{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-05-25-01", "volume": "bmtnabg_1911-05-25_01", "ocr_sha256": "e7ac95f0d4ed42871754e8aa14a56885db644fb95cca085a883f5183ae70f324", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/05/25_01/bmtnabg_1911-05-25_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/05/25_01/bmtnabg_1911-05-25_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-25-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-25_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.1", "debut_caractere": 506, "fin_caractere_exclue": 896, "texte": "Inhalt:\nTRUST: Furchtbar dräut der Erbfeind: Irrwege / Höchste Preise / Halt / Halt! 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Die\nSonne lockte die Herren Theaterreferenten nach\nihrer Angabe ins Freie und sie -mußte n zur\nUraufführung des Dramas „Irrwege\" von Oszip\nDymow in das Moderne Theater geben. Die\nSonne trocknete den Herren das Gedächtnis aus.\nDer Verein fii r Kun s t der ihnen den Nach-\nmittag verdarb hat in sieben Jahren fünfundneunzig\nAbende veranstaltet. Mit einer einzigen Ausnahme\nWußten die Referenten nichts von seiner Tätigkeit.\nIch hätte ihnen den guten Geschmack allerdings\nnicht zugetraut, daß sie die Feuilletons ihrer\nZeitungen und ihre eignen Arbeiten nicht einmal\nlesen. . Was nun den Zwang anbetrifft, so wird\ner nur dann empfunden, wenn kein Drama der\nPressedichter zur Aufführung kommt. Es ist\nwirklich ein Unglück in Deutschland, daß der\nAbonnent nur eine Zeitung liest. Würde er beim\nVergleichen der Kritik diesmal in ungefähr sechzig\nZeitungen denselben Witz gefunden haben, daß\n„der Verein für Kunst\" sich mit diesem Drama\nauf Irrwegen befand, so wäre die Möglichkeit\nnicht ausgeschlossen, daß er die Witzlosigkeit\ndieses Witzes witzig gefunden hätte. So kann\n■ der Abonnent nur den Geist seines Kritikers\nvermissen. Wenn das Mailüfterl weht muß der\nKritiker die Irrwege des Vereins für Kunst gehen.\nWer hat die Herren gebeten zu erscheinen?\nNicht einer dieser Namenlosen ist eingeladen\nworden. Ihre Redaktion entsandte sie, wofür sie\nhoffentlich bezahlt werden. Mann kann von\nNiemandem verlangen, daß er umsonst witzig ist,\nund sich seinen Ausflug verschlägt. Die Kunst\nkönnte der Sonne garnicht dankbar genug sein,\nwenn sie bei dichterischen oder künstlerischen\nAnlässen die Herren ins Freie lockte. Auch der\nWinter hat ja seine angenehmen Seiten in der\nNatur. Und da die Kollegen doch auf jeden\nFäll gelobt werden, würde einer genügen, um\nalle sechzig berichtenden Zeitungen zu befriedigen.\nUmsomehr, als allen sechzig Kollegen doch stets\ndasselbe einfällt.\nHerr Dr. Artur Eloesser von der Vossischen\nZeitung ist der Tiefste. Kein Wunder, er darf\nsogar für die Neue Rundschau dichten. Wenn\nHerr Eloesser lobt sagt er von Herrn Dymow,\n.er sei „ein geistreicher Feuilletonist, der uns mit\nso wenig Lyrismus angehaucht hätte.\" Eloessers\nAnalyse des Begriffs Dichter. Vom Regisseur\naber verlangt er, daß er „den Sc h i fibr u c h\naller Gemüter etwas leiser gestimmt hätte.\"\nBei diesem Rat des Herrn Eloesser dürfte die\nMusik wohl schlecht fahren. Von Herrn Hartau\nweist der Kollege zu vermelden, daß er „seinen\nMann in zwei theaterkräftige Fäuste genommen\nhabe.\" Gegen diese Akrobatik des Kritikers\nkomme ich nicht auf. Wie anders Herr Julius\nKeller im Lokal Anzeiger. Er ärgert sich über\ndie selbstquälerisch veranlagten Menschen, über\ndie Unerquicklichkeit des Stoffes, über die ge-\nwaltsame Ausgestaltung und die zerfahrene\nZeichnung. Schade, daß der Lokal Anzeiger\ngerade den Possenkritiker für Optimismus ab-\nordnete. Der traurige Lothar wäre in diesem\nFall besser am Parkettplatz gewesen. Aber Herr\nKeller gibt gleich einen Satz von optimistischer\nLebensfreude, wie er sie sich denkt von sich.\"\nSo bleibt das einzig Interessante an dieser\n„Sonder\"-Vorstellung, denn wieder die Tatsache,\neinen Verein der Kunst\" solche „Irrwege\"\nwandeln zu sehen. Was will der Mann? Er\nhat doch seine Freude gehabt\nHöchste Preise\nWenn man die Zeitungen in den letzten\nWochen liest, hat man das Gefühl, dass alle\nDeutschen vom vollendeten sechsten Lebensjahre\nan überhaupt weiter nichts tun, als in die Ge-\nmäldeausstellungen zu gehen und sich von den\nFranzosen pervers anregen zu lassen. Das Berliner\nTageblatt, dessen Kritiker schon öfters die Güte\nhatte, Manet und Van Gogh „anzuerkennen\" ver-\nöffentlicht eine Zuschrift des sehr mäßigen Genre-\nmalers Professor Meyerheim. Herr Meyerheim,\nder bekanntlich mit Erfolg gegen Tschudi in-\ntrigierte, regt sich auf, daß im Ausland für Menzel\nund Böcklin nicht solche Unsummen gezahlt werden,\nwie in Deutschland „für die flüchtigen roh\nskizzierten verzeichneten Schöpfungen eines Manet\".\nHinter diesen Sätzen verbirgt sich der Aerger,\ndes Genreprofessors, daß die Kenner seine Bilder\nnicht höher bezahlen. Meyerheirns Bilder sind\ntotal fertig. Nicht ein Strich, den man vermißt,\nMeyerheim findet es beschämend für uns Deutsche,\ndaß er (er nennt sich mit dem pluralis modestiä)\nunsere wirklich Großen, so wenig geschätzt wird,\nunter dem Vorwand, so malt man heute nicht\nmehr. Herr Meyerheim findet es sogar traurig,\ndaß von dem Geist und dem Fleiß des Größten\nunserer Zeit (der Kollege Menzel) gar so wenig\nzu verspüren ist. Er tut den deutschen Künstern\nUnrecht. An Menzelepigonen fehlt es wahrlich\nnicht. Und daß keiner sich zu einer netten\nMeyerheim-Imitation entschließt, hat schon seinen\nGrund. Zur Imitation gehört immer ein Original,\nund das ist Herr Meyerheim nur in seinen An-\nsichten, soweit sie nicht gemalt sind.\nHalt\nDie ernsten Künster rufen ein energisches\nHalt durch Deutschland. So geht es nicht weiter.\nSelbst in der Kunststadt Düsseldorf scheinen jetzt\ngelegentlich Bilder ausgestellt zu werden. Die\nStadt Köln wird ganz aufgeregt. Nur eine Stunde\nentfernt steht der Feind. Der Russ' und der\nFranzose. Und der brave Deutsche, sagt die\nKölnische Zeitung, atmet bereits den Gifthauch\nder dunkelsten Lasterstätten. „Fort mit der\nGemeinheit\" brüllt die Kölnische Zeitung. Und\ndichtet folgendes über die Künstlervereinigung\n„Die Brücke\" (Dresden), die zur Zeit in Düsseldorf\nbei Tietz eine Ausstellung- veranstaltet.\n„Der Ausdruck „Brücke\" soll wahrscheinlich\ndarauf hinweisen, daß es sich um eine Verbindung\ndeutscher und französicher Kunst handelt. Die\nausgestellten Bilder gehören ihrer Mehrzahl nach\njener neufranzösischen Richtung an, die im vorigen\nJahre in Düsseldorf durch in München seßhafte\nRussen eingeführt wurde. Einer der Künstler,\nder Schweizer Amiet, ist schon ziemlich bekannt,\nund er schafft auch halbwegs erträgliche Land-\nschaften. Außerdem beteiligt sich als Gast ein\nDresdner Maler, der nicht eigentlich ganz in die\nRichtung gehört, weil er in seinen weiblichen\nAkten immer noch verrät, daß er Zeichenunterricht\ngenossen hat, aber in dem Zug des Perversen\nmit dem er die Nacktheit darstellt, doch mit den\nandern verwandt ist. Weder ihn noch diese\nmöchten wir mit Namen nennen, denn es ist\nschwer, in dem gegebenen Fall bei der Nennung\nvon Namen dem Vorwurf eines persönlichen An-\ngriffs auszuweichen. Die Bilder sind an Nichts-\nnutzigkeit der Zeichnung nicht zu übertreffen und\nbedeuten nichts anderes als grellbunte Spielereien\nvon irgendwelchen Kanibalen. Sie sind in dem\nSinne der Malerei als solcher das Ende aller Kunst,\ngrober Unfug. Aber iie zeigen eine noch y|e\nschlimmere Seite. Die moderne Redensart, daß\nder Gegenstand der Kunst gleichgültig sei, wird\nhier in ganz bösartiger Weise misbraucht Schon\nvoriges Jahr haben wir angesichts jener Russen\nbemerkt, daß diese das Weib in ihren Bilder;;\ngemein auffassen. Das trifft aber auf die deutschen /\nKünstler in einem weit stärkern Maße zu. Was\nuns da vorgeführt wird, das atmet den Gifthau A\nder dunkelsten Lasterstätten irgend einer Großstadt\nund zeigt eine Geisteslage dieser Künstler, die\neigentlich nur pathologisch zu begreifen ist. Voriges\nJahr haben einige Kunstkritiker, die sich unentwegt\nmodisch gebärden wollten, den Mut gefunden, zu\nsagen, die Bilder jener Russen bedeuteten eine\nAuffrischung, eine Anregung der Düsseldorferk\nKunst. Wer das vor diesen Bildern wiederholt,\nbegeht ein Verbrechen an unserer künstlerischen\nJugend und an unserer Kunstkultur. Es war\nhöchste Zeit, wie man da sieht, daß ernste Künstler,\nendlich ein energisches „Halt!\" durch Deutschland\nriefen. Da ist mit Redensarten, wie das Rech?\ndes Experiments, Entwicklungsprobleme usw. nidt\nmehr zu arbeiten, da heißt es klipp und klar:\necrasez Finfäme! „Fort mit der Gemeinheit!\"\"\nHerr Meyerheim sollte der Redaktion der\nKölnischen Zeitung, der Kampfgenossin einen\nechten Meyerheim schenken. Die Originalität\nmuß aber notariell beglaubigt werden, sonst merkt\nman es nicht\nDie Namen der ausstellenden Kanibalen\nlauten: Kuno Amiet, E, Heckel, E. L. Kirchner,\nMax Pechstein.\nHalt! Halt!\nSüddeutschland greift tapfer ein. Die Rhei-\nnisch-Westfälische Zeiiung hat einen gelinden Tob-\nsuchtsanfall bekommen. Richard Strauß will sich\nvon D'Anunzio ein Libretto schreiben lassen\n„Der Stoff wird noch geheim gehalten. Strauß\nwird dem Orchester Aufgaben von ungeahnter\nKühnheit stellen.\" Die lüsterne Phantasie der\n.\nRheinisch-Westfälischen Zeitung ahnt bösestes.\nNach Salome und Elektra, diesen erotisch per-\nversen Damen, kann man auf ein sanatistisches\nWeibsbild gefaßt sein. Herr D'Anunzio wird1\nunsern guten Strauß total verderben.\nIm Ernst: ist es nicht ein Jammer, daß ein\ndeutscher Tondichter, der einmal nach Wagneri\nzu unseren-größten Hoffnungen rechnete, so wer\ngekommen ist, daß nur noch das Zügellose Mach-\nwerk eines ausländischen, spezifisch-romanisch-deh-\ndenten Schriftstellers ihm als Grundlage für setre\nTondichtungen zu genügen vermag? Wo sind diel\nZeiten, da ein Weber uns die keusche Einsamkeit \\\nder deutschen Wälder zum Klingen brachte, da\nMarschner den Sagen-Spuk der Kobolde in Toner\nbeschwor, da Wagner den gewaltigen Mythos der\nNibelungen zu prachtvoller Orchestersymbolü<\nzusammenballte?!\nEntartet Geschlecht, unwert der Ahnen, dem\ndie Künste eines Musikers Ereignis werden, dessen\nLiebe die lüsternen Gebilde kranker Fremdlinge\nallzu „verstehend\" sucht!'*\nMit dem Ausschalten der Botanik dürfte die\ndeutsche Oper endgültig auf das tote Geleis ge-\nkommen sein. Wie pervers Strauß ist, geht schon\ndaraus hervor, daß er im Orchester Ruthen an-\nwendet. Bisher ließ er allerdings damit nii«\nNotenpulte auspeitschen. Aber die Ruthen sind\nnun einmal da. Man weiß nicht, was noch werden\nmag. Aber ich will vermitteln: Wenn Her'\nStrauß sich verpflichtet, seine totlangweil$e\nKomponiererei aufzugeben, soll er sich mit der\nRuthen durchpeitschen können, so oft und so lange\nes ihm beliebt. Dagegen wird doch die Rheinisch\nWestfälische Zeitung nichs einzuwenden haben\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-25-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-25_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "501", "page_fin": "502", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.2.4", "titre_corps": "Lufthafen und Schwiegermama", "titre_sommaire": "Lufthafen und Schwiegermama", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "501", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9095, "texte": "Lufthafen\nund Schwiegermama\nVon Paul Scheerbart\n„Niemals\", sagte Frau Berta Schröder, „werde\nich einen Schwiegersohn haben, der nicht über\nein größeres Vermögen verfügt; wir sind in\nAmerika reich geworden und haben für europäischen\nIdealismus, der kein Geld besitzt, schlechterdings\nnicht mehr das geringste Verständnis.\"\n„So muß\", versetzte Herr Moritz Mohn,\n,iede vernünftige Mutter sprechen. Dem Geld-\nmangel in Europa muß entschieden ein Riegel\nvorgeschoben werden.\"\nDie beiden sassen auf einer Hotelterasse in\nMonte Carlo, tranken ihren Morgenkaffee und\nsprachen weiter über die Bedeutung des Geldes\nän Europa und Amerika.\nHerr Moritz Mohn hatte aber gar kein Geld,\nund wollte trotzdem die Tochter von Frau Clara\nSchröder — heiraten. Der Vater war gestorben,\nein alter Onkel begleitete die beiden Damen.\nNun lebte in Monte Carlo auch ein Herr\nvon Brand, der mit Herrn Mohn befreundet war.\nHerr von Brand besaß ein Luftschiff mit Lenk-\napparat und außerdem soviel Geld, daß er von\nden Zinsen gerade leben konnte.\nZu diesem Herrn begab sich Herr Moritz\nMohn und sagte ihm folgendes:\n„Heiraten möchte ich Fräulein Clara Schröder\naus Amerika. Schwiegermama ist Witwe und will\neinen reichen Schwiegersohn. Möchtest du nicht\neine Wettfahrt Monte Carlo-London arrangieren?\nWir könnten dann die Schwiegermama als Un-\nparteiische mitnehmen und bei Sturm oben in\nden Lüften von Liebe reden. Ich glaube, das\nwird Eindruck machen. Vielleicht nimmt sies\ndann nicht so genau mit dem Vermögen des\nSchwiegersohnes.\"\nHerr von Brand lächelte und sagte:\n„Kann sofort geschehen. Ein Engländer\nnimmt eine Wette sofort an — und es wäre ja\nnicht unmöglich, daß wir was gewinnen.\"\nFrau Schröder war bereit, als Unparteiische\nmitzufahren; es beteiligten sich an der Wettfahrt\nnoch vier andere Luftschiffe. Und abends halb\nsechs Uhr fuhren sechs Luftschiffe mit Lenkanparat\nnach London, jeder von den sechs Besitzern\nhatte eintausend Franken hinterlegt. Wer zuerst\nIn London anlangte, sollte das ganze Geld be-\nkommen. Fräulein Clara Schröder winkte lange\nden Abfahrenden mit einem weißseidenen Tuche\nnach und seufzte, als sie nicht mehr gesehen\nwerden konnten.\nUeber Marseille fing es an zu regnen und\nes wehte ein scharfer Wind von Westen her. Die\nSonne war untergegangen. Herr von Brand saß\nhinten in der langgestreckten Gondel, Herr Moritz\nMohn saß vorn der Frau Schröder gegenüber und\nsagte:\n„Gnädige Frau, ich bewundere Ihren Mut.\nSie sind zweifellos noch niemals in einem lenk-\nbaren Luftschiff gefahren. Nicht wahr?\"\n„Ich hatte\", versetzte die Dame „in Amerika\nkeine Gelegenheit. Aber ich denke doch, daß\nc.'ie Fahrt nicht mit hesonderen Gefahren ver-\nknüpft ist.\"\n„Wenn\", erwiederte Herr Mohn, „ein Unwetter\nlosbricht, so ist die Fahrt nicht so ganz ohne\nGefahr. Wenn wir in einem Lufthaien Unterkunft\nfrnden könnten, dann wäre ja alles gut — im\nandern Falle ist es ungemütlich zwischen flackernden\nBlitzen dahinzugondeln. Weiter kommt man dabei\nnicht. Versuchen wir es, aufs flache Land her-\nunterzugehen, so wird der Ballon derartig mit-\ngenommen, daß wir nicht in acht Tagen nach\nLondon können.\"\n„Aber\", rief nun Frau Schröder, „wir werden\ndoch wohl einen Lufthafen finden? In Amerika\nhaben wir mehrere Lufthafen.\"\n„Die nutzen uns nichts\", versetzte Herr Mohn,\n„in Frankreich haben wir nur einen großen Luft-\nhafen bei Paris. Der ist aber so unpraktisch an-\ngelegt, daß wir dort bei Unwetter bestimmt keinen\nPlatz finden.\"\n„Was machen wir dann?\" fragte Frau Schröder.\n„Das beste wäre\", erwiderte Herr Mohn,\n„wir suchten einen deutschen Lufthafen auf\nin Deutschland gibts an der französischen Grenze\nzwei Dutzend neuer Lufthäfen. Ich glaube,\ngnädige Frau, Sie haben von diesen deutschen\nLufthäfen noch garniehts gehört, nicht wahr?\"\nEin breiter Blitz ging unweit vom Ballon\nzur Erde nieder; ein krachender Donner folgte.\nFrau Schröder zog ihren Mantel fest um die\nSchultern und sagte ruhig:\n„Sie haben recht Ich weiß noch nichts von\ndiesen deutschen Lufthäfen. Sind sie anders als\ndie amerikanischen? ich komme so selten zum\nZeitunglesen.\"\nDa erklärte Herr Moritz Mohn die deutschen\nLufthäfen:\n„Sehen Sie mal, gnädige Frau,\" sagte er\nlachend, während die Blitze weiterzuckten und der\nDonner donnerte, „ein Lufthafen soll in erster\nLinie allen Luftfahrzeugen bei Unwetter genügenden\nSchutz bieten. Nebenbei kann ja auch das Ein-\nund Aussteigen erleichtert werden. Die Haupt-\nsache bleibt jedenfalls der Schutz bei Unwetter.\nHierzu sind aber eigentlich nur recht hohe Wände\nnötig. Das ist wohl einleuchtend, nicht wahr?\"\nFrau Schröder bejahte das lebhaft, und Herr\nMohn fuhr fort:\n„Eigentlich nur Wände, nicht einmal Dächer,\ndenn der Regen von oben schadet den Ballons\nnicht, höchstens ist er den ballonlosen Drachen-\nfliegern unbequem. Nun ist es aber natürlich\nsehr wichtig, daß man diese Wände so leicht wie\nmöglich macht. Und da baben die Deutschen\nfolgendes erfunden: sie machen die Wände wie\nan den Hausfenstern die grünen Rolljalousien,\nderen schmale Holzbretter durch Anziehen an\neiner Kette horizontal oder schräge gestellt werden\nkönnen. Solche Wände lassen sich bei Sturmwind\ndadurch schonen, daß man die einzelnen Bretter\nhorizontal stellt. Diese Bretter sind aber garnicht\naus Holz, — sie sind aus Linoleum und haben\nMeterbreite. Fängt nun der Sturm zu toben an,\nso werden alle Wände aufgesperrt und nur dort\nzugehalten, wo sie ein Luftschiff gegen Sturm zu\nschützen haben.\"\n„Das ist ja sehr praktisch!\" rief Frau Berta\nSchröder begeistert, während wieder in nächster\nNähe ein Blitz zur Erde niederfuhr.\n„Gegen Blitze,\" sagte Herr Moritz Mohn,\nsind natürlich die Häfen durch sehr viele Blitz-\nableiter geschützt und auf ganz hohen Masten\nbrennen viele elektrische Scheinwerfer, deren\nKonstellation und Zahl genau die Lage des Hafens\nauf der Karte angibt. Die Wände können um\neinen Mittelkreis gedreht werden, sodaß die Ein-\nfahrt der Luftfahrzeuge, wenn sich diese bemerk-\nbar gemacht haben, immer gleich von jeder Seite\naus stattfinden kann. Nachher lassen sich dann\ndie beiden Wände mit dem Luftschiff so weit\numdrehen, dass der Wind nur den geringsten\nDruck auf die Wände ausübt. Stellen Sie sich\neinen geraden Regenschirm vor, — wie ihn die\nChinesen benutzen: wird er mit der beim Regen\noben befindlichen Seite auf die Erde gestellt, so\ndass der Kreis unten bei der Drehung des Stockes\nsich dreht — so sind die Fischbeinstangen an\nStelle der Wände zu denken. Die Geschichte\ndreht sich natürlich auf Rädern, und diese Räder\nlaufen auf Schienen, die konzentrische Kreise\nsind. Natürlich lassen sich auch alle Wände zu-\nsammenschieben. In der Mitte befindet sich ein\nhohes Turmgebäude, von dem aus die Drehfahrt\nder Wände elektrisch geleitet wird. Dächer lassen\nsich, wenn es nötig ist, auch immer vom Mittel-\nturm aus auf die Wände hinaufrollen.\"\n„Solchen Hafen\", rief nun Frau Schröder,\n„möchte ich in der Tat aufsuchen!\"\n„Ich will sehen\", erwiderte Herr Mohn, „diesen\nHerrn von Brand zu bestimmen. Aber er wird\ndie Wette nicht aufgeben wollen.\"\nEr ging sofort zu Herrn von Brand, und\ndieser zuckte mit den Achseln, doch da sagte\nder Herr Mohn ihm leise ins Ohr:\n„Wie modern wir heute sind 1 Früher ent-\nführte man beim Sturm die Tochter heute die\nSchwiegermutter. Ich denke die Geschichte wird\ngut werden. Sag nur immer, daß du nach London\nwillst.\"\nHerr von Brand pfiff leise vor sich hin, und\nHerr Mohn ging wieder zu der alten Dame\nzurück.\n„Er will nicht,\" sagte er melancholisch, „er\nwill nur seine Wette gewinnen. Und ich möchte\nauch so gern einen Hafen aufsuchen — am liebsten\ngleich den Hafen der Ehe. Sie verstehen mich\nwohl, gnädige Frau!\"\nFrau Schröder lächelte verständnisinnig und\nsagte leise:\n„Also, Sie wollen meine Clara heiraten,\nnicht wahr?\"\n„Ja,\" erwiderte Herr Mohn.\n„Da muß ich aber erst über Ihre pekuniären\nVerhältnisse im Klaren sein !\" sagte die alte Dame.\nNun wurden aber der Sturm, der Hagel und\ndas Gewitter so heftig, daß die beiden sich nicht\nweiter unterhalten konnten.\nAls es ein wenig ruhiger in der Luft wurde,\nschrie Herr Mohn: „Gnädige Frau, bei dem Sturm\nwerden wir ganz bestimmt in die Nordsee ge-\nworfen !\"\n„Aber,\" rief nun die alte Dame, „auf der\nSee sind doch die deutschen Lufthäfen noch ieichter\nanzubringen als auf dem Lande — auf der See\nbraucht man ja keine konzentrische Kreisschienen —\nSchaufelräder genügen ja, und die W'ände können\nauf Flößen ruhen.\"\n~Glänzende fdee!\" schrie Herr Moritz, während\nder Hagel oben auf dem Ballon einen Trommel-\nwirbel erzeugte, „die Idee müßte gleich patentiert\nwerden. Ich wilPs besorgen, wenn Sie, gnädige\nFrau, mir Gewissenfrage von vorhin erlassen.\"\n„Meinetwegen!\" schrie Frau Berta, „aber Sie\nmüssen Herrn von Brand zwingen, in einen\ndeutschen Lufthafen hineinzufahren!\"\n~Ja!\" schrie Herr Moritz, „geben Sie mir Ihr\nJawort schriftlich?\"\n„Mein Herr\", schrie die alte Dame, „das\nsieht wie eine Erpressung aus.\"\n„Das ist,\" schrie nun Herr Moritz wieder,\n„nur dazu da, um Ihnen zu beweisen, daß auch\nein idealistischer Europäer so praktisch und\nenergisch wie ein Amerikaner sein kann.\"\nDa zog Frau Schröder bei dem großen Sturm\neine Visitenkarte hervor und schrieb darauf:\n„Sie sollen mein Schwiegersohn sein.\""}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "502", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 638, "texte": "Als Herr Moritz die Karte hatte ging er zu\nHerrn von Brand und bat ihn, gleich nach Metz\nzu fahren.\nUnd als der Morgen graute, tat Herr von\nBrand, was man von ihm wollte.\nFrau Schröder war beim Anblick des deutschen\nLufthafens, dessen Wände tadellos funktionierten,\nso entzückt, daß sie ihren Schwiegersohn stürmisch\numarmte. Fräulein Clara und der alte Onkel\nwurden gleich telegrafisch von der Sachlage ver-\nständigt.\nSechsunddreißig Luftschiffe hatten in dieser\nstürmischen Nacht und an dem darauffolgenden\nMorgen bequem in dem einen Lufthafen bei Metz\nUnterkunft gefunden.\nDas deutsche System hatte sich wieder\neinmal glänzend bewährt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-25-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-25_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "502", "page_fin": "502", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.2.5", "titre_corps": "Unser Liebeslied", "titre_sommaire": "Unser Liebeslied", "signature_source": "Else Lasker – Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "502", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.4", "debut_caractere": 640, "fin_caractere_exclue": 1284, "texte": "Unser Liebeslied\nElse Lasker - Schüler\nUnter der Wehmut der Esche\nLächeln die Augen meiner Freundin.\nUnd ich muß weinen\nÜberall wo Rosen aufblühn.\nWir hören beide unseren Namen nicht —\nImmer Nachtwandlerinnen zwischen den bunten Jünglingen.\nMeine Freundin gaukelt mit dem Mond\nUnserm Sternenspiel folgen Erschrockene nach.\nO, unsere Schwärmerei berauscht\nDie Straßen und Plätze der Stadt.\nAlle Traume lauschen gebannt hinter den Hecken\nKann nicht Morgen werden —\nO, und die Seidige Nacht uns beiden\nTausendmal immer um den Hals geschlungen.\nWie ich mich drehen muß!\nUnd meine Frendin küßt taumelnd den Rosigtau\nUnter dem Düster des Trauerbaums."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-25-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-25_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "502", "page_fin": "503", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.2.6", "titre_corps": "Die neue Kunstanschauung", "titre_sommaire": "Die neue Kunstanschauung", "signature_source": "Richard Fuchs", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "502", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.4", "debut_caractere": 1286, "fin_caractere_exclue": 8880, "texte": "Die\nneue Kunstanschauung\nVon Richard Fuchs\nAlles Gedankliche ist ohne Physis wertlos.\nAlles wurde schon zum bloßen Verstände und\nlernbaren Gedanken. Man wird wieder das große\nLebensmysterium der Kunst retten müssen.\nKein anständiger Mensch vermengt Kunst und\nLeben miteinander. Aber ein klaffender Wider-\nspruch zwischen Kunst und Lebensnatur bedeutet\ngewiß eine verderbliche Gehirngefangenschaft.\nWir können freilich nicht Kunst direkt leben:\naber organische Kunst gibt selbst die Wege der\nPraxis an durch natürliche (nicht verstandesmäßige)\nBereicherung mit gesundem Leben.\nDarum bleibt in jeder erfüllten Blüte einer\nKunstkultur die Theorie armselig zurück : es gibt\ndann nur ewig alte und ewig neue Menschen,\nwelche den beiden Kategorien der gelehrten und\nder wirklichen Menschen entsprechen. Das Leben\nsteht natürlich auf der Seite der reellen Gegenwart.\nWas trotzdem ein Widerspruch des Lebens\nbleibt, das löst auch keine dualistische Wissen-\nschaft, sondern nur die Vertiefung des eigenen\npsychologischen Interesses durch Aufklärung über\nalle Lebensentstehung.\nDie Bereicherung der praktischen Welter-\nfahrung setzt diese allgemein öffentliche Aufklärung\nfort, lehrt uns Glück in unserer Tätigkeit und\nRespekt vor Gleichgesinnten.\nDarum dürfen wir neuen Weltgläubigen uns\nnicht wieder aus dieser geistigen Heimat heraus-\ndrängen lassen, welche unser eigenes Leben und\ndie innerste Natur ist, indem wir nie zulassen,\ndaß die menschlichste Natur mit einem Schimpfe\nverlästert werde, damit nicht abermals die allein\nmögliche Wahrheit in einem fremden Jenseits\nhersche. Diesen alten Weltanschauungszwiespalt\nwill auch derjenige, welcher mittelalterliche Kasten-\nherrschaft der Gesellschaft zurückwünscht.\nWer möchte die ganze Heiligegeschichte der\nKirchenkunst ohne die meisten Künstler und\nSchönheitsvollender ihres Faches! Wir lieben\ndie freie moderne Schöpfung in der heutigen\nKunst und ersehnen sie für alles Menschliche.\nDieses zu erfüllen, gebe uns ein Traum von junger\nMoro-ensonne das Licht und die Wärmekraft, damit\nwir uns am historischen Alten nur selbst entdecken\nund entzünden und nicht von vornherein auf neue\nWirkungen der Menschheit verzichten. Denn im\nkünstlerischen Schaffen offenbart sich allein die\nrelative Fortentwicklung der Wahrscheinlichkeit.\nNatürlich liebt jeder Geist seinen Heimatboten,\nwo er von Geburt her genährt wurde: aber erst\ndie gewonnene Freiheit über den nationalen Stoff\nrechtfertigt den Könner. Man wird diesen lustigen\nUebermut nicht hindern können.\nWir Deutschen wir gehen zu schwer als\nMenschen aus uns heraus. Unser nationaler Be-\ngriff ist noch ganz philiströs. Was uns gegen\nandere härter macht, ist die deutsche Liebe zur\nkonventionellen Gattung, statt zum sinnlichen Sub-\njektiven und menschlichen Individuum. Wir fassen\nsogar das soziale Moderne blos als Opposition\nstatt als etwas schlechthin Notwendiges, und sind\nmeistens überhaupt nicht modern, das heißt, ver-\nlieren über schematischen Konstruktionen das\nLeben und sein innigeres Instruktive.\nAuch die Künste sind lebensphysiologische\nSysteme und ihre ewigen Gesetze sind für uns\nnur Sterne. Denn es regiert die Welt kein\nreligiöses Gesetz der Kunst. Liegt doch nicht\neinmal allen wirklichen Erscheinungen ein univer-\nsales zu Grunde. Aber es gibt\nsubjektiv-menschliche Gesetzmässigkeiten der höcht\nindividuellen Künste.\nKeine bewusst konstruierte Konzentration der\nKünste ist so nötig, wie die organische Bestätigung\nund Konzentration der spezifischen künstlerischen\nKraft. Ein volkswirtschaftliches Problem der\nKunstökonomie hätte dann zur besonderen Auf\"\ngäbe, die heimatliche Verwertung des geschaffenen\nIdeals und seine Wiedereinsetzung in einen öffent-\nlichen Dienst zu prüfen und zu ordnen. Die\nnationale Frage ist also auf allen Gebieten eine\nFrage des Kulturtaktes. Denn es handelt sich\nnicht darum, zwischen den Extremen der allzu\nbiederen Genügsamkeit und des großen Rausches\nzu pendeln, wo das Fest nur Wahnsinn ist oder\nwiederum nur der Sonntag einmal Feiertag. Die\nlachende Seele kennt nicht diese grobe Kluft\nzwischen Frone und Erlösung. Das Leben ist ihr\nselbst ein hochherziges weltliches Engagement.\nDie Begriffskrankheit der nationalen Menschen\nist lediglich die Erinnerung an ein unweltliches\nIdeal aus der Zeit der Kirche.\nDie Kunst ist nur in der Entartung eine\nmoralische Allegorie der Dinge: und trotzdem\nbehält man das Stoffliche auch hier noch lieb,\ndieselben Objekte der Natur, die der wahre\nKünstler gänzlich in der Form aufhebt; jedoch\nnur in ihm Beherrschung, nicht zu ihrer abtötenden\nVernichtung. Der moderne, die Welt liebende\nKünstler, dem diese Form ohne äußerliche, primitive\nräumliche Konstruktionen gelang, schuf die tiefe\nKomposition der impressionistischen Malerei. Ihre\nlebende harmonische Ordnung durch reine Farbe\nist der Triumph inneren Gesichtes, unserer\nseelischen Sinne und unserer zweiten Welt der\nErscheinung. Diesen psychischen Raum trägt das\nErscheinungsbild allein; er ist keine materielle\nVortäuschung eines Wirklichen. Der malerische\nImpressionismus ist keine willkürliche Sonderkunst,\nsondern die erneuerte Kunst der Malerei in unserer\nZeit. Wie lange aber hat man ihm Unvollendung\n(durch Verwechslung von Malerei und Plastik)\nund Skizzenhaftigkeit (durch Erinnerung an das\nIdeal der Renaissance) vorgeworfen: die ver-\nweilende Deutlichmachung eines Details würde\nden sorgsamen Künstler vielleicht um seine wert-\nvollste anschauliche Mitteilung bringen, die im\nwesentlichen Punkt des Bildes liegt, dem Blick-\npunkt des Beschauers. Scheinbare Härten sind\nkein Schaden, wenn sie dienend bleiben. Ein\nBeispiel dafür ist Marees.\nDie relative Gestaltung des Raumes geben\näußere Architektur und Innenraumkunst, und auch\ndiese mittlerweile nicht mehr im bloss einseitigen\nSchema der Renaissance. Also nicht dass die\nAussenwelt vom Auge abgesondert im Gemälde\nsei, sondern nur, daß wir ihren Organismus künst-\nlerisch sehen, ist die Hauptsache. Die abge-\nschlossene Welt des Kunstwerkes ist nicht ein\nin das Bild eingeschlossener deutlich werdender\nRaum, sondern bedeutet nur unsere eigene Seele-\nSonst fordert doch bloß wieder der Rohe, der\nden Raum nicht als Seelenfunktion sieht, von der\nKunst, ihn auch noch mit den Armen unß Beinen\nzu sehen. Das Stilelement der figürlichen Linie,\ndie abstrakt in keiner Natur vorkommt, hat immer\netwas von bewußter Konstruktion und von der\nsymbolischen Zeichnung an sich auf das drei-\ndimensionale plastische Bildwerk deutend, bleibt\ndem Raumkörper dienend, nicht dem Bild der\nFläche, und ist darum ein beliebtes Mittel der\nVermengung der Formen der Wandmalerei und\ndes Staffeleibildes. Durch eine nur symbolische,\nnicht organische Formensprache hätten wir jenen\ndirekten Kunstkniff, der uns erspart, durch Seele\nzu sehen, wo sich aber auch nicht mehr künst-\nlerisch zu sehen verlohnt, weil dadurch allerdings\nwieder der Inhalt im Bilde wäre, während der\nInhalt nur eine hohe Kultur sein soll, die immer\ndie einheitlichste Schönheit ist; nämlich der von\nkeinem Verstand als zu deutende Zweck getrübte\nreine Genuß der Augen. Fremde Formenwieder-\nholung führt bloß das Schema in alle engeren\nKünste zurück. Jede irgend äußerliche Verstands-\nkultur ist eine schlechtere in Ansehung der\nspezifischen Seelenbildung, die sich nicht an Ge-\ngenständen, sondern inneren Erlebnissen entwickelt.\nMan will die Abbildung des Objektiven,\nnatürlich im Bilde — aber das ist nichts anderes\nals ein in kindischen Idealismus versetzter\nMaterialismus: die Freude darüber, daß öie\nDarstellung bloß nicht wirklich ist, macht noch\nkein Kunstwerk. Im Grunde verlangen nicht ge-\nrade die Schlauesten deutliche Objekte. Dieser"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "503", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4544, "texte": "falsche Schein bedeutet, daß das Interesse an\neinem Vorgang, nur weil er Illusion ist, ideal sei.\nOdu schamhafte Uninteressiertheit. Es handelt\n-sich weder um ein geistigeres Verstehen der\nNaturgegenstände durch den Kopf (wer die Welt\nnicht versteht, versteht sie auch durch die Kunst\nnicht, die damit erst recht nichts zu tun hat),\nnoch ist die Kunst eine Kraftprobe für unver-\nmittelten Lebensausdruck.\nDie Nachahmung der Natur ist aber ein\nseelisches Geheimnis des Künstlers und seines\nWerkes.\nKunst als idyllische Geborgenheit vor der\nWelt ist also, wie alle Flucht aus dem Dasein,\neine Selbsttäuschung. Sie ist kein paradiesischer\nRaum für kinderhafte Wünsche, sondern ihr Bild\nbleibt der hohe männliche Schein der Weltlichkeit.\nDas einheitliche Leben des Stoffes Farbe,\ndiese technische Wahrhaftigkeit des Grundes —\nsind sie zu geringe Inhalte für die schöne\nMenschenseele?\nSo bedeutet die Vollendung der Landschafts-\nmalerei die wahre künstlerische Bildnisschöpfung\nder kosmischen Natur.\nIhr neues inneres Raumbild bleibt, als ein\nGefühlswert, immer unser Eigentum und Gesicht,\nwird keine außerkünstlerische oder illusorische\nIdee. Denn das Künstlerische ist kein Wirkllch-\niichkeitswerk. Aber daß es kein überirdisches\nWunder ist, zeigt uns das einfache, natürliche\nMittel, wodurch es dasteht: dieses ist Form und\nSinn zugleich. Das ist das vorbildliche Edle der\nKunst. Das Kunstwerk ist, wie die belebende\nSchönheit der Frau, am allerempfindlichsten gegen\nabsichtliche Unvornehmheit. Denn auch der Reiz\nder Frau ist nur unsere künstlerische Kultur\nunsere Plumpheit oder bloße Drolligkeit ver-\nnichtet ihren Zauber und dessen innere Macht.\nDer Wunsch ihres Naturells, immer nur mit Liebe\nbehandelt werden zu wollen, ist nicht persönliche\nweibliche Eitelkeit, sondern rätselhafte Notwendig-\nkeit ihres Naturgeschlechts. Darum ist ihrerbeider,\nder Kunst wie der Schönheit, Wirkung und\nWesen zugleich dahin und für uns tot, sofern oder\nsobald v/ir noch grobsinnlich sind oder wieder\ngleichgültig werden.\nIm ähnlichen Fall wird, wer die Kunst der\nMalerei im gerahmten Bild nicht als die kolo-\nristische Gesetzmäßigkeit der harmonischen Er-\nscheinung, mit zarter Beziehung des Auges zur\nFarbenebene liebt, auch anderwärts bedenklich\nsein nnd stets lieber alte heilige Geschichten\nlesen. Es gibt ja doch viele gute andere Künste.\nDer moderne Roman ist wieder so ein Form-\nproblem für sich. Aber die Rassigsten der Nation\nwerden die Entwicklung der höchsten Ver-\nlebendigung fördern. Die Kunst sucht keine\nobjektive Einheit und kein abstraktes Ding. Die\nkünstlerischen Einheiten sind tiefe sich bestimmende\nMenschlichkeiten. Liebe ist blos ein anderes\nWort für diese edelmenschlichen Verpflichtungen,\ndie nicht Finsternisse schaffen, sondern reinliche\nFreiheit begründen wollen.\nDie neue ursprüngliche Empfindung für die\nlebhaften Wunder der schönen Gegenwart ist die\ninstinktrettung unserer tätigen Seele. Dies wieder\nallgemein Zugängliche, nicht der zufällige Privat-\ninhalt des Einzelnen, ist nun die künstlerische\nLegende unserer Zeit. Die Organisation dieser\nunserer neueren Werte ist Kultur. Die Kunst-\nform ist der seelische Gewinn der Harmonie aus\nder begeisternden Spur des lebenden Stoffes,\nAls der Inhalt bleibt unsere Zeit, diese Formel\nunserer stolzen Kämpfe und Hoffnungen.\nDenn es handelt sich um die Verehrungs-\nheiligung des sinnlichen Irdischen, nicht eines\nUnwirklichen, und um seine Vergeistigung, nicht\nVerflüchtigung. Unser frommes Verhältnis zur\nEwigkeit ist das artige Maß der menschlichen\nNatürlichkeit in uns, die als Grund unserer\nOrganisation dauernd bleiben wird. Dann, wenn\nim Staate der Natur alles natürlich geworden\nist, wird auch wieder der berechtigte philosophische\nGedanke möglich sein, als ein Faktor der Lebenden,\nund wir werden den ehrlichen Denker nicht ver-\nkennen, seitdem wir ihn von dem reinen Künstler\nunterscheiden lernten, der kein dilettantischer\nVerfälscher und kein Kostümkomödiant mehr sein\nwill.\nDas Genie der Zeit wird feinere, helle Männ-\nlichkeit.\nDer innere, einzige Mensch, der subjektive\nfrohe Träger des einzigen Lebens ist kein Diener\neines Weltgesetzes, ist als freie Individualität der\nBesitzer der ewigen Menschlichkeit und ist uns\ndarum, in einer vollendeten Kultur, wieder näher\nsogar als Berg, Wald und Meer: uns, den\nSchöpfern und Genießern unserer eigenen Leben-\nideen, nicht der Wahnbegriff vom Idealen.\nDenn gegenüber allen monumentalen Wundern,\nden elementaren und technischen Phänomenen,\nerleben wir noch täglich das allein Unersetzliche\neines Zaubers der Menschenseele."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-25-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-25_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "503", "page_fin": "504", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.2.7", "titre_corps": "Berliner Sezession 1911", "titre_sommaire": "Berliner Sezession 1911", "signature_source": "Walther Heymann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "503", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.5", "debut_caractere": 4546, "fin_caractere_exclue": 9887, "texte": "Berliner Sezession 1911\nVon Walther Heymann\nEin Stück Kunstmarkt, das ein Kulturfaktor\nim Leben Berlins sein möchte, ein Spezial-\ngeschäft mit einer Sammlung von Entwicklungs-\nversprechen in zeitgenössischen Kunstwerken,\ndas ist die Berliner Sezession auch unter dem\nneuen Vorstand geblieben. Weil als Entwicklung\nschon die blos technische Ausprägsamkeit ver-\nstanden wird, ist sie keine Brutanstalt für die\nReifenden, die jungen Talente, keine Schutzstätte\nder Werdenden; immer aber regt sie durch die\nDarstellung vieler möglicher Wendungen von\nWachsens-Zuständen in reizhafter Weise das\nsachliche Interesse, den Geschmack und die\nUrteilslust an. Es bedeutet aber leicht Hemmung,\nBrandschatzung des Einzelnen zugunsten des\nNiveaus der Gesamtheit. Noch ist kein Genie\nam Kurfürstendamm aufgewachsen. Tiefe Geister\nbrauchen große Ruhe.\nMann gehe mit dem Nachgeschmack der\niortgeworfenen Zigarette zu Max Slev o g t,\nder einen Sondersaal hat. Und finde alles be-\nstätigt, die Menschen, die kleinen Szenen, von\ndenen man kommt. Selbst ein quantum satis\nVirtuosentum, die Verwandlungsfähigkeit, ist beim\nPorträtisten am Platze, Elan als flotte Anständigkeit\nsehr sympathisch, Rationalismus und Skepsis\nsieht man durch Lebenserfahrung und natürliche\nAnmut ergänzt. Ja, dieser Maler hat die Meisterhand\ndes erwählten Skizzierers und den geschärften\nBlick des Gegenwartmenschen. Nie langweilig\nund niemals nur interessant; seine Kunst trifft\ndie intelligenten Nerven, wo Gewohnheit, leichter\nWitz und rascher Antrieb in ihnen walten. Ge-\norgiritter und Hatschiere, Essen bei Hof und\nbunte Ueberbleibsel einer starken Ver-\ngangenheit, famos gemalte Erregungen für eine\nfremde Zukunft. Sommerstrahlen im Park, ein\nPflanzgarten, ein Stück friedsame Heide —\ndurch den Schmiß der Auffassung guckt noch\ndas stille Gefühl. Temperamente — d'Andrade,\nder Leutnant — ihre Stoßkraft wird aufgefangen\nund unvermindert stark auf die Leinwand ge-\nworfen; ihre Müdigkeit als Charakteristikum ge-\nwertet. Hier ist Slevogts Innigkeit ganz durch\ndie Lösung der Aufgabe festgehalten. Mit den\nherausfallenden Blumen schlägt er M ossons\nfeinste Sentimentalitäten tot und blessiert das\nGeschmacksvirtuosentum Breyers. Manchmal,\nwo sein Farbensinn alltäglicher Schwäche dient,\nso in den beiden Damenbildnissen, sind mir\nweder die gewagten Kleiderfarben erträglich, noch\nfinde ich den Fleischton gut. Dennoch der Herr\n81. ist bei menschlicher Auffassung frischer ge-\ngeben, als Trübner es könnte, und eine Bildnis-\nstudie des Prinzregenten zeigt unhöfisch wahr\neinen gütigen, etwas müden, kordialen, witzigen\nalten Herrn, der seinen Körper immer wieder zur\naufrechten Haltung zu zwingen gewillt ist. His-\ntoriker der Zukunft, ihr habt in Slevogt einen\nglänzenden Zeugen. Aber seine materialistische\nKunst bleibt zu okkasionell, er kann steigern,\naber nicht in die Höhen der Größe, die Tiefen\nder Seele, die Weiten des zeitlos und unpersönlich\nMenschlichen tragen, das fühlt er selber, und das\nmacht ihn zu hastig. Menzel das Temperament.\nLiebermann die gesündere Beanlagung voraus-\nzuhaben, mit Stärken und Schwächen du jour\nzu sein, als einer, der nur die Leistung, nicht die\nSchöpfung zu geben vermag, — das ist das\nSchicksal dieses großen Talentes.\nLovis Corinth kann noch mehr. Wo\ner voraussetzungslos Fleisch zu malen scheint,\nhat er unerhörte Bravour. Das ist einfach groß\nheruntergestrichen und lebt, selbst gegen weiß\nwirkt es in der Nana nicht schmutzig, das Gesicht\nist vielflächig ausdrucksvoll. Von den beiden\nPortraits des Professors Meyer könnte man in\neiner Kritik des ganzen Corinth den Ausgang\nnehmen. Das Bild des Professors im Bibliothek-\nzimmer ist im Ernst der Auffassung, in der\nFreude an durchdringender Psychologie von\nkonzentrierter Eindruckskraft. Das Dekansbild\nhat den größeren, einen fabelhaft sicheren Wurf-\naber der gut behandelte Hintergrund hat wenig\nLuft — und das Kostümgefühl ist bei Corinth\netwas verwildert. Sein Stilleben, eine Holländerei,\nläßt mich absolut kalt. Brillante Einzelheiten\nin klankem Oel. Was Corinth könnte, wenn er\nkritischer wäre — darum bleibt es wohl ewig\nschade. Charlotte Berend zeigt sich im\nPortrait eines Malers sehr fortgeschritten und\nlobt damit ihren Meister.\nMeister und Leister, die Verklärer sind, die\nbrauchen wir. Schöpfer, die Reifes ins Hohe\nsteigern, die Natur durch die Wunderkraft der\nSeele menschlich, göttlich reich machen. Was\nkann Israels, der Rembrandts Evangelium\ninbrünstig nachmurmelte, dem Daum i e r an\ndie Seite stellen, der dies und dazu Rubens und\nMichelangelo in sich durchlebt hatte und in\n„Ueberkarikatur\" vereinfachte Schöpfung zwängte,\ndie sich in den Farben zu befreien sucht. „Die\nLast\" und „Die Flüchtlinge\" vergißt man nie\nwieder. Als Uhde begann, da freuten sich alle\nVernünftigen an seiner rein-deutschen Art, an\nseinem lieben, sauberen und innigen Fühlen. Wie\nschön ist ein Pflanzgarten gemalt. Nur, wir ver-\nstehen heute nicht mehr, daß er je als Revolutionär\ngalt, dieser Friedfertige der Gesinnung, im dem\ndas Genrehafte so dicht hinter der Wirklichkeit\nsteckte. Wo er so mit der Vergangenheit paktierte;\nist — zur Warnung für Konzessionsschulzen —\nseine Wirkung heute für uns verflogen. Wo er\nihre Kräfte weiterführte, bedauert man nur sein\nfrühes Ermüden. Selbst in der Atelierpause —\ndiesem matten Bild — lebt noch eine große\nRaumtiefe. — Es muß übrigens noch viel"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "504", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3334, "texte": "schlimmer sein, wenn man wirklich mal als Re-\nvolutionär die Streitaxt schwang und später als\nGemüt aus dem so schön verspotteten deutschen\nFamilienleben veritable Kohlköpfe erntet. Thomas\nTheodor Heine betet als Maler zu Adolf Adam\nOberländer. Hat also allen Grund, gegen\ndie Einfuhr französischer Kunst zu protestieren.\nDein Teufel haßte das Gefackel!\nDoch führte dich mit Hallelujah\nDas Engelein vom Mops zum Dackel.\nAuf deiner Urne unterm Tuja\nSteht: Dies war Thomas Theodor,\nReuig gestorben als Pastor.\nEbenfalls gedenken wir leidtragend des p.\nHans Thoma, der uns vergangen erscheint, ob\ner gleich noch lebt; er hat doch einmal gut ge-\nmalt Diese Sorte von Verklärern meinte ich nicht.\nAuch nicht die allzu Fertigen. Klein-\nDiepold kommt uns wieder glänzend wie Speck\nund gehört in das gut bürgerliche Eßzimmer.\nDie 'liebenswürdige Auffrischung macht Linde-\nWalther nicht moderner und hilft uns bei\ndem braven strebsamen Fritz Rhein noch\nnicht über die Langeweile hinweg. Die sehr ge-\nkonnten, sehr farbigen Bilder von Philipp\nFranck behalten etwas Kaltes; sind mir\nimmerhin lieber wie die langweiligen Strandbilder\nvon 0 p p l e r und K ä r d o r i 112, dessen Stilleben\nich brutal, an dessen Frauenportraits ich nur das\nFrauenproblem reizvoll finde; der Teint der Hand\ndürfte doch von der Farbe der Bank verschieden\nsein. Sabine Lepsius gehört in die „Große\",\nder Gesinnung nach Oppenheimer und der\nganz unüberwindliche Manierist Habermann\nebenfalls. Um von Größeren zu reden,\nKalkreuth und Trübn e r, sie sind ernste\nKünstler, und sicher wie ausgebildete Indivi-\ndualitäten. Aber selbst ihr Einfluss ist schon\nhistorisch geworden; und Trübners Andromeda\nvon ihm aus eine Verwirrung. Es ist beängstigend,\nzu sehen, wie die wenigsten Künstler von ihres-\ngleichen um mehr geschätzt werden, als die ab-\nlernbare Technik, wie die Geschätzten davon all-\nmählich selbst überzeugt werden, ohne zu be-\ndenken, daß sie von ihrer eigenen Entwicklung\nin immer neuer Sprache uns durch die Zeugen\nihres künstlerischen Seelenlebens etwas mitteilen\nsollen. Und so kommt es, daß Lieber m a n n,\nalt und kaum mehr in der Vollkraft, unter dem\nhöheren Mittelwuchs wieder wie ein einsamer\nRiese dasteht. Seine Palette ist nicht mehr sehr\nreich, aber sehr verfeinert. Er ist von Grund\naus immer Zeichner gewesen. Die Auffassung\nder Legende vom barmherzigen Samariter kommt\nhalb von einer gegenwartlichen, halb von leicht\nklassizistischer Sachlichkeit, ohne daß der Vorwurf\nuns sonst noch an seine früheren Verkörperungen\ndurch die Franzosen erinnert. Die Gleichgültigkeit\ndes reichen Passanten, die Unbekümmertheit des\nEsels — und die vermenschlichte Pietä, die\nHilfeleistung im Vordergrunde dieser in der\nKargheit fast nordischen Landschaft — das scheint\nkein Schauspiel mehr, es suggeriert Leben mit\nder Kraft des Dramas. Nur eine innige Natur\nkonnte das empfinden, eine sichere Gefühls-\nverteidigung und kühle Erkenntnis es so vor\njedem Zuviel bewahren. Für die allerchristiichste\ndeutsche Kircke kann man kein besser frommes\nBild finden. Die Größe der Empfindung und\ndie Reinheit der Vision sind bewundernswert.\nNiemand, meine ich, ist Rembraridt so nahe ge-\nkommen, als der beste deutsche Impressionist.\nDer uns aus dem Selbstbildnis ansieht, so\nreliefhaft, voller Glut unter dem leise Erstarrenden,\ndas ein heiliges Licht von außen verklärt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-25-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-25_01#c008", "volume": "bmtnabg_1911-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "504", "page_fin": "504", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.2.8", "titre_corps": "Berliner Leben", "titre_sommaire": "Berliner Leben", "signature_source": "Norbert Falk", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "504", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.6", "debut_caractere": 3336, "fin_caractere_exclue": 8191, "texte": "Berliner Leben\nNorbert Falk\nHermaphroditisches\nEs wird aber auch noch Schweiß kosten, ehe die Gesamt-\nausstellung aus ihrem rudimentären Zustand herausgerissen\nsein wird. Vorläufig ist ihr Symbol das Plakat der\nnackten Männer mit der Trikolore. Auch sie ist\nnoch lange ein halbnakter Mann; er trägt ein paar tüchtige\ndeutsche Strümpfe, englische Schuhe, eine ungarische Krawatte\nund einen — Bersaglierehut . . .\nAus der B. Z. am Mittag vom sechzehnten Mai 1911\nDer akademische Engel\njede Woche läuft mir ein Engel über den Weg\". Diesmal\nder Eduard. Er sprach im Akademisch-Literarischen Verband\nüber die Ursprünge der jüngstdeutschen Literatur. Was er\nsagte war sehr flach, aber desto länger. Das Publikum\ntrampelte ihm Beifall. Herr Engel blieb auch durchaus ver-\nständlich. Er führte aus, dass er der jüngstdeutschen Li-\nteratur sehr nahe stehe, weii er mit ihren hervorragenden\nVertretern gar manche Nacht zusammengesessen habe. Er\nkonnte auch feststellen, dass die Herren nicht seine stupide\nBildung besassen. Bemerkte auch, mit Humor, dass er sich\nverpflichtet hätte, schon damals, ein Drama wie die Familie\nSelicke in zwei Stunden herunterzudichten. Leider tat er es\nnicht, sondern benutzte seine Meggendorferphantasie, wie er\nselbst mitteilte, zwei Bände Novellen zu schreiben. Er drückt\nsich in seiner Literaturgeschichte über sich selbst pessimistisch\naus: „Zu den Erzählern mit keinem höheren Ehrgeiz als dem,\nzu erzählen, und wenns gelänge, Menschen zu formen, wollte\nEduard Engel gehören.\" Also nicht einmal dazu reichte es\nnach seiner eigenen Meinung. Damit die Herren Akademiker '\nnicht etwa erst auf den Kauf seiner Literaturgeschichte hinein-\nfallen, seien hier einige Werturteile aus seinem trocken-\nkomischen Werk wiedergegeben. Ueber Mombert: „Er\nbesitzt alle Eigenschaften des lyrischen Dichters, bis auf die\neine: er kann kein Gedicht machen. Hier ist zum BeLspie\neins der Mombertschen Gedichte:\nEine Gestalt fliegt hinter uns her.\nDie bläst eine goldene Posaune.\nDie durchschallt das blaue Aethermeer.\nWenn dies ein Gedicht ist, so gibt es keinen gebildeten\nDeutschen, der nicht jährlich einige hundert solcher Gedichte\nmachen konnte.\"\nUeber Max Dauthendey: „Schon seine Titel versteht man\nnicht, auch könnte man sie beliebig- vertauschen, zum\nBeispie! ohne Schaden sagen Die brennende Hochzeit und\nDer ewige Kalender. Seine Verssprache ist eine Mischung-\nvon ossianischer blumiger Prosa und kindlichen Bonbonqe-\ndichtchen, nur dass dies beides verständlicher ist, als was\nDauthendey für Lyrik hält.\"\nUeber Rainer Maria Rilke: „Sein Erkennungszeichen ist\neine sanfte musikalische Unverstandlichkeit. „Sinnlosigkeit\"\nwagt man nicht zu sagen ; denn wer weiss, vielleicht schlummert\nin seinen Gedichten ein unerhörter Tiefsinn, den aber nur\nLeser mit den letzten lyrischen Weihen ergründen können.\"\nUeber Stefan George: „So heisst der Versbauer durch\nden diese ganze sich Dichtung nennende Hantierung einen\nnicht so leicht zu übergipfelnden Gipfel erklommen hat: die\nDichtung derer, die nicht dichten können.\"\nHingegen steht nach Engels Ansicht an der Spitze der\njüngst oesterreichischen Lyriker Hugo Salus\" Als sein Haupt-\nkennzeichen darf gelten die Kraft des lyrischen Ausschöpfeos\neines Bildes oder inneren Erlebnisses.\" Ich wünsche wohl\nzu schöpfen.\nUeber Else Lasker-Schüler: „Um sie ist es schade, denn\nmit ihrem zitternd heissen Seelenleben, dem brennenden Durst\nnach Dichtung wäre sie eine unserer starken Sängerinnen\ngeworden, wenn ihr das Lied nicht zu abgedroschen\nSie könnte die bezauberndsten rythmischen Wirkungen er-\nzeugen, aber absichtlich unterbricht sie den Fluss ihres\nGesanges durch stolpernde hinkende Verrenkungen. Adhr\nwelch ein edler Geist ward hier zerstört!\" Herr Engel hat\nsich bei dieser Gelegenheit sogar den Fuss verrenkt.\nEinige Urteile über Kollegen. „In bunter Reihe, ohne\nVollständigkeit seien noch als Kriliker mit Literaturkenntnis\nVerständnis und Einfluss genannt: in Berlin Fritz Engel,\nRudolf Herzog, G. W eisstein, Rudolf Pres-\nber, Philipp Stein; in Wien H. Wit tinann, M-\nNecker, J. Bauer, K. Kraus s.\" Mit dem letzten Namen\nist — Karl Kraus gemeint!\nDas dürfte genügen. Die Akademiker seien nochmals-\nausdrücklich vor allen Engeln auf dieser Erde gewarnt.\nBleibe zu Hause\nDie Ausstellungshallen sind wieder einmal gefüllt. Von.\nder Theaterausstellung beibehalten sind: Korsetts, Parfüms,\nund unheimlich viel schlechte Bilder und Gipsbüsten. Hinzu-\ngekommen sind: Stiefel, Dioramen, Prospekte, Füllfederhalter,\nRohes, optische Instrumente und eine schwarzwälder Bauern-\nstube. Die Länder sind durch grosse Schilder kenntlich,\ngemacht. Ich möchte nur wissen, auf welche Weise die\nAusstellungsleiter stets so unglaublich viele schlechte Bilder\nauftreiben. Der Zweck dieser Internationalen Aussellung\nfür Reise-und Fremdenverkehr scheint zu sein, die Berliner\nan ihre „Scholle\" zu fesseln. 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Schriftleiter\nHENRY BURIOT\nIn den Cahiers du Centre\nerschienen Werke von Jules\nRenard, Charles-Louis Phi-\nlippe, Marguerite Audoux,\nEmiie Guillaumin, Romain\nRolland, Andre Spire, Henri\nBachelin, Valery Larbaud,\nRaymond Darsiles u. a. m.\nJahresbezug- furs Ausland:\n4,80 M. (Luxusausg. 9,60 M.)\nProbeheft gegen Ein-\nsendung- von 50 Pfg-.\nVERLAG u. 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Orundliche\nEinfuhrung in die verschiedenen Branchcn des kaufmannischen Berufes, rationeiles ■\nStudium der Handels- und ver wand ten Wissenschafien a!s Ersatz fiir ein mehr- >\njahriges Hochschulstlidium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fiir Am anger (Damc-n und Herren) die fur Stenographic,\ndeuiscbe und fremdsprachiiche Korrespondenz, Kasse-, Buchftihrungs- und Bilanz-\nTechnik, Biiro-Praxis sich vorbereiten wollen —\nsowohl fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder almiiclie Sc'nule ab-\nsolviert liaben, wie fur\nHerren mit besseren praktisehen oder theoretischen Vorkenntnissen, EiniSlmg-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfiir fCaufkuue reiferen Alters, die bereits praktiseh til tig waren und den j\nForderungen der Gegenvvart entsprechend ihre Faehkenntnisse envcilern oder\nvertiefen wollen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, juristen, Natjonalokonomen,\nOffiziere, die fiir Verwaltung wirtschaftiicher Unternehaiungen oder Verbande,\nAktien- oder ahniicher Geselischaften sich vorbereiten wollen. 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Daher empfehle ich es\nJedem, der von Zahnschmerzen\ngeplagt ist- Mit herzlichem\nDank besdieinigt dies Helenc\nKleemann, Roaengarten,\na Frankfurt an der Oder ::\nwWwWWww\n■■•HMIMHIIIIHIMIUI"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-25-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-25_01#c017", "volume": "bmtnabg_1911-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "506", "page_fin": "506", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "506", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.8", "debut_caractere": 1083, "fin_caractere_exclue": 1161, "texte": ":: Probenummern ::\numsonst und portofrei durch die\nGeschiitssiefle „DER STURM\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-25-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-25_01#c018", "volume": "bmtnabg_1911-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "506", "page_fin": "506", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "506", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.8", "debut_caractere": 1163, "fin_caractere_exclue": 1609, "texte": "«Spielend» lernt man Sprachen durch\nDr. Rebajoli's AUTODIDAKT\nSelbstunterrichtsmethode\nmit Hulfe des Grammophons\nBisher erschierten:\nA. Italienisch\nB. Franzosisch\nOMNETUUT I\nPUNKTUM |\nt QUtMISCUIT\nI UTILE DULCI\nI\nI\njcder Lehrer, jede Lehrcrin,\nJedermanri muss Dr. Rebajoti's\nAutodidakt gebrauchen, um\nlei At und grundlich Fremd-\nspra.chen zu lernen.\nJede Sprache in 33 Lektionen.\nEpochemachende Neuheit\nVerlag F. HARNISCH &. 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Spraehe zu besonders billigen Preisen\nDenmacbst erscheint: Katalog XXI / Kunst-\nbl&tler. Portrilts, StSdteansicnten, Berliner\nBlStter, Karrikaturen, Fiugbliitter, neiiere\nund Sltere Genrebilder, BlStter von\nMenzel, Beardsley, Rops, Stammbucher\nSilhouetten, Japanbiatter etc. etc.\nKataloge / gratis und franko /\nbitte direkt zu verlang-en\nAngabe von £)esjderaten erbeten"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-25-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-25_01#c022", "volume": "bmtnabg_1911-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "506", "page_fin": "506", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.2.22", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "506", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.8", "debut_caractere": 2459, "fin_caractere_exclue": 2670, "texte": "FERNSPRECHER: ' ' \"\" i INDIVIDUELLE\nAMT vn, No. 10041 BEDIENUNG\nRENNER, LIEBE & Co.\nGESELLSCHAFT MIT BESCHRANKTER HAFTUNG\nREKLAME UND AUSSTATTUNGEN\nGRAPHISCHE ANSTALTEN\nBUCHDRUCKEREI\nBERLIN NO.\nNEUE K&NIGSTR. 17"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-05-25-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-05-25_01#c023", "volume": "bmtnabg_1911-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "506", "page_fin": "506", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "506", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.8", "debut_caractere": 2672, "fin_caractere_exclue": 3049, "texte": "Preis 1 Mark\nPreis 1 Mark\nMenthol-Malz-Dragees\nSicheresMittel gegen akuteKatarrheder Atmungs-\norgane / ermoglicht Schauspielern und Sangern\nsofortigen Gebrauch der erkrankten Organe\n...... 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Halt! / PAUL SCHEERBART: Lufthafen und Schwiegermama\nELSE LAS KER-SCHÜLER: Unser Liebeslied / RICHARD FUCHS: Die neue Kunstanschauung / WALTHER HEYMANN: Berliner Sezession 1911 /\nTRUST: Berliner Leben: Hermaphroditisches / Der akademische Engel / Bleibe zu Hause / E. HECKEL: Das schwarze Tuch / Zeichnung\n\nDas schwarze Tuch / Zeichnung von E. Heckel"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "500", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.2", "texte": "Furchtbar\ndräut der Erbfeind\nIrrwege.\nDer Nachmittag des sechsten Mai wurde\nder gesamten Berliner Presse verdorben. Die\nSonne lockte die Herren Theaterreferenten nach\nihrer Angabe ins Freie und sie -mußte n zur\nUraufführung des Dramas „Irrwege\" von Oszip\nDymow in das Moderne Theater geben. Die\nSonne trocknete den Herren das Gedächtnis aus.\nDer Verein fii r Kun s t der ihnen den Nach-\nmittag verdarb hat in sieben Jahren fünfundneunzig\nAbende veranstaltet. Mit einer einzigen Ausnahme\nWußten die Referenten nichts von seiner Tätigkeit.\nIch hätte ihnen den guten Geschmack allerdings\nnicht zugetraut, daß sie die Feuilletons ihrer\nZeitungen und ihre eignen Arbeiten nicht einmal\nlesen. . Was nun den Zwang anbetrifft, so wird\ner nur dann empfunden, wenn kein Drama der\nPressedichter zur Aufführung kommt. Es ist\nwirklich ein Unglück in Deutschland, daß der\nAbonnent nur eine Zeitung liest. Würde er beim\nVergleichen der Kritik diesmal in ungefähr sechzig\nZeitungen denselben Witz gefunden haben, daß\n„der Verein für Kunst\" sich mit diesem Drama\nauf Irrwegen befand, so wäre die Möglichkeit\nnicht ausgeschlossen, daß er die Witzlosigkeit\ndieses Witzes witzig gefunden hätte. So kann\n■ der Abonnent nur den Geist seines Kritikers\nvermissen. Wenn das Mailüfterl weht muß der\nKritiker die Irrwege des Vereins für Kunst gehen.\nWer hat die Herren gebeten zu erscheinen?\nNicht einer dieser Namenlosen ist eingeladen\nworden. Ihre Redaktion entsandte sie, wofür sie\nhoffentlich bezahlt werden. Mann kann von\nNiemandem verlangen, daß er umsonst witzig ist,\nund sich seinen Ausflug verschlägt. Die Kunst\nkönnte der Sonne garnicht dankbar genug sein,\nwenn sie bei dichterischen oder künstlerischen\nAnlässen die Herren ins Freie lockte. Auch der\nWinter hat ja seine angenehmen Seiten in der\nNatur. Und da die Kollegen doch auf jeden\nFäll gelobt werden, würde einer genügen, um\nalle sechzig berichtenden Zeitungen zu befriedigen.\nUmsomehr, als allen sechzig Kollegen doch stets\ndasselbe einfällt.\nHerr Dr. Artur Eloesser von der Vossischen\nZeitung ist der Tiefste. Kein Wunder, er darf\nsogar für die Neue Rundschau dichten. Wenn\nHerr Eloesser lobt sagt er von Herrn Dymow,\n.er sei „ein geistreicher Feuilletonist, der uns mit\nso wenig Lyrismus angehaucht hätte.\" Eloessers\nAnalyse des Begriffs Dichter. Vom Regisseur\naber verlangt er, daß er „den Sc h i fibr u c h\naller Gemüter etwas leiser gestimmt hätte.\"\nBei diesem Rat des Herrn Eloesser dürfte die\nMusik wohl schlecht fahren. Von Herrn Hartau\nweist der Kollege zu vermelden, daß er „seinen\nMann in zwei theaterkräftige Fäuste genommen\nhabe.\" Gegen diese Akrobatik des Kritikers\nkomme ich nicht auf. Wie anders Herr Julius\nKeller im Lokal Anzeiger. Er ärgert sich über\ndie selbstquälerisch veranlagten Menschen, über\ndie Unerquicklichkeit des Stoffes, über die ge-\nwaltsame Ausgestaltung und die zerfahrene\nZeichnung. Schade, daß der Lokal Anzeiger\ngerade den Possenkritiker für Optimismus ab-\nordnete. Der traurige Lothar wäre in diesem\nFall besser am Parkettplatz gewesen. Aber Herr\nKeller gibt gleich einen Satz von optimistischer\nLebensfreude, wie er sie sich denkt von sich.\"\nSo bleibt das einzig Interessante an dieser\n„Sonder\"-Vorstellung, denn wieder die Tatsache,\neinen Verein der Kunst\" solche „Irrwege\"\nwandeln zu sehen. Was will der Mann? Er\nhat doch seine Freude gehabt\nHöchste Preise\nWenn man die Zeitungen in den letzten\nWochen liest, hat man das Gefühl, dass alle\nDeutschen vom vollendeten sechsten Lebensjahre\nan überhaupt weiter nichts tun, als in die Ge-\nmäldeausstellungen zu gehen und sich von den\nFranzosen pervers anregen zu lassen. Das Berliner\nTageblatt, dessen Kritiker schon öfters die Güte\nhatte, Manet und Van Gogh „anzuerkennen\" ver-\nöffentlicht eine Zuschrift des sehr mäßigen Genre-\nmalers Professor Meyerheim. Herr Meyerheim,\nder bekanntlich mit Erfolg gegen Tschudi in-\ntrigierte, regt sich auf, daß im Ausland für Menzel\nund Böcklin nicht solche Unsummen gezahlt werden,\nwie in Deutschland „für die flüchtigen roh\nskizzierten verzeichneten Schöpfungen eines Manet\".\nHinter diesen Sätzen verbirgt sich der Aerger,\ndes Genreprofessors, daß die Kenner seine Bilder\nnicht höher bezahlen. Meyerheirns Bilder sind\ntotal fertig. Nicht ein Strich, den man vermißt,\nMeyerheim findet es beschämend für uns Deutsche,\ndaß er (er nennt sich mit dem pluralis modestiä)\nunsere wirklich Großen, so wenig geschätzt wird,\nunter dem Vorwand, so malt man heute nicht\nmehr. Herr Meyerheim findet es sogar traurig,\ndaß von dem Geist und dem Fleiß des Größten\nunserer Zeit (der Kollege Menzel) gar so wenig\nzu verspüren ist. Er tut den deutschen Künstern\nUnrecht. An Menzelepigonen fehlt es wahrlich\nnicht. Und daß keiner sich zu einer netten\nMeyerheim-Imitation entschließt, hat schon seinen\nGrund. Zur Imitation gehört immer ein Original,\nund das ist Herr Meyerheim nur in seinen An-\nsichten, soweit sie nicht gemalt sind.\nHalt\nDie ernsten Künster rufen ein energisches\nHalt durch Deutschland. So geht es nicht weiter.\nSelbst in der Kunststadt Düsseldorf scheinen jetzt\ngelegentlich Bilder ausgestellt zu werden. Die\nStadt Köln wird ganz aufgeregt. Nur eine Stunde\nentfernt steht der Feind. Der Russ' und der\nFranzose. Und der brave Deutsche, sagt die\nKölnische Zeitung, atmet bereits den Gifthauch\nder dunkelsten Lasterstätten. „Fort mit der\nGemeinheit\" brüllt die Kölnische Zeitung. Und\ndichtet folgendes über die Künstlervereinigung\n„Die Brücke\" (Dresden), die zur Zeit in Düsseldorf\nbei Tietz eine Ausstellung- veranstaltet.\n„Der Ausdruck „Brücke\" soll wahrscheinlich\ndarauf hinweisen, daß es sich um eine Verbindung\ndeutscher und französicher Kunst handelt. Die\nausgestellten Bilder gehören ihrer Mehrzahl nach\njener neufranzösischen Richtung an, die im vorigen\nJahre in Düsseldorf durch in München seßhafte\nRussen eingeführt wurde. Einer der Künstler,\nder Schweizer Amiet, ist schon ziemlich bekannt,\nund er schafft auch halbwegs erträgliche Land-\nschaften. Außerdem beteiligt sich als Gast ein\nDresdner Maler, der nicht eigentlich ganz in die\nRichtung gehört, weil er in seinen weiblichen\nAkten immer noch verrät, daß er Zeichenunterricht\ngenossen hat, aber in dem Zug des Perversen\nmit dem er die Nacktheit darstellt, doch mit den\nandern verwandt ist. Weder ihn noch diese\nmöchten wir mit Namen nennen, denn es ist\nschwer, in dem gegebenen Fall bei der Nennung\nvon Namen dem Vorwurf eines persönlichen An-\ngriffs auszuweichen. Die Bilder sind an Nichts-\nnutzigkeit der Zeichnung nicht zu übertreffen und\nbedeuten nichts anderes als grellbunte Spielereien\nvon irgendwelchen Kanibalen. Sie sind in dem\nSinne der Malerei als solcher das Ende aller Kunst,\ngrober Unfug. Aber iie zeigen eine noch y|e\nschlimmere Seite. Die moderne Redensart, daß\nder Gegenstand der Kunst gleichgültig sei, wird\nhier in ganz bösartiger Weise misbraucht Schon\nvoriges Jahr haben wir angesichts jener Russen\nbemerkt, daß diese das Weib in ihren Bilder;;\ngemein auffassen. Das trifft aber auf die deutschen /\nKünstler in einem weit stärkern Maße zu. Was\nuns da vorgeführt wird, das atmet den Gifthau A\nder dunkelsten Lasterstätten irgend einer Großstadt\nund zeigt eine Geisteslage dieser Künstler, die\neigentlich nur pathologisch zu begreifen ist. Voriges\nJahr haben einige Kunstkritiker, die sich unentwegt\nmodisch gebärden wollten, den Mut gefunden, zu\nsagen, die Bilder jener Russen bedeuteten eine\nAuffrischung, eine Anregung der Düsseldorferk\nKunst. Wer das vor diesen Bildern wiederholt,\nbegeht ein Verbrechen an unserer künstlerischen\nJugend und an unserer Kunstkultur. Es war\nhöchste Zeit, wie man da sieht, daß ernste Künstler,\nendlich ein energisches „Halt!\" durch Deutschland\nriefen. Da ist mit Redensarten, wie das Rech?\ndes Experiments, Entwicklungsprobleme usw. nidt\nmehr zu arbeiten, da heißt es klipp und klar:\necrasez Finfäme! „Fort mit der Gemeinheit!\"\"\nHerr Meyerheim sollte der Redaktion der\nKölnischen Zeitung, der Kampfgenossin einen\nechten Meyerheim schenken. Die Originalität\nmuß aber notariell beglaubigt werden, sonst merkt\nman es nicht\nDie Namen der ausstellenden Kanibalen\nlauten: Kuno Amiet, E, Heckel, E. L. Kirchner,\nMax Pechstein.\nHalt! Halt!\nSüddeutschland greift tapfer ein. Die Rhei-\nnisch-Westfälische Zeiiung hat einen gelinden Tob-\nsuchtsanfall bekommen. Richard Strauß will sich\nvon D'Anunzio ein Libretto schreiben lassen\n„Der Stoff wird noch geheim gehalten. Strauß\nwird dem Orchester Aufgaben von ungeahnter\nKühnheit stellen.\" Die lüsterne Phantasie der\n.\nRheinisch-Westfälischen Zeitung ahnt bösestes.\nNach Salome und Elektra, diesen erotisch per-\nversen Damen, kann man auf ein sanatistisches\nWeibsbild gefaßt sein. Herr D'Anunzio wird1\nunsern guten Strauß total verderben.\nIm Ernst: ist es nicht ein Jammer, daß ein\ndeutscher Tondichter, der einmal nach Wagneri\nzu unseren-größten Hoffnungen rechnete, so wer\ngekommen ist, daß nur noch das Zügellose Mach-\nwerk eines ausländischen, spezifisch-romanisch-deh-\ndenten Schriftstellers ihm als Grundlage für setre\nTondichtungen zu genügen vermag? Wo sind diel\nZeiten, da ein Weber uns die keusche Einsamkeit \\\nder deutschen Wälder zum Klingen brachte, da\nMarschner den Sagen-Spuk der Kobolde in Toner\nbeschwor, da Wagner den gewaltigen Mythos der\nNibelungen zu prachtvoller Orchestersymbolü<\nzusammenballte?!\nEntartet Geschlecht, unwert der Ahnen, dem\ndie Künste eines Musikers Ereignis werden, dessen\nLiebe die lüsternen Gebilde kranker Fremdlinge\nallzu „verstehend\" sucht!'*\nMit dem Ausschalten der Botanik dürfte die\ndeutsche Oper endgültig auf das tote Geleis ge-\nkommen sein. Wie pervers Strauß ist, geht schon\ndaraus hervor, daß er im Orchester Ruthen an-\nwendet. Bisher ließ er allerdings damit nii«\nNotenpulte auspeitschen. Aber die Ruthen sind\nnun einmal da. Man weiß nicht, was noch werden\nmag. Aber ich will vermitteln: Wenn Her'\nStrauß sich verpflichtet, seine totlangweil$e\nKomponiererei aufzugeben, soll er sich mit der\nRuthen durchpeitschen können, so oft und so lange\nes ihm beliebt. Dagegen wird doch die Rheinisch\nWestfälische Zeitung nichs einzuwenden haben\nTrust"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "501", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.3", "texte": "Lufthafen\nund Schwiegermama\nVon Paul Scheerbart\n„Niemals\", sagte Frau Berta Schröder, „werde\nich einen Schwiegersohn haben, der nicht über\nein größeres Vermögen verfügt; wir sind in\nAmerika reich geworden und haben für europäischen\nIdealismus, der kein Geld besitzt, schlechterdings\nnicht mehr das geringste Verständnis.\"\n„So muß\", versetzte Herr Moritz Mohn,\n,iede vernünftige Mutter sprechen. Dem Geld-\nmangel in Europa muß entschieden ein Riegel\nvorgeschoben werden.\"\nDie beiden sassen auf einer Hotelterasse in\nMonte Carlo, tranken ihren Morgenkaffee und\nsprachen weiter über die Bedeutung des Geldes\nän Europa und Amerika.\nHerr Moritz Mohn hatte aber gar kein Geld,\nund wollte trotzdem die Tochter von Frau Clara\nSchröder — heiraten. Der Vater war gestorben,\nein alter Onkel begleitete die beiden Damen.\nNun lebte in Monte Carlo auch ein Herr\nvon Brand, der mit Herrn Mohn befreundet war.\nHerr von Brand besaß ein Luftschiff mit Lenk-\napparat und außerdem soviel Geld, daß er von\nden Zinsen gerade leben konnte.\nZu diesem Herrn begab sich Herr Moritz\nMohn und sagte ihm folgendes:\n„Heiraten möchte ich Fräulein Clara Schröder\naus Amerika. Schwiegermama ist Witwe und will\neinen reichen Schwiegersohn. Möchtest du nicht\neine Wettfahrt Monte Carlo-London arrangieren?\nWir könnten dann die Schwiegermama als Un-\nparteiische mitnehmen und bei Sturm oben in\nden Lüften von Liebe reden. Ich glaube, das\nwird Eindruck machen. Vielleicht nimmt sies\ndann nicht so genau mit dem Vermögen des\nSchwiegersohnes.\"\nHerr von Brand lächelte und sagte:\n„Kann sofort geschehen. Ein Engländer\nnimmt eine Wette sofort an — und es wäre ja\nnicht unmöglich, daß wir was gewinnen.\"\nFrau Schröder war bereit, als Unparteiische\nmitzufahren; es beteiligten sich an der Wettfahrt\nnoch vier andere Luftschiffe. Und abends halb\nsechs Uhr fuhren sechs Luftschiffe mit Lenkanparat\nnach London, jeder von den sechs Besitzern\nhatte eintausend Franken hinterlegt. Wer zuerst\nIn London anlangte, sollte das ganze Geld be-\nkommen. Fräulein Clara Schröder winkte lange\nden Abfahrenden mit einem weißseidenen Tuche\nnach und seufzte, als sie nicht mehr gesehen\nwerden konnten.\nUeber Marseille fing es an zu regnen und\nes wehte ein scharfer Wind von Westen her. Die\nSonne war untergegangen. Herr von Brand saß\nhinten in der langgestreckten Gondel, Herr Moritz\nMohn saß vorn der Frau Schröder gegenüber und\nsagte:\n„Gnädige Frau, ich bewundere Ihren Mut.\nSie sind zweifellos noch niemals in einem lenk-\nbaren Luftschiff gefahren. Nicht wahr?\"\n„Ich hatte\", versetzte die Dame „in Amerika\nkeine Gelegenheit. Aber ich denke doch, daß\nc.'ie Fahrt nicht mit hesonderen Gefahren ver-\nknüpft ist.\"\n„Wenn\", erwiederte Herr Mohn, „ein Unwetter\nlosbricht, so ist die Fahrt nicht so ganz ohne\nGefahr. Wenn wir in einem Lufthaien Unterkunft\nfrnden könnten, dann wäre ja alles gut — im\nandern Falle ist es ungemütlich zwischen flackernden\nBlitzen dahinzugondeln. Weiter kommt man dabei\nnicht. Versuchen wir es, aufs flache Land her-\nunterzugehen, so wird der Ballon derartig mit-\ngenommen, daß wir nicht in acht Tagen nach\nLondon können.\"\n„Aber\", rief nun Frau Schröder, „wir werden\ndoch wohl einen Lufthafen finden? In Amerika\nhaben wir mehrere Lufthafen.\"\n„Die nutzen uns nichts\", versetzte Herr Mohn,\n„in Frankreich haben wir nur einen großen Luft-\nhafen bei Paris. Der ist aber so unpraktisch an-\ngelegt, daß wir dort bei Unwetter bestimmt keinen\nPlatz finden.\"\n„Was machen wir dann?\" fragte Frau Schröder.\n„Das beste wäre\", erwiderte Herr Mohn,\n„wir suchten einen deutschen Lufthafen auf\nin Deutschland gibts an der französischen Grenze\nzwei Dutzend neuer Lufthäfen. Ich glaube,\ngnädige Frau, Sie haben von diesen deutschen\nLufthäfen noch garniehts gehört, nicht wahr?\"\nEin breiter Blitz ging unweit vom Ballon\nzur Erde nieder; ein krachender Donner folgte.\nFrau Schröder zog ihren Mantel fest um die\nSchultern und sagte ruhig:\n„Sie haben recht Ich weiß noch nichts von\ndiesen deutschen Lufthäfen. Sind sie anders als\ndie amerikanischen? ich komme so selten zum\nZeitunglesen.\"\nDa erklärte Herr Moritz Mohn die deutschen\nLufthäfen:\n„Sehen Sie mal, gnädige Frau,\" sagte er\nlachend, während die Blitze weiterzuckten und der\nDonner donnerte, „ein Lufthafen soll in erster\nLinie allen Luftfahrzeugen bei Unwetter genügenden\nSchutz bieten. Nebenbei kann ja auch das Ein-\nund Aussteigen erleichtert werden. Die Haupt-\nsache bleibt jedenfalls der Schutz bei Unwetter.\nHierzu sind aber eigentlich nur recht hohe Wände\nnötig. Das ist wohl einleuchtend, nicht wahr?\"\nFrau Schröder bejahte das lebhaft, und Herr\nMohn fuhr fort:\n„Eigentlich nur Wände, nicht einmal Dächer,\ndenn der Regen von oben schadet den Ballons\nnicht, höchstens ist er den ballonlosen Drachen-\nfliegern unbequem. Nun ist es aber natürlich\nsehr wichtig, daß man diese Wände so leicht wie\nmöglich macht. Und da baben die Deutschen\nfolgendes erfunden: sie machen die Wände wie\nan den Hausfenstern die grünen Rolljalousien,\nderen schmale Holzbretter durch Anziehen an\neiner Kette horizontal oder schräge gestellt werden\nkönnen. Solche Wände lassen sich bei Sturmwind\ndadurch schonen, daß man die einzelnen Bretter\nhorizontal stellt. Diese Bretter sind aber garnicht\naus Holz, — sie sind aus Linoleum und haben\nMeterbreite. Fängt nun der Sturm zu toben an,\nso werden alle Wände aufgesperrt und nur dort\nzugehalten, wo sie ein Luftschiff gegen Sturm zu\nschützen haben.\"\n„Das ist ja sehr praktisch!\" rief Frau Berta\nSchröder begeistert, während wieder in nächster\nNähe ein Blitz zur Erde niederfuhr.\n„Gegen Blitze,\" sagte Herr Moritz Mohn,\nsind natürlich die Häfen durch sehr viele Blitz-\nableiter geschützt und auf ganz hohen Masten\nbrennen viele elektrische Scheinwerfer, deren\nKonstellation und Zahl genau die Lage des Hafens\nauf der Karte angibt. Die Wände können um\neinen Mittelkreis gedreht werden, sodaß die Ein-\nfahrt der Luftfahrzeuge, wenn sich diese bemerk-\nbar gemacht haben, immer gleich von jeder Seite\naus stattfinden kann. Nachher lassen sich dann\ndie beiden Wände mit dem Luftschiff so weit\numdrehen, dass der Wind nur den geringsten\nDruck auf die Wände ausübt. Stellen Sie sich\neinen geraden Regenschirm vor, — wie ihn die\nChinesen benutzen: wird er mit der beim Regen\noben befindlichen Seite auf die Erde gestellt, so\ndass der Kreis unten bei der Drehung des Stockes\nsich dreht — so sind die Fischbeinstangen an\nStelle der Wände zu denken. Die Geschichte\ndreht sich natürlich auf Rädern, und diese Räder\nlaufen auf Schienen, die konzentrische Kreise\nsind. Natürlich lassen sich auch alle Wände zu-\nsammenschieben. In der Mitte befindet sich ein\nhohes Turmgebäude, von dem aus die Drehfahrt\nder Wände elektrisch geleitet wird. Dächer lassen\nsich, wenn es nötig ist, auch immer vom Mittel-\nturm aus auf die Wände hinaufrollen.\"\n„Solchen Hafen\", rief nun Frau Schröder,\n„möchte ich in der Tat aufsuchen!\"\n„Ich will sehen\", erwiderte Herr Mohn, „diesen\nHerrn von Brand zu bestimmen. Aber er wird\ndie Wette nicht aufgeben wollen.\"\nEr ging sofort zu Herrn von Brand, und\ndieser zuckte mit den Achseln, doch da sagte\nder Herr Mohn ihm leise ins Ohr:\n„Wie modern wir heute sind 1 Früher ent-\nführte man beim Sturm die Tochter heute die\nSchwiegermutter. Ich denke die Geschichte wird\ngut werden. Sag nur immer, daß du nach London\nwillst.\"\nHerr von Brand pfiff leise vor sich hin, und\nHerr Mohn ging wieder zu der alten Dame\nzurück.\n„Er will nicht,\" sagte er melancholisch, „er\nwill nur seine Wette gewinnen. Und ich möchte\nauch so gern einen Hafen aufsuchen — am liebsten\ngleich den Hafen der Ehe. Sie verstehen mich\nwohl, gnädige Frau!\"\nFrau Schröder lächelte verständnisinnig und\nsagte leise:\n„Also, Sie wollen meine Clara heiraten,\nnicht wahr?\"\n„Ja,\" erwiderte Herr Mohn.\n„Da muß ich aber erst über Ihre pekuniären\nVerhältnisse im Klaren sein !\" sagte die alte Dame.\nNun wurden aber der Sturm, der Hagel und\ndas Gewitter so heftig, daß die beiden sich nicht\nweiter unterhalten konnten.\nAls es ein wenig ruhiger in der Luft wurde,\nschrie Herr Mohn: „Gnädige Frau, bei dem Sturm\nwerden wir ganz bestimmt in die Nordsee ge-\nworfen !\"\n„Aber,\" rief nun die alte Dame, „auf der\nSee sind doch die deutschen Lufthäfen noch ieichter\nanzubringen als auf dem Lande — auf der See\nbraucht man ja keine konzentrische Kreisschienen —\nSchaufelräder genügen ja, und die W'ände können\nauf Flößen ruhen.\"\n~Glänzende fdee!\" schrie Herr Moritz, während\nder Hagel oben auf dem Ballon einen Trommel-\nwirbel erzeugte, „die Idee müßte gleich patentiert\nwerden. Ich wilPs besorgen, wenn Sie, gnädige\nFrau, mir Gewissenfrage von vorhin erlassen.\"\n„Meinetwegen!\" schrie Frau Berta, „aber Sie\nmüssen Herrn von Brand zwingen, in einen\ndeutschen Lufthafen hineinzufahren!\"\n~Ja!\" schrie Herr Moritz, „geben Sie mir Ihr\nJawort schriftlich?\"\n„Mein Herr\", schrie die alte Dame, „das\nsieht wie eine Erpressung aus.\"\n„Das ist,\" schrie nun Herr Moritz wieder,\n„nur dazu da, um Ihnen zu beweisen, daß auch\nein idealistischer Europäer so praktisch und\nenergisch wie ein Amerikaner sein kann.\"\nDa zog Frau Schröder bei dem großen Sturm\neine Visitenkarte hervor und schrieb darauf:\n„Sie sollen mein Schwiegersohn sein.\""}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "502", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.4", "texte": "Als Herr Moritz die Karte hatte ging er zu\nHerrn von Brand und bat ihn, gleich nach Metz\nzu fahren.\nUnd als der Morgen graute, tat Herr von\nBrand, was man von ihm wollte.\nFrau Schröder war beim Anblick des deutschen\nLufthafens, dessen Wände tadellos funktionierten,\nso entzückt, daß sie ihren Schwiegersohn stürmisch\numarmte. Fräulein Clara und der alte Onkel\nwurden gleich telegrafisch von der Sachlage ver-\nständigt.\nSechsunddreißig Luftschiffe hatten in dieser\nstürmischen Nacht und an dem darauffolgenden\nMorgen bequem in dem einen Lufthafen bei Metz\nUnterkunft gefunden.\nDas deutsche System hatte sich wieder\neinmal glänzend bewährt.\n\nUnser Liebeslied\nElse Lasker - Schüler\nUnter der Wehmut der Esche\nLächeln die Augen meiner Freundin.\nUnd ich muß weinen\nÜberall wo Rosen aufblühn.\nWir hören beide unseren Namen nicht —\nImmer Nachtwandlerinnen zwischen den bunten Jünglingen.\nMeine Freundin gaukelt mit dem Mond\nUnserm Sternenspiel folgen Erschrockene nach.\nO, unsere Schwärmerei berauscht\nDie Straßen und Plätze der Stadt.\nAlle Traume lauschen gebannt hinter den Hecken\nKann nicht Morgen werden —\nO, und die Seidige Nacht uns beiden\nTausendmal immer um den Hals geschlungen.\nWie ich mich drehen muß!\nUnd meine Frendin küßt taumelnd den Rosigtau\nUnter dem Düster des Trauerbaums.\n\nDie\nneue Kunstanschauung\nVon Richard Fuchs\nAlles Gedankliche ist ohne Physis wertlos.\nAlles wurde schon zum bloßen Verstände und\nlernbaren Gedanken. Man wird wieder das große\nLebensmysterium der Kunst retten müssen.\nKein anständiger Mensch vermengt Kunst und\nLeben miteinander. Aber ein klaffender Wider-\nspruch zwischen Kunst und Lebensnatur bedeutet\ngewiß eine verderbliche Gehirngefangenschaft.\nWir können freilich nicht Kunst direkt leben:\naber organische Kunst gibt selbst die Wege der\nPraxis an durch natürliche (nicht verstandesmäßige)\nBereicherung mit gesundem Leben.\nDarum bleibt in jeder erfüllten Blüte einer\nKunstkultur die Theorie armselig zurück : es gibt\ndann nur ewig alte und ewig neue Menschen,\nwelche den beiden Kategorien der gelehrten und\nder wirklichen Menschen entsprechen. Das Leben\nsteht natürlich auf der Seite der reellen Gegenwart.\nWas trotzdem ein Widerspruch des Lebens\nbleibt, das löst auch keine dualistische Wissen-\nschaft, sondern nur die Vertiefung des eigenen\npsychologischen Interesses durch Aufklärung über\nalle Lebensentstehung.\nDie Bereicherung der praktischen Welter-\nfahrung setzt diese allgemein öffentliche Aufklärung\nfort, lehrt uns Glück in unserer Tätigkeit und\nRespekt vor Gleichgesinnten.\nDarum dürfen wir neuen Weltgläubigen uns\nnicht wieder aus dieser geistigen Heimat heraus-\ndrängen lassen, welche unser eigenes Leben und\ndie innerste Natur ist, indem wir nie zulassen,\ndaß die menschlichste Natur mit einem Schimpfe\nverlästert werde, damit nicht abermals die allein\nmögliche Wahrheit in einem fremden Jenseits\nhersche. Diesen alten Weltanschauungszwiespalt\nwill auch derjenige, welcher mittelalterliche Kasten-\nherrschaft der Gesellschaft zurückwünscht.\nWer möchte die ganze Heiligegeschichte der\nKirchenkunst ohne die meisten Künstler und\nSchönheitsvollender ihres Faches! Wir lieben\ndie freie moderne Schöpfung in der heutigen\nKunst und ersehnen sie für alles Menschliche.\nDieses zu erfüllen, gebe uns ein Traum von junger\nMoro-ensonne das Licht und die Wärmekraft, damit\nwir uns am historischen Alten nur selbst entdecken\nund entzünden und nicht von vornherein auf neue\nWirkungen der Menschheit verzichten. Denn im\nkünstlerischen Schaffen offenbart sich allein die\nrelative Fortentwicklung der Wahrscheinlichkeit.\nNatürlich liebt jeder Geist seinen Heimatboten,\nwo er von Geburt her genährt wurde: aber erst\ndie gewonnene Freiheit über den nationalen Stoff\nrechtfertigt den Könner. Man wird diesen lustigen\nUebermut nicht hindern können.\nWir Deutschen wir gehen zu schwer als\nMenschen aus uns heraus. Unser nationaler Be-\ngriff ist noch ganz philiströs. Was uns gegen\nandere härter macht, ist die deutsche Liebe zur\nkonventionellen Gattung, statt zum sinnlichen Sub-\njektiven und menschlichen Individuum. Wir fassen\nsogar das soziale Moderne blos als Opposition\nstatt als etwas schlechthin Notwendiges, und sind\nmeistens überhaupt nicht modern, das heißt, ver-\nlieren über schematischen Konstruktionen das\nLeben und sein innigeres Instruktive.\nAuch die Künste sind lebensphysiologische\nSysteme und ihre ewigen Gesetze sind für uns\nnur Sterne. Denn es regiert die Welt kein\nreligiöses Gesetz der Kunst. Liegt doch nicht\neinmal allen wirklichen Erscheinungen ein univer-\nsales zu Grunde. Aber es gibt\nsubjektiv-menschliche Gesetzmässigkeiten der höcht\nindividuellen Künste.\nKeine bewusst konstruierte Konzentration der\nKünste ist so nötig, wie die organische Bestätigung\nund Konzentration der spezifischen künstlerischen\nKraft. Ein volkswirtschaftliches Problem der\nKunstökonomie hätte dann zur besonderen Auf\"\ngäbe, die heimatliche Verwertung des geschaffenen\nIdeals und seine Wiedereinsetzung in einen öffent-\nlichen Dienst zu prüfen und zu ordnen. Die\nnationale Frage ist also auf allen Gebieten eine\nFrage des Kulturtaktes. Denn es handelt sich\nnicht darum, zwischen den Extremen der allzu\nbiederen Genügsamkeit und des großen Rausches\nzu pendeln, wo das Fest nur Wahnsinn ist oder\nwiederum nur der Sonntag einmal Feiertag. Die\nlachende Seele kennt nicht diese grobe Kluft\nzwischen Frone und Erlösung. Das Leben ist ihr\nselbst ein hochherziges weltliches Engagement.\nDie Begriffskrankheit der nationalen Menschen\nist lediglich die Erinnerung an ein unweltliches\nIdeal aus der Zeit der Kirche.\nDie Kunst ist nur in der Entartung eine\nmoralische Allegorie der Dinge: und trotzdem\nbehält man das Stoffliche auch hier noch lieb,\ndieselben Objekte der Natur, die der wahre\nKünstler gänzlich in der Form aufhebt; jedoch\nnur in ihm Beherrschung, nicht zu ihrer abtötenden\nVernichtung. Der moderne, die Welt liebende\nKünstler, dem diese Form ohne äußerliche, primitive\nräumliche Konstruktionen gelang, schuf die tiefe\nKomposition der impressionistischen Malerei. Ihre\nlebende harmonische Ordnung durch reine Farbe\nist der Triumph inneren Gesichtes, unserer\nseelischen Sinne und unserer zweiten Welt der\nErscheinung. Diesen psychischen Raum trägt das\nErscheinungsbild allein; er ist keine materielle\nVortäuschung eines Wirklichen. Der malerische\nImpressionismus ist keine willkürliche Sonderkunst,\nsondern die erneuerte Kunst der Malerei in unserer\nZeit. Wie lange aber hat man ihm Unvollendung\n(durch Verwechslung von Malerei und Plastik)\nund Skizzenhaftigkeit (durch Erinnerung an das\nIdeal der Renaissance) vorgeworfen: die ver-\nweilende Deutlichmachung eines Details würde\nden sorgsamen Künstler vielleicht um seine wert-\nvollste anschauliche Mitteilung bringen, die im\nwesentlichen Punkt des Bildes liegt, dem Blick-\npunkt des Beschauers. Scheinbare Härten sind\nkein Schaden, wenn sie dienend bleiben. Ein\nBeispiel dafür ist Marees.\nDie relative Gestaltung des Raumes geben\näußere Architektur und Innenraumkunst, und auch\ndiese mittlerweile nicht mehr im bloss einseitigen\nSchema der Renaissance. Also nicht dass die\nAussenwelt vom Auge abgesondert im Gemälde\nsei, sondern nur, daß wir ihren Organismus künst-\nlerisch sehen, ist die Hauptsache. Die abge-\nschlossene Welt des Kunstwerkes ist nicht ein\nin das Bild eingeschlossener deutlich werdender\nRaum, sondern bedeutet nur unsere eigene Seele-\nSonst fordert doch bloß wieder der Rohe, der\nden Raum nicht als Seelenfunktion sieht, von der\nKunst, ihn auch noch mit den Armen unß Beinen\nzu sehen. Das Stilelement der figürlichen Linie,\ndie abstrakt in keiner Natur vorkommt, hat immer\netwas von bewußter Konstruktion und von der\nsymbolischen Zeichnung an sich auf das drei-\ndimensionale plastische Bildwerk deutend, bleibt\ndem Raumkörper dienend, nicht dem Bild der\nFläche, und ist darum ein beliebtes Mittel der\nVermengung der Formen der Wandmalerei und\ndes Staffeleibildes. Durch eine nur symbolische,\nnicht organische Formensprache hätten wir jenen\ndirekten Kunstkniff, der uns erspart, durch Seele\nzu sehen, wo sich aber auch nicht mehr künst-\nlerisch zu sehen verlohnt, weil dadurch allerdings\nwieder der Inhalt im Bilde wäre, während der\nInhalt nur eine hohe Kultur sein soll, die immer\ndie einheitlichste Schönheit ist; nämlich der von\nkeinem Verstand als zu deutende Zweck getrübte\nreine Genuß der Augen. Fremde Formenwieder-\nholung führt bloß das Schema in alle engeren\nKünste zurück. Jede irgend äußerliche Verstands-\nkultur ist eine schlechtere in Ansehung der\nspezifischen Seelenbildung, die sich nicht an Ge-\ngenständen, sondern inneren Erlebnissen entwickelt.\nMan will die Abbildung des Objektiven,\nnatürlich im Bilde — aber das ist nichts anderes\nals ein in kindischen Idealismus versetzter\nMaterialismus: die Freude darüber, daß öie\nDarstellung bloß nicht wirklich ist, macht noch\nkein Kunstwerk. Im Grunde verlangen nicht ge-\nrade die Schlauesten deutliche Objekte. Dieser"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "503", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.5", "texte": "falsche Schein bedeutet, daß das Interesse an\neinem Vorgang, nur weil er Illusion ist, ideal sei.\nOdu schamhafte Uninteressiertheit. Es handelt\n-sich weder um ein geistigeres Verstehen der\nNaturgegenstände durch den Kopf (wer die Welt\nnicht versteht, versteht sie auch durch die Kunst\nnicht, die damit erst recht nichts zu tun hat),\nnoch ist die Kunst eine Kraftprobe für unver-\nmittelten Lebensausdruck.\nDie Nachahmung der Natur ist aber ein\nseelisches Geheimnis des Künstlers und seines\nWerkes.\nKunst als idyllische Geborgenheit vor der\nWelt ist also, wie alle Flucht aus dem Dasein,\neine Selbsttäuschung. Sie ist kein paradiesischer\nRaum für kinderhafte Wünsche, sondern ihr Bild\nbleibt der hohe männliche Schein der Weltlichkeit.\nDas einheitliche Leben des Stoffes Farbe,\ndiese technische Wahrhaftigkeit des Grundes —\nsind sie zu geringe Inhalte für die schöne\nMenschenseele?\nSo bedeutet die Vollendung der Landschafts-\nmalerei die wahre künstlerische Bildnisschöpfung\nder kosmischen Natur.\nIhr neues inneres Raumbild bleibt, als ein\nGefühlswert, immer unser Eigentum und Gesicht,\nwird keine außerkünstlerische oder illusorische\nIdee. Denn das Künstlerische ist kein Wirkllch-\niichkeitswerk. Aber daß es kein überirdisches\nWunder ist, zeigt uns das einfache, natürliche\nMittel, wodurch es dasteht: dieses ist Form und\nSinn zugleich. Das ist das vorbildliche Edle der\nKunst. Das Kunstwerk ist, wie die belebende\nSchönheit der Frau, am allerempfindlichsten gegen\nabsichtliche Unvornehmheit. Denn auch der Reiz\nder Frau ist nur unsere künstlerische Kultur\nunsere Plumpheit oder bloße Drolligkeit ver-\nnichtet ihren Zauber und dessen innere Macht.\nDer Wunsch ihres Naturells, immer nur mit Liebe\nbehandelt werden zu wollen, ist nicht persönliche\nweibliche Eitelkeit, sondern rätselhafte Notwendig-\nkeit ihres Naturgeschlechts. Darum ist ihrerbeider,\nder Kunst wie der Schönheit, Wirkung und\nWesen zugleich dahin und für uns tot, sofern oder\nsobald v/ir noch grobsinnlich sind oder wieder\ngleichgültig werden.\nIm ähnlichen Fall wird, wer die Kunst der\nMalerei im gerahmten Bild nicht als die kolo-\nristische Gesetzmäßigkeit der harmonischen Er-\nscheinung, mit zarter Beziehung des Auges zur\nFarbenebene liebt, auch anderwärts bedenklich\nsein nnd stets lieber alte heilige Geschichten\nlesen. Es gibt ja doch viele gute andere Künste.\nDer moderne Roman ist wieder so ein Form-\nproblem für sich. Aber die Rassigsten der Nation\nwerden die Entwicklung der höchsten Ver-\nlebendigung fördern. Die Kunst sucht keine\nobjektive Einheit und kein abstraktes Ding. Die\nkünstlerischen Einheiten sind tiefe sich bestimmende\nMenschlichkeiten. Liebe ist blos ein anderes\nWort für diese edelmenschlichen Verpflichtungen,\ndie nicht Finsternisse schaffen, sondern reinliche\nFreiheit begründen wollen.\nDie neue ursprüngliche Empfindung für die\nlebhaften Wunder der schönen Gegenwart ist die\ninstinktrettung unserer tätigen Seele. Dies wieder\nallgemein Zugängliche, nicht der zufällige Privat-\ninhalt des Einzelnen, ist nun die künstlerische\nLegende unserer Zeit. Die Organisation dieser\nunserer neueren Werte ist Kultur. Die Kunst-\nform ist der seelische Gewinn der Harmonie aus\nder begeisternden Spur des lebenden Stoffes,\nAls der Inhalt bleibt unsere Zeit, diese Formel\nunserer stolzen Kämpfe und Hoffnungen.\nDenn es handelt sich um die Verehrungs-\nheiligung des sinnlichen Irdischen, nicht eines\nUnwirklichen, und um seine Vergeistigung, nicht\nVerflüchtigung. Unser frommes Verhältnis zur\nEwigkeit ist das artige Maß der menschlichen\nNatürlichkeit in uns, die als Grund unserer\nOrganisation dauernd bleiben wird. Dann, wenn\nim Staate der Natur alles natürlich geworden\nist, wird auch wieder der berechtigte philosophische\nGedanke möglich sein, als ein Faktor der Lebenden,\nund wir werden den ehrlichen Denker nicht ver-\nkennen, seitdem wir ihn von dem reinen Künstler\nunterscheiden lernten, der kein dilettantischer\nVerfälscher und kein Kostümkomödiant mehr sein\nwill.\nDas Genie der Zeit wird feinere, helle Männ-\nlichkeit.\nDer innere, einzige Mensch, der subjektive\nfrohe Träger des einzigen Lebens ist kein Diener\neines Weltgesetzes, ist als freie Individualität der\nBesitzer der ewigen Menschlichkeit und ist uns\ndarum, in einer vollendeten Kultur, wieder näher\nsogar als Berg, Wald und Meer: uns, den\nSchöpfern und Genießern unserer eigenen Leben-\nideen, nicht der Wahnbegriff vom Idealen.\nDenn gegenüber allen monumentalen Wundern,\nden elementaren und technischen Phänomenen,\nerleben wir noch täglich das allein Unersetzliche\neines Zaubers der Menschenseele.\n\nBerliner Sezession 1911\nVon Walther Heymann\nEin Stück Kunstmarkt, das ein Kulturfaktor\nim Leben Berlins sein möchte, ein Spezial-\ngeschäft mit einer Sammlung von Entwicklungs-\nversprechen in zeitgenössischen Kunstwerken,\ndas ist die Berliner Sezession auch unter dem\nneuen Vorstand geblieben. Weil als Entwicklung\nschon die blos technische Ausprägsamkeit ver-\nstanden wird, ist sie keine Brutanstalt für die\nReifenden, die jungen Talente, keine Schutzstätte\nder Werdenden; immer aber regt sie durch die\nDarstellung vieler möglicher Wendungen von\nWachsens-Zuständen in reizhafter Weise das\nsachliche Interesse, den Geschmack und die\nUrteilslust an. Es bedeutet aber leicht Hemmung,\nBrandschatzung des Einzelnen zugunsten des\nNiveaus der Gesamtheit. Noch ist kein Genie\nam Kurfürstendamm aufgewachsen. Tiefe Geister\nbrauchen große Ruhe.\nMann gehe mit dem Nachgeschmack der\niortgeworfenen Zigarette zu Max Slev o g t,\nder einen Sondersaal hat. Und finde alles be-\nstätigt, die Menschen, die kleinen Szenen, von\ndenen man kommt. Selbst ein quantum satis\nVirtuosentum, die Verwandlungsfähigkeit, ist beim\nPorträtisten am Platze, Elan als flotte Anständigkeit\nsehr sympathisch, Rationalismus und Skepsis\nsieht man durch Lebenserfahrung und natürliche\nAnmut ergänzt. Ja, dieser Maler hat die Meisterhand\ndes erwählten Skizzierers und den geschärften\nBlick des Gegenwartmenschen. Nie langweilig\nund niemals nur interessant; seine Kunst trifft\ndie intelligenten Nerven, wo Gewohnheit, leichter\nWitz und rascher Antrieb in ihnen walten. Ge-\norgiritter und Hatschiere, Essen bei Hof und\nbunte Ueberbleibsel einer starken Ver-\ngangenheit, famos gemalte Erregungen für eine\nfremde Zukunft. Sommerstrahlen im Park, ein\nPflanzgarten, ein Stück friedsame Heide —\ndurch den Schmiß der Auffassung guckt noch\ndas stille Gefühl. Temperamente — d'Andrade,\nder Leutnant — ihre Stoßkraft wird aufgefangen\nund unvermindert stark auf die Leinwand ge-\nworfen; ihre Müdigkeit als Charakteristikum ge-\nwertet. Hier ist Slevogts Innigkeit ganz durch\ndie Lösung der Aufgabe festgehalten. Mit den\nherausfallenden Blumen schlägt er M ossons\nfeinste Sentimentalitäten tot und blessiert das\nGeschmacksvirtuosentum Breyers. Manchmal,\nwo sein Farbensinn alltäglicher Schwäche dient,\nso in den beiden Damenbildnissen, sind mir\nweder die gewagten Kleiderfarben erträglich, noch\nfinde ich den Fleischton gut. Dennoch der Herr\n81. ist bei menschlicher Auffassung frischer ge-\ngeben, als Trübner es könnte, und eine Bildnis-\nstudie des Prinzregenten zeigt unhöfisch wahr\neinen gütigen, etwas müden, kordialen, witzigen\nalten Herrn, der seinen Körper immer wieder zur\naufrechten Haltung zu zwingen gewillt ist. His-\ntoriker der Zukunft, ihr habt in Slevogt einen\nglänzenden Zeugen. Aber seine materialistische\nKunst bleibt zu okkasionell, er kann steigern,\naber nicht in die Höhen der Größe, die Tiefen\nder Seele, die Weiten des zeitlos und unpersönlich\nMenschlichen tragen, das fühlt er selber, und das\nmacht ihn zu hastig. Menzel das Temperament.\nLiebermann die gesündere Beanlagung voraus-\nzuhaben, mit Stärken und Schwächen du jour\nzu sein, als einer, der nur die Leistung, nicht die\nSchöpfung zu geben vermag, — das ist das\nSchicksal dieses großen Talentes.\nLovis Corinth kann noch mehr. Wo\ner voraussetzungslos Fleisch zu malen scheint,\nhat er unerhörte Bravour. Das ist einfach groß\nheruntergestrichen und lebt, selbst gegen weiß\nwirkt es in der Nana nicht schmutzig, das Gesicht\nist vielflächig ausdrucksvoll. Von den beiden\nPortraits des Professors Meyer könnte man in\neiner Kritik des ganzen Corinth den Ausgang\nnehmen. Das Bild des Professors im Bibliothek-\nzimmer ist im Ernst der Auffassung, in der\nFreude an durchdringender Psychologie von\nkonzentrierter Eindruckskraft. Das Dekansbild\nhat den größeren, einen fabelhaft sicheren Wurf-\naber der gut behandelte Hintergrund hat wenig\nLuft — und das Kostümgefühl ist bei Corinth\netwas verwildert. Sein Stilleben, eine Holländerei,\nläßt mich absolut kalt. Brillante Einzelheiten\nin klankem Oel. Was Corinth könnte, wenn er\nkritischer wäre — darum bleibt es wohl ewig\nschade. Charlotte Berend zeigt sich im\nPortrait eines Malers sehr fortgeschritten und\nlobt damit ihren Meister.\nMeister und Leister, die Verklärer sind, die\nbrauchen wir. Schöpfer, die Reifes ins Hohe\nsteigern, die Natur durch die Wunderkraft der\nSeele menschlich, göttlich reich machen. Was\nkann Israels, der Rembrandts Evangelium\ninbrünstig nachmurmelte, dem Daum i e r an\ndie Seite stellen, der dies und dazu Rubens und\nMichelangelo in sich durchlebt hatte und in\n„Ueberkarikatur\" vereinfachte Schöpfung zwängte,\ndie sich in den Farben zu befreien sucht. „Die\nLast\" und „Die Flüchtlinge\" vergißt man nie\nwieder. Als Uhde begann, da freuten sich alle\nVernünftigen an seiner rein-deutschen Art, an\nseinem lieben, sauberen und innigen Fühlen. Wie\nschön ist ein Pflanzgarten gemalt. Nur, wir ver-\nstehen heute nicht mehr, daß er je als Revolutionär\ngalt, dieser Friedfertige der Gesinnung, im dem\ndas Genrehafte so dicht hinter der Wirklichkeit\nsteckte. Wo er so mit der Vergangenheit paktierte;\nist — zur Warnung für Konzessionsschulzen —\nseine Wirkung heute für uns verflogen. Wo er\nihre Kräfte weiterführte, bedauert man nur sein\nfrühes Ermüden. Selbst in der Atelierpause —\ndiesem matten Bild — lebt noch eine große\nRaumtiefe. — Es muß übrigens noch viel"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "504", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.6", "texte": "schlimmer sein, wenn man wirklich mal als Re-\nvolutionär die Streitaxt schwang und später als\nGemüt aus dem so schön verspotteten deutschen\nFamilienleben veritable Kohlköpfe erntet. Thomas\nTheodor Heine betet als Maler zu Adolf Adam\nOberländer. Hat also allen Grund, gegen\ndie Einfuhr französischer Kunst zu protestieren.\nDein Teufel haßte das Gefackel!\nDoch führte dich mit Hallelujah\nDas Engelein vom Mops zum Dackel.\nAuf deiner Urne unterm Tuja\nSteht: Dies war Thomas Theodor,\nReuig gestorben als Pastor.\nEbenfalls gedenken wir leidtragend des p.\nHans Thoma, der uns vergangen erscheint, ob\ner gleich noch lebt; er hat doch einmal gut ge-\nmalt Diese Sorte von Verklärern meinte ich nicht.\nAuch nicht die allzu Fertigen. Klein-\nDiepold kommt uns wieder glänzend wie Speck\nund gehört in das gut bürgerliche Eßzimmer.\nDie 'liebenswürdige Auffrischung macht Linde-\nWalther nicht moderner und hilft uns bei\ndem braven strebsamen Fritz Rhein noch\nnicht über die Langeweile hinweg. Die sehr ge-\nkonnten, sehr farbigen Bilder von Philipp\nFranck behalten etwas Kaltes; sind mir\nimmerhin lieber wie die langweiligen Strandbilder\nvon 0 p p l e r und K ä r d o r i 112, dessen Stilleben\nich brutal, an dessen Frauenportraits ich nur das\nFrauenproblem reizvoll finde; der Teint der Hand\ndürfte doch von der Farbe der Bank verschieden\nsein. Sabine Lepsius gehört in die „Große\",\nder Gesinnung nach Oppenheimer und der\nganz unüberwindliche Manierist Habermann\nebenfalls. Um von Größeren zu reden,\nKalkreuth und Trübn e r, sie sind ernste\nKünstler, und sicher wie ausgebildete Indivi-\ndualitäten. Aber selbst ihr Einfluss ist schon\nhistorisch geworden; und Trübners Andromeda\nvon ihm aus eine Verwirrung. Es ist beängstigend,\nzu sehen, wie die wenigsten Künstler von ihres-\ngleichen um mehr geschätzt werden, als die ab-\nlernbare Technik, wie die Geschätzten davon all-\nmählich selbst überzeugt werden, ohne zu be-\ndenken, daß sie von ihrer eigenen Entwicklung\nin immer neuer Sprache uns durch die Zeugen\nihres künstlerischen Seelenlebens etwas mitteilen\nsollen. Und so kommt es, daß Lieber m a n n,\nalt und kaum mehr in der Vollkraft, unter dem\nhöheren Mittelwuchs wieder wie ein einsamer\nRiese dasteht. Seine Palette ist nicht mehr sehr\nreich, aber sehr verfeinert. Er ist von Grund\naus immer Zeichner gewesen. Die Auffassung\nder Legende vom barmherzigen Samariter kommt\nhalb von einer gegenwartlichen, halb von leicht\nklassizistischer Sachlichkeit, ohne daß der Vorwurf\nuns sonst noch an seine früheren Verkörperungen\ndurch die Franzosen erinnert. Die Gleichgültigkeit\ndes reichen Passanten, die Unbekümmertheit des\nEsels — und die vermenschlichte Pietä, die\nHilfeleistung im Vordergrunde dieser in der\nKargheit fast nordischen Landschaft — das scheint\nkein Schauspiel mehr, es suggeriert Leben mit\nder Kraft des Dramas. Nur eine innige Natur\nkonnte das empfinden, eine sichere Gefühls-\nverteidigung und kühle Erkenntnis es so vor\njedem Zuviel bewahren. Für die allerchristiichste\ndeutsche Kircke kann man kein besser frommes\nBild finden. Die Größe der Empfindung und\ndie Reinheit der Vision sind bewundernswert.\nNiemand, meine ich, ist Rembraridt so nahe ge-\nkommen, als der beste deutsche Impressionist.\nDer uns aus dem Selbstbildnis ansieht, so\nreliefhaft, voller Glut unter dem leise Erstarrenden,\ndas ein heiliges Licht von außen verklärt.\n\nBerliner Leben\nNorbert Falk\nHermaphroditisches\nEs wird aber auch noch Schweiß kosten, ehe die Gesamt-\nausstellung aus ihrem rudimentären Zustand herausgerissen\nsein wird. Vorläufig ist ihr Symbol das Plakat der\nnackten Männer mit der Trikolore. Auch sie ist\nnoch lange ein halbnakter Mann; er trägt ein paar tüchtige\ndeutsche Strümpfe, englische Schuhe, eine ungarische Krawatte\nund einen — Bersaglierehut . . .\nAus der B. Z. am Mittag vom sechzehnten Mai 1911\nDer akademische Engel\njede Woche läuft mir ein Engel über den Weg\". Diesmal\nder Eduard. Er sprach im Akademisch-Literarischen Verband\nüber die Ursprünge der jüngstdeutschen Literatur. Was er\nsagte war sehr flach, aber desto länger. Das Publikum\ntrampelte ihm Beifall. Herr Engel blieb auch durchaus ver-\nständlich. Er führte aus, dass er der jüngstdeutschen Li-\nteratur sehr nahe stehe, weii er mit ihren hervorragenden\nVertretern gar manche Nacht zusammengesessen habe. Er\nkonnte auch feststellen, dass die Herren nicht seine stupide\nBildung besassen. Bemerkte auch, mit Humor, dass er sich\nverpflichtet hätte, schon damals, ein Drama wie die Familie\nSelicke in zwei Stunden herunterzudichten. Leider tat er es\nnicht, sondern benutzte seine Meggendorferphantasie, wie er\nselbst mitteilte, zwei Bände Novellen zu schreiben. Er drückt\nsich in seiner Literaturgeschichte über sich selbst pessimistisch\naus: „Zu den Erzählern mit keinem höheren Ehrgeiz als dem,\nzu erzählen, und wenns gelänge, Menschen zu formen, wollte\nEduard Engel gehören.\" Also nicht einmal dazu reichte es\nnach seiner eigenen Meinung. Damit die Herren Akademiker '\nnicht etwa erst auf den Kauf seiner Literaturgeschichte hinein-\nfallen, seien hier einige Werturteile aus seinem trocken-\nkomischen Werk wiedergegeben. Ueber Mombert: „Er\nbesitzt alle Eigenschaften des lyrischen Dichters, bis auf die\neine: er kann kein Gedicht machen. Hier ist zum BeLspie\neins der Mombertschen Gedichte:\nEine Gestalt fliegt hinter uns her.\nDie bläst eine goldene Posaune.\nDie durchschallt das blaue Aethermeer.\nWenn dies ein Gedicht ist, so gibt es keinen gebildeten\nDeutschen, der nicht jährlich einige hundert solcher Gedichte\nmachen konnte.\"\nUeber Max Dauthendey: „Schon seine Titel versteht man\nnicht, auch könnte man sie beliebig- vertauschen, zum\nBeispie! ohne Schaden sagen Die brennende Hochzeit und\nDer ewige Kalender. Seine Verssprache ist eine Mischung-\nvon ossianischer blumiger Prosa und kindlichen Bonbonqe-\ndichtchen, nur dass dies beides verständlicher ist, als was\nDauthendey für Lyrik hält.\"\nUeber Rainer Maria Rilke: „Sein Erkennungszeichen ist\neine sanfte musikalische Unverstandlichkeit. „Sinnlosigkeit\"\nwagt man nicht zu sagen ; denn wer weiss, vielleicht schlummert\nin seinen Gedichten ein unerhörter Tiefsinn, den aber nur\nLeser mit den letzten lyrischen Weihen ergründen können.\"\nUeber Stefan George: „So heisst der Versbauer durch\nden diese ganze sich Dichtung nennende Hantierung einen\nnicht so leicht zu übergipfelnden Gipfel erklommen hat: die\nDichtung derer, die nicht dichten können.\"\nHingegen steht nach Engels Ansicht an der Spitze der\njüngst oesterreichischen Lyriker Hugo Salus\" Als sein Haupt-\nkennzeichen darf gelten die Kraft des lyrischen Ausschöpfeos\neines Bildes oder inneren Erlebnisses.\" Ich wünsche wohl\nzu schöpfen.\nUeber Else Lasker-Schüler: „Um sie ist es schade, denn\nmit ihrem zitternd heissen Seelenleben, dem brennenden Durst\nnach Dichtung wäre sie eine unserer starken Sängerinnen\ngeworden, wenn ihr das Lied nicht zu abgedroschen\nSie könnte die bezauberndsten rythmischen Wirkungen er-\nzeugen, aber absichtlich unterbricht sie den Fluss ihres\nGesanges durch stolpernde hinkende Verrenkungen. Adhr\nwelch ein edler Geist ward hier zerstört!\" Herr Engel hat\nsich bei dieser Gelegenheit sogar den Fuss verrenkt.\nEinige Urteile über Kollegen. „In bunter Reihe, ohne\nVollständigkeit seien noch als Kriliker mit Literaturkenntnis\nVerständnis und Einfluss genannt: in Berlin Fritz Engel,\nRudolf Herzog, G. W eisstein, Rudolf Pres-\nber, Philipp Stein; in Wien H. Wit tinann, M-\nNecker, J. Bauer, K. Kraus s.\" Mit dem letzten Namen\nist — Karl Kraus gemeint!\nDas dürfte genügen. Die Akademiker seien nochmals-\nausdrücklich vor allen Engeln auf dieser Erde gewarnt.\nBleibe zu Hause\nDie Ausstellungshallen sind wieder einmal gefüllt. Von.\nder Theaterausstellung beibehalten sind: Korsetts, Parfüms,\nund unheimlich viel schlechte Bilder und Gipsbüsten. Hinzu-\ngekommen sind: Stiefel, Dioramen, Prospekte, Füllfederhalter,\nRohes, optische Instrumente und eine schwarzwälder Bauern-\nstube. Die Länder sind durch grosse Schilder kenntlich,\ngemacht. Ich möchte nur wissen, auf welche Weise die\nAusstellungsleiter stets so unglaublich viele schlechte Bilder\nauftreiben. Der Zweck dieser Internationalen Aussellung\nfür Reise-und Fremdenverkehr scheint zu sein, die Berliner\nan ihre „Scholle\" zu fesseln. Trust\n\n31 II Its;\n[LesCahiersdu Centre\nMonatsschrift fiir Soziologfie\nGeschichte, Kunst\nund Literatur\nGegrundet von Paul Cornu\nHerausgeber u. Schriftleiter\nHENRY BURIOT\nIn den Cahiers du Centre\nerschienen Werke von Jules\nRenard, Charles-Louis Phi-\nlippe, Marguerite Audoux,\nEmiie Guillaumin, Romain\nRolland, Andre Spire, Henri\nBachelin, Valery Larbaud,\nRaymond Darsiles u. a. m.\nJahresbezug- furs Ausland:\n4,80 M. (Luxusausg. 9,60 M.)\nProbeheft gegen Ein-\nsendung- von 50 Pfg-.\nVERLAG u. REDACTION:\n16, Boulevard Chambonnet,\nMOU LINS (Allier)F rankreich\n.tjb:\n\nmmwmmmoooom^rnmm^\nL'Effortl\nO\nHalbmonatsschrift\nfiir moderne Kultur undo\nfranzosische Secession in\nden Kiinsten und in der\nLiteratur ::\nHerausg-eber und\n:: Schriftleiter ::\nJEAN RICHARD\nJahresbezug- fiir das\nAusland: Mark 4.50\nZweiter jahrg-ang-\nVerlag- und Redaktion':\nPOITIERS (Vienne)\nFrankreich J®\n\nHandelswissen- 1 *\nschaftL Kurse von F FICCti • Leipzig\"\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngepriifje Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fiihrender Stellung). Orundliche\nEinfuhrung in die verschiedenen Branchcn des kaufmannischen Berufes, rationeiles ■\nStudium der Handels- und ver wand ten Wissenschafien a!s Ersatz fiir ein mehr- >\njahriges Hochschulstlidium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fiir Am anger (Damc-n und Herren) die fur Stenographic,\ndeuiscbe und fremdsprachiiche Korrespondenz, Kasse-, Buchftihrungs- und Bilanz-\nTechnik, Biiro-Praxis sich vorbereiten wollen —\nsowohl fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder almiiclie Sc'nule ab-\nsolviert liaben, wie fur\nHerren mit besseren praktisehen oder theoretischen Vorkenntnissen, EiniSlmg-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfiir fCaufkuue reiferen Alters, die bereits praktiseh til tig waren und den j\nForderungen der Gegenvvart entsprechend ihre Faehkenntnisse envcilern oder\nvertiefen wollen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, juristen, Natjonalokonomen,\nOffiziere, die fiir Verwaltung wirtschaftiicher Unternehaiungen oder Verbande,\nAktien- oder ahniicher Geselischaften sich vorbereiten wollen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate —je nach Vorbildung und Ziel.\nProspektc gratis durch die Direction, Johannisplatz 5\n\nstts'eTn Cafe Continental s^iTui\njeden Abend von 9—4 Uhr Naehts:\nGrosses Kiinstler - Konzert\nAlle betieutenden Zeitungen unci Zeltschriften\n'ii' '■in ■!\" \"i'i mi' niii'T-i-n-Trmr.-pi-Twr-ffifrnnni n. mmnmmttv irrini-wwiT-im,'mm n>,wr-nn-TrniWTT\n\n112\n•»\nVerlag ~Der Sturm\"\n%. +♦• -j\nWir übernahmen inunsernVerlag I\nHerwarth Walden |\nDAFNISLIEDER \\\nFur Gesang- u. Klavier /52 Seiten *\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi- *\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch den Verlag DER STURM I\nHalensee / Katliarinenstrasse 5 I\n*"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "505", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.7", "texte": "Neite Secession\nDriffe Ausstellung\nGalerie Maximilian Madit\n*«C£f\n§K«\naw\\>. •.*+%\nV&Z&Zvt; <Z?7&y\nikSff\n* • **t\ni»»M»»»»,i'\n«K»»\nA&9V/&&.\nBerlia W. Ranhestrasse 1\nan der Kaiser li/ilhelm Gcdiidifnis-Hirdie"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "506", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110525-01.1.8", "texte": "Inseratenannahme: Geschäftsstelle «Der Sturm\", W., Potsdamer Strasse 111, sowie sämtliche Annoncen - Expeditionen, Druck von Renner, Liebe & Co-, G. m. b. H., Berlin NO.\n\nCes fftartjes\n5 me Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitsdhrift\nveroffentlichte das franzosische\nOriginal der Tagebucher\nFlaubcrts, deren Ueber-\ntragung in Deutschland vcr-\nboten wurde.\nDie Hefte, die die Tagebiicher\nFlauberts enthaKen, sowie die\niibrigen seitdem erschienenen\nNummern sind vom Verlag der\nZeitschrift Les Marges gegen\nEinsendung von sechs Francs\ndirekt zu beziehen.\n\ns\nkeine Zahnschmerzen\nKein Zahnziehen mehr\n■\nAuf Anfrage grebe\nSicK Jedennann Aus-\nkunft fiber ein Mittel\ngegen schwarze,hohle\nJ und lockere Zahne\nErfolg garantiert\ni O.Berger,BerlinW3s\n3 Potidamer Strasie 111\nAbschrift: Sehr geehrter Herr!\nVon vieien Zahnschmerzen bin\nich nunganxlich befreit durch die\nAnwendung Ihres preiswerten\nMittels. Daher empfehle ich es\nJedem, der von Zahnschmerzen\ngeplagt ist- Mit herzlichem\nDank besdieinigt dies Helenc\nKleemann, Roaengarten,\na Frankfurt an der Oder ::\nwWwWWww\n■■•HMIMHIIIIHIMIUI\n\n:: Probenummern ::\numsonst und portofrei durch die\nGeschiitssiefle „DER STURM\"\n\n«Spielend» lernt man Sprachen durch\nDr. Rebajoli's AUTODIDAKT\nSelbstunterrichtsmethode\nmit Hulfe des Grammophons\nBisher erschierten:\nA. Italienisch\nB. Franzosisch\nOMNETUUT I\nPUNKTUM |\nt QUtMISCUIT\nI UTILE DULCI\nI\nI\njcder Lehrer, jede Lehrcrin,\nJedermanri muss Dr. Rebajoti's\nAutodidakt gebrauchen, um\nlei At und grundlich Fremd-\nspra.chen zu lernen.\nJede Sprache in 33 Lektionen.\nEpochemachende Neuheit\nVerlag F. HARNISCH &. Co., Berlin W57.\n.L-J\n\nDie Jacket\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nHummer 323\nsoeben erschienen\nPreis 30 Pfg.\nOberall erhAltlich\n\nDIE TAT\nWEGE ZD FREIEM\nMENSCHENTUM\n▼Jf\nVIERTELJAHRL.M.2 HEFTM.O,M\nEINE MONATSSCHRIFT\nHERAUSOEOEBEN VON\nERNST HORNEFFER\nVERL. 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