{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-06-24-01", "volume": "bmtnabg_1911-06-24_01", "ocr_sha256": "62fe68d5071401276bbea7914cd5b456ce8ca2b102f2bf34357967d226602f80", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/06/24_01/bmtnabg_1911-06-24_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/06/24_01/bmtnabg_1911-06-24_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-06-24-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-06-24_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-06-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "523", "page_fin": "523", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "523", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.1", "debut_caractere": 510, "fin_caractere_exclue": 772, "texte": "Inhalt:\nH. W. und JOSEPH ADLER: Die vier Toten der Fiametta: Die Quittung / Meine Kritiker / Die Andern / HERMANN KOCH: y/z Ex =\nNy-z-Nx/Dx / JOSEPH AUGUST LUX: Der Ingenieur / TRUST: Für Freunde der Poesie: Lokaianzeigerlyrik / Bildhauerlyrik / Stoffblumenlyrik"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-06-24-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-06-24_01#c002", "volume": "bmtnabg_1911-06-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "523", "page_fin": "525", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.2.2", "titre_corps": "Die vier Toten der Fiametta", "titre_sommaire": "Die vier Toten der Fiametta", "signature_source": "Joseph Adler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "523", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.1", "debut_caractere": 774, "fin_caractere_exclue": 7098, "texte": "Die vier Toten der\nFiametta\n\nDie Quittung\nDie Kollegen sind wirklich sehr unvorsichtig.\nSie sollten doch endlich wissen, daß ich nicht\nin der Notlage bin, meine Musik von ihnen ver-\ngewaltigen zu lassen. Diese schwächlichen\nMännerchen versuchen dankend zu quittieren.\nIch habe ihre Impotenz so oft und so begründet\nnachgewiesen, daß schon der Versuch ihrer Ver-\ngewaltigung meiner Musik lächerlich wirkt. Die\nMusikkritik soll an mir noch ihre Freude erleben.\nIch werde mich im nächsten Winter recht lebhaft\nmit ihr beschäftigen, und ihr nachweisen, daß\nfehlende kritische Qualitäten nicht einmal zum\nAusschreiben einer Rechnung, geschweige denn\neiner Quittung hinreichen. Ueber meine Musik\nwird ein Berufener in dieser Zeitschrift sich\näußern. Ich will mich hier nur mit meinen\nKritikern auseinandersetzen. Ich nehme ihnen zu-\nnächst den Glauben, daß ich auch nur den ge-\nringsten Wert darauf lege, von ihnen beurteilt zu\nwerden. Ich bin mir über mich so unheimlich\nklar, daß ich auf jede fremde Meinung verzichte.\nIch bin meiner Musik so sicher, daß ich nicht\neinmal etwas für sie tue. Aber ich will mir die\nMühe nicht verdriessen lassen, die Herren etwas\nzu belehren, die sich anmaßen, ein Urteil über\nmich zu haben.\nMeine Kritiker\nDa ist der Doktor Leopold Schmidt, er ver-\nsucht sich im Berliner Tageblatt. Zunächst eine\nFeststellung. Zwei Tage vor der Premiere wußte\nHerr Doktor Robert Misch bereits, wer die Kritik\nfür das Berliner Tageblatt schreiben würde. Er\nwußte sogar, daß sie aus „gewissen Rücksichten\"\nsehr günstig ausfallen würde. Und, o Wunder,\nes stimmt. Herr Robert Misch wird glänzend be-\nsprochen, Herr Schmidt findet das Stück „Car-\nneval in Nizza\" unterhaltend und dessen Musik,\ngeschrieben von Herrn Hans Roland, ansprechend.\n„Namentlich ein Duett verrät deutlich die Ten-\ndenz zum feineren und sorgfältige Technik.\"\nNun Herr Schmidt, dieses Urteil verrät deutlich\nIhre „Tendenz\" zur Musik, wenn sie überhaupt\nin der Lage sind, derartige Banalitäten als Musik\naufzufassen, und eine sorgfältige Technik zu\nloben, wo überhaupt keine vorhanden ist.\nIch habe nicht die geringste Absicht, Herrn\nSchmidt zu mir zu bekehren, das kommt von\nselbst. Erst hielt Herr Schmidt etwa Liszt für\ntalentlos. Als Richard Strauß aufkam, leider auf-\nkam, hielt er ihm Liszt als Muster vor. Als\nGustav Mahler aufkam, fand er ihn talentlos und\nempfahl ihm Richard Strauß als Beispiel, wie\nman eigentlich Musik machen müsse. Als Conrad\nAnsorge seine Lieder veröffentlichte, rühmte er\nGustav Mahler. Als meine Lieder vor zehn Jahren\nzum ersten Mal gesungen wurden, empfahl er\nmir Conrad Ansorge. Er hielt mich schon da-\nmals für „ästhetisch unreif\" und schloß seine be-\ndeutsame Kritik: „Aber die Herren irren sich,\ndie Musik wird ganz andere Wege gehen, als\nsie glauben\". Nein, Herr Dr. Schmidt, ich bin\nsehr gut orientiert. Vor allem darüber, daß die\nMusik überhaupt keine Wege geht. Aber Sie\nhatten einmal in Ihrem Leben eine gute Stunde,\nin der Sie sich beinah über sich selbst klar\nwurden. Am dritten Februar 1905 (Sie sehen,\nwie gut ich orientiert bin) schrieben Sie im Ber-\nliner Tageblatt:\n„Gegenüber neuen Kompositionen wird die\nKritik sich immer eine weise Zurückhaltung\nauferlegen müssen. Sie ist dazu verpflichtet, um\nihrer selbst willen, und um der Künstler willen, die\nzwar die öffentliche Besprechung um keinen Preis\nmissen möchten . . . (Ich gebe sie billiger). Daß\nman bei ernsten Werken nach einmaligem Hören\nnicht in der Lage ist, abschließend zu urteilen,\ndaß sich der näheren Beschäftigung Dinge ent-\nhüllen, die dem ersten Blick nur zu leicht ent-\ngehen — das sind Gemeinplätze, die recht un-\nnötigerweise immer wieder vorgebracht werden.\nEs ist deshalb gut, bei solchen Gelegenheiten stets\naufs neue daran zu erinnern, daß es nicht Urteile\nsind, die wir in den meisten Fällen schreiben,\nnicht Aussprüche verbindlicher Art, die Wesen und\nRangstufe eines Werkes ein für alle mal fest-\nlegen wollen, und etwa die Anmassung einschlößen,\nUngefälliges zu unterdrücken, den Verfasser dau-\nernd oder ernstlich zu schädigen. Der verständige\nLeser wird in den Referaten der Tagespresse\nnichts suchen, als den Eindruck einer bestimmten\nPersönlichkeit und auch den nur, wie er sich zur\nbestimmten Stunde unter bestimmten Verhältnissen\nergeben hat.\nHoffentlich decken sich nicht bestimmte Ver-\nhältnisse mit gewissen Rücksichten, denn sonst\nkönnte in der Kritik ein Mischmasch entstehen,\nden der verständige Leser der Tagespresse auch\nohne meine Hilfe zu entwirren vermag.\nMir aber wünsche ich das ewige Leben. Denn\nkeinen fürchterlicheren Gedanken gibt es für den\nTod, als durch den Nachruf des verehrlichen\nMusikkritikers feierlich vor der „Leserwelt\" aner-\nkannt zu werden. Sonst teile ich Herrn Doktor\nSchmidt noch mit, daß die Handlung des (,neu-\nerwachten Minodrams\" die er als rohen Versuch\nbezeichnet, verschiedene Jahrtausende alt ist. Das\nwürde zwar nicht für den Wert sprechen, aber\nHerrn Dr. Schmidt immerhin an einem abfälligen\nUrteil gehindert haben.\nHerr Erich Urban von der B, Z. am Mittag\nhält mich für einen Dilettanten. Meine Musik\nklingt ihm als wenn „eine in einen Komponisten\nverwandelte Katze über die Tasten läuft.\" Also\nimmerhin in einen Komponisten. Mir ist es jeden-\nfalls noch lieber, meine Musik so charakterisiert\nzu sehen, als von Herrn Urban gelobt zu werden.\nAuch er gehört zu den Freunden des Dichters\nRobert Misch. Dessen Komponist Herr Roland\nist ihm als „nett und liebenswürdig geschildert\nworden\". Nun ist die Musik eine flotte Ope-\nrettenrevue von Johann Strauß senior bis Gustav\nWanda, den Herr Urban besonders schätzt. Herr\nUrban teilt ferner mit, daß meine Musik sein\nNervensystem gründlich zerstört habe. Das be-\nstreite ich: Denn Nerven hat Herr Urban nie\nbesessen, hingegen ein vorzügliches Kochbuch\ngeschrieben. Ein Kochbuch. Es muß auch\nKochbücher geben.\nAber Herr Robert Misch hat viele Freunde in\nder Berliner Presse. Die Freundschaft des Herrn\nRudolf Lothar für ihn geht sogar soweit, daß\nHerr Lothar zum ersten Mal im Berliner Lo-\nkal-Anzeiger Musik kritik schreibt. Dieser aller-\ntalentvollste Journalist, über den Berlin verfügt,\nnachdem ihn Wien hinausgeschmissen hat, be-\nhauptet, daß meine Musik zwischen „aufgeblasener\nTrivalität und betulicher Originalitätshascherei hin\nund her schwankt.\" Er hätte ebensogut auch\nalles andere behaupten können. Einen solchen"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "524", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9559, "texte": "Kenner über Kunst belehren zu wollen, wäre\nebenso lächerlich wie unmöglich.\nMit diesen gemischten Gefühlen stehen mir\nauch die übrigen Herren Kritiker gegenüber. Sie\nbilden sich offenbar ein, sich an mir für den\nSturm gerächt zu haben. Er hat ihnen so um\ndie Ohren geheult, daß ihnen Hören und Sehen\nhätte vergehen können, wenn sie jemals in dem\nBesitz dieser Sinnestätigkeiten gewesen wären.\nDer Sturm wendet sich auch garnicht gegen sie,\ndenn man braucht Blinde und Taube nicht erst\nblind und taub zu machen. Aber der Sturm soll\ndie Leser aufrütteln, daß sie von Blinden und\nTauben nicht Sehen und Hören lernen wollen.\nIch will die Geister, die ich nicht rief, schon los\nwerden. Und wenn ich ihnen mit dem Besen-\nstil, aus dem sie entstanden sind, um die Ohren\nschlagen muß. Sie werden auch dann meine\nMusik noch nicht hören können, aber wenigstens\ndie Stelle fühlen, an der die bei ihnen so beliebte\nNatur das Loch gelassen hat, um sie aufzunehmen.\nDie Andern\nDa der Ton die Musik macht, will ich den\nLesern des Sturms keine Töne vorenthalten. Die\ndolose Absicht und die Dummheit ergibt sich\nvon selbst und ich werde mich mit ganz wenigen\nBemerkungen begnügen können.\nVorwärts: Herwarth Waiden, aus dem Konzert-\nsaal bekannt dadurch, daß er sich auf den Beet-\nhoven setzt, und ihn erstickt, wollte nun einen\nneuen Musikstil erfinden: Die übergeschnappte\nKlavieretude, die charakterisieren soll, aber\nhauptsächlich einen wildgewordenen Klavier-\nschüler parodiert, der sich an ihr rächt. In\nübereinstimmender Weise auf einem Klavier\nhinter der Bühne gespielt, bildet sie die Musik\nzu der genannten Pantomime. Die Mimiker,\nvoran Rosa Valetti, spielten so gut, daß man\nsie ob ihrer Gebundenheit an solche Unmusik\nvon Herzen bedauern konnte. sz.\nDer Reichsbote: Zu dieser fürchterlichen Hand-\nlung erklang eine ebenso fürchterliche Musik,\ndie auf einem noch fürchterlicheren Klavier\nheruntergepaukt wurde. y.\nHerr X. hat sich leider nicht geäußert.\nBerliner Morgenpost: Und dazu eine, auf dem\nKlavier gespielte Musik, so mißtönig und gequält,\ndaß ein normal gebildetes Ohr sich mit Entsetzen\nund Schrecken von ihr abwenden muß. Der-\ngleichen Geräusch kann man wirklich nicht\nertragen. Lg.\nTrotzdem ging Herr Hauptmann Lusztig noch\neinmal hinein:\nBerliner Morgenpost: ... Mit der „Musik\"\nvon Herwarth Waiden kann ich auch nach dieser\nersten Darstellung vor dem Publikum nichts\nanderes sagen, als das, was mein gestriger\nBericht über die Generalprobe enthielt: Ein\nunerträgliches gequältes Ding, von qualvoller\nWirkung, dessen musikalische Begleitung einfach\nunmöglich ist. Das Publikum tat das klügste,\nwas es in diesem Falle tun konnte — es nahm\ndie bitter ernst gemeinten Szenen mit wohl-\nwollendem Humor auf und half sich auf diese\nWeise über die Peinlichkeiten der Sache selbst\nhinweg. Lg.\nDie Behauptung über die Aufnahme der Pan-\ntomime bei dem Publikum ist subjektiv und ob-\njektiv unwahr. Herr Lusztig hat das Recht, sich\nzu blamieren, aber als anständiger Journalist die\nPflicht, über die Aufnahme eines Werkes beim\nPublikum die Wahrheit zu berichten, auch wenn\nsie ihm nicht für seine Zwecke paßt. Von diesem\nKritiker konnte der Sturm ja schon wiederholt\nrecht lustige Dinge berichten.\nNorddeutsche Allgemeine Zeitung: .. Musik\nvon Herwarth Waiden. Die dem Theaterzettel\nbeigegebene Erklärung läßt uns Grausiges er-\nwarten. Vier Ermordete, die von einem trunkenen\nBettler aus dem Fenster geworfen werden. Und\nwas bringt die Pantomime zur freudigen Über-\nraschung ? Eine echte italienische Harlekinade,\nvoll burlesker Komik, und dazu eine allerliebste\ncharakterisierende Musik, die manche harmo-\nnische Feinheiten darbietet. M. S.\nDie Post: Die etwas blutige Pantomime dürfte\nohne Herwarth Waldens kindlich naive, nach\nEffekten haschende Musik eine glücklichere\nWirkung haben. A. v. Kl.\nVossische Zeitung: Herwarth Waiden hat diese\ngrausige Groteske mit einer rohen und seltsamen\nKlaviermusik versehen, die in grellen Harmonieen\nund rythmischen Zumutungen schwelgt. E. N.\nDeutsche Tageszeitung: Zum Ueberfluß ließ\nHerr Herwarth Waiden eine Musik dazu machen,\nvon urwüchsig kindlicher Schaurigkeit.... Und\n(Offenbachs) Musik ist wie ein Blätterrauschen\nund Heeresgeläute gegen das Waldensche Back-\nfischgeläute. W. M.\nBerlinerVolkszeitung: ... DieHerwarthWalden\nzum Komponisten hat. Zwar wurde hier nur\nvon einem Klavier, das hinter der Szene stand,\nein unangenehmes Geräusch entlockt. War das\naber überhaupt Musik? — Ich habe es nicht\nerhorchen können. Johannes Döbber.\nBerliner Börsencourrier: Herwarth Waldens\nMusik... macht sich die realistische Tonschilde-\nrung der Vorgänge zur Aufgabe. Erst ganz\ncharakteristisch gerät diese Musik dann aus der\nTondichtung in eine Art von Geräuschnach-\nahmung oderTonphotographie. Mißverstandener\nRieh Strauß. HerrWauer und Fräulein Valetti, die\nden krassen Emotionen der Fiametta kräftigen\nAusdruck zu geben sich mühte, setzten sich\nganz für das Werk ein, das aber einer empörten\nGegnerschaft begegnete, deren der eifrige Bei-\nfall der Anhänger nicht Herr werden konnte.\nHerr Waiden wurde gerufen. L.\nIch möchte Herrn Landau nicht gern wehe tun,\ndenn er ist einer der wenigen anständigen Jour-\nnalisten in Berlin, wenn auch sein Kunstgefühl\nnicht überwältigt. Hätten Sie, sehr geehrter Herr,\nsich die zweite Hälfte meiner Musik noch e i n-\nm a 1 angehört, würden Sie statt einer Geräusch-\nnachahmung, wie Sie glauben, vermutlich auch\ncharakteristische Musik gehört haben. Ich habe\nnicht Richard Strauß, sondern Sie haben mich\nmißverstanden. Lesen Sie bitte im „Sturm\" nach,\nwas ich über Richard Strauß gesagt habe, dann\nwerden Sie die Unmöglichkeit eines Mißverständ-\nnisses meinerseits einsehen.\nBerliner Neueste Nachrichten: . . . Herwarth\nWaiden gab ihm als Ersatz dafür eine musika-\nlische Begleitung. O, hätt' er das nicht getan!\nHätte er sich aus irgend einem Kientopp einen\nKlavierspieler verschrieben, der allabendlich zu\nstummen Bildern die Musik macht, und das\nGeschäft kennt, dann hätte Fiametta Eindruck\ngemacht. . . So aber lachte man, weil die auf-\ndringliche Musik, die zu der stillen Kunst der\nBühne in so schroffem Kontrast stand, die ganze\nStimmung zerriß. HerrWalden muß viele Freunde\ngeladen gehabt haben, daß man ihm am Schluß\nso stürmische Ovationen bereitete, die die Zischer\nnicht aufkommen ließ. J. L.\nIch habe durchaus nicht viele Freunde geladen\n„gehabt\". In dem vollständig besetzten Hause\nwaren höchstens zehn Personen, die ich persönlich\nkenne, und von denen zwei meine Freunde sind.\nAuch ich stelle jetzt einen schroffen Kontrast fest;\nHerr L. im Börsencourier behauptet, daß der eifrige\nBeifall der Anhänger der empörten Gegnerschaft\nnicht Herr werden konnte. Herr J. L. in den\n„Neuesten Nachrichten\", daß meine angeblichen\nvielen Freunde, durch stürmische Ovationen die\nZischer nicht aufkommen ließen. Nun also, Ihr\nmeine zwei beiden lieben Freunde, erklärt mir,\nwie Ihr Herren und doch nicht Herrn des ganzen\nHauses werden konntet. Aber vielleicht haben\nmeine acht anderen Bekannten diese komplizierte\nSituation hervorgebracht.\nBerliner Börsen-Zeitung: Die zu diesen Vor-\ngängen von Herwarth Waiden geschriebene\nMusik ist so aufdringlich und schwulstig, daß\nSie mit Recht den Beifall seiner im Hause stark\nvertretenen, mit Vorliebe ebenso aufdringliche\nund schwulstige dramaturgische Feuilletons von\nsich gebende Freunde fand. Kp.\nIch habe keine Ahnung, wen Herr Kp. zu\nmeinen Freunden zählt. Jedenfalls kann ich ihm\nversichern, daß ich keine Freunde habe, die\nFeuilletons schreiben, nicht einmal dramaturgische.\nDaß es mich aber sehr erfreuen würde, wenn alle\ndiese zitierten Herren, die einen so aufdringlichen\nund schwülstigen Quatsch über meine Musik ge-\nschrieben haben, zu den Freunden des Herrn Kp.\ngehören.\nNational-Zeitung: Aber direkt leichtsinnig ist\nes von Herrn Waiden gewesen, eine solche\nMusik dazu zu machen. st.\n❖ ❖\n❖\nKünstlerischen Menschen aber kann ich nur\nempfehlen, sich die Pantomime mit meiner über-\ngeschnappten, mißtönigen, gequälten, unerträg-\nlichen, allerliebsten, charakterisierenden, kindlich-\nnaiven, nach Effekten haschenden, rohen, selt-\nsamen, dilettantischen, nrwüchsig-kindlichen, un-\nangenehmen, mißverstandenen, aufdringlichen und\nschwulstigen Musik anzuhören. Sie werden das\ndebacle der Berliner Kritik nebenbei feststellen\nH. W.\nBuffon zog zum Schreiben Manschetten an:\n„Dieser Luxus ist ein Symbol.\" Die Herren Re-\nzensenten der Berliner Presse haben sich in die\nHände gespeit, als sie sich hinlümmelten, um ihr\nkritisches Urteil an „den vier Toten der Fianetta\"\nzu vollstrecken. Sie haben ihre Gasse, in die sich\nHerwarth Waiden gewagt hat, zum Gemeinplatz\nalier Niedertracht erweitert. Sie haben sich, aus\nlauter Lust, Rache an einem üben zu können,\nder sie verachtet und verspottet, in die\nschmutzigste Gosse der Verleumdung gestürzt, sie\nhaben sich wie Schweine in ihr gewälzt und die\nreine Wahrheit mit zehnmal so viel Schmutz be-\nworfen, als auf sie selbst zurückfallen konnte.\nSie haben sich zusammengerottet, vielleicht\nzwei Dutzend tapfere Männer, um einen einzelnen\nnieder zu hauen, weil er, ihre winkligen Wege\nfurchtlos kreuzend, auf grader Straße der Zukunft\nzustrebt. Für sie war die Musik, die Herwarth\nWaiden zu einer Pantomime geschrieben hat, die\nAufforderung zum Veitstanz der Vergeltung. Die,\neinem Fehdehandschuh nachgeworfene Hand, deren\nFinger zu klopfen sie seit Jahr und Tag nicht\nerwarten konnten. Für sie ist die Musik zu der\nPantomime nicht das Werk eines bedeutenden,\nernsten Künstlers, sondern nur der törichte Ver-\nsuch des Kritikers Waiden, als Komponist die\nAnerkennung des „breiten\" Publikums zu suchen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "525", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4769, "texte": "Die Presse steht auf dem toten Standpunkt,\ndaß ein Mensch, der ihre käuflichen Hebammen-\ndienste nicht erbuhlt, nichts Lebensfähiges schaffen\nkönne. Hier hat sie, die überall Pate steht, schon\nein Kind fallen lassen, weil „sein Erzeuger\" ihr\ndie Windeln, aus denen sie nicht herauswächst,\nim „Sturm\" beständig um die Ohren peitscht.\nUnd dumm und unklug hat die Presse Waldens\nWerk mit einem solchen Uebermaß von Geifer\nbespritzt, daß selbst jene, die vom Kampfe des\n„Sturms\" gegen den ewigen Gifthauch Journa-\nlismus nichts ahnen, das Rachewerk erkennen\nmüssen.\nRudolf Lothar, wurde „die barock grausame\nGeschichte durch die Musik, die Waiden dazu\nkomponiert hat\", empfindlich gestört. Diese Mu-\nsik, stellt er fest,\n„schwankt zwischen aufgeblasener Trivialität and\nbetulicher Originalitätshascherei in lärmendem\nZickzack hin und her. Dieser blutige Dilettantis-\nmus ist noch viel grauenhafter als das Schicksal\nder armen drei Liebhaber!\nAber sicherlich nicht grauenhafter als alle Werke\nLothars. Dieser erbärmliche Feuilletonist, der von\nLibretto zu Libretto immer tiefer und unerträglicher\nabfällt, sieht blutigen Dilettantismus zwischen Tri-\nvialität und Originalitätshascherei im Zick-Zack-\nschwanken, wo ein genialer Blitz in das Dunkel\nder trägen, geist- und formlosen Schablone fährt,\nnach der heute alle Musik gemacht wird.\nLothar ist auch kein Musikkritiker. Aber immer-\nhin ist für ihn Waldens Komposition Musik, was\nsie für Johannes Döbber nicht ist. Er hat es\nwenigstens nicht erhören können. Dieser Johannes\nhat der sadistischen Salome Theaterkritik seine\nOhren selbst geopfert, um nicht etwas kaufen zu\nmüssen, das dem Dogma der allgemein modernen,\nleichtverständlichen und beliebten Schmalzmusik\nzuwiderläuft und von denen sich überhaupt „jedes\nnormal gebildete Ohr mit Schrecken und Entsetzen\nabwenden muß\". Nur keine Traurigkeit aufkommen\nlassen, so denkt Kollege Lusztig und das Wich-\ntigste ist für ihn die „Kiste\", die Truhe nämlich,\nin der die drei Liebhaber der Fiametta ersticken\nmüssen. Und weil sich Fiamettas Gatte, um seine\ndrei Rivalen zu töten, auf der Truhe wälzt, setzt\nsich Waiden auf Beethoven und erstickt ihn. Den\narmen Beethoven! Das macht er im Konzertsaal.\nIm Theater hat seine Musik nur erst eine Panto-\nmime erwürgt, „so wie der betrunkene Bettler\ndie drei Liebhaber der Fiametta erdrosselte.\" Die\nTrunkenheit hatte Urban mit dem Bettler gemein.\nEr ist über „den brutalen Schrei der starknervigen\nRenaissance\" hingefallen. Der Bettler erdrosselt\ndie Leichen der drei Liebhaber ganz gewiß nicht.\nDas wäre so von Ueberfluß, wie es „die Musik\nist, die Waiden zu der Pantomime machen ließ.\"\nNach der Meinung des Theaterreferenten der\n„Deutschen Tageszeitung\". Dieser Herr leitete\nseine Kritik so ein:\nWenn die Linden abgeblüht haben und die\njungen Schwalben anfangen, von der Scheune\nzur Teppichstange hinüberzufliegen, kommen\nmit ebenso großer Sicherheit wie die ersten\nneuen Kartoffeln die Heldentaten der Berliner\nSommerdirektoren. Ihr Mut Ist unbesiegbar,\nmit dem sie alle Jahre von neuem das Geld für\nihren Ruhm aufbringen.\nDas Schmarotzergewächs der Dummheit kann\nniemals abblühen, und es könnten drei Liebhaber\nan dem Staub der Gemeinheit ersticken, der aus\nden Leib eines Berliner Theaterkritikers zu klopfen,\nein betrogener Pierrot ihnen zur Strafe auferlegen\nwürde. Und da sich der Kritiker M. W. schon\neinmal in Vergleiche zwischen den Betrieb der Natur\nim Frühjahr und den Mut der Sommerdirektoren\nrettungslos verloren hat, nennt er die Musik\nzur „Verwandelten Katze\" Blätterrauschen und\nHerdengeläute und die Walden'sche Backfisch-\ngeläute.\nUnd dieses Backfischgeläute soll „mißver-\nstandener Richard Strauß sein\". Wie wenig tief\nmuß die Strauß'sche Musik sein, wenn sie schon\nLandau begriffen hat. Welches Wagnis bleibt es\ndarum auch von Waiden, eine Musik zu schreiben,\n„die in grellen Harmonien und rythmischen Zu-\nmutungea schweigt.\nSolches bleibt blutiger Dilettantismus, ein uni-\nversales Schweißtreibe-Mittel, unerträgliches Ge-\nräusch und vieles andere Grauenvolle mehr, wenn\nman die Presse nicht (wie Richard Strauß) zur\nwilligen Freundin hat, wenn man sich diese tyran-\nnische Großmacht nicht sklavisch hündisch dienst-\nbar macht, wenn man die Lehrer dieser Schule der\nVerdummung, die vom Denken dispensiert, (ich\nzitire Flaubert) verprügelt, wenn man sich diese\nHure vom Leibe hält, um nicht an einer unheil-\nbaren Syphilis des Geschmackes zu verrecken. —\nNoch eins. Möge das Nei vensystem Urbans,\ndas durch die Waldensche Musik so gründlich\nzerstört wurde, sich bald wieder erholen, damit\ner für das Weihnachtsgeschäft der Firma Ullstein,\nin deren Diensten er sich schon als Doktor durch\ndie Herausgabe eines Kochbuches einen Ruf als\nMusikkritiker erworben hat, seinen ganzen Mann\nstellen kann.\n\nJoseph Adler"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-06-24-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-06-24_01#c003", "volume": "bmtnabg_1911-06-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "525", "page_fin": "526", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.2.3", "titre_corps": "[Illegible]", "titre_sommaire": "[Illegible]", "signature_source": "Hermann Koch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "525", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.3", "debut_caractere": 4771, "fin_caractere_exclue": 9258, "texte": "[Illegible]\nVon Hermann Koch\n„Aberr Rrruheü Man versteht ja kein Wort! --\nSie - zeichnen Sie nicht! - Groß E, Ypsilon,\nStrich Zet - -w und das ging so fort, unaufhörlich,\nund durch das graue Dämmerlicht, das durch die\ntrübe Milchscheibe brach, sah man auf der staubig\ngrauen Tafel weiße Hieroglyphen endlose Reihen. —\nDen roten Bart strich sich der Herr\nProfessor, mephistophelisch glänzten vor Be-\ngeisterung seine grünen Augen und der weite\nMund spie einen neuen Strom mathematischen\nSchwefels - das ist weiter gleich Bruch-\nstrich -\nEs war wundervoll!! - - Rückwärts\nkopierte ein genialer Komiker die ehrwürdige\nStimme des Herrn Direktors: „Schiehler der\nAaemie vier a - „Schiehler der Aaemie. - -\"\nDiese Imitation hörte er noch und wie durch\ndicke Wände hindurch noch ein paar N und D,\ndann wurde es still — und stiller um ihn her, das\nGesumme hörte auf, dunkel umfing ihn und blau-\nschwarze Finsternis.\nEr durchquerte unermeßliche Strecken. —\nIn eine fremde Stadt war er angekommen. -\nDie Gasse die vor ihm lag war winklig und eng,\nmit holprigen großen Steinen übersäet und darüber\nlag grau ein Strich Himmel. Ein enges,\nleuchtend weißes Haus stand da. - - Ueber einer\ngrauen, rostüberzogenen Eisentüre war ein Schild\nmit blutroten Lettern:\nDr. DARASCHE-KOH\nDies war sein Ziel, er fühlte es und\nsuchte nach einer Klinke, nach einer Glocke oder\nnach einem Klopfer Nichts!! Er hieb\nauf die Tür los, keuchend mühte er sich ab, diese\nrostzerfressene Türe zu öffnen und - er er-\nstaunte gar nicht, als sie es durch eigene Kraft\ntat.\nUnd er trat ein! Mit einem dumpfen\nKrach flog die Tür ins Schloß\nEine dicke Finsternis, eine stickige Luft schlug\nihm entgegen. Ernst stand er da, schwarzes,\nklumpiges Dunkel vor seinen Augen; aber er\nzögerte nicht, in ihm drängte es vorwärts\nund er tastete sich den schmalen Gang entlang. —\nDer Weg ging merkwürdig abwärts. - Ihn trieb\nes weiter, weiter, ohne daß er sein Ziel wußte\noder ahnte.\nEr bemerkte nun, daß der Gang, in dem\ner sich befand, glatt und schlüpfrig wurde, daß\ndie Gefahr zu stürzen jeden Augenblick größer\nwurde.\nUnd er stürzte! -- - Er glitt aus, polterte\neine Strecke im Dunkel abwärts und mit seiner\nHand, die er vorstreckte, berührte er eine klebrige\nwarme Flüssigkeit.\n- - - Weiter tastete er sich, stieg in Lachen.\nVon den Wänden tropft es nun und von\nder Decke aufdringlich bemerkbar macht\nsich der durchdringende Geruch der stickig-ge-\nsättigte Luft und da erwacht in ihm die Gewißheit,\ndaß dies, was er hier fühlt, riecht, dies alles\nBlut, warmes tierisches-menschliches Blut ist.\nDer Gang machte nun eineWendung und wurde\nnoch enger, ganz eng. Er zwang sich durch\nda kam er mit nassen, schleimigen Strängen in\nBerührung. - - Ekel stieg in ihm auf, er wich\nzurück, - da aber von allen Seiten, überall dieselbe\nschleimig-kalten Schnüre Zuckende, runde\nKörper hingen an den Strängen. - - Und all dies\neklige Zeug schien sich plötzlich in algebraiische\nZiffern zu verwandeln. A's und C's, N's und X's\ndienten als Wandverkleidung, bildeten Ornamente\nin Kolo Moserscher Manier und dann legten sie\nsich um seinen Hals. - - - - Als er einmal danach\ngriff, fühlte er einen warmen, runden Körper, der\nin seiner Hand rhythmisch klopfte - es war wie - -\nein menschliches Herz.\nUnd dann erweiterte sich der Gang und\nes wurde zunehmend heller! Da, er konnte es\nnicht begreifen, aber er hörte es deutlich, ein\nlanggezogenes Heulen, ein entferntes Wimmerm, -\ndas plötzlich wieder abbrach.\nEs kam so überraschend in der be-\nklemmenden Stille dieser grauenhaften Räume!!\nSo plötzlich wieder verschlang eine mystische\nMacht die gräßlichen Töne! Jetzt herrschte\neine Stille, in der er nicht einmal seinen Atem hörte,\nnichts, als das Sausen der erdfernen Stille.\nStöhnend kroch er weiter, zwang sich durch\nden schmalen, höhlartigen Gang, unter seinen\ntastenden Fingern löste sich ein morscher kalter\nStein, er hörte nicht den Schall eines Falles, nichts,\nals hätte sich der Stein in der Luftmasse auf-\ngelöst\nLängere Zeit ging er nun weiter, er ging\nunter der Macht eines fremden Etwas da,\neine grüne, fluoreszierende Lichterscheinung umgab\nihn - und er sah, daß er in ein rundes Gemach\ngetreten war.\nErst jetzt konnte er die ihn umgebenden Dinge\nsehen.\nDas Gemach war leer, fast leer, nur an den\nWänden sah er Gestelle, auf denen rote Gebilde\nhingen. - Eine mit Grauen vermischte Neugier zog\nihn dort hin.\nDa sah er ein menschliches Herz, eine Lunge,\neine Luftröhre durch Muskelstränge verbunden.\nEr hatte nicht Zeit alles zu betrachten. Eine"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "526", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2466, "texte": "tickende Uhr schlug da ein, ein Benzinmotor fing\nzu knattern an - in die ganze Masse kam Be-\nwegung, die Kehlkopfsöffnung erzitterte, erweiterte\nsich, eine schnarrende, grauenerregende Stimme\nertönte: -\n„Schiehler der Aaemie vier a - - Schiehler\nder Aaemie Schiehler \"•\nHinaus! - Hinaus!!\nEr durchrannte all die Gänge, durch die er\ngekommen war. - Und durch die ganze Zeit\nkonnte er es wieder hören, - mußte wieder das\nGewimmer, das unmenschlich-menschliche Heulen\nhören!\nUnd er rannte, wand sich durch die schleimigen\nBordüren, rannte durch die Blutpfützen, daß diese\naufspritzend ihn mit Blut durchtränkten. - - Er\nglitt aus, sprang wieder auf - - und nach Jahr-\ntausenden kam er zur Türe. -\nEr befühlte die Rosttüre: auch innen kein\nSchloß, kein Riegel!! Und das Gewimmer, das\nGeheul wurde immer lauter, kam immer näher,\nwurde abgehackter, wurde zu einem Gelächter, das\nanschwoll, je mehr er raste. - - Je mehr er tobt,\nals er sich in diesem fürchterlichen Räume ge-\nfangen sah, desto grausamer ertönte das Kichern\nund Lachen!.\nDie ganze Hölle schien zu lachen! -\nUnd dann geschah etwas Furchtbares, aus dem\nDunkel tauchte der Mathematikprofessor auf, wie\nein Te-Te-Heine-Teufel sah er aus, fuhr ihn an\nund ätzte ihm mit einer glühenden Kreide Zeichen\nin die Haut und murmelte: - - „vau der fünfund-\nzwanzigsten, vau der fünfundzwanzigsten, vau. —\"\nEr heulte auf vor Schmerz und dieser Teufel\ngrub weiter ein seine feurige Schreibkreide in\nsein weißes Fleisch: „vau der fünfundzwanzigsten,\nvau - - -\"\nMit furchtbarer Gewalt warf er sich gegen\ndie Tür - - - - und die Klasse grinste ihn an.\nDer Herr Professor kam auf ihn zu und\nlächelte, lächelte. - Er kam nicht weil er schlief,\nwie konnte ein Mathematiker, und gar noch einer\nder über Versicherungsmathematik vorträgt, ahnen,\ndaß jemand, ein Mensch bei seinem Vortrag\nschläft! Nein, deshalb kam er nicht - er bückte\nsich lächelnd und hob ein schwarzes Buch auf,\nein Buch, das auf die Erde fiel, als er erwachte. - -\nORCHIDEEN\nvon\nGUSTAV MEYRINK\n„So, so!! - Sie beschäftigten sich also\nwährend der Mathematik, während des interes-\nsantesten Kapitels der politischen Arithmetik, der\nTodesfall- und Rentenversicherung mit - Botanik!!\nMein Lieber, ich würde Sie dem Herrn Direktor\nmelden, aber, aber Sie sind gestraft genug, jawohl,\nSie sind gestraft genug, ich sage sogar übergenug;\ndenn wissen Sie, Sie Unglücklicher, Sie ver-\nsäumten während Ihrer Lektüre die ganze Ab-\nleitung der Formel:\n, c Nx-y-Nz\ny/z Ex-\nDx"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-06-24-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-06-24_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-06-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "526", "page_fin": "527", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.2.4", "titre_corps": "Der Ingenieur", "titre_sommaire": "Der Ingenieur", "signature_source": "Joseph Aug. 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Lux\nArchitekten, Maler und Kunstgewerbler, die\nseit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auf\nder Suche nach dem neuen Stil waren, glaubten\nihn im Ornament gefunden zu haben.\nEntscheidend in diesem Zusammenhang ist\nnur das allen gemeinsame Merkmal, daß sie von\nden neuen Raumwerten keine Notiz nehmen, daß\nsie den neuen Weiten, der neuen Höhen, der\nneuen Linien Linien nicht begriffen und unberührt\nvon den Wundern dieser Hallen und Bogen\nblieben, die, schlank und zierlich, phantastischen\nGebilden glichen, neuen Rhythmen aus Mathe-\nmatik und Technik geboren.\nDer Begriff des Schönen hat wieder einmal\neine Umwälzung erfahren. Oder er ist vielmehr\nverjüngt und neugeboren, nachdem ihm die Ge-\nwonheit Hebammendienste geleistet hat. Wir\nsprechen heute schon von Meisterwerken der\nTechnik, von der Ingenieurästhetik, von einer\nEisenarchitektur.\nDie Meisterwerke der Technik, nicht die\nhistorisch befangene Architektur haben der mo-\ndernen Zeit ihr Stilgepräge gegeben, wodurch sie\nsich völlig von den früheren Spielepochen unter-\nscheidet.\nAlso auch die architektonischen Künste ein-\nschließlich des Kunstgewerbes empfangen direkt\nund inoirekt von daher ihre formale Bestimmung.\nDirekt durch die maschinellen Herstellungsweisen\nund durch die neuen Baustoffe wie Glas, Eisen\nund Betoneisen. Indirekt durch die geistige Be-\nstimmung hinsichtlich der veredelten Sachlichkeit,\ndes Zweckgedankens und der Hervorkehrung des\nKonstruktionsprinzipes, dem wir vor allem unser\nästhetisches Interesse entgegenbringen.\nWie immer bei der Entdeckung neuen Ma-\nterials ist der Vorgang dergestalt, daß die über-\nlieferten und gewohnten Formen in diesem Material\neine Zeit lang wiederholt werden, solange, bis\ndie immanenten Stildesetze des neuen Stoffes er-\nkannt und in spezifisch eigenartigen Formen ihren\nkünstlerischen Ausdruck finden.\nIn den ersten Stadien der Eisenkonstruktionen\ntreten Gußformen auf, die der Steinarchitektur\nentlehnt sind.\nDas Prestige jener stilnachahmenden akade-\nmischen Architektur war immerhin groß genug,\ndaß in den ersten Jahrzehnten des modernen\nEisenstils, etwa seit der Mitte des neunzehnten\nJahrhunderts, sich auch die technischen Kon-\nstruktionen in die Zwangsjacke der historischen\nStilimitation nötigen lassen mußte. Technische\nWerke sind aus dieser Zeit überliefert, die mit\neinem solchen historischen Mäntelchen drapiert\nsind. Historisch ornamentierte Gußformen treten\nan den modernen Eisenarchitekturen auf.\nWir brauchen nns nur an unsere Lichtmaste,\nan die eisernen Kandelaber unserer Straßenbe-\nleuchtung erinnern, um festzustellen, daß auch\nhier die historischen Zierformen, das Sezessio-\nnistische inbegriffen, noch nicht vor der eigenen\nnatürlichen Sprache des Materials zurückgetreten\nsind.\nNur jene technischen Konstruktionen, die nicht\nvom Architekten beeinflußt waren, und bei denen\nder Ingenieur nicht an Architektur zu denken\nbrachte, sondern lediglich seinem technischen\nEngenium folgte, hat das Eisen seine eigene Stil-\nsprache entwickelt, und, ohne daß es besonders\nbemerkt worden ist, eine neue Epoche der Stil-\nentwicklung herbeigeführt, vor deren künstle-\nrischem Machtspruch wir uns in Bewunderung\nbeugen müssen.\nDabei darf aber nicht die irrige Meinung\nPlatz greifen, daß das technische Genie ohne\nRücksicht auf die ästhetische oder wenn wir\nwollen, künstlerische Erscheinung arbeitet.\nWenn auch insiriert durch Material und\nTechnik ist die Formahnung Vorläuferin und\nPfadfinderin der mathematisch erhärteten Kon-\nstruktion. Und diese Formahnung ist das künst-\nlerische Element, das auch die Geburtsstunde\nder Ingenieurwerke segnet.\nDer Bau des Londoner Kristallpalastes war\ndie erste konsequente Eisenarchitektur, gegen die\nalle früheren architektonischen Anwendungen des\nEisens, wie in der Kuppel der Halles-au-ble in\nParis, tastende Versuche sind, die im einzelnen\nstecken blieben und augenscheinlich nur das\nSurrogat der Holzkonstruktion sind. Aber von\ndem Kristallpalast aus schreitet der eiserne Riese\nnun mit Siebenmeilenstiefeln in der Entwicklung\nfort, und sein Siegerschrrtt in der Architektur ist\nunaufhaltsam.\nAber erst die Pariser Weltausstellung vom\nJahre 1889 schuf in der Maschinenhalle den\ngrößten Weitraum und in dem Eifelturm das\ngrößte eiserne Höhengebilde der Welt. Was die\nGlaseisenkonstruktion bisher an mächtigen Raum-\nund Höhengebilden geschaffen hat wie vor allem\ndie großen Bahnhofshallen, weist auf die Ma-\nschinenhalle zurück als auf den Triumph der\nTechnik.\nNur durch das Material und seine Konstruk-\ntionsbedingungen können wir den Weg zur\nAesthetik nicht nur des Eisenbaues und der tech-\nnischen Konstruktion, sondern der Architektur\nüberhaupt und der ihr dienenden Künste finden.\nUnwillkürlich drängt sich jedoch zum Ver-\ngleich die alte Steinarchitektur auf, stellt sich in\nden Weg und verhindert den reinen Genuß des\nSchönen, das sich lediglich in der Zweckmäßig-\nkeit, in der Oekonomie der rationellen Kon-\nstruktion und in den grundlegenden Bedingungen\ndes neuen Baustoffes offenbart.\nDie Natur des Steinmaterials, das nur druck-\nfest ist, hat die formalen Möglichkeiten der Stein-\narchitektur an unabänderliche Formen gebunden\nund die stilistischen Möglichkeiten begrenzt.\nIn der Konstruktionsweise dem Eisen viel\nnäher verwandt ist das Holz, das von altersher\nmit seinem Gerüststil das Vorbild rationeller\nKonstruktion im Gegensatz zum Steinbau ge-\nbildet hat.\nAls ein Baustoff ist das Holz dem Stein inso-\nfern überlegen, als es nicht nur druckfest, sondern\ndruck- und zugfest zugleich ist.\nDie Ueberlegenheit des Eisens über diese\nbeiden Baustoffe äußert sich darin, daß es die\nEigenschaften der beiden anderen summiert, die\ndie Festigkeit auf Druck, Zug und Biegung im\nhöchsten Maße besitzt und bei der Homogenität\nseiner Substanz eine Bildsamkeit besitzt, die den\nstatischen Formenmöglicheiten keine Beschränkung\nauferlegt.\nDie statischen Gesetze bewirken den stärksten\näußeren Unterschied zwischen der Eisenarchitektur\nund der Baukunst. Die Entmateralisierung ist\ndie große Tugend der Eisenarchitektur, uicht aber\ndes Steinbaues.\nDas Zusammenspiel dieser Bauglieder erfolgt\nzumeist nicht auf mathematischer Grundlage,\nsondern auf jener geheimnisvollen, unerlernbaren\nVerfassung der Empfindung, die wir künstlerisch\nbezeichnen.\nDie Kuppel der Peterskirche ist nicht auf\nGrund von Berechnungen entstandnn, sondern\ninfolge einer künstlerischen Konzeption, die mit\ninstinktiver Gewißheit das Kühnste wagte.\nGanz anders ist der Vorgang bei der Eisen-\narchitektur. Einsenkonstruktionen sind nicht ge-\nbaut, sie sind berechnet. Womit nicht geleugnet\nwerden kann, daß auch hier die schöpferische\nFormenahnung als ein gewissermaßen künstle-\nrischer Vorgang vorangeht und die prüfende\nRechnung nachfolgt.\nWährend die Baukunst mit einer Fülle von"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "527", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8624, "texte": "Steinmaterial und künstlerisch bestimmten Formen\nzu tun hat und die wirkungsvollste Anwendung\ndieser Mittel von dem persönlichen künstlerischen\nTakt der Architekten abhängt, gibt es in der auf\nBerechnnng gestellten Eisenarchitektur nur ein\nBauelement, den Eisenträger. Stoff und Formen\nsind im Eisenbau geradezu homogen.\nVon dem Wellblech und dem Glas als Flächen-\nfüllungen und Eindeckungen abgesehen, kommt\nes in der Eisenarchitektur nicht auf Raumum-\nschließungen, bei denen sich mit den baukünstle-\nrischen Proportionsgesbtzen operieren läßt, an,\nsondern auf bloße Konturenlinien, auf das fleisch-\nlose Gerippe oder offene Gerüst, kurzum lediglich\nauf den Träger, der die Energien fortleitet und\nKraftlinien darstellt, wie an dem Eifelturm, an\nden modernen Eisenbahnbrücken ersichtlich, denen\ninsofern eine Schönheit zukommt, als sie den\nBedingungen der Stabilität absolut entsprechen\nund darin nach den Worten Eiffels mit den Be-\ndingungen der Harmonie vollständig überein-\nstimmen.\nEin ganzes Nervenbündel, von diesen leben-\ndigen Energien durchflutet, erscheinen diese\nGroßkonstruktionen und ebendaselbst organisch\nbeherrscht, geistig diszipliniert, entmaterialisiert\nbis zur äußersten Verdünnung.\nNur ein einzigesmal in der langen baukünstle-\nrischen Entwicklung schien es, als ob auch in\nder Steinarchitektur die Tendenz der Entmateria-\nlisierung platzgreifen und Gebilde zeitigen würde,\ndie mit den Konstruktionen verwandt erscheinen,\ndie der Eisenhochbau hervorbrachte. Deshalb\nwird gern die Steingotik zum Vergleich mit den\nmodernen Eisenkonstruktionen herangezogen und\neine geistige Verwandschaft konstatiert die weder\ndem Material nach, noch überhaupt in der künst-\nlerischen Absicht besteht.\nDie Baukunst und folglich auch die Gotik der\nmittelalterlichen Dome ist vor allem Raumkunst,\ndie sich in rhythmischen Raumgrößen und Flächen\nausspricht und Proportionen ausdrückt, die so-\nwohl von der Natur des Materials als von dem\nharmonischen Empfinden des Schönen bestimmt\nsind.\nAlso auch die Gotik war Raumkunst, und ihr\nPrinzip war die Raumumschließung, trotz der\nentmaterialisierten Steinkonstruktion, die ein\nfleischloses Gerippe oder Gerüst zu werden schien.\nDie kunstvoll gematten Glasfenster mit ihren\nHeiligen, ihren biblischen Legenden und ihren\nLandschaften nahmen gewissermaßen die Stelle\nder alten Gobelins ein, die mit denen in der\nvorherigen Bauperiode die massiven Wände des\nInnern belebt waren.\nVon allen diesen Bestimmungen kann in der\nEisenarchitektur nicct die Rede sein. Es ist zwar\nwöglich, aus Eisen eine Kathedrale zu bauen, wie\ndie fünfschiffige Halle im New-Museum tn Oxford,\naber das ist ein Fall, in dem das Eisen als Surro-\ngat zur Nachahmung einer historischen Bauform\nauftritt und als unangenehmes Kompromiß er-\nscheint.\nUm den Unterschied scharf genug zu empfinden,\ntun wir gut, uns an die erwähnten klassischen\nBeispiele der modernen Konstruktion, an den\nKristalpalast, an die Pariser Maschinenhalle und\nan den Eifelturm zu halten. Michts berechtigt\nuns, in diesen Fällen an die Gotik oder über-\nhaupt an Raumkunst zu denken. Es ist Linien-\nund Konstruktionskunst.\nWir empfinden sie auch gar nicht wie die\nArchitektur als ein erweitertes Kleid, zu Wohn-\nlichkeit bestimmt, sondern wir empfinden diese\nHallen als ein Stück freien Raumes mit neuen\nGrenzlinien, an dem der eigentümliche Reiz in\nder Kraft und Schönheit dieser Linien besteht,\ndie wir nicht nur wegen ihrer Leichtigkeit und\nKühnheit bewundern, sondern auch deshalb, weil\nwir in der Kühnheit und Kraft das Menschenwerk\nverehren.\nDie raumabschließenden Füllungen in diesem\nNetzwerk, das durchsichtige helle Blankglas\nempfinden wir gar nicht als ein raumabschließendes\nElement.\nKein Versuch scheint gemacht, das Licht\nirgendwie künstlerisch zu modifizieren, eine\nRaumstimmung hervorzubringen, sei es durch\nRegelung und Begrenzung des Lichteinfalles,\ndurch farbige Brechung oder durch künstlerisch\nbestimmte Unterbrechungen mit Schattenwirkungen.\nNichts ist getan, um nur im entferntesten an\ndie Raumkunst zu streifen, die unter anderem\nauch in der Gotik einen ihrer künstlerischen\nHöhenpunkte erreicht hat.\nDie Baukunst ist die eine Welt, die Eisen-\narchitektur die andere. Um die Aesthetik der\nEisenarchitektur zu begreifen, und ihre Wirkungen\nkünstlerisch zu genießen, hüte man sich, begriff-\nliche Anleihen bei der Steinarchitektur zu machen.\nDie Schönheit der Großkonstruktionen will aus\nihrem eigenen Wesen heraus verstanden er-\nkläjt sein, aus ihrem Element, dem Profileisen,\naus den Kraftlinien, aus deuen sich die lebendigen\nEnergien fortpflanzen, und eine formale Energie\nerzeugen, die aus den Bedingungen der Stabilität\nund aus den Bestimmungen der Konstruktion zu\nbegreifen sind.\nSoviel steht aber für alle Zukunft fest, daß\ndie Großkonstruktion ihre charakteristische Schön-\nheit nur dann bewahren wird, wenn sie den Be-\ndingungen ihres klar erkannten statischen, kon-\nstruktiven und stofflichen Wesens treu bleiben\nund jedes Kompromiß mit den formalen An-\nschauungen, die von der Baukunst geborgt werden,\nablehnen.\nSelbst die Vermählung von Stein und Eisen,\nwie sie sich in dem Betoneisen vorstellt, ist, trotz-\ndem sie eine solche Aera des Steinbaues herbei-\nzuführen scheint, an Gesetze gebunden, die in\nihrer Natur liegen und nicht durch einfache\nUebertragung historischer Ueberlieterungen ent-\nstehen. Sogar auch im Betoneisenbau, der nicht\nnur den Nutzbau beherrscht, ist die ästhetische\nVollendung nur möglich, wenn das Kompromiß\nmit den Ueberlieferungen der älteren Steinbau-\nkunst unterbleibt, was noch zu beweisen sein\nwird.\nWir können nicht mehr als schön empfinden,\nwas nicht zugleich wahrhaftig ist, und auch in\ndieser Wahrhaftigkeit der technischen Werke, der\nInstrumente und Maschinen erkennen wir Werke\ndieser Art als eine Schönheit, die unserer Zeit\nihre neue stilistische Marke gibt. War die große\nStilepoche, die Renaissance, einschließlich ihrer\nAbwandlungen im Barock und ihrer Ausklänge\nim Empire ornamental gerichtet, so ist die mo-\nderne Zeit ausgesprochen konstruktiv und sach-\nlich bestimmt.\nWelche sind die künstlerischen Möglichkeiten\nim Betoneisen?\nAuch hier findet das uralte Baugesetz seine\nAnwendung: daß alle Formen, die das Material\nstatisch erlaubt, künstlerisch berechtigt sind.\nDie stilistische Unsicherheit bezweckt in der\nTat, daß dieses Material noch mehr wie das\nEisen keine Schwächen hat, die dem Künstler\neine sichere Bahn, und die Einhaltung gewisser\nscharf umzogener normaler Grenzen auferlegen,\nsondern, daü es fast nur Vorzüge besitzt, die die\nformalen Möglichkeiten ins Fessellose steigern.\nDas sind Tugenden, die vom Standpunkt der\narchitektonischen Proportionallehre als ein Kar-\ndinalfehler erscheinen können.\nArchitektonisch betrachtet, ist jede Zweckform,\nwenn sie die Materialsprache zum vollen Aus-\nklingen bringt, an und für sich schon ein künst-\nlerisches Ereignis. Wir tun gut dabei, von allem\nabzustrahieren, was die Baukunst vorher unter\nanderen Verhältnissen und unter anderen Mitteln\nals unumstößliches heiliges Gesetz erkennen und\ngegen die neuen Baustoffe und die neuen Bau-\norganismen der Technik behaupten wollte.\nDie neuen Schönheitsbegriffe, eine neue\nAesthetik, muß bei der Technik einsetzen, und\ndie Begriffe der Sachlichkeit und der Zweck-\nvollendung zu den obersten Grundsätzen erheben.\nIn München ist ein technisches Museum, das\ninteressante Aufschlüsse über ein künstlerisch\nnoch viel zu wenig gewürdigtes Gebiet eröffnet,\nüber die technischen Erfindungen und Instrumente\nder vergangenen Zeit. Sie enthalten die Vorge-\nschichte des Maschinen-Zeitalters und beweisen,\ndaß der neue ästhetische Gedanke im Keim\nimmer dagewesen ist. Vom historischen Stil-\nzwang befreit, zögern wir keinen Augenblick, in\ndiesen Erscheinungen Kunstformen zu entdecken,\ndie sich fast mit biologischer Notwendigkeit ent-\nwickelt haben. Am sinnfälligsten wird der Sach-\nlichkeitsstil in den modernen Fahrzeugen, an\ndenen sich ebensogut wie an den neuen Groß-\nkonstruktionen die neue Maschinenästhetik er-\nweisen läßt.\nDas mächtige Uebergewicht, das vor allem\ndie Ingenieurskunst und die Verkehrstechnik in\ndem öffentlichen Interesse erlangt hat, erklärt\nsich zum großen Teil daraus, daß auf diesen\nGebieten fortwährend geistig gearbeitet und um\nden Fortschritt gerungen wurde. Die Stellmacher\noder Wagenbauer, die Fahrradtechniker, die Boot-\nbauer, die Maschineningenieure, die Automobil-\nfabrikanten, die Schiffskonstrukteure, sie haben\nalle geistig gearbeitet.\nDie Technik hat nicht nur unsere Erkennt-\nnisse, sondern auch unsere Fähigkeiten, kurz den\nmenschlichen Machtbezirk erweitert und uns\nKräfte gegeben, die noch vor fünfzig Jahren\nMärchenträume waren."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-06-24-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-06-24_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-06-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "527", "page_fin": "528", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.2.5", "titre_corps": "Für Freunde der Poesie", "titre_sommaire": "Für Freunde der Poesie", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "527", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.5", "debut_caractere": 8626, "fin_caractere_exclue": 9494, "texte": "Für Freunde der\nPoesie\nLokalanzeigerlyrik\nDie Literarische Rundschau des „BerlinerTage-\nblatt\" steht, wie ich bereits mitteilte, hinter den\nRubriken Hypothekenmarkt und Rasensport. Die\nLiterarische Umschau des „Lokal-Anzeiger\" hinter\nganzseitigen Warenhaus-Inseraten. Dort werden\nallerlei schöne Sachen zum Verkauf empfohlen.\nHerr Doktor Bi. empfiehlt Peter Roseggers Ge-\ndichte.\nEin unscheinbares dünnes Bändchen ist es,\ndas vor uns liegt, und doch die Sammlung\nvon Liedern aus dem ganzen Lebenswege\neines Dichters. ,Mein Lied( von Peter Rosegger.\nWieviel Poesie erwarten wir nicht schon beim\nLesen dieses Titels in Verbindung mit diesem\nNamen. Und wir werden nicht enttäuscht.\nDer ganze Rosegger, der Poet, wie wir ihn\nlieben, tritt uns aus diesen wenigen Seiten\nentgegen.\nRosegger, der bekanntlich nicht dichten kann,\nwird infolgedessen ein ausgesprochener Heimats-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "528", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3278, "texte": "dichter genannt. Man erfährt, daß er nicht nur\nSteiermark, sondern „das ganze Hochland der Ger-\nmanen vom Ortler bis zum Kahlenberg feiert.\nAus seinen Liebesliedern sprechen Schalkhaftigkeit,\nandererseits aber auch die wirklich heiße Glut\nder Leidenschaft\". Damit man das diesem guten\nDoktor Bi auch glaubt, veröffentlicht er folgendes\nGedicht, das der Poesie des Titels und dem\nganzen Hochland der Germanen völlig entspricht.\n„Ich bin daheim auf waldiger Flur,\nMein Hüttchen ist ein grüner Baum,\nMein Ruhebett der Wiesensaum\nAm Herzen der Natur.\nEin Rehlein kommt durch Zweige dicht,\nMir dringt an's Ohr sein weicher Laut,\nEs sieht mich an, es spricht so traut,\nUnd ich versteh' es nicht.\nNun kommt ein blühend Mädchen noch,\nUnd sinnend steht es auf der Flur;\nEs sieht mir stumm ins Auge nur\nUnd ich versteh' es doch!\"\nUeber Roseggers Charakter sollen folgende poe-\ntische Zeilen „einige nette Aufschlüsse geben:\"\n„Ich bin ein Geselle, der lacht und trutzt,\nDer weder nach Titel und Knittel hascht,\nDer nicht Magnaten die Stiefel putzt\nUnd nicht Proleten die Hemden wascht.\"\nDiese gereimten Kindlichkeiten nennt man heute\nin Deutschland Lyrik.\nBildhauerlyrik\nHerr Professor Eberlein ist in Rom. Er steht\n— natürlich — „erschauernd vor seiner antiken\nGröße.\" Er eilte nach Rom, um das Viktor\nEmanuel-Denkmal enthüllen zu helfen. „Nun ragt\nes dennoch, wie eine Flammenschrift, wie\neine Welt inmitten der alten grauen Roma, um-\ntobt vom lebendigen Strome der neuen sieghaften\nZeit empor.\" Ein Bildhauer wie Eberlein kann\nsogar Flammenschriften emporragen lassen, ohne\nin dem Strom der neuen sieghaften Zeit unter-\nzugehen. Denn sein Goethedenkmal ist „in den\nglänzenden Lebensstrom des Verkehrs gerückt\nworden\", kann also nicht einmal durch Wasser\nheruntergedrückt werden.\n%\nAn dem Tage, an dem es sein größtes und er-\nhabenstes Denkmal, sein heiligstes Symbol enthüllt,\nstehen die Gedanken der deutschen Künstler\nganz besonders bewegt auf diesen stolzen Stufen.\nMan sollte Eberlein und die echt deutschen\nKünster neben ihre Gedanken stellen, sie aus-\nhauen, und bis in die Ewigkeit vor Roms antiker\nGröße erschauern lassen.\nStoffblumenlyrik\nNicht nur, daß ganz Berlin und die umliegen-\nden Vororte in den letzten Tagen mit Stoffblumen\nversorgt wurden, nein, die Gräfin Helene Kayser-\nlingk hat sich eigens zum Dichten hingesetzt und\nläßt durch weißgekleidete Mädchen, die nichts\ndafür können, ihre Poesie vertreiben. Sie kostet\nzwar nur fünf Pfennig, ist aber dafür unbezahlbar.\nAn der Spitze naht der Kaiser\nEr, der deutschen Einung Weiser.\nDie Dichterin bekam selbst gleich einen Schreck\nund äußert in der nächsten Zeile.\nWelche Wendung Gott gefügt:\nUnd der Erbfeind liegt besiegt.\nDie Verse klingen zwar sehr deutschfeindlich,\naber sie rechnen damit, daß der Deutsche jeden\ngereimten Quatsch für Lyrik hält. Darum fährt\ndie Dichterin fort:\nSäume nicht und schmücke Dich\nZur Erinnrung kaufe mich\nwomit natürlich diese Verse gemeint sind. Denn:\nLeid und Not zu lindern mache\nDienstbar dich der guten Sache.\nDie seit Menschgedenk bereits\nDer Verein pflegt Rotes Kreuz,\nDen mit Nächstenliebensinn\nSchuf die erste Kaiserin.\nJetzt wirds der Dichterin aber selbst zu ekelhaft\nund sie schließt vehement\nHolde Mädchen, weiße Kleider,\nundsoweiter undsoweiter.\nJa. Die Sache wills. 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Verleihung m. Korporationsrecht. ausgestattet.\nDEDTBGHEN PRIVIT-BEAMTES-VEREIS ZD MAODEBORO\nZirka 28 000 Mitglieder in zirka 500 Zweig-\nvereinen, Verwaltungsgruppen u. Zahistellen.\nNeben Pensionskasse, Witwenkasse, Waisen-\nkasse, Begrabniskasse und Krankenkasse sehr\nwertvolle Wohlfahrfseinrichtungen\nGesamtvermogen: Ueber 16 M-Iliooen Mark\nHalbjahrl. Beitr. 3 M.:: Man verl. 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Sprache zu besonders billigen Preisen\nDemnSchsterscheint: Katalog XXI/Kunst-\nblatter: Portrats, Stadteansicliten, Berliner\nBlatter, Karrikaturen, Flugblatter, neuere\nund slltere Genre'oilder, Blatter von\nMenzel, Beardsley, Rops, Stammbiicher\nSilhouetten, Japanblatter etc. etc.\nKataloge / gratis und franko /\nbitte direkt zu verlangen\nt .—l3' r~ll —-ZJ"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-06-24-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-06-24_01#c018", "volume": "bmtnabg_1911-06-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "530", "page_fin": "530", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "530", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.8", "debut_caractere": 1522, "fin_caractere_exclue": 1666, "texte": "WEGE ZU FREIEM\nMENSCHENTUM\nVVV\nVIERTELjAHRL.M.2 HEFT M.0,80\nEINE MONATSSCHRIFT\nHERAUSOEOEBEN VON\nERNST HORNEFFER\nVERL. 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Kurse von\nFriedr. Mester Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fuhrender Stellung). Griindliche\nEinfiihrung in die verschieaenen Branchen des kaufinannischen Berufes, rationelles\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur ein raehr-\njahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfiihrungs- und Bilanz-\nTechnik, Biiro-Praxi's sich vorbereiten wollen —\nsowohl fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real* oder ahnliche Schule ab-\nsolviert haben, wie fiir\nHerren mit besseren praktischen oder Iheoretischen Vorkenntnlssen, Einjahrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfiir Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nfiir Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fiir Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Oesellscliaften sich vorbereiten wollen. 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Rechnen Sie\nsich aus, was Sie im Jahrc fur den Bedarf an Gliihkorpern ausgeben. —\nWie oft komint es vor, daß der Korper schon beim Abbrennen entzwei-\ngeht. — — Nehmen Sie einen guten Rat an und verwenden Sie nur\nHaptalin-Giuhkorper D. R. P. 203467\nDiese Korper besitzen den Vorteil, daß Sie dieselhen wie ein Tuch zusimmen-\ndrucken konnen, ohne daß der Korper darunter leidet. Hartalin-Gluhkorper\nhaben eine Leuchtkraft von 100 K. und Sie erzielen datnit eine Gasersparnis von\n50Brenndauer gar. 1 jahr. RGFERENZ! Fur die Straßenbeleuchtung Berlins\nbereits über 230609 Stck. geliefert. Versuchen Sie es mit einer Probesendung von\n3 Stck., Preis p. Stck. 50 Pfg. od. verlangen Sie den Besuch unseres Vertreters\nVersandhaus Chem, und Tecfrn. 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Italienisch\nB. Franzosisch\nJeder Lehrer, jede Lehrerin,\nJedermann muss Dr. Rebajoli's\nAutodidakt gebrauchen, um\nleicht und griindlich Fremd-\nsprachen zu lemen.\nJede Sprache in 33 Lektionen.\nQUI MISCUIT\nUTILE DULCI\nEpochemachende Heuheit\nVerlag F. 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Eine hervorragende Neuerschelnung auf dem Gebiete der M&dehen-\nbildungr ist das Bach\n„Brauchen wir noch Tocliterpensionate V\nvon Prof. D. Dr. Fried rich Zimmer. Preis Mk. SB—\nWichtiff fur Eltern heranwachsender Tochter, Padagogen, Pensionats-\nYorsteherinnen.\n2. „l>ie Knabenpensionate, deren Einrlehtanr, lhr Inneres\nuiid iiusseres I<eben.\" Yon L. Daniel. Ein Ratfleber fiir Eltern\nund Pensionatsinhaber. Mk. 1,80.\n3. „l>as Tifcliterpensionat\" ist die elnzige Zeitschrift, die die In-\nterressen der Vorsteherinnen vertritt. 7. Jahrgang. Reichhaltiger Inhalt.\nAus der Praxis fiir die Praxis. Pro Halbjahr Mk. 2,50.\nDurch samtliche Buchhdlg. 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JUNI 1911\nNUMMER 66\n\nInhalt:\nH. W. und JOSEPH ADLER: Die vier Toten der Fiametta: Die Quittung / Meine Kritiker / Die Andern / HERMANN KOCH: y/z Ex =\nNy-z-Nx/Dx / JOSEPH AUGUST LUX: Der Ingenieur / TRUST: Für Freunde der Poesie: Lokaianzeigerlyrik / Bildhauerlyrik / Stoffblumenlyrik\n\nDie vier Toten der\nFiametta\n\nDie Quittung\nDie Kollegen sind wirklich sehr unvorsichtig.\nSie sollten doch endlich wissen, daß ich nicht\nin der Notlage bin, meine Musik von ihnen ver-\ngewaltigen zu lassen. Diese schwächlichen\nMännerchen versuchen dankend zu quittieren.\nIch habe ihre Impotenz so oft und so begründet\nnachgewiesen, daß schon der Versuch ihrer Ver-\ngewaltigung meiner Musik lächerlich wirkt. Die\nMusikkritik soll an mir noch ihre Freude erleben.\nIch werde mich im nächsten Winter recht lebhaft\nmit ihr beschäftigen, und ihr nachweisen, daß\nfehlende kritische Qualitäten nicht einmal zum\nAusschreiben einer Rechnung, geschweige denn\neiner Quittung hinreichen. Ueber meine Musik\nwird ein Berufener in dieser Zeitschrift sich\näußern. Ich will mich hier nur mit meinen\nKritikern auseinandersetzen. Ich nehme ihnen zu-\nnächst den Glauben, daß ich auch nur den ge-\nringsten Wert darauf lege, von ihnen beurteilt zu\nwerden. Ich bin mir über mich so unheimlich\nklar, daß ich auf jede fremde Meinung verzichte.\nIch bin meiner Musik so sicher, daß ich nicht\neinmal etwas für sie tue. Aber ich will mir die\nMühe nicht verdriessen lassen, die Herren etwas\nzu belehren, die sich anmaßen, ein Urteil über\nmich zu haben.\nMeine Kritiker\nDa ist der Doktor Leopold Schmidt, er ver-\nsucht sich im Berliner Tageblatt. Zunächst eine\nFeststellung. Zwei Tage vor der Premiere wußte\nHerr Doktor Robert Misch bereits, wer die Kritik\nfür das Berliner Tageblatt schreiben würde. Er\nwußte sogar, daß sie aus „gewissen Rücksichten\"\nsehr günstig ausfallen würde. Und, o Wunder,\nes stimmt. Herr Robert Misch wird glänzend be-\nsprochen, Herr Schmidt findet das Stück „Car-\nneval in Nizza\" unterhaltend und dessen Musik,\ngeschrieben von Herrn Hans Roland, ansprechend.\n„Namentlich ein Duett verrät deutlich die Ten-\ndenz zum feineren und sorgfältige Technik.\"\nNun Herr Schmidt, dieses Urteil verrät deutlich\nIhre „Tendenz\" zur Musik, wenn sie überhaupt\nin der Lage sind, derartige Banalitäten als Musik\naufzufassen, und eine sorgfältige Technik zu\nloben, wo überhaupt keine vorhanden ist.\nIch habe nicht die geringste Absicht, Herrn\nSchmidt zu mir zu bekehren, das kommt von\nselbst. Erst hielt Herr Schmidt etwa Liszt für\ntalentlos. Als Richard Strauß aufkam, leider auf-\nkam, hielt er ihm Liszt als Muster vor. Als\nGustav Mahler aufkam, fand er ihn talentlos und\nempfahl ihm Richard Strauß als Beispiel, wie\nman eigentlich Musik machen müsse. Als Conrad\nAnsorge seine Lieder veröffentlichte, rühmte er\nGustav Mahler. Als meine Lieder vor zehn Jahren\nzum ersten Mal gesungen wurden, empfahl er\nmir Conrad Ansorge. Er hielt mich schon da-\nmals für „ästhetisch unreif\" und schloß seine be-\ndeutsame Kritik: „Aber die Herren irren sich,\ndie Musik wird ganz andere Wege gehen, als\nsie glauben\". Nein, Herr Dr. Schmidt, ich bin\nsehr gut orientiert. Vor allem darüber, daß die\nMusik überhaupt keine Wege geht. Aber Sie\nhatten einmal in Ihrem Leben eine gute Stunde,\nin der Sie sich beinah über sich selbst klar\nwurden. Am dritten Februar 1905 (Sie sehen,\nwie gut ich orientiert bin) schrieben Sie im Ber-\nliner Tageblatt:\n„Gegenüber neuen Kompositionen wird die\nKritik sich immer eine weise Zurückhaltung\nauferlegen müssen. Sie ist dazu verpflichtet, um\nihrer selbst willen, und um der Künstler willen, die\nzwar die öffentliche Besprechung um keinen Preis\nmissen möchten . . . (Ich gebe sie billiger). Daß\nman bei ernsten Werken nach einmaligem Hören\nnicht in der Lage ist, abschließend zu urteilen,\ndaß sich der näheren Beschäftigung Dinge ent-\nhüllen, die dem ersten Blick nur zu leicht ent-\ngehen — das sind Gemeinplätze, die recht un-\nnötigerweise immer wieder vorgebracht werden.\nEs ist deshalb gut, bei solchen Gelegenheiten stets\naufs neue daran zu erinnern, daß es nicht Urteile\nsind, die wir in den meisten Fällen schreiben,\nnicht Aussprüche verbindlicher Art, die Wesen und\nRangstufe eines Werkes ein für alle mal fest-\nlegen wollen, und etwa die Anmassung einschlößen,\nUngefälliges zu unterdrücken, den Verfasser dau-\nernd oder ernstlich zu schädigen. Der verständige\nLeser wird in den Referaten der Tagespresse\nnichts suchen, als den Eindruck einer bestimmten\nPersönlichkeit und auch den nur, wie er sich zur\nbestimmten Stunde unter bestimmten Verhältnissen\nergeben hat.\nHoffentlich decken sich nicht bestimmte Ver-\nhältnisse mit gewissen Rücksichten, denn sonst\nkönnte in der Kritik ein Mischmasch entstehen,\nden der verständige Leser der Tagespresse auch\nohne meine Hilfe zu entwirren vermag.\nMir aber wünsche ich das ewige Leben. Denn\nkeinen fürchterlicheren Gedanken gibt es für den\nTod, als durch den Nachruf des verehrlichen\nMusikkritikers feierlich vor der „Leserwelt\" aner-\nkannt zu werden. Sonst teile ich Herrn Doktor\nSchmidt noch mit, daß die Handlung des (,neu-\nerwachten Minodrams\" die er als rohen Versuch\nbezeichnet, verschiedene Jahrtausende alt ist. Das\nwürde zwar nicht für den Wert sprechen, aber\nHerrn Dr. Schmidt immerhin an einem abfälligen\nUrteil gehindert haben.\nHerr Erich Urban von der B, Z. am Mittag\nhält mich für einen Dilettanten. Meine Musik\nklingt ihm als wenn „eine in einen Komponisten\nverwandelte Katze über die Tasten läuft.\" Also\nimmerhin in einen Komponisten. Mir ist es jeden-\nfalls noch lieber, meine Musik so charakterisiert\nzu sehen, als von Herrn Urban gelobt zu werden.\nAuch er gehört zu den Freunden des Dichters\nRobert Misch. Dessen Komponist Herr Roland\nist ihm als „nett und liebenswürdig geschildert\nworden\". Nun ist die Musik eine flotte Ope-\nrettenrevue von Johann Strauß senior bis Gustav\nWanda, den Herr Urban besonders schätzt. Herr\nUrban teilt ferner mit, daß meine Musik sein\nNervensystem gründlich zerstört habe. Das be-\nstreite ich: Denn Nerven hat Herr Urban nie\nbesessen, hingegen ein vorzügliches Kochbuch\ngeschrieben. Ein Kochbuch. Es muß auch\nKochbücher geben.\nAber Herr Robert Misch hat viele Freunde in\nder Berliner Presse. Die Freundschaft des Herrn\nRudolf Lothar für ihn geht sogar soweit, daß\nHerr Lothar zum ersten Mal im Berliner Lo-\nkal-Anzeiger Musik kritik schreibt. Dieser aller-\ntalentvollste Journalist, über den Berlin verfügt,\nnachdem ihn Wien hinausgeschmissen hat, be-\nhauptet, daß meine Musik zwischen „aufgeblasener\nTrivalität und betulicher Originalitätshascherei hin\nund her schwankt.\" Er hätte ebensogut auch\nalles andere behaupten können. Einen solchen"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "524", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.2", "texte": "Kenner über Kunst belehren zu wollen, wäre\nebenso lächerlich wie unmöglich.\nMit diesen gemischten Gefühlen stehen mir\nauch die übrigen Herren Kritiker gegenüber. Sie\nbilden sich offenbar ein, sich an mir für den\nSturm gerächt zu haben. Er hat ihnen so um\ndie Ohren geheult, daß ihnen Hören und Sehen\nhätte vergehen können, wenn sie jemals in dem\nBesitz dieser Sinnestätigkeiten gewesen wären.\nDer Sturm wendet sich auch garnicht gegen sie,\ndenn man braucht Blinde und Taube nicht erst\nblind und taub zu machen. Aber der Sturm soll\ndie Leser aufrütteln, daß sie von Blinden und\nTauben nicht Sehen und Hören lernen wollen.\nIch will die Geister, die ich nicht rief, schon los\nwerden. Und wenn ich ihnen mit dem Besen-\nstil, aus dem sie entstanden sind, um die Ohren\nschlagen muß. Sie werden auch dann meine\nMusik noch nicht hören können, aber wenigstens\ndie Stelle fühlen, an der die bei ihnen so beliebte\nNatur das Loch gelassen hat, um sie aufzunehmen.\nDie Andern\nDa der Ton die Musik macht, will ich den\nLesern des Sturms keine Töne vorenthalten. Die\ndolose Absicht und die Dummheit ergibt sich\nvon selbst und ich werde mich mit ganz wenigen\nBemerkungen begnügen können.\nVorwärts: Herwarth Waiden, aus dem Konzert-\nsaal bekannt dadurch, daß er sich auf den Beet-\nhoven setzt, und ihn erstickt, wollte nun einen\nneuen Musikstil erfinden: Die übergeschnappte\nKlavieretude, die charakterisieren soll, aber\nhauptsächlich einen wildgewordenen Klavier-\nschüler parodiert, der sich an ihr rächt. In\nübereinstimmender Weise auf einem Klavier\nhinter der Bühne gespielt, bildet sie die Musik\nzu der genannten Pantomime. Die Mimiker,\nvoran Rosa Valetti, spielten so gut, daß man\nsie ob ihrer Gebundenheit an solche Unmusik\nvon Herzen bedauern konnte. sz.\nDer Reichsbote: Zu dieser fürchterlichen Hand-\nlung erklang eine ebenso fürchterliche Musik,\ndie auf einem noch fürchterlicheren Klavier\nheruntergepaukt wurde. y.\nHerr X. hat sich leider nicht geäußert.\nBerliner Morgenpost: Und dazu eine, auf dem\nKlavier gespielte Musik, so mißtönig und gequält,\ndaß ein normal gebildetes Ohr sich mit Entsetzen\nund Schrecken von ihr abwenden muß. Der-\ngleichen Geräusch kann man wirklich nicht\nertragen. Lg.\nTrotzdem ging Herr Hauptmann Lusztig noch\neinmal hinein:\nBerliner Morgenpost: ... Mit der „Musik\"\nvon Herwarth Waiden kann ich auch nach dieser\nersten Darstellung vor dem Publikum nichts\nanderes sagen, als das, was mein gestriger\nBericht über die Generalprobe enthielt: Ein\nunerträgliches gequältes Ding, von qualvoller\nWirkung, dessen musikalische Begleitung einfach\nunmöglich ist. Das Publikum tat das klügste,\nwas es in diesem Falle tun konnte — es nahm\ndie bitter ernst gemeinten Szenen mit wohl-\nwollendem Humor auf und half sich auf diese\nWeise über die Peinlichkeiten der Sache selbst\nhinweg. Lg.\nDie Behauptung über die Aufnahme der Pan-\ntomime bei dem Publikum ist subjektiv und ob-\njektiv unwahr. Herr Lusztig hat das Recht, sich\nzu blamieren, aber als anständiger Journalist die\nPflicht, über die Aufnahme eines Werkes beim\nPublikum die Wahrheit zu berichten, auch wenn\nsie ihm nicht für seine Zwecke paßt. Von diesem\nKritiker konnte der Sturm ja schon wiederholt\nrecht lustige Dinge berichten.\nNorddeutsche Allgemeine Zeitung: .. Musik\nvon Herwarth Waiden. Die dem Theaterzettel\nbeigegebene Erklärung läßt uns Grausiges er-\nwarten. Vier Ermordete, die von einem trunkenen\nBettler aus dem Fenster geworfen werden. Und\nwas bringt die Pantomime zur freudigen Über-\nraschung ? Eine echte italienische Harlekinade,\nvoll burlesker Komik, und dazu eine allerliebste\ncharakterisierende Musik, die manche harmo-\nnische Feinheiten darbietet. M. S.\nDie Post: Die etwas blutige Pantomime dürfte\nohne Herwarth Waldens kindlich naive, nach\nEffekten haschende Musik eine glücklichere\nWirkung haben. A. v. Kl.\nVossische Zeitung: Herwarth Waiden hat diese\ngrausige Groteske mit einer rohen und seltsamen\nKlaviermusik versehen, die in grellen Harmonieen\nund rythmischen Zumutungen schwelgt. E. N.\nDeutsche Tageszeitung: Zum Ueberfluß ließ\nHerr Herwarth Waiden eine Musik dazu machen,\nvon urwüchsig kindlicher Schaurigkeit.... Und\n(Offenbachs) Musik ist wie ein Blätterrauschen\nund Heeresgeläute gegen das Waldensche Back-\nfischgeläute. W. M.\nBerlinerVolkszeitung: ... DieHerwarthWalden\nzum Komponisten hat. Zwar wurde hier nur\nvon einem Klavier, das hinter der Szene stand,\nein unangenehmes Geräusch entlockt. War das\naber überhaupt Musik? — Ich habe es nicht\nerhorchen können. Johannes Döbber.\nBerliner Börsencourrier: Herwarth Waldens\nMusik... macht sich die realistische Tonschilde-\nrung der Vorgänge zur Aufgabe. Erst ganz\ncharakteristisch gerät diese Musik dann aus der\nTondichtung in eine Art von Geräuschnach-\nahmung oderTonphotographie. Mißverstandener\nRieh Strauß. HerrWauer und Fräulein Valetti, die\nden krassen Emotionen der Fiametta kräftigen\nAusdruck zu geben sich mühte, setzten sich\nganz für das Werk ein, das aber einer empörten\nGegnerschaft begegnete, deren der eifrige Bei-\nfall der Anhänger nicht Herr werden konnte.\nHerr Waiden wurde gerufen. L.\nIch möchte Herrn Landau nicht gern wehe tun,\ndenn er ist einer der wenigen anständigen Jour-\nnalisten in Berlin, wenn auch sein Kunstgefühl\nnicht überwältigt. Hätten Sie, sehr geehrter Herr,\nsich die zweite Hälfte meiner Musik noch e i n-\nm a 1 angehört, würden Sie statt einer Geräusch-\nnachahmung, wie Sie glauben, vermutlich auch\ncharakteristische Musik gehört haben. Ich habe\nnicht Richard Strauß, sondern Sie haben mich\nmißverstanden. Lesen Sie bitte im „Sturm\" nach,\nwas ich über Richard Strauß gesagt habe, dann\nwerden Sie die Unmöglichkeit eines Mißverständ-\nnisses meinerseits einsehen.\nBerliner Neueste Nachrichten: . . . Herwarth\nWaiden gab ihm als Ersatz dafür eine musika-\nlische Begleitung. O, hätt' er das nicht getan!\nHätte er sich aus irgend einem Kientopp einen\nKlavierspieler verschrieben, der allabendlich zu\nstummen Bildern die Musik macht, und das\nGeschäft kennt, dann hätte Fiametta Eindruck\ngemacht. . . So aber lachte man, weil die auf-\ndringliche Musik, die zu der stillen Kunst der\nBühne in so schroffem Kontrast stand, die ganze\nStimmung zerriß. HerrWalden muß viele Freunde\ngeladen gehabt haben, daß man ihm am Schluß\nso stürmische Ovationen bereitete, die die Zischer\nnicht aufkommen ließ. J. L.\nIch habe durchaus nicht viele Freunde geladen\n„gehabt\". In dem vollständig besetzten Hause\nwaren höchstens zehn Personen, die ich persönlich\nkenne, und von denen zwei meine Freunde sind.\nAuch ich stelle jetzt einen schroffen Kontrast fest;\nHerr L. im Börsencourier behauptet, daß der eifrige\nBeifall der Anhänger der empörten Gegnerschaft\nnicht Herr werden konnte. Herr J. L. in den\n„Neuesten Nachrichten\", daß meine angeblichen\nvielen Freunde, durch stürmische Ovationen die\nZischer nicht aufkommen ließen. Nun also, Ihr\nmeine zwei beiden lieben Freunde, erklärt mir,\nwie Ihr Herren und doch nicht Herrn des ganzen\nHauses werden konntet. Aber vielleicht haben\nmeine acht anderen Bekannten diese komplizierte\nSituation hervorgebracht.\nBerliner Börsen-Zeitung: Die zu diesen Vor-\ngängen von Herwarth Waiden geschriebene\nMusik ist so aufdringlich und schwulstig, daß\nSie mit Recht den Beifall seiner im Hause stark\nvertretenen, mit Vorliebe ebenso aufdringliche\nund schwulstige dramaturgische Feuilletons von\nsich gebende Freunde fand. Kp.\nIch habe keine Ahnung, wen Herr Kp. zu\nmeinen Freunden zählt. Jedenfalls kann ich ihm\nversichern, daß ich keine Freunde habe, die\nFeuilletons schreiben, nicht einmal dramaturgische.\nDaß es mich aber sehr erfreuen würde, wenn alle\ndiese zitierten Herren, die einen so aufdringlichen\nund schwülstigen Quatsch über meine Musik ge-\nschrieben haben, zu den Freunden des Herrn Kp.\ngehören.\nNational-Zeitung: Aber direkt leichtsinnig ist\nes von Herrn Waiden gewesen, eine solche\nMusik dazu zu machen. st.\n❖ ❖\n❖\nKünstlerischen Menschen aber kann ich nur\nempfehlen, sich die Pantomime mit meiner über-\ngeschnappten, mißtönigen, gequälten, unerträg-\nlichen, allerliebsten, charakterisierenden, kindlich-\nnaiven, nach Effekten haschenden, rohen, selt-\nsamen, dilettantischen, nrwüchsig-kindlichen, un-\nangenehmen, mißverstandenen, aufdringlichen und\nschwulstigen Musik anzuhören. Sie werden das\ndebacle der Berliner Kritik nebenbei feststellen\nH. W.\nBuffon zog zum Schreiben Manschetten an:\n„Dieser Luxus ist ein Symbol.\" Die Herren Re-\nzensenten der Berliner Presse haben sich in die\nHände gespeit, als sie sich hinlümmelten, um ihr\nkritisches Urteil an „den vier Toten der Fianetta\"\nzu vollstrecken. Sie haben ihre Gasse, in die sich\nHerwarth Waiden gewagt hat, zum Gemeinplatz\nalier Niedertracht erweitert. Sie haben sich, aus\nlauter Lust, Rache an einem üben zu können,\nder sie verachtet und verspottet, in die\nschmutzigste Gosse der Verleumdung gestürzt, sie\nhaben sich wie Schweine in ihr gewälzt und die\nreine Wahrheit mit zehnmal so viel Schmutz be-\nworfen, als auf sie selbst zurückfallen konnte.\nSie haben sich zusammengerottet, vielleicht\nzwei Dutzend tapfere Männer, um einen einzelnen\nnieder zu hauen, weil er, ihre winkligen Wege\nfurchtlos kreuzend, auf grader Straße der Zukunft\nzustrebt. Für sie war die Musik, die Herwarth\nWaiden zu einer Pantomime geschrieben hat, die\nAufforderung zum Veitstanz der Vergeltung. Die,\neinem Fehdehandschuh nachgeworfene Hand, deren\nFinger zu klopfen sie seit Jahr und Tag nicht\nerwarten konnten. Für sie ist die Musik zu der\nPantomime nicht das Werk eines bedeutenden,\nernsten Künstlers, sondern nur der törichte Ver-\nsuch des Kritikers Waiden, als Komponist die\nAnerkennung des „breiten\" Publikums zu suchen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "525", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.3", "texte": "Die Presse steht auf dem toten Standpunkt,\ndaß ein Mensch, der ihre käuflichen Hebammen-\ndienste nicht erbuhlt, nichts Lebensfähiges schaffen\nkönne. Hier hat sie, die überall Pate steht, schon\nein Kind fallen lassen, weil „sein Erzeuger\" ihr\ndie Windeln, aus denen sie nicht herauswächst,\nim „Sturm\" beständig um die Ohren peitscht.\nUnd dumm und unklug hat die Presse Waldens\nWerk mit einem solchen Uebermaß von Geifer\nbespritzt, daß selbst jene, die vom Kampfe des\n„Sturms\" gegen den ewigen Gifthauch Journa-\nlismus nichts ahnen, das Rachewerk erkennen\nmüssen.\nRudolf Lothar, wurde „die barock grausame\nGeschichte durch die Musik, die Waiden dazu\nkomponiert hat\", empfindlich gestört. Diese Mu-\nsik, stellt er fest,\n„schwankt zwischen aufgeblasener Trivialität and\nbetulicher Originalitätshascherei in lärmendem\nZickzack hin und her. Dieser blutige Dilettantis-\nmus ist noch viel grauenhafter als das Schicksal\nder armen drei Liebhaber!\nAber sicherlich nicht grauenhafter als alle Werke\nLothars. Dieser erbärmliche Feuilletonist, der von\nLibretto zu Libretto immer tiefer und unerträglicher\nabfällt, sieht blutigen Dilettantismus zwischen Tri-\nvialität und Originalitätshascherei im Zick-Zack-\nschwanken, wo ein genialer Blitz in das Dunkel\nder trägen, geist- und formlosen Schablone fährt,\nnach der heute alle Musik gemacht wird.\nLothar ist auch kein Musikkritiker. Aber immer-\nhin ist für ihn Waldens Komposition Musik, was\nsie für Johannes Döbber nicht ist. Er hat es\nwenigstens nicht erhören können. Dieser Johannes\nhat der sadistischen Salome Theaterkritik seine\nOhren selbst geopfert, um nicht etwas kaufen zu\nmüssen, das dem Dogma der allgemein modernen,\nleichtverständlichen und beliebten Schmalzmusik\nzuwiderläuft und von denen sich überhaupt „jedes\nnormal gebildete Ohr mit Schrecken und Entsetzen\nabwenden muß\". Nur keine Traurigkeit aufkommen\nlassen, so denkt Kollege Lusztig und das Wich-\ntigste ist für ihn die „Kiste\", die Truhe nämlich,\nin der die drei Liebhaber der Fiametta ersticken\nmüssen. Und weil sich Fiamettas Gatte, um seine\ndrei Rivalen zu töten, auf der Truhe wälzt, setzt\nsich Waiden auf Beethoven und erstickt ihn. Den\narmen Beethoven! Das macht er im Konzertsaal.\nIm Theater hat seine Musik nur erst eine Panto-\nmime erwürgt, „so wie der betrunkene Bettler\ndie drei Liebhaber der Fiametta erdrosselte.\" Die\nTrunkenheit hatte Urban mit dem Bettler gemein.\nEr ist über „den brutalen Schrei der starknervigen\nRenaissance\" hingefallen. Der Bettler erdrosselt\ndie Leichen der drei Liebhaber ganz gewiß nicht.\nDas wäre so von Ueberfluß, wie es „die Musik\nist, die Waiden zu der Pantomime machen ließ.\"\nNach der Meinung des Theaterreferenten der\n„Deutschen Tageszeitung\". Dieser Herr leitete\nseine Kritik so ein:\nWenn die Linden abgeblüht haben und die\njungen Schwalben anfangen, von der Scheune\nzur Teppichstange hinüberzufliegen, kommen\nmit ebenso großer Sicherheit wie die ersten\nneuen Kartoffeln die Heldentaten der Berliner\nSommerdirektoren. Ihr Mut Ist unbesiegbar,\nmit dem sie alle Jahre von neuem das Geld für\nihren Ruhm aufbringen.\nDas Schmarotzergewächs der Dummheit kann\nniemals abblühen, und es könnten drei Liebhaber\nan dem Staub der Gemeinheit ersticken, der aus\nden Leib eines Berliner Theaterkritikers zu klopfen,\nein betrogener Pierrot ihnen zur Strafe auferlegen\nwürde. Und da sich der Kritiker M. W. schon\neinmal in Vergleiche zwischen den Betrieb der Natur\nim Frühjahr und den Mut der Sommerdirektoren\nrettungslos verloren hat, nennt er die Musik\nzur „Verwandelten Katze\" Blätterrauschen und\nHerdengeläute und die Walden'sche Backfisch-\ngeläute.\nUnd dieses Backfischgeläute soll „mißver-\nstandener Richard Strauß sein\". Wie wenig tief\nmuß die Strauß'sche Musik sein, wenn sie schon\nLandau begriffen hat. Welches Wagnis bleibt es\ndarum auch von Waiden, eine Musik zu schreiben,\n„die in grellen Harmonien und rythmischen Zu-\nmutungea schweigt.\nSolches bleibt blutiger Dilettantismus, ein uni-\nversales Schweißtreibe-Mittel, unerträgliches Ge-\nräusch und vieles andere Grauenvolle mehr, wenn\nman die Presse nicht (wie Richard Strauß) zur\nwilligen Freundin hat, wenn man sich diese tyran-\nnische Großmacht nicht sklavisch hündisch dienst-\nbar macht, wenn man die Lehrer dieser Schule der\nVerdummung, die vom Denken dispensiert, (ich\nzitire Flaubert) verprügelt, wenn man sich diese\nHure vom Leibe hält, um nicht an einer unheil-\nbaren Syphilis des Geschmackes zu verrecken. —\nNoch eins. Möge das Nei vensystem Urbans,\ndas durch die Waldensche Musik so gründlich\nzerstört wurde, sich bald wieder erholen, damit\ner für das Weihnachtsgeschäft der Firma Ullstein,\nin deren Diensten er sich schon als Doktor durch\ndie Herausgabe eines Kochbuches einen Ruf als\nMusikkritiker erworben hat, seinen ganzen Mann\nstellen kann.\n\nJoseph Adler\n\n[Illegible]\nVon Hermann Koch\n„Aberr Rrruheü Man versteht ja kein Wort! --\nSie - zeichnen Sie nicht! - Groß E, Ypsilon,\nStrich Zet - -w und das ging so fort, unaufhörlich,\nund durch das graue Dämmerlicht, das durch die\ntrübe Milchscheibe brach, sah man auf der staubig\ngrauen Tafel weiße Hieroglyphen endlose Reihen. —\nDen roten Bart strich sich der Herr\nProfessor, mephistophelisch glänzten vor Be-\ngeisterung seine grünen Augen und der weite\nMund spie einen neuen Strom mathematischen\nSchwefels - das ist weiter gleich Bruch-\nstrich -\nEs war wundervoll!! - - Rückwärts\nkopierte ein genialer Komiker die ehrwürdige\nStimme des Herrn Direktors: „Schiehler der\nAaemie vier a - „Schiehler der Aaemie. - -\"\nDiese Imitation hörte er noch und wie durch\ndicke Wände hindurch noch ein paar N und D,\ndann wurde es still — und stiller um ihn her, das\nGesumme hörte auf, dunkel umfing ihn und blau-\nschwarze Finsternis.\nEr durchquerte unermeßliche Strecken. —\nIn eine fremde Stadt war er angekommen. -\nDie Gasse die vor ihm lag war winklig und eng,\nmit holprigen großen Steinen übersäet und darüber\nlag grau ein Strich Himmel. Ein enges,\nleuchtend weißes Haus stand da. - - Ueber einer\ngrauen, rostüberzogenen Eisentüre war ein Schild\nmit blutroten Lettern:\nDr. DARASCHE-KOH\nDies war sein Ziel, er fühlte es und\nsuchte nach einer Klinke, nach einer Glocke oder\nnach einem Klopfer Nichts!! Er hieb\nauf die Tür los, keuchend mühte er sich ab, diese\nrostzerfressene Türe zu öffnen und - er er-\nstaunte gar nicht, als sie es durch eigene Kraft\ntat.\nUnd er trat ein! Mit einem dumpfen\nKrach flog die Tür ins Schloß\nEine dicke Finsternis, eine stickige Luft schlug\nihm entgegen. Ernst stand er da, schwarzes,\nklumpiges Dunkel vor seinen Augen; aber er\nzögerte nicht, in ihm drängte es vorwärts\nund er tastete sich den schmalen Gang entlang. —\nDer Weg ging merkwürdig abwärts. - Ihn trieb\nes weiter, weiter, ohne daß er sein Ziel wußte\noder ahnte.\nEr bemerkte nun, daß der Gang, in dem\ner sich befand, glatt und schlüpfrig wurde, daß\ndie Gefahr zu stürzen jeden Augenblick größer\nwurde.\nUnd er stürzte! -- - Er glitt aus, polterte\neine Strecke im Dunkel abwärts und mit seiner\nHand, die er vorstreckte, berührte er eine klebrige\nwarme Flüssigkeit.\n- - - Weiter tastete er sich, stieg in Lachen.\nVon den Wänden tropft es nun und von\nder Decke aufdringlich bemerkbar macht\nsich der durchdringende Geruch der stickig-ge-\nsättigte Luft und da erwacht in ihm die Gewißheit,\ndaß dies, was er hier fühlt, riecht, dies alles\nBlut, warmes tierisches-menschliches Blut ist.\nDer Gang machte nun eineWendung und wurde\nnoch enger, ganz eng. Er zwang sich durch\nda kam er mit nassen, schleimigen Strängen in\nBerührung. - - Ekel stieg in ihm auf, er wich\nzurück, - da aber von allen Seiten, überall dieselbe\nschleimig-kalten Schnüre Zuckende, runde\nKörper hingen an den Strängen. - - Und all dies\neklige Zeug schien sich plötzlich in algebraiische\nZiffern zu verwandeln. A's und C's, N's und X's\ndienten als Wandverkleidung, bildeten Ornamente\nin Kolo Moserscher Manier und dann legten sie\nsich um seinen Hals. - - - - Als er einmal danach\ngriff, fühlte er einen warmen, runden Körper, der\nin seiner Hand rhythmisch klopfte - es war wie - -\nein menschliches Herz.\nUnd dann erweiterte sich der Gang und\nes wurde zunehmend heller! Da, er konnte es\nnicht begreifen, aber er hörte es deutlich, ein\nlanggezogenes Heulen, ein entferntes Wimmerm, -\ndas plötzlich wieder abbrach.\nEs kam so überraschend in der be-\nklemmenden Stille dieser grauenhaften Räume!!\nSo plötzlich wieder verschlang eine mystische\nMacht die gräßlichen Töne! Jetzt herrschte\neine Stille, in der er nicht einmal seinen Atem hörte,\nnichts, als das Sausen der erdfernen Stille.\nStöhnend kroch er weiter, zwang sich durch\nden schmalen, höhlartigen Gang, unter seinen\ntastenden Fingern löste sich ein morscher kalter\nStein, er hörte nicht den Schall eines Falles, nichts,\nals hätte sich der Stein in der Luftmasse auf-\ngelöst\nLängere Zeit ging er nun weiter, er ging\nunter der Macht eines fremden Etwas da,\neine grüne, fluoreszierende Lichterscheinung umgab\nihn - und er sah, daß er in ein rundes Gemach\ngetreten war.\nErst jetzt konnte er die ihn umgebenden Dinge\nsehen.\nDas Gemach war leer, fast leer, nur an den\nWänden sah er Gestelle, auf denen rote Gebilde\nhingen. - Eine mit Grauen vermischte Neugier zog\nihn dort hin.\nDa sah er ein menschliches Herz, eine Lunge,\neine Luftröhre durch Muskelstränge verbunden.\nEr hatte nicht Zeit alles zu betrachten. Eine"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "526", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.4", "texte": "tickende Uhr schlug da ein, ein Benzinmotor fing\nzu knattern an - in die ganze Masse kam Be-\nwegung, die Kehlkopfsöffnung erzitterte, erweiterte\nsich, eine schnarrende, grauenerregende Stimme\nertönte: -\n„Schiehler der Aaemie vier a - - Schiehler\nder Aaemie Schiehler \"•\nHinaus! - Hinaus!!\nEr durchrannte all die Gänge, durch die er\ngekommen war. - Und durch die ganze Zeit\nkonnte er es wieder hören, - mußte wieder das\nGewimmer, das unmenschlich-menschliche Heulen\nhören!\nUnd er rannte, wand sich durch die schleimigen\nBordüren, rannte durch die Blutpfützen, daß diese\naufspritzend ihn mit Blut durchtränkten. - - Er\nglitt aus, sprang wieder auf - - und nach Jahr-\ntausenden kam er zur Türe. -\nEr befühlte die Rosttüre: auch innen kein\nSchloß, kein Riegel!! Und das Gewimmer, das\nGeheul wurde immer lauter, kam immer näher,\nwurde abgehackter, wurde zu einem Gelächter, das\nanschwoll, je mehr er raste. - - Je mehr er tobt,\nals er sich in diesem fürchterlichen Räume ge-\nfangen sah, desto grausamer ertönte das Kichern\nund Lachen!.\nDie ganze Hölle schien zu lachen! -\nUnd dann geschah etwas Furchtbares, aus dem\nDunkel tauchte der Mathematikprofessor auf, wie\nein Te-Te-Heine-Teufel sah er aus, fuhr ihn an\nund ätzte ihm mit einer glühenden Kreide Zeichen\nin die Haut und murmelte: - - „vau der fünfund-\nzwanzigsten, vau der fünfundzwanzigsten, vau. —\"\nEr heulte auf vor Schmerz und dieser Teufel\ngrub weiter ein seine feurige Schreibkreide in\nsein weißes Fleisch: „vau der fünfundzwanzigsten,\nvau - - -\"\nMit furchtbarer Gewalt warf er sich gegen\ndie Tür - - - - und die Klasse grinste ihn an.\nDer Herr Professor kam auf ihn zu und\nlächelte, lächelte. - Er kam nicht weil er schlief,\nwie konnte ein Mathematiker, und gar noch einer\nder über Versicherungsmathematik vorträgt, ahnen,\ndaß jemand, ein Mensch bei seinem Vortrag\nschläft! Nein, deshalb kam er nicht - er bückte\nsich lächelnd und hob ein schwarzes Buch auf,\nein Buch, das auf die Erde fiel, als er erwachte. - -\nORCHIDEEN\nvon\nGUSTAV MEYRINK\n„So, so!! - Sie beschäftigten sich also\nwährend der Mathematik, während des interes-\nsantesten Kapitels der politischen Arithmetik, der\nTodesfall- und Rentenversicherung mit - Botanik!!\nMein Lieber, ich würde Sie dem Herrn Direktor\nmelden, aber, aber Sie sind gestraft genug, jawohl,\nSie sind gestraft genug, ich sage sogar übergenug;\ndenn wissen Sie, Sie Unglücklicher, Sie ver-\nsäumten während Ihrer Lektüre die ganze Ab-\nleitung der Formel:\n, c Nx-y-Nz\ny/z Ex-\nDx\n\nDer Ingenieur\nVon Joseph Aug. Lux\nArchitekten, Maler und Kunstgewerbler, die\nseit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auf\nder Suche nach dem neuen Stil waren, glaubten\nihn im Ornament gefunden zu haben.\nEntscheidend in diesem Zusammenhang ist\nnur das allen gemeinsame Merkmal, daß sie von\nden neuen Raumwerten keine Notiz nehmen, daß\nsie den neuen Weiten, der neuen Höhen, der\nneuen Linien Linien nicht begriffen und unberührt\nvon den Wundern dieser Hallen und Bogen\nblieben, die, schlank und zierlich, phantastischen\nGebilden glichen, neuen Rhythmen aus Mathe-\nmatik und Technik geboren.\nDer Begriff des Schönen hat wieder einmal\neine Umwälzung erfahren. Oder er ist vielmehr\nverjüngt und neugeboren, nachdem ihm die Ge-\nwonheit Hebammendienste geleistet hat. Wir\nsprechen heute schon von Meisterwerken der\nTechnik, von der Ingenieurästhetik, von einer\nEisenarchitektur.\nDie Meisterwerke der Technik, nicht die\nhistorisch befangene Architektur haben der mo-\ndernen Zeit ihr Stilgepräge gegeben, wodurch sie\nsich völlig von den früheren Spielepochen unter-\nscheidet.\nAlso auch die architektonischen Künste ein-\nschließlich des Kunstgewerbes empfangen direkt\nund inoirekt von daher ihre formale Bestimmung.\nDirekt durch die maschinellen Herstellungsweisen\nund durch die neuen Baustoffe wie Glas, Eisen\nund Betoneisen. Indirekt durch die geistige Be-\nstimmung hinsichtlich der veredelten Sachlichkeit,\ndes Zweckgedankens und der Hervorkehrung des\nKonstruktionsprinzipes, dem wir vor allem unser\nästhetisches Interesse entgegenbringen.\nWie immer bei der Entdeckung neuen Ma-\nterials ist der Vorgang dergestalt, daß die über-\nlieferten und gewohnten Formen in diesem Material\neine Zeit lang wiederholt werden, solange, bis\ndie immanenten Stildesetze des neuen Stoffes er-\nkannt und in spezifisch eigenartigen Formen ihren\nkünstlerischen Ausdruck finden.\nIn den ersten Stadien der Eisenkonstruktionen\ntreten Gußformen auf, die der Steinarchitektur\nentlehnt sind.\nDas Prestige jener stilnachahmenden akade-\nmischen Architektur war immerhin groß genug,\ndaß in den ersten Jahrzehnten des modernen\nEisenstils, etwa seit der Mitte des neunzehnten\nJahrhunderts, sich auch die technischen Kon-\nstruktionen in die Zwangsjacke der historischen\nStilimitation nötigen lassen mußte. Technische\nWerke sind aus dieser Zeit überliefert, die mit\neinem solchen historischen Mäntelchen drapiert\nsind. Historisch ornamentierte Gußformen treten\nan den modernen Eisenarchitekturen auf.\nWir brauchen nns nur an unsere Lichtmaste,\nan die eisernen Kandelaber unserer Straßenbe-\nleuchtung erinnern, um festzustellen, daß auch\nhier die historischen Zierformen, das Sezessio-\nnistische inbegriffen, noch nicht vor der eigenen\nnatürlichen Sprache des Materials zurückgetreten\nsind.\nNur jene technischen Konstruktionen, die nicht\nvom Architekten beeinflußt waren, und bei denen\nder Ingenieur nicht an Architektur zu denken\nbrachte, sondern lediglich seinem technischen\nEngenium folgte, hat das Eisen seine eigene Stil-\nsprache entwickelt, und, ohne daß es besonders\nbemerkt worden ist, eine neue Epoche der Stil-\nentwicklung herbeigeführt, vor deren künstle-\nrischem Machtspruch wir uns in Bewunderung\nbeugen müssen.\nDabei darf aber nicht die irrige Meinung\nPlatz greifen, daß das technische Genie ohne\nRücksicht auf die ästhetische oder wenn wir\nwollen, künstlerische Erscheinung arbeitet.\nWenn auch insiriert durch Material und\nTechnik ist die Formahnung Vorläuferin und\nPfadfinderin der mathematisch erhärteten Kon-\nstruktion. Und diese Formahnung ist das künst-\nlerische Element, das auch die Geburtsstunde\nder Ingenieurwerke segnet.\nDer Bau des Londoner Kristallpalastes war\ndie erste konsequente Eisenarchitektur, gegen die\nalle früheren architektonischen Anwendungen des\nEisens, wie in der Kuppel der Halles-au-ble in\nParis, tastende Versuche sind, die im einzelnen\nstecken blieben und augenscheinlich nur das\nSurrogat der Holzkonstruktion sind. Aber von\ndem Kristallpalast aus schreitet der eiserne Riese\nnun mit Siebenmeilenstiefeln in der Entwicklung\nfort, und sein Siegerschrrtt in der Architektur ist\nunaufhaltsam.\nAber erst die Pariser Weltausstellung vom\nJahre 1889 schuf in der Maschinenhalle den\ngrößten Weitraum und in dem Eifelturm das\ngrößte eiserne Höhengebilde der Welt. Was die\nGlaseisenkonstruktion bisher an mächtigen Raum-\nund Höhengebilden geschaffen hat wie vor allem\ndie großen Bahnhofshallen, weist auf die Ma-\nschinenhalle zurück als auf den Triumph der\nTechnik.\nNur durch das Material und seine Konstruk-\ntionsbedingungen können wir den Weg zur\nAesthetik nicht nur des Eisenbaues und der tech-\nnischen Konstruktion, sondern der Architektur\nüberhaupt und der ihr dienenden Künste finden.\nUnwillkürlich drängt sich jedoch zum Ver-\ngleich die alte Steinarchitektur auf, stellt sich in\nden Weg und verhindert den reinen Genuß des\nSchönen, das sich lediglich in der Zweckmäßig-\nkeit, in der Oekonomie der rationellen Kon-\nstruktion und in den grundlegenden Bedingungen\ndes neuen Baustoffes offenbart.\nDie Natur des Steinmaterials, das nur druck-\nfest ist, hat die formalen Möglichkeiten der Stein-\narchitektur an unabänderliche Formen gebunden\nund die stilistischen Möglichkeiten begrenzt.\nIn der Konstruktionsweise dem Eisen viel\nnäher verwandt ist das Holz, das von altersher\nmit seinem Gerüststil das Vorbild rationeller\nKonstruktion im Gegensatz zum Steinbau ge-\nbildet hat.\nAls ein Baustoff ist das Holz dem Stein inso-\nfern überlegen, als es nicht nur druckfest, sondern\ndruck- und zugfest zugleich ist.\nDie Ueberlegenheit des Eisens über diese\nbeiden Baustoffe äußert sich darin, daß es die\nEigenschaften der beiden anderen summiert, die\ndie Festigkeit auf Druck, Zug und Biegung im\nhöchsten Maße besitzt und bei der Homogenität\nseiner Substanz eine Bildsamkeit besitzt, die den\nstatischen Formenmöglicheiten keine Beschränkung\nauferlegt.\nDie statischen Gesetze bewirken den stärksten\näußeren Unterschied zwischen der Eisenarchitektur\nund der Baukunst. Die Entmateralisierung ist\ndie große Tugend der Eisenarchitektur, uicht aber\ndes Steinbaues.\nDas Zusammenspiel dieser Bauglieder erfolgt\nzumeist nicht auf mathematischer Grundlage,\nsondern auf jener geheimnisvollen, unerlernbaren\nVerfassung der Empfindung, die wir künstlerisch\nbezeichnen.\nDie Kuppel der Peterskirche ist nicht auf\nGrund von Berechnungen entstandnn, sondern\ninfolge einer künstlerischen Konzeption, die mit\ninstinktiver Gewißheit das Kühnste wagte.\nGanz anders ist der Vorgang bei der Eisen-\narchitektur. Einsenkonstruktionen sind nicht ge-\nbaut, sie sind berechnet. Womit nicht geleugnet\nwerden kann, daß auch hier die schöpferische\nFormenahnung als ein gewissermaßen künstle-\nrischer Vorgang vorangeht und die prüfende\nRechnung nachfolgt.\nWährend die Baukunst mit einer Fülle von"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "527", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.5", "texte": "Steinmaterial und künstlerisch bestimmten Formen\nzu tun hat und die wirkungsvollste Anwendung\ndieser Mittel von dem persönlichen künstlerischen\nTakt der Architekten abhängt, gibt es in der auf\nBerechnnng gestellten Eisenarchitektur nur ein\nBauelement, den Eisenträger. Stoff und Formen\nsind im Eisenbau geradezu homogen.\nVon dem Wellblech und dem Glas als Flächen-\nfüllungen und Eindeckungen abgesehen, kommt\nes in der Eisenarchitektur nicht auf Raumum-\nschließungen, bei denen sich mit den baukünstle-\nrischen Proportionsgesbtzen operieren läßt, an,\nsondern auf bloße Konturenlinien, auf das fleisch-\nlose Gerippe oder offene Gerüst, kurzum lediglich\nauf den Träger, der die Energien fortleitet und\nKraftlinien darstellt, wie an dem Eifelturm, an\nden modernen Eisenbahnbrücken ersichtlich, denen\ninsofern eine Schönheit zukommt, als sie den\nBedingungen der Stabilität absolut entsprechen\nund darin nach den Worten Eiffels mit den Be-\ndingungen der Harmonie vollständig überein-\nstimmen.\nEin ganzes Nervenbündel, von diesen leben-\ndigen Energien durchflutet, erscheinen diese\nGroßkonstruktionen und ebendaselbst organisch\nbeherrscht, geistig diszipliniert, entmaterialisiert\nbis zur äußersten Verdünnung.\nNur ein einzigesmal in der langen baukünstle-\nrischen Entwicklung schien es, als ob auch in\nder Steinarchitektur die Tendenz der Entmateria-\nlisierung platzgreifen und Gebilde zeitigen würde,\ndie mit den Konstruktionen verwandt erscheinen,\ndie der Eisenhochbau hervorbrachte. Deshalb\nwird gern die Steingotik zum Vergleich mit den\nmodernen Eisenkonstruktionen herangezogen und\neine geistige Verwandschaft konstatiert die weder\ndem Material nach, noch überhaupt in der künst-\nlerischen Absicht besteht.\nDie Baukunst und folglich auch die Gotik der\nmittelalterlichen Dome ist vor allem Raumkunst,\ndie sich in rhythmischen Raumgrößen und Flächen\nausspricht und Proportionen ausdrückt, die so-\nwohl von der Natur des Materials als von dem\nharmonischen Empfinden des Schönen bestimmt\nsind.\nAlso auch die Gotik war Raumkunst, und ihr\nPrinzip war die Raumumschließung, trotz der\nentmaterialisierten Steinkonstruktion, die ein\nfleischloses Gerippe oder Gerüst zu werden schien.\nDie kunstvoll gematten Glasfenster mit ihren\nHeiligen, ihren biblischen Legenden und ihren\nLandschaften nahmen gewissermaßen die Stelle\nder alten Gobelins ein, die mit denen in der\nvorherigen Bauperiode die massiven Wände des\nInnern belebt waren.\nVon allen diesen Bestimmungen kann in der\nEisenarchitektur nicct die Rede sein. Es ist zwar\nwöglich, aus Eisen eine Kathedrale zu bauen, wie\ndie fünfschiffige Halle im New-Museum tn Oxford,\naber das ist ein Fall, in dem das Eisen als Surro-\ngat zur Nachahmung einer historischen Bauform\nauftritt und als unangenehmes Kompromiß er-\nscheint.\nUm den Unterschied scharf genug zu empfinden,\ntun wir gut, uns an die erwähnten klassischen\nBeispiele der modernen Konstruktion, an den\nKristalpalast, an die Pariser Maschinenhalle und\nan den Eifelturm zu halten. Michts berechtigt\nuns, in diesen Fällen an die Gotik oder über-\nhaupt an Raumkunst zu denken. Es ist Linien-\nund Konstruktionskunst.\nWir empfinden sie auch gar nicht wie die\nArchitektur als ein erweitertes Kleid, zu Wohn-\nlichkeit bestimmt, sondern wir empfinden diese\nHallen als ein Stück freien Raumes mit neuen\nGrenzlinien, an dem der eigentümliche Reiz in\nder Kraft und Schönheit dieser Linien besteht,\ndie wir nicht nur wegen ihrer Leichtigkeit und\nKühnheit bewundern, sondern auch deshalb, weil\nwir in der Kühnheit und Kraft das Menschenwerk\nverehren.\nDie raumabschließenden Füllungen in diesem\nNetzwerk, das durchsichtige helle Blankglas\nempfinden wir gar nicht als ein raumabschließendes\nElement.\nKein Versuch scheint gemacht, das Licht\nirgendwie künstlerisch zu modifizieren, eine\nRaumstimmung hervorzubringen, sei es durch\nRegelung und Begrenzung des Lichteinfalles,\ndurch farbige Brechung oder durch künstlerisch\nbestimmte Unterbrechungen mit Schattenwirkungen.\nNichts ist getan, um nur im entferntesten an\ndie Raumkunst zu streifen, die unter anderem\nauch in der Gotik einen ihrer künstlerischen\nHöhenpunkte erreicht hat.\nDie Baukunst ist die eine Welt, die Eisen-\narchitektur die andere. Um die Aesthetik der\nEisenarchitektur zu begreifen, und ihre Wirkungen\nkünstlerisch zu genießen, hüte man sich, begriff-\nliche Anleihen bei der Steinarchitektur zu machen.\nDie Schönheit der Großkonstruktionen will aus\nihrem eigenen Wesen heraus verstanden er-\nkläjt sein, aus ihrem Element, dem Profileisen,\naus den Kraftlinien, aus deuen sich die lebendigen\nEnergien fortpflanzen, und eine formale Energie\nerzeugen, die aus den Bedingungen der Stabilität\nund aus den Bestimmungen der Konstruktion zu\nbegreifen sind.\nSoviel steht aber für alle Zukunft fest, daß\ndie Großkonstruktion ihre charakteristische Schön-\nheit nur dann bewahren wird, wenn sie den Be-\ndingungen ihres klar erkannten statischen, kon-\nstruktiven und stofflichen Wesens treu bleiben\nund jedes Kompromiß mit den formalen An-\nschauungen, die von der Baukunst geborgt werden,\nablehnen.\nSelbst die Vermählung von Stein und Eisen,\nwie sie sich in dem Betoneisen vorstellt, ist, trotz-\ndem sie eine solche Aera des Steinbaues herbei-\nzuführen scheint, an Gesetze gebunden, die in\nihrer Natur liegen und nicht durch einfache\nUebertragung historischer Ueberlieterungen ent-\nstehen. Sogar auch im Betoneisenbau, der nicht\nnur den Nutzbau beherrscht, ist die ästhetische\nVollendung nur möglich, wenn das Kompromiß\nmit den Ueberlieferungen der älteren Steinbau-\nkunst unterbleibt, was noch zu beweisen sein\nwird.\nWir können nicht mehr als schön empfinden,\nwas nicht zugleich wahrhaftig ist, und auch in\ndieser Wahrhaftigkeit der technischen Werke, der\nInstrumente und Maschinen erkennen wir Werke\ndieser Art als eine Schönheit, die unserer Zeit\nihre neue stilistische Marke gibt. War die große\nStilepoche, die Renaissance, einschließlich ihrer\nAbwandlungen im Barock und ihrer Ausklänge\nim Empire ornamental gerichtet, so ist die mo-\nderne Zeit ausgesprochen konstruktiv und sach-\nlich bestimmt.\nWelche sind die künstlerischen Möglichkeiten\nim Betoneisen?\nAuch hier findet das uralte Baugesetz seine\nAnwendung: daß alle Formen, die das Material\nstatisch erlaubt, künstlerisch berechtigt sind.\nDie stilistische Unsicherheit bezweckt in der\nTat, daß dieses Material noch mehr wie das\nEisen keine Schwächen hat, die dem Künstler\neine sichere Bahn, und die Einhaltung gewisser\nscharf umzogener normaler Grenzen auferlegen,\nsondern, daü es fast nur Vorzüge besitzt, die die\nformalen Möglichkeiten ins Fessellose steigern.\nDas sind Tugenden, die vom Standpunkt der\narchitektonischen Proportionallehre als ein Kar-\ndinalfehler erscheinen können.\nArchitektonisch betrachtet, ist jede Zweckform,\nwenn sie die Materialsprache zum vollen Aus-\nklingen bringt, an und für sich schon ein künst-\nlerisches Ereignis. Wir tun gut dabei, von allem\nabzustrahieren, was die Baukunst vorher unter\nanderen Verhältnissen und unter anderen Mitteln\nals unumstößliches heiliges Gesetz erkennen und\ngegen die neuen Baustoffe und die neuen Bau-\norganismen der Technik behaupten wollte.\nDie neuen Schönheitsbegriffe, eine neue\nAesthetik, muß bei der Technik einsetzen, und\ndie Begriffe der Sachlichkeit und der Zweck-\nvollendung zu den obersten Grundsätzen erheben.\nIn München ist ein technisches Museum, das\ninteressante Aufschlüsse über ein künstlerisch\nnoch viel zu wenig gewürdigtes Gebiet eröffnet,\nüber die technischen Erfindungen und Instrumente\nder vergangenen Zeit. Sie enthalten die Vorge-\nschichte des Maschinen-Zeitalters und beweisen,\ndaß der neue ästhetische Gedanke im Keim\nimmer dagewesen ist. Vom historischen Stil-\nzwang befreit, zögern wir keinen Augenblick, in\ndiesen Erscheinungen Kunstformen zu entdecken,\ndie sich fast mit biologischer Notwendigkeit ent-\nwickelt haben. Am sinnfälligsten wird der Sach-\nlichkeitsstil in den modernen Fahrzeugen, an\ndenen sich ebensogut wie an den neuen Groß-\nkonstruktionen die neue Maschinenästhetik er-\nweisen läßt.\nDas mächtige Uebergewicht, das vor allem\ndie Ingenieurskunst und die Verkehrstechnik in\ndem öffentlichen Interesse erlangt hat, erklärt\nsich zum großen Teil daraus, daß auf diesen\nGebieten fortwährend geistig gearbeitet und um\nden Fortschritt gerungen wurde. Die Stellmacher\noder Wagenbauer, die Fahrradtechniker, die Boot-\nbauer, die Maschineningenieure, die Automobil-\nfabrikanten, die Schiffskonstrukteure, sie haben\nalle geistig gearbeitet.\nDie Technik hat nicht nur unsere Erkennt-\nnisse, sondern auch unsere Fähigkeiten, kurz den\nmenschlichen Machtbezirk erweitert und uns\nKräfte gegeben, die noch vor fünfzig Jahren\nMärchenträume waren.\n\nFür Freunde der\nPoesie\nLokalanzeigerlyrik\nDie Literarische Rundschau des „BerlinerTage-\nblatt\" steht, wie ich bereits mitteilte, hinter den\nRubriken Hypothekenmarkt und Rasensport. Die\nLiterarische Umschau des „Lokal-Anzeiger\" hinter\nganzseitigen Warenhaus-Inseraten. Dort werden\nallerlei schöne Sachen zum Verkauf empfohlen.\nHerr Doktor Bi. empfiehlt Peter Roseggers Ge-\ndichte.\nEin unscheinbares dünnes Bändchen ist es,\ndas vor uns liegt, und doch die Sammlung\nvon Liedern aus dem ganzen Lebenswege\neines Dichters. ,Mein Lied( von Peter Rosegger.\nWieviel Poesie erwarten wir nicht schon beim\nLesen dieses Titels in Verbindung mit diesem\nNamen. Und wir werden nicht enttäuscht.\nDer ganze Rosegger, der Poet, wie wir ihn\nlieben, tritt uns aus diesen wenigen Seiten\nentgegen.\nRosegger, der bekanntlich nicht dichten kann,\nwird infolgedessen ein ausgesprochener Heimats-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "528", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.6", "texte": "dichter genannt. Man erfährt, daß er nicht nur\nSteiermark, sondern „das ganze Hochland der Ger-\nmanen vom Ortler bis zum Kahlenberg feiert.\nAus seinen Liebesliedern sprechen Schalkhaftigkeit,\nandererseits aber auch die wirklich heiße Glut\nder Leidenschaft\". Damit man das diesem guten\nDoktor Bi auch glaubt, veröffentlicht er folgendes\nGedicht, das der Poesie des Titels und dem\nganzen Hochland der Germanen völlig entspricht.\n„Ich bin daheim auf waldiger Flur,\nMein Hüttchen ist ein grüner Baum,\nMein Ruhebett der Wiesensaum\nAm Herzen der Natur.\nEin Rehlein kommt durch Zweige dicht,\nMir dringt an's Ohr sein weicher Laut,\nEs sieht mich an, es spricht so traut,\nUnd ich versteh' es nicht.\nNun kommt ein blühend Mädchen noch,\nUnd sinnend steht es auf der Flur;\nEs sieht mir stumm ins Auge nur\nUnd ich versteh' es doch!\"\nUeber Roseggers Charakter sollen folgende poe-\ntische Zeilen „einige nette Aufschlüsse geben:\"\n„Ich bin ein Geselle, der lacht und trutzt,\nDer weder nach Titel und Knittel hascht,\nDer nicht Magnaten die Stiefel putzt\nUnd nicht Proleten die Hemden wascht.\"\nDiese gereimten Kindlichkeiten nennt man heute\nin Deutschland Lyrik.\nBildhauerlyrik\nHerr Professor Eberlein ist in Rom. Er steht\n— natürlich — „erschauernd vor seiner antiken\nGröße.\" Er eilte nach Rom, um das Viktor\nEmanuel-Denkmal enthüllen zu helfen. „Nun ragt\nes dennoch, wie eine Flammenschrift, wie\neine Welt inmitten der alten grauen Roma, um-\ntobt vom lebendigen Strome der neuen sieghaften\nZeit empor.\" Ein Bildhauer wie Eberlein kann\nsogar Flammenschriften emporragen lassen, ohne\nin dem Strom der neuen sieghaften Zeit unter-\nzugehen. Denn sein Goethedenkmal ist „in den\nglänzenden Lebensstrom des Verkehrs gerückt\nworden\", kann also nicht einmal durch Wasser\nheruntergedrückt werden.\n%\nAn dem Tage, an dem es sein größtes und er-\nhabenstes Denkmal, sein heiligstes Symbol enthüllt,\nstehen die Gedanken der deutschen Künstler\nganz besonders bewegt auf diesen stolzen Stufen.\nMan sollte Eberlein und die echt deutschen\nKünster neben ihre Gedanken stellen, sie aus-\nhauen, und bis in die Ewigkeit vor Roms antiker\nGröße erschauern lassen.\nStoffblumenlyrik\nNicht nur, daß ganz Berlin und die umliegen-\nden Vororte in den letzten Tagen mit Stoffblumen\nversorgt wurden, nein, die Gräfin Helene Kayser-\nlingk hat sich eigens zum Dichten hingesetzt und\nläßt durch weißgekleidete Mädchen, die nichts\ndafür können, ihre Poesie vertreiben. Sie kostet\nzwar nur fünf Pfennig, ist aber dafür unbezahlbar.\nAn der Spitze naht der Kaiser\nEr, der deutschen Einung Weiser.\nDie Dichterin bekam selbst gleich einen Schreck\nund äußert in der nächsten Zeile.\nWelche Wendung Gott gefügt:\nUnd der Erbfeind liegt besiegt.\nDie Verse klingen zwar sehr deutschfeindlich,\naber sie rechnen damit, daß der Deutsche jeden\ngereimten Quatsch für Lyrik hält. Darum fährt\ndie Dichterin fort:\nSäume nicht und schmücke Dich\nZur Erinnrung kaufe mich\nwomit natürlich diese Verse gemeint sind. Denn:\nLeid und Not zu lindern mache\nDienstbar dich der guten Sache.\nDie seit Menschgedenk bereits\nDer Verein pflegt Rotes Kreuz,\nDen mit Nächstenliebensinn\nSchuf die erste Kaiserin.\nJetzt wirds der Dichterin aber selbst zu ekelhaft\nund sie schließt vehement\nHolde Mädchen, weiße Kleider,\nundsoweiter undsoweiter.\nJa. Die Sache wills. Trust\n\nNotiz\nWegen technischer Schwierigkeiten erscheint\ndiese Nummer später. Die fehlende Fortsetzung\nvon „Die höchste Tugend\" folgt in Nummer 67.\nVerlag der Sturm\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-\nUngarn / l. V.: Oskar Kokoschka\n\nKLEINES THEATER\n44 UNTER DEN LINDEN 44\nSOMMERSPIELZEIT UNTER DER\nDIREKTION von WILLIAM WAUER\nHeute und folgende Tage abends 87* Uhr\nDie vier Toten der Fiametta\nPantomime von WILLIAM WAUER\nMusik von HERWARTH WALDEN\nFiametta: ROSA VALETTI\nSilvio, Schneider, ihr Mann: WILLIAM WAUER\nDer erste Liebhaber: GEORG RUNSKY\nDer zweite Liebhaber; KARL MOLLER-MALBERG\nDer dritte Liebhaber: MAX MACK\nDer Lasttr&ger: GUIDD HERZFELD\nRegie: WILLIAM WAUER\nVorher:\nDie verwandelte Katze\nVon JACQUES OFFENBACH\nZutn Schluß:\nKarneval in Nizza\nPreise der Piatze 2,50—10 Mark\nKarten an der Theaterkasse und bei Wertheim\n\nDie Fackel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nI Mummer 324/325\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfg.\n$ ÜBERALL ERHALTLICH\n\n: BEI ANSCHAFFUNG VON\nWERDEN 45 MARK FUR\nALTE LEXIKA VERGUTET\n\n:: Probenummern ::\numsonst und portofrei durch die\nGeschaftssteile „DER STURM\"\n\nXaa,\ndsn/ULi\nilujwi* J CIA\n-\n(J^b|\n114\n\nProf. Dr. Backhausmilcli, alt be-\n■viihrte Kindermilch. — Trinkfertige Por-\n.ioaflaschen ftlr verschiedene Alterstufem\nMaltosana, bester Zusatz zur Selbst-\nherstollung anderer Milchmischungen.\nPfuad-JDose IM. 50. In Apoth. u. Dro&.\n\ny\\.\nVerlag „Der Sturm\"\nA./ \"\nWir iibernahmen inunsern V erlag-\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFur Gesang u. Klavier / 52 Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch den Verlag\" DER SI URM\nHalensee / Katharinenstrasse 5"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "529", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.7", "texte": "Neue Sezession\nDritte Ausstellung\nKill/J\na\nm\nGalerie Maximilian IHlacht\nw.\nW.\nBerlin W. Ranlkestraiße I\nan der Kaiser Wilhelm Gedachtnis - Kirche"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "530", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110624-01.1.8", "texte": "Inseratenannahme: Geschäftsstelle „Der Sturm\", W., Potsdamerstraße 111, sowie sämtliche Annoncen-Expeditionen. Druck: Wilmersdorfer Buch- u.Kunstdruckerei,Uhlandstr.lo7\n\nZTw Cafe Continental ™\nJeden Abend von 9—4 Uhr Nachts:\nGrosses Kunstler - Konzert\nAlle bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften\n\nPrivatbeamte und Ange=\nhorige der freien Berufe!\nSorget fur Eure Zukunft und die Eurer Familie\ndurch Anschluss an den zar Vertretung der wirtschaftlichen, so-\nzialen und rechtlichen Interessen der Privat-Beamten gegrundeten,\ndurch iaudcsherrl. Verleihung m. Korporationsrecht. ausgestattet.\nDEDTBGHEN PRIVIT-BEAMTES-VEREIS ZD MAODEBORO\nZirka 28 000 Mitglieder in zirka 500 Zweig-\nvereinen, Verwaltungsgruppen u. Zahistellen.\nNeben Pensionskasse, Witwenkasse, Waisen-\nkasse, Begrabniskasse und Krankenkasse sehr\nwertvolle Wohlfahrfseinrichtungen\nGesamtvermogen: Ueber 16 M-Iliooen Mark\nHalbjahrl. Beitr. 3 M.:: Man verl. 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