tag Nummer 96 vom 25. IV. 1911)\nAus derselben Ausgabe desselben Blattes:\nWas soll dir der Sonne Strahl,\nWas des Lenzes Blühen?\nWenn du fühlst zu deiner Qual\nDeine Jugend fliehen?\nDoch es ist zu deinem Glück\nHoffnung dir gegeben:\nBiomalz verleiht zurück\nJugendkräft'ges Leben!\nAuch Fritz Engel ist dafür, dass Lyrik Sinn haben\nmuss. Er hat es erst kürzlich bewiesen, als er den\nSchneider aus Wittstock über Metrik unterrichtete. Er\nlässt in seinem Zeitgeist so singen:\nDie Sonne sank.\nDer letzte rote Schimmer\nentfloh der Nacht.\nNiemand hielt Wacht.\nDer letzte Wellenflimmer\nim See ertrank.\nMüde birgt der Mut\nsich in der Nacht . .\nDer Tag versprühte —\nwas in ihm glühte,\nvergurgelt in Vergessenheit\nlautlos in der Zeit —\nniemand hält Wacht . . .\nZwanzig Zeilen tiefer gibt sich ein Denker in Apho-\nrismen. Hier sind zwei:\nNur wenn sie im Augenblicke wurzeln, können Liebe\nund Vertrauen beständig sein.\nJeder Dichter muss zugleich ein liebevoller Sammler\nsein —\nvon Erfahrungen.\nDas stimmt. Die Erfahrungen, die Fritz Engel allein\nbeim Sturm gesammelt hat, haben seinen Genius schon\nöfter beflügelt.\n3 / Wunderknabe\nEs kommt mir erst heute in die Hand, aber es ist\nnie zu spät. Vor einigen Monaten weinte Herr Georg\nHirschfeld im roten Tag über das Geschick der Wunder-\nkinder. (Anlässlich des jungen Korngold.)\n„Zeigte sich nicht als spukhaftes, atembeklemmendes\nSymbol die Tragik des Künstlers, der immer ein hilf-\nloses Kind bleibt und eine Stunde lang tausend Seelen\nbeherrscht, um kurz darauf nach einer einzigen zu\nsuchen?\"\nEs kommt im weiteren zu folgendem Satz:\n„Die Blume Künstler-Einsamkeit will einen ver-\nschlossenen Garten, wunderbarst gewiss bei einem\nKinde.\"\nUnd endlich:\n(„Meine Berechtigung, dies hier auszusprechen, leite\nich von eigener Erfahrung ab. Ich denke an das süsse,\nschauerliche Jahr der „Mütter\", als ich selbst noch eine\nArt Wunderkind war. Nachdem mich tausend Hände\nim Theater willkommen geheissen hatten, sehnte ich\nmich sofort nach einer einzigen Seele und entwarf als\nmein nächstes Werk einen Roman. Ich hatte natürlich\nmit zweiundzwanzig Jahren keine verantwortlichen\nHüter mehr, aber ein Kind war ich doch noch, und die\nVerantwortung trug das „Schicksal\".)\nDas war vor sechzehn Jahren, als Herr Hirschfeld\nkeine verantwortlichen Hüter mehr hatte. Wie unver-\nantwortlich das Schicksal mit ihm umging, ermisst man\naber erst, wenn man bedenkt, dass es ihn nach sechzehn\nJahren einen verantwortlichen Redakteur finden Hess, der\ndiese Klage der Oeffentlichkeit übergab.\nWunderkuabe! 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Mai, abends 8 Uhr\nSalon Cassirer, Viktoriastrasse Nr. 35\nQeorg Heym-BSSSS\nBilletts a 2,50 Mk. u. 1,50 Mk. bei Edm. Meyer,\n:: Potsdamer Strasse, und an der Abendkasse. ::"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c014", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "497", "page_fin": "497", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "497", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 120, "texte": "Neue Sezession\n|>ritte fi nssteltuiig\nB ■\n! 1\nH ■\nS B\n2 ®\ns »\n9B§\nSerlin U. 1\nan der Xaiser-liHIhelm-Gedachtiiis-JCirche"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c015", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "498", "page_fin": "498", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "498", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 149, "texte": "DIE TAT\nWEGE ZU FREIEM\nMENSCHENTUM\nVIERTELjAHRL.M.2 HEFT M.0,80\nEINE MONATSSCHRIFT\nHERAUSGEGEBEN VON\nERNST HORNEFFER\nVERL. 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Italienisch\nB. Franzosisch\nOMNE TULIT\nPUNKTUM\nI QUI MISCUIT\n! UTILE DULCl\nJeder Lehrer, jede Lehrerin,\nJedermannmuss Dr. Rebajoli's\nAutodidakt gebrauchen, um\nleicht und griindlich Fremd-\nsprachen zu lernen.\nJede Sprache in 33 Lektiorien.\nEpochemachende Neuheit\nVerlag F. HARNISCH & Co., Berlin W57."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c019", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "498", "page_fin": "498", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "498", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.8", "debut_caractere": 902, "fin_caractere_exclue": 1203, "texte": "S w\nVerlag „Der Sturm\"\n:\\ / «\n5 Wir iibernahmen inunaernV erlag ■\n■ Herwarth Walden j\n| DAFNISLIEDER j\nFur Gesang u. Klavier / 52 Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi- £\nkalienhandlungen oder direkt 5\ndurch den Verlag DER STURM\nHalensee / Katharinenstrasse 5 J\n8\n■•■■■■■■■■■■■■■■■■■a■■■■•■■■■■■■"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c021", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "498", "page_fin": "498", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.21", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "498", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.8", "debut_caractere": 1205, "fin_caractere_exclue": 1808, "texte": "EDMUND MEYER\nBuchhandler und Antiquar\n98§§§g BERLIN W 35 Bg§BSB\nAnkauf einzelner Werkc\nund ganzer Bibliotheken\nSoeben erschien: Katalog XVIII: Llteratur\nOeschichte, Kunstgeschichte, illustrierte\nWerke in deutscher, englischer, fran-\nz6s. Sprache zu besonders billigen Preisen\nDemnSchst erscheint: Katalog XXI / Kunst-\nblatter: Portrats, Stadteansichten, Berliner\nBlatter, Karrikaturen, Flugbiatter, neuere\nund altere Genrebilder, Blatter von\nMenzel, Beardsley, Rops, Stammbucber\nSilhouetten, JapanblJttter etc. etc.\nKataloge / gratis und franko /\nbitte direkt zu verlangen\nAngabe von Desideraten efbeten"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c022", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "498", "page_fin": "498", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.22", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "498", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.8", "debut_caractere": 1810, "fin_caractere_exclue": 2614, "texte": "Die sparsame Hausfrau ittil •&£.*£\nsich aus, was Sie im Jahre fiir den Bedarf an OlQhkorpern ausgeben. —\nWie oft kommt es vor, daß der Korper schon beim Abbrennen entzwel-\ngeht. — — Nehmen Sie einen guten Rat an und verwenden Sie nur\nHartalin-Gliihkopper D. R. P. 203467\nDiese Korper besitzen den Vorteil, daß Sie dieselhen wie ein Tuch zusammen-\ndrucken k6nnen, ohne daß der Korper darunter leidet. Hartalin-Glfihkorper\nhaben eine Leuchtkraft von 100 K. und Sie erzielen damit eine Gasersparnis von\n508/o. Brenndauer gar. I Jahr. REFERENZ! Ffir die Straßenbeleuchtung Berlins\nbereits fiber 200600 Stck. geliefert. Versuchen Sie esmit einer Probesenaung von\n3 Stck., Prels p. Stck. 50 Pfg. od. veriangen Sie den Besuch unseres Vertreters\nVersandhaus Cham. und Tachn. Nanheiten\nBERLIN SW. 68 Kochstraße 72"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c023", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "498", "page_fin": "498", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "498", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.8", "debut_caractere": 2616, "fin_caractere_exclue": 3243, "texte": "Privatbeamte und Ange=\nhorige der freien Berufe!\nSorget fur Eure Zukunft und die Eurer Familie\ndurch Anschluss an den zur Vertretung der wirtschaftlichen, so-\nzialen und rechtlicheu Interessen der Privat-Beamten gegrundeten,\ndurch landesherrl. Verleihung m. Korporationsrecht. ausgestattet.\nIHTKIEIriITIMIIMTII-Tillll 21 HiCDEBSHC\nZirka 28 000 Mitglieder in zirka 500 Zweig-\nvereinen, Verwaltungsgruppen u. Zahlstellen.\nNeben Pensionskasse, Witwenkasse, Waisen-\nkasse, Begrabniskasse und Krankenkasse sehr\nwertvolle Wohlfahrtseinrichtungen\nQesamtvermogen: Ueber 16 Millionen Mark\nHalbjahrl. Beitr. 3 M.:: Man verl. 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Berger, Berlin W35\nPotsdamer Strasse 111\nAbschrift: Sehr geehrter Herr!\nVon vielen Zahnschmerzen bin\nich nunganzlich befreit durch die\nAnwendung Ihres preiswerten\nMittels. Daher empfehle ich es\nJedem, der von Zahnschmerzen\ngeplagt ist. Mit herzlichem\ntank bescheinigt dies Helene\nKleemann, Rosengarten,\n:: Frankfurt an der Oder ::"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c025", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "498", "page_fin": "498", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "498", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.8", "debut_caractere": 3748, "fin_caractere_exclue": 3798, "texte": "k\nA\nWuo|c OrftJ\nJuJVoU ic*A\n(/VuJUl^\n,WA*fc,*\n-If!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-13-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-13_01#c026", "volume": "bmtnabg_1911-05-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "498", "page_fin": "498", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "498", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.8", "debut_caractere": 3800, "fin_caractere_exclue": 4078, "texte": "THRICHOPHIL\n| F1.M.3,00 F1.M.3,00 ■\n| ■■■■■■■■■■■■■■■ == nur beim Fabrikatiten: = ■■■■■■■■■■■■■■■\n| Otto Teutscher/Friseur S\nI. 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Lovis Corinth, der letzte Epigone Naturalis-\nmus, ist als Fleischmaler berühmt geworden. So berühmt,\ndass er jetzt als Präsident der Berliner Sezession mit\nBanalitäten die Ausstellung eröffnen darf. Im Reden ver-\nbirgt er seine Gedanken. Merkwürdig, wie naiv manche\nKunstausübende der Kunst gegenüberstehen. Herr Corinth\nglaubt allen Ernstes, dass Cezanne s o malte, weil er als\nSüdfranzose geboren wurde, Gauguin so malte, weil er\nsich auf den Südseeinseln aufhielt, und van Gogh weiter\nals seine Vorgänger ging, „indem er dicke Farben auftrug\nund durch Nebeneinandersetzen reiner Farbenteilchen in\nder Ferne für das Auge eine desto lebendigere Wirkung\nerzielte\". Man kann sich nun wenigstens eine Vorstel-\nlung über Corinths Malweise machen. Herr Corinth\nmalte so, wird es später heissen, weil er in Berlin NW.,\nKlopstockstrasse 48, wohnte und weil er durch Aufein-\nandersetzen unreiner Farbenteilchen in der Ferne immerhin\nfür das Auge eine lebendigere Wirkung erzielte. Man\nkann diese Kunsteinteilung nach Belieben fortsetzen und\ndie angenehmsten Ueberraschungen erleben. Das unlite-\nrarische Adressbuch bekommt eine farbige Nuance. Aber\nHerr Corinth weiss noch viel mehr. „Nun, nachdem all\ndiese Kulturen bis zur Neige ausgekostet waren und die\nBlasiertheit der überkultivierten Franzosen eine gewisser-\nmassen konzentrierte Primitivität ersehnte, warf man sich\nauf die kindischen Stammeleien der Naturvölker.\" Gut,\ndass Herr Corinth diesen Satz nicht malen muss. Man\nversuche ihn zu sehen, und er wird viel Spass bereiten.\nSonst aber ist er „gewissermassen\" Blödsinn. Aber für\nHerrn Corinth erscheint er „als Quellmotiv der Arbeiten\nvon Matisse\". Und die Nachkommen von Matisse haben\nnach Corinth „für ihre Rätselkunst, die nichts mehr mit\nder freien edlen Kunst gemein hat, Lehren aufgestellt, die\nder Geometrie entnommen scheinen\". Herr Corinth sollte\nsich lieber nicht mit dem Bilderdeuten einlassen. Er tritt\nzwar für die deutsche Kunst ein: „Die deutsche\nKunst wird da sein, ohne unser geringstes Zutun und un-\nabhängig von der geographischen Lage, wo Maler ar-\nbeiten\". Also für Deutschland kommt Herr Corinth mit\nder Geographie wieder nicht aus. Ja, um Gottes willen,\njetzt ist man ganz im Weltraum verloren. Herr Corinth\nkennt „deutsche Künstler, die denen anderer Länder eben-\nbürtig sind und durch ihre starke Individualität hervor-\nstechen\". Und verheissungsvoll schliesst er seine bedeut-\nsamen Ausführungen: „Für Talente in der Zukunft wird\neine gütige Vorsehung Sorge tragen.\" Er braucht die\nDame nicht zu bemühen, Talente haben wir die Menge,\nin Deutschland und in Frankreich, sie sind auch bis auf\ndie Nationalität ebenbürtig. Aber Genies, Herr Corinth?\nSie haben recht, Nachahmern kommt keine künstlerische\nBedeutung zu. Es ist aber gleichgültig, ob sie ihre Vor-\nbilder in Frankreich oder in Deutschland finden. Die her-\nvorstechenden deutschen Talente sind schon „gewisser-\nniassen\". Daher können ihre Bilder kaum noch abfärben.\nDie gütige Vorsehung möge für recht viele Genies in\nDeutschland, wie van Gogh und Cezanne, Sorge tragen.\nDann erst wollen wir uns getrost auch ihre deutschen\nNachahmer gefallen lassen. Auf keinen Fall aber ihre\nSchreibereien.\nWichtig für die Presse\nZu der stimmungsvollen Feier hatten sich mit dem\nDirektorium . . . zahlreiche Ehrengäste, die Vorstände . .\nVertreter der städtischen Körperschaften, der Gewerbedepu-\ntation .. . eingefunden. Die Emporen säumte ein reicher\nDamenflor. Unter den Klängen aus Wagners „Tannhäuser\" —\nam Dirigentenpult des Orchesters stand Translateur — hielten\ndie ... Damen und Herren ihren Einzug. Auf der von\nPalmen und Lorbeer umgebenen Estrade mit Kaiserbüste\nund .. . Banner hatten .. . Platz genommen. Nach\neinem Männerchor begrüsste Herr ... die Erschienenen aufs\nherzlichste. Er gedachte des Heimgangs August .. ~ der\nseinem Bruder Karl schnell gefolgt sei, und hob das vorbild-\nliche Wirken dieser genialen Männer hervor. Die Ansprache\nschloss mit einem Hoch auf den Kaiser . . . Zum Schluss dankte\nHerr . . . den Treudienenden und wünschte ihnen Gottes\nSegen für die Zukunft. Die Stadtverordneten Giese und Max\nSchulz überbrachten die Glückwünsche der städtischen Behörden\nBerlins. Generaldirektor . . . dankte für alle Ehrungen, widmete\nseinem lieben Freunde August . . . einen aus bewegtem Herzen\nkommenden Nachruf, gelobte, im Geiste des Gründers weiter\nvorwärtszustreben und wandte sich mit warmen Worten an die\nAngestellten, die er um fernere treue, eifrige Mitarbeit ersuchte.\nSein Hoch galt den Gästen des Festes. — Nach ihm sprach\nder Vizepräses . . . Worte des Dankes und der Anerkennung . . .\nNamens der Treudienenden gab Herr Lawatsch den Empfindungen\nder Liebe und Verehrung . . . beredten Ausdruck. Den Dank der\nEhrengäste übermittelte Direktor Kilp. Nach dem mit dem\nNiederländischen Dankgebet schliessenden Festaktus wurden die\nAuszeichnungen verteilt . . . Die Veranstaltung hatte, abgesehen\nvon dem speziellen Zwecke, eine allgemeine symptomatische\nBedeutung, die sie über das Niveau einer internen Angelegenheit\n.. . hinaushebt. Es war ein Triumph des patriarchalischen,\nalso eines seltenen, fast möchte man sagen, unmodernen Ge-\ndankens .. . Daneben freilich war es auch eine würdige\nGedenkfeier für die beiden weitblickenden und auf dem Boden\nder echten, altberlinischen Reellität arbeitenden, verstorbenen\nKoryphäen . . ~ die neben ihrer . . . Betriebsamkeit den ganz\nmodernen sozialen Gedanken hochhielten. M.\nMit diesen stimmungsvollen Zeilen wurde das Prä-\nmiierungsfest der Firma Aschinger geschildert. Die\nzu Feiernden sind in diesem Falle 272 Angestellte, die auf\neine ununterbrochene zehn-, sechs- oder dreijährige Tätig-\nkeit in den Stehbierhallen zurückblicken konnten. August\nund Karl sind keine Könige, sondern die Begründer der\nweiss-blauen Lokale, die Herren Aschinger. Geloben wir\nuns alle, im Geiste der Gründer weiterzustreben. Die\nganze Feierlichkeit und ihre Schilderung erschien mir so\nwertvoll, dass ich sie hier wörtlich aus dem „Lokal-\nAnzeiger\" wiedergebe. Man wird leicht herausfinden, dass\ndiese Feier und ihr Bericht für alle Festlichkeiten, für Hof-,\nBürger- und Arbeiterkreise gleich geeignet sind. Man ver-\nsuche, an die alierausgefallenste Feier zu denken, und wird\nmit Staunen merken: es stimmt. Es stimmt immer und\nüberall. Hier ist es einem Kopf gelungen, die endgültige\nFormel festzulegen. Gleichzeitig aber, die Formel mit\nlyrischer Kraft zu veranschaulichen. Bei Bedarf vergesse\nman nur nicht die Namen Karl und August entsprechend\nzu ändern und die Namen Kilp und Lawatsch richtig zu\nersetzen. Trust\nDer Name\nMan soll auf Erden nicht vornehm sein. Ich wollte\nHerrn Franz Pfemfert, Herausgeber der Zeitschrift für\nfreiheitliche Politik und Literatur „Die Aktion\", Berlin-\nWilmersdorf, Nassauische Strasse 17, Telephonanschluss\nAmt Wilmersdorf 6242, schonen. Und seinen Namen für\ndie Ewigkeit \"als Symbol eines unkünstlerischen Trottels\nverschweigen. Herr Pfemfert legt aber Wert darauf, im\n„Sturm\" genannt zu werden. Auf andere Weise wäre es\nihm auch nie gelungen. Nichts ist komischer, als wenn\nEpigonen sich „selbständig\" machen. Die Druckanordnung\nhat er vom Sturm wenigstens gelernt. Weiter reichte es\nnicht. Herr Pfemfert veröffentlicht mit Vorliebe die von\nmir abgelehnten Manuskripte. Und behauptet nun, ich\n„hätte versucht, die „Aktion\" zu diskreditieren. Man\nbraucht das nur zu sagen, um helles Gelächter auszulösen\".\nIch schliesse mich dieser forcierten Heiterkeit\nstürmisch an.\nUm nichts zu verschweigen: „Die Aktion\" ist das\nPublikationsorgan der „Organisation der Intelligenz für\nDeutschland\". Eine Sache.\nAuf weitere Aktionen des Herrn Pfemfert lasse ich\nmich nicht mehr ein.\n\nNaturgeschichte\nDer Schieber\nEinen groben Schwindel leistet sich Herr Theodor\nKappstein, ständiger Mitarbeiter des Berliner Tageblattes,\nDozent der Flumboldtakademie, Referent verschiedener Zei-\ntungen, Religionsphilosoph, in der Abendausgabe des Ber-\nliner Tageblattes vom Montag, den 1. Mai 1911. Dort\nsteht im Feuilleton eine übliche geistlose Plauderei: „Bei\nden Abenteuern des Geistes\". Geistlos ist zuviel gesagt.\nDenn das Wort setzt immerhin die Fähigkeit voraus, vom\nGeist verlassen zu werden. Eine Fähigkeit, die Herr\nKappstein sich wohl selber kaum zuspricht. Also dieser\nHerr Theodor Kappstein bespricht einen Abend des Neo-\npathetischen Kabaretts. Selbstverständlich „lyrisch\". Zeit\nund Ortangabe fehlen. Nur impressionistisch kann der\nLeser einen Schluss ziehen. Denn der Schluss dieser\nPlauderei lautet: „und schob . . . mich ins Freie, in die\nherbe, reine, wahrhaftige Frühlingsluft zu einem ge-\nSunden Heimmarsch.\" Die Plauderei erschien am 1. Mai,\nalso, denkt der Leser, Ende April. Aber der Leser denkt\nfalsch, auch wenn er mit der bewährten Aktualität seines\nLieblingsblattes rechnet. Der dort besprochene Abend\nfand am — achtzehnten Januar 1911 statt. Nach\ndiesem Abend schob Herr Kappstein in die Frühlingsluft.\nHier sieht man ein typisches Beispiel des journalistischen\nImpressionismus. Aus irgend einem Grunde konnte Herr\nKappstein seine Plauderei im Januar nicht anbringen, oder\ndie Redaktion sie nicht unterbringen. Aber auf Erden\ndarf nichts umkommen. Abfälle und Produkte werden\nsorgfältig aufbewahrt. Das Tageblatt führt sie nicht ihrer\nnaturgemässen Bestimmung, nämlich dem Müllhaufen, zu,\nsie werden auf Neu gearbeitet, aus der wahrhaftigen\nWinterluft wird eine unwahrhaftige Frühlingsluft. Und\ndie Bemogelung ist geglückt. Soll man wirklich noch aui\ndie Meinungen des Herrn Kappstein eingehen nach Fest-\nstellung dieser groben Täuschung? Richtet der Schub in\ndie Frühlingsluft nicht schon sich selbst? Soll man den\nReligionsphilosophen, der nur bei Spionoza und Kant in\ndie Schule gegangen ist, wenn auch ganz erfolglos, noch\nauf den Armesünderkarren laden und ihn am Galgen auf-\nhängen? Wer sich selbst richtet, braucht nicht noch ge-\nhängt zu werden. Ich überlasse seine schäbigen Reste\ndem, der den Nachrichter zu spielen wünscht.\nUnglückliche Natur! Dir geht es schlecht auf deut-\nscher Erde. Alle kunstunfähigen Trottel schieben zu dir\nund werfen sich an deinen grünen Busen — und dräut\nder Winter noch so sehr mit trotzigen Gebärden und streut\ner Schnee und Eis umher, es muss doch Frühling werden.\nEs muss doch Frühling werden.\nDer Entartete\nDer gute alte Nordau lebt noch immer. Ich erfahre\nes authentisch auf dem Umweg über den Lokal-Anzeiger.\nDer Lokal-Anzeiger hat seit längerer Zeit an seinen eige-\nnen künstlerischen Unsinnigkeiten nicht genug und führte\ndeshalb die Rubrik Pressstimmen ein. Also der Lokal-\nAnzeiger zitiert die Vossische Zeitung. In der Vossischen\nZeitung zittert Max Nordau, der Feind konventioneller\nLügen, über die unkonventionelle Malerei unserer argen\nZeit. Wir sind nun glücklich im Jahre 1911, aber die alten\nPietscher sterben nicht aus. Herr Nordau leistet sich\nzum Beispiel folgendes: „Um nur das mittelmässigste Bild\nrechtschaffener Art zu malen, muss man mindestens etwas\ngelernt haben, wenn man auch gar kein Talent hat. Aber\num, wie van Gogh oder Cezanne, wie Zac oder Henri\nMatisse, zu ferkeln, braucht man nichts. Kein Studium,\nkein Talent, kein Gefühl, nur Schamlosigkeit\". Man braucht\ndas natürlich auch nicht, um gegen grosse Künstler zu\nschweinigeln- Man muss dem alten Herrn doch end-\nlich einmal mit einem groben Keil über den Kopf fah-\nren, trotzdem er kein grober Klotz, sondern nur ein\nklotziger Trottel ist.\nDer Sohn seiner Heimat\n„Je mehr und genauer man Georg Engels Dichtungen\nkennen lernt, um so weniger kann man sich darüber täu-\nschen, dass die stärksten Wurzeln seiner dichterischen\nKraft von seinem Heimatboden aus die gesundesten\nSchösslinge treiben, deren Blüten in fremder Luft nimmer-\nmehr so saftlebige (wirklich saftlebige) Früchte aus-\nzureifen vermöchten, wie der Dichter zum Beispiel in sei-\nnem neuesten Novellenbuch . . . sie zusammengetragen'.\nHat fehlt. Es kommt also eine „lyrische Kritik\". Wenn\nihr Verfasser doch gleich verraten hätte, von welchen\nOrten Herr Georg Engel seine saftlebigen Früchte zu-\nsammengetragen, an denen man ihn erkennt. Warum lässt\ner aus seinem Heimatboden Greifswald gesundeste\nSchösslinge treiben, wenn er doch die saftlebigen Früchte\nzusammentragen muss? Ja, die Natur ist unerschöpflich,\nkann ich nur wiederholen, und die Botanik erfrischt mich\nnach den vorangehenden zoologischen Ausschweifungen\nAber der Engelkritiker des roten Tags wird noch lyrischer,\n„Wenn jemals ein deutscher Erzähler von Bedeutung den\nStempel der Heimatdichtung getragen (hat fehlt), im besten\nSinne getragen (also doch lyrisch, o meine Ahnung!), wie\nman ein Ehrenzeichen trägt, so war es Georg Engel.\" Georg\nEngel mit dem Stempel als Ehrenzeichen ist direkt eine\nAttraktion für die Woche. „Am sichersten geprägt in seinem\nunverwüstlich lebfrischen (wirklich lebfrischen) Hann Klüth,\njener Dichtung, die zugleich als Dokument der Landes-\nkunde von viel zu wenig beachtetem Wert ist. Die Landes-\nkunde sollte diese saftlebige lebfrische Dokumentendich'\ntung samt dem gestempelten Herrn Engel unbedingt ffr\ndie Nachwelt sicher prägen lassen. Denn, wie der Kri-\ntiker versichert, sein neuester Novellenband ist „schon\nwieder ganz von der alten guten Art und zeigt Engels"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "493", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.3", "texte": "Erzählertugenden wieder im besten Lichte. Nur fünf No-\nvellen sind es — aber jede von ihnen ein wohlgezeichnetes,\nschön abgerundetes Charakterbild\". Herr Engel scheint\nder Natur also doch mit schönen Abrundungen etwas\nnachzuhelfen. Engels Erzählertugend siegt über alles. Da\nist das rotköpfige Fischermädel von unbändiger Wildheit\nund unbeugsamer Selbstbestimmungskraft, die einen tol-\npatschigen gutmütigen Riesen durch höhnende Abweisung\njn Verlotterung, Trunk und Selbstmord treibt (Greifs-\nwalder Heimatkunst). Vom Strick aber rettet sie den\nGatten (schöne Abrundung). Dann wieder ein Rotkopf,\ntrotzig und in allem dennoch voll innerer Güte und\nniärchenfroher Glückmöglichkeiten (Greifswalder Heimat-\nkunst), von denen das einsame Alter eines in allen Lebens-\nwerten gestrandeten Seemanns verklärt wird (schöne\nAbrundung). Ein fein empfundenes Stückchen Lebens-\ntreue, sagt der Kritiker und rühmt „Engels prächtigen\nHumor als Lebensredakteur\". Das ist zu viel. Ich war\nschon bereit, ihm Greifswald zu überlassen, aber wenn\nHerr Engel jetzt noch das ganze Leben redigieren will,\nsollte er auf die Kunst wenigstens verzichten. Einen\nschöneren Abgang als in seinem psychologisch vertieften\nfliegenden Holländer kann er sich gar nicht ausdenken,\ner „begegnet einem blutjung unschuldig und weltfremd ge-\nhaltenen Mädchen, das ihn erlöst, indem es, wahnhaft ge-\ntrieben, mit ihm gemeinsam in freiwilligen Meerestod geht,\num ihm bei seinem Erscheinen vor Gottes Richterstuhl mit\nihrer Unschuld und Reinheit als Fürsprech zu dienen.\"\nDas weltfremd gehaltene, lebfrische, saftlebige Mädchen als\nFürsprech ist eine Sache. Sehr richtig bemerkt auch sein\nKritiker hierzu: „Wie von verklärendem Mondlicht um-\nhüllt, eine plastische Gruppe, so stehen die beiden Tod-\nsuchenden vor uns, fast überlebendig in ihrem wahn-\nbetörten Handeln.\" Dieses lebende Bild sollte die Stadt\nGreifswald Herrn Georg Engel zu seinem Abschied stel-\nlen. Das verklärende Mondlicht will ich liefern, wenn\nman mir das gestempelte Dokument überreicht, dass Herr\nGeorg Engel ferner nur noch als frischlebiger Acker-\nbürger ein Verhältnis zur Natur suchen wird.\nTrust\n\nDie Helferin\nVon Alfred Döblin\nIn New York erregte um die Mitte des vorigen Jahr-\nhunderts der Prozess des Fabrikanten Grasso ungeheures\nAufsehen. Man sprach monatelang von der rätselhaften\nAngelegenheit und ihren furchtbaren Begleitumständen.\nDer Krieg mit den Südstaaten brach aus, ehe man sich\nberuhigt hatte. Als nach einundeinhalb Jahren der\nFriede geschlossen wurde, war die Erinnerung an den\nVorgang ausgelöscht; und jetzt lassen sich die Einzel-\nheiten nur noch stückweise zusammenfinden. Sie sind\nüberwuchert von mythischen Bildungen; sie lassen stau-\nnen, wie Unglaubliches dem Menschen begegnen kann, mit\nwie lächelnder Lippe er daran vorübergeht und alles\nweiterzieht wie früher.\nGegen Ende der fünfziger Jahre florierte an der\nPeripherie der Stadt — jetzt gehört die Gegend völlig\nzur City — ein Beerdigungsinstitut. Der Besitzer Grasso\nwar mit seiner Frau vor fünf Jahren aus Italien einge-\nwandert. Er hatte sich vergeblich als Hotelier versucht,\nwar dann Schreiner geworden und hatte dabei soviel er-\nworben, dass er ein älteres Sargmagazin übernehmen\nkonnte. Es gab damals kaum 200 000 Menschen in der\nStadt. In nicht langer Zeit hatte der Italiener es fertig\ngebracht, dass das Beerdigungswesen völlig in seine Hände\nüberging, dass nur noch einzelne, mehr behördliche Auf-\nträge an andere Firmen gelangten — von Kranken-\nhäusern, Militärlazaretten. Die Konkurrenzgeschäfte\ngingen rapid zurück. Nicht die kapitalkräftigsten, die sich\nverzweifelt wehrten, konnten sich neben Grasso behaupten,\ndem, Ghne dass er Lärm machte, alles mühelos zufiel.\nErst später, bei der Untersuchung des Falles, stellte\nsich heraus, dass Grasso ganz unbeteiligt an diesem Auf-\nschwung seines Geschäftes war. Die Blütezeit des Hauses\nhei nämlich ziemlich genau zusammen mit dem Eintritt\neines jungen Angestellten namens Mike Bondi. Dessen\nHerkunft war völlig unbekannt; nur bemerkte man, dass\ner sich italienisch mit seinem Herrn unterhielt. Man sagte,\ner sei schon bei seiner Anstellung etwa zwanzig Jahre\nalt gewesen. Aber jeder überzeugte sich, dass er in den\nfünfzehn Jahren seiner Tätigkeit um keine Spur älter ge-\nworden war. Und Photographien, die man später bei ihm\nfand, die ihn Arm in Arm mit Herrn Grasso zeigten, be-\nwiesen überraschend, dass dieser Mensch anscheinend un-\nbeweglich in der Zeit stand. Keine Linie seines knaben-\nhaft zarten Gesichtes hatte sich vertieft, seine tiefschwarzen\nHaarsträhnen fielen noch immer in eine niedrige, weisse\nStirn. Ja, auch seinen Kleidern — es ist etwas lächer-\nlich, dies zu berichten — schien die Zeit nichts an-\nzuhaben; denn niemand hatte gesehen, dass er sich neue\nkaufte; er trug immer einen schwarzen Anzug, eine\nlockere, blusenähnliche Jacke mit blanken Knöpfen, von\neinem altertümlichen Schnitt, wie man sie vor Jahrzehnten\nvielleicht getragen hatte. Es wusste bei den Prozess-\nvernehmungen auch niemand, wo der Mensch sich nachts\naufhielt; manchmal soll er in dem Geschäft übernachtet\nhaben, meist aber fuhr er abends auf einem Wägelchen,\ndas ihm gehörte, nach St. Floridan zu, auf der alten Land-\nstrasse, und verschwand dann für viele Stunden völlig.\nAber all dies ist unsicher und gehört in das Gebiet jener\nSagenbildung, von der ich vorhin sprach. Mike war von\nkleiner Gestalt; er ging stets in einem weichen Filzhut,\nmit einem dünnen Stöckchen. Sein Gang war weich\nund schleichend. Ueber seine Augen lässt sich nichts\nsagen; denn die hatte niemand gesehen. Immer hielt er\ndie Lider gesenkt; und wenn einer mit ihm sprach, so\ndrehten sich die Augäpfel hinter der zarten Lidhaut.\nNicht selten zogen sich seine sehr schmalen Lippen zu\neinem schönen, demütigen Lächeln zusammen. Die Sanft-\nheit und Musik seiner Stimme war unsäglich; sie erklärt\nvielleicht zum Teil den ausserordentlichen Einfluss\nMikes. Denn, was er sagte, war einfach und ganz sach-\nlich; er redete sehr wenig und neben seinen geschäftlichen\nDingen nur von Bäumen, Wurzeln, Feldern und Tieren,\nfür die sich die Städter sonst sehr wenig interessieren.\nIhn begleitete das Glück. Es bildete sich heraus, dass\ntäglich Mike Bondi durch die Strassen New Yorks wan-\nderte, gefolgt von einem hohen russischen Windspiel,\neinem weissen, ungeheuren Tier, das auf seinen Beinen\nso lautlos wie er schritt, und das mit leeren Augen um\nsich blickte. Mike Bondi ging in die Wohnungen der\nKranken hinauf und sprach mit ihnen. Niemand wehrte\nihm; die Kranken Hessen ihn zu sich rufen, eher noch\nals einen Priester oder Arzt, und waren ihm dankbar\nfür die Minuten, die er mit kargen Worten ausgefüllt\nhatte. Sie wurden ruhiger und schmerzfreier, die er\nverliess, aber sie starben alle, wie sich bei den Er-\nhebungen des Prozesses ergab, starben nach nicht einer\nWoche in grossem Frieden, ohne dass ihnen einer helfen\nkonnte. Die ihn einmal gesehen hatten, fassten ein kaum\nerklärliches Zutrauen zu ihm, und Hessen ihn, wenn sie\nschwer erkrankten, wie in einer unentrinnbaren Sucht zu\nsich kommen. Er trat nicht an sie heran, er gab ihnen\nnichts, er berührte sie nicht. Dies stellte sich alles bei\nden Erhebungen des Prozesses heraus.\nMike Bondi war nicht befreundet mit der Frau seines\nHerrn. Frau Grasso Hebte feurige Männer; aber eifer-\nsüchtig, wie untreue Weiber sind, freute sie sich, dass\nihr Mann, Mädchen abhold, sich an Bondi anschloss.\nWenn sie spät abends nach Hause kam, noch hoch-\natmend von einer zarten Begegnung, warf sie sich ihrem\nMann an den Hals, der Arm in Arm mit dem stillen\nSonderling auf dunkeln Strassen spazierte.\nAm Ausgang des Frühlings starb plötzlich die junge\nFrau eines Rechtskonsulenten Martin in ihrer Wohnung\nneben Grassos Magazin. Der Witwer, dem sie zwei\nkleine Kinder hinterHess, konnte sich nicht trennen von\ndem toten Weibe; und in der angstvollen Nacht nach\nihrem Abscheiden kam ihm die Idee, die Leiche von dem\nSterbelager zu entfernen, sie so schön, so kostbar auf\neinem Sarkophage aufzubahren, wie seine Hände es ver-\nmochten. Er wurde unter dieser Vorstellung lebendig,\nstieg noch gegen elf Uhr von seinem Lager, kleidete sich\nan und ging zu Grasso herunter, mit dem er alte Freund-\nschaft hielt. Die Türen des Magazins waren geschlossen;\ndurch die Ritzen der Jalousien zitterte ein trübrotes Licht,\nlag in feinen Linien auf dem Strassenpflaster. Herr\nMartin öffnete den breiten Torweg, stolperte über den\nstockfinsteren Hof, kam durch eine angelehnte Seitentür\nauf den langen Korridor, der unmittelbar in das Magazin\nführte. Der Vorhang zum Magazin rauschte leise. Mit\nMühe fanden sich seine Augen zurecht. An den Wänden,\nin den Gängen, unter niedrigen Wölbungen lagerten die\nSärge. Sie standen geöffnet. Sie standen da, nicht er-\nwartungsvoll, nicht mit Gier, — mit geheimnisvoller\nLeere, versunken in sich, und nur einige seufzend und\nschmachtend. Und in dem trübroten Flackern einer\nLampe sah Herr Martin eine Bewegung in der Nische\nhinten, hörte flüstern. Herr Grasso kniete dort vor einem\nSarge; aus diesem hoben sich zwei weisse Arme; Spitzen-\närmel fielen von ihnen zurück. Herr Grasso beugte seinen\nKopf tiefer, drückte sein Gesicht in die niedrigen Brüste\neines Weibes. Er murmelte: „Bessie\" und vieles, was\nsehr leise war; sie antwortete: „Ernesto\", lachte und\nweinte durcheinander; sie hatte eine sehr süsse Stimme.\nHerrn Martin schlug das Herz bis in den Hals hinauf;\ner ging aufs tiefste erschrocken rückwärts hinaus, vergass\nseine Bestellung. Er lag, ehe er es wusste, in seinem\nBett, kleidete sich mit dem Morgengrauen an und lief\nzu Frau Grasso, die in ihrer Küche stand mit losen\nRöcken und sich, verblüfft über den frühen Besuch, ein\nTuch umlegte.\nSie war erst ungläubig und beobachtete ihren Nach-\nbarn, da sie glaubte, er sei verwirrt über den Tod seiner\njungen Frau. Aber dann hielt sie inne mit dem Scheuern,\nstiess die Kaffeemühle auf den steinernen Boden herab,\nbiss sich tief in den linken Vorderarm und wühlte in einer\nSchublade nach einem spitzen Küchenmesser, das sie\neinmal um das andere in die Holzwand der Küche stiess.\nSie schrie, wem denn das gemeine Frauensbild ähnlich\nsähe, ob er denn so wenig teilnahmsvoll wäre, dass er\nnicht einmal eine Vermutung darüber aussprechen könnte.\nNach lautem, hemmungslosem Weinen erhob sie sich\nresolut, erklärte, sie werde heute nacht alles selbst fest-\nstellen. Und mit einer Sicherheit, die Herrn Martin in\nStaunen versetzte, riss sie die Wohnungstür auf, rief\nihren Mann herein und sagte ihm, indem sie zum Fen-\nster hinaussah und das dichte schwarze Haar flocht, Herr\nMartin habe ihr mitgeteilt, dass ihre Mutter in Starton,\neinem Vororte, erkrankt sei; sie müsse gleich auf zwei\nbis drei Tage hin. Dann setzten sich die drei schweigend\nim Wohnzimmer am Kaffeetisch nieder, wo Frau Grasso\nöfter stark zitterte und einmal die Tasse auf den Boden\nfallen liess. Herr Grasso meinte, dies bedeute Glück für\nihre Mutter.\nAbends gegen zehn Uhr schlüpfte sie, nachdem sie\ntagsüber in der Wohnung des Herrn Martin dessen kleine\nKinder-gehegt hatte, über die dunkle Strasse in den Hof.\nSie sah durch das offene Fenster Herrn Grasso allein im\nerleuchteten Wohnzimmer auf dem Sofa sitzen; mit\ntraurigem Gesicht, zusammengesunken, blickte er vor sich\nhin. Der schwerfällige Mann bewegte seine Lippen; sein\nfaltiges Gesicht war sehr schlaff; als er nach dem Fenster\nblickte, schwammen seine entzündeten Augen in Tränen.\nIn einem schmalen Sarge, dicht an der Tür, lag sie.\nIhre Zähne klapperten; ihre Hände flogen, dass sie kaum\ndas Küchenmesser festhalten konnten. Kurz vor elf Uhr\nkam ein Schritt über den Korridor, weich und schleichend;\nleicht rauschte der Vorhang. Ein kleines Licht flackerte,\nund sie erkannte mit einem Blick Mike Bondi. Sie hatte\nihn tausendmal gesehen, sie kannte seine leicht gebeugte\nHaltung, die glatten Haare in der weissen, niedrigen\nStirn, die gesenkten Lider. Aber jetzt erfüllte sie sein\nlautloser Gang mit Entsetzen. Es war ihr, als würde\nsie matt. Dies war nicht der Gang eines Menschen. Sie\nmusste sich strecken, den vollen Arm auf den Mund\npressen, um nicht zu kreischen.\nEr drückte das Licht mit einem Finger aus, als er an\nihr vorüberging. Sie schloss die Augen, und wie sie diese\nöffnete, sah sie Mike Bondi nicht mehr. Aber dort, wohin\ner gegangen war, stand in der Finsternis ein weisser\nSchein, ging lautlos ein gebücktes Skelett langsam weiter,\nschlürfte der leibhaftige Tod. Sie sah noch den Schein\nüber einem Sarg, in den er sich geschwungen hatte. Da\nhallte der schwere Schritt des Herrn Grasso durch das\nGewölbe; er ging an der Frau vorüber, die mit einer\nOhnmacht rang, zündete die Oellampe an. Frau Grasso\nrichtete sich, das Messer zwischen den Zähnen, auf; sie\nstieg hinter dem riesenhaften Mann her, hielt sich bei\njedem Schritt an Pfeiler und Mauer fest.\nVor dem Sarge, in den sich das Gespenst geschwungen\nhatte, warf sich der breite Mann nieder; zwei weisse\nArme hoben sich gegen ihn her; sie sah zurückprallend\ndie offene Jacke und die niedrigen, mädchenhaften Brüste,\nin die sich ein faltiges, nasses Gesicht vergrub. Sie sah\ndas stille Mädchengesicht Mike Bondis sich aufrichten,\nsah, an die Tür zurückweichend, wie Mike den Gebroche-\nnen an sich zog unter zarten Abschiedsworten, wie sie\nsich umschlangen. Sie hatte noch die Kraft, sich in die\nKüche zu schleppen. Zwei Stunden lag sie besinnungs-\nlos. Den Rest der Nacht verblieb sie auf der Polizei-\nwache, wo man die Frau für krank hielt. Erst am\nnächsten Morgen, als Herr Rechtskonsulent Martin geholt\nwurde, gingen zwei Beamte mit ihr in die Wohnung und\nverhafteten den Besitzer und Bondi, die sich nicht wider-\nsetzten.\nHerr Grasso schwieg sich bei den jetzt folgenden\nVerhandlungen völlig aus. Bondis körperliche Unter-\nsuchung ergab, dass man es mit einem etwa zwanzig-\njährigen Mädchen zu tun habe. Man vermochte nicht\nfestzustellen, wer sie eigentlich sei. Erst bei dem Lokal-\ntermin, der nach drei Wochen in dem Gewölbe Grassos\nstattfand, redete sie. Sie äusserte von vornherein, man\nwürde ihr kein Wort glauben, erzählte, dass sie Bessie\nBennet hiesse und aus Senn Fair bei New York gebürtig"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "494", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.4", "texte": "sei. Sie habe vor achtzig Jahren dort gelebt; in ihrem zwan-\nzigsten Jahre sei sie von der Schwindsucht befallen ge-\nwesen und habe im Hospital gelegen. Sie wäre unsäglich\nungern vom Leben geschieden. Sie habe mit dem Tode\ngerungen, wie wenige Menschen, habe es nicht glauben\nwollen, dass sie sterben müsse, weil eine Lunge krank sei\nund sie selbst sei noch zum Springen gefüllt mit Lebens-\nbegier. Die unbekannte Macht, deren Namen sie nicht\nnennen könne, stand da von ihrem Sessel auf und machte\nsie zu einer Dienerin des Todes. Sie durfte wieder-\nkehren, nicht aber zum Tanz. Sie durfte im Namen der\ngütigen Macht töten, was gehen wollte; die törichte Angst\nvor dem Sterben nehmen, sänftigen und rasch beenden.\nSie sei als Helferin unter die Menschen geschickt und\nbringe den liebreichen Tod. Sie hätte Herrn Grasso lieb-\ngewonnen, und es wäre gut, dass sie jetzt schieden, denn\nsie müsste sonst bald für immer seinetwegen sterben.\nEs bestätigte sich, dass eine Bessie Bennet vor etwa\nhundert Jahren in Senn Fair lebte, dass sie im dortigen\nHospital in ihrem zwanzigsten Jahre starb; ihre Leiche\nverschwand aber in auffälliger Weise auf dem Wege zur\nAutopsie; zwei Krankenschwestern wurden wegen Dienst-\nversäumnis trotz ihrer Beteuerungen entlassen; alle Nach-\nforschungen blieben erfolglos.\nAls die Richter bei dem zweiten Lokaltermin die\nFeststellungen erwogen, erhoben sie gegen Bessie Bennet,\ngenannt Mike Bondi, die Anklage wegen Giftmordes in\nzahllosen Fällen. Sie forderten sie auf, unverzüglich das\nPulver zu zeigen, dessen sie sich bedient habe, widrigen-\nfalls man sie auf das Spannbrett legen wolle, das man an-\ngesichts der Scheusslichkeit ihrer Verbrechen werde her-\nvorsuchen lassen. Auch befahl man ihr, endlich das be-\ntuliche Wesen abzulegen und den Richtern frei ins Gesicht\nzu sehen. Bessie, in dem schwarzen Anzug, den sie\nsonst trug, lächelte, aber ihre niedrige Stirn wurde rot;\nsie bat, man möchte ihr die Handfesseln abnehmen und\nsie gehen lassen. Die Richter, in Wut über den Hohn,\nschickten nach den beiden Schergen, um sie zu peitschen.\nAuch der vielen Zuhörer bei der Vernehmung hatte sich\nin Kürze eine unbezähmbare Erbitterung gegen die teuf-\nlische Giftmischerin bemächtigt; sie schickten sich an, von\nihren Plätzen aufzustehen, gegen die Schamlose vorzu-\ndrängen; die Richter verloren die Zügel über die Menge.\nBessie trat noch einmal vor die Richter, sagte leise, ihre\ngebundenen Hände zeigend, sie habe keine Zeit; man\nmöchte ihr doch die Stricke abnehmen und sie heraus-\nlassen.\nEin wüster Bursche schlug ihr von hinten auf die\nSchulter; der Pöbel tobte über die Beute weg. In diesem\nAugenblick legte sich über alle Brüste eine plötzliche Be-\nklemmung. Einer schlug keuchend das Fenster ein, die\nirische Luft half ihm nicht. Ein Richter stürzte mit\nblauen Lippen nach der Tür auf die Strasse und fiel hin.\nDie zehn Richter sassen wie schlafend auf ihren Stühlen.\nDie alte Stille herrschte für einen Augenblick in dem Ge-\nwölbe, unterbrochen von dem widerhallenden Aufschlagen\nvon Körpern. Die Hörer stürzten nach vorn über die\nBänke weg. Die Schwarzhaarige Hess die grossen ge-\nöffneten Augen schweifen. Sie pfiff zornig und scharf\ndurch die Zähne. Ein Mann taumelte von draussen in\nden Raum, packte ihren Arm. Sie berührte sein Haar,\nblies gegen seine Füsse; das Feuer loderte an ihm auf;\nunter heiserem Geschrei stolperte er zurück, krachte zu\nBoden.\nDie Schwarzhaarige hatte sich selbst zusammen-\ngebogen. Sie brannte, sich aufrichtend, ihre Schläfen be-\nrührend, mitten im weiten Gewölbe stehend, gegen die\nDecke in schwarzer Flamme auf, stieg in einer qualmen-\nden Feuersäule über das Haus.\nDer schwere Dampf erstickte die Menschen in allen\nStrassen der Nähe. Gerade zwei Stunden währte die un-\nerhört entsetzliche Brunst; etwa sechshundert Menschen,\nKinder und Frauen, verbrannten.\nDann lag der ganze Stadtteil in Schutt. Tagelang\nnäherte sich niemand den giftigen Dämpfen. Richter und\nBeschuldigte waren zugleich verschwunden. Den lieb-\nreichen Tod sah man von Stund an nicht mehr durch die\nStrassen gehen, gefolgt von seinem weissen, riesigen\nWindhund, der lautlos wie er schritt, mit leeren Augen\num sich blickte. Sondern Kranke sollen in ihren\nDelirien angegeben haben, dass das fessellos weisse Tier\nsich auf ihre Brust schwang, mit seinen leeren Augen sie\nängstigte, mit seinen langen Fängen ihre Kehle eindrückte.\nDie Fabel von dem liebreichen Tod, von der Ver-\ntreibung seiner Gehilfin blieb in dem Lande lebendig.\n\nBalzac\nVon Otto Stoessl\nIndem uns das Kunstwerk sein „Dies bin ich\" oder\nsein „So seid ihr\" entgegenhält, erweckt es in uns jenes\nMenschheitsgefühl, das unser höchstes Erlebnis, unser\neigentliches Schicksal, die Religiosität der geistigen Men-\nschen einer entgötterten Erde bedeutet. Die Urformen\ndieser subjektiven und objektiven dichterischen Offen-\nbarung sind Lyrik und Epik. Beide machen die Welt als\nOrdnung und umfassende Einheit sichtbar und leuchtend.\nDas schöpferische Vermögen ist sonnenhaft wie das Sehen\nselbst. Die allwissende Gerechtigkeit der Sprache nennt\ndarum den Dichter auch „Seher\". Der subjektive Schöpfer\nblickt in sich und erschliesst aus der Unendlichkeit seines\nInnern das Wesen der Welt, er ist „anschaulich\", der ob-\njektive sieht von sich ab, er „schaut an\".\nZu diesen objektiven, anschauenden Darstellern gehört\nBalzac.\nDer elementare, innerlich gehaltene, schon durch die\nMystik des Rhythmus zwingende Vers der alten epischen\nGesänge fällt mit der rhapsodischen Unmittelbarkeit des\npoetischen Wirkens. Der „Seher\" legt das Purpurgewand\ndes Priesters ab, ohne auf den Gemütsreichtum seiner\nWeihe zu verzichten. Aber es gibt freilich Schattierungen\ndieser 'Herablassung zur Prosa, welche das notwendige\ndemokratische Uebel des modernen Erzählers bedeutet.\nBalzacs Sprache gewinnt wie die Mimicry von Tieren das\nAnsehen seiner Umwelt, sie passt sich ihrem Stoff an und\nwird — seiner objektiven Natur gemäss — so sachlich\nwie ein Gerät des Gebrauchs. In dieser Zweckgestaltung\nder Sprache war Balzac wie in seinen Motiven der erste\nneue Epiker der neuen Zeit. Wer aber den Herzschlag\neiner Prosa als ihre poetische Rechtfertigung vornehmen\nkann, wird auch in der seinen zuweilen jenes unsachliche\nWunder der elementaren persönlichen Notwendigkeit, jene\nUrkraft erbrausen hören, die mit ihrer inneren Rhythmik,\nihrem auffliegenden Pathos den Dichter ausmacht, zwingt,\nhervortreibt. Da scheint ein Haupt, das abgewandt in die\nWeite sah, uns plötzlich anzuschauen. Im erzählenden\nStil gibt es unvergessliche Momente, wo der Erzähler all\ndas Warum des Erzählens durch einen solchen Blick aufs\nergreifendste verständlich macht.\nInhalt und Wirkung seiner Gestaltungen haben die\nbleibende Gemeingültigkeit der epischen Art.\nBalzac geht aus dem Fankreich der Restauration her-\nvor, aus dem wilden Werden einer unbekannten Ordnung.\nNeue soziale Kategorien werden durch Revolution und\nEmpire zusammengefasst und heraufgeführt. Das Ergeb-\nnis: Kapital und Maschine erobern den Erdkreis ohne\nWaterloo, ohne Napoleon. Der Zeitgeist ist kein Genie,\nder Sieg der Masse sticht allen Einzelwert aus. Es be-\nginnt die Epoche der papierenen Vertretbarkeit, des aus-\ngleichenden Verkehres. Die Gesellschaft wird aus ihren\nbisherigen Gruppierungen und Gebieten gerissen und zu\nneuen Vereinigungen gedrängt, in neuen Existenzformen\nerweisen sich neue Gaben der Anpassung, welche neue\nCharaktere erzeugen, gleichsam eine neue psychologische\nFlora und Fauna in einem neuen geistigen Klima. Die\nUmwandlung erfolgt unter der steten Gegenwirkung der\nvorhandenen Organisationen. So wird mit dem gegebenen\nsozialen Material des monumentalen historischen Auf-\nbaues der neue errichtet, wie man im alten Rom die\nMarienkirche über den Minervatempel stellte und mit den\nSäulen der antiken Heiligtümer die neuen stützte. Ma-\nschine, Kapital, Verkehr, Demokratie, vier Namen für eine\nSache, schaffen in einem fieberhaften Unmass das moderne\nSiadtungeheuer Paris. Dort wird dieser Prozess einer\nunwillkürlichen Neubildung wie in einem Reagenzglase\nsichtbar. Das weite Land draussen kennt die unsterb-\nlichen natürlichen Kategorien der primitiven Ordnung: den\nBauer, Jäger, Hirten, den Handwerker, den grossen Grund-\nherrn, der die irdische, die Kirche, welche die geistige\nSchutzhand über diese Gesellschaft hält. Das Land be-\nhauptet mit der Zähigkeit des Naturgegebenen den wirken-\nden fruchtbaren Widerspruch gegen das fressende Un-\nwesen Stadt. Innerhalb dieser Gegensätze rundet sich\nalles Leben zum Schicksal. Die Stadt bedeutet Bewegung,\ndas Land Ruhe. Vermischung und Ausgleichung setzen in\nder städtischen Demokratie ein und schlagen gegen den\nKonservatismus von draussen ihre Maschinenpranken, als\ngelte es, selbst die Gewohnheiten der Jahreszeiten zu ver-\nnichten, das Surrogat kniet sich dem Produkt wie ein Alp\nauf die Brust.\nDas sind die ungeheuren epischen Elemente des neuen\nDichters, des ersten und grössten der neuen Erde. Er\nhat die Dämonie dieser Gegensätze mit jener schöpferischen\nAnschauung durchdrungen, die den Dichter göttlich\nmacht und mit jenem ruhevollen Mitgefühl, dessen Lust\nder Anschauung und Notwendigkeit der Gestaltung das\nhöchste Mass von Macht bedeutet, das im Leben überhaupt\nzu vergeben ist. Diese Fülle von Figur wird ihrem\nirdischen Gefäss zum Schicksal, das Epos hat seine an-\ngestammte Funktion einer umfassenden Erkenntnis und\ndarstellenden Schlichtung, es ist selbst eine soziale Auf-\ngabe.\nBalzac hat sie vollendet, er war, wie nur einer der\nwenigen Erzähler, der Herr der Dinge; er gab dem Chaos\nOrdnung, indem er es als Ordnung wahrnahm, er erhellte\nes und schied Tag von Nacht, Feste von Wasser. Und\nalles dies mit der schlichten, sachlichen, freilich romanisch\ndurchdringenden Klarheit der Prosa. In seinem Gehirn\ndünkt uns die ganze Erfahrung der Menschheit bis in die\nmikroskopischen Einzelheiten versammelt, das gehorsamste\nGedächtnis bietet sie dem fordernden Augenblick und sie\nerscheinen selbstverständlich und wunderbar, wie am\nersten Tag. Er kennt zum Beispiel die Finten eines Wech-\nselprotestkreislaufes, eines Zivilprozessverfahrens, einer\nBörsenspekulation bis in ihre äussersten Möglichkeiten\nebenso genau, wie die Schliche der Spionage und die\nMethoden der Gauner. Er weiss, dass, wer einmal im\nBagno die Kette geschleift, auch in der Freiheit, wenn auch\nunmerklich, das ehedem gefesselte Bein nachzieht. Er\nsetzt das Verfahren des Buchdrucks und die Arten der\nPapiergewinnung auseinander. Die Wirksamkeit einer\nkomplizierten technischen Arbeit ist ihm gleich deutlich\nwie der Mechanismus des Denkens und Fühlens, und er\nsieht das Ineinandergreifen der menschlichen Regungen,\nwelche sich vor sich selber verbergen wie das offene\nRäderwerk einer Maschine. Immer wieder machen über-\nraschende, doch selbstverständliche Einzelheiten für die\nuntrügliche Wahrheit des Ganzen Beweis und dies mit\neiner Einfalt, die über ihre Genialität gleichsam zu lächeln\nscheint, wie dem schöpferisch Erhabenen eben Bewusst-\nsein und unwillkürliches Walten des Gefühls in eine\nLebenskraft zusammenfliesst. Seine Helden sehen wir noch\nheute in unseren Städten um Troja und Helena kämpfen,\ntrotz einem Odysseus und Achill. Politik, Kunst, Lebens-\ngenuss, Spielerleidenschaft, Weiberlist, Intrige, Ver-\nbrechen, Karriere, Adel, Schönheit, Ehrgeiz, Leichtsinn,\nHabsucht sind in einer Reihe ewig typischer Gestalten\nverkörpert, deren Erlebnisse ineinander verschlungen, doch\ndeutlich heraustreten, wie das Muster in einem Gewebe.\nEine Einsicht, die viel wunderbarer erscheint als die Er-\nfindung, fasst mit der zartesten Sicherheit das wesentliche\nProblem jedes Charakters.\nDie Schicksale der Männer schreiten durch Reihen von\nWeibern hin, der Glanz von Schönheit, von lustvollem\nWeiberfleisch, von sinnlicher Freude und Freiheit macht\neinen verwirrenden Vordergrund aus, von dessen Pracht\ndie schroffen Geschehnisse sich unheimlich absetzen. Die\nFülle dieser Weiberwelt unter, neben, über der männlichen\nwird gleichwohl aufs deutlichste umrissen durch die\ngenial vereinfachende Ueberzeugung: das Weib ist in\nallem Tun, Wollen und Denken durchaus vom Geschlecht\nbedingt, von jenem Schosse, der zur Lust und zur Mutter-\nschaft gemacht, seinen ewigen Funktionen zustrebt. Alles\nErlebnis der Frau ist ihrer Natur, ihrer Lebensquelle zu-\ngewandt und es gibt nur mannigfache Verschwisterungen\nzweier Schicksale: der Mutter und der Geliebten. Aber\nwelcher Blick für diese Abschattungen! Er zeigt einmal\ndie Mutter zweier Söhne. Der eine ist ein kindlich reiner\nKünstler, der andere ein ruchloser Schurke. Die Mutter\nhängt ihr ganzes Herz an den missratenen, eben weil er\nihrer mehr bedarf, und der um ihre Liebe verkürzte Sohn\nversteht als schöpferischer Mensch auch aufs innigste die-\nses schmerzliche Muss der Mutterschaft. Auf der anderen\nSeite die Kurtisane, dazwischen alle Lebensstufen der weib-\nlichen Natur und überall der Heroismus des Geschlechtes\nals die reine Blüte des Instinkts. Er zeigt ein andermal\ndas Martyrium einer verdorbenen Kurtisane, die ein zwei-\ntes, wahreres, weil willentliches Magdtum gewinnt, um\nes zu opfern, einer raffinierten Weltdame letzte Lust der\neifundenen und darum höheren zweiten Unschuld. Er\nsagt gelegentlich über ihren Blick: „es war einer jener\nBlicke, die eine blonde Frau brünett erscheinen lassen\",\nund in einem Scherze formuliert er, was den Frauen-\nzimmern das Genie des Mannes bedeutet, indem er eben\ndiese Weltdame, da sie den scheuen Handkuss eines Dich-\nters empfängt, sich nach dieser Probe „von der Literatur\nsehr viel versprechen\" lässt.\nAlles Männliche aber nimmt gleichsam vom Haupte\nseinen Ausgang und ist vielfältig wie das Denken selbst.\nEr fesselt jeden Mann an sein typisches Schicksal\nund die Zahl der ewig sinnbildlichen Ereignisse lässt sich\nnicht einmal beiläufig angeben, denn seine Komposition"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "495", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.5", "texte": "kennt keine Nebenfiguren und keine unentschiedenen Kon-\nflikte, sondern schliesst in ihrer ineinandergreifenden Glie-\nderung die Probleme aller Berufe, Stände, Individuen zu-\nsammen wie steinerne Pfeilerbündel, die das Gewölbe\ntragen. In eine Erzählungsreihe tritt der junge Provin-\nziale, der Paris erobern will, von einem Verbrecher ge-\nfördert, von Frauengunst getragen, und von der eigenen\nHaltlosigkeit endlich gestürzt wird. Gleich steht ihm der\nungeheure Missetäter zur Seite, welcher von der Einsicht\neines Gottes zum Weiberfeind bestimmt wird, denn wenn\ndas Genie des Verbrechens die endgültige Verneinung der\nGesellschaft bedeutet, muss es von der Natur selbst zur\nUnfruchtbarkeit verdammt sein. Und auf die Spuren die-\nses erhabenen Ungeheuers tritt wieder der lauernde Spion,\nauf ihn folgt der Richter und erlebt an seinem Objekte\nseinen tragischen Konflikt, indem der Richter nicht Diener\neiner absoluten, sondern einer relativen Gerechtigkeit\nbleibt, kein zwingendes, sondern ein letzten Endes will-\nkürliches, relatives, bezwungenes Gesetz verwaltet, so dass\nder Schutz der ihm anvertrauten Ordnung zuweilen die\nBefreiung der Schuldigen, nicht die Strafe verlangt. Der\neinzelne setzt das Recht des Stärkeren selbst gegen das\nGewissen des Gesetzes durch. Es gibt eine Legitimität\ndes solidarischen Unrechts. Und in der gleichen epischen\nReihe stehen die Verwickelungen der Politik und Ver-\nschwörungen; Ehrgeiz und Habsucht liegen wie Spinnen\nauf der Lauer; das Leben der Menschen vergegenwärtigt\ndie allgemeine furchtbare Friedlosigkeit der ganzen Natur,\ndie fortgesetzte Vernichtung zu ihrer Erneuerung verlangt.\nSo kehren auf wechselnden Schauplätzen verwandte Er-\neignisse wieder, kein Geschehen mündet ins Leere, kein\nFaden verliert sich, vielmehr reicht jeder in die Ferne und\ndie Anschauung ist so vollkommen, dass sie im Keim\nder Gegenwart den künftigen Baumriesen der Entwickelung\nvorherbestimmt und nichts Folgenloses auch nur denken\nkann. Balzac spricht vom Journalismus, der aus einem\nBeruf eine Eigenschaft geworden ist und durchdringt diese\nPest des Gedankens so ganz, dass uns heute ein Schauer\nüberläuft, da wir erleben, was -er voraussah. Es ist, als\nzeige eine Hand aus dem Grabe.\nUnd inmitten des gewaltigen Stromes von Handlung\nund Erscheinung blitzt wie tausendfältige Sonnenbilder im\nWasser Erfahrung in unvergesslichen Worten auf. Nur\neines dieser unzählbaren Worte will ich wiederholen: „Die\nMacht beweist sich selbst ihre Kraft nur durch den selt-\nsamen Missbrauch, dass sie irgend eine Absurdität mit\nden Palmen des Erfolges krönt, und zwar dem Genie zum\nSpott, der einzigen Kraft, die die absolute Macht nie er-\nreichen kann.\"\nDiese Erfahrung, in einem Satz eine Welt ergreifend,\nwar in diesem einzigen Manne einer Kraft gesellt, welche\nder ungeheuren Organisation des Lebens eine künstlerische\ndes Abbildes entgegenhielt, deren Geist und Reichtum der\nWirklichkeit gewachsen war, ja sie zu übertreffen scheint.\nEs ist die Erhabenheit der epischen Sendung: sie\nkommt aus ihrem Tag, aber sie überholt ihn durch die\nMacht ihrer Anschauung und ordnenden Erkenntnis um\neine Ewigkeit. Die Dichtung ist dem Leben soweit voraus,\nwie die Menschheit dem Menschen. Solcher Flug hat\nBalzac über seine Zeit getragen.\n\nDie Volksversammlung\nVon Max Brod\nDer Russe hatte zu reden begonnen; wesentlich\nanders als Nussbaum, fast schüchtern mit seinem Akzent.\nDer Mund öffnete sich weit, und da sein Schnurrbart nur\ngegen die Mundwinkel hin stand, unter der Nase eine\ngrosse Lücke freiliess, so sah man deutlich, wie er sich\nbemühte und wie doch nur ein matter Ton vordrang.\nAlles in allem war es ein ungewohnter Anblick. Nach\neiner deutschen Einleitung sprach Pitroff russisch. Beim\nKlang dieser fremden Stimme, die den ganzen Saal, die\nSituation zu verändern schien, begann Hugo sich zu\nschämen. Es war nicht mehr an der Zeit, Alfreds Frage\nzu beantworten, also zeigte er wenigstens durch eine\nGegentrage seine Teilnahme: „Was haben Sie gegen diesen\nPitroff? Kennen Sie ihn?\"\nAlfred hatte dies vielleicht erwartet, denn er ant-\nwortete sehr bestimmt und vorsichtig: „Gestatten Sie zu-\nnächst, kennen Sie ihn?\"\n„Nein, gar nicht . .\n„Aber er ist doch . . . angeblich . . . Herrn Nuss-\nbaums Freund.\"\n„Was wollen Sie damit sagen,\" fuhr Hugo auf, un-\nwillkürlich Alfreds stramm studentisches Wesen nach-\nahmend. „Ich kenne auch Herrn Nussbaum nicht. Mit\nAusnahme dessen, dass wir uns einmal bei einer Kegel-\npartie angegrobst haben, ist mir dieser Herr gänzlich\nfremd und gleichgültig ...\"\n„So, das freut mich. Dann kann ich es Ihnen ja\nsagen . . . Dieser Nussbaum . . .\"\n„Warum spricht er eigentlich? Was für Zwecke ver-\nfolgt er mit dieser Versammlung? . . .\"\n„Ein Mandat natürlich.\"\n„Also nicht wegen seiner Verwandten . . .\"\n„Keine Spur.\"\nHugo dachte daran, wie oft er über diesen einen\nMenschen schon seine Meinung geändert hatte. Und wahr-\nscheinlich war auch diese neue Idee falsch, einseitig. Es\nist wirklich nicht leicht, fiel ihm ein, über Leute zu ur-\nteilen, besonders für einen jungen Menschen nicht . . .\nVielleicht ist auch Irene ganz anders . . . Seine Gedanken\neilten wieder zu ihr.\n„Aber davon wollte ich auch nicht reden . . . Kom-\nmen Sie wieder unter die Galerie, da sind wir ungestört\n. . i. sondern dieser Pitroff interessiert mich nur . . . Also\nich habe herausgebracht, dass Nussbaum den Herrn Pi-\ntroff erst seit einiger Zeit kennt. Trotzdem stellte er ihn\nüberall als alten Freund vor. Das muss doch seine Gründe\nhaben . . . Sind Sie auch morgen in Eichwald?\"\n„Ja. Fräulein Irene hat mich eingeladen.\" Hugo\nwunderte sich, wie er den Namen so gleichgültig von der\nZunge bringen konnte.\n„Und abends im Rathauskeller?\"\n„Nein . . . aber wie hängt das mit Pitroff zusammen,\nich bitte.\"\n„Was? Sie wissen also noch gar nicht, dass sich\nmeine Cousine Kamilla morgen abend mit Pitroff verloben\nsoll? Sie wissen nicht? . . . Mit Pauken und Trompeten.\n. . . Aber das muss verhindert werden, ich mache ihm\nheut einen Tanz, wenn's gelingt . . .\"\nHugo begann zu verstehen. Also durch die politische\nGegnerschaft blickte eine Liebe durch. . . .\nAlfred aber kam ihm zuvor: „Glauben Sie nicht, dass\nes wegen des Mädchens ist. Ein Mädel, ich bitf Sie, ein\nStück Fleisch mit Augen ... Sie tut mir nur leid. Da\nsoll sie diesen wildfremden Menschen nehmen, einen an-\ngeblich guten Bekannten von Herrn Nussbaum . . . Diesen\nFamilien ist doch jeder Bräutigam recht. Man hat sich er-\nkundigt, gut. Moneten hat er, irgend eine Zwirnfabrik\nin Petersburg. Und da soll das Mädel, einfach mir nichts,\ndir nichts, über die Grenze geschafft werden . . .\"\n„Sie will nicht? . . .\"\nPitroff sprach wieder deutsch. Er lächelte höflich und\nunbedeutend. Manchmal stiess er die Luft durch die\nNase aus, wenn er sich auf ein Wort nicht besann. Man\nlangweilte sich.\n„Aha, da sind sie schon!\" rief Alfred.\nIn der Türe zeigte sich eine Anzahl gleichgekleideter\njunger Leute, alle in Touristenhemden, grüne Jägerhütchen\nauf dem Kopf.\n„Wer?\"\n„Der Turnverein, — meine Freunde.\"\nDie Neuangekommenen drängten in den Saal und stell-\nten sich längs der Hinterwand auf. Plötzlich rief einer\nvon ihnen laut: „Kellner, ein Bier . . .\"\nPitroff stutzte, er glaubte, man frage ihn etwas, und\nhielt ein.\n„Ein Bier, ein Bier . . . Zwei Biere,\" schrien die\nTurner und stampften mit ihren Stöcken auf. „Wirtschaft,\nWirtschaft . . .\"\nEinige im Publikum lachten. Man schickte den Kell-\nner zu den neuen Gästen. Jemand vom Komitee verstand\nschon die ernstere Seite der Sache; mit seinem Arm, den\neine rote Binde schmückte, bahnte er sich von den ersten\nReihen aus schnell einen Weg zu den Fremden hin. Ein\nAusschussherr auf dem Podium drang in Pitroff, weiter-\nzureden.\n„Ein Bier . . .\" brüllte der Verein, einzeln abwech-\nselnd und im Chor. Die Zuhörer platzten in lautes Lachen\naus. Der Ordner, endlich bei den Störern angelangt, be-\nschwor sie: „Meine Herren .. .\" Die Eindringlinge\nmissverstanden ihn absichtlich und, als sei er der Kellner,\nzankten sie mit ihm: „Nun, Biere, wird's bald?\" . . .\nPitroff oben lehnte sich an den Tisch und nahm seine Rede\nwieder auf, obwohl niemand mehr aufmerkte . . »\nIn diesem Moment beugte sich Alfred Popper weit\nvor, hing förmlich über dem benachbarten Tisch, eine\nHand stützte er auf den Sessel, eine an die nächste Säule,\nso dass er sich hoch emporhob und von hier aus, mit weit-\ngeöffneten Augen, liess er einen schrillen Pfiff ertönen.\nEr schwenkte den Hut und rief, sich fallen lassend: „Ab-\nzug!\"\nDies war das Signal. Sofort stimmten die Turner\nein: „Abzug, Abzug Pitroff,\" und drängten in einem Keil\ngegen die Tribüne vor. Der Ordner wurde zu Boden ge-\nworfen. Gläser klirrten. Die Frauen kreischten entsetzt\nauf. An allen Tischen waren die Leute aufgesprungen und\nschon begannen die Arbeiter und die Turner einander zu\nprügeln. Vergebens mahnte der Kommissär mit seiner\ngleichmütigen Stimme, sie verhallte in dem Trubel. Da\nnahm er seine Kappe und erklärte die Sitzung für auf-\ngelöst. Die Ausschussmitglieder verliessen das Podium,\njeder um seine Familie besorgt. Der Wirt hetzte, laut\nfluchend, seine Kellner ins Getümmel. Jemand zahlte,\nandere flohen schreckensbleich. „Polizei\" wurde ge-\nrufen. Man hatte zwei Nebentüren geöffnet und durch\ndiese ergoss sich der Strom der Aengstlichen, wenig neu-\ngierig nach dem weiteren Verlauf. Zugluft entstand, kalte\nWindstösse drangen ein und die Lampen begannen zu\nflackern, zeitweise sich ganz zu verdunkeln, so dass es den\nAnschein hatte, als setze sich die Verwirrung auch in die\noberen Regionen fort ... In der Mitte des Saales aber,\num Pitroff, der, plötzlich lebendig geworden, gestikulierte,\num Nussbaum, dessen Stimme erdröhnte, um Alfred, der\nwie wahnsinnig schrie und um sich stiess, war ein wil-\ndes Gemenge entstanden. Man sah Hüte davonfliegen,\nerhitzte Gesichter, geschwungene Stöcke, stürzende Tische.\nDie Parteien spien einander alte Vorwürfe ins Gesicht.\nEine Ohrfeige knallte, einige rangen miteinander am\nBoden. Das fortgesetzte Geschrei ballte sich zu einem\neinzigen langen Ton zusammen .. . Hugo blickte be-\ngeistert in den Wirbel. Kampf also, Leidenschaft, und\nwar es auch Politik, nicht Liebe — hier fühlte er sich\nwohl, hier war er zu Hause. Er hob die Fäuste. Und\nIrene retten! Mit plötzlichem Entschluss warf er sich\nmitten in die Raufenden, den Kopf voran, eine stählerne\nHärte fühlte er in seiner Stirn, sprengte die feindlichen\nReihen, trat mit den Füssen auf andere Füsse, kletterte über\nBeine hinauf und über Sessel hinunter. Jetzt war er da.\nEr sah Irenens wehenden Schal, den Hut, noch einen\nSchritt . . . Irene stand zwischen Dr. Taubeiis und Nuss-\nbaum, die mit ihren hohen Gestalten, höher noch als sie,\nihr freien Weg machten. Auch sie ragte über das Ge-\nmenge, jedenfalls über Hugo hinaus, der wie ein Stöpsel\nzu ihren Füssen anrollte. Sie beachtete ihn gar nicht.\nSie sah ihn vielleicht nicht einmal, von den zwei Tünnen\nan ihren Seiten mit fortgezogen. Er drehte sich unten\nzwischen Bäuchen, an Westen und Rockknöpfen vorbei,\nim Dunkel, im Lärm und Gewühl, Kniescheiben drückten\nsich um seinen Schädel herum. Jetzt sah er es ein: er\nwar zu klein — einfach zu klein — . . . Er erstarrte vor\nSchmerz über diese Erkenntnis, alle Tatkraft verliess ihn.\nEine Weile nachher war Irene mit ihren Begleitern ver-\nschwunden und der geteilte Haufe schloss sich wieder um\nHugo zusammen.\n\nSchluss\n\nDymow\n\nDer Verein für Kunst veranstaltete am Sonn-\nabend nachmittag im Modernen Theater eine Urauf-\nführung: Irrwege von Ossip Dymow. Der Autor ist\nin Deutschland durch seine Novellen bekannt geworden.\nSein Drama Irrwege nennt er bescheiden fünf Szenen. Es\nwird gegen das Werk vom sogenannten dramatischen Stand-\npunkt aus vieles eingewendet werden. Ich bin aber der\nAnsicht, dass für das Theater alles geeignet ist, was inter-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "496", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.6", "texte": "essiert und unterhält. Mit und ohne Aristoteles. Es gibt\nzahlreiche Dramen, die an Technik und Routine nichts zu\nwünschen übrig lassen und bei denen doch alles zu wün-\nschen übrig bleibt. Dymow ist ein Dichter. Seine Per-\nsonen sind Menschen, denen zu ihrer Menschheit nur ein\nWeniger an Nuancen fehlt. Mit anderen Worten: sie sind\nzu lebenswahr. Es ist ihnen zuviel Lebensindividuelles\ngegeben, worunter stets das Kunstwahre leidet. Aber\nDymows Menschen interessieren. So etwa, wie uns\nunsere Freunde und Bekannte interessieren. Das genügt\nfür das Theater, aber nicht für die Kunst. Wenn man\nnun den Verfasser einen Dichter nennen kann, das heisst\neinen Schaffenden, der Geschautes sagt, so gibt ein so ent-\nstandenes Werk mehr als rethorisches Temperament und\nTechnik des Dramas es vermögen. Nur der Künstler,\ndas heisst die kunstvolle Persönlichkeit, kann einen Orga-\nnismus erstehen lassen. Beim Dichter wird das Geschaute\nim Drama stets als feine, gute und auch tiefe Anmerkung\nwirken. — Die Darstellung versagte nirgends. Eine voll-\nendete Leistung kann eine zu einem bestimmten Zweck\nzusammengestellte Vereinigung von Schauspielern nie er-\nreichen. Trotzdem bleibt die Regie von Rudoli\nB 1 ümn e r anzuerkennen, die ohne dekorative Mittel\ndichterische Stimmung schuf und psychologisch ana-\nlysierte. Blümner spielte selbst eine komische Rolle, wirk-\nlich von innen heraus humoristisch und ohne Mätzchen,\nwie es die Herren Komiker sonst belieben. Marie\nBorchardt ist ganz talentvoll, als kleine Studentin sehr\nrührend. Als Frau fehlt ihr die Sicherheit des Erleb-\nnisses. Aber Erlebnisse kann ja jeder auf der Welt reich-\nlich und billig haben. Ludwig Ha r tau versuchte\nsich meines Wissens zum erstenmal in einer realistischen\nRolle. Etwas Schillerpathos steckte noch in ihm, aber\nHartau ist ein so vorzüglicher Schauspieler, dass die\nRedensart von den Entwickelungsmöglichkeiten bei ihm\nkeine ist. Fräulein H ardegg war zu sehr „Duse\".\n\nK. M.\n\nVon Leutchen, die ich\nlieb gewann\nQuintus Fixlein\n1 / Ein übermütiger Schalk\nHerr Rudolf Presber, der lachende, weinfrohe, launige\nPoet, hat sich wieder geäussert. Der Ehbock hat die bunte\nKuh auf den Markt gebracht. (Concordia soll ihr Name\nsein.)\n„Bei jeder Gelegenheit, bei der die Kritik einstimmig\nund freudig die heiteren Novellen und Skizzenbücher\n(des weinfrohen Poeten) als Werke eines echten deut-\nschen Humoristen begrüsste, erhofften die Kritiker ein-\nmal einen Roman des lachenden rheinländischen Dich-\nters, der unter den Lebenden der berufenste\nwäre, einen echten humoristischen Ro-\nman zu schreiben. Nun hat er ihn be-\nschriebe n.\"\nDie einstimmig geäusserte Hoffnung der Kritik ist\nalso in Erfüllung gegangen.\n„Der Roman ist in all seiner Munterkeit erfüllt von\nunerschütterlichem Glauben an das Leben und an die\nKraft tüchtiger, gesunder Menschen ... ein übermütiger\nSchalk lugt und lächelt hinter den menschlich inter-\nessanten Episoden hervor . . .\"\nMehr kann die Kritik nicht verlangen. Der uner-\nschütterliche Glaube, mit dem der übermütige Schalk ins\nLeben lugt, ist die sicherste Gewähr, dass seine tüchtige\nGesundheit ihn noch öfter befähigt, die Hoffnungen der\nKritik zu erfüllen.\n2 / Lyriker\nMit der Lyrik ist es immer noch eine böse Sache.\nMan kennt sich so schwer aus. Aber immerhin: einen\nSinn müssen die Gedichte doch haben! Bei den Lyrikern\ndes „Sturm\" muss man sich da oft wundern. Die Leute\nsind doch manchmal gar nicht unintelligent. Aber wenn\nsie Verse dichten —! Kurzum: man wundert sich. Es\nist am besten, ich lasse hier einige Gedichte folgen, die\nbeweisen mögen, dass man dichten und doch verständlich\nsein kann:\nMein heisses Haupt wühlt in den Kissen,\nEs ist schon tiefe Mitternacht,\nGlocken weinen sturmzerrissen,\nAengstlich in der wilden Nacht.\nDie Sterne und die Welt verglimmen,\nDer Wind pfeift um die Dächer schrill —\nSo weinen heisre Menschenstimmen.\nIch fühle, dass was sterben will.\n(Der Tag Nummer 96 vom 25. IV. 1911)\nAus derselben Ausgabe desselben Blattes:\nWas soll dir der Sonne Strahl,\nWas des Lenzes Blühen?\nWenn du fühlst zu deiner Qual\nDeine Jugend fliehen?\nDoch es ist zu deinem Glück\nHoffnung dir gegeben:\nBiomalz verleiht zurück\nJugendkräft'ges Leben!\nAuch Fritz Engel ist dafür, dass Lyrik Sinn haben\nmuss. Er hat es erst kürzlich bewiesen, als er den\nSchneider aus Wittstock über Metrik unterrichtete. Er\nlässt in seinem Zeitgeist so singen:\nDie Sonne sank.\nDer letzte rote Schimmer\nentfloh der Nacht.\nNiemand hielt Wacht.\nDer letzte Wellenflimmer\nim See ertrank.\nMüde birgt der Mut\nsich in der Nacht . .\nDer Tag versprühte —\nwas in ihm glühte,\nvergurgelt in Vergessenheit\nlautlos in der Zeit —\nniemand hält Wacht . . .\nZwanzig Zeilen tiefer gibt sich ein Denker in Apho-\nrismen. Hier sind zwei:\nNur wenn sie im Augenblicke wurzeln, können Liebe\nund Vertrauen beständig sein.\nJeder Dichter muss zugleich ein liebevoller Sammler\nsein —\nvon Erfahrungen.\nDas stimmt. Die Erfahrungen, die Fritz Engel allein\nbeim Sturm gesammelt hat, haben seinen Genius schon\nöfter beflügelt.\n3 / Wunderknabe\nEs kommt mir erst heute in die Hand, aber es ist\nnie zu spät. Vor einigen Monaten weinte Herr Georg\nHirschfeld im roten Tag über das Geschick der Wunder-\nkinder. (Anlässlich des jungen Korngold.)\n„Zeigte sich nicht als spukhaftes, atembeklemmendes\nSymbol die Tragik des Künstlers, der immer ein hilf-\nloses Kind bleibt und eine Stunde lang tausend Seelen\nbeherrscht, um kurz darauf nach einer einzigen zu\nsuchen?\"\nEs kommt im weiteren zu folgendem Satz:\n„Die Blume Künstler-Einsamkeit will einen ver-\nschlossenen Garten, wunderbarst gewiss bei einem\nKinde.\"\nUnd endlich:\n(„Meine Berechtigung, dies hier auszusprechen, leite\nich von eigener Erfahrung ab. Ich denke an das süsse,\nschauerliche Jahr der „Mütter\", als ich selbst noch eine\nArt Wunderkind war. Nachdem mich tausend Hände\nim Theater willkommen geheissen hatten, sehnte ich\nmich sofort nach einer einzigen Seele und entwarf als\nmein nächstes Werk einen Roman. Ich hatte natürlich\nmit zweiundzwanzig Jahren keine verantwortlichen\nHüter mehr, aber ein Kind war ich doch noch, und die\nVerantwortung trug das „Schicksal\".)\nDas war vor sechzehn Jahren, als Herr Hirschfeld\nkeine verantwortlichen Hüter mehr hatte. Wie unver-\nantwortlich das Schicksal mit ihm umging, ermisst man\naber erst, wenn man bedenkt, dass es ihn nach sechzehn\nJahren einen verantwortlichen Redakteur finden Hess, der\ndiese Klage der Oeffentlichkeit übergab.\nWunderkuabe! Wunderknabe!\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-Ungarn\nI. V.: Oskar Kokoschka\nDruck von OTTO ELSNER / BERSIN S. 42\n\n*\nwyM.\nEXLIBRIS\niv itfn \\ hj nach Entwurfen erfter\nl\\ : n^'er durch den :\nj/A i|| Exlibris -V ertag\n,W*\\V hs\\ Berlin W Freifinaer Str.\nBerlin W 30, Freifinger Str. 7\n\nBerufen Sie sich\nbitte bei Einkaufen auf die\nAnzeigen dieser Zeitschrift\n\nDie Fackel!\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\n:::: Nr. 321/22 ::::\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pf.\nÜBERALL ERHALTLICH\n' t\n»«r\n\nDer Neue Club\nMontag, den IS. Mai, abends 8 Uhr\nSalon Cassirer, Viktoriastrasse Nr. 35\nQeorg Heym-BSSSS\nBilletts a 2,50 Mk. u. 1,50 Mk. bei Edm. Meyer,\n:: Potsdamer Strasse, und an der Abendkasse. ::"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "497", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.7", "texte": "Neue Sezession\n|>ritte fi nssteltuiig\nB ■\n! 1\nH ■\nS B\n2 ®\ns »\n9B§\nSerlin U. 1\nan der Xaiser-liHIhelm-Gedachtiiis-JCirche"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "498", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110513-01.1.8", "texte": "DIE TAT\nWEGE ZU FREIEM\nMENSCHENTUM\nVIERTELjAHRL.M.2 HEFT M.0,80\nEINE MONATSSCHRIFT\nHERAUSGEGEBEN VON\nERNST HORNEFFER\nVERL. DIE TAT G.tn.b.H., LEIPZIG\n\n•*\nProf. Dr. B&ckhftagmilch, alt bo-\nwahrt« Kindenoilch. — Trinkfertige Por-\nkionflaschen ftir Yerschiedene Alterstufen.\nMaitosana, bester Zasatz zur Solbst-\nherstellung anderer Milchmischungen.\npfaod-Dosa IM. 50. In Apoth. a. 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